Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

From a Fateful Time
GA 64

5 November 1914, Berlin

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

From a Fateful Time, tr. SOL
  1. Aus schicksaltragender Zeit

2. Das Volk Schillers und Fichtes

2. The People of Schiller and Fichte

[ 1 ] Wie wir in unserer schicksalsschweren Zeit auf diejenigen hinblicken, welche draußen stehen im Osten und Westen und mit ihrem Blut, mit ihrer Seele eintreten für das, was unsere Zeit fordert, wir haben es heute vor acht Tagen im Vortrage gesehen. Auch in diesem Vortrage gedenke ich nicht das Wort zu verletzen, das Bismarck in bezug auf diejenigen ausgesprochen hat, die zu Hause geblieben sind. In einer Zeit, in welcher auf anderen Feldern und in anderer Weise als durch das Wort noch über der Menschheit große Schicksale entschieden wird, darf das Wort sich nicht in ungehöriger Weise hineinmischen in die Entscheidungen, die in anderer Weise herbeigeführt werden müssen. Allein das, was draußen spricht und was zu unseren Herzen spricht, es löst überall, wo wir hinblicken, Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht aus; es löst aus in einer so wunderbaren Weise Hingebung, Selbstlosigkeit.

[ 1 ] As we look, in these fateful times, to those who stand out in the East and West and who, with their blood and their souls, stand up for what our times demand—we saw this eight days ago in the lecture. In this lecture, too, I do not intend to violate the words Bismarck spoke regarding those who remained at home. In an age when, in other fields and in ways other than through the spoken word, great destinies are still being decided for humanity, the spoken word must not inappropriately interfere with decisions that must be brought about by other means. Yet what speaks from outside and what speaks to our hearts inspires trust, hope, and confidence wherever we look; it inspires devotion and selflessness in such a wondrous way.

[ 2 ] Nun, man spricht in unserer Zeit da, wo der Grundton des Sprechens in mehr materialistischer Weise gefärbt ist, als es hier sein kann, viel von Vererbung, von vererbten Eigenschaften. Heute, angesichts des Großen, was draußen geschieht, kann man leichter ins Geistige, ins Spirituelle übersetzen, was auf einem mehr materialistischen Gebiete heute von Vererbung gesprochen wird. Was lebt draußen in den Taten derjenigen, die für ihr Volk bluten? und was soll in den Herzen derjenigen leben, die in echter Weise verbunden sein wollen mit der großen schicksalsschweren, schicksalstragenden Zeit?

[ 2 ] Well, in our time, in contexts where the underlying tone of discourse is more materialistic than it may be here, there is much talk of heredity and inherited traits. Today, in light of the great events unfolding out there, it is easier to translate into the mental and spiritual realms what is currently discussed in more materialistic circles regarding heredity. What lives out there in the deeds of those who bleed for their people? And what should live in the hearts of those who wish to be genuinely connected to this momentous, fateful era?

[ 3 ] Man wird heute vielleicht nicht auf Mißverständnis stoßen, wenn man das Wort «Vererbung» in einem höheren Sinne noch gebraucht: wenn man auf die realen Mächte hinweist, welche von den großen Vorfahren ausgehen, und die weiterwirken, die wie ein Zauberhauch die Reihen durchwehen; wenn man darauf hinweist, daß in den Taten der Krieger dasselbe lebt, was da lebte in den großen Genien des mitteleuropäischen Volkes. Und man wird vielleicht auch nicht auf Mißverständnis stoßen, wenn man es auszusprechen wagt, daß mit diesem Leben etwas Reales gemeint ist, daß es sich wirklich nicht nur so verhält, wie es im griechischen Märchen ausgedrückt ist: daß die Kraft der großen Vorfahren in der unmittelbaren Gegenwart wie segnend über den Gegenwärtigen lebt, sondern daß dieses Reale durchzieht und durchpulst Blut und Seelen. Und da wir als Menschen mit voller Besinnung und Erkenntnis doch eigentlich in dem leben sollten, was auch geistig um uns herum ist, so dürfen vielleicht heute aus der Reihe der großen Mitteleuropäer zwei Persönlichkeiten herausgegriffen werden, die gewissermaßen der Gegenwart noch nahe liegen, zwei Genien, deren einer ganz gewiß übergegangen ist in Herz und Seele der mitteleuropäischen Bevölkerung, während der andere gleichsam vor uns dastehen kann, in seinem Geisteswesen ausdrückend das Größte, das Höchste dieser mitteleuropäischen Bevölkerung. Wenn auch heute wieder gesagt werden darf, daß es vielleicht viele gibt, die heldenhaft mitwirken in dieser Zeit und doch wenig wissen von Schiller, noch weniger von Fichte, so kann uns doch beseelen, daß dieselbe Kraft, die im Heldenbhute draußen fließt, es ist, welche in Schiller, in Schillers Schöpfungen und in Fichtes großer Aneiferung seines Volkes geflossen ist. Wahrhaftig, nicht um sentimentale Empfindungen in Ihren Herzen heraufzubeschwören, sondern weil ich glaube, daß in der Tat etwas Charakteristisches darin liegt, daß das deutsche Volk so gern intim mit den wichtigsten Augenblicken seiner Großen verbunden sein will, möchte ich hinweisen auf die letzten Momente des irdischen Lebens der beiden großen Genien, von denen heute gesprochen werden soll.

[ 3 ] Today, one may not encounter any misunderstanding if one still uses the word “heredity” in a higher sense: when one points to the real forces that emanate from the great ancestors and continue to exert their influence, forces that sweep through the ranks like a magical breath; when one points out that what lived in the great geniuses of the Central European people lives on in the deeds of the warriors. And perhaps one will not encounter misunderstanding either when one dares to say that this “life” refers to something real—that it is truly not merely as expressed in the Greek fable: that the power of the great ancestors lives on in the immediate present, as if bestowing a blessing upon those of today—but rather that this reality permeates and pulses through blood and souls. And since we, as human beings endowed with full consciousness and insight, should in fact live within what surrounds us spiritually as well, perhaps two figures may be singled out today from the ranks of the great Central Europeans who, in a sense, remain close to the present: two geniuses, one of whom has most certainly become part of the hearts and souls of the Central European people, while the other can, as it were, stand before us, expressing in his spiritual essence the greatest and highest qualities of this Central European people. Even if it may be said again today that there are perhaps many who are playing a heroic role in this era and yet know little of Schiller, and even less of Fichte, we can still take heart in the fact that the very same force that flows outward in the guise of heroes is the same force that flowed through Schiller, through Schiller’s works, and through Fichte’s great inspiration of his people. Truly, not to evoke sentimental feelings in your hearts, but because I believe that there is indeed something characteristic in the fact that the German people so eagerly wish to be intimately connected with the most significant moments of their great figures, I would like to draw your attention to the final moments of the earthly lives of the two great geniuses of whom we are to speak today.

[ 4 ] Schiller —- so ging er durch die Todespforte, daß der letzthin erwähnte große Deutsche Herman Grimm von Schillers Tode sprechen konnte: «Goethe verschied, Goethe entschlief; Schiller starb.» Der jüngere Voß führt uns förmlich hinein in Schillers Sterbezimmer. Wir sehen, wie Schiller lebte mit der höchsten Aufwendung der Kräfte des Geistes und der Seele; wir wissen, daß er sich bis zu dem Lebensalter, das er ja leider nur erreicht hat, aufrecht erhalten konnte, indem der Geist und die Seele einen ungeheuren Sieg über den Leib erfochten haben. So sehen wir, daß in den letzten Tagen, als der Leib schon in gewisser Beziehung dem Tode übergeben war, diese Seele noch heldenhaft verbunden ist mit all dem Großen, was sie gedacht, gesonnen und geschaffen hat zeit seines Lebens, und wir folgen an der Hand des jüngeren Voß hinein in das Sterbezimmer Schillers; wir sehen die letzten Augenblicke des großen Genius. Wir sehen, wie sein Geist im matten Leibe noch hinneigt zu seinen großen Idealen; wir sehen, wie er sich dann in das Sterbezimmer hinein sein jüngstes Kind reichen läßt, wie er aus den Augen, aus denen so viel Großes die Welt angeblickt hat, dieses Kind anblickt, ihm tief in die Augen schaut, es dann wiederum seinen Pflegern übergibt und dann offenbar — das ahnen wir — einen Blick ins tiefste Innere seiner Seele tut, von dem wir ja sagen können: Gewiß, der jüngere Voß hat recht, wenn er sagt, Schiller mochte gedacht haben, daß er diesem seinem jüngsten Kinde noch viel im Leben hätte sein können. Aber symbolisch darf uns diese Handlung anmuten, dahingehend, daß wir empfinden: Wenn Schiller in unser aller Augen geschaut hätte und sich dann abgewendet hätte in sein eigenes Inneres, denkend, daß er vieles, vieles auch uns zu sagen hätte, dann fühlen wir uns als seine Erben in einem ganz anderen Sinne als nur die Erben seiner Werke und dessen, was er selber gesagt hat; dann fühlen wir uns mit seinen innersten Lebensregungen verbunden, so verbunden, dass wir wissen: wir müssen, wenn wir seines Wesens sein wollen, wenn wir seiner würdig sein wollen, uns selber aus denselben tiefsten Lebensregungen heraus zum Leben und zur Welt stellen wollen, Geist sein wollen von seinem Geist!

[ 4 ] Schiller—he passed through the gates of death in such a way that the great German scholar Herman Grimm, mentioned earlier, could say of Schiller’s death: “Goethe passed away, Goethe fell asleep; Schiller died.” The younger Voß literally leads us into Schiller’s death chamber. We see how Schiller lived with the utmost exertion of the powers of the mind and the soul; we know that he was able to sustain himself until the age he unfortunately only reached by the mind and the soul winning a tremendous victory over the body. Thus we see that in his final days, when the body was already, in a certain sense, surrendered to death, this soul remained heroically connected to all the great things it had conceived, contemplated, and created throughout his life, and, guided by the younger Voß, we follow him into Schiller’s deathbed chamber; we witness the final moments of the great genius. We see how his spirit, even in his weakened body, still reaches toward his great ideals; we see how he then has his youngest child brought into the deathbed room, how he gazes at this child with the eyes through which so much greatness has looked upon the world, looks deeply into its eyes, then hands the child back to his caregivers, and then—as we sense—casts a glance into the deepest recesses of his soul, of which we can indeed say: Certainly, the younger Voß is right when he says that Schiller may have thought he could have been much more to this, his youngest child, in life. But this action may strike us as symbolic, in the sense that we feel: If Schiller had looked into all our eyes and then turned away into his own innermost being, thinking that he had much, much to say to us as well, then we feel ourselves to be his heirs in a sense quite different from merely being the heirs of his works and of what he himself said; then we feel connected to his innermost impulses of life—so connected that we know: if we wish to be of his essence, if we wish to be worthy of him, we must, from those same deepest impulses of life, face life and the world ourselves, and become spirit from his spirit!

[ 5 ] Und Fichte — in schwerer Zeit versucht er das, was er aus den tiefsten Gründen seiner philosophischen Natur gewonnen hatte, zu prägen und zu kleiden in Worte, die er in der Zeit deutscher Erniedrigung, deutschen Elendes zu seinen Deutschen gesprochen hat, um sie aufzurichten und ihnen Größe einzuhauchen für das weitere Leben des Volkes. Und ganz verbunden war er mit alledem, was dann wieder zu den Befreiungskämpfen seines Volkes geführt hat. Und es ist etwas Wunderbares, nun hinzublicken auf die letzten Augenblicke Fichtes. Er hatte ja oftmals darüber gesonnen, ob er nicht etwa selber hinausziehen sollte in die Schlachtfelder; er hatte dann aber gefunden, daß er ein anderes Schwert besser führen könne zum Heile seines Volkes: das Schwert des Wortes — und er hat es in tapferer Weise getan. Aber seine Frau — sie war-eine treue Pflegerin derer, die in den Schlachten gekämpft haben — brachte ihm das Lazarettfieber nach Hause, und er wurde davon ergriffen. Während seiner letzten Augenblicke war es, da brachte ihm sein Sohn die Nachricht von dem Rheinübergang der Deutschen und von dem damaligen Stadium des Befreiungskampfes. Und nun sehen wir, wie einer der größten Philosophen, der die gewaltigsten, aber auch die kristallklarsten Gedanken geprägt hat, sich auslebt in seinen Fieberphantasien — aber charakteristisch sind diese Fieberphantasien. Er sah sich in den letzten Augenblicken seines Lebens im Geiste mitten unter den Kämpfenden. Und was er aus der tiefsten Wurzel der Lebensregungen heraus der Welt und dem deutschen Volke glaubte geben zu können, was er zu Deutschlands Erlösung hätte tun können, das tönte aus der Seele des großen deutschen Philosophen in den Fieberphantasien; ein Augenblick, der uns tief ergreifen kann. Die Arznei wurde ihm gereicht. Er wies sie von sich mit den Worten: «Laß das, ich bedarf keiner Arznei; ich fühle, daß ich genesen bin!»

[ 5 ] And Fichte—in difficult times, he sought to shape and express in words what he had drawn from the deepest recesses of his philosophical nature; words he spoke to his fellow Germans during a time of German humiliation and misery, in order to uplift them and instill in them a sense of greatness for the future life of the nation. And he was deeply connected to everything that ultimately led to his people’s struggles for liberation. And it is a marvelous thing to look back now on Fichte’s final moments. He had, after all, often pondered whether he himself should perhaps take to the battlefields; but he had then concluded that he could wield another sword more effectively for the good of his people: the sword of the word—and he did so courageously. But his wife—who was a faithful caregiver to those who had fought in the battles—brought home to him the fever from the military hospital, and he was struck down by it. It was during his final moments that his son brought him the news of the Germans’ crossing of the Rhine and of the current state of the struggle for liberation. And now we see how one of the greatest philosophers, who shaped the most powerful yet also the most crystal-clear thoughts, lives out his feverish fantasies—but these feverish fantasies are characteristic of him. In the final moments of his life, he saw himself in spirit right in the midst of the fighters. And what he believed he could give to the world and the German people from the very depths of his life’s impulses—what he could have done for Germany’s redemption—resounded from the soul of the great German philosopher in his feverish fantasies; a moment that can deeply move us. The medicine was offered to him. He refused it, saying, “Leave that alone; I need no medicine; I feel that I am healed!”

[ 6 ] Wie Kämpfer selber stehen sie da, die beiden großen Genien, Kämpfer für ein Bestes, das die Welt hervorgebracht hat, und verbunden zugleich sehen wir die beiden, Schiller und Fichte, mit allem, was die Zeit, die unmittelbare Gegenwart fordert.

[ 6 ] They stand there like fighters themselves, these two great geniuses—fighters for the very best that the world has produced—and at the same time, we see the two of them, Schiller and Fichte, connected to everything that the times, the immediate present, demand.

[ 7 ] Und nun wenden wir uns hin zu den beiden Großen; versuchen wir an ihnen zu erkennen, was — um diesen Fichteschen Ausspruch zu gebrauchen — in des Deutschen tiefster Lebenswurzel sprießt. Wenden wir uns hin zu Fichte, um uns gewissermaßen einmal vor Augen zu führen, was wir für uns selbst zu sagen haben — wenn auch zunächst nicht für andere in dieser viel getrübten Zeit —, wenn uns von so vielen Seiten Urteile über die europäische Kultur entgegentönen, die aus Quellen stammen, die ganz gewiß nicht deutsches Wesen und deutschen Geist hervorkehren. An Fichte kann man es kennenlernen, das Volk, das jetzt so vielfach ein Barbarenvolk geschimpft werden soll.

[ 7 ] And now let us turn to the two great thinkers; let us try to discern through them what—to borrow this saying of Fichte’s—springs from the deepest roots of German life. Let us turn to Fichte to bring to light, so to speak, what we have to say for ourselves—even if not yet for others in these deeply troubled times—when judgments about European culture are being hurled at us from so many quarters, judgments that stem from sources which most certainly do not highlight the German essence and the German spirit. It is through Fichte that one can come to know the people who are now so often denounced as a barbarian people.

[ 8 ] Drei Fragen stellte Fichte, als er vor seinem Volke sprechen wollte von dem, was dieses Volk aufrichten könne; und wir müssen uns klar sein, daß, als Fichte damals seine so begeisternden «Reden an die deutsche Nation» hielt, dies in einer anderen Zeit als der heutigen geschah, in einer Zeit mit einem anderen Charakter. Drei Fragen stellte Fichte, die heute — höchstens mit einem einzigen Zwischensatze — nicht mehr in derselben Weise gestellt werden können. Aber gerade an diesen drei Fragen Fichtes ist ungeheuer viel auch für die Gegenwart zu lernen. Die erste Frage ist:

[ 8 ] Fichte posed three questions when he sought to speak to his people about what this people could achieve; and we must be clear that when Fichte delivered his inspiring “Addresses to the German Nation” back then, this took place in a different era than our own, in a time with a different character. Fichte posed three questions that today—at most with a single qualifying clause—can no longer be posed in the same way. But it is precisely from these three questions of Fichte’s that there is an immense amount to be learned for the present day. The first question is:

[ 9 ] «ob es wahr sei oder nicht wahr, daß es eine deutsche Nation gebe und daß deren Fortdauer in ihrem eigentümlichen und selbständigen Wesen dermalen in Gefahr sei?»

[ 9 ] “Whether it is true or not that there is a German nation and that its continued existence in its unique and independent form is currently in danger?”

[ 10 ] Wenn wir von dem zweiten Teile dieser Frage absehen, so müssen wir sagen: es ist unmöglich, diese Frage heute so zu stellen; denn Fichtes Nachkommenschaft hat bewiesen, daß es eine deutsche Nation gibt. Ebenso kann seine zweite Frage heute nicht mehr gestellt werden:

[ 10 ] If we set aside the second part of this question, we must say: it is impossible to pose this question in this way today, for Fichte’s successors have proven that there is a German nation. Similarly, his second question can no longer be posed today:

[ 11 ] «ob es der Mühe wert sei oder nicht wert sei, dieselbe zu erhalten?»

[ 11 ] “whether it was worth the effort or not worth the effort to preserve it?”

[ 12 ] Und die dritte Frage lautet:

[ 12 ] And the third question is:

[ 13 ] «ob es irgendein sicheres und durchgreifendes Mittel für diese Erhaltung gebe, und welches dieses Mittel ist?»

[ 13 ] “Is there any sure and effective means of preserving it, and what is that means?”

[ 14 ] Nun, hier habe ich Jahr um Jahr von den Angelegenheiten des geistigen Lebens der Menschen gesprochen. Und wahrhaftig: gerade in bezug auf das, was über dieses geistige Leben des Menschen gesprochen wurde, war ich davon überzeugt, daß es die Fortentwickelung ist von dem, was schon vor Fichtes, vor Schillers und anderer Seelen stand. Fichte versuchte damals das Mittel zu finden, um die Deutschen herauszuführen aus der Unterdrückung und dem Elend, das Mittel für einen Deutschen, seiner selbst gewahr zu werden, um aus der tiefsten Wurzel der Lebensregung heraus zu wirken. Eine vollständige Umänderung der Erziehung wollte Fichte haben; und aus der Art, wie das deutsche Volk sich ausdrückt in der «Sprache», wollte er erkennen, in welcher Weise es zu den anderen Kulturwelten stehe. Es ist heute nicht die Möglichkeit vorhanden, sich auf die Art einzulassen, wie Fichte diese Fragen ausgeführt hat; darauf kommt es an, daß die Kraft, die uns heute in Mitteleuropa beseelen und beleben kann, dieselbe ist wie in ihm. Wir werden heute weder in der Art des deutschen Volkes Wesen aufsuchen, daß wir es, wie Fichte, in der Sprache ausgedrückt suchen, obwohl wir die ganze Bedeutung der Sprache gewiß würdigen wollen; ebensowenig wollen wir heute von jenem Erziehungssystem Fichtes sprechen, das ja damals nicht ausgeführt werden konnte. Aber wir dürfen darauf aufmerksam machen, daß aus den Lebensregungen heraus, aus denen Fichte damals für die Selbstwahrung seines Volkes seine «Reden an die deutsche Nation» gesprochen hat, der Geist tönt, der — fortentwickelt — echte, wahre Geisteswissenschaft gibt. Das können wir schon entnehmen aus so mancherlei, was vielleicht nicht immer genügend beachtet wird, wenn man sich heute diesen so wunderbaren Reden Fichtes an die deutsche Nation hingibt. Reden wir doch heute davon — und es ist oftmals von diesem Orte aus darüber gesprochen worden —, daß es nicht nur die materialistische Wissenschaft, die materialistische Erkenntnis gibt, welche den Menschen so betrachtet, wie er sich zwischen Geburt und Tod entwickelt; daß es nicht nur jene Erkenntnis gibt, welche passiv sich den äußeren Erscheinungen hingibt und sich ihr Urteil bildet nach dem, was im Sinne dieser Erkenntnis aus der Außenwelt gewonnen wird. Sondern sprechen wir doch davon, daß es eine tapfere, eine aktive Erkenntnis gibt, die es wagt, die «innersten Wurzeln der menschlichen Lebensregungen», wie das Wort Fichtes lautet, zu fassen, um den Menschen dort zu ergreifen, wo er mit seinem Wesen hinausragt über Geburt und Tod, wo er nach Lessings großer Idee das ergreift, was von Leben zu Leben in der physischen Wirklichkeit geht. Eine Erkenntnis gibt es, die durch tapfere, mutige Ergreifung der inneren Kräfte der Seele sich aufschwingt zu dem, was noch nach dem Tode herabschaut auf des Menschen physische Wirksamkeit und auf seinen Leichnam selbst; eine Wissenschaft gibt es, welche die Seele wirklich ergreift, jene Wissenschaft, welche ebenso zum Göttlichen führt wie die äußere Wissenschaft zum Natürlichen. Denn erfaßt man mit der äußeren Wissenschaft, mit der Naturwissenschaft, den äußeren materiellen Menschen, dann findet man, wie der Mensch aus allen Kräften der Natur hervorgeht, gleichsam als Blüte der Natur; erfaßt man den Menschen mit der Geisteswissenschaft, so wird man gewahr, wie die Seele mit ihren tiefsten Wurzeln zusammenhängt mit dem Göttlichen, mit dem im Geistigen Webenden und Lebenden. Wenn wir auch nicht mehr auf Fichtes Standpunkt in bezug auf seine einzelnen Äußerungen stehen können: darauf können wir stehen, was als Gesinnung, als Artung in seinem Denken lebt. So finden wir es selber, wie die Grundnuance, der Grundton geisteswissenschaftlicher Erkenntnis in den Reden liegt, durch die er in seinem Volke Begeisterung wachrufen wollte, wenn er die Worte ausspricht:

[ 14 ] Well, here I have spoken year after year about the affairs of human spiritual life. And truly: precisely with regard to what has been said about this spiritual life of human beings, I was convinced that it is the further development of what already existed before Fichte, before Schiller, and before other thinkers. At that time, Fichte sought to find the means to lead the Germans out of oppression and misery—the means for a German to become aware of himself, to act from the deepest root of the life impulse. Fichte sought a complete transformation of education; and from the way the German people express themselves in “language,” he wanted to discern how they related to other cultural worlds. Today, it is not possible to engage with the way Fichte elaborated on these questions; what matters is that the force capable of inspiring and enlivening us in Central Europe today is the same as the one within him. Today we will neither seek the essence of the German people in such a way that we, like Fichte, look for it expressed in language—although we certainly wish to acknowledge the full significance of language—nor will we speak today of Fichte’s educational system, which, after all, could not be implemented at that time. But we may point out that from the vital impulses out of which Fichte delivered his “Addresses to the German Nation” at that time for the self-preservation of his people, there resounds a spirit which—when further developed—provides genuine, true spiritual science. We can already glean this from many things that are perhaps not always given sufficient attention when one immerses oneself today in these marvelous “Addresses to the German Nation” by Fichte. Let us speak today—and this has often been discussed in this very place—about the fact that there is not only materialistic science, materialistic knowledge, which views human beings as they develop between birth and death; that there is not only that kind of knowledge which passively surrenders to external phenomena and forms its judgment based on what is gleaned from the external world in the sense of this knowledge. Rather, let us speak of the fact that there is a courageous, active form of knowledge that dares to grasp the “innermost roots of human life’s impulses,” as Fichte puts it, in order to apprehend the human being where his essence transcends birth and death—where, according to Lessing’s great idea, he grasps that which passes from life to life in physical reality. There is a form of knowledge that, through a bold and courageous grasp of the soul’s inner forces, soars up to that which, even after death, looks down upon the human being’s physical activity and upon his corpse itself; there is a science that truly grasps the soul—that science which leads to the divine just as external science leads to the natural. For if one grasps the outer, material human being through external science—through the natural sciences—one discovers how the human being emerges from all the forces of nature, as it were, as a blossom of nature; if one grasps the human being through spiritual science, one becomes aware of how the soul, with its deepest roots, is connected to the Divine, to that which weaves and lives in the spiritual realm. Even if we can no longer stand by Fichte’s position with regard to his individual statements, we can stand by what lives in his thinking as a disposition, as a character. Thus we ourselves find how the fundamental nuance, the fundamental tone of spiritual-scientific knowledge, lies in the speeches through which he sought to arouse enthusiasm among his people when he uttered the words: “/p”

[ 15 ] «Zeit und Ewigkeit und Unendlichkeit erblickt sie (die Philosophie, die er meint) in ihrer Entstehung aus dem Erscheinen und Sichtbarwerden jenes Einen, das an sich schlechthin unsichtbar ist, und nur in dieser seiner Unsichtbarkeit erfaßt, richtig erfaßt wird.»

[ 15 ] “It (the philosophy he refers to) perceives time, eternity, and infinity as arising from the emergence and manifestation of that One, which is utterly invisible in itself and can only be grasped—truly grasped—in its very invisibility.”

[ 16 ] «Alles als nicht geistiges Leben erscheinende beharrliche Dasein ist nur ein aus dem Sehen hingeworfener, vielfach durch das Nichts vermittelter leerer Schatten, im Gegensatz mit welchem und durch dessen Erkenntnis als vielfach vermitteltes Nichts das Sehen selbst sich erheben soll zum Erkennen seines eigenen Nichts und zur Anerkennung des Unsichtbaren als des einzig Wahren.»

[ 16 ] “Any persistent existence that does not appear to be spiritual life is merely an empty shadow cast by vision, mediated in many ways by nothingness; in contrast to this, and through the recognition of this nothingness as something mediated in many ways, vision itself is to rise to the recognition of its own nothingness and to the acknowledgment of the invisible as the only truth.”

[ 17 ] Es ist hier öfter darauf aufmerksam gemacht worden, wie die Seele sich in jenem innersten Wesen erfassen kann, in dem sie gewahr wird, was über den Tod hinausgeht. Dann darf sie — nicht von einer passiven, sondern von einer aktiven Wissenschaft aus — davon sprechen, wie der Mensch nach dem Tode von diesem seinem ewigen Wesenskern aus in einem höheren Bewußtsein herabschaut auf seine Leiblichkeit. Merkwürdig ist etwas in Fichte, das wie eine Ahnung in ihm lebt. Wir können uns von jemandem, in dessen tiefsten Seelenwurzeln nicht schon die Ahnung einer solchen geistigen Erkenntnis lebt, die gerade aus seinen Ahnungen hervorgehen kann, wir können uns von ihm kaum denken, daß er ein Gleichnis gebraucht, wie Fichte es gebraucht. Von einer neuen Erziehung seines Volkes spricht er; davon, wie die Menschen lernen sollen, sich in etwas hineinzufinden, was die Menschen bisher nicht erlebt haben, und worin sie sich nur schwer hineinfinden können, weil es schwierig ist gegenüber dem Gewohnten, das man ablegen muß. Und Fichte schildert nun, wie es in diesem Volke ist, wenn es sich verjüngen soll und zurückblicken wird auf sein altes Sein, aus dem es — nach seinem Ideal — gleichsam herausschlüpfen soll; und er spricht so, daß das Gleichnis, das er gebraucht, wie aus der modernen Geisteswissenschaft der unmittelbaren Gegenwart herausgenommen ist. Indem er das Volk anregen will, sagt er:

[ 17 ] Attention has often been drawn here to how the soul can grasp its innermost being, in which it becomes aware of what lies beyond death. Then—not from a passive but from an active science—it may speak of how, after death, the human being looks down upon his physical body from this eternal core of his being in a higher consciousness. There is something remarkable in Fichte that lives within him like an intuition. We can hardly imagine someone—in whose deepest roots of the soul there does not already dwell the inkling of such spiritual insight, which can arise precisely from his own intuitions—using a parable the way Fichte does. He speaks of a new education for his people; of how people are to learn to find their way into something they have not yet experienced, and into which they can only find their way with difficulty, because it is challenging in comparison to what is familiar, which must be cast aside. And Fichte now describes what it is like for this people when it is to be rejuvenated and will look back on its old way of being, from which—according to his ideal—it is to emerge, as it were; and he speaks in such a way that the parable he uses seems to be drawn directly from the modern spiritual science of the immediate present. Seeking to inspire the people, he says:

[ 18 ] «Die Zeit erscheint mir wie ein leerer Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn heraustrieben, steht und jammert, und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle, und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der anderen Welt, in die die Abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich, und umgeben sie mit warmem Lebenshauch, zwar begrüßen sie schon freundliche Stimmen der Schwestern und heißen sie willkommen, zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachen soll, zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte oder Gehör für diese Stimmen, oder wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.»

[ 18 ] “Time seems to me like an empty shadow standing over its corpse—from which an army of diseases has just driven it out—wailing, unable to tear its gaze away from the shell it once loved so dearly, and desperately trying every means to get back into the dwelling of the plagues. True, the life-giving breezes of the other world, into which the departed has entered, have already embraced her and surround her with a warm breath of life; true, friendly voices of the sisters are already greeting her and welcoming her; true, something is already stirring and expanding within her in all directions to develop the more glorious form into which she is to awaken; yet she still has no sense of these breezes or hearing for these voices; and even if she did, she is consumed by grief over her loss, believing that in it she has also lost herself.”

[ 19 ] Wahrhaftig, man meint, daß dieser Vergleich hergenommen ist aus dem, was die moderne Geisteswissenschaft zu sagen hat über das Erleben der Seele! Und dann stehen wir, man möchte sagen, noch viel «gläubiger» vor Fichte, als er vor sich selbst stehen konnte, so daß wir sagen: Ja, in dieser Persönlichkeit regt sich etwas von dem, woran wir festhalten wollen als einer geistigen Erkenntnis von dem wahren Wesen des Menschen.

[ 19 ] Truly, one might think that this comparison is taken from what modern spiritual science has to say about the soul’s experience! And then we stand, one might say, with even greater “faith” before Fichte than he could stand before himself, so that we say: Yes, in this personality there stirs something of what we wish to hold fast to as a spiritual insight into the true nature of the human being.

[ 20 ] Und wie suchte derjenige, der in seinem geistigen Leben, wenigstens gewisse Zeit hindurch, mit Fichte in inniger Verbindung lebte, wie suchte Schiller ebenso wie Fichte, nur in seiner Art, nach dem innersten Quell der seelischen Lebensregungen zu kommen!

[ 20 ] And just as Fichte—with whom, at least for a certain period of time, he had a deep connection in his intellectual life—sought to reach the innermost source of the soul’s stirrings, so too did Schiller, each in his own way, seek to do the same!

[ 21 ] Oh, es ist heute, trotzdem Schiller unserem Volke so ans Herz gewachsen ist, noch gar nicht vollständig erkannt, welche Früchte die Kräfte getragen haben, die in Schillers und Fichtes Volk sind. Und man möchte sagen: wir haben mit unserer Erkenntnis nachzukommen dem, was sich jetzt schon in so herrlicher Weise auf den Schlachtfeldern in West und Ost erweist; denn das sind dieselben Kräfte, die spirituell in Schiller zur Erhöhung gekommen sind. Unablässig suchte Schiller - um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen — in der menschlichen Natur gegenüber dem, was der Alltagsmensch, was der Mensch ist, der mit den Dingen der äußeren Welt lebt, der diese Dinge der äußeren Welt in sich aufnimmt und verarbeitet —, unablässig suchte er gegenüber diesem Menschen den, wie er ihn nennt, «höheren Menschen», der in jedem lebt. Und es gehört zu den größten Kulturgütern, was Schiller gerade in bezug auf das Suchen dieses höheren Menschen zum Ausdruck gebracht hat in seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung». — Ich habe mir im letzten Vortrage erlaubt, darauf aufmerksam zu machen, daß man sich in anderer Weise zum Deutschtum bekennt und rechnet, als die Angehörigen der andern Nationen sich zu ihrem Volkstum verhalten: man ;sz Russe, man 75? Franzose, man öst Engländer, aber man wird immerfort Deutscher; das heißt, man sucht nach einem Ideal, das noch erhöhbar ist; man sucht etwas Höheres, als was in den gewöhnlichen Menschen lebt. Und so sucht Schiller in seinen Ästhetischen Briefen auszudrücken, wie auf der einen Seite der Mensch bis zum vollsten Erfassen seiner innersten Lebensregungen — was sein höherer Mensch ist — nicht kommt, wenn er nur der äußeren Welt, nur dem äußerlich Realen lebt. Wie ein Sklave, der unter den Antrieben der äußeren sinnlichen Notdurft lebt, sagt Schiller, ist ein solcher, der nur den äußeren Anregungen gemäß lebt. Aber auch derjenige ist für Schiller kein Vollmensch, der nur hinneigt zum abstrakten Denken, der sich nur der Vernunftnotwendigkeit unterwirft. Auf der einen Seite sieht Schiller die Vernunfenotwendigkeit, auf der anderen Seite die sinnliche Notwendigkeit. Den Menschen aber sucht er im Alltagsmenschen, der sich so ausleben kann, daß er zu der veredelten Natur so hinzublicken vermag, daß ihm das sinnliche Leben entgegenkommt mit dem Ausdrucke der schönen Geistigkeit, an den aber auch die Vernunft herandringt. Der nur ist ihm ein Vollmensch, der mit derselben Lebendigkeit, mit dem Sinn für das Schöne sich dem Geistigen gegenüberzustellen vermag wie der andere der Sinnlichkeit. Und aus der mittleren Stimmung, die sich daraus ergibt, glaubt Schiller die Art herleiten zu können, die einen höheren Menschen aus dem alltäglichen Menschen hervorzaubern kann. Daß aber der Mensch dies müsse, das findet Schiller als das höchste Ideal des Menschen, und damit ist er wieder einer der großen Anreger wahrer geisteswissenschaftlicher Erkenntnis, welche mit allen ihren Kräften suchen will, was als höherer Mensch im Menschen lebt, und die nicht anders kann, wenn sie im wirklich modernen Geiste dies suchen will, als anzuknüpfen an die Impulse, wie sie zum Beispiel aus Schillers Ästhetischen Briefen fließen können. Gerade das, was ich mir in dem Vortrage heute vor acht Tagen zu sagen erlaubte: wie man als Deutscher stets wird, wie man als Deutscher gar nicht einseitig den «Deutschen» sucht, sondern den Menschen, der über alle Nationalität hinausgeht, der alle Nationalität als etwas betrachtet, was zum äußeren Menschen gehört, — das tritt uns so schön in dem entgegen, wonach Schiller gestrebt hat, was er auszudrücken suchte in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen und was im Grunde genommen zum Ausdruck kommt in all den Kunstwerken, die Schiller vor sein Volk hingestellt hat, und die dem Volke so ans Herz und in die Seele gewachsen sind.

[ 21 ] Oh, even though Schiller has grown so dear to our people’s hearts, it is still not fully recognized today what fruits have been borne by the forces that reside in the people of Schiller and Fichte. And one might say: we must bring our understanding in line with what is already manifesting itself in such a magnificent way on the battlefields in the West and the East; for these are the very same forces that have been spiritually elevated in Schiller. Ceaselessly, Schiller—to use his own expression—sought within human nature, in contrast to what the everyday person is—the person who lives with the things of the external world, who takes in and processes these things of the external world—ceaselessly did he seek, in contrast to this person, what he calls the “higher human being” who lives within everyone. And what Schiller expressed in his *Letters on Aesthetic Education*, particularly in relation to the search for this higher human being, ranks among our greatest cultural treasures. — In my last lecture, I took the liberty of pointing out that one professes and identifies with Germanness in a different way than members of other nations relate to their national identity: one is a Russian, one is a Frenchman, one is an Englishman, but one is constantly becoming more German; that is to say, one seeks an ideal that can still be elevated; one seeks something higher than what lives in ordinary people. And so Schiller seeks in his “Aesthetic Letters” to express how, on the one hand, a person cannot attain the fullest understanding of his innermost impulses—which is his higher self—if he lives only for the external world, only for what is outwardly real. Schiller says that one who lives solely according to external stimuli is like a slave who lives under the impulses of external sensual needs. But for Schiller, neither is a fully realized human being one who inclines only toward abstract thought, who submits only to the necessity of reason. On the one hand, Schiller sees the necessity of reason; on the other, the necessity of the senses. But he seeks the human being in the everyday person who can live his life in such a way that he is able to look upon ennobled nature in such a way that sensory life meets him with the expression of beautiful spirituality, yet to which reason also has access. Only he is a complete human being in Schiller’s view who is capable of confronting the spiritual with the same vitality and sense of beauty as the other confronts the sensual. And from the middle state of mind that results from this, Schiller believes he can derive the kind of person who can conjure forth a higher human being from the everyday human being. But that man must do this—Schiller regards this as the highest ideal of humanity, and in this he is once again one of the great inspirers of true spiritual-scientific knowledge, which seeks with all its might what lives within man as the higher human being, and which, if it is to seek this in the truly modern spirit, has no choice but to draw upon the impulses that flow, for example, from Schiller’s Aesthetic Letters. Precisely what I took the liberty of saying in my lecture eight days ago today—how one always becomes a German, how, as a German, one does not seek the “German” in a one-sided way, but rather the human being who transcends all nationality, who regards all nationality as something belonging to the outer human being— —this is so beautifully reflected in what Schiller strove for, what he sought to express in his Letters on the Aesthetic Education of Man, and what is ultimately expressed in all the works of art that Schiller presented to his people, and which have grown so dear to the hearts and souls of the people.

[ 22 ] Und Fichte — prägt er einen einseitigen Begriff, eine einseitige Idee des Deutschtums? Nein! können wir sagen; er prägt einen universellen Begriff des Deutschtums, einen Begriff, von dem wahrhaftig gesagt werden kann: Der Deutsche will immer werden; und er glaubt, daß man nur dann im vollsten Sinne des Wortes ein Deutscher sein kann, wenn man im vollsten Sinne des Wortes Mensch ist. Daher das schöne Wort in Fichtes «Reden an die deutsche Nation», dieses wunderbare, beherzigenswerte Wort:

[ 22 ] And Fichte—does he articulate a one-sided concept, a one-sided idea of Germanness? No! we can say; he articulates a universal concept of Germanness, a concept of which it can truly be said: The German is always striving to become; and he believes that one can only be a German in the fullest sense of the word if one is a human being in the fullest sense of the word. Hence the beautiful words in Fichte’s “Addresses to the German Nation,” these wonderful, thought-provoking words:

[ 23 ] «Der Grundsatz, nachdem sie» — was immer die Fichtesche Philosophie ist — «diesen zu schließen hat, ist ihr vorgelegt; was an Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, das, wo es auch geboren sei und in welcher Sprache es rede, ist unseres Geschlechts, es gehört uns an, und es wird sich zu uns tun.»

[ 23 ] “The principle according to which it”—whatever Fichte’s philosophy may be—“must arrive at this conclusion is set before it; whatever believes in spirituality and in the freedom of that spirituality, and desires the eternal development of that spirituality through freedom—whatever that may be, wherever it may have originated, and in whatever language it may speak—belongs to our race; it is ours, and it will turn toward us.”

[ 24 ] Wer so denkt, gehört uns an und wird sich zu uns tun. Das ist Schillers, das ist Fichtes Art: Deutscher zu werden dadurch, daß man im umfassendsten und universellsten Sinne des Wortes den höheren Menschen im Menschen sucht, der den Weg sucht zu dem, was dem äußeren Menschen fremd, der dadurch Mensch und groß ist, daß er alles Große und zu Liebende auch bei andern Menschen anderer Nationalitäten zu lieben vermag. Und das sucht Schiller als ein ganzer Deutscher, indem er die Worte, die erst lange nach seinen Tode herausgekommen sind, sprechen durfte nicht nur im Angesichte des deutschen Volkes, sondern der ganzen Kulturmenschheit:

[ 24 ] Anyone who thinks this way belongs with us and will join us. This is Schiller’s way, this is Fichte’s way: to become German by seeking, in the broadest and most universal sense of the word, the higher human being within man—the one who seeks the path to that which is foreign to the outward man, the one who is human and great because he is capable of loving all that is great and worthy of love even in people of other nationalities. And this is what Schiller seeks as a true German, in that he was permitted to speak the words—which were not published until long after his death—not only in the presence of the German people, but of all civilized humanity:

[ 25 ] «Dem, der den Geist bildet, beherrscht, muß zuletzt die Herrschaft werden; denn endlich an dem Ziel der Zeit, wenn anders die Welt einen Plan, wenn des Menschen Leben nur irgend Bedeutung hat, endlich muß die Sitte und die Vernunft siegen, die rohe Gewalt der Form erliegen — und das langsamste Volk wird alle die schnellen, flüchtigen einholen.

[ 25 ] “He who shapes and masters the spirit must ultimately come to rule; for at the end of time, if the world has a plan, if human life has any meaning at all, custom and reason must finally triumph, and brute force must yield to form—and the slowest of peoples will catch up with all the swift and fleeting ones.

[ 26 ] Ihm» — dem Deutschen — «ist das Höchste bestimmt, und so wie er in der Mitte von Europens Völkern sich befindet, so ist er der Kern der Menschheit, jene sind die Blüte und das Blatt.

[ 26 ] “He”—the German—"is destined for the highest, and just as he stands at the center of the peoples of Europe, so he is the core of humanity; they are the blossom and the leaves.

[ 27 ] Er ist erwählt von dem Weltgeist, während des Zeitkampfes an dem ewigen Bau der Menschenbildung zu arbeiten, zu bewahren, was die Zeit bringt.

[ 27 ] He has been chosen by the World Spirit to work on the eternal edifice of human education during the struggle of time, to preserve what time brings.

[ 28 ] Daher hat er bisher Fremdes sich angeeignet und es in sich bewahrt.

[ 28 ] That is why he has, up to now, assimilated what is foreign to him and preserved it within himself.

[ 29 ] Alles, was Schätzbares bei andern Zeiten und Völkern aufkam, mit der Zeit entstand und schwand, hat er aufbewahrt, es ist ihm unverloren, die Schätze von Jahrhunderten.

[ 29 ] Everything of value that arose in other times and among other peoples—that came into being and faded away over time—he has preserved; it remains intact for him—the treasures of centuries.

[ 30 ] Nicht im Augenblick zu glänzen und seine Rolle zu spielen, sondern den großen Prozeß der Zeit zu gewinnen. Jedes Volk hat seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag der Deutschen ist die Ernte der ganzen Zeit.»

[ 30 ] Not to shine in the moment and play one’s part, but to win the great process of time. Every nation has its day in history, but the day of the Germans is the harvest of all time.»

[ 31 ] So haben sie gesprochen. Und in ihrem Sinne — in dem Sinne, daß man als Deutscher stets wird und weiterstrebt und niemals bei dem schon Errungenen bleibt, können wir Schüler, Nachfolger dieser Großen werden. Wörtlich auf diese unsere Vorfahren zu schwören, kann nicht unsere Art sein. Das aber kann unsere Art sein: aus denselben innersten Lebensregungen heraus, aus denen sie geschaffen haben, zu versuchen, unsere Zeit zu verstehen, weiter zu wirken und zu arbeiten. Und indem wir so den Blick auf diese großen Vorfahren hingelenkt haben, fragen wir uns nun — wenn auch vielleicht im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts und bis in unsere Zeit herein manches anders geworden ist, als es diese groBen Genien sich unmittelbar in ihrem Bewußtsein vorgestellt haben: Ist aus diesen Impulsen, welche sie gegeben haben, etwas geflossen, was diesen Impulsen entspricht? Gibt es etwas in Mitteleuropa, an dem man erkennen kann Geist von Schillers Geist, Seele von Fichtes Seele?

[ 31 ] This is what they said. And in their spirit—in the sense that, as Germans, we are always becoming and striving forward, never resting on our past achievements—we can become disciples and successors of these great figures. To swear literal allegiance to our ancestors in this way cannot be our way. But this can be our way: to try, out of the very same innermost impulses of life from which they created, to understand our own time, to continue to act and to work. And having thus turned our gaze toward these great ancestors, we now ask ourselves—even if, perhaps, in the course of the nineteenth century and right up to our own time, some things have changed from what these great geniuses had directly envisioned in their consciousness: Has anything flowed from these impulses they provided that corresponds to those impulses? Is there anything in Central Europe in which one can recognize a spirit akin to Schiller’s spirit, a soul akin to Fichte’s soul?

[ 32 ] Nun, es wird zweifellos nicht gerade leicht, in der unmittelbaren Gegenwart von dem zu sprechen, was das eigene Volk verwirklicht hat, was in ihm lebt. Und Sie werden es verstehen, daß man in gewisser Weise davor zurückschrecken mag, gerade in unseren schicksalsschweren Zeiten nur im entferntesten zu dem zu kommen, was wie eine Selbstcharakteristik — wenn auch nur wie eine Selbstcharakteristik des Volkes erscheint. Daher will ich einen andern Weg wählen, damit nicht gesagt werden kann, daß dieses «Barbarenvolk» geschimpfte Volk Selbstlob und Eigenliebe treibe. Ich möchte einen Weg wählen, durch den wir wie in einem Echo vernehmen können, was aus dem Volke Schillers und Fichtes geworden ist. Wählen wir einmal Worte, die gesprochen worden sind — in englischer Sprache — von dem großen Amerikaner Emerson, Worte, die also nicht unsere Worte sind. Emerson, der große Amerikaner, sprach über das Wesen des deutschen Volkes in der nachSchillerschen, nach-Fichteschen Zeit die folgenden Worte — wie gesagt: nicht einmal in deutscher Sprache —, indem er dasjenige sagte, was er über Goethe zu sagen hatte:

[ 32 ] Well, it will undoubtedly not be easy to speak, in the immediate present, of what one’s own people have achieved, of what lives within them. And you will understand that one might, in a certain sense, shy away from even remotely touching upon what appears to be a self-characterization—even if only a self-characterization of the people—especially in these fateful times. Therefore, I wish to choose a different path, so that it cannot be said that this people, reviled as a “barbarian people,” is engaging in self-praise and self-love. I would like to choose a path through which we can hear, as in an echo, what has become of the people of Schiller and Fichte. Let us choose words that were spoken—in English—by the great American Emerson, words that are therefore not our own. Emerson, the great American, spoke the following words about the essence of the German people in the post-Schiller, post-Fichte era—as I said, not even in German—by saying what he had to say about Goethe:

[ 33 ] «Eine Erscheinung vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung,»

[ 33 ] “One trait in particular, which Goethe shares with his entire nation, makes him a remarkable figure in the eyes of both the French and English publics,”

[ 34 ] — also wie gesagt: eine Eigenschaft, welche Goethe mit der ganzen Nation gemeinsam hat! — «daß sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert. In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei, wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie hervorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es genügend angesehen. Soviel Spalten, soviel angenehme und nützlich verbrachte Stunden. Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit; allein, was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Schein der Dinge stehenbleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: Wo will das hin? Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, daß er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche.

[ 34 ] — so, as I said: a trait that Goethe shares with the entire nation! — “that everything in him is based solely on inner truth. In England and America, talent is respected, but people are satisfied only when it works for or against a party in accordance with their convictions. In France, people are already delighted when they see brilliant ideas, no matter where they lead. In all these countries, however, gifted men write to the best of their ability. If what they produce stimulates the discerning reader and contains nothing that offends good taste, it is held in sufficient regard. So many columns, so many hours spent pleasantly and usefully. The German spirit possesses neither the French vivacity nor the English understanding, which is sharply focused on practical matters, nor, finally, the American spirit of adventure; yet what it does possess is a certain probity that never stops at the outward appearance of things, but always returns to the main question: Where is this leading? The German public demands that a writer rise above things and simply speak his mind.

[ 35 ] Geistige Regsamkeit ist vorhanden: wohlan: wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? — Woher? — woher hat er alle diese Gedanken?»

[ 35 ] There is mental alertness: well then, what is it for? What is this man’s opinion? — Where does it come from? — Where does he get all these thoughts?»

[ 36 ] Dies, sagt Emerson, verlange das deutsche Publikum von dem, der zu ihm sprechen will, der für es etwas sein will. Ein anderes Wort Emersons — wir dürfen es wie ein Echo dessen, was aus den Impulsen Schillers und Fichtes hervorgegangen ist, anhören:

[ 36 ] This, says Emerson, is what the German public demands of anyone who wishes to speak to it, who wishes to mean something to it. Another of Emerson’s statements—we may regard it as an echo of what emerged from the ideas of Schiller and Fichte:

[ 37 ] «Die Engländer sehen nur das Einzelne und wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.... Die Deutschen denken für Europa.»

[ 37 ] “The English see only the particular and do not know how to view humanity as a whole in terms of higher laws.... The Germans think on behalf of Europe.”

[ 38 ] — Der englisch Sprechende in Amerika sagt dies! —

[ 38 ] — That’s what English speakers in America say! —

[ 39 ] «... Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius

[ 39 ] “... The English appreciate the depth of the German genius

[ 40 ] nicht.» Und was ist aus diesen Gründen, die hier Emerson für sich selber anführt, geworden? Auch darauf gibt er die Antwort. Wieder sind es seine Worte, die ich vorlesen will:

[ 40 ] “no.” And what has become of these reasons that Emerson cites here for himself? He provides the answer to that as well. Once again, I would like to read his own words aloud:

[ 41 ] «Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprunges. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansehen und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe,»

[ 41 ] “For this reason, the terms used to distinguish concepts in sophisticated conversation are all of German origin. While the English and French, who are renowned for their acumen and erudition, view their studies and their perspective with a certain superficiality—and their personal character is not deeply connected to what they have grasped or to the way they express themselves—Goethe says,”

[ 42 ] — Emerson spricht hier in Anknüpfung an die deutsche Nation, wenn er auch über Goethe spricht —

[ 42 ] — Emerson is referring here to the German nation, even though he is also speaking about Goethe —

[ 43 ] «das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat; sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet aus ihr heraus. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist... Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.»

[ 43 ] “He is the head and the essence of the German nation, not because he has talent; rather, the truth concentrates its rays in his soul and shines forth from it. He is wise to the highest degree, even though his wisdom may often be veiled by his talent. How excellent what he says is—yet he has something in mind that is even better... He possesses that awe-inspiring independence that springs from communion with the truth.”

[ 44 ] So der englisch redende Amerikaner über das, was aus den Impulsen derer geworden ist, die der mitteleuropäische Mensch als seine großen Genien ansieht.

[ 44 ] This is what the English-speaking American had to say about what became of the ideas of those whom Central Europeans regard as their great geniuses.

[ 45 ] Nun, ein Satz aus Emersons Auseinandersetzungen darf sich in unserer jetzigen Zeit ganz besonders tief in unser Bewußtsein eingraben, der Satz, wo Emerson sagt: «Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht.» Es ist selbstverständlich, daß man, wo von geistiger Erkenntnis gesprochen wird, sich darüber klar ist, daß niemals, wenn man vom «Menschen» spricht, die Rede davon sein könne, daß dieser Mensch mit seiner Nationalität identifiziert werden darf. Was geistige Angelegenheiten sind, das sind Angelegenheiten der ganzen Menschheit; da gibt es keine Unterschiede von Nationen und Rassen. Also nicht von Individuen ist die Rede; sondern wenn wir, wie wir es jetzt tun wollen, den Blick auf das hinlenken, was die deutsche Nation von Schiller und Fichte hat, so ist das etwas, was über dem Nationalen ist, was anational, was göttlich-ewig ist. Und war man denn — so dürfen wir vielleicht die Frage gerade in unserer Zeit stellen, in der uns so viel Abträgliches zu Ohren kommt, gerade von jenseits des Kanals herüber —, war man denn immer dieser Meinung? Wir dürfen fragen: Erscheint uns gegenüber dem, was heute gesagt wird, das in kühleren Tagen Gesagte als weniger bezeichnend?

[ 45 ] Well, there is one sentence from Emerson’s writings that should take particularly deep root in our consciousness today—the sentence in which Emerson says: “The English do not appreciate the depth of the German genius.” It goes without saying that when we speak of intellectual insight, we must be clear that whenever we speak of “human beings,” we cannot mean that these human beings should be identified with their nationality. Intellectual matters are matters of all humanity; there are no distinctions based on nation or race. So we are not speaking of individuals; rather, when we—as we now intend to do—turn our attention to what the German nation has gained from Schiller and Fichte, this is something that transcends the national, something that is supranational, something that is divine and eternal. And was this—perhaps we may ask this question especially in our time, when so much harmful talk reaches our ears, particularly from across the Channel—was this always the prevailing opinion? We may ask: In light of what is said today, does what was said in calmer times seem less significant to us?

[ 46 ] Nun, eine Merkwürdigkeit liegt vor. Und wenn Sie auch nicht auf das ausführliche Buch — oder die Bücher — von Miss Wylie eingehen wollen, das, von Lord Haldane mit einer Vorrede versehen, auch in deutscher Sprache erschienen ist, so können Sie sich doch in die Ausführungen Miss Wylies vertiefen, wenn Sie die beiden Sonderhefte der «Süddeutschen Monatshefte» zur Hand nehmen, jene braunen Hefte, die auf jedem Bahnhof zu haben sind. Ich will nur eines aus dem herausgreifen, was eine Engländerin ganz kurze Zeit vor dem Ausbruch des gegenwärtigen Krieges über das Volk Schillers und Fichtes gesagt hat; und ihre Worte dürfen zitiert werden, weil sie acht Jahre in Deutschland gelebt hat und das Volk kennengelernt hat, von dem Emerson sagt, daß man es eben in den englisch sprechenden Ländern nicht kennt. Kennengelernt hat Miß Wylie nicht nur, was deutsches Geistesleben unmittelbar ist, sondern sie hat auch kennengelernt, wie sich deutsches Geistesleben ausnimmt in Krankenhaus, Schule, Universität und Industrie. Sie sagt:

[ 46 ] Well, there is something peculiar here. And even if you do not wish to delve into Miss Wylie’s detailed book—or books—which, with a preface by Lord Haldane, has also been published in German, you can still immerse yourself in Miss Wylie’s writings by picking up the two special issues of the *Süddeutsche Monatshefte*, those brown booklets available at every train station. I’d like to single out just one thing that an Englishwoman said about the people of Schiller and Fichte very shortly before the outbreak of the current war; and her words may be quoted because she lived in Germany for eight years and got to know the people whom Emerson says are simply unknown in English-speaking countries. Miss Wylie not only came to know German intellectual life at first hand, but she also came to know how German intellectual life manifests itself in hospitals, schools, universities, and industry. She says:

[ 47 ] «Wir lesen viel vom neuen Deutschland und seinem neuen Geist. Aber es gibt kein neues Deutschland und keinen neuen Geist. Das bestehende ist das gereifte Werk von Generationen, das, was von jeher war. Geblendet durch den plötzlichen Glanz von Deutschlands Wohlstand, sind wir geneigt, zu vergessen, daß es selten, außer eben an Wohlstand, einen andern als einen der allervordersten Plätze unter den Nationen eingenommen hat. In Religion und Philosophie hat Deutschland geleuchtet zu einer Zeit, wo ringsum alles dunkel war; in der Literatur hat es einen epochemachenden Impuls gegeben; in der Musik hat es von jeher dominiert.»

[ 47 ] “We read a great deal about the new Germany and its new spirit. But there is no new Germany and no new spirit. What exists is the matured work of generations, that which has always been. Dazzled by the sudden splendor of Germany’s prosperity, we are inclined to forget that, save for prosperity, it has rarely occupied anything other than one of the very foremost places among the nations. In religion and philosophy, Germany shone at a time when all around it was dark; in literature, it provided an epoch-making impulse; in music, it has always dominated.”

[ 48 ] — Das ist Echo! Wir sagen es nicht von uns selbst. —

[ 48 ] — That’s Echo! We’re not just saying this ourselves. —

[ 49 ] «Deutsche Literatur, deutsche Religion, deutsche Philosophie sind uns Bücher mit sieben Siegeln. Was wir wissen, ist, wieviel Dreadnoughts Deutschland besitzt und um wieviel sein Handel gestiegen ist. Was wirklich wichtig ist, ist nicht der Dreadnought, sondern das Hirn seines Erbauers, Mut und Begabung seines Kommandeurs. Was wirklich wichtig ist, ist nicht das Mehr an Umsatz, sondern die menschlichen Eigenschaften, die es veranlaßten.

[ 49 ] “German literature, German religion, and German philosophy are books sealed with seven seals to us. What we know is how many dreadnoughts Germany possesses and by how much its trade has increased. What really matters is not the dreadnought, but the mind of its builder, the courage and talent of its commander. What really matters is not the increase in sales, but the human qualities that brought it about.

[ 50 ] Vor vierzig Jahren kämpfte Deutschland um seine Existenz. Und es kämpft noch heute darum. Es ist völlig falsch, zu glauben, Deutschland stände schon auf seinem Höhepunkt. Es kämpft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mächtige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Generationen gewonnen wurde... An jeder Grenze und über dem Wasser sitzen die Gegner, kommerziell und politisch, und warten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig nachläßt, um darüber herzufallen und es unterzukriegen. Deutschland weiß das ganz genau.»

[ 50 ] Forty years ago, Germany was fighting for its very existence. And it is still fighting for it today. It is completely wrong to believe that Germany has already reached its peak. It is waging a quiet but determined struggle against powerful rivals whose power and experience were forged generations ago... At every border and across the seas, its adversaries—both commercial and political—lie in wait, eagerly anticipating the moment when Germany shows even the slightest sign of weakness so they can pounce and bring it down. Germany knows this all too well.”

[ 51 ] So sagt die Engländerin. Ja — sie weiß es! Aber auch andere haben es gewußt. Ich habe das letztemal von einem Buche gesprochen, «Deutschland im neunzehnten Jahrhundert», von Herford, das hervorgegangen ist aus Vorlesungen, welche an der Universität in Manchester gehalten worden sind und durch welche diejenigen belehrt werden sollten, die nichts wissen — namentlich, wie es in dem Buche selber ausgesprochen ist: die «Presseleute» — über das, was deutsches Wesen ist. Ich darf auch heute, wenn auch nur weniges, gerade aus diesem Buche anführen, was gleichsam als Ermahnungen über deutsches Wesen in Manchester im Jahre 1912 — also auch vor kurzer Zeit — gesagt worden ist, weil es sich auf die realen Verhältnisse der allerunmittelbarsten Gegenwart bezieht. So sprach man davon in Manchester:

[ 51 ] So says the Englishwoman. Yes—she knows it! But others have known it, too. Last time I spoke of a book, *Germany in the Nineteenth Century* by Herford, which grew out of lectures given at the University of Manchester and was intended to instruct those who know nothing—namely, as the book itself states, the “press people”—about what the German spirit is. Today, too, I would like to quote—albeit only briefly—from this very book, which contains, as it were, admonitions regarding the German spirit that were spoken in Manchester in 1912—that is, not long ago—because they pertain to the actual circumstances of the very immediate present. This is what was said in Manchester:

[ 52 ] «Im großen und ganzen ist es außer Frage, daß die Errichtung des Deutschen Reiches dem Frieden der Welt förderlich gewesen ist. Diese Erklärung wird denen seltsam erscheinen, die von nichts etwas wissen als von den Ereignissen der Gegenwart und für welche die Geschichte nichts anderes ist als ein ewig sich verändernder blendender Kinematograph. Die Geschichte sollte aber doch etwas mehr sein. Ihr ziemt es, das Licht der Vergangenheit auf der Gegenwart wirres Getriebe scheinen zu lassen, und in jenem höheren Lichte werden Dinge, welche verletzend erscheinen, ein natürliches Ansehen gewinnen. Denn wenn wir in die Vergangenheit blicken, so finden wir,» — in Manchester ist es gesprochen, in englischer Sprache! — «daß unsere Vorfahren Frankreich mit weit größerer Furcht betrachteten, als die wildesten Lärmschläger heute Deutschland fürchten. Und die Furcht unserer Voreltern hatte ihren guten Grund. ...

[ 52 ] “On the whole, there is no question that the establishment of the German Empire has been conducive to world peace. This statement will seem strange to those who know nothing but the events of the present and for whom history is nothing more than an ever-changing, dazzling movie. But history ought to be something more than that. It is fitting for history to let the light of the past shine upon the confused turmoil of the present, and in that higher light, things that appear offensive will take on a natural appearance. For when we look to the past, we find”—this was spoken in Manchester, in English! — “that our ancestors regarded France with far greater fear than even the wildest rabble-rousers today fear Germany. And our ancestors’ fear had good reason. ...”

[ 53 ] Es läßt sich also, um alles zusammenzufassen, zeigen, daß die Gründung des Deutschen Reiches ein Gewinn für Europa gewesen ist»

[ 53 ] “To sum it all up, it can be shown that the founding of the German Empire was a benefit for Europe.”

[ 54 ] — in Manchester ist das gesprochen! —

[ 54 ] — That’s what they say in Manchester! —

[ 55 ] «und deshalb auch für Großbritannien. Denn die Ereignisse der Jahre 1866 bis 1871 machten ein für allemal der Möglichkeit, Raubkriege gegen die bis dahin unbeschützte Mitte von Europa zu unternehmen, ein Ende und beseitigten damit eine Lockung zum Kriege, welche in früheren Jahrhunderten Frankreich so oft auf falsche Bahnen gelockt hatte; sie setzten das deutsche Volk instand, seine bis dahin verkümmerten politischen Fähigkeiten zu entwickeln, und sie halfen dazu, auf sicherer Grundlage ein neues europäisches System zu errichten, welches vierzig Jahre lang den Frieden erhalten hat.»

[ 55 ] “and therefore also for Great Britain. For the events of the years 1866 through 1871 put an end once and for all to the possibility of waging wars of plunder against the hitherto unprotected heart of Europe, thereby eliminating a temptation to war that had so often led France astray in earlier centuries; they enabled the German people to develop their political capabilities, which had hitherto been stunted, and they helped to establish, on a secure foundation, a new European system that maintained peace for forty years.”

[ 56 ] — So im Jahre 1912 in Manchester in englischer Sprache gesprochen! —

[ 56 ] — Spoken in English in Manchester in 1912! —

[ 57 ] «Dieser Segen ergab sich aus der Tatsache, daß die deutsche Einheit auf einen Schlag zustande brachte, was Großbritannien trotz all seines Aufwandes von Blut und Geld nicht hätte bewirken können, nämlich das Gleichgewicht der Kräfte in so entschiedener Weise zu sichern, daß ein großer Krieg zum gefährlichsten aller Wagnisse wurde.»

[ 57 ] “This blessing stemmed from the fact that German unification achieved in one fell swoop what Great Britain, despite all its expenditure of blood and money, could not have accomplished—namely, securing the balance of power so decisively that a major war became the most dangerous of all ventures.”

[ 58 ] Also man hat einigermaßen erkannt, daß doch etwas Wahres an dem ist, was ich mir in dem Vortrage vor acht Tagen anzuführen erlaubte mit den Worten Herman Grimms: daß der Deutsche sich zwar jederzeit für sein Vaterland opfern wird, wenn die Zeit es ihm gebietet, daß er aber den Augenblick nicht herbeisehnen oder herbeiführen würde, wo dies durch Krieg geschehen kann. Und angesichts dessen, daß wir dies auch wie ein Echo von außen hören, dürfen wir auch den Blick auf das wenden, was unsere unmittelbare Gegenwart ist. Daher bitte ich Sie nun, — ich möchte sagen: um unsere Empfindungen auf die Art zu lenken, wie wir das anzusehen haben, worin wir in diesen schicksalsschweren Zeiten hineingestellt sind —, sich an das zu erinnern, was sich zugetragen hat in den Tagen Ende Juli und in den ersten Augusttagen, was hinlänglich bekannt ist. Ich möchte in einer eigenartigen Weise zu charakterisieren versuchen, wie sich die Ereignisse darstellen können; mit Worten, in welchen zum Ausdruck gebracht werden könnte, was ein unbefangener Betrachter Mitteleuropas — oder mögen die andern auch sagen: ein «befangener» Betrachter — über die Art hätte empfinden können, wie dieses Mitteleuropa zu dem großen Kriege steht. Dies wollen wir uns einmal vor die Seele führen. Ich will es mit folgenden Worten versuchen.

[ 58 ] So it has been recognized to some extent that there is indeed some truth to what I took the liberty of citing in my lecture eight days ago, in the words of Herman Grimm: that while the German will always sacrifice himself for his fatherland when the time demands it, he would not long for or bring about the moment when this might happen through war. And given that we also hear this as if it were an echo from outside, we may also turn our attention to our immediate present. Therefore, I now ask you—I would say: in order to direct our thoughts toward how we should view the situation in which we find ourselves during these fateful times—to recall what took place in the days at the end of July and in the first days of August, which is well known. I would like to attempt, in a unique way, to characterize how these events might present themselves; with words that could express what an impartial observer of Central Europe—or, as others might say, a “biased” observer—might have felt about the way Central Europe stands in relation to the Great War. Let us bring this to mind. I will attempt to do so with the following words:

[ 59 ] Wir erinnern uns daran, was an Zeitungsstimmen schon im Frühling dieses Jahres von Rußland zu uns herübergekommen ist. Man konnte daran sehen, wie allmählich eine Art von Preßkampagne in Petersburg anfing, durch welche die deutsche Politik angegriffen wurde. Diese Angriffe steigerten sich während der darauf folgenden Zeit bis zu starken Forderungen eines Druckes, den wir auf Österreich üben sollten in Sachen, wo wir das österreichische Recht nicht ohne weiteres angreifen könnten. Man konnte in Deutschland dazu die Hand nicht bieten; denn wenn wir uns Österreich entfremdeten, so gerieten wir, wenn wir nicht ganz isoliert sein wollten in Europa, notwendig in Abhängigkeit von Rußland. Wäre eine solche Abhängigkeit erträglich gewesen? Man hatte früher glauben können, sie könnte es sein, weil man sich sagte: wir haben gar keine streitigen Interessen; es ist gar kein Grund, warum Rußland je die Freundschaft uns kündigen sollte. Wenn man mit russischen Freunden spricht von dergleichen Auseinandersetzungen, so kann man ihnen nicht gerade widersprechen. Die Vorgänge zeigten aber, daß selbst ein vollständiges In-DienstStellen unserer Politik — für gewisse Zeit — in die russische uns nicht davor schützte, gegen unseren Willen und gegen unser Bestreben mit Rußland in Streit zu geraten.

[ 59 ] We recall the newspaper reports that reached us from Russia as early as this past spring. It was evident from these reports that a sort of press campaign was gradually taking shape in St. Petersburg, through which German policy was being attacked. These attacks intensified in the period that followed, culminating in strong demands that we exert pressure on Austria in matters where we could not readily challenge Austrian law. Germany could not go along with this; for if we alienated Austria, we would—unless we wished to be completely isolated in Europe—necessarily find ourselves dependent on Russia. Would such dependence have been tolerable? One might previously have believed it could be, because people told themselves: we have no conflicting interests at all; there is no reason whatsoever why Russia should ever renounce its friendship with us. When speaking with Russian friends about such disputes, one cannot exactly contradict them. However, events showed that even a complete subordination of our policy—for a certain time—to Russia’s did not protect us from entering into conflict with Russia against our will and against our best efforts.

[ 60 ] Ich glaube, diese Worte könnten zeigen, was ein Mensch der Gegenwart zur Charakteristik des Frühlings und des Sommers sagen könnte. Aber diese Worte habe sch gar nicht zusammengestellt; ich habe sie gar nicht verfaßt. Ich habe sie nur etwas verändert. Diese Worte hat nämlich Bismarck am. 6.Februar 1888 im Deutschen Reichstage ausgesprochen, als er eine Wehrvorlage zu vertreten hatte und ausführen wollte, daß diese Wehrvorlage nicht im Interesse eines Angriffskrieges, sondern im Interesse des Friedens sei. Und jetzt will ich Ihnen seine Worte vorlesen:

[ 60 ] I believe these words might illustrate what a person today might say about the characteristics of spring and summer. But I did not put these words together at all; I did not write them at all. I merely altered them slightly. These words were, in fact, spoken by Bismarck on February 6, 1888, in the German Reichstag, when he was defending a military bill and sought to explain that this bill was not in the interest of a war of aggression, but in the interest of peace. And now I would like to read his words to you:

[ 61 ] «... wie allmählich eine Art von Preßkampagne in Petersburg anfing, ich persönlich in meinen Absichten verdächtigt wurde. Diese Angriffe steigerten sich während des darauffolgenden Jahres bis 1879 zu starken Forderungen eines Druckes, den wir auf Österreich üben sollten in Sachen, wo wir das österreichische Recht nicht ohne weiteres angreifen konnten. Ich konnte dazu meine Hand nicht bieten; denn wenn wir uns Österreich entfremdeten, so gerieten wir, wenn wir nicht ganz isoliert sein wollten in Europa, notwendig in Abhängigkeit von Rußland. Wäre eine solche Abhängigkeit erträglich gewesen? Ich hatte früher geglaubt, sie könnte es sein, indem ich mir sagte: wir haben gar keine streitigen Interessen; es ist gar kein Grund, warum Rußland je die Freundschaft uns kündigen sollte. Ich hatte wenigstens meinen russischen Kollegen, die mir dergleichen auseinandersetzten, nicht geradezu widersprochen. Der Vorgang betreffs des Kongresses enttäuschte mich, der sagte mir, daß selbst ein vollständiges In-DienstStellen unserer Politik (für gewisse Zeit) in die russische uns nicht davor schützte, gegen unseren Willen und gegen unser Bestreben mit Rußland in Streit zu geraten.»

[ 61 ] “... as a sort of press campaign gradually began in St. Petersburg, I was personally suspected of having certain intentions. These attacks intensified over the course of the following year, up until 1879, escalating into strong demands that we exert pressure on Austria in matters where we could not readily challenge Austrian law. I could not go along with this; for if we alienated Austria, we would—unless we wished to be completely isolated in Europe—necessarily fall into dependence on Russia. Would such dependence have been tolerable? I had previously believed it might be, telling myself: we have no conflicting interests; there is no reason whatsoever why Russia should ever sever its friendship with us. At the very least, I had not outright contradicted my Russian colleagues who had explained this to me. The events surrounding the Congress disappointed me, for they showed me that even a complete subordination of our policy (for a certain time) to Russia’s would not protect us from entering into conflict with Russia against our will and against our best interests.”

[ 62 ] Das charakterisiert die Kräfte, die nicht in einem Jahre, sondern die seit jener Zeit vorhanden waren und die derjenige, der wußte, was glimmt und glüht in Europa, wohl kannte. Wer so den geschichtlichen Zusammenhang betrachtet, der wird aus der Übereinstimmung allein dessen, was man heute empfinden kann, mit dem, was Bismarck damals ausgesprochen hat, einsehen können, daß es unmöglich gewesen wäre, selbst bei einem «vollständigen In-Dienst-Stellen der deutschen Politik der russischen Interessen», den Streit mit Rußland zu vermeiden. Ich denke, solche Art Geschichtsbetrachtung spricht vieles, vieles. Und aus welcher Stimmung heraus waren schon damals diese Worte geflossen? War es etwa Herman Grimm allein, der davon sprach, daß Deutschland, daß der Deutsche als solcher den Frieden will, daß er auch seine Rüstung in den Dienst des Friedens stellen will? Bismarck sagte damals in derselben Rede schon, was man auch bedenken sollte: er habe auf dem Berliner Kongreß im Jahre 1878 für Rußland so viel getan, daß er dafür den höchsten russischen Orden mit Brillanten bekommen müßte — wenn er ihn nicht schon gehabt hätte. Dennoch mußte er diese Worte sprechen, die er damals gesprochen hat. Und über die Stimmung, aus der heraus sie geflossen waren, hören wir ihn auch sprechen:

[ 62 ] This characterizes the forces that were not limited to a single year, but had existed since that time—forces that anyone who knew what was smoldering and smoldering in Europe was well aware of. Anyone who considers the historical context in this way will be able to see—simply from the correspondence between what we feel today and what Bismarck said back then—that it would have been impossible to avoid the conflict with Russia, even if German policy had been “completely subordinated to Russian interests.” I think this kind of historical perspective speaks volumes—truly, volumes. And what was the spirit in which these words were spoken back then? Was it perhaps Herman Grimm alone who spoke of the fact that Germany—that the German people as such—wants peace, and that they also wish to place their armaments in the service of peace? Bismarck said in that same speech—and this is something we should also bear in mind—that he had done so much for Russia at the Congress of Berlin in 1878 that he would have deserved the highest Russian order with diamonds—if he hadn’t already possessed it. Nevertheless, he had to utter those words that he spoke back then. And we also hear him speak about the mood from which they flowed:

[ 63 ] «Mit der gewaltigen Maschine, zu der wir das deutsche Heerwesen ausbilden, unternimmt man keinen Angriff. Wenn ich heute vor Sie treten wollte und Ihnen sagen — wenn die Verhältnisse eben anders lägen, als sie meiner Überzeugung nach liegen -: «wir sind erheblich bedroht von Frankreich und Rußland; es ist vorauszusehen, daß wir angegriffen werden; meiner Überzeugung nach glaube ich es als Diplomat nach militärischen Nachrichten hierüber, es ist nützlicher für uns, daß wir als Defensive den Vorstoß des Angriffes benutzen, daß wir jetzt gleich schlagen; der Angriffskrieg ist für uns vorteilhafter zu führen, und ich bitte also den Reichstag um einen Kredit von einer Milliarde oder einer halben Milliarde, um den Krieg gegen unsere beiden Nachbarn heute zu unternehmen, — ja, meine Herren, ich weiß nicht, ob Sie das Vertrauen zu mir haben würden, mir das zu bewilligen. Ich hoffe nicht.»

[ 63 ] “One does not launch an attack with the mighty machine that we are building the German army to be. If I were to stand before you today and say—if circumstances were different from what I am convinced they are—: “We are under significant threat from France and Russia; it is foreseeable that we will be attacked; based on my conviction as a diplomat and on military intelligence regarding this matter, I believe it is more advantageous for us to use the enemy’s advance as a pretext for a defensive strike, to strike immediately; it is more advantageous for us to wage a war of aggression, and I therefore ask the Reichstag for a credit of one billion or half a billion to wage war against our two neighbors today”—yes, gentlemen, I do not know whether you would have enough confidence in me to grant me that. I hope not.”

[ 64 ] Das alles ist geeignet, wirklich die Überzeugung zu bekräftigen, wie im Grunde genommen Deutschland einen Krieg nur dann wollte, wenn er aus den europäischen Notwendigkeiten hervorgeht, und daß es weit, weit davon entfernt war, den Krieg um des Krieges willen irgendwie zu wollen. Dann aber möge man entscheiden, ob diese Stimmen — also auch diese Stimme über die unmittelbaren äußerlichen Ereignisse — dem entsprechen, was deutsches Geistesleben ist. — Ich kann nicht umhin, auch noch von einem andern Eindruck, den deutsches Geistesleben an einem gewissen Punkt machte, ein paar Worte zu sagen.

[ 64 ] All of this serves to truly reinforce the conviction that, fundamentally, Germany wanted a war only if it arose from European necessities, and that it was far, far from wanting war for war’s sake in any way. But then one must decide whether these voices—including this one regarding the immediate external events—correspond to what German intellectual life is. — I cannot help but say a few words about another impression that German intellectual life made at a certain point.

[ 65 ] Wir haben es in diesem Sommer gehört, wie ein Mann wahrhaftig nicht harte Worte genug — ich sage harte Worte — finden konnte, um nun auch das deutsche «Barbarentum» abzukanzeln. Derselbe Mann hat früher einmal drei Geister angeführt, die ihn zu seiner Weltanschauung am meisten, oder wenigstens viel, gebracht haben: den Mystiker Ruysbrock, den Amerikaner Emerson und den deutschen mystischen Dichter Novalis. Eine merkwürdige Frage legt sich dieser Mann vor, der unter denen, die ihn zu seiner geistigen Anschauung hinaufgeführt haben, ganz besonders auch von dem deutschen mystischen Dichter Novalis spricht — die Frage: Was ist schließlich selbst alles, was in Shakespeares Dramen steht, was da verhandelt wird zwischen den einzelnen Personen und was von Person zu Person spielt, was ist das gegenüber dem, was in vielen anderen Dichtungen lebt? Denn nehmen wir an — so meint er — es käme von einem anderen Planeten ein Geist zu uns, der unter ganz anderen Verhältnissen lebte als die Erdenseelen: würde er sich im geringsten für das interessieren, was die Personen in Shakespeares Dramen erlebten? Müßten wir ihm nicht etwas ganz anderes bieten, was in der Regel im Alltage gar nicht zum Ausdruck kommt, etwas, was aus der Menschenseele heraus wirkt, wenn er nur uns beachten sollte? Und dann besinnt er sich, wie ihm ein deutscher mystischer Dichter — Novalis — etwas gebracht hat, was von dem spricht, worüber er am liebsten schweigen möchte, wovon er aber glaubt, daß die Seele eines andern, der aus einer anderen Welt herunterkommt, darin etwas Mitteilenswertes erblicken müßte. Und also spricht der Betreffende von Novalis, dem deutschen mystischen Dichter, der so etwas in seiner Seele hat, was, als aus dem Innersten des Menschenwesens kommend, selbst einem erdenfremden Geist gewiesen werden könnte, wenn dieser danach fragte:

[ 65 ] We heard it this summer: a man who truly could not find harsh enough words—and I mean harsh words—to denounce German “barbarism.” That same man once cited three figures who had most—or at least significantly—shaped his worldview: the mystic Ruysbrock, the American Emerson, and the German mystical poet Novalis. This man, who among those who guided him to his spiritual perspective speaks quite specifically of the German mystical poet Novalis, poses a curious question—the question: What, after all, is the significance of everything contained in Shakespeare’s plays—what is discussed between the individual characters and what unfolds from person to person—compared to what lives in many other works of poetry? For suppose—he argues—a spirit were to come to us from another planet, one that lived under conditions entirely different from those of earthly souls: would it be in the least interested in what the characters in Shakespeare’s plays experienced? Wouldn’t we have to offer him something entirely different—something that generally doesn’t come to expression in everyday life, something that emanates from the human soul—if he were to pay us any attention at all? And then he recalls how a German mystical poet—Novalis—has given him something that speaks of what he would most like to keep silent about, but which he believes the soul of another, coming down from a different world, would have to see as something worth communicating. And so the person in question speaks of Novalis, the German mystical poet, who possesses within his soul something that, coming from the innermost depths of the human being, could even be revealed to a spirit from beyond the earth, were it to ask for it:

[ 66 ] «Wenn es aber anderer Beweise bedürfte, so würde sie» — das heißt: die Seele wahrscheinlich — «ihn unter die führen, deren Werke fast ans Schweigen rühren. Sie würde die Pforte des Reiches öffnen, wo einige sie um ihrer selbst willen liebten, ohne sich um die kleinen Gebärden ihres Körpers zu kümmern. Sie würden zusammen auf die einsamen Hochflächen steigen, wo das Bewußtsein sich um einen Grad steigert und wo alle, welche die Unruhe über sich selbst plagt, aufmerksam den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt mit unseren höheren Welten verknüpft. Sie würden mit ihm zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, wo der Mensch zu enden scheint, fängt er wahrscheinlich an, und seine wesentlichsten und unerschöpflichsten Teile befinden sich im Unsichtbaren, wo er unaufhörlich auf seiner Hut sein muß. Auf diesen Höhen allein gibt es Gedanken, welche die Seele billigen kann, und Vorstellungen, welche ihr ähneln und die so gebieterisch sind wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde dem Geisterreiche ankündigen. Ihr Widerschein hat fürwahr die Farbe unserer Seele. Wir empfinden, daß die Leidenschaften des Geistes und des Körpers in den Augen einer höheren Vernunft den Klängen von Glocken gleichen würden; aber in ihren Werken sind die genannten Menschen aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht von der irdischen Gemeinde sind.»

[ 66 ] “But if further proof were needed, she”—that is, the soul, presumably—“would lead him among those whose works border on silence. She would open the gate to the realm where some loved her for her own sake, without concerning themselves with the slight gestures of her body. Together they would ascend to the lonely highlands, where consciousness rises by one degree and where all who are plagued by anxiety about themselves attentively survey the immense ring that links the world of phenomena with our higher worlds. They would go with him to the very limits of humanity; for at the point where man seems to end, he probably begins, and his most essential and inexhaustible parts lie in the unseen, where he must be ceaselessly on his guard. Only at these heights are there thoughts that the soul can approve of, and ideas that resemble it and are as commanding as the soul itself. There, humanity has reigned for a moment, and these dimly lit peaks are perhaps the only lights that announce the Earth to the spirit realm. Their reflection truly bears the color of our soul. We sense that the passions of the mind and body would resemble the sounds of bells in the eyes of a higher reason; but in their works, these men from the small village of the passions have emerged and have spoken words that are of value even to those who do not belong to the earthly community.”

[ 67 ] So sagt ein Mann, nachdem er einen Eindruck empfunden hat von Novalis und sich über Novalis aussprechen will. Das ist derselbe Mann, der jetzt in einer eigentümlichen Weise — Sie werden es ja meistens kennen — über Deutschtum und deutsches Wesen sich ausgelassen hat: Maurice Maeterlinck. Wenn wir hören, daß so etwas von Maeterlinck gesprochen worden ist, können wir dann nicht sagen, daß er eigentlich sein Wesen recht «wesentlich» ausgewechselt hat? Könnte man nicht sogar sagen, seine jetzigen Worte klingen so, daß man von ihnen sagen könnte: In Wahrheit ist es schwer, seine Seele zu befragen und ihre schwache Kinderstimme inmitten der unnützen Schreier zu vernehmen, die sie umgeben? Man möchte ihn wahrhaftig selber zu diesen unnützen Schreiern zählen, gegen welche schwache Kinderstimmen nicht aufkommen können. Aber ich habe auch diese Worte von Maurice Maeterlinck genommen; denn es sind seine eigenen Worte, die er auch bei der angeführten Gelegenheit spricht: «In Wahrheit ist es schwer, seine Seele zu befragen und ihre schwache Kinderstimme inmitten der unnützen Schreier zu vernehmen, die sie umgeben.»

[ 67 ] This is what a man says after having formed an impression of Novalis and wanting to speak his mind about him. This is the same man who has now, in a peculiar way—as you are no doubt mostly aware—expounded on Germanness and the German spirit: Maurice Maeterlinck. When we hear that Maeterlinck has said something like this, can we not say that he has, in fact, quite “fundamentally” changed his nature? Might one not even say that his current words sound such that one could say of them: In truth, it is difficult to question one’s soul and to hear its faint, childlike voice amid the useless loudmouths that surround it? One might truly be tempted to count him among those useless screamers himself, against whom weak childlike voices cannot prevail. But I have also taken these words from Maurice Maeterlinck; for they are his own words, which he also speaks on the occasion cited: “In truth, it is difficult to question one’s soul and to hear its weak childlike voice amid the useless screamers that surround it.”

[ 68 ] Wir haben versucht, dasjenige ein wenig zu ergründen, was Schiller und Fichte von ihrem Volke wollten. Und wir haben versucht — wenn auch nur im Echo — zu erkennen, inwiefern diese Impulse sich verwirklicht haben. Man spricht heute viel von allerlei Gefühlen, die nun in diesen Deutschen sein sollen gegen die anderen Völker, mit denen sie im Kriege sind; man spricht zum Beispiel von Haßgefühlen, welche die Deutschen haben sollen gegen die Russen, gegen die Engländer, auch gegen die Franzosen. Wahrhaftig, nach den Worten, die ich heute und das letztemal gesprochen habe, wird mir das, was ich jetzt zu sagen habe, nicht als eine undeutsche Gesinnung ausgelegt werden, sondern als eine solche, die aus den wahren Gründen der Geisteswissenschaft fließen muß. Denn ich glaube: wenn wir auf die innersten Wurzeln der Lebenstegung beim Deutschen hinblicken, dann sind diese Haßgefühle, diese Verachtungsgefühle gegenüber den anderen Völkern alle nicht wahr! Mag auch in den jetzigen Tagen gar manches Wort gesprochen werden, was wir vielleicht selbst innerhalb des Deutschen «undeutsch» finden — wahr ist doch das, was in bezug auf Schiller und Fichte gesagt werden durfte: Derjenige, der den «Menschen», den höheren Menschen im Menschen sucht, so sagt Fichte selber, er gehört zu uns! Und unablässig sucht der Deutsche über die engen Fesseln seiner Nationalität hinauszukommen. Daher glaube ich nicht, daß es mehr als über den Alltag hinausgehen kann, wenn von andern Gefühlen als von Gefühlen der Hingebung auch zu dem Wertvollsten bei andern Völkern heute gesprochen wird. Und dürfen wir nicht auch dafür Belege anführen?

[ 68 ] We have attempted to explore, at least to some extent, what Schiller and Fichte expected of their people. And we have tried—albeit only indirectly—to discern to what extent these aspirations have been realized. Today there is much talk of all sorts of feelings that these Germans are said to harbor toward the other nations with whom they are at war; for example, there is talk of feelings of hatred that the Germans are said to have toward the Russians, the English, and even the French. Truly, in light of the words I have spoken today and last time, what I am about to say will not be interpreted as an un-German attitude, but rather as one that must flow from the true principles of spiritual science. For I believe: if we look to the innermost roots of the German way of life, then these feelings of hatred, these feelings of contempt toward other peoples, are all untrue! Even though many a word may be spoken these days that we ourselves might find “un-German” even within the German context—what was said regarding Schiller and Fichte remains true: As Fichte himself says, whoever seeks the “human being,” the higher human within the human, belongs to us! And the German ceaselessly seeks to transcend the narrow bonds of his nationality. Therefore, I do not believe that it can amount to more than a passing phase when people speak today of feelings other than devotion—even toward the most valuable aspects of other nations. And may we not also cite evidence for this?

[ 69 ] Oh, wir dürfen glauben, daß das, was als höchste Frucht des deutschen Geisteslebens zum Vorschein gekommen ist, auch wirklich in der primitivsten deutschen Natur lebt. Haßt der Deutsche die Engländer in Wirklichkeit? Ich möchte. sagen: nein. Ich möchte sogar das paradoxe Wort prägen: Der Deutsche hat bewiesen, daß er sogar die Engländer mehr liebt als sie sich selber. Nehmen wir einmal ernsthaft das Wort: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Wie hat der Deutsche Shakespeare gepflegt? Man vergleiche, was Shakespeare innerhalb des deutschen Geisteslebens für eine Bedeutung gewonnen hat — gegenüber dem, was er in England geworden ist. Man kann dann sagen: Wir sehen die Neuauferweckung Shakespeares im deutschen Geistesleben. Der Deutsche hat Shakespeare mehr gepflegt als der Engländer — wenn dies auch auf der Spitze des Gesagten ist. Aber wie gesagt wurde, daß in dem Tornister eines jeden Soldaten der Marschallstab stecke, so steckt diese Gesinnung in der Seele des einfachsten Deutschen, wenn sie auch dadurch, daß jetzt der Deutsche von allen Seiten bedroht ist, ein wenig gesucht werden muß. — Aber wir können auch in die neuere Zeit gehen. Wir haben von Goethe gesprochen. Goethe gehört auch zu denen, die mit liebevollster Gesinnung sich in das, was allgemein Menschliches ist, bei allen Nationalitäten und zu allen Zeiten hineinversenkt hat. Wir sehen ihn untertauchen in das, was ihm so teuer war, in das alte Griechentum, wir sehen dieses Untertauchen sinnbildlich dargestellt im zweiten Teil des «Faust», in der Vereinigung des Faust mit der Helena, als Sinnbild für die Vereinigung der zwei nationalen Elemente. Und Goethe läßt aus dieser Vereinigung etwas hervorgehen: den Euphorion, der uns nach alledem, was wir schon über den Faust sagen konnten, als etwas erscheinen kann, was mit Goethes Menschheitsideal zusammenhängt. Eine merkwürdige Gestalt ist dieser Euphorion. Gedenken wir an Worte des Euphorion, die uns tief, tief gerade heute in unseren Tagen in die Seele hereinklingen können. Euphorion sagt:

[ 69 ] Oh, we may believe that what has emerged as the highest fruit of German intellectual life truly lives within the most primitive German nature. Do Germans really hate the English? I would say: no. I would even like to coin this paradoxical phrase: The German has proven that he loves the English even more than they love themselves. Let us take the saying seriously: “By their fruits you shall know them.” How has the German cherished Shakespeare? Compare the significance Shakespeare has gained within German intellectual life—as opposed to what he has become in England. One can then say: We see the revival of Shakespeare in German intellectual life. The Germans have cherished Shakespeare more than the English—even if this is taking the statement to an extreme. But just as it was said that every soldier’s knapsack contains a marshal’s baton, so this spirit resides in the soul of even the humblest German, even if it must now be sought out a little, given that the Germans are threatened from all sides. — But we can also turn to more recent times. We have spoken of Goethe. Goethe, too, belongs to those who, with the most affectionate disposition, have immersed themselves in what is universally human, across all nationalities and throughout all ages. We see him immersing himself in what was so dear to him—ancient Greek culture—and we see this immersion symbolically depicted in the second part of *Faust*, in the union of Faust and Helena, as a symbol of the union of the two national elements. And Goethe allows something to emerge from this union: Euphorion, who—in light of everything we have already said about Faust—may appear to us as something connected to Goethe’s ideal of humanity. Euphorion is a remarkable figure. Let us recall Euphorion’s words, which can resonate deeply, deeply within our souls, especially today, in our own time. Euphorion says:

Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen:
In Waffen kommt der Jüngling an!
Gesellt zu Starken, Freien, Kühnen,
Hat er im Geiste schon getan.
Nun fort!
Nun dort
Eröffnet sich zum Ruhm die Bahn.

No, I have not appeared as a child:
The youth arrives in armor!
Joining the strong, the free, the bold,
He has already done so in spirit.
Now go!
Now there
The path to glory opens up.

[ 70 ] Dann weiter:

[ 70 ] Then continue:

Und hört ihr donnern auf dem Meere?
Dort wiederdonnern Tal um Tal,
In Staub und Wellen Heer dem Heere,
In Drang um Drang zu Schmerz und Qual!
Und der Tod
Ist Gebot;
Das versteht sich nun einmal.

And do you hear the thunder on the sea?
There, valley after valley thunders anew,
In dust and waves, army upon army,
Wave upon wave of pain and torment!
And death
Is the command;
That is simply the way it is.

[ 71 ] Und dann:

[ 71 ] And then:

Sollt ich aus der Ferne schauen?
Nein! Ich teile Sorg und Not!

Should I watch from afar?
No! I share in their sorrow and hardship!

[ 72 ] Wer schwebte Goethe vor, als er diesen Extrakt des Menschheitlichen vor seine Seele hinmalen wollte? Byron, der große englische Dichter, war ihm Vorbild zu dem, was er in seinem «Euphorion» hingestellt hat!

[ 72 ] Who did Goethe have in mind when he sought to paint this essence of humanity before his soul? Byron, the great English poet, served as his model for what he portrayed in his “Euphorion”!

[ 73 ] Zuweilen könnte es ja scheinen, als ob sich der Deutsche auch dazu hinreißen ließe, seine Eigenart gegenüber Fremden hervorzukehren. Dann muß man nur wissen, wie er in diesem Hervorkehren immer etwas liegen hat, was sich gegen irgend etwas wehren will. Es sind Worte, die Friedrich Schlegel einmal gesprochen hat, als Paris einen großen Eindruck auf ihn machte: «Paris wäre eigentlich eine wunderbare Stadt, nur sind zu viele Franzosen darin.» Gewiß, auch solche Worte sind gesprochen worden. Aber auch anderes liegt vor. Da liegt besonders etwas vor, was symptomatisch andeutet, wie der Deutsche wenigstens drinnen stehen will im ganzen Kulturleben. Das liegt vor, als Schiller hinblickte auf eine große Gestalt der Weltgeschichte. Auch andere haben auf diese Gestalt der Weltgeschichte hingeblickt: Shakespeare, Voltaire — ein Engländer, ein Franzose. Ich meine die «Jungfrau von Orleans». Wir können, wenn wir die Sache uns nur wirklich vor die Seele rücken, nicht anders als sagen: in engherzig nationaler Art hat sich Shakespeare zu der Jungfrau von Orleans gestellt; mit kühler, abweisender Skepsis hat Voltaire sie behandelt. Dagegen muß daran erinnert werden, daß sich Schiller ihr gegenüber nur so ausdrücken konnte, daß er sagte: «Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen und das Erhabne in den Staub zu ziehn.» Und so suchte er sie hinzustellen, diese für ihn zur Himmelsbotin, zur Botin der geistigen Welt gewordene Persönlichkeit. Man hat es vielfach getadelt, daß Schiller die Gestalt der Jungfrau von Orleans geschaffen hat. Heute sollte man sich gegenüber der Art, wie der Deutsche sich in das Kulturleben hineinstellt, daran erinnern, wie Schiller versucht hat, sich in alles hineinzuleben, was ihm aus dem Französischen wie ein Geschenk des Himmels gekommen ist, um es zu verkörpern, was aber in der Beurteilung des deutschen Geistes verbunden ist mit Kampf und Streit und Sieg. Man glaubt es nicht, wenn man nicht deutsch denkt, daß sich in der Seele vereinigen können Mut und Kampfsinn und Hineingestelltsein in den Streit— und daß dennoch im Herzen die Menschlichkeit bewahrt werden kann. Das wollte Schiller gerade zum Ausdruck bringen. Wovon nicht deutsch Denkende sagen: es wäre gar nicht möglich, von dem müssen wir sagen: Im Grunde genommen ist es möglich bei jedem Deutschen, wenn wir die deutsche Natur bei den Wurzeln ihrer Lebensregung betrachten. Anders nämlich als viele andere stellt sich der Deutsche zu Kampf und Krieg, und es liegt in ihm — manchmal dunkler oder klarer - daß er denjenigen, mit dem er zu kämpfen hat, nur wie einen Feind im Duell zu behandeln hat. Nicht haßt er ihn; er stellt sich ihm gegenüber und ist am frohesten, wenn er ihn in höchster Menschlichkeit anrühren kann. Ich möchte sagen: eine so recht deutsche Eigenschaft suchte Schiller in die Jungfrau von Orleans hineinzugeheimnissen. Der, welcher weiß, was die Jungfrau von Orleans gewesen ist, wird es natürlich finden, daß Schiller also von ihr ergriffen werden konnte, selbst zu einer Zeit, in welcher der Deutsche gar keine Veranlassung gehabt hat, französischen Geist zu verherrlichen. Aber Schiller hat auch — und darum ist er wieder der größte Impulsgeber für das deutsche Geistesleben geworden — in sein Drama das Weben der Kräfte des Unsichtbaren hereingenommen. Und so weben sie herein wie in dem unsichtbaren Wesen, in Talbot, der als schwarzer Ritter erscheint. Man hat es vielfach getadelt; aber Schiller konnte nicht anders, als daß die ewigen Geistesmächte auch in sein Drama hereinspielen. Daher repräsentiert er so recht diejenige Eigenschaft, die urdeutsch ist: keinen Unterschied zu machen von Nation zu Nation da, wo es auf das Größte, auf das Höchste im Menschenleben ankommt. Darum sagte ich: ich glaube es nicht, wenn man heute von Haß- und Antipathiegefühlen der Deutschen gegen die anderen Völker spricht, daß diese Gefühle bis in die innersten Wurzeln der deutschen Lebensregungen gehen. Man braucht deshalb nicht blind und stumpf zu sein gegenüber dem, was alles zutage tritt; aber man weiß zu unterscheiden zwischen dem, was sich von außen an den Menschen herandrängt — und was der Mensch mit seinem höheren Menschen zu überwinden sucht. Und auch Schiller steht dem äußeren, dem praktischen Leben nicht so fern, daß wir sagen müßten, er wäre blind gewesen gegenüber dem, was die Außenseite der verschiedenen Nationen wäre. Er hat ein Gedicht «Der Antritt des neuen Jahrhunderts» geschrieben; darin lesen wir die bedeutungsvollen Zeilen, die uns auch heute wieder in unserm gegenwärtigen Leben recht nahe liegen:

[ 73 ] At times, it might seem as if Germans are also prone to letting their peculiarities come to the fore in the presence of foreigners. But one need only realize that in this display, there is always an underlying motive to resist something. These are words that Friedrich Schlegel once spoke when Paris made a great impression on him: “Paris would actually be a wonderful city, if only there weren’t so many French people in it.” Certainly, such words have been spoken. But there is more to it than that. There is, in particular, something that symptomatically suggests how the German, at the very least, wishes to position himself within the whole of cultural life. This is evident in Schiller’s view of a great figure of world history. Others, too, have looked upon this figure of world history: Shakespeare, Voltaire—an Englishman, a Frenchman. I am referring to the “Maid of Orleans.” If we truly bring this matter before our souls, we cannot help but say: Shakespeare approached the Maid of Orléans in a narrow-minded, nationalistic manner; Voltaire treated her with cool, dismissive skepticism. In contrast, it must be recalled that Schiller could only express himself toward her by saying: “The world loves to blacken what shines and to drag the sublime into the dust.” And so he sought to portray her—this figure who, for him, had become a messenger from heaven, a messenger from the spiritual world. Schiller has often been criticized for having created the figure of the Maid of Orleans. Today, when considering the way Germans engage with cultural life, we should recall how Schiller sought to immerse himself in everything that came to him from France as a gift from heaven, in order to embody it—though in the judgment of the German spirit, this is linked to struggle, conflict, and victory. Unless one thinks like a German, one finds it hard to believe that courage, a fighting spirit, and a readiness for conflict can coexist in the soul—and that humanity can nevertheless be preserved in the heart. That is precisely what Schiller sought to express. To those who do not think in a German way—who say this is not possible at all—we must say: Fundamentally, it is possible for every German, if we consider German nature at the roots of its vital impulse. For unlike many others, the German approaches battle and war in a particular way, and it lies within him—sometimes more obscurely, sometimes more clearly—that he must treat the one against whom he fights only as an adversary in a duel. He does not hate him; he stands opposite him and is happiest when he can touch him with the utmost humanity. I would say: Schiller sought to imbue the Maid of Orleans with such a truly German quality. Anyone who knows what the Maid of Orleans was will naturally find it understandable that Schiller could be so moved by her, even at a time when Germans had absolutely no reason to glorify the French spirit. But Schiller also—and this is why he has once again become the greatest source of inspiration for German intellectual life—wove the forces of the invisible into his drama. And so they weave their way in, as in the invisible being, Talbot, who appears as a black knight. This has been criticized many times; but Schiller could not help but allow the eternal spiritual forces to play a part in his drama as well. That is why he so truly embodies that quality which is quintessentially German: making no distinction between one nation and another when it comes to what is greatest and highest in human life. That is why I said: I do not believe, when people today speak of feelings of hatred and antipathy on the part of the Germans toward other peoples, that these feelings reach down to the innermost roots of German life. One need not, therefore, be blind or insensitive to all that comes to light; but one knows how to distinguish between what presses upon a person from the outside—and what the person, with his higher self, seeks to overcome. And Schiller, too, is not so far removed from external, practical life that we would have to say he was blind to what constitutes the outward appearance of the various nations. He wrote a poem titled “The Dawn of the New Century”; in it we read the meaningful lines that are still very relevant to our present-day lives:

Zwo gewalt'ge Nationen ringen
Um der Welt alleinigen Besitz;
Aller Länder Freiheit zu verschlingen,
Schwingen sie den Dreizack und den Blitz.

Gold muß ihnen jede Landschaft wägen
Und, wie Brennus in der rohen Zeit,
Legt der Franke seinen eh’rnen Degen
In die Waage der Gerechtigkeit.

Gierig wie Polypenarme aus,
Und das Reich der freien Amphitrite
Will er schließen, wie sein eignes Haus.

Two mighty nations wrestle
For sole dominion over the world;
To devour the freedom of all nations,
They wield the trident and the lightning bolt.

Every land must weigh gold for them
And, like Brennus in those barbaric times,
The Frank lays his iron sword
On the scales of justice.

Greedily like the arms of an octopus,
And the realm of the free Amphitrite
He wishes to enclose, as if it were his own home.

[ 74 ] Das sind auch Schiller-Worte, die erklangen, trotzdem Schiller zu denjenigen gehörte, die in echt deutscher Weise den Grundsatz pflegen wollten: das Menschliche nicht im Nationalen zu suchen, oder vielmehr — man kann es auch so ausdrücken: das Menschliche in jedem Nationalen zu suchen. Darum darf man sagen, daß es wahr sein kann, daß etwas, was Schiller und Fichte für ihr Volk ersehnt haben, gerade auch aus unseren schicksalsschweren Tagen als die schönste Frucht hervorgeht: Der Deutsche hat es oft gesagt, daß er mit anderen Nationalitäten zusammenzuleben versteht. Und wenn wir heute auf ein Land blicken, das unmittelbar an Deutschland angrenzt, und das nicht nur in äußerlicher Beziehung, sondern bis in das Innerste des menschheitlichen Verhaltens hinein es verstanden hat, neutral zu bleiben, wenn wir auf die Schweiz schauen, auf jene Schweiz, in welcher Fichte in Pestalozzi die Wurzeln zu seiner deutschen Nationalerziehung genommen hat, so dürfen wir sagen: Wir sehen an diesem Musterlande der Nationalitäten, daß es möglich ist, daß der Deutsche mit anderen Nationen durchaus zusammenzuleben versteht. Wer Schweizer Leben zu verfolgen vermag, der weiß, daß es den Bewohnern dieses Landes, wo in mustergültiger Weise drei Nationen zusammenleben, von der allergrößten Wichtigkeit ist, daß sie dem Geiste nach das, was für ihr Staatsgebiet das wahrhaft innerste Interesse ist, den Geist der Neutralität, aufrechterhalten können. Man sollte aber den Geist der Neutralität achten und daran denken, daß die Schweizer durchaus aus ihrer eigenen gesunden Urteilskraft heraus wissen, welches die historische Mission des deutschen Geistes ist. Und begreifen sollte man, daß es dort die Empfindlichkeit in berechtigter Art verletzen kann, wenn man ein Gebiet, dem es gerade für die unmittelbare Gegenwart bedeutungsvoll ist, daß es auf dem Standpunkte ehrlichster Neutralität steht, zu sehr mit dem überschwemmt, was man heute die « Aufklärungsliteratur» nennt. Derjenige, glaube ich, der über des Deutschen Sendung so spricht, wie ich es getan habe, darf auch auf solches aufmerksam machen.

[ 74 ] These are also Schiller’s words, which resonated even though Schiller was among those who, in a truly German spirit, sought to uphold the principle of not seeking the human in the national—or rather, to put it another way: seeking the human in every national aspect. That is why one may say that it may well be true that something Schiller and Fichte longed for their people is emerging as the most beautiful fruit precisely from our fateful times: the German has often said that he knows how to live together with other nationalities. And when we look today at a country that borders Germany directly—and which has understood how to remain neutral not only in external relations but right down to the very core of human conduct—when we look at Switzerland, that very Switzerland in which Fichte found the roots of his German national education in Pestalozzi, then we may say: We see in this model nation of nationalities that it is indeed possible for Germans to live in harmony with other nations. Anyone who observes Swiss life knows that for the inhabitants of this country—where three nations coexist in an exemplary manner—it is of the utmost importance that they be able to uphold, in spirit, what is truly in the deepest interest of their national territory: the spirit of neutrality. However, one should respect the spirit of neutrality and bear in mind that the Swiss, drawing entirely on their own sound judgment, know what the historical mission of the German spirit is. And one should understand that it can justifiably offend sensibilities there if a region—for which it is particularly significant in the immediate present that it stands on the ground of the most honest neutrality—is overly inundated with what is today called “Enlightenment literature.” I believe that anyone who speaks of the German mission as I have done is also entitled to draw attention to such matters.

[ 75 ] So dürfen wir nun sagen: Wie ein Echo können wir es hören, was die Impulse Schillers und Fichtes gewirkt haben. Stellen wir noch einmal kurz zum Schluß vor unser Seelenauge die Worte, welche Emerson von Goethe gesprochen hat: «Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist... Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.» Aber aus diesem «Verkehr mit der Wahrheit» entspringt auch dieses Vertrauen, diese Zuversicht und Hoffnung, auch die Selbstlosigkeit und der Opfersinn, die wir überall um uns herum sehen und die in den Dienst unserer großen Zeit gestellt werden, um dasjenige wahr zu machen, von dem wiederum Emerson spricht:

[ 75 ] So we may now say: Like an echo, we can hear the impact of Schiller’s and Fichte’s ideas. Let us briefly recall, as we conclude, the words Emerson spoke of Goethe: “He is wise to the highest degree, even if his wisdom is often veiled by his talent. However excellent what he says may be, he has something in mind that is even better... He possesses that awe-inspiring independence that springs from communion with the truth.” ” But from this “communion with truth” also springs this trust, this confidence and hope, as well as the selflessness and spirit of sacrifice that we see all around us—and which are placed in the service of our great age to bring to fruition that of which Emerson, in turn, speaks:

[ 76 ] «Die Welt ist jung, große Männer der Vergangenheit rufen zu uns mit freundlicher Stimme. Wir müssen heilige Schriften ‚schreiben, um den Himmel und die irdische Welt aufs neue zu vereinen. Das Geheimnis des Genius ist, nicht zu dulden, daß eine Lüge für uns bestehen bleibt, alles, dessen wir bewußt sind, zu einer Wahrheit zu machen, im Raffinement des modernen Lebens, in Kunst und Wissenschaft, in den Büchern und in den Menschen Glauben, Bestimmtheit und Vertrauen zu erwecken und zu Anfang wie am Schluß, mitten auf dem Wege, wie für endlose Zeiten, jede Wahrheit dadurch zu ehren, daß wir sie nicht allein erkennen, sondern sie zu einer Richtschnur unseres Handelns machen.»

[ 76 ] “The world is young; the great men of the past call out to us with a friendly voice. We must ‘write’ sacred texts to reunite heaven and the earthly world anew. The secret of genius is not to tolerate any lie remaining for us, to turn everything of which we are conscious into truth; to awaken faith, certainty, and trust in the sophistication of modern life, in art and science, in books and in people; and—at the beginning as at the end, in the midst of the journey, as if for all eternity—to honor every truth not only by recognizing it, but by making it a guiding principle of our actions.”

[ 77 ] In der Betrachtung des deutschen Lebens, das aus solcher Gesinnung, wie diejenige Fichtes und Schillers ist, zum wahren geistigen Erkennen hinstrebt, entringen sich Persönlichkeiten, wie Emerson eine ist, solche Worte. Und dann verstehen wir, wie — gewissermaßen wie aus dem Elementaren heraus — auch in Bismarcks Rede vom Jahre 1888 dasjenige sich ausdrückt, was innig verbunden ist mit diesem Suchen des höheren Menschen im Alltagsmenschen. Was ist da innig verbunden? Ich habe schon im Beginne des Vortrages gesagt, als ich darauf hinwies, wie zum Schluß die besten deutschen Genien den Weg zur Geisteswissenschaft weisen: Wie der äußere Mensch in der äußeren Natur ruht, so ruht das, was als höherer Mensch im Menschen gefunden werden kann, was von Leben zu Leben geht, was selbst im Laufe der Erdenleben von einer Nationalität zur andern geht — das ruht im göttlichen Allsein. Und verbunden fühlt sich der Mensch, wenn er die Wurzeln seines innersten Menschen erfaßt, mit dem Gotte, dessen Wesen die Welt durchwebt und durchpulst. Und Schiller und Fichte, sie sprechen von jenem Gotte, von dem dann auch Bismarck spricht, indem er in seiner elementaren Weise in der schon erwähnten Rede den Deutschen die Worte zurief:

[ 77 ] When contemplating German life—which, through a mindset such as that of Fichte and Schiller, strives toward true spiritual understanding—words like these emerge from personalities such as Emerson. And then we understand how—as it were, arising from the elemental—even in Bismarck’s speech of 1888, that which is intimately connected with this search for the higher human being within the everyday person finds expression. What is intimately connected here? I already said this at the beginning of the lecture, when I pointed out how, in the end, the greatest German geniuses point the way to spiritual science: Just as the outer human being rests in outer nature, so does that which can be found in the human being as the higher human being—that which passes from life to life, that which even passes from one nationality to another in the course of earthly lives—rest in the divine All-Being. And when a person grasps the roots of his innermost being, he feels connected to the God whose essence interweaves and pulses through the world. And Schiller and Fichte speak of that God of whom Bismarck also speaks when, in his characteristic, straightforward manner, he addressed the Germans in the aforementioned speech with the words:

[ 78 ] «Wir können durch Liebe und Wohlwollen leicht bestochen werden — vielleicht zu leicht —, aber durch Drohungen ganz gewiß nicht! Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in, der Welt; und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt. Wer ihn aber trotzdem bricht, der wird sich überzeugen, daß die kampfesfreudige Vaterlandsliebe, welche 1813 die gesamte Bevölkerung des damals schwachen, kleinen und ausgesogenen Preußen unter die Fahnen rief, heutzutage ein Gemeingut der ganzen deutschen Nation ist und daß derjenige, welcher die deutsche Nation irgendwie angreift, sie einheitlich gewaffnet finden wird und jeden Wehrmann mit dem festen Glauben im Herzen: Gott wird mit uns sein!»

[ 78 ] “We can easily be won over by love and goodwill—perhaps too easily—but certainly not by threats! We Germans fear God, but nothing else in the world; and it is precisely this fear of God that leads us to love and cherish peace. But whoever breaks it nonetheless will find that the combative love of country—which in 1813 rallied the entire population of what was then a weak, small, and impoverished Prussia to the banners—is today a common heritage of the entire German nation, and that whoever attacks the German nation in any way will find it united and armed, with every soldier holding this firm belief in his heart: “God will be with us!”

[ 79 ] Der Deutsche hat von jeher versucht, diesen seinen Gott im Geistigen zu suchen. Der Deutsche hat versucht — ich habe es schon letztesmal angedeutet — in Goethe, jene Faust-Gestalt zu schaffen, von der man nicht sagen kann, sie sei «deutsch» oder «französisch», «englisch», «russisch» oder «amerikanisch»; von der man aber sagen kann, daß sie menschlich ist, und die doch nur aus deutschem Geist entspringen kann. Ich habe auch darauf hingewiesen, wie man als Deutscher immer wird. Gleich neben seinen «Faust» stellt Goethe aber die Gestalt des Mephistopheles hin, die Einkörperung des Bösen, vor allem der Unwahrheit. So darf der Deutsche in seinem Bewußtsein hinschauen auf die Gegenüberstellung von Faust und Mepistopheles — und, erkennend seine Mission in der Welt, wie sie Emerson ausspricht, darf er betonen: Es ruht in jedem Deutschen, wohin wir auch deutsches Wesen zu tragen versuchen, das Bewußtsein, das in den Faust-Worten zum Ausdruck kommt: «Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn!» Das sind Worte, die gesprochen sind aus dem Geist heraus, der in Wirklichkeit jede Nationalität in ihrem wahren Werte achter und einsehen will und keine haßt. So kann der Deutsche auch ruhig hinsehen zu einem der letzten großen Vorfahren, zu Bismarck selber und zu dem Wort: «Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt.» Und er kann, auf diesen großen Staatsgenius hörend, wie aus dem geistigen Gebiete heraus gewisse Worte vernehmen, die dennoch — man muß Bismarck nur kennen — echt bismarckisch sind: «Es ist ja unzweifelhaft, daß die Drohungen und die Beschimpfungen, die Herausforderungen, die an uns gerichtet worden sind, auch bei uns eine ganz erhebliche und berechtigte Erbitterung erregt haben, und das ist beim Deutschen recht schwer, denn er ist dem Nationalhaß an sich unzugänglicher als irgendeine andere Nation; aber wir sind bemüht, sie zu besänftigen, und wir wollen nach wie vor den Frieden mit unseren Nachbarn.» Wer daher den Deutschen kennt, der sucht tiefer, wenn er bei ihm das finden will, was er verachten, was er hassen könnte. Goethe hat gesucht; aber er hat nicht einen Menschen hingestellt, sondern neben dem Faust hat er den Mephistopheles hingestellt! Wo immer Menschen leben — ihr Menschliches werden wir suchen, gleichgültig welcher Nationalität sie sind. Aber blind werden wir nicht sein dürfen gegenüber dem, was in den Menschen lebt. von dem Geist der Unwahrheit. Gerade in unserer Zeit, wo so Herbes und Unwahres an unsere Ohren klingt, dürfen wir noch sagen: es ist, wie wenn wir Bismarcks Worte vernehmen würden. Er war ja immer bestrebt, die Gegner nicht zu verachten, sondern ihnen gerecht zu werden, zum Beispiel als er, im Kriege mit den Franzosen lebend, auf das altfranzösische, auf das fein-französische Wesen, mit dem er so gern verhandelte, hinwies. So war es auch bei Gelegenheit der schon erwähnten Rede, wo er sagte: «Die Tapferkeit ist ja bei allen zivilisierten Nationen gleich; der Russe, der Franzose schlagen sich so tapfer wie der Deutsche.» Wahrhaftig, der Deutsche sucht nicht bei den andern, was er etwa hassen, ablehnen müsse oder wogegen er Antipathie haben müsse. Er ist geistig veranlagt, er sucht nach dem Geistigen, — wie Goethe in seinem Faust nach dem Geistigen der Lüge in Mephistopheles suchte. Und so können wir zum Schluß wohl aussprechen, wie wenn wir Bismarck selber vernehmen würden und er uns aus den Reichen des Geistes zuraunte: Wenn wir hören, daß Unwahres gesprochen wird im Westen, Nordwesten und Osten, so sollen wir uns nicht dazu verleiten lassen, Persönlichkeiten, Nationalitäten zu hassen und zu verachten; denn wie es wahr ist, daß der Deutsche, wenn er sich in seinem höheren Menschen ergreift, das allgemein Menschliche findet, das überall über die Erde hin zu finden ist, wo Menschenantlitz erscheint, so ist es auch wahr, daß der Deutsche den Gegenstand seines Hasses erst durch die geistige Betrachtung finden muß. Wahr ist es: wie der Deutsche mit seinem Gotte sich vereinigt fühlt in seinem innersten, in seinem heiligsten Menschen, so kann er auch nur da, wo er haßt, wo er zu hassen sich erlaubt, in die tieferen Wurzeln bis zum Geistigen gehen. So ist es wahr, in gewisser Beziehung tief wahr: Der Deutsche fürchtet den Gott, aber sonst nichts in der Welt. Aber gegenüber alledem, was uns entgegentönt, ich möchte sagen, von allen Windrichtungen her, darf auch das Wort geprägt werden, das sich schon wahr erweisen wird, wenn man einmal die Wurzeln des deutschen Wesens klarer als heute ins Auge fassen wird:

[ 79 ] The German has always sought this God of his in the spiritual realm. The German has attempted—as I already hinted at last time—to create in Goethe the figure of Faust, of whom one cannot say that he is “German” or “French,” “English,” “Russian,” or “American”; but of whom one can say that he is human, and yet can spring only from the German spirit. I have also pointed out how one always becomes German. Right alongside his “Faust,” however, Goethe places the figure of Mephistopheles, the embodiment of evil, above all of untruth. Thus, the German may look within his consciousness at the juxtaposition of Faust and Mephistopheles—and, recognizing his mission in the world as Emerson articulates it, he may emphasize: Within every German, wherever we may seek to carry the German spirit, lies the consciousness expressed in Faust’s words: “To stand on free soil with a free people!” These are words spoken from a spirit that, in reality, seeks to recognize and appreciate every nationality in its true worth and hates none. Thus, the German can also calmly look to one of his last great forefathers, to Bismarck himself, and to the words: “We Germans fear God, but nothing else in the world.” And, listening to this great statesman, he can hear certain words coming from the realm of the spirit that are nonetheless—one need only know Bismarck—genuinely Bismarckian: “It is, of course, beyond doubt that the threats and insults, the challenges that have been directed at us, have also aroused in us a very considerable and justified bitterness, and this is quite difficult for the German, for he is less prone to national hatred than any other nation; but we are striving to allay it, and we still desire peace with our neighbors.” Whoever, therefore, knows the Germans will look deeper if he wishes to find in them what he might despise or hate. Goethe looked; but he did not portray a single human being—instead, alongside Faust, he placed Mephistopheles! Wherever people live—we will seek out their humanity, regardless of their nationality. But we must not be blind to what dwells within people: the spirit of untruth. Precisely in our time, when such harsh and untrue things ring in our ears, we may still say: it is as if we were hearing Bismarck’s words. He always strove not to despise his opponents, but to do them justice—for example, when, living through the war with the French, he pointed out the old French, the refined French character, with which he so enjoyed negotiating. This was also the case during the aforementioned speech, in which he said: “Bravery is, after all, the same among all civilized nations; the Russian and the Frenchman fight just as bravely as the German.” Truly, the German does not seek in others what he might have to hate, reject, or feel antipathy toward. He is intellectually inclined; he seeks the spiritual—just as Goethe, in his *Faust*, sought the spiritual essence of the lie in Mephistopheles. And so, in conclusion, we may well say—as if we were hearing Bismarck himself, whispering to us from the realms of the spirit: When we hear untruths spoken in the West, the Northwest, and the East, we must not allow ourselves to be led into hating and despising individuals or nationalities; for just as it is true that the German, when he rises to his higher self, finds the universal humanity that can be found everywhere on earth where the human face appears, so it is also true that the German must first find the object of his hatred through spiritual contemplation. It is true: just as the German feels united with his God in his innermost, most sacred humanity, so too can he only delve into the deeper roots—all the way to the spiritual—where he hates, where he allows himself to hate. Thus it is true—in a certain sense, profoundly true—that the German fears God, but nothing else in the world. But in the face of everything that resounds against us—I might say, from all directions—the following words may also be coined, words that will prove true once the roots of the German essence are viewed more clearly than they are today:

[ 80 ] Der Deutsche haßt im Grunde genommen keine Nationalität, keinen Menschen, insofern diese auf dem physischen Plan leben. Der Deutsche haßt allein — wenn davon gesprochen werden soll — den Geist der Lüge und der Unwahrhaftigkeit; denn er liebt und will lieben den Geist der Wahrhaftigkeit allüberall, wo er gefunden werden kann!

[ 80 ] The German, at heart, hates no nationality and no person, insofar as they live on the physical plane. The German hates only—if one must speak of it—the spirit of lies and untruth; for he loves and wishes to love the spirit of truth wherever it can be found!