From Central European Spiritual Life
GA 65
15 April 1916, Berlin
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
From Central European Spiritual Life, tr. SOL
15. Leib, Seele und Geist in ihrer Entwickelung durch Geburt und Tod und ihre Stellung im Weltall
15. Body, Soul, and Spirit: Their Development Through Birth and Death and Their Place in the Universe
[ 1 ] Gestatten Sie, daß ich heute in einer vielleicht etwas aphoristisch gehaltenen Form einige Andeutungen über das Wechselverhältnis von Leib, Seele, Geist im Menschen mache und dann, davon ausgehend, einiges bemerke über die Beziehungen des Menschen zu Geburt und Tod und zum Weltenall überhaupt. Es ist ja selbstverständlich, daß dies alles nur in Andeutungen geschehen kann. Allein, diejenigen der verehrten Zuhörer, die einige oder alle der diesjährigen Wintervorträge gehört haben, werden gar vieles von dem, was heute nur aphoristisch vorgebracht werden kann, mehr oder weniger belegt finden in den vorangegangenen Betrachtungen, die ja auf wichtige Fragen des Geistes- und Seelenlebens im einzelnen eingegangen sind, Gerade im Laufe dieses Winters und des vorigen Winters gestattete ich mir öfters, die Bemerkung zu machen, wie Geisteswissenschaft, so wie sie gedacht ist in den Betrachtungen, die in diesen Vorträgen angestellt werden, nicht etwa etwas ist, das wie durch die Willkür eines einzelnen heute in die geistige Kulturentwickelung der Menschheit eintreten will, sondern daß sie tief begründet ist in dem Geistesleben, wie es sich im Laufe der Zeit allmählich herausentwickelt hat bis in unsere Tage. So daß man sagen kann: Es ist, gerade wenn man die Zeit des neunzehnten Jahrhunderts durchblickt, an vielen Stellen eine Art Ansatz vorhanden zu einer solchen Geisteswissenschaft. Durch sehr begreifliche Verhältnisse ist es aber herbeigeführt worden, daß im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts, und namentlich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die ja so außerordentlich erfolgreiche und in ihren Erfolgen durch die Geisteswissenschaft durchaus nicht anzuzweifelnde naturwissenschaftliche Denkweise die Geister in Anspruch genommen hat, und daß dadurch die Ansätze zu einer eigentlichen geisteswissenschaftlichen Weltanschauung mehr abgedämpft worden sind, als das vielleicht sonst der Fall gewesen wäre.
[ 1 ] Allow me today to offer, perhaps in a somewhat aphoristic manner, a few insights into the interrelationship between body, soul, and spirit in human beings, and then, building on that, to make some observations about humanity’s relationship to birth and death and to the universe as a whole. It goes without saying that all of this can only be touched upon. However, those among the esteemed audience who have heard some or all of this year’s winter lectures will find much of what can only be presented aphoristically today more or less substantiated in the previous reflections, which have, after all, addressed important questions of spiritual and soul life in detail. Precisely in the course of this winter and last winter, I often took the liberty of to remark how spiritual science, as conceived in the reflections presented in these lectures, is by no means something that seeks to enter into the spiritual cultural development of humanity today through the whim of a single individual, but rather that it is deeply rooted in the spiritual life as it has gradually developed over time right up to the present day. So one can say: Especially when looking back at the nineteenth century, there are many instances where the seeds of such a spiritual science were already present. However, due to very understandable circumstances, it came to pass that in the course of the nineteenth century, and particularly in the second half of the nineteenth century, the scientific way of thinking—which was, of course, extraordinarily successful and whose achievements are in no way called into question by spiritual science—captured people’s attention, and that as a result, the beginnings of a true spiritual-scientific worldview were dampened more than might otherwise have been the case.
[ 2 ] Insbesondere erscheint mir, daß in Goethes Weltanschauung allebedeutungsvollsten ersten Ansätze zu einer Geisteswissenschaft liegen und daß im Grunde genommen, wenn Goethes Weltanschauung wirklich durchdrungen wird, man gar nicht zweifeln kann, daß in dieser Goetheschen Anschauung der Welt wirklich etwas wie ein Keim liegt, aus dem sich Geisteswissenschaft heraus entwickeln kann. Gewiß, man glaubte, gerade Goethe im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts so recht tief zu verstehen. Man versuchte es auch ehrlich. Aber was in ihm vorhanden ist als die bedeutungsvollsten Keime einer geisteswissenschaftlichen Weltbetrachtung, das gewinnt man doch eigentlich erst dann, wenn man nicht nur versucht, den Blick der Seele unmittelbar darauf zu lenken, was Goethe selber hervorgebracht hat, sondern wenn man versucht, sich ganz hinein zu versetzen in die Art und Weise, wie er gedacht, wie er die Dinge angeschaut hat, wenn man gewissermaßen nicht bloß sein Betrachter, sondern sein Nachleber werden will. Es ist ja bekannt, und ich habe auch in diesen Vorträgen öfter darauf aufmerksam gemacht, wie Goethe sich zu einer bedeutungsvollen Naturanschauung erhoben hat, sagen wir zunächst in seiner Betrachtung über die Metamorphose der Pflanzen. Was wollte er mit dieser Metamorphose der Pflanzen? Nun, er wollte zunächst zeigen, daß dasjenige, was als Pflanzenwesen in Wurzeln, Blättern, Blütenblättern, in der Frucht sich darlebt, aus einzelnen Gliedern besteht, aber so, daß diese einzelnen Glieder auseinander hervorgehen, Verwandlungen voneinander sind. Er wollte eine umfassende Betrachtung des Pflanzenwesens zum Beispiel dadurch gewinnen, daß er zu zeigen versuchte: Was wir als gefärbtes Blumenblütenblatt anschauen, das ist von einem gewissen Gesichtspunkte aus innerlich wesentlich dasselbe, wie das grüne Pflanzenblatt, nur metamorphosiert, umgewandeltes Pflanzenblatt. Und wiederum umgewandeltes Blütenblatt sind die feinen Organe, die wir in der Blüte finden, die wir als Staubgefäße ansprechen und so weiter, bis zu der Frucht herauf. Alles entsteht an der Pflanze für Goethe dadurch, daß sich gewissermaßen nach rückwärts und vorne das Blatt umwandelt. Die ganze Pflanze wird ihm zum Blatte, aber zum Blatte, das sich in verschiedener Weise in Formen ausgestaltet. Dadurch verliert die geistige Betrachtung in Goethes Sinne, ich möchte sagen, die intensive Hinlenkung auf den einzelnen Teil der Pflanze, erhebt sich zu einem Ganzen der Pflanze, aber zu einem Ganzen, das geistig ist, und das er nun den Typus der Pflanze nennt. Merkwürdig ist ja, wie Goethe bei seiner Reise in Italien glaubte, immer gründlicher und gründlicher in seinem Geiste das erwecken zu können, was man nun nicht an der Pflanze mit äußeren Sinnen wahrnehmen kann, sondern was sinnlich —- Goethe nennt es eine sinnlichübersinnliche Form - in der Pflanze lebt und was sich eben in verschiedenen Gestaltungen ausformt als Blatt, als Blumenblatt, als Staubgefäß und so weiter. Er nennt diesen Typus, der sinnlich-übersinnlich ist, auch die Idee der Pflanze. Und ich habe ja auch schon in früheren Zeiten hier davon gesprochen, was nach einem botanischen Vortrage, den der Jenenser Professor Batsch gehalten hat, zwischen Schiller und Goethe, die beide den Vortrag angehört hatten, gesprochen worden ist. Schiller hatte gefunden, das sei ja alles recht schön und gut, aber man habe kein Ganzes, es zerbröckele sich alles in lauter Einzelheiten, es sei keine Überschau da. Goethe nahm ein Blatt und zeichnete vor Schillers Augen eine ideelle Pflanze auf, eine Pflanze, die man nirgendswo äußerlich findet, von der er aber glaubte, daß sie für ihn als sinnlich-übersinnliche Form erfaßbar sei und in jeder Pflanze lebe, so daß jede Pflanze nur eine besondere Ausgestaltung dieser, wie er sagte, Urpflanze sei. Also etwas, was niemals da oder dort mit Augen zu finden ist, zeichnete Goethe auf. Schiller, der in solchen Dingen damals noch nicht ganz zu Hause war-es war iin den Anfängen der neunziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts —, konnte sich gar nicht zurechtfinden in dem, was da Goethe mit dieser Urpflanze wollte. Da sagte er: Ja, das ist eine Idee, es ist keine Anschauung; das nimmt man nirgends wahr! — Goethe wurde unwillig über diesen Einwand und sagte: Wenn das, was ich hier gezeichnet habe, eine Idee ist, so nehme ich meine Ideen mit Augen wahr! Nun, das war gewiß nach der anderen Seite wiederum etwas extrem ausgedrückt, etwas übertrieben. Aber Goethe fühlte, daß er nicht bloß eine abstrakte Idee aufgezeichnet habe, sondern etwas, was sich ihm mit einer solch inneren Notwendigkeit in der Seele ergab, wie sich für das Auge das einzelne Pflanzenleben ergibt, wenn das Auge eben den Blick auf die einzelne Pflanze richtet. Dieses Leben mit dem Sinnlich-Übersinnlichen, wie er es nannte, das war für Goethe eine Wirklichkeit, das war für Goethe eine Realität.
[ 2 ] In particular, it seems to me that Goethe’s worldview contains the most significant initial seeds of a spiritual science, and that, fundamentally speaking, if one truly penetrates Goethe’s worldview, there can be no doubt that within this Goethean view of the world there truly lies something like a seed from which a spiritual science can develop. Certainly, people believed they understood Goethe particularly well in the course of the nineteenth century. They also made a sincere effort to do so. But what exists in him as the most significant seeds of a spiritual-scientific view of the world, one actually gains only when one does not merely attempt to direct the soul’s gaze directly toward what Goethe himself produced, but when one tries to fully immerse oneself in the way he thought, in the way he viewed things—when, so to speak, one seeks not merely to be his observer but to become someone who lives his life anew. It is well known—and I have also drawn attention to this frequently in these lectures—how Goethe rose to a profound view of nature, let us say, first of all, in his reflections on the metamorphosis of plants. What did he intend with this metamorphosis of plants? Well, he first wanted to show that what lives as a plant being in roots, leaves, petals, and fruit consists of individual parts, but in such a way that these individual parts emerge from one another and are transformations of one another. He sought to gain a comprehensive understanding of the plant organism, for example, by attempting to show that what we perceive as a colored flower petal is, from a certain point of view, essentially the same as the green plant leaf—only a metamorphosed, transformed plant leaf. And in turn, the delicate organs we find in the flower—which we refer to as stamens—and so on, all the way up to the fruit, are transformed flower petals. For Goethe, everything in the plant arises through the leaf, as it were, transforming itself both backward and forward. The entire plant becomes a leaf to him, but a leaf that takes on various forms. Through this, the spiritual contemplation in Goethe’s sense—I would say, the intense focus on the individual part of the plant—rises to a whole of the plant, but a whole that is spiritual, and which he now calls the “type” of the plant. It is indeed remarkable how, during his travels in Italy, Goethe believed he could awaken ever more deeply within his spirit that which cannot be perceived in the plant through the external senses, but which lives in the plant in a sensuous-supersensuous way—Goethe calls it a “sensuous-supersensuous form”—and which takes shape in various forms as a leaf, a petal, a stamen, and so on. He also calls this type—which is sensually-supersensual—the “idea of the plant.” And I have, in fact, spoken here before about what was said between Schiller and Goethe—who had both attended the lecture—following a botanical lecture given by Professor Batsch of Jena. Schiller had found that while all of this was well and good, there was no overarching whole; everything crumbled into mere details, and there was no overarching perspective. Goethe took a sheet of paper and, right before Schiller’s eyes, sketched an ideal plant—a plant that cannot be found anywhere in the external world, but which he believed he could grasp as a sensory-supersensory form and which lived within every plant, so that every plant was merely a particular manifestation of this, as he put it, “primordial plant.” So Goethe sketched something that can never be found here or there with the eyes. Schiller, who was not yet entirely at home with such matters at that time—it was in the early 1790s—could not make sense of what Goethe was trying to convey with this “primordial plant.” So he said: “Yes, that is an idea; it is not a perception; one cannot perceive that anywhere!”—Goethe took offense at this objection and said: “If what I have described here is an idea, then I perceive my ideas with my eyes!” Well, that was certainly, from the other side of the coin, expressed somewhat extremely, somewhat exaggeratedly. But Goethe felt that he had not merely sketched an abstract idea, but something that arose within his soul with such inner necessity as the individual life of a plant presents itself to the eye when the eye focuses on that individual plant. This life of the “sensible-supersensible,” as he called it, was a reality for Goethe; it was a reality for Goethe.
[ 3 ] Nun setzte Goethe solche Betrachtungen mit Eifer und mit wirklicher Anstrengung fort. Wer Goethes Bestrebungen studiert hat, weiß, daß er alle möglichen Beobachtungen mit wirklicher wissenschaftlicher Anstrengung, zusammen mit den Jenenser Professoren, namentlich mit Loder, gemacht hat. Goethe setzte mit Eifer die Bestrebungen fort, um zu irgend etwas zu gelangen, das ihm für das ganze Reich der Lebewesen eine ähnliche Betrachtungsweise rechtfertigen könnte. Und es ist ja bekannt — man braucht es in Goethes naturwissenschaftlichen Schriften nur nachzulesen —, wie er dann versucht hat, auch für die Formen des Menschlichen und Tierischen herauszufinden, wie die verschiedenen Organe im Grunde genommen nur Umwandlungen einer Grundform des Organes sind. Und wie gesagt, man kann es in Goethes naturwissenschaftlichen Schriften nachlesen, wie er gewissermaßen durch einen Geistesblitz, der aber vorbereitet war durch seine sorgfältigen anatomischen Studien, bei seiner zweiten italienischen Reise einen glücklich geborstenen Tierschädel fand und sich ihm daran enthüllte, wie die Knochen des Kopfes in ihrer Schaligkeit nur umgewandelt sind und wie ihre Urform dasjenige ist, was wir in der Wirbelsäule des Rückens als Wirbelknochen übereinander gelagert finden. Ein solcher Wirbelknochen, wovon 30 bis 33 übereinander gereiht sind, in der entsprechenden Weise umgewandelt, gewissermaßen von seinen inneren Triebkräften - verzeihen Sie den trivialen Ausdruck — aufgeplustert, innerlich ausgestaltet, gibt gewisse Glieder der Schädelhülle, so daß die Schädelhülle für Goethe sich als umgewandelter Wirbelknochen darstellt.
[ 3 ] Goethe then pursued such reflections with zeal and genuine effort. Anyone who has studied Goethe’s endeavors knows that he made all manner of observations with genuine scientific rigor, together with the professors at Jena, notably Loder. Goethe zealously pursued these endeavors in order to arrive at something that might justify a similar approach for the entire realm of living beings. And it is well known—one need only read Goethe’s scientific writings to see—how he then attempted to determine, even for human and animal forms, that the various organs are, in essence, merely transformations of a basic organ form. And as I said, one can read in Goethe’s scientific writings how, in a sense through a flash of insight—which was, however, prepared by his careful anatomical studies— during his second trip to Italy, he found an animal skull that had been happily cracked open, and it revealed to him how the bones of the head are merely transformed in their shell-like structure and how their original form is what we find stacked one upon another in the spine as vertebrae. Such a vertebral bone—of which 30 to 33 are stacked one upon another—transformed in the corresponding manner, as it were, puffed up by its inner driving forces—forgive the trivial expression—and internally developed, gives rise to certain parts of the cranial shell, so that for Goethe the cranial shell appears as a transformed vertebral bone.
[ 4 ] Es ist mir wohlbekannt, in welcher Weise diese Goethesche Anschauungsart durch moderne Anschauungen umgestaltet ist. Darauf kommt es jetzt nicht an, sondern es kommt auf die Denkweise an, nicht auf die Einzelheiten. Nun kann man voraussetzen, daß Goethe vielleicht in dem Augenblicke, da ihm aufgegangen war: die Schädelknochen seien umgewandelte Wirbelknochen, da wirkt und treibt etwas im Wirbelknochen, was, während es im Wirbelknochen versteckt blieb, sich auftreibt, —- auf den Gedanken kam, daß auch das ganze Gehirn des Menschen umgewandelte Nervensubstanz sei, umgewandeltes Nervenglied, wie solche Nervenglieder nun im Rückenmark übereinander gegliedert sind. Das heißt, daß nicht nur die äußere Umhüllung des Rückenmarks und der Schädel sich als Umwandlungsformen aus einander darstellen, sondern daß das Gehirn sich selbst auf einer höheren Stufe als Umwandlung dessen zeige, was in der Rückenmark-Knochensäule drinnen als Nervenorgane, Ganglien, wenn man es so nennen will, übereinander gelagert ist. Dieser Gedanke lag dazumal nahe, als Goethe den anderen Gedanken mit einer für ihn absoluten Sicherheit gefaßt hatte. Aber er hat diesen Gedanken nicht ausgeführt, so daß man ihn zunächst nicht in seinen Schriften finden kann.
[ 4 ] I am well aware of how this Goethean perspective has been reshaped by modern views. That is not the point here; what matters is the way of thinking, not the details. Now one can assume that Goethe, perhaps at the very moment when it dawned on him that the skull bones were transformed vertebrae—that something is at work within the vertebrae, which, while remaining hidden within them, pushes upward— —- he might have come to the conclusion that the entire human brain, too, is transformed nervous substance, a transformed nerve segment, just as such nerve segments are now arranged one above the other in the spinal cord. This means that not only do the outer coverings of the spinal cord and the skull present themselves as transformed forms of one another, but that the brain itself appears, at a higher level, as a transformation of what is layered one upon another within the bony column of the spinal cord—namely, the nerve organs, or ganglia, if one wishes to call them that. This idea seemed obvious at the time when Goethe had grasped the other idea with what was for him absolute certainty. But he did not elaborate on this idea, so that it cannot be found in his writings at first glance.
[ 5 ] Ich darf vielleicht erwähnen, daß ich mich seit nun mehr als dreißig Jahren intensiv mit Goethes naturwissenschaftlichen Studien befaßt habe und daß mir von Anfang an klar war: der letzte Gedanke müsse sich bei Goethe an den ersten angereiht haben. Aber selbstverständlich würde es noch etwas Besonderes sein, wenn man nachweisen könnte, daß Goethe diesen Gedanken wirklich im Zusammenhang mit dem ersten gefaßt hat. Und als ich dann vom Jahre 1890 bis 1897 im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar arbeiten durfte, lag mir unter anderem selbstverständlich auch nahe, solchen Dingen nachzugehen, Und schon im Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, etwa im Jahre 1891 konnte ich ein Notizbuch aufschlagen, das Goethe in derselben Zeit geführt hat, in der er jene Entdeckung über die Wirbelnatur der Schädelknochen gemacht hat. Und in diesem Notizbuch findet sich eingetragen mit den markanten Goetheschen Bleistift-Buchstaben - das ist also ein Notizbuch, das Goethe sich 1790 in Venedig angelegt hatte -: «Das Hirn selbst ist nur ein großes Hauptganglion. Die Organisation des Gehirns wird in jedem Ganglion wiederholt, so daß jedes Ganglion als ein kleines subordiniertes Gehirn anzusehen ist.»
[ 5 ] I might mention that I have been intensively engaged with Goethe’s scientific studies for more than thirty years now, and that it was clear to me from the very beginning: Goethe’s final thought must have followed on from his first. But of course, it would be something special indeed if one could prove that Goethe actually conceived this thought in connection with the first. And when I was then able to work at the Goethe and Schiller Archive in Weimar from 1890 to 1897, it naturally occurred to me, among other things, to investigate such matters, And as early as the beginning of the 1890s, around 1891, I was able to open a notebook that Goethe had kept during the very same period in which he made that discovery about the spiral nature of the skull bones. And in this notebook—which Goethe had started in Venice in 1790—is an entry written in Goethe’s distinctive pencil handwriting: “The brain itself is merely a large central ganglion. The organization of the brain is repeated in every ganglion, so that each ganglion can be regarded as a small, subordinate brain.”
[ 6 ] Also das Gehirn, das ganze Gehirn ist nur dasjenige, was wir in jedem Gliede des Nervensystems finden, auf einer anderen Stufe der Entwickelung! Ich möchte heute Ihren Blick weniger auf diese Tatsache als solche hinlenken, sondern darauf, wie Goethes Geist veranlagt gewesen sein muß, um solches zu erkennen, um solche Zusammenhänge geltend zu machen in dem, was uns sinnlich-physisch in der tierischen, in der pflanzlichen, in der menschlichen Organisation umgibt. Was strebte denn Goethe da eigentlich an? Nun, wir sahen es ja. Er strebte an, zu dem, was die bloße Sinnesbeobachtung geben kann, ein Sinnlich-Übersinnliches zu finden, etwas, was nur im Geiste erfaßt werden kann, was aber ebenso eine Wirklichkeit ist, wie dasjenige, was mit Augen geschaut werden kann. So daß Goethe zu dem extremen Ausspruch kam: Dann sehe ich meine Idee mit Augen! — Er konnte ja natürlich nur die Augen der Seele meinen, denn mit äußeren Augen kann man nicht Ideen sehen.
[ 6 ] So the brain—the entire brain—is simply what we find in every part of the nervous system, at a different stage of development! Today I would like to draw your attention not so much to this fact as such, but rather to how Goethe’s mind must have been disposed to recognize such things, to establish such connections in what surrounds us sensually and physically in the animal, plant, and human organizations. What, then, was Goethe actually striving for? Well, we saw it, didn’t we? He sought to find, alongside what mere sensory observation can provide, a sensory-supersensory dimension—something that can be grasped only in the spirit, yet is just as much a reality as that which can be seen with the eyes. This led Goethe to the extreme statement: “Then I see my idea with my eyes!” — Of course, he could only have meant the eyes of the soul, for one cannot see ideas with the physical eyes.
[ 7 ] Um nun zu zeigen, wie in dem, was Goethe über die äußeren Zusammenhänge gedacht hat, dasjenige im Keim liegt, was Geisteswissenschaft heute zu sagen hat, muß ich nun gewissermaßen einen Sprung machen. Aber dieser Sprung wird dem naturgemäß erscheinen müssen, der versucht, allmählich in den Geist der Goetheschen Betrachtungsweise einzudringen. Wenn man nämlich weiterkommen will in dieser Betrachtungsweise, die Goethe aus seiner, ich möchte sagen, instinktiven Genialität heraus zunächst auf die äußere Form des Lebens angewendet hat, so ist dazu schon notwendig, daß die Seele des Menschen jene inneren Entwickelungen durchmacht, von denen ich nunmehr seit Jahren und besonders auch in diesem Winter wiederum gesprochen habe, die Sie, wie ich das letzte Mal erwähnt habe, in kurzem angedeutet finden können, geschildert auf ein paar Seiten in dem Aufsatz, den ich in der eben erschienenen Zeitschrift «Das Reich» niedergeschrieben habe, und der einiges zusammenzieht aus dem, was Sie in meinen Büchern «Geheimwissenschaft», « Theosophie», oder «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ausführlich geschildert finden. Ich möchte sagen: Es muß dasjenige, was die Seele zunächst fähig macht, durch das Werkzeug des physischen Organismus die Welt anzuschauen, heraufgehoben werden durch besondere Seelenverrichtungen, die ich heute nicht wieder schildern kann, die ich aber oftmals hier geschildert habe. Durch diese inneren Übungen, durch diese inneren Seelenverrichtungen, muß die Seele fähig gemacht werden, wirklich das SeelischGeistige als solches zu sehen, als solches wahrzunehmen. Dasjenige, was bei Goethe mehr instinktiv auftritt, in bewußter Weise zum Gegenstande der Betrachtungen machen, das ist das Aufsteigen von Sinneswissenschaft zu Geisteswissenschaft.
[ 7 ] To show how Goethe’s thoughts on external relationships contain, in embryonic form, what spiritual science has to say today, I must now, so to speak, take a leap. But this leap will seem natural to anyone who attempts to gradually penetrate the spirit of Goethe’s approach. For if one wishes to make progress in this mode of observation—which Goethe, out of what I would call his instinctive genius, initially applied to the outer form of life—it is already necessary for the human soul to undergo those inner developments of which I have been speaking for years now, and especially again this winter; as I mentioned last time, you can find a brief outline of these described on a few pages in the essay I wrote for the recently published journal *Das Reich*, which summarizes some of what you will find described in detail in my books *The Secret Science*, *Theosophy*, or *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. I would like to say: That which initially enables the soul to perceive the world through the instrument of the physical organism must be elevated through specific soul exercises, which I cannot describe again today, but which I have often described here. Through these inner exercises, through these inner soul activities, the soul must be enabled to truly see the soul-spiritual as such, to perceive it as such. To make that which occurs more instinctively in Goethe the conscious object of contemplation—that is the ascent from sensory science to spiritual science.
[ 8 ] Nun habe ich geschildert — und wie gesagt, in den genannten Schriften und Aufsätzen können Sie das nachlesen —, wie es die Seele durch gewisse innere Seelenverrichtungen, die sie mit sich selber vornimmt, in ihrem intimsten inneren Erleben wirklich dazu bringt, allmählich Erfahrungen, Erlebnisse zu haben, die ganz anderer Art sind als die Erlebnisse, die man im gewöhnlichen Leben durch das Instrument des Leibes hat; wie die Seele dazu kommt, indem sie sich eben innerlich Anstöße gibt, die sie sich sonst im äußeren Leben nicht gibt, ein inneres Element wirklich so loszulösen von dem Leiblichen, wie - um das vorgestern Gesagte noch einmal zu wiederholen — der Sauerstoff aus dem Wasserstoff in dem bekannten chemischen Experiment herausgelöst wird. Durch solche Seelenübungen gelangt die Seele dazu, sich rein im Seelenelement selber zu erleben, das Seelische abgesondert von dem Leiblichen zu betrachten. Da man nicht immer wieder alles beweisen kann, so möchte ich darauf hinweisen eben, daß ich heute dies nur wie das Resultat voriger Vorträge geben werde, daß ich ja aber vieles über diese Loslösung des Seelischen aus dem Leiblichen gesagt habe.
[ 8 ] Now I have described—and as I said, you can read about this in the aforementioned writings and essays—how, through certain inner mental processes that it carries out within itself, the soul truly brings about, in its most intimate inner experience, gradual experiences, experiences that are of a completely different nature than the experiences one has in ordinary life through the instrument of the body; how the soul, by giving itself inner impulses that it would not otherwise give in external life, comes to truly detach an inner element from the physical, just as—to repeat what I said the day before yesterday—oxygen is separated from hydrogen in the well-known chemical experiment. Through such exercises of the soul, the soul comes to experience itself purely within the soul element itself, to observe the soul separate from the physical. Since one cannot prove everything over and over again, I would like to point out that today I will present this merely as the result of previous lectures, but that I have indeed said a great deal about this detachment of the soul from the physical.
[ 9 ] Indem nun der Mensch dazu gelangt, das Geistig-Seelische als solches wahrzunehmen, losgelöst von dem Leiblichen, wird ihm das Leibliche etwas anderes und das Seelisch-Geistige auch etwas anderes. So wie nicht mehr Wasser da ist, sondern Sauerstoff und Wasserstoff, wenn man das Wasser im chemischen Experiment zerlegt, so wird das Leibliche ein anderes, es wird das Geistige ein anderes, selbstverständlich nur vor der inneren Betrachtung. Dann aber, wenn sich die Seele also befruchtet durch solche wirkliche, nun innere Geist-Seelen-Anschauungen, dann kommt man allmählich dazu, auch die äußere Welt wiederum ganz anders anzusehen als vorher. Denn diese äußere Welt ist ja wiederum allüberall vom Geistigen durchdrungen. Und dann wird, ich möchte sagen, die ganze Goethesche Metamorphosen-Lehre viel intensiver, viel in sich gesättigter. Wer zunächst durch das Instrument des äußeren Leibes nur die äußere Sinnenwelt und ihren Verlauf anschaut, der sieht ja nur das, was sich im materiellen Dasein ausdrückt. Er kann ahnen, daß durch das materielle Dasein der Geist sich offenbart. Aber den Geist selber, wie er waltet und webt in dem Materiellen, den kann man erst sehen, wenn diejenigen Kräfte der Seele ausgebildet sind, von denen ich in den früheren Vorträgen gesprochen habe. Dann aber erscheinen einem auch diejenigen Organe, die man mit physischen Augen an dem Menschen und auch an den anderen Lebewesen sieht, in einem ganz anderen Lichte. Und dann erweitert sich dasjenige, was in Goethes Naturwissenschaft veranlagt ist, in einer großartigen Weise. Dann lernt man, eigentlich nur durch eine gradlinige Fortsetzung desjenigen, was in Goethes Ideen veranlagt ist, erkennen, wie uns das ganze menschliche Haupt entgegentritt als der Ausdruck desjenigen, was der Mensch eigentlich von innen heraus in der Welt ist. Dieses ganze menschliche Haupt erscheint einem als ein kompliziertes Umwandlungsprodukt von etwas anderem. Wir wissen — durch eine schon ganz äußerliche Betrachtung am Skelett kann man sich das am besten klar machen -, daß der Mensch ja sichtlich aus zwei Teilen besteht: aus seinem Haupte und aus dem übrigen Organismus, der im Skelett sogar nur durch kleine Bindeglieder mit dem Haupte verbunden ist. So daß wir den Menschen wirklich teilen können in den Hauptes-Teil und in den übrigen körperlichen Organismus, wenn wir ihn rein äußerlich-leiblich anschauen. Und nun kommt man darauf, wenn man, wie gesagt, seine Anschauungen befruchtet durch die innere Schauung, daß das ganze Haupt auf komplizierte Weise eine Umbildung des übrigen Organismus ist. Auf einer anderen Entwickelungsstufe ist der übrige Organismus in einer entsprechenden Art etwas Ähnliches wie das Haupt, wie der Wirbelknochen der Rückenmark-Säule etwas Ähnliches ist wie der Schädelknochen. Das ganze menschliche Haupt ist umgewandelt aus dem menschlichen übrigen Organismus. Und den Gedanken bekommt man klar, daß dieses menschliche Haupt gewissermaßen wie der übrige Organismus ist, der die Bildungskräfte, die in ihm sind, weitergetrieben hat. Der übrige Organismus ist auf einer bestimmten Stufe stehengeblieben; es sind festgehalten die Bildungsgesetze auf einer bestimmten Stufe. Im Haupte sind sie weitergetrieben, sind weiter in die Form hinein verarbeitet, sind weiter in die Plastik ausgegossen, möchte ich sagen. Das ganze menschliche Haupt — umgewandelt der übrige Mensch, äußerlich-leiblich genommen!
[ 9 ] As the human being comes to perceive the spiritual-soul aspect as such, detached from the physical, the physical becomes something different to him, and the spiritual-soul aspect also becomes something different. Just as water is no longer simply water—but rather oxygen and hydrogen—when it is broken down in a chemical experiment, so the physical aspect becomes something different, and the spiritual-psychic aspect becomes something different as well—though, of course, only in inner contemplation. But then, when the soul is thus enriched by such genuine, now inner spiritual-soul perceptions, one gradually comes to view the outer world, too, in a completely different way than before. For this outer world, after all, is in turn permeated everywhere by the spiritual. And then, I would say, Goethe’s entire doctrine of metamorphosis becomes much more intense, much more self-contained. Anyone who initially observes only the external sensory world and its course through the instrument of the external body sees only what is expressed in material existence. They may sense that the spirit reveals itself through material existence. But the Spirit itself—how it reigns and weaves within the material—can only be seen once those forces of the soul have been developed, the ones I spoke of in earlier lectures. Then, however, even those organs that one sees with physical eyes in human beings and also in other living beings appear in a completely different light. And then what is inherent in Goethe’s natural science expands in a magnificent way. Then, simply by following a direct continuation of what is inherent in Goethe’s ideas, one learns to recognize how the entire human head presents itself to us as the expression of what the human being actually is in the world from within. This entire human head appears to us as a complex product of transformation from something else. We know—and this can best be understood through a purely external observation of the skeleton—that the human being visibly consists of two parts: the head and the rest of the organism, which is connected to the head in the skeleton by nothing more than small joints. So that we can truly divide the human being into the head and the rest of the physical organism when we view him purely from an external, physical perspective. And now, when—as I said—one enriches one’s observations with inner insight, one comes to realize that the entire head is, in a complex way, a transformation of the rest of the organism. At a different stage of development, the rest of the organism is, in a corresponding way, something similar to the head, just as the vertebrae of the spinal column are similar to the skull. The entire human head is transformed from the rest of the human organism. And one clearly grasps the idea that this human head is, in a sense, like the rest of the organism, which has driven the formative forces within it further. The rest of the organism has come to a standstill at a certain stage; the laws of formation are fixed at a certain stage. In the head, they have been further developed, further worked into the form, further molded, so to speak. The entire human head—the rest of the human being transformed, taken in its external, physical form!
[ 10 ] Ich müßte lange sprechen, wenn ich auf Einzelheiten in dieser Beziehung eingehen würde. Aber wenn man hier durch Wochen hindurch einen anatomisch-physiologischen Kursus halten könnte und auf die einzelnen Organe eingehen würde, die sich im Haupte und im anderen menschlichen Organismus finden, so würde man bis ins Einzelnste hinein im strengsten Sinne naturwissenschaftlich nachweisen können, wie der Grundgedanke, den ich jetzt nur andeuten kann, absolut zu belegen ist. Nun muß man aber, um sich gewissermaßen einer Erkenntnis des ganzen, vollen Menschen anzunähern, die ganze Bedeutung dessen, was also erkannt ist, ins Auge fassen, die ganze, volle Bedeutung. Wir haben ja dann im Menschen, so wie er vor uns leibt, im Grunde genommen ein Doppeltes vor uns: Wir haben sein Haupt vor uns auf einer ganz anderen Entwickelungs“und Bildungsstufe als der übrige Organismus, und wir haben den übrigen Organismus vor uns, von dem wir sagen können: In ihm liegen Bildungskräfte, die nur auf einer früheren Stufe festgehalten sind, würden sie ausgestaltet, so würden sie zum Haupte werden können, Ebenso können wir sagen: Wenn das Haupt heute seine Bildungskräfte nicht vollständig ausgestaltet, sondern sie auf einer früheren Stufe gelassen hätte, so würde es nicht Haupt geworden sein, sondern es würde sich in einer äußeren Form als der übrige Organismus darleben.
[ 10 ] It would take me a long time to go into the details on this subject. But if one could hold a course in anatomy and physiology here for weeks on end and examine the individual organs found in the head and in the rest of the human organism, one would be able to demonstrate, down to the finest detail and in the strictest scientific sense, how the fundamental idea—which I can only hint at now—can be absolutely substantiated. Now, however, in order to approach, so to speak, an understanding of the whole, complete human being, one must take into account the full significance of what has thus been recognized—the whole, complete significance. After all, when we look at the human being as he stands before us, we are essentially faced with a duality: we see his head, which is at a completely different stage of development and formation than the rest of the organism, and we see the rest of the organism, of which we can say: “It contains formative forces that are merely held back at an earlier stage; were they to be fully developed, they could become the head.” Likewise, we can say: If the head had not fully developed its formative forces today but had left them at an earlier stage, it would not have become the head, but would have manifested itself in an external form as the rest of the organism.
[ 11 ] Einen weiteren Einblick in diese Verhältnisse gewinnen wir, wenn wir nunmehr das Seelische des Menschen betrachten. Und dieses Seelische des Menschen kann nur dann betrachtet werden, wenn man wirklich von der gewöhnlichen menschlichen Erkenntnis aufsteigt zu dem, was ich vorhin gemeint habe und heute nur andeutungsweise schildern kann, mit der höheren Erkenntnis, mit der inneren, übersinnlichen Schauung. Sie wissen ja, es gibt auch eine sogenannte Psychologie, eine Seelenwissenschaft. Und insbesondere in unserer heutigen Zeit will diese Seelenwissenschaft durch ganz dieselbe Betrachtungsweise entstehen, die man in der äußeren Naturwissenschaft anwendet. Leute, die noch etwas von früherer Betrachtungsweise des Seelischen in sich hatten und dennoch den durchaus berechtigten Ansprüchen der modernen Naturwissenschaft voll Rechnung tragen wollten, versuchten, das Seelenleben des Menschen, wie es sich darlebt, zu durchschauen. Ein wirklich bedeutender Seelenforscher, der noch etwas von einer jetzt scheinbar überwundenen älteren Seelenwissenschaft in sich hatte und der modernen Naturwissenschaft voll Rechnung tragen wollte, ist Franz Brentano. Allein, er konnte sich in seiner «Psychologie», die 1874 erschienen ist, auch zu nichts anderem erheben, als dazu, dasjenige, was in der Seele lebt, einzuteilen. Man teilt ja gewöhnlich dieses Seelenleben in Denken, Fühlen und Wollen ein. Brentano teilt es etwas anders ein. Franz Brentano ist eben ein solcher Seelenbetrachter, der sich nicht erheben kann zu einer geistigen Schauung, sondern der die Betrachtungsweise, die man sonst nur für die äußere Natur, für die Sinnesanschauung hat, auf das Seelenleben anwenden will. Er kommt nur zu einer Einteilung. Goethe sucht schon in der äußeren Natur nicht zu einer bloßen Einteilung zu kommen, zu dem, was man eine Systematik nennt, sondern er sucht zu einer Metamorphose zu kommen, er versucht, die Umwandlung darzulegen, und dadurch gewissermaßen dasjenige, was übersinnlich lebt, in seiner verschiedenen Form-Umgestaltung zu verfolgen und eine Einheit der Überschau in dem Ganzen zu haben. Brentano, der Psychologe, zerlegt auch das Seelenleben und kommt wiederum mit den einzelnen Seelenerscheinungen nicht zurecht. Man muß wirklich sagen: Es ist eine harte Nuß, die man zu knacken hat, wenn man gerade die Psychologie der Gegenwart, wie sie sich insbesondere im neunzehnten Jahrhundert entwickelt hat, mit dem Blick des Seelenforschers, der aber geschult ist auf die Weise, wie ich es ja oftmals hier geschildert habe, durchblickt. Da findet man diese Ohnmacht, zu etwas anderem zu kommen als zu bloßen Einteilungen: Denken, Fühlen und Wollen.
[ 11 ] We gain further insight into these circumstances when we now turn our attention to the human soul. And this human soul can only be understood if one truly rises above ordinary human knowledge to what I referred to earlier—and can only describe in broad terms today—through higher knowledge, through inner, supersensory insight. As you know, there is also what is called psychology, a science of the soul. And especially in our time, this science of the soul seeks to emerge through the very same approach used in the external natural sciences. People who still retained something of the earlier approach to the soul within themselves, yet wished to give full consideration to the entirely legitimate demands of modern natural science, attempted to fathom the human soul life as it unfolds. A truly significant researcher of the soul—who still retained something of an older science of the soul that now seems to have been overcome, and who wanted to give full consideration to modern natural science—is Franz Brentano. However, in his *Psychology*, published in 1874, he was unable to rise to anything more than classifying what lives within the soul. One usually classifies this inner life into thinking, feeling, and willing. Brentano classifies it somewhat differently. Franz Brentano is precisely the kind of observer of the soul who cannot rise to a spiritual vision, but who seeks to apply to the inner life the mode of observation that is otherwise reserved only for external nature, for sensory perception. He arrives only at a classification. Even in external nature, Goethe does not seek to arrive at a mere classification—what is called a “system”—but rather seeks to arrive at a metamorphosis; he attempts to elucidate the transformation and, in doing so, to trace—as it were—that which lives supersensually in its various formal transformations and to attain a unity of overarching insight in the whole. Brentano, the psychologist, also breaks down the life of the soul and, in turn, is unable to make sense of the individual phenomena of the soul. One really must say: It is a tough nut to crack when one examines contemporary psychology—as it developed particularly in the nineteenth century—through the eyes of a researcher of the soul who is trained in the manner I have often described here. There one encounters this inability to arrive at anything other than mere categorizations: thinking, feeling, and willing.
[ 12 ] Dasjenige, was Goethe schon durchleuchten lassen will durch alles Materielle, das lebt, diese Umformung und Umwandlung, dieses Leben, nun nicht in einer unbeweglichen Anschauung, die Ding neben Ding stellt und einteilt, sondern in einem Beweglichen, in einem Lebendigen, Dieses Leben in einer solchen Anschauung muß insbesondere auf das Seelenleben angewendet werden, wenn man das Seelenleben wirklich erfassen will. Man kann nicht einfach das Denken, das Fühlen, das Wollen ins Auge fassen. Das ist ganz unmöglich, da kommt man eben nur zu der Einteilung in Denken, Fühlen und Wollen. Aber wenn man mit dem geistesforscherisch geschärften Blicke das Seelenleben nach Denken, Fühlen und Wollen untersucht, dann findet man darin gerade in einer viel intensiveren Art Metamorphose, Umwandlung als in dem, was durch die äußere Form der lebendigen Natur leuchtet. Man ergreift gewissermaßen die Umwandlung selber.
[ 12 ] What Goethe already seeks to shed light on through all material things that are alive—this transformation and metamorphosis, this life—not in a static conception that places things side by side and categorizes them, but in a dynamic, living reality. This conception of life must be applied in particular to the life of the soul if one truly wishes to grasp it. One cannot simply take thinking, feeling, and willing into account. That is entirely impossible; one ends up merely categorizing them into thinking, feeling, and willing. But when one examines the life of the soul—thinking, feeling, and willing—with a gaze sharpened by spiritual research, one finds within it a much more intense form of metamorphosis and transformation than in what shines through the outer form of living nature. One grasps, as it were, the transformation itself.
[ 13 ] Kann man denn den Gedanken in seiner Wesenheit erkennen, wenn man ihn nur als Gedanken erfaßt? Nein, das kann man eben nicht! Das zeigt sich gerade der geistigen Schauung. Der Gedanke verwandelt sich in der Seele selber ins Fühlen, und das Fühlen wiederum in den Willen. Und man muß die Metamorphose von Denken, Fühlen und Wollen in der inneren Beweglichkeit lebendig erfassen können, dann erfaßt man das Seelische. Das kann man nur, wenn man das Seelische losgetrennt hat von dem LeiblichPhysischen. Und da merkt man dann in unmittelbar innerem Erkenntniserleben, was geschieht, wenn wir einen Gedanken haben und ihn vergleichen mit einem Gefühl, Gefühle wieder vergleichen mit dem Willen. Wir kommen dazu, im innerlichen Erleben jeden Gedanken in uns anzuschauen, entstanden dadurch, daß das Gefühl sich umgewandelt hat. Jeder Gedanke ist ein umgewandeltes Gefühl, und zwar muß man, wenn man das innerlich anschauen will, jedesmal im Gedanken das nicht vollständige, aber halbe Ersterben des Gefühles wahrnehmen. Das Gedankenleben ist ein erstorbenes Gefühlsleben. Im Gedanken lebt, ich möchte sagen, der Rest des Gefühlslebens. Umgewandeltes Gefühlsleben ist das Gedankenleben, aber so, daß das Gefühlsleben gewissermaßen aus einem lebendigen Zustand, von dem man innerlich erfaßt sein kann, übergeht in einen mehr erstorbenen Zustand.
[ 13 ] Can one truly recognize the essence of a thought if one perceives it merely as a thought? No, one simply cannot! This becomes evident precisely through spiritual contemplation. Within the soul itself, the thought transforms into feeling, and the feeling, in turn, into the will. And one must be able to grasp the metamorphosis of thinking, feeling, and willing vividly in one’s inner dynamism; only then does one grasp the soul. This is possible only when one has separated the soul from the physical body. And then, in an immediate inner experience of insight, one perceives what happens when we have a thought and compare it to a feeling, and in turn compare feelings to the will. We come to observe, in inner experience, every thought within us that has arisen through the transformation of feeling. Every thought is a transformed feeling; and indeed, if one wishes to observe this inwardly, one must perceive in every thought the incomplete—but partial—fading of the feeling. Thought life is an emotional life that has died off. In thought, I would say, the remnant of emotional life lives on. Thought life is transformed emotional life, but in such a way that emotional life, so to speak, transitions from a living state—one that can be inwardly grasped—into a more lifeless state.
[ 14 ] Wenn man das so ausspricht, hört es sich eben abstrakt an. Wenn man es aber mit der Seelenschau innerlich lebendig durchlebt, wenn man wirklich all dasjenige durchlebt, was seine Gefühle in einen Gedanken übergehen läßt, zum Beispiel, wenn man lebendig etwas gefühlt hat in der Gegenwart und dieses Gefühl später nur durch einen Erinnerungsgedanken sich vergegenwärtigt und nun den Weg verfolgt, wie das Gefühl Gedanke geworden ist, dann erlebt man etwas so Intensives innerlich, wie man etwa erlebt, ‚wenn man mit einem ursprünglichen, gesunden Familiengefühl ein Familienglied vom Leben zum Tode übergehen sieht. Es wird schon im inneren Seelenleben dieses Seelenleben selber, wenn man es erkennen will, mit intensiver innerer Lebendigkeit, mit intensivem innerem Anteil durchdrungen. Und es darf niemand glauben, daß der Aufstieg von der äußeren Naturbetrachtung zu dem, was man Betrachtung des Seelenlebens nennt, nur etwas Abstraktes sei oder nur dasjenige sei, was man oftmals als konfuse Mystik anspricht, die meistens nur darin besteht, daß man aus einem dunklen Gefühl heraus eine Weltanschauung aufbaut; sondern wahre Seelenwissenschaft entsteht durch inneres Erleben der Metamorphose der Seelentatsachen,
[ 14 ] When you put it that way, it just sounds abstract. But when you experience it vividly from within through soul-gazing—when you truly live through everything that causes your feelings to transform into a thought—for example, when you have felt something vividly in the present moment and later recall that feeling through a memory, and then trace the path by which that feeling became a thought—then you experience something as intense inwardly as, for instance, ‘when, with a primal, healthy sense of family, one sees a family member pass from life to death. In the inner life of the soul itself—if one is willing to recognize it—this soul life is already permeated with intense inner vitality and deep inner involvement. And no one should believe that the ascent from the observation of external nature to what is called the observation of the life of the soul is merely something abstract, or merely what is often referred to as confused mysticism—which usually consists only in constructing a worldview out of a vague feeling; but true science of the soul arises through the inner experience of the metamorphosis of the realities of the soul,
[ 15 ] Aber auch der Gedanke kann wieder erweckt werden zum Gefühl, und er kann sich umgestalten in den Willen. Wenn man zuschaut in der Weise, wie es auch hier öfter angedeutet worden ist, wie ein Gedanke uns erfaßt als ein Ideal und dann uns durchpulst und sich mit Enthusiasmus seelisch durchdringt, so daß er Wille wird, dann erlebt man, ich möchte sagen, eine Geburt, wenn man das betreffende Erlebnis ins seelische Beobachten herauf erhoben hat. Dieses innere seelische Erleben, das ist dasjenige, was sich ergibt als eine Folge der Übungen, die zum Beispiel in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert worden sind. Dadurch aber wird, wie Sie sehen, ein inneres Seelenleben erschlossen, das ja hinter dem gewöhnlichen Seelenleben liegt. Das gewöhnliche Seelenleben verläuft in Denken, Fühlen und Wollen getrennt. Aber dieses Seelenleben, das ich eben geschildert habe, liegt hinter dem gewöhnlich der äußeren Sinnenwelt zugewendeten Denken, Fühlen und Wollen. Es ist nicht etwas, was der Geistesforscher etwa erst schafft; es ist etwas, was er nur innerhalb des gewöhnlichen Denkens, Fühlens und Wollens erlebt, worauf er nur kommt. Er schafft es ebensowenig, wie jemand, der von draußen hereinkommt und den Tisch hier sieht, nun den Tisch schafft, obwohl er sein Bild schafft, indem er hereintritt und den Tisch anschaut. So schafft der Geistesforscher das Bild des Seelenlebens, das hinter dem gewöhnlichen Seelenleben liegt; aber dieses Seelenleben ist in jeder Menschenseele vorhanden. Es liegt, wenn man so sagen möchte, unter der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins, das der Außenwelt oder überhaupt dem sinnlichen Erfassen zugewendet ist.
[ 15 ] But a thought, too, can be reawakened as a feeling, and it can be transformed into will. If one observes—as has often been suggested here—how a thought seizes us as an ideal and then pulses through us, permeating our soul with enthusiasm until it becomes will, then one experiences, I would say, a birth, once one has elevated that experience to the level of soulful observation. This inner soul experience is what arises as a result of the exercises described, for example, in my book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds*. Through this, however, as you can see, an inner soul life is opened up that lies behind ordinary soul life. Ordinary soul life proceeds with thinking, feeling, and willing as separate processes. But this inner life of the soul, which I have just described, lies behind the thinking, feeling, and willing that are usually directed toward the outer sensory world. It is not something that the spiritual researcher creates from scratch; it is something he merely experiences within ordinary thinking, feeling, and willing—something he simply arrives at. He does not create it any more than someone who enters from outside and sees the table here creates the table, even though he creates an image of it by entering and looking at the table. In the same way, the spiritual researcher creates the image of the soul life that lies behind ordinary soul life; but this soul life is present in every human soul. It lies, so to speak, beneath the threshold of ordinary consciousness, which is directed toward the external world or, indeed, toward sensory perception in general.
[ 16 ] Ich möchte sagen, es sind auch Ansätze dazu vorhanden, dieses Seelenleben zu finden. Gerade in der Geistesentwickelung des neunzehnten Jahrhunderts sind solche Ansätze vorhanden. Solche Ansätze haben, weil ja eine Sehnsucht nach der Erkenntnis des Seelischen in allen Menschen ist, die Menschen sogar in weitesten Kreisen ergriffen. Einen von diesen Ansätzen haben wir in dem Begriff, den Eduard von Hartmann nicht gerade aufgebracht, aber verarbeitet hat, in dem Begriff des unbewußten Seelenlebens. Er leitete ja alles bewußte Seelenleben aus einem unbewußten Seelenleben her. Aber es steht eben doch schief um dieses Hartmannsche Unbewußte, aus dem Grunde, weil es ja nur negativ charakterisiert ist. Wenn man sagt: Was dem Bewußten zu Grunde liegt, ist ein Unbewußstes, so sagt man nicht mehr, als: alles, was hier außerhalb dieses Tisches ist, ist Nicht-Tisch, ist eben Untisch. Nun, wenn ich alles dasjenige, was hier sitzt und steht, als Nicht-Tisch, als Untisch, bezeichne, so habe ich noch nichts Besonderes gesagt. Es kann auch gar nicht anders als negativ bezeichnet werden, wenn man innerhalb des bewußten Seelenlebens mit der Erkenntnis stehen bleibt. Und das will jaEduard von Hartmann. Man muß das Seelenleben innerlich befruchten, wie dies hier oftmals geschildert worden ist, und es muß dieses gewöhnliche Seelenleben hinabsteigen zu dem anderen, so daß jenes unterbewußte, unbewußte Seelenleben erfaßt wird durch ein erweitertes Bewußtsein, durch ein anderes Bewußtsein, als das gewöhnliche Bewußtsein ist, das der Sinneswelt zugewendet ist.
[ 16 ] I would like to say that there are also approaches to discovering this inner life of the soul. Such approaches are particularly evident in the spiritual development of the nineteenth century. Because there is a longing for knowledge of the soul in all human beings, these approaches have captivated people even in the broadest circles. One such approach is found in the concept—which Eduard von Hartmann did not exactly introduce, but rather elaborated upon—of the unconscious life of the soul. He derived all conscious life of the soul from an unconscious life of the soul. But there is indeed something amiss with this Hartmannian unconscious, precisely because it is characterized only in negative terms. When one says, “What underlies the conscious is the unconscious,” one is saying nothing more than: everything that is here outside of this table is not-table, is simply anti-table. Now, if I describe everything that is sitting and standing here as “not-table,” as “anti-table,” I have not yet said anything specific. It cannot be described in any other way than negatively if one remains within the realm of conscious soul life. And that is precisely what Eduard von Hartmann wants. One must internally enrich the life of the soul, as has often been described here, and this ordinary life of the soul must descend into the other, so that the subconscious and unconscious life of the soul is grasped by an expanded consciousness—a consciousness different from the ordinary consciousness that is directed toward the sensory world.
[ 17 ] Sie sehen, es wird also durch Geistesschau ein Seelenleben ergriffen. Dieses Seelenleben nun, das da ergriffen ist, das unmittelbar in der Geistesschau erscheint — was ist es denn anderes als dasjenige, was innerlich im Menschen wirkt und wovon man sich doch vorstellen muß, daß die äußere Leiblichkeit irgendwie sein Ausdruck, seine Offenbarung ist? Aber so, wie wir unser gewöhnliches bewußtes Seelenleben haben, so liegt gerade sein Vorzug darinnen, daß dieses bewußte Seelenleben nicht unmittelbar auf den Leib wirkt. Denken Sie sich nur einmal, wenn das bewußte Seelenleben auf den Leib wirken würde - ja, es ist wirklich nicht übertrieben, wenn ich das Folgende darstelle. Nehmen wir an, wir sehen die Hand eines fremden Menschen, wir wollten ihre Form auffassen. Würde uns diese Form nun nicht als bloße Idee erscheinen, sondern uns durchdringen, ganz wirklich innerlich lebendig werden, dann müßte unsere Hand sich metamorphosieren und selber so werden, wie die Hand des anderen Menschen ist. Wir müßten ganz aufgehen können, innerlich lebendig machen dasjenige, was wir nur in abstrakten Begriffen uns veranschaulichen. Und wenn wir einem ganzen, vollen Menschen gegenüberstünden und dieser einen so starken Eindruck auf uns machen würde, daß der Eindruck für uns nicht bloß in einer abstrakten Idee vorhanden wäre, so würden wir selber die Form dieses Menschen annehmen müssen. Also dasjenige, was als gewöhnliches bewußtes Seelenleben wirkt, würde gar nicht seine Aufgabe in der Welt erfüllen, wenn es nicht so weit abgesondert wäre von unserem Leibesleben, daß es nicht eingreift in das Leibesleben und dieses sich selbständig entwickeln kann.
[ 17 ] You see, a soul life is thus grasped through spiritual vision. Now, this soul life that is grasped there, that appears directly in spiritual vision—what else is it but that which works inwardly within the human being, and of which one must surely imagine that the outer physical body is somehow its expression, its manifestation? But just as we experience our ordinary conscious soul life, its very advantage lies in the fact that this conscious soul life does not act directly upon the body. Just imagine for a moment if the conscious soul life were to act upon the body—indeed, it is really no exaggeration when I describe what follows. Let’s suppose we see the hand of a stranger and want to grasp its form. If this form were not to appear to us as a mere idea, but were to penetrate us, to truly come alive within us, then our own hand would have to undergo a metamorphosis and become just like the other person’s hand. We would have to be able to become completely absorbed in, and bring to life within ourselves, that which we currently perceive only in abstract terms. And if we were faced with a whole, complete human being who made such a strong impression on us that the impression existed for us not merely as an abstract idea, then we ourselves would have to take on the form of that person. Thus, what functions as ordinary conscious soul life would not fulfill its purpose in the world at all if it were not so far separated from our physical life that it does not interfere with physical life and allows it to develop independently.
[ 18 ] Aber wir brauchen ja nur zurückzugehen in der menschlichen Entwickelung, um wenigstens noch einen Anflug zu sehen von dem, was wir — ich habe vorgestern darauf hingewiesen — das Von-innen-heraus-Gestalten der Formen des menschlichen Organismus nennen können. Wenn wir den Menschen, namentlich in seiner allerersten Kindheit, betrachten, so sehen wir, wie sich dasjenige, was in ihm ist, plastisch zu dem formt, was er später entwickelt. Wie in die leibliche Form das Geistige hineingeht, das sehen wir da. Selbstverständlich gibt es viele Einwände gerade gegen die Behauptung, die ich jetzt mache. Allein, wie gesagt, man kann in einem einzelnen Vortrage nicht alles berühren. Diese Einwände sind sehr leicht aus der Welt zu schaffen, wenn man nur ausführlich darüber reden kann. Wir sehen also noch ein plastisches Walten dessen, was innerlich im Menschen ist, in der Jugendzeit des Menschen, in der Kindheit, und bei krankhaften Zuständen. Wir sehen, wie das Geistig-Seelische plastisch in die körperliche Bildung eingreift. Das gewöhnliche Seelenleben — man möchte sagen, Gott sei Dank — kann nicht in die Körperbildung eingreifen; es würde seine Aufgabe nicht erfüllen. Aber lesen Sie dieses ausgezeichnete Kapitel in Schleichs neuem Buch: «Vom Schaltwerk der Gedanken» nach, dieses schöne, ich möchte sagen, epochemachende Kapitel: «Die Hysterie — ein metaphysisches Problem», dann werden Sie sehen, wie da verwiesen wird darauf, wie in der Tat Seelisch-Geistiges, in Gedanken Erfaßtes, in krankhaften Zuständen auf die plastische Bildung des Leibes wirkt. Wir sind eben dadurch gesund, daß es im normalen Zustande nicht so ist. Ich will nur das allerprimitivste Beispiel aus diesem Buche anführen. Die Beispiele sind ja jedem, der sich mit solchen Dingen befaßt, immer bekannt gewesen; aber durch die Art und Weise, wie sie gerade in diesem Buche eingeführt werden, ist in der Tat etwas Epochemachendes geschehen. Das eine Beispiel: Ein Arzt kommt zu einer Dame ins Zimmer, in dem ein Ventilator summt. Da sagt sie — sie ist hysterisch, es ist ein krankhafter Zustand, mit dem er es zu tun hat -: Da ist eine große Biene! Zunächst will ihr der Arzt selbstverständlich ausreden, daß es eine große Biene ist; es ist ja nur ein Ventilator. Da sagt sie: Wenn die mich stechen würde! Der Arzt will ihr zunächst auch noch klar machen, daß das auch noch nicht so schlimm wäre. Aber in dem Moment schon schwillt das Auge an zu einer hühnereigroßen Geschwulst.
[ 18 ] But we need only look back at human evolution to see at least a glimmer of what we—as I pointed out the day before yesterday—might call the shaping of the forms of the human organism from within. When we observe human beings, particularly in their very earliest childhood, we see how what is within them takes on a plastic form that later develops into what they become. We see there how the spiritual enters into the physical form. Of course, there are many objections specifically to the assertion I am making now. However, as I said, one cannot cover everything in a single lecture. These objections can be very easily dispelled if one can discuss them in detail. So we see yet another plastic influence of what is inwardly present in the human being during adolescence, in childhood, and in pathological conditions. We see how the spiritual-soul aspect vividly intervenes in physical development. Ordinary soul life—one might say, thank God—cannot intervene in physical development; it would not fulfill its purpose. But read this excellent chapter in Schleich’s new book, *The Mechanism of Thought*, this beautiful—I would say epoch-making—chapter: “Hysteria—A Metaphysical Problem,” and you will see how it points out that, in pathological conditions, the soul-spiritual—that which is grasped in thought—does indeed affect the physical formation of the body. We are healthy precisely because this is not the case in a normal state. I will cite only the most basic example from this book. Such examples have, of course, always been familiar to anyone who deals with such matters; but the way in which they are presented in this particular book has indeed brought about something truly epoch-making. Here is one example: A doctor enters a lady’s room where a fan is humming. She says—she is hysterical; it is a pathological condition he is dealing with—: “There’s a big bee!” At first, the doctor naturally tries to talk her out of the idea that it’s a big bee; after all, it’s just a fan. Then she says, “If it were to sting me!” The doctor initially tries to make it clear to her that even that wouldn’t be so bad. But at that very moment, her eye swells up into a lump the size of a chicken egg.
[ 19 ] Da sehen wir, wie der bloße Gedanke wirkt. Und wie gesagt, unsere gewöhnlichen Gedanken sind, Gott sei Dank, keine solchen Gedanken. Und dadurch sind sie gerade die rechten Gedanken für das gewöhnliche Leben, daß sie es nicht können. Sie plastizieren nicht in dieser Weise, sie gehen nicht hinunter in den Organismus. Da müssen schon krankhafte Zustände eintreten; aber dann sehen wir, wie der Gedanke das materielle Leben ergreifen kann. Schleich nennt das ganz richtig eine «Inkarnation des Gedankens». Aber man darf nicht glauben, daß man noch innerhalb des gewöhnlichen Seelenlebens stehen bleiben kann, wenn man von solchen Dingen spricht. Den gewöhnlichen Gedanken, den der Mensch hat, den hat er zur Erkenntnis der Welt und als Grundlage für sein Handeln, und wenn er ein gesunder Mensch ist, dann greift dieser Gedanke ganz gewiß nicht irgendwie plastizierend in das gewöhnliche Seelenleben ein, da müssen eben Krankbeitszustände zu Grunde liegen. Aber in normaler Weise findet man — gerade wenn man geistig anschaut —, wie dasjenige, was Bildung des Menschen ist, von Kindheit auf, dasjenige, was die Formen ausgestaltet, jetzt in gesunder Weise auf demselben Prinzip beruht, wie ja in der Tat das Geistig-Seelische, das aber jetzt noch unbewußt ist und als solches unbewußt bleibt, plastisch gestaltend bleibt. Und eben darinnen besteht ja das weitere Erleben des Menschen, daß das, was zuerst in den Organismus hineingeht, was zuerst den Organismus ergreift, später sich absondert von dem Organismus, geistig-seelisch für sich besteht und eben als Geistig-Seelisches erlebt wird. Darin besteht ja die Fortentwickelung des Menschen als Individualität.
[ 19 ] Here we see how a mere thought works. And as I said, our ordinary thoughts, thank God, are not thoughts of this kind. And precisely because they are incapable of this, they are the right thoughts for ordinary life. They do not take shape in this way; they do not penetrate into the organism. Pathological conditions must already be present; but then we see how thought can take hold of material life. Schleich quite rightly calls this an “incarnation of thought.” But one must not believe that one can remain within ordinary soul life when speaking of such things. The ordinary thoughts that a person has are meant for understanding the world and as a foundation for their actions; and if they are a healthy person, then these thoughts certainly do not intervene in ordinary soul life in any plasticizing way—pathological conditions must simply underlie such a process. But under normal circumstances—especially when one looks at things spiritually—one finds that what constitutes a person’s development from childhood onward, that which shapes the forms, is now based in a healthy way on the same principle as the spiritual-soul aspect, which, though still unconscious and remaining so, continues to shape things in a formative way. And this is precisely what constitutes the further experience of the human being: that what first enters the organism, what first takes hold of the organism, later separates itself from the organism, exists as a spiritual-soul entity in its own right, and is experienced precisely as spiritual-soul. This is the very essence of the human being’s further development as an individuality.
[ 20 ] Ich habe Ihnen gewisse Gedankengänge angeschlagen; aber diese Gedankengänge sind wirklich keine ersonnenen, keine logisch irgendwie zusammengefügten Gedankengänge, sondern sie sind aus der Seelenschau herausgehoben. Und wie gesagt, es ist nicht ein Analogie-Spiel, sondern es ergibt sich der Seelenbeobachtung aus der entwickelten SeelenGeistes-Erkenntnis, daß dasselbe, was als plastisches Prinzip in krankhaften Zuständen später eingreifen kann, auf normale Weise in das Kindheitsleben eingreift. Die Gedanken, die ich damit angeregt habe, führen weiter, — nicht durch logisches Ausspinnen, sondern indem man die seelisch-geistige Anschauung der Welt fortsetzt. Aus der Betrachtung des Leibeslebens wurde der Gedanke angeregt: Der Körper des Menschen, abgesehen vom Haupte, enthält dieselben Bildungskräfte wie das Haupt, nur auf einer nicht so weit vorgeschrittenen Stufe; das Haupt enthält dieselben Bildungskräfte wie der übrige Körper, aber auf einer weit vorgeschrittenen Stufe. Diese Gedanken verbinden sich in der inneren Anschauung miteinander. Jene intimere Bekanntschaft mit dem Naturleben erlangt man dadurch, daß man das Geistig-Seelische auch in der Natur kennen lernt. In der höheren Anschauung muß man sich durch das intimere Kennenlernen des unterbewußten geistigen Lebens, wie ich es eben dargestellt habe, noch folgendes zur Klarheit bringen. Und das kann man durch diese intimere Bekanntschaft. Gewisse, ich möchte sagen, von Philosophen nur geahnte Gedanken werden innerlich vollständig klar durch die hier gemeinte Erkenntnisart. Immer wieder und wiederum kauen die Philosophen daran — ich meine das jetzt durchaus nicht in herabwürdigendem Sinne -, irgendeinen Begriff vom Stoff, von der Materie zu gewinnen. In seiner Ignorabimus-Rede hat D» Bois-Reymond in einer so glänzenden Weise all das zusammengetragen, was beweisen kann, daß eigentlich dasjenige, was Materie ist, oder, wie er sagt, wo Materie im Raume spukt, nicht ergriffen werden kann durch die Erkenntnis. —- Materie bleibt im Grunde genommen für die gewöhnliche Erkenntnis immer etwas Unerkanntes, sie bleibt außerhalb der gewöhnlichen Erkenntnis. Durch geistige Erkenntnis kommt man wirklich darauf, daß die Materie selbst nicht wahrgenommen werden kann und daß der Stoff nicht in unser Inneres hereinkommen kann, ebensowenig wie das Messing eines Petschaftes, das ich im Siegellack abdrucke, in die Substanz des Siegellackes hineinkommen kann, trotzdem alles, was hineinkommen soll, sagen wir der Name Müller, vom Petschaft auf den Siegellack übergeht. Was äußerlich materiell ist, kann man nicht ins Innere hereinbekommen. Aber dasjenige, was hereinkommen soll, das kommt in einer ähnlichen Weise herein wie der Name Müller in den Siegellack. Also da hinaus, wo Materie im Raume ist, kann überhaupt das, was in uns ist, nicht dringen. An den Stoff kommt die gewöhnliche Erkenntnis nicht heran. Der Stoff ist eben nicht wahrnehmbar. Ich müßte wiederum vieles reden, wenn ich im einzelnen — was geschehen kann — darlegen wollte, daß der Stoff unmöglich als solcher wahrnehmbar sein kann. Der Stoff ist immer nur hypothetisch zu den Wahrnehmungen hinzugedacht.
[ 20 ] I have presented certain lines of thought to you; but these lines of thought are truly not contrived, nor are they in any way logically constructed—rather, they are drawn from the contemplation of the soul. And as I said, this is not a game of analogies; rather, it follows from the observation of the soul—based on developed spiritual insight—that the very same principle that can later intervene as a formative force in pathological conditions also intervenes in a normal way in childhood life. The thoughts I have thus stimulated lead further—not through logical elaboration, but by continuing the soul-spiritual contemplation of the world. The observation of bodily life gave rise to the following thought: The human body, apart from the head, contains the same formative forces as the head, only at a less advanced stage; the head contains the same formative forces as the rest of the body, but at a far more advanced stage. These thoughts are interconnected in inner perception. One attains this more intimate familiarity with natural life by coming to know the spiritual and soul aspects within nature as well. In higher contemplation, one must, through this more intimate acquaintance with the subconscious spiritual life—as I have just described it—bring the following to clarity. And this can be achieved through this more intimate familiarity. Certain ideas—I would say, ideas that philosophers have only intuited—become completely clear inwardly through the kind of knowledge referred to here. Time and again, philosophers mull over these ideas—and I do not mean this in a derogatory sense at all—in an effort to arrive at some concept of substance or matter. In his “Ignorabimus” speech, D’Bois-Reymond brilliantly compiled everything that proves that what matter actually is—or, as he puts it, where matter haunts space—cannot be grasped by cognition. —- Matter, fundamentally speaking, always remains something unknown to ordinary cognition; it remains outside the realm of ordinary cognition. Through spiritual cognition, one truly comes to realize that matter itself cannot be perceived and that matter cannot enter into our inner being, any more than the brass of a seal, which I imprint in the sealing wax, can enter into the substance of the sealing wax—even though everything that is meant to enter, let us say the name Müller, passes from the seal onto the sealing wax. What is materially external cannot be brought into the inner realm. But that which is meant to enter does so in a manner similar to how the name “Müller” passes from the seal to the sealing wax. Thus, what is within us cannot penetrate at all into the realm where matter exists in space. Ordinary cognition cannot grasp substance. Matter is simply not perceptible. I would have to say a great deal more if I were to explain in detail—as is possible—that matter cannot possibly be perceived as such. Matter can only ever be hypothetically postulated in relation to perceptions.
[ 21 ] Worauf beruht denn das eigentlich? Es beruht darauf, daß wir überhaupt nichts Stoffliches wahrnehmen. Würde nur Stoff ausgebreitet sein und würden wir selber aus Stoff im gewöhnlichen Sinne bestehen, so würden wir nichts wahrnehmen können. Stoff ist nicht wahrnehmbar! Wodurch wird der Stoff wahrnehmbar? Der Stoff wird dadurch wahrnehmbar, daß außer dem Stoff — dieses «außer» müssen Sie jetzt nicht pressen —, noch vorhanden ist in der Welt, die uns umgibt, Äther, ätherische Wesenheit. Indem ich von ätherischer Wesenheit spreche, muß ich natürlich darauf verweisen, was ich öfter auch schon hier gesagt habe, daß der Begriff des Äthers, wie er hier gemeint ist, sich nicht deckt mit irgendeinem Äther-Begriff, wie ihn die Physik aufstellt, obwohl er sich natürlich vielfach damit berühren kann. Aber schließlich — was für einen Äther-Begriff hat denn die moderne Physik — diese moderne Physik, die eigentlich auf einem wunderbaren Wege ist bei denjenigen, die mit allem Rüstzeug der modernen Naturwissenschaft forschen, die sich alle Mühe geben, die naturwissenschaftliche Denkweise und Gesinnung auszubilden und immer mehr und mehr auszubilden? Von einzelnen Physikern, die man wirklich ernst nehmen muß, in ganz anderem Sinne ernst nehmen muß als das dilettantische Gerede von monistischer Weltanschauung, haben wir ja heute schon den Satz: Wenn man sich überhaupt eine Vorstellung von Äther machen will, so kann man das nur dadurch, daß man sich im Äther nichts von irgendwelchen materiellen Eigenschaften vorstellt; Äther muß geradezu so vorgestellt werden, daß von ihm alle materiellen Eigenschaften ferngehalten werden. Und jetzt gerade erleben wir das Wunderbare, daß zwei gegensätzliche Anschauungen der Dinge hart aneinanderstoßen. Mitten in dieser aufgeregten Zeit erleben wir das Hartaneinander-Stoßen zweier Weltanschauungsrichtungen mit Bezug auf die äußere, physische Welt, eine Tatsache von unnennbar großer Bedeutung für den, der so etwas in seiner ganzen Schwere zu beurteilen in der Lage ist. Wir erleben es, daß nun auch dasjenige, woran sich die Physiker bisher niemals eigentlich in einer rechten Weise gemacht haben, untersucht wird, nämlich die Schwerkraft. Und da erleben wir es— ich kann diese Dinge nur rein historisch andeuten -—, daß auf der einen Seite die mehr materialistische Anschauung sich geltend macht und gewissermaßen versucht, aus Vorstellungen über das Materielle das Vorstellen über den Äther zu gewinnen, also aus rein materiellen Beschaffenheiten heraus. Und auf der anderen Seite haben wir in einer wunderbaren Weise Untersuchungen über die Schwerkraft, von denen man sagen kann — und es ist auch schon gesagt worden -, daß sie bemüht sind, das Materielle abzustreifen und das Natürliche zu dematerialisieren, um die Schwerkraft zu begreifen, — zu entmaterialisieren. Kurz, will man heute verstehen, wozu wirkliche Wissenschaft drängt, so darf man nicht sich in irgend einer Weise trivial verlassen auf all die Redereien der sogenannten monistischen Weltanschauung, sondern man muß eingehen auf dieses wahrhafte und ernste, von wirklich imponierender methodologischer Disziplinierung durchzogene naturwissenschaftliche Bestreben, das, indem versucht wird, von der Materie herauf zum Äther zu kommen, immer mehr und mehr dahin strebt, das zu erreichen, was ich eben damit meinte, daß einzelne Physiker sogar sagen: Der Äther kann nur vorgestellt werden, wenn er nicht mehr mit materiellen Eigenschaften vorgestellt wird.
[ 21 ] What, then, is the basis for this? It is based on the fact that we do not perceive anything material at all. If only matter were spread out, and if we ourselves were composed of matter in the ordinary sense, we would not be able to perceive anything. Matter is not perceptible! What makes matter perceptible? Matter becomes perceptible because, in addition to matter—you don’t need to dwell on this “in addition” just now—there is also, in the world around us, ether, an ethereal essence. When I speak of ethereal essence, I must of course point out—as I have often said here before—that the concept of ether, as it is meant here, does not coincide with any concept of ether as defined by physics, although it can, of course, overlap with it in many ways. But after all—what kind of concept of ether does modern physics have—this modern physics that is actually on a wondrous path among those who conduct research with all the tools of modern natural science, who go to great lengths to cultivate the scientific way of thinking and mindset and to cultivate it more and more? From certain physicists—whom one must truly take seriously, in a sense entirely different from the amateurish talk of a monistic worldview—we already have the following statement today: If one wishes to form any conception of the ether at all, one can do so only by imagining the ether as devoid of any material properties whatsoever; The ether must be conceived in such a way that all material properties are kept entirely separate from it. And right now we are witnessing the marvelous phenomenon of two opposing views of reality clashing head-on. In the midst of these turbulent times, we are witnessing the fierce clash of two worldviews regarding the external, physical world—a fact of ineffably great significance for anyone capable of assessing such a matter in all its gravity. We are witnessing that even that which physicists have never really addressed properly until now is now being investigated: namely, gravity. And here we see—I can only allude to these things in a purely historical sense—that, on the one hand, the more materialistic view is asserting itself and, in a sense, attempting to derive a conception of the ether from ideas about the material world, that is, from purely material properties. And on the other hand, we have, in a marvelous way, investigations into gravity of which one can say—and it has already been said—that they strive to shed the material and to dematerialize the natural in order to comprehend gravity—to dematerialize it. In short, if one wishes to understand today what true science is striving toward, one must not in any way trivially rely on all the rhetoric of the so-called monistic worldview, but must engage with this genuine and serious scientific endeavor—permeated by truly impressive methodological discipline—which, by attempting to ascend from matter to the ether, strives more and more to achieve what I just meant when I said that some physicists even state: “The ether can only be conceived if it is no longer conceived as possessing material properties.”
[ 22 ] Der Geisteswissenschaft zeigt sich der Äther nun eben durch innere Anschauung und durch inneres Kennenlernen, so wie man sonst das äußere Dasein, das sinnliche Dasein kennen lernt. Das ist eben nur durch die erste Stufe der Geistesschau möglich. Sie können das nachlesen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Da wird als die erste Stufe der Geistesschau — ich bitte den Ausdruck nicht mißzuverstehen — die sogenannte imaginative Erkenntnis angeführt. Aber das ist eben nur ein Ausdruck, ein Terminus. Gemeint ist diejenige Erkenntnis — ich habe das auch hier gerade in den letzten Vorträgen oftmals dargestellt —, bei der der Mensch die Wahrnehmungen nicht einfach hinnimmt, sondern die Wahrnehmungen sich selber aufbauen muß. So wie man sich etwa äußerlich dasjenige, was man auch in einer Wirklichkeit hat, aufbaut, wenn man es sich notiert, so wird die imaginative Erkenntnis das, was man geistig erlebt, eben innerlich zum Ausdruck bringen. Aber durch diese Erkenntnis gelangt man in der Tat dazu, sich eine Vorstellung vom Äther zu bilden, die nun nicht durch äußerlich materielle Vorstellungen wiederzugeben ist. Und dann gelangt man dazu, daß Äther draußen in der Welt verbreitet ist und die Möglichkeit bildet, daß die Dinge, bildlich gesprochen, uns ihre Oberfläche zuwenden, so daß sie wahrgenommen werden können, und daß Äther in uns ist, der dem äußeren Äther entgegenkommt. Äther von innen, Äther von außen begegnen sich, und dadurch wird das umfaßt, was uns ätherisch von den Dingen zufließt, was ätherisch von uns im Organismus aufsteigt. Das umfaßt sich innerlich, und dadurch entsteht erst dasjenige, was wir Wahrnehmung nennen. Was so schwierig macht, die Sinneswahrnehmung zu verstehen, das ist eben das Nichtwissen von dem eben geschilderten Tatbestand.
[ 22 ] In spiritual science, the ether reveals itself through inner contemplation and inner experience, just as one otherwise comes to know external existence, sensory existence. This is possible only through the first stage of spiritual vision. You can read about this in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. There, the so-called imaginative cognition is cited as the first stage of spiritual vision—please do not misunderstand this expression. But this is merely an expression, a technical term. What is meant is the kind of cognition—as I have often described here in my recent lectures—in which the human being does not simply accept perceptions, but must construct the perceptions themselves. Just as one constructs externally, for example, what one also has in reality by writing it down, so imaginative insight gives inner expression to what one experiences spiritually. But through this insight, one does in fact come to form a conception of the ether that cannot be conveyed through external, material images. And then one comes to realize that ether is widespread out in the world and creates the possibility that things, figuratively speaking, turn their surface toward us so that they can be perceived, and that there is ether within us that meets the external ether. Ether from within and ether from without meet, and through this, what flows to us from things in an etheric form and what rises from us in an etheric form within our organism are encompassed. These elements encompass one another internally, and only through this does that which we call perception arise. What makes it so difficult to understand sensory perception is precisely the lack of knowledge regarding the facts just described.
[ 23 ] Nehmen Sie nur das menschliche Auge! Dieses menschliche Auge gibt gerade dadurch Bilder von unserer Umgebung, daß sich gewissermaßen innerhalb des Auges die materiellen Prozesse von draußen fortsetzen. Das, was in unserem inneren Auge vorgeht, ist ja nur, ohne daß wir mit unserem Bewußtsein dabei sind, eine Fortsetzung dessen, was draußen in der Welt an Lichtgesetzen vorhanden ist. Und indem sich der äußere Äther fortsetzt in unser Auge hinein, von dem inneren Äther ergriffen wird, dadurch entsteht diese Licht-Wahrnehmung. Das, was ich jetzt sage, ist eine unmittelbare Fortsetzung dessen, was in Goethes so schönem, bedeutsamem Kapitel über die physikalischen Farben und ihre Wahrnehmung steht.
[ 23 ] Just take the human eye! The human eye provides images of our surroundings precisely because, in a sense, the material processes from the outside world continue within the eye. What takes place in our inner eye is, after all, merely—without our consciousness being involved—a continuation of the laws of light that exist out there in the world. And as the outer ether extends into our eye and is taken up by the inner ether, this perception of light arises. What I am saying now is a direct continuation of what is written in Goethe’s beautiful and significant chapter on physical colors and their perception.
[ 24 ] So steigen wir von der äußeren Materie zum Äther auf, und dadurch kommen wir dem näher, was in uns lebt. Denn das ist jetzt das andere. Die Materie steigt zum Äther herauf, Äther haben wir in uns, innerer Äther geht die Wechselwirkung ein mit dem äußeren Äther. Das ist der eine Prozeß. Und jetzt betrachten wir es von der anderen Seite. Wir haben gesehen: Wenn wir unser Seelenleben haben, das bewußte Seelenleben, das im gesunden Zustande nicht in die Materie eingreifen darf, das aber dennoch die Möglichkeit von Bildungskräften enthält, dieses bewußte Seelenleben führt uns hinunter in ein unterbewußtes Seelenleben. Und dieses unterbewußte Seelenleben hat in sich, ich möchte sagen, eine ganz andere Kraft, als das bewußte Seelenleben. Das bewußte ist das abstrakte Seelenleben, das Seelenleben, das uns nicht wehtut. Ich möchte dafür nur das eine Beispiel anführen: Im bewußten Seelenleben können wir eine Lüge ruhig sagen, die tut uns nicht weh. Wenn aber die Lüge unterbewußt entsteht, dann schmerzt sie; das heißt, sie hat die Kraft, Realität zu entwickeln. Da, unter unserem bewußten Seelenleben ist erst das bildungsfähige Seelenleben, das Seelenleben, das jetzt nicht abgesondert von der Materie da ist, sondern nun eingreifen kann in die Materie, aber zunächst nur in die Materie eingreifen kann, die ihr zur Verfügung steht. Dieses unterbewußte Seelenleben, das kann nun wiederum eingreifen in das, was in uns als Äther ist. Und in dem, was hinter der Materie als Äther ist, und in dem, was unter unserem Bewußtsein als unterbewußtes Seelenleben ist, da entsteht eine Wechselwirkung, die hinter unserem Bewußtsein und über der Materie liegt. Das spielt sich ab in unserem Untergrunde, Wenn Sie den Gedanken ausdenken, so können Sie sich jetzt leicht auch die krankhaften Seelenzustände erläutern. Es genügt die Zeit nicht, um auf sie einzugehen. Unterbewußtes - ich habe es öfter hier mit dem Ausdruck genannt, der vielleicht sogar mit Recht manchem zunächst schaudervoll erscheint, und der wirklich herausfordert, schlechte oder gute Witze darüber zu machen -, ich habe dieses unterbewußte Seelenleben genannt: astralisches Innenleben des Menschen. Nun, auf den Ausdruck sollte es aber nicht ankommen. Wenn wir also den ganzen, vollen Menschen überschauen, besteht er natürlich aus Materie, so wie die anderen äußeren Dinge aus Materie bestehen, aus dem Ätherwesen, das er innerlich hat und das mit dem äußeren Äther in Beziehung tritt, und aus dem unterbewußten Seelenleben, das nun bildend in den Äther eingreifen kann. Und dasjenige, was entsteht in der Wechselwirkung zwischen dem unterbewußten Seelenleben, das wir entdecken in der Geistesschau, in das wir untertauchen in der Geistesschau, und dem webenden, wogenden Äther, das ist eben die Imagination, die erste Stufe der geistigen Schauung.
[ 24 ] Thus we ascend from external matter to the ether, and in doing so we draw closer to what lives within us. For that is the other aspect. Matter ascends toward the ether; we have ether within us, and the inner ether interacts with the outer ether. That is one process. And now let us consider it from the other side. We have seen: When we have our soul life—the conscious soul life, which in a healthy state must not interfere with matter, but which nevertheless contains the potential for formative forces—this conscious soul life leads us down into a subconscious soul life. And this subconscious soul life possesses, I would say, a power quite different from that of the conscious soul life. The conscious is the abstract life of the soul, the life of the soul that does not hurt us. I would like to cite just one example of this: In the conscious life of the soul, we can calmly tell a lie; it does not hurt us. But when the lie arises subconsciously, then it hurts; that is to say, it has the power to develop into reality. Beneath our conscious soul life lies the formative soul life—the soul life that is not separate from matter but can now intervene in matter, though initially only in the matter available to it. This subconscious soul life, in turn, can intervene in what exists within us as ether. And between what lies behind matter as ether and what lies beneath our consciousness as the subconscious life of the soul, an interaction arises that lies beyond our consciousness and above matter. This takes place in our inner depths. If you think this through, you can now easily understand pathological states of the soul as well. There isn’t enough time to go into them here. The subconscious—I have often referred to it here using a term that may even, quite rightly, seem terrifying to some at first, and which truly invites both good and bad jokes—I have called this subconscious life of the soul: the astral inner life of the human being. Well, the term itself shouldn’t be the point. So when we consider the whole, complete human being, he naturally consists of matter, just as other external things consist of matter; of the etheric being he possesses internally, which interacts with the external ether; and of the subconscious life of the soul, which can now intervening in the ether in a formative way. And that which arises in the interaction between the subconscious life of the soul—which we discover in spiritual vision, into which we immerse ourselves in spiritual vision—and the weaving, undulating ether—that is precisely imagination, the first stage of spiritual vision.
[ 25 ] Und dann, wenn der Mensch sich nun durch Erkenntnis zu dem durchgerungen hat, was in ihm bewußt nicht erlebt wird, aber doch inneres Leben ist, dann erlebt er auch, wie dieses innere Leben sich als verwandt erweist mit dem, was nun im Äußeren lebt, aber nicht Materie ist, gar nicht materiell vorgestellt werden darf — selbst nach der heutigen Physik -, wie das eins wird in ihm.
[ 25 ] And then, when a person has worked his way through insight to that which is not consciously experienced within him, yet is inner life, he also experiences how this inner life proves to be related to that which now lives in the external world but is not matter—and must not be conceived of as material at all, even according to modern physics—and how the two become one within him.
[ 26 ] Noch näher können wir das, was ich oftmals in diesen Vorträgen charakterisiert habe als den inneren Menschen im Menschen, erfassen. Das bewußte Seelenleben geht hinunter zu einem unterbewußten Seelenleben, und dieses unterbewußte Seelenleben ist jetzt mächtiger als dieses bewußte und organisiert sich zusammen mit dem ätherischen Leben. Dadurch haben wir eigentlich dasjenige, was im menschlichen Seelenleben vorhanden ist. Und wenn der Mensch durch die Übungen, die in den wiederholt genannten Büchern und Aufsätzen geschildert sind, dieses Seelenleben in sich erweckt, dann, erst dann nimmt er das, was man geistige Welt nennen kann, wirklich wahr, so wie er mit seinem physischen Organismus die äußere sinnliche Welt wahrnimmt. In der Durchorganisierung seines ätherischen Leibes liegt die Möglichkeit, eine geistige Welt wahrzunehmen und zu wissen, daß er nun selber aus dieser geistigen Welt heraus stammt.
[ 26 ] We can gain an even deeper understanding of what I have often described in these lectures as the inner human being within the human being. Conscious soul life descends into a subconscious soul life, and this subconscious soul life is now more powerful than the conscious one and organizes itself together with the etheric life. Through this, we actually have what is present in the human soul life. And when a person, through the exercises described in the books and essays I have repeatedly mentioned, awakens this soul life within themselves, then—and only then—do they truly perceive what can be called the spiritual world, just as they perceive the outer sensory world with their physical organism. The possibility of perceiving a spiritual world and of knowing that one oneself originates from this spiritual world lies in the full organization of one’s etheric body.
[ 27 ] Und jetzt erweitert sich der Gedanke und prägt sich mit dem anderen Gedanken, der aus Goethes Weltanschauung heraus gewonnen war, zusammen. Denn wenn man also den inneren Menschen erfaßt hat, kann man jetzt beginnen, sich zu fragen: Ja, wie ist es denn nun eigentlich mit diesen zwei Gliedern der menschlichen Natur, mit dem Haupt und dem übrigen Leib, die auf verschiedener Bildungsstufe stehen? Da kommt nun dazu, daß man dasjenige, was man geistig-seelisch vorstellen kann, in ganz andere Beziehungen zu dem Haupt bringen muß, als zu dem übrigen Organismus. Wenn man den geistigen Menschen im Hellsehen erfaßt — aber nicht so, wie es im Spiritismus oder in dem trivialen Aberglauben gemeint ist, sondern wirklich in dem Sinne, der hier immer charakterisiert wird -, den geistigen Menschen, der dem äußeren Menschen zu Grunde liegt, auch dem Menschen, der das gewöhnliche Bewußtsein hat - denn das ist nichts unmittelbar Seelisches, sondern erst was darunter liegt —, wenn man diesen Menschen erfassen kann, so sieht man diesen inneren Menschen in einer ganz anderen Verbindung mit dem Hauptesteil des Menschen und mit dem, was der übrige Körper des Menschen ist. Und zwar findet man nun das Folgende: Wenn man das Haupt prüft, so hat man in dem Haupt plastisch ausgestaltet eine solche Formung, eine solche Gestaltung, daß da das Geistig-Seelische ganz in die Form hineingeflossen ist, das Geistig-Seelische sich ganz in der Form ausprägt und sich sogar in dieser Form so ausgeprägt hat, daß es noch etwas von seinen Bildungskräften zurückbehält. Und diese zurückbehaltenen Bildungskräfte sind diejenigen, die wir dann als unsere Gedanken entwickeln können. Aber was in unseren Gedanken nur abstrakt aus dem Kopfe heraus entwickelt wird, das liegt in der Gestalt, wie es nur unterbewußt erreicht werden kann, zu Grunde der Bildung unseres Kopfes, unseres Hauptes. Und in ganz anderer Weise liegt das Geistig-Seelische dem übrigen Organismus des Menschen zu Grunde. In den übrigen Organismus des Menschen gehen diese Bildungskräfte nicht so tief hinein, da behalten sie ihre gewisse Selbständigkeit; da lebt das Geistig-Seelische viel stärker neben dem Physisch-Leiblichen. Wenn ich bildlich, imaginativ-bildlich sprechen soll — diese Tautologie erlauben Sie mir —, möchte ich daher sagen: Wenn der Schauende das menschliche Haupt vor sich hat, so hat er eine geistig-seelische Form, aber daneben, nur äußerst spärlich, noch ein Geistiges. Wenn er den anderen Organismus des Menschen vor sich hat, so hat er die leibliche Form, aber reich entwickelt das Geistige, das sich nur noch nicht so weit in das Materielle hineinorganisiert hat wie im Haupte. Im Haupte ist das Geistige viel mehr in die Materie ausgeflossen als im übrigen Organismus. Der Kopf des Menschen ist viel materieller als der übrige Organismus. Der übrige Organismus ist so, daß das Geistige noch wenig in das Materielle hineingeflossen ist und noch gröBere Selbständigkeit hat.
[ 27 ] And now this idea expands and merges with the other idea derived from Goethe’s worldview. For once one has grasped the inner human being, one can now begin to ask oneself: Well, what is the situation, then, with these two aspects of human nature—the head and the rest of the body—which exist at different levels of development? Here it follows that one must relate what one can conceive of spiritually and psychically to the head in a completely different way than to the rest of the organism. When one perceives the spiritual human being through clairvoyance—but not in the sense intended in spiritualism or in trivial superstition, but truly in the sense that is always characterized here—the spiritual human being that underlies the outer human being, including the human being with ordinary consciousness—for this is not something immediately soul-related, but rather what lies beneath it— if one can perceive this human being, then one sees this inner human being in a completely different relationship to the main part of the human being and to what constitutes the rest of the human body. And one now finds the following: When one examines the head, one finds in the head a form so vividly shaped, such a configuration, that the spiritual-soul element has flowed entirely into the form; the spiritual-soul element expresses itself fully in the form and has even expressed itself in this form to such an extent that it retains some of its formative powers. And these retained formative powers are the very ones we can then develop into our thoughts. But what is developed in our thoughts only abstractly from the head lies, in a form accessible only subconsciously, at the foundation of the formation of our head. And in a completely different way, the spiritual-soul aspect underlies the rest of the human organism. These formative forces do not penetrate as deeply into the rest of the human organism; there they retain a certain independence; there the spiritual-soul aspect coexists much more strongly alongside the physical-bodily aspect. If I am to speak figuratively, in imaginative-figurative terms—please allow me this tautology—I would therefore like to say: When the observer has the human head before him, he perceives a spiritual-soul form, but alongside it, only in a very sparse form, something spiritual. When he has the rest of the human organism before him, he perceives the physical form, but the spiritual is richly developed—it simply has not yet organized itself into the material to the same extent as in the head. In the head, the spiritual has flowed into matter to a much greater extent than in the rest of the organism. The human head is much more material than the rest of the organism. The rest of the organism is such that the spiritual has flowed only slightly into the material and still possesses greater independence.
[ 28 ] Nun gelangt jene Geistesschau, von der ich gesprochen habe, dazu, sich wirklich über die wesentliche Bedeutung dessen, was ich eben ausgesprochen habe, klar zu werden. Was ist denn da eigentlich in dem menschlichen Haupte an Bildungskräften, die gewissermaßen einen Punkt erreicht haben, der viel, viel weiter in der Entwickelung vorne liegt als dasjenige, was im übrigen Organismus zu beobachten ist? Lernt man anschauen, was dem Kopf zu Grunde liegt, lernt man die Geistesschau auf das menschliche Haupt übertragen, dann gelangt man selber zunächst dazu, seelisch zu erleben, was im menschlichen Haupt verarbeitet ist. Wenn man das seelisch erlebt, was im menschlichen Haupte an Bildungskräften drinnen ist — ich kann diese Dinge heute eben nur aphoristisch andeuten -, dann findet man, daß dies, was da verarbeitet ist, unmittelbar wirklich in eine geistige Welt hinein sich erweitert, daß man sich wirklich aus der geistigen Welt heraus die Bildungskräfte denken muß, — wenn das auch durch die menschliche Vererbungsströmung geht. Auch hier haben wir wiederum einen schönen Berührungspunkt der modernen Naturwissenschaft mit der Geisteswissenschaft. Es gibt überall solche Berührungspunkte. Es gibt heute Naturforscher, die auch durch ihre Naturforschung durchaus zugeben, daß solche kosmischen Bildungskräfte mitwirken bei dem, was am Menschen aufbaut, während er sich im Leibe der Mutter ausbildet. Wir haben also am menschlichen Haupte etwas, was sich aus dem Kosmos herein bildet. Im Menschenhaupte ist unmittelbar ein Abdruck des Kosmos gegeben, wenn man auf das Seelische sieht.
[ 28 ] Now that spiritual insight I have spoken of comes to truly grasp the essential meaning of what I have just said. What, in fact, are these formative forces within the human head that have, so to speak, reached a stage far, far ahead in their development compared to what can be observed in the rest of the organism? If one learns to observe what underlies the head, if one learns to apply spiritual insight to the human head, then one begins to experience soulfully what is processed within the human head. When one experiences soulfully the formative forces contained within the human head—I can only hint at these things aphoristically today—one finds that what is processed there truly expands directly into a spiritual world, that one must truly conceive of these formative forces as emanating from the spiritual world—even if they flow through the human genetic stream. Here, too, we have yet another beautiful point of contact between modern natural science and spiritual science. Such points of contact exist everywhere. There are natural scientists today who, based on their own research, readily admit that such cosmic formative forces play a role in the development of the human being while it is forming in the mother’s womb. We therefore have something in the human head that is formed from the cosmos. The human head bears a direct imprint of the cosmos when one looks at the soul.
[ 29 ] Steigt man jetzt weiter auf zu dem Geistigen, auf die Art, wie ich es Ihnen geschildert habe, dann kommt man weiter zurück. Man erlangt nämlich folgende Kenntnis vom Haupte: Dieses menschliche Haupt ist bei der Geburt, eigentlich schon bald nach der Empfängnis, so beschaffen, daß seine Bildungskräfte ganz ins Materielle übergehen, nur wenig zurücklassen von dem Seelischen, ganz im Materiellen sich ausleben. Aber diese Bildungskräfte führen zurück in eine Zeit vor der Empfängnis. Sie führen zurück in die geistige Welt hinauf, so daß der Mensch eigentlich dasjenige, was aus dem Kosmos in der Hauptesbildung aufgeht, im wesentlichen durchlebt hat in der geistigen Welt, bevor er empfangen oder geboren worden ist. Und wenn wir von dem Seelischen ins Geistige gehen, so wird uns innerhalb dieses Geistes dann an der Hauptesbildung aufgehen, was aus einem früheren Erdenleben stammt. Gerade durch die Betrachtung des menschlichen Hauptes in geisteswissenschaftlicher Beziehung gelangt man von dem jetzigen Erdenleben unmittelbar in das frühere Erdenleben hinein. Und das ergänzt sich mit dem anderen Gedanken, wenn man jetzt betrachtet, was in dem übrigen Organismus, abgesehen vorn Haupte, vorhanden ist. In diesem übrigen Organismus ist das seelisch-geistige Leben noch abgesondert, das ganze menschliche Leben, so wie es geführt wird von der Geburt bis zum Tode im Umgang mit der Außenwelt, in der Beziehung zu anderen Menschen, zu den Dingen dieser Welt, zu der Natur und allen geistigen Verhältnissen, in denen wir leben, zu allen sozialen Verhältnissen; das prägt sich aus in demjenigen, was geistig an uns ist, im übrigen Organismus, zusammengefaßt im menschlichen Herzen. Das ist nun nicht nur ein Bild, sondern das ist wirklich eine geistig-physiologische Tatsache. Aber weil dieser menschliche Organismus mit der Geburt seine festgeprägte Form bekommen hat, kann es zunächst nur geistigseelisch bleiben. Aber als Bildungskräfte ist es vorhanden, als Bildungskräfte bleibt es vorhanden, und als Bildungskräfte geht es durch den Tod durch. Wenn wir seelisch dasjenige verfolgen, was im menschlichen Organismus ist, abgesehen vom Haupte, dann finden wir, wie uns der Geistesblick in dasjenige hinausweist, was nach dem Tode liegt, und wenn wir den Menschen geistig betrachten, so finden wir, daß das sich umgestaltet in das nächste Erdenleben hinein.
[ 29 ] If one now ascends further into the spiritual realm, in the way I have described to you, one goes even further back. For one gains the following insight regarding the head: At birth—actually, quite soon after conception—the human head is such that its formative forces pass entirely into the material realm, leaving only a little of the soul behind, and play out their full course within the material realm. But these formative forces lead back to a time before conception. They lead back up into the spiritual world, so that human beings have essentially already lived through in the spiritual world that which arises from the cosmos in the formation of the head before they were conceived or born. And when we move from the soul to the spiritual, what originates from a previous earthly life will then become apparent to us within this spirit as we contemplate the formation of the head. It is precisely through the observation of the human head from a spiritual-scientific perspective that one passes directly from the present earthly life into a previous earthly life. And this complements the other idea when one now considers what is present in the rest of the organism, apart from the head. In this rest of the organism, the soul-spiritual life is still separate; the whole of human life, as it is lived from birth to death in interaction with the external world, in relation to other people, to the things of this world, to nature, and to all the spiritual conditions in which we live, as well as to all social conditions; this is imprinted in what is spiritual within us, in the rest of the organism, summarized in the human heart. This is not merely a metaphor, but a genuine spiritual-physiological fact. But because this human organism has acquired its fixed form at birth, it can initially remain only spiritual-soul-related. Yet it is present as formative forces; it remains present as formative forces; and as formative forces, it passes through death. If we trace, in a soulful way, what is present in the human organism—apart from the head—we find that the spiritual gaze points us toward what lies beyond death; and when we consider the human being spiritually, we find that this is transformed into the next earthly life.
[ 30 ] Und weiter: Die konkrete Betrachtung lehrt uns, daß das Haupt, so wie es jetzt mit seinen inneren Bildungskräften sich ausprägt, das Ergebnis unseres Leibeslebens, abgesehen vom Haupte, in einem vorhergehenden Erdenleben ist. Unser Haupt ist wirklich metamorphosiert, umgestaltet aus einem früheren Erdenleben, und unser jetziger Organismus, abgesehen vom Haupte, mit allseinem Erleben behält die Bildungskräfte geistig-seelisch, gibt sie, indem er mit dem Tode abgeht, der geistigen Welt, und sie gestalten sich aus, so daß sie in dem nächsten Erdenleben an der Bildung unseres Hauptes teilnehmen. Und man gelangt zu dem großen, bedeutsamen Gesetze: In dem, was innere Bildungskräfte - wohlgemerkt innere Bildungskräfte — unseres Hauptes sind, haben wir das Bildungsergebnis dessen, worauf der übrige Organismus, abgesehen vom Haupte, in einem vorhergehenden Erdenleben veranlagt war, und in dem, was in unserem übrigen Organismus ringt und kraftet, haben wir dasjenige, was in die Hauptesbildung des nächsten Erdenlebens eingeht. Wenn man diese Erkenntnis haben wird, wird man einmal naturwissenschaftlich ernst, streng abgrenzen können, was innerhalb der Vererbungslinie liegt und was nicht innerhalb der Vererbungslinie liegt. Auf diesem Gebiete wird ja die Naturwissenschaft erst noch einzelne sehr bedeutsame Pforten, möchte ich sagen, sich zu eröffnen haben, wenn sie sich begegnen will mit dem, was die Geisteswissenschaft ihrerseits über das GeistigSeelische zu sagen hat.
[ 30 ] And further: Concrete observation teaches us that the head, as it now manifests itself with its inner formative forces, is the result of our physical life—excluding the head itself—in a previous earthly life. Our head is truly metamorphosed, transformed from a previous earthly life, and our present organism—excluding the head—with all its experiences retains these formative forces in a spiritual-soul manner; upon death, it surrenders them to the spiritual world, and they develop in such a way that they participate in the formation of our head in the next earthly life. And we arrive at the great, significant law: In what constitutes the inner formative forces—note well, the inner formative forces—of our head, we find the result of the formation of that to which the rest of the organism, apart from the head, was predisposed in a previous earthly life; and in what struggles and strives within the rest of our organism, we find that which enters into the formation of the head in the next earthly life. Once we have this insight, we will be able to make a serious, scientifically rigorous distinction between what lies within the line of heredity and what does not. In this field, I would say, natural science still has to open certain very significant doors, so to speak, if it is to engage with what spiritual science, for its part, has to say about the spiritual-soul aspect.
[ 31 ] Ich will nur auf eines aufmerksam machen. Gewiß, die Naturwissenschaft führt heute mit Recht gewisse Eigenschaften, die wir an uns haben, auf das Vererbungsprinzip zurück; wir haben sie von Vater und Mutter, Großvater, Großmutter und so weiter. Man soll nur ja nicht glauben, daß etwas damit gesagt wird, wenn der Naturforscher kommt und sagt: Ja, da führt der Geisteswissenschafter innere Bildungskräfte auf frühere Erdenleben zurück; wir erfahren ja das alles aus der Vererbung! Dasjenige, was naturwissenschaftlich aus der Vererbung erklärt werden kann, was in der physischen Fortpflanzungslinie liegen kann, das leugnet der Geistesforscher nicht, wie der Geistesforscher überhaupt ganz auf dem Boden der Naturforschung steht. Aber gewisse Pforten, sagte ich, muß die Naturwissenschaft erst eröffnen, gewisse Richtlinien muß sie erst einhalten. Denken Sie doch nur einmal an folgendes: Der Mensch wird reif in einem gewissen Lebensalter — ich habe vorgestern darauf hingewiesen -, seinesgleichen hervorzubringen; die Geschlechtsreife wird erlangt. Da hat er alle Fähigkeiten also an sich, abzugeben an die nachfolgende Generation dasjenige, was er an leiblich-physischen Bildungskräften hat. Er muß es ja an sich haben. Es können nachher keine neuen Befähigungskräfte auftreten. Was der Mensch später an Fähigkeiten erwirbt, die er sich nun wiederum teilweise einverleibt, wie er sich vorher die Fortpflanzungsfähigkeit einverleibt, geht nicht in die Fortpflanzungsströmung über, sondern diese Fähigkeiten wirken und kraften im Menschen so, daß sie den Keim bilden für dasjenige, was durch diePforte des Todes geht, zwischen Tod und neuer Geburt durch die geistige Welt durchgeht und in einem nächsten Erdenleben neu sich verkörpert in der Weise, wie ich es geschildert habe, Es findet dann ein Übergang statt, und man kann sagen - so grotesk das heute noch klingt -: Hauptesbildung — aber wie gesagt, von innen heraus das Haupt durchgestaltet -, Hauptesbildung enthält Kräfte, die wir suchen müssen als geistig-seelisches Begleitelement des abgesehen vom Haupte vorhandenen Körpers in einem früheren Erdenleben. Aber, was wir jetzt außer unserem Haupte körperlich an uns haben, bevor das GeistigSeelische sich noch in das Körperliche vollständig ergossen hat, das bereitet die Konfiguration und Gestalt des Hauptes in einem nächsten Erdenleben vor. Das ist gewiß heute noch eine paradoxe Behauptung, und dennoch, so baut sich eine den ganzen Menschen umfassende Metamorphosenlehre auf, eine Metamorphosenlehre, die Geist, Seele und Leib umfaßt und die da zeigt, wie nun das Wirkliche, das im Menschen ist, durch Geburt und Tod geht und wie dieses Wirkliche im Menschen Beziehungen hat zum Weltenall. Dasjenige, was unmittelbar unserem Erdenleben angehört, was ist es denn eigentlich? Was gehört unmittelbar unserem Erdenleben an als einzelner Mensch, der da lebt zwischen Geburt und Tod? Unser Haupt! Was - wie wir gewöhnlich finden — äußerlich am geistigsten gestaltet ist, das ist am meisten verwandt mit der Erde. Was weniger mit der Erde verwandt ist, das geht auch in andere als Erdenwelten über in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und wenn es, nachdem der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, aus dem Geistigen heraus die Kräfte gewonnen hat, sich umzugestalten zur Hauptesbildung, dann hat es sein Ziel erlangt.
[ 31 ] I just want to draw attention to one thing. Certainly, modern science rightly attributes certain characteristics we possess to the principle of heredity; we have inherited them from our father and mother, grandfather, grandmother, and so on. But one must not think that anything is being said when the natural scientist comes along and says: ‘Yes, the spiritual scientist attributes inner formative powers to previous earthly lives; after all, we learn all of this through heredity!’ The spiritual scientist does not deny what can be explained scientifically through heredity—what may lie within the physical line of descent—just as the spiritual scientist stands firmly on the ground of natural science in general. But, as I said, natural science must first open certain doors; it must first adhere to certain guidelines. Just consider the following: A person reaches maturity at a certain age—as I pointed out the day before yesterday—to produce offspring; sexual maturity is attained. At that point, they possess all the capacities to pass on to the next generation whatever physical formative powers they have. They must, after all, possess these powers. No new faculties can arise afterward. Whatever abilities a person acquires later—which they in turn partially incorporate into themselves, just as they previously incorporated the capacity for procreation— do not enter into the reproductive stream; rather, these abilities act and work within the human being in such a way that they form the seed for that which passes through the gate of death, travels through the spiritual world between death and new birth, and reincarnates in a subsequent earthly life in the manner I have described, A transition then takes place, and one can say—as grotesque as it still sounds today—that the formation of the head—but, as I said, the head shaped from within—contains forces that we must seek as a spiritual-soul element accompanying the body that existed apart from the head in a previous earthly life. But what we now have physically in ourselves apart from our head—before the spiritual-soul element has fully poured itself into the physical—prepares the configuration and form of the head in a subsequent earthly life. This is certainly still a paradoxical assertion today, and yet, this is how a doctrine of metamorphosis encompassing the whole human being is built up—a doctrine of metamorphosis that encompasses spirit, soul, and body and which shows how the reality that is within the human being passes through birth and death, and how this reality within the human being is related to the universe. What, exactly, belongs directly to our earthly life? What belongs directly to our earthly life as individual human beings living between birth and death? Our head! That which—as we usually find—is outwardly the most spiritual in form is most closely related to the earth. That which is less closely connected to the Earth passes into worlds other than the Earth in the time between death and a new birth. And when, after the human being has passed through the gate of death, it has gained the powers from the spiritual realm to transform itself into the form of a head, then it has attained its goal.
[ 32 ] Sie sehen, Geisteswissenschaft redet in einer ganz konkreten Weise von dem, was zum Ewigen des Menschen gehört. Und in einer sehr konkreten Weise weiß sie anzugeben, wie der Mensch im ganzen Weltenall drinnensteht. Sie weiß hinzuweisen darauf, wie dasjenige, was im menschlichen Haupte ist, gleichsam von den Erdenkräften so in Anspruch genommen ist, daß sich das ganze Geistig-Seelische in das Haupt ausgegossen hat, und wie das, was außer dem Haupte vorhanden ist, sich erst vorbereitet, um in dem nächsten Erdenleben dazu zu kommen. Wir sehen, wie sich Erdenleben an Erdenleben angliedert, um sich so wie Kettenglied an Kettenglied zur Ewigkeit zusammenzugliedern. Wenn der Mensch - jetzt nicht in äußerlicher, abstrakter Beschreibung, sondern innerlich — das erfaßt, was als innerer Mensch erlebt werden kann, wenn das Unterbewußte, das Ätherische ergreift und der innere Mensch rege wird, dann wird eben das Seelische ergriffen, und es kann über Geburt und Tod hinaus im Zusammenhang mit dem Weltenall begriffen werden, Und wenn der Mensch dies in sich erweckt hat, dann wird ebenso vor diesem inneren Menschen eine geistige Welt anschaulich, eine konkrete geistige Welt, wie vor den physischen Augen, die sich aus der umgeformten Materie herausbilden, die physische Welt anschaulich wird. Geistige Welt und seelische Welt, sie treten in einer ganz bestimmten, konkreten Weise auf. Und wie wir in der physischen Welt um uns herum durch unsere leibliche Organisation bekannt werden mit konkreten physischen Dingen und Wesenheiten, so werden wir durch den höheren Menschen, durch den Menschen, der geistig-seelisch im Menschen lebt, mit einer geistigen Welt in konkreten einzelnen Ausgestaltungen bekannt. Aber es muß das GeistigSeelische in dem Menschen lebendig ergriffen werden, sonst bleibt es bei einer bloßen Ahnung, die sich nur in eine begriffliche Konstruktion hineinfinden kann. Nur dadurch kann man zum Geist, zur Seele kommen, daß man aus dem gewöhnlichen Bewußtsein hinuntersteigt zu dem Uhnterbewußten und wirklich jetzt ein neues Bewußtsein für das Unterbewußte entwickelt und dadurch mit dem, was sonst die Materie durchgeistet als Äther, einen höheren Menschen im Menschen bildet. Das ist durch Erfahrung, durch wirkliches inneres Erleben auf den Wegen, die in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert sind, möglich. Gelangt man nicht zu diesem Geistigen, dann bleibt man innerhalb dessen stehen, was sich vom Seelisch-Geistigen in dem leiblichen Organismus geltend macht. Man bleibt im Grunde genommen doch stehen in dem, was vom Menschen vorhanden ist zwischen Geburt und Tod, und kommt dann zu jener unklaren Mystik, die leider von vielen verwechselt wird mit wahrer, aber jetzt hell-klarer Mystik, die auf die Weise erlangt wird, wie ich es eben geschildert habe, durch das Erleben des inneren konkreten geist-seelischen Menschen. Und weil die verworrene, verschwommene Mystik verwechselt wird mit dem, was hell-klar wird im Inneren, deshalb wird das geisteswissenschaftliche Streben heute noch so vielfach mißverstanden. Jenes nebulose, nur auf dem Umweg des Leibes gefühlte innerliche Ich erweitert sich nicht wirklich zum Welten-Ich, sondern verschwimmt in einem allgemeinen Weltengefühl. Es wird einem schwer, das zum Ausdruck zu bringen. Jene unklare, verschwommene Mystik ist nur dasjenige, was das Seelische mit Hilfe des Leibesinstrumentes erleben kann. Das Seelische muß erst frei werden vom Leibe, dann, dann wird das Seelisch-Geistige wirklich erlebt. Und das Geistige muß geschaut werden, nicht aber mit denselben Erkenntniskräften, mit denen das Begrifflich-Gesetzmäßige, Naturgesetzmäßige in der sinnlichen Welt geschaut wird; denn das wird mit Hilfe des leiblichen Instrumentes geschaut, das geht auch nicht einmal mit uns durch die Todespforte hindurch. Naturgesetze haben nur eine Bedeutung zwischen Geburt und Tod, — nicht für die Natur selber, aber für uns. Aber wenn der Mensch den inneren Menschen erweckt und die geistige Welt um ihn herum ist, dann schaut er in eine konkrete geistige Welt, in der geistige Wesen sind, wie physische Wesen in der physischen Welt sind. Und dann kommt es nicht zu dem, wozu sonst eine ja auch ganz anerkennenswerte, aber eben beschränkte Metaphysik kommt: auf allen möglichen Wegen kommt man von einer bloßen Ahnung des Geistes, die man mit Begriffen verbrämt, zum Pantheismus, diesem Nebelgebilde, das überall einen Allgeist sieht, so wie wenn man überall nicht einzelne Pflanzen und Tiere sehen wollte, sondern eine Allnatur. Mag man überall den Willen sehen, wie Schopenhauer, oder auf philosophischem Wege einen Panpsychismus finden, alle diese «Pane» kommen nur dadurch zustande, daß das Geistig-Seelische bloß mit dem Werkzeug des menschlichen Hauptes wirkt. Und im Grunde genommen konnte der bloße philosophische Idealismus, den ich in diesem Winter ja nun wiederholt wahrhaftig in seiner ganzen Größe zu schildern versuchte, auch zu nichts anderem kommen als zu einem begrifflichen Erfassen der Welt; denn die wirkliche Geisteswelt wird erst auf die Weise errungen, wie ich es angedeutet habe. Aber gerade wenn man nun diese konkrete Anschauung herausarbeitet — und ich konnte ste ja heute nur aphoristisch herausarbeiten -, dasjenige, was ich gesagt habe, ist wirklich alles mit der naturwissenschaftlichen Weltanschauung voll in Einklang zu bringen, verletzt auch nicht irgendein religiöses Gefühl. Sie werden das nächstens nachlesen können in meiner kleinen Schrift «Die Aufgabe der Geisteswissenschaft», die in den nächsten Wochen erscheinen wird. Alles das, was ich so geschildert habe, setzt erst den Menschen in den Stand, die Welt, die um ihn herum ist, in allen ihren Erscheinungen zu begreifen. Die geistige Welt ist ja in der Außenwelt in ihren Wirkungen vorhanden, aber diese Wirkungen kann man erst voll begreifen, wenn man die geistigen Untergrundlagen dieser Wirkungen erfaßt. Die seelischen Bildungskräfte, die der Welt zu Grundeliegen, die geistigen Wirkungskräfte — erst wenn man diese erfaßt, kann man einen Einblick in dasjenige gewinnen, was die Welt eigentlich ist.
[ 32 ] You see, spiritual science speaks in a very concrete way about what belongs to the eternal aspect of the human being. And in a very concrete way, it is able to describe how the human being is situated within the entire universe. It points out how that which is within the human head is, as it were, so engaged by the forces of the earth that the entire spiritual-soul aspect has poured itself into the head, and how that which exists outside the head is first preparing itself to join it in the next earthly life. We see how one earthly life is linked to the next, joining together like links in a chain to form a chain extending into eternity. When a person—not in an external, abstract description, but inwardly—grasps what can be experienced as the inner human being, when the subconscious grasps the etheric and the inner human being becomes active, then the soul is grasped, and it can be understood beyond birth and death in connection with the universe, And when a person has awakened this within themselves, then a spiritual world becomes visible to this inner human being—a concrete spiritual world—just as the physical world becomes visible to the physical eyes, which emerge from transformed matter. The spiritual world and the soul world manifest themselves in a very specific, concrete way. And just as we become acquainted with concrete physical things and beings in the physical world around us through our physical organization, so too do we become acquainted with a spiritual world in concrete, individual forms through the higher human being—the human being who lives spiritually and soulfully within us. But the spiritual-soul aspect within the human being must be grasped in a living way; otherwise, it remains merely a vague inkling that can find expression only in a conceptual construct. The only way to reach the spirit and the soul is to descend from ordinary consciousness into the subconscious and truly develop a new consciousness for the subconscious, thereby forming, through what otherwise permeates matter as ether, a higher human being within the human being. This is possible through experience, through genuine inner living along the paths described in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. If one does not attain this spiritual realm, then one remains confined to what manifests from the soul-spiritual realm within the physical organism. Essentially, one remains stuck in what exists within the human being between birth and death, and thus arrives at that vague mysticism which, unfortunately, many confuse with true—but now crystal-clear—mysticism, attained in the manner I have just described: through the experience of the inner, concrete spiritual-soul human being. And because this confused, blurred mysticism is mistaken for what becomes crystal clear within, the pursuit of spiritual science is still so widely misunderstood today. That nebulous inner “I,” experienced only indirectly through the body, does not truly expand into a “world-I,” but rather dissolves into a general sense of the world. It is difficult to put this into words. That unclear, blurred mysticism is merely what the soul can experience with the aid of the body as an instrument. The soul must first be freed from the body; only then will the soul-spiritual be truly experienced. And the spiritual must be perceived, but not with the same powers of cognition with which the conceptual and lawful, the laws of nature, are perceived in the sensory world; for these are perceived with the aid of the physical instrument, which does not even accompany us through the gate of death. Natural laws have significance only between birth and death—not for nature itself, but for us. But when a person awakens the inner self and the spiritual world surrounds them, then they behold a concrete spiritual world in which spiritual beings exist, just as physical beings exist in the physical world. And then one does not arrive at what an otherwise quite commendable—yet limited—metaphysics leads to: through all manner of paths, one moves from a mere inkling of the spirit—which one embellishes with concepts—to pantheism, this nebulous construct that sees a universal spirit everywhere, just as if one were to see not individual plants and animals everywhere, but rather a universal nature. Whether one sees the will everywhere, as Schopenhauer does, or arrives at panpsychism through philosophical means, all these “pane” concepts arise solely because the spiritual and psychological realm operates solely through the instrument of the human mind. And, when all is said and done, mere philosophical idealism—which I have indeed tried repeatedly this winter to describe in all its grandeur—could come to nothing other than a conceptual grasp of the world; for the true spiritual world is attained only in the way I have indicated. But precisely when one now works out this concrete view—and I could only sketch it out aphoristically today—what I have said can truly be brought into full harmony with the scientific worldview and does not offend any religious sentiment. You will soon be able to read about this in my short treatise *The Task of Spiritual Science*, which will be published in the coming weeks. Everything I have described here is what first enables human beings to comprehend the world around them in all its manifestations. The spiritual world is, after all, present in the external world through its effects, but these effects can only be fully understood once one grasps the spiritual foundations underlying them. The soul-forming forces that underlie the world, the spiritual forces at work—only when one grasps these can one gain insight into what the world actually is.
[ 33 ] Goethe wollte zunächst das Weben und Wogen des Geistes, das ihm selber unbewußt geblieben ist, im Abglanz des äußeren Materiellen sehen, und das konnte er dann nur im belebten Materiellen wahrnehmen durch seine Metamorphose. Es wird wirklich, wenn die Denkweise, die Goethe hatte, ausgedehnt wird auf Leib, Seele und Geist, eine wahre Wissenschaft von Leib, Seele und Geist erscheinen. Dann wird auch eine solche Wissenschaft möglich sein, wie ich sie vorgestern für das Begreifen der einzelnen Volksseelen und für den auf der Erde sich abspielenden geschichtlichen Entwickelungsgang der Menschheit überhaupt angedeutet habe.
[ 33 ] Goethe initially sought to see the weaving and surging of the spirit—which had remained unconscious to him—reflected in the external material world, and he could perceive this only in the animated material world through its metamorphosis. Indeed, when Goethe’s way of thinking is extended to body, soul, and spirit, a true science of body, soul, and spirit will emerge. Then such a science will also become possible—as I hinted at the day before yesterday—for understanding the individual national souls and for comprehending the historical course of human development unfolding on Earth in general.
[ 34 ] Man kann sagen: Sehnsucht, eine solche Geisteswissenschaft zu erlangen, war immer vorhanden. Wir nennen sie heute Anthroposophie, das heißt, ich versuche diesen Namen zu rechtfertigen für sie. Anthroposophie deshalb, weil Anthropologie den Menschen so betrachtet, wie man ihn betrachtet, wenn man sich nur äußerer Organe am Menschen bedient. Anthroposophie entsteht, wenn man den inneren, erweckten Menschen sich richten läßt auf dasjenige, was Mensch ist. Ich habe in früheren Vorträgen einen Ausspruch von Troxler aus dem Jahre 1835 angeführt, aus dem ersehen werden kann, wie eine solche Anthroposophie ersehnt worden ist. Denn in der Zeit, in der mehr oder weniger auch unbewußt in den besseren Seelen überall die Goethesche Weltanschauung gewirkt hat, da war schon Sehnsucht und Hoffnung für eine solche Anthroposophie vorhanden. Und zum Belege dafür lassen Sie mich heute noch einen Ausspruch anführen, den Immanuel Hermann Fichte — ich habe auch ihn in einem der letzten Vorträge erwähnt — 1860 getan hat; er soll Ihnen beweisen, daß dasjenige, was heute hier als Geisteswissenschaft gesucht wird, durchaus etwas Ersehntes und Erhofftes in der Geistesbewegung des neunzehnten Jahrhunderts ist, wenn es auch aus dem angeführten Grunde etwas abgedämpft war. Immanuel Hermann Fichte, der Sohn des großen Philosophen, sagt in seiner «Anthropologie» am Schlusse, 1860: «Aber schon die Anthropologie endet in dem von den mannigfaltigsten Seiten her begründeten Ergebnisse, daß der Mensch nach der wahren Eigenschaft seines Wesens, wie in der eigentlichen Quelle seines Bewußtseins, einer übersinnlichen Welt angehöre. Das Sinnenbewußtsein dagegen und die auf seinem Augpunkte entstehende phänomenale Welt mit dem gesamten, auch menschlichen Sinnenleben, haben keine andere Bedeutung, als nur die Stätte zu sein, in welcher jenes übersinnliche Leben des Geistes sich vollzieht, indem er durch frei bewußte eigene Tat den jenseitigen Geistesgehalt derIdeen in dieSinnenwelt einführt... Diese gründliche Erfassung des Menschenwesens erhebt nunmehr die «Anthropologie in ihrem Endresultate zur «Anthroposophie.»
[ 34 ] One could say that the longing to attain such a spiritual science has always been present. Today we call it anthroposophy; that is to say, I am attempting to justify this name for it. Anthroposophy, because anthropology views the human being in the same way one views him when one relies solely on his external organs. Anthroposophy arises when one allows the inner, awakened human being to direct itself toward that which is human. In earlier lectures, I cited a statement by Troxler from the year 1835, from which it can be seen how such an anthroposophy had been longed for. For in the era when Goethe’s worldview was at work—more or less unconsciously—in the better souls everywhere, there was already a longing and hope for such an anthroposophy. And as evidence of this, let me quote today another statement made by Immanuel Hermann Fichte—whom I also mentioned in one of my recent lectures—in 1860; it will prove to you that what is sought here today as a spiritual science was indeed something longed for and hoped for in the spiritual movement of the nineteenth century, even if it was somewhat subdued for the reason mentioned. Immanuel Hermann Fichte, the son of the great philosopher, states at the conclusion of his *Anthropology* in 1860: “But even anthropology ends with the conclusion, substantiated from the most diverse perspectives, that human beings, according to the true nature of their being and as in the very source of their consciousness, belong to a supersensible world. Sensory consciousness, on the other hand, and the phenomenal world arising from its vantage point—along with the entirety of sensory life, including human sensory life—have no other significance than to be the place in which that supersensible life of the spirit unfolds, as it introduces the otherworldly spiritual content of ideas into the sensory world through its own freely conscious act... This thorough understanding of the human being now elevates “anthropology,” in its final form, to “anthroposophy.”
[ 35 ] Die Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, ist wahrhaftig nichts willkürlich Erfundenes, sondern etwas Ersehntes und Erhofftes bei den besten Geistern des neunzehnten Jahrhunderts. Und ich bin für mich überzeugt davon, daß sie auf einem wirklichen Eindringen in den Geist der Goetheschen Weltanschauung fußt. Als vor einigen Jahren die Frage war: Wie soll die Gesellschaft heißen, innerhalb welcher diese Geistesforschung, die hier gemeint ist, gepflegt wird? — Am liebsten hätte ich deshalb dazumal diese Gesellschaft «Goethe-Gesellschaft» benamt gefunden, wenn nicht der Name schon vergeben gewesen wäre an eine andere Goethe-Gesellschaft. Sie wurde mit dem Namen «Anthroposophische Gesellschaft» benamt; aber aus guten Gründen, denn Sie sehen: Dasjenige, was heute als Geisteswissenschaft auftritt, ist lange ersehnt und lange erhofft, und es ist dasjenige, was heute, ich möchte sagen, aus unterbewußten Seelengründen auf die Oberfläche befördert wird, nur das Erfüllen jener Hoffnungen, die wahrhaftig nicht bei den schlechtesten Geistern vorhanden waren.
[ 35 ] Anthroposophy, as understood here, is truly not something arbitrarily invented, but rather something longed for and hoped for by the finest minds of the nineteenth century. And I am personally convinced that it is based on a genuine insight into the spirit of Goethe’s worldview. When, a few years ago, the question arose: What should be the name of the society within which this spiritual research—as referred to here—is to be pursued? — I would therefore have preferred at that time to have named this society the “Goethe Society,” had the name not already been taken by another Goethe Society. It was named the “Anthroposophical Society”; but for good reasons, for you see: What appears today as spiritual science has long been yearned for and long hoped for, and it is that which today—I would say—is brought to the surface from subconscious depths of the soul, merely the fulfillment of those hopes that were truly absent even among the worst of minds.
[ 36 ] Und noch in anderer Weise waren solche Hoffnungen _ vorhanden, inmerkwürdiger Weise und gerade auch, möchte ich sagen, hervorgehend aus. Goethescher Weltanschauung, bei einem Geiste, der so ganz mit seiner Seele in der Goetheschen Weltanschauung drinnen lebte — bei Herman Grimm. Hier tritt einmal etwas Wunderbares zutage. Herman Grimm ist ja Historiker, namentlich Kunsthistoriker. Er versuchte, wirklich aus Goethes Geiste — ich sage jetzt nicht, wie er ihn erfassen konnte, sondern wie er sich ihn einverleiben und einverseelen und einvergeistigen konnte - den Entwickelungsgang der historischen Erscheinungen im Sinne einer solchen Goetheschen Weltanschauung darzustellen. Worauf kommt er da? An einer Stelle eines Aufsatzes, den er über Macauley geschrieben hat, versuchte sich Herman Grimm klarzumachen, wie man so das geschichtliche Werden und das Drinnenstehen des einzelnen menschlichen Individuums in der Geschichte verstehen kann. Er versuchte einen Begriff zu bilden darüber: Wie steht der Mensch im Werdegang der Geschichte drinnen? Er schreckte noch zurück, denn als er den Aufsatz geschrieben hat — es war im Beginne der siebziger Jahre —, war noch nicht die Zeit reif, Geisteswissenschaft in einer solchen Weise zu schildern, wie man sie heute schildern kann - wenn sie auch noch vielfach als Phantasterei oder als etwas Schlimmeres angesehen wird. Er versucht nicht, zur Geisteswissenschaft aufzusteigen, aber sich einen Gedanken zu bilden, von dem er sagt, er wolle ihn zunächst nur eine Phantasie sein lassen, einen Gedanken, durch den er sich vorstellen kann: wie steht der einzelne Mensch zunächst für eine geschichtliche Betrachtungsweise im Weltenall drinnen?
[ 36 ] And such hopes were _ present in other ways as well, in a remarkable way and, I might add, stemming precisely from Goethe’s worldview—in the case of a mind that lived so completely, with his very soul, within Goethe’s worldview—namely, Herman Grimm. Here, something wonderful comes to light. Herman Grimm is, after all, a historian—specifically, an art historian. He attempted—truly drawing from Goethe’s spirit—not to say how he was able to grasp it, but rather how he was able to internalize it, imbue it with his own soul, and spiritualize it—to depict the course of historical developments in the spirit of such a Goethean worldview. What does he arrive at? In one passage of an essay he wrote about Macaulay, Herman Grimm sought to clarify for himself how one might understand the historical unfolding of events and the individual human being’s place within history. He attempted to formulate a concept regarding this: How does the human being fit into the course of history? He still hesitated, for when he wrote the essay—it was in the early 1870s—the time was not yet ripe to describe spiritual science in the way it can be described today—even though it is still often regarded as fantasy or something worse. He does not attempt to ascend to the level of the science of the spirit, but rather to form a thought—which he says he wants to allow, for the time being, to remain merely a fantasy—a thought through which he can imagine: how does the individual human being, from a historical perspective, fit into the universe?
[ 37 ] Da spricht Grimm die folgenden Worte aus: «Es ist ein Zustand denkbar, daß der Geist eines Menschen, losgelöst von den körperlichen Banden, etwa wie ein bloßer Spiegel des Geschehenden über der Erde schwebte.» — Er entschuldigt sich förmlich damals noch, weil keine Geisteswissenschaft da sein konnte -: «Ich stelle hier keinen Glaubensartikel auf, es ist nur eine Phantasie. Nehmen wir an, für einige Menschen gestalte sich die Unsterblichkeit in dieser Weise» — wir haben sie, die Phantasie, die Unsterblichkeit gestaltet sich in dieser Weise für die Geisteswissenschaft! -, «daß sie unbeengt von dem, was sie früher verblendete, über die Erde hin schweben und ihnen alle Schicksale der Erde und des Menschen vor der Geburt des Planeten an sich offenbarten ...» Das Leben in der geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt muß sich Herman Grimm wenigstens hypothetisch phantastisch vorstellen, um sich das Hineingestelltsein des Menschen in die Geschichte auch wirklich vorstellen, denken zu können. Und deshalb sagteer: Nun, wie können wir den einzelnen Menschen auffassen? - «Nun plötzlich, träumen wir weiter» - man muß natürlich träumen, aber der Traum wird Wahrheit! —, «wäre dieser Geist, der so frei die Dinge überschaute, gezwungen, sich wieder dem Körper eines sterblichen Menschen zu verbinden.» — Das heißt, Herman Grimm hat notwendig, um sich die Geschichte und das Stehen des Menschen in der Geschichte vorstellen zu können, an die wiederholten Erdenleben zu den- . ken. Nur dadurch kann er sich die Geschichte vorstellen.
[ 37 ] Here Grimm utters the following words: “It is conceivable that the spirit of a human being, detached from its physical bonds, might hover above the earth, much like a mere mirror reflecting what is happening.” — He even formally apologizes at the time, since there was no spiritual science yet: “I am not setting forth an article of faith here; it is merely a fantasy. Let us assume that, for some people, immortality takes this form”—we have it, the fantasy: immortality takes this form for spiritual science!—“so that, unhindered by what formerly blinded them, they float over the earth, and all the destinies of the earth and of humanity before the planet’s birth are revealed to them...” Herman Grimm must imagine life in the spiritual world between death and a new birth—at least hypothetically and imaginatively—in order to truly conceive of and grasp humanity’s place within history. And that is why he said: Well, how can we understand the individual human being? — “Well, suddenly, let’s dream on”—one must, of course, dream, but the dream becomes reality! —, “if this spirit, which surveyed things so freely, were compelled to reunite with the body of a mortal human being.” — That is to say, in order to conceive of history and humanity’s place within it, Herman Grimm necessarily had to think in terms of repeated earthly lives. Only in this way can he conceive of history.
[ 38 ] So schauten tiefere Geister die Geschichte und das geschichtliche Werden und das Drinnenstehen des Menschen an. Aber wie gesagt, solche Dinge strömten, ich möchte sagen, unter dem herrschenden Strom der mehr dem Materiellen, dem Stofflichen zugewandten WeltanschauungsEntwickelung der neueren Zeit und werden wohl an die Oberfläche getragen werden von unserer Zeit an, denn unsere Zeit spürt es schon, daß man den Geist und die Seele wieder erkennen müsse. Allerdings, man spürt das am meisten gerade, wenn man versucht, das geschichtliche Werden der Menschheit zu verstehen. Und heute liegt es nahe, das geschichtliche Werden der Menschheit zu verstehen zu suchen, da wir in einem so bedeutsamen Abschnitte dieses geschichtlichen Werdens stehen. Wenn man auf der einen Seite auf solch eine Anschauung der Geschichte blickt, wozu Herman Grimm notwendig hat, die wiederholten Erdenleben sich vorzustellen, und dann auf eine andere geschichtliche Vorstellung blickt, da wird man so recht gewahr, wie weit es das bloße Haften an dem Stofflichen bringen kann, namentlich wenn der Mensch das geschichtliche Werden verstehen will.
[ 38 ] This is how deeper minds viewed history, the historical process, and humanity’s place within it. But as I said, such things flowed—I would say—beneath the prevailing current of the worldview development of modern times, which was more oriented toward the material and the physical, and will likely be brought to the surface from our time onward, for our time already senses that one must recognize the spirit and the soul once again. Indeed, one senses this most keenly precisely when one attempts to understand the historical development of humanity. And today it is natural to seek to understand the historical development of humanity, since we stand at such a significant juncture in this historical process. When one looks, on the one hand, at such a view of history—for which Herman Grimm found it necessary to conceive of repeated earthly lives—and then at another historical conception, one becomes truly aware of how far mere attachment to the material realm can lead, especially when one seeks to understand the historical development.
[ 39 ] Da habe ich einen Geist im Auge, von dem ich Ihnen am Schlusse jetzt noch kurz ein paar Sätze vorführen will, weil der natürlich ganz ferne steht von jedem Erfassen des Geistigen, des Seelischen. Und dennoch will er sich das geschichtliche Werden erklären, zum Beispiel warum Religionen in verschiedener Art entstanden sind, warum zunächst ein Polytheismus, eine Vielgötterei da war, dann Monotheismus gekommen ist, im Monotheismus wiederum das Christentum entstanden ist, im Christentum wieder der Protestantismus entstanden ist —, äußerlich will das nun ein gewisser Geist erklären. Ja, daß da drinnen Geistig-Seelisches wirkt, dazu kann er sich natürlich nicht aufschwingen. Aber aus dem, was man äußerlich beobachten kann, allerdings auch nur in der groben Weise, wenn bloß durch die Werkzeuge des Leibes auf die Außenwelt, auch die Außenwelt der Geschichte, geschaut wird, versucht er sich nun klar zu machen, wie sich die Geschichte der Religionen entwickelt hat. Da sagt er — die Worte sind zu dem angezogenen Gedanken nicht besonders wichtig, aber ich werde sie doch einleitend lesen: «Solange die Konsolidation vorwärts schreitet, wird vornehmlich der Organismus der lebende sein, der im gegebenen Augenblicke am wohlfeilsten funktioniert, und diese Tendenz tritt gleich deutlich im abstrakten Denken wie im Handel und im Kriege hervor.» Also wenn man begreifen will, wie ein späterer Zustand aus einem früheren entsteht, so sieht man nach seiner Meinung, wie der spätere Zustand wohlfeiler wurde als der frühere.
[ 39 ] I have in mind a certain mindset, about which I would now like to share a few brief remarks with you at the end, because it is, of course, very far removed from any understanding of the spiritual or the psychological. And yet this certain mind seeks to explain historical development—for example, why religions of various kinds arose, why there was initially polytheism, then monotheism emerged, and from monotheism Christianity arose, and from Christianity Protestantism emerged—externally, this certain mind seeks to explain all of this. Yes, he cannot, of course, rise to the level of recognizing that spiritual and soul forces are at work there. But based on what can be observed externally—albeit only in a rough way, when the external world, including the external world of history, is viewed solely through the instruments of the body—he now attempts to understand how the history of religions has developed. He says—the words themselves are not particularly important to the idea at hand, but I will read them by way of introduction: “As long as consolidation continues to advance, the organism that functions most cheaply at any given moment will be the one that prevails, and this tendency is just as evident in abstract thought as it is in commerce and war.” So, if one wishes to understand how a later state arises from an earlier one, one must, in his view, examine how the later state became more economical than the earlier one.
[ 40 ] Und das wendet er auf die Religionen an: «Den treffendsten Beleg zu diesem Prinzip liefert die Entwickelung der Religionen. Der Monotheismus ist wohlfeiler als der Polytheismus.» Das heißt: Die Menschen strebten nach und nach, es billig zu haben in der geistigen Welt. Da steigen sie vom Polytheismus zum Monotheismus vor, der ist billiger! Er braucht keinen so ausgebreiteten Kultus wie der Polytheismus! Also: «Der Monotheismus ist wohlfeiler als der Polytheismus. Demzufolge konnten die zwei großen monotheistischen Religionen in Kairo und in Konstantinopel, den beiden Handelszentren des ersten Mittelalters, fortleben, während der römische Kultus unterging, gleich wie der griechische und der ägyptische und wie die verschiedenen persischen Religionen.»
[ 40 ] And he applies this to religions: “The most striking evidence for this principle is provided by the development of religions. Monotheism is cheaper than polytheism.” In other words: People gradually sought to keep things simple in the spiritual world. So they moved from polytheism to monotheism, which is simpler! It does not require as extensive a cult as polytheism! So: “Monotheism is cheaper than polytheism. Consequently, the two great monotheistic religions were able to survive in Cairo and Constantinople—the two commercial centers of the early Middle Ages—while the Roman cult declined, just like the Greek and Egyptian cults and the various Persian religions.”
[ 41 ] Also haben wir die späteren monotheistischen Religionen, weil sie billiger sind! Sie haben nur einen Gott, brauchen also einen einfacheren Kultus, sind billiger! Dann sagt er weiter: «Im gleichen Sinne ist der Protestantismus billiger als der Katholizismus.» Wenn man nur das Äußere anschaut, kann man es nicht leugnen, die protestantische Kirche hat nicht soviel Schmuck, hat noch nicht soviel Kultus entwickelt, ist billiger.
[ 41 ] So we have the later monotheistic religions because they’re cheaper! They have only one God, so they require a simpler form of worship—they’re cheaper! Then he goes on to say: “In the same vein, Protestantism is cheaper than Catholicism.” If you look only at the outward appearance, you can’t deny it: the Protestant church doesn’t have as many trappings, hasn’t yet developed as elaborate a ritual, and is cheaper.
[ 42 ] «Darum auch nahmen Holland und England» - nicht ich sage es! — «den Protestantismus an, als sie Italien und Spanien den Handel mit dem Orient entrissen.» Weil also Holländer und Engländer es billiger haben wollten, nahmen sie den Protestantismus an!
[ 42 ] “That is why Holland and England”—and I’m not the one saying this!—“adopted Protestantism when they wrested trade with the Orient from Italy and Spain.” So because the Dutch and the English wanted it to be cheaper, they adopted Protestantism!
[ 43 ] «Der Atheismus schließlich ist billiger als jedwede Religion, und es ist eine Tatsache, daß alle modernen Handelszentren zum Skeptizismus neigen, daß der moderne Staat selbst die Kultuskosten auf ein Minimum hinabzudrücken trachtet.» Hier haben wir den Kostenpunkt als Fortschrittsprinzip der Religionen! Allerdings ist das wieder ein Beispiel für diejenige Betrachtungsweise, die ich vorgestern angestellt habe: daß man da sehen kann, wie aus den verschiedenen Kulturen heraus das Bestreben ist, sich entweder mehr geistig-seelisch den Entwickelungsgang der Menschheit zu denken, oder mehr mit demjenigen, was nur in äußeren Anschauungen errungen werden kann.
[ 43 ] “Atheism, after all, is cheaper than any religion, and it is a fact that all modern commercial centers tend toward skepticism, that the modern state itself seeks to reduce the costs of worship to a minimum.” Here we have the cost factor as a principle of progress for religions! However, this is yet another example of the perspective I outlined the day before yesterday: that one can see here how, within the various cultures, there is a striving either to conceive of the course of human development in more spiritual and psychological terms, or to focus more on what can be attained solely through external observations.
[ 44 ] Derjenige, der das geschrieben hat, ist Brooks Adams, ein Amerikaner, und Roosevelt hat die Vorrede zu diesem Buche geschrieben! Ich will zu diesen Gedanken weiter nichts hinzufügen, Sie zeigen, wo gewissermaßen der Asymptote nach gedacht dasjenige liegt, zu dem eine rein auf das ÄAußerliche gerichtete Weltanschauung führen muß. Gewiß, was als Geistig-Seelisches erfaßt ist, wird einer rein äußerlichen Weltenbetrachtung vielfach wie ein bloßes Träumen erscheinen. Träumen — ja, die Leute würden einem heute ja sogar das Träumen verzeihen vom materialistischen Gesichtspunkte. Ich bin überzeugt, wenn einer im Traum, was ja auch sein könnte, eine Maschine erfinden könnte, die er dann in der äußeren Wirklichkeit konstruiert, so würden die Leute an diesen Traum glauben. Es gehört natürlich nur die Kraft dazu, dasjenige, was bloß innerhalb des Geistig-Seelischen gefunden ist, in seiner Realität, in seiner Wirklichkeit zu erkennen.
[ 44 ] The person who wrote this is Brooks Adams, an American, and Roosevelt wrote the preface to this book! I have nothing further to add to these thoughts; they show, so to speak, where the asymptote lies of what a worldview focused purely on the external must ultimately lead to. Certainly, what is grasped as spiritual and soul-related will often appear to a purely external view of the world as mere dreaming. Dreaming—yes, people today would even forgive one for dreaming from a materialistic point of view. I am convinced that if someone were to invent a machine in a dream—which is, after all, possible—and then construct it in external reality, people would believe in that dream. Of course, all it takes is the power to recognize as real, as actual, that which is found solely within the spiritual and soul realm.
[ 45 ] Daß diese geistige Kraft zu den Entwickelungs- und Bildungsprinzipien gerade derjenigen Weltanschauungsentwickelung gehört, die sich durch das deutsche Geistesleben ausgesprochen hat, habe ich in den verschiedenen Vorträgen in dieser schweren Prüfungszeit gerade auszuführen versucht. Und wenn man eine Anschauung darüber gewonnen hat, was Geisteswissenschaft der Zukunft der Menschheit sein wird und sein muß, und sieht, wie, seit es eine deutsche Entwickelung gibt, die Bildungsprinzipien dieser deutschen Entwickelung nach dieser Geisteswissenschaft hin nun, sagen wir — hinträumen, dann gibt das auch eine Festigkeit und Sicherheit, für deren Erlangung man innerhalb des Geisteslebens des eigenen Volkes stehen bleiben kann und nicht nötig hat, andere Geistesleben zu verunglimpfen, solche Hassesworte auszusprechen, wie wir sie vorgestern erst wiederum gehört haben, um innere Festigkeit, gewissermaßen innere Rechtfertigung in der Ablehnung des Fremden zu gewinnen. Das deutsche Geistesleben darf innere Rechtfertigung, innere Festigkeit gewinnen dadurch, daß es das, was in ihm selbst liegt, betrachtet.
[ 45 ] In the various lectures I have given during this difficult time of trial, I have specifically sought to explain that this spiritual power belongs to the principles of development and education inherent in precisely that evolution of worldview that has found expression through German spiritual life. And once one has gained an understanding of what spiritual science will be—and must be—for the future of humanity, and sees how, ever since the emergence of a German development, the educational principles of this German development have, let us say, “dreamed” their way toward this spiritual science, this provides a steadfastness and certainty that allows one to remain firmly rooted within the spiritual life of one’s own people—without needing to denigrate other spiritual lives or utter words of hatred such as those we heard again just the day before yesterday, in order to gain inner strength—or, so to speak, inner justification—in the rejection of what is foreign. German spiritual life may gain inner justification and inner strength by contemplating what lies within itself.
[ 46 ] Und so sei denn zum Schlusse dieses Vortrages ausgesprochen wie etwas, was als ein Gefühl in der Seele sich festsetzen kann, der Vergleich dessen, was Geisteswissenschaft will, mit dem, was vielfach als Keime gerade im deutschen Bildungsleben lebt. Wie das Geistig-Seelische im deutschen Bildungsleben verankert ist, das gibt uns innere Gewißheit darüber, daß das Deutschtum nicht überwunden werden kann, denn es ist in der Welten-Menschheits-Entwickelung nach dem, was es als Keime in sich enthält, zu Großem bestimmt. Wir können heute sagen: England besitzt ein Viertel an Boden der gesamten trockenen Welt, des festen Landes, Rußland ein Siebentel, Frankreich ein Dreizehntel, das deutsche Wesen kaum ein Dreißigstel des Bodens! So stehen diejenigen, die sich ausdehnen über ein Viertel, plus ein Siebentel, plus ein Dreizehntel des trockenen Landes, gegenüber denjenigen, die sich kaum auf einem Dreißigstel des trockenen Landes ausgebreitet haben. Und so müssen schon diejenigen, die sich auf diesem Dreißigstel ausgebreitet haben und mit Bewußtsein auf diesem DreiBigstel heute dem gegenüberstehen müssen, was auf einem Viertel, plus Siebentel, plus Dreizehntel steht, sich durchdringen mit dem, was aus der Erfassung des innersten Wesens heraus sich erleben läßt. Da läßt sich zweifellos aus inneren Notwendigkeiten heraus erleben: Diejenigen, die auf einem Dreizehntel plus Siebentel plus Viertel denen gegenüberstehen, die nur auf einem Dreißigstel stehen, sie dürfen die Letzteren nicht also überwinden, wie sie es heute vielfach in ihrem fanatischen Hassesideal sagen. Denn dasjenige, was auf diesem Dreißigstel lebt, scheint durch seine innere Beschaffenheit und Wesenheit für dasjenige bestimmt zu sein, was man innerhalb des irdischen Zusammenhanges noch eine lange, lange Zeit und für menschliche Phantasie eine zeitliche Ewigkeit nennen kann. Dieses deutsche Wesen trägt die Sicherheit für seinen Bestand in sich. Und aus dieser Sicherheit geht hervor, was sich in wenigen Worten zusammenfassen läßt: Sie werden es nicht überwinden, denn soll die Welt Sinn haben, sie dürfen es nicht überwinden!
[ 46 ] And so, to conclude this lecture, let me offer—as something that may take root as a feeling in the soul—a comparison between what spiritual science seeks and what, in many ways, already exists as seeds within German educational life. The way in which the spiritual-soul aspect is anchored in German cultural life gives us an inner certainty that German culture cannot be overcome, for—based on the seeds it contains within itself—it is destined for greatness in the development of the world and humanity. We can say today: England possesses one-quarter of the land area of the entire dry world, the solid land; Russia one-seventh; France one-thirteenth; and the German essence barely one-thirtieth of the land area! Thus, those who have spread out over a quarter, plus a seventh, plus a thirteenth of the dry land stand in contrast to those who have spread out over barely one-thirtieth of the dry land. And so those who have spread out over this one-thirtieth—and who, with full awareness, must today face what stands on one-quarter, plus one-seventh, plus one-thirteenth—must immerse themselves in what can be experienced through an understanding of their innermost being. There, one can undoubtedly experience—out of inner necessity—that those who stand on one-thirteenth plus one-seventh plus one-quarter against those who stand only on one-thirtieth must not, therefore, overcome the latter, as they often claim today in their fanatical ideal of hatred. For that which lives at this one-thirtieth level seems, by its inner nature and essence, to be destined for what, within the earthly context, can still be called a long, long time—and, for the human imagination, a temporal eternity. This German essence carries within itself the assurance of its continued existence. And from this certainty arises what can be summed up in a few words: They will not overcome it, for if the world is to have meaning, they must not overcome it!
