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From Central European Spiritual Life
GA 65

13 April 1916, Berlin

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From Central European Spiritual Life, tr. SOL
  1. Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben

14. Die Deutsche Seele in ihrer Entwickelung

14. The German Soul in Its Development

[ 1 ] Diejenigen der verehrten Zuhörer, welche öfter bei diesen Vorträgen sind, die ich nun schon seit Jahren hier in diesem Saale halten darf, wissen, daß ich nur in den allerseltensten Fällen in diese Betrachtungen persönliche Bemerkungen einmische. Heute aber möchte ich Sie bitten, mir einleitungsweise eine solche persönliche oder wenigstens anscheinend persönliche Bemerkung zu gestatten. Denn ich müßte mir eigentlich recht albern, einfältig vorkommen, wenn ich glauben könnte, daß meine Ausführungen gerade zu diesem heute gestellten Thema etwas anderes sein könnten, als etwas höchst Unvollkommenes, ja vielleicht sogar Stümperhaftes. Dasjenige, was ich skizzenhaft andeuten will mit Bezug auf das Wesen und die Entwickelung der deutschen Volksseele, könnte der Teil, sagen wir, ein Kapitel einer Wissenschaft sein, die es aber heute noch nicht gibt, einer Wissenschaft, die einem vorschweben kann als ein hohes Ideal. Aber was müßte alles zusammenarbeiten, um eine solche Wissenschaft wirklich zustande zu bringen! Erstens müßte vielleicht nicht eine, sondern eine Reihe von Persönlichkeiten müßte zusammenwirken, die den hingebungsvollen Forschersinn für alles, was Volkswesen, Volksart, Volksentwickelung ausmacht, hat, den etwa Jakob Grimm gehabt hat, der ja seine Studien auf die beiden Äußerungen der Volksseele, die Mythe, die Sage und die Sprache, hauptsächlich gelenkt hat. Allein, derselbe Geist müßte sich verbreiten über viele andere Äußerungen des Volksseelenwesens und müßte in der Lage sein, Gesetze über dieses Volksseelenwesen zu finden, welche sich mit einigen der so wunderbaren Gesetze vergleichen können, die über die Sprache zum Beispiel der deutsche ausgezeichnete Forscher Jakob Grimm gefunden hat.

[ 1 ] Those among the esteemed audience who frequently attend these lectures—which I have had the privilege of delivering here in this hall for years now—know that I only very rarely interweave personal remarks into these reflections. Today, however, I would like to ask you to allow me, by way of introduction, to make such a personal—or at least seemingly personal—remark. For I would actually have to consider myself quite foolish and naive if I could believe that my remarks on precisely this topic before us today could be anything other than highly imperfect, perhaps even amateurish. What I wish to sketch out in outline form regarding the nature and development of the German national soul could be, let us say, a chapter in a science that does not yet exist—a science that might be envisioned as a lofty ideal. But what a great deal would have to come together to truly bring such a science into being! First, perhaps not just one, but a series of individuals would have to work together—individuals who possess the devoted spirit of inquiry into everything that constitutes the national character, the national nature, and national development, such as Jakob Grimm possessed, who, after all, directed his studies primarily toward the two manifestations of the national soul: myth, legend, and language. However, this same spirit would have to extend to many other expressions of the folk soul and be capable of discovering laws governing this folk soul that could be compared to some of the truly marvelous laws that the distinguished German scholar Jakob Grimm discovered regarding language, for example.

[ 2 ] Nun, selbstverständlich kann ich mich nicht einer solchen Wissenschaft rühmen. Allein, es war mir doch Gelegenheit geboten, die langjährige Freundschaft eines guten Nachfolgers und Schülers Jakob Grimms zu genießen, des österreichischen Dialekt-, Sagen- und Mythenforschers, später auch Goethe-Forschers Karl Julius Schröer. Ich habe darüber ja schon in diesen Vorträgen gesprochen, außer über das, was er, ich möchte sagen, so recht aus dem Geiste Jakob Grimms heraus zu erforschen versuchte, namentlich über die intimen Lebensbeziehungen der deutschen Volksseele zu den verschiedenen Volksseelen, die in Österreich walten. Was er über das Wesen und die Bedeutung der deutschen, in Österreich herrschenden Dialekte zu ergründen versuchte — und es sind da viele herrschend -, daran durfte ich durch viele Jahre — und ich darf sagen, mit innigem Anteil - teilnehmen, durfte dann auch sehen, wie Volkswesenheit, namentlich also deutsche Volkswesenheit sich da auslebt, wo sie sich hineinschieben muß in slawisches, in magyarisches Volkstum. Man konnte schon gerade in denjenigen Jahren, in denen ich jung war, Studien machen über die gegenseitigen Beziehungen von Volksseelen. Wenn man ins Auge faßte, was sich in den siebziger, in den achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts in Österreich abspielte, da konnte man lebendig anwenden, was solch ein Forscher, der Schüler Jakob Grimms ist, aus seiner Wissenschaft heraus über das Volksseelenwesen zur Geltung bringen kann. Und dann durfte ich das vertiefen, was sich mir auf diese Weise geboten hatte, wiederum durch eine intime Freundschaft mit dem nun gleich Schröer längst schon verstorbenen Sagen- und Mythenforscher Ludwig Laistner, dem Freunde Paul Heyses. Und so war mir wenigstens Gelegenheit geboten, die Art und Weise kennenzulernen, wie man sich hineinleben kann in jene äußere Wissenschaft, die alles das zusammenfaßt, was gesetzmäßig im Volksseelenwesen und seiner Entwickelung waltet.

[ 2 ] Well, of course I cannot claim such scholarly expertise. However, I did have the opportunity to enjoy a long-standing friendship with a worthy successor and student of Jakob Grimm—Karl Julius Schröer, the Austrian scholar of dialects, legends, and myths, who later also became a Goethe scholar. I have already spoken about this in these lectures—except for what he, I might say, sought to explore in the true spirit of Jakob Grimm: namely, the intimate connections between the German national soul and the various national souls that prevail in Austria. I was privileged to participate for many years—and, I might add, with deep interest—in his efforts to fathom the nature and significance of the German dialects prevalent in Austria—and there are many of them—and was thus able to observe how national character, specifically German national character, manifests itself where it must intermingle with Slavic and Magyar folk traditions. It was precisely during those years of my youth that one could conduct studies on the interrelationships between national souls. When one considered what was taking place in Austria in the 1870s and 1880s, one could vividly apply what such a researcher—a student of Jakob Grimm—could bring to light about the nature of the national soul through his scholarship. And then I was able to delve deeper into what had presented itself to me in this way, again through a close friendship with the legend and mythologist Ludwig Laistner—a friend of Paul Heyse’s—who, like Schröer, has long since passed away. And so I was at least given the opportunity to learn how to immerse myself in that external science which synthesizes all that lawfully governs the folk soul and its development.

[ 3 ] Zweitens aber müßte derjenige, der eine solche Wissenschaft begründen wollte, wie sie als Ideal mir vorschwebt, gründlich die Disziplin an sich selber erfahren haben, welche die moderne naturwissenschaftliche Denkungsweise und ihre Methoden geben. Dazu darf ich wenigstens sagen, daß ja meine ganze Jugendbildung auf Naturwissenschaft aufgebaut ist und daß ich lange Zeit eine gewisse Erziehung in dieser Methode genossen habe.

[ 3 ] Secondly, however, anyone who wished to establish a science such as the one I envision as an ideal would have to have thoroughly experienced for themselves the discipline imparted by the modern scientific way of thinking and its methods. In this regard, I may at least say that my entire youthful education was based on the natural sciences and that I enjoyed a certain training in this method for a long time.

[ 4 ] Aber noch eines Dritten bedarf all das, was durch eine im Sinne Jakob Grimms gehaltene Volksseelenkunde äußerlich gefunden und mit derjenigen Wahrheits- und Erkenntnisgesinnung durchtränkt ist, die aus naturwissenschaftlicher Disziplinierung heraus folgt. Wer dieses Ideal von Wissenschaft vor sich hat, müßte es nämlich dadurch begründen, daß er als Drittes hinzufügte zu diesen beiden dasjenige, was ich versuchte, als die moderne Geisteswissenschaft nun durch Jahre hindurch immer wieder in diesen Vorträgen darzulegen. Denn nur durch das Zusammenwirken dieser drei Geistesströmungen der menschlichen Seele könnte wirklich das zustande kommen, was aus einer Volksseelenwissenschaft heraus Licht verbreiten kann über die Eigentümlichkeiten des Waltens und Wirkens einer Volksseele. Und so möchte ich denn andeutungsweise und skizzenhaft, und aus den angegebenen Gründen selbstverständlich stümperhaft, heute einiges über Wesenheit und Entwickelung der deutschen Seele, der deutschen Volksseele, sprechen.

[ 4 ] But all that which is externally discovered through a study of the folk soul in the sense of Jakob Grimm and is imbued with that spirit of truth and knowledge that stems from scientific discipline requires a third element. Anyone who holds this ideal of science before them would have to justify it by adding, as a third element to these two, that which I have sought to expound time and again over the years in these lectures as modern spiritual science. For only through the interplay of these three spiritual currents of the human soul could that truly come about which, arising from a science of the national soul, can shed light on the peculiarities of the governance and workings of a national soul. And so I would like today to speak, tentatively and in sketch form—and, for the reasons stated, naturally in an amateurish manner—about the nature and development of the German soul, the German national soul.

[ 5 ] Sie wissen, daß derjenige, der im Sinne der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, spricht, von Volksseele nicht in einem solchen Sinne spricht, wie man so sehr häufig von Volksseele redet, wenn man ein Abstraktling oder ein mehr oder weniger mechanistisch denkender Wissenschafter ist, sondern daß ein solcher Geistesforscher von der Volksseele als von etwas wirklich Vorhandenem spricht, so wie innerhalb der physischen Welt der einzelne Mensch vorhanden ist. Selbstverständlich kann ich im heutigen Vortrage nicht all das wiederholen, was ich seit Jahren immer ausgeführt habe. Aber man braucht sich ja nur aus den hier oft angeführten Schriften die sogenannten Beweise dafür zu holen, wie berechtigt es ist, aus geisteswissenschaftlicher Forschung heraus, wirklich von solchen höheren, nicht bis zur physischen Verleiblichung heruntergestiegenen Seelen zu sprechen, wie das hier von der Volksseele geschehen soll. Will man aber im geisteswissenschaftlichen Sinne über die Volksseele sprechen, muß man zunächst gewisse Dinge ins Auge fassen, welche sich auf die einzelne Seele des Menschen beziehen. Denn zunächst haben wir ja das Wirken der Volksseele so vor uns, daß das Wirken der einzelnen Menschenseelen, die Artung der einzelnen Menschenseelen gewissermaßen herausströmt, herauskraftet aus dem, was Volksseele ist. Nun gibt es gewisse Dinge, welche im Leben, namentlich im seelischen Leben — aber dieses seelische Leben ist ja mit dem physischen Leben zwischen der Geburt und dem Tode innig verknüpft — für die Geistesforschung in einem ganz anderen Sinne noch in Betracht kommen, als sie in Betracht kommen für dasjenige, was man heute oftmals Naturwissenschaft nennt, oder wenigstens für dasjenige, innerhalb dessen man Naturwissenschaft heute so häufig begrenzt.

[ 5 ] You know that anyone who speaks of spiritual science, as it is understood here, is not speaking of the national soul in the same sense as one so often speaks of it when one is an abstract thinker or a scientist with a more or less mechanistic mindset, but that such a spiritual researcher speaks of the national soul as something that truly exists, just as the individual human being exists within the physical world. Of course, I cannot repeat in today’s lecture everything I have been expounding for years. But one need only draw from the writings often cited here the so-called evidence for how justified it is, based on spiritual scientific research, to truly speak of such higher souls—souls that have not descended to the level of physical embodiment—as is to be done here with regard to the national soul. However, if one wishes to speak of the national soul in the sense of spiritual science, one must first consider certain aspects relating to the individual human soul. For, after all, the workings of the national soul present themselves to us in such a way that the activity of individual human souls—the nature of individual human souls—so to speak, flows forth and manifests itself from what the national soul is. Now there are certain things in life—particularly in the soul life (though this soul life is, of course, intimately linked to physical life between birth and death)—that come into consideration for spiritual research in an entirely different sense than they do for what is often called natural science today, or at least for what is so frequently regarded as the scope of natural science today.

[ 6 ] Zuerst muß ich da Ihren Blick auf die Entwickelung des einzelnen Menschen lenken. Es gibt für den Geistesforscher gewisse Abschnitte im menschlichen Leben, welche er besonders ins Auge fassen muß, um hinter die Geheimnisse der Entwickelung des Menschen, des ganzen, vollen Menschen zu kommen. Wie gesagt, ich kann heute das Einzelne nicht beweisen, ich kann nur Ergebnisse der Geistesforschung anführen. Ich muß in bezug auf die Begründung auf die früheren Vorträge oder auf meine Schriften verweisen. Ein solcher Abschnitt ist zunächst gegeben in denjenigen Jahren, in denen der Mensch in seiner Entwickelung dem Zahnwechsel unterworfen ist. Gewiß, vieles von dem, was ich jetzt werde sagen müssen, nimmt sich gegenüber den heute so fest geltenden und in so scharf umrissenen Begriffen eingeschnürten naturwissenschaftlichen Vorstellungen wie flüssig aus. Aber Geisteswissenschaft muß ja in vielen Fällen wirklich eine Rolle spielen, die ich etwa vergleichen möchte mit dem, was der Maler als Stimmung über eine Landschaft ausbreitet, die er sonst, insoferne Häuser und Bäume in Betracht kommen, in festen Umrissen malt. Was an Häusern und Bäumen in festen Umrissen da ist, was gewissermaßen scharf umrissene Zeichnung ist, wird erst in der richtigen Weise, ich will jetzt nur sagen, malerisch, wenn alles, was nun Stimmungsgehalt des Bildes ist, ausgegossen ist. Und dieser Stimmungsgehalt ist wahrhaftig nicht in so feste Formen zu bannen, wie dasjenige, was unten an Häusern, Bäumen und dergleichen gezeichnet wird. Also das siebente Jahr ungefähr — selbstverständlich sind alle diese Zahlen nur ungefähr aufzufassen -, die Zeit des Zahnwechsels, ist besonders ins Auge zu fassen. Und da erscheinen dem Geistesforscher in der menschlichen Entwickelung gewisse Vorgänge, die gewiß feiner sind, die, ich möchte sagen, wie nur in der Stimmung ausgegossen sind über das menschliche Seelenleben, die aber zum Verständnisse dieses Seelenlebens von hoher Wichtigkeit sind. In diesem Zahnwechsel drückt sich für den Geistesforscher ein vollständiges Abstreifen desjenigen aus, was als physische Kräfte bis dahin in ihm gewirkt hat, und wie das Herausdrängen eines Wesens an die Oberfläche, das gewiß schon seit langem an die Oberfläche wollte, das aber, ich möchte sagen, wie eine Verdoppelung seines Wesens ist. Und in dem Ausstoßen der ersten Zähne und ihrem Ersatz durch die zweiten Zähne drückt sich nur an einer besonderen Stelle markant, besonders hervorragend etwas aus, was im ganzen menschlichen Organismus in dieser Zeit vor sich geht.

[ 6 ] First, I must direct your attention to the development of the individual human being. For the spiritual researcher, there are certain phases in human life that he must focus on in particular in order to uncover the mysteries of human development—the development of the whole, complete human being. As I said, I cannot prove the details today; I can only cite the findings of spiritual research. For a detailed explanation, I must refer you to my earlier lectures or my writings. One such phase occurs, first of all, during the years when a person, in the course of their development, undergoes the change of teeth. Certainly, much of what I am about to say may seem vague in comparison to the scientific concepts that are so firmly established today and confined within such sharply defined terms. But in many cases, spiritual science must indeed play a role that I would like to compare, for example, to the mood a painter imparts to a landscape—a landscape in which he otherwise paints houses and trees with fixed outlines. What is there of houses and trees in fixed outlines—what is, so to speak, a sharply defined drawing—only becomes, in the proper sense, I’ll just say, painterly, once everything that constitutes the picture’s atmosphere has been poured out. And this atmospheric quality truly cannot be captured in such fixed forms as that which is depicted below in houses, trees, and the like. So the seventh year or so—of course, all these figures are only approximate—the time of the change of teeth, deserves special attention. And here certain processes appear to the spiritual researcher in human development that are certainly more subtle, which, I would say, are poured out only in mood over the human soul life, but which are of great importance for understanding this soul life. For the spiritual researcher, this teething process expresses a complete shedding of what has been at work within the child as physical forces up to that point, and it is like the emergence to the surface of a being that has certainly longed to come to the surface for a long time, but which, I would say, is like a doubling of its being. And in the shedding of the first teeth and their replacement by the second set, something that is taking place throughout the entire human organism during this period is expressed in a particularly striking and prominent way at a specific point.

[ 7 ] Nun muß der Geistesforscher ins Auge fassen, daß das, was uns in der menschlichen Entwickelung im ganzen, vollen Menschen entgegentritt, uns das äußerlich Materielle, das Stoffliche immer durchzogen, durchtränkt zeigt von Geistig-Seelischem, Wenn man aber menschliche Entwickelung ins Auge faßt so, wie man es heute wissenschaftlich gewöhnt ist, dann faßt man diese Entwickelung so auf, daß man die Ereignisse nun eigentlich bloß in der Zeitenfolge verfolgt. Man betrachtet einen früheren Zustand, einen späteren Zustand, wieder einen späteren und so weiter, und denkt sich den späteren aus dem früheren immer hervorgehend. So betrachtet man ja die Entwickelung. Aber wie es nicht richtig wäre, den menschlichen Organismus in räumlicher Beziehung so wie eine Maschine zu betrachten, daß man die angrenzenden Teile nur in Beziehung zueinander bringt, wie man ihn so betrachten muß, daß gewissermaßen geheimnisvolle Beziehungen zwischen den entferntesten Organen sind, die nicht räumlich aneinander grenzen, so muß man, wenn man den ganzen vollen Menschen betrachtet, auch dasjenige, was in der Aufeinanderfolge der Zeit geschieht, so betrachten, daß sich die Dinge gewissermaßen nicht einfach in der Zeitenfolge auseinander entwickeln, sondern daß das, was mit dem Menschen geschieht, vielfach übereinander greift. Sie werden gleich sehen, in welchem Sinne ich das meine. Für den Geistesforscher ist es klar, daß sich in der menschlichen Entwickelung bis zum Zahnwechsel hin Geistig-Seelisches, nun sagen wir, aus seinem Inneren heraus drängt — ich kann heute wegen der Kürze der Zeit nicht bestimmter sprechen —, und durchtränkt, gewissermaßen physiognomiert das Stoffliche, das Materielle. Was drängt da eigentlich als Geistig-Seelisches gerade in der angedeuteten Zeit heraus?

[ 7 ] Now the researcher of the spirit must recognize that what we encounter in human development—in the whole, complete human being—shows us that the outwardly material, the physical, is always permeated and imbued with the spiritual and soul-related, But when one considers human development in the way that is customary in science today, one approaches this development by simply tracing events in chronological order. One looks at an earlier state, a later state, yet another later one, and so on, and conceives of the later state as always emerging from the earlier one. This is how one views development. But just as it would be incorrect to view the human organism in spatial terms like a machine—where one relates only the adjacent parts to one another—one must instead view it in such a way that there are, so to speak, mysterious connections between the most distant organs, which do not adjoin one another spatially; so too, when considering the whole, complete human being, one must view what occurs in the sequence of time in such a way that things do not, so to speak, simply unfold in a linear temporal sequence, but rather that what happens to the human being often overlaps. You will soon see what I mean by this. For the researcher of the spiritual realm, it is clear that in human development up to the time of the change of teeth, the spiritual-soul aspect—let us say—presses forth from within—I cannot speak more precisely today due to time constraints—and permeates, so to speak, the physical, the material, giving it its character. What exactly is it that emerges as spiritual-soul elements during the period I have just described?

[ 8 ] Will man darauf kommen, so muß man zunächst einen Unterschied zwischen der Knaben- und der Mädchenentwickelung machen. So wollen wir denn zuerst sprechen von der Mädchenentwickelung bis zum Zahnwechsel. Man muß eine ganz andere Zeit der menschlichen Entwickelung ins Auge fassen, wenn man geisteswissenschaftlich darauf kommen will, was da eigentlich aus des Menschen Inneren nicht bloß in das Gesicht, sondern in die ganze Physiognomie des Menschen hineindrängt, was ihn auch durchdringt und durchtränkt bis zu seinem Zahnwechsel hin, was da in ihm arbeitet und wirkt und lebt und kraftet.

[ 8 ] To understand this, one must first distinguish between the development of boys and that of girls. Let us therefore begin by discussing the development of girls up to the time of tooth replacement. One must consider an entirely different phase of human development if, from a spiritual-scientific perspective, one wishes to understand what actually emerges from within a human being—not merely onto the face, but into the entire physiognomy of the person—what permeates and saturates the individual right up to the time of tooth replacement, what works, acts, lives, and exerts its power within them.

[ 9 ] Will man finden, was da im Mädchen drinnen steckt und die Organe gleichsam plastisch formt, dann muß man zunächst den Blick wenden auf gewisse Eigentümlichkeiten, aber innere Eigentümlichkeiten, nicht auf dasjenige, was die Seele durch die Erziehung, durch die Schule gelernt hat, sondern auf die innere Konfiguration, auf die innere Formung der Seele. Zunächst, so etwa in der Zeit vom zwanzigsten Jahre an bis zum achtundzwanzigsten, dreißigsten Jahre hin, kommt seelisch dasjenige zum Vorschein, wird für die äußere Beobachtung anschaulich, was man zunächst ins Auge fassen muß. Dann muß man beiseite lassen, was ungefähr in der Zeit vom achtundzwanzigsten Jahre bis zum fünfunddreifßigsten, sechsunddreißigsten Jahre liegt, und muß wiederum das ins Auge fassen, was vom sechsunddreißigsten Jahre bis zum zweiundvierzig-, dreiundvierzig-, vierundvierzigsten Jahre in der betreffenden Seele liegt. |

[ 9 ] If one wishes to discover what lies within the girl and, as it were, gives tangible form to her inner being, one must first turn one’s attention to certain peculiarities—but inner peculiarities, not to what the soul has learned through upbringing or school, but to the inner configuration, to the inner shaping of the soul. First of all, roughly from the age of twenty through twenty-eight or thirty, what one must initially take into account begins to emerge psychologically and becomes apparent to external observation. Then one must set aside what lies roughly between the ages of twenty-eight and thirty-five or thirty-six, and must again focus on what is present in the soul in question from the age of thirty-six to forty-two, forty-three, or forty-four. |

[ 10 ] Wenn man den Menschen im allgemeinen prüft, so kann man ja allgemeinere Grundsätze geltend machen. Wenn man einen einzelnen Menschen prüfen will, so wird jeder selbstverständlich leicht einwenden können, aber der Einwand ist billig, ich kann jetzt nur nicht darauf eingehen - : Nun ja, da muß man also, wenn man den Menschen verstehen will, bis zu seinem Zahnwechsel warten, bis er so alt geworden ist. Gewiß, für den einzelnen Menschen muß man ja auch warten, wenn man ihn verstehen will. Aber Sie wissen ja, Wissenschaft wird nicht bloß durch einzelne Beobachtungen erlangt, sondern dadurch, daß das, was in einem Falle beobachtet wird, auf das Allgemeine übertragen wird. Und nun muß man versuchen zu erkennen, wie gewisse Eigentümlichkeiten der Seele in der angedeuteten Art in diesen Jahren sich seelisch darleben. Und wenn man gewissermaßen — es ist ein grobes Wort, das ich dafür gebrauche — eine Art von Zusammenmischung der Eigenschaften in den ersten zwanziger Jahren und der Eigenschaften in den zweiten dreißiger Jahren bis zum zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten Jahre vornimmt und sich eine Vorstellung bildet, was das seelische Leben in diesen Jahren ist, dann kommt man darauf, daß sich das beim Mädchen bis zum Zahnwechsel hin in das Körperliche hineinpreßt, drängt. Wie sich das Körperliche auskonfiguriert, wie es sich plastisch bildet, darinnen wirkt und lebt dasjenige, was in späteren Jahren erst als Seelenkonfiguration in der angedeuteten Art zum Vorschein kommt.

[ 10 ] If one examines people in general, one can certainly apply more general principles. If one wants to examine an individual person, then of course anyone can easily object—but the objection is valid; I simply cannot address it right now—: Well, so if one wants to understand people, one must wait until their teeth have fallen out, until they’ve reached that age. Certainly, when it comes to an individual, one must also wait if one wants to understand them. But as you know, science is not attained merely through individual observations, but by applying what is observed in one case to the general case. And now one must try to recognize how certain characteristics of the soul manifest themselves psychologically in the manner described during these years. And if one, so to speak—it is a crude term I am using here—undertakes a sort of blending of the characteristics of the early twenties with those of the second half of the thirties, up to the age of forty-two or forty-three, and forms a conception of what the psychological life is like during these years, then one comes to realize that, in a girl up until the change of teeth, this forces its way into the physical body. As the physical body takes shape, as it forms plastically, that which only later in life emerges as a configuration of the soul in the manner described is already at work and alive within it.

[ 11 ] Betrachten wir nun den Knaben bis zum siebenten Jahre ungefähr, bis zum Zahnwechsel. Da müssen wir, wenn wir ihn verstehen wollen, nicht zwei Zeiträume, sondern einen Zeitraum der menschlichen Seelenentwickelung ins Auge fassen, nämlich den Zeitraum, der gerade etwa zwischen dem achtundzwanzigsten bis fünfunddreißigsten Jahre liegt. Wenn wir uns das, was in diesem Zeitraum seelisch zum Vorschein kommt, zu einer Vorstellung bilden und dann dasjenige ins Auge fassen, was drängt und treibt zur ganzen physiognomischen Ausgestaltung, gesetzmäßigen Ausgestaltung und Plastizierung des Knabenleibes, dann kommt man zu einem gewissen Verständnisse des Zusammenhanges zwischen dem Äußerlich-Leiblichen und dem Seelisch-Geistigen.

[ 11 ] Let us now consider the boy up to about the age of seven, until his teeth begin to change. If we wish to understand him, we must not consider two periods, but rather a single period of human soul development—namely, the period that lies roughly between the ages of twenty-eight and thirty-five. If we form a mental picture of what emerges soul-wise during this period and then consider what impels and drives the overall physiognomic formation, the lawful shaping, and the plastic development of the boy’s body, we arrive at a certain understanding of the connection between the outer, physical aspect and the soul-spiritual aspect.

[ 12 ] Dann hat man ins Auge zu fassen dasjenige, was im zweiten Zeitraum der menschlichen Entwickelung liegt. Dieser zweite Zeitraum dauert für den Geistesforscher vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, also so bis zum dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten Jahre. In der Zeit müssen wir wiederum unterscheiden zwischen dem Knaben- und dem Mädchenorganismus. Was der Mädchenorganismus hier leiblich-seelisch weiter hinzufügt, ist jetzt gerade dasjenige, was der Knabenleib in seinen ersten sieben Jahren sich einverleibt, also gerade dasjenige, was so zwischen dem achtundzwanzigsten und fünfunddreißigsten Jahre seelisch durchlebt wird. Und was sich der Knabenleib dann in diesen Jahren einverleibt, das ist das, wovon wir früher sagen mußten, daß es der Mädchenleib sich in der Zeit bis zum Zahnwechsel einverleibt. So sehen wir also, daß da die Zustände eigentlich übereinander greifen; daß dasjenige, was später seelisch, also in dem verfeinerten seelisch-geistigen Zustande, in dem verinnerlichten Zustande zum Vorschein kommt, zunächst im dumpfen Unterbewußten formend, belebend auf den Menschen wirkt, so wie er uns als physischer Mensch entgegentritt.

[ 12 ] Then we must consider what lies within the second stage of human development. For the spiritual researcher, this second stage lasts from the change of teeth to sexual maturity—that is, until the thirteenth, fourteenth, fifteenth, or sixteenth year. During this time, we must again distinguish between the boy’s and the girl’s organism. What the girl’s organism adds here in terms of body and soul is precisely what the boy’s body incorporates during its first seven years—that is, precisely what is experienced psychologically between the ages of twenty-eight and thirty-five. And what the boy’s body then incorporates during these years is precisely what we had to say earlier that the girl’s body incorporates during the period up to the change of teeth. Thus we see that these states actually overlap; that what later emerges in the soul—that is, in the refined soul-spiritual state, in the internalized state—first acts upon the human being in a formative and enlivening way in the dull subconscious, just as he appears to us as a physical human being.

[ 13 ] Und wenn wir dann die späteren Entwickelungszeiträume ins Auge fassen, so müssen wir sagen, daß sie allerdings nicht so scharf begrenzt sind wie die ersten, daß aber für eine feinere Beobachtung des menschlichen Lebens in einer ähnlichen Weise spätere Zeitabschnitte wohl ins Auge zu fassen sind. Aber es tritt dasjenige, was dann entwickelt ist, in einer innerlicheren Form auf. Was früher an dem Organismus gearbeitet hat, wird von der Geschlechtsreife an so, daß es sich gewissermaßen zurückzieht von dem Durchtränken, sagen wir, Durchphysiognomieren des Organismus, und innerlich sich entwickelnd wird. Da kann dann von dem, der überhaupt einen Sinn für solche Beobachtungen hat, deutlich beobachtet werden, wie von der Geschlechtsreife an bis in die ersten zwanziger Jahre hin sowohl im männlichen wie im weiblichen Organismus in einer mehr individuelleren Art die beiden späteren Zeiträume - der einheitliche und der getrennte — noch durcheinanderwirken, wie aber dann gewissermaßen diese Unterscheidung aufhört, die Seele ein Einheitlicheres wird, so daß wir nicht mehr sagen können: Wir finden etwa von den ersten zwanziger Jahren an in der Seele selber dasjenige, was sich in einer solchen Weise auf andere Zeiträume beziehen ließe, wie sich die leiblich-seelische Entwickelung in den ersten zwei oder drei Lebensabschnitten charakterisieren läßt. Wir finden die Seele mehr aus einem Einheitlicheren heraus wirkend; wir finden sie mehr aus einer gewissen innerlichen harmonischen Fülle heraus sich als Einheitliches geltend machend. Dennoch können wir wiederum mit einer feineren Beobachtung scharf unterscheiden, aber eben doch nur so, daß es wie eine Stimmung — und eine noch feinere Stimmung — ausgegossen ist über das Seelenleben, wie früher dieses Seelenleben selber über das Körperliche.

[ 13 ] And when we then consider the later stages of development, we must say that, while they are certainly not as sharply defined as the first ones, later periods should nevertheless be taken into account in a similar way for a more detailed observation of human life. But what has developed by then appears in a more inward form. What previously acted upon the organism, from the onset of sexual maturity onward, withdraws, as it were, from permeating—or, shall we say, shaping the physiognomy of the organism—and begins to develop inwardly. Anyone with even a basic aptitude for such observations can then clearly see how, from sexual maturity through the early twenties, in both the male and female organisms, the two later periods — the unified and the separate — still interact in a more individualized way; but how this distinction then, as it were, ceases, and the soul becomes more unified, so that we can no longer say: From the early twenties onward, for example, we find within the soul itself that which could be related to other periods in the same way that physical-psychic development can be characterized in the first two or three stages of life. We find the soul acting more from a unified source; we find it asserting itself as a unified whole more from a certain inner, harmonious fullness. Nevertheless, with more subtle observation, we can again make a sharp distinction—but only in such a way that it is poured out over the life of the soul like a mood—and an even more subtle mood—just as this life of the soul itself was previously poured out over the physical.

[ 14 ] Wir können drei Zeiträume innerhalb der seelischen Entwickelung unterscheiden. Ich habe sie ja schon angedeutet: von dem Anfang der zwanziger bis zum Ende der zwanziger Jahre; vom Ende der zwanziger Jahre bis zum fünfunddreißigsten, sechsunddreißigsten Jahre; vom sechsunddreißigsten Jahre bis zum zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten, vierundvierzigsten Jahre. Die Seele des Menschen macht da doch gewisse Entwickelungsphasen durch, die sich genau unterscheiden lassen, wenn sich auch, wie gesagt, dasjenige, was da zu unterscheiden ist, nur wie eine feinere Stimmung über das Seelenleben ausbreitet. Es ist ein Geistig-Seelisches in der Entwickelung in diesen Jahren. Und derjenige, der den Unterschied zwischen dem Geistigen und Seelischen kennt, von dem hier oftmals gesprochen wurde und auf den ich wieder zurückkommen werde, wird verstehen, was ich meine. In diesen Jahren, bis zum zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten, vierundvierzigsten Jahre hin, haben wir es mit der inneren Entwickelung allein, einer geistig-seelisch schattierten, zu tun. Dann beginnt eine mehr geistige Entwickelung des Inneren. Das Innere zieht sich noch mehr als in den vorhergehenden Jahren von dem Durchtränken und Durchdringen des Organismus zurück, Es lebt noch mehr in sich. Und die Möglichkeit, Zeitabschnitte für das Weitere zu unterscheiden, ist kaum angängig für den gegenwärtigen Entwickelungszustand der Menschheit. Erst wenn sich die Erdenentwickelung weitergeführt haben wird, wird sich auch für die folgenden Jahrzehnte des menschlichen Lebens eine Unterscheidung in der Weise wie für die früheren Jahre finden lassen. So sehen wir, wie in einer ganz merk würdigen Art Geistig-Seelisches zusammenwirkt in dem, was uns als Mensch in der physischen Welt gegenüberrritt.

[ 14 ] We can distinguish three periods within the development of the soul. I have already hinted at them: from the beginning of one’s twenties to the end of one’s twenties; from the end of one’s twenties to the ages of thirty-five, thirty-six; from the age of thirty-six to the ages of forty-two, forty-three, and forty-four. The human soul does indeed undergo certain phases of development during this time, which can be clearly distinguished, even if, as I said, what is to be distinguished spreads over the life of the soul only as a more subtle mood. There is a spiritual-psychic aspect to the development during these years. And anyone who understands the difference between the spiritual and the soul—which has often been discussed here and to which I will return—will understand what I mean. During these years, up to the ages of forty-two, forty-three, and forty-four, we are dealing solely with inner development, one that is tinged with spiritual and soul elements. Then a more spiritual development of the inner self begins. The inner self withdraws even more than in previous years from permeating and saturating the organism; it lives even more within itself. And the possibility of distinguishing periods of time for what follows is scarcely applicable to the present stage of human development. Only when earthly evolution has progressed further will it be possible to distinguish the coming decades of human life in the same way as the earlier years. Thus we see how, in a most remarkable way, spiritual and soul forces interact in what we encounter as human beings in the physical world.

[ 15 ] Zu diesen Betrachtungen über die leiblich-seelisch-geistige Entwickelung des Menschen muß noch etwas hinzukommen, wenn man den Menschen so betrachten will, wie er sich ergibt, herauskraftend aus der Volksseele. Es muß hinzukommen ein Verständnis dafür, daß diese Menschenseele trotz aller Einwände des sogenannten Monismus etwas Zusammengefaßtes ist. Ich habe ja oftmals gesagt: wenn man nach der Ansicht gewisser Leute in bezug auf das Seelen- und Leibesleben Monist und nicht Dualist sein wollte, so müßte man ja auch das Wasser nur als eine Einheit betrachten und behaupten, man dürfe es durchaus nicht betrachten als etwas Zusammengesetztes aus Wasserstoff und Sauerstoff! Man kann selbstverständlich ein ganz guter Monist sein, wenn man das Wasser als aus Wasserstoff und Sauerstoff zusammengesetzt betrachtet, ebenso, wie man ein ganz guter Monist sein kann, wenn man das menschliche Gesamtleben zusammenfaßt aus dem, was Seelisch-Geistiges ist und was Leiblich-Körperliches ist. Dabei bleibt der Mensch so, wie er uns in der äußeren physischen Welt entgegentritt, ein Monon, so wie das Wasser ein Monon ist.

[ 15 ] To these reflections on the physical, psychological, and spiritual development of the human being, something else must be added if one wishes to view the human being as he emerges, rising up out of the collective soul of a people. We must also understand that, despite all the objections of so-called monism, the human soul is a unified whole. I have often said: if, in accordance with the views of certain people regarding the life of the soul and the body, one were to be a monist rather than a dualist, one would also have to regard water as a single entity and assert that it must by no means be regarded as a compound of hydrogen and oxygen! Of course, one can be a perfectly good monist while regarding water as composed of hydrogen and oxygen, just as one can be a perfectly good monist when one summarizes the entirety of human life as comprising what is soul-spiritual and what is physical-bodily. In this context, the human being, as he appears to us in the outer physical world, remains a “monon,” just as water is a “monon.”

[ 16 ] Nun kann ich heute auf manches, was ich hier ja öfter ausgeführt habe, nicht zurückkommen. Sie können das in meinen Büchern «Die Geheimwissenschaft» oder auch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» nachlesen. Wer nicht die Zeit dazu hat, kann sich in dem kurzen Aufsatz, den ich in der jetzt eben zum Erscheinen kommenden Zeitschrift «Das Reich» geschrieben habe, über diese Dinge ganz kurz, auf wenigen Seiten unterrichten. Es muß eine Tatsache ins Auge gefaßt werden, die nicht mit den gewöhnlichen Erkenntniskräften gefunden wird, sondern mit denjenigen Erkenntniskräften, die auf die Art entwikkelt werden, die ich oftmals hier geschildert habe, Es muß nämlich anerkannt werden eine gewisse Selbständigkeit des geistig-seelischen Lebens, eine Selbständigkeit, die auch wirklich im inneren Erleben und Erkennen beobachtet, erlebt werden kann. Es muß anerkannt werden, daß der Mensch imstande ist, durch Entwickelung gewisser Seelenfähigkeiten das Geistig-Seelische so loszulösen von dem Leiblich-Physischen, wie der Chemiker den Wasserstoff vom Sauerstoff loslöst, wenn er das Wasser zerlegt, und daß man erkennen kann durch dieses Sicheinleben in das Geistig-Seelische, daß der Mensch durch dieses GeistigSeelische oder sagen wir, in diesem Geistig-Seelischen andere Verbindungen eingehen kann, als bloß diejenige, die mit dem Physisch-Leiblichen besteht. So wie der Wasserstoff von dem Sauerstoff getrennt werden kann und sich dann mit anderen chemischen Elementen verbinden und andere Körper bilden kann, so geht dasjenige, was als Seelisch-Geistiges losgelöst wird in der übersinnlichen Erkenntnis — eben nur zum Behufe der Erkenntnis -, andere Verbindungen ein, wenn das Physisch-Leibliche mit dem Tode abgeht; Verbindungen mit einer rein geistigen Welt. Sie umgibt den Menschen, wie hier oftmals ausgeführt worden ist, ebenso, wie ihn die physisch-sinnliche Welt umgibt, und leugnen kann sie nur, wer unter einer ähnlichen Gedankenverfassung leidet, wie derjenige, der noch nichts gehört hat und nichts weiß von der Luft und leugnet, daß die Luft, weil man sie nicht sehen kann, eben nicht da ist, weil im Raume nichts ist. Der Mensch gehört mit seinem Geistig-Seelischen einer geistigen Welt, einer wirklichen geistigen Welt an.

[ 16 ] I cannot go back today to some of the things I have often discussed here. You can read about them in my books *The Secret Science* or *How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?*. Those who do not have the time for that can learn about these things very briefly, in just a few pages, in the short essay I wrote for the magazine *Das Reich*, which is just about to be published. One must take into account a fact that cannot be discovered through ordinary powers of cognition, but rather through those powers of cognition that are developed in the manner I have often described here. For it must be acknowledged that there is a certain independence of the spiritual-soul life—an independence that can indeed be observed and experienced in inner living and knowing. It must be acknowledged that human beings are capable, through the development of certain soul faculties, of separating the spiritual-soul aspect from the physical-bodily aspect in the same way that a chemist separates hydrogen from oxygen when decomposing water, and that through this immersion in the spiritual-soul life, one can recognize that human beings, through this spiritual-soul life—or, let us say, within this spiritual-soul life—can enter into connections other than merely those that exist with the physical-bodily realm. Just as hydrogen can be separated from oxygen and then combine with other chemical elements to form other compounds, so too does that which is separated as the spiritual-soul aspect in supersensible knowledge—precisely for the sake of knowledge—enter into other connections when the physical-bodily aspect ceases with death; connections with a purely spiritual world. It surrounds human beings, as has often been explained here, just as the physical-sensory world surrounds them, and it can only be denied by those who suffer from a similar state of mind as someone who has never heard of or knows anything about air and denies that air exists—simply because it cannot be seen—claiming that there is nothing in space. Human beings, with their spiritual and soul aspects, belong to a spiritual world—a real spiritual world.

[ 17 ] Eine weitere Erkenntnis der Geisteswissenschaft ist, daß wir die beiden Wechselzustände zwischen Wachen und Schlafen so zu betrachten haben, daß das Seelisch-Geistige wirklich in einer gewissen Weise — es ist das aber mehr bildlich gesprochen — während des Schlafzustandes das Leiblich-Physische verläßt. Unsere Sprache ist eben nur für physische Zusammenhänge geschaffen. Man hat sozusagen keine Worte, um das auszudrücken. Man muß Worte nehmen, die die Sache mehr oder weniger bildhaft ausdrücken, Also das Geistig-Seelische verläßt das Physisch-Leibliche im Schlafzustand. Wir können also auch bildhaft sagen, dieses Geistig-Seelische ist außerhalb des Leiblich-Physischen während des Schlafes. Und wenn der Mensch wiederum aufwacht, so tritt das Geistig-Seelische in das LeiblichPhysische zurück. Das ist für denjenigen, der die Dinge durchmacht, die oftmals hier geschildert worden sind, ein wirklich erlebbarer Vorgang. Es ist nicht irgend etwas Ausgedachtes, sondern ein erlebbarer Vorgang. Und was aus dem Physisch-Leiblichen herausgeht, ist nicht nur dasjenige, was von unserem gewöhnlichen physischen Bewußtsein umfaßt wird, von jenem Bewußtsein, das ja für die physische Welt an den Leib gebunden ist — wie ich gerade in Vorträgen, die ich hier vor Wochen gehalten habe, ausgeführt habe -, sondern es ist noch ein tiefer Seelisches, ein Seelisches, das mit dem bewußt Seelischen verbunden ist, ein unterbewußtes, viel mächtigeres Seelisches, als das bewußte Seelische ist, ein Seelisches, das auf das Körperliche viel mehr wirken kann als das bewußte Seelische. Darüber kann ich vielleicht übermorgen weitere Ausführungen machen.

[ 17 ] Another insight from spiritual science is that we must view the two alternating states of waking and sleeping in such a way that the soul-spiritual aspect truly—in a certain sense, though this is more figurative—leaves the physical-bodily aspect during sleep. Our language is, after all, designed only for physical contexts. We have, so to speak, no words to express this. We must use words that express the concept more or less figuratively. Thus, the spiritual-soul aspect leaves the physical-bodily aspect during sleep. So we can also say figuratively that this spiritual-soul aspect is outside the physical-bodily aspect during sleep. And when a person wakes up again, the spiritual-soul aspect returns to the physical-bodily aspect. For those who have experienced the things that have often been described here, this is a process that can truly be lived through. It is not something simply imagined, but a process that can be experienced. And what leaves the physical body is not only that which is encompassed by our ordinary physical consciousness—that consciousness which is, after all, bound to the body in the physical world — as I explained just a few weeks ago in lectures I gave here — but it is also a deeper aspect of the soul, a soul aspect connected to the conscious soul, a subconscious soul aspect far more powerful than the conscious soul, a soul aspect that can influence the physical body far more than the conscious soul can. I may be able to elaborate further on this the day after tomorrow.

[ 18 ] Nun müssen wir uns aber vorstellen, daß dieses GeistigSeelische mit dem unterbewußten Geistig-Seelischen nicht bloß wirksam ist im unbewußten Zustande vom Einschlafen bis zum Aufwachen, sondern daß es ja den Organismus auch vom Aufwachen bis zum Einschlafen durchdringt. Aber nur ein Teil davon, wie ich angedeutet habe, drückt sich im bewußten Geistesleben aus. Ein anderer Teil wirkt auf geistig-seelische Art, wirkt unten durch die ganze Entwickelung im menschlichen physisch-leiblichen Organismus. Dasjenige, was wir im Schlafe tun, wir tun es fort vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Nur ist, wie das schwächere Licht durch das stärkere verdunkelt wird, das, was da seelisch in unserem Leib als Unterbewußtes vorgeht, von dem für uns stärkeren Tagesbewußtsein übertönt.

[ 18 ] Now, however, we must imagine that this spiritual-soul aspect, together with the subconscious spiritual-soul aspect, is not merely active in the unconscious state from falling asleep to waking up, but that it also permeates the organism from waking up to falling asleep. But only a part of it, as I have indicated, finds expression in conscious spiritual life. Another part acts in a spiritual-soul aspect, working from below throughout the entire development of the human physical organism. What we do in sleep, we continue to do from waking until falling asleep. However, just as weaker light is obscured by stronger light, what takes place in our body on a soul level as the subconscious is drowned out by our stronger daytime consciousness.

[ 19 ] Wenn wir solche Vorgänge studieren wollen, wie ich sie vorhin beschrieben habe, das Wirken einer späteren Lebenszeit in einer früheren, sagen wir, der seelischen Zustände vom achtundzwanzigsten bis zum fünfunddreißigsten Jahre in dem Knabenleib bis zum siebenten Jahre, dann müssen wir uns dieses Wirken des späteren Seelischen in dem früheren Leiblichen auch von der Art denken, wie immer Geistig-Seelisches unterbewußt in uns wirkt, immer unterbewußt in uns arbeitet durch das ganze Leben hindurch. Da unten geht Geistig-Seelisches vor sich, wirklich Geistig-Seelisches, nicht bloß feiner Leibliches. Da unten im menschlichen Organismus, in dem, was sich vollzieht, ohne daß das Bewußtsein, das den menschlichen Organismus mit seinem Wissen, mit seinem Erkennen begleitet, etwas davon weiß, in diesen untergestellten Partien des menschlichen Organismus, da lebt dann ein Teil des Geistig-Seelischen, ein Glied des Geistig-Seelischen während des wachen 'Tageslebens mit dem Geistigen der Umgebung so, wie unsere Lunge mit der Luft lebt, mit dem Geistigen der Umgebung, nur nicht der räumlichen Umgebung. Aber wie gesagt, auf diese feineren Begriffe kann ich nicht eingehen. Da entwickelt sich wirklich ein Leben geistig-seelischer Art zwischen einer geistigen Welt und dem menschlichen Gesamtwesen, das ebenso wirklich, ebenso real ist, wie die Wechselwirkung zwischen der Luft und der Lunge.

[ 19 ] If we wish to study processes such as those I described earlier—the influence of a later lifetime on an earlier one, say, the soul states from the age of twenty-eight to thirty-five in the boy’s body up to the age of seven— then we must conceive of this influence of the later soul life on the earlier physical body in the same way that spiritual-soul forces always work subconsciously within us, always acting subconsciously throughout our entire lives. Down there, spiritual-soul processes are taking place—truly spiritual-soul processes, not merely subtle physical ones. Down there in the human organism, in what occurs without the consciousness that accompanies the human organism with its knowledge and understanding being aware of it—in these underlying parts of the human organism, there a part of the spiritual-soul life lives, a member of the spiritual-soul life, during waking “daytime life,” in relationship to the spiritual of the surroundings just as our lungs live in relationship to the air—in relationship to the spiritual of the surroundings, only not the spatial surroundings. But as I said, I cannot go into these finer concepts. There truly develops a life of a spiritual-soul nature between a spiritual world and the entire human being, which is just as real, just as tangible, as the interaction between the air and the lungs.

[ 20 ] Und unter dem, das sich da durch das ganze menschliche Leben hindurch abspielt, liegen die Einflüsse desjenigen, was wir Volksseele, Volksgeist und dergleichen nennen. So wie während der Zeit der individuellen menschlichen Entwickelung bis zum Zahnwechsel hin beim Mädchen oder beim Knaben dasjenige wirkt, was sich in der angedeuteten Weise später seelisch ausdrückt, so wirkt durch unser ganzes Leben hindurch ein vorhandenes Geistig-Seelisches, das ein höheres Geistig-Seelisches ist als das menschlich Geistig-Seelische, oder wenigstens ein Übergeordnetes. Das wirkt da herein, wirkt zusammen mit unserem eigenen, im Schlafe herausgezogenen Unterbewußten. Und es ist ein fortwährendes Zusammenwirken des Volksseelenhaften mit dem, was in uns auf die angedeutete Weise individuell ist, wie ein fortwährendes Wirken ist zwischen der menschlichen Lunge und der Luft. Nicht in der Sprache als solcher, nicht in dem, was sich als Kunst, als Dichtung eines Volkes, als Mythen eines Volkes zunächst auslebt — das alles sind die Wirkungen eines Über-, oder man könnte auch sagen Untersinnlichen -, sondern in einem viel 'Tieferliegenden gehen die geheimnisvollen Wechselwirkungen vor sich, die da bestehen zwischen dem Menschen mit Bezug auf ein gewisses Inneres, das ich eben charakterisiert habe in seinem Wesen, und dem, was wir Volksseele nennen.

[ 20 ] And underlying everything that unfolds throughout human life are the influences of what we call the national soul, the national spirit, and the like. Just as, during the period of individual human development up to the time of tooth replacement in girls and boys, that which later expresses itself psychologically in the manner described is at work, so too does a spiritual-psychological force—one that is higher than the human spiritual-psychological realm, or at least superordinate to it—operate throughout our entire lives. This influences us from within, working together with our own subconscious, which is drawn out during sleep. And there is a continuous interaction between the national soul and that which is individual within us in the manner described, just as there is a continuous interaction between the human lungs and the air. Not in language as such, not in what initially manifests itself as a people’s art, poetry, or myths—all of these are the effects of a supersensible, or one might also say, subsensible realm—but at a much “deeper level,” the mysterious interactions take place that exist between the human being in relation to a certain inner essence, which I have just characterized in its nature, and what we call the national soul.

[ 21 ] Nun ist es nicht meine Art, wie Sie wissen, etwa im Sinne von Gustav Theodor Fechner oder ähnlichen, von mir übrigens hoch geschätzten Leuten, Anthropomorphismus zu treiben und anthropomorphistische Analogien zu suchen, sondern ich versuche, den Tatsachen ins Auge zu schauen, allerdings den Tatsachen ebenso in der physischen Welt wie den Tatsachen, die sich in der geistigen Welt befinden und sich in der physischen Welt nur durch ihre Wirkungen zeigen. Da handelt es sich darum, zunächst einmal den Blick darauf zu wenden, wie denn die Eigentümlichkeit, der Charakter, die Wesenheit einer Volksseele überhaupt in den Menschen hineinwirken kann, worin diese Volksseele eigentlich besteht. Diejenigen, die billige Analogien machen, anthropomorphistisch vorgehen, nehmen den einzelnen Menschen, den Knaben, die Jugendentwickelung und so weiter, betrachten dann ein Volk, wie es sich auch aus gewissen Jugendanfängen bis zu einem gewissen Reifezustand hin entwickelt. Das, wie gesagt, ist nicht meine Aufgabe.

[ 21 ] Now, as you know, it is not my style—unlike, for example, Gustav Theodor Fechner or similar figures, whom I hold in high esteem, by the way—to engage in anthropomorphism or seek anthropomorphic analogies; rather, I try to look the facts squarely in the face, though I am referring to the facts in the physical world as well as to those in the spiritual world that manifest in the physical world only through their effects. The first step is to consider how the peculiarity, the character, and the essence of a national soul can influence human beings in the first place, and what this national soul actually consists of. Those who draw facile analogies and take an anthropomorphic approach take the individual human being—the boy, his development through adolescence, and so on—and then view a people as developing from certain youthful beginnings to a certain state of maturity. As I said, that is not my task.

[ 22 ] Wenn man nun vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte, das heißt vorbereitet durch das, was ich oftmals hier als geisteswissenschaftliche Methode angedeutet habe, ins Auge faßt, was da in der geschilderten Weise in den Gesamtmenschen hereinwirkt und worin man die Volksseele zunächst vermuten kann, dann findet man ganz beträchtliche Charakterverschiedenheiten der einzelnen Volksseelen. Nun muß natürlich gerade dann, wenn von Volksseele gesprochen wird, ganz fest ins Auge gefaßt werden - ich wiederhole es nicht unabsichtlich -, daß wir ja mit den geisteswissenschaftlichen Begriffen etwas Biegsames, Schmiegsames, ich möchte sagen, in Farbenwirkung haben, während wir feste Konturen bei alle dem haben, was in der physischen Welt ist, so daß selbstverständlich sehr leicht Einwände gemacht werden können gegen dasjenige, was ich jetzt sagen werde. Aber wenn wir statt einer oder anderthalb Stunden ein paar Tage hätten, so könnten wir uns ja hier über alle diese Einwände verständigen. Selbstverständlich handelt es sich hier durchaus nicht darum, irgendeine Volksseele zu kritisieren, irgendeine Volksseele so darzustellen, als ob sie einen anderen Wert hätte als eine andere Volksseele, sondern um objektive Charakteristik handelt es sich. Dadurch, daß manches, was ich jetzt zu sagen habe über die einzelnen Volksseelen, gesagt wird, wird der einen oder anderen noch nicht ein größerer oder geringerer Wert beigelegt, sondern es wird objektiv betrachtet.

[ 22 ] If we now consider, from the perspective of spiritual science—that is, prepared by what I have often referred to here as the spiritual scientific method—what influences the whole human being in the manner described, and in what we might initially suspect the national soul to be found, then we discover quite significant differences in character among the individual national souls. Now, of course, precisely when speaking of the national soul, it must be firmly kept in mind—and I repeat this not by accident—that we are dealing with spiritual-scientific concepts that are flexible, malleable, I would say, a color-like effect—whereas we have fixed contours in everything that exists in the physical world—so that, of course, objections can very easily be raised against what I am about to say. But if we had a few days instead of an hour or an hour and a half, we could certainly come to an understanding here regarding all these objections. Of course, this is by no means a matter of criticizing any national soul, or of portraying any national soul as if it had a different value than another national soul; rather, it is a matter of objective characterization. The fact that I am about to say certain things about the individual national souls does not mean that one or the other is thereby assigned greater or lesser value; rather, it is viewed objectively.

[ 23 ] Wenn man sich in das Wesen der italienischen Volksseele geisteswissenschaftlich vertieft, so findet man: Eine solche Volksseele wirkt nun nicht, wieich es angedeutet habe, wie es im individuellen Menschenleben ist, so, daß ein späterer Zeitraum in einen früheren hinein seine Eigentümlichkeit prägt; sondern eine solche Volksseele wirkt aus gewissen Tiefen des Geisteswesens heraus das ganze Leben auf den Menschen ein. Selbstverständlich muß das nicht sein. Der Mensch kann das eine Volk verlassen, in das andere aufgenommen werden. Aber die Wirkungen sind trotzdem so, wenn sie sich dadurch auch modifizieren. Aber die Volksseele ist da, und das, was ich zu schildern habe, ist gewissermaßen eine Begegnung mit der Volksseele. Wer während seines ganzen Lebens in seinem Volke stehenbleibt, hat eben diese Wirkung sein ganzes Leben hindurch. Wer von einem Volk in das andere geht, wird eben zuerst die Wirkung der einen Volksseele, nachher auch die der anderen Volksseele haben. Darauf kommt es jetzt nicht an. Es wäre interessant, die einzelnen Wirkungen des Wechselns der Volksseele anzudeuten, aber dazu ist nicht die Zeit. Durch das ganze menschliche Leben hindurch kann also das, was von der Volksseele herkommt, auf dieselbe Art wirken, wie früher auf das individuelle Leben in den angegebenen Zeiträumen das, was von den Lebensstufen herkommt. Und betrachtet man die italienische Volksseele, betrachtet man sie in ihren Eigentümlichkeiten so, wie sie den Menschen ergreift, wenn sie dasjenige, was sie als Stimmungsgehalt zu geben hat, in die Seele hineinprägt, in den ganzen Menschen hineinprägt, so findet man nun ganz merkwürdigerweise, daß eine gewisse starke Verwandtschaft besteht zwischen den Kräften dieser italienischen Volksseele und den individuellen Kräften, die der Mensch entwickelt eben vom Anfang der zwanziger Jahre bis zum siebenundzwanzigsten, achtundzwanzigsten, neunundzwanzigsten Jahre. Also man kann studieren die wirkliche innere Wesenheit der italienischen Volksseele, wenn man die Verwandtschaft, ich möchte sagen, die Wahlverwandtschaft studieren kann, die besteht zwischen dieser Volksseele und dem, was in der Menschenseele lebt zwischen dem zwanzigsten, einundzwanzigsten bis siebenundzwanzigsten, achtundzwanzigsten Jahre. Man muß nur wiederum hinzunehmen - aber so, daß dieses zweite Element nur anklingt — dasjenige, was so vom fünfunddreiRigsten bis zum zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten, vierundvierzigsten Jahre in der Seele sich auslebt. Aber das stärkere Element der italienischen Volksseele ist dasjenige, was verwandt ist mit den ersten zwanziger Jahren. Es ist nur schattiert durch dasjenige, was sich eben in den späteren Jahren, wie ich angedeutet habe, auslebt. Es ergreift die Kraft der italienischen Volksseele das einzelne Individuum, den einzelnen Menschen, der sich in sie hineinstellt und sich in der Seele den Volksseelen-Stimmungsgehalt einprägen läßt, es ergreift ihn das so, wie am stärksten, am intensivsten ergriffen werden können seelisch-geistig überhaupt die Jahre zwischen dem zwanzigsten bis siebenundzwanzigsten, achtundzwanzigsten Jahre.

[ 23 ] When one delves into the essence of the Italian national soul from a spiritual-scientific perspective, one finds that such a national soul does not function, as I have indicated, in the same way as it does in the life of the individual human being—that is, with a later period imprinting its characteristics onto an earlier one; rather, such a national soul influences the entire life of the human being from certain depths of the spiritual being. Of course, this need not be the case. A person can leave one people and be accepted into another. But the effects are nevertheless present, even if they are modified as a result. The national soul is there, and what I have to describe is, in a sense, an encounter with the national soul. Anyone who remains within their own people throughout their entire life experiences precisely this effect throughout their entire life. Those who move from one nation to another will first experience the influence of one national soul, and later that of the other. That is not the point here. It would be interesting to hint at the individual effects of shifting from one national soul to another, but there is no time for that. Throughout the entire course of human life, therefore, what comes from the national soul can have the same effect as what comes from the stages of life used to have on the individual life during the specified periods. And when one considers the Italian national soul—when one considers its distinctive characteristics as it takes hold of people, imprinting upon the soul, upon the whole person, the mood it has to offer— then, quite remarkably, one finds that a certain strong kinship exists between the forces of this Italian national soul and the individual forces that a person develops precisely from the beginning of their twenties up to the ages of twenty-seven, twenty-eight, and twenty-nine. So one can study the true inner essence of the Italian national soul by studying the affinity—I would say, the elective affinity—that exists between this national soul and what lives in the human soul between the ages of twenty, twenty-one, and up to twenty-seven, twenty-eight. One must, however, also take into account—though only in such a way that this second element is merely hinted at—that which plays itself out in the soul from the age of thirty-five to forty-two, forty-three, and forty-four. But the stronger element of the Italian national soul is that which is related to the first twenty years. It is merely tinged by what, as I have indicated, unfolds in the later years. When the power of the Italian national soul seizes the individual—the person who immerses himself in it and allows the mood of the national soul to imprint itself on his soul— it seizes him in the way that the years between the ages of twenty and twenty-seven or twenty-eight can be seized most strongly and most intensely in a soul-spiritual sense.

[ 24 ] Sie sehen, das menschliche Wesen ist etwas recht Kompliziertes, und man muß vieles, vieles zusammen schauen, wenn man dieses menschliche Wesen wirklich studieren will. Aber Sie werden aus dem Angedeuteten doch erkennen, daß über alles, was als italienisches Volkstum angesehen werden kann, wie eine Stimmung ausgegossen ist dasjenige, was aus einer solchen Volksseele kommt, die in der angedeuteten Art verwandt ist mit der menschlichen Individualität. Etwas, was innig verwandt ist mit dem, was in der Seele lebt vom zwanzigsten bis zum achtundzwanzigsten Jahre ungefähr, prägt herein die italienische Volksseele in den Menschen.

[ 24 ] You see, the human being is quite a complex thing, and one must consider many, many factors together if one truly wishes to study the human being. But you will surely recognize from what has been suggested that everything that can be regarded as Italian folklore is imbued with a mood that springs from a national soul which is related, in the manner described, to human individuality. Something that is intimately related to what lives in the soul from about the age of twenty to twenty-eight imprints itself upon the Italian national soul within human beings.

[ 25 ] Nimmt man die französische Volksseele, so prägt sie in derselben Art etwas in den Menschen herein, was ungefähr mit dem Seelenleben zwischen dem achtundzwanzigsten und fünfunddreißigsten Jahre verwandt ist. Nimmt man die britische Volksseele, dann prägt diese in den Menschen etwas herein, das heißt, gießt einen Stimmungsgehalt über das ganze menschliche Wesen aus von der Kindheit an, etwas, das dann mit den anderen Stimmungsgehalten zusammenwirkt, das verwandt ist mit der menschlichen Seele in ihrer Entwickelung zwischen dem fünfunddreißigsten, sechsunddreißigsten Jahre und dem zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten, vierundvierzigsten Jahre, aber abschattiert durch dasjenige, was vom Anfang der zwanziger Jahre in der Seele ist.

[ 25 ] If we consider the French national character, it instills in people, in much the same way, something that is roughly related to the inner life between the ages of twenty-eight and thirty-five. If we consider the British national soul, it imprints something on people—that is, it pours a mood over the entire human being from childhood onward—something that then interacts with other moods, something akin to the human soul in its development between the ages of thirty-five, thirty-sixth and the forty-second, forty-third, and forty-fourth years—but tempered by what is present in the soul from the beginning of one’s twenties.

[ 26 ] So kann man die Eigentümlichkeiten der Volksseele nur dadurch studieren, daß man gewissermaßen ihre Wahlverwandtschaft untersucht zu demjenigen, was man als die tiefere Charakteristik der menschlichen Einzelseele findet. Da hinein zu schauen und zu sehen, was für Kräfte drinnen walten, das ist die Aufgabe. Selbstverständlich wächst ja der Mensch als menschliche Individualität heute über das Nationale hinaus. Aber wenn man dasjenige betrachtet, wodurch der Italiener Italiener ist, so wird man gleichsam das Zusammenspielen der Volksseele mit der Einzelseele, ich möchte sagen, nicht wie in einem hervorgerufenen, aber in einem beobachteten Experimente sehen, wenn man das Zusammenspielen des Volksseelenwesens mit seinem EinzelSeelenwesen in der Zeit ergreift, die zwischen dem zwanzigsten, einundzwanzigsten und siebenundzwanzigsten, achtundzwanzigsten Jahre liegt.

[ 26 ] Thus, one can study the peculiarities of the national soul only by examining, as it were, its elective affinity with what one finds to be the deeper characteristics of the individual human soul. To look into this and see what forces are at work within it—that is the task. Of course, the human being as an individual today transcends the national. But when one considers that which makes the Italian an Italian, one sees, as it were, the interplay of the national soul with the individual soul— I would say, not as in an induced experiment, but in an observed one—when one grasps the interplay of the national soul with the individual soul during the period spanning the ages of twenty, twenty-one, twenty-seven, and twenty-eight.

[ 27 ] Sie werden vielleicht glauben, solche Dinge, wie ich sie jetzt sage, seien irgendwie ausgedacht. Sie sind es ebensowenig, wie, sagen wir, auf einer ganz anderen Stufe die Jakob Grimmschen Lautgesetze, die Gesetze der Lautverschiebung, ausgedacht sind. Nicht wahr, das sieht auch ausgedacht aus, wenn man sagt: Worte, die verwandt sind, die in der Entwickelung sind, haben im Griechischen zum Beispiel ein «t», und dasselbe Wort, indem es sich bis zum Germanischen herauf entwickelt, an derselben Stelle ein «th» oder ein «z»; wenn es sich bis zum Neuhochdeutschen herauf entwickelt hat, ein «d». Diese Gesetze der Lautverschiebung zeigen, wie in der Aufeinanderfolge der Zeit Gesetzmäßigkeit waltet überall da, wo Seelisches mit ins Spiel kommt. Wenn man sie einfach so entwickelt, wie sie Jakob Grimm hingestellt hat, da erscheinen sie natürlich auch so in ihrer Abstraktheit; aber sie sind zu erhärten, zu erweisen in all den Fällen, auf die es ankommt, aus der ganzen Breite der Erfahrung heraus. Und so kann ich Ihnen heute auch nur diese Grundgesetze, die ich Ihnen andeutete, gewissermaßen charakterisieren. Aber derjenige, der nur eingehen will auf das, was die äußere Erfahrung eben einem Geiste bietet, wie ich ihn geschildert habe, der gerade wie Jakob Grimm das Volkswesen nach dem Verfahren der äußeren Wissenschaft erforschen kann, der wird überall die Bewahrheitung sehen. Es ist heute nur nicht Zeit, auf das, was ja sehr interessant wäre, einzugehen, zu zeigen, wie sich diese allgemeinen Gesetze bewahrheiten in allen Seelenerscheinungen, und wie diese Seelenerscheinungen des Menschen und sein Auftreten in der physischen Welt, insoferne er irgendeinem Volksseelenwesen angehört, ‚sich nur dadurch erklären lassen, daß man auf diese Weise hinter die besondere Konfiguration seines Auftretens kommt.

[ 27 ] You might think that things like what I’m saying now are somehow made up. They are no more made up than, let’s say, on a completely different level, Jakob Grimm’s laws of sound, the laws of sound shift, are made up. Isn’t it true that it also seems made up when one says: Words that are related, that are in the process of development, have a “t,” for example, in Greek, and the same word, as it develops up to the Germanic stage, has a “th” or a “z” in the same position; and when it has developed up to Modern High German, it has a “d.” These laws of sound shift show how, in the succession of time, regularity prevails wherever the spiritual comes into play. If one simply develops them as Jakob Grimm presented them, they naturally appear abstract; but they must be substantiated and demonstrated in all the relevant cases, drawing on the full breadth of experience. And so today I can only characterize, in a sense, these fundamental laws that I have hinted at. But anyone who wishes to focus solely on what external experience offers to a mind such as I have described—someone who, just like Jakob Grimm, can investigate folk culture using the methods of the external sciences—will see these laws confirmed everywhere. There is simply no time today to go into what would indeed be very interesting—to show how these general laws are verified in all manifestations of the soul, and how these manifestations of the human soul and a person’s behavior in the physical world—insofar as they belong to a particular national soul—‘can only be explained by looking behind the specific configuration of their behavior in this way.’

[ 28 ] Werfen wir noch einen Blick auf die russische Volksseele. Da stellt sich nun gar das Eigentümliche heraus, daß sich die Volksseeleneigentümlichkeit, der Volksseelen-Charakter, verwandt erweist mit einer Art von Mischung zwischen dem, was im einzelnen menschlichen Organismus von der Geschlechtsreife bis zu dem Anfang der zwanziger Jahre vor sich geht; und das ist abschattiert durch das, was vom zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten Jahre biszum neunundvierzigsten, fünfzigsten Jahre vor sich geht. Wenn Sie sich diese zwei Seelencharaktere durcheinander kraftend denken, dasjenige also, was sozusagen von der Geschlechtsreife bis in die ersten zwanziger Jahre im Organismus wirkt, ihn noch durchtränkend, was aber auch im Seelischen wirkt, wenn Sie sich das überschattet, durchorganisiert denken von dem, was In einer so späten Zeit wirkt, dann bekommen Sie gewissermaßen — lassen Sie mich das grobe Wort für diese feine Sache aussprechen - ein arithmetisches Mittel heraus, das zeigt, welches gerade die Eigentümlichkeiten der russischen Volksseele sind. Denn mit den Kräften, die den eben charakterisierten Kräften im menschlichen Organismus ähnlich sind, wirkt die russische Volksseele.

[ 28 ] Let us take another look at the Russian national soul. Here we find the peculiar fact that the distinctive nature of the national soul—its character—proves to be akin to a kind of mixture of what takes place within the individual human organism from sexual maturity to the early twenties; and this is overlaid by what takes place from the ages of forty-two and forty-three through to the ages of forty-nine and fifty. If you imagine these two soul characteristics intertwining—that is, what acts within the organism, so to speak, from sexual maturity through the early twenties, still permeating it, but which also acts in the soul—and if you imagine this overshadowed and permeated by what acts at such a later stage, then you obtain, so to speak, —let me use this crude term for such a subtle matter—a kind of arithmetic mean that reveals the very characteristics of the Russian national soul. For the Russian national soul acts through forces similar to those just described in the human organism.

[ 29 ] Und sehr ähnlich wirken andere Gesamtseelen. Da können wir zum Beispiel eine Gesamtseele ins Auge fassen, die wirklich in tief eingreifender Weise vom Süden Europas durch ganz Europa gewirkt hat. Es kann sich ja jeder selbst ausmalen, wie dieses Gesamtseelenwesen gewirkt hat. Ich meine das Gesamtseelenwesen des Christentums. Gerade so, wie man vom Volksseelenwesen sprechen kann, kann man auch vom Gesamtseelenwesen des Christentums sprechen. Auch das, was vom Christentum, ich möchte sagen, ausströmt, auskraftet, durchdrang gestaltend, physiognomisierend die Menschen durch lange, lange Zeit und wird sie weiter durchdringen. Nur unterliegt das auch einer Entwickelung. Aber auch da haben wir es zu tun mit einem solchen Wirken, das in einer ähnlichen Art zusammengesetzt werden muß; da haben wir es sogar mit einem Wirken zu tun - und daraus erklärt sich, warum das den Menschen so tief ergreift —, das sich zusammenzieht aus dem, was in der menschlichen Wesenheit zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife lebt, vermischt wiederum mit dem, was da lebt vom zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten Jahre bis zum neunundvierzigsten, fünfzigsten Jahre. Natürlich müssen es viel stärkere Kräfte sein, den Menschen durchorganisierend, als selbst der Volksseelencharakter, die ihn gewissermaßen religiös prägen. Derjenige, der die Stärke, mit der Religionen den Menschen geprägt haben, ins Auge faßt, wird das, was ich sage, nicht unbegresflich finden.

[ 29 ] And other collective souls have a very similar effect. For example, we can consider a collective soul that has truly exerted a profound influence, extending from southern Europe throughout all of Europe. Everyone can imagine for themselves how this collective soul has worked. I am referring to the collective soul of Christianity. Just as one can speak of a national soul, so too can one speak of the collective soul of Christianity. This, too, is what, I would say, radiates from Christianity, exerts its power, and has permeated human beings in a formative, character-shaping way over a long, long time—and will continue to permeate them. Yet this, too, is subject to development. But here, too, we are dealing with a kind of influence that must be composed in a similar way; we are even dealing with a force—and this explains why it moves people so deeply—that is drawn together from what lives in the human being between the change of teeth and sexual maturity, mingled in turn with what lives there from the forty-second and forty-third years up to the forty-ninth and fiftieth years. Of course, the forces that permeate the entire human being must be much stronger than even the national character, which shapes him, so to speak, religiously. Anyone who considers the power with which religions have shaped human beings will not find what I am saying incomprehensible.

[ 30 ] Und stellen wir all diesem gegenüber, aber wirklich nicht um Werturteile zu fällen, sondern nur um Eigentümlichkeiten hervorzuheben, den Grundcharakter der deutschen Seele, der deutschen Volksseele. Gerade das, was ich über die deutsche Volksseele werde zu sagen haben, das ist wunderbar zu erhärten, nicht bloß aus den Anschauungen, die der Deutsche hat und haben kann über das, was in seiner Seele lebt und leibt, in der Seele lebt und aus der Seele leibt, sondern — wenn man in ruhigen, objektiver sich aussprechenden Zeiten, als die unsrigen es sind, die anderen Völker hört -, sondern ebenso aus den Äußerungen der anderen Völker, gerade aus den Eindrücken unbefangener Beobachtung bei den anderen Völkern. Diese deutsche Volksseele hat wirklich etwas höchst Eigentümliches; es ist ja, ich möchte sagen, gewissermaßen unbehaglich, das gerade als Deutscher sagen zu müssen — aber sie hat eben etwas höchst Eigentümliches. Es sollen nicht Werturteile gefällt werden, sondern es soll objektiv zu Werke gegangen werden, wenn man ihren Grundcharakter prüft, so findet man, daß sie nun den Menschen durchtränkt, durchwirkt, ihm einen gewissen Stimmungsgehalt gibt, so daß die Kräfte, die in dieser Volksseele sind, verwandt sind mit all dem, was im Menschen seelisch ist vom Anfang der zwanziger Jahre bis in den Anfang der vierziger Jahre, bis zum zweiundvierzigsten, dreiundvierzigsten, fünfundvierzigsten Jahre. Das ist das Merkwürdige der deutschen Volksseele. Wenn das die anderen Nationen unbehaglich berühren sollte, dann brauchen sie sich ja nur damit zu trösten, daß dasjenige, was beim Menschen gewissermaßen ausgegossen ist über drei Lebensabschnitte, eben mit einer schwächeren Kraft wirkt, gewissermaßen verdünnt wirkt, während das, was die anderen Volksorganismen angeht, eben mit einer stärkeren Kraft wirkt, stärker den Menschen durchdringt. Ich möchte sagen, wie einem in bezug auf das andere, das ich gesagt habe, gerade an einzelnen Beispielen diese Dinge in einer wunderbaren Weise klar werden können, so können einem durch gewisse Erscheinungen die Tatsachen über die deutsche Volksseele klar werden, die eben angedeutet worden sind. Wer da in der Sprache, wie ich sagte, nicht unmittelbar die Volksseele selber betrachtet, sondern eine Wirkung der Volksseele, der wird sich nicht wundern, daß in der Sprache eben ein wunderbarer Genius wirkt. Es wirkt eben der Genius, der die Volksseele ist. Und wie oft ist die Sprache gescheiter als wir! Wie oft finden wir nachher erst das heraus, was in der Sprache genial ausgedrückt ist. Freilich kann man solche Dinge nur charakterisieren, wenn man sich bewußt ist, daß die Dinge, wie man sagt, eigentlich in einer Sprache nur so gesagt werden können, in einer anderen Sprache anders gesagt werden müßten. Aber das, was ich jetzt sage, kann in deutscher Sprache gesagt werden. Dasjenige, was sich zum Beispiel in zwei Bezeichnungen ausdrückt, es ist wunderbar genial gestaltet: Wir sagen nicht «Vatersprache» und «Mutterland» in der gewöhnlichen Sprache. Wir sagen «Muttersprache» und «Vaterland». Und das drückt für den Geisteswissenschafter in vollster Beziehung aus die ganze Art und Weise, wie die heimatliche Landschaft durch die väterliche Vererbungsvermittelung auf den Menschen übergeht und wiederum in sein Unbewußtes hineinwirkt; und wie dasjenige, was in der Sprache lebt, von der mütterlichen Seite aus durch die Vererbungskräfte auf den Menschen überströmt. Aber vieles, vieles andere könnte angeführt werden. Für das, was ich eben als Eigentümlichkeit der deutschen Volksseele gesagt habe, trat mir eine Erfahrung immer wieder entgegen, eine Erfahrung, die ich ja vielleicht leichter machen konnte als mancher andere, da ich einen großen Teil meines Lebens, fast drei Jahrzehnte, in Österreich verbracht habe. Sehen konnte ich — in späteren Jahren im innigen Einklange mit der Mundartenforschung meines sehr verehrten Lehrers und Freundes Schröer -, wie die deutsche Volksseele sich entwickelt, wenn sie sich so hineinschiebt in andere Volksseelen-Gebiete, hineinschiebt in das tschechische Volksseelengebiet, in Ost-, in Westungarn, wo ja unter dem schönen Namen Heanzen Deutsche leben bis nach dem Wiesenburger Komitat herauf. Dann kommen wir in die Gegenden unterhalb der Karpaten, wo die Zipser Deutschen leben; dann kommen wir nach Siebenbürgen, wo die Siebenbürgener Sachsen leben; dann in das Banat, wo die Schwaben leben. Alle diese Völkerschaften werden ja nach und nach — darüber sollen keine Werturteile und soll keineKritik geltend gemacht werden -, von dem magyarischen Element vollständig aufgesogen. Da kann man eine merkwürdige Eigentümlichkeit studieren. Man darf sie doch wohl aussprechen: wie leicht gerade der Deutsche seine Nationalität verliert, allmählich abstreift, wenn er sich so in andere Nationalitäten hineinschiebt. Das hängt mit dieser Eigentümlichkeit der deutschen Volksseele zusammen, von der ich eben gesprochen habe. Sie ergreift den Menschen, ich möchte sagen, in leichterer, feinerer Art mit den Kräften, die in der IndividualEntwickelung des Menschen zwischen den zwanziger und fünfundvierziger Jahren liegen. Aber indem sie ihn seelisch labiler charakterisiert, macht sie es ihm möglich, leichter sein Seelisches abzustreifen, sich zu entnationalisieren und sich hineinzunationalisieren in andere Nationen. Er ist nicht so stark, so innig durchtränkt von diesem deutschen Wesen, das aus der Volksseele kommt.

[ 30 ] And let us contrast all of this—not, mind you, to pass value judgments, but merely to highlight certain peculiarities—with the fundamental character of the German soul, the German national soul. Precisely what I have to say about the German national soul can be wonderfully substantiated, not merely by the views that Germans have—and can have—regarding what lives and stirs within their souls, what lives in the soul and emanates from it, but — when, in calm, objectively expressive times such as our own, one listens to other peoples — but also from the expressions of other peoples, specifically from the impressions gained through unbiased observation of other peoples. This German national soul truly has something highly peculiar about it; indeed, I would say it is, in a sense, uncomfortable to have to say this as a German—but it does have something highly peculiar about it. No value judgments are to be made, but one must proceed objectively when examining its fundamental character, one finds that it permeates and interweaves itself with the human being, giving him a certain emotional quality, so that the forces present in this national soul are akin to everything that is spiritual in the human being from the early twenties through the early forties—up to the ages of forty-two, forty-three, and forty-five. That is what is remarkable about the German national soul. If this should make other nations feel uncomfortable, they need only take comfort in the fact that what is, so to speak, spread out over three stages of life in human beings acts with a weaker force—is, so to speak, diluted—while what pertains to other national organisms acts with a stronger force, penetrating human beings more deeply. I would like to say that just as, in relation to what I said earlier, these things can become clear in a marvelous way through individual examples, so too can certain phenomena make clear the facts about the German national soul that have just been hinted at. Anyone who, as I said, does not directly observe the national soul itself in language, but rather an effect of the national soul, will not be surprised that a marvelous genius is at work in language. It is precisely the genius that is the national soul that is at work. And how often is language wiser than we are! How often do we only discover later what is brilliantly expressed in language. Of course, one can characterize such things only if one is aware that, as they say, these things can actually be expressed in one language only in this way; in another language, they would have to be expressed differently. But what I am saying now can be expressed in German. That which, for example, is expressed in two terms is wonderfully ingeniously structured: We do not say “father’s language” and “fatherland” in everyday speech. We say “mother tongue” and “fatherland.” And for the scholar of the humanities, this expresses in the fullest sense the entire way in which the native landscape is passed on to the human being through paternal inheritance and in turn works its way into his unconscious; and how that which lives in language flows over the human being from the maternal side through the forces of inheritance. But much, much more could be cited. Regarding what I have just described as a distinctive feature of the German national soul, I repeatedly encountered an experience—one that I was perhaps better able to grasp than many others, since I spent a large part of my life, nearly three decades, in Austria. I was able to observe—in later years, in close harmony with the dialect research of my highly esteemed teacher and friend Schröer—how the German national soul develops when it penetrates into the realms of other national souls, into the Czech national soul, into Eastern and Western Hungary, where Germans—known by the lovely name “Heanzen”—live as far north as Wiesenburg County. Then we come to the regions below the Carpathians, where the Spiš Germans live; then we come to Transylvania, where the Transylvanian Saxons live; then to the Banat, where the Swabians live. All these ethnic groups are, little by little—and no value judgments or criticism should be made here—being completely absorbed by the Magyar element. Here one can observe a curious peculiarity. One may well point it out: how easily the German, in particular, loses his nationality, gradually shedding it, when he blends into other nationalities in this way. This is connected to that peculiarity of the German national soul I just spoke of. It takes hold of a person—I would say—in a lighter, more subtle way through the forces at work in a person’s individual development between the ages of twenty and forty-five. But by making them more emotionally unstable, it enables them to shed their national identity more easily, to denationalize themselves, and to assimilate into other nations. They are not so strongly, so deeply imbued with this German essence that springs from the national soul.

[ 31 ] Ein anderes fügt sich hinzu zu dieser Tatsache. Ich kann diese Dinge ja nur andeuten. Würde man gerade im einzelnen, zum Beispiel an Hand der Schröerschen Ausführungen über Grammatik und seiner Wörterbücher der österreichisch-deutschen Mundarten, das, was ich jetzt gesagt habe, studieren, so würde man wahrhaftig den eben ausgesprochenen Satz so belegen können, wie nur irgendeinen naturwissenschaftlichen Satz. Eine andere Eigentümlichkeit, die aus dieser Tatsache des deutschen Seelenwesens folgt, ist diese, daß das deutsche Seelenwesen den gemüthaften Anschluß an Heimatliches, Gleichartiges, das Zusammenleben mit Heimatlichem, Gleichartigem, braucht, um immer wieder und wiederum die Frische dieses Heimatlichen, Gleichartigen zu fühlen. Der Deutsche ist nicht imstande, sich mit starker innerer Kraft, die ihn unverändert läßt, wie etwa der Engländer, in fremdes Volkstum hineinzuschieben. Er braucht, wenn er sein Volkstum so recht innerlich lebendig haben will, den unmittelbaren Zusammenhang mit der ganzen Aura, mit der ganzen Atmosphäre des Volkstums. Daher entwickelt sich auch innerhalb dieser Aura, dieser Atmosphäre des Volkstums etwas, was im Umkreise so schwer verstanden wird, was so schwer hineingeht in die fester konfigurierten Volksseelen, die gleich alles in ihre Kategorien hineinzwängen wollen und es dadurch verzerren; während in dem labilen, in dem leichten Gleichgewicht, in dem alles schwebt in der deutschen Volksseele, alles unmittelbar erfahren und erlebt sein will im lebendigen Zusammenhang mit dem Volksseelenelement selbst. Das zeigt sich so schön in gewissen Aussprüchen, die der hier oftmals schon erwähnte, wahrhaftig echt deutsche Geist Herman Grimm getan hat. Mehr als mancher andere ist er sich bewußt geworden - nicht in dieser ausgesprochen geisteswissenschaftlichen Form, wie ich es jetzt auseinandersetze, sondern in einem inneren Gefühl —, wie das deutsche Seelentum dieses unmittelbare, immer fortwährend gegenwärtige Befruchtetwerden der Gemüter braucht, und wie es nur da gedeihen kann. Da spricht er sehr schön aus, wie dasjenige, was der Deutsche formt, was der Deutsche bildet, eigentlich nur von dieser, in der eben angedeuteten Weise zu charakterisierenden deutschen Seele selbst wieder nur ganz voll verstanden werden kann, und wie dasjenige, was aus dieser Seele heraus erfaßt werden soll durch fremdes Volkstum, eben aus dem angedeuteten Grund verzerrt, karrikiert wird, weil auf die Feinheiten nicht eingegangen werden kann, die dadurch da sind, daß sich das deutsche Wesen ausbreitet über die Eigentümlichkeiten der Menschenseele vom zwanzigsten bis zum fünfundvierzigsten Jahre, wie ich es angedeutet habe, So sagt Herman Grimm sehr schöne, wunderschöne Worte — wenn sie auch vielleicht manchem Nicht-Deutschen nicht gefallen, aber sie sind wunderbar -, nicht nur schöne, sondern auch wunderbar richtige Worte:

[ 31 ] Another fact adds to this. I can, of course, only hint at these things. If one were to examine in detail—for example, based on Schröer’s remarks on grammar and his dictionaries of Austrian-German dialects—what I have just said, one could indeed substantiate the statement I have just made just as one would any statement in the natural sciences. Another characteristic that follows from this fact of the German soul is that the German soul needs a heartfelt connection to what is native and familiar, and a shared life with what is native and familiar, in order to feel, again and again, the freshness of these native and familiar elements. The German is not capable of immersing himself in a foreign culture with a strong inner force that leaves him unchanged, as, for example, the Englishman does. If he wishes to keep his own culture truly alive within himself, he needs a direct connection with the entire aura, with the entire atmosphere of that culture. Consequently, something develops within this aura, this atmosphere of folk culture, that is so difficult for those on the outside to understand—something that is so hard to grasp for the more rigidly structured national souls, which immediately seek to force everything into their categories and thereby distort it; whereas in the labile, delicate balance in which everything floats within the German national soul, everything demands to be directly experienced and lived in a living connection with the national soul itself. This is so beautifully illustrated in certain statements made by Herman Grimm, that truly authentic German spirit whom I have mentioned here many times. More than many others, he has come to realize—not in this distinctly spiritual-scientific form, as I am now expounding it, but through an inner feeling—how the German soul needs this immediate, ever-present enrichment of the mind, and how it can flourish only there. He expresses very beautifully how that which the German shapes and creates can, in fact, only be fully understood by the German soul itself—characterized in the manner just indicated—and how that which is to be grasped from this soul by a foreign culture is, for precisely the reason indicated, distorted and and caricatured, because the subtleties cannot be grasped—subtleties that arise from the fact that the German essence unfolds across the peculiarities of the human soul from the age of twenty to forty-five, as I have indicated, Thus, Herman Grimm speaks very beautiful, wonderful words—even if they may not please some non-Germans, they are marvelous—not only beautiful, but also wonderfully accurate words:

[ 32 ] «Ein Deutscher, der die Geschichte Frankreichs schreibt, die Italiens, die Rußlands, die der Türkei: darin findet kein Mensch etwas Ungehöriges, etwas sich Widersprechendes» ; — Herman Grimm meint, weil diese deutsche Seele durch dieses Ausbreiten biegsam, schmiegsam ist, weiß diese deutsche Seele sich hineinzufinden in diese anderen Volksseelen — «aber ein Russe, Türke, Franzose, Italiener, die über deutsche Geschichte schreiben wollten! Und wenn das Buch einigen Unschuldigen imponieren sollte, weil es in einer fremden Sprache geschrieben ward, so braucht nur übersetzt zu werden. Ein Russe hat über Mozart und, durch den Erfolg seiner Arbeit gehoben, auch über Beethoven geschrieben. «Ist dasMozart, das Beethoven?» - fragt Herman Grimm. — «Musik scheint doch eigentlich kein Vaterland zu haben. Diese beiden Leute» — Mozart, Beethoven — «sind zwei Komponisten, deren einer Mozarts Werke schrieb» — nach dem, was der Russe angibt —- «und der andere die Beethovens, aber sie selber» — die Menschen meint er, die der Russe da beschreibt — «haben nichts gemein mit dem Buche und dessen Urteilen.»

[ 32 ] “A German who writes the history of France, Italy, Russia, or Turkey: no one finds anything inappropriate or contradictory in that”; — Herman Grimm believes that because this German soul is flexible and adaptable due to this breadth, it knows how to find its way into these other national souls — “but a Russian, a Turk, a Frenchman, an Italian who wanted to write about German history! And if the book were to impress a few unsuspecting readers because it was written in a foreign language, it would simply need to be translated. A Russian has written about Mozart and, buoyed by the success of his work, also about Beethoven. ‘Is that Mozart, is that Beethoven?’ asks Herman Grimm. — ‘Music, after all, seems to have no homeland. These two people”—Mozart, Beethoven—“are two composers, one of whom wrote Mozart’s works”—according to what the Russian states—“and the other Beethoven’s, but they themselves”—he means the people the Russian is describing—“have nothing in common with the book and its judgments.”

[ 33 ] Da wird hingedeutet auf dieses unmittelbare Zusammenleben, auf dieses unmittelbare Zusammenhängen. Und besonders schön sagt Herman Grimm in der Fortsetzung der eben angeführten Stelle:

[ 33 ] This alludes to this direct coexistence, to this direct interconnection. And Herman Grimm puts it particularly beautifully in the continuation of the passage just cited:

[ 34 ] «Ist das Goethe, über den Lewes zwei Bände geschrieben hat? Ich dächte, wir kennten ihn anders. Der Goethe des Mr. Lewes ist ein wackrer englischer Gentleman, der zufällig 1749 zu Frankfurt auf die Welt kam und dem Goethes Schicksale angedichtet sind, soweit man sie aus erster, zweiter, dritter, fünfter Hand empfangen hat, der außerdem Goethes Werke geschrieben haben soll. Das Buch ist eine fleißige Arbeit, aber von dem Deutschen Goethe steht wenig darin. Die Engländer sind Germanen wie wir, aber sie sind keine Deutschen, und was Goethe uns war, das empfinden wir allein.»

[ 34 ] “Is this the Goethe about whom Lewes has written two volumes? I would have thought we knew him differently. Mr. Lewes’s Goethe is a fine English gentleman who happened to be born in Frankfurt in 1749 and to whom Goethe’s fate has been ascribed—as far as it has been received from first-, second-, third-, and fifth-hand sources—and who is also said to have written Goethe’s works. The book is a diligent piece of work, but it contains little of the German Goethe. The English are Germanic like us, but they are not Germans, and what Goethe meant to us, we alone can feel.”

[ 35 ] Durch die angegebene Eigenschaft der deutschen Volksseele muß nämlich dasjenige, was Verständnis des deutschen Volksseelenwesens liefert, in diesem leichten Hingeben gesucht werden, das aber durchaus nicht verbunden zu sein braucht mit einer gewissen Schwäche, wie man so leicht denken könnte, Und gerade dieses könnte ja aus den Worten unbefangener Beobachter der deutschen Seele hervorgehen. Da ist zum Beispiel ein unbefangener Beobachter — ich scheue mich fast, diese Worte vorzulesen, weil es, wie gesagt, unbehaglich ist, als Deutscher solche Worte über die Deutschen gesprochen zu hören. Ein Gedicht heißt «An Deutschland». Man darf sagen, dieses Gedicht ist durchdrungen zugleich von der Vielfältigkeit, diesem labilen Gleichgewicht der deutschen Volksseele und der gerade aus diesem Gleichgewicht herausfließenden Stärke. Da sagt denn der Dichter:

[ 35 ] Given the described characteristic of the German national soul, what provides an understanding of the essence of the German national soul must be sought in this ready openness—which, however, need not at all be associated with a certain weakness, as one might so easily suppose. And it is precisely this that might emerge from the words of an impartial observer of the German soul. Take, for example, an impartial observer—I almost hesitate to read these words aloud, because, as I said, it is uncomfortable for a German to hear such words spoken about the Germans. The poem is titled “To Germany.” One might say that this poem is imbued both with the diversity—this precarious balance—of the German national soul and with the strength that flows precisely from this balance. The poet says:

Keine Nation ist größer als du;
Einst als die ganze Erde ein Ort des Schreckens war,
War unter den starken Völkern keines gerechter als du.
Du hast Friedrich Rotbart, und daneben Friedrich Schiller.
Der Kaiser, diesen Gipfel fürchtet der Geist, diesen Blitz.
Gegen Cäsar hast du Hermann, gegen Petrus Martin
Dein Atem ist die Musik - [Luther.
Mehr Helden hast du, als der Athos Gipfel.
Deine Ruhmestaten sind überall, seid stolz, ihr Deutschen!

No nation is greater than you;
Once, when the whole earth was a place of terror,
Among the mighty nations, none was more just than you.
You have Friedrich Rotbart, and alongside him, Friedrich Schiller.
The Emperor—the spirit fears this summit, this lightning.
Against Caesar you have Hermann, against Peter, Martin
Your breath is music—[Luther.
You have more heroes than the summit of Mount Athos.
Your glorious deeds are everywhere; be proud, you Germans!

[ 36 ] Nun, es darf vielleicht aus diesem Grunde vorgelesen werden, da das Gedicht von Victor Hugo ist und 1871 geschrieben ist! Es ist der Teil eines Gedichtes, das er überschrieben hat «Wahl zwischen zwei Nationen». Der erste Teil ist «An Deutschland», und ich habe ihn eben vorgelesen. Der zweite Teil ist «An Frankreich», und der lautet: «Oh, meine Mutter!» Ich möchte sagen: Es ist das sinnbildlich für die Schwierigkeit, die man hat, gerade das zu erfassen, was im eigenen Volksseelenwesen begründet ist.

[ 36 ] Well, perhaps it’s permissible to read this aloud for that very reason—since the poem is by Victor Hugo and was written in 1871! It is part of a poem he titled “Choice Between Two Nations.” The first part is “To Germany,” and I just read it aloud. The second part is “To France,” and it goes: “Oh, my mother!” I would like to say: This symbolizes the difficulty one has in grasping precisely what is rooted in the soul of one’s own people.

[ 37 ] Ich versuchte Ihnen anzudeuten, wie Tatsachen durchaus für dasjenige sprechen, was ich angegeben habe. Aber ich kann ja natürlich nur in ganz skizzenhafter Weise auf Einzelnes hinweisen, das die Richtung angibt, in der im empirischen Tatsachenmaterial gesucht werden kann.

[ 37 ] I tried to suggest to you how the facts certainly support what I have stated. But of course I can only point out, in a very sketchy way, specific details that indicate the direction in which one can look for empirical evidence.

[ 38 ] Nun haben wir diese deutsche Volksseele in ihrer Entwickelung. Wir treffen sie bereits so, daß sie so wunderbar plastisch, großartig geschildert werden kann, im ersten Jahrhundert nach Christus durch Tacitus, was für frühere Jahrhunderte auf die germanische Volksseele zurück weist, aus der die deutsche Volksseele herausgewachsen ist. Wir sehen sie dann in ihrer Entwickelung durch das Mittelalter hindurch bis herauf zu ihren neueren Blüten, wo sie eingetaucht war in die Dichtung Goethes, Schillers, Herders, eingetaucht ist in die große musikalische Entwickelung des neueren deutschen Geisteslebens. Aber es schiebt sich hinein und durchdringt dieses Volksseelenwesen das Christentum - ein anderes gemeinschaftliches Seelenwesen. Gerade wenn man den Gang der Ereignisse recht im einzelnen untersucht, dann kann man sehen, wie diese großen Gesichtspunkte, die ich angegeben habe, sich im einzelnen da, wo sich das Volksseelenwesen ausdrückt, bestätigen. Zum Beispiel können wir fragen: Wenn das Wesen, das im Menschen unbewußt wirkt bis zur Geschlechtsreife hin, wirklich so ergriffen wird von einem solchen gemeinschaftlichen Bewußtsein wie dem Christentum, was will sich da einleben? Wir brauchen nur Worte zu nehmen, Fremdworte, die die deutsche Sprache durch das Christentum aufgenommen hat. Es sind solche Fremdworte in das deutsche Wesen eingegangen, welche sich beziehen auf das, was in der sinnlichen Wahrnehmung, allerdings mit einem übersinnlichen Charakter, aufgefaßt werden muß, wozu man schon ein tieferes Seelenleben braucht, das sich in der Weise einprägen kann, wie ich es charakterisiert habe. So zum Beispiel ist das Wort «Natur» durch das Christentum nach Mitteleuropa in das deutsche Wesen hereingekommen. Freilich, wie es dazumal aufgefaßt worden ist, das Wort «Natur», davon hat derjenige keine Ahnung, der es nur in dem Sinne nimmt, wie wir es heute fassen. Aber in den Dialekten lebt es noch in der alten Bedeutung. Und da sehen wir, wie sich dieses Wort «Natur», das mit dem Christentum in Mitteleuropa eindringt, mit dem Volkstum weiter entwickelt. An diesem einen Wort «Natur» und an anderen Worten älterer Versionen, die auf diese Weise eingedrungen sind, kann man nachweisen, wie die angedeuteten Kräfte, die aus dem Christentum hereinkraften in die menschliche Individualität, wirksam sind in solchen Worten.

[ 38 ] Now we have this German national soul in its development. We already encounter it in such a way that it can be depicted so wonderfully vividly and magnificently in the first century A.D. by Tacitus, which, for earlier centuries, points back to the Germanic national soul from which the German national soul grew. We then see it in its development through the Middle Ages up to its more recent flowering, where it was immersed in the poetry of Goethe, Schiller, and Herder, and is immersed in the great musical development of modern German intellectual life. But Christianity—another communal soul entity—intervenes and permeates this national soul. It is precisely when one examines the course of events in detail that one can see how these major perspectives I have outlined are confirmed in the particulars, wherever the national soul expresses itself. For example, we might ask: If the essence that works unconsciously within a person up to sexual maturity is truly so gripped by a communal consciousness such as Christianity, what seeks to take root there? We need only consider words—foreign words—that the German language has adopted through Christianity. Such loanwords have entered the German essence that refer to what must be grasped in sensory perception—albeit with a supersensory character—for which one already needs a deeper soul life capable of imprinting itself in the way I have characterized it. For example, the word “nature” entered the German spirit through Christianity and into Central Europe. Of course, anyone who understands the word “nature” only in the sense we use it today has no idea how it was understood back then. But in the dialects, it still lives on in its old meaning. And there we see how this word “nature,” which entered Central Europe with Christianity, continues to develop alongside the folk culture. Through this single word “nature” and other words from older versions that have found their way in this manner, one can demonstrate how the forces alluded to—which flow from Christianity into human individuality—are at work in such words.

[ 39 ] Nehmen wir eine Zeit, in welcher mehr wirksam war ein Hereinkraften einer anderen Volksseele in die deutsche Volksseele, sagen wir das dreizehnte Jahrhundert. Weil die deutsche Volksseele über die ganze Zeit der menschlichen Seelenentwickelung ausgegossen ist vom zwanzigsten bis zum fünfunddreifßigsten, sechsunddreißigsten Jahre und noch später, weil sie also verbreitet ist über das alles, kann sie eben auch durch all die Eigenschaften, die ich angeführt habe, Einflüsse von außen aufnehmen. Wir werden gleich sehen, wie besonders gestaltet diese Einflüsse sind. Wir haben hier gesehen, wie das Christentum in sie eingeströmt ist. Wir könnten an Worten, an Wortwandlungen diese eigentümlichen Worte nachweisen, die als Fremdworte einströmten in der Zeit, in der das französische Volksseelenwesen eine besondere Stärke erlangt hatte, wie im dreizehnten Jahrhundert. Da kommen ganz andere Worte herein, Worte, die das Innere der Seele ergreifen, Worte, die nur mit dem Unterbewußten erfaßt werden und ihre Entwickelung durchmachen, Fremdworte, ja, man weiß heute nicht mehr, daß es Fremdworte sind; sie werden deshalb dem Schicksale entgehen, als Fremdworte ausgemerzt zu werden. Worte, wie «Preis», «klar», kommen im dreizehnten Jahrhundert herein. Vor dem dreizehnten Jahrhundert gibt es das Wort «klar» nicht; «Preis», «etwas preisen», «einen Preis haben», kommt damals herein. Das sind Worte, die mit dem Seelenwesen zusammenhängen. Da wirkt das, was wir in dem französischen Volksseelenwesen erkannt haben, herein in das deutsche Volksseelenwesen.

[ 39 ] Let us consider a period in which the influx of another national soul into the German national soul was more pronounced—say, the thirteenth century. Because the German national soul is spread out over the entire span of human soul development—from the twentieth to the thirty-fifth or thirty-sixth year and even later—and because it is thus spread across all of this, it is precisely able to absorb external influences through all the characteristics I have mentioned. We will see shortly just how distinctive these influences are. We have seen here how Christianity flowed into it. We could demonstrate these peculiar words—which flowed in as foreign words during the time when the French national soul had attained particular strength, as in the thirteenth century—through words and changes in word forms. Entirely different words enter the language—words that touch the innermost depths of the soul, words that can only be grasped by the subconscious and undergo their own development; foreign words—indeed, today we no longer even realize they are foreign words; they will therefore escape the fate of being eradicated as foreign words. Words such as “price” and “clear” entered the language in the thirteenth century. Before the thirteenth century, the word “klar” did not exist; “Preis,” “to praise something,” “to have a price,” entered the language at that time. These are words connected to the nature of the soul. Here, what we have recognized in the French national soul is having an effect on the German national soul.

[ 40 ] So könnte man vielfach noch im einzelnen verfolgen, wie das deutsche Volksseelenwesen nun wiederum dadurch, daß fremdes Volksseelenwesen hereinwirkt, in Entwickelung begriffen ist. Aber gerade so, wie wir beim einzelnen Menschen das Ineinanderwirken der Zustände auch in der Zeitenfolge aufsuchen müssen, wie ich das im ersten Teil meines Vortrags angedeutet habe, so muß, wenn im vollen Sinne verstanden werden will die Entwickelung der deutschen Volksseele, das Wirken dieser deutschen Volksseele verstanden werden. Und das kann ich Ihnen in der Kürze in der folgenden Weise charakterisieren. Wir finden die deutsche Volksseele, wie gesagt, schon in sehr alten Zeiten. Sie wissen, ich liebe nicht vage, mystische, insbesondere nicht materialistisch-mystische Begriffe, aber in diesem Fall werden Sie mir das Wort verzeihen: Diese deutsche Volksseele wirkt wie ein mächtiger Alchimist, bewirkend dasjenige, was unter Deutschen sich abspielt in der Mitte Europas von alten Zeiten, in vorchristliche Jahrhunderte weit zurückgehend. Sie wirkt da schon so, daß das frühere Wirken mit dem späteren einen fortgehenden Zusammenhang hat, als noch nicht die Rede davon sein konnte, daß die Konfiguration des französischen, spanischen, italienischen Wesens, ebenso des britischen Wesens, in seiner jetzigen Form vorhanden gewesen wäre. Sie wirkte durch die Jahrhunderte fort und wirkt heute. Wie wir oftmals in diesen Vorträgen gesagt haben: Sie trägt die Keime zu noch langem Wirken in sich. Gerade wenn man sie erkennt, kann man ihr dieses ansehen. Und sie kann so durch so lange Zeiten, in so vielen Wandlungen eben deshalb wirken, weil sie so ausgebreitete Kräfte in sich enthält, wie es die in der Menschenseele vom Anfang der zwanziger bis in die vierziger Jahre vorhandenen Kräfte sind. Sie wirkt aber, wie wir gesehen haben, schon in alten Zeiten. Aber wie wirkt sie da? Nun, wir sehen, wie dieser mächtige Alchimist, die deutsche Volksseele, auftritt, jene Zustände bewirkt, die da Tacitus schildert, wie später dann die Zeiten kommen, wo dasjenige, was aus dieser Volksseele herauskraftet, den Ansturm unternimmt gegen das südliche, westliche Wesen, das römische Wesen.

[ 40 ] In many ways, one could trace in detail how the German national soul is now, in turn, undergoing development as a result of the influence of a foreign national soul. But just as we must trace the interplay of states in an individual human being—including their sequence over time—as I indicated in the first part of my lecture, so too, if the development of the German national soul is to be understood in the fullest sense, the workings of this German national soul must be understood. And I can briefly characterize this for you in the following way. As I said, we find the German national soul even in very ancient times. You know that I do not care for vague, mystical, and especially not materialistic-mystical concepts, but in this case you will forgive me for using the term: This German national soul acts like a powerful alchemist, bringing about what has been unfolding among the Germans in the heart of Europe since ancient times, stretching far back into pre-Christian centuries. It has been at work there in such a way that its earlier activity has a continuous connection with its later activity—at a time when there could not yet have been any question of the French, Spanish, or Italian national character, or indeed the British national character, existing in its present form. It has continued to work through the centuries and is still at work today. As we have often said in these lectures: It carries within itself the seeds for a long future influence. It is precisely when one recognizes it that one can see this in it. And it can work through such long periods, through so many transformations, precisely because it contains within itself forces as widespread as those present in the human soul from the early twenties through the forties. But, as we have seen, it was already at work in ancient times. But how does it work there? Well, we see how this mighty alchemist, the German national soul, makes its presence felt, bringing about the conditions described by Tacitus, and how, later on, the times come when that which bursts forth from this national soul launches an onslaught against the southern, western essence—the Roman essence.

[ 41 ] Nun sehen wir etwas höchst Eigentümliches. Gewisse Teile, die ursprünglich zusammenhingen mit dem deutschen Volksseelenwesen, schieben sich hinein in die Balkanhalbinsel, schieben sich hinein nach Spanien, nach dem heutigen Frankreich, schieben sich als Angelsachsen hinüber nach den heutigen britischen Inseln. Es wird dasjenige, was verbunden war mit der deutschen Volksseele durch das Blut, abgegeben an den Umkreis, an die Peripherie. Und die umliegenden Peripherie-Kulturen entstehen dadurch, daß andere Volksseelen wiederum wie die übersinnlichen Alchimisten wirken, daß zum Beispiel romanisches Wesen bis in die Sprache hinein in alchimistischer Weise zusammengemischt wird mit demjenigen, was alt-gallisches Wesen ist, in das aber hineingeströmt ist, was von deutschem Volksseelencharakter verbunden war mit germanischem Blut, das in den Franken hineingezogen ist in das Frankenreich. Das ist dasjenige, was in Frankreich von der deutschen Volksseele selber vorhanden ist, was darinnen lebt, was durch den Alchimisten der französischen Volksseele mit dem anderen Element vermischt ist. Ebenso ist es mit dem italienischen Element, ebenso ist es mit dem britischen Element gegangen. Das angelsächsische Element, in einem Zustande, der noch eine verhältnismäßig frühe Entwickelung, ein früheres Entwickelungsstadium der deutschen Volksseele bezeugt, schob sich hinein in keltisches Wesen. Ihm kam romanisches Wesen entgegen. Daraus wurde gleichsam dasjenige, was der Alchimist der britischen Volksseele zu tun hatte, um das zustande zu bringen, was ich ja charakterisiert habe als die Wechselbeziehungen dieser einzelnen westlichen Volksseelen zu den einzelnen menschlichen Individuen, die ihren Seelenstimmungs-Charakter von den einzelnen Volksseelen haben. So daß, wenn wir in den Umkreis hineinsehen, wir überall wirklich uraltes germanisches Seelenelement darinnen haben. Das ist da. Und das, was entstanden ist in der Weise, wie ich es geschildert habe, ist eben dadurch entstanden — so wie man Stoffe in der Chemie durch gewisses Zusammenwirken von anderen Stoffen bekommt -, daß hier in dieser Weise Volksseelenelemente zusammengemischt worden sind. Aber in der Mitte Europas ist dasjenige geblieben, was eine fortdauernde Entwickelung durchgemacht hat, was immer in der Linie und Strömung mit diesem weiten Charakter geblieben ist, den ich dargestellt habe.

[ 41 ] Now we see something most peculiar. Certain elements that were originally connected to the German national soul are pushing their way into the Balkan Peninsula, into Spain, into what is now France, and—as the Anglo-Saxons—across to what are now the British Isles. That which was connected to the German national soul through blood is being released into the surrounding area, into the periphery. And the surrounding peripheral cultures arise because other national souls, in turn, act like supersensible alchemists—so that, for example, the Romance essence is alchemically blended, even down to the language, with that which is ancient -Gallic essence, but into which has flowed what was connected to the Germanic blood through the character of the Germanic national soul—that which was drawn into the Franks and into the Frankish Empire. This is what is present in France from the Germanic national soul itself, what lives within it, what has been blended with the other element by the alchemist of the French national soul. The same is true of the Italian element; the same is true of the British element. The Anglo-Saxon element, in a state that still bears witness to a relatively early development—an earlier stage of development of the German national soul—penetrated into the Celtic essence. It encountered the Romanic essence. From this arose, as it were, what the alchemist of the British national soul had to do in order to bring about what I have characterized as the interrelationships between these individual Western national souls and the individual human beings, who derive their soul-mood character from the individual national souls. So that when we look into this sphere, we find truly ancient Germanic soul elements present everywhere within it. It is there. And what has come into being in the way I have described has arisen precisely through this—just as substances in chemistry are obtained through a certain interaction of other substances—because elements of the national soul have been blended together in this way. But in the heart of Europe, what has remained is that which has undergone continuous development, which has always stayed in line with and in the current of that broad character I have described.

[ 42 ] Das ist der Unterschied zwischen dem Volke Mitteleuropas und denjenigen Völkerschaften, die rings herum sind. Das ist der Unterschied, der ins Auge gefaßt werden muß, wenn man verstehen will, wie diese deutsche Volksseele sich dann weiter entwickelt hat. Wie innig fühlte sie sich noch immer verbunden mit dem, was ringsherum war! Wie hat sie dasjenige wieder zurückgeholt in einer gewissen Weise, was erst ausgeströmt ist von Mitteleuropa! Wie strömt zurück — und man braucht kein Rassenfanatiker zu sein, wenn man dies darstellt - aus dem Italienertum die italienische Kunst, wie strömt zurück der Geist Dantes in dasjenige, was deutsches Volksseelenwesen ist! Wie strömt zurück französisches Wesen, wie strömt zurück britisches Wesen! Bis in unsere Tage herein hat es geströmt, in einer Weise, wie ich das oftmals hier angedeutet habe. So sehen wir, daß dieses Eigentümliche in der Entwickelung der deutschen Seele liegt. Sie bleibt in Mitteleuropa, sie erzeugt sich eine Umgebung und tritt mit dieser Umgebung in Wechselwirkung. Dadurch, ich möchte sagen, befruchtet sie dasjenige, was wegen ihres ausgebreiteten Charakters nur in einzelnen Schattierungen sichtbar ist.

[ 42 ] That is the difference between the people of Central Europe and the peoples surrounding them. That is the difference that must be taken into account if one wishes to understand how this German national soul subsequently developed. How deeply it still felt connected to everything around it! How has it, in a certain sense, reclaimed what had first flowed out of Central Europe! How Italian art flows back—and one need not be a racial fanatic to describe this—from Italian culture; how the spirit of Dante flows back into the very essence of the German national soul! How the French spirit flows back, how the British spirit flows back! It has flowed right up to the present day, in a way that I have often hinted at here. Thus we see that this distinctive quality lies in the development of the German soul. It remains in Central Europe, creates an environment for itself, and interacts with that environment. Through this, I would say, it enriches that which, due to its widespread nature, is visible only in individual nuances.

[ 43 ] Dadurch ist es allein zustande gekommen, daß innerhalb dieser deutschen Volksseele wieder erneuert werden konnten und vervollkommnet werden konnten diejenigen Motive, diein dem Volksseelencharakter der Umgebung liegen. Wie sehen wir kaum angedeutet in der Umgebung dasjenige, was in dem deutschen Siegfried zutage tritt. Und wie sehen wir, wie das, was aus der Volksseelenkraft hereingekraftet ist in das Deutschtum, in einer bestimmten Zeit alles als Volksseele ergreifend, in der Siegfriedssage zum Ausdruck gekommen ist. Dann erholt sich diese Seele, macht — gegenüber der Ausatmung im Siegfried — eine Einatmung, um im zwölften, dreizehnten Jahrhundert eine neue Ausatmung zu machen, einen neuen Ansatz, und den dem Siegfried entgegengesetzten Charakter aus sich hervorzubringen, den Parzival-Charakter. Und man braucht nur gegeneinanderzustellen diese beiden Charaktere, die wirklich aus dem innersten Wesen und Weben des deutschen Volksseelenwesens heraus entstanden sind, man braucht nur diese beiden polarischen Gegensätze nebeneinanderzustellen, Siegfried und Parzival, und man wird die Weite der deutschen Volksseele und die Entwickelungsmöglichkeit erblicken, die sich ausspricht in dem Gang, den diese Entwickelung gemacht hat von dem Siegfried, dessen schon verschollenes Lied man wieder aufgefunden und niedergeschrieben hat in der Zeit, als Wolfram von Eschenbach seinen Parzival gedichtet hat. Ja, diese deutsche Volksseele durchläuft in langer Zeit dasjenige, was sie nur in langer Zeit durchlaufen kann wegen ihrer Weite. Darin ist das Bedeutsame ihrer Entwickelung ausgedrückt. Darin liegt dasjenige, was wir auch heute noch als unendlich breite Möglichkeiten in der Entwickelung der deutschen Volksseele erkennen können, wenn wir diese deutsche Volksseele in der richtigen Weise anschauen. Dasjenige aber, was sie ergreift, ergreift sie deshalb mit einer gewissen Stärke, weil sie es umfassend ergreift, weil sie es mit der Harmonie aller Seelenkräfte ergreilt.

[ 43 ] This is the sole reason why those motifs that lie within the national character of the surrounding region could be renewed and perfected within the German national soul. We can barely discern in the surrounding region what comes to light in the German Siegfried. And how do we see that what surged into German culture from the power of the national soul—seizing everything as the national soul at a certain time—found expression in the Siegfried saga? Then this soul recovers, taking a breath in—in contrast to the outbreath in Siegfried—only to make a new outbreath in the twelfth and thirteenth centuries, a new beginning, and to bring forth from within itself the character opposed to Siegfried: the character of Parzival. And one need only contrast these two characters, which truly arose from the innermost essence and fabric of the German national soul, one need only place these two polar opposites side by side—Siegfried and Parzival—and one will perceive the breadth of the German national soul and the potential for development expressed in the path this evolution has taken from Siegfried, whose long-lost song was rediscovered and written down at the time when Wolfram von Eschenbach composed his *Parzival*. Indeed, this German national soul undergoes over a long period of time what it can undergo only over a long period of time because of its breadth. This is where the significance of its development is expressed. Herein lies what we can still recognize today as infinitely broad possibilities in the development of the German national soul, if we view this German national soul in the right way. But whatever it takes hold of, it takes hold of with a certain strength precisely because it grasps it comprehensively, because it grasps it with the harmony of all its soul forces.

[ 44 ] Man könnte mir leicht den Vorwurf machen, ich brächte hier Dinge vor, die doch nur an der Oberfläche des Lebens liegen. Das ist nicht der Fall, und ich will es nicht tun. Was ich als den Charakter der deutschen Volksseele ausgesprochen habe, tritt einem, wenn auch nicht in dieser abstrakten Art, wie ich es heute aussprechen mußte, ich möchte sagen, wirklich als empfindungsgemäßes Erkennen entgegen. Überall lebt das in irgend einer Form da, wo deutsche Seele lebt, und überall verhält sich deutsche Seele so zu den anderen Seelen, wie das heute charakterisiert werden mußte. So aber verhält sich die deutsche Seele auch zu dem, was als Christentum in sie einströmt, mit der Seele ganz erfassend dieses Christentum und es von innen heraus neu gebärend. Man bleibt nicht bloß an der Oberfläche, an der gebildeten Oberfläche des deutschen Volksseelentums, wenn man so etwas charakterisiert, sondern man drückt schon dasjenige aus, was Grund-Charakter des gesamten deutschen Seelenwesens ist.

[ 44 ] One could easily accuse me of raising issues here that are merely on the surface of life. That is not the case, and I do not intend to do so. What I have described as the character of the German national soul is something that one encounters—albeit not in the abstract way I had to describe it today—as a genuine, intuitive recognition. It is alive everywhere, in one form or another, wherever the German soul lives, and everywhere the German soul relates to other souls in the way that had to be characterized today. But the German soul also relates in this way to what flows into it as Christianity, embracing this Christianity with its whole being and giving birth to it anew from within. When one characterizes something like this, one does not merely remain on the surface—the cultivated surface of the German national soul—but rather expresses precisely what is the fundamental character of the entire German soul.

[ 45 ] Ich könnte viele Beispiele anführen. Ich will nur eines anführen, das zeigt, wie in einer Persönlichkeit, die als katholischer Priester im deutschen Volksseelenwesen drinnen steht, empfindungsgemäß ein Bewußtsein von dem lebt, was ich heute erkenntnisgemäß angedeutet habe. 1850 schreibt Xavier Schmid in einem anspruchslosen Büchelchen, in dem er für eine gemeinsame vertiefte Auffassung eines deutsch gefühlten Christentums eintreten will: «Wie Israel auserwählt war, den Christus leiblich hervorzubringen, so ist das deutsche Volk auserwählt, denselben geistig zu gebären. Wie bei jenem merkwürdigen Volke die politische Freiwerdung von der inneren bedingt war, so wird auch die Größe des deutschen Volkes wesentlich davon abhängen, ob es seine geistige Sendung erfüllt.» Wie ist da das Erfassen des Christentums im Geiste von diesem einfach gebildeten Priester Xavier Schmid gekennzeichnet! Es lebt das, was ich charakterisiert habe, schon durchaus bis in das tiefste Volksgemüt hinein, wenn man auch selbstverständlich andere Worte prägen müßte, als ich sie heute hier zu prägen hatte, um nun zu zeigen, wie im einfachsten Volksgemüt dasjenige lebt, was heute charakterisiert worden ist.

[ 45 ] I could cite many examples. I will mention just one that shows how a person—a Catholic priest deeply rooted in the German national spirit—instinctively lives out an awareness of what I have today indicated through intellectual insight. In 1850, Xavier Schmid wrote in a modest little book in which he sought to advocate for a shared, profound understanding of a German-inspired Christianity: “Just as Israel was chosen to bring forth Christ in the flesh, so the German people are chosen to give birth to him in the spirit. Just as, for that remarkable people, political liberation was conditioned by inner liberation, so too will the greatness of the German people depend essentially on whether it fulfills its spiritual mission.” How characteristic, then, is this understanding of Christianity in the spirit of that simply educated priest, Xavier Schmid! What I have described is already very much alive in the deepest recesses of the national psyche, even if, of course, one would have to use different words than those I have used here today to show how what has been described here lives on in the simplest of minds.

[ 46 ] Und wie mit dem Geistigen zusammenhängt die Weite gerade des deutschen Volks-Charakters, man kann es, wenn man ein Auge dafür hat, auch an den Außenseiten studieren, die sich im Leben darbieten. Nur noch ein Beispiel. Vor mir habe ich zwei Abhandlungen, die eine von einem Deutschen, die andere von einem anderen. Jakob Grimm, der mit so tiefer Liebe erfaßt hat, was im deutschen Volkswesen lebte, er hatte eine Ahnung von der Weite und Breite, die ich heute charakterisiert habe. Ihm, Jakob Grimm, war es gerade aus seiner Liebe zum deutschen Volke heraus klar, daß da selbstverständlich auch Schattenseiten sein müssen. Deshalb hat Jakob Grimm einen Aufsatz über die Pedanterie der Deutschen geschrieben, in dem er sich sogar bis zu dem Ausspruch versteigt: die Deutschen hätten die Pedanterie erfunden, wenn sie nicht schon in der Welt dagewesen wäre. Das ist aber auch für die Weite des deutschen Wesens bezeichnend. Der Aufsatz von Jakob Grimm über die deutsche Pedanterie, namentlich in der Sprache, ist sehr interessant. Aber der Deutsche hat dadurch schon diese Eigentümlichkeit, alles auch aus der Breite des Seelenlebens heraus zu erfassen.

[ 46 ] And just as the breadth of the German national character is connected to the spiritual realm, one can—if one has an eye for it—also study this in the outward aspects that present themselves in life. Just one more example. I have before me two essays, one by a German, the other by someone else. Jakob Grimm, who grasped with such deep love what lived within the German national character, had an inkling of the breadth and scope I have described today. To him, Jakob Grimm, it was clear—precisely because of his love for the German people—that there must, of course, also be dark sides. That is why Jakob Grimm wrote an essay on German pedantry, in which he even goes so far as to say: the Germans would have invented pedantry if it had not already existed in the world. But this, too, is characteristic of the breadth of the German character. Jakob Grimm’s essay on German pedantry, particularly in language, is very interesting. Yet the German does indeed possess this peculiarity of grasping everything from the breadth of his inner life.

[ 47 ] Von einem Deutschen, von Professor Troeltsch, hören wir Worte über die deutsche Freiheit. Ich will mich selbstverständlich nicht auf seinen Standpunkt stellen, aber ich charakterisiere ja Seeleneigentümlichkeiten des deutschen Volkes. Da wird nun mit wirklich deutscher Gründlichkeit, aber auch mit deutschem Scharfsinn, so zu Werke gegangen, daß gezeigt wird, wie die Freiheit sich abschattiert nach dem italienischen, nach dem englischen, nach dem französischen Volks-Charakter. Gewissenhaft gibt er sich Rechenschaft, wie die Freiheitsidee bei diesen Völkern aufgefaßt wird. Und dann versucht er, jene Freiheitsidee, die das deutsche Volk hat, zu charakterisieren, jene Freiheitsidee, von der Herman Grimm selber auch gesagt hat, schöner als Troeltsch, aber fast mit ähnlichen Worten: «Dem deutschen Volke war es vorbehalten, jene Freiheit als Charakter des Menschen in der Idee zu erkennen, die die volle Ausgestaltung der menschlichen Individualität und Persönlichkeit vereinigt mit einem harmonischen Zusammenwirken in der Gesamtheit.» Wenn solche Leute die Freiheit so charakterisieren, daß der Mensch in der Freiheit wirkt, dann ist immer gemeint, daß das, was aus seiner Seele als Freiheit fließen kann, sich eingliedert dem Geistesleben. Und insbesondere vor der Mitte des verflossenen Jahrhunderts hätte kein Deutscher von der Freiheit sprechen können, ohne diese Freiheit aus dem Tiefsten des Geisteslebens heraus zu charakterisieren. Erst nach den englischen Einflüssen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sind auch Deutsche mehr oder weniger davon abgekommen. Aber sie kommen nach und nach auch wieder darauf zurück. Und in dem erwähnten Aufsatz heißt es weiter: «Will man eine Formel für die deutsche Einheit prägen, so wird man sagen können: organisierte Volkseinheit auf Grund einer pflichtmäßigen und zugleich kritischen Hingabe des Einzelnen an das Ganze, ergänzt und berichtigt durch Selbständigkeit und Individualität der freien geistigen Bildung.» — Immerhin eine, wenn auch vielleicht pedantisch zu nennende, aber aus der Fülle des geistigen Erfassens heraus geprägte Idee von der Freiheit, eine Antwort aus dem Geiste heraus auf die Frage: Was ist Freiheit?

[ 47 ] We hear words about German freedom from a German, Professor Troeltsch. I certainly do not wish to adopt his point of view, but I am, after all, characterizing the distinctive traits of the German people’s spirit. With truly German thoroughness, but also with German acumen, he sets about demonstrating how the concept of freedom takes on different shades depending on the Italian, English, and French national characters. He conscientiously examines how the idea of freedom is conceived among these peoples. And then he attempts to characterize that idea of freedom held by the German people—the very idea of freedom about which Herman Grimm himself once said, more beautifully than Troeltsch but in almost similar words: “It was reserved for the German people to recognize, in the idea of freedom, the character of the human being that unites the full development of human individuality and personality with harmonious cooperation within the whole.” ” When such people characterize freedom in such a way that the human being acts in freedom, what is always meant is that what can flow from his soul as freedom becomes integrated into spiritual life. And especially before the middle of the last century, no German could have spoken of freedom without characterizing this freedom from the very depths of spiritual life. It was only after the English influences in the second half of the nineteenth century that Germans, too, more or less strayed from this. But they are gradually returning to this understanding. And the essay mentioned above continues: “If one were to coin a formula for German unity, one might say: organized national unity based on the individual’s dutiful yet critical devotion to the whole, supplemented and corrected by the independence and individuality of free spiritual education.” — At any rate, this is one idea of freedom—perhaps pedantic, but forged from the abundance of intellectual insight—an answer born of the spirit to the question: What is freedom?

[ 48 ] Ich will Ihnen aus dem anderen Buche eine Antwort auf die Frage: Was ist Freiheit? vorlesen. Denn bei der Betrachtung der Volksseele kommt es nicht bloß darauf an, auf den Inhalt zu sehen. Gewiß kann jemand sagen: Ja, derjenige, von dem ich jetzt etwas lese, betrachtet etwas ganz anderes als der andere. Aber darauf kommt es nicht an, wenn man die Volksseelen betrachtet. Die Volksseelen werden ja unbewußt in die Strömung hineingetrieben, in der sie treiben. Und daß der eine diese Wirkung, der andere jene Wirkung, der eine diese Begriffe, der andere jene Begriffe, der eine diese Bilder, der andere jene Bilder hat, wenn sie auch beiderseits richtig sind, darum handelt es sich nicht, wenn man die Volksseelen bei diesem unbewußten Wirken charakterisieren will.

[ 48 ] I would like to read you an answer from the other book to the question: “What is freedom?” For when considering the national soul, it is not merely a matter of looking at the content. Certainly, someone might say: “Yes, the person from whom I am now reading considers something entirely different from the other.” But that is not what matters when one considers the national souls. After all, national souls are unconsciously swept along by the current in which they drift. And the fact that one person has this effect, another that effect; one uses these concepts, another those concepts; one has these images, another those images—even if both are correct—is not the point when one wishes to characterize national souls in this unconscious process.

[ 49 ] «Was ist Freiheit?» sagt der andere. «Das Bild, das mir vorschwebt, ist eine große, mächtige Maschine. Setze ich die Teile so unbeholfen und ungeschickt zusammen, daß, wenn ein Teil sich bewegen will, er durch die anderen gehemmt wird, dann verbiegt sich die ganze Maschine und steht still. Die Freiheit der einzelnen Teile» — wohlgemerkt: die Freiheit der Teile der Maschine! — «würde in der besten Anpassung und Zusammensetzung aller bestehen.» - Um die menschliche Freiheit zu charakterisieren, sagt er das alles! «Wenn der große Kolben einer Maschine vollkommen frei laufen soll, so muß man ihn den anderen Teilen der Maschine genau anpassen. Dann ist er frei...» -— Um zu wissen, wie der Mensch frei wird, untersucht man also die Maschine! -«... dann ist er frei, nicht weil man ihn isoliert und für sich allein läßt, sondern weil man ihn sorgfältig und geschickt den übrigen Teilen des großen Gefüges eingefügt hat. Was ist Freiheit? Man sagt von einer Lokomotive, daß sie frei laufe. Was meint man damit? Man will sagen, die einzelnen Bestandteile seien so zusammengesetzt und ineinandergepaßt, daß die Reibung auf ein Minimum beschränkt wird. Man sagt von einem Schiff, das leicht die Wellen durchschneidet: wie frei läuft es, und meint damit, daß es der Stärke des Windes vollkommen angepaßt ist. Richte es gegen den Wind, und es wird halten und schwanken, alle Planken und der ganze Rumpf werden erzittern, und sofort ist es gefesselt.» — Jetzt zeigt er, daß das so geht bei der menschlichen Natur wie bei der Maschine, bei dem Dampfschiff und so weiter: «Es wird nur dann frei, wenn man es wieder abfallen läßt und die weise Anpassung an die Gewalten, denen es gehorchen muß, wieder hergestellt hat.»

[ 49 ] “What is freedom?” says the other. “The image that comes to mind is a large, powerful machine. If I assemble the parts so clumsily and awkwardly that, when one part wants to move, it is hindered by the others, then the entire machine warps and comes to a standstill. The freedom of the individual parts”—mind you: the freedom of the machine’s parts!—“would consist in the best possible fit and arrangement of all of them.” - He says all this to characterize human freedom! “If the large piston of a machine is to run completely freely, it must be precisely adapted to the other parts of the machine. Then it is free...” — So, to understand how a person becomes free, one examines the machine! -“...then it is free, not because it is isolated and left to itself, but because it has been carefully and skillfully integrated into the rest of the great structure. What is freedom? We say of a locomotive that it runs freely. What do we mean by that? We mean that the individual components are assembled and fitted together in such a way that friction is reduced to a minimum. We say of a ship that cuts easily through the waves: ‘How freely it sails!’—meaning that it is perfectly adapted to the strength of the wind. Turn it against the wind, and it will stall and sway; all the planks and the entire hull will tremble, and immediately it is bound.” — Now he shows that this applies to human nature just as it does to a machine, a steamship, and so on: “It becomes free only when one lets it drift again and has restored the wise adaptation to the forces to which it must obey.”

[ 50 ] Man kann sagen, an solchen Dingen kann man sehen, wie das Volksseelentum hereinkraftet in die menschlichen Individualitäten, das eine Mal so, wie ich es Ihnen bei dem Deutschen vorgelesen habe, das andere Mal, wie ich es Ihnen vorgelesen habe bei einem sehr bedeutsamen Amerikaner, bei Woodrow Wilson. Er ist ja ganz gewiß ein sehr bedeutsamer Amerikaner. Es handelt sich darum, zu sehen, wie der Mensch ergriffen wird von dem Volksseelentum. Man kann eben durchaus den Unterschied bemerken, wenn man hineingeht bis in diejenigen Tiefen des Menschenwesens, wo die Volksseelenwesenheit unbewußt hineinwirkt in das einzelne menschliche Individuum, so wie ich es charakterisiert habe.

[ 50 ] One might say that such things reveal how the national spirit permeates human individualities—sometimes in the way I read to you about the German, and other times in the way I read to you about a very significant American, Woodrow Wilson. He is, after all, certainly a very significant American. The point is to see how a person is moved by the national spirit. One can indeed clearly perceive the difference when one delves into those depths of the human being where the national spirit unconsciously influences the individual human being, just as I have characterized it.

[ 51 ] Ich müßte noch vieles reden, wenn ich gerade die deutsche Seele in ihrer Entwickelung nach den angedeuteten Richtungen hin vollständig charakterisieren wollte, Aber ich denke, wenigstens skizzenhaft sind ja die Hauptgesichtspunkte angegeben, und sie bezeugen wohl, daß in diesem deutschen Volksseelenwesen doch etwas liegt, das schon durch seine Eigenart veranlagt ist, in anderes hineinzuwirken. Es hat ja hineingewirkt. Wir haben es gesehen, wie im Blut abgegeben worden ist an die Peripherie dasjenige, was in der Mitte geblieben ist, was sich da konzentriert hat. Es hat fortwährend abgegeben, ich möchte sagen, fortwährend ausgeatmet und wieder eingeatmet dasjenige, was Beziehungen sind zu den anderen Volksseelen der Umgebung.

[ 51 ] I would have much more to say if I were to fully characterize the German soul in its development along the lines I have indicated. But I think that, at least in outline, the main points have been set forth, and they certainly testify that there is something in this German national character that, by its very nature, is predisposed to influence other things. It has, in fact, exerted such an influence. We have seen how what remained at the center—what was concentrated there—has been released into the periphery, just as blood is released into the periphery. It has continually released—I would say, continually exhaled and inhaled again—that which constitutes the relationships with the other national souls in the surrounding area.

[ 52 ] In der Richtung, die ich angegeben habe, liegt eine Wissenschaft, die einmal, wenn sie da sein wird, das verständlich machen wird, was zwischen den Völkern besteht. Dann wird erst die große Möglichkeit gegeben sein, daß sich bewußt die Völker voll verstehen werden. Wir sehen da zugleich, wie groß der Abstand ist zwischen dem, was einem als ein Ideal des Völkerverstehens vorschweben kann, und dem, was einem gerade in unserer schweren Zeit entgegentritt. Nicht abwägen, nicht bewerten wollte ich. Aber schließlich bewerten sich ja die Dinge in einer gewissen Weise selber.

[ 52 ] In the direction I have indicated lies a science that, once it comes into being, will make understandable what exists between peoples. Only then will there be a real possibility that peoples will consciously understand one another fully. At the same time, we see just how great the gap is between what one might envision as an ideal of international understanding and what we actually encounter, especially in these difficult times. I did not wish to weigh or judge. But ultimately, things judge themselves in a certain way.

[ 53 ] Ich weiß nicht — ich sage das selbstverständlich nur in ganz bescheidener Art -, ob in einer ähnlichen Weise in Europas Peripherie Betrachtungen angestellt werden, die so nach Objektivität streben über die Beziehungen der italienischen Volksseele zur deutschen Volksseele, der französischen Volksseele, der britischen Volksseele zur deutschen, wie wir es heute hier getan haben. Aber vielleicht liegt das auch in einem eigentümlichen Charakterzug der deutschen Volksseele. Jedenfalls liegt es schon in der deutschen Volksseele, daß, wie mir scheint, der Deutsche besser verstehen kann die anderen, als sie ihn verstehen, wenn sie ihn auch just nicht so schlecht verstehen müßten, wie es jetzt in unserer schicksaltragenden Zeit der Fall ist.

[ 53 ] I do not know—and I say this, of course, in a very modest way—whether, in a similar manner, observations are being made on the periphery of Europe that strive for such objectivity regarding the relationships between the Italian national character and the German national character, or between the French national character and the German national character, or between the British national character and the German national character, as we have done here today. But perhaps this is also a distinctive trait of the German national spirit. In any case, it is inherent in the German national spirit that, as it seems to me, Germans can understand others better than others can understand them—even though others need not necessarily understand them as poorly as is currently the case in this fateful era of ours.

[ 54 ] Wirkt es nicht eigentlich wie ein Zum-Bewußtsein-Kommen, in was wir leben, wenn wir eine solche Betrachtung über das Volksseelenwesen nun messen an alledem, was uns heute entgegentönt über das Wesen des Deutschtums? Es ist schon unsere Zeit dazu angetan, daß man diese Dinge zusammenstellt. Es gab, wie Sie gesehen haben an Victor Hugo, Zeiten, in denen deutsches Wesen so angesehen werden kann, wie es im Sinne des heute Entwickelten, wenn auch nicht in diesen Begriffen, liegt. Ja, solches hat man immer wieder gefühlt. Und es waren doch recht, recht viele bis vor kurzer Zeit und sind gewiß auch jetzt noch manche, — recht viele aber bis vor kurzer Zeit, die sich auch vernehmen ließen, wie unrecht es ist, deutscher Gesittung so zu begegnen, wie ihm zum Beispiel von seiten des Britentums begegnet worden ist. Da kann ich mich ja berufen auf Worte, die am 2. August 1914 gedruckt worden sind. Da sind die Worte gedruckt worden: «Krieg Englands gegen Deutschland in Serbiens und Rußlands Interesse ist eine Sünde gegen die Gesittung.» Am 2. August 1914 standen diese Worte in den «Times» in London, und unterschrieben waren sie von C. G. Brown, Universität Cambridge; Burkitt, Universität Cambridge; Carpenter, Universität Oxford; Ramsay, früher Universität Aberdeen; Selbie, Universität Oxford; J. J. Thomson, Universität Cambridge. Und hinzugesetzt ist diesen Worten: Wir können es nicht wissen, aber es kann sich ergeben — so ungefähr heißt es -, daß durch allerlei Abmachungen unser Land in diesen Krieg verwickelt werden könnte. Wir wollen es nicht hoffen, wir müßten aber dann, wenn es geschähe, aus vaterJländischer Gesinnung selbstverständlich - ja, es steht da so etwas wie: — den Mund halten. — Nun, diese Dinge sind ja natürlich nicht nur in England. — Aber wir wollen nicht hoffen — so schrieben die betreffenden Engländer weiter -, daß das kommen könnte gegenüber einem Volk, das so verwandt ist mit uns und das so viel Gemeinsames mit uns hat.

[ 54 ] Does it not actually feel like a coming to terms with the reality of what we are living through when we now measure such a reflection on the national soul against everything we hear today about the nature of German identity? Our time is indeed ripe for bringing these things together. As you have seen in the case of Victor Hugo, there were times when the German spirit could be viewed in the way it is understood today—albeit not in these exact terms. Indeed, such a sentiment has been felt time and again. And there were indeed quite, quite many—until quite recently, and there are certainly still some now—but quite many until quite recently who also made their voices heard about how wrong it is to treat German culture the way it has been treated, for example, by the British. Here I can refer to words that were printed on August 2, 1914. The following words were printed: “England’s war against Germany in the interests of Serbia and Russia is a sin against civilization.” On August 2, 1914, these words appeared in The Times in London, and they were signed by C. G. Brown, University of Cambridge; Burkitt, University of Cambridge; Carpenter, University of Oxford; Ramsay, formerly of the University of Aberdeen; Selbie, University of Oxford; J. J. Thomson, University of Cambridge. And appended to these words is the following: We cannot know for certain, but it may turn out—or so it roughly states—that through various agreements our country could become embroiled in this war. We do not wish to hope for this, but if it were to happen, we would naturally—out of patriotic duty—yes, it says something like: — keep our mouths shut. — Well, these things are, of course, not limited to England. — But we do not wish to hope — as the Englishmen in question went on to write — that this could happen to a people so closely related to us and who have so much in common with us.

[ 55 ] Da wurde das gefühlt, was nun später nicht ausgesprochen werden darf. Nun, manches darf ja natürlich bei uns auch nicht ausgesprochen werden, selbstverständlich. Und von dieser Seite her ist den Herren, deren Namen vorgelesen worden sind, ja kein besonderer Vorwurf zu machen. Aber es kommt vielleicht weniger darauf an, was ausgesprochen werden darf oder nicht ausgesprochen werden darf, sondern was ausgesprochen wird, wenn gewisse andere nicht sprechen können. Und da möchte ich sagen: Ich glaube es nicht, daß ein Wochenblatt innerhalb des deutschen Volksgebietes sich finden lassen könnte, welches ähnliche Worte über eine andere Nation in dieser jetzigen schweren Zeit schreiben würde, drucken lassen würde, wie am 10. Juli 1915 in einem englischen Wochenblatte, im «John Bull», einem der verbreitetsten Wochenblätter in England, geschrieben wurde, — geschrieben wurde da, wo die anderen schweigen müssen. Sagen Sie nicht: Der « John Bull» ist eben ein Schmähblatt! Ich sage: Ich kann nicht glauben, daß es möglich ist, daß in dem aller-, allerschmählichsten Blatt in einer ähnlichen Weise über eine andere Nation geschrieben werden könnte, als da steht, um deutsches Wesen zu charakterisieren. Ich lese nur einige Sätze vor: «Der Deutsche ist der Schandfleck Europas, und die Aufgabe des gegenwärtigen Krieges ist es, ihn von der Erde wegzuwischen.... So wie er im Anfang war, so ist er jetzt und wird er ewig bleiben — schlecht, brutal, blutrünstig, grausam, gemein und berechnend. Er ist ein Lüstling, ist schmierig, windig, dickhäutig. Er lallt seine Sprache in Gutturallauten. Er säuft, ist geizig, raubgierig und niedrigkriechend. Das ist die Bestie, die wir bekämpfen müssen ... Er wohnt in Wohnungen, die gesundheitlich auf der Höhe eines Schweinestalles stehen.» Und nun erhebt sich das Wochenblatt zu einer Art von, ich möchte sagen, Gebet aus dieser Stimmung heraus: «Man betrachte die Geschichte, wo und wie man will, man findet den Deutschen stets als Bestie!... Nie wird Gott dir, englisches Volk, diese Gelegenheit wieder geben. Deine Mission ist es, Europa von diesem unreinen Tier, dieser Bestie, zu befreien. Solange diese Bestie nicht vertilgt ist, wird der Fortschritt der Menschheit verzögert. England nähert sich langsam, aber sicher dem letzten Meilenstein seines Geschickes, und wenn wir den passiert haben, und es kommt dereinst die Stunde, wo wir ins Tor des Himmels wollen, dürfen die Hunnen nicht der Grund sein, daß wir zurückgeschickt werden. Die Himmelstore würden uns aber vor der Nase zugeschlagen, denn die himmlischen Gefilde sind nur für die vorhanden, die den Teufel vertilgt haben. Die Deutschen sind die Pestbeulen der menschlichen Gesellschaft. Und diese Kriegszeiten sind die X-Strahlen, die ihren wahren Charakter durchleuchten. Diese Pestbeule muß herausgeschnitten werden, und das britische Bajonett ist das Instrument für diese Operation, die an der Bestie vorgenommen werden muß, wenn unsere giftigen Gase sie chloroformiert haben.»

[ 55 ] That was the feeling of what, as it turns out, must not be spoken of later. Well, of course there are some things that cannot be said here either—that goes without saying. And from this perspective, no particular blame can be placed on the gentlemen whose names were read aloud. But perhaps what matters less is what may or may not be said, and more what is said when certain others are unable to speak. And in that regard, I would like to say: I do not believe that a weekly newspaper within the German-speaking world could be found that would write or publish similar words about another nation in these difficult times as were written on July 10, 1915, in an English weekly, the *John Bull*, one of the most widely circulated weeklies in England—words written where others must remain silent. Don’t say: “The *John Bull* is just a satirical paper!” I say: I cannot believe that it is possible for even the most—the very, very most—derogatory paper to write about another nation in a manner similar to what is written there to characterize the German character. I will read just a few sentences aloud: “The German is the eyesore of Europe, and the purpose of the present war is to wipe him off the face of the earth.... Just as he was in the beginning, so he is now and will remain forever—evil, brutal, bloodthirsty, cruel, mean, and calculating. He is a lecher, sleazy, shifty, and thick-skinned. He mumbles his language in guttural sounds. He drinks, is miserly, rapacious, and obsequious. This is the beast we must fight... He lives in dwellings that, in terms of health, are on a par with a pigsty.” And now, out of this mood, the weekly rises to a kind of—I would say—prayer: “No matter how or from what angle you view history, you will always find the German to be a beast!... Never again will God grant you, English people, this opportunity. Your mission is to free Europe from this unclean animal, this beast. As long as this beast is not destroyed, the progress of humanity will be delayed. England is slowly but surely approaching the final milestone of its destiny, and once we have passed it—and when the hour comes when we seek to enter the gates of heaven—the Huns must not be the reason we are sent back. The gates of heaven would be slammed shut in our faces, for the heavenly realms are reserved only for those who have vanquished the devil. The Germans are the festering sores of human society. And these times of war are the X-rays that reveal their true character. This festering sore must be cut out, and the British bayonet is the instrument for this operation, which must be performed on the beast once our poison gases have chloroformed it.”

[ 56 ] Ich weiß nicht, ob es wirklich innerhalb dessen, was das deutsche Volksseelengebiet umfaßt, möglich wäre, in einer ähnlichen Richtung ähnliche Worte zu finden. Davor, denke ich, wird gerade dasjenige, was man als deutschen Volksseelencharakter erkennen kann, den Deutschen bewahren.

[ 56 ] I do not know whether it would really be possible, within the scope of the German national spirit, to find similar words expressing a similar idea. I believe that it is precisely what can be recognized as the character of the German national spirit that will protect the Germans from this.

[ 57 ] Zum Schluß aber, mit ein paar Sätzen, möchte ich sagen: Lange, lange möge den Deutschen sein Seelencharakter bewahren, in solch grotesken Wahnsinn zu verfallen. Wahnsinn ist es ja gewiß, aber der Wahnsinn hat Methode. Denn er ist es, der sich entwickelt, während die anderen Genannten schweigen müssen. Diese hier charakterisieren, was sie eigentlich gegen die Deutschen unternehmen müssen, wofür sie kämpfen, nicht nur auf dem Felde, wo mit den äußeren Waffen gekämpft wird, sondern auch auf dem geistigen Felde. Wir schauen uns das an. Wir halten es für Wahnsinn, wenn auch für Methode. Doch die anderen nennen das: «Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei!» — «Kampf des Geistes gegen die Materie!» — Dazu brauche ich allerdings nichts weiter zu sagen und kann es Ihren eigenen Gedanken überlassen, was Sie darüber denken wollen.

[ 57 ] In closing, however, I would like to say in just a few sentences: May the German people retain, for a long, long time, the character of their souls that prevents them from succumbing to such grotesque madness. It is certainly madness, but this madness has a method. For it is this madness that is developing, while the others mentioned must remain silent. These people characterize what they must actually undertake against the Germans, what they are fighting for—not only on the battlefield, where the fight is waged with physical weapons, but also on the spiritual battlefield. Let’s take a look at this. We consider it madness, albeit methodical madness. Yet the others call it: “The struggle of civilization against barbarism!” — “The struggle of the spirit against matter!” — I need say no more on this, however, and can leave it to your own thoughts to decide what you wish to make of it.

[ 58 ] Übermorgen werde ich dann über die Menschenseele und ihre Durchgänge in ihrer Entwickelung durch Geburt und Tod und ihren Zusammenhang mit dem Weltenall sprechen.

[ 58 ] The day after tomorrow, I will speak about the human soul and its journeys through birth and death during its development, as well as its connection to the universe.