From Central European Spiritual Life
GA 65
24 March 1916, Berlin
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From Central European Spiritual Life, tr. SOL
13. Die Unsterblichkeitsfrage und die Geistesforschung
13. The Question of Immortality and Spiritual Research
[ 1 ] Die Lage eines Menschen, der aus geisteswissenschaftlicher Grundlage heraus etwas sagen will über das seelische Wesen des Menschen, insofern dieses als unsterblich zu bezeichnen ist, wird vielleicht für eine schon sehr lange währende Zeit dadurch charakterisiert, daß ich über das Erscheinen eines Buches einleitungsweise spreche. Dieses Buch trägt den Titel «Athanasia oder die Gründe für die Unsterblichkeit der Seele».
[ 1 ] The situation of a person who, drawing on the foundations of the humanities, wishes to speak about the spiritual nature of the human being—insofar as it can be described as immortal—has perhaps been characterized for a very long time by the fact that I am speaking, by way of introduction, about the publication of a book. This book is titled *Athanasia, or the Reasons for the Immortality of the Soul*.
[ 2 ] Ich bemerke ausdrücklich, um nicht mißverstanden zu werden, daß die heutige Geistesforschung dieses Buch nicht als ein solches betrachten kann, welches aus dem Sinn dieser Geistesforschung heraus geschrieben ist. Geistesforschung im heutigen Sinne gab es dazumal noch nicht, wie aus vielen Vorträgen, die ich hier gehalten habe, hinlänglich hervorgehen konnte. Allein ich möchte sagen, für das Schicksal, welches alle diejenigen Auseinandersetzungen haben seit langer Zeit, welche hindrängen zu dem, was sich heute als Geisteswissenschaft ausbilden will, ist doch dasjenige, was sich mit dem Erscheinen dieses Buches abgespielt hat, wie ich glaube, nicht ohne Bedeutung. Also 1827 erscheint ein Buch «Athanasiia oder die Gründe für die Unsterblichkeit der Seele». Derjenige, der dieses Buch herausgegeben hat, schreibt dazu eine merkwürdige Einleitung, ein merkwürdiges Vorwort, wie man sagt. Er schreibt, daß er bei einem sterbenden Menschen war und an seinem Bette das Manuskript dieses Buches gefunden habe, daß er dann dieses Manuskript mit Einwilligung des Sterbenden übernommen habe, daß ihm nicht mehr so recht gesagt werden konnte, woher der Sterbende dieses Buch habe, das anscheinend für ihn, diesen Sterbenden, in den letzten Zeiten seines Lebens eine große, eine tiefgehende Seelenbedeutung hatte. Dann habe derjenige, der also das Buch herausgibt, gewartet, weil ihm der Inhalt so bedeutend vorkam, so wichtiges zu enthalten schien über der Seele Leben nach der Ablösung des physischen Leibes, daß er sich gar nicht denken konnte, daß dieses Buch nicht bestimmt sein werde, seinen Inhalt weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Da er aber, nachdem er lange genug gewartet habe, von nirgendwoher eine Veröffentlichung des Inhaltes erlebt habe, so unternehme er es jetzt selbst, dieses Buch zu veröffentlichen.
[ 2 ] I would like to expressly note, so as not to be misunderstood, that modern spiritual research cannot regard this book as one that was written in the spirit of that research. Spiritual research in the modern sense did not yet exist at that time, as has become abundantly clear from many of the lectures I have given here. Nevertheless, I would like to say that, given the fate that has long befallen all those debates that have paved the way for what is now emerging as spiritual science, what transpired with the publication of this book is, I believe, not without significance. So, in 1827, a book titled *Athanasiia, or the Grounds for the Immortality of the Soul* was published. The person who edited this book wrote a curious introduction—or, as they say, a curious preface. He writes that he was with a dying man and found the manuscript of this book at his bedside; that he then took possession of this manuscript with the dying man’s consent; and that it was no longer possible to determine exactly where the dying man had obtained this book, which apparently held great and profound spiritual significance for him during the final days of his life. Then the person publishing the book waited, because the content seemed so significant to him—it appeared to contain such important insights into the life of the soul after the shedding of the physical body—that he could not imagine this book not being intended to make its contents accessible to a wider audience. However, since—after waiting long enough—he saw no publication of the content coming from anywhere, he has now undertaken to publish this book himself.
[ 3 ] Was kann uns die berechtigte Forschung über die Entstehung dieses Buches nun sagen? Es liegt da die merkwürdige Tatsache vor, daß derjenige, der dieses Buch herausgegeben hat, mit dieser Vorrede, in der er ein so merkwürdiges Schicksal dieses Buches erzählt, dieses Buch selbst verfaßt hat, von Anfang bis zum Ende geschrieben und ohne seinen Namen veröffentlicht hat; daß er nur nötig fand, wenn man so sagen darf — im allerbesten Sinne des Wortes ist es gemeint -, ein solches Märchen über das Buch zu erfinden, wie es eben angeführt worden ist. Es wird einem etwas erklärlicher, warum der Schreiber dieses Buches zu diesem Märchen gegriffen hat, wenn man weiß, daß er eine damals in weitesten philosophischen Kreisen bekannte Persönlichkeit war, ein Philosoph, der die tiefgehendsten Fragen des philosophischen Denkens behandelt hat: der Prager Philosoph Bernard Bolzano, der eine große Schülerzahl hatte, Schüler, die durch viele Jahrzehnte namentlich an österreichischen Universitäten wirkten, die immer gestanden, welch tiefgehenden Einfluß sie aus den Lehren Bolzanos geschöpft haben. Also ein berühmter, eindringlich wirkender Philosoph, Bernard Bolzano, veröffentlicht ein Buch, in dem er über die Gründe für die Unsterblichkeit der Menschenseele spricht, und muß mit diesem Buch in der geschilderten Weise nach seiner eigenen Anschauung vor die Öffentlichkeit treten. Warum hat er das getan? Nun, die Gründe sind ja sehr einleuchtend. In diesem Buche wird nicht nur gesprochen in der Weise, wie oftmals in philosophischen Schriften gesprochen wird, daß aus diesen oder jenen Gründen, die sich der menschlichen Logik ergeben, die Menschenseele unsterblich sei, sondern in diesem Buche wird davon gesprochen, wie der Mensch in sich ein Wesen findet, welches sich zwischen Geburt und Tod vervollkommnen könne, sich vervollkommnet in bezug auf sein Denken, vervollkommnet in bezug auf sein Fühlen, vervollkommnet in bezug auf sein Wollen; wie dieses Wesen, wenn es von den Menschen richtig erfaßt wird, aber zeigt, daß es nicht nur diejenigen Kräfte in sich trägt, die zu seiner Vervollkommnung führen bis zum Tode hin, sondern daß es Kräfte in sich trägt, welche dieses Seelenwesen weiter vervollkommnen, weiter ausbilden, welche weiter mit Inhalt erfüllt werden können, auch wenn das Menschenwesen durch die Pforte des Todes gegangen ist. Dann wird in diesem Buche auseinandergesetzt, wie man sich vorstellen müsse, wenn man also die menschliche Seele erfaßt, daß die menschliche Seele in einer gewissen Umgebung leben müsse, wenn sie durch die Pforte des Todes geschritten ist. Es wird auch angedeutet, wie diese menschliche Seele mit anderen geistigen Wesenheiten, die nicht wahrgenommen werden können, solange der Mensch im Leibe weilt, nach ihrem Tode verkehrt. Es wird angedeutet, welche Beziehung die menschliche Seele haben kann, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, zu den zurückgebliebenen Angehörigen und Freunden, zu den ihr in Liebe zugetanen Seelen. Über alle diese Einzelheiten der durch diePforte des’Todes durchgegangenen Seele wird, wie gesagt, nicht vom Standpunkte der heutigen Geisteswissenschaft aus, sondern mit feinen, zartsinnigen Gründen gesprochen, die sich ein Philosoph ausgebildet hat, der nicht nur mit abstrakten Begriffen philosophiert, sondern der mit seiner ganzen Seele, mit seinem ganzen Menschenwesen dabei ist, wenn er sich Gedanken ausbildet, namentlich die Gedanken über jenes Weben und Wesen in dem Menschen selber, das wir das Seelische nennen. Aber Bolzano wußte zu gut: Solange man Logiker bleibt und auseinandersetzt, wie ein Begriff sich zu dem anderen gesellt, welche logischen Gründe es gibt für die Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit eines Urteils, solange man auseinandersetzt, wie die Aufmerksamkeit sich in der menschlichen Seele bilder, eventuell noch die Gründe für das Gedächtnis, für das Wollen, kurz, solange man alles das ausspricht, was die Seele ausführt, solange sie im Leibe weilt, solange kann man den Ruf eines wissenschaftlichen Philosophen haben. Spricht man aber über die menschliche Seele so, wie Bolzano in seiner «Athanasia» gesprochen hat, dann ist es fertig mit diesem Ruf als Philosoph. Dann ist man ein unwissenschaftlicher Mensch. Dann ist man ein Mensch, der allerlei Zeug daherredet, der nicht mehr ernst genommen werden kann von denen, die wissenschaftlich zu denken verstehen. Auch wer nicht wissenschaftlich denken gelernt hat, aber auf die Autorität derjenigen schwört, von denen er gehört hat oder von denen es öffentlich festgestellt ist, daß sie wissenschaftlich denken können, glaubt dann, daß er mit aller Gründlichkeit absprechen könne über den wissenschaftlichen Wert einer solchen Persönlichkeit. Wollte Bolzano seinen Ruf als Philosoph retten, dann mußte er das geschilderte Manöver machen, dann mußte er den nachher kommenden Forschern überlassen, zu erkennen, wie das Buch von ihm selbst stammt. Und kein Bolzano-Kenner bezweifelt heute, und zwar aus den allerbesten Gründen, die äußerlich wissenschaftlich, geschichtlich nachgewiesen werden können, daß das betreffende Buch von Bolzano selber ist. Man sieht daraus etwas, das damals gegolten hat, das auch heute gilt: Man muß, wenn man offen und freimütig eintreten will für dasjenige, was nicht der physisch-sinnlichen Welt angehört oder sich über die physisch-sinnliche Welt sagen läßt, gewissermaßen sich schon aussetzen dem, daß man als ein ganz unwissenschaftlicher Mensch angesehen wird. Und da gilt in der Regel auch nicht die 'Tatsache, daß man etwa aus der Art und Weise, wie über solche Dinge gesprochen wird, erkennen könne, daß der Betreffende, der spricht, kein unwissenschaftlicher Mensch sei.
[ 3 ] What can legitimate research into the origins of this book tell us? There is the curious fact that the person who published this book—with this preface in which he recounts the book’s remarkable fate—actually wrote the book himself, from beginning to end, and published it anonymously; that he merely felt it necessary—if one may put it that way, and I mean this in the very best sense of the word—to invent such a fairy tale about the book as has just been recounted. It becomes somewhat clearer why the author of this book resorted to this tale when one realizes that he was a figure well-known at the time in the broadest philosophical circles—a philosopher who addressed the most profound questions of philosophical thought: the Prague philosopher Bernard Bolzano, who had a large number of students—students who were active for many decades, particularly at Austrian universities, and who always acknowledged the profound influence they derived from Bolzano’s teachings. So Bernard Bolzano—a famous, compelling philosopher—published a book in which he discusses the reasons for the immortality of the human soul, and had to present this book to the public in the manner described, in accordance with his own views. Why did he do that? Well, the reasons are quite obvious. This book does not merely state, as is often done in philosophical writings, that for such and such reasons—derived from human logic— the human soul is immortal, but it discusses how a person finds within himself a being that can perfect itself between birth and death—perfecting itself in terms of thought, in terms of feeling, and in terms of will; how this being, when correctly understood by human beings, reveals not only that it possesses within itself the powers that lead to its perfection up to the point of death, but also that it possesses powers that further perfect and develop this soul-being—powers that can continue to be filled with content even after the human being has passed through the gate of death. This book then explains how one must conceive of the human soul—once it has passed through the gate of death—as living in a certain environment. It also suggests how this human soul, after death, interacts with other spiritual beings that cannot be perceived while the person is still in the body. It is suggested what kind of relationship the human soul may have, after passing through the gate of death, with the family members and friends left behind, and with the souls who were dear to it in love. All these details concerning the soul that has passed through the gate of death are discussed, as mentioned, not from the standpoint of modern spiritual science, but with subtle, delicate reasoning developed by a philosopher who does not merely philosophize with abstract concepts, but who is fully engaged—with his whole soul, with his entire human being—when forming his thoughts, particularly those concerning the inner workings and essence within the human being itself that we call the soul. But Bolzano knew all too well: as long as one remains a logician and examines how one concept relates to another, what logical reasons there are for the truth or probability of a judgment; as long as one examines how attention takes shape in the human soul—and perhaps even the reasons for memory and volition— in short, as long as one articulates everything the soul performs while it dwells in the body—for as long as that is the case—one can maintain the reputation of a scientific philosopher. But if one speaks of the human soul as Bolzano did in his *Athanasia*, then that reputation as a philosopher is gone. Then one is an unscientific person. Then one is a person who spouts all sorts of nonsense, who can no longer be taken seriously by those who understand how to think scientifically. Even those who have not learned to think scientifically, but who swear by the authority of those from whom they have heard—or of whom it has been publicly established—that they are capable of scientific thought, will then believe that they can thoroughly refute the scientific value of such a figure. If Bolzano wanted to save his reputation as a philosopher, he had to carry out the maneuver described; he had to leave it to later researchers to recognize that the book was his own work. And no expert on Bolzano today doubts—for the very best reasons, which can be proven externally through scientific and historical evidence—that the book in question is by Bolzano himself. This reveals something that was true then and remains true today: if one wishes to advocate openly and candidly for that which does not belong to the physical-sensory world or cannot be described in terms of the physical-sensory world, one must, in a sense, be prepared to be regarded as a completely unscientific person. And as a rule, the “fact” that one might recognize—from the way such things are spoken of—that the person speaking is not an unscientific person does not apply either.
[ 4 ] Und dennoch, so wie Geisteswissenschaft heute gerade über die Unsterblichkeitsfrage zu sprechen hat, so ist dieses Sprechen, wie ich hier oftmals schon betont habe, in vollstem Sinne eine Fortsetzung derjenigen menschlichen Geistesarbeit, die gerade auf naturwissenschaftlichem Gebiet zu so großen, jedenfalls von der Geisteswissenschaft voll anzuerkennenden Ergebnissen des menschlichen Lebens und Strebens geführt hat.
[ 4 ] And yet, just as the humanities must address the question of immortality today, this discourse—as I have often emphasized here—is, in the fullest sense, a continuation of that human intellectual endeavor which, particularly in the field of the natural sciences, has led to such great achievements of human life and endeavor—achievements that the humanities must fully acknowledge.
[ 5 ] Deshalb möchte ich heute zunächst einiges von dem andeuten, das zeigen kann, wie die Inangriffnahme der Unsterblichkeitsfrage von der Geistesforschung aus so unternommen wird, daß in der Tat alles, was heute in diesem Sinne als Geistesforschung bezeichnet werden kann, die direkte, die unmittelbare Fortsetzung dessen ist, was naturwissenschaftliches Denken als Beitrag zu einer Weltanschauung im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts und bis heute gebracht hat.
[ 5 ] That is why I would like to begin today by touching on a few points that may illustrate how spiritual science approaches the question of immortality in such a way that, in fact, everything that can be called spiritual science in this sense today is the direct, immediate continuation of what scientific thinking has contributed to a worldview throughout the nineteenth century and up to the present.
[ 6 ] In meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» finden Sie ein Kapitel, das überschrieben ist «Die Welt als Illusion». In diesem Kapitel will nicht ausgeführt werden, daß man wirklich die Welt, so wie sie sich darbietet den äußeren Sinnen und dem Menschendenken, das an das Gehirn gebunden ist, etwa als eine Illusion anzusehen hätte, aber es wird in diesem Kapitel gezeigt, wie viele gerade auf dem Boden der Naturwissenschaft stehende Denker des neunzehnten Jahrhunderts dahin gekommen sind, alles, was zunächst die Sinne wahrnehmen, und dann selbstverständlich auch, was das Denken über die Wahrnehmung der Sinne auszusagen hat, nicht von außen hereinfließt in die menschliche Seele, sondern gewissermaßen von der menschlichen Seele innerlich erst aufgebaut wird. Soweit es in populärer Art geschehen kann, möchte ich auf diese Gedanken, trotzdem sie sehr vielen der verehrten Zuhörer ferne liegen werden, doch einleitungsweise eingehen.
[ 6 ] In my book *The Riddles of Philosophy*, you will find a chapter titled “The World as an Illusion.” This chapter does not set out to argue that one should actually regard the world—as it presents itself to the external senses and to human thought, which is bound to the brain—as an illusion; rather, it demonstrates how many nineteenth-century thinkers, grounded precisely in the natural sciences, came to the conclusion that to conclude that everything first perceived by the senses—and, of course, everything that thought has to say about sensory perception—does not flow into the human soul from the outside, but is, so to speak, first constructed internally by the human soul itself. As far as this can be done in a popular manner, I would like to address these ideas by way of introduction, even though they will be foreign to many in this distinguished audience.
[ 7 ] Wir sehen mit unseren Augen, wir hören mit unseren Ohren, wir nehmen die Welt mit unseren Sinnesorganen überhaupt wahr. Nun sagt derjenige, der gerade auf dem Boden der neueren Naturwissenschaft, der neueren physiologischen Forschung steht: Dasjenige, was die Sinne wahrnehmen, entsteht eigentlich erst durch eine Wechselwirkung der Sinne mit etwas ganz Unbekanntem in der Außenwelt. Der Forscher sagt da: Wenn das Auge eine Farbe wahrnimmt, wenn das Auge irgend einen Lichteindruck empfängt, so muß man sich doch überlegen, daß dasjenige, was außen auf das Auge wirkt, der Wahrnehmung ganz unbekannt bleibt. Der Mensch erlebt mit seiner Seele nur die Wirkung, welche das Außere auf seine Seele ausübt. Daher kommt es, daß wir, wenn wir im gewöhnlichen Leben durch die Welt gehen, die Dinge farbig, die Dinge als Ausdruck ihrer Lichtwirkungen sehen. Aber wenn wir zum Beispiel einen Schlag auf das Auge ausüben, so können wir ebenfalls einen, wenn auch unbestimmten Lichteindruck im Auge haben. Oder wenn wir in irgend einer Weise sonst dasjenige, was innerlich im Auge vorgehen kann, hervorrufen können, sagen wir irgendwie mit einer elektrischen Vorrichtung, so bekommen wir auch einen Lichteindruck. Das heißt das Auge antwortet allem, was von außen auf es wirkt, mit einem Lichteindruck. Es kann also da draußen vorkommen was immer, wenn das, was da draußen vorkommt, irgendwie auf das Auge einwirkt, so entsteht im Auge ein Lichteindruck. Das Auge schafft den Lichteindruck aus der Wirkung einer völlig unbekannten Außenwelt. Ebenso ist es mit dem Ohr. Ebenso ist es mit den anderen Sinnen. Daher stimmt zum Beispiel der Philosoph Lotze, ein hervorragender Philosoph des neunzehnten Jahrhunderts, Schopenhauer vollständig zu, indem er sagt: Alles, was wir als Lichtwirkung, als Farbe wahrnehmen, ist eigentlich erst durch die Wirkung einer unbekannten Welt in unserem Auge entstanden. Was wir als Töne hören, ist durch die Wirkung einer unbekannten Welt im Ohr entstanden. Wären nicht die Menschen da, die Augen und Ohren haben, so wäre die Welt finster und stumm, und man könnte niemals sagen, daß in dieser finsteren und stummen, unbekannten Welt irgend etwas waltet, was ähnlich wäre dem, was Augen sehen, Ohren hören.
[ 7 ] We see with our eyes, we hear with our ears; we perceive the world through our sensory organs. Now, those who base their views on modern natural science and the latest physiological research say: What the senses perceive actually arises only through an interaction between the senses and something completely unknown in the external world. The researcher says: When the eye perceives a color, when the eye receives any kind of light impression, one must consider that what acts upon the eye from the outside remains entirely unknown to perception. With its soul, a person experiences only the effect that the external world exerts upon the soul. This is why, as we go through the world in ordinary life, we see things as colored, as expressions of their light effects. But if, for example, we strike the eye, we can likewise have a light impression in the eye, even if it is indefinite. Or if we can in some other way evoke what can take place internally within the eye—say, using some kind of electrical device—we also get a light impression. That is to say, the eye responds to everything that acts upon it from the outside with a light impression. So whatever may be happening out there, if what is happening out there affects the eye in any way, a light impression arises in the eye. The eye creates the impression of light from the influence of a completely unknown external world. The same is true of the ear. The same is true of the other senses. That is why, for example, the philosopher Lotze—an outstanding philosopher of the nineteenth century—completely agrees with Schopenhauer when he says: Everything we perceive as light or color has actually come into being in our eye only through the influence of an unknown world. What we hear as sounds has come into being in the ear through the influence of an unknown world. Were it not for human beings, who have eyes and ears, the world would be dark and silent, and one could never say that in this dark, silent, and unknown world there is anything at work that resembles what the eyes see or the ears hear.
[ 8 ] Mit anderen Worten: Man ist ja im neunzehnten Jahrhundert unter dem Einfluß der Kantschen Philosophie darauf gekommen, daß der Mensch, damit er sich Erkenntnisse, Wahrnehmungen von dieser Umwelt verschaffen könne, eine innerliche Tätigkeit ausüben müsse, und daß durch diese innere Tätigkeit erst dasjenige, was er seine Umwelt nennt, im Bilde entsteht. Man kann dann in Wirklichkeit davon sprechen, daß gerade für diese Leute, die als echte Denker auf dem Boden der Naturwissenschaft stehen, die Welt wie eine Illusion ist. Denn wenn da draußen, wo wir hier Säulen, wo wir allerlei Bilder an den Wänden sehen, etwas völlig Unbekanntes ist, das auf das Auge wirkt und woraus das Auge Farben und Formen schafft, so kann man nur sagen: Das, was da als unsere Umwelt uns erscheint, ist Bild, aus der eigenen Wesenheit des Menschen heraus geschaffen. Und was dahinter ist, kann allenfalls durch Hypothese konstruiert werden, wie es die neuere Physik tut, die allerlei Schwingungen im Äther und dergleichen hinter den Wahrnehmungen annimmt. So daß der Mensch, indem er durch die Welt geht, in Wechselwirkung mit einer unbekannten Außenwelt, einfach durch die Einrichtung seines Wesens, das, was er seine Welt nennt, sich selber aufbaut.
[ 8 ] In other words: In the nineteenth century, under the influence of Kantian philosophy, it was concluded that in order for human beings to gain knowledge and perceptions of their environment, they must engage in an inner activity, and that it is only through this inner activity that what they call their environment comes into being as an image. One can then truly say that, precisely for these people—who, as genuine thinkers, stand on the ground of natural science—the world is like an illusion. For if out there—where we see columns here and all manner of images on the walls—there is something completely unknown that acts upon the eye and from which the eye creates colors and forms, then one can only say: What appears to us there as our environment is an image created from the very essence of the human being. And what lies behind it can at best be constructed through hypothesis, as modern physics does, which posits all sorts of vibrations in the ether and the like behind our perceptions. Thus, as a person walks through the world, interacting with an unknown external world, he constructs what he calls his world simply through the very nature of his being.
[ 9 ] So genommen, wie es jetzt eben auseinandergesetzt worden ist, ist gegen diesen Gedankengang gar nichts, aber auch gar nichts einzuwenden. Dieser Gedankengang entspricht vollständig allem, was naturwissenschaftliche Forschung im neunzehnten Jahrhundert geliefert hat. Man kann sagen: Durchaus begreiflich ist ein solcher Ausspruch wie derjenige, den Hermann Helmholtz getan hat, der berühmte Physiologe und Physiker: Indem der Mensch eine Außenwelt wahrnimmt, nimmt er nicht wahr, was ist, was sich wirklich abspielt, sondern er nimmt nur Zeichen wahr. Nicht einmal Bilder, sagt Helmholtz, nimmt man wahr von dem, was wirklich ist, sondern nur Zeichen. Denn dasjenige, was unsere Augen und Ohren erschaffen von der Außenwelt, sind nur Zeichen für die Außenwelt. Wie gesagt, nichts ist gegen den Ernst und gegen die Logik dieses Gedankenganges irgendwie einzuwenden. Unmittelbar die Dinge genommen, wie sie sich darbieten, ist das so.
[ 9 ] Taken as it has just been explained, there is absolutely nothing—and I mean absolutely nothing—to object to in this line of reasoning. This line of reasoning is entirely consistent with everything that scientific research in the nineteenth century has yielded. One might say: A statement such as that made by Hermann Helmholtz, the famous physiologist and physicist, is entirely understandable: When a person perceives the external world, they do not perceive what is, what is actually happening, but only perceive signs. Not even images, says Helmholtz, do we perceive of what really is, but only signs. For what our eyes and ears create from the external world are merely signs of the external world. As I said, there is absolutely nothing to object to regarding the seriousness and logic of this line of thought. Taken directly, as they present themselves, this is indeed the case.
[ 10 ] Man muß schon viel, viel tiefer in das Wesen des Menschen eingehen, wenn man wissen will, was hinter diesem Gedankengang eigentlich ist. Ich habe versucht, gerade das auch für die philosophische Welt zu zeigen, was hinter diesem Gedankengang ist und wie er die Möglichkeit bietet, daß man sich mit ihm zurechtfinde gegenüber dem menschlichen Wirklichkeitsbegriff. Ich habe den Versuch gemacht, den Weg dazu zu zeigen in einem Vortrag, den ich auf dem letzten Philosophenkongreß gehalten habe, Aber mit diesen Auseinandersetzungen begegnet man heute nur allgemeinen Mißverständnissen, wenn nicht etwas viel Schlimmerem. Derjenige, der die Aufgabe hat, sich in dem eben dargelegten Gedankengang zurechtzufinden, der muß eben zur Geisteswissenschaft vorschreiten. Und dann zeigt sich allerdings, daß man wirklich sagen kann: Die menschliche Seele erschafft, indem sie durch die Sinne wahrnimmt, dasjenige, was sie zunächst als ihre Welt bezeichnen muß. Sie schafft dieses. Sie schafft es wirklich. Aber warum schafft sie es, trotzdem das Schaffen im Wirklichen waltet? Nun, sie schaff es aus dem Grunde, weil die Menschenseele, das, was Menschenseele ist, mit dem Menschen nicht so zusammenhängt, daß man sagen kann: Da ist der menschliche Leib, und in diesem menschlichen Leibe wohnt die unsterbliche Seele drinnen, so wie irgend ein Mensch in seiner Wohnung wohnt und von seiner Wohnung aus die Außenwelt in irgend einer Weise beeinflußt oder durch Fenster die Außenwelt ansieht. Der Zusammenhang der Menschenseele mit dem menschlichen Leibe muß eben ganz anders vorgestellt werden. Er muß so vorgestellt werden, daß gewissermaßen der Leib selber die Seele durch einen Erkenntnisprozeß in sich hält. In dem Sinne, wie Farben und Licht, wie Töne außer uns sind, in demselben Sinne ist die Menschenseele selber außerhalb des Leibes, und indem. die Wirklichkeit uns durch die Sinne Farben und Töne hereinträgt, in demselben Sinne leben gewissermaßen auf den Flügeln der Sinneswahrnehmungen die Inhalte der Seele. Die Seele darf nicht vorgestellt werden etwa nur als ein feineres leibliches Wesen, das im äußeren gröberen Leibe wohnt, sondern als ein Wesen, das selbst mit dem Leibe so verbunden ist, daß der Leib dieselbe Tätigkeit, die wir sonst im Erkennen ausüben, im Festhalten der Seele ausübt. Nur dann, wenn man versteht, wie im gewissen Sinne dasjenige, was wir unser Ich, was wir den Träger unseres Selbstbewußtseins nennen, in demselben Sinne außerhalb des Leibes ist, wie der Ton oder die Farbe, dann verstehen wir das Verhältnis der Menschenseele zum Menschenleibe. Indem der Mensch «Ich» ausspricht, nimmt er als Leibesmensch gewissermaßen dieses Ich von derselben Wirklichkeitsseite her wahr, von der er Farben und Töne wahrnimmt. Und das Wesen des Leibes besteht darin, eben dieses Ich, das heißt, das eigene Wesen der Seele selber, wahrnehmen zu können. Um nun völlig den Wirklichkeitscharakter des eben Gesagten in sich zu erleben, dazu ist notwendig, daß eben der Mensch die oftmals hier schon auseinandergesetzten Übungen, das heißt innere Verrichtungen mit seiner Seele vornehme.
[ 10 ] One must delve much, much deeper into the nature of the human being if one wants to know what actually lies behind this line of thought. I have attempted to show—precisely for the philosophical world—what lies behind this line of thought and how it offers the possibility of finding one’s bearings with regard to the human concept of reality. I attempted to point the way toward this in a lecture I gave at the last Congress of Philosophers. But today, such discussions are met only with general misunderstandings, if not something far worse. Anyone who has the task of finding their way within the line of thought just outlined must turn to spiritual science. And then it becomes clear, in fact, that one can truly say: The human soul, by perceiving through the senses, creates what it must initially call its world. It creates this. It truly creates it. But why does it create it, even though creation already prevails in reality? Well, it creates it for the reason that the human soul—that which is the human soul—is not connected to the human being in such a way that one can say: Here is the human body, and within this human body dwells the immortal soul, just as any person lives in their home and, from within that home, influences the outside world in some way or looks out at the outside world through windows. The relationship between the human soul and the human body must be conceived quite differently. It must be conceived in such a way that, so to speak, the body itself holds the soul within it through a process of cognition. Just as colors and light, and sounds, exist outside of us, so too does the human soul itself exist outside the body; and just as reality enters us through the senses as colors and sounds, so too do the contents of the soul, in a sense, live on the wings of sensory perceptions. The soul must not be conceived merely as a more subtle physical entity dwelling within the outer, coarser body, but as an entity that is itself so connected to the body that the body performs, in holding the soul, the very same activity that we otherwise exercise in cognition. Only when we understand how, in a certain sense, that which we call our “I”—the bearer of our self-consciousness—exists outside the body in the same way as sound or color, do we understand the relationship of the human soul to the human body. When a human being says “I,” as a physical being, he perceives this “I,” so to speak, from the same aspect of reality from which he perceives colors and sounds. And the essence of the body consists precisely in being able to perceive this “I”—that is, the very essence of the soul itself. In order to fully experience within oneself the reality of what has just been said, it is necessary for a person to undertake the exercises—that is, inner activities with one’s soul—that have often been discussed here.
[ 11 ] Auch heute werde ich nicht das oft und oft Gesagte wiederholen, das ja jeder nachlesen kann in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», «Geheimwissenschaft» oder in der kurzen Skizze am Schlusse der «Theosophie». Auch heute werde ich nicht diese inneren Seelenverrichtungen im einzelnen schildern, sondern ich möchte vielmehr wiederum gewisse Gesichtspunkte angeben, welche zeigen können, wozu der Mensch kommt, wenn er in dem Sinne, wie es oftmals hier geschildert worden und in den betreffenden Büchern zu lesen ist, innere Verrichtungen mit seiner Seele vornimmt, so daß das, was sonst als Denken, als Fühlen und als Wollen in der Seele abläuft, durch innere Anstöße, die sich die Seele im meditativen Leben gibt, sich weiter entwickelt; daß das etwas anderes wird als dasjenige, was im gewöhnlichen Leibesleben ist.
[ 11 ] Today, too, I will not repeat what has been said time and again—for anyone can read about it in my books *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, *Esoteric Science*, or in the brief sketch at the end of *Theosophy*. Today, too, I will not describe these inner soul processes in detail; rather, I would like once again to point out certain perspectives that can show what a person achieves when they engage in inner soul work in the sense that has often been described here and can be read about in the relevant books, so that what otherwise takes place in the soul as thinking, feeling, and willing develops further through inner impulses that the soul gives itself in meditative life; that it becomes something different from what exists in ordinary physical life.
[ 12 ] Wenn der Mensch die Denkverrichtungen vornimmt — auch das ist ja hier schon in den letzten Vorträgen auseinandergesetzt worden -, welche das Denken hinausführen über die Art eben gerade des Gedankenlebens, die man im gewöhnlichen Leben und auch in der gewöhnlichen Wissenschaft haben muß, dann kommt man dazu, zu denken, das heißt die innere Tätigkeit des Denkens zu verrichten, aber keinen bestimmten Gedanken mehr zu haben. Meditieren besteht ja darin, daß man, während man sonst gewissermaßen unter dem Eindruck der äußeren Welt denkt und sich über die Dinge Gedanken macht, das Denken als eine innere willkürliche Tätigkeit der Seele hervorruft, daß man die Aufmerksamkeit bei diesem Hervorrufen des Denkens nicht auf dasjenige lenkt, was gedacht wird, sondern auf die Tätigkeit des Denkens, auf jene feine Willenstätigkeit, die ja im Denken ausgeübt wird. Das habe ich in dem letzten Vortrag schon geschildert. Man denkt gewissermaßen mit einem Gedankeninhalt, den man durch eigene Willkür in sein Bewußtsein, in seine Seele hereingerückt hat. Man denkt so intensiv, so stark, so innerlich kraftvoll, daß man wirklich das erreicht, was man anfangs ja gar nicht erreichen will, aber was unter dem Einfluß einer solchen innerlichen Gedankenarbeit erreicht wird: Die Gedanken fallen ab, und man lebt nur im inneren Weben und Wirken einer - nun, der Ausdruck sei gebraucht -, einer ätherischen Welt. Das Wort «ätherisch» ist hier in einer anderen Weise gebraucht, als die neuere Physik den Ausdruck gebraucht. Man lebt in einem Weben, in einem Pulsieren, und man weiß, wenn man dieses Erleben lange genug betrieben hat: Was man so in seinem Denken entdeckt hat, was man so losgelöst hat von seinem Denken, wie der Chemiker den Wasserstoff vom Wasser loslöst, damit er die Eigenschaft am Wasserstoff zeigen kann, die man nicht zeigen kann, solange der Wasserstoff im Wasser drinnen ist, - man weiß, wenn man die Tätigkeit des Denkens vom Denken losgelöst hat, daß man nun wirklich in einem Erleben außerhalb des Leibes ist. Man muß sich dann, indem man solch eine innere Seelenarbeit fortsetzt, immer klarer und klarer werden, wie eigentlich das Erlebnis ist, das man auf diese Weise in der Seele hervorgerufen hat. Wenn man Farben, Töne wahrnimmt im gewöhnlichen Leben — wie gesagt, das kann schon als Ergebnis der Naturwissenschaft gelten —, dann weiß man durch die Naturwissenschaft: Es wird in unserem Menschenwesen eine unbewußte Tätigkeit ausgeübt; denn daß durch das Auge, durch das Ohr, hervorgerufen wird die farbige, tönende Welt, das ist eine unbewußte Tätigkeit. Da wird eine unbewußte Tätigkeit ausgeübt, durch die etwas, was außen ist, in die Seele hereinspricht, in die Seele herein sich offenbart. Was man in dem inneren Ergreifen des Denkens erlebt, wenn man die entsprechenden Seelenübungen macht, das wird in derselben Weise nicht so erlebt, als wenn es aus unseren Muskeln, aus unserem Blut aufschösse, sondern es wird erlebt, als ob es aus dem ganzen umliegenden Weltenall hereinkäme, wie ein zu Erkennendes, wie etwas, was als Geistwesen in uns hereindringt und was nur eine gewisse Anziehungskraft hat zu unserem Leibe, so daß es unseren Leib anerkennt gewissermaßen als dasjenige, durch das es sich in die sinnliche Welt herein offenbaren will. Man schreitet, indem man so wie geschildert meditiert, in die Außenwelt selber hinein. Man taucht unter in diese Außenwelt, aus der uns Farben und Töne kommen. Das heißt: Man macht sein Erleben leibfrei. Diese Leibfreiheit des Erlebens muß eben innerlich erfahren werden, muß erlebt werden. Es muß der Mensch durch Seelenübungen dazu kommen, zu wissen, daß er in einem Elemente webt und pulst, das nicht an seinen Leib als sein Werkzeug gebunden ist. Aber Wille, innerliche Willkür ist jetzt in allem drinnen, was den Menschen also zur Freiheit vom Leibe führt — innerliche Tätigkeit, aber innerliche Tätigkeit auf einer höheren Stufe. Bedenken wir nur einmal, wenn es mit dem Menschenwesen folgende Bewandtnis hätte: Nehmen wir an - vorausgesetzt die Wahrheit dessen, was ich Ihnen als ein Ergebnis der neueren Physiologie, der neueren Naturwissenschaft auseinandergesetzt habe -, der Mensch wäre sich bewußt: Da muß irgend ein Unbekanntes sein, eine stumme, finstere Welt. Ich stehe darinnen, ich mache meine Augen auf. Dadurch, daß ich durch meine Augen wirke, dadurch schaffe ich die Farbe, schaffe ich die Formen. Dadurch, daß ich durch mein Ohr wirke, schaffe ich die Töne. Ich stelle die Töne, ich stelle die Farbe hinein in die Welt. Was würde der Mensch sagen müssen? Er würde sagen: Nun ja, dann ist ja die ganze Welt ein Traum, selbstverständlich ein Traum. Dann ist nichts von dem wirklich, was ich sehe und höre. Nur dadurch, daß diese innere Tätigkeit, die da ist, unbewußt bleibt, daß man nicht weiß, daß man das tut — durch das Auge hervorrufen die Farben, durch das Ohr hervorrufen die Töne -, nur dadurch ist man überhaupt ungestört in seinem äußeren Erleben. Denn wenn die Menschen immer sich bewußt wären, daß sie das tun, was ihnen die neuere Naturwissenschaft zuschreibt, dann würden sie ganz gewiß über die ganze Sinnenwelt genau ebenso sprechen, wie sie jetzt sprechen über das, was das auf die geschilderte Art ausgebildete menschliche Denken über eine Welt denkt, durch eine Welt erlebt, die ebenso wirklich, die ebenso real ist wie die Sinneswelt, die aber willkürlich durch Anstrengung des aus dem Denken heraus geborenen freien Willens vor uns selber hingestellt werden muß. Man möchte sagen: Für die meisten Menschen ist es gut, daß sie begnadet sind dazu, nichts zu wissen, wie sie sich Farben und Töne selber schaffen, sonst wären sie schon in der Lage, über diese farbige und tönende Welt genau ebenso zu sprechen, wie sie sprechen über die Welt, die der Geistesforscher vor sie hinstellt. Denn das ist ja das Charakteristische für die Welt, die der Geistesforscher vor die Seele hinstellt, daß man die Tätigkeit, die man sonst für die sinnliche Welt unbewußt ausübt, nun auf dieser höheren Stufe der Willenshandlung, die aus dem Denken herausgelöst ist, bewußt, voll bewußt ausübt. Sonst aber ist gegenüber der Sinneswelt gar kein Unterschied. Aber die Menschen sind nicht stark genug, sich an dasjenige zu halten, Vertrauen zu dem zu haben, was sie innerlich erst in das Dasein rufen müssen. Man möchte sagen, es ist gut, daß ein gütiger Gott den Menschen vorenthalten hat, zu wissen, daß sie sich das Licht der Sonne selber erschaffen, sonst würden sie es ableugnen, wie sie das Wesen der geistigen Welt ableugnen. — Die Menschen sind darauf angewiesen, sich von der Außenwelt, von der Autorität der Außenwelt diktieren zu lassen, was ist, was mit dem Sein behaftet ist. Sollen sie dazu etwas tun, um dieses Sein vor sich hintreten zu lassen, dann sind sie nicht stark, nicht vertrauensvoll genug zu dieser ihrer inneren Tätigkeit, um das, was sie nun so selber mitschaffen müssen, nun auch als eine Realität, als eine Wirklichkeit gelten zu lassen.
[ 12 ] When a person engages in the acts of thinking—as has already been discussed here in the previous lectures—that lead thinking beyond the very nature of the thought life one must have in ordinary life and also in ordinary science, then one comes to think, that is, to perform the inner activity of thinking, but no longer to have a specific thought. Meditation consists, after all, in the fact that—whereas one otherwise thinks, so to speak, under the influence of the external world and reflects on things—one evokes thinking as an inner, voluntary activity of the soul; and in this evocation of thinking, one directs one’s attention not to what is being thought, but to the activity of thinking itself, to that subtle volitional activity that is exercised in thinking. I have already described this in the last lecture. One thinks, so to speak, with a thought content that one has brought into one’s consciousness, into one’s soul, through one’s own volition. One thinks so intensely, so strongly, with such inner power, that one truly achieves what one did not even intend to achieve at the outset, but which is achieved under the influence of such inner mental work: Thoughts fall away, and one lives only in the inner weaving and working of—well, let us use the term—an ethereal world. The word “ethereal” is used here in a different sense than modern physics uses the term. One lives in a weaving, in a pulsating, and one knows, if one has pursued this experience long enough: What one has thus discovered in one’s thinking, what one has thus separated from one’s thinking—just as a chemist separates hydrogen from water so that he can demonstrate the property of hydrogen that cannot be demonstrated as long as the hydrogen is contained within the water—one knows, once one has separated the activity of thinking from thinking itself, that one is now truly in an experience outside the body. By continuing this inner work of the soul, one must then become ever clearer and clearer about what the experience actually is that one has evoked in the soul in this way. When one perceives colors and sounds in ordinary life—as I said, this can already be considered a result of natural science—then one knows through natural science: An unconscious activity is at work within our human being; for the fact that the world of color and sound is evoked through the eye and the ear is an unconscious activity. An unconscious activity is at work through which something external speaks into the soul and reveals itself within the soul. What one experiences in the inner grasp of thought, when one performs the corresponding soul exercises, is not experienced in the same way as if it were springing up from our muscles or our blood; rather, it is experienced as if it were coming in from the entire surrounding universe, as something to be recognized, as something that enters us as a spiritual being and that exerts only a certain attraction toward our body, so that it recognizes our body, as it were, as the means through which it wishes to reveal itself in the sensory world. By meditating as described, one steps into the external world itself. One immerses oneself in this outer world, from which colors and sounds come to us. That is to say: one frees one’s experience from the body. This freedom of experience from the body must be experienced inwardly; it must be lived through. Through spiritual exercises, a person must come to know that they are weaving and pulsing within an element that is not bound to their body as its instrument. But will, inner volition, is now present in everything, which thus leads the human being to freedom from the body—inner activity, but inner activity on a higher level. Let us just consider for a moment what it would be like if the human being were in the following situation: Let us assume—assuming the truth of what I have explained to you as a result of recent physiology and recent natural science—that the human being were conscious of this: There must be some unknown thing there, a silent, dark world. I stand within it; I open my eyes. By acting through my eyes, I create color; I create forms. By acting through my ears, I create sounds. I place the sounds and the colors into the world. What would a person have to say? They would say: Well then, the whole world is a dream—of course it’s a dream. Then nothing I see or hear is real. It is only because this inner activity remains unconscious—because one does not know that one is doing it—bringing forth colors through the eye, bringing forth sounds through the ear—that one remains undisturbed in one’s external experience. For if people were always conscious that they are doing what modern natural science attributes to them, then they would most certainly speak of the entire sensory world in exactly the same way as they now speak of what human thinking—developed in the manner described—conceives of a world and experiences through a world that is just as real, just as tangible as the sensory world, but which must be arbitrarily set before us by the effort of the free will born of thinking. One might say: It is a blessing for most people that they are gifted with the ability to know nothing of how they create colors and sounds for themselves; otherwise, they would already be in a position to speak about this colorful and resonant world in exactly the same way as they speak about the world that the spiritual researcher places before them. For that is, after all, the defining characteristic of the world that the spiritual researcher sets before the soul: that the activity one otherwise unconsciously performs for the sensory world is now performed consciously—fully consciously—at this higher level of volitional action, which is detached from thinking. Otherwise, however, there is no difference at all compared to the sensory world. But people are not strong enough to hold fast to this, to have trust in what they must first call into being within themselves. One might say it is good that a benevolent God has spared people from knowing that they themselves create the light of the sun; otherwise, they would deny it, just as they deny the nature of the spiritual world. — People are dependent on allowing the external world, on the authority of the external world, to dictate to them what is, what is inherent in being. If they are to do anything to bring this Being to the fore, they are not strong enough, nor do they have sufficient trust in this inner activity of theirs, to accept as a reality—as a fact—that which they must now co-create themselves.
[ 13 ] Wenn man nun wirklich durch die angedeuteten Übungen des Denkens den Willen im Denken ergreift, jene Wirklichkeit, die sich nicht in Gedanken einer Sinneswelt auslebt, ergreift, dann hat man zunächst — auch das ist öfters schon angedeutet worden von einem anderen Gesichtspunkte aus — nicht schon eine geistige Wirklichkeit vor sich, sondern man hat nur ein Erlebnis, das besteht in einem Weben und Wesen und Werden; man hat gewissermaßen vor sich ein erweitertes Selbst, ein Selbst, das sich jetzt verbunden weiß mit der ganzen Welt, aus der ihm sonst die Töne und Farben sich offenbaren. Aber man webt und lebt in diesem Werden. Man weiß nur, daß die Art und Weise, wie man in diesem Werden lebt, Wirklichkeit ist, geistige Wirklichkeit ist, vom Leibe freie geistige Wirklichkeit ist.
[ 13 ] If, through the suggested exercises of thought, one truly grasps the will within thought—that reality which does not play itself out in thoughts of a sensory world—then one has, at first — as has often been suggested from a different perspective — not yet a spiritual reality before you, but merely an experience consisting of a weaving, a being, and a becoming; you have, so to speak, an expanded self before you, a self that now knows itself to be connected to the entire world from which sounds and colors would otherwise reveal themselves to it. But one weaves and lives within this becoming. One knows only that the way in which one lives within this becoming is reality—spiritual reality, a spiritual reality free from the body.
[ 14 ] Man kann eigentlich nicht vorsichtig genug sein bei der Schilderung solcher Dinge, denn es kann ja selbstverständlich leichten Herzens von irgend einer Seite her, die glaubt, sich recht wissenschaftlich dünken zu dürfen, eingewendet werden: Also behauptet der Geistesforscher, daß er schon durch das Ergebnis dieser einen Übung in die Welt untertaucht; er muß also eigentlich alles wissen, wenn er in jenem webenden Element lebt. Nun, was, statt von außen an den Menschen heranzukommen, nunmehr wie von innen wirkt, das muß deshalb nicht alle Geheimnisse, die es in sich trägt, enthüllen. Da kann man sagen, man darf es damit vergleichen, daß der Mensch ja auch ißt und trinkt und doch dasjenige, was an Prozessen in seinem Leibe vorgeht, wahrhaftig nicht kennt. Man lernt eine andere Welt ihrer Art, ihrer Wesenheit nach kennen, aber man lernt selbstverständlich nicht alle Geheimnisse jener Welt kennen, die wiederum alle im einzelnen erst erforscht werden müssen, eine Forschung, die genau ebensolche Sorgfalt und Ernst erfordert, wie die Erforschung der physisch-sinnlichen Welt, ja mehr. Aber es ist dieses Sich-hinein-Erleben in eine webende Welt doch zu vergleichen damit, wenn man etwa als physischer Mensch im Leibe die Fähigkeit errungen hätte, allerlei zu greifen, aber nichts ergreifen könnte, wenn man um sich herum greift. Da würde man zwar wissen: man hat Organe um zu greifen, um Greifbewegungen auszuüben, aber man ergreift nichts. In dieser Lage würde man sein, wenn man nur die Übungsergebnisse hätte, die eben geschildert worden sind. Man würde innerlich im Geisteselement weben und leben, aber man würde sich vorkommen, als wenn man die Geistorgane nach allen Seiten ausstreckte, und zwar gewiß wäre: Du hast dich im Geiste ergriffen — aber man würde nichts von einer geistigen Umwelt noch wahrnehmen. Es würde nur ein allgemeines Leben und Weben und Werden des eigenen Selbstes im Geiste sein. Eine ungeheuere Einsamkeit, ja eine Bangigkeit, könnte den Menschen ergreifen, wenn er nur zu diesen Ergebnissen käme. Daher sind die Übungen, die die Seele verrichtet, wenn sie der wahrhaftigen Geistesforschung entnommen sind, so eingerichtet, daß nicht nur das Denkleben ausgebildet wird, so daß es zu solchen Erlebnissen führt, wie sie geschildert worden sind, sondern es wird auch das Willensleben ausgebildet. Und diese Ausbildung des Willenslebens ist wieder etwas, was in der naturgemäBesten Weise sich aus dem gewöhnlichen Willensleben des Menschen ergibt. Das Nähere im einzelnen können Sie wiederum aus den genannten Büchern ersehen. Aber ich will wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte aus die Wirkung, die Ergebnisse der Willensübungen, die bei der richtigen Meditation schon in die Meditation hineinverwoben sind, von einem gewissen Gesichtspunkte aus charakterisieren. Die Willensübungen führen den Menschen dahin, daß er sein eigenes Wollen beobachten kann. Die gewöhnliche Selbstbeobachtung, auch dasjenige, was man in der trivialen Mystik Selbstbeobachtung nennt, führt noch nicht dazu, daß man wirklich den Inhalt des eigenen Wollens so beobachtet, wie man sonst äußere Naturerscheinungen beobachtet. Es führt durchaus noch nicht dazu, daß man gewissermaßen sein eigener Zuschauer werden könnte. Aber die wirklichen Übungen, die die Geistesforschung anzugeben vermag, gestatten dem Menschen, daß dasjenige, was sonst als Wille in seinem Leben sich abspielt und in die Handlungen ausfließt oder auch nur in Wünschen lebt, so angeschaut werden kann, wie sonst Dinge und Vorgänge um uns herum angeschaut werden können; daß sich der Mensch wirklich so außer sich zu versetzen vermag, daß er sich selber zuschaut, indem er dieses oder jenes will, indem er sich Ziele setzt im Leben. Man gelangt zu der Fähigkeit nur das soll angedeutet werden — insbesondere dadurch das kann natürlich nicht das ganze Leben ausfüllen, sondern nur ganz kurze, herausgerissene Meditationsaugenblicke des Lebens beanspruchen -—, daß man das Wollen so einrichtet — und jeder wahrhaft Meditierende richtet das Wollen schon dadurch, daß er richtige Meditationen macht, so ein —, daß man nicht bloß so will, wie man im gewöhnlichen Leben will. Im gewöhnlichen Leben steigt irgend ein Wunsch auf. Er ist veranlaßt durch irgend eine innere Leibesanlage, oder er wird veranlaßt durch einen äußeren Eindruck, oder es vollzieht das Wollen diese oder jene Handlung, und damit wird in der Außenwelt etwas herbeigeführt. Dieses Wollen, das da lebt, kann man zwar beobachten, aber die Beobachtung wird einem erleichtert, wenn man versucht, dasjenige zu wollen — und wie gesagt, in der Meditation wird es gewollt —, was die Seele selber vorwärts bringt; wenn man sich selber gewissermaßen zum Objekt seines Wollens macht, wenn man etwas so will, daß man durch das, was man in der Seele verrichtet, nach und nach ein Anderer wird; daß die Seele feiner organisiert wird, daß die Seele empfänglicher wird, wenn man Willenshandlungen so ausführt, daß man sich entwickelt, daß man bewußt vorrückt im Leben. Jeder, der Meditationsübungen ausführt, weiß, wie nach Jahren, nachdem er Meditationsübungen ausgeführt hat, die ganze Art, wie er über die Welt denkt, eine andere wird, als sie früher war. Er weiß, wie er in anderer Weise Leidenschaft mit Wünschen, und diese wieder mit Gedanken und so weiter verbindet. Er weiß, daß ein anderes Wesen, wenn auch in feinerer Weise, aus ihm geworden ist, das wahrgenommen werden muß. Sonst ist immer das Ich der Mittelpunkt des Wollens. Von dem Ich gehen die Strahlen des Wollens gleichsam aus, ergießen sich in die Gefühle, in die Handlungen. Bei diesem Wollen stellt sich der Mensch gewissermaßen außerhalb seines Ich und bringt durch das Wollen das Ich selber vorwärts. Daher ist die wahre Meditation dazu besonders geeignet, daß er der Zuschauer seines Wollens wird, daß er sich gewissermaßen außerhalb seiner zu versetzen weiß und gerade so, wie man Naturvorgänge anschauen lernt, auch dieses sein eigenes Wollen mit Gelassenheit anschauen lernt. Sonst steckt man mit allen Leidenschaften, mit allen Wünschen, mit allen Affekten in seinem Wollen drinnen. Dieses überwindet man für gewisse Augenblicke des Lebens, und man lernt, Zuschauer seines Wollens zu werden.
[ 14 ] One really cannot be too careful when describing such things, for, of course, someone from any camp who believes they can claim to be truly scientific might easily object: “So the spiritual researcher claims that, through the results of this one exercise alone, he immerses himself in the world; so he must actually know everything if he lives within that weaving element. Now, what now acts from within, rather than approaching the human being from the outside, need not therefore reveal all the mysteries it holds within itself. One might say that this can be compared to the fact that a person eats and drinks and yet truly does not know the processes taking place within his body. One comes to know another world in terms of its nature and essence, but of course one does not come to know all the secrets of that world, which in turn must all be explored in detail—an exploration that requires precisely the same care and seriousness as the exploration of the physical-sensory world, indeed even more. But this experiencing of oneself within a weaving world can indeed be compared to a situation in which, for example, as a physical human being, one had acquired the ability within one’s body to grasp all manner of things, yet could grasp nothing when reaching out around oneself. In that case, one would certainly know that one has organs for grasping, for performing grasping movements—yet one grasps nothing. One would be in this situation if one possessed only the results of the exercises just described. One would be weaving and living inwardly within the spiritual element, but one would feel as if one were stretching out one’s spiritual organs in all directions, and while it would be certain that “you have grasped yourself in the spirit”—one would still perceive nothing of a spiritual environment. There would be only a general life, weaving, and becoming of one’s own self within the spirit. An immense loneliness, indeed a sense of foreboding, could seize a person if they were to arrive at these results alone. Therefore, the exercises that the soul performs—when they are drawn from genuine spiritual research—are structured in such a way that not only is the life of thought developed, leading to experiences such as those described, but the life of the will is also developed. And this training of the life of the will is, in turn, something that arises in the most natural way from a person’s ordinary life of the will. You can find further details in the books mentioned. But I would like to characterize, from a certain perspective, the effect and the results of the exercises of the will, which, in proper meditation, are already woven into the meditation itself. The exercises of the will lead a person to the point where they can observe their own volition. Ordinary self-observation—including what is called self-observation in trivial mysticism—does not yet lead one to truly observe the content of one’s own volition in the same way one otherwise observes external natural phenomena. It certainly does not yet lead one to become, so to speak, a spectator of oneself. But the genuine exercises that spiritual research can provide enable a person to view what otherwise unfolds in their life as will—and flows into actions or even exists merely as desires—in the same way that things and events around us are otherwise observed; that a person is truly able to step outside of themselves to the extent that they observe themselves as they will this or that, as they set goals for themselves in life. One attains the ability—and this is merely to be hinted at—especially through this; of course, this cannot fill one’s entire life, but only requires very brief, isolated moments of meditation within life— —, that one directs one’s willing—and every true meditator already directs their willing simply by engaging in proper meditation—in such a way that one does not merely will as one does in ordinary life. In everyday life, a desire arises. It is prompted by some inner physical predisposition, or it is prompted by an external impression, or the will carries out this or that action, and thereby something is brought about in the external world. One can certainly observe this will as it operates, but the observation becomes easier when one tries to will—and as I said, in meditation this is what is willed—that which advances the soul itself; when one makes oneself, so to speak, the object of one’s will; when one wills something in such a way that, through what one accomplishes within the soul, one gradually becomes a different person; that the soul becomes more finely organized, that the soul becomes more receptive, when one carries out acts of will in such a way that one develops, that one consciously advances in life. Anyone who practices meditation knows how, years after having practiced meditation, the whole way they think about the world becomes different from what it used to be. They know how they connect passion differently with desires, and these in turn with thoughts, and so on. They know that a different being—albeit in a more subtle form—has emerged from within them, one that must be perceived. Otherwise, the “I” is always the center of volition. The rays of volition emanate, as it were, from the “I,” pouring out into feelings and actions. In this kind of willing, the human being, so to speak, places himself outside his “I” and, through willing, propels the “I” itself forward. Therefore, true meditation is particularly suited to enabling him to become an observer of his own willing, to know how to place himself, as it were, outside of it, and—just as one learns to observe natural processes—to learn to observe his own willing with serenity. Otherwise, one is caught up in one’s will along with all passions, all desires, and all emotions. One overcomes this for certain moments in life and learns to become an observer of one’s own will.
[ 15 ] Bedenken wir nur: wenn man sonst etwas will, dann ist man bei dem, was man will, dabei, man steckt dann so drinnen, daß man es unwillkürlich, wenigstens in seinem Innern, verteidigt als sein Eigenes. Jedenfalls betrachtet man das Wollen nicht so, wie man, sagen wir, die Entstehung etwa eines Regenbogens betrachtet. Aber auf diesem Wege liegt das, was die Seele erreichen kann: daß man zuschaut dem Willensgeschehen, wie man der Entstehung eines Regenbogens oder dem Aufgang der Sonne zuschaut; daß man so objektiv dazu wird, so gelassen dazu wird. Da strebt man zunächst im Gedanken aus sich heraus — denn zunächst ist es ein gedankliches Herausstreben aus sich selber —, um Zuschauer zu werden.
[ 15 ] Let us just consider this: when one desires something, one is fully engaged in that desire; one is so immersed in it that one instinctively—at least inwardly—defends it as one’s own. In any case, one does not view the act of desiring in the same way that one views, say, the formation of a rainbow. But this is the path to what the soul can attain: to observe the process of willing just as one observes the formation of a rainbow or the rising of the sun; to become so objective toward it, so serene about it. There, one first strives out of oneself in thought—for at first it is a mental striving out of oneself—in order to become an observer.
[ 16 ] Nun macht man aber eine Entdeckung, die man wohl beachten muß, wenn man sich in die Wirklichkeit: dieser Dinge einleben will. Man macht die merkwürdige Entdeckung, daß man das, was man anstrebt, zwar anstreben muß, daß man aber etwas ganz anderes erreicht. Und damit charakterisiere ich überhaupt ein Wesentliches beim geistesforscherischen Weg. Man muß sich beim geistesforscherischen Weg, wenn ich so sagen darf, auf den Weg machen. Man macht sich bei den ersten Übungen, die ich geschildert habe, dadurch auf den Weg, daß man meditiert, daß man Gedanken in die Seele hereinversetzt. Würde man nun aber glauben, daß das Festhalten dieser Gedanken, das Sich-Hineinbohren in diese Gedanken auch das Ziel ist, so würde das falsch sein. Denn das Ziel besteht gerade in der Überwindung dessen, was man zunächst unternommen hat: daß die Gedanken aufhören, unmittelbar Gedanken zu sein, daß uns nun die Tätigkeit des Denkens frei vom Gedanken erfaßt im Werden und Weben. Das ist das Charakteristische beim geistesforscherischen Weg, daß etwas unternommen werden muß und etwas anderes herauskommt. Und gerade dadurch, daß etwas unternommen wird, kommt etwas anderes heraus.
[ 16 ] But then one makes a discovery that one must certainly take into account if one wishes to become attuned to the reality of these things. One makes the curious discovery that, although one must strive for what one aims for, one actually achieves something entirely different. And with this, I am characterizing an essential aspect of the path of spiritual research. On the path of spiritual research, if I may put it that way, one must set out on the journey. In the first exercises I have described, one sets out on this journey by meditating, by bringing thoughts into the soul. But if one were to believe that holding on to these thoughts, that delving deeply into them, is also the goal, that would be mistaken. For the goal consists precisely in overcoming what one initially set out to do: that thoughts cease to be thoughts in the immediate sense, so that the activity of thinking, free from thought, now grasps us as it unfolds and weaves. This is what is characteristic of the spiritual research path: that one must undertake something, and something else emerges. And it is precisely because something is undertaken that something else emerges.
[ 17 ] Und so ist es auch bei diesem zweiten, das ich zu schildern habe. Man strengt sich an auf die geschilderte Art — aber wie gesagt, Einzelheiten können Sie in den genannten Büchern finden —, man strengt sich an, sein eigener Zuschauer zu werden, also so aus sich herauszutreten im Vorstellen und seinem Wollen zuzuschauen, wie man sonst äußeren Naturereignissen zuschaut. Aber der Erfolg, der unter diesen Übungen eintritt, ist ein anderer als ein solcher, der etwa in der geraden Linie läge. Man könnte glauben, man wird jetzt so, als wenn man nun ein Wesen aus sich machte, das hinsieht auf seine Willensströmungen. Das ist nicht der Fall, sondern der Erfolg besteht darin, daß gerade je mehr man auf diese Weise vorstellungsgemäß aus sich herausgeht, desto mehr einem in sich selber dasjenige verschwindet, was da herausgeht. In der Entwickelung des Denkens kommt man immer mehr und mehr in sich hinein. Das Selbst wird erweitert, das Selbst wird intensiver, kraftvoller. Bei diesem, was ich jetzt schilderte, kommt man nicht in sich hinein, sondern das eigene Selbst wird in gewisser Weise abgelegt; dafür aber bleibt ein Wollen im geistigen Gesichtsfeld, eine Willenshandlung. Und gleichsam aus der Fläche dieser Willenshandlungen von unten herauf, durch die Willenshandlungen hindurch steigt ein wirkliches Wesen, das ein höherer Mensch im Menschen ist. Dasjenige, was man in sich getragen hat immer durch das ganze Leben, aber nicht im Bewußtsein getragen hat, das steigt durch den Willen durch, das durchbricht ihn. Wie das Untere des Meeres etwa erscheinen würde, wenn es über die Oberfläche hervorbrechen würde, so erscheint jetzt ein Wesen, ein bewußtes Wesen, ein Wesen von höherem Bewußtsein, das ein objektiver Zuschauer aller unserer Willenshandlungen ist, ein wirkliches Wesen, das immer in uns lebt und das auf diese Weise den Willen durchbricht. Und dieses Wesen, das man also entdeckt in den Willensströmungen, dieses Wesen verbindet sich mit demjenigen, was man aus dem Denken gemacht hat. Diese zwei Wesen, die man in sich gefunden hat, verbinden sich miteinander. Und dadurch ist man jetzt nicht bloß in einem Wirken und Weben drinnen, sondern in einer wirklichen geistigen Welt mit wirklichen geistigen Wesenheiten und Tatsachen. In der steht nun das eigne Wesen drinnen, das auch aus dem Willen herausgeboren ist — aber in der Gesellschaft anderer geistiger Wesen - und das durch Geburt und Tod geht. Den Menschen, der durch Geburt oder Empfängnis sich verbunden hat mit dem, was von Vater und Mutter stofflich abstammt, den Menschen, der sich erhält, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes tritt, den entdeckt man auf die Weise, daß man von zwei Seiten her dasjenige, was in uns wirkt und lebt, in sich lebendig macht.
[ 17 ] And so it is with this second one, which I am to describe. One makes an effort in the manner described—but as I said, you can find the details in the books mentioned— one strives to become one’s own observer—that is, to step outside oneself in one’s imagination and observe one’s own will just as one would otherwise observe external natural phenomena. But the result that arises from these exercises is different from one that would follow a straight line. One might think that one is now becoming as if one were creating a being out of oneself that looks upon the currents of one’s will. That is not the case; rather, the result is that the more one steps outside of oneself in this way, in accordance with one’s imagination, the more that which steps out disappears within oneself. In the development of thinking, one enters more and more deeply into oneself. The self is expanded; the self becomes more intense, more powerful. In what I have just described, one does not enter into oneself, but rather one’s own self is, in a certain sense, set aside; in its place, however, a volition remains within the spiritual field of vision—an act of will. And, as it were, rising from below through the expanse of these acts of will, a true being emerges—a higher human being within the human being. That which one has carried within oneself throughout one’s entire life, but not in consciousness, rises through the will; it breaks through it. Just as the depths of the sea might appear if they were to burst forth above the surface, so now a being appears—a conscious being, a being of higher consciousness—who is an objective observer of all our acts of will, a real being who always lives within us and who in this way breaks through the will. And this being, which one thus discovers in the currents of the will, unites with that which one has made out of thinking. These two beings, which one has found within oneself, unite with one another. And through this, one is now not merely engaged in a process of activity and interweaving, but in a real spiritual world with real spiritual beings and realities. Within this world stands one’s own being, which is also born out of the will—but in the company of other spiritual beings—and which passes through birth and death. The human being who, through birth or conception, has become connected to what is physically derived from father and mother—the human being who endures when one passes through the gate of death—is discovered by bringing to life within oneself, from two sides, that which acts and lives within us.
[ 18 ] Bei dem Denken, das man so allmählich entwickelt, liegt die Hauptsache darin, daß wir in diesem Denken wirklich schon etwas anderes entwickeln, als was in unserer gewöhnlichen Seele lebt, und das ist gerade das Schwierige. Der Mensch hängt so sehr an den Gewohnheiten, die er sich seelisch angeeignet hat im Verkehr mit der sinnlichen Außenwelt. Daher beunruhigen ihn eigentlich zunächst alle diese Eigenschaften, welche er sich auf diesem Geisteswege, wie er geschildert worden ist, aneignet. Eine Bangigkeit, eine Einsamkeit, eine Unruhe kann in ihn kommen. Wenn alles richtig ausgeführt wird, wie es von wahrer Geisteswissenschaft angegeben wird, ist das nicht der Fall. Ich habe darüber vor einigen Wochen in dem Vortrage gesprochen, den ich genannt habe «Gesundes Seelenleben und Geistesforschung». Aber überall weiß man, gerade wenn man sich in diese geistige Welt auf die geschilderte Weise hineinlebt, wie eine gewisse Unruhe entstehen kann, ein gewisses innerliches Bangesein, ja sogar deutliche Anwandlungen von Furcht gegenüber der geistigen Welt, die über einen hereinbrechen will. Und daß dies vermieden werde, dafür gibt es schon bei wahrer Meditation Anhaltspunkte genug. Aber wenn jemand erwartet, daß das, was dann seine Seele tut in diesen neu hervorgerufenen Fähigkeiten, unmittelbar ähnlich ist mit dem, was die Seele der äußeren physischen Welt gegenüber tut, die sie den ganzen Tag um sich herum haben muß, dann unterliegt er den schwersten Täuschungen und auch Enttäuschungen. Dann wird er unruhig aus dem Grunde, weil er sich sagt: Da lebe ich mich in ein Unbestimmtes, in ein Ungewohntes hinein. Ich habe immer in einer anderen Weise gedacht. Mein Denken war da so sicher, in der anderen Weise; es haftete sich an ein bestimmtes Sein an, das mir gegeben war. Jetzt soll mein Denken in einem Werden leben und soll nicht gewissermaßen sich selbst entfallen.
[ 18 ] The main point of the kind of thinking that one gradually develops is that, in this thinking, we are truly already developing something different from what lives in our ordinary soul—and that is precisely what is difficult. Human beings are so attached to the habits they have acquired in their soul through interaction with the external sensory world. That is why, at first, all these qualities—which one acquires on this spiritual path, as it has been described—actually unsettle him. A sense of anxiety, loneliness, or restlessness may come over him. If everything is carried out correctly, as specified by true spiritual science, this is not the case. I spoke about this a few weeks ago in the lecture I titled “A Healthy Soul Life and Spiritual Research.” But it is widely known that, precisely when one enters this spiritual world in the manner described, a certain restlessness can arise—a certain inner anxiety, and even distinct bouts of fear toward the spiritual world that seems to be closing in on one. And there are already plenty of guidelines in true meditation to help avoid this. But if someone expects that what their soul then does with these newly awakened abilities will be immediately similar to what the soul does in relation to the external physical world—which it must have all around it all day long—then they will be subject to the gravest delusions and disappointments. Then he becomes restless because he tells himself: Here I am immersing myself in something indefinite, in something unfamiliar. I have always thought in a different way. My thinking was so secure in that other way; it clung to a specific existence that was given to me. Now my thinking is supposed to live in a process of becoming and, so to speak, is supposed to lose itself.
[ 19 ] Das wird aber auf wahrem geistesforscherischem Wege dadurch hintangehalten, daß dieser wahre geistesforscherische Weg das mit sich bringt — er bringt es ganz von selbst mit sich, wenn er in richtiger Weise gegangen wird -, daß sich das, was wir Interesse nennen können, innerliches Seeleninteresse, in einer ganz anderen Weise für den Menschen kundgibt, als sich sonst das Seeleninteresse in der physischen Welt kundgibt. Es ist wirklich wahr: Man bekommt ein neues Interesse, eine ganz neue Art von Interesse, wenn man ein meditatives Leben führt. Immer wieder muß betont werden: Nicht etwa für das innere Leben allein will man Erfolg. — Diejenigen Geistesübungen sind von vorne herein nichts wert und müssen entschieden abgewiesen werden, die den Menschen untauglich machen für das äußere Leben. Der Mensch, der wahre Geistesübungen ausübt, der bleibt so fest im äußeren Leben drinnen stehen, wie er früher drinnen gestanden ist. Nein, sogar fester wird er sich noch hineinstellen in dieses äußere Leben. Er wird, wenn er einen bestimmten Beruf auszuüben hat, wo immer das Schicksal ihn hingestellt hat, diesen Beruf nicht schlechter ausfüllen, wenn er wahre Geisteswissenschaft hat, als er ihn vorher ausgefüllt hat. Und sicher kann man sein — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck —, daß derjenige, der allerlei Rosinen in den Kopf bekommt dadurch, daß er Geistesübungen durchmacht, der sich dann für zu gut hält für das, was er vorher war, ganz sicher auf einem Holzweg ist. Aber durch dasjenige in der Seele, was die eigentliche geistesforscherische Tätigkeit ist, bekommt man zu den alten Interessen, die sogar noch intensiver werden für die äußere Welt, neue hinzu, die die Seele in eine andere Richtung bringen.
[ 19 ] However, this is held back on the true path of spiritual research by the very fact that this true path—when followed correctly—naturally leads to what we might call “interest,” an inner spiritual interest, manifesting itself to the human being in a completely different way than spiritual interest otherwise manifests in the physical world. It is truly the case: One develops a new interest, an entirely new kind of interest, when one leads a meditative life. It must be emphasized again and again: Success is not sought merely for the sake of the inner life alone. — Those spiritual exercises are worthless from the outset and must be decisively rejected; they render a person unfit for outer life. The person who practices true spiritual exercises remains just as firmly rooted in outer life as he or she was before. No, in fact, they will become even more firmly rooted in this outer life. If they have a particular profession to pursue, wherever fate has placed them, they will perform that profession no worse—if they possess true spiritual knowledge—than they did before. And one can be certain—forgive the trivial expression—that anyone who gets all sorts of “cherries” in their head as a result of undergoing spiritual exercises, and who then considers themselves too good for what they used to be, is certainly on the wrong track. But through that which in the soul constitutes the actual work of spiritual research, one gains new interests alongside the old ones—which become even more intense in relation to the outer world—interests that steer the soul in a different direction.
[ 20 ] Ich will zum Beispiel angeben, wie das ist für denjenigen, der Philosoph ist. Vielleicht ist das gerade nützlich anzugeben aus dem Grunde, weil ja die meisten Philosophen von vorneherein glauben - nun, daß sie viel besser alles aus der Geisteswissenschaft beurteilen können als der Geistesforscher selber. Derjenige aber, der nicht selber Philosoph ist, wird schon unruhig gegenüber den vielen Philosophien, die es gibt. Nicht wahr, man soll nur einmal alle die «ianer», Kantianer, Hegelianer, Schopenhauerianer, Hartmannianer — man soll sie nur einmal alle, alle überschauen, so wird man sehen, auch wenn man noch andere dazu nimmt, daß man sich nicht in eine gewisse Unruhe bringen lasse: Nun, jeder hat anders gedacht, ich will doch etwas Sicheres haben im Denken! Diese Art wird beim Philosophen dann einen anderen Ausdruck bekommen. Der Philosoph, der selber ein «ianer» sein will, der bildet sich nun einen gewissen Gedankengang aus; auf den schwört er dann, und die anderen sind selbstverständlich alle Dummköpfe, die er widerlegen kann, oder doch wenigstens irrende Menschen. Derjenige aber, der sein Denken in der geschilderten Weise ausgebildet hat, der die Denkverrichtung im Denken mit enthalten hat, der liest Hartmann mit demselben Interesse wie Schopenhauer, wie Hegel, wie Schelling, wie Heraklit. Er kommt gar nicht dazu, den einen zu widerlegen und des anderen Anhänger zu werden, weil er ein gewisses Interesse bekommt an der Bewegung des Denkens, am Drinnenstehen im Denken selber, weil er eine gewisse Freude, ein gewisses Wohlgefallen einfach an der Verrichtung des Denkens hat und weil er weiß, daß dieses Denken ohnedies nicht in einer solchen Weise zur Wirklichkeit hinführt, wie man gewöhnlich glaubt — daß nämlich die Gedanken einfach Abbilder sein können der Wirklichkeit —, sondern daß man nur kommt in ein Leben und Weben in der Denkarbeit. Ja, wenn man dies kann, dann kann man sich auf den Standpunkt stellen: Gewiß, der eine Philosoph hat von dem einen Gesichtspunkt, der andere von einem anderen Gesichtspunkt die Welt angesehen! — Und die philosophische Weltanschauung, die man dann bekommt, sieht man nicht anders an, als man einen Baum ansieht, der von verschiedenen Seiten photographiert wurde, wobei man dann auch nicht sagt: Ich erkläre die eine Photographie für falsch, das stimmt ja gar nicht mit der anderen, das ist ein ganz anderer Baum! — Denn das ist nur ein anderer Baum, weil er von einer anderen Seite photographiert ist. Wenn man auf die Tätigkeit des Photographierens sieht, und nicht auf die abstrakte Abbilderei, dann kommt man da selbst auf das Richtige. Und so ist es mit dem Denken. Man bekommt Interesse für die Beweglichkeit des Denkens, und man weiß, daß man in der geistigen Wirklichkeit lebt, wenn man im Denken selber lebt und webt. Man bekommt auch - und da geht es sogar viel tiefer - durch die Willensübungen etwas in seine Entwickelung herein, das wiederum manchen sehr stören kann, das sogar sehr störend auftreten würde, wenn man nicht genügend vorbereitet wäre, wie es aber in jeder wahren Geistesschulung der Fall ist. Ich möchte wiederum sagen: Für das gewöhnliche Leben sind die Menschen bekannt damit, daß dasjenige, was in ihrem Willen liegt, ihnen eigentlich nur so erscheint, daß sie sich, wenn sie etwas getan haben, was sie gut nennen, die Hände reiben; dann sind sie sehr zufrieden mit sich. Wenn sie etwas getan haben, was sie schlimm nennen in irgend einer Weise, dann machen sie sich Vorwürfe. Aber es bleibt bei diesen inneren Seelenprozessen. Der Mensch pendelt hin und her zwischen diesem Sich-die-Hände-Reiben aus Zufriedenheit über das, was er getan hat, und dem Sich-Vorwürfe-Machen. Wenn aber das Wollen in der Weise ausgebildet wird, daß der innere Zuschauer auftaucht, dann wird die Sache von einem größeren Ernst durchdrungen. Dann tauchen nicht mehr bloß Vorwürfe oder innere Befriedigung auf, sondern dann lernt man in dem, was da als Zuschauer das Wollen durchdringt und durch seine Oberfläche heraufschießt, ein ganz reales Wesen kennen. Man lernt kennen: Dasjenige, was dir sonst als Vorwurf und als innere Befriedigung erscheint, das ist eine reale Kraft. Diese reale Kraft ist da in der Welt, die wird weiter wirken. Man lernt im weiteren Verlauf erkennen, wie sich diese Kraft zu einem weiteren Schicksal gestaltet und als eine Tatsache das nächste Erdenleben beeinflußt, nachdem man durch das Leben zwischen Geburt und Tod hindurchgegangen ist. Was man da als den Willen durchsetzend erlebt, das würde dem, der nicht gut vorbereitet ist, wie ein Schatten nachgehen, wie etwas, was er immer mit sich nachschleift, wie seinen Schatten, wie ein wirklich reales Wesen. Alles hängt davon ab, daß man auch diesen Dingen gegenüber eben die ganze Bedeutung einzusehen lernt; daß man zum Beispiel lernt zu erkennen: Das, was einem da als Schatten nachgeht, braucht einen nicht zur Hypochondrie hinzuführen, sondern man muß es gelassen ansehen. Denn es ist gar nicht dasjenige, was für das gegenwärtige Leben eine Bedeutung hat, sondern was mit uns durch die Pforte des Todes hindurchgeht, was unter den Kräften ist, die die Konfiguration, die Artung unseres nächsten Lebens mitbestimmen werden.
[ 20 ] For example, I want to explain what it’s like for someone who is a philosopher. Perhaps it is particularly useful to explain this precisely because most philosophers believe from the outset—well, that they are much better able to judge everything in the humanities than the humanities scholar himself. But those who are not philosophers themselves tend to feel uneasy about the many different schools of philosophy that exist. Isn’t it true that if one were to simply take a look at all the “-ians”—the Kantians, Hegelians, Schopenhauerian, Hartmannians—if one were to survey them all, every single one, then one would see—even if one were to include others as well—that one should not allow oneself to be thrown into a certain uneasiness: “Well, everyone has thought differently; I want something certain in my thinking!” This attitude will then take on a different expression in the philosopher. The philosopher who wishes to be a “-ian” himself now develops a certain line of thought; he then swears by it, and the others are, of course, all fools whom he can refute, or at least people who are mistaken. But the one who has developed his thinking in the manner described—who has incorporated the act of thinking into his thinking itself—reads Hartmann with the same interest as Schopenhauer, Hegel, Schelling, and Heraclitus. He does not even get around to refuting one and becoming a follower of the other, because he develops a certain interest in the movement of thought, in being immersed in thought itself, because he derives a certain joy, a certain pleasure simply from the act of thinking, and because he knows that this thinking does not, in any case, lead to reality in the way one usually believes —namely, that thoughts may simply be images of reality—but rather that one merely enters into a life and a weaving within the work of thought. Yes, if one can do this, then one can take the following standpoint: Certainly, one philosopher has viewed the world from one perspective, the other from another! — And the philosophical worldview one then arrives at is viewed no differently than one views a tree that has been photographed from various angles, in which case one does not say: I declare one photograph to be wrong; it doesn’t match the other at all—it’s a completely different tree! — For it is only a different tree because it was photographed from a different angle. If one looks at the act of photographing itself, rather than at the abstract image, then one arrives at the truth on one’s own. And so it is with thinking. One develops an interest in the flexibility of thought, and one knows that one lives in spiritual reality when one lives and weaves within thought itself. Through the exercises of the will, one also brings something into one’s development—and this goes even much deeper—which in turn can be very disturbing to some; it would even be very disturbing if one were not sufficiently prepared, as is, however, the case in every true spiritual training. I would like to say again: In ordinary life, people are familiar with the fact that what lies within their will actually appears to them in such a way that, when they have done something they call good, they rub their hands together; then they are very pleased with themselves. When they have done something they call bad in any way, they reproach themselves. But it remains within these inner soul processes. People oscillate back and forth between this rubbing of their hands in satisfaction at what they have done and this self-reproach. But when the will is developed in such a way that the inner observer emerges, the matter becomes imbued with a greater seriousness. Then it is no longer merely self-reproach or inner satisfaction that arises; rather, one comes to know, in that which, as an observer, permeates the will and shoots up through its surface, a very real being. One comes to realize: that which otherwise appears to you as self-reproach and inner satisfaction is a real force. This real force exists in the world; it will continue to have an effect. As one proceeds, one comes to recognize how this force takes shape into a further destiny and, as a fact, influences the next earthly life after one has passed through the life between birth and death. What one experiences there as the will asserting itself would, for one who is not well prepared, follow one like a shadow—like something one always drags along with oneself, like one’s shadow, like a truly real being. Everything depends on learning to see the full significance of these things as well; on learning, for example, to recognize that what follows one like a shadow need not lead one into hypochondria, but must be viewed with equanimity. For it is not at all that which has significance for the present life, but rather what passes through the gate of death with us—that which is among the forces that will help determine the configuration and nature of our next life.
[ 21 ] Kurz, die Interessen, die sich mit diesen entwickelten inneren Seelenbetätigungen verbinden, sind andere als die Interessen des äußeren Lebens, aber sie bringen von diesen Interessen des äußeren Lebens durchaus nicht ab. Sie stellen sozusagen nur alles an seinen richtigen Ort. Wenn jemand so, wie ich es geschildert habe, zum Bewußtsein dessen kommt, was durch Geburten und Tode geht, was das Unsterbliche an der Seele ist, dann wird er nicht etwa geringeres Interesse bekommen für dasjenige, was unmittelbar an äußeren physischen Tatsachen ihn umgibt, sondern er bekommt darüber ungefähr die Ansicht: Es gibt eine geistige Welt. In dieser geistigen Welt sind ebenso konkrete geistige Vorgänge und Wesenheiten, die er ja schauen kann, wie in der physisch-sinnlichen Welt. Aber dasjenige, was als physisch-sinnliche Welt da ist, das kann nur in der physischsinnlichen Welt geschaut werden. Was uns als physischsinnliche Welt umgibt, das erlischt selbstverständlich nach dem Tode. Nur weil wir in uns ein unsterbliches Wesen tragen, das in sich eine Wirklichkeit ist und das einer Wirklichkeit angehört, die über das Leibliche hinausgeht, tragen wir etwas durch des Todes Pforte hindurch, dringen in eine geistige Welt ein, in eine Welt, die wir durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und treten dann wiederum in ein weiteres Erdenleben ein.
[ 21 ] In short, the interests associated with these developed inner activities of the soul are different from the interests of outer life, but they by no means distract one from those interests of outer life. They merely, so to speak, put everything in its proper place. When someone, as I have described, becomes aware of what passes through births and deaths—what is immortal in the soul—then they do not lose interest in the immediate physical realities surrounding them, but rather come to hold the view that there is a spiritual world. In this spiritual world there are just as concrete spiritual processes and beings—which they can indeed perceive—as there are in the physical-sensory world. But what exists as the physical-sensory world can only be perceived within the physical-sensory world itself. What surrounds us as the physical-sensory world naturally ceases to exist after death. Only because we carry within us an immortal being—which is a reality in itself and belongs to a reality that transcends the physical—do we carry something through the gate of death, enter a spiritual world—a world we experience between death and a new birth—and then enter another earthly life.
[ 22 ] Gerade wenn man nun, und zwar jetzt nicht abstrakt, sondern in lebendiger Empfindung weiß — und durch Geistesforschung lernt man das erst so richtig kennen - : Diese sinnliche Welt kannst du nur in ihrer ganzen inneren Wesenheit durch deine Sinne und durch den an das Gehirn gebundenen Verstand kennen lernen — dann wird unter diesem lebensvollen Sich-Entwickeln — nicht durch irgend eine Theorie, aber durch das, was das Leben in sich aufnimmt, unter dem Einfluß der Übungen, die dazu führen gerade unser lebendiges Interesse erweckt für alles Sinnenfällige; das Interesse für die kleinsten Kleinigkeiten in der Welt wird gesteigert. Nur ein bestimmtes Interesse - das muß man schon mitnehmen — wird immer geringer und geringer: das Interesse für dasjenige, was in der Sinneswelt schon als sogenanntes «Geistiges» erscheinen und in der Erscheinung selber, aus dieser Erscheinung heraus, Geistiges offenbaren soll. Man weiß, daß Geistiges ergriffen werden kann, wenn zuerst die Organe, die Geistesaugen und Geistesohren entwickelt werden -— um diesen Ausdruck Goethes zu gebrauchen. Man weiß, daß man sich zu der geistigen Welt erheben muß, und man weiß, daß in der Sinneswelt diese Sinneswelt aus sich selber heraus begriffen werden muß, daß sie dasteht als dasjenige, was durch die Sinneswelt erfaßt werden muß. Daher verliert man das Interesse für alle diejenigen Veranstaltungen, die aus der Sinneswelt selber das Geistige suchen. Und während gerade bei wahrer Geistesforschung das Interesse größer wird für alles, was sich in der geistigen Welt abspielt, schwindet völlig das Interesse in dem Sinn, wie es bei vielen für die geistige Welt bloß Sensationslüsternen und allerlei Abergläubischen und Wundergläubigen vorhanden ist. Das Interesse, sagen wir, an spiritistischen Veranstaltungen, an mediumistischen Darstellungen, schwindet vollständig dahin. Es interessiert den Geistesforscher nicht, weil er weiß, daß in diesen Dingen nur irgend etwas Abnormes zum Vorschein kommen kann, was ja in der Sinneswelt begründet ist, was aber nicht über die Sinneswelt hinaus in die wahre geistige Welt hineinführen kann. Gewiß, er kann sich interessieren, wie man sich für irgend eine 'Theatervorstellung interessiert, für irgend etwas, was sonst als Experiment in der Welt auftritt. Es soll auch nichts eingewendet werden gegen solche Veranstaltungen — selbstverständlich insofern sie nicht Schwindel sind -, daß sich dadurch allerlei sonst nicht ausdrückbare Naturzusammenhänge ausleben können. Aber es sind eben Naturzusammenhänge, und man weiß, daß man in nichts anderem lebt in diesen Dingen, als man auch lebt und webt mit den gewöhnlichen Sinnen, wenn das scheinbar auch noch so abnorm sein soll. Für alles das, was in dieses Gebiet, das ich eben berührt habe, gehört, schwindet, wie gesagt, das Interesse. Es wird zu einem bloßen Miterleben — nun, von allerlei Veranstaltungen. Und das gehört zu jedem wahren Geistesforscher, daß nicht der Aberglaube in ihm zunimmt, sondern daß der Aberglaube gerade mit Stumpf und Stiel ausgetrieben werde.
[ 22 ] Especially when one now knows—not in an abstract sense, but through a living sense of feeling—and it is only through spiritual research that one truly comes to know this: You can only come to know this sensory world in its entire inner essence through your senses and through the intellect connected to the brain—then, in the course of this vibrant self-development—not through any theory, but through what life takes in, under the influence of the exercises that lead to this—our living interest in everything perceptible is awakened; our interest in the smallest details of the world is heightened. Only one particular interest—and this is something one must already bring with oneself—becomes ever smaller and smaller: the interest in that which, in the sensory world, already appears as the so-called “spiritual” and is meant to reveal the spiritual in the phenomenon itself, out of that very phenomenon. We know that the spiritual can be grasped when first the organs—the eyes and ears of the spirit—are developed, to use Goethe’s expression. It is known that one must rise to the spiritual world, and it is known that in the sensory world, this sensory world must be grasped from within itself, that it stands there as that which must be apprehended through the sensory world. Therefore, one loses interest in all those endeavors that seek the spiritual from within the sensory world itself. And while, particularly in genuine spiritual research, interest grows in everything that takes place in the spiritual world, interest completely fades in the sense that it exists for many who approach the spiritual world merely out of a thirst for sensation and all manner of superstition and belief in miracles. Interest, let us say, in spiritualist séances and mediumistic performances, fades away completely. It does not interest the spiritual researcher because he knows that in these things only something abnormal can come to light—something that is rooted in the sensory world but cannot lead beyond the sensory world into the true spiritual world. Certainly, he may take an interest in them, just as one might take an interest in a theatrical performance or in something that otherwise appears in the world as an experiment. Nor should any objection be raised against such events—provided, of course, that they are not frauds—in that they allow all manner of natural connections, otherwise inexpressible, to play out. But these are simply natural connections, and one knows that in these things one lives in nothing other than what one also lives and experiences with the ordinary senses, however abnormal that may seem. As I said, interest is waning in everything that belongs to this realm I have just touched upon. It is becoming a mere witnessing of—well, all sorts of events. And it is part of being a true researcher of the spiritual realm that superstition does not increase within one, but rather that superstition is rooted out completely.
[ 23 ] Man könnte nun sehr leicht glauben — weil das möglich ist, muß es besonders berührt werden -—, daß der Mensch, der solches, wie ich das angedeutet habe, geistig erlebt- und er erlebt im Grunde nichts Geringeres als dasjenige in sich und in Verbindung mit der Welt, was er seine unsterbliche Seele nennen kann -, daß er nun eigentlich das Leben nach dem Tode vorausnehmen würde; daß er schon dasjenige erlebte, was dann nach dem Tode erlebt wird. In dieser abstrakten Form ist es nicht der Fall, und man muß schon genau denken über diese Dinge, wenn man sich von ihnen eine Vorstellung machen will. Dasjenige, was die Seele durchlebt nach dem Tode, oder sagen wir, vom Tode bis zur Geburt hin, erlebt man ungefähr so, wie wenn bewußt die Pflanze erleben würde alles das, was in ihrem Keime steckt, der alle Kräfte für die neue Pflanze darstellt. Man erlebt alles dasjenige, was notwendigerweise, wenn der Mensch durch den Tod durchgegangen ist, in der geistigen Welt durchgemacht werden muß, um das ganze Leben mit der neuen Leiblichkeit und den neuen Erlebnissen als ein neues Schicksal in dem kommenden Erdenwerden vorzubereiten. Es ist das Keimeswesen in uns, das geeignet ist, zwischen Tod und neuer Geburt dasjenige in der geistigen Welt zu erleben, was dann ein neues Erdenleben vorbereitet, so daß wir dann diejenige Leiblichkeit haben, die wir brauchen, um die Anlagen zu haben, die wir früher vorbereitet haben in uns, damit wir uns in diejenige Lage hineinbringen, in die wir versetzt werden müssen, wenn sich unser Schicksal unserem früheren Erdenleben gemäß erfüllen soll. Daß diese Anlage in uns liegt, das erleben wir. Dazu nun, dieses Erleben vor sich zu haben, die geistige Welt vor der eigenen Seele zu haben, dazu ist natürlich notwendig, die Erfahrungen selbst durchzumachen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, auf die man höchstens hinschauen kann, und die man im Wissen höchstens entwickeln kann, freilich in einem lebendigen Wissen, das innerliche Realität ist, während das Wissen von der Außenwelt, von der physischen Außenwelt, nur Gedankenbilder sind.
[ 23 ] One might very easily believe—and because this is possible, it must be specifically addressed—that a person who experiences such things spiritually, as I have indicated—and who, in essence, experiences nothing less than that which, within himself and in connection with the world, he can call his immortal soul—that such a person would, in fact, be anticipating life after death; that he has already experienced what is then experienced after death. In this abstract form, that is not the case, and one must think very carefully about these things if one wishes to form a conception of them. What the soul goes through after death—or, let us say, from death to birth—is experienced roughly as if a plant were consciously experiencing everything contained within its seed, which embodies all the forces for the new plant. One experiences everything that must necessarily be undergone in the spiritual world after a person has passed through death in order to prepare the entire life—with its new physicality and new experiences—as a new destiny in the coming earthly existence. It is the seed-being within us that is capable of experiencing in the spiritual world, between death and new birth, that which then prepares a new earthly life, so that we may then possess the physical form we need to have the predispositions we have previously prepared within ourselves, enabling us to place ourselves in the situation into which we must be placed if our destiny is to be fulfilled in accordance with our previous earthly life. We experience that this predisposition lies within us. Now, in order to have this experience before us—to have the spiritual world before our own soul—it is, of course, necessary to go through the experiences ourselves between death and a new birth, which we can at most look forward to and which we can at most develop in our knowledge—admittedly, in a living knowledge that is inner reality, whereas knowledge of the external world, of the physical external world, consists only of mental images.
[ 24 ] Sie sehen, ich müßte natürlich, um das, was ich nur angedeutet habe, noch genauer zu erörtern, viel, viel Zeit haben. Es wird das schon in kommenden Vorträgen geschehen können. Aber Sie sehen, es gibt einen gewissen bestimmten Weg, den man als den Weg der Geistesforschung bezeichnen kann und der dahin führt, ein innerlich anders geartetes Leben zu entwickeln, als das Leben der Seele in der äußeren, sinnlichen Wirklichkeit ist. Und in diesem Erleben ergreift die Seele sich selber so, daß sie in der innerlichen Kraft lebt und webt, die durch die Pforte des Todes geht.
[ 24 ] As you can see, I would, of course, need a great deal more time to discuss in greater detail what I have only touched upon here. I will be able to do so in future lectures. But as you can see, there is a specific path that can be described as the path of spiritual research, and it leads to the development of a life of a different inner nature than the life of the soul in the outer, sensory reality. And in this experience, the soul grasps itself in such a way that it lives and weaves within the inner power that passes through the gate of death.
[ 25 ] Wahr ist es, was Fichte nur erahnte, indem er sagte: Die Unsterblichkeit ist nicht erst da, wenn wir durch des Todes Pforte gegangen sind, sondern sie ist da, wenn wir auch noch im Leibe leben. Denn das Wesen, das durch den Tod geht, kann im Leibe erreicht werden von der menschlichen Erkenntnis. - Wodurch wird es erreicht? Auf eine merkwürdige Weise müssen wir uns aus der Geisteswissenschaft selbst heraus Vorstellungen machen, wodurch es erreicht wird.
[ 25 ] It is true what Fichte merely intuited when he said: Immortality does not begin only after we have passed through the gate of death, but it is already present while we still live in the body. For the being that passes through death can be reached by human knowledge while still in the body. - How is it attained? In a remarkable way, we must form concepts from within spiritual science itself as to how it is attained.
[ 26 ] Sie können ja die Frage aufwerfen: Wodurch kann der Mensch das alles, was jetzt geschildert worden ist als Ergebnis von Seelenübungen, erreichen? Wodurch können Seelenübungen zu so etwas führen? Sehen Sie, der Mensch klagt sehr häufig darüber — besonders dann, wenn er einen regen Erkenntnistrieb hat —, daß man die Wirklichkeit doch nicht ernstlich durchschauen könne, daß es Grenzen der Erkenntnis gebe. Wie oft habe ich auch in diesen Vorträgen hier auf das berühmte Ignorabimus des Da Bois-Reymond aufmerksam gemacht, wo gesagt wird, daß der Mensch ja bis zu einer Beobachtung der Weltenvorgänge und ihrer Grenzen kommen, aber nicht hineindringen könne in das Innere der Materie; daß er mit seinem Denken gleichsam nicht untertauchen könne in das Innere der Materie. Von aller Erkenntnis wird gesagt, daß eigentlich alle diese Erkenntniskräfte nicht ausreichen, um in die Natur völlig einzudringen.
[ 26 ] You might ask: How can a person achieve all that has just been described as the result of spiritual exercises? How can spiritual exercises lead to such a thing? You see, people very often complain—especially when they have a keen thirst for knowledge—that one cannot truly fathom reality, that there are limits to knowledge. How often have I also drawn attention here in these lectures to Da Bois-Reymond’s famous *Ignorabimus*, which states that a person can indeed observe the processes of the world and their limits, but cannot penetrate into the innermost essence of matter; that, so to speak, they cannot dive with their thinking into the innermost essence of matter. It is said of all knowledge that, in truth, all these faculties of cognition are insufficient to fully penetrate nature.
[ 27 ] Wenn man beginnt, die Seele innerlich so zu erkraften, wie es geschildert worden ist, da merkt man etwas ganz Bestimmtes. Da merkt man, wie es ungeheuer gut ist, daß für das äußere Erkennen solche Grenzen da sind. Denn wenn einen diejenigen Kräfte, die man zum äußeren Erkennen hat, dazu bringen würden, durch sich selber alle Natur zu durchschauen, so würden einen diese Kräfte verhindern, zu einer geistigen Erkenntnis zu kommen. Nur dadurch, daß man nicht alles, was in der Seele ist, verwenden kann zur äußeren Erkenntnis, bleibt einem etwas aufgespart, das man in der Weise, wie ich es auseinandergesetzt habe, entwickeln kann. Nur dadurch, daß die volle unsterbliche Seele nicht in das Leibesleben eingeht, sondern sich noch etwas zurückbehält, wodurch im äußeren Leibesleben nicht alles durchschaubar ist, bleiben Kräfte innerlich aufgespart, die dann in der geschilderten Weise entwickelt werden können. Indem wir durch die Geburt oder, sagen wir, durch die Empfängnis uns mit dem physischen Material, das von den Vorfahren gegeben wird, verbinden, behalten wir von der unsterblichen Seele so viel zurück, daß wir auf der einen Seite verhindert sind, im Leibesleben die volle Natur zu durchschauen, Hypothesen und allerlei machen müssen über das, was in der Natur lebt. Aber wir haben dadurch im Hintergrund in unserem Wesen Kräfte, die wir in uns entwickeln können und die uns auf eine geistige Art eben in eine geistige Welt hineingehen lassen. Die unsterbliche Seele lebt im Menschen. Damit sie leben kann, muß dem Menschen auf sinnliche Art manches entrückt sein. Das ist wiederum so ein wichtiger Zusammenhang, auf den man hinschauen muß.
[ 27 ] When one begins to strengthen the soul inwardly in the way that has been described, one notices something very specific. One realizes how immensely beneficial it is that such limits exist for external cognition. For if the powers one possesses for external perception were to lead one to penetrate the whole of nature through them alone, these very powers would prevent one from attaining spiritual knowledge. It is only because one cannot use everything that is in the soul for external perception that something is set aside for one to develop in the manner I have described. Only because the full, immortal soul does not enter entirely into bodily life, but retains a part of itself—so that not everything is transparent in external bodily life—are inner powers preserved that can then be developed in the manner described. By connecting ourselves through birth—or, let us say, through conception—with the physical material provided by our ancestors, we retain enough of the immortal soul that, on the one hand, we are prevented from fully comprehending nature during our physical life and must form hypotheses and make all sorts of assumptions about what exists in nature. But as a result, we possess forces in the background of our being that we can develop within ourselves and that allow us, in a spiritual way, to enter into a spiritual world. The immortal soul lives within the human being. In order for it to live, certain things must be withdrawn from the human being in a sensory sense. This, in turn, is another important connection that must be considered.
[ 28 ] Es gibt also eine Geistesforschung, die uns unmittelbar mit dem unsterblichen Wesen des Menschen bekannt macht. Diese Geistesforschung ist anderer Art als die äußerliche Forschung. Bei der äußerlichen Forschung kann man so bleiben, wie man ist. Das ist ja gerade das, was den Leuten so entspricht. Dieselben Fähigkeiten, die sie sich einmal erworben haben, die behalten sie bei, wenn sie ins Laboratorium hineingehen, wenn sie Versuche anstellen, und irgend etwas über die äußere Natur erfahren können. Und dann verlangen diese Menschen auch, daß der Geist ebenso erforscht werden solle, indem man dieselben Fähigkeiten beibehält. Man kann nicht an den Geist heran, wenn man sich nicht selber erst in sich geistig macht, das heißt, dasjenige in sich aufsucht, was in jeder Menschenseele ist, was aber erst zum Bewußtsein erhoben werden muß auf die beschriebene Art. — Aber es gibt vieles, vieles, was, ich möchte sagen, in der Gegenwart den Menschen noch die Wege verlegt, die sie zur Geisteswissenschaft führen können. Daher ist das Kapitel «Unsterblichkeitsfrage und Geistesforschung» heute noch ein so wenig anerkanntes, ein solches, auf das man sich so wenig einlassen will.
[ 28 ] There is, therefore, a form of spiritual research that directly familiarizes us with the immortal nature of the human being. This spiritual research is of a different nature than external research. In external research, one can remain exactly as one is. That is precisely what appeals to people. They retain the very same abilities they have already acquired when they enter the laboratory, conduct experiments, and learn something about the external world. And then these people also demand that the spirit be investigated in the same way, by retaining those same abilities. One cannot approach the spirit unless one first makes oneself spiritual within, that is, seeks within oneself that which is in every human soul, but which must first be raised to consciousness in the manner described. — But there is much, much that, I would say, still blocks the paths for people today that could lead them to spiritual science. That is why the chapter “The Question of Immortality and Spiritual Research” is still so little recognized today—a topic people are so reluctant to engage with.
[ 29 ] Sie können schon entnehmen aus dem, was ich gesagt habe, daß es notwendig ist, daß der Mensch gerade auf eine feine innerliche Art im Denken weben und leben lernt. Das heißt, er muß, wenn er ein Geistesforscher wird, nicht ein geringerer Denker werden, als diejenigen sind, die da glauben, sagen wir trivial, das Denken mit dem Löffel gegessen zu haben, die da behaupten, sie stehen auf dem festen Boden der äußeren Naturwissenschaft, der gar nicht im geringsten angefochten werden soll, — sondern man muß gerade eine größere Feinheit des Denkens ausbilden. Die liebt man in der Gegenwart nicht. In der Gegenwart liebt man es gerade, jenes, ich möchte sagen, handgreifliche Denken zu entwickeln, das sich auf Feineres, das in der Welt lebt und webt, gar nicht einläßt.
[ 29 ] You can already gather from what I have said that it is necessary for a person to learn to weave and live in thought in a particularly subtle, inner way. That is to say, if one becomes a researcher of the spirit, one must not become a lesser thinker than those who believe—let us say, trivially—that they have “eaten thinking with a spoon,” who claim to stand on the firm ground of external natural science, which is not to be challenged in the least—but rather, one must develop a greater subtlety of thought. Such thinking is not valued in the present day. In the present day, people prefer to develop what I might call a “tangible” way of thinking that does not engage at all with the more subtle forces that live and weave throughout the world.
[ 30 ] Ich tue es nicht gern: anknüpfen an etwas Persönliches, und diejenigen der verehrten Zuhörer, die oftmals in diesen Vorträgen waren, werden wissen, daß ich es eigentlich vermeide, auf all das einzugehen, was aus der äußeren Welt an Gegnerschaft und an allerlei Verkennungen gegenüber dem, was ich hier als Geisteswissenschaft vertrete, sich geltend macht, — daß ich darüber am liebsten hinweggehe, davon gar nicht rede. Allein, wenn immer wieder und wiederum Dinge kommen, die dann doch wirken, die geglaubt werden, dann schaden sie der Sache. Persönlich möchte ich am liebsten über diese Dinge überhaupt nicht reden, aber der Sache wird geschadet, weil ja bedrucktes Papier heute noch immer eine ungeheuere Autorität ist, weil es noch immer ungeheuer wirkt. Und so muß man schon manchmal um der Sache willen, wenn sich durch irgend ein Thema der Anlaß bietet, darauf eingehen, was der Geisteswissenschaft entgegensteht. Entgegensteht ihr das grobe Denken, das ja deshalb, weil es sich nicht einlassen kann auf feineres Weben im Gedankenleben, gar nichts anderes sehen kann als eine Phantasterei, als eine Spintisiererei in dem, was von der Geisteswissenschaft als der richtige geistesforscherische Weg angegeben wird. Dafür eben ein Beispiel. Und, wie gesagt, verzeihen Sie, wenn es ein an Persönliches anknüpfendes Beispiel ist, aber ich meine es ja nur insofern, als es sich der Geisteswissenschaft entgegenstellt, was dadurch wie in einer typischen Erscheinung zum Ausdruck kommt.
[ 30 ] I don’t like doing this: to bring up anything personal, and those among my esteemed audience who have often attended these lectures will know that I actually avoid addressing all the opposition and various misunderstandings from the outside world regarding what I represent here as spiritual science—that I prefer to gloss over these matters and not speak of them at all. However, when certain things keep coming up again and again—things that do have an effect and are believed—they harm the cause. Personally, I would prefer not to speak about these things at all, but the cause is harmed because printed matter still carries immense authority today, because it still has an immense impact. And so, for the sake of the cause, when a particular topic provides the occasion, one must sometimes address what stands in the way of spiritual science. It is opposed by crude thinking, which—precisely because it cannot engage in the finer weaving of the thought life—can see nothing at all other than fantasy or fanciful speculation in what spiritual science designates as the correct path of spiritual research. Here is an example of that. And, as I said, please forgive me if this is an example tied to something personal, but I mean it only insofar as it stands in opposition to spiritual science, which is expressed through it as a typical manifestation.
[ 31 ] Da habe ich in einer gewissen Stadt vorgetragen über die Beziehungen, die im Wesen der einzelnen europäischen Völker herrschen, Beziehungen, die ich, wie sehr viele Zuhörer wissen, lange bevor dieser Krieg etwa die Veranlassung gegeben hat darüber zu sprechen, auch schon vorgetragen habe; Erkenntnisse, die ganz ohne Beziehung auf diesen Krieg gefunden worden sind, die sich aber so, wie sie dargestellt werden, eigentlich einleuchtend ergeben müssen. Denn wenn nun im Verlauf der Vorträge, die jetzt oftmals verbunden werden mit den geisteswissenschaftlichen Vorträgen, gesagt wird: die Völker des Westens, die Völker der europäischen Mitte, die Völker des Ostens unterscheiden sich durch das oder jenes, - man sollte glauben, daß eigentlich kein vernünftiger Mensch darauf kommen könnte, etwas anderes zu sagen als: Nun ja, der mag sich ja in bezug auf einzelne Eigenschaften irren, aber Unterschiede gibt es doch wahrhaftig. Es gibt doch nun wirklich verschiedene Charaktereigenschaften, andere bei den Deutschen, andere bei den Russen. Dieses abzuleugnen, kann doch nur dem allergröbsten Denken entspringen. Und dennoch, ich habe, wie gesagt, in einer gewissen Stadt auch darüber vorgetragen. Schon in einem Tagblatt der betreffenden Stadt ist gerade das in der abfälligsten Weise besprochen und gesagt worden, daß gleichsam nur aus dem Krieg heraus diese Unterschiede konstruiert worden seien. Aber darüber könnte man hinweggehen, nach dem Beispiel, das ich neulich angeführt habe dafür, was auf diesem Gebiet geleistet wird. Aber nun denken Sie, damit war es einem Manne nicht genug, sondern der Mann hat sich sogar an eine Zeitschrift gewandt, und in einer Zeitschrift wird abgedruckt, was damals in dem Tagblatt erschienen ist, und daran die folgende nette Bemerkung geknüpft: «Der Vorwurf des Referenten» — also des Kritikers des Tagblattes der betreffenden Stadt -, «aus der gegenwärtigen Mächte-Konstellation gegensätzliche Kulturen rekonstruiert zu haben, trifft Steiner mit Recht. Es ist mir beim besten Willen nicht möglich, wie Steiner einen Wesensunterschied zwischen mitteleuropäischer und west- und osteuropäischer Kultur wahrzunehmen. Meines Erachtens ist die europäische Kultur ihrem Wesen nach vollkommen gleich.» Und so geht es weiter. Dies ist in einer mitteleuropäischen Zeitschrift erschienen. Sie können daran sehen, was für ein grobes Denken der Geisteswissenschaft als solcher gegenübersteht. Denn das, was ich Ihnen hier vorgelesen habe, ist in einem ausführlichen Artikel, der durch mehrere Nummern durchgeht, weiter ausgeführt. Der Gedanke, — nun, ich brauche ihn nur anzudeuten, dann werden Sie sehen, wie grob das Denken eines solchen Menschen ist: «Auch das intellektuelle Leben hat sich in dieser Richtung entwickelt und geht in diesem Streben auf. Die wilde Gier des europäischen Kulturmenschen nach dem Besitze irdischer Güter würde in einem raubtierartigen Kampf aller gegen alle ausarten, würden die Individuen nicht in eiserne Staatsformen gezwängt.» Also nicht einmal das bemerkt dieses grobe Denken, wie diese «eisernen Staatsformen» zunächst mehr beteiligt sind an demjenigen, was sich in diesem Kriege abspielt. Mit solchem Denken hat man es zu tun. Solches Denken steht gegenüber dem, was gefordert werden muß gegenüber einer Erkenntnis einer solchen Frage, und so auch der Frage nach der Seelenunsterblichkeit. Und solches erscheint nicht in einer materialistischen Zeitschrift, sondern in einer Zeitschrift - sie trägt sogar die Überschrift «42. Jahrgang» -, die sich «Psychische Studien» nennt. Daß ich nicht aus persönlicher Kränkung das ausspreche, was ich eben ausgesprochen habe, das kann ich Ihnen aus der Zeitschrift selber beweisen. Sie wissen, oder wenigstens sehr viele wissen, daß ich die Hauptgedanken, die dieser Herr hier in einer solchen Weise abkanzelt, in einer kleinen Schrift behandelt habe. Diese Schrift heißt «Gedanken während der Zeit des Krieges». In dieser Schrift stehen, wenn auch vielleicht in populärer Weise, genau dieselben Gedanken, wenigstens aus demselben Geiste, aus derselben Gesinnung heraus geschrieben. Noch in der Nummer, in der der Aufsatz steht, von dem ich Ihnen eben die charakteristischen Stellen vorgelesen habe, steht eine Rezension dieser Schrift «Gedanken während der Zeit des Krieges». In dieser Rezension wird die Schrift außerordentlich gelobt und gezeigt, wie verdienstvoll es ist, solche Gedanken zu äußern. Mir ist selbstverständlich, wenn ich gelobt werde, ebenso gleichgültig, wie wenn ich getadelt werde. Aber ich muß dasjenige, was schon einmal in der Zeitenbildung lebt, charakterisieren, damit nicht immer wieder und wiederum, wenn da und dort Schmähschriften auftauchen, einfach durch die suggestive Kraft dessen, was mit Druckerschwärze auf schmutziges Papier gekleckst ist, geglaubt werde, da das für diejenigen, die sonst vielleicht den Weg zur Geistesforschung finden könnten, doch immer eine Art von Hindernis bildet. Auf das Groteske der Erfahrung, die man in einer solchen Weise in unserer Zeit machen kann, muß man schon hinweisen. Und nur aus diesem Grunde ist es auch, um Geisteswissenschaft gewissermaßen frei zu halten auf dem Boden, auf dem sie ist, in dem Lichte frei zu halten, in dem sie als wahre, echte, ehrliche Geisteswissenschaft erscheinen muß. Um sie in diesem Lichte frei zu erhalten, muß ich auch noch anderes berühren.
[ 31 ] There, in a certain city, I gave a lecture on the relationships that exist within the nature of the individual European peoples—relationships that, as many in the audience know, I had already discussed long before this war provided the occasion to speak about them; insights that were arrived at entirely independently of this war, but which, as they are presented, must actually seem self-evident. For when, in the course of these lectures—which are now often combined with the lectures on the humanities—it is said that the peoples of the West, the peoples of Central Europe, and the peoples of the East differ in this or that respect, one would think that no reasonable person could possibly say anything other than: “Well, yes, he may well be mistaken regarding individual characteristics, but differences do indeed exist. There really are different character traits—some among the Germans, others among the Russians. To deny this can only stem from the crudest kind of thinking. And yet, as I said, I also gave a lecture on this topic in a certain city. In a daily newspaper from that very city, this was discussed in the most disparaging manner, with the claim that these differences had been fabricated, as it were, solely out of the war. But one could overlook that, following the example I recently cited regarding what is being accomplished in this field. But now consider this: that was not enough for one man; instead, the man even turned to a magazine, and the magazine reprinted what had appeared in the daily newspaper at the time, adding the following charming remark: “The accusation made by the reviewer”—that is, the critic of the daily newspaper in the city in question—“that Steiner has reconstructed opposing cultures out of the current constellation of powers is rightly directed at him. With the best will in the world, I am unable, like Steiner, to perceive a fundamental difference between Central European culture and Western and Eastern European culture. In my opinion, European culture is, in its essence, completely uniform.” And so it continues. This appeared in a Central European journal. You can see from this what kind of crude thinking the science of the spirit as such is up against. For what I have read to you here is elaborated upon in a detailed article that spans several issues. The idea—well, I need only hint at it, and you will see how crude the thinking of such a person is: “Intellectual life, too, has developed in this direction and is absorbed in this striving. The wild greed of the cultured European for the possession of earthly goods would degenerate into a predatory struggle of all against all, were individuals not forced into iron-fisted forms of government.” So this crude line of thinking does not even notice how these “iron state structures” are, in the first place, more deeply involved in what is taking place in this war. This is the kind of thinking we are dealing with. Such thinking stands in opposition to what must be demanded—an understanding of such a question, and likewise the question of the immortality of the soul. And such thinking does not appear in a materialist journal, but in a journal—which even bears the heading “42nd Volume”—called *Psychische Studien* (*Psychic Studies*). I can prove to you from the journal itself that I am not speaking out of personal resentment when I say what I have just said. You know—or at least many of you know—that I have addressed the main ideas that this gentleman here is dismissing in such a manner in a short work. This work is titled *Thoughts During the War*. In this work, though perhaps written in a popular style, are precisely the same ideas—or at least written in the same spirit and with the same mindset. In the very same issue containing the essay from which I just read you the key passages, there is a review of this pamphlet, “Thoughts During the Time of War.” In this review, the pamphlet is highly praised, and the review highlights how commendable it is to express such thoughts. Of course, I am just as indifferent to praise as I am to criticism. But I must characterize that which already lives in the spirit of the times, so that whenever defamatory writings appear here and there, people do not simply believe them due to the suggestive power of what has been smeared in printer’s ink onto dirty paper—for this always constitutes a kind of obstacle for those who might otherwise find their way to spiritual research. One must certainly point out the grotesque nature of the experience one can have in this way in our time. And it is for this reason alone that we must, so to speak, keep spiritual science free on the ground where it stands, keep it free in the light in which it must appear as true, genuine, and honest spiritual science. To keep it free in this light, I must also touch upon other matters.
[ 32 ] Ich habe ja schon aufmerksam gemacht im vorletzten Vortrage, wo ich über Mißverständnisse, die der Geisteswissenschaft entgegengebracht werden, gesprochen habe, auch in dem Vortrage «Gesundes Seelenleben und Geistesforschung», daß der Geistesforschung nicht nur dasjenige entgegensteht, was von der mehr oder weniger materialistisch gesinnten Seite her kommt. Auf dieser Seite ist ja außerordentlich schwer etwas zu erreichen aus dem Grunde, weil die Dinge, die von dieser Seite vorgebracht werden, so furchtbar einleuchtend sind. Wenn ich irgend etwas charakterisiere, wie diese Zeitschrift, so tue ich es nur gezwungen. Wenn ich etwas im Ernste bekämpfe, so wende ich mich an solche, die ich eigentlich hoch schätze, die ich eigentlich hochstelle. So schätze ich auch hoch den eigentlichen Vater, möchte ich sagen, des neuzeitlichen Materialismus, Lamettrie, Das ist ein scharfsinniger Mann, und seine Gründe sind einleuchtend. Aber man kann eben das Einleuchtende dieser Gründe anerkennen, man kann sie geltend machen und man müßte doch, wenn daneben der geistesforscherische Weg geltend gemacht wird, die Bedeutung und das Wesen dieses geistesforscherischen Weges neben der Geltung dessen, was von materlalistischer Seiteher kommt, anerkennen. Lamettrie ist, wie gesagt, ein scharfsinniger Mann, und er hat in seinem Buche «Der Mensch eine Maschine» alles zusammengestellt, was nachweisen kann, wie der Mensch abhängig ist von seiner Leiblichkeit. Nun könnte es aussehen, als ob Geisteswissenschaft alle Veranlassung hätte, solchen Dingen zu widersprechen. Nein, sie stimmt allem zu, wie ich sogar bewiesen habe in meinem letzten Vortrage, in einem energischeren Sinne, als die Materialistik selber. Denn es ist ja leicht einleuchtend und unwiderleglich, wenn Lamettrie aufmerksam macht, wie der Mensch abhängig ist in seiner Seelenverfassung von dem, was er ist. Selbstverständlich ist es sehr leicht zu beweisen, weil es so furchtbar einleuchtend ist, daß der Mensch abhängig ist davon, ob ihm irgend etwas schmeckt, ob ihm irgend etwas gut bekommt. Denken Sie an die Stimmung der Seele, die daraus hervorgeht. Lamettrie beschreibt das alles, und dadurch hat er im Grunde vorausgenommen all das, was über diese Sache gesagt werden kann. Ist es nicht höchst interessant — gerade in einer heutigen Zeit kann man das vorlesen -, was Lamettrie gesagt hat in seinem Buche «Der Mensch eine Maschine», weil es, wenn man es an einem anderen Orte vorlesen würde, keinen guten Eindruck machen würde. Aber hier in Mitteleuropa darf diese Stelle vielleicht mit einer größeren Gelassenheit als in Westeuropa vorgelesen werden. Da will Lamettrie nachweisen, was der Mensch eigentlich ist - wirklich nachweisen, wie der Mensch in bezug auf seine Seelenstimmung, ja in bezug auf seinen Charakter, auf das, was seelisch in ihm lebt, abhängt von dem, was er ißt, was seine Nahrung ist. Und da sagt Lamettrie — aber es ist wie gesagt mehr als ein Jahrhundert her, seitdem es gesagt worden ist —, da sagt Lamettrie in seinem Buch «Der Mensch eine Maschine»: «Das rohe Fleisch macht die Tiere wild; die Menschen würden es durch dieselbe Nahrung werden. Wie wahr das ist» — sagt Lamettrie, der Franzose —, «sieht man daran, daß die englische Nation, die das Fleisch weniger gekocht als wir, es ganz roh und blutig ißt, eine Wildheit zeigt, die zum Teil durch jene Nahrungsmittel hervorgebracht wird, zum Teil freilich auch durch andere Ursachen, welche nur die Erziehung unterdrücken kann. Diese Wildheit bringt in der Seele Hochmut, Haß, Verachtung anderer Nationen, Unlenksamkeit und andere Gefühle hervor, die den Charakter verderben, wie die groben Nahrungsmittel einen schwerfälligen und plumpen Geist erzeugen, dessen Haupteigenschaften Faulheit und Stumpfsinn sind.» Es ist vielleicht gerade in Mitteleuropa nicht uninteressant, das Urteil eines Franzosen, wenn es auch schon mehr als hundert Jahre alt ist, über die Engländer zu hören, damit man sieht, wie sich die Verhältnisse ändern und wie nicht immer in gleicher Weise von da und dort her und da und dort hin empfunden und gedacht worden ist, Dieser selbe Lamettrie sagt auch andere Dinge, die ganz selbstverständlich sind, so zum Beispiel sagt er - und er glaubt damit alles dasjenige abweisen zu müssen, was etwa aus dem Geiste heraus über den Geist gesagt werden kann -, er sagt zum Beispiel: «Eine kleine Faser würde aus Erasmus und Fontenelle zwei Toren gemacht haben.» Man kann das selbstverständlich zugeben und dennoch auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehen, so wie es heute charakterisiert worden ist. Denn es gilt noch viel mehr, was man zugeben kann und was dennoch die Geistesforschung nicht erschüttern wird. Nehmen wir einmal an, wenn nur ein kleines Fäserchen bei jenem Erasmus anders wäre, so würde das bedingen, von der reinen Leiblichkeit aus, daß sein Leben statt das eines Genies vielleicht das eines Tropfes geworden wäre. Nun aber, wenn es so gekommen wäre, daß die Mutter, als er noch nicht geboren worden war, von einem Banditen ermordet und Erasmus noch vor der Geburt getötet worden wäre, — was wäre denn dann mit der Seele des Erasmus geworden? Solche Dinge zu durchschauen, das vermag schon noch der wahre Geistesforscher. Denn das scheint noch zwingender zu sein, daß der Mensch von der Materie abhängig ist; denn es hätte ja nur der Fall zu sein brauchen, er wäre als kleiner Junge gestorben, dann wäre er nicht da.
[ 32 ] I have already pointed out in the penultimate lecture—in which I spoke about the misunderstandings directed at spiritual science—as well as in the lecture “A Healthy Soul Life and Spiritual Research,” that spiritual research faces opposition not only from those with more or less materialistic views. It is, of course, extremely difficult to achieve anything on that side for the reason that the arguments put forward by that side are so terribly convincing. When I characterize something, such as this journal, I do so only reluctantly. When I seriously oppose something, I address those whom I actually hold in high esteem, whom I actually hold in high regard. I also hold in high esteem the actual father, I might say, of modern materialism, Lamettrie. He is a shrewd man, and his arguments are convincing. But one can certainly acknowledge the plausibility of these arguments; one can assert them—and yet, when the spiritual-scientific path is also asserted, one must acknowledge the significance and essence of this spiritual-scientific path alongside the validity of what comes from the materialist side. Lamettrie, as I said, is a shrewd man, and in his book *Man as a Machine* he has compiled everything that can demonstrate how human beings are dependent on their physicality. Now it might appear as though spiritual science would have every reason to contradict such things. No, it agrees with all of this—as I even demonstrated in my last lecture—in a more emphatic sense than materialism itself. For it is, after all, readily apparent and irrefutable when Lamettrie points out how a person’s mental state depends on what they are. Of course, it is very easy to prove—because it is so terribly obvious—that a person’s state of mind depends on whether they enjoy a certain food or whether it agrees with them. Think of the mood of the soul that arises from this. Lamettrie describes all of this, and in doing so, he has essentially anticipated everything that can be said on this subject. Isn’t it highly interesting—especially in this day and age, when one can read this aloud—what Lamettrie said in his book *Man a Machine*, because if it were read aloud in another place, it would not make a good impression. But here in Central Europe, this passage may perhaps be read aloud with greater composure than in Western Europe. Lamettrie seeks to demonstrate what a human being actually is—truly to demonstrate how a human being, in terms of the state of their soul, indeed in terms of their character, and in terms of what lives within them spiritually, depends on what they eat, on their food. And there Lamettrie says—though, as mentioned, more than a century has passed since it was said—there Lamettrie says in his book *Man a Machine*: “Raw meat makes animals wild; humans would become so through the same food. ‘How true this is’—says Lamettrie, the Frenchman—‘can be seen from the fact that the English nation, which eats meat less cooked than we do, consuming it quite raw and bloody, displays a savagery that is partly brought about by that diet, and partly, of course, by other causes that only education can suppress. This savagery gives rise in the soul to arrogance, hatred, contempt for other nations, unruliness, and other feelings that corrupt the character, just as coarse food produces a sluggish and clumsy mind, whose main characteristics are laziness and dullness.” It is perhaps particularly interesting in Central Europe to hear a Frenchman’s judgment—even if it is more than a hundred years old—on the English, so that one may see how circumstances change and how perceptions and thoughts have not always been the same, coming from here and there and going here and there, This same Lamettrie also says other things that are quite self-evident; for example, he says—and in doing so, he believes he must reject everything that can be said about the spirit from the perspective of the spirit itself—he says, for instance: “A single thread would have turned Erasmus and Fontenelle into two fools.” One can, of course, concede this and still stand on the ground of spiritual science, as it has been characterized today. For there is much more that one can concede and that will nevertheless not shake the foundations of spiritual science. Let us suppose, for a moment, that if just one tiny fiber in that Erasmus had been different, this would have meant—from the standpoint of pure physicality—that his life, instead of that of a genius, might have become that of a nobody. But now, if it had happened that his mother had been murdered by a bandit before he was born, and Erasmus had been killed even before birth—what would have become of Erasmus’s soul then? The true spiritual researcher is still capable of seeing through such things. For it seems even more compelling that human beings are dependent on matter; after all, it would have been enough for him to have died as a young boy, and then he would not be here.
[ 33 ] Daß die Geistesforschung irgend etwas zu leugnen hätte, was von dieser Seite her kommt, das sollten ja diejenigen nicht glauben, welche mit ihren stumpfen Erwägungen der Geistesforschung in den Weg treten wollen. Aber auf diesem Boden sieht man gerade heute noch recht Unklares, Ungenaues. Daran hat das charakterisierte grobe Denken in erster Linie Anteil; anderes noch hat Anteil: das hat noch Anteil, daß die Geisteswissenschaft zu leiden hat nicht nur von denen, die ihr also entgegentreten, sondern es hat die Geisteswissenschaft gerade auch von denen zu leiden, die oftmals von irgend welcher Seite her ja gerade Bekenner einer gewissen geisteswissenschaftlichen Richtung sein wollen und die wiederum zusammenhängen mit allerlei merkwürdigen Gesellschaftselementen auch der Gegenwart. Und dadurch wird Geisteswissenschaft mit allerlei Zeug von denjenigen, die nicht zu unterscheiden wissen — ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, aber ich muß heute mit Bezug auf etwas anderes noch darauf eingehen -, mit anderem zusammengeworfen. Geisteswissenschaft baut nicht — wie Sie ja ersehen können aus einer Eigenschaft meiner Vorträge, die oftmals getadelt wird, nämlich daß sie zu schwer seien -, Geisteswissenschaft baut nicht auf die leichtgläubige Menge, baut nicht auf diejenigen, die bequemen Sinnes irgend eine Überzeugung bekommen wollen, baut nicht auf diejenigen Menschen, die wie im 'Traume durchs Leben gehen und alles glauben, was ihnen nur durch ihre gewiß subjektive Überzeugungskraft übermittelt wird. Geisteswissenschaft baut nicht auf dasjenige, was in der Welt des Aberglaubens lebt, und weil gewisse Dinge in der Offentlichkeit auf materialistischer Seite mit Recht als Unfug besprochen werden, muß schon einmal auch in der Geisteswissenschaft selbst eine scharfe Grenze gezogen werden zwischen der ehrlichen, wahren Geistesforschung, die nur der Wahrheit folgt, und demjenigen, was sich so gerne oftmals an ihre Rockschöße knüpft und was von einer Seite herkommt, wo man mit dem Aberglauben der Menschheit rechnet, der ebenso vorhanden ist wie das Pochen auf das eigne Urteil; wo man den Menschen alles mögliche vormacht, weil man heute noch Menschen genug findet, die alles mögliche glauben, wenn es ihnen nur aus einer angeblichen Geisteswelt — unbekannt woher — verkündet werden soll. Was von dieser Seite her mit Geisteswissenschaft verwechselt werden kann — wie gesagt, es muß darauf aufmerksam gemacht werden, um es abzuschütteln —, damit hat wahre Wissenschaft, und das ist Geisteswissenschaft, wenig zu tun.
[ 33 ] Those who, with their dull reasoning, seek to stand in the way of spiritual research should not believe that spiritual research has anything to deny that comes from this direction. But in this area, even today, one still encounters quite a bit that is unclear and imprecise. The crude thinking described above is primarily to blame for this; and there is another factor: spiritual science suffers not only from those who oppose it in this way, but also from those who, coming from various quarters, wish to present themselves as adherents of a certain spiritual scientific movement and who, in turn, are connected to all sorts of peculiar social elements, even in the present day. And as a result, spiritual science is lumped together with all sorts of nonsense by those who cannot distinguish between them—I have already drawn attention to this, but today I must address it again in connection with something else. Spiritual science does not—as you can see from a characteristic of my lectures that is often criticized, namely that they are too difficult— Spiritual science does not rely on the gullible masses; it does not rely on those who, out of laziness of mind, want to acquire some kind of conviction; it does not rely on those people who go through life as if in a dream and believe everything that is conveyed to them solely through their own, admittedly subjective, power of conviction. Spiritual science does not rely on what thrives in the world of superstition, and because certain things are rightly dismissed as nonsense in public discourse on the materialist side, a sharp line must be drawn even within spiritual science itself between honest, true spiritual research, which follows only the truth, and that which so often likes to cling to its coattails—coming from a camp that counts on humanity’s superstition, which is just as present as the insistence on one’s own judgment; where people are led to believe all sorts of things because there are still enough people today who will believe anything, provided it is proclaimed to them from a supposed spiritual world—of unknown origin. What can be confused with spiritual science from this side—as I said, attention must be drawn to this in order to shake it off—has little to do with true science, which is spiritual science.
[ 34 ] Ich will nur auf einzelnes hinweisen, weil jetzt gerade auf materialistischer Seite diese Dinge öffentlich besprochen werden und ganz gewiß unter dem Einfluß der schwerwiegenden ernsten Zeitereignisse immer mehr und mehr werden besprochen werden. Ich will zeigen, wie unrecht diejenigen haben, die Geisteswissenschaft mit irgend einer Form, sei es des gewöhnlichen, sei es des höheren Aberglaubens, zusammenbringen, jenes höheren Aberglaubens, der allerlei Ziele in der Welt verfolgt und eigentlich nur im Grunde so wirkt, daß er zunächst die Menschen in die Welt stellt, die höhere Anlagen, eine hellsichtige Begabung haben sollen. Wahres Hellsehen besteht in dem, was oftmals und heute wiederum geschildert worden ist. Aber das, was die Leute heute Hellsehen nennen, ist eigentlich untersinnlich, ist aber oftmals auch nur erschwindelt. Aber da rechnen wir eben nicht mit dem, was im Untergrunde steht, sondern mit der Wirkung. Darum muß man rechnen mit dem, was das erschwindelte Hellsehen mit dem Aberglauben zu machen in der Lage ist. Und da ist es möglich, daß allerlei unlautere Bestrebungen, Strömungen auftreten, wo man ganz etwas anderes erreichen will als dasjenige, was etwa auf dem Gebiete der Wahrheit liegt. Dasjenige, was die Menschen wissen müssen, was dadurch erreicht wird, ist, daß man zuerst — erlauben Sie den harten Ausdruck die Menschen dumm macht, sie benebelt, indem man ihnen allerlei Okkultismen vorführt, was auf ihren Aberglauben wirkt, und mit den dummgemachten Menschen dann allerlei Dinge ausführt, die durchaus nicht auf das Gebiet der Lauterkeit und Ehrlichkeit gehören. Geisteswissenschaft hat ebenso den Beruf und die Notwendigkeit, auf diese Auswüchse des modernen Lebens hinzuweisen, wie der Materialismus. Und wenn sie dem Materialismus auf seinem Gebiete recht gibt in solchen Fällen, wie ich es bei Lamettrie gezeigt habe, so darf sie ihm auch recht geben, wenn er sich wendet gegen alle Auswüchse eines scheinbaren GeistErlebens, das aber nichts anderes ist als das Leben in dem blinden Aberglauben.
[ 34 ] I would like to point out just a few things, because these matters are currently being discussed publicly, particularly among materialists, and will certainly be discussed more and more as we are influenced by the grave and serious events of our time. I want to show how wrong those are who equate spiritual science with any form of superstition—whether ordinary or higher—that higher superstition which pursues all manner of goals in the world and, in essence, functions only to place into the world those individuals who are supposed to possess higher aptitudes or clairvoyant gifts. True clairvoyance consists of what has often been described, and is being described again today. But what people today call clairvoyance is actually subsensory—and is often merely a sham. But here we are not dealing with what lies beneath the surface, but with the effect. That is why one must reckon with what this feigned clairvoyance is capable of doing in conjunction with superstition. And it is possible that all sorts of dishonest endeavors and currents will arise, where the aim is something entirely different from what lies, for example, in the realm of truth. What people need to know—what this achieves—is that, first of all—if you’ll pardon the harsh expression—it makes people stupid, it clouds their minds by presenting them with all sorts of occultism that appeals to their superstition, and then, with these people rendered stupid, all sorts of things are carried out that have absolutely no place in the realm of integrity and honesty. Spiritual science has just as much a duty and necessity to point out these excesses of modern life as materialism does. And if it agrees with materialism in its own domain in cases such as the one I have shown with Lamettrie, then it may also agree with materialism when it turns against all the excesses of a so-called spiritual experience that is, in fact, nothing other than a life lived in blind superstition.
[ 35 ] Da erschien 1912 ein Almanach, ein Jahrbuch, herausgegeben von einer Persönlichkeit, die in einer Stadt des Westens als eine höhere Hellseherin verehrt wird von vielen, die eben in der Weise benebelt werden, wie es eben erzählt worden ist. 1912 auf 1913, also im voraus, erschien dieses Jahrbuch. In diesem Jahrbuch, erschienen 1912 für 1913, findet sich über Österreich folgende Notiz: «Derjenige, der in Österreich zur Regierung bestimmt ist, wird nicht regieren. Regieren wird ein junger Mann, der vorläufig zur Regierung noch nicht bestimmt ist.»
[ 35 ] In 1912, an almanac—a yearbook—was published by a figure who is revered in a city in the West as a high-ranking clairvoyant by many who are deluded in precisely the manner just described. This yearbook was published in 1912 for the year 1913—that is, in advance. In this yearbook, published in 1912 for 1913, the following note regarding Austria can be found: “The one who is destined to govern Austria will not govern. A young man who has not yet been designated to govern will take the reins.”
[ 36 ] Und mit noch größerer Deutlichkeit wird im Almanach für 1914, der schon 1913 erschienen ist, auf diese Sache zurückgekommen. Es kann leichtgläubige Menschen geben, die nichts mehr und nichts weniger glauben als: da habe sich eine große Prophetie erfüllt, denen gar nicht in ihrem blinden Glauben klar zu machen ist, daß hier unlautere, in der europäischen Welt lebende Strömungen gewirkt haben, welche den Aberglauben und allerlei dunkle Okkultismen benützt haben, um irgend etwas in die Welt hineinzubringen. Wie das zusammenhängt mit allerlei unterirdischen Strömungen, das kann derjenige übersehen, der berücksichtigt, daß ein Pariser Blatt, «Paris am Mittag», lange, lange vor den gegenwärtigen Wirren und ungefähr gleichzeitig mit dem Erscheinen der eben besagten Notiz in dem gekennzeichneten Almanach einer angeblichen Hellseherin — ein Pariser Blatt, das nun durchaus nicht Anspruch darauf macht, irgendwie okkultistisch zu sein, sondern das sich vergleichen läßt mit anderen Blättern, die am Mittag erscheinen, — daß dieses Blatt eben auch lange Monate vorher es als seinen Wunsch ausgedrückt hat, daß der österreichische Erzherzog Franz Ferdinand ermordet werden möge. Da wird man schon auf gewisse unterirdische Zusammenhänge kommen. Und dieses selbe Blatt hat bei der Besprechung der dreijährigen Dienstzeit geschrieben: Unter den Allerersten, die ermordet werden, wenn es zu einer Mobilisierung kommen soll, wird Jaurès sein.
[ 36 ] And the 1914 Almanac, which was published as early as 1913, returns to this matter with even greater clarity. There may be gullible people who believe nothing more and nothing less than that a great prophecy has been fulfilled—people to whom, in their blind faith, it is impossible to make clear that dishonest forces active in the European world have been at work here, forces that have used superstition and all manner of dark occultism to bring something into the world. Anyone who considers that a Parisian newspaper, “Paris at Noon,” long, long before the current turmoil and roughly at the same time as the appearance of the aforementioned note in the aforementioned almanac by a supposed clairvoyant—a Parisian newspaper that by no means claims to be occult in any way, but which can be compared to other newspapers published at noon, —that this very newspaper had, months earlier, expressed its hope that the Austrian Archduke Franz Ferdinand might be assassinated. This inevitably leads one to suspect certain hidden connections. And this same newspaper, in its discussion of the three-year term of service, wrote: “Jaurès will be among the very first to be assassinated if mobilization should occur.”
[ 37 ] Dieselbe Persönlichkeit, die jenen Almanach erscheinen läßt, ist in den ersten Augusttagen 1914 nach Rom gereist, um dort gewisse Leute zu beeinflussen, die eben solchem Einflusse zugänglich sind, nach einer Richtung hin, von der ich nicht sagen will, daß sie mit den Hauptursachen der Stellung Italiens verknüpft ist, die aber schon gewirkt hat in dieser Sache.
[ 37 ] The same person who publishes that almanac traveled to Rome in the first days of August 1914 to influence certain people there—people who are susceptible to such influence—in a direction that I do not wish to say is linked to the main causes of Italy’s position, but which has already had an effect in this matter.
[ 38 ] Diese Dinge werden von mir nur deshalb besprochen, weil sie von anderer, von materialistischer Seite besprochen werden. Sie müssen aber besprochen werden, damit man sieht, daß wahre Geisteswissenschaft mit derlei Dingen, überhaupt mit allem auf die Leichtgläubigkeit der Menge rechnenden Aberglauben und mit dem, was unter dem Mantel des Aberglaubens im großen und im kleinen erschwindelt und getan wird, nichts zu tun hat. Geisteswissenschaft wird als wirkliche Wissenschaft, die sich neben die andere Wissenschaft hinstellen kann, eben erst erscheinen, wenn man sie wird frei halten von allem, was heute noch so leicht mit ihr verwechselt werden kann und was mit ihr nicht nur verwechselt wird unter dem Einfluß des beschränkten Urteils oftmals, das einfach nicht unterscheiden kann, sondern was auch verwechselt wird aus bösem Willen heraus. Und in derLiteratur, die der Geisteswissenschaft entgegengeworfen wird, wird viel gewirtschaftet gerade damit, daß man dasjenige, was man eben erlügen muß, wenn man Geisteswissenschaft charakterisieren will, so erlügt, daß Geisteswissenschaft dadurch auf denselben Boden gerückt wird, wo diejenigen Dinge stehen, die selbstverständlich von Geisteswissenschaft so scharf bekämpft werden müssen, wie sie von der materialistischen Wissenschaft bekämpft werden.
[ 38 ] I discuss these matters only because they are being discussed by others from a materialistic perspective. But they must be discussed so that people can see that true spiritual science has nothing to do with such things—with any superstition that preys on the gullibility of the masses, or with whatever is swindled and perpetrated, on a large or small scale, under the guise of superstition. Spiritual science will only begin to appear as a true science, capable of standing alongside other sciences, when it is kept free from everything that today can still so easily be confused with it—things that are not only confused with it under the influence of limited judgment, which simply cannot distinguish between them, but are also confused with it out of malicious intent. And in the literature directed against spiritual science, much effort is expended precisely on fabricating—in order to characterize spiritual science—those very things that must be fabricated, so that spiritual science is thereby placed on the same ground as those very things that, of course, must be fought against by spiritual science just as vigorously as they are fought against by materialistic science.
[ 39 ] Gerade indem man solche Dinge erkennen wird, wird aber Geisteswissenschaft immer mehr und mehr in ihrer Reinheit hervortreten in dem, was sie der Menschenseele sein kann, Zeugt nicht das Buch, das jetzt als neuestes Buch von Ernst Haeckel, das heißt, von einem ernsten Forscher erschienen ist, «Ewigkeitsgedanken», wie die bloße Naturwissenschaft gegenüber solch großen, in die Menschheitsentwickelung tief einschneidenden Ereignissen ratlos da steht, indem sie nichts anderes zu sagen weiß durch das Buch des Ernst Haeckel als:
[ 39 ] It is precisely by recognizing such things, however, that spiritual science will increasingly emerge in its purity as what it can be for the human soul. Does not the book that has now been published as the latest work by Ernst Haeckel—that is, by a serious researcher— *Thoughts on Eternity*, how the mere natural sciences stand at a loss in the face of such great events that have a profound impact on human development, having nothing else to say about Ernst Haeckel’s book other than:
[ 40 ] «Millionen von Menschen sind diesem entsetzlichen Völkerschlachten bereits zum Opfer gefallen... Müssen wir doch täglich in den Zeitungen die lange Liste von hoffnungsvollen Jünglingen und von treusorgenden Familienvätern lesen, welche in der Blüte der Jahre ihr Leben dem Vaterlande zum Opfer gebracht haben. Da erheben sich tausendfach die Fragen nach dem Wert und Sinn unseres menschlichen Lebens, nach der Ewigkeit des Daseins und der Unsterblichkeit der Seele ... Der jetzige Weltkrieg, in dem das Massenelend und die Leiden der Einzelnen unerhörte Dimensionen angenommen haben, muß allen Glauben an eine liebevolle Vorsehung zerstören ... Die Schicksale jedes einzelnen Menschen unterliegen ebenso wie die Geschicke jedes anderen Tieres dem blinden Zufall von Anfang bis zu Ende...» — Das ist es, was ein ernster Forscher wie Haeckel von seinem naturwissenschaftlichen Stand‘punkt aus noch allein zu sagen hat: Hunderte und Hunderte von Toten umgeben einen in diesen Wochen; das bezeugt, daß der Mensch keine geistige Bestimmung haben kann, denn man sieht ja, wie er einem blinden Schicksal verfällt.
[ 40 ] “Millions of people have already fallen victim to this horrific war... Every day we are forced to read in the newspapers the long list of hopeful young men and devoted family men who, in the prime of their lives, have sacrificed their lives for their country. This raises countless questions about the value and meaning of human life, about the eternity of existence and the immortality of the soul... The current world war, in which mass misery and the suffering of individuals have reached unprecedented proportions, must destroy all faith in a loving providence... The fate of every single human being, just like the fate of every other animal, is subject to blind chance from beginning to end...” — That is all a serious researcher like Haeckel has to say from his scientific standpoint: Hundreds upon hundreds of dead surround us in these weeks; this testifies that human beings cannot have a spiritual destiny, for one can see how they fall prey to a blind fate.
[ 41 ] Nicht etwa, daß eine solche Zeit die Gründe gäbe für die Geisteswissenschaft, aber man muß einsehen, was Geisteswissenschaft auf geistigem Gebiete für das Menschenleben werden kann: dasjenige, was den Menschen trägt, den Menschen hält, weil es ihn bekannt macht mit dem, womit ihn keine Naturwissenschaft bekannt macht. Naturwissenschaft kann den Menschen nur bekannt machen mit dem, wodurch sein Leib zusammenhängt mit dem sinnlichen Universum. Geisteswissenschaft macht den Menschen dadurch, daß sie ihm auf forscherischem Wege zeigt, daß er eine unsterbliche Seele hat, damit bekannt, daß man wissen kann: Diese Seele des Menschen hängt zusammen mit dem ewigen Werden. Der Mensch ist in der Ewigkeit verankert durch seine Seele und seinen Geist, wie er in der Zeitlichkeit durch den Leib verankert ist.
[ 41 ] It is not that such a time provides the grounds for spiritual science, but one must recognize what spiritual science can become for human life in the spiritual realm: that which sustains human beings, which holds them up, because it familiarizes them with what no natural science can reveal to them. Natural science can only acquaint human beings with that through which their body is connected to the sensory universe. Spiritual science, by showing them through research that they have an immortal soul, makes them aware that one can know: This human soul is connected to eternal becoming. Human beings are anchored in eternity through their soul and spirit, just as they are anchored in temporality through the body.
[ 42 ] Wenn man fragt, ob der Mensch so etwas braucht, so muß gesagt werden, daß es dafür keine Beweise geben kann, ebensowenig wie dafür, daß er essen und trinken muß. Aber so wie der Mensch erlebt durch den Hunger und Durst, daß er essen und trinken muß, so erlebt er an seiner Seele immer wieder, daß er wissen muß. Und je mehr man Wissen verlangt und nicht bloß Glauben, wird man erkennen, daß er wissen muß um die Unsterblichkeit seiner Seele. Man kann ableugnen, daß der Mensch dieses Wissen verlangt, aber die Ableugnung ist nur eine theoretische. Es wird immer mehr und mehr die Zeit kommen - und wir stehen schon an ihrem Anfang -, da wird, wie einfach der Hunger sich geltend macht im gesunden Menschenleibe, sich geltend machen bei dem Menschen, der sich hinüberlebt in die Zeit, die mit der Gegenwart beginnt, der Durst nach Wissen von der geistigen Welt, nach Wissen von dem unsterblichen Charakter der Seele selber. Und ungestillter Durst wird es sein, wenn es eine Geisteswissenschaft nicht geben wird. Das wird sich zeigen in den Wirkungen. Theoretisch wird man es ableugnen können - in den Wirkungen wird es sich zeigen. Es wird sich zeigen darin, daß sich die Menschen in ihren Seelen verödet finden werden, nicht wissen werden, was sie mit dem Leben anzufangen haben, daß sie zwar die äußeren Verrichtungen vollführen, aber nicht wissen, welches der Sinn des Lebens ist, und daß sie verdursten an einem Drang nach dieser Enträtselung des Sinnes des Lebens. Nach und nach wird es sich in den Intellekt erstrecken; nach und nach wird sich zeigen, wie das Denken der Menschen immer gröber und gröber wird. Genug Grobheit haben wir ja schon heute an einem Beispiel gefunden. Kurz, die Entwickelung der Menschen würde einen Abstieg erfahren, wenn sie nicht befruchtet werden könnte durch Geisteswissenschaft.
[ 42 ] If one asks whether human beings need such a thing, it must be said that there can be no proof of this, any more than there is proof that they must eat and drink. But just as human beings experience through hunger and thirst that they must eat and drink, so they experience time and again in their souls that they must know. And the more one seeks knowledge—and not merely faith—the more one will recognize that one must know about the immortality of one’s soul. One may deny that human beings seek this knowledge, but such a denial is merely theoretical. The time will come more and more—and we are already at its beginning—when, just as hunger makes itself felt in a healthy human body, the thirst for knowledge of the spiritual world and for knowledge of the immortal nature of the soul itself will make itself felt in the person who lives on into the time that begins with the present. And it will be an unquenched thirst if there is no spiritual science. This will become evident in the consequences. Theoretically, one may be able to deny it—but the consequences will reveal the truth. It will become evident in that people will find their souls desolate, will not know what to make of life, will perform their outward duties but will not know what the meaning of life is, and will wither away from a thirst to unravel the meaning of life. Gradually, this will extend into the intellect; gradually, it will become apparent how people’s thinking is becoming coarser and coarser. We have already found enough coarseness in one example today. In short, human development would undergo a decline if it could not be enriched by spiritual science.
[ 43 ] Mögen die Zeiten, die wir heute durchleben und die auf so vielen Gebieten den Menschen zum Ernst auffordern, auch ein Merkzeichen dafür sein, daß die Zeit beginnt, in der die Menschen ein Wissen um die Unsterblichkeit haben müssen und daß Geistesforschung der Weg dazu ist. Der Geistesforscher selbst weiß sich im Einklang mit all denjenigen, die, wenn sie auch noch nicht Geistesforschung gehabt haben, doch durch die ganze Art ihrer Seelenbetätigung in der geistigen Welt webend und lebend waren. Der Geistesforscher weiß sich im Einklang mit denjenigen, die einfach wußten, was leben in der geistigen Welt heißt. Als Goethe gefragt wurde, warum er die Pflanze durch Ideen erkennen wolle, da doch die Ideen etwas Abstraktes seien, sagte er: Dann sind meine Ideen, die ich in mir zu erleben glaube, unmittelbare Wirklichkeit, denn ich sehe ja meine Ideen in der Wirklichkeit drinnen. - Daher war es auch Goethe, der, wenn er auch noch nicht Geisteswissenschaft hatte, da, wo er durch den dichterischen Genius geistig-seelisch entrückt war, etwas zu sagen wußte in einer zwar dichterischen, aber treffsicheren Weise über den Charakter der geistigen Welt.
[ 43 ] May the times we are living through today—which call upon people to take matters seriously in so many areas—also serve as a sign that a new era is beginning, one in which people must come to know about immortality, and that spiritual research is the path to that knowledge. The spiritual researcher knows that he is in harmony with all those who, even if they had not yet engaged in spiritual research, were nonetheless weaving and living in the spiritual world through the very nature of their soul’s activity. The spiritual researcher knows he is in harmony with those who simply knew what it means to live in the spiritual world. When Goethe was asked why he wanted to understand the plant through ideas, since ideas are something abstract, he said: “Then the ideas I believe I experience within myself are immediate reality, for I do indeed see my ideas within reality.” - That is why it was also Goethe who, even though he had not yet embraced spiritual science, was able—in those moments when his poetic genius carried him into a state of spiritual and soulful rapture—to speak about the nature of the spiritual world in a poetic yet unerring manner.
[ 44 ] Haben wir doch heute sagen müssen: Derjenige, der sich durch die Entwickelung seines Denkens in die geistige Welt hineinlebt, er lebt und webt in den werdenden seelischen Wesenheiten. Und der Mensch ist auch, wenn er sich vom Leibe befreit weiß, eine geistig-seelische Wesenheit, die im Werdenden lebt. Das Gewordene, das fest Seiende, das ist nur in der äußeren sinnlichen Welt vorhanden, in der der Mensch lebt, solange er im Leibe ist und dann, wenn er nur durch den Leib wahrnimmt. Sobald der Mensch zu dem geistigen Wesen hinaufsteigt, wird er von dem Werdenden ergriffen. Das weiß Goethe. Er weiß auch, daß der Mensch so, wie er sich durch sein eigenes Fühlen in sein inneres Wohlsein hineinlebt, sich auch hineinleben kann in ein Gefühl, das man wohl als Liebe bezeichnen darf. Das ist das Überraschende und wird es immer sein, wenn man zu Geistmenschen kommt, daß sie aus ihrem Leben in der geistigen Welt das Richtige sogar mit dem richtigen Wort zu sagen wissen. Deshalb weiß Goethe auch zu sagen: man lebe in dem Werdenden. Und wenn man sich hineinentwickelt in dieses Werdende, so leben die Gedanken in diesem Werdenden selber. Nicht die gewöhnlichen Gedanken — die müssen zuerst überwunden werden, die kann man nur im Sinnensein herinnen der Werdewelt als ein Bleibendes, ein Dauerndes, einverleiben. Erst dadurch, daß in dem Werdenden ergriffen wird das, was im Gedanken festgehalten werden kann, befestigt sich auch der Gedanke und wir können ihn mittragen mit der unsterblichen Seele durch die Pforte des Todes. Daher spricht Goethe gegen den Schluß seines Prologs im Himmel, den er auf der Höhe seines Lebens geschrieben hat, die schönen Worte aus, mit denen ich diese Betrachtungen heute abschließen will, weil in ihnen wirklich in einer Zeit, die vor der Entwickelung der Geistesforschung, wie wir sie heute meinen, liegt, ein Dichter aus dem dichterischen Genius heraus über die geistige Welt so spricht, wie man über sie sprechen muß aus Erkenntnis heraus, indem er zuerst hinweist, oder hinweisen läßt den Herrn auf dasjenige, was der Mensch braucht, solange er im sinnlichen Leibe lebt. Damit er nicht in Behaglichkeit, in Bequemlichkeit ausartet, weist der Herr den Mephisto hin auf diejenigen, die Geistwesen sind. Und leibfrei ist der Mensch selber ein solches Geistwesen. Goethe weist mit sicher treffenden Worten auf die Eigentümlichkeit der geistigen Welt hin. Denn Sie werden in diesen Worten das erkennen, was ich selber erkennen mußte in ihnen. Nachdem ich das alles ausgebildet hatte, was ich heute vorgetragen habe, überraschte mich die wunderbare Übereinstimmung dieser Goetheschen Worte, die ich vorher nicht erkannt hatte, die wunderbare Übereinstimmung dieser wenigen Goethe-Worte mit dem Grundcharakter der Welt, der die unsterbliche Menschenseele angehört: «Doch ihr, die echten Göttersöhne» — es sind geistige Wesen gemeint, wie der Mensch ein Geistwesen als unsterbliche Seele ist -,
[ 44 ] We have had to say today: The one who, through the development of his thinking, lives his way into the spiritual world—he lives and weaves within the soul beings in the making. And even when the human being knows himself to be freed from the body, he is still a spiritual-soul being who lives within what is becoming. That which has become, that which is fixed, exists only in the outer sensory world in which a human being lives as long as they are in the body and when they perceive only through the body. As soon as a human being ascends to the spiritual being, they are seized by what is becoming. Goethe knows this. He also knows that just as a human being lives into his inner well-being through his own feeling, so too can he live into a feeling that may well be called love. This is what is surprising—and always will be—about spiritual beings: that from their life in the spiritual world, they know how to express the truth with the very right words. That is why Goethe also says: one should live within the becoming. And when one develops oneself into this becoming, then the thoughts live within this becoming itself. Not the ordinary thoughts—those must first be overcome; they can only be incorporated into the world of becoming as something lasting and enduring within the state of feeling. Only by grasping within the process of becoming that which can be held fast in thought does the thought itself become established, and can we carry it along with our immortal soul through the gate of death. That is why, at the end of his “Prologue in Heaven”—which he wrote at the height of his life—Goethe utters the beautiful words with which I wish to conclude these reflections today, because in them, at a time that predates the development of spiritual research as we understand it today, a poet, drawing upon his poetic genius, speaks of the spiritual world in the way one must speak of it—out of true knowledge—by first having the Lord point out, or have pointed out, what the human being needs as long as he lives in the physical body. So that he does not degenerate into complacency and comfort, the Lord directs Mephisto’s attention to those who are spiritual beings. And when free from the body, human beings themselves are such spiritual beings. Goethe points out the peculiarity of the spiritual world with words that are surely apt. For you will recognize in these words what I myself had to recognize in them. After I had developed everything I have presented today, I was surprised by the marvelous correspondence of these words of Goethe—which I had not previously recognized—the marvelous correspondence of these few words of Goethe with the fundamental character of the world to which the immortal human soul belongs: “But you, the true sons of the gods”—this refers to spiritual beings, just as the human being is a spiritual being as an immortal soul—
«Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfass’ euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken.»
“But you, the true sons of the gods,
Rejoice in the living, rich beauty!
That which is becoming, which eternally acts and lives,
May love’s gentle bounds enfold you,
And whatever hovers in a shifting form,
May it be strengthened by enduring thoughts.”
[ 45 ] Hingewiesen ist auf dasjenige, was im reinen Geistwesen als sein Ureigentümliches lebt, was aber in der Menschenseele erkannt wird als ihr unsterbliches Teil. In diesen Worten, die direkt eine Charakteristik desjenigen sind, was in der Menschenseele ergriffen werden kann, schon wenn sie im Leibe lebt, als das Unsterbliche, und wovon man wissen kann, daß es durch die Pforte des Todes geht, wenn sie eintritt in das Werdende und hinübernimmt in das reine Reich des Geistes dasjenige, was sie hier in schwankender Erscheinung erlebt hat, um es in Gedanken umzusetzen, die dann dauernd werden können und mitgenommen werden können durch die Pforte des Todes. Und was in schwankender Erscheinung lebt, befestigt die Seele, die durch des Todes Pforte tritt, als ein unsterbliches, als ein ewiges Wesen, in dauernden Gedanken, die fortan so ihr Leben ausmachen, wie hier in der physischen Welt der Leib das Leben der Seele sinnlich ausmacht.
[ 45 ] Reference is made to that which lives within the pure spiritual being as its very essence, but which is recognized in the human soul as its immortal part. These words, which directly characterize that which can be grasped in the human soul, even while it lives in the body, as the immortal, and of which one can know that it passes through the gate of death when it enters the realm of becoming and carries over into the pure realm of the spirit that which it has experienced here in a fleeting form, in order to transform it into thoughts that can then become lasting and be carried through the gate of death. And what lives in a fleeting form, the soul that passes through the gate of death establishes as an immortal, eternal being in enduring thoughts, which henceforth constitute its life just as, here in the physical world, the body sensually constitutes the life of the soul.
