Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

From Central European Spiritual Life
GA 65

23 March 1916, Berlin

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

From Central European Spiritual Life, tr. SOL
  1. Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben

12. Nietzsches Seelenleben und Richard Wagner

12. Nietzsche's Soul Life and Richard Wagner

Zur deutschen Weltanschauungsentwickelung der Gegenwart

On the Development of Contemporary German Worldviews

[ 1 ] Als eine der größten Seelentragödien stellt sich Nietzsches Geistesleben hinein in die Entwickelung der Menschheit in bezug auf Geisteskultur im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts und leuchtet nicht nur durch die Art ihres Verlaufes, sondern vor allen Dingen durch ihren ganz besonderen Bezug auf vieles, das seelisch in der Gegenwart lebt, leuchtet herüber in die unmittelbare Gegenwart.

[ 1 ] Nietzsche’s intellectual life stands out as one of the greatest spiritual tragedies in the development of humanity with regard to intellectual culture in the last third of the nineteenth century, and it shines into the immediate present not only through the nature of its course, but above all through its very special connection to much of what lives spiritually in the present.

[ 2 ] In den Vorträgen, die ich im Verlaufe des Winters halten durfte, habe ich von verschiedenen Gesichtspunkten aus zu charakterisieren versucht das deutsche Geistesleben in der Zeit, die man nennen kann die große Zeit des deutschen . Idealismus, in der Zeit, in welcher aus unermeßlichen Tiefen, und vielleicht kann man sagen, noch mehr aus starken Kräften der Menschenseele heraus ein Fichte, ein Schelling, ein Hegel und andere versuchten, ein Weltanschauungsbild zu schaffen, das wirklich eine Art von Hintergrund ist zu jener gewaltigen Blüte des neuzeitlichen Geisteslebens, die sich darlebt in Herder, Lessing, Goethe, Schiller und den anderen, die zu ihnen gehören. In einem der letzten Vorträge suchte ich dann zu zeigen, wie der Ton des deutschen Geisteslebens, der durch diese großen Geister angeschlagen worden ist, fortgelebt hat bis in unsere Tage herein, aber man kann sagen: mehr fortgelebt hat unter der Oberfläche des populär gewordenen Geisteslebens, so daß er uns vielfach erschienen ist wie ein verklungener Ton, wie ein vergessenes Streben innerhalb der deutschen Geistesentwickelung des neunzehnten Jahrhunderts und bis in die Gegenwart herein.

[ 2 ] In the lectures I had the privilege of delivering over the course of the winter, I attempted to characterize German intellectual life from various perspectives during what might be called the golden age of German . idealism—a period in which, drawing from immeasurable depths, and perhaps even more so from the powerful forces of the human soul, Fichte, Schelling, Hegel, and others sought to create a worldview that truly serves as a kind of backdrop to that magnificent flowering of modern intellectual life embodied in Herder, Lessing, Goethe, Schiller, and the others who belong to their circle. In one of my most recent lectures, I sought to show how the tone of German intellectual life, set by these great minds, has lived on right up to the present day; yet one might say: it has lived on more beneath the surface of intellectual life as it has become popular, so that in many ways it has appeared to us like a faded note, like a forgotten aspiration within the development of German intellectual life from the nineteenth century through to the present.

[ 3 ] Und in der Tat, derjenige, der den gewaltigen Einschnitt betrachtet, der um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts platzgreift im mitteleuropäischen Kulturleben, kann leicht begreifen, warum der damals charakterisierte Ton eigentlich mehr oder weniger nur unvermerkt fortklang. Aus einer intellektuellen und mit der intellektuellen verwandten Geisteskraft heraus suchte das deutsche Geistesleben um die Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, durch die genannten Geister in die Tiefen der Weltengeheimnisse einzudringen. Und man wird nicht allzu schlecht Hegel verstehen, wenn man ein wenig eingeht auf das, was in seinem Bewußtsein lebte: daß es ihm gelungen sei, die menschliche Gedankenentwickelung überhaupt so weit zu treiben, daß innerhalb dieser menschlichen Gedankenentwickelung ein Höchstes zunächst erreicht war. Und der eben schon genannte Einschnitt zeigt uns, wie gerade das Denken, wie gerade das intellektuelle Leben nach dem ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts dazu gebracht war, daß zunächst notwendig wurde, kann man sagen, eine Art von Ausruhen, eine Art von Atemschöpfen. So intensiv, so kraftvoll mit den innersten und, wenn das Wort nicht mißverstanden wird, kann man sagen, mit den abstraktesten Kräften der Seele sich beschäftigen konnten nur Geister, welche mit einer solchen Energie wie Fichte, Schelling und Hegel an ihr Geisteswerk gehen konnten. Und man konnte den weit ausholenden Atem, der notwendig war zu jener Weite idealistischer Weltanschauung, nicht durchhalten. Die Folge davon war, daß ein Erlahmen eintrat, welches bis in unsere "Tage herein mit Bezug auf all dasjenige, worinnen gerade diese Geister das Höchste gesucht haben, von einem gewissen Unverständnis zeugt, von einer gewissen Lähmung, könnte man sagen, zeugt. So hoch hinauf, wie das Denken, wie das Fühlen, wie das rein seelische Wollen, das sich nicht auf das Äußere, sondern auf das Seelenleben selber richtet, bei Fichte, Schelling und Hegel war, so hoch hinauf konnte man in der Gesamtkultur nicht steigen. Den Wirklichkeitswert in diesem Streben, den konnte man nicht durchhaltend empfinden. Aber man empfand, daß da gesucht werden sollte durch dieses Streben Wirklichkeit. Und es entstand, wie eine Fortsetzung dieses Strebens, ein Durst nach Wirklichkeit, ein Durst nach demjenigen, worauf der Mensch fest fußen kann. Das drückte sich dadurch aus, daß man zunächst wie in eine scharfe Gegnerschaft trat gegen all das, was die genannten Geister geschaffen haben. In ihren abgezogenen Gedankengängen konnte man die Wirklichkeit nicht finden, nach der man dürstete. Und so kam es, daß der Durst nach Wirklichkeit sich vor allen Dingen ersättigen wollte an dem, was die äußeren Sinne boten, daß der menschliche Geist zunächst eindringen wollte in all das, was die auf die Sinne und den an das menschliche Gehirn gebundenen Verstand beschränkte, strenge, sichere Naturwissenschaft begründen konnte als eine Weltanschauung.

[ 3 ] And indeed, anyone who considers the tremendous upheaval that took place in Central European cultural life around the middle of the nineteenth century can easily understand why the tone that characterized that period essentially continued more or less unnoticed. Drawing upon an intellectual and spiritually related intellectual force, German intellectual life at the turn of the eighteenth and nineteenth centuries—and particularly during the first third of the nineteenth century—sought, through the thinkers mentioned, to penetrate the depths of the world’s mysteries. And one can understand Hegel quite well if one considers what lived in his consciousness: that he had succeeded in driving the development of human thought so far that, within this development, a highest point had initially been reached. And the turning point just mentioned shows us how, precisely after the first third of the nineteenth century, thinking—and intellectual life in particular—had reached a point where it became necessary, one might say, to take a kind of respite, to catch one’s breath. Only minds capable of approaching their intellectual work with such energy as Fichte, Schelling, and Hegel could engage so intensely, so powerfully, with the innermost—and, if the word is not misunderstood, one might say, the most abstract—forces of the soul. And it was impossible to sustain the deep, sweeping breath required for the vastness of that idealistic worldview. The consequence of this was that a waning set in, which, even to this day, with regard to all that in which precisely these thinkers sought the highest, testifies to a certain lack of understanding—one might even say, a certain paralysis. As high as thinking, feeling, and purely spiritual volition—which is directed not toward the external world but toward the inner life of the soul itself—rose in the works of Fichte, Schelling, and Hegel, so high could one not ascend within the culture as a whole. The reality of this striving could not be sustained. But people sensed that reality was to be sought through this striving. And, as a continuation of this striving, a thirst for reality arose—a thirst for that upon which a person can stand firmly. This was expressed, at first, by entering into a sharp opposition to everything that the aforementioned thinkers had created. In their abstract trains of thought, one could not find the reality for which one thirsted. And so it came to pass that the thirst for reality sought, above all else, to be quenched by what the external senses offered; that the human spirit initially sought to penetrate all that the strict, certain natural sciences—limited to the senses and the intellect bound to the human brain—could establish as a worldview.

[ 4 ] Der tonangebende Geist, durch dessen Betrachtung man geradezu einsehen kann, worauf es bei diesem Einschnitte im neuzeitlichen Geistesleben ankam, ist Feuerbach. Man braucht nur einige wenige Gedanken seiner Weltanschauung zu charakterisieren, so sieht man, worauf es ankommt. Feuerbach ging aus gerade von Hegel. Er ging aus von dem idealistischen Weltenbilde, das der deutsche Geist geschaffen hat. Aber ihm trat gerade lebendig vor die Seele: Was ist denn das alles, was etwa ein Hegel angestrebt hat? Was ist denn auf dem Wege zu finden, der in solch abgezogenen Gedankenbewegungen verläuft? Da ist nichts zu finden, was in den Geist selber hineinführt. Alles, was auf diesem Wege zu finden ist über eine geistige Welt, ist nichts anderes, als dasjenige, was die Seele aus sich selber heraus schafft, was die Menschenseele in sich selber auf der Grundlage ihrer sinnlichen Leibeswirklichkeit findet, wozu sie sich durchringt. All das von ihr selbst Geschaffene, das projiziert sie gewissermaßen hinaus in die Welt, das wird ihr Geisteswelt. Und so geht aus dem Durst nach Wirklichkeit hervor ein Hineinstellen des Menschen in das Weltanschauungsbild, so wie er unmittelbar in der Sinnenwelt da ist. Man wollte den Menschen als Vollmenschen nehmen, aber gerade deshalb mußte man aus dem, was man als Wirklichkeit ansah, weglassen, was sich auf dem Wege dieses Geisteslebens ergab. Und so richtete sich der Blick hin auf den Menschen, wie er sich darbietet innerhalb des Reiches, das man nun einzig und allein als Wirklichkeit bezeichnen konnte, innerhalb des Reiches der Sinne und dessen, was der an das Gehirn gebundene Verstand aus diesem Reiche der Sinne machen konnte.

[ 4 ] The leading thinker, whose ideas make it possible to truly grasp what was at stake in this turning point in modern intellectual life, is Feuerbach. One need only outline a few key aspects of his worldview to see what is at stake. Feuerbach took Hegel as his starting point. He began with the idealistic worldview that the German spirit had created. But the question sprang vividly before his soul: What, after all, is all that a thinker like Hegel strove for? What can be found along the path that unfolds in such abstract trains of thought? There is nothing to be found there that leads into the spirit itself. Everything that can be found along this path regarding a spiritual world is nothing other than what the soul creates out of itself—what the human soul finds within itself on the basis of its sensory, bodily reality, and what it struggles to bring about. All that which it has created itself, it projects, as it were, out into the world; this becomes its spiritual world. And so, out of the thirst for reality, there arises a placement of the human being within the worldview, just as he exists directly in the sensory world. One wanted to take the human being as a complete human being, but precisely for that reason one had to omit from what was regarded as reality whatever arose along the path of this spiritual life. And so attention turned to the human being as he presents himself within the realm that could now be designated solely as reality—within the realm of the senses and what the intellect, bound to the brain, could make of this realm of the senses.

[ 5 ] Wie stand nun der Mensch vor sich selber da mit einer solchen Weltanschauung? Der Mensch stand vor sich selber da so, daß er ja wissen konnte: In dir geht eine geistige Welt auf, in dir geht eine Welt auf, die du nicht missen darfst, wenn du der wahren Menschenwürde teilhaftig sein willst. In dir lebt etwas, was weit, weit über die Natur hinausgehen muß. — Aber wie konnte der Mensch zurechtkommen mit dem, was er in sich hervorbringen, schöpferisch in sich betätigen mußte und was ihm nicht in dem Sinne wie das Naturdasein nunmehr als Wirklichkeit erscheinen konnte? Diese Frage, ins Empfindungsmäßige übersetzt, sie bildet, kann man sagen, einen durchgreifenden Nerv des ganzen Weltanschauungsstrebens in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, ja, bis in unsere Tage herein. Der Mensch, der sich vor sich selber nicht rechtfertigen kann mit dem, was er geistig hervorbringt: das wurde die große Frage, das wurde das bange Lebensrätsel, nicht so sehr in dieser Formulierung, in der ich es ausspreche, aber in den Empfindungen und Gefühlen, in denen es sich heraufdrängte aus den Untergründen gerade der am meisten strebenden Seelen.

[ 5 ] How, then, did human beings stand before themselves with such a worldview? Human beings stood before themselves in such a way that they could indeed know: Within you, a spiritual world is dawning; within you, a world is dawning that you must not forgo if you wish to share in true human dignity. Something lives within you that must go far, far beyond nature. — But how could a human being come to terms with what he had to bring forth within himself, to act upon creatively within himself, and which could no longer appear to him as reality in the same sense as natural existence? This question, translated into the realm of feeling, forms, one might say, a central nerve of the entire quest for a worldview in the second half of the nineteenth century—indeed, right up to the present day. Human beings who cannot justify to themselves what they produce intellectually: this became the great question, this became the anxious enigma of life—not so much in the formulation in which I express it, but in the sensations and feelings in which it welled up from the depths of precisely those souls who were striving the most.

[ 6 ] Und die Geister, die im neunzehnten Jahrhundert auftauchten, welche Weltanschauungsfragen aufwerfen mußten, und die sich nicht durchringen konnten zu jenem verklungenen Ton im deutschen Geistesleben, von dem vor einigen Wochen die Rede war, die standen dieser eben charakterisierten Lebensfrage, Weltanschauungsfrage zunächst so gegenüber. Es ist, wie wenn für eine Zeit nicht die starken Kräfte gefunden werden konnten bei den tonangebenden Trägern der Weltanschauung, um auch nur in irgendeiner Weise etwas zu finden, was Antwort geben konnte auf die Fragen, die eben gekennzeichnet worden sind. Da stellt sich eine merkwürdige Tatsache ein. Diejenigen, die Philosophen, tonangebende Philosophen sind, die aus der Naturwissenschaft eine Weltanschauung zu zimmern versuchen, sie alle fühlen sich gewissermaßen in dieser eben geschilderten Kraftlosigkeit. Und diese Kraftlosigkeit durchdringt im Grunde genommen die Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts.

[ 6 ] And the thinkers who emerged in the nineteenth century—who were bound to raise questions of worldview and who could not bring themselves to adopt that faded tone in German intellectual life that was discussed a few weeks ago—initially took this stance toward the question of life and worldview just described. It is as if, for a time, the leading proponents of the worldview could not muster the strength to find—even in the slightest way—anything that could provide an answer to the questions that have just been outlined. This gives rise to a curious phenomenon. Those who are philosophers—leading philosophers—who attempt to construct a worldview out of the natural sciences all feel, in a sense, this very powerlessness that has just been described. And this powerlessness fundamentally permeates nineteenth-century philosophy.

[ 7 ] In einer merkwürdigen Weise stand nun gerade der Weltanschauung Feuerbachs und damit allem, was jetzt den Grundton abgab, ein Musiker gegenüber, eine Persönlich-. keit, in der nicht so sehr abstraktes Denken lebte, die zunächst gar nicht in abstraktem Denken die gangbaren Wege gehen wollte, die sonst in Weltanschauungsfragen gegangen werden, um hinzukommen zur Lösung der Welträtsel. Eine Persönlichkeit stand der Feuerbachschen Fragestellung gegenüber, die im tiefsten Innersten musikalisch lebte und wirkte und wirken wollte: Richard Wagner. Es war in den vierziger Jahren, da Richard Wagner sich in seiner Seele auseinandersetzte mit der Feuerbachschen Weltanschauung. Vor Richard Wagners Seele, in der alles musikalisch lebte, nicht in Begriffen, Ideen und Gedanken, stand der Mensch, den man in den Mittelpunkt der Weltanschauung hineingerückt hatte und der aus den Gründen, die vorhin charakterisiert worden sind, eben zunächst der bloße Sinnesmensch war. Aber es stand eben dieser Mensch einer musikalisch wirkenden Seele gegenüber. Das musikalische Element lebt und webt ja zunächst im Sinnlichen. Aber es kann nicht bloß im Sinnlichen weben und leben, wenn es so erfaßt wird wie in Richard Wagners Seele. Hier im Musikalischen wirkt das Sinnliche selber als ein Geistiges, — es muß ja als ein Geistiges wirken. Denn wenden wir die Sinne in die Natur, wohin wir wollen — was im wahrsten Sinne des Wortes musikalischer Inhalt ist, kann uns ja nicht unmittelbar aus der Natur entgegentreten. Goethe sagt: Die Musik ist reinste Form und Gehalt, denn sie hat nicht, wie die anderen Künste, ein eigentliches Vorbild in der Natur, und dennoch -:ganz und gar wirkt sie in den Sinn herein; und alles, was in den Sinn hereinwirkt, ist wiederum geistig. So ist im Musikalischen ein Element gegeben, das nicht erreicht werden kann, wenn man die Wege der bloßen Naturanschauung geht, das in dem Menschen, den Feuerbach hineinstellte in das Naturbild, nicht erschaut werden kann. Und wiederum ist im Musikalischen ein Element, das dem Drang der Zeit nach sinnenfälligem Wahrnehmen, sinnenfälligem Auffassen in ganz außerordentlichem Maße entgegenkam. Und da Richard Wagners Seele in dem merkwürdigen, man kann nicht sagen Zwiespalt, sondern Zweiklang lebte, ganz musikalisch zu sein, aber nicht als Philosophen-Seele, sondern als musikalische Seele eine Erkenntnis suchende Seele zu sein, so konnte es nicht anders kommen, als daß in Wagners musikalische Vorstellungen, in Wagners musikalisches Empfinden die genannten Fragen in einer ganz anderen Weise hereinspielten, als sie in eine Philosophen-Seele hätten hereinspielen können.

[ 7 ] In a curious way, Feuerbach’s worldview—and thus everything that now set the tone—was countered by a musician, a figure in whom abstract thought did not play such a prominent role, and who initially did not even wish to follow the conventional paths of abstract thought—those usually taken in matters of worldview—in order to arrive at a solution to the riddle of the world. A figure stood in contrast to Feuerbach’s line of inquiry—one who lived, worked, and sought to work musically in his very innermost being: Richard Wagner. It was in the 1840s that Richard Wagner grappled in his soul with Feuerbach’s worldview. Before Richard Wagner’s soul—in which everything lived musically, not in concepts, ideas, and thoughts—stood the human being who had been placed at the center of the worldview and who, for the reasons described earlier, was initially merely a sensory being. But it was precisely this human being who stood opposite a soul that operated musically. The musical element, after all, lives and weaves primarily within the sensory realm. But it cannot weave and live solely in the sensory realm when it is apprehended as it is in Richard Wagner’s soul. Here, in music, the sensory realm itself acts as a spiritual reality—indeed, it must act as a spiritual reality. For whenever we turn our senses toward nature, wherever we may look—what is, in the truest sense of the word, musical content cannot immediately confront us from nature. Goethe says: Music is the purest form and content, for it does not, like the other arts, have an actual model in nature, and yet—it affects the senses entirely; and everything that affects the senses is, in turn, spiritual. Thus, there is an element in music that cannot be attained by following the paths of mere observation of nature, an element that cannot be perceived in the human being whom Feuerbach placed within the picture of nature. And yet there is also an element in music that responded to an extraordinary degree to the zeitgeist’s urge toward sensory perception and sensory comprehension. And since Richard Wagner’s soul lived in that remarkable—one cannot call it a conflict, but rather a dual harmony—of being entirely musical, yet not as a philosopher’s soul but as a musical soul, a soul seeking knowledge, it was inevitable that the aforementioned questions would play a role in Wagner’s musical ideas and musical sensibility in a completely different way than they could have in a philosopher’s soul.

[ 8 ] Und ein anderes kam hinzu. Es würde ja reizvoll sein, nun im Genaueren psychologisch zu charakterisieren, wie dieses zweite Element in Richard Wagners Seele zu dem eben Genannten hinzu kam. Aber dazu ist nicht die Zeit vorhanden. Ich will nur andeuten, welches dieses zweite Element ist und wie es sich zum ersten hinzu gesellte. Ein zweites Element tritt hinzu: die Anschauung dessen, was innerhalb Mitteleuropas aus dem germanischen Geist, aus der germanischen Seele heraus geschaffen war an Mythos, an Durchdringung des Lebens mit dem Mythischen. Wunderbar stand vor Wagners Seele nach und nach ein darin beschlossener Gegensatz, der so, wie er in Mitteleuropa auftrat, nirgends anders in der Geistesentwickelung der Menschheit vorhanden ist. Und neuerlich trat er, wie eine Erneuerung des germanischen Mythos, in Richard Wagners Seele auf. Da haben wir ein inniges Zusammenleben und Weben der Menschenseele mit allem Elementarischen in der Natur, ein liebevolles Eingehen gerade in das SinnlichLebendige. Die Naturanschauung des Germanentums ist es, an die wir uns mit diesen Worten wenden, jene Naturanschauung, die nur leben kann in Seelen, die keinen Zwiespalt unmittelbar fühlen zwischen dem Seelischen und dem Physischen im menschlichen Leben, weil sie das Seelische so empfinden, daß dieses Seelische nicht nur im Menschen drinnen webt, sondern eins ist mit dem, was im Winde weht, im Gewitter wirkt, in allem, was draußen in der Natur wirkt und pulst als Seelisches und, ich möchte sagen, den Menschen selber, der im Innern erlebt werden kann, noch einmal draußen erlebt. Und zu diesem Erfühlen, zu diesem erkennenden Erfühlen und erfühlenden Erkennen der Natur, das wie ein Grundtrieb in allen Anlagen des Germanentums enthalten ist, kommt hinzu ein Hinaufschauen zu einer Götterwelt, die ja hinlänglich bekannt ist, die ja gedeutet werden kann in naturalistischer Weise aber diese Deutung ist zum mindesten einseitig. Dieses Hinaufschauen zu Wotan, dieses Hinaufschauen zu Donar, dieses Hinaufschauen zu Baldur, zu den anderen germanischen Göttern und zu alle dem, was nun zusammenhängt im germanischen Mythos mit diesen germanischen Göttern, dieses Hinaufschauen ist wirklich dasjenige, was unmittelbar zeigt, die Welt durchwebend und durchlebend, dasjenige, was der Geistesmensch findet, wenn er sich nicht bloß hinausrichtet an die Natur, sondern wenn er sich selbst seiner eigenen Produktivität, seiner Schöpferkraft überläßt. Inhaltsvoll lebendig ist diese Welt germanischer Götter und Helden und Heldengenien. Aber sie ist nicht erschöpft, wenn man sie etwa als bloße Symbolik der Natur ansieht.

[ 8 ] And another element came into play. It would indeed be fascinating to characterize in greater psychological detail how this second element in Richard Wagner’s soul came to be added to what has just been mentioned. But there is not enough time for that. I will merely hint at what this second element is and how it joined the first. A second element comes into play: the perception of what had been created within Central Europe out of the Germanic spirit, out of the Germanic soul—in terms of myth and the permeation of life with the mythical. Gradually, a contradiction inherent in this stood marvelously before Wagner’s soul—a contradiction that, as it appeared in Central Europe, exists nowhere else in the spiritual development of humanity. And once again, it emerged in Richard Wagner’s soul as a renewal of the Germanic myth. Here we have an intimate coexistence and interweaving of the human soul with all the elemental forces of nature, a loving engagement precisely with the sensuous and living. It is the Germanic view of nature to which we turn with these words—that view of nature which can live only in souls that feel no immediate conflict between the spiritual and the physical in human life, because they perceive the spiritual in such a way that this spiritual element not only weaves within the human being but is one with what blows in the wind, works in the thunderstorm, in everything that works and pulses as the spiritual out there in nature—and, I might say, the human being himself, who can be experienced inwardly, is experienced once more outwardly. And to this feeling, to this knowing feeling and feeling-based knowing of nature—which is contained like a primal impulse in all the dispositions of Germanic culture—is added a looking upward toward a world of gods that is, of course, well known, that can indeed be interpreted in a naturalistic way, but this interpretation is, at the very least, one-sided. This looking upward toward Wotan, this looking upward toward Donar, this looking upward toward Baldur, toward the other Germanic gods, and toward everything that is now connected in Germanic mythology with these Germanic gods—this looking upward is truly what directly reveals interwoven with and permeating the world—that which the spiritual human being finds when he does not merely orient himself toward nature, but when he surrenders himself to his own productivity, to his creative power. This world of Germanic gods, heroes, and heroic geniuses is rich in meaning and alive. But it is not exhausted if one regards it, for example, as mere symbolism of nature.

[ 9 ] Nun hatte Richard Wagner die Anschauung aufgenommen: Der Mensch steht zunächst wie ein Ende des Naturschaffens da. Was der Mensch an Vorstellungen über eine höhere Welt bildet, es entsteht ja im Menschen. Dem kann man nach neuerer Weltanschauung, wie sie sich eben herausgebildet hat, keine solche Wirklichkeit beimessen wie den Sinnesdingen. Da entstand in ihm die bange Frage: Wie kann man denn überhaupt zu einem Schöpferischen im Menschenleben kommen? Die Natur schafft. Sie schafft durch ihre verschiedenen Wesensstufen bis herauf zum Menschen. Der Mensch wird sich selbst gewahr. Der Mensch erlebt das, was er produziert. Es erscheint eben bloß als etwas vom Menschen Geschaffenes, das keinen Wirklichkeitswert hat. Wie kann man dem Vertrauen entgegenbringen, was da der Mensch in sich schafft? Wie kann man dem vertrauen, so daß es eine Grundlage bildet dafür, daß der Mensch sich nicht bloß hineinstellt in die Natur so, wie diese ihn geschaffen hat, sondern daß er selber sich mit etwas Gültigem in das Schaffen hineinstellen kann?

[ 9 ] Richard Wagner had now adopted the view that human beings are, first and foremost, the culmination of nature’s creative work. Whatever ideas humans form about a higher world arise within them. According to the newer worldview that has just taken shape, such ideas cannot be attributed the same reality as sensory phenomena. This gave rise to an anxious question within him: How, then, can one arrive at anything creative in human life at all? Nature creates. It creates through its various levels of being, all the way up to the human being. The human being becomes aware of itself. The human being experiences what it produces. Yet it appears merely as something created by the human being, having no real value. How can one place trust in what the human being creates within itself? How can one trust in it to such an extent that it forms a foundation enabling a person not merely to place themselves within nature as nature has created them, but to bring something valid into the creative process themselves?

[ 10 ] Eine Gestalt, eine Hauptgestalt mußte vor Wagners Seele treten, die in dieser Weise sich in die Natur hineinstellt, aber auch mit all den Kräften, die die Natur ihr selbst gegeben hat, sich Festigkeit, Sicherheit, Fortentwickelungsfähigkeit über das Naturdasein hinaus verleiht. Aber von Feuerbach mußte Richard Wagner es annehmen, daß der Mensch, wenn er aus seinem Inneren heraus schafft, im Grunde genommen ja nur die Bilder, die seine Phantasie erwirkt, hinausprojiziert, ein nicht wirkliches Reich zum wirklichen Reich hinzu schafft. Welches Recht besteht in der menschlichen Seele — diese Empfindungs-, diese Gefühlsfrage entstand -, hinauszuschaffen über die Natur? Welches Recht gibt es, schon im Naturdasein selber, im wehenden Winde, in Blitz und Donner, Geistiges zu erahnen und noch mehr: über der ganzen Natur ein Geistiges zu schaffen, wie in der germanischen Mythologie? Wie kann man ein Verbindungsglied zwischen beiden finden? Philosophie konnte es in der damaligen Zeit nicht, insoferne sie tonangebende Philosophie war. Die musikalische Seele Richard Wagners unternahm. es. Sie unternahm es tatsächlich aus einem Drange heraus, der zu gleicher Zeit ein tief charakteristischer Zug des neueren mitteleuropäischen Wesens überhaupt war. Inwiefern? Ja, wenn man dasjenige, was germanischer Mythos, germanische Art des Eindringens in das Naturwesen ist, vergleicht mit dem, was griechischer Mythos, griechisches Eindringen in das Naturleben war, so kann nur ein äußerliches Beobachten glauben, daß beide auf einem und demselben Felde stehen. Denn das ist nicht der Fall. Auch da wäre es interessant, in die tieferen psychologischen Untergründe hineinzuleuchten, aber auch da kann wiederum nur mit einigen skizzenhaften Strichen charakterisiert werden.

[ 10 ] A figure—a central figure—had to emerge before Wagner’s soul, a figure that places itself within nature in this way, but also, with all the powers that nature itself has given it, endows itself with steadfastness, security, and the capacity for further development beyond natural existence. But Richard Wagner had to accept from Feuerbach that when a human being creates from within, he is, in essence, merely projecting outward the images produced by his imagination—creating an unreal realm alongside the real one. What right does the human soul have—this question of sensation and feeling arose—to create beyond nature? What right exists, even within nature itself—in the blowing wind, in lightning and thunder—to intuit the spiritual, and even more: to create a spiritual realm above all of nature, as in Germanic mythology? How can one find a connecting link between the two? Philosophy of that time could not do so, insofar as it was the dominant philosophy. Richard Wagner’s musical soul undertook the task. It undertook it, in fact, out of an impulse that was at the same time a deeply characteristic trait of the modern Central European spirit in general. In what way? Well, if one compares what Germanic myth—the Germanic way of penetrating the essence of nature—is, with what Greek myth—the Greek penetration into natural life—was, then only a superficial observer would believe that both belong to the same realm. For that is not the case. Here, too, it would be interesting to shed light on the deeper psychological underpinnings, but even here, one can only characterize the matter with a few sketchy strokes.

[ 11 ] Das ganze griechische Geistesleben ist daraufhin veranlagt, nach außen hin anzuschauen, und aus der plastischen Gestaltung, welche die Seele unternimmt mit dem, was sich von der Außenwelt darbietet, den Mythos zu schaffen, den Mythos in Formen, in plastischen Formen aufleben zu lassen. So wie der Grieche empfindet, wie der Grieche fühlt, so geht sein Empfinden, so geht sein Fühlen von seinem eigenen Wesen in die Außenwelt über, fließt in das äußere Dasein voll ein. Und so entstehen die wunderbar gerundeten plastischen Formen, die innerhalb des griechischen Mythos und dann wiederum heraus aus dem griechischen Mythos in der griechischen Kunst leben.

[ 11 ] The entire Greek spiritual life is inclined to look outward and, through the sculptural shaping that the soul undertakes with what the external world presents, to create myth—to bring myth to life in forms, in sculptural forms. Just as the Greek perceives, just as the Greek feels, so his perception and his feeling pass from his own being into the external world, flowing fully into external existence. And thus arise the wonderfully rounded sculptural forms that live within Greek mythology and, in turn, emerge from Greek mythology into Greek art.

[ 12 ] So ist ganz und gar nicht dasjenige, was im germanischen Mythos lebt. Nur mit Mühe kann man solche geschlossenen Formen, wie die Formen, die im griechischen Mythos lebend sind, die Götter- und Heroengestalten des griechischen Mythos, ich möchte sagen, hineinträumen in den germanischen Mythos. Wenn man das tut, wird im Grunde genommen aus diesem germanischen Mythos doch etwas ganz anderes. Will man den germanischen Mythos verstehen, muß man schweifen lassen können jenes liebevoll in das Naturwesen hineingehende Menschheitsempfinden, ohne es bis zur plastischen Gestaltung zu bringen, man muß schweifen lassen dieses Wesen hinauf zu den Göttergestalten Wotan, Donar, Baldur und so weiter. Und man muß auch darauf verzichten, da oben festgerundete Gestalten zu schaffen. Will man sich wirklich in diesen Mythos hineinleben, so muß alles beweglich bleiben, so kann nur bewegte Plastik, plastische Bewegung wiedergeben, was eigentlich in den germanischen Seelen lebend war. Wie kann man denn dann aber, wenn man auf das Wesen der Sache selber eingeht, ein Band finden zwischen dem, was in der Natur empfunden wird, was einem unmittelbar in der Sinneswelt entgegentritt, und dem, was oben als Götterwelt erschaut wird? Man kann es nur — gerade dann weiß man, daß man es nur kann, wenn man in der richtigen Weise den Grundnerv des germanischen Mythos in sich aufgenommen hat -, man kann es nur im musikalischen Empfinden. Es gibt keine Möglichkeit, jene Strömungen zu finden, die die Seele verfolgen muß von Wotan herunter in das Naturdasein, und wieder hinauf vom Naturdasein in das Leben und Weben der Götter in Walhalla — es gibt keine andere Möglichkeit, als die musikalische Empfindung, jene musikalische Empfindung, welche in dem, was sie vor sich hat, unmittelbar ein Innerliches hat, das Geistige hat, ein Geistiges, das ganz und gar sinnlich sich auslebt.

[ 12 ] That is not at all what lives in Germanic mythology. It takes a great deal of effort to, so to speak, “dream” such closed forms—such as those found in Greek mythology, the figures of gods and heroes in Greek mythology—into Germanic mythology. If one does that, this Germanic mythology essentially becomes something entirely different. If one wants to understand Germanic mythology, one must allow that human sensibility—which so lovingly merges with the essence of nature—to wander freely, without shaping it into a concrete form; one must let this essence wander upward toward the divine figures of Wotan, Donar, Baldur, and so on. And one must also refrain from creating firmly defined figures up there. If one truly wishes to immerse oneself in this mythology, everything must remain fluid; only dynamic sculpture—sculptural movement—can convey what was actually alive in the Germanic souls. But how, then, when one delves into the very essence of the matter, can one find a connection between what is sensed in nature—what confronts one directly in the sensory world—and what is perceived above as the world of the gods? One can do so only—and one knows that one can do so only when one has truly internalized the fundamental spirit of the Germanic myth—one can do so only through musical perception. There is no other way to trace those currents that the soul must follow, from Wotan down into the realm of nature, and back up again from natural existence into the life and interplay of the gods in Valhalla—there is no other way than through musical feeling, that musical feeling which, in what it has before it, immediately possesses an inner dimension, a spiritual dimension, a spirituality that expresses itself entirely through the senses.

[ 13 ] Und das ist ja der Grundunterschied jener großen Epoche der Menschheitsentwickelung, die wir als griechische empfinden, und derjenigen, die wir dann als germanische empfinden. Im griechischen Geistesleben war das Ich noch nicht so lebendig, das Selbstbewußtsein des Menschen nicht so entwickelt, wie es sich innerhalb des germanischen Geisteslebens herauf in das deutsche Geistesleben entwickeln sollte. Der Grieche lebte mit seinem ganzen Seelenleben noch mehr nach außen. Das ist das Bedeutsame in dem Fortschritt der Menschheit, daß zu diesem griechischen Leben nach außen die Erfassung im Innern, die Erkraftung im Innern hinzugekommen ist. Aber das Innere kann nicht gestaltet erfaßt werden. Soll es künstlerisch empfunden werden, so muß es ebenso musikalisch empfunden werden, wie das griechische Leben plastisch empfunden werden muß. Und so wie ein Übergang von der mehr selbstfreien Art der griechischen Weltanschauung zu der Ich-durchdrungenen Art der neueren Weltanschauung stattfindet, so findet ein Übergang statt des plastischen Gestaltens zu dem musikalischen Empfinden im Fortschritte der Menschheit.

[ 13 ] And that is, after all, the fundamental difference between that great epoch of human development that we perceive as “Greek” and the one we then perceive as “Germanic.” In Greek spiritual life, the “I” was not yet so vivid, and human self-consciousness was not as developed as it would later become within Germanic spiritual life and ultimately in German spiritual life. The Greeks still lived with their entire inner life directed more toward the outside world. This is what is significant about the progress of humanity: that to this outward-directed Greek life, an inner grasping and an inner strengthening have been added. But the inner world cannot be grasped in a concrete way. If it is to be perceived artistically, it must be perceived musically, just as Greek life must be perceived plastically. And just as a transition takes place from the more self-liberated nature of the Greek worldview to the “I”-imbued nature of the modern worldview, so too does a transition take place from plastic form-giving to musical perception in the progress of humanity.

[ 14 ] Das ist das ungeheuer Bedeutungsvolle, daß Richard Wagner die Persönlichkeit war, die nun nicht aus der Willkür der Seele heraus, sondern aus dem Miterleben dessen, was in der Zeit selber pulsierte, eben das als sein persönliches Erlebnis haben konnte, was Zeiterlebnis war. Das Musikalische, das also in der Weltanschauung sein mußte, das empfand die durch und durch musikalische Seele Richard Wagners. Und so kam es, daß Richard Wagner ganz aus dem Zeitbedürfnis, aus dem tiefsten Nerv des Geisteslebens der Zeit heraus, den Mythos mit dem Musikalischen verbinden konnte. Und was die fortlaufende Philosophie nicht sein konnte, nicht ausdrücken konnte in Worten, Begriffen und Ideen, im Musikalischen wurde es ausgedrückt. Da ist es darinnen. Und müssen wir das Philosophische, müssen wir das rein Geisteswissenschaftliche wie einen verklungenen Ton empfinden, so möchte man sagen: Wie ein Ersatz tritt das Musikalische durch Richard Wagner in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts herein, dieses Musikalische, das da wirklich ein Ersatz wird für den Erkenntnisweg, der sonst auf eine ganz andere Weise gesucht wird.

[ 14 ] What is so immensely significant is that Richard Wagner was a personality who—not out of the whims of his soul, but through his active participation in what was pulsating within the times themselves—was able to experience as his own personal experience precisely what was the experience of the times. The musical element—which therefore had to be present in the worldview—was perceived by Richard Wagner’s thoroughly musical soul. And so it came to pass that Richard Wagner, entirely out of the needs of the age, from the deepest nerve of the spiritual life of the time, was able to unite myth with music. And what ongoing philosophy could not be, could not express in words, concepts, and ideas—that was expressed in the musical. It is there within it. And if we must perceive the philosophical, the purely spiritual-scientific, as a fading note, one might say: The musical, through Richard Wagner, enters the second half of the nineteenth century as a substitute—this musical element that truly becomes a substitute for the path to knowledge, which is otherwise sought in an entirely different way.

[ 15 ] Nun trat, wie eben solche Ereignisse im Menschenleben notwendig wie ein inneres Schicksal eintreten, noch etwas anderes für Richard Wagner ein. Die Bekanntschaft mit Feuerbach blieb doch für Richard Wagner etwas Unbefriedigendes. Zwar war er dadurch, daß er das musikalische Element als sein eigentliches Lebenselement hatte, stark genug, um das zu finden, was auf dem reinen Gedankenwege nicht zu finden war; doch war in ihm wiederum, wie es im Sinne der neueren Zeit sein muß, der Drang vorhanden, auch bewußt das in sich aufzunehmen, was er tat, bewußt sich Aufklärung zu schaffen über das Verhältnis, in dem nun sein, von ihm ja durchaus als neu empfundenes künstlerisches Wirken zu den tiefsten Weltgeheimnissen des Daseins stand. Und da kam ihm die Schopenhauersche Philosophie wie eine Hilfe. Es kommt jetzt weniger darauf an, diese Philosophie so zu betrachten, wie sie unmittelbar objektiv genommen werden muß, sondern es kommt darauf an, sie so zu betrachten, wie sie auf Richard Wagner wirkte. Diese Schopenhauersche Philosophie zeigte ihm, daß der Mensch, wenn er sich an seine Intellektualität, an sein bloßes Vorstellen hält, eigentlich nimmermehr in die Geheimnisse des Daseins eindringen kann. Er muß viel tiefere Kräfte aus dem Untergrund seines Wesens heraufholen, wenn er sich irgendwie zusammenleben will mit den Weltengeheimnissen. Daher war alles bloß Intellektuelle, alles bloß in Gedanken, in Begriffen, in Vorstellungen leben, für Schopenhauer etwas, was nun wirklich nicht nur bloße Bilder des Daseins hervorbrachte, sondern solche bloßen Bilder hervorbringen mußte, die eigentlich nur einen Traum vom Dasein geben. Will aber die Seele wirklich zusammenwachsen mit der Wirklichkeit, so darf sie nicht bloß denken, so muß sie tiefere Kräfte aus ihrem Untergrunde hervorholen. Und Schopenhauer fand, daß der Mensch, wenn er die Kräfte des Daseins wirklich erkennen will, sie nicht im Gedanken, in der Vorstellung erfassen kann, sondern daß er sie erfassen muß im lebendigen Willen, im Weben des Willens, nicht in der Intellektualität. Und weiter konnte Schopenhauer zeigen, wie aus diesem Willenselement heraus all dasjenige kommt, was auch am einzelnen Menschen wertvoll ist: alles Genialische, alles, was Hingebung und Opferwilligkeit gegenüber der Welt ist, ja, das Mitleid selber, das alles Sittliche durchzieht. All das steht mit tieferen Kräften im Zusammenhang, als bloß mit der Intellektualität. Kurz, der Mensch muß hinausdringen über das bloß Bildhafte, das Vorstellungsleben, muß sich verbinden mit demjenigen, woran der Durst nach Wirklichkeit, von dem wir ja gesprochen haben, mehr befriedigt werden kann, als an der bloßen Intellektualität, die an das Leibesleben des Gehirns gebunden ist. Aber in dem, was der Wille darlebt, fand Schopenhauer nicht nur den Mittelpunkt der Persönlichkeit des Menschen, sondern er fand darin auch den Mittelpunkt aller wirklichen Kunst. Alle anderen Künste, so stellt sich Schopenhauer vor, müssen aus dem Willen herausheben die Vorstellungen, müssen die Bilder gestalten. Eine Kunst gibt es nur, die nicht zum Bilde wird, sondern die den Willen unmittelbar so, wie er sich im Innern des Menschen offenbart, auch nach außen zu offenbaren vermag, und das ist die Musik. Dadurch tritt die musikalische Kunst für Schopenhauer in den Mittelpunkt überhaupt des ganzen neueren Kunstlebens, und dadurch, kann man auch sagen, empfindet Schopenhauer etwas von dem urmusikalischen Charakter alles wahren Weltanschauungsstrebens. Und wenn man sich auch nicht auf die Schopenhauerschen Ideen einlassen will oder vielleicht auch nicht einlassen kann, so muß man in dem, was Schopenhauer unbewußt über den menschlichen Willen und seinen Zusammenhang mit dem Musikalischen empfand, etwas erkennen, was wiederum im innigsten Zusammenhange steht mit dem Lebensnerv des Geisteslebens in der neueren Zeit.

[ 15 ] Now, just as such events in human life occur as inevitably as an inner destiny, something else came to pass for Richard Wagner. His acquaintance with Feuerbach remained, after all, somewhat unsatisfying for Richard Wagner. Although, because the musical element was his true lifeblood, he was strong enough to find what could not be found through pure thought alone; yet within him, as is to be expected in the spirit of modern times, there was also the urge to consciously assimilate what he was doing—to consciously gain insight into the relationship between his artistic work, which he certainly perceived as entirely new, and the deepest mysteries of existence. And here Schopenhauer’s philosophy came to his aid. What matters now is not so much to consider this philosophy as it must be taken immediately and objectively, but rather to consider it as it affected Richard Wagner. This Schopenhauerian philosophy showed him that human beings, if they rely solely on their intellect, on their mere imagination, can never truly penetrate the mysteries of existence. He must draw much deeper forces from the depths of his being if he is to live in harmony with the mysteries of the world in any way. Therefore, for Schopenhauer, everything that was merely intellectual—everything that lived solely in thoughts, concepts, and ideas—was something that not only produced mere images of existence but was bound to produce such mere images, which in reality offer only a dream of existence. But if the soul truly wishes to grow together with reality, it must not merely think; it must draw deeper forces from its inner depths. And Schopenhauer found that if a person truly wishes to recognize the forces of existence, he cannot grasp them in thought or in imagination, but must grasp them in the living will, in the weaving of the will—not in intellectuality. Furthermore, Schopenhauer was able to show how everything that is valuable in the individual human being arises from this element of the will: all genius, all devotion and willingness to sacrifice oneself for the world—indeed, compassion itself, which permeates all morality. All of this is connected to deeper forces than mere intellectuality. In short, human beings must go beyond the merely pictorial, the life of the imagination; they must connect with that which can satisfy the thirst for reality—of which we have spoken—more fully than mere intellectuality, which is bound to the physical life of the brain. But in what the will lives out, Schopenhauer found not only the center of the human personality, but also the center of all true art. All other arts, Schopenhauer imagines, must draw ideas out of the will and shape them into images. There is only one art that does not become an image but is capable of revealing the will directly—just as it manifests itself within the human being—to the outside world as well, and that is music. Consequently, for Schopenhauer, musical art takes center stage in the entire realm of modern artistic life, and through this, one might also say, Schopenhauer perceives something of the primal musical character of all genuine philosophical striving. And even if one does not wish to—or perhaps cannot—engage with Schopenhauer’s ideas, one must recognize in what Schopenhauer unconsciously sensed about the human will and its connection to music something that, in turn, stands in the most intimate connection with the lifeblood of intellectual life in modern times.

[ 16 ] Wie mußte nun Richard Wagner mit seiner urmusikalischen Seele empfinden gegenüber einer Weltanschauung wie der Schopenhauerischen, die ihm zeigte, was Musik eigentlich im Gesamtweltenleben bedeutet? Hatte er nun nicht im Grunde genommen in der Musik das vor sich, von dem er sich sagen mußte: Wie auch das naturwissenschaftliche Weltenbild sich gestalten mag, die Tatsache der Musik wird in der Menschennatur durch das naturwissenschaftliche Weltbild niemals anschaulich, erklärlich gemacht. Da waltet im Menschen der Geist, wo der Mensch musikalisch wird, und dennoch hat man nicht nötig, in eine abstrakte Intellektualität, in abgezogene Begriffe, in eine bloße Vorstellungswelt hinaufzugehen, sondern man bleibt innerhalb des Gebietes des Sinnenfälligen. Und der Drang entstand in Richard Wagner, nun die Musik selber so zu gestalten, daß sie von ihm empfunden werden konnte als erfüllend gewissermaßen ein solches Ideal, zu dem sich Schopenhauer in bezug auf seine Anschauung über die Musik durchzuringen versuchte. Ein ausübender, produktiver Künstler wie Richard Wagner war gegenüber einer solchen Wahrheit doch noch in einer anderen Lage als Schopenhauer, der Philosoph. Schopenhauer, der Philosoph, konnte die Musik nur betrachten, wie sie sich ihm darbot. Sie erschien ihm gewissermaßen als Objekt, und in ihr ahnte er das Walten und Pulsieren des Willens. In Richard Wagner, dem produktiven Menschen, entstand etwas anderes. In ihm entstand jetzt wirklich der Drang, das Musikalische so fortzuentwickeln, daß in dem musikalischen Element, das er zum Ausdruck brachte, etwas wirkte, das genau zeigte, wie das Geistige mit dem Sinnlichen, man möchte sagen, musikalisch bewußt zusammenschmelzen kann.

[ 16 ] How, then, must Richard Wagner—with his profoundly musical soul—have felt toward a worldview such as Schopenhauer’s, which revealed to him what music actually signifies in the life of the world as a whole? Did he not, in essence, find in music that which compelled him to say: No matter how the scientific worldview may take shape, the reality of music will never be made vivid or explicable in human nature by that scientific worldview? For the spirit reigns in man when he becomes musical, and yet there is no need to ascend into abstract intellectuality, into abstract concepts, into a mere world of ideas; rather, one remains within the realm of the tangible. And Richard Wagner felt the urge to shape music itself in such a way that he could perceive it as, in a sense, fulfilling the very ideal that Schopenhauer had struggled to achieve in his view of music. A practicing, productive artist like Richard Wagner was, after all, in a different position with regard to such a truth than Schopenhauer, the philosopher. Schopenhauer, the philosopher, could only contemplate music as it presented itself to him. It appeared to him, as it were, as an object, and in it he sensed the reign and pulsation of the will. In Richard Wagner, the creative artist, something else arose. Within him there now truly arose the urge to develop music in such a way that, in the musical element he expressed, something would take effect that showed precisely how the spiritual and the sensual can—one might say—musically and consciously fuse together.

[ 17 ] Und von diesem Gesichtspunkte aus erscheint in der Tat der «Tristan», «Tristan und Isolde», als dasjenige Kunstwerk Richard Wagners — es ist ja entstanden erst nach «Tannhäuser», «Lohengrin» und so weiter - in dem er bewußt das musikalische Element so umgestalten wollte, daß alles, was da musikalisch als Ausdrucksmittel für das Weben und Wirken des sinnlichsten Elementes gegeben wurde, zu gleicher Zeit war wie ein metaphysisches, wie ein übersinnliches Wirken in dem sinnlichsten Element. So war bei Richard Wagner sein Ideal der Fortentwickelung des Musikalischen wirklich etwas wie ein Erkenntnisideal der neueren Zeit. Und wiederum am bewußtesten wird dieses Erkenntnisideal der neueren Zeit von Richard Wagner im Tristan angestrebt.

[ 17 ] And from this perspective, “Tristan,” “Tristan and Isolde,” does indeed appear to be Richard Wagner’s work of art—it was, after all, composed only after “Tannhäuser,” “Lohengrin,” and so on—in which he consciously sought to reshape the musical element so that everything provided musically as a means of expression for the weaving and working of the most sensual element was, at the same time, like a metaphysical, like a supersensual working within the most sensual element. Thus, for Richard Wagner, his ideal of the further development of music was truly something like a modern ideal of knowledge. And once again, this modern ideal of knowledge is most consciously pursued by Richard Wagner in *Tristan*.

[ 18 ] Tristan ist dasjenige Werk, an dem sich zunächst die Begeisterung Friedrich Nietzsches für Richard Wagner entzündet hat. In die Musik des Tristan suchte der junge Nietzsche einzudringen. Und dieses Eindringen in ein Element, das eben nur insoweit sinnlich war, wie in allem bloß Sinnlichen zugleich überall ein Geistiges pulsiert, — dieses Eindringen in den Tristan wurde für Nietzsche der Anlaß seines Erlebnisses, das er nun mit Richard Wagner hatte, mit Richard Wagners Kunst, mit Richard Wagners Weltanschauung; wurde der Anlaß zu dem Erlebnis, das Nietzsche hatte mitSchopenhauer und mit all dem, was sich nun an das Zusammenwirken der drei Seelen Nietzsche, Schopenhauer, Wagner knüpfen läßt. Und für Nietzsche, der eigentlich von der Philologie ausgegangen war, aber mit genial umfassendem Geist alles aufgenommen hat, was er aus der Philologie aufnehmen konnte, beginnt jetzt etwas Besonderes, etwas, womit, ich möchte sagen, die Einleitung, die Exposition gegeben ist zu seiner Lebenstragödie, die sich mit wunderbar innerer Notwendigkeit nun eigentlich abspielt, trotz ihrer scheinbaren Widersprüche. Diese scheinbaren Widersprüche im Nietzscheschen Seelenleben sind nämlich nichts anderes, als die Widersprüche innerhalb eines tief ergreifenden, erschütternden Lebensdramas, einer Lebenstragödie; sie sind so, wie Widersprüche in einer Tragödie überhaupt sein müssen, weil das Leben selbst, wenn es in seinen Tiefen dahinströmt, nicht ohne Widersprüche da sein kann. Welches ist denn diese tiefste Eigentümlichkeit des Nietzscheschen Seelenlebens? Andere Geister, die in der neueren Zeit gestrebt haben, bilden sich, wenn sie das Bedürfnis dazu haben, eine gewisse Welt- und Lebensanschauung aus, eine Summe von Begriffen und Vorstellungen, vielleicht auch ein anderes Element der Seele, das hineinführen soll in die geheimen Untergründe des Daseins, und dann, wenn solche Geister, solche Seelen dahin kommen können, eine gewisse Widerspruchslosigkeit in den einzelnen Teilen der Weltanschauung zu finden, nehmen sie diese Weltanschauung auf, lehnen anderes, das ihrem Weltanschauungsbild widerspricht, ab und leben so mit ihrer in sich ausgebildeten Weltanschauung.

[ 18 ] *Tristan* is the work that first sparked Friedrich Nietzsche’s enthusiasm for Richard Wagner. The young Nietzsche sought to penetrate the music of *Tristan*. And this penetration into an element that was sensual only to the extent that, in everything purely sensual, a spiritual element simultaneously pulsates everywhere—this penetration into *Tristan* became, for Nietzsche, the catalyst for his experience with Richard Wagner, with Richard Wagner’s art, and with Richard Wagner’s worldview; became the occasion for the experience Nietzsche had with Schopenhauer and with everything that can now be linked to the interplay of the three souls—Nietzsche, Schopenhauer, and Wagner. And for Nietzsche, who had actually started out in philology but, with a brilliantly comprehensive mind, absorbed everything he could from philology, something special now begins—something that, I would say, provides the introduction, the exposition, to the tragedy of his life, which is now actually unfolding with a wondrous inner necessity, despite its apparent contradictions. These apparent contradictions in Nietzsche’s inner life are, in fact, nothing other than the contradictions within a deeply moving, shattering life drama, a life tragedy; they are exactly as contradictions in a tragedy must be, because life itself, as it flows in its depths, cannot exist without contradictions. What, then, is this deepest characteristic of Nietzsche’s inner life? Other minds who have striven in more recent times form, when they feel the need to do so, a certain worldview and philosophy of life—a sum of concepts and ideas, perhaps even another element of the soul— intended to lead into the secret depths of existence; and then, when such minds, such souls, are able to find a certain lack of contradiction in the individual parts of their worldview, they adopt this worldview, reject anything else that contradicts their worldview, and thus live according to the worldview they have developed within themselves.

[ 19 ] So zu leben war Nietzsches Seele ganz und gar nicht geeignet. Ein Grundunterschied gegenüber allen übrigen Weltanschauungsmenschen ist bei Nietzsche vorhanden. Nietzsche ist, wenn man ihn mit anderen Weltanschauungsmenschen vergleicht, kein produktiver Geist. Nietzsche ließe sich niemals, wenn man nicht äußerlich vorgehen will, vergleichen mit produktiven Geistern oder Philosophen wie Fichte, wie Schelling, wie Hegel, auch nur wie Feuerbach, auch nur wie Schopenhauer selber. Nietzsche ist keine Seele, in der unmittelbar Gedanken entspringen, die ihr glaubwürdig erscheinen, die ihr die Unterlagen sind für eine gewisse Meinung über die Welt. In diesem Sinne ist Nietzsches Seele gar nicht schöpferisch, wenn das auch zunächst denen, die oberflächlich betrachten, nicht so aussieht. Zu anderem scheint Nietzsches Seele berufen zu sein. Während andere Weltanschauungsmenschen also Weltanschauungen ausbilden, gleichsam das Logische dieser Weltanschauungen zu erfassen streben, wird für Nietzsche notwendig, dasjenige, was die wichtigsten Weltanschauungen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ihm bieten, so auf seine Seele wirken zu lassen, daß in der Seele die Empfindungsfrage entsteht: Wie läßt sich mit diesen Weltanschauungen leben? Was geben sie der Seele? Wie kann die Seele weiterkommen, indem sie diese Weltanschauungen auf sich wirken läßt? — Lebensfragen werden die Weltanschauungen der anderen, die Weltanschauungen, die überhaupt in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts als die wichtigsten Weltanschauungen auftreten. Kann sich die Seele glücklich ihres Eigenwertes bewußt werden? Kann sie sich gesund entwickeln unter dem Einfluß dieser oder jener Weltanschauungen? Das wird für Nietzsche nicht die formulierte Frage, aber die empfindungsgemäße Frage, der innere Drang, der sich in seiner Seele auslebt. Daher kann man sagen: Nietzsche war es auferlegt, die wichtigsten tonangebenden Weltanschauungen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in seiner eigenen Seele auf ihren Lebenswert und auf ihre Lebensfrucht hin zu erfahren, innerlich durchzumachen.

[ 19 ] Nietzsche’s soul was entirely unsuited to living that way. There is a fundamental difference between Nietzsche and all other thinkers with a worldview. Compared to other thinkers with a worldview, Nietzsche is not a productive mind. Unless one approaches the matter superficially, Nietzsche could never be compared to productive minds or philosophers such as Fichte, Schelling, Hegel, or even Feuerbach, or even Schopenhauer himself. Nietzsche is not a soul from which thoughts spring directly—thoughts that appear credible to him, that serve as the foundation for a certain view of the world. In this sense, Nietzsche’s soul is not creative at all, even if this may not appear so at first glance to those who observe him superficially. Nietzsche’s soul seems to be called to something else. While other people with worldviews thus develop worldviews—striving, as it were, to grasp the logic of these worldviews—it becomes necessary for Nietzsche to allow what the most important worldviews of the second half of the nineteenth century offer him to affect his soul in such a way that the question of feeling arises within the soul: How can one live with these worldviews? What do they offer the soul? How can the soul progress by allowing these worldviews to take effect upon it? — The worldviews of others—the worldviews that emerged as the most significant ones in the second half of the nineteenth century—become questions of life. Can the soul happily become aware of its own worth? Can it develop healthily under the influence of this or that worldview? For Nietzsche, this is not the question as it is formulated, but rather the question as he feels it—the inner urge that plays itself out in his soul. Therefore, one can say: It was Nietzsche’s destiny to experience within his own soul the most important, influential worldviews of the second half of the nineteenth century, to test them for their value in life and their fruitfulness, and to live through them inwardly.

[ 20 ] Und da entzündete sich dasjenige, was ihm noch während seiner vollen Jugendfrische aus der Philologie gekommen war — er wurde ja sogar schon mit vierundzwanzig Jahren Professor an der Universität von Basel, bevor er sein Doktorat gemacht hatte —, da entzündete sich ihm zunächst dasjenige, was sich ja eigentlich entzünden mußte bei einem Geiste, der mit seiner Zeit mitging. Wir haben ja charakterisiert, was da lebte und webte und sich darstellte besonders in einem solchen Geiste wie Feuerbach, in einem solchen Geiste ferner wie Schopenhauer. Und durch die Persönlichkeit Richard Wagners trat es Nietzsche jetzt näher. Was wurde Wagner für Nietzsche denn in den sechziger Jahren? So sonderbar es klingt: Wagner wurde für Nietzsche im Grunde genommen Erkenntnisproblem. Wie läßt sich mit dem, was gerade im Sinne der neueren Geistesentwickelung, der neueren Weltanschauung in dem Musiker Richard Wagner geworden war, wie läßt sich mit dem leben in einer Menschenseele, die die befruchtenden Kräfte des Lebens in sich erfahren will? Das wird für Nietzsche die Grundfrage. Und er muß sich diese Grundfrage, die für ihn Lebensempfindung wird, in Zusammenhang bringen mit seiner Philologie, mit dem, was ihm lebendig geworden war aus dem Griechentum heraus, das ja der vorzüglichste Gegenstand seines Studiums war. Zunächst war der Eindruck, den gerade das Musikalische in Tristan auf Nietzsche machte, ein überwältigender, so daß er das Gefühl hatte: Da tritt wirklich etwas Neues herein in die neuzeitliche Geistesentwickelung, da ist Leben, das fruchtbar werden muß. Aber welches sind die intimeren Zusammenhänge, durch die dieses Leben für die Gesamtmenschheit fruchtbar werden kann?

[ 20 ] And that is when what had first sparked in him—back when he was still in the prime of his youth and studying philology—began to ignite anew; after all, he had already become a professor at the University of Basel at the age of twenty-four, before he had even earned his doctorate. That is when what was bound to ignite in a mind that kept pace with its time first began to take hold. We have, after all, characterized what was alive and at work and manifesting itself particularly in a mind such as Feuerbach’s, and furthermore in a mind such as Schopenhauer’s. And through the personality of Richard Wagner, it now drew nearer to Nietzsche. What did Wagner come to represent for Nietzsche in the 1860s? As strange as it may sound: Wagner essentially became a problem of knowledge for Nietzsche. How can one reconcile what had become of the musician Richard Wagner—precisely in the sense of the newer intellectual development, the newer worldview—with the life of a human soul that wishes to experience the life-giving forces within itself? This became the fundamental question for Nietzsche. And he had to relate this fundamental question—which for him became a way of experiencing life—to his philology, to what had come alive for him through Greek culture, which was, after all, the primary focus of his studies. At first, the impression that the music in *Tristan* made on Nietzsche was overwhelming, so much so that he had the feeling: Here, something truly new is entering the modern development of the spirit; here is life that must bear fruit. But what are the deeper connections through which this life can bear fruit for all of humanity?

[ 21 ] Von dieser Frage aus blickte nun Nietzsche zurück in das Griechentum, Und indem er Richard Wagners MusikalischKünstlerisches empfand, stellte sich für Nietzsche das Griechentum eigentlich in einem ganz anderen Bilde dar, als das Bild war, das man früher über das Griechentum in gewissem Sinne doch als ein einseitiges empfunden hat. Wenigstens Nietzsche sah dasjenige, was über das Griechentum vor ihm gesagt worden war, wie etwas Einseitiges an. Hatte man doch, so meinte Nietzsche, immer wieder und wiederum aufmerksam machen wollen auf das heitere Element des Griechen, auf das unmittelbar lebensfreudige Element des Griechen, als ob diese Griechen eigentlich im Grunde genommen nur die spielenden Kinder der Menschheit gewesen wären. Das konnte Nietzsche aus seiner Anschauung des Griechentums nicht zugeben. Ihm trat vielmehr vor die Seele, wie die besten Geister des alten Griechentums empfunden haben das innere Tragische, das Leidvolle alles physisch-sinnlichen Daseins, wie sie empfunden haben, wie der Mensch, der nur innerhalb des sinnlichphysischen Daseins lebt, eigentlich, wenn er nun höhere Bedürfnisse in der Seele trägt, dennoch ganz unbefriedigt bleiben muß. Nur der Odling kann befriedigt sein innerhalb des sinnlich-physischen Daseins. Und Odlinge, Stumpflinge waren die Griechen für Friedrich Nietzsche nach seiner Anschauung nicht. Die Griechen empfanden vielmehr — das ging ihm aus einer genaueren Betrachtung dieses Griechentums hervor — das Tragische, das Leidvolle des unmittelbaren Daseins, und sie erschufen sich, so meinte Nietzsche, die Kunst, dasjenige, was sie aus ihrem Geiste hervorbringen konnten, gerade um hinwegzukommen über die Disharmonien des sinnlichen Daseins. Die Kunst im Geiste erschufen sie sich, um ein Element zu haben, das sie hinweghob über das Zwiespältige des äußeren sinnlichen Daseins. Die Kunst als Harmonisierung des sinnlichen Daseins, das wurde für Nietzsche die griechische Kunst. Und klar war ihm, daß dieses Streben nach einem geistigen Inhalte, der über den sinnlichen Inhalt hinwegführt, im innigen Zusammenhange stand damit, daß die Griechen noch in ihrer besten Zeit etwas in sich wirksam hatten von dem, was Schopenhauer unmittelbar den Willen nannte und was im Menschen wirkte im Untergrunde der Seele, was im Intellekt, in der Verständigkeit, im Vorstellen nur zu Bildern führt.

[ 21 ] Starting from this question, Nietzsche now looked back at Greek civilization. And as he came to appreciate Richard Wagner’s musical and artistic work, Greek civilization actually presented itself to Nietzsche in a completely different light than the image that had previously been perceived—in a certain sense—as one-sided. At least Nietzsche viewed what had been said about Greek civilization before him as one-sided. For, as Nietzsche argued, people had repeatedly sought to draw attention to the cheerful element of the Greeks, to their immediate zest for life, as if these Greeks had, at heart, been nothing more than the playing children of humanity. Nietzsche could not accept this view of Greek civilization. Rather, what struck him most deeply was how the greatest minds of ancient Greece had sensed the inner tragedy, the suffering inherent in all physical and sensory existence; how they had realized that a person who lives solely within the realm of physical and sensory existence—even if he harbors higher needs in his soul—must nevertheless remain entirely unsatisfied. Only the “Odling” can find satisfaction within physical-sensual existence. And according to Friedrich Nietzsche’s view, the Greeks were neither “Odlings” nor “Stumpflinge.” Rather, the Greeks perceived—as Nietzsche concluded from a closer examination of Greek culture—the tragic and the painful aspects of immediate existence, and they created, as Nietzsche believed, art—that which they could bring forth from their spirit—precisely in order to transcend the disharmonies of sensory existence. They created art in the spirit in order to have an element that would lift them above the ambivalence of external sensory existence. Art as the harmonization of sensory existence—that is what Greek art became for Nietzsche. And it was clear to him that this striving for a spiritual content that transcends sensory content was intimately connected to the fact that even in their heyday, the Greeks still had at work within them something of what Schopenhauer directly called the “will”—something that acted within the human soul at its deepest level, something that, in the intellect, in reason, and in the imagination, leads only to images.

[ 22 ] Und insbesondere blickte Nietzsche gern zurück ins älteste Griechentum. Ja, bei dem ältesten griechischen Philosophen, bei Thales, Anaxagoras, bei Heraklit namentlich, bei Anaximenes und so weiter fand Nietzsche überall, daß sie nicht so schufen, wie neuere Philosophen durch Denken, Denken und wieder Denken, sondern dadurch, daß sie tief in ihren Seelen noch etwas trugen von dem, was im unterbewußten Element des Willens wirkte, was nicht aufging in der bloßen Vorstellung und was sie hineintrugen in ihre Weltanschauung. All die großen Linien bemühte sich Nietzsche hinzustellen in den schönen Abhandlungen, die er über die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen geschrieben hat. In Sokrates aber empfand er den Menschen, der gewissermaßen die ursprünglich gesunden tieferen Willenskräfte abgelehnt hat durch die bloße Intellektualität. Daher war Sokrates für Nietzsche zwar der eigentliche Bringer des intellektualistischen Elementes, aber auch der Abtöter aller ursprünglichen großen Anlagen für eine geistige Entwickelung der Menschheit. Und indem das Sokratische Zeitalter eingeleitet wurde und bis in die neue Zeit herauf dauerte und in den Weltanschauungen sich auslebte, setzte die Menschheit den bloßen Traum der Intellektualität entgegen dem ursprünglichen elementarischen Drinnenstehen in dem, was mehr ist als bloßes Bild, was innere Wirklichkeit ist. Dieses sah nun Nietzsche wirksam in der Schopenhauerschen Behauptung: daß die Vorstellung bloßes Bild ist, daß aber die Wirklichkeit, nach der man dürstete, in den Gründen,unter der Oberfläche der bloßen Vorstellung, im menschlichen Willenselement lebe. In dieser Schopenhauerschen Behauptung fand Nietzsche etwas, was wiederum zurückging auf dasjenige Zeitalter, das durch das Zeitalter der Intellektualität abgelöst worden war. Und Richard Wagners Kunst erschien Nietzsche so wie eine Erneuerung der Urkunst der Menschheit selber, wie etwas wirklich ganz Neues gegenüber dem, was die Menschheit bisher als Kunst gepflegt hatte und was nicht völlig Kunst werden konnte, weil es nicht bis hinunter ging in die Urelemente des menschlichen Seelenwesens selber.

[ 22 ] And Nietzsche, in particular, liked to look back to ancient Greece. Indeed, in the earliest Greek philosophers—Thales, Anaxagoras, Heraclitus in particular, Anaximenes, and so on—Nietzsche found everywhere that they did not create in the same way as later philosophers—through thinking, thinking, and thinking again—but rather by still carrying deep within their souls something of what was at work in the subconscious element of the will, something that did not dissolve into mere thought and that they incorporated into their worldview. Nietzsche endeavored to set forth all these broad outlines in the beautiful essays he wrote on philosophy in the tragic age of the Greeks. In Socrates, however, he perceived the man who, in a sense, had rejected the originally healthy, deeper forces of the will in favor of mere intellectualism. Therefore, for Nietzsche, Socrates was indeed the true bringer of the intellectualist element, but also the one who stifled all the original great predispositions for the spiritual development of humanity. And as the Socratic age was ushered in, continued into modern times, and found expression in worldviews, humanity set the mere dream of intellectualism in opposition to the original, elemental immersion in that which is more than a mere image—that which is inner reality. Nietzsche now saw this effectively reflected in Schopenhauer’s assertion: that the idea is merely an image, but that the reality for which one thirsts lives in the depths, beneath the surface of mere ideas, in the human element of will. In this Schopenhauerian assertion, Nietzsche found something that in turn went back to the very age that had been superseded by the age of intellectuality. And Richard Wagner’s art appeared to Nietzsche as a renewal of humanity’s own primordial art, as something truly entirely new in comparison to what humanity had hitherto cultivated as art—and which could not become fully art because it did not descend all the way to the primordial elements of the human soul itself.

[ 23 ] So wurde für Friedrich Nietzsche — aus seiner Anschauung des Griechentums und aus seiner Anschauung über den Niedergang des tieferen Menschlichen im späteren Griechentum — Richard Wagner ein ganz Neues, eine ganz neue Erscheinung im Entwickelungsgang der Menschheit, ein Wiederheraufholen tieferer Elemente des Künstlerischen, als sie da sein konnten seit dem sokratischen Zeitalter. Denn das, was wirkliche menschliche Weltanschauung und Lebensgestaltung werden kann, muß aus diesen tieferen Untergründen hervorgehen. In welcher Kunst kann es dann leben? Im Musikalischen allein kann es leben im Sinne Nietzsches. Daher muß dasjenige, was sonst als Kunst auftritt, im Sinne Nietzsches aus dem Musikalischen, aus einem UrMusikalischen heraus geboren sein. Richard Wagner wurde wirklich für ihn diejenige Gestalt, auf die Nietzsche hinblickte, und die ihm, ich möchte sagen, die großen Zweifelsfragen seiner Weltanschauung löste. Denn Richard Wagner war ihm derjenige, der nicht philosophierte über die tiefsten Geheimnisse der Welt, sondern musizierte. Und im musikalischen Element lebt das Willenselement. Will man aber in der Menschheitsentwickelung selber dasjenige finden, aus dem alle Kunst entsprungen sein muß, auch die Dichtung, so muß man zurückgehen bis in ein Zeitalter, in dem das Musikalische, zwar auf naive, auf ursprünglichere Art, als bei Richard Wagner, aber doch als Musikalisches lebte.

[ 23 ] Thus, for Friedrich Nietzsche—based on his view of Greek culture and his view of the decline of the deeper human qualities in later Greek culture—Richard Wagner became something entirely new, a wholly new phenomenon in the course of human development: a revival of deeper artistic elements than had been possible since the Socratic age. For that which can become a true human worldview and way of life must spring from these deeper foundations. In which art form, then, can it live? In music alone can it live, in Nietzsche’s sense. Therefore, that which otherwise appears as art must, in Nietzsche’s sense, be born out of music, out of a primal musicality. Richard Wagner truly became for him the figure to whom Nietzsche looked, and who, I might say, resolved the great questions of doubt in his worldview. For Richard Wagner was, to him, the one who did not philosophize about the deepest mysteries of the world, but made music. And within the musical element lies the element of will. But if one wishes to find within human development itself that from which all art—including poetry—must have sprung, one must go back to an age in which the musical—albeit in a more naive, more primitive way than in Richard Wagner—nevertheless existed as something musical.

[ 24 ] Aus solchen Empfindungen ging Nietzsche der Gedanke zu seinem ersten Werk hervor: «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik.» Denn dasjenige, was sonst künstlerisch lebte, es mußte hervorgegangen sein aus dem Element des Musikalischen. Und so wurde Nietzsches Erstlingswerk, ich möchte sagen, auf die Kunst übertragen die Weltanschauung Schopenhauers von dem Wirken des Willens als einem realen Elemente gegenüber der bloßen Vorstellung. Und Richard Wagner war die Erfüllung dessen, was notwendig eintreten mußte für Nietzsche. Man muß sich diese Dinge nun so vorstellen, wie sie leben mußten als innere Erfahrung einer so erkenntnisdurstigen Seele, wie es die Nietzsches war. Alles Glück, das Nietzsche erleben konnte, alle Erfüllung von Sehnsuchten und Hofinungen, die ihm werden konnten, waren für ihn dadurch gegeben, daß er sich sagen konnte: Was durch den Sokratismus, durch den Intellektualismus zerstört worden war innerhalb der Menschheitsentwickelung, es kann wieder aufleben. Denn alle Kunst wird aus dem musikalischen Elemente entspringen, wie die griechische Tragödie aus dem musikalischen Element entsprungen ist. Und Richard Wagner zeigt bereits die Morgenröte. Es wird also erstehen.

[ 24 ] It was from such feelings that the idea for Nietzsche’s first work arose: *The Birth of Tragedy from the Spirit of Music*. For whatever otherwise lived artistically must have emerged from the element of music. And so Nietzsche’s debut work—I would say—transposed onto art Schopenhauer’s worldview of the activity of the will as a real element opposed to mere representation. And Richard Wagner was the fulfillment of what was bound to happen for Nietzsche. One must now imagine these things as they must have lived as the inner experience of a soul as thirsty for knowledge as Nietzsche’s was. All the happiness Nietzsche could experience, all the fulfillment of his longings and hopes that could come to him, were granted to him by the fact that he could say to himself: What had been destroyed by Socratism and intellectualism within the course of human development can be revived. For all art will spring from the musical element, just as Greek tragedy sprang from the musical element. And Richard Wagner is already heralding the dawn. So it will arise.

[ 25 ] Ganz persönliche Angelegenheit und Erkenntnisfrage zugleich wird nun Nietzsches Verhältnis zu Richard Wagner, Und das Bedeutungsvolle in Nietzsches eigenem Seelenleben ist, daß er dasjenige, was er anstrebt, nicht als seine Ideale hinstellt, daß er nicht sagt: das oder das müsse geschehen. Also nicht aus seiner Seele heraus lebt zunächst dasjenige, was er als zu verwirklichen für notwendig hält, sondern er blickt immer auf Richard Wagners Seele hin, und in der Art und Weise, wie sich Richard Wagner als Künstler darlebt, werden ihm zugleich die Antworten für das, was er als seine Erkenntnisfragen stellen muß. Das ist das Bedeutsame im Nietzscheschen Leben.

[ 25 ] Nietzsche’s relationship to Richard Wagner now becomes both a deeply personal matter and a question of insight. And what is significant in Nietzsche’s own inner life is that he does not present what he strives for as his ideals; he does not say: this or that must happen. Thus, what he considers necessary to realize does not initially spring from his own soul; rather, he always looks to Richard Wagner’s soul, and in the way Richard Wagner lives out his art, he simultaneously finds the answers to the questions of knowledge he must ask. This is what is significant in Nietzsche’s life.

[ 26 ] Und jetzt wird Nietzsche zum Kritiker seiner Zeit, zum Kritiker, ich möchte sagen, desjenigen vor allem, was sich ihm im deutschen Geistesleben im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts darstellt. Und.als solcher Kritiker verfaßt Nietzsche seine vier «Unzeitgemäßen Betrachtungen». Es hätten viel mehr werden sollen. Aber aus Gründen, die sich in unseren Betrachtungen dann ergeben werden, blieb es bei vieren. In lebendiger Anschauung, an dem Wirken Richard Wagners, im Ergreifen dessen, was in Wagners Musik wirkte, sah Nietzsche das Hinauswirken des Menschen und seiner Seele über die bloße Natur, die Möglichkeit, wirklich etwas zu finden, auch wenn man beim sinnlichen Element stehen bleibt, etwas zu finden, was den Menschen hinausträgt über die bloße Natur. Und nun stand Nietzsche der Welt gegenüber mit dieser Überzeugung, daß der Mensch, wenn er sich nur tief genug unter dem bloßen intellektuellen Elemente versteht, wirklich zum Geistigen kommen kann. In dieser Empfindung wandte sich Nietzsche zu dem, was die Zeit nun hervorgebracht hatte. Da muß man fragen: Was fand Nietzsche zunächst? Er fand, wie die Zeit wirklich im Grunde genommen in alle dem, was sich nun als tonangebende Weltanschauung ausgebildet hatte, überwältigt worden war, wenn auch nicht im engeren Sinne, so im weiteren Sinne, vom Feuerbachianismus, von diesem Hinblicken auf das bloße Sinnliche und auf den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist.

[ 26 ] And now Nietzsche becomes a critic of his time—a critic, I would say, above all of what he perceives in German intellectual life during the last third of the nineteenth century. And as such a critic, Nietzsche wrote his four “Untimely Meditations.” There should have been many more. But for reasons that will become clear in our discussion, there were only four. Through vivid perception, through the work of Richard Wagner, and through grasping what was at work in Wagner’s music, Nietzsche saw the reach of the human being and his soul beyond mere nature—the possibility of truly finding something, even if one remains at the level of the sensory element, something that carries the human being beyond mere nature. And now Nietzsche faced the world with this conviction: that human beings, if they only understand themselves deeply enough beneath the mere intellectual element, can truly attain the spiritual. With this sense, Nietzsche turned to what the times had now produced. One must ask: What did Nietzsche find at first? He found that, in essence, the era had been overwhelmed—if not in the narrow sense, then in the broader sense—by Feuerbachianism, by this focus on the purely sensory and on the intellect bound to the brain, in everything that had now developed into the dominant worldview.

[ 27 ] Gewiß, ich weiß sehr gut, es kann allerlei Philosophen geben, die da sagen: Ach, über den Materialismus ist ja die Philosophie längst hinaus. — Aber wenn man das auch vermeint, in der ganzen Art des Denkens, in den Denkgewohnheiten steckt man auch heute noch tief darinnen. Und Nietzsche sah um sich, wie seine Zeit tief darinnen steckte. Und er wählte sich nun eine charakteristische Persönlichkeit heraus: David Friedrich Strauß — Strauß, der auch ausgegangen war vom Hegelianismus, der vom Hegelianismus zu einer Weltanschauung gekommen war, die er dann in seinem «Alten und neuen Glauben» zum Ausdruck brachte, der vom Hegelianismus ganz und gar zu der materialistischen Färbung des Darwinismus übergetreten war, der in der äußeren Welt, einschließlich nun aber auch der Welt des Menschen, nichts anderes sah, als Naturentwickelung, der da vermeinte, daß der Mensch, wenn er fest auf dem Boden des neueren Wissens stehe, im Grunde genommen kein Christ mehr sein könne, weil er die geistigen Vorstellungen nicht in sich aufnehmen dürfe, welche das Christentum von einem verlangt. Diesen David Friedrich Strauß nahm sich Nietzsche gewissermaßen vor. Doch Nietzsche ging nicht vor, wie ein Philosoph sonst unmittelbar vorgeht, sondern anders. Für Nietzsche war ja nicht zunächst das Bild der Natur da, nicht irgendeine wissenschaftliche Gedankengewohnheit, sondern für Nietzsche war da die Empfindung: Wenn in unmittelbar geistigem Leben die Weltanschauungs-Entwickelung fortgeht, dann wird sie so fortgehen, wie sie beginnt mit dem, was aus der Musik und aus der ganzen Kunst Richard Wagners hervorgegangen ist.

[ 27 ] Of course, I know very well that there may be all sorts of philosophers who say: “Oh, philosophy has long since moved beyond materialism.” — But even if one assumes that to be the case, in one’s entire way of thinking, in one’s habits of thought, one is still deeply entrenched in it even today. And Nietzsche looked around and saw how deeply his era was entrenched in it. And he now singled out a characteristic figure: David Friedrich Strauss—Strauss, who had also started out from Hegelianism, who had arrived at a worldview from Hegelianism that he then expressed in his *Old and New Beliefs*, who had completely shifted from Hegelianism to the materialistic hue of Darwinism, who saw nothing in the external world, including now also the world of man, saw nothing but the development of nature, and who believed that man, if he stood firmly on the ground of modern knowledge, could, in essence, no longer be a Christian, because he must not accept within himself the spiritual concepts that Christianity demands of him. Nietzsche, so to speak, took on this David Friedrich Strauss. But Nietzsche did not proceed as a philosopher would normally proceed, but rather differently. For Nietzsche, it was not primarily the image of nature that was present, nor any scientific habit of thought, but rather the intuition: If the development of the worldview continues in immediate spiritual life, then it will proceed as it began—with what emerged from the music and the entire art of Richard Wagner.

[ 28 ] Wie steht nun neben dem, was da werden kann, wenn Richard Wagners Kunst die Geistesentwickelung durchdringt, wie steht neben dem so etwas, wie die von vielen für die einzig gültige neuere philosophische Anschauung angesehene Anschauung des David Friedrich Strauß? So mußte sich Nietzsche fragen. Er fragte sich nicht: Ist das oder jenes falsch bei Strauß, kann man das oder jenes widerlegen? Darum handelte es sich für Nietzsche gar nicht; sondern darum handelte es sich für Nietzsche, zu zeigen, welches seelisch-geistige Menschheitselement in einer solchen Weltanschauung wie in der Straußschen lebt, wie der Mensch sein muß, der eine solche Weltanschauung hervorbringt, eine solche Weltanschauung, welche nur am Grob-Materiellen und Sinnlichen hängt. Wie muß der Mensch sein neben dem Geistesmenschen, neben dem Menschen, der in allem, was in ihm lebt und webt, den Geist wirken läßt, neben Richard Wagner, — wie muß der Mensch sein, der solchen Materialismus hervorbringt, wie David Friedrich Strauß? Philister muß er sein! Daß die Weltanschauung der neueren Zeit deshalb so materialistisch geworden ist, weil das Philister-Element sich in ihr ausgegossen hat, das wollte Friedrich Nietzsche zeigen in seiner unzeitgemäßen Betrachtung «David Friedrich Strauß, der Philister und Schriftsteller». Später hat er den Titel geändert in «... Bekenner und Schriftsteller».

[ 28 ] How does something like the view of David Friedrich Strauss—which many regard as the only valid modern philosophical perspective—stand in relation to what might come to be when Richard Wagner’s art permeates the development of the human spirit? This is the question Nietzsche had to ask himself. He did not ask: Is this or that wrong in Strauss’s work; can this or that be refuted? That was not at all the issue for Nietzsche; rather, the issue for Nietzsche was to show what element of humanity—psychic and spiritual—lives in a worldview such as Strauss’s, and what kind of person must produce such a worldview—one that clings solely to the coarse, material, and sensual. What must a person be like in contrast to the spiritual person—the person who allows the spirit to work in everything that lives and stirs within him—in contrast to Richard Wagner? What must a person be like who produces such materialism as David Friedrich Strauss? He must be a philistine! Friedrich Nietzsche sought to demonstrate in his untimely essay “David Friedrich Strauss, the Philistine and Writer” that the worldview of modern times has become so materialistic precisely because the philistine element has poured itself into it. Later, he changed the title to “... Confessor and Writer.”

[ 29 ] Und so zeigt er denn überall, wie eine gewisse triviale Denkungsweise, wie triviale Denkgewohnheiten, wie philisterhaftes Wesen David Friedrich Strauß davon abhalten, in dem Sinnlichen zugleich das Geistige zu sehen. Und immer weiter verglich Friedrich Nietzsche das, was sich ihm an der Persönlichkeit Richard Wagners als lebendige Empfindung ergibt mit dem, was in der Zeitbildung da ist unter dem Einflusse der materialistischen Denkungsart. Und weiter fragt er sich: Welches Verhältnis besteht zwischen einem solch produktiven Menschen wie Richard Wagner, der die inneren Kräfte der Menschenseele an die Oberfläche seines Wirkens trägt, und dem, was in der fortlaufenden hochangesehenen und bewunderten Zeitbildung lebt? Und da findet Nietzsche: Diese Zeitbildung ist so geworden, daß sie nun nach und nach keucht und schwer atmet unter ihrer Fülle von äußerem Wissen, unter ihrer Fülle von Historie, von Geschichte. Man weiß gewissermaßen alles oder sucht wenigstens alles zu wissen, sucht alles Mögliche historisch auf. Man kann auf alle Fragen historisch Antwort geben. Aber lebendig machen in sich dasjenige, was man da weiß, aus der Seele heraus Menschliches gebären, das wird gelähmt unter der Fülle des Historischen. Und so nagt der Mensch an dem, was er historisch aufnimmt — ob er es historisch aufnimmt aus der Geschichte oder der Naturwissenschaft, das ist schon ganz gleich -, so nagt der Mensch und erstickt an dem Historischen. Und indem er in sich hineinschoppt das Historische, bleibt ihm in den Untergründen des Daseins stecken, was aus ihm heraus sollte, was der Mensch frei als Geist aus sich herausbringen sollte. «Nutzen und Schaden der Historie für das Leben», das wird die zweite «Unzeitgemäße Betrachtung».

[ 29 ] And so he demonstrates throughout how a certain trivial way of thinking, how trivial habits of thought, and how a philistine nature prevent David Friedrich Strauss from seeing the spiritual in the sensual at the same time. And Friedrich Nietzsche continued to compare what he perceived as a living sensation in Richard Wagner’s personality with what exists in contemporary thought under the influence of the materialistic way of thinking. And he goes on to ask himself: What is the relationship between a man as productive as Richard Wagner—who brings the inner forces of the human soul to the surface of his work—and what lives on in the ongoing, highly esteemed, and admired cultural tradition of the time? And here Nietzsche finds that this cultural climate has become such that it now gradually gasps and breathes heavily under the weight of its abundance of external knowledge, under its abundance of history. People know, as it were, everything—or at least seek to know everything—and look up every possible detail historically. One can provide historical answers to all questions. But to bring to life within oneself what one knows there—to give birth to something human from the soul—this is paralyzed under the weight of the historical. And so man gnaws at what he absorbs historically—whether he absorbs it historically from history or from the natural sciences makes no difference at all—thus man gnaws at and is suffocated by the historical. And as one shovels the historical into oneself, what should emerge from within—what one should freely bring forth from oneself as spirit—remains stuck in the depths of existence. “The Use and Harm of History for Life”—that will be the second “Untimely Meditation.”

[ 30 ] Und dann richtet Nietzsche seinen Blick auf Schopenhauer selber, auf einen Geist — wie Schopenhauer im Sinne Nietzsches es war —, der es dahin gebracht hatte, alles dasjenige, was äußerlich lebt, eben für bloßen 'Traum anzusehen, so weit für bloßen Traum anzusehen, daß für Schopenhauer die Geschichte selber nichts anderes ist als eine Summe von sich wiederholenden Lebensabspielungen, die nur einen Wert bekommen, wenn man dasjenige, was in ihnen und hinter ihnen sich auslebt, in Betracht zu ziehen vermag. Einen solchen Geist wie Schopenhauer, der ganz und gar die Größe des Menschen im Produktiven sehen muß, betrachtet Nietzsche als das Ideal eines Menschen. Wiederum vergleicht er die Zeit mit dem, was ein solches Menschheitsideal darstellt. Da zeigt sich ihm: Schauen wir diesen, jenen Menschen an, schauen wir den dritten, den vierten Menschen an — was sind sie alle, verglichen mit dem, was aus der Schopenhauerschen Philosophie heraus als der Vollmensch erscheinen könnte? Wie gesagt, man mag darüber Anschauungen haben, welche man will, ein Bekenner oder Gegner sein, darauf kommt es nicht an, sondern darauf, wie Schopenhauer auf Nietzsche wirkte. Was sind die einzelnen Menschen, gerade die gelehrtesten, die wissendsten, was sind sie gegen eine solche menschliche Persönlichkeit, die dasjenige herauszugestalten suchte aus der Seele, was menschlich in ihrer Allseitigkeit lebte? Stückwerke des Lebens sind sie, und daher ist die ganze Kultur Stückwerk. Daß eine Erneuerung, eine Erfrischung der ganzen Kultur unter dem Einflusse dessen, was nun in der Schopenhauerschen Philosophie lebt an Vollmenschheit, sein kann und daß dies dringend notwendig ist, zeigt Nietzsche in der dritten seiner «Unzeitgemäßen Betrachtungen»: «Schopenhauer als Erzieher».

[ 30 ] And then Nietzsche turns his gaze to Schopenhauer himself, to a mind—as Schopenhauer was in Nietzsche’s view—that had come to the point of regard everything that lives externally as mere “dream”—to regard it as mere dream to such an extent that, for Schopenhauer, history itself is nothing other than a sum of repeating life-scenes, which acquire value only when one is able to take into account that which unfolds within them and behind them. Nietzsche regards a mind like Schopenhauer’s—which must see the greatness of humanity entirely in the productive—as the ideal of a human being. In turn, he compares the times with what such an ideal of humanity represents. It becomes clear to him: Let us look at this person, that person; let us look at a third, a fourth person—what are they all, compared to what might emerge from Schopenhauer’s philosophy as the “complete human being”? As I said, one may hold whatever views one wishes on this matter—whether one is a supporter or an opponent—that is not the point; what matters is how Schopenhauer influenced Nietzsche. What are individual human beings—especially the most learned, the most knowledgeable—what are they compared to such a human personality who sought to shape from the soul that which lived as human in all its aspects? They are fragmentary works of life, and therefore the entire culture is fragmentary. That a renewal, a revitalization of the entire culture under the influence of what now lives in Schopenhauer’s philosophy in terms of complete humanity is possible—and that this is urgently necessary—is demonstrated by Nietzsche in the third of his “Untimely Meditations”: “Schopenhauer as Educator.”

[ 31 ] Dann aber, als die Feste von Bayreuth herannahten, da wollte er zunächst das Positive schildern. Auch «Schopenhauer als Erzieher» ist noch, wie die anderen beiden «Unzeitgemäßen Betrachtungen», der Kritik der Zeit gewidmet. Was aber durch den produktiven Menschen der Zeit gegeben werden kann, wie die Zeit erneuert werden soll, wie aus dem, was in des Menschen tiefsten Seelenuntergründen lebt, Neues in die Zeit einfließen muß, das erschien Nietzsche in der Kunst Richard Wagners. Die verstand nun wirklich das Sinnliche unmittelbar so zu ergreifen, daß es als ein Übersinnliches sich darstellte. «Richard Wagner in Bayreuth» - die vierte «Unzeitgemäße Betrachtung», 1876, sie sollte zeigen, was Wagner der Welt werden konnte.

[ 31 ] But then, as the Bayreuth Festival drew near, he wanted first to describe the positive aspects. Like the other two “Untimely Meditations,” “Schopenhauer as Educator” is also dedicated to a critique of the times. But what the creative person of the age can offer, how the times should be renewed, and how something new must flow into the times from what lies in the deepest recesses of the human soul—this, Nietzsche saw, was embodied in the art of Richard Wagner. Wagner truly understood how to grasp the sensual directly in such a way that it presented itself as the supersensual. “Richard Wagner in Bayreuth”—the fourth “Untimely Meditation,” published in 1876—was intended to show what Wagner could become for the world.

[ 32 ] Nun war für Nietzsches Seelenleben diese Schrift «Richard Wagner in Bayreuth» zu gleicher Zeit in gewisser Beziehung der Abschied von der Freundschaft mit Richard Wagner. Von da ab beginnt die Freundschaft schnell zu erkalten und im Grunde genommen bald aufzuhören.

[ 32 ] For Nietzsche, the writing of *Richard Wagner in Bayreuth* marked, in a certain sense, a farewell to his friendship with Richard Wagner. From that point on, the friendship began to cool rapidly and, in essence, soon came to an end.

[ 33 ] Und nun nehmen wir wiederum die ganze Innerlichkeit von Nietzsches Seele, das ganze Schwere, das auf ihr lastete aus Weltanschauungsfragen heraus, und man nehme dazu, daß ja Richard Wagner etwas geworden ist wie der Inhalt von Nietzsches Seele, wie dasjenige, auf das hin er sein ganzes Denken und Fühlen und Empfinden zugespitzt hat. Und er muß sich trennen von Richard Wagner! Und völlig wird die Trennung, als Richard Wagner seinen «Parsifal» schrieb. Wir haben mancherlei in den Nietzsche-Veröffentlichungen, das hinweisen soll auf den eigentlichen Grund, warum Nietzsche sich von Wagner getrennt hat. Nicht einmal die Worte, die von Nietzsche selber mitgeteilt werden über seine Trennung von Richard Wagner, scheinen mir dasjenige zu sein, das überzeugend wirkt. Denn eine so künstlerische Persönlichkeit, wie Friedrich Nietzsche war, eine Persönlichkeit, die auch alles Weltanschauungsleben von dem Künstlerischen durchdrungen fühlen mußte, eine solche Persönlichkeit kann doch eigentlich unmöglich den «Parsifal» als ein ihm ganz unsympathisches Kunstwerk aus dem Grunde ansehen, weil er glaubt, daß Richard Wagner vorher die heidnische Götterwelt, Siegfried und die anderen hingestellt habe, und nun, eine Art Gegenreformator, in das Christentum zurückgeschwenkt sei. Was Nietzsche als das Niederfallen vor dem Kreuz bezeichnet, und was ihm unsympathisch gewesen sein soll, erscheint nicht überzeugend, wenn man in die ganze Fülle sowohl des Wagnerschen wie des Nietzscheschen Geisteslebens hineinsieht. Denn schließlich käme das auf die triviale Anschauung hinaus: Friedrich Nietzsche hätte wegen des Inhaltes in «Parsifal» nicht mit dem Kunstwerk des «Parsifal» gehen können; aus einem Nicht-Übereinstimmen mit dem Theoretischen wäre er abgefallen. Es wäre eigentlich furchtbar, wenn man so denken müßte über den Abfall Friedrich Nietzsches von Richard Wagner. Da war etwas ganz anderes, etwas, das, wie ich glaube, nur gefunden werden kann, wenn man mit einer tiefer schürfenden Seelenkunde versucht, die eigentlichen Untergründe aufzufinden. Sie können allerdings hier in diesem kurzen Vortrage nur skizziert werden.

[ 33 ] And now let us once again consider the entire inner life of Nietzsche’s soul, the entire burden that weighed upon it due to questions of worldview, and add to this the fact that Richard Wagner had become, as it were, the very essence of Nietzsche’s soul—that toward which he had focused all his thinking, feeling, and sensibility. And he must part ways with Richard Wagner! And the separation became complete when Richard Wagner wrote his *Parsifal*. We find various references in Nietzsche’s published works that are meant to point to the actual reason why Nietzsche broke with Wagner. Not even the words that Nietzsche himself conveyed regarding his separation from Richard Wagner seem to me to be convincing. For a personality as artistic as Friedrich Nietzsche—a personality who must have felt that his entire worldview was permeated by the artistic—such a personality could hardly possibly regard *Parsifal* as a work of art entirely unsympathetic to him simply because he believed that Richard Wagner had previously portrayed the pagan pantheon, Siegfried, and the others, and that he had now, as a sort of counter-reformer, swung back toward Christianity. What Nietzsche describes as “falling before the cross”—and which is said to have been unsympathetic to him—does not seem convincing when one looks into the full richness of both Wagner’s and Nietzsche’s intellectual lives. For ultimately, this would boil down to the trivial view that Friedrich Nietzsche could not have accepted the work of art that is *Parsifal* because of its content; he would have turned away from it due to a lack of alignment with his theoretical views. It would actually be terrible if one had to think that way about Friedrich Nietzsche’s break with Richard Wagner. There was something entirely different at play—something that, I believe, can only be discovered by attempting to uncover the true underlying causes through a deeper exploration of the human psyche. However, these can only be sketched out here in this brief lecture.

[ 34 ] Was war denn im Grunde Richard Wagner gelungen? Wir haben gesehen: Richard Wagner ist ausgegangen in seiner Grund-Seelenempfindung von dem Feuerbachtanismus, ist übergegangen zu einer Empfindung der Schopenhauerschen Weltanschauung, ist aber eigentlich immer durchdrungen gewesen von dem Lebenselement des Musikalischen. Alles, was er auch theoretisch geschrieben hat, geht nur parallel diesem Musikalischen. Und in der Musik — wenn ich mich trivial ausdrücken darf - ist von ihm der Weg bezeichnet, wie durch das Eindringen in das Sinnliche zugleich das Übersinnliche, das Geistige, gefunden werden kann. Aber ausgegangen war er auch davon, daß man auf dem Wege des Intellektuellen, ich möchte sagen, in jenem verdünnten menschlichen Geistesleben, das sich bei Fichte, Schelling und Hegel auslebte, nicht finden kann ein Wirkliches, nicht dasjenige, wonach der Wirklichkeitssinn dürstet. Da mußte man den ganzen, vollen Menschen hineinstellen, und als wirklich ergab sich im Grunde genommen nur der Sinnesmensch. Wir haben gesehen, wie nur die Musik das Sinnliche und das Übersinnliche zugleich gab. Der Mensch stand also für Richard Wagner doch in dem Mittelpunkt seiner Weltanschauung. Aber hineingedrungen werden mußte in alle Tiefen des Menschen, Und nach der ganzen Art der Seele Richard Wagners konnte Wagner nur musikalisch eindringen in diese Tiefen des Menschen. Musikalisch suchte er einzudringen — ich sage ganz absichtlich: musikalisch suchte er einzudringen — in die Tiefen der Menschenseele im «Parsifal». Wir haben in der Tat in der Musik des «Parsifal» vor uns ein Musikalisches, das zeigt, wie der Mensch im Mittelpunkt, ich möchte sagen, einer anthroposophisch wirkenden Weltanschauung gedacht werden kann, empfunden werden kann, gefühlt werden kann, so gefühlt werden kann, daß das Sinnliche, das Musikalische so geistig wird, daß es die feinsten, intimsten Seiten der menschlichen Seele ergreift. Denn das geschieht in der Lösung des Grals-Problems in «Parsifal».

[ 34 ] What, then, had Richard Wagner essentially achieved? We have seen that Richard Wagner began, in his fundamental spiritual sensibility, with Feuerbach’s materialism, moved on to an understanding of Schopenhauer’s worldview, but was in fact always imbued with the vital element of music. Everything he wrote theoretically merely runs parallel to this musical element. And in music—if I may put it in simple terms—he charted the path by which, through penetration into the sensuous, the supersensuous and the spiritual can be found at the same time. But he also started from the premise that, on the path of the intellectual—I would say, in that diluted human spiritual life that found its full expression in Fichte, Schelling, and Hegel—one cannot find anything real, not that which the sense of reality thirsts for. One had to place the whole, complete human being within it, and, when it came down to it, only the sensory human being proved to be real. We have seen how only music provided both the sensory and the supersensory at the same time. For Richard Wagner, then, the human being stood at the very center of his worldview. But one had to penetrate into all the depths of the human being, and, in keeping with the very nature of Richard Wagner’s soul, Wagner could only penetrate these depths of the human being through music. Through music he sought to penetrate—I say quite deliberately: through music he sought to penetrate—the depths of the human soul in *Parsifal*. Indeed, in the music of *Parsifal* we have before us a musical work that shows how the human being can be conceived, perceived, and felt at the center of—I would say—an anthroposophically oriented worldview, in such a way that the sensory and the musical become so spiritual that they touch the finest, most intimate aspects of the human soul. For this is what happens in the resolution of the Grail problem in *Parsifal*.

[ 35 ] Das konnte Richard Wagner nur erreichen, indem sich in seinem Empfindungsleben, das eben ganz von musikalischem Element durchdrungen war, der Fortschritt vollzogen hatte von Feuerbach durch Schopenhauer zum unmittelbaren Ergreifen dessen, was in der Menschlichkeit lebte, die unter dem bloßen intellektualistischen und abstrakten Seelenelemente vorhanden ist. Richard Wagner war auf seine Art und hauptsächlich doch als Musiker durchgedrungen zum geistigen Menschen in seinem «Parsifal».

[ 35 ] Richard Wagner could only achieve this by undergoing, within his emotional life—which was entirely permeated by musical elements—a progression from Feuerbach through Schopenhauer to a direct grasp of that which lives within humanity, beneath the purely intellectual and abstract elements of the soul. In his own way—and primarily as a musician—Richard Wagner had arrived at the spiritual human being in his *Parsifal*.

[ 36 ] Richard Wagner war für Nietzsche Erkenntnisobjekt. Nietzsche lebte eigentlich bis zum Jahre 1876 viel mehr in Richard Wagner als in sich selber. Dasjenige, was er erhoffte, erstrebte für die neuere Geistesentwickelung, in Richard Wagner schaute er es an. Nicht aus seiner Seele schöpfte er es wie ein Ideal heraus. Jugendlich begeistert, jugendlich genial war Nietzsche, als ihm Richard Wagner entgegentrat. Eine völlig schon in einem späteren Entwickelungsmomente lebende Welt- und Lebensanschauung trat ihm in Richard Wagner entgegen. Dasjenige, was Wagner durchgemacht hatte, um seine Seele hineinzubringen in ein solches Gefühl, das über den «Siegfried» zum «Parsifal» kommen konnte, das, was Richard Wagner da in seiner Seele erlebte, das Erschütternde, was da zu durchleben war, es war schon durchlebt, als Nietzsche Wagner näher trat. Das schon Ausgeglichene, das schon von Harmonie Erfüllte, das schon Zukunftverheißende trat Friedrich Nietzsche entgegen, als er Richard Wagner kennen lernte und, ich möchte sagen, zu seinem Erkenntnisobjekt machte. Nietzsche konnte das voll aufnehmen, was Richard Wagner durchgemacht hatte in den fünfziger Jahren, zum Beispiel, als er Worte aufschrieb wie jenes, das er 1854 an Röckel geschrieben hat über sein tief leidendes Gefühl vom Wesen der Welt. Dieses tief leidende Gefühl vom Wesen der Welt, das mußte umgewandelt sein in innere Seelenkraft, in Aktivität. Und als Nietzsche in den sechziger Jahren Richard Wagner näher trat, da konnte er an Wagner dasjenige erleben, zu dem das Seelenleid geworden war. Er, Nietzsche, konnte es erleben schon im Glanze eines Hoffnung erstrahlenden Lichtes. Auch solche Worte, wie die 1852 an Uhlig geschriebenen, zeigen, wie Richard Wagner Leiden gekannt hat, die Nietzsche im Griechentum geahnt hat, die er, Nietzsche, aber nur angeschaut und in ihrer Ausgeglichenheit bei Richard Wagner beobachtet hat. Solche Worte, wie Wagner an Uhlig geschrieben, zeigen, wie Richard Wagner dieses Leid kennen gelernt hat, wie er, bevor er dazu gekommen ist, in der Menschenseele die Kraft zu ahnen, die hinführen kann zum Tempel des Grals, die hinführen kann zu der Siegfried-Energie, kennen gelernt hat vorher den Zweifel an allem kleinen Menschlichen, aus dem sich ja doch das große Menschliche erst heraufarbeiten muß. So schreibt Richard Wagner: «Überhaupt, lieber Freund, werden meine Ansichten über das Menschengeschlecht immer düsterer; meist glaube ich doch empfinden zu müssen, daß diese Gattung vollständig zu Grunde gehen muß.»

[ 36 ] Richard Wagner was an object of insight for Nietzsche. Until 1876, Nietzsche actually lived much more in Richard Wagner than in himself. Whatever he hoped for and strove toward in terms of the newer development of the spirit, he saw it in Richard Wagner. He did not draw it from his own soul as an ideal. Nietzsche was youthful in his enthusiasm and genius when he encountered Richard Wagner. In Richard Wagner, he encountered a worldview and philosophy of life that was already fully formed at a later stage of development. What Wagner had gone through to bring his soul into a state of feeling that could lead from *Siegfried* to *Parsifal*—what Richard Wagner experienced in his soul at that time, the harrowing ordeal he had to endure—had already been lived through by the time Nietzsche drew closer to Wagner. What was already balanced, already filled with harmony, and already promising the future came to meet Friedrich Nietzsche when he got to know Richard Wagner and, I would say, made him the object of his inquiry. Nietzsche was able to fully grasp what Richard Wagner had gone through in the 1850s—for example, when he wrote words like those he sent to Röckel in 1854 about his deeply sorrowful sense of the nature of the world. This deeply sorrowful sense of the nature of the world had to be transformed into inner spiritual strength, into activity. And when Nietzsche drew closer to Richard Wagner in the 1860s, he was able to experience in Wagner what that soul’s suffering had become. He, Nietzsche, was already able to experience it in the radiance of a light shining with hope. Words such as those written to Uhlig in 1852 also show how Richard Wagner knew the suffering that Nietzsche had sensed in Greek culture—a suffering that Nietzsche, however, had only contemplated and observed in its balance in Richard Wagner. Words such as those Wagner wrote to Uhlig show how Richard Wagner came to know this suffering—how, before he reached the point of sensing in the human soul the power that can lead to the Temple of the Grail, the power that can lead to the Siegfried energy, he first came to know the doubt regarding all that is petty and human, out of which, after all, the great human must first work its way up. Richard Wagner writes: “In general, dear friend, my views on the human race are growing ever darker; for the most part, I feel compelled to believe that this species is destined to perish completely.”

[ 37 ] Man muß nur diesen Zusammenhang nehmen, um die intimsten Saiten des menschlichen Seelenwesens erklingen zu hören: Vor dem Helden, der «durch Mitleid wissend» zum Tempel des Grals dringt, liegt all das, was man an Menschenzweifel und Menschenleid erleben kann, wenn man gerade in einer materialistischen Zeit das anschaut, was rings um einen herum ist. Den Aufstieg also vom Leid zur Betätigung des Schöpferischen, Richard Wagner hat ihn durchgemacht. Und strahlend schon als Sieger stand er im Grunde genommen vor Nietzsche, als dieser ihn kennen lernte. Nietzsche aber als jugendlich gentaler Mensch wußte verständnisvoll, empfindungsgemäß verständnisvoll anzuschauen diese sieghafte Natur.

[ 37 ] One need only consider this context to hear the most intimate strings of the human soul resonate: Before the hero, who, “knowing through compassion,” makes his way to the Temple of the Grail, lies everything one can experience in terms of human doubt and human suffering when, especially in a materialistic age, one looks at what surrounds one. Richard Wagner, then, underwent this ascent from suffering to the exercise of the creative. And he was, in essence, already standing before Nietzsche as a radiant victor when Nietzsche first met him. Nietzsche, however, as a youthful, gentle soul, knew how to regard this triumphant nature with understanding—an understanding born of feeling.

[ 38 ] Aber es ging Nietzsche so, daß die Jugendkraft, die in ihm lebte, sich aufzuschwingen vermochte zu dem, was ihm in Richard Wagner entgegentrat, nicht aber später die gereifte Kraft, die die jugendliche Begeisterung, die Weite der Empfindungen abgestreift hatte und jetzt aus sich selber heraus gestalten wollte. Richard Wagner hatte den Feuerbachianismus durchgemacht. Nietzsche hatte ihn nicht durchgemacht, Nietzsche hat nicht gelitten am Feuerbachianismus, Nietzsche hat nicht das Allzumenschliche zuerst kennen gelernt, bevor er das Hohe und Ideale und Spirituell-Menschliche bei Richard Wagner auf sich hat wirken lassen. Und das scheint mir der psychologische Grund zu sein, warum die Seele Friedrich Nietzsches nun in Feuerbachianismus, wenn wir ihn im weiteren Sinne nehmen, zurückfiel, überwältigt wurde.

[ 38 ] But in Nietzsche’s case, the youthful vigor that lived within him was able to rise to the level of what he encountered in Richard Wagner; this was not the case, however, with his later, matured strength, which had shed its youthful enthusiasm and the breadth of its emotions and now sought to create from within itself. Richard Wagner had gone through Feuerbachianism. Nietzsche had not gone through it; Nietzsche did not suffer from Feuerbachianism; Nietzsche did not first become acquainted with the all-too-human before allowing the lofty, the ideal, and the spiritual-human in Richard Wagner to take effect upon him. And that seems to me to be the psychological reason why Friedrich Nietzsche’s soul now fell back into Feuerbachianism—if we take it in the broader sense—and was overwhelmed by it.

[ 39 ] Nun, als Friedrich Nietzsche nicht mehr mitgehen konnte, da fiel von ihm ab, was nur aus der Begeisterung stammte und was aus der tiefer verstehenden Kraft hätte kommen müssen. Abfallen mußte er und erst für sich das durchmachen, worin Richard Wagner bereits Sieger geworden war. Da trat denn jene zweite Periode im Nietzscheleben ein, die beginnt mit der Veröffentlichung der AphorismenSammlung «Menschliches-Allzumenschliches», die dann weitergeht über den «Wanderer und sein Schatten» zu «Morgenröte» und «Fröhliche Wissenschaft», wo Nietzsche versucht, zurecht zukommen mit der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, mit alledem innerhalb der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, was nun schon einmal in der neueren Zeit aus dieser Weltanschauung heraus Grundlage sein muß für jede höhere philosophische Weltanschauung.

[ 39 ] Well, when Friedrich Nietzsche could no longer keep up, what had stemmed solely from enthusiasm—and what should have come from a deeper power of understanding—fell away from him. He had to fall away and go through for himself what Richard Wagner had already triumphed over. Thus began that second period in Nietzsche’s life, which starts with the publication of the aphorism collection *Human, All Too Human*, continues through *The Wanderer and His Shadow* to *Dawn* and *The Gay Science*, where Nietzsche attempts to come to terms with the scientific worldview—and with all that within the scientific worldview which, in modern times, must now serve as the foundation for any higher philosophical worldview.

[ 40 ] Und das ist nun das Tragische in Friedrich Nietzsches Seele, das furchtbar Tragische, daß er ein Größtes vorher in jugendlicher Begeisterung mitgemacht hat und nun, als er zu sich selbst kam, heruntersteigen mußte, gewissermaßen bewußt heruntersteigen mußte, um nach dem höchsten Menschlichen das Allzumenschliche in seinen Zusammenhängen mit den Naturtatsachen zu erkennen. Aber Nietzsche hatte in sich den Mut, diesen schweren Erkenntnisweg durchzumachen. Er hatte in sich den Mut, sich nun wirklich zu fragen: Ja, wie nimmt sich denn nun dieses Seelenleben aus, wenn wir es im Lichte der Naturwissenschaft betrachten? Wenn wir es im Lichte der Naturwissenschaft betrachten, da hat der Mensch Leidenschaften. Sie scheinen aus dem Untergrund seines Willens hervorzugehen, aber wenn wir näher nachforschen, so finden wir allerlei bloß physiologische Gründe, Gründe dieses Leibeslebens. Wir finden, daß der Mensch Begriffe und Ideen darlebt. Aber wir finden überall die mechanischen Ursachen für diese Ideen, Begriffe. Wir finden endlich im Menschenleben Ideale. Der Mensch sagt sich, diese Ideale seien etwas Göttliches. Wenn wir aber nachforschen, was der Mensch eigentlich ist, so gewahren wir, wie er aus seinem physiologischen Element, aus seinem Leibeselement heraus seine Ideale gebiert und sie sich nur umträumt in etwas, was ihm von den Göttern geschenkt sein soll. Da ist das, was der Mensch im Alltagsleben als seine aus dem Leib herausgeborenen Sehnsuchten empfindet, was aus dem Fleisch, aus dem Blut heraus geboren ist, was sich ihm als Ideale darstellt, was aber nicht aus höheren geistigen Welten stammt, sondern eben wie der Schaum ist, der aus dem Leibesleben heraufsteigt, nicht höchstes Menschliches — Menschliches-Allzumenschliches. |

[ 40 ] And this is the tragedy in Friedrich Nietzsche’s soul—the terribly tragic thing—that he had previously experienced something of the greatest magnitude in youthful enthusiasm, and now, when he came to his senses, he had to descend—in a sense, consciously descend—in order to recognize, in light of the highest human qualities, the all-too-human in its connections with the facts of nature. But Nietzsche had the courage within himself to undergo this arduous path of insight. He had the courage to truly ask himself: Yes, what does this inner life actually look like when we view it in the light of the natural sciences? When we view it in the light of natural science, we see that human beings have passions. They seem to spring from the depths of the will, but when we investigate more closely, we find all sorts of purely physiological causes—causes rooted in bodily life. We find that human beings live through concepts and ideas. But everywhere we find the mechanical causes underlying these ideas and concepts. Finally, we find ideals in human life. Human beings tell themselves that these ideals are something divine. But when we investigate what human beings actually are, we perceive how they give birth to their ideals out of their physiological element, out of their physical element, and merely dream them up as something that is supposed to have been bestowed upon them by the gods. There is what human beings experience in everyday life as their longings born of the body—what is born of flesh and blood, what presents itself to them as ideals—but which does not originate from higher spiritual worlds; rather, it is like the foam that rises from bodily life—not the highest of the human, but the human, the all-too-human. |

[ 41 ] Nietzsche mußte, nachdem er durchlebt hatte, was ihm das neunzehnte Jahrhundert in seiner zweiten Hälfte durch Schopenhauer und Richard Wagner hatte geben können, zu einer eigenen Anschauung seiner Seele machen, was ihm die Naturwissenschaft geben konnte, und er mußte namentlich durchmachen — seine Schrift, mit der er dieses sein Lebensalter beginnt, war Voltaire gewidmet -, er mußte durchmachen, was man nennen kann ein Hineinfallen in jene tote Wissenschaft, in die Wissenschaft vom Mechanismus, vom Toten gegenüber dem Lebendigen, das Fichte als die eigentlich deutsche Weltanschauung in Anspruch genommen hat. Von westlicher Weltanschauung wurde Nietzsche in der zweiten Periode seines Lebens überwältigt. Ganz und gar fand er sich in diese westliche Weltanschauung hinein. Aber sie wurde für ihn nicht nur eine Gedankenempfindung; er konnte sie nicht aufnehmen wie ein westlicher Geist. Er nahm sie auf, nachdem er so lange in der urgermanischen, deutschen Weltanschauung gestanden hatte. Sie wurde für ihn so, daß zum Beispiel alle Perspektiven drinnen lagen, welche die Seelen-Materialisten später aus diesen Weltanschauungen herausgetrieben haben. Mit scharfem Geiste konnte Nietzsche nachweisen, wie all das, was Ideale genannt waren und was man von Gott geschenkt glaubt, aus den Bedürfnissen der Menschennatur heraus kommen konnte, die mit Fleisch und Blut zusammenhängen. Nietzsche drückt sich selber so aus: alle seine Ideale kämen ihm vor wie aufs Eis gelegt, kalt geworden, weil sie ihm aus dem Menschlichen-Allzumenschlichen hervorgehend erschienen. Wahrhaftig, was kleine Geister, was die Stumpflinge dann hervorgebracht haben, indem sie diesen Gang der Nietzscheschen Weltanschauungsentwickelung bis zum Exzeß ausgebildet haben, das liegt bei Nietzsche schon veranlagt da, aber so, daß es bei Nietzsche genial ist, bei denjenigen, die dann darauf aufgebaut haben, das Gegenteil von genial ist. Man könnte sogar sagen: Der ganze Stumpfsinn der modernen Psychoanalyse liegt schon in Nietzsches zweiter Entwickelungsperiode mit alle dem, was man da aus der unmittelbar menschlichen Natur in seelen-materialistischer Weise herzuleiten versuchte. Kleine Geister, die sagen sich: Nun ja, das können wir erforschen, und die Wahrheit muß man hinnehmen. — So können kleine Geister es selbst hinnehmen, bei Schopenhauer zum Beispiel abzuleiten, daß alles Streben nach einer Weltanschauung, alles Streben nach geistigem Zusammenhang mit der Welt, das über die bloße tatsächliche Wissenschaft hinausgeht — ja, es ist nicht ein Märchen, das ich erzähle -, eine Folge der menschlichen Sexualität ist. So daß alle Philosophie für gewisse Geister der Gegenwart ihren Grund in der menschlichen Sexualität hat, denn alles geistige Streben beruhe in der menschlichen Sexualität. Selbstverständlich war Nietzsche, der die Urgrundlage, die berechtigte Urgrundlage für das Seelische im Physiologischen, im rein Natürlichen sah, zu genial und, ich möchte sagen, zu taktvoll, um über das Erkenntnismäßige hinauszugehen. Aber er mußte ja eine Weltanschauung nicht bloß ausbilden. Kleinere Geister sagen sich eben: Das ist Wahrheit, die muß man hinnehmen. So muß man auch als Wahrheit hinnehmen, daß Philosophie nur eine Folge der Sexualität ist. - Aber Nietzsche mußte vor allen Dingen erleben, auf das Fruchtbringende in der menschlichen Natur zu sehen, das unter dem Einfluß einer Wahrheit stehen kann. Erkenntnis als Lebensschicksal, das ist das Charakteristische in Nietzsches Seelentragödie. Und so fing etwas an in Nietzsches Seele zu leben in dieser zweiten Epoche seines Seelenlebens. Nietzsche war zu groß, um es weit kommen zu lassen, aber es wirkte fernerhin als ein Untergrund der Ekel vor einer bloß naturalistischen Seelenkunde, vor einer bloß naturalistischen Erklärung alles Moralischen, wie er es versucht hatte, der Ekel vor dem, was entstehen kann, wenn man auf diesem, doch auch so berechtigt erscheinenden, seelen-materialistisch erscheinendem Gebiet weitergeht, — der Ekel. Nun denke man sich das Tragische in einer solchen Seelenentwickelung, die erst der Menschheit ganzes fruchtbringendes Glück erlebt in Schopenhauer und Richard Wagner und dann durch die notwendige Entwickelung und den Zusammenhang mit dieser notwendigen Entwickelung der Zeit, wie sie Nietzsche selber hatte, dazu gezwungen wird, eine Weltanschauung in sich auszubilden, der gegenüber das Erlebnis beginnt, überall in dem Punkte des Seelenlebens Ekel-erlebend zu werden, und die Notwendigkeit, sich vor dem Lebens-Ekel nun zu retten.

[ 41 ] After experiencing what the second half of the nineteenth century had to offer him through Schopenhauer and Richard Wagner, Nietzsche had to incorporate into his own vision of the soul what the natural sciences could provide, and he had to, in particular, go through—his work, with which he begins this phase of his life, was dedicated to Voltaire— he had to go through what might be called a plunge into that dead science—the science of mechanism, of the dead as opposed to the living—which Fichte claimed as the truly German worldview. In the second period of his life, Nietzsche was overwhelmed by the Western worldview. He found himself completely immersed in this Western worldview. But for him, it became more than just an intellectual sensation; he could not assimilate it like a Western mind. He assimilated it only after having stood for so long within the primordial Germanic, German worldview. For him, it became such that, for example, it encompassed all the perspectives that the materialists of the soul would later expel from these worldviews. With a sharp mind, Nietzsche was able to demonstrate how everything that was called “ideals”—and which people believed to be a gift from God—could arise from the needs of human nature, which are connected to flesh and blood. Nietzsche himself put it this way: all his ideals seemed to him as if they had been laid on ice and had grown cold, because they appeared to him to have emerged from the human—all-too-human. Truly, what small minds, what dullards, subsequently produced by taking this course of Nietzsche’s development of his worldview to extremes—that is already present in Nietzsche, but in such a way that while it is genius in Nietzsche, it is the opposite of genius in those who later built upon it. One could even say: The entire narrowness of modern psychoanalysis is already present in Nietzsche’s second period of development, along with everything that was attempted there to be derived from immediate human nature in a psychologically materialistic manner. Small-minded people who say to themselves: Well, we can investigate this, and the truth must be accepted. — Thus, small minds can themselves accept, for example, the conclusion drawn from Schopenhauer that every striving for a worldview, every striving for a spiritual connection with the world that goes beyond mere empirical science—yes, this is no fairy tale I am telling—is a consequence of human sexuality. So that, for certain minds of the present, all philosophy has its foundation in human sexuality, for all intellectual striving is based on human sexuality. Of course, Nietzsche—who saw the fundamental basis, the legitimate fundamental basis for the psychological in the physiological, in the purely natural—was too brilliant and, I would say, too tactful to go beyond the realm of knowledge. But he did not have to merely develop a worldview. Less discerning minds simply tell themselves: This is the truth; one must accept it. So one must also accept as truth that philosophy is merely a consequence of sexuality. - But above all, Nietzsche had to come to see the fruitful aspect of human nature that can be influenced by a truth. Knowledge as a destiny of life—that is the defining feature of Nietzsche’s spiritual tragedy. And so something began to take root in Nietzsche’s soul during this second phase of his spiritual life. Nietzsche was too great to let it go far, but it continued to serve as an underlying source of revulsion toward a purely naturalistic psychology, toward a purely naturalistic explanation of all that is moral—as he himself had attempted—and revulsion toward what can arise if one proceeds further into this realm, which, though it may seem so justified, appears to be a materialistic conception of the soul—that revulsion. Now imagine the tragedy of such a psychological development, which first experiences humanity’s full, fruitful happiness in Schopenhauer and Richard Wagner and is then, through the necessary course of development and in connection with this necessary development of the times—as Nietzsche himself experienced it— is forced to develop within itself a worldview in the face of which the experience begins to evoke revulsion at every point of the soul’s life, and the necessity to save oneself from this revulsion toward life.

[ 42 ] Wir sind nun schon nahe an und in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts mit Bezug auf das Seelenleben Friedrich Nietzsches. Aus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung heraus hatte er sich für sein Seelenleben etwas gewonnen, was ihm den beginnenden Ekel zeigte mit all der Bitternis, mit der der Ekel also in der Seele tief innerlich walten kann. Und dasjenige, was Nietzsche in der «Fröhlichen Wissenschaft» auszusprechen versuchte, es ist ja nichts anderes im Grunde genommen als ein berauschtes Hinwegführen über den nicht zum Bewußtsein kommenden Ekel. Denn selbstverständlich, unter diesem Ekel leidet man, aber derlei Dinge bleiben im Unterbewußten. Es wird nicht ausgesprochen. Es wird etwas in der Seele ausgesprochen, was den Ekel verhüllt, was ihn über deckt: «Fröhliche Wissenschaft» — in den Sätzen, in dem ausgesprochenen Inhalte. Das, was ich also charakterisieren mußte als im Untergrunde der Seele liegend, das bildet dann den Übergang zu einer anderen Art von Weltbetrachtung, die jetzt Nietzsche weiter erleben mußte aus einer gewissen weitergehenden Vertiefung des naturwissenschaftlichen Lebens des neunzehnten Jahrhunderts, wie er sie auch in das Erfassen des Seelenlebens hineintrug.

[ 42 ] We are now approaching and have entered the 1880s with regard to Friedrich Nietzsche’s inner life. From his scientific worldview, he had gained something for his inner life that revealed to him the budding revulsion, along with all the bitterness with which such revulsion can reign deep within the soul. And what Nietzsche attempted to express in *The Gay Science* is, after all, nothing other than an intoxicating diversion from the revulsion that does not rise to consciousness. For, of course, one suffers from this revulsion, but such things remain in the subconscious. They are not spoken of. Something is expressed in the soul that veils the revulsion, that covers it up: *The Gay Science*—in its sentences, in its expressed content. What I have thus had to characterize as lying in the depths of the soul then forms the transition to a different kind of worldview, which Nietzsche was now compelled to experience further through a certain deeper immersion in the scientific life of the nineteenth century, just as he also carried this immersion into his understanding of the life of the soul.

[ 43 ] Und jetzt bildete sich etwas aus in Nietzsches Seele - von der man sagen kann: sie hat dieses Urgermanische, das in Richard Wagner, in Schopenhauer lebte, in sich aufgenommen, wie einen fortgehenden Trieb -, jetzt lebte sich in Nietzsche etwas Merkwürdiges aus. Jetzt kommt die letzte Periode seines Lebens, die dann zur Katastrophe führt. Und da wirkte in dieser Katastrophe — ohne daß man es merkt, wenn man nicht tiefer eingeht auf die Untergründe seines Seelenlebens -, jetzt wirkte zusammen dasjenige, was er sich geholt hatte aus der westlichen Philosophie, namentlich aus der französischen Moralphilosophie, aus Guyau, aus Stendhal, aber auch aus anderen, in die er sich ganz hineingefunden hatte, und was er aus diesen im Zusammenhang mit einem von ihm tiefer erfaßten Darwinismus gewonnen hatte, das wirkte zusammen mit dem osteuropäischen Element. Man kann die letzte Periode in Friedrich Nietzsche nicht verstehen, wenn man nicht in Erwägung zieht, wie in allen seinen Empfindungen, in allem, was er fühlte und dachte, dasselbe Element vorleuchtend wirkte, das zum Beispiel bei Dostojewski alspsychologisches Element Dostojewskis Kunst durchdringt. Dieses Eigentümliche des russischen Ostens, daß im unmittelbar Natürlichen der ganze Mensch erfaßt wird, aber so, daß dieses unmittelbar Natürliche auch als Ausleben des Geistigen angeschaut, erfühlt wird, daß die Instinkte zugleich als geistig empfunden werden, daß dasjenige, was physiologisch lebt, nicht so, wie im Westen und in Mitteleuropa, physiologisch empfunden wird, sondern seelisch empfunden wird, — das drängte sich jetzt in Nietzsche herein, in die Seele, auf die erschütternd sich niedergelassen hat dasjenige, was ich eben charakterisiert habe. In diese Seele drängte sich herein alles, was an Weltanschauungsrätseln vom Westen und vom Osten zusammenfloß. Im bloßen naturwissenschaftlich-physiologischen Seelenbetrachten konnte er das Allzumenschliche sehen. Da aber wäre es Ekel geworden, wenn er es weiter verfolgt hätte. Jetzt entnahm er eine Vertiefung aus der Betrachtung des menschlichen Lebens selber. Jetzt kam er eigentlich erst an das menschliche Leben heran, wo diese Betrachtung in ihm angeregt war, namentlich durch den Einfluß Dostojewskis.

[ 43 ] And now something began to take shape in Nietzsche’s soul—of which one might say: it had absorbed that primal Germanic element, which lived on in Richard Wagner and Schopenhauer, as if it were a driving force propelling him forward—now something strange was unfolding within Nietzsche. Now comes the final period of his life, which then leads to catastrophe. And at work in this catastrophe—though one might not notice it unless one delves deeper into the underlying currents of his inner life— what he had drawn from Western philosophy—namely, from French moral philosophy, from Guyau, from Stendhal, but also from others with whom he had fully identified—and what he had gained from these in connection with a form of Darwinism he had grasped more deeply, all of this interacted with the Eastern European element. One cannot understand the final period in Friedrich Nietzsche’s life unless one takes into account how, in all his feelings—in everything he felt and thought—the same element shone through, the same element that, for example, in Dostoevsky permeates his art as a psychological element. This distinctive feature of the Russian East—that the whole human being is grasped in the immediately natural, but in such a way that this immediately natural is also viewed and felt as the outliving of the spiritual; that instincts are simultaneously perceived as spiritual; that what lives physiologically is not, as in the West and in Central Europe, perceived physiologically, but is perceived psychically— —this now forced its way into Nietzsche, into his soul, upon which what I have just characterized had settled with shattering force. Into this soul poured everything that converged from the West and the East in terms of worldview enigmas. In the mere scientific and physiological contemplation of the soul, he could see what is all too human. But that would have turned to revulsion if he had pursued it further. Now he derived a deeper understanding from the contemplation of human life itself. It was only now, in fact, that he truly came to understand human life, once this contemplation had been stirred within him, notably through the influence of Dostoevsky.

[ 44 ] Und nun entstand in ihm ein Drang, eine Sehnsucht nach einer geistigen Vertiefung dessen, was bloß in der Sinnenwelt sich darbietet. Und dieser Drang, diese Sehnsucht lebten sich bei ihm nun in dieser letzten Periode seines Lebens vermöge seiner Anlagen nur lyrisch aus. Und das hängt mit dem Unschöpferischen in Nietzsche zusammen. Er brauchte dasjenige, was auf ihn wirkte; das konnte er erleben. Schöpferische Geister konnten für ihn Objekt werden, wie Richard Wagner. Was die Weltanschauung seiner Zeit schuf, konnte für ihn Objekt werden. Was in der zweiten Periode seines Lebens, der Periode vom MenschlichenAllzumenschlichen und so weiter, aufzuckte und aufleuchtete wie Zukunfts-Seelenschöpfung, das trat jetzt in den Gesichtskreis der dritten Nietzscheschen Periode ein. Der Mensch wurde für ihn so, daß sich Nietzsche sagte: Dieser Mensch muß in den Mittelpunkt der Weltanschauung gerückt werden — aber etwa in dem Sinne, wie bei Troxler Anthroposophie auftritt im Sinne des Vortrages, den ich vor einigen Wochen hier halten konnte -: im Menschen wollte er einen höheren Menschen suchen. Er hätte ihn finden können, wäre Nietzsche das gewesen, was man nennen könnte eine episch-dramatische Natur. Ist jemand eine episch-dramatische Natur, kann er aus sich herausgehen zur Anschauung des Geistes, dann entwickelt er die geistige Welt, dann stellt er sie hin. Das war Nietzsche nicht, Nietzsche war eine lyrische Natur. Damit dasjenige leben konnte, was in ihm Sehnsucht war, was in ihm Drang und Trieb war, brauchte Nietzsche etwas, was ihm in der Außenwelt entgegentrat. Es kam nicht aus seiner Seele eine geistige Welt herauf. Und so konnte denn, als er den höheren Menschen im Menschen suchte, dieser Mensch nur, ich möchte sagen, in seinem Lyrismus entstehen, denn der Lyrismus, das lyrische Element, das ist das Grundelement des Werkes «Also sprach Zarathustra», wo Nietzsche darstellen wollte, wie die Natur allerdings aus ihrem bloß Natürlichen heraufkommt zum Menschen, wie aber der Mensch über die Natur hinausgehen kann zum Übermenschen, wie der Mensch Übermensch werden kann dadurch, daß er die Entwickelung der Natur fortsetzt. Aber weil Nietzsche in seiner ganzen Seele nur lyrisch war, entstand dieser Übermensch in ihm als Sehnsucht. Und im Grunde genommen gehen Sie durch all dasjenige, was einem in dem lyrisch so großen, so gewaltigen Werke «Also sprach Zarathustra» entgegentritt, es ist nirgends der Übermensch zu ergreifen. Wo lebt er denn? Wo tritt er uns irgendwie gestaltet entgegen? Wo tritt uns irgendwie etwas entgegen, was als ein höherer Mensch im Menschen lebte und den Menschen über die Natur hinausführen könnte? Wo tritt uns irgendwo etwas entgegen, was ihn schildern würde? Überall treten uns entgegen lyrisch gestaltete Sehnsuchten, überall tritt uns entgegen großer, gewaltiger Lyrismus, aber nirgends irgend etwas, was man sozusagen geistig anfassen kann. So viel wie ein unbestimmtes, nebelhaftes Bild eines Übermenschen konnte Nietzsche entgegentreten jetzt in der dritten Periode seines Lebens.

[ 44 ] And now an urge arose within him, a longing for a spiritual deepening of that which presents itself solely in the sensory world. And this urge, this longing, found its expression in him during this final period of his life—by virtue of his innate dispositions—solely in a lyrical form. And this is connected to the non-creative aspect of Nietzsche. He needed that which had an effect on him; that was what he could experience. Creative spirits could become objects for him, such as Richard Wagner. What the worldview of his time produced could become an object for him. What had flashed and shone forth in the second period of his life—the period of *Human, All Too Human* and so on—as a future creation of the soul now entered the field of vision of Nietzsche’s third period. Humanity became, for him, such that Nietzsche said to himself: This human being must be placed at the center of the worldview—but in much the same sense as anthroposophy appears in Troxler’s work, as outlined in the lecture I was able to give here a few weeks ago—: in humanity, he sought a higher human being. He could have found him, had Nietzsche been what one might call an epic-dramatic nature. If someone is of an epic-dramatic nature, they can step outside themselves to contemplate the spirit; then they develop the spiritual world, and then they present it. Nietzsche was not like that; Nietzsche was of a lyrical nature. In order for what was longing within him—what was urge and impulse within him—to come to life, Nietzsche needed something that would meet him in the external world. A spiritual world did not arise from his soul. And so, when he sought the higher human being within humanity, this human being could only— I might say, emerge within his lyricism, for lyricism—the lyrical element—is the fundamental element of the work *Thus Spoke Zarathustra*, in which Nietzsche sought to depict how nature, indeed, rises from its purely natural state to humanity, but also how humanity can transcend nature to become the Übermensch—how humanity can become the Übermensch by continuing the development of nature. But because Nietzsche was, in his very soul, purely lyrical, this Übermensch arose within him as a longing. And when you really think about it, as you go through everything that confronts you in the lyrically so great, so powerful work *Thus Spoke Zarathustra*, the Übermensch is nowhere to be found. Where, then, does he live? Where does he confront us in any concrete form? Where do we encounter anything that lived within man as a higher being and could lead man beyond nature? Where do we encounter anything that would depict him? Everywhere we encounter lyrically shaped longings; everywhere we encounter great, powerful lyricism—but nowhere is there anything that one can, so to speak, grasp intellectually. At most, Nietzsche could have encountered an indefinite, misty image of a Superman now, in the third period of his life.

[ 45 ] Und ein weiteres Nebelhaftes. Nietzsche konnte sich sagen: Betrachte ich dieses menschliche Leben, dann stellt es sich mir so dar, daß ich es erleben muß als gebildet aus gewissen Voraussetzungen heraus. Aber es muß Voraussetzungen in sich tragen, die allem wirklichen Natur- und Geist-Gestalten entsprechen. Und es lebte schon in Nietzsche der Gedanke: Die Pflanze entwickelt sich von der Wurzel bis zur Blüte und Frucht, und in der Frucht der Keim; und der Keim ist wieder Ausgangspunkt für die Wurzel, und aus der Wurzel kommt wieder die Pflanze. Ein Kreislauf, ein Werden, das sich rhythmisch vollzieht, das zu sich zurückkehrt: Ewige Wiederkehr auch des Menschendaseins ist die Idee, die in Nietzsche entsteht. Aber wo ist dasjenige — was nun wiederum einer episch-dramatischen Natur aufgehen könnte - enthalten, das im gegenwärtigen Menschenleben wirklich das Geistig-Seelische als Kern oder Keim zeigt, als etwas, das sich in einem späteren Erdenleben wiederholen würde? Abstrakte ewige Wiederkehr tritt bei Nietzsche auf, aber nicht ein konkretes Ergreifen des wirklich Geistig-Seelischen im Menschen. Sehnsucht nach dem, was über den sinnlichen Menschen hinauswirkend sich gestalten kann, Sehnsucht nach jenem Rhythmus des Lebens, der in den wiederkehrenden Erdenleben auftritt, aber Unvermögen, in diese großen Geheimnisse des Daseins hineinzuschauen: die dritte Periode der Nietzscheschen Wirksamkeit.

[ 45 ] And another nebulous thought. Nietzsche could say to himself: When I consider this human life, it appears to me in such a way that I must experience it as having been formed out of certain preconditions. But it must contain within itself preconditions that correspond to all real forms of nature and spirit. And the thought was already alive in Nietzsche: The plant develops from the root to the flower and fruit, and within the fruit lies the seed; and the seed is, in turn, the starting point for the root, and from the root the plant emerges once more. A cycle, a becoming that unfolds rhythmically, that returns to itself: the eternal recurrence of human existence is the idea that takes shape in Nietzsche. But where is that which—and this, in turn, could take on an epic-dramatic character—is contained in present human life that truly reveals the spiritual-psychic as a core or seed, as something that would repeat itself in a later earthly life? Abstract eternal recurrence appears in Nietzsche, but not a concrete grasp of what is truly spiritual-psychic in human beings. A longing for that which can take shape beyond the sensory human being, a longing for that rhythm of life that appears in recurring earthly lives, yet an inability to glimpse into these great mysteries of existence: the third period of Nietzsche’s work.

[ 46 ] Die erste Periode gibt ihm für seine Sehnsuchten und Hoffnungen, für seinen Erkenntnisdrang einen Menschen, den er vor sich hinstellen kann. Dieser Mensch wird ihm zuletzt so, ich möchte sagen, wie die Geheimnisse der Natur für den Betrachter werden können. Man dringt so weit, als man selber die Anlagen dessen, was man suchen will, in sich hat. Weiter kann man nicht gehen. So konnte Nietzsche in Richard Wagner hineindringen, so weit Nietzsche selber die Anlagen zu Richard Wagners Welt- und Lebensgestaltung in sich trug. Ein Mensch in der ersten Periode seines Lebens, die Wissenschaft der Gegenwart in der zweiten Periode seines Lebens, die jetzt seine Hoffnungen, seine Sehnsuchten stillen soll. Dasjenige, was für die Zukunft bereit liegt in der Gegenwart an geistigen Keimen, in einer Geisteswissenschaft, wie wir sie heute denken, muß sich daraus herausentwickeln, daß man allgemein einsieht: In dem sinnlichen Menschen liegt der höhere Geistesmensch, in dem einen Erdenleben liegt die Folge früherer Erdenleben und der Ausgangspunkt späterer Erdenleben, desjenigen, was jetzt noch nicht da ist, was also nur als unbestimmt, als nebulos wirken kann. Nietzsche muß auch das durchleben: einen Gegenwartsmenschen, der ihm als Vollmensch entgegentritt; die Naturwissenschaft, an der sich der Wirklichkeitsdurst der neueren Zeit befriedigt; die unbestimmten Sehnsuchten der Zeit selber, die er noch nicht zu gestalten vermag.

[ 46 ] The first period provides him, for his longings and hopes, for his thirst for knowledge, with a person whom he can set before himself. Ultimately, this person becomes to him—I would say—what the mysteries of nature can become to the observer. One penetrates as far as one possesses within oneself the predispositions for what one seeks. One cannot go any further. Thus Nietzsche was able to penetrate Richard Wagner to the extent that Nietzsche himself possessed within himself the predispositions for Richard Wagner’s worldview and way of life. A person in the first period of his life; contemporary science in the second period of his life, which is now meant to satisfy his hopes and longings. That which lies in store for the future in the present—in the form of spiritual seeds within a spiritual science as we conceive it today—must develop from the general realization that: Within the sensual human lies the higher spiritual human; within a single earthly life lies the consequence of earlier earthly lives and the starting point of later earthly lives—that which is not yet here, and which therefore can only appear as indeterminate, as nebulous. Nietzsche, too, must experience this: a contemporary human being who confronts him as a complete human being; the natural sciences, which satisfy the modern era’s thirst for reality; and the vague longings of the age itself, which he is not yet able to give form to.

[ 47 ] Das sind die aufeinanderfolgenden äußeren Tatsachen, die Friedrich Nietzsche entgegentreten, entgegentreten mußten in demjenigen Zeitalter, das gewissermaßen innerhalb der deutschen Geistesentwickelung Atem schöpfen wollte, nachdem die intellektualistische Entwickelung auf einem Höhepunkt angekommen war, auf einem solchen Punkt, wo die Gedanken wirklich mystisch hineingelangen in die geistige Welt. Denn es ist eine Schopenhauersche, es ist eine Nietzschesche, es ist eine Täuschung aller derjenigen, die sich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dieser Täuschung hingaben, daß die Hegelschen Gedanken nur intellektualistisch gewesen seien. Aber der Glaube mußte entstehen, weil man die Weite des Atmens nicht hatte, um sich zu der Höhe und Energie der Hegelschen Weltanschauung emporzutragen. Aber dieses Atemholen mußte ja entstehen aus dem einfachen Grunde, weil Hegel und die anderen Geister, die zu ihm gehören, zwar zu übersinnlichen Begriffen aufgestiegen waren, in diesen übersinnlichen Begriffen aber nichts Übersinnliches darin ist. Nehmen Sie die ganze Hegelsche Philosophie durch: sie ist entschieden durch übersinnliche Begriffe entstanden. Sie besteht aus drei Teilen: einer Logik, die aus übersinnlichen Begriffen besteht, einer Naturphilosophie, einer Geistphilosophie, die aber die menschliche Seele nur umfaßt, sofern sie zwischen Geburt und Tod steht, dasjenige, was sich im Stofflichen und so weiter auslebt. Kurz, das Geistige in der Erkenntnis wird nur angewendet auf das, was in der sinnlichen Welt um uns ist. Die übersinnliche Erkenntnis ist da. Aber die übersinnliche Erkenntnis erkennt nichts Übersinnliches. Daher mußte diese übersinnliche Erkenntnis, die nichts Übersinnliches erkennt, in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dazu führen, daß man sie sozusagen als völlig unbefriedigend bezeichnete und sich an die sinnliche Welt selber wandte, und daß das musikalische Element eintreten konnte, die Brücke schaffen konnte herüber zu derjenigen Zeit, die nun aus Geistigem, unmittelbar durch Geist-Erkenntnis selber den Weg, von dem wir morgen wiederum im Spezielleren sprechen werden, zu erfassen versucht. Das ist das Bedeutungsvolle für das Geistesleben in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und bis in unsere Tage herein. An der zu Grunde gehenden übersinnlichen Erkenntnis und an der Überwältigung der menschlichen Seele durch die bloße sinnliche Erkenntnis, an dem Sich-Anklammern an dasjenige, was nun wie ein Ersatz hereintrat aus einer ganz anderen Welt, entstanden Nietzsches erschütternde Seelenerlebnisse.

[ 47 ] These are the successive external facts that confronted Friedrich Nietzsche—and that were bound to confront him—in an age that, in a sense, sought to catch its breath within the development of German thought, after intellectual development had reached a climax, a point at which thoughts truly penetrate the spiritual world in a mystical way. For it is a Schopenhauerian illusion, a Nietzschean illusion—an illusion shared by all those who, in the second half of the nineteenth century, succumbed to the delusion that Hegel’s ideas were merely intellectualistic. But this belief had to arise because people lacked the breadth of breath to rise to the height and energy of Hegel’s worldview. Yet this need to catch one’s breath had to arise for the simple reason that, although Hegel and the other minds associated with him had indeed ascended to supersensible concepts, there is nothing supersensible within these supersensible concepts. Take a look at Hegel’s entire philosophy: it was decidedly developed through supersensory concepts. It consists of three parts: a logic composed of supersensory concepts, a philosophy of nature, and a philosophy of spirit—which, however, encompasses the human soul only insofar as it exists between birth and death, that is, what plays out in the material world and so on. In short, the spiritual aspect of knowledge is applied only to what surrounds us in the sensory world. Transcendental knowledge exists. But transcendental knowledge does not perceive anything transcendental. Therefore, in the second half of the nineteenth century, this transcendental knowledge—which perceives nothing transcendental—had to lead to it being deemed, so to speak, completely unsatisfactory, and to a turning toward the sensory world itself, and that the musical element could enter and build a bridge to that era which now seeks to grasp, from the spiritual realm and directly through spiritual knowledge itself, the path of which we shall speak again in greater detail tomorrow. This is what is significant for spiritual life in the second half of the nineteenth century and right up to the present day. Nietzsche’s shattering spiritual experiences arose from the underlying supersensible knowledge, from the overwhelming of the human soul by mere sensory knowledge, and from the clinging to that which now entered as a substitute from an entirely different world.

[ 48 ] Wie eine tiefe Seele in einer Zeit, die in den tonangebenden Weltanschauungsströmungen keine Tiefe hatte, tragisch leiden mußte, das zeigt sich an Nietzsches Seele, und das ist im Grunde genommen die Tragödie, die sich durch Nietzsches Seele abgespielt hat: das Streben nach der Tiefe, nach einem Erleben in der Tiefe, die hätte da sein müssen, wenn Nietzsche zur Befriedigung hätte kommen sollen, die nicht da war und die endlich Nietzsches Geist in die völlige Verzweiflung hineinstürzte. Auf die physiologischen und medizinischen Untergründe seiner Krankheit brauche ich nicht einzugehen, aber dasjenige, was sich in seiner Seele abspielte, ist wenigstens mit seinen Hauptstrichen in dem charakterisiert, was ich versuchte zu charakterisieren. Und so sehen wir denn, wie dieses Weltanschauungsleben, das so überwältigt wird von der Strömung des Materialismus, auf eine über den Materialismus durch ihre Anlagen hinausstrebende Seele wirkt; wie tragisch bei einem tieferen Bedürfnis der Menschenseele der bloße Materialismus oder der bloße Positivismus oder überhaupt dasjenige wirken muß, was die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts einer solchen Seele bringen konnte. Deshalb wirkt es so tragisch, wenn man sieht, wie Nietzsche im Ausgangspunkte seiner Schriftstellerlaufbahn, als er, anknüpfend an die große Persönlichkeit Richard Wagners, seine «Geburt der Tragödie» schreibt, einträgt in das Exemplar, daser Richard Wagner selber überschickt: «Schaff das Tagewerk meiner Hände großer Geist, daß ich’s vollende!» Den großen Geist der Welt fleht Nietzsche in dem intimen Widmungsspruche an, den er an Richard Wagner richtet, daß er ihm ein Tagewerk überliefere, an dem er erleben kann, was seine Seele erleben will, und durch das er der Menschheit schildern kann, wie man den Geist erlebt in dem sinnlichen Erdenleben, wie der Mensch über das bloß Natürliche hinaus seine Seele führt, damit er auch den Weg in das Geistige hinein finden könne. Die Erfüllung der Tragödie mußte dadurch kommen, daß das neunzehnte Jahrhundert Nietzsche nicht geben konnte, was er vom großen Geiste erfleht hatte. Das Tagewerk seiner Hände konnte ihm der Geist nicht liefern. Dieser Geist des neunzehnten Jahrhunderts konnte es nicht liefern, und so konnte es von ihm auch nicht vollendet werden.

[ 48 ] Nietzsche’s soul reveals how a profound soul was forced to suffer tragically in an era when the dominant ideological currents lacked any depth, and this is, in essence, the tragedy that unfolded within Nietzsche’s soul: the striving for depth, for an experience of depth that should have been there if Nietzsche were to have found satisfaction—a depth that was not there and that ultimately plunged Nietzsche’s spirit into utter despair. I need not go into the physiological and medical causes of his illness, but what took place within his soul is, at least in its broadest strokes, characterized by what I have attempted to describe. And so we see how this worldview, so overwhelmed by the tide of materialism, affects a soul that, by its very nature, aspires beyond materialism; how tragically mere materialism or mere positivism—or, indeed, whatever the second half of the nineteenth century could offer such a soul—must affect a human soul with a deeper need. That is why it seems so tragic to see how Nietzsche, at the outset of his literary career—when, drawing on the great figure of Richard Wagner, he wrote *The Birth of Tragedy*—inscribed in the copy he sent to Richard Wagner himself: “Create the daily work of my hands, great spirit, that I may complete it!” In the intimate dedication he addresses to Richard Wagner, Nietzsche implores the great spirit of the world to bestow upon him a daily work through which he can experience what his soul longs to experience, and through which he can describe to humanity how the spirit is experienced in sensual earthly life—how human beings lead their souls beyond the merely natural so that they, too, may find the path into the spiritual. The fulfillment of the tragedy had to come about because the nineteenth century could not give Nietzsche what he had implored of the Great Spirit. The Spirit could not provide him with the daily work of his hands. This Spirit of the nineteenth century could not provide it, and so it could not be accomplished by him either.

[ 49 ] So haben wir denn gerade in dem, was Nietzsche später, namentlich am Schlusse seines bewußten Erdenlebens, bevor sein Leben in Umnachtung überging, geschaffen hat, Brocken, einzelne Ausführungen, Aphorismen, Entwürfe, Notizen aus und über Weltanschauungsfragen. Aber wir haben überall im Grunde genommen Ansätze, Fragen, Rätsel, die sphinxartig hineinschauen in die geistige Menschheitszukunft. Das darf man sagen gegenüber der Tatsache, daß auch Nietzsche unter denjenigen Geistern ist, die jetzt von Mitteleuropas Feinden so verketzert werden: In Friedrich Nietzsches Seele lebten Fragen, lebten Weltanschauungsrätsel auf unmittelbar persönliche Art, die hinüberleuchten werden — ob im Zusammenhang mit der Persönlichkeit Friedrich Nietzsches oder von ihr abgetrennt, weil sie ja Friedrich Nietzsche auch nur aus dem treulich miterlebten Weltanschauungsleben des neunzehnten Jahrhunderts entnahm -, die hinüberleuchten werden nicht nur in die deutsche Geistesentwickelung, sondern in die gesamte geistige Menschheitsentwickelung einer vielleicht noch fernen Zukunft und die befriedigende Antworten finden werden, doch erst dann, wenn man — was Nietzsche noch nicht voll konnte — empfindend voll verstehen wird den tiefsten Sinn dessen, was Goethe meinte, als er den Spruch eines alten Geistesforschers anführte, in dem darauf hingewiesen werden soll, daß der Mensch in die Tiefe der Welt wohl eindringen kann, daß er aber erst lebendig schöpferisch in sich durch Selbsterkenntnis diese Tiefe finden muß, ja, in sich gestalten muß. Nietzsche war auf diesem Wege in der Betrachtung Richard Wagners, konnte aber diesen Weg nicht zu Ende gehen. Dieser Weg wird immer wieder und wiederum die Wahrheit dieses von Goethe einem alten Geistesforscher zugeschriebenen Spruches erweisen, durch den Goethe zum Ausdruck bringen will, daß wir jede Tiefe, jede unendliche Tiefe in den Dingen der Welt finden können, wenn wir zunächst die Vertiefung in der eigenen Selbsterkenntnis gewonnen haben. Goethe drückt es aus in den Worten, mit denen wir diese Betrachtung heute abschließen wollen:

[ 49 ] Thus, particularly in what Nietzsche created later—namely, toward the end of his lucid life on earth, before his mind descended into madness—we find fragments, individual remarks, aphorisms, drafts, and notes on and about questions of worldview. But everywhere, in essence, we find starting points, questions, and riddles that, like a sphinx, peer into humanity’s intellectual future. This must be said in light of the fact that Nietzsche, too, is among those minds who are now so vilified by the enemies of Central Europe: In Friedrich Nietzsche’s soul, questions and philosophical riddles lived in a directly personal way, which will shine forth — whether in connection with Friedrich Nietzsche’s personality or separate from it, since he, after all, drew them solely from the worldview of the nineteenth century that he faithfully experienced firsthand — that will shine not only into the development of the German spirit but into the entire spiritual development of humanity in a future that may still be distant, and that will find satisfactory answers, but only then, when one—which Nietzsche was not yet fully able to do—will intuitively and fully understand the deepest meaning of what Goethe meant when he quoted the saying of an ancient spiritual researcher, intended to point out that while human beings can indeed penetrate the depths of the world, they must first find this depth within themselves in a living, creative way through self-knowledge—indeed, they must shape it within themselves. Nietzsche was on this path in his contemplation of Richard Wagner, but he was unable to follow it to its conclusion. This path will prove, time and again, the truth of this saying—which Goethe attributed to an ancient scholar of the spirit—through which Goethe seeks to express that we can find every depth, every infinite depth in the things of the world, once we have first attained a deepening of self-knowledge. Goethe expresses this in the words with which we wish to conclude this reflection today:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?

If the eye were not like the sun,
How could we see the light?
If God’s own power did not dwell within us,
How could the divine delight us?

[ 50 ] Jawohl, nur so viel Licht sieht der Mensch in der Welt, als er in sich anzufachen vermag. Nur so viel Göttliches findet der Mensch in der Welt, als er in sich selber durch Selbsterkenntnis zu gestalten vermag.

[ 50 ] Indeed, a person sees only as much light in the world as he is able to kindle within himself. A person finds only as much of the divine in the world as he is able to shape within himself through self-knowledge.