From Central European Spiritual Life
GA 65
26 February 1916, Berlin
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From Central European Spiritual Life, tr. SOL
11. Warum missversteht Man die Geistesforschung?
11. Why is Spiritual Research Misunderstood?
[ 1 ] Einiges von dem, was Antwort geben kann auf die Frage: Warum mißversteht man die Geistesforschung? — habe ich mir schon erlaubt vorzubringen in dem Vortrage, den ich vor einigen Wochen hier gehalten habe über «Gesundes Seelenleben und Geistesforschung». Heute möchte ich noch auf andere Gesichtspunkte eingehen, welche in einer umfassenderen Weise Antwort auf die gestellte Frage geben können. Selbstverständlich kann es nach der ganzen Haltung, wie die verehrten Zuhörer gewohnt sind, sie in diesen Vorträgen zu finden, auch heute nicht meine Absicht sein, auf einzelne da oder dort auftretende Angriffe gegenüber dem, was hier Geistesforschung genannt wird, einzugehen. Wenn aus gekränktem Ehrgeiz, aus sonstigen Motiven heraus, da oder dort sich Gegnerschaft vielleicht sogar aus den Kreisen derer erhebt, welche vorher glaubten, ganz gute Bekenner dieser Geisteswissenschaft zu sein, so sind das Angelegenheiten, bei denen sich gerade zeigt, wenn man genauer auf sie eingeht, wie wenig bedeutsam gegenüber den großen Aufgaben, welche die Geistesforschung zu erfüllen hat, solche Einwände eigentlich sind. Daher kann sich nur hie und da die Notwendigkeit aus äußeren Gründen ergeben, auf das eine oder andere einzugehen. Wie gesagt, es ist nicht meine Absicht. Meine Absicht ist diese, zu zeigen, wie man wirklich Schwierigkeiten haben kann in bezug auf das Verständnis der hier gemeinten Geisteswissenschaft, wie es aus der Zeitbildung, aus dem, was man sich aneignen kann an Denkgewohnheiten, an Empfindungen, an Weltanschauungsgefühlen aus unserer Gegenwart heraus, wie es aus alle dem für die Seele schwierig werden kann, Verständnis der Geisteswissenschaft entgegenzubringen. Gewissermaßen nicht die unberechtigten Einwände möchte ich in ihren Gründen erklären, sondern die aus der Zeitbildung heraus bis zu einem gewissen Grade, man möchte sagen, durchaus berechtigten Einwände, diejenigen Einwände, die begreiflich sind für eine Seele der Gegenwart.
[ 1 ] I have already taken the liberty of presenting some of the answers to the question: “Why is spiritual research misunderstood?”—in the lecture I gave here a few weeks ago on “A Healthy Spiritual Life and Spiritual Research.” Today I would like to address other points of view that can provide a more comprehensive answer to the question posed. Of course, in keeping with the general approach that my esteemed audience has come to expect from these lectures, it is not my intention today to address individual attacks—here and there—against what is referred to here as spiritual research. If, out of wounded pride or other motives, opposition arises here and there—perhaps even from the ranks of those who previously believed themselves to be staunch adherents of this spiritual science—these are matters which, upon closer examination, reveal just how insignificant such objections actually are in comparison to the great tasks that spiritual research must fulfill. Therefore, only here and there may it be necessary, for external reasons, to address one point or another. As I said, that is not my intention. My intention is to show how one can truly encounter difficulties in understanding the spiritual science referred to here—how, due to the spirit of the times, due to the habits of thought, feelings, and worldviews one can acquire from our present age—how all of this can make it difficult for the soul to grasp spiritual science. In a sense, I do not wish to explain the grounds for the unfounded objections, but rather those objections that, to a certain extent—one might say—are entirely justified given the spirit of the times—those objections that are understandable to a soul of the present.
[ 2 ] Geisteswissenschaft hat es ja nicht nur zu tun mit Einwänden, die sich ergeben gegenüber anderen Geistesströmungen der Gegenwart; Geisteswissenschaft hat, so kann man wohl sagen, heute noch fast alle anderen Geistesströmungen in einer gewissen Weise, gerade von dem Gesichtspunkte aus, der eben erwähnt worden ist, gegen sich. Wenn materialistische oder mechanistische Weltanschauungen oder, wie man sich heute gebildeter ausdrücken will, monistische Weltanschauungen auftreten, so erheben sich Gegner, die von einem gewissen geistigen Idealismus ausgehen. Die Gründe, welche solche geistigen Idealisten für ihre Weltanschauung gegen den Materialismus vorzubringen haben, sind in der Regel außerordentlich schwerwiegend und bedeutsam. Es sind Einwendungen, deren Bedeutung von dem Geistesforscher durchaus geteilt werden kann, die er durchaus auch verstehen und in derselben Weise auffassen kann, wie der bloß von einem gewissen geistigen Idealismus Ausgehende. Allein der Geistesforscher spricht ja über die geistige Welt nicht bloß so, wie etwa, sagen wir, geistige Idealisten vom Schlage der Ulrici, Wirth, Immanuel Hermann Fichte — der aber allerdings, wie wir gestern gesehen haben, schon tiefer eingeht — und andere. Er spricht nicht bloß in abstrakten Begriffen mit Hindeutungen darauf, daß es hinter der sinnlichen Welt noch eine geistige Welt geben müsse; er kann diese geistige Welt nicht unbestimmt lassen, nicht in bloßen Begriffen erfassen, er muß übergehen zu einer wirklichen Beschreibung der geistigen Welt. Er kann sich nicht nur bloß auf eine begriffliche Hindeutung, auf eine unbekannt bleibende geistige Welt, die aber da sein müsse im Sinne der geistigen Idealisten, einlassen, sondern er muß eine konkrete, eine in einzelnen Wesenheiten, die nicht physisches, sondern bloß geistiges Dasein haben, in Beschreibungen sich ergebende geistige Welt geben; kurz, er muß eine geistige Welt geben, welche so mannigfaltig, so inhaltsvoll ist, wie nur die physische Welt ist, ja eigentlich viel, viel inhaltsvoller sein müßte, wenn sie in Wirklichkeit beschrieben würde. Und wenn er also nicht nur davon spricht, daß es eine geistige Welt im allgemeinen gäbe, die man durch Begriffe beweisen könne, sondern wenn er bestimmt von einer geistigen Welt als etwas Glaubbarem, als etwas ebenso Wahrnehmbarem spricht, wie die Sinneswelt wahrnehmbar ist, dann hat er zu Gegnern nicht bloß die Materialisten, sondern dann hat er zu Gegnern auch diejenigen, welche nur in abstrakten Begriffen vom Standpunkte eines gewissen geistig-begrifflichen Idealismus aus über die geistige Welt sprechen wollen. Endlich hat er zu Gegnern diejenigen, die da glauben, daß durch die Geisteswissenschaft irgendeine Art des religiösen Empfindens getroffen werden könne, die da glauben, die Religion sei gefährdet, ihre Religion gerade sei gefährdet, wenn eine Wissenschaft der geistigen Welt auftritt. Und es könnten ja noch viele einzelne Strömungen genannt werden, die der Geisteswissenschafter im Grunde genommen alle in der angedeuteten Weise gegen sich haben muß, heute noch begreiflicherweise gegen sich haben muß. Also gewichtige, bis zu einem gewissen Grade, von einem gewissen Gesichtspunkte aus berechtigte Einwände, sie möchte ich namentlich besprechen.
[ 2 ] Spiritual science is not only confronted with objections arising from other contemporary intellectual currents; one can safely say that spiritual science today still faces opposition from almost all other intellectual currents in a certain way, precisely from the perspective just mentioned. When materialistic or mechanistic worldviews—or, as people today prefer to put it more elegantly, monistic worldviews—emerge, opponents arise who draw on a certain form of spiritual idealism. The reasons that such spiritual idealists put forward for their worldview against materialism are, as a rule, extraordinarily weighty and significant. These are objections whose significance the spiritual researcher can certainly share; he can certainly understand them and interpret them in the same way as one who proceeds solely from a certain spiritual idealism. However, the spiritual researcher does not speak of the spiritual world merely in the same way as, say, spiritual idealists of the ilk of Ulrici, Wirth, Immanuel Hermann Fichte—who, as we saw yesterday, does, however, delve deeper—and others. He does not speak merely in abstract terms, hinting that there must be a spiritual world beyond the sensory world; he cannot leave this spiritual world undefined, nor can he grasp it in mere concepts—he must move on to a concrete description of the spiritual world. He cannot content himself merely with a conceptual hint at a spiritual world that remains unknown—but which must exist, in the sense of the spiritual idealists—but must present a concrete spiritual world, one that emerges in descriptions of individual entities possessing not a physical but a purely spiritual existence; in short, there must be a spiritual world that is as diverse and as rich in content as the physical world is—indeed, it would actually have to be much, much richer in content if it were described in reality. And if, therefore, he does not merely speak of the existence of a spiritual world in general—one that can be proven through concepts—but if he specifically speaks of a spiritual world as something credible, as something just as perceptible as the sensory world is, then his opponents are not merely the materialists, but also those who wish to speak of the spiritual world only in abstract terms from the standpoint of a certain conceptual idealism. Finally, his opponents include those who believe that spiritual science could undermine some form of religious sentiment—those who believe that religion is endangered, that their own religion in particular is endangered, when a science of the spiritual world emerges. And one could certainly name many other individual currents that the spiritual scientist, in essence, must face opposition from in the manner indicated—and, understandably, still must face opposition from today. These are weighty objections, justified to a certain degree from a certain point of view; I would like to discuss them by name.
[ 3 ] Und da ist immer wieder und wiederum der erste, gerade in unserer Zeit bedeutsame Einwand gegen die Bestrebungen der Geisteswissenschaft der, der von seiten der naturwissenschaftlichen Weltanschauung herkommt, derjenigen Weltanschauung, welche ein Weltenbild gestalten will auf Grundlage der in berechtigter Weise als größten Triumph der Menschheit angesehenen Fortschritte der neueren Naturwissenschaft. Und immer wieder und wiederum muß es gesagt werden, daß es schwierig ist einzusehen, daß der wirkliche Geistesforscher ja im Grunde genommen durchaus nichts, aber auch gar nichts in Abrede stellt von dem, was in berechtigter Weise für ein Weltenbild aus den Ergebnissen der neueren Naturwissenschaft folgt; daß er im Gegenteil im vollsten Sinne des Wortes auf dem Boden dieser neueren Naturwissenschaft selber steht, insoweit sie eine berechtigte Grundlage zu einer Weltanschauung ist.
[ 3 ] And time and again, the first objection—one that is particularly significant in our time—to the endeavors of spiritual science comes from the perspective of the natural-scientific worldview, the worldview that seeks to shape a picture of the world based on the advances of modern natural science, which are rightly regarded as humanity’s greatest triumph. And time and again it must be said that it is difficult to see that the true researcher of the spirit, in fact, fundamentally denies absolutely nothing—not a single thing—of what justifiably follows as a worldview from the findings of modern natural science; that, on the contrary, he stands, in the fullest sense of the word, on the ground of this modern natural science itself, insofar as it provides a legitimate foundation for a worldview.
[ 4 ] Schauen wir uns von einem gewissen Gesichtspunkte auch heute wiederum diese neuere naturwissenschaftliche Richtung an. Es können ja immer nur einzelne Gesichtspunkte herausgehoben werden. Da stehen wir vor allen denjenigen Menschen, die in berechtigter Weise Schwierigkeiten machen gegenüber der Geisteswissenschaft, weil sie sagen: Zeigt uns denn nicht diese moderne Naturwissenschaft durch den Wunderbau des menschlichen Nervensystems, des menschlichen Gehirns insbesondere, wie dasjenige, was der Mensch seelisch erlebt, abhängig ist von dem Bau und den Verrichtungen dieses Nervensystems und dieses Gehirns? Und leicht kann man eben glauben, der Geistesforscher wollte leugnen, was da der naturwissenschaftliche Forscher von seinem Gebiete aus eigentlich sagen muß. Nur der dilettantische Geistesforscher und diejenigen, die Geistesforscher sein wollen, aber im Grunde genommen kaum auf die Würde eines Dilettanten Anspruch machen können, die richten ja da viel Unheil an, weil man die wahre Geistesforschung immer wiederum mit deren scharlatanhaftem oder dilettantischem Treiben verwechselt. Schwierig ist es zu glauben, daß zum Beispiel gerade auch mit Bezug auf die Bedeutung des physischen Gehirn- und Nervensystembaues der Geisteswissenschafter eigentlich noch mehr auf naturwissenschaftlichem Boden steht, als der Naturforscher selbst.
[ 4 ] Let us take another look today, from a certain perspective, at this newer scientific movement. Of course, we can only ever highlight individual aspects. We are faced, above all, with those people who rightly raise objections to spiritual science, because they say: Doesn’t modern natural science, through the marvelous structure of the human nervous system—and the human brain in particular—show us how what a person experiences psychologically depends on the structure and functions of this nervous system and this brain? And it is easy to believe that the spiritual researcher wants to deny what the natural scientist, from within his own field, must actually say. Only the amateur spiritual scientist—and those who wish to be spiritual scientists but who, in truth, can hardly lay claim to the dignity of an amateur—cause a great deal of harm here, because true spiritual science is constantly being confused with their charlatan-like or amateurish antics. It is difficult to believe that, for example, particularly with regard to the significance of the physical structure of the brain and nervous system, the spiritual scientist actually stands on even firmer scientific ground than the natural scientist himself.
[ 5 ] Nehmen wir ein Beispiel. Ich wähle absichtlich nicht ein neueres Beispiel, obwohl bei dem schnellen Gang der modernen Naturwissenschaft mancherlei sich rasch ändert und ältere Forschungen leicht überholt werden durch spätere. Ich wähle absichtlich nicht ein neueres Beispiel, was man auch tun könnte; sondern ich wähle den ausgezeichneten Gehirnforscher und Psychiater Meynert, indem ich dasjenige, was er aus seiner Gehirnforschung heraus zu sagen hatte über die Beziehungen von Gehirn und Seelenleben, einmal zum Ausgangspunkt machen möchte. Meynert ist ein guter Kenner des menschlichen Gehirns, des menschlichen Nervensystems im gesunden und kranken Zustand. Seine Schriften, die gerade auf seinem Gebiete tonangebend waren am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, müssen jedem, der mit ihnen bekannt wird, im höchsten Grade Achtung einflößen. Nicht nur vor der rein positiven Forschung, sondern auch vor dem, was solch ein Mann zu sagen hat über die angedeutete Frage. Und das muß ja besonders betont werden: Wenn Leute, welche auf leichte Weise hineingekommen sind in irgendeine geisteswissenschaftlich sein sollende Weltanschauung, dann, ohne irgend etwas zu wissen, ohne jemals einen Blick durch ein Mikroskop oder durch ein Fernrohr getan zu haben oder etwas getan zu haben, was ihnen nur im entferntesten eine Möglichkeit geben würde, sich eine Vorstellung zu machen über diesen Wunderbau des menschlichen Gehirns zum Beispiel, wenn solche Leute über die Niedrigkeit des Materialismus sprechen, dann kann man es verstehen, wenn auf der anderen Seite bei der Gewissenhaftigkeit der Forschung, bei der Sorgfältigkeit der Methoden man sich gar nicht einlassen will auf dasjenige, was da von scheinbar geisteswissenschaftlicher Seite entgegnet wird. Wenn jemand wie Meynert sich auf das Studium des Gehirns einläßt, so findet er zunächst, wie dieses Gehirn in komplizierter Weise — Meynert meint, aus einer Milliarde etwa - in seiner äußeren Rinde aus einer Milliarde von Zellen besteht, die alle ineinanderarbeiten, die ihre Fortsetzungen aussenden nach den verschiedensten Gliedern des menschlichen Leibes, ihre Fortsetzungen aussenden in die Sinnesorgane hinein, wo sie zu Sinnes-Nerven werden, ihre Fortsetzungen aussenden bis zu den Bewegungsorganen und so weiter. Einem solchen Gehirnforscher zeigt sich dann, wie Verbindungsfasern führen von dem einen Fasersystem zu dem anderen, und er kommt dann zu der Anschauung, daß dasjenige, was der Mensch als Vorstellungswelt erlebt, was sich ihm in Begriffen, in Vorstellungen trennt und verbindet, wenn die Außenwelt durch seine Sinnesorgane einen Eindruck macht, vom Gehirn aufgenommen, verarbeitet wird, und daß es aus der Art und Weise der Verarbeitung das hervorbringt, was man Seelenerscheinungen nennt. Wenn dann selbst Philosophen kommen und sagen: Ja, aber die Seelenerscheinungen sind doch etwas ganz anderes als Bewegungen des Gehirns, als irgendwelche Vorgänge im Gehirn, — wenn selbst Philosophen kommen und so sprechen, dann ist dagegen zu sagen, daß dasjenige, was sich als Seelenleben für einen solchen Forscher aus dem Gehirn heraus ergibt, ja nicht weiter in wunderbarer Weise sich ergibt, als, sagen wir zum Beispiel, eine Uhr, von der man auch nicht annehmen wird, daß ein besonderes Seelenwesen drinnen lebt, das Zeichen für die Zeit gibt; oder, sagen wir, ein Magnet, der aus seinen rein physischen Kräften heraus einen Körper anzieht. Was sich da als ein Magnetfeld um das Physische herum tätig erweist - warum sollte denn das nicht, in größeren Komplikationen aufgefaßt, aus dem Gehirn herausgeboren, das menschliche Seelenleben sein? Kurz, man darf keineswegs dasjenige, was von dieser Seite kommt, gering anschlagen. Man darf ihm keineswegs unter allen Umständen, ohne daß man auf die Sache genauer eingeht, seine Berechtigung absprechen. Man kann spotten darüber, daß dieses Gehirn durch das Abrollen seiner Vorgänge dasjenige hervorbringen soll, was das komplizierteste Seelenleben ist, doch findet man gleicherweise in der Natur von solchen Vorgängen übergenug, bei denen man sich von vornherein auch nicht darauf einlassen wird, einfach von einem zugrunde liegenden Seelenleben zu sprechen. Nicht dadurch, daß man von vorgefaßten Meinungen ausgeht, sondern dadurch, daß man sich auch einläßt auf dasjenige, was berechtigt ist bei den Menschen, die Schwierigkeiten haben, an die Geistesforschung heranzukommen, dadurch allein kann, ich möchte sagen, in den verwirrten Schädeln der Weltanschauungen Ordnung und Einklang geschaffen werden.
[ 5 ] Let’s take an example. I am deliberately not choosing a more recent example, even though, given the rapid pace of modern science, many things change quickly and older research is easily superseded by later studies. I am deliberately not choosing a more recent example, which one could certainly do; rather, I am choosing the distinguished neuroscientist and psychiatrist Meynert, as I would like to take as my starting point what he had to say, based on his research on the brain, about the relationship between the brain and mental life. Meynert is a great expert on the human brain and the human nervous system, both in healthy and diseased states. His writings, which were particularly influential in his field at the end of the nineteenth century, must inspire the highest degree of respect in anyone who becomes acquainted with them—not only for the purely empirical research itself, but also for what such a man has to say about the question at hand. And this must be particularly emphasized: When people who have casually stumbled into some worldview purporting to be based on the humanities—without knowing anything, without ever having looked through a microscope or a telescope, or having done anything that would even remotely give them a chance to form a conception of this marvelous structure of the human brain, for example— when such people speak of the baseness of materialism, then it is understandable that, on the other hand—given the conscientiousness of research and the meticulousness of its methods—one does not want to engage at all with what is countered from the seemingly spiritual-scientific side. When someone like Meynert embarks on the study of the brain, he first discovers how this brain, in a complex manner — Meynert estimates about a billion — in its outer cortex consists of a billion cells, all of which work together, sending their extensions to the most diverse parts of the human body, sending their extensions into the sensory organs, where they become sensory nerves, sending their extensions all the way to the motor organs, and so on. It then becomes apparent to such a brain researcher how connecting fibers lead from one fiber system to another, and he then comes to the conclusion that what a person experiences as the world of imagination—what separates and connects for them in concepts and ideas when the external world makes an impression through their sense organs—is taken in and processed by the brain, and that the manner of this processing brings forth what is called mental phenomena. When even philosophers come along and say: “Yes, but mental phenomena are, after all, something entirely different from movements of the brain, from whatever processes occur in the brain,” — when even philosophers come along and speak this way, then one must counter that what emerges from the brain as mental life for such a researcher does not arise in any more miraculous way than, say, a clock—which one would not assume contains a special spiritual being that indicates the time; or, say, a magnet that attracts a body through its purely physical forces. What manifests itself as a magnetic field active around the physical object—why shouldn’t that, understood in terms of greater complexity, be the human soul life emerging from the brain? In short, one must by no means underestimate what comes from this side. One must by no means deny its validity under any circumstances without examining the matter more closely. One may scoff at the idea that this brain, through the unfolding of its processes, is supposed to produce what constitutes the most complex inner life; yet one likewise finds more than enough such processes in nature where one would not, from the outset, even consider speaking simply of an underlying inner life. Not by starting from preconceived notions, but by engaging with what is legitimate for people who have difficulty approaching spiritual research—only in this way, I would say, can order and harmony be created in the confused minds of worldviews.
[ 6 ] So spricht gar nichts dagegen, daß durch einen bloßen mechanischen Vorgang, insofern er sich in der Mechanik des Gehirns und des Nervensystems abspielt, dasjenige erzeugt werden könne, was man im gewöhnlichen Sinne des Lebens als Seelenleben auffaßt. In so komplizierter Weise kann das Nervensystem und das Gehirn eingerichtet sein, daß sich durch das Abrollen seiner Vorgänge das Seelenleben des Menschen ergibt. Daher wird niemand durch diejenigen Betrachtungsweisen, die bloß auf dem Boden einer solchen Naturbetrachtung stehen, die Berechtigung eines naturwissenschaftlichen, materialistischen Weltenbildes in Abrede stellen können. Und man muß sagen, gerade aus dem Grunde, weil Naturwissenschaft es zu solcher Vollkommenheit und zu so berechtigtem Ideal gebracht hat auf ihrem Gebiete, ist es eigentlich für die Geisteswissenschaft heute schwierig, sich dieser Naturwissenschaft gegenüberzustellen, aus dem einfachen Grunde, weil der Geisteswissenschafter die Möglichkeit und Fähigkeit haben muß, gerade das Berechtigte, das von dieser Seite kommt, voll anzuerkennen. Deshalb aber muß auch immer wieder und wiederum betont werden, daß durch eine bloße Komposition dessen, was der äußeren Naturbetrachtung, auch wenn sie sich auf unser eigenes menschliches Leben erstreckt, entgegentreten kann, niemals, aber auch niemals eine geistige Weltanschauung geschaffen werden kann. Will man zum Seelenleben kommen, dann muß dieses Seelenleben in sich selber erlebt werden, dann muß dieses Seelenleben nicht erfließen aus äußeren Vorgängen, dann muß man nicht sagen, das Gehirn könne nicht aus sich die Seelenvorgänge hervorbringen, sondern man muß die Seelenvorgänge erleben.
[ 6 ] Thus, there is absolutely nothing to prevent the possibility that a purely mechanical process—insofar as it takes place within the mechanics of the brain and the nervous system—could produce what is commonly understood as “mental life.” The nervous system and the brain may be structured in such a complex way that the unfolding of their processes gives rise to human mental life. Therefore, no one can deny the validity of a scientific, materialistic worldview based solely on such an observation of nature. And it must be said that precisely because natural science has attained such perfection and such a well-founded ideal in its own field, it is actually difficult for the humanities today to stand in opposition to natural science—for the simple reason that the scholar of the humanities must have the capacity and ability to fully acknowledge precisely what is valid and legitimate on that side. For this reason, however, it must be emphasized again and again that a spiritual worldview can never—absolutely never—be created merely by compiling what can be set against the external observation of nature, even when it extends to our own human life. If one wishes to arrive at the life of the soul, then this life of the soul must be experienced within oneself; it must not flow from external processes; one must not say that the brain cannot produce the processes of the soul on its own, but rather one must experience the processes of the soul.
[ 7 ] Auf einem gewissen Gebiete kann nun jeder das Seelische erleben, unabhängig erleben von den Gehirnvorgängen. Das ist auf sittlichem Gebiete, auf dem Gebiete des sittlichen Lebens. Und hier ist es von vornherein klar, daß dasjenige, was dem Menschen vorleuchtet als sittliche Impulse, sich nicht ergeben kann aus irgend einem Abrollen von bloßen Gehirnvorgängen. Aber ich sage ausdrücklich: was sich dem Menschen ergeben kann als sittliche Antriebe, insofern der Wille, insofern das Gefühl darinnen wirkt, insofern das Sittliche erlebt wird. Also auf diesem Gebiete, wo die Seele sich in ihrer Unmittelbarkeit erfassen muß, kann jeder darauf kommen, daß die Seele für sich ein Eigenleben, unabhängig von der Leiblichkeit, hat. Allerdings hat nicht jeder die Fähigkeit, zu diesem innerlichen Erfassen, zu diesem Sich-innerlich-Erkraften im sittlichen Leben, hinzuzufügen, was Goethe zum Beispiel in dem gestern erwähnten Aufsatz über «Anschauende Urteilskraft», aber auch an vielen anderen Stellen seiner Werke hinzugefügt hat. Nicht jeder kann wie Goethe aus dem tiefsten inneren Erleben heraus sagen: Wenn man schon in der sittlichen Welt sich erhebt zu Antrieben, die unabhängig von der Leiblichkeit wirken, warum sollte diese Seele dann nicht fähig sein, mit Bezug auf anderes Geistiges, wie Goethe sagt im Gegensatz zu Kant, das «Abenteuer der Vernunft» — so hat Kant alles Hinausgehen über die sinnlichen Anschauungen genannt — «das Abenteuer der Vernunft mutig zu bestehen»? Das heißt, nicht nur dadurch zu einem geistig-seelischen Leben überzugehen, daß man innerlich erlebt, wie die sittlichen Impulse aus den Tiefen der Seele sich heraufheben, daß sie sich nicht aus dem Gehirnleben heraus ergeben, sondern auch andere geistige Erlebnisse zu haben, die da bezeugen, daß die Seele geistig wahrnimmt geradeso mit geistigen Organen, wie wir Sinnliches wahrnehmen mit sinnlichen Organen. Dazu gehört aber, daß zu dem gewöhnlichen Leben in der Welt, dem man sich passiv hingibt, hinzutritt ein anderes, ein Leben der inneren Aktivität, ein Leben der inneren Tätigkeit. Und das ist es, was heute vielen abhanden kommt, die gewohnt worden sind, für alles, was sie als Wahrheit ansprechen sollen, sich von irgendwoher diese Wahrheit diktieren zu lassen. Auf irgend etwas, was nicht inneres Erleben ist, sondern was von außen erscheint, sich auf einen festen Boden stützen, das wollen die Menschen. Was in der Seele selber erlebt wird, das erscheint ihnen als etwas innerlich Willkürliches, innerlich nicht fest von etwas Getragenes. Was wahr sein soll, das soll fest stehen an dem, was äußerlich fest steht, zu dessen Existenz man selber gar nichts beigetragen hat.
[ 7 ] In a certain realm, everyone can experience the spiritual—an experience independent of brain processes. This is in the moral realm, the realm of moral life. And here it is clear from the outset that what appears to human beings as moral impulses cannot arise from any sequence of mere brain processes. But I say explicitly: what can arise for a person as moral impulses—insofar as the will is at work there, insofar as feeling is at work there, insofar as the moral is experienced. Thus, in this realm, where the soul must grasp itself in its immediacy, anyone can come to realize that the soul has a life of its own, independent of physicality. However, not everyone has the ability to add to this inner grasping—to this inner strengthening in moral life—what Goethe, for example, added in the essay mentioned yesterday on “Contemplative Judgment,” but also in many other places in his works. Not everyone can say, as Goethe did from the deepest inner experience: If, even in the moral realm, one rises to impulses that act independently of the physical, why should this soul not be capable—with regard to other spiritual matters, as Goethe says in contrast to Kant—of “courageously enduring the adventure of reason”—as Kant called any going beyond sensory perceptions—“the adventure of reason”? That is to say, not only to transition to a spiritual-soul life by inwardly experiencing how moral impulses rise up from the depths of the soul—that they do not arise from brain activity—but also to have other spiritual experiences that bear witness to the fact that the soul perceives spiritually just as we perceive the sensory world with our sensory organs. But this requires that, alongside the ordinary life in the world—to which one passively surrenders—there be added another life: a life of inner activity, a life of inner action. And this is what many people today are losing, having become accustomed to having the truth dictated to them from somewhere else whenever they are called upon to address anything they regard as truth. People want to base themselves on something that is not an inner experience but appears from the outside, something that provides a firm foundation. What is experienced within the soul itself appears to them as something inwardly arbitrary, not firmly grounded in anything. What is supposed to be true must be firmly grounded in what is externally established, to whose existence one has contributed nothing oneself.
[ 8 ] So ist es allerdings richtig, wenn man denkt auf dem Gebiete der Naturforschung. In die Naturforschung wird man nur allerlei unnützes Zeug hineintragen, wenn man zu dem, was die äußeren Sinne bieten, und dem, was man durch das Experiment oder durch die Methode aus dem beobachteten äußeren Sinnenstoff machen kann, allerlei Phantasieprodukte hinzubringt. Auf dem Boden der Naturwissenschaft ist das voll berechtigt, Aber wir werden gleich nachher sehen, wie wenig es berechtigt ist auf dem Boden der Geistesforschung. Aber schon wenn man sich einläßt auch auf das Berechtigte der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, kann man an ihr sehen, wie sie schwach wird durch dieses Nichtgewohntsein des Sichinnerlich-Erkraftens, wie sie schwach wird, wenn sie eine Tätigkeit ausüben soll, die unerläßlich ist, wenn man in der Geisteswissenschaft nur ein wenig vorwärts kommen will. Um vorwärts zu kommen in der Geisteswissenschaft, ist es nicht nötig, daß man allerlei nebuloses Zeug treibt, daß man sich so dressiert, daß man zu gewissen im gewöhnlichen Sinne des Wortes hellseherischen Erfahrungen kommt, durch Halluzinationen, durch Visionen und so weiter, — das ist nicht das Erste, das ist auch nicht das Letzte; das wurde schon in dem Vortrage über «Gesundes Seelenleben und Geistesforschung» auseinandergesetzt. Was aber unerläßlich ist, wenn man zu einem tieferen Verständnis — ich will nicht sagen, zu einem berechtigten Anhänger - der Geisteswissenschaft kommen will, das ist ein durchgearbeitetes Denken, ein wirklich durchgearbeitetes Denken. Und die Durcharbeitung des Denkens leidet in hohem Grade dadurch, daß man sich gewöhnt hat, nur immer die Erscheinungsform zu beobachten. Außerlich in der sinnlichen Welt, in der äußeren Beobachtung oder im Experiment, da überläßt man sich dem, was die äußere Natur aussagt, und man vertritt auf diesem Gebiete, was das Experiment sagt. Man traut sich gar nicht — und wiederum hat man Recht auf diesem Gebiete -, irgend etwas zu sagen als zusammenfassendes Gesetz, was nicht von außen diktiert wird. Darunter aber leidet die innere Aktivität der Seelentätigkeit. Der Mensch gewöhnt sich, passiv zu werden; der Mensch gewöhnt sich, nur darauf zu vertrauen, was ihm gewissermaßen von außen gedeutet und geoffenbart wird. Und Wahrheit zu suchen durch eine innere Erkraftung, durch eine innere Betätigung, das fällt ganz aus seiner Seelengewohnheit heraus. Aber nötig ist es vor allen Dingen, wenn man in die Geisteswissenschaft eintritt, daß das Denken ausgearbeitet wird, daß das Denken so ausgearbeitet wird, daß einem nichts entgeht an gewissen leichtgeschürzten Einwänden, die gemacht werden können, daß man sich Einwände selber machen kann vor allen Dingen, daß man voraussieht, welche Einwände gemacht werden können; daß man sich diese Einwände selber macht, um einen höheren Gesichtspunkt zu gewinnen, der mit Berücksichtigung der Einwände die Wahrheit fände. Da möchte ich Sie aufmerksam machen auf ein Beispiel, als ein Beispiel unter hunderten und tausenden, die geradezu angedeutet werden könnten, bei Meynert. Ich tue das aus dem Grunde, weil ich Ihnen ja gerade anführen durfte, daß ich Meynert als einen ausgezeichneten Forscher ansehe, damit man nicht sagt, ich will hier die Leute irgendwie niedrig stellen. Ich nehme, wenn es sich um Widerlegungen handelt, nicht Leute, die ich gering achte, sondern gerade Leute, die ich aufs höchste schätze.
[ 8 ] This is indeed true when it comes to the field of natural science. One will only introduce all sorts of useless nonsense into natural science if, in addition to what the external senses provide and what can be derived from observed sensory data through experimentation or method, one adds all sorts of products of the imagination. This is entirely justified within the realm of natural science. But we will see shortly how little it is justified within the realm of spiritual science. But even if one accepts the validity of the scientific worldview, one can see how it is weakened by this unfamiliarity with drawing strength from within, how it becomes weak when it is called upon to perform an activity that is indispensable if one wishes to make even a little progress in spiritual science. To make progress in spiritual science, it is not necessary to engage in all sorts of nebulous activities, to train oneself to attain certain experiences that are clairvoyant in the ordinary sense of the word—through hallucinations, visions, and so on—that is not the first thing, nor is it the last; this was already discussed in the lecture on “A Healthy Soul Life and Spiritual Research.” But what is indispensable if one wishes to attain a deeper understanding—I will not say to become a justified adherent—of spiritual science is a thoroughly worked-out thought process, a truly thoroughly worked-out thought process. And the thorough working out of thought suffers greatly from the fact that we have become accustomed to observing only the outward form. Externally, in the sensory world, in external observation or in experimentation, we rely on what external nature reveals, and in this realm we accept what the experiment tells us. One does not dare—and again, one is right in this regard—to say anything as a general law that is not dictated from the outside. But this hinders the inner activity of the soul. People become accustomed to passivity; they become accustomed to trusting only in what is, so to speak, interpreted and revealed to them from the outside. And seeking truth through inner effort, through inner activity—that falls completely outside the habits of their souls. But it is necessary above all, when one enters the field of spiritual science, that one’s thinking be refined—that it be refined in such a way that nothing escapes one regarding certain easily raised objections that might be made; that one be able to raise these objections oneself, above all; that one anticipate what objections might be raised; that one raises these objections oneself in order to gain a higher perspective that would uncover the truth by taking the objections into account. Here I would like to draw your attention to an example—one among hundreds and thousands that could be cited—from Meynert. I do this for the reason that I have just mentioned to you that I regard Meynert as an outstanding scholar, so that no one might say I am trying to belittle people in any way here. When it comes to refutations, I do not choose people whom I hold in low esteem, but precisely those whom I hold in the highest regard.
[ 9 ] Da tritt uns bei Meynert entgegen, wie er zum Beispiel sich denkt das Zustandekommen der Vorstellung des Raumes, der Zeit im Menschen. Meynert meint so: Nehmen wir einmal an - es liegt uns dieses Beispiel ja jetzt besonders nahe -, ich höre mir einen Redner an. Ich werde die Vorstellung gewinnen, daß seine Worte nach und nach, in der Zeit gesprochen sind. Woher rührt das, sagt Meynert, daß man die Auffassung hat: die Worte werden nach und nach, in der Zeit gesprochen? Also Sie können sich jetzt vorstellen, daß Meynert von Ihnen allen spricht, die Sie meine Worte so auffassen, daß sie Ihnen nach und nach, in der Zeit erscheinen. Da sagt er: Ja, diese Zeit entsteht erst durch die Auffassung des Gehirns; daß wir ein Wort hinter das andere uns gestellt denken, das entsteht erst durch die Auffassung des Gehirns. Die Worte kommen an uns heran, sie kommen an unsere Sinnesorgane heran, sie gehen von diesen Sinnesorganen in einer Weiterwirkung zum Gehirn. Das Gehirn hat gewisse innere Organe, durch die es die Sinneseindrücke verarbeitet. Und da entsteht - innerlich — durch gewisse Organe die Zeitvorstellung. Die Zeitvorstellung wird also da erschaffen. Und so werden alle Vorstellungen aus dem Gehirn heraus erschaffen.
[ 9 ] Here, Meynert presents us with his view of how, for example, the concept of space and time arises in human beings. Meynert argues as follows: Let’s assume—since this example is particularly relevant to us right now—that I am listening to a speaker. I will form the impression that his words are spoken one after another, in time. Where does this come from, asks Meynert, that one has the perception that the words are spoken one after another, in time? So you can now imagine that Meynert is speaking of all of you, who perceive my words in such a way that they appear to you one after another, in time. He says: Yes, this sense of time arises only through the brain’s perception; the fact that we think of one word following another arises only through the brain’s perception. The words reach us; they reach our sense organs; from these sense organs, they travel onward to the brain. The brain has certain internal organs through which it processes sensory impressions. And there—internally—the concept of time arises through certain organs. The concept of time is thus created there. And in this way, all concepts are created from within the brain.
[ 10 ] Daß Meynert damit nicht nur etwas Untergeordnetes meint, das können Sie aus einer gewissen Bemerkung in seinem Vortrag «Zur Mechanik des Gehirnbaues» ersehen, wo er sich über das Verhältnis der Außenwelt zum Menschen ausspricht. Er sagt da, daß der gewöhnliche, naive Mensch annehme, die Außenwelt sei so da, wie er sie in seinem Gehirn erzeugt. Meynert sagt: Die gewagte Hypothese, welche der Realismus macht, besteht darin, daß die Welt, welche dem Gehirn erscheint, auch vor oder nach dem Vorhandensein von Gehirnen bestünde. Der Bau des bewußtseinsfähigen Gehirnes aber, welcher dasselbe zur Gestaltung der Welt als zuständig gelten läßt, führt zur Negation dieser Hypothese, Das heißt: Das Gehirn baut sich die Welt auf. Die Welt, so wie sie sich der Mensch vorstellt, so wie er sie vor sich hat als seine Sinnenwelt, ist durch Vorgänge des Gehirns, von innen heraus, erschaffen. Und so schafft der Mensch nicht nur die Bilder, sondern so schafft er auch den Raum, die Zeit, die Unendlichkeit. Für alles das, sagt Meynert, existieren gewisse Mechanismen des Gehirns. Daraus schafft der Mensch zum Beispiel die Zeit.
[ 10 ] You can see from a certain remark in his lecture “On the Mechanics of Brain Structure” that Meynert does not mean merely something secondary; in it, he discusses the relationship between the external world and human beings. He states there that the ordinary, naive person assumes the external world exists exactly as he constructs it in his brain. Meynert says: The bold hypothesis put forward by realism is that the world as it appears to the brain would exist even before or after the existence of brains. However, the structure of the brain capable of consciousness—which makes it the agent responsible for shaping the world—leads to the negation of this hypothesis. That is to say: The brain constructs the world for itself. The world, as humans imagine it, as they perceive it before them as their sensory world, is created from within by processes of the brain. And so humans not only create images, but they also create space, time, and infinity. For all of this, says Meynert, certain mechanisms of the brain exist. From these, humans create, for example, time.
[ 11 ] Es ist schade, daß man in solchen Vorträgen, die ja kurz sein müssen, nicht immer auf alle einzelnen Übergänge dieser Gedanken sich einlassen kann. Darum mag manches undurchsichtig erscheinen. Aber worin der eigentliche Nerv einer solchen Denkweise liegt, wird ja zu ersehen sein. Man muß nämlich sagen: Sobald man überhaupt auf dem Wege ist, das Gehirn als den Schöpfer des Seelenlebens, wie es der Mensch zunächst hat, anzusehen, so ist dasjenige, was da Meynert sagt, durchaus berechtigt. Es liegt auf diesem Wege, man muß dazu kommen. Und man kann nur entgehen einer solchen Folgerung, wenn man ein so in sich ausgearbeitetes Denken hat, daß einem die oftmals sehr einfachen Gegengründe sogleich an die Seele herantreten. Denken Sie nur, was die Folgerung wäre, wenn Meynerts Auseinandersetzung richtig wäre: Sie sitzen alle da, Sie hören sich das an, was ich spreche. Durch den Bau Ihres Gehirns ordnet sich Ihnen das in der Zeit an, was ich spreche. Nicht nur, daß Ihr Gehörnerv das in Gehörbilder umsetzt, sondern es ordnet sich Ihnen das, was ich spreche, sogar in der Zeit an. Sie haben also alle eine Art von Traumbild dessen, was hier gesprochen wird, selbstverständlich auch desjenigen, der hier vor Ihnen steht. Was dahinter ist, dafür nimmt der naive Realismus, meint Meynert, an, daß da ein Mensch steht gleich Ihnen, der das alles spricht. Aber dazu ist keine Nötigung vorhanden; denn diesen Menschen mit seinen Worten, den erzeugen Sie in Ihrem Gehirn; da kann etwas ganz anderes dahinter sein.
[ 11 ] It is a pity that in lectures such as these, which must necessarily be brief, one cannot always delve into every single transition in these lines of thought. That is why some things may seem obscure. But the true essence of this way of thinking will become apparent. For it must be said: As soon as one is on the path to viewing the brain as the creator of the life of the soul—as it initially exists in human beings—then what Meynert says here is entirely justified. This is the path one must take; one must arrive at this conclusion. And one can only avoid such a conclusion if one’s thinking is so well-developed that the often very simple counterarguments immediately strike a chord within one’s soul. Just think what the conclusion would be if Meynert’s argument were correct: You are all sitting here, listening to what I am saying. Because of the structure of your brains, what I am saying is organized for you in time. Not only does your auditory nerve convert this into auditory images, but what I am saying is even organized for you in time. So you all have a kind of dream-like image of what is being said here—including, of course, the person standing here before you. As for what lies behind this, naive realism, according to Meynert, assumes that there is a person standing there, just like you, who is saying all of this. But there is no necessity for this; for you create this person and his words in your own brain; there could be something entirely different behind it.
[ 12 ] Der einfache Gedanke, der sich aufdrängen muß, daß es doch darauf auch ankommt, daß zum Beispiel ich jetzt meine Vorstellungen selber in der Zeit anordne, so daß die Zeit nicht bloß in Ihrem Gehirne bei Ihnen lebt, sondern daß die Zeit schon darinnen lebt, wie ich ein Wort nach dem anderen stelle — dieser leicht erlangbare Gedanke kommt gar nicht, wenn man sich in einer gewissen Richtung fortbohrt. Daß also die Zeit ein Objekt hat, daß sie da draußen lebt, man kann es in diesem Fall, den ich Ihnen angeführt habe, sehr leicht einsehen. Aber wer einmal in einer ganz bestimmten Richtung des Denkens ist, der sieht nicht links, sieht nicht rechts, sondern er geht in seiner Richtung weiter und kommt da zu ungeheuer scharfsinnigen, zu höchst bemerkenswerten Ergebnissen. Aber darauf kommt es eben gar nicht an. Alles, was sich im Laufe eines solchen Gedankenganges an scharfsinnigen Ergebnissen herausstellen kann, das kann streng bewiesen sein, die Beweise können streng ineinander greifen. Sie werden bei Meynert nirgends einen Denkfehler entdecken können, wenn Sie in seinem Strome weitergehen. Aber darauf, daß das Denken so in sich durchgearbeitet ist, daß einem die Gegeninstanzen beikommen, daß das Denken aus sich selber heraus findet, was den ganzen Strom aus seinem Bette herauswirft, darauf kommt es an. Und dies, das Denken so beweglich, so aktiv zu machen, das verhindert eben gerade die auf der anderen Seite sehr berechtigte Vertiefung in die Außenwelt, so wie die Naturwissenschaft sie anstreben muß. Daher liegt hier aus der Zeit heraus nicht eine subjektive, sondern eine ganz objektive Schwierigkeit vor, wie Sie sehen. Man kann das auf allen möglichen Gebieten erleben.
[ 12 ] The simple thought that inevitably comes to mind—that it does, after all, matter that, for example, I now arrange my own ideas in time, so that time does not merely exist in your brain, but that time already exists within it as I place one word after another—this easily grasped thought does not occur at all if one keeps drilling deeper in a certain direction. So the fact that time has an object, that it exists out there—one can see this very easily in the case I have cited for you. But once someone is locked into a very specific line of thought, they do not look to the left or to the right; instead, they continue in their chosen direction and arrive at incredibly astute, highly remarkable conclusions. But that is precisely not what matters. Any astute conclusions that may emerge in the course of such a train of thought can be rigorously proven; the proofs can be rigorously interlinked. You will not be able to discover a single flaw in Meynert’s reasoning anywhere if you follow his train of thought. But what matters is that thinking is worked through so thoroughly within itself that counterexamples come to mind, that thinking finds within itself what throws the entire stream out of its bed. And making thought so agile, so active, is precisely what prevents the otherwise very justified immersion in the external world—the kind that the natural sciences must strive for. Therefore, as you can see, what we have here is not a subjective difficulty but a wholly objective one, arising from the nature of our times. One can experience this in all manner of fields.
[ 13 ] Wie nagen doch die Philosophen seit weitaus mehr als hundert Jahren herum an dem alten Kantischen Wort, womit er den Gottes-Begriff aus den Angeln heben will. Wenn man bloß hundert Taler denkt, so sind diese um keinen einzigen Taler weniger als hundert wirkliche Taler. Hundert gedachte, hundert mögliche Taler seien ganz genau dasselbe, wie hundert wirkliche Taler! Auf dieses, daß begrifflich, gedanklich, hundert mögliche Taler alles enthalten, was hundert wirkliche Taler enthalten, baut sich bei Kant die ganze Widerlegung des sogenannten ontologischen Gottesbeweises auf. Nun wird man, wenn man bewegliches Denken hat, sogleich auf den bestimmtesten Einwand kommen: Hundertgedachte Taler sind für denjenigen, der bewegliches Denken hat, ausgearbeitetes Denken hat, nämlich genau um hundert Taler weniger als hundert wirkliche Taler! Ganz genau um hundert Taler sind sie weniger. Es handelt sich eben darum, daß man aufmerksam darauf gemacht wird, wie man zu denken hat, nicht bloß, daß dasjenige, was man denkt, sich logisch beweisen läßt. Selbstverständlich ist das Kantische Ideengewebe so fest gestützt, daß sich nur mit äußerstem Scharfsinn auch logische Fehler darin nachweisen lassen. Aber darauf kommt es an, daß man nicht bloß das im Auge hat, was sich einem innerhalb gewisser denkgewohnter Strömungen ergibt, sondern daß das Denken ausgearbeitet ist, so daß man wirklich mit seinem Denken in der objektiven Welt drinnensteht, — daß man nicht bloß mit seinem Denken in sich selbst drinnensteht, sondern in der objektiven Welt, daß einem aus der objektiven Welt selber die Gegeninstanzen zuströmen. Nur ein ausgearbeitetes Denken gelangt dahin, daß ihm solche Gegeninstanzen zuströmen, und nur dadurch erlangt man mit seinem Denken eine gewisse Verwandtschaft mit dem Denken, das objektiv die Welt durchpulst und durchwest.
[ 13 ] How the philosophers have been gnawing away at that old Kantian phrase for well over a hundred years, with which he seeks to upend the concept of God. If one merely conceives of a hundred talers, they are not a single taler less than a hundred real talers. One hundred imagined, one hundred possible talers are exactly the same as one hundred real talers! Kant’s entire refutation of the so-called ontological proof of God is based on this: that, conceptually and mentally, one hundred possible talers contain everything that one hundred real talers contain. Now, anyone with a flexible mind will immediately raise the most decisive objection: for those with a flexible mind—that is, a mind capable of elaborate thought—a hundred imagined talers are precisely one hundred talers less than a hundred real talers! They are exactly one hundred talers less. The point is precisely to draw one’s attention to how one ought to think, not merely to the fact that what one thinks can be logically proven. Of course, Kant’s web of ideas is so firmly grounded that logical errors within it can be demonstrated only with the utmost acumen. But what matters is that one does not merely keep in mind what arises within certain familiar currents of thought, but that one’s thinking is so well-developed that one is truly immersed in the objective world with one’s thinking—that one is not merely immersed in oneself with one’s thinking, but in the objective world, so that counterexamples flow toward one from the objective world itself. Only a well-developed way of thinking can reach the point where such counterexamples flow toward it, and only in this way does one’s thinking attain a certain kinship with the thinking that objectively pulses and sweeps through the world.
[ 14 ] Ich sagte, daß es darauf ankommt, gewissermaßen das Seelische in Tätigkeit zu erfassen. Daß es sich wirklich darum handelt, daß der Mensch, wenn er das Seelische ergreifen will, nicht bloß Schlüsse zieht, die darauf fußen, daß es unmöglich sei, aus dem Gehirn und seinen Vorgängen heraus Seelenleben zu entwickeln; sondern dieses Seelenleben muß unmittelbar erlebt werden, unabhängig erlebt werden vom Gehirnleben. Dann kann vom Seelenleben gesprochen werden. Eben dieses innere tätige Erleben sehen heute die Menschen so an, als ob bloß in der Phantasie innerlich etwas aufgebaut würde, während der wahre Seelenforscher genau weiß, wo Phantasie steckt und wo durch die Entwickelung des eigenen Seelenlebens dasjenige beginnt, wo er nicht aus der Phantasie heraus spinnt, sondern wo er sich verbunden hat mit der geistigen Welt und aus der geistigen Welt selber heraus schöpft dasjenige, was er dann in Worte oder Begriffe oder Ideen oder Vorstellungen prägt. Die Seele wird nur auf diese Weise zu einem Wissen von sich selbst gelangen können.
[ 14 ] I said that what matters is, in a sense, to grasp the soul in action. That what is really at stake is this: when a person wants to grasp the soul, they must not merely draw conclusions based on the idea that it is impossible to develop a life of the soul out of the brain and its processes; rather, this life of the soul must be experienced directly, independently of brain activity. Only then can one speak of soul life. Today, people view this very inner, active experience as if something were merely being constructed internally in the imagination, whereas the true researcher of the soul knows exactly where imagination ends and where, through the development of one’s own soul life, that which begins—where one is not spinning fantasies out of imagination, but has connected with the spiritual world and draws from the spiritual world itself—that which one then shapes into words, concepts, ideas, or images. Only in this way will the soul be able to attain knowledge of itself.
[ 15 ] Ich werde jetzt vor Ihnen eine scheinbar recht paradoxe Anschauung zu entwickeln haben, aber eine Anschauung, die doch auch einmal ausgesprochen werden muß, weil sie das Wesen der Geistesforschung eigentlich erst so recht beleuchten kann. Nach dem, was ich vorhin gesagt habe, können Sie schon merken, daß der Geistesforscher gar nicht irgendwie abgeneigt ist, abgeneigt sein kann der Annahme, daß das Gehirn aus sich selber gewisse Vorstellungen heraustreibt, so daß dasjenige, was entstehen kann an Seelenleben ohne innerliche Mitarbeit, wirklich bloß Gehirnprodukt sein kann. Und eine gewisse Gewohnheit, die gerade durch die Gegenwartsbildung entstanden ist, besteht nämlich in folgendem: Der Mensch wird aus dem angedeuteten Grunde abgeneigt, irgend etwas, was er für wahr halten soll, durch innere Betätigung zu suchen. Er verurteilt das alles als Phantasie oder Träumerei, und dann bringt er es nicht bloß theoretisch in seinen Anschauungen, sondern praktisch dahin, daß er wirklich dasjenige, was die Seele in sich erarbeitet, ausschaltet, daß er das in seinem Arbeiten hin zu einem Weltenbilde möglichst ausschaltet. Wenn man so das Seelenleben ausschaltet, dann kommt als Ideal das Bild der materialistischen Weltanschauung zustande. Was tut man denn eigentlich, wenn man dieses innere Leben ausschaltet? Ja, wenn man dieses innere Leben ausschaltet, so ist es ungefähr so, wie wenn man sein leiblich-physisches Leben entläßt von dem Seelenleben. Gerade so wie der Uhrmacher, der an der Uhr gearbeitet hat, der seine Gedanken hineingearbeitet hat, die Uhr, wenn sie fertig ist, sich selber überläßt und die Uhr selber dann die Erscheinungen hervorbringt, die erst durch die Gedanken des Uhrmachers in sie hineingelegt sind, so kann in der Tat das Seelenleben weitergehen, im Gehirn weitergehen, ohne daß die Seele dabei ist. Und daran gewöhnt sich der Mensch gerade unter der gegenwärtigen Bildung. Er gewöhnt sich nicht nur, die Seele zu leugnen, sondern in der Tat die Seele auszuschalten; kurz, nicht durch innere Aktivität auf sie einzugehen, sondern sich auf das Ruhekissen dessen zu legen, was bloß aus dem Gehirn heraus erzeugt wird. Und das Paradoxe, das ich sagen will, ist, daß die rein materialistische Weltanschauung, wie sie auftritt, in der Tat ein Gehirnprodukt ist, daß sie in der Tat durch die Selbstbewegung des Gehirns automatisch erzeugt wird. Indem die Außenwelt sich im Gehirn spiegelt, das Gehirn passiv in Bewegung bringt, entsteht dieses Weltbild des Materialisten. Das Kuriose ergibt sich, das Sonderbare, daß der Materialist sogar für sich ganz recht hat, wenn er eben zuerst das Seelenleben ausgeschaltet hat. Weil er sich auf das Ruhekissen des reinen Gehirnlebens begeben hat, so kann ihm gar nichts anderes erscheinen als das reine Gehirnleben, das eben aus sich selber nun das Seelenleben so erzeugt, wie es im geistigen Bilde grob geformt Carl Vogt, der Naturforscher, gesagt hat: Das Gehirn schwitzt Gedanken aus, wie die Leber Galle ausschwitzt. — Diejenigen Gedanken, die auf dem Felde des Materialismus entstehen, sind allerdings ausgeschwitzt. Das Bild ist grob, aber sie sind in der Tat aus dem Gehirn heraus entstanden, wie die Galle aus der Leber herauskommt. Dadurch entstehen die Irrtümer. Nicht dadurch, daß man einfach etwas Falsches sagt, entstehen die Irrtümer, sondern dadurch, daß man etwas Richtiges sagt, das auf einem eingeschränkten Felde gilt, das sogar auf dem Felde gilt, das man einzig und allein nur haben will.
[ 15 ] I will now have to present to you a view that may seem quite paradoxical, but one that must nevertheless be expressed, because it is the only way to truly shed light on the essence of spiritual research. Based on what I said earlier, you can already see that the spiritual researcher is by no means averse—nor can he be averse—to the assumption that the brain generates certain ideas on its own, so that whatever may arise in the life of the soul without inner cooperation can truly be nothing more than a product of the brain. And a certain habit, which has arisen precisely through modern education, consists of the following: For the reason I’ve indicated, people become reluctant to seek, through inner activity, anything they are supposed to regard as true. They dismiss all of this as fantasy or daydreaming, and then they apply this not merely theoretically in their views, but practically to the point where they actually shut out what the soul develops within itself—shutting it out as much as possible in their work toward forming a worldview. When one excludes the life of the soul in this way, the ideal that emerges is the image of the materialistic worldview. What is one actually doing when one excludes this inner life? Indeed, when one excludes this inner life, it is roughly as if one were to separate one’s physical life from the life of the soul. Just as the watchmaker who has worked on the watch, who has woven his thoughts into it, leaves the watch to its own devices once it is finished, and the watch itself then produces the phenomena that were first placed within it by the watchmaker’s thoughts—so, in fact, the life of the soul can continue, can continue in the brain, without the soul being present. And this is precisely what people are becoming accustomed to under the current educational system. They are becoming accustomed not only to denying the soul, but in fact to shutting it out; in short, not to engaging with it through inner activity, but to resting on the cushion of what is produced solely by the brain. And the paradox I wish to point out is that the purely materialistic worldview, as it appears, is in fact a product of the brain—that it is, in fact, automatically generated by the brain’s own activity. As the external world is reflected in the brain, setting the brain passively in motion, this materialist worldview arises. The curious thing—the peculiarity—is that the materialist is actually quite right in his own eyes, provided he has first set aside the life of the soul. Because he has settled onto the cushion of pure cerebral life, nothing else can appear to him but that very cerebral life, which now generates spiritual life out of itself, just as the naturalist Carl Vogt crudely put it in a metaphor: “The brain sweats out thoughts just as the liver sweats out bile.” — The thoughts that arise in the realm of materialism are, indeed, “sweated out.” The image is crude, but they have indeed arisen from the brain, just as bile flows from the liver. This is how errors arise. Errors do not arise simply by saying something false, but by saying something true that applies within a limited field—a field that one wishes to be the only one that exists.
[ 16 ] Von der Neigung, das Denken nicht anzustrengen, es nicht zu vertiefen, wie es hier ausgeführt wurde gerade in den letzten Vorträgen, das innere Seelenleben nicht regsam zu machen, von dieser Neigung, sich bloß zu überlassen dem, was der Körper kann, kommt die materialistische Weltanschauung. Die materialistische Weltanschauung kommt nicht aus einem logischen Irrtum, sondern sie kommt aus der Neigung des Gemütes, sich gar nicht innerlich zu betätigen, sondern sich dem zu überlassen, was das Leibliche sagt. Hier liegt das Geheimnis der Schwierigkeit der Widerlegung des Materialismus. Wenn derjenige, der sein Seelenleben nicht betätigen will, Betätigung von vornherein ausschließt und es im Grunde bequemer findet, nur dasjenige zu produzieren, was ein Gehirn produziert, dann ist es nicht zu verwundern, daß er auf dem Gebiet des Materialismus stecken bleibt. Darauf kann er allerdings nicht eingehen, daß ja dieses Gehirn selber — Gott sei Dank, daß er es hat, denn er würde es sich mit all seiner materialistischen Weltanschauung nicht gestalten können! — daß dieses Gehirn selber aus der Weisheit der Welt heraus geschaffen ist und daß es, weil es geschaffen, auferbaut ist aus der Weisheit der Welt, so eingerichtet ist, daß es selber wiederum so wirken kann, wie eine Uhr fortwirkt; so daß es durchaus materiell sein und durch sich weiter produzieren kann. Diese Weisheit ist eine Art Phosphoreszieren, ein Phosphoreszieren, das da ist im Gehirn selber; es bringt dasjenige heraus, was schon geistig hineingelegt ist. Aber darauf braucht sich ja der Materialist nicht einzulassen, sondern er überläßt sich einfach dem, was aus dem Geistigen heraus, ich möchte sagen, in die Materie sich verdichtet hat und was nun wie beim Werke der Uhr abraspelt an geistigen Erzeugnissen.
[ 16 ] The materialistic worldview arises from the tendency not to exert one’s thinking, not to delve deeply into it—as has been explained here, particularly in the most recent lectures—and not to stimulate one’s inner spiritual life; it arises from this tendency to simply surrender to what the body is capable of. The materialistic worldview does not arise from a logical error, but rather from the mind’s tendency to refrain from any inner activity whatsoever and to surrender entirely to what the physical body dictates. Herein lies the secret of the difficulty in refuting materialism. If the person who does not wish to engage his inner life rules out such engagement from the outset and, deep down, finds it more convenient to produce only what the brain produces, then it is no wonder that he remains stuck in the realm of materialism. He cannot, however, acknowledge that this brain itself—thank God he has it, for he would not be able to form it with all his materialistic worldview!—that this brain itself is created out of the wisdom of the world and that, because it is created and built up from the wisdom of the world, it is arranged in such a way that it, in turn, can function just as a clock continues to function; so that it can be entirely material and continue to produce through itself. This wisdom is a kind of phosphorescence, a phosphorescence that exists within the brain itself; it brings forth what has already been spiritually implanted within it. But the materialist need not concern himself with this; rather, he simply entrusts himself to what, emerging from the spiritual, has—I might say—condensed into matter and now, like the workings of a clock, dispenses spiritual products.
[ 17 ] Sehen Sie, so sehr steht der Geistesforscher auf dem Boden der berechtigten Naturanschauung, daß er genötigt ist, etwas auszusprechen, was manchen Leuten so paradox erscheinen könnte wie das eben Gesagte. Aber Sie sehen daraus, daß man schon auf den Nerv der Geisteswissenschaft eingehen muß, wenn man über diese Geisteswissenschaft urteilen will. Und begreiflich ist es auch zu finden, weil ja dasjenige, was da wieder gesagt werden kann, so gut begründet ist, — begreiflich ist es ja auch, daß so viele Einwände und Mißverständnisse auftreten. Die Geistesforschung, die ernst auftritt, wird allzu leicht verwechselt mit alledem, was dilettantisch getrieben wird und was äußerlich eben sehr leicht verwechselt werden kann mit wahrer, gründlicher Geistesforschung. Es ist oftmals gerade mir ein Vorwurf daraus gemacht worden, daß die Schriften, die ich über Geisteswissenschaft schrieb, wie man sagt, nicht populär genug sind; daß auch die Vorträge, die ich hier halte, nicht populär genug sind. Nun, weder schreibe ich meine Schriften noch halte ich meine Vorträge dazu, um jemandem zu gefallen, um irgend jemandem so zu Herzen zu sprechen, wie er es gerade haben will; sondern ich schreibe meine Schriften und halte meine Vorträge so, wie ich glaube, daß sie geschrieben und gehalten werden müssen, damit die Geisteswissenschaft in der richtigen Weise vor der Welt vertreten werden könne. In älteren Zeiten hat es ja auch Geisteswissenschaft gegeben - ich habe das öfter erwähnt -, obwohl die Geisteswissenschaft durch den Fortschritt der Menschheit sich ändern mußte und damals aus anderen Quellen hervorging als die Geisteswissenschaft von heute. Da hat man von vornherein an den Stätten, wo Geisteswissenschaft vorgetragen worden ist, nur diejenigen zugelassen, die man für reif befunden hat, Heute wäre ein solches Vorgehen ganz unsinnig. Heute leben wir im öffentlichen Leben, und es ist selbstverständlich, daß dasjenige, was erforscht wird, in das öffentliche Leben hineingetragen wird, daß alles Geheimtun und dergleichen eine Torheit wäre. Mehr kann gar nicht dieses Geheimtun sein, als dasjenige, was sonst auch heute im Öffentlichen Leben vorhanden ist: daß denen, die schon irgend etwas durchgenommen haben, dann eine Möglichkeit geboten wird, in engeren Vorträgen etwas Weiteres zu hören. Doch das macht man auch an Universitäten, das ist im ganzen äußeren Leben so. Und wenn man da spricht von irgendeinem Geheimtun, so ist das ebensowenig berechtigt und ebenso unbegründet, wie wenn man von Geheimtun bei Universitätsvorträgen spricht. Aber damit nicht jeder, der sich keine Mühe geben will, in die Sache einzudringen, in sogenannten populären Schriften, die ihm so recht zum Munde gehen, eindringen könne, besser gesagt glauben könne, eindringen zu können, werden die Schriften so geschrieben und die Vorträge so gehalten, damit schon einige Anstrengung notwendig ist und man auf dem Weg hinein in die Geheimwissenschaft schon einiges Denken anwenden muß. Ich bin mir voll bewußt, wie stachelig-wissenschaftlich manches ist, was ich vorbringe, für diejenigen, die solch Stachelig-Wissenschaftliches nicht wollen. Aber das muß sein, damit Geisteswissenschaft sich in der richtigen Weise in die Geisteskultur der Gegenwart hineinstellen kann. Darüber braucht man sich nicht zu wundern, wenn da oder dort in kleineren oder größeren Kreisen Menschen Geisteswissenschaft treiben, die keine Ahnung haben von den Fortschritten der Wissenschaft in unserer Zeit und mit einer gewissen Autorität auftreten wollen, - daß von seiten der Wissenschafter dann die Geisteswissenschaft angeschwärzt wird. Schon also in der Form, in der Art der Mitteilungen muß etwas Besonderes, etwas Bedeutungsvolles gesehen werden. Das muß darin gesehen werden, daß innere Betätigung, Aktivität der Seele nötig sei, um zu sehen, wie das eigentliche Seelische als etwas lebt, das sich des Leibes als eines Werkzeuges bedient, das aber mit dem Leiblichen nicht einerlei ist.
[ 17 ] You see, the researcher of the spiritual realm stands so firmly on the ground of a valid view of nature that he is compelled to say something that might seem as paradoxical to some people as what has just been said. But you can see from this that one must already get to the heart of spiritual science if one wishes to judge it. And it is also understandable—because what can be said here is so well-founded—that so many objections and misunderstandings arise. Serious spiritual research is all too easily confused with everything that is pursued in an amateurish manner—and which, outwardly, can very easily be mistaken for true, thorough spiritual research. I, in particular, have often been criticized for the fact that the writings I have produced on spiritual science are, as they say, not popular enough; that even the lectures I give here are not popular enough. Well, I neither write my works nor give my lectures on this subject to please anyone, to speak to anyone’s heart exactly as they might wish; rather, I write my works and give my lectures as I believe they must be written and given so that spiritual science can be properly represented to the world. Spiritual science has, of course, existed in earlier times as well—I have mentioned this often—although spiritual science had to change with the progress of humanity and arose from different sources back then than the spiritual science of today. From the very beginning, only those deemed ready were admitted to the venues where spiritual science was presented. Today, such an approach would be completely nonsensical. Today we live in public life, and it goes without saying that what is researched must be brought into public life; that any secrecy or the like would be folly. This secrecy can be nothing more than what is otherwise present in public life today: that those who have already worked through a certain amount of material are then offered the opportunity to hear further insights in more intimate lectures. But this is also done at universities; it is the case throughout public life. And when people speak of some kind of secrecy in this context, it is just as unjustified and equally unfounded as when they speak of secrecy in university lectures. But so that not everyone who is unwilling to make the effort to delve into the subject—and who instead turns to so-called popular writings that suit their tastes—can delve into it, or rather, believe they can delve into it, the writings are composed and the lectures delivered in such a way that some effort is required and one must already engage in a certain amount of thinking on the path toward the esoteric science. I am fully aware of how “prickly” and scientific some of what I present is for those who do not want such “prickly” scientific content. But this is necessary so that spiritual science can take its rightful place within the spiritual culture of the present. It is no surprise, then, that when here and there—in smaller or larger circles—people engage in spiritual science who have no idea of the advances of science in our time and yet wish to present themselves with a certain authority, spiritual science is then denigrated by scientists. Thus, even in the form and manner of these communications, something special, something significant must be recognized. This must be seen in the fact that inner activity—the activity of the soul—is necessary in order to perceive how the true soul lives as something that makes use of the body as an instrument, yet is not identical with the physical.
[ 18 ] Nun, wenn man das alles richtig anschaut: Woher kommen denn die Mißverständnisse® Wenn die Seele sich also entwickelt, wenn sie die in ihr schlummernden Kräfte, wie das öfter hier ausgeführt worden ist, entwickelt, dann ist die erste dieser schlummernden Kräfte die Denkkraft, die so entwickelt werden muß, wie es auch eben jetzt wieder angedeutet worden ist. Wenn die Seele die in ihr schlummernden Kräfte so entwickeln will, so braucht sie eine gewisse innere Stärke, eine gewisse innere Kraft. Sie muß sich anstrengen innerlich. Das liebt man gerade unter dem Einflusse der heutigen Zeit nicht, dieses innerliche Anstrengen. Am ehesten lieben es noch Künstler. Aber auch auf dem Gebiete der Kunst ist man ja heute schon so weit gediehen, daß man am liebsten die Natur bloß abschreiben möchte und keine Ahnung davon hat, daß die Seele innerlich sich erkraften, innerlich sich etwas erarbeiten muß, um zu dem, was die bloße Natur ist, etwas Besonderes, Neues hinzuzutun. Die Denkkraft also ist das erste, was erkraftet werden muß. Dann müssen auch, wie die Vorträge der letzten Wochen gezeigt haben, Gefühl und Wille erkrafter werden. Und diese Erkraftung, das ist es, was man eigentlich dann nur so bezeichnet, daß man sagt: Ja, da entsteht ja bei dieser Geisteswissenschaft alles nur auf innerliche Weise. Davor scheut man zurück, auf innerliche Weise irgend etwas sich erkraften zu lassen, und man läßt sich gar nicht ein auf den beträchtlichen Unterschied, der da sein muß zwischen der Auffassung der äußeren Natur und der Auffassung der geistigen Welt.
[ 18 ] Well, if you look at all this properly: Where do these misunderstandings® come from? So when the soul develops—when it develops the powers lying dormant within it, as has often been explained here—then the first of these dormant powers is the power of thought, which must be developed in the way that has just been indicated once again. If the soul wishes to develop the powers lying dormant within it in this way, it needs a certain inner strength, a certain inner power. It must exert itself inwardly. This inner exertion is something people, particularly under the influence of the present age, do not like. Artists are still the ones most likely to appreciate it. But even in the realm of art, we have already progressed so far today that people would prefer simply to copy nature and have no idea that the soul must summon its inner strength, must work something out within itself, in order to add something special and new to what mere nature is. The power of thought, then, is the first thing that must be strengthened. Then, as the lectures of the past few weeks have shown, feeling and will must also be strengthened. And this development of strength—that is what people actually mean when they say: “Yes, in this spiritual science, everything arises solely through inner processes.” People shy away from the idea of developing anything through inner processes, and they fail to recognize the considerable difference that must exist between the perception of external nature and the perception of the spiritual world.
[ 19 ] Fassen wir diesen Unterschied einmal recht kräftig, recht bedeutsam ins Auge. Welcher Unterschied tritt da auf? In bezug auf die äußere Natur sind uns unsere Organe schon gegeben. Das Auge ist uns gegeben. Goethe hat nun aber das schöne Wort ausgesprochen: «Wär’ nicht das Auge sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken?» So wahr es ist, daß Sie mich nicht hören würden, wenn ich nicht sprechen würde, daß Sie erst mir entgegenkommen müssen mit ihrem Zuhören, um das zu verstehen, was gesagt wird, so wahr ist es für Goethe, daß aus dem Sonnenlichte selber, allerdings auf dem Umwege durch allerlei Vererbungs- und komplizierte Naturvorgänge, das Auge entstanden ist, daß das Auge nicht nur im Schopenhauerischen Sinne Licht schafft, sondern daß es selber durch das Licht geschaffen ist. Das ist festzuhalten. Aber man könnte sagen: Gott sei Dank für diejenigen, die materialistisch sein wollen: siebrauchen sich nicht mehr ihre Augen zu schaffen, denn diese Augen werden aus dem Geistigen heraus geschaffen; sie haben sie schon, und indem sie die Welt auffassen, gebrauchen sie diese schon fertigen Augen. Sie lenken diese Augen entgegen den äußeren Eindrücken, und die äußeren Eindrücke spiegeln sich; mit der ganzen Seele spiegeln sie sich in den Sinnesorganen. Nehmen wir einmal an, der Mensch könnte mit seinem heutigen Bewußtsein die Entstehung des Auges erst miterleben. Nehmen wir das an. Nehmen wir an, der Mensch trete als Kind in die Natur herein, nur mit Veranlagung für die Augen. Die Augen müßten sich ihm erst durch die Einwirkung des Sonnenlichts ergeben. Was würde da auftreten im Wachstum des Menschen? Das würde auftreten, daß durch die ja selbst noch nicht zu sehenden Sonnenstrahlen die Augen herausgeholt würden aus der Organisation, und indem der Mensch spürt: ich habe Augen, spürt er im Auge das Licht. Indem er das Auge weiß als das seine, als seine Organisation, spürt er das Auge drinnen lebend im Licht. So ist es im Grunde genommen auch heute bei den Sinneswahrnehmungen: der Mensch erlebt sich selber, indem er im Licht erlebt, — mit seinem Auge im Licht erlebt dasjenige, was bei der Sinneswahrnehmung entwickelt ist, wo wir — wie gesagt, Gott sei Dank - die Augen schon haben.
[ 19 ] Let us take a good, hard look at this difference—a difference that is truly significant. What difference are we seeing here? With regard to the external world, our organs are already given to us. The eye is given to us. But Goethe once uttered these beautiful words: “If the eye were not sun-like, how could we perceive the light?” Just as it is true that you would not hear me if I did not speak—that you must first meet me with your listening in order to understand what is being said—so it is true for Goethe that the eye arose from the sunlight itself, albeit indirectly through all manner of hereditary and complex natural processes, the eye has arisen—that the eye not only creates light in the Schopenhauerian sense, but is itself created by the light. This must be noted. But one might say: Thank God for those who wish to be materialists: they no longer need to create their own eyes, for these eyes are created out of the spiritual realm; they already have them, and as they perceive the world, they use these already formed eyes. They direct these eyes toward external impressions, and the external impressions are reflected; with their whole soul, they are reflected in the sense organs. Let us suppose for a moment that human beings, with their present consciousness, could only witness the formation of the eye. Let us assume that. Let us suppose that a human being enters nature as a child, possessing only the predisposition for eyes. The eyes would first have to emerge through the influence of sunlight. What would occur during the human being’s growth? What would occur is that, through the rays of the sun—which the human being cannot yet see—the eyes would be drawn forth from the organism, and as the human being senses, “I have eyes,” he feels the light within the eye. Because he recognizes the eye as his own, as part of his own organism, he feels the eye alive within him in the light. This is essentially how it is today with sensory perceptions as well: a person experiences himself by experiencing in the light—with his eye in the light, he experiences what has developed in sensory perception, where we—as I said, thank God—already have eyes.
[ 20 ] Das muß aber auch bei der Geistesforschung sein. Da muß wirklich aus der noch immer ungeformten Seele herausgeholt werden das Organische, Da muß erst das geistige Hören, das geistige Schauen herausgeholt werden. Es muß das Organische, gleichsam das Geistesauge, Geistesohr — um diese Ausdrücke Goethes immer wieder zu gebrauchen erst aus dem Inneren herausgeholt werden. Da muß man wirklich in der geistigen Welt sich durch die Entwickelung seiner Seele erfühlen, und dann, indem man sich darin erfühlt, bildet man sich die Organe, und in den Organen erlebt man die geistige Welt ebenso, wie man in den Organen des physischen Leibes die physisch-sinnliche Welt erlebt. Also da muß erst dasjenige geschaffen werden, was der Mensch hier für die Sinnesanschauung schon hat. Er muß die Kraft haben, die Organe erst zu schaffen, um in den Organen sich in der geistigen Welt zu erleben.
[ 20 ] But this must also be the case in spiritual research. There, the organic must truly be drawn out of the still unformed soul; there, spiritual hearing and spiritual seeing must first be brought forth. The organic aspect—the spiritual eye, so to speak, the spiritual ear—must first be drawn forth from within, to use Goethe’s expressions again and again. One must truly feel one’s way into the spiritual world through the development of one’s soul, and then, by feeling one’s way within it, one forms the organs, and through these organs one experiences the spiritual world just as one experiences the physical-sensory world through the organs of the physical body. So first, one must create what human beings already possess here for sensory perception. One must have the power to first create the organs in order to experience the spiritual world through them.
[ 21 ] Dem steht entgegen dasjenige - und es ist wirklich nichts anderes —, was aus der heutigen Bildung heraus erzeugte innerliche Schwäche des Menschen genannt werden kann. Schwachheit, das ist es, was den Menschen zurückhält, sein Inneres so — es ist ein dummer Ausdruck zu sagen: in die Hand zu nehmen, aber sagen wir es -, sein Inneres so in die Hand zu nehmen, daß es wirklich so innerlich tätig ist, wie es wäre, wenn der Mensch erst die Hände schaffen würde, um den Tisch zu berühren. So schafft er sein Inneres, um zu berühren, was geistig ist, und mit Geistigem berührt er Geistiges. Schwäche also ist es, die die Menschen abhält, zum wirklichen Geistesforschen vorzudringen. Und Schwäche ist es, welche die Mißverständnisse hervorruft, die der Geistesforschung entgegenstehen, - innerliche, seelische Schwäche, keine Möglichkeit vor Augen zu sehen da man noch in Faustizismus hineinragt -, innerlich Wirkliches zu innerlich geistigen Organen umzubilden, um die geistige Welt zu ergreifen. Das ist das Eine.
[ 21 ] This is countered by what—and it is truly nothing else—can be called the inner weakness of human beings produced by today’s education. Weakness—that is what holds people back from taking their inner life—it’s a silly expression to say “taking it into their hands,” but let’s say it anyway—taking their inner life into their hands in such a way that it is truly as active inwardly as it would be if a person were first to create hands in order to touch the table. In this way, they create their inner being in order to touch what is spiritual, and with the spiritual they touch the spiritual. It is weakness, then, that prevents people from advancing to true spiritual research. And it is weakness that gives rise to the misunderstandings that stand in the way of spiritual research—an inner, psychological weakness that prevents one from seeing any possibility, since one is still caught up in Faustian thinking—of transforming inner reality into inner spiritual organs in order to grasp the spiritual world. That is one thing.
[ 22 ] Und ein Zweites liegt noch vor, das man schon auch einsehen kann, wenn man es nur einsehen will: Vor dem Unbekannten hat der Mensch immer ein sonderbares Gefühl; vor allen Dingen hat er vor dem Unbekannten das Gefühl der Furcht. Nun ist es zunächst für alles dasjenige, was man in der Sinnenwelt erleben kann, ein völlig Unbekanntes, was nicht nur in der geistigen Welt erforscht werden kann, sondern wovon man auch reden muß, wenn man von der geistigen Welt spricht. Furcht hat man vor der geistigen Welt, aber eine Furcht ganz besonderer Art, nämlich eine Furcht, die nicht zum Bewußtsein kommt. Und wodurch entsteht die materialistische, die mechanistische, die, wie man eben heute «gebildeter» sagt — materialistisch ist sie ja doch! — monistische Weltanschauung? Sie entsteht dadurch, daß in der Seele Furcht vorhanden ist vor jenem Durchbrechen der Sinnlichkeit, weil man Furcht hat eben davor, daß, wenn man durchbreche durch die Sinnlichkeit zu dem Geistigen, man ins Unbekannte kommt, ins Nichts, wie Mephistopheles zu Faust sagt. Und Faust sagt: «In deinem Nichts hoff’ ich das All zu finden.» Furcht vor dem, was man nur als das Nichts ahnen kann, aber maskierte Furcht, Furcht, die eine Maske trägt! Man muß sich da schon einmal bekannt machen, daß es unter- oder unbewußte Seelenvorgänge gibt, Seelenvorgänge, die da unten wuchern im Seelenleben. Es ist merkwürdig, wie die Menschen sich da täuschen über gar manches. So zum Beispiel ist ja eine sehr häufige Täuschung diese, daß man über dasjenige, was man so recht aus einem knüppeldicken Egoismus heraus eigentlich will, sich nicht gesteht, daß man es aus Egoismus heraus will. Sondern man erfindet allerlei Ausflüchte, wie selbstlos, wie liebevoll man dies oder jenes tun will. Man breitet so eine Maske über den Egoismus hinüber, Das tritt ja besonders sehr häufig bei Gesellschaften zum Beispiel auf, die sich zusammenschließen, um recht die Liebe zu pflegen. Ja, man kann geradezu Studien über solche Maskiererei des Egoismus gar häufig machen. Ich habe einen Mann gekannt, der erklärte immer wieder und wiederum, dasjenige, was er treibe, treibe er ganz gegen seine eigentliche Absicht und gegen dasjenige, was er liebt; er treibe es nur, weil er es notwendig erachte zum Heile der Menschheit. Ich mußte immer wieder sagen: Machen Sie sich nichts vor! Sie treiben das aus Ihrem Egoismus heraus deshalb, weil’s Ihnen gefällt, und dann ist es schon besser, wenn man sich die Wahrheit gesteht. Dann steht man auf dem Boden der Wahrheit, wenn man sich gesteht, daß einem die Dinge gefallen, die man unternehmen will, und sich keine solche Maske vorhält.
[ 22 ] And there is a second point that one can already grasp, if only one is willing to do so: Human beings always have a strange feeling when faced with the unknown; above all, they feel fear in the face of the unknown. Now, first of all, everything that can be experienced in the sensory world is, in a certain sense, a complete unknown—something that not only can be explored in the spiritual world but must also be addressed when speaking of the spiritual world. One feels fear toward the spiritual world, but a fear of a very special kind—namely, a fear that does not rise to consciousness. And how does the materialistic, mechanistic—or, as one would say more “culturedly” today—monistic worldview arise? It arises because there is a fear in the soul of breaking through sensuality, for one fears precisely that, if one breaks through sensuality to the spiritual, one will enter the unknown, into nothingness, as Mephistopheles says to Faust. And Faust says: “In your nothingness I hope to find the whole.” Fear of what one can only sense as nothingness—but a masked fear, a fear that wears a mask! One must first acknowledge that there are subconscious or unconscious soul processes—processes that thrive deep within the life of the soul. It is strange how people deceive themselves about so many things. For example, a very common delusion is this: one does not admit to oneself that what one actually wants—out of sheer, thick-as-a-club selfishness—is wanted out of selfishness. Instead, one invents all sorts of excuses about how selflessly, how lovingly, one wants to do this or that. They thus spread a mask over their selfishness. This occurs particularly frequently, for example, in societies that come together specifically to cultivate love. Indeed, one could frequently conduct studies on such masking of selfishness. I knew a man who declared time and again that what he was doing, he was doing entirely against his true intentions and against what he loved; he did it only because he considered it necessary for the salvation of humanity. I had to tell him again and again: “Don’t kid yourself! You’re doing this out of selfishness, because it pleases you, and it’s actually better to admit the truth to yourself. Then you stand on the ground of truth when you admit to yourself that you enjoy the things you want to do, and you don’t put on such a mask.”
[ 23 ] Furcht ist es, was heute führt zur Ablehnung der Geisteswissenschaft. Aber diese Furcht gesteht man sich nicht. Man hat sie in seiner Seele, aber man läßt sie nicht herauf ins Bewußtsein und erfindet Gründe, Beweisgründe gegen Geisteswissenschaft, Beweise dafür, daß der Mensch sogleich ins Phantasieren hineinkommen müsse, wenn er den festen Boden der sinnlichen Anschauung verläßt und so weiter. Ja, man erfindet sehr komplizierte Beweise. Man stellt ganze Philosophien auf, die wiederum logisch unanfechtbar sein können. Man erfindet ganze philosophische Weltanschauungen, die eigentlich nichts anderes zu bedeuten haben für den, der Einsicht hat in solche Dinge, als daß alles, was man da erfindet - sei es transzendentaler Realismus, empiristischer Realismus, sei es mehr oder weniger spekulativer Realismus, metaphysischer Realismus und wie diese «ismen» alle heißen —, der Furcht entspringt. Man erfindet diese «ismen», die aus sehr strengen Gedankengängen ausgearbeitet werden. Aber sie sind im Grunde genommen nichts anderes, als die Furcht davor, die Seele auf den Weg zu bringen, der dahin führt, das, was man als das Unbekannte empfindet, in seiner Konkretheit zu erleben. Das sind die beiden hauptsächlichsten Gründe für das Mißverstehen der Geisteswissenschaft: Schwäche des Seelenlebens, Furcht vor dem vermeintlichen Unbekannten. Und wer sich auf die menschliche Seele versteht, kann die heutigen Weltanschauungen darauf analysieren. Auf der einen Seite entstehen sie aus der Unmöglichkeit, das Denken selber so zu erkraften, daß ihm die Gegeninstanzen gleich ankommen, und auf der anderen Seite liegt vor die Furcht vor dem Unbekannten. Da macht man es ja manchmal sogar so, daß, weil man Furcht hat in das sogenannte Unbekannte einzudringen, man das Unbekannte als Unbekanntes lieber gelten läßt, und daß viele davon sprechen: Ja, wir geben zu: hinter der Sinneswelt liegt noch eine geistige Welt, aber der Mensch — wir können das streng beweisen — kann nicht darin eindringen. Die meisten fangen dann an, wenn sie beweisen wollen: «Schon Kant hat gesagt», weil sie immer voraussetzen, daß derjenige, zu dem sie sagen: «Schon Kant hat gesagt», von Kant gar nichts irgendwie versteht. Die Menschen erfinden also Beweise dafür, daß der menschliche Geist nicht eindringen könne in die Welt, die hinter der Sinnlichkeit liegt. Das sind nur Ausflüchte, so geistreich sie sein mögen, Ausflüchte gegenüber der Furcht. Aber sie nehmen doch an, daß etwas hinter der Sinnlichkeit ist. Das nennen sie das Unbekannte und gründen lieber im Spencerschen Sinne oder in anderem Sinne einen Agnostizismus, als daß sie den Mut finden würden, wirklich ihre Seele hineinzuführen in die geistige Welt. |
[ 23 ] It is fear that leads to the rejection of spiritual science today. But people do not admit to this fear. It lies deep within the soul, but people do not allow it to rise into consciousness; instead, they invent reasons—arguments against spiritual science—and evidence to support the claim that a person must immediately slip into fantasy the moment they leave the solid ground of sensory perception, and so on. Indeed, people invent very complicated arguments. They construct entire philosophies, which in turn may be logically irrefutable. People invent entire philosophical worldviews that, for those who have insight into such matters, actually mean nothing other than that everything they invent—be it transcendental realism, empiricist realism, more or less speculative realism, metaphysical realism, or whatever these “-isms” may be called—stems from fear. People invent these “-isms,” which are elaborated from very rigorous lines of thought. But they are, at their core, nothing other than the fear of setting the soul on the path that leads to experiencing, in its concreteness, what one perceives as the unknown. These are the two main reasons for the misunderstanding of spiritual science: weakness of the soul life, and fear of the supposed unknown. And anyone who understands the human soul can analyze today’s worldviews in this light. On the one hand, they arise from the inability to strengthen one’s thinking to the point where opposing viewpoints are met with equanimity; on the other hand, there is the fear of the unknown. In fact, people sometimes go so far as to say that, because they are afraid to penetrate the so-called unknown, they prefer to leave the unknown as unknown, and many say: “Yes, we admit: behind the sensory world lies a spiritual world, but human beings—we can prove this conclusively—cannot penetrate it.” Most people then begin, when they want to prove a point, by saying, “Kant already said,” because they always assume that the person to whom they say, “Kant already said,” understands nothing at all about Kant. People thus invent proofs that the human spirit cannot penetrate the world that lies beyond the sensory realm. These are merely excuses—however ingenious they may be—excuses born of fear. Yet they do assume that something lies beyond the sensory realm. They call this the unknown and would rather establish agnosticism—in the Spencerian sense or in some other sense—than find the courage to truly lead their souls into the spiritual world. |
[ 24 ] In der letzten Zeit ist ja eine merkwürdige Weltanschauung entstanden, die sogenannte Weltanschauung des Als-ob. Ja, sie ist auch nach Deutschland hereinverpflanzt worden: Hans Vaihinger hat ein dickes Buch geschrieben über die Weltanschauung des Als-ob. In dieser Weltanschauung des Als-ob sagt man: Der Mensch kann nicht davon sprechen, daß solche Begriffe wie Einheit seines Bewußtseins wirklich einer Wirklichkeit entsprechen, sondern der Mensch muß schon einmal die Erscheinungen der Welt so betrachten, als ob es eine einheitliche Seele gäbe, als ob irgend etwas zu Grunde läge, was als einheitliche Seele gedacht wird. Atome - die Als-ob-Philosophen können ja nicht leugnen, daß noch keiner ein Atom gesehen hat und daß man gerade das Atom so denken muß, daß man es nicht sehen kann, denn auch das Licht soll ja erst durch die Schwingungen des Atoms entstehen. Also die Als-ob-Philosophen sind wenigstens so weit, von jener Fabulistik, die noch da oder dort herumspukt von der Atomwelt, nicht zu sprechen. Aber sie sagen: Nun, es erleichtert eben die Anschauung der sinnlichen Welt, wenn man sich die sinnliche Welt so denkt, als ob Atome da wären.
[ 24 ] Recently, a peculiar worldview has emerged—the so-called “as-if” worldview. Indeed, it has also found its way into Germany: Hans Vaihinger has written a thick book on the “as-if” worldview. In this “as-if” worldview, it is said: One cannot claim that concepts such as the unity of one’s consciousness truly correspond to reality; rather, one must first regard the phenomena of the world as if there were a unified soul, as if there were something underlying it that is conceived as a unified soul. Atoms—the “as-if” philosophers certainly cannot deny that no one has ever seen an atom and that one must conceive of the atom precisely in such a way that it cannot be seen, for even light is said to arise only through the vibrations of the atom. So the “as-if” philosophers have at least gone so far as to refrain from speaking of that fanciful nonsense about the atomic world that still haunts us here and there. But they say: Well, it simply makes it easier to conceive of the sensory world if one thinks of the sensory world as if atoms were there.
[ 25 ] Derjenige, der ein tätiges Seelenleben hat, wird bemerken, welch Unterschied ist, ob er sich mit seinem tätigen Seelenleben in einer geistigen Wirklichkeit drinnen bewegt, in dem einheitlichen Seelenweben, oder bloß in äußerer, verstandesmäßiger Realistik einen Begriff geltend macht, als ob die Erscheinungen der menschlichen Betätigung durch ein Seelenwesen zusammengefaßt werden. Wenigstens wenn man wirklich auf dem praktischen Boden der Weltanschauungen steht, wird man die Als-ob-Philosophie nicht gut anwenden können. So ist zum Beispiel ein heute sehr geschätzter Philosoph Fritz Mauthner, der ja geradezu als eine große Autorität angesehen wird, weil er nun endlich den Kantianismus überkantisiert hat. Während Kant noch die Begriffe als etwas auffaßte, womit man die Wirklichkeit zusammenfaßt, sieht Mauthner bloß noch in der Sprache dasjenige, worinnen eigentlich die Weltanschauung beschlossen liegt. Und so hat er nun glücklich seine «Kritik der Sprache» zustande gebracht und ein dickes «Philosophisches Wörterbuch» von diesem Gesichtspunkte aus geschrieben und vor allen Dingen eine Anhängerschaft sich erworben, die ihn für den großen Mann ansieht. Nun, ich will heute auf Fritz Mauthner nicht eingehen, ich will nur sagen: Man könnte sich nun bemühen, die Als-obPhilosophie auf diesen Fritz Mauthner anzuwenden. Man könnte sagen: Lassen wir es dahingestellt sein, ob der Mann Geist hat, Genialität hat, aber betrachten wir dasjenige, was er geistig ist, so als ob er Geist hätte. Man wird sehen, wenn man aufrichtig zu Werke geht, daß einem das nicht gelingt. Das Als-Ob läßt sich nicht anwenden, wo die Sache nicht vorhanden ist.
[ 25 ] Anyone who has an active inner life will notice the difference between moving within a spiritual reality—within the unified fabric of the soul—with that active inner life, and merely asserting a concept within an external, intellectual realism, as if the phenomena of human activity were encompassed by a single soul entity. At least if one truly stands on the practical ground of worldviews, one will not be able to apply “as-if” philosophy effectively. For example, Fritz Mauthner is a philosopher highly regarded today, who is indeed viewed as a great authority precisely because he has finally “over-Kantianized” Kantianism. While Kant still conceived of concepts as something by which reality is summarized, Mauthner sees language alone as the very medium in which the worldview is actually contained. And so he has now successfully produced his *Critique of Language* and written a thick *Philosophical Dictionary* from this perspective, and above all, he has gained a following that regards him as a great man. Well, I do not wish to go into detail about Fritz Mauthner today; I will merely say this: One could now attempt to apply the “as-if” philosophy to this Fritz Mauthner. One could say: Let us leave open the question of whether the man possesses intellect or genius, but let us consider what he is intellectually as if he did possess intellect. One will see, if one sets to work sincerely, that one cannot succeed in this. The “as-if” cannot be applied where the thing itself is not present.
[ 26 ] Kurz, notwendig ist schon, um es noch einmal zu sagen, daß man auf den Nerv der Geisteswissenschaft selber eingeht und daß man gerade in der Geisteswissenschaft dasjenige kennt, was diese Geisteswissenschaft als berechtigt anerkennen muß auf dem Boden, auf dem Mißverständnisse entstehen können. Denn so wahr diese Mißverständnisse auf der einen Seite Mißverständnisse sind, so wahr ist auf der anderen Seite, daß diese Mißverständnisse dennoch berechtigt sind, wenn die Geisteswissenschaft nicht voll in der Möglichkeit drinnensteht, mitdenken zu können auch das, was der Naturforscher denkt. Der Geistesforscher muß schon in der Lage sein, mit dem Naturforscher mitdenken zu können. Ja, er muß sogar den Naturforscher zuweilen etwas prüfen können und namentlich diejenigen etwas prüfen können, welche da immer betonen, auf dem festen Boden der Naturforschung zu stehen. Allerdings, wenn man manchmal auch nur in äußerlicher Weise prüft, wie es da steht mit einer scheinbar rein positivistischen Weltanschauung, welche ablehnt alles Geistige, dann zeigt sich das Folgende. Wie Sie wissen: Ich unterschätze nicht Ernst Haeckel, wo die Schätzung berechtigt ist, ich erkenne ihn voll an. Aber da, wo er von Weltanschauung spricht, da zeigt sich gerade bei ihm namentlich jene Schwäche des Seelenlebens, die nicht in der Lage ist, irgend etwas anderes zu verfolgen, als den einen Strom, den er eingeschlagen hat. Und da kommt man zum Beispiel auf das, was immer wieder betont werden muß, wenn man auf dem Boden eines ernsten Arbeitens in der Gegenwart steht. Man kommt auf die unendlich verbreitete Oberflächlichkeit des Denkens und das ganze Lügenhafte des Lebens. Da sieht man beispielsweise, wie Ernst Haeckel darauf hinweist, daß einer der Größten, auf die er sich selbst berufen will, Karl Ernst von Baer ist. Und immer wieder finden wir Karl Ernst von Baer angeführt als einen Mann, der beweisend sein soll für die rein materialistische Weltanschauung, die Haeckel aus seinem Forschen ableitet. Wieviele Menschen gehen nun hin, um einen Einblick zu gewinnen in das, was eigentlich in dem heutigen Wissenschaftsbetriebe steckt, — wieviele Menschen gehen nun hin und fassen so etwas an? Wieviele Menschen bleiben dabei stehen, daß sie bei Haeckel lesen: Karl Ernst von Baer kann angesehen werden als einer, der so spricht, wie Haeckel daraus ableitet! Da glaubt man selbstverständlich, daß Baer so etwas spricht, wie Haeckel daraus ableiten kann. Nun, ich will Ihnen einige Stellen aus Karl Ernst von Baer vorlesen: «Der Erdkörper ist nur das Samenbeet, auf welchem das geistige Erbteil des Menschen wuchert, und die Geschichte der Natur ist nicht nur die Geschichte fortschreitender Siege des Geistigen über den Stoff. Das ist der Grundgedanke der Schöpfung, dem zu Gefallen, nein, zu dessen Erreichung sie Individuen und Zeugungs-Reihen schwinden läßt und die Zukunft auf dem Gerüste einer unermeßlichen Vergangenheit erbaut.»
[ 26 ] In short—and it is necessary to say this once again—one must address the very essence of spiritual science itself and, precisely within spiritual science, recognize what spiritual science must acknowledge as valid on the very ground where misunderstandings can arise. For just as true as it is that these misunderstandings are, on the one hand, misunderstandings, it is equally true, on the other hand, that these misunderstandings are nevertheless justified if the humanities do not fully possess the capacity to think along the same lines as the natural scientist. The scholar of the humanities must indeed be able to think along with the natural scientist. Indeed, he must even be able to scrutinize the natural scientist from time to time—and particularly those who always emphasize that they stand on the solid ground of natural science. However, even if one sometimes examines—albeit only superficially—the state of affairs regarding a seemingly purely positivist worldview that rejects everything spiritual, the following becomes apparent. As you know, I do not underestimate Ernst Haeckel; where appreciation is warranted, I fully acknowledge him. But when he speaks of worldview, it is precisely in him that one sees that weakness of the soul’s life which is incapable of pursuing anything other than the single current he has set in motion. And this brings us, for example, to what must be emphasized time and again when one stands on the ground of serious work in the present. One encounters the infinitely widespread superficiality of thought and the sheer falsity of life. There, for instance, one sees how Ernst Haeckel points out that one of the greatest figures to whom he himself wishes to refer is Karl Ernst von Baer. And time and again we find Karl Ernst von Baer cited as a man who is supposed to serve as proof for the purely materialistic worldview that Haeckel derives from his research. How many people now go about seeking insight into what actually lies at the heart of today’s scientific enterprise—how many people now go about and grapple with such matters? How many people stop to consider, when reading Haeckel, that Karl Ernst von Baer can be regarded as someone who speaks in the way Haeckel infers from his work! Naturally, one then believes that Baer says exactly what Haeckel can infer from it. Well, I’d like to read you a few passages from Karl Ernst von Baer: “The physical body is merely the seedbed on which the spiritual heritage of humankind flourishes, and the history of nature is not merely the history of the spiritual’s progressive triumphs over matter. This is the fundamental idea of creation, for the sake of which—no, in order to achieve which—it causes individuals and generations to fade away and builds the future upon the framework of an immeasurable past.”
[ 27 ] Eine wunderbar geistgemäße Auffassung der Welt hat der, den Haeckel alle Augenblicke anführt für seine Auffassungsweise! Nachgehen muß man der wissenschaftlichen Entwickelung. Würde das nur ein wenig heute bei denen der Fall sein, die dazu berufen sein wollen, so würde man nicht so furchtbar gegen jene Oberflächlichkeit zu kämpfen haben, die die unzähligen Vorurteile und Irrtümer erzeugt, die als Mißverständnisse dann einem solchen Streben wie der Geisteswissenschaft entgegenstehen.
[ 27 ] The person whom Haeckel constantly cites as an example of his way of thinking has a wonderfully spiritual view of the world! One must keep pace with scientific development. If that were the case even a little today among those who claim to be called to this work, we would not have to struggle so terribly against the superficiality that gives rise to the countless prejudices and errors which, as misunderstandings, then stand in the way of such an endeavor as spiritual science.
[ 28 ] Oder schauen wir uns einmal wirklich einen ehrenwerten Mann an im Weltanschauungsstreben des neunzehnten Jahrhunderts: David Friedrich Strauß, einen ehrenwerten Mann - ehrenwert sind sie ja alle! Er will, nachdem er von anderen Anschauungen ausgegangen ist, zuletzt sich ganz stellen auf den Boden: Das Seelische ist nur ein Produkt des Stofflich-Materiellen. Der Mensch ist ganz und gar aus dem, was der heutige Materialismus Natur nennen will, hervorgegangen. Wenn man vom Wollen spricht, so ist kein wirkliches Wollen vorhanden, sondern da kreisen Gehirnmoleküle irgendwie, und da entsteht dann als Dunst das Wollen. Dabei sagt David Friedrich Strauß: «Im Menschen hat die Natur nicht bloß überhaupt aufwärts, sie hat über sich selbst hinaus gewollt.» Das ist: Die Natur will! Man ist dabei angelangt, um Materialist sein zu können, seine Worte nicht einmal mehr ernst zu nehmen. Man leugnet dem Menschen das Wollen ab, weil der Mensch sein soll wie die Natur, und spricht dann: daß die Natur gewollt hat. Man kann allerdings über solche Sache leicht hinweggehen. Aber wer es ernst nimmt mit dem Weltanschauungsstreben, wird wohl einsehen, daß in solchen Dingen die Quellen unzähliger Verirrungen liegen und daß diese Dinge sich einimpfen dem öffentlichen Bewußtsein. Und aus dem, was dann aus dieser Einimpfung entsteht, entstehen die Mißverständnisse gegenüber wahrer Geisteswissenschaft und wahrer Geistesforschung.
[ 28 ] Or let’s take a look at a truly honorable man in the ideological pursuits of the nineteenth century: David Friedrich Strauss, an honorable man—after all, they’re all honorable! Having started from other perspectives, he ultimately wishes to stand firmly on the ground that the spiritual is merely a product of the physical-material. Human beings have emerged entirely from what contemporary materialism calls “nature.” When one speaks of volition, there is no real volition present; rather, brain molecules are somehow circulating, and from this arises volition as a kind of mist. Yet David Friedrich Strauss says: “In human beings, nature has not merely striven upward in general; it has willed to transcend itself.” That is to say: Nature wills! To be a materialist, one has reached the point of no longer even taking one’s own words seriously. One denies that human beings possess volition because human beings are supposed to be like nature, and then claims that nature itself has willed. One can, of course, easily overlook such matters. But anyone who takes the pursuit of a worldview seriously will surely recognize that in such things lie the sources of countless aberrations and that these ideas take root in the public consciousness. And from what then arises from this taking root come the misunderstandings regarding true spiritual science and true spiritual research.
[ 29 ] Und von der anderen Seite kommen ja diejenigen Einwendungen, die nun die Bekenner dieses oder jenes Religionsbekenntnisses haben, die glauben, ihre Religion sei gefährdet, wenn eine Geisteswissenschaft kommt. Ich muß immer wieder und wiederum betonen: Es sind die Leute ganz derselben Gesinnung, die entgegengetreten sind Kopernikus, Galilei und so weiter mit dem Einwurf, die Religion sei gefährdet, wenn man vorstellen müsse, daß sich die Erde um die Sonne bewegt. Man kann diesen Leuten gegenüber immer nur sagen: Wie kleinmütig seid ihr eigentlich innerhalb eurer Religionen! Wie wenig habt ihr eure Religion erfaßt, wenn ihr sogleich die Furcht habt, daß eure Religion gefährdet sein könne, wenn irgend etwas erforscht wird! Da muß ich immer wieder jenen Theologen erwähnen, der ein guter Theologe und ein gläubiger Anhänger seiner Kirche geblieben ist, mit dem ich befreundet war, der dann in den neunziger Jahren zum Rektor an die Wiener Universität gewählt worden ist und der bei seiner Rektoratsrede, die er über Galilei hielt, sagte: Es gab einmal Menschen — man weiß, innerhalb einer gewissen Religionsgemeinschaft hat es diese Menschen bis zum Jahre 1822 herein gegeben, wo man dann erlaubt hat, an die Kopernikanische Weltanschauung zu glauben! - es hat einmal Menschen gegeben, die da glaubten, daß durch so etwas wie Kopernikanische oder Galileische Weltanschauung die Religionen gefährdet werden können. Heute müssen wir so weit sein, sagte dieser Theologe, dieser gläubige Priester und Anhänger seiner Kirche bis zu seinem Totenbett, daß wir gerade die Religion vertieft finden, verstärkt finden dadurch, daß wir in die Herrlichkeit der Werke des Göttlichen hineinblicken, daß wir sie immer mehr und mehr erkennen lernen. Das war christlich gesprochen!
[ 29 ] And from the other side come the objections raised by those who adhere to this or that religious creed, who believe their religion is endangered by the advent of a spiritual science. I must emphasize again and again: It is people of exactly the same mindset who opposed Copernicus, Galileo, and so on, arguing that religion would be endangered if one had to imagine that the Earth revolves around the Sun. All one can ever say to these people is: How timid you actually are within your own religions! How little you have grasped your religion if you immediately fear that it might be endangered whenever anything is investigated! Here I must mention again and again that theologian—who remained a good theologian and a devout follower of his church, with whom I was friends—who was elected rector of the University of Vienna in the 1890s and who, in his inaugural address, which he delivered on Galileo, said: There were once people—as we know, within a certain religious community such people existed right up until the year 1822, when it was finally permitted to believe in the Copernican worldview!—there were once people who believed that something like the Copernican or Galilean worldview could endanger religions. Today, said this theologian—this devout priest and lifelong follower of his church until his deathbed—we must have reached the point where we find our faith deepened and strengthened precisely by gazing into the glory of the Divine’s works and by learning to recognize them more and more. That was a Christian perspective!
[ 30 ] Aber immer mehr und mehr werden die Menschen auftauchen, die sagen: Ja, diese Geisteswissenschaft sagt dies oder jenes über Christus; das darf man nicht sagen. Den Christus stellen wir uns so und so vor. Man kann dann sogar kommen und diesen Leuten sagen: Was ihr vom Christus behauptet, das lassen wir ja durchaus gelten, gerade so wir ihr es sagt. Wir sehen nur noch etwas mehr. Wir nehmen diesen Christus nicht bloß als ein Wesen, wie ihr es nehmt, sondern als ein Wesen, sogar als kosmisches Wesen, das der Erde Sinn und Bedeutung im ganzen Weltenall gibt. Aber das darf man nicht. Man darf nicht hinausgehen über dasjenige, was gewisse Leute als das Richtige ansehen. Geisteswissenschaft gibt Erkenntnisse. Durch die Erkenntnis der Wahrheit kann man niemals irgendwie etwas begründen wollen, was man eine Religionsschöpfung nennt, trotzdem es immer wieder Toren geben wird, die von Geisteswissenschaft sagen, sie wolle eine neue Religion stiften. Geisteswissenschaft will keine neue Religion stiften. Religionen werden gestiftet auf ganz andere Art. Das Christentum ist gestiftet worden durch seinen Stifter dadurch, daß der Christus Jesus auf der Erde gelebt hat. Und so wenig, wie irgendeine Wissenschaft begründen wird den Dreißigjährigen Krieg, wenn sie ihn erkennt, so wenig wird sie begründen irgend etwas anderes, was in der Wirklichkeit da war. Religionen gründen sich auf Tatsachen, auf Tatsachen, die geschehen sind. Geisteswissenschaft kann nur den Anspruch darauf machen, diese Tatsachen anders zu begreifen, oder vielleicht nicht einmal anders, sondern nur in einem höheren Sinne zu begreifen, als man es ohne die Geisteswissenschaft kann. Aber ebenso wahr ist es, daß dadurch, daß man nun, sei es von einem noch so hohen Standpunkte, den Dreißigjährigen Krieg begreift, man nicht irgendwie etwas begründet in der Welt, was mit dem Dreißigjährigen Krieg zusammenhängt, ebensowenig wird begründet irgendeine Religion durch das, was Geisteswissenschaft erst erfassen soll. Immer ist es die Oberflächlichkeit, die sich auch in den Empfindungen manchmal beschränkt fühlt und die nicht eingehen will auf die Dinge, um die es sich eigentlich handelt. Wenn man auf die Geisteswissenschaft einginge, so würde man erkennen, daß zwar die materialistische Weltanschauung die Menschen leicht abführt von religiösem Empfinden, von religiösem Vertiefen, daß aber Geisteswissenschaft gerade dasjenige im Menschen begründet, was tieferes religiöses Erleben sein kann, aber deshalb begründet, weil sie tiefere Wurzeln der Seele bloßlegt und dadurch den Menschen auch auf eine tiefere Weise zum Erleben dessen hinführt, was äußerlich geschichtlich als Religion hervorgetreten ist. Nicht eine neue Religion wird Geisteswissenschaft stiften. Sie weiß zu gut, daß das Christentum der Erde einmal Sinn gegeben hat. Sie wird nur versuchen, dieses Christentum noch mehr zu vertiefen, als es andere, die nicht auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehen, vertiefen können. Aus dem Materialismus allerdings ist so etwas erfolgt, wie zum Beispiel David Friedrich Strauß gefolgert hat, der den Auferstehungsglauben einen Humbug nennt und dann sagt: Die Auferstehung mußte vorgeschoben werden, denn Christus Jesus hat manche edlen Dinge gesagt, manche Wahrheiten gesagt. Aber wenn man Wahrheiten sagt, meint David Friedrich Strauß, macht man auf die Leute keinen besonderen Eindruck; man muß das mit einem großen Wunder, dem Wunder der Auferstehung, verbrämen. Dadurch wäre alle christliche Entwickelung doch ein Ergebnis eines Humbugs! Das allerdings hat der Materialismus gebracht. Das wird die Geisteswissenschaft nicht bringen! Die Geisteswissenschaft wird gerade dasjenige, was im Auferstehungsgeheimnis lebt, aus ihren Untergrundlagen heraus zu begreifen versuchen, um dasjenige, was der Materialismus einen Humbug genannt hat, in der rechten Weise vor die Menschheit hinzustellen, die nun weitergedrungen ist und es in der alten Weise nicht mehr einsehen kann. Aber hier soll nicht religiöse Propaganda gemacht werden, sondern nur auf die Bedeutung der Geisteswissenschaft und auf Mißverständnisse aufmerksam gemacht werden, die ihr entgegenstehen, und die von einem vermeintlich religiösen Leben herkommen.
[ 30 ] But more and more people will come forward who say: Yes, this spiritual science says this or that about Christ; one must not say that. We imagine Christ to be this way or that way. One can then even go up to these people and say: What you claim about Christ, we certainly accept—exactly as you say it. We just see a little more. We do not regard this Christ merely as a being, as you do, but as a being—indeed, as a cosmic being—who gives the Earth meaning and significance within the entire universe. But one must not do that. One must not go beyond what certain people regard as correct. Spiritual science provides insights. Through the knowledge of the truth, one can never in any way seek to establish what is called a “religious creation,” even though there will always be fools who say that spiritual science aims to found a new religion. Spiritual science does not aim to found a new religion. Religions are founded in an entirely different way. Christianity was founded by its founder through the fact that Jesus Christ lived on Earth. And just as no science will seek to justify the Thirty Years’ War once it recognizes it, so too will it not seek to justify anything else that actually existed. Religions are based on facts—on events that have actually occurred. Spiritual science can only claim to understand these facts differently, or perhaps not even differently, but simply to understand them in a higher sense than is possible without spiritual science. But it is equally true that by understanding the Thirty Years’ War—even from the highest vantage point—one does not in any way justify anything in the world that is connected to the Thirty Years’ War; just as little is any religion justified by what spiritual science is meant to grasp. It is always superficiality that sometimes feels limited even in one’s feelings and refuses to engage with the things that are actually at stake. If one were to engage with spiritual science, one would recognize that, while the materialistic worldview easily leads people away from religious feeling and religious deepening, spiritual science actually establishes within the human being precisely that which can be a deeper religious experience, but does so because it lays bare the deeper roots of the soul and thereby leads people in a deeper way to experience what has emerged historically as religion. Spiritual science will not establish a new religion. It knows all too well that Christianity once gave meaning to the earth. It will merely attempt to deepen this Christianity even further than others—who do not stand on the ground of spiritual science—are able to do. From materialism, however, something of this nature has emerged, as David Friedrich Strauss, for example, concluded when he called the belief in the Resurrection a hoax and then said: The Resurrection had to be contrived, for Christ Jesus spoke many noble things, many truths. But, according to David Friedrich Strauss, simply speaking truths does not make a particular impression on people; one must embellish them with a great miracle—the miracle of the Resurrection. This would mean that all Christian development is, after all, the result of a hoax! That, however, is what materialism has produced. That is not what spiritual science will produce! Spiritual science will attempt to grasp, from its very foundations, precisely that which lives in the mystery of the Resurrection, in order to present to humanity—which has now advanced and can no longer comprehend it in the old way—that which materialism has called a hoax, in the proper light. But the intention here is not to engage in religious propaganda, but merely to draw attention to the significance of spiritual science and to the misunderstandings that stand in its way—misunderstandings that stem from a supposedly religious way of life.
[ 31 ] Heute sind die Menschen noch nicht so weit, daß der Materialismus schon ein schlimmes sittliches Resultat in weiterem Umfange hätte, aber er würde es bald haben, wenn die Menschen nicht dazu kommen können, durch Geisteswissenschaft wiederum in die geistigen selbsttätigen Grundlagen des seelischen Lebens einzudringen. Auch für dasjenige, was die Menschheit als sittliches Leben braucht, wird Geisteswissenschaft etwas bedeuten, was eine Wiedergeburt auf einer höheren Stufe dieses sittlichen Lebens den Menschen geben kann.
[ 31 ] Today, people are not yet at the point where materialism has already produced serious moral consequences on a broad scale, but it would soon do so if people are unable to penetrate, through spiritual science, back into the spiritual, self-acting foundations of soul life. Spiritual science will also play a significant role in providing humanity with what it needs for moral life—something that can offer people a rebirth on a higher level of that moral life.
[ 32 ] Nur im allgemeinen können diese Dinge charakterisiert werden. Die Zeit gestattet es nicht, sie in ausführlicher Weise zu schildern. Ich habe mich bemüht, einige der Mißverständnisse wenigstens zu charakterisieren, die man immer wieder und wiederum findet, wenn Geisteswissenschaft beurteilt wird. Auf dasjenige, was aus der ganzen natürlichen Oberflächlichkeit unserer Zeit herauskommt, möchte ich mich eigentlich nie einlassen, jedenfalls nicht in dem Sinne, um irgend etwas zu widerlegen. Manchmal könnte man sich höchstens in dem Sinne darauf einlassen, daß man ein klein wenig Stoff zum Lächeln oder vielleicht auch Lachen gibt.
[ 32 ] These matters can only be characterized in general terms. Time does not permit a detailed description of them. I have endeavored at least to characterize some of the misunderstandings that arise time and again whenever spiritual science is evaluated. I would really rather never engage with what stems from the overall superficiality of our time—at least not in the sense of refuting anything. At most, one might occasionally engage with it simply to provide a little something to smile or perhaps even laugh at.
[ 33 ] Wie gesagt, auf diejenige Art von Oberflächlichkeit, die sich da heute ausbreitet und die doch in gewissem Sinne tonangebend ist, weil Druckerschwärze auf weißem Papier noch immer eine große Zauberwirkung hat — auf diese Oberflächlichkeit kann man sich nicht einlassen. Aber insofern muß man doch von ihr sprechen, als ja die Einwände, die gemacht werden, wenn sie auch gar nichts be sagen, sich der Öffentlichkeit einimpfen. Und die Mißverständnisse, die dann getragen werden von dem, was aus solchem Einimpfen hervorgeht, sind doch dasjenige, mit dem der heute auf Schritt und Tritt zu kämpfen hat, der es mit so etwas wie Geisteswissenschaft ernst nimmt. Immer wieder begegnet man Einwänden, die nicht etwa entspringen — nun, sagen wir auch da - aus irgendeiner Betätigung der Seele, sondern die eingeimpft sind von der allgemeinen Oberflächlichkeit, die in unserer Zeit waltet und webt. Aber derjenige, der in der Geisteswissenschaft drinnensteht, der weiß, wie ich das oftmals hier ausgeführt habe, daß es mit dieser Geisteswissenschaft so gehen muß und so gehen wird, wie es mit alledem gegangen ist, was sich in gewissem Sinne als ein Neues der Geistesentwickelung der Menschheit einverleiben muß. Von gewisser Seite her hat man eine solche Begegnung zuteil werden lassen der neueren naturwissenschaftlichen Weltanschauung, bis diese mächtig geworden ist und durch äußere Machtfaktoren wirken kann und nicht mehr bloß durch ihre eigene Kraft zu wirken brauchte. Dann kommt die Zeit, wo man, auch ohne daß man von selbst die Seele betätigt, Weltanschauungen erbauen kann auf solchen die Macht besitzenden Faktoren. Ist denn zwischen zwei Dingen ein großer Unterschied? Diejenigen, die heute monistische Weltanschauungen vielfach begründen, dünken sich wunderbar erhaben, großartig erhaben über diejenigen, die vielleicht auf dem Boden einer religiöstheologisch gefärbten Weltanschauung stehen und nach der Ansicht der zuerst Genannten ganz dogmatisch begrenzt sind, nur auf Autorität schwören. Für den, der hineinsieht in die Art und Weise, wie Mißverständnisse entstehen, ist es in bezug auf das, was die Seele des Menschen wirklich erarbeitet, kein größeres Verdienst, ob man auf den Kirchenvater Gregor, Tertullian, Irenaeus oder Augustinus schwört und sie auch als Autorität anschaut, oder ob man den Kirchenvater Darwin, Haeckel, Helmholtz, insofern einem diese wirklich Kirchenväter sind, anschaut und auf sie schwört. Nicht darauf kommt es zunächst an, ob man auf den einen oder anderen schwört, sondern darauf kommt es an, wie man selbst drinnen steht in dem Erarbeiten einer Weltanschauung. Und in einem höheren Sinne, in einem viel höheren Sinne als das der bloße abstrakte Idealismus konnte, wird für die Geisteswissenschaft gelten: Erst wird ihr überall mit Mißverstehen und Irrtümern begegnet; dann aber wird das, was zuerst als Phantastik, als Träumerei erschien, eine Selbstverständlichkeit. So ist es mit dem Kopernikanismus, so mit dem Keplerismus gegangen, — so geht es mit alledem, was sich der geistigen Entwickelung der Menschheit einverleiben soll. Zuerst ist es ein Unsinn, dann wird es eine Selbstverständlichkeit. So ergeht es auch Geisteswissenschaft.
[ 33 ] As I said, one cannot give in to the kind of superficiality that is spreading today and that, in a certain sense, sets the tone—because ink on white paper still exerts a powerful magical effect—one cannot give in to this superficiality. But one must nevertheless speak of it, insofar as the objections that are raised—even if they mean absolutely nothing—take root in the public consciousness. And the misunderstandings that arise from this indoctrination are precisely what anyone who takes something like spiritual science seriously must contend with at every turn today. Time and again one encounters objections that do not arise—well, let’s say here as well—from any activity of the soul, but are instilled by the general superficiality that prevails and permeates our time. But those who are deeply immersed in spiritual science know—as I have often explained here—that this spiritual science must and will develop in the same way as everything else that, in a certain sense, must be incorporated as something new into the spiritual development of humanity. From a certain perspective, such an encounter has been granted to the newer scientific worldview until it has become powerful and can act through external factors of power, no longer needing to act solely through its own strength. Then comes the time when one can build worldviews upon such powerful factors, even without actively engaging the soul oneself. Is there really such a great difference between these two things? Those who today frequently advocate monistic worldviews consider themselves wonderfully exalted, magnificently superior to those who perhaps stand on the ground of a religiously and theologically colored worldview and, in the view of the former, are entirely dogmatically limited, swearing only by authority. For anyone who looks closely at how misunderstandings arise, there is no greater merit—in terms of what the human soul truly achieves—in swearing by the Church Fathers Gregory, Tertullian, Irenaeus, or Augustine—and regard them as authorities—or whether one regards the “Church Fathers” Darwin, Haeckel, and Helmholtz—insofar as they truly are “Church Fathers”—and swears by them. What matters first and foremost is not whether one swears by one or the other, but rather how one stands within the process of developing a worldview. And in a higher sense—in a much higher sense than mere abstract idealism could ever achieve—the following will hold true for spiritual science: At first, it will be met everywhere with misunderstanding and error; but then what at first appeared as fantasy or daydreaming will become a matter of course. This is how it was with Copernicanism, with Keplerianism—and this is how it is with everything that is to become part of humanity’s spiritual development. At first it is nonsense; then it becomes a matter of course. This is also the fate of spiritual science.
[ 34 ] Aber diese Geisteswissenschaft, sie hat der Menschheit — wie aus alledem, was ich in anderen Vorträgen sagte, und wohl auch aus dem heutigen wiederum hervorgehen kann — etwas Gewichtiges zu sagen. Sie hat der Menschheit dasjenige zu sagen, was hinweist auf jenes lebendig Wesenhafte, das den Menschen erst dadurch zum Menschen macht, daß es sich ihm nicht der passiven Betrachtung darbietet, nicht sich ihm von außen offenbart, sondern daß er es selber lebendig ergreifen muß, daß er sein Dasein nur durch seine Mittätigkeit erkennen kann. Überwunden wird werden müssen die Schwäche, welche alles für Phantastik ansieht, dessen Sein nicht im passiven Sich-hingeben, sondern nur im tätigen innerlichen Mitarbeiten mit dem Weltenganzen erfaßt werden kann. Dann wird der Mensch erst wissen, was er ist und was seine Bestimmung ist, wenn er einsehen wird, daß die Erkenntnis davon ihm nur werden kann, wenn sie eine tätige Erkenntnis wird. Der Geist hat schon seine Kraft, sich durchzuringen, und er wird sich durchringen gegen alle in dem heute gemeinten Sinne berechtigten Mißverständnisse, auch um so mehr gegen diejenigen, die aus der Oberflächlichkeit der Zeit heraus kommen. Denn es ist ein schöner Ausspruch, welchen Goethe im Einklang getan haben will, wie er selber sagt, mit einem alten Weisen:
[ 34 ] But this spiritual science has something of great significance to say to humanity—as can be seen from everything I have said in other lectures, and no doubt also from today’s lecture. It has something to say to humanity that points to that living, essential reality which makes a person human only insofar as it does not present itself to him for passive contemplation, does not reveal itself to him from the outside, but rather requires him to grasp it vividly for himself, so that he can recognize its existence only through his own active participation. We must overcome the weakness that regards as mere fantasy everything whose essence cannot be grasped through passive surrender, but only through active, inner cooperation with the whole of the world. Only then will human beings know what they are and what their destiny is, when they realize that knowledge of this can come to them only if it becomes an active form of knowledge. The spirit already possesses the strength to prevail, and it will prevail against all misunderstandings—justified in the sense commonly understood today—and all the more so against those arising from the superficiality of the times. For there is a beautiful saying that Goethe claims to have composed in harmony, as he himself says, with an ancient sage:
Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Läg’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?
If the eye were not like the sun,
How could we see the light?
If God’s own power did not dwell within us,
How could the divine delight us?
[ 35 ] Das göttlich-geistig Wesenhafte, das durch die Welt webt und west und lebt, es ist dasjenige, aus dem wir urständen, hervorgegangen sind. Auch unser Materielles ist aus dem Geistigen geboren. Und nur, weil es schon geboren ist und der Mensch es nicht in eigener Tätigkeit noch zu erzeugen braucht, glaubt der Mensch, wenn er Materialist ist, heute einseitig daran. Das Geistige, das muß in lebendiger Tätigkeit erfaßt werden. Da muß sich das Göttlich-Geistige erst einweben, da muß die geistige Sonne ihre Organe erst im Menschen schaffen, So könnte man den Goetheschen Ausspruch verändern, indem man sagt: Wird nicht das innere Auge geistessonnenhaft, — es kann niemals das Licht, das das Wesen des Menschen ist, erblicken. Kann sich die menschliche Seele — so wollen wir die heutige Betrachtung abschließen — nicht einen mit demjenigen, aus dem heraus sie ist von Ewigkeit zu Ewigkeit, mit dem Göttlich-Geistigen, das mit ihrer eigenen Wesenheit eine Wesenheit ist, dann wird ihr nicht aufgehen können der Lichtblick hinein in das Geistige, dann wird ihr das geistige Auge nicht entstehen können, dann wird sie Göttliches im geistigen Sinne niemals entzücken können, dann wird die Welt für die menschliche Erkenntnis leer und öde sein. Denn nur dasjenige können wir finden in der Welt, wozu wir uns die Organe schaffen.
[ 35 ] The divine-spiritual essence that weaves, flows, and lives through the world is that from which we originated, from which we emerged. Our material nature, too, is born of the spiritual. And only because it has already been born—and because human beings do not need to create it through their own activity—do materialists today believe in it in a one-sided way. The spiritual must be grasped in living activity. The divine-spiritual must first weave itself into existence; the spiritual sun must first create its organs within the human being. Thus one could adapt Goethe’s saying by stating: Unless the inner eye becomes like the spiritual sun, it can never behold the light that is the very essence of the human being. If the human soul—let us conclude today’s reflection with this—cannot unite itself with that from which it springs from eternity to eternity, with the divine-spiritual, which is one essence with its own being, then the glimmer of light into the spiritual will not dawn upon it; then the spiritual eye will not be able to arise within it, then it will never be able to find delight in the Divine in the spiritual sense, and then the world will be empty and desolate for human knowledge. For we can find in the world only that for which we create the organs.
[ 36 ] Wär’ nicht das äußere physische Auge sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken? Wird nicht das innere Auge geistessonnenhaft, nimmermehr können wir das Geisteslicht der menschlichen Wesenheit erblicken. Wird nicht des Menschen eigene innere Tätigkeit wirklich geistiggöttlich selber, — wirklich, nimmermehr kann durch des Menschen Seele pulsieren dasjenige, was ihn erst zum wahren Menschen macht: der die Welt durchlebende, durchwebende und durchwirkende und in ihm zum Menschenbewußtsein, wenn auch nicht zum Gottesbewußstsein, kommende Geist der Welt.
[ 36 ] If the outer, physical eye were not like the sun, how could we perceive the light? If the inner eye does not become like the sun of the spirit, we will never be able to perceive the spiritual light of the human being. Unless a person’s own inner activity truly becomes spiritual-divine in itself—truly—then what makes a person a true human being can never pulse through their soul: the Spirit of the world that lives through, weaves through, and permeates the world, and which becomes human consciousness within them, even if not divine consciousness.
[ 37 ] Ich werde dann am 23. und 24. März hier noch sprechen, anknüpfend an die tragische Weltanschauung Nietzsches mit Wagner und über einige intimere, genauere Wahrheiten, welche die menschliche Seele dahin führen können, daß sie wirklich durchbricht die Sinneswelt und ins lebendige Geistesleben hineinkommt. Ich werde dann über diesen Weg der menschlichen Seele in die geistige Welt noch genauer sprechen, als es bisher hat geschehen können.
[ 37 ] I will then speak here again on March 23 and 24, building on Nietzsche’s tragic worldview in connection with Wagner and discussing some more intimate, precise truths that can lead the human soul to truly break through the sensory world and enter into a living spiritual life. I will then speak even more precisely about this path of the human soul into the spiritual world than has been possible so far.
