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Mind and Matter
Life and Death
GA 66

15 February 1917, Berlin

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Mind and Matter. Life and Death, tr. SOL
  1. Geist und Stoff. Leben und Tod

1. Geist und Stoff, Leben und Tod

1. Mind and Matter. Life and Death

[ 1 ] Der Untertitel des heutigen Vortrages bezieht sich hauptsächlich auf die Wahl seines Gegenstandes. In einer Zeit, in der wir von solchem Ernst umgeben sind, in einer Zeit, die so vieles von dem, was die Zukunft der Menschheit bringen muß, in ihrem Schoße trägt, schien mir das Richtige zu sein, die Vortragsreihe dieses Winters damit zu beginnen, die Betrachtung hinzulenken auf große Fragen der menschlichen Seele, ihres Wesens, ihres Schicksals, auf diejenigen Quellen in der menschlichen Seele, wo ihre stärksten inneren Kräfte liegen. Und das, was dem heutigen Vortrage zugrunde gelegt werden soll: eine Betrachtung im geisteswissenschaftlichen Sinne über Geist und Stoff, Leben und Tod - gehört zweifellos zu dem, wovon schon der große griechische Philosoph Plato sagte, daß ohne seine Erforschung das Leben für den Menschen eigentlich nicht wertvoll sei.

[ 1 ] The subtitle of today’s lecture refers primarily to the choice of its subject matter. At a time when we are surrounded by such gravity, at a time that holds within its bosom so much of what the future of humanity must bring, it seemed right to me to to begin this winter’s lecture series by directing our attention to the great questions of the human soul—its nature, its destiny—and to those sources within the human soul where its strongest inner forces lie. And what will form the basis of today’s lecture—a spiritual scientific reflection on spirit and matter, life and death—undoubtedly belongs to that which the great Greek philosopher Plato already said: that without its exploration, life is not truly valuable for human beings.

[ 2 ] Ich möchte ausgehen davon, Ihren Blick zunächst zu lenken auf einige Geister, die im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Zeit herein nach einer Lösung gerade derjenigen Rätsel, die uns heute beschäftigen sollen, gerungen haben aus der ganzen naturwissenschaftlichen Erkenntnis des 19. Jahrhunderts heraus, die gerungen haben aus alledem, was das tiefste Denken der neueren Zeit der Seele als Stütze gab, um zu einer Anschauung zu kommen über das Verhältnis, in dem der Mensch als Geist zum Stoffe steht, über das Verhältnis, in dem der Mensch steht als der im physischen Leben Seiendezu dem Rätsel des Todes. Denn Fragen wie die nach Stoff und Geist, sie haben zu allen Zeiten je nach den entsprechenden Erkenntnissen dieser Zeiten die Menschen in der verschiedensten Weise berührt. Und man kommt eigentlich solchen Fragen nicht nahe, wenn man nur im allgemeinen über sie redet, sondern nur, wenn man den Geistesblick wirft auf die ringende Menschenseele. Denn dann tritt einem erst so recht vor die Seele die Bedeutung, die die Erforschung dieser Dinge für das unmittelbare Leben des Tages, für das ganze tiefere Schicksal des Menschen hat. Und da möchte ich denn zunächst Ihren Blick lenken auf einen Geist, der, obwohl er bereits in den achtziger Jahren verstorben ist, in seiner Anschauungsweise und in seinem Ringen noch unmittelbar wie aus unserer Gegenwart heraus spricht, einen Geist, der durch die eigentümliche Artung seiner Seele in intensivster Weise zu den in Rede stehenden Fragen getrieben worden ist, indem sein Denken geradezu ein Ringen war mit dem, was die so bewundernswürdige Naturwissenschaft über die stofflichen Vorgänge zu sagen hat, ein Ringen im Hinblick darauf, wie der Geist, in dem der Mensch als Seele sich verankert weiß, sich in ein Verhältnis zu setzen hat zu dem, was ihn als stoffliche Vorgänge umgibt. Ihren Blick möchte ich lenken auf Gustav Theodor Fechner, der im Grunde die ganze Bildung des 19. Jahrhunderts in seiner empfänglichen Seele mit durchgerungen hat; der bis in die achtziger Jahre in Leipzig Professor war; der mitgearbeitet hat an den Erkenntnisfragen des 19. Jahrhunderts in der umfassendsten Weise. Doch soll das uns heute nicht beschäftigen. Beschäftigen soll uns vielmehr eine Situation seines Lebens, die er selbst in einer wunderbar zarten Weise gleich im Anfang desjenigen Buches schildert, das so manche Tiefen des Strebens der neueren Zeit enthält-über die Tages- und Nachtansicht der menschlichen Weltanschauung. Er schildert, wie er, da seine Augen bereits an Sehkraft abgenommen hatten, sich eines Tages, um sich zu erholen, auf eine Bank hinsetzte im Rosental in Leipzig, wie er vor sich hatte einen Heckenzaun, der ein Loch, einen Ausschnitt hatte, durch den er gerade auf eine Wiese sehen konnte. Er konnte das Grün der Wiese sehen so erzählt er —, und sein Auge, sein schwaches Auge erlabte sich an dem Grün der Wiese, Er konnte die mancherlei bunten Blumen sehen, hervorragend aus dem Grün, die Schmetterlinge in allen Farben, die sich über dem Grün und der Blumenpracht tummelten: er konnte ein Morgenkonzert hören. Und er, der sinnige Gelehrte, konnte nicht umhin, die Gedanken spielen zu lassen innerhalb dieser Wahrnehmungen, Gedanken, die befruchtet waren aus der ganzen naturwissenschaftlichen Bildung seiner Zeit.

[ 2 ] I would like to begin by directing your attention to a few thinkers who, throughout the 19th century and up to the present day, have struggled to find a solution to precisely those mysteries that are to occupy us today, —drawing upon the entire body of scientific knowledge of the 19th century, drawing upon everything that the deepest thought of modern times has offered the soul as a foundation—in order to arrive at an understanding of the relationship between human beings as spirit and matter, and of the relationship between human beings—as beings existing in physical life—and the mystery of death. For questions such as those concerning matter and spirit have, at all times and in accordance with the corresponding insights of those eras, affected people in the most diverse ways. And one does not truly come close to such questions by merely speaking about them in general terms, but only by casting the spiritual gaze upon the struggling human soul. For only then does the significance of exploring these matters—for our immediate daily life and for the whole deeper destiny of the human being—truly come to the fore in one’s soul. And so I would like to direct your attention first to a spirit who, although he passed away in the 1880s, still speaks directly to us from the present with his outlook and his struggles—a spirit who, through the unique nature of his soul, was driven in the most intense way toward the questions at hand, in that his thinking was nothing less than a struggle with what the admirable natural sciences have to say about material processes—a struggle concerning how the spirit, in which the human being knows itself to be anchored as a soul, must relate to what surrounds it as material processes. I would like to direct your attention to Gustav Theodor Fechner, who, in essence, grappled with the entire intellectual landscape of the 19th century within his receptive soul; who served as a professor in Leipzig until the 1880s; and who contributed to the epistemological questions of the 19th century in the most comprehensive way. But that is not what concerns us today. Rather, we should focus on a situation in his life that he himself describes in a wonderfully tender way right at the beginning of that book, which contains so many of the depths of modern striving—On the Day and Night View of the Human Worldview. He describes how, as his eyesight had already begun to fail, he sat down one day on a bench in Leipzig’s Rosental to rest; how he had before him a hedge with a gap, an opening, through which he could see straight out onto a meadow. He could see the green of the meadow, he recounts—and his eye, his weak eye, found solace in the green of the meadow; he could see the various colorful flowers standing out against the green, the butterflies in every color flitting above the green and the splendor of the flowers: he could hear a morning concert. And he, the insightful scholar, could not help but let his thoughts wander within these perceptions—thoughts that were enriched by the full scientific education of his time.

[ 3 ] Nun muß man, um zu den bezeichnenden Gedanken dieses sinnigen Geistes den Zugang zu gewinnen, ein wenig sich vor Augen treten lassen, was aus dem naturwissenschaftlichen Denken der Zeit heraus Gustav Theodor Fechner besonders nahelag, was ihn auf besondere Art dazu gebracht hatte, gerade in einer solchen Lebenslage mit dem Rätsel des Stoffes innerlich-seelisch zu ringen. Ich habe ja öfter aufmerksam gemacht auf diejenige WeltanschauungsRichtung des 19. Jahrhunderts, die ich in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» als die Weltanschauung des Illusionismus bezeichnet habe. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie gewisse Erwägungen der Physiologie, der Erkenntnistheorie, gewisse Arten, sich zu den naturwissenschaftlichen Erscheinungen zu stellen, gerade die hervorragendsten Denker des 19. Jahrhunderts dazu gebracht haben, sich zu sagen: Dasjenige, was der Mensch als die Farbenwelt, die ihn umgibt, als die Töne, die ihn umgeben, wahrnimmt, das ist eigentlich nicht in der Außenwelt. In der Außenwelt sind schwingende, sich bewegende, in einer gewissen Weise zueinander im Verhältnis stehende Atome, Moleküle, rein räumliche Wesenheiten, die in der Zeit sich bewegen. So daß ja schon Schopenhauer und andere dazu kamen, zu sagen: Die farbenbunte Welt um uns herum, die tönende Welt um uns herum, sie ist eigentlich nur so lange da, als ein menschliches Auge sich öffnen kann, sie wahrzunehmen, ein menschliches Ohr sie hören kann. An sich, wenn dieser Außenwelt nicht gegenübersteht ein menschliches Auge, ein menschliches Ohr, ist diese Außenwelt finster und stumm, Bewegung finster-farbloser, lichtloser, tonloser Wesenheiten. Man war, ich möchte sagen, dazu gekommen, hereinzunehmen in das menschliche Ich, in die menschliche Seele alles das, was den Menschen erfreut, was ihn erhebt, was ihn umgibt in der Welt um ihn herum, und dieser Welt draußen nur die stumme und finstere Ursache des reinen Stoffes zu lassen. Ein solcher Geist wie Fechner nimmt eine solche Anschauung nicht bloß auf wie eine Theorie, sondern er nimmt sie auf im Hinblicke auf die Frage: Wie läßt sich mit einer solchen Anschauung leben? Wie vermag die Seele sich, wenn sie sich auf eine solche Anschauung stellen muß, in ein Verhältnis zur Welt zu bringen? — Und deshalb sagte sich Fechner in der Lage, in der er da war während seines Erholungssitzens auf der Bank am Heckenzaun: Da schaue ich durch diese Offnung im Heckenzaun. Ich glaube das Grün der Wiese, die buntspielenden Farben der Schmetterlinge wahrzunehmen. Das alles aber lügt mir nur der farblose, lichtlose Stoff vor. Ich glaube die Töne des Morgenkonzertes zu hören; sie sind nicht draußen, sie ertönen erst, wenn die Schwingungen der Luft, die von den Instrumenten, den Geigen und Flöten hervorgerufen werden, auf mein Ohr wirken. Da draußen ist alles tonlos, alles finster und stumm. Und in Wahrheit müßte man sich bewußt sein, daß man, indem man hinausblickt in die Welt des Stoffes, in eine tonlose, in eine finstere Welt blickt. - Diese Ansicht von der Welt des Stoffes nannte Fechner die «Nachtansicht». Und er wies wiederholt darauf hin, daß alles dasjenige, was die durchaus nicht anzufechtende, sondern bewundernswerte Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts zutage gefördert hat, mit Notwendigkeit zu dieser Nachtansicht geführt hat. Und dieser feinsinnige Geist wußte sich keineswegs alleinstehend in der Anschauung: «Wenn du da hinaussiehst, so siehst du in ewige Nacht hinaus!», sondern er sagte — und ich möchte Ihnen da seine eigenen Worte vorlesen:

[ 3 ] Now, in order to gain access to the characteristic thoughts of this perceptive mind, one must consider to some extent what, based on the scientific thinking of the time, was particularly close to Gustav Theodor Fechner’s heart—what had led him, in a unique way, to wrestle inwardly and spiritually with the enigma of matter precisely in such a situation in life. I have, in fact, often drawn attention to that 19th-century philosophical current which I described in my book The Riddles of Philosophy as the worldview of illusionism. I have pointed out how certain considerations in physiology and epistemology, as well as certain approaches to scientific phenomena, led even the most outstanding thinkers of the 19th century to conclude: What human beings perceive as the world of colors surrounding them, and as the sounds surrounding them, does not actually exist in the external world. In the external world there are vibrating, moving atoms and molecules—purely spatial entities that are related to one another in a certain way and move through time. Thus, Schopenhauer and others had already come to say: The colorful world around us, the world of sound around us—it actually exists only as long as a human eye can open to perceive it and a human ear can hear it. In and of itself, when this external world is not confronted by a human eye or a human ear, it is dark and silent—a movement of dark, colorless, lightless, and soundless entities. People had, I would say, come to incorporate into the human self, into the human soul, everything that delights a person, that uplifts them, that surrounds them in the world around them, and to leave to this outside world only the silent and dark cause of pure matter. A mind like Fechner’s does not merely accept such a view as a theory, but rather considers it in light of the question: How can one live with such a view? How can the soul, when it must adopt such a view, establish a relationship with the world? — And that is why Fechner said to himself, in the situation he found himself in during his restful sitting on the bench by the hedge: “There I am looking through this opening in the hedge. I think I perceive the green of the meadow, the play of colors from the butterflies. But all of this is merely an illusion conjured up for me by the colorless, lightless matter. I think I hear the sounds of the morning concert; they are not out there; they only sound when the vibrations of the air, produced by the instruments—the violins and flutes—reach my ear. Out there, everything is soundless, everything is dark and silent. And in truth, one must be aware that, by looking out into the world of matter, one is looking into a soundless, dark world. - Fechner called this view of the material world the “night view.” And he repeatedly pointed out that everything brought to light by the 19th-century natural science—which is by no means to be disputed, but rather admirable—necessarily led to this night view. And this subtle mind knew full well that he was by no means alone in this view: “When you look out there, you look out into eternal night!” But he said—and I would like to read his own words to you here:

[ 4 ] «Sind es doch die Gedanken der ganzen denkenden Welt um mich.»

[ 4 ] “After all, they are the thoughts of the entire thinking world surrounding me.”

[ 5 ] «Wie sehr und um was sie zanken mag, darin reichen sich Philosophen und Physiker, Materialisten und Idealisten, Darwinianer und Antidarwinianer, Orthodoxe und Rationalisten die Hände. Es ist nicht ein Baustein, sondern ein Grundstein der heutigen Weltansicht. . .»

[ 5 ] “No matter how much or about what they may quarrel, philosophers and physicists, materialists and idealists, Darwinists and anti-Darwinists, orthodox thinkers and rationalists all agree on this point. It is not a building block, but a cornerstone of today’s worldview. . .”

[ 6 ] Und nun sagt sich Fechner weiter: Also erst wenn an den Eiweißknäuel — so drückt er sich aus — des menschlichen Gehirns dieser stumme, finstere Stoff heranschlägt, dann entwickelt sich durch das, was im Gehirn sich abspielt, die farbenbunte, prächtige Welt; dann entwickelt sich erst die «Tagesansicht», die aber unter dem Einfluß dieser Voraussetzungen im Grunde zu einer großen Illusion für die Menschheit wird. Fechner fand durchaus niemals, daß man, weil sie zu dieser Nachtansicht als einem Durchgangspunkte des Weltanschauungsstrebens geführt hat, die naturwissenschaftliche Entwickelung bekämpfen müsse. Er, der selber ein feinsinniger Naturforscher war, unterschätzte gewiß die Bedeutung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht, aber er richtete den geistigen Blick auf eine Menschheitszukunft, die er, wie man glauben darf, in naher Ferne vermutete, und von der er meinte, daß jene Nachtansicht wiederum weichen und eine andere, vergeistigte Anschauung an ihre Stelle treten müsse, die in der Lage sei, nicht in so abfälliger Weise dem zu widersprechen, was der gesunde Menschenverstand annimmt, sondern die aufbaut auf alledem, was uns in der zunächst von dem naiven Menschen «wirklich» genannten Welt umgibt, aber aufsteigt von dem zu einer Welt, in der sich die Seele als Geist wissen muß, wenn ste sich nicht selber in eine wesenlose Hingabe an den Stoff verlieren will. Und so sagt Fechner, aufblickend von dieser Gegenwart in eine Zukunft, die er vorausahnt:

[ 6 ] And now Fechner goes on to say: Only when this silent, dark substance strikes the “clump of proteins”—as he puts it—of the human brain does the colorful, magnificent world develop through what takes place within the brain; only then does the “daytime view” emerge—which, however, under the influence of these conditions, essentially becomes a great illusion for humanity. Fechner certainly never believed that, simply because scientific development had led to this “nighttime view” as a transitional stage in the quest for a worldview, one should oppose scientific progress. He, who was himself a subtle natural scientist, certainly did not underestimate the significance of scientific findings, but he directed his spiritual gaze toward a future for humanity that he—as one may believe—suspected lay in the near distance, and of which he believed that this “night view” would in turn give way to another, spiritualized perspective capable of not to contradict in such a dismissive manner what common sense assumes, but one that builds upon all that surrounds us in the world initially called “real” by the naive person, yet rises from that to a world in which the soul must know itself as spirit if it does not wish to lose itself in an insubstantial surrender to matter. And so Fechner says, looking up from the present toward a future he foresees:

[ 7 ] «In der Tat ist mein Glaube, daß, so sicher als auf die Nacht der Tag, auf jene Nachtansicht der Welt dereinst eine Tagesansicht folgen wird, die, statt sich in Widerspruch mit der natürlichen Ansicht der Dinge zu stellen, vielmehr damit unterbauen, und darin den Grund zu einer neuen Entwickelung finden wird. Denn, schwindet jene Illusion, welche den Tag in Nacht verkehrt, so wird natürlicherweise alles Verkehrte, was damit zusammenhängt, und es ist viel, mit schwinden müssen, und die Welt in neuem Zusammenhange, in neuem Lichte, unter neuen positiven Gesichtspunkten erscheinen.»

[ 7 ] “Indeed, it is my belief that, as surely as night follows day, that nocturnal view of the world will one day be followed by a diurnal view which, rather than contradicting the natural view of things, will instead reinforce it and find in it the foundation for a new development. For when that illusion which turns day into night fades away, everything that is wrong and connected with it—and there is much of it—will naturally have to fade away as well, and the world will appear in a new context, in a new light, and from new positive perspectives.”

[ 8 ] Fechner hat dann selber versucht, aus der Welt, auf die, wie er meint, die Tagesansicht gerichtet ist, aufzusteigen zu einer Welt, in der sich die Seele als Geist erkennen kann. Aber man muß sagen, insbesondere wenn man die Voraussetzungen der Geisteswissenschaft zu den seinigen macht, daß ihm nicht mehr gelungen ist, als aus den Begriffen und Vorstellungen heraus, die er sich über die gewöhnliche Welt und aus der gewöhnlichen Wissenschaft machte, zu gewissen, man möchte sagen, Vermutungen, vermutungsweisen Ideen und Vorstellungen über eine geistige Welt zu kommen. Wenn man gelehrt sprechen möchte, so könnte man sagen: Er versuchte, sich die geistige Welt nach Analogien zu denken. Die Erde mit ihrer Lufthülle wurde ihm zu einem großen Organismus; das Laufen der Sonnenstrahlen wurde ihm zu einem Analogon für die Nervenwirkungen; das ganze Sternensystem der Sonne wurde ihm wiederum ein großer Organismus, der ebenso wie der menschliche Organismus Seele in sich hat. Aber alle diese Vorstellungen über eine geistige Welt baut sich Fechner auf den Vorstellungen des Alltags, den Vorstellungen der auf die äußere stoffliche Welt gerichteten Wissenschaft auf. Man kann sagen: Nur sein dem Geistigen zugewandtes Grundgefühl der Seele zwang ihn, derlei Annahmen zu machen, nicht stehenzubleiben bei der Welt des Stoffes, sondern sich zu erheben zu einer von ihm hypothetisch konstruierten geistigen Welt.

[ 8 ] Fechner then attempted on his own to rise from the world—toward which, as he believes, everyday perception is directed—to a world in which the soul can recognize itself as spirit. But it must be said—especially if one adopts the premises of spiritual science as one’s own—that he succeeded in nothing more than arriving, based on the concepts and ideas he formed about the ordinary world and from ordinary science, at certain—one might say—conjectures, conjectural ideas, and notions about a spiritual world. To put it in scholarly terms, one might say: He attempted to conceive of the spiritual world through analogies. The Earth, with its atmosphere, became for him a great organism; the path of the sun’s rays became for him an analogy for nervous processes; the entire solar system, in turn, became for him a great organism that, just like the human organism, possesses a soul within itself. But Fechner builds all these conceptions of a spiritual world upon the ideas of everyday life and the concepts of science, which are directed toward the external material world. One might say: Only his soul’s fundamental inclination toward the spiritual compelled him to make such assumptions—not to remain confined to the material world, but to rise to a spiritual world that he hypothetically constructed.

[ 9 ] Wenn man sich nun frägt: Auf welchem Punkte stand dieser sinnige Geist, der in seiner eigenen Entwickelung die Entwickelung der geistigen Bildung des 19. Jahrhunderts in besonderer Art widerspiegelte?, so kann man sagen: Er stand gerade am Ausgangspunkte zu dem, was für ihn vermutungsweise, nun aber, nachdem wiederum eine Reihe von Jahren seit seinem Wirken verflossen ist, mit größerer Gewißheit gerade aus der naturwissenschaftlichen Weltauffassung hervorgehen kann, er stand vor dem Tore desjenigen, was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist. — Diese Geisteswissenschaft muß ausgehen von dem, bis zu dem die äußere, auf den Stoff gerichtete Wissenschaft in der Regel kommt. Von dem Punkte muß sie ausgehen, diese Geisteswissenschaft, bis zum dem auch das gewöhnliche alltägliche Leben vordringt. Diese Wissenschaft und dieses Leben dringen vor bis zu den Vorstellungen, Begriffen und Ideen, die sich der Mensch über die Außenwelt machen kann. Festgehalten, wenigstens wie festgehalten wurde Fechner an dem tonlosen und finsteren Stoffe, der sich ihm in der Vorstellung aufgedrängt hatte; festgehalten an dieser Nachtansicht, aber hinstrebend zur Tagesansicht. Diese Tagesansicht aber, sie kann nicht gewonnen werden, wenn nicht gerade scharf ins Seelenauge gefaßt wird, wohin die äußere Wissenschaft, das gewöhnliche Leben des Tages kommt wie zu einem Schlußpunkte — wenn nicht scharf ins Auge gefaßt wird das, was man das menschliche Denken und das menschliche Vorstellen nennt. Gerade dort, wo die gewöhnliche Wissenschaft aufhört, muß Geisteswissenschaft ihren Anfang nehmen. Daher muß sie sich auseinandersetzen mit der Frage: Was ist denn eigentlich seinem Wesen nach dieses Denken, das in uns lebt, das uns treibt, uns über alle Erscheinungen, über alle Eindrücke der äußeren Welt, seien es freudvolle oder leidvolle, seien es mehr oder weniger gleichgültige, oder die großen Schicksalsfragen enthaltend, Vorstellungen zu machen?

[ 9 ] If one now asks: At what point did this insightful mind stand, a mind that, in its own development, reflected the development of 19th-century intellectual thought in a unique way? Then one might say: He stood precisely at the starting point of what, for him, was presumably—but now, after another series of years has passed since his work—can emerge with greater certainty precisely from the natural-scientific worldview; he stood at the threshold of what is meant here by spiritual science. — This spiritual science must begin where external, matter-oriented science generally ends. It must begin at the point to which ordinary, everyday life also extends. This science and this life extend to the concepts, notions, and ideas that human beings can form about the external world. Fechner was held fast—or at least was held fast—by the toneless and gloomy material that had imposed itself upon his imagination; held fast by this nocturnal view, yet striving toward the diurnal view. This view of daylight, however, cannot be attained unless one focuses sharply with the eye of the soul on the point where external science and ordinary daily life come to an end—unless one focuses sharply on what is called human thinking and human imagination. It is precisely where ordinary science ends that spiritual science must begin. Therefore, it must grapple with the question: What, in its very essence, is this thinking that lives within us, that drives us to form concepts about all phenomena, about all impressions of the external world—whether joyful or painful, whether more or less indifferent, or involving the great questions of destiny?

[ 10 ] Man kommt zu einer Beantwortung dieser Frage nur, wenn man in jener Ruhe, welche dem heutigen wissenschaftlichen Leben so oftmals nicht gegeben ist, und in der inneren Kraft der geistigen Entfaltung des Seelenlebens versucht, sich dem Denken gegenüberzustellen. Dann kommt man zu jener Anschauung dieses Denkens, die da sagt: Dieses Denken selber, in dem sich geistig die äußere Welt spiegelt, ist nicht mehr irgend etwas, das an den Stoff gebunden ist.

[ 10 ] One can only arrive at an answer to this question by attempting to confront thought with the calm—which is so often lacking in today’s scientific life—and with the inner strength derived from the spiritual unfolding of the soul’s life. Then one arrives at that view of thinking which states: This thinking itself, in which the external world is spiritually reflected, is no longer something bound to matter.

[ 11 ] Ich weiß: indem dieser Satz ausgesprochen wird, stößt er sogleich an unzählige Vorurteile unserer Zeit. Ich würde viele Stunden brauchen, wenn ich alle Einzelheiten hier anführen wollte, welche es völlig erhärten, daß, indem wir denken, wir nicht mehr weben im Stoffe, sondern uns bereits mit unserer Seele herausgehoben haben aus dem stofflichen Wirken, in dem die Seele ja dadurch steht, daß sie für ihre alltägliche Betätigung den physischen Leib als ihr Werkzeug zu benützen hat. Es gehört zu den schwerwiegendsten Vorurteilen der neueren Weltanschauung, daß man die geistige Natur des Denkens selbst nicht erkennt, indem man dieses Denken geistig ins Auge faßt. Wer nicht nur in flüchtigem Rückblick auf den Erkenntnisakt, auf das Denken hinschaut, sondern sich in die Lage versetzt, gewissermaßen von dem Denkakt zurückzutreten, aber so, daß das Denken, das er im Erkennen pflegt, wie eine Art Erinnerungsvorstellung so, daß sie genau beobachtet werden kann, vor der Seele steht; wer also nicht verharrt im Denken, wo man es nicht erkennen kann, sondern wer gewissermaßen vom Denken zurücktritt, der erkennt, daß er, indem er denkt, so in diesem Denken lebt, wie-um diesen Vergleich, den ich hier schon öfter brauchte, noch einmal zu brauchen — man in sich lebt, wenn man vor einer Spiegelfläche steht. Die spiegelnde Fläche gibt einem ein Bild des eigenen Wesens zurück, man weiß) aber ganz genau: Dieses eigene Wesen ist nicht im Spiegel drinnen, der Spiegel ist nur die Veranlassung, daß es mir zurückgeworfen wird. Indem ich mich spiegele, erfühle ich mein Wesen, und ich weiß, daß das Bild meines Wesens nur zurückgespiegelt wird. Ich würde dieses Bild nicht wahrnehmen, wenn der Spiegel nicht da wäre. Aber ich weiß, der Spiegel hat nichts zu tun mit diesem meinem Wesen, als daß er mir mein Bild zurückwirft.

[ 11 ] I know that the very utterance of this sentence immediately runs up against countless prejudices of our time. It would take me many hours to list here all the details that fully confirm that, when we think, we are no longer woven into matter, but have already lifted ourselves with our soul out of the material realm—a realm in which the soul exists precisely because it must use the physical body as its instrument for its daily activities. One of the most serious prejudices of the modern worldview is that people fail to recognize the spiritual nature of thinking itself by contemplating this thinking from a spiritual perspective. Whoever does not merely glance back fleetingly at the act of cognition—at thinking—but places himself in a position to step back, as it were, from the act of thinking, yet in such a way that the thinking he engages in during cognition stands before the soul like a kind of mental image—so that it can be closely observed; who, therefore, does not remain within thinking—where it cannot be recognized—but rather steps back from thinking, so to speak, will realize that, in thinking, he lives within that thinking just as—to use once more this comparison I have employed here frequently—one lives within oneself when standing before a mirror. The reflective surface returns an image of one’s own being, but one knows quite precisely: this own being is not inside the mirror; the mirror is merely the cause of its being reflected back to me. By looking into the mirror, I sense my being, and I know that the image of my being is merely being reflected back. I would not perceive this image if the mirror were not there. But I know that the mirror has nothing to do with my essence other than that it reflects my image back to me.

[ 12 ] Eine genaue, vorurteilslose Betrachtung des Denkens zeigt, daß dieses Denken so zu dem Gehirn als dem Leibeswerkzeug steht, daß dieses Gehirn, dieses Leibeswerkzeug, wie der Spiegel ist; allerdings nicht wie ein toter Spiegel, sondern wie ein lebendiger Spiegel, wie wir gleich hören werden. Denn dasjenige, was als Denken lebt und webt, vollzieht sich nicht da drinnen durch die Vorgänge des Spiegelns, sondern es vollzieht sich in dem seelischen Eigenwesen außerhalb des Leibes, und der Leib ist nur die Gelegenheit, daß mir das zum Bewußtsein kommen kann, was mir sonst nicht als Bild des Denkens zum Bewußtsein kommen würde. Und eine unbefangene Betrachtung dieses Denkens zeigt, daß der Mensch sehr in die Irre geht, wenn er dieses Denken selber als ein Produkt irgendwelcher Vorgänge im Leibe auffaßt. Auf diesen Irrtum soll hier zunächst durch einen Vergleich aufmerksam gemacht werden.

[ 12 ] A precise, unbiased examination of thought reveals that this thought relates to the brain—as the body’s instrument—in such a way that this brain, this instrument of the body, is like a mirror; though not like a lifeless mirror, but like a living mirror, as we shall soon see. For that which lives and weaves as thought does not take place inside the body through the processes of reflection, but rather takes place in the soul’s own being outside the body, and the body is merely the means by which what would otherwise not come to my consciousness as an image of thought can enter my consciousness. And an unbiased examination of this thinking shows that human beings are greatly mistaken when they regard this thinking itself as a product of some processes within the body. Attention will first be drawn to this error here by means of a comparison.

[ 13 ] Wenn wir über einen Weg schreiten, der, sagen wir, erweichten Boden hat, so bleiben die Spuren unserer Tritte in diesem Boden zurück. Wir könnten nicht gehen, wenn der Boden uns nicht seinen Widerstand entgegensetzte, wenn wir nicht auf ihn treten könnten. Wir prägen dem Boden die Spuren unseres Gehens ein. Aber es wäre unsinnig zu glauben für den, der da hinterherkommt, daß die Trittspuren, die sich da eingeprägt haben in den Boden, durch Kräfte in der Erde selbst bewirkt worden wären. Nur derjenige weiß Bescheid über die Sache, der weiß: Es ist ein Wesen, das nichts mit der Erde zu tun hat, über die Erde hingeschritten, aber all das, was dieses Wesen vollbracht hat, drückt sich in der Erde ab.

[ 13 ] When we walk along a path that has, let’s say, soft ground, the imprints of our footsteps remain in that ground. We could not walk if the ground did not offer us resistance, if we could not step on it. We imprint the traces of our walking on the ground. But it would be absurd for someone coming after us to believe that the footprints imprinted in the ground were caused by forces within the earth itself. Only the one who knows this understands the matter: a being that has nothing to do with the earth has walked across it, but everything this being has accomplished is imprinted in the earth.

[ 14 ] So ungefähr stellt sich für den Betrachter, der sich erheben kann in die Selbstwahrnehmung des Denkens, das Verhältnis des Denkens in der Seele zu dem Nervenapparat dar. Der Nervenapparat muß da sein; die ganze Leibesorganisation muß da sein; die Seele könnte das Denken hier im Leben zwischen Geburt und Tod nicht entfalten, gerade so wenig, wie wir über einen Abgrund schreiten könnten, ohne einen Boden zu haben unter den Füßen. Die Seele würde dieses Weben im Gedanken nicht wahrnehmen, wenn ihr nicht gegenüberstände wie ein Boden dasjenige, worin sie einprägt, einwebt, was in ihr seelisch-geistig lebt. Dann kann der Physiologe, der Biologe kommen und kann nachforschen, wie alles dasjenige, was die Seele gewoben, was sie geprägt hat, was Vorgänge in ihr sind, wie das auch sich abprägt, abbildet in den Leibeswerkzeugen; dann kann er für alles Einzelne die richtige Anschauung entwickeln: daß alles das, was in der Seele lebt, nachweisbar ist im menschlichen Gehirn, im menschlichen Nervenapparat. Aber in die Irre würde man gehen, wenn man alles das, was im Denken lebt und webt, so erklären würde, als ob es gleichsam aufschießen würde aus den inneren Vorgängen des Gehirns, des Nervenapparates.

[ 14 ] This is roughly how the relationship between thought in the soul and the nervous system appears to the observer who is able to rise to a self-awareness of thought. The nervous system must be there; the entire physical organism must be there; the soul could not unfold thinking here in life between birth and death, just as little as we could stride across an abyss without having ground beneath our feet. The soul would not perceive this weaving in thought if it were not confronted, like a foundation, with that in which it imprints and weaves what lives within it as soul and spirit. Then the physiologist and the biologist can come and investigate how everything the soul has woven, everything it has imprinted, and the processes taking place within it are also imprinted and reflected in the physical organs; then they can develop the correct understanding for each individual aspect: that everything that lives in the soul is verifiable in the human brain and in the human nervous system. But one would be led astray if one were to explain everything that lives and weaves within thought as if it were, so to speak, springing forth from the inner processes of the brain and the nervous system.

[ 15 ] Die Wahrheiten, die ich also entwickele, können nicht im gewöhnlichen Sinne, wie man das heute will, durch eine leichtgeschürzte Logik belegt werden. Sie können sogar sehr leicht durch eine solche leichtgeschürzte Logik angegriffen, kritisiert werden. Aber derjenige, welcher sich hingibt den Methoden, die hier öfter geschildert worden sind als die Methoden der Geistesforschung, das heißt derjenige, der sich herbeiläßt, in seiner Seele völlig ruhig zu werden, so daß er dieses Zurücktreten vom Denken wirklich erleben kann, der kommt genau so, wie der Wissenschaftler der äußeren Welt zu seinen Ergebnissen kommt, durch die Betrachtung der Seele, die also auf das Weben und Wesen des Denkens gerichtet ist, zu diesen Wahrheiten als unmittelbar in der Erfahrung gegebenen. Diese Wahrheiten müssen erfahren, müssen erlebt werden, aber sie können erlebt werden dadurch, daß der Geistesforscher eben erst diejenigen inneren Methoden des Forschens entwickelt, die ich hier öfter dargestellt habe, die Sie auch dargestellt finden können in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» und nunmehr im Verhältnis zu der äußeren Wissenschaft in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel». Wenn der Geistesforscher also dahin gelangt ist, die geistige Natur des Denkens wirklich zu durchschauen, dann kann er auch aufsteigen zu weiteren Stufen des Erforschens der geistigen Welt. Denn dann kann er dasjenige, was sonst im Denken lebt und nicht erkannt wird, weiter ausbilden, so daß er sich gewissermaßen durch Entfaltung eines besonderen Innenlebens, das in jenen Büchern geschildert ist, ergeht in dem Denken, das unabhängig lebt von der physischen Welt. Es ist ein weiteres Ausbilden jener Unabhängigkeit des Denkens, welche man in seiner Wesenheit erkennen kann. Es ist gewissermaßen ein Hinnehmen desjenigen, was uns die Welt als erstes wirklich Geistiges gibt: des Denkens wie eine Grundlage, wie eine Wurzel, aus der man nun herauswachsen läßt all dasjenige, was durch weitere Meditation und Konzentration des Denkens, durch weitere in jenen Büchern geschilderte Methoden der Geistesforschung entwickelt werden kann. Dadurch aber, daß man nun nicht bloß das Denken anschaut als etwas, das uns gewissermaßen vom Stoffe losreißt, das unserer stoftlichen Welt als unabhängig Geistiges gegenübersteht, sondern es weiterbildet in innerer Seelenarbeit, dadurch kommt man dazu, nun in einem intensiveren Sinne dasjenige zu erleben, was geradenwegs genannt werden kann das Leben im geistigen Menschen, unabhängig vom materiellen Menschen, das Sichlosreißen von alledem, was der Mensch als physisch-stoffliches Wesen ist. Dieses Heraustreten des Geistig-Seelischen aus dem physischen Leibe, das wird zur Wirklichkeit, indem der Mensch in der angedeuteten Weise das Denken weiter ausbildet.

[ 15 ] The truths I am thus developing cannot be substantiated, in the ordinary sense—as is often demanded today—by a superficial logic. In fact, they can very easily be attacked and criticized by such a superficial logic. But the one who devotes himself to the methods that have been described here more often than the methods of spiritual research— that is, anyone who allows themselves to become completely still within their soul, so that they can truly experience this withdrawal from thinking—such a person arrives at these truths, just as the scientist of the external world arrives at his results, through the contemplation of the soul, which is thus directed toward the weaving and essence of thinking, as truths given directly in experience. These truths must be experienced; they can be experienced only by the spiritual researcher first developing those inner methods of inquiry that I have frequently described here—which you can also find described in my book How to Attain Knowledge of the Higher Worlds? and in my Outline of Esoteric Science, and now, in relation to external science, in my latest book, The Mystery of Man. Once the spiritual researcher has thus reached the point of truly penetrating the spiritual nature of thought, he can then ascend to further stages of exploring the spiritual world. For then he can further develop that which otherwise lives within thought but remains unrecognized, so that—through the unfolding of a special inner life described in those books—he immerses himself, as it were, in thought that exists independently of the physical world. It is a further development of that independence of thought which can be recognized in its very essence. It is, in a sense, an acceptance of what the world offers us as the first truly spiritual thing: thinking as a foundation, as a root, from which one can now allow all that which can be developed through further meditation and concentration of thought—through further methods of spiritual research described in those books—to grow. But by no longer viewing thinking merely as something that, in a sense, tears us away from matter—that stands opposed to our material world as an independent spiritual entity—but rather by further developing it through inner soul work, we come to experience, in a more intense sense, what can be called directly “life in the spiritual human being”—independent of the material human being—the breaking away from everything that constitutes the human being as a physical, material entity. This emergence of the spiritual-soul aspect from the physical body becomes a reality as the human being further develops their thinking in the manner described.

[ 16 ] Und dann kommt der Mensch dazu, nunmehr auch dasjenige für seine Erkenntnis — nicht für das Leben - in die Nacht hinuntersinken zu sehen, was Fechner die Tagesansicht nennt. Dadurch, daß der Mensch sich ganz einlebt innerlich-seelisch in das Leben und Weben des reinen sinnlichkeitsfreien Gedankens, verschwindet wirklich die äußere Welt der stofflichen Wirkungen, die uns zunächst umgibt. Dafür aber ist der Geistesblick des Menschen auf dessen eigene Wesenheit gerichtet, und der Mensch hat sich, während er sich sonst immer als Subjekt weiß, als das, in dem er lebt, nunmehr vor sich; er wird — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf -— sich selber Objekt, er tritt von sich zurück.

[ 16 ] And then the human being comes to see—now also for the sake of knowledge, not for the sake of life—that which Fechner calls the “daytime perspective” sinking into the night. As human beings fully immerse themselves, inwardly and spiritually, in the life and interplay of pure, senseless thought, the outer world of material effects that initially surrounds us truly vanishes. Instead, however, the human being’s spiritual gaze is directed toward his own essence, and the human being—who otherwise always knows himself as the subject, as that in which he lives—now has himself before him; he becomes—if I may use the expression—an object of himself; he steps back from himself.

[ 17 ] Indem ich dieses ausspreche, darf ich hinweisen auf einen zweiten Geist des 19. Jahrhunderts, der, weil er nicht nur ein theoretisierender, sondern ein empfindender Denker und Wissenschaftler war, empfunden hat die eigentümliche Art des Denkens, und den dieses Denken dadurch getrieben hat, wirklich zu erfassen die stoff-freie Wesenheit dieses eigenen Denkens. Ich weise da Ihren Blick hin auf den ja weniger bekannten, aber wirklich, ich möchte sagen, die ganze Kraft des deutschen Denkens im 19. Jahrhundert in sich tragenden Karl Rosenkranz, der bis in die siebziger Jahre der Nachfolger, der spätere Nachfolger Kants auf dem Lehrstuhl der Philosophie in Königsberg war. Kants und Hegels Schüler war Karl Rosenkranz, aber ein Schüler, der in seinem ebenfalls sinnigen Geiste Erkenntnisfragen wirklich zu Lebensfragen, zu Schicksalsfragen zu machen wußte, und der es dahin gebracht hat, sich zu sagen: Du mußt in deinem Denken einen Punkt erreichen, wo du unabhängig bist von all der äußeren sinnlichen Welt, zu der du ja denkend erst den Zugang gewinnen willst. Und da kam Karl Rosenkranz der Gedanke eben des von der Außenwelt, von der Stoffeswelt unabhängigen Denkens. Und an der Art und Weise, wie Karl Rosenkranz über das Denken spricht, wenn es sich unabhängig weiß von der äußeren Welt, die sonst im Leben den Menschen hegt und trägt und stützt, aus dieser Art und Weise, wie Karl Rosenkranz von diesem Denken spricht, da sieht man, wie er gefühlt hat, was es heißt, einen Übergang zu machen aus der äußeren physischen Stoffeswelt zur geistigen Welt, was es heißt, deshalb, damit man erkennt, was der Geist ist, einmal wirklich abzusehen von all dem, was uns stofflich als Welt umgibt, und sich zurückzuziehen auf den reinen Gedanken von der Welt. Da findet sich dieser Gedanke, wenn er nicht jene Entwickelung durchmachen kann, die ich eben angedeutet habe, zunächst in seiner furchtbaren Leerheit. Denn im gewöhnlichen Leben sind wir gewöhnt, unsere Gedanken auf die Außendinge zu richten, die Außendinge, die durch die Sinne auf uns wirken, in unseren Gedanken abzubilden. Lassen wir nun die Außenwelt unberücksichtigt, wie das Karl Rosenkranz wollte, und ziehen wir uns dann in das Denken zurück, ohne daß wir auf Grund der Erkenntnis, daß dieses Denken leibfrei ist, es weiter entwickeln und aufsteigen zu einem Heraustreten aus dem Leibe, dann bleibt das Denken leer. Die äußere Welt ist aus ihm herausgeworfen; das Denken selber ist leer. Es hegt der Mensch einen Gedanken, der gleichsam in völliger Einsamkeit in seiner Seele nistet, als wenn die Welt nicht wäre. Von diesem Gedanken theoretisch zu sprechen, ist verhältnismäßig bedeutungslos. Aber für einen Erkenner, der das Erkennen als ein großes Lebensrätsel nimmt, als ein Lebensschicksal, ist dieser Gedanke nicht unbeträchtlich. Er wird zur inneren Qual der Seele, zum Fühlen der Einsamkeit, zum Fühlen der Verlassenheit der Seele gegenüber der äußeren Welt. Und Karl Rosenkranz spricht dieses Gefühl eines echten, nach lebendigem Erkennen trachtenden Denkers mit folgenden, ich möchte sagen, zu Herzen gehenden Worten aus:

[ 17 ] In saying this, I would like to point out a second figure of the 19th century who, because he was not merely a theoretical thinker but a sensitive thinker and scientist, perceived this unique mode of thinking—and was thereby driven to truly grasp the immaterial essence of this very mode of thinking. I would like to direct your attention to Karl Rosenkranz—a figure who is indeed less well-known but who, I would say, truly embodied the full power of German thought in the 19th century—who, until the 1870s, was Kant’s successor, the later successor, to the chair of philosophy in Königsberg. Karl Rosenkranz was a student of Kant and Hegel, but a student who, in his equally insightful spirit, truly knew how to transform questions of knowledge into questions of life and destiny, and who went so far as to say to himself: You must reach a point in your thinking where you are independent of the entire external sensory world, to which you, through thinking, first seek to gain access. And that is when the idea of thinking independent of the external world—of the material world—came to Karl Rosenkranz. And in the way Karl Rosenkranz speaks of thinking—when it knows itself to be independent of the external world that otherwise nurtures, sustains, and supports human beings in life—in this very way that Karl Rosenkranz speaks of this kind of thinking, one can see how deeply he felt what it means to make a transition from the external, physical, material world to the spiritual world; what it means, therefore, in order to recognize what the spirit is, to truly set aside for a moment everything that surrounds us materially as the world, and to withdraw into the pure thought of the world. There, if this thought cannot undergo the development I have just indicated, it is initially found in its terrible emptiness. For in ordinary life we are accustomed to directing our thoughts toward external things—the external things that act upon us through the senses—and to representing them in our thoughts. If we now disregard the external world, as Karl Rosenkranz intended, and then withdraw into thinking—without, based on the realization that this thinking is body-free, further developing it and ascending to a state of stepping out of the body—then thinking remains empty. The external world is cast out of it; thinking itself is empty. A person harbors a thought that, as it were, nestles in complete solitude within their soul, as if the world did not exist. To speak of this thought in theoretical terms is relatively meaningless. But for one who recognizes that cognition is a great mystery of life, a destiny of life, this thought is not insignificant. It becomes an inner torment of the soul, a sense of loneliness, a sense of the soul’s abandonment in relation to the external world. And Karl Rosenkranz expresses this feeling of a genuine thinker striving for living knowledge with the following—I would say—heartfelt words:

[ 18 ] «Die zerschmetterndste Vorstellung, die ich kaum auszudenken wage, und kaum auszudrücken vermag, ist die, daß überhaupt etwas ist. Es gähnt mich aus diesem Gedanken der absolute, der gestaltenleere Abgrund der Welt an. Es wispert mir zu, wie der Verrat des Gottes. Es ergreift mich ein Bangen, wie in meiner Kindheit, wenn ich die Offenbarung Johannis las und Himmel und Erde darin zusammenbrachen. Da um mich herum dehnt sich die Welt in aller Breite, mit allem Trotz sinnlicher Virtualität» — das heißt Kräftewirkung — «und scheint meiner Vorstellung zu spotten. Sie zwingt mich in ihre Kreise, zwingt mich, ihren Ordnungen zu gehorchen, lacht meines Gedankens ihres Nichts als eines Hirngespinstes. Und doch ist dieser Gedanke, dieser widersinnig scheinende Gedanke, was nun sein würde, wenn diese Welt nicht wäre, ein Riese, der mit dem ganzen empirischen Dasein spielt.»

[ 18 ] “The most shattering idea, one I scarcely dare to conceive and can scarcely put into words, is that anything exists at all. From this thought, the absolute, formless abyss of the world stares back at me. It whispers to me like the betrayal of God. I am seized by a dread, as in my childhood, when I read the Revelation of John and heaven and earth collapsed within it. Around me, the world stretches out in all its breadth, with all the defiance of sensory virtuality”—that is, the effect of forces—“and seems to mock my imagination. It forces me into its orbit, compels me to obey its orders, and laughs at my thought of its nothingness as a mere figment of the imagination. And yet this thought—this seemingly absurd thought of what would be if this world did not exist—is a giant that plays with all of empirical existence.”

[ 19 ] So fühlt wie vor einem Abgrund sich der Denker, der sozusagen vor dem Tore der Geisteswissenschaft steht, das heißt gerade hingelangt bis zu dem Gedanken, der die Sinnenwelt abgeworfen hat, aber vor dem Tore stehen bleibt und nicht eintritt in die Stätte der Geisteswissenschaft, wo der Gedanke nun wie eine Wurzel behandelt wird, aus der heraus durch die Entwickelung geistesforscherischer Methoden die ganze Pflanze jener Erkenntniskräfte entwickelt wird, die nun hineinschauen können in die geistige Welt. Man muß, um die Bedeutung der Geisteswissenschaft für das heutige Leben einzusehen, an solche Denker sich erinnern, die den Eingang in die Geisteswissenschaft noch nicht finden konnten, aber gerade aus dem naturwissenschaftlichen Zeitalter heraus empfanden, was in der Seele vorgeht, wenn sie sich aufschließen will die Pforte, wenn sie anlangt bei dem Denken, das für das äußere Leben und für die äußere Wissenschaft ein Schlußpunkt ist, das aber der Anfangs- und Ausgangspunkt ist für das wirkliche Erkennen der geistigen Welt.

[ 19 ] Thus the thinker feels as if standing before an abyss, as it were, at the threshold of spiritual science—that is, having just reached the point where the thought has cast aside the sensory world, but who stops at the gate and does not enter the realm of spiritual science, where thought is now treated like a root from which, through the development of spiritual-scientific methods, the entire plant of those powers of knowledge is cultivated—powers that can now look into the spiritual world. To understand the significance of spiritual science for life today, one must recall those thinkers who have not yet been able to find their way into spiritual science, but who, precisely out of the age of natural science, sensed what takes place in the soul when it seeks to open the gate, when it arrives at the point of thinking that marks the end for external life and for external science, but which is the starting point and the point of departure for the true knowledge of the spiritual world.

[ 20 ] Und zu diesen Denkern - ich wähle als Beispiele für die Vorläufer der Geisteswissenschaft, die ich hier meine, solche Denker aus, welche nicht abstrakte Theoretiker waren, sondern denen das Streben nach der Erforschung der Rätsel des menschlichen Lebens tiefe Schicksalsangelegenheit ihrer Seele war — zähle ich auch Gideon Spicker, der so lange an der Hochschule in Münster Philosophie gelehrt hat, und der schon durch den Verlauf seines äußeren Lebens zeigte, wie ihm die Erkenntnis ein Lebensschicksal, eine Lebensangelegenheit war. Mit einer inbrünstigen Seele, die nach dem Erleben des Geistes trachtete, war Gideon Spicker — er beschrieb das selber in seinem schönen Buche, das 1908 erschienen ist: «Vom Kloster zum akademischen Lehramt» — Kapuziner geworden, Priester geworden; dann trieb ihn der Weg, den seine Erkenntnis nehmen mußte, dazu, aus dem Kloster fortzugehen und in die Philosophie sich zu vertiefen, um den Weg zu finden, der zum Einlaß in die geistige Welt führt. Da kam auch Gideon Spicker zu jenem Punkte, wo das Denken sich selbst überlassen ist, wo es vereinsamt dasteht, wenn es sich nicht so zu betätigen versteht, wie ich das angedeutet habe. Deshalb sagt Spicker von diesem Denken:

[ 20 ] And among these thinkers—I choose as examples of the precursors of spiritual science, which is what I mean here, those thinkers who were not abstract theorists, but for whom the quest to explore the mysteries of human life was a profound matter of destiny for their souls—I also count Gideon Spicker, who taught philosophy for so long at the University of Münster, and who, through the very course of his outward life, demonstrated how knowledge was a destiny, a matter of life itself for him. With a fervent soul that sought to experience the spirit, Gideon Spicker—he described this himself in his beautiful book, published in 1908: From the Monastery to the Academic Professorship—became a Capuchin and a priest; then the path his understanding had to take led him to leave the monastery and immerse himself in philosophy in order to find the path that leads to entry into the spiritual world. Thus Gideon Spicker, too, reached that point where thinking is left to its own devices, where it stands isolated if it does not know how to act as I have indicated. That is why Spicker says of this kind of thinking:

[ 21 ] «Alle (Philosophien) ohne Ausnahme gehen von einem unbewiesenen und unbeweisbaren Satz aus, nämlich von der Notwendigkeit des Denkens. Hinter diese Notwendigkeit kommt keine Untersuchung, so tief sie auch schürfen mag, zurück. Sie muß unbedingt angenommen werden und läßt sich durch nichts begründen. Jeder Versuch, ihre Richtigkeit beweisen zu wollen, setzt sie immer schon voraus.» Und nun kommt jenes Wort, wo man sieht, wie in den Erkenntnissen seiner Seele er unmittelbar rührt an die Kräfte des Herzens. Gideon Spicker sagt weiter:

[ 21 ] “All (philosophies), without exception, are based on an unproven and unprovable proposition, namely, the necessity of thought. No investigation, no matter how deeply it may delve, can get beyond this necessity. It must be accepted unconditionally and cannot be justified by anything. Any attempt to prove its truth always presupposes it from the outset.” And now comes that passage where one sees how, in the insights of his soul, he touches directly upon the powers of the heart. Gideon Spicker continues:

[ 22 ] «Unter ihr gähnt ein bodenloser Abgrund, eine schauerliche, von keinem Lichtstrahl erhellte Finsternis. Wir wissen also nicht, woher sie kommt, noch auch, wohin sie führt. Ob ein gnädiger Gott oder ein böser Dämon sie in die Vernunft gelegt, ist ungewiß.»

[ 22 ] “Beneath it yawns a bottomless abyss, a terrifying darkness untouched by even a single ray of light. We therefore do not know where it comes from, nor where it leads. Whether a merciful God or an evil demon has implanted it in our reason remains uncertain.”

[ 23 ] Spicker richtet also den Seelenblick auf dieses Denken. Er findet: Wenn wir nicht voraussetzen, daß das Denken in richtiger Weise uns über die Angelegenheiten der Welt aufklärt, wenn wir also nicht die Notwendigkeit des Denkens anerkennen in seiner Eigenart, dann können wir überhaupt in der Welt uns nicht zurechtfinden. Aber hinter dieser Notwendigkeit, meint Spicker, liegt der bodenlose Abgrund. Damit erweist auch Spicker, wie er vor dem Tore der Geisteswissenschaft steht, aber nicht hinein kann. Und unmöglich ist es nach seiner Anschauung, zu entscheiden, was eigentlich die von uns notwendig vorauszusetzende Richtigkeit in unsere Vernunft gelegt hat, ob ein gnädiger Gott oder ein böser Dämon.

[ 23 ] Spicker thus turns his inner gaze toward this thinking. He concludes: If we do not assume that thinking properly enlightens us about the affairs of the world—that is, if we do not recognize the necessity of thinking in its own right—then we cannot find our way in the world at all. But behind this necessity, Spicker believes, lies a bottomless abyss. In this way, Spicker, too, demonstrates how he stands at the gate of spiritual science but cannot enter. And in his view, it is impossible to determine what actually placed the truth we must necessarily assume within our reason—whether a merciful God or an evil demon.

[ 24 ] Man muß das Denken schon so ernst nehmen, wenn man die ganze Bedeutung der Erkenntnis für das Leben ins Auge fassen will. Was kann ein solcher Denker, der so zu sprechen sich genötigt fühlt wie Gideon Spicker, was kann er nicht? Er kann nicht dahin gelangen, dieses Zurücktreten vor dem Denken zu bewirken, um dieses Denken anzuschauen, um dadurch die Überzeugung zu gewinnen, daß dieses Denken geistiger Natur ist. Denn dann stellt es sich, weil eben die Dinge, wenn man sie betrachtet, ihre Eigenart ergeben, in seiner Eigenart dar, wie es ist, und läßt uns nicht die Wahl zwischen dem gnädigen Gott und dem bösen Dämon, der es etwa in die Vernunft gelegt haben könnte.

[ 24 ] One must take thinking seriously if one is to grasp the full significance of knowledge for life. What can such a thinker—who, so to speak, feels compelled to act as Gideon Spicker does—what can he not do? He cannot bring himself to step back from thought in order to observe it, and thereby gain the conviction that this thought is of a spiritual nature. For then—precisely because things, when observed, reveal their true nature—it presents itself in its true nature, as it is, and leaves us no choice between the merciful God and the evil demon who might have implanted it in reason.

[ 25 ] Auf dem geisteswissenschaftlichen Erkenntnisweg kommt alles darauf an, sich bekannt zu machen mit der Natur des Denkens, dieses Denken nicht wie ein Letztes hinzunehmen, sondern es wie ein Erstes anzusehen, das uns weiterbringen soll.

[ 25 ] On the path of knowledge in the humanities, everything depends on becoming familiar with the nature of thought—not accepting this thought as an end in itself, but viewing it as a starting point that is meant to lead us forward.

[ 26 ] Ich möchte hinweisen darauf, wie aus dem gewöhnlichen Leben heraus der Mensch, wenn er nur eine intime Aufmerksamkeit auf gewisse feinere Erscheinungen des Lebens wendet, die Überzeugung gewinnen kann davon, daß das Denken nicht bloß in unserem Ich, in unserer Seele oder gar in unserem Gehirn lebt, sondern daß es ein wesentliches Dasein in der äußeren Welt hat, daß das Denken unter den schaffenden Kräften ein Mitwirkendes ist, daß es die Welt durchwebt und durchlebt; daß es nicht das Denken in uns ist, sondern daß wir mit unserer Seele in der von Gedanken durchwobenen Welt leben. Es bedarf noch gar nicht der Anwendung der Methoden der Geisteswissenschaft, gar noch nicht des lebendigen Eintretens in die geisteswissenschaftliche Forschung selber, um zu dieser Überzeugung zu kommen, sondern nur eines intimen Beobachtens gewisser Vorgänge. Da kann der Mensch, wenn er unter den diesen Dingen günstigen Verhältnissen einmal aufwacht, etwas wie eine dunkle Erinnerung an dasjenige bewahren, was, eben bevor er aufgewacht ist, vorgegangen ist. Da können, wie herüberfließend aus dem Schlafzustand in den Wachzustand, Gedanken sich hereindrängen in den Wachzustand, von denen der Mensch einsehen kann, daß er sie nie im Wachzustand würde gedacht haben, daß sie mit nichts zusammenhängen, was im Wachzustand gedacht werden kann. Ich kann auf diese Dinge nur hinweisen; würden wir mehr Zeit haben, so würden wir sehen, daß alle Einwände von Reminiszenzen, Erinnerungen und so weiter, die solche Vorstellungen sein könnten, wegfallen, wenn man die Untersuchung genauer anstellen würde. Dann aber, wenn man so findet wie eine innere Erfahrungswahrheit: «Du tauchst eigentlich auf mit deiner Seele aus dem webenden, lebendigen Denken», dann weiß man zugleich, wenn die Augenblicke günstig sind, ich möchte sagen, wenn die Seele gerade begnadet ist, so etwas wahrzunehmen: das, was da wie Gedankenwesenheit selber ist, das webt mit an dem eigenen und zwar jetzt leiblichen Wesen. Denn man wird gewahr: Womit man eigentlich im Schlafe gelebt hat, das sind die Vorgänge des Inneren, des Leibes selber. Diese Vorgänge — Sie können darüber nachlesen in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» —, die man im Schlafe erlebt, und die sich zuweilen in das Träumen hinaufheben, diese Vorgänge sind Bilder des inneren Erlebens des Leibes. — Hat man diese beiden Erkenntnisse: die Erkenntnis des selbständigen Webens der Gedanken in der Welt, der lebendigen Gedanken in der Welt, und des Webens der Gedanken an unserer eigenen Leiblichkeit, dann hat man auch einen in der Empfindung gegründeten Ausgangspunkt für ein inneres meditatives Arbeiten in seiner Seele, um nun aufzusteigen zu der Erkenntnis der geistigen Welt.

[ 26 ] I would like to point out how, in the course of ordinary life, a person—if only they pay close attention to certain subtler phenomena of life— can gain the conviction that thinking does not merely reside in our “I,” in our soul, or even in our brain, but that it has an essential existence in the outer world; that thinking is a contributing force among the creative powers; that it interweaves and permeates the world; that it is not thinking within us, but rather that we, with our soul, live in a world interwoven with thoughts. It does not yet require the application of the methods of spiritual science, nor even active engagement in spiritual scientific research itself, to arrive at this conviction, but only an intimate observation of certain processes. When a person awakens under conditions favorable to these experiences, they may retain something like a vague recollection of what transpired just before they woke up. There, as if flowing over from the state of sleep into the waking state, thoughts may intrude into the waking state—thoughts of which a person can see that they would never have thought them while awake, that they have no connection to anything that can be thought while awake. I can only point these things out; if we had more time, we would see that all objections regarding reminiscences, memories, and so on—which might be such notions—would fall away if the investigation were conducted more closely. But then, when one discovers—as a truth of inner experience—“You actually emerge with your soul from the weaving, living thought,” one knows at the same time, when the moments are right—I would say, when the soul is particularly gifted to perceive such a thing—that what is there as a presence of thought itself is weaving together with one’s own, and indeed now physical, being. For one becomes aware: what one has actually lived through in sleep are the processes of the inner being, of the body itself. These processes—you can read about them in my latest book, The Riddle of Man—which one experiences in sleep and which sometimes rise up into dreaming, these processes are images of the inner experience of the body. — Once one has these two insights—the insight into the independent weaving of thoughts in the world, the living thoughts in the world, and the weaving of thoughts concerning our own physicality—then one also has a starting point, grounded in sensation, for inner, meditative work within one’s soul, in order to now ascend to the knowledge of the spiritual world.

[ 27 ] Die Erkenntnis der geistigen Natur des Denkens selber, die man im Wachzustand gewinnen kann, eine genauere, intimere Erkenntnis des Denkens, die man auf die zuletzt angedeutete Weise in besonders günstigen Lebensmomenten gewinnen kann, die unterstützt einen, nun wirklich die innere Seelenarbeit zu unternehmen, die der Geistesforscher zu unternehmen hat: Dieses Denken — um es noch einmal zu sagen — wie eine Wurzel zu betrachten, die nun entfaltet wird durch innere Seelenarbeit, auf die ich heute nur hinweisen kann, eine Wurzel, die endlich den Menschen dahin bringt, aus seinem Leibe mit seinem GeistigSeelischen wirklich heraustreten zu können, und sich selber nun, wie er im Alltage ist, gegenüber zu haben, wie man sonst in der sinnlichen Anschauung die äußeren Dinge sich gegenüber hat. Dieses Heraustreten aus dem Leibe ist durchaus eine Wirklichkeit, die an den Menschen herankommt, wenn er gewisse Seelenübungen macht. Dann aber ist der Mensch nicht nur in der Lage, durch die Werkzeuge des Leibes die ihn umgebende Welt anzuschauen; eine andere Welt ist da, die nicht die Welt der Sinne ist, eine Welt des Geistes tritt nun auf. Indem der Mensch in diese andere Welt des Geistes eintritt, wird er nicht - das habe ich schon öfter erwähnt, es ist aber notwendig, es immer wieder und wieder zu sagen, weil gerade von dieser Seite her die meisten Angriffe kommen - ein Gegner der Naturwissenschaft, sondern im Gegenteil, alles dasjenige, was berechtigterweise die so bewundernswürdige neuere Naturwissenschaft hervorgebracht hat, das wird gerade, und intensiver, als die Naturwissenschaft es kann, bewiesen durch dasjenige, was geistiges Anschauen in der Welt findet.

[ 27 ] The realization of the spiritual nature of thought itself—which can be attained while awake—and a more precise, more intimate understanding of thought, which can be attained in the manner just hinted at during particularly favorable moments in life—these support one in truly undertaking the inner work of the soul that the spiritual researcher must undertake: To regard this thinking—to put it once more—as a root that is now unfolded through inner soul work, to which I can only allude today; a root that ultimately enables the human being to truly step out of his body with his spiritual-soul aspect, and to now face oneself as one is in everyday life, just as one otherwise faces external things in sensory perception. This stepping out of the body is indeed a reality that becomes accessible to a person when they perform certain soul exercises. But then the human being is not merely able to observe the surrounding world through the instruments of the body; another world is there, one that is not the world of the senses—a world of the spirit now comes into view. As the human being enters this other world of the spirit, he does not—as I have mentioned many times before, but it is necessary to say it again and again, because it is precisely from this angle that most attacks come—not an opponent of natural science, but on the contrary, everything that the admirable modern natural science has rightly brought forth is proven—precisely, and more intensely than natural science can—by what spiritual contemplation finds in the world.

[ 28 ] Ich habe in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» diese Anschauung, die der Mensch dadurch erringt, daß er sich bereit macht, sich von den Bedingungen der stofflichen Vorgänge loszureißen, das «schauende Bewußtsein» genannt, aus dem Grunde, weil ich anknüpfen wollte, wie in allen meinen geisteswissenschaftlichen Bestrebungen, an die Weltanschauung Goethes. In seinem schönen Aufsatz über «anschauende Urteilskraft» hat er hingewiesen darauf, wie der Mensch, wenn er zu einer das Geistige stützenden Erkenntnis streben will, dazu kommen muß, nicht bloß passiv die äußere stoffliche Welt aufzunehmen, sondern sich innerlich zu erkraften, um erkenntnismäßig dieses Geistige innerlich so zu erfassen, wie man von außen her die äußere sinnliche Welt durch die Sinne erfaßt. Und ich habe genannt dieses Leben im schauenden Bewußtsein ein Aufwachen aus dem gewöhnlichen Bewußtsein des Alltages und der gewöhnlichen Wissenschaft, das man vorstellen kann ähnlich dem Aufwachen aus der Traumeswelt in die Welt des gewöhnlichen wachen Bewußtseins. Und so wäre denn, um dasjenige auszudrücken, was er eigentlich sagen will, der Geistesforscher genötigt, auf drei Bewußtseinszustände hinzuweisen: Auf das träumende Bewußtsein, wo der Mensch ganz hingerichtet ist auf die Vorgänge seines eigenen Leibes, die ihm teilweise, möchte man sagen, entgegentreten, aber nicht wie sie sind, sondern in den webenden und lebenden Gedanken, die wie in einem imaginativen Leben offenbaren, was eigentlich innere Leibesvorgänge sind. DieVorstellungen während desTraumlebens sind durchaus auf das leibliche Innere des Menschen gerichtet. Der Mensch ist gewissermaßen da in seine Haut eingeschlossen, und, wenn ich mich noch genauer aussprechen sollte, so könnte ich sagen: Es ist nicht beteiligt das eigentliche Bewußtsein des menschlichen Gehirns an den Bildern der Traumvorstellungen, sondern es ist die Seele zugewendet im Traume demjenigen, was, abgesehen von den Vorgängen des Gehirns, im Leibe vorgeht. Aber das prägt sich aus in den Bildern, die manchmal so farbenbunt und prächtig, manchmal so chaotisch vor die Seele treten. Wer nun auf diese Welt der Traumesvorstellungen sein forschendes Seelenauge richtet, der findet, daß im Grunde genommen die Vorstellungen selbst, wie sie im Traume auf- und abfluten - allerdings nur als Offenbarung des Innenlebens -, sich in ihrem Inhalte, in ihrer Wesenheit nicht unterscheiden von den Vorstellungen, die wir im Alltag haben.

[ 28 ] In my book The Riddle of Man, I have called this perspective—which a person attains by preparing to break free from the constraints of material processes—“contemplative consciousness,” because, as in all my spiritual scientific endeavors, I wished to build upon Goethe’s worldview. In his beautiful essay on “contemplative judgment,” he pointed out how, if a person wishes to strive toward a form of knowledge that supports the spiritual, must not merely passively take in the external material world, but must summon the inner strength to grasp this spiritual realm cognitively, just as one grasps the external sensory world from the outside through the senses. And I have called this life in contemplative consciousness an awakening from the ordinary consciousness of everyday life and ordinary science, which one can imagine as similar to the awakening from the world of dreams into the world of ordinary waking consciousness. And so, to express what he actually means to say, the researcher of the spirit would be compelled to point to three states of consciousness: Dream consciousness, in which the human being is entirely focused on the processes of his own body—processes that, one might say, appear to him not as they actually are, but in the weaving, living thoughts that, as in an imaginative life, reveal what are in fact inner bodily processes. The images during dream life are entirely directed toward the inner physical reality of the human being. The human being is, so to speak, enclosed within his own skin, and, if I were to express myself even more precisely, I could say: It is not the actual consciousness of the human brain that is involved in the images of dream visions, but rather the soul is turned in the dream toward that which, apart from the processes of the brain, is taking place in the body. But this is reflected in the images that sometimes appear before the soul so colorful and magnificent, and at other times so chaotic. Anyone who now turns the inquiring eye of the soul toward this world of dream imagery will find that, fundamentally speaking, the images themselves—as they ebb and flow in the dream, albeit only as a revelation of inner life—do not differ in their content or essence from the images we have in everyday life.

[ 29 ] Das Aufwachen ist etwas ganz anderes, ist eine Tat des Willens. Es ändert nicht die Natur der Vorstellungen, sondern der Mensch erkraftet sich in seinem Willen, setzt sich durch seinen Willen wirklich in ein Verhältnis zur äußeren Welt, die uns die Sinne offenbaren. Und dadurch bezieht er das, was sonst nur seinem Inneren zugewendet wäre, auf die äußere Welt. Er legt gleichsam über die Fläche des Außendaseins sein Denken, sein Vorstellen hinüber, weil er sich im Willen erkraftet hat, weil er sich eingeordnet hat in die äußere Welt mit seinem Vorstellen. Und Wachsein heißt: durch den Willen das Vorstellungsleben mit dem ganzen Menschen einzuordnen in die Verhältnisse der äußeren Welt.

[ 29 ] Awakening is something entirely different; it is an act of the will. It does not alter the nature of ideas, but rather the human being gathers strength through his will and, by virtue of that will, truly establishes a relationship with the external world as revealed to us by the senses. And in this way, he relates to the external world that which would otherwise be directed only inward. He, as it were, spreads his thinking and his imagination across the surface of external existence, because he has strengthened himself through his will, because he has ordered himself into the external world with his imagination. And wakefulness means: through the will, to integrate the life of imagination, together with the whole human being, into the relationships of the external world.

[ 30 ] Im schauenden Bewußtsein wird bis zu einem gewissen Grade das wirklich zu einer Wahrheit, die man nur nicht mißverstehen darf, daß nun durchschaut wird, wie von einem höheren Gesichtspunkte aus diese äußere Sinneswelt wiederum nur eine Bilderwelt ist; wir nehmen sie in einer srob-stofflichen, derben Weise als eine letzte Wirklichkeit im gewöhnlichen Leben hin, wie wir im Traume unsere Traumeswelt als eine Wirklichkeit fühlen. Aber indem wir aus dem Traume erwachen, wird uns die Traumeswelt zu einer Bilderwelt. Und vom Gesichtspunkte des wachen Bewußtseins aus verstehen wir erst, die Traumeswelt in der richtigen Weise einzuordnen in die Gesamtwelt.

[ 30 ] In contemplative consciousness, reality becomes, to a certain extent, a truth that must not be misunderstood—namely, that one now perceives, from a higher vantage point, how this external sensory world is, in turn, merely a world of images; we accept it in a gross, material way as the ultimate reality in ordinary life, just as we experience our dream world as reality when we are dreaming. But as we awaken from the dream, the dream world becomes a world of images to us. And it is only from the perspective of waking consciousness that we understand how to properly place the dream world within the totality of the world.

[ 31 ] Tiefere Denker haben nun, indem sie in ihrer Seele eine Kraft nach der geistigen Welt hin fühlten, vergleichsweise, nicht um in irgendeiner falschen Asketik mißverständliche Vorstellungen aufzustellen, die Welt der Sinne in ihrer grob-stofflichen Wirklichkeit eine Welt der Bilder genannt, und sie mit dem Traume — nicht gleichgestellt, aber verglichen. Vor allen Dingen der große deutsche Denker Fichte hat in seiner Schrift über die Bestimmung des Menschen eine wunderbare Stelle, wo er sich ausspricht über das Leben und Weben desjenigen, was durch die Sinne gesehen wird. Da sagt Fichte:

[ 31 ] Deeper thinkers, sensing within their souls a force drawn toward the spiritual world—and not, mind you, to create misleading notions through some form of false asceticism—have, figuratively speaking, called the world of the senses, in its coarse, material reality, a world of images, and have compared it to a dream—not equating the two, but drawing a parallel. Above all, the great German thinker Fichte has a wonderful passage in his treatise on the purpose of humanity, where he speaks about the life and interplay of that which is perceived through the senses. There, Fichte says:

[ 32 ] «Bilder sind: sie sind das einzige, was da ist, und sie wissen von sich, nach Weise der Bilder; — Bilder, die vorüberschweben, ohne daß etwas sei, dem sie vorüberschweben: die durch Bilder von den Bildern zusammenhängen... Alle Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum ohne ein Leben, von welchem geträumt wird, und ohne einen Geist, dem da träumt; in einem "Traum, der in einem Traume von sich zusammenhängt.» Nicht soll durch diese Worte der Mensch angewiesen werden, in mißverständlicher Weise die wirkliche Welt gering zu achten, in der seine Pflichten liegen, in der sein Leben zwischen Geburt und Tod sich abspielen muß, nicht soll der Mensch von dieser Welt hinweggelenkt, sondern darauf aufmerksam gemacht werden, daß man erwachen kann aus dem gewöhnlichen Bewußtsein — wie man aus dem träumenden Bewußtsein erwacht — zu einem höheren Bewußtsein in dem schauenden Bewußtsein. Und im schauenden Bewußtsein ordnet man die Bilder der Sinneswelt, die einen sonst umgeben, ein in die geistige Welt, die einem in der Weise nun erschlossen ist, wie das angeführt worden ist. Dann aber, wenn man also die geistige Welt in der Seele unmittelbar erlebt, dann erhält man einen neuen Gesichtspunkt über das Verhältnis des Geistes zum Stoff. Denn dann gelangt man dazu, an dem Menschen selbst, an sich selbst, dieses Verhältnis des Geistes zum Stoff zu schauen. Das erwachte schauende Bewußtsein, das gewissermaßen zurückgetreten ist von dem Menschen, und das, was der Mensch im gewöhnlichen Erkennen tut, von außen anschaut, dieses Bewußtsein stellt sich anders zu der Welt als die von Fechner genannte Nachtansicht. Dieses schauende Bewußtsein sagt sich: Gewiß, für all dasjenige, was der Mensch denkt und fühlt, worüber er sich freut, was er erleidet, gibt es zwischen Geburt und Tod im gewöhnlichen physischen Leben physische Vorgänge im Menschen. Der Mensch erlebt all dasjenige, was er seelisch erlebt, durch den Leib, der es ihm wie ein Spiegel zurückwirft, sonst würde er davon nichts wissen. Dazu ist der Leib da, daß der Mensch von ihnen ein Bewußtsein entwickeln kann. Aber indem der Mensch also zurücktritt und sich in wirklicher, nicht erträumter Selbstbeobachtung wirklich erkennt, da gelangt er schauend zu einer anderen Ansicht, als die Nachtansicht ist. Da kommt er dazu, sich zu sagen: Ja, damit ich die Farben der Welt sehe, müssen in meinem Nervenapparat, in meinem Leibeswerkzeug gewisse Vorgänge vorgehen; aber indem ich das Blau, das Rot sehe, indem ich den Ton C oder Cis höre, da sind die Vorgänge, auf die es ankommt, schon vor sich gegangen. Die Seele selbst in ihrem geistigen Weben und Leben, sie prägt dasjenige, was sie tut, in das, sagen wir, Gehirn ein; das Gehirn strahlt in die Seele, die innerhalb des Leibes ist, dasjenige zurück, was die Seele selbst eingeprägt hat. Und nachdem die Seele eine Prägung gemacht hat ins Gehirn, verwandelt sich das Gehirn in ein spiegelndes Wesen, strahlt zurück die Prägung. Und die Seele, indem sie nur sich selbst lebt, empfindet dieses Prägen als Rot und Blau, oder C oder Cis. Die Seele ist es, die schon am Gehirn gearbeitet hat, bevor sie wahrnimmt. Die ganze Wahrnehmung ist eine Spiegelung, die dadurch zustande kommt, daß die Seele, bevor die Wahrnehmung zustande kommt, bereits am Leibe arbeitete.

[ 32 ] “Images are: they are the only thing that exists, and they know of themselves, in the manner of images; — images that float by without there being anything over which they float: images connected to one another through images... All reality is transformed into a wondrous dream without a life that is being dreamed, and without a mind that dreams it; into a ‘dream that is connected within a dream of itself.’” These words are not intended to lead people to mistakenly disregard the real world, in which their duties lie and in which their lives must unfold between birth and death; they are not meant to divert people from this world, but rather to draw their attention to the fact that one can awaken from ordinary consciousness — just as one awakens from dreaming consciousness — to a higher consciousness in the contemplative state. And in the contemplative state, one integrates the images of the sensory world that otherwise surround one into the spiritual world, which is now opened up to one in the manner described above. But then, when one thus experiences the spiritual world directly in the soul, one gains a new perspective on the relationship between spirit and matter. For then one comes to perceive this relationship between spirit and matter in the human being himself, in oneself. The awakened, contemplative consciousness—which has, as it were, stepped back from the human being and observes from the outside what the human being does in ordinary cognition—relates to the world differently than what Fechner called the “night vision.” This contemplative consciousness says to itself: Certainly, for everything that a human being thinks and feels—the things that bring them joy, the things they suffer—there are physical processes taking place within them between birth and death in ordinary physical life. A person experiences everything he experiences in his soul through the body, which reflects it back to him like a mirror; otherwise, he would know nothing of it. The body is there so that a person can develop an awareness of these experiences. But when a person thus steps back and truly recognizes himself through real, not imagined, self-observation, he arrives, through contemplation, at a different perspective than the “night view.” Then they come to say to themselves: Yes, in order for me to see the colors of the world, certain processes must take place in my nervous system, in my bodily apparatus; but when I see the blue, the red, when I hear the note C or C-sharp, the processes that matter have already taken place. The soul itself, in its spiritual activity and life, imprints what it does onto, let us say, the brain; the brain reflects back to the soul—which is within the body—that which the soul itself has imprinted. And after the soul has made an imprint on the brain, the brain transforms into a mirror-like entity, reflecting the imprint back. And the soul, by simply living as itself, perceives this imprint as red and blue, or C or C-sharp. It is the soul that has already been working on the brain before it perceives. The entire act of perception is a reflection that comes about because the soul was already working on the body before perception took place.

[ 33 ] Da blickt man nun hinein in ein Wesen des Menschen, das man nicht erkennen kann mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, das durchschaut werden kann nur mit dem schauenden Bewußtsein. Denn dem gewöhnlichen Bewußtsein enthüllt sich nur die Welt der Sinneswahrnehmung. Aber die gewöhnlichen Gedanken sind ja von der Sinneswahrnehmung abgezogen. Jetzt aber sieht man unter die Oberfläche der Sinneswahrnehmung; jetzt sieht man auf die Tätigkeit, die sonst unbewußt bleibt. Jetzt schaut man, wie die Seele in ein Verhältnis zum Stoffe tritt, wie Geist und Stoff zusammenwirken. Da allerdings stellt sich dieses Zusammenwirken von Geist und Stoff dem Schauenden in einer Weise dar, die zunächst frappierend, vielleicht sogar schockierend ist, es stellt sich so dar: Während der Mensch das durchlebt, was er durch die gewöhnliche physische Vererbung von Vater und Mutter erhält, lebt er in etwas, das sprießt und sproßt, das gewissermaßen in sich entfaltender Naturwirkung verläuft, das wie Entwickelung ist desjenigen, was aus irgendeinem Keim herausfließt und immer vollkommener und vollkommener werden will. Indem der Mensch beginnt, sein Seelisches zu entwickeln, das heißt, indem auf die geschilderte Weise die Seele als Geist in Beziehung, in Wechselwirkung tritt zum Stoff, der ihren Leib bildet, da vollführt die Seele im Vorstellen, im Empfinden, in dem ganzen gewöhnlichen seelischen Erleben fortwährend dasjenige, was ich nennen möchte Abbau. Wir können keine Empfindung, keine Vorstellung hegen, ohne daß dasjenige, was sonst sprießt und sproßt, bekämpft wird, zurückgedrängt wird, zerfallen gemacht wird von der Seele. Indem gewissermaßen die Seele das sprießende und sprossende Leben der Nerven zurückdrängt, bewirkt sie dasjenige, was dann spiegelt. Sagen wir, um vielleicht ein Unnötiges auszusprechen: Wenn die Seele Blau sieht, vollführt sie einen Prozeß, der aber eigentlich ein Zerstörungs-, ein Zerfallprozeß ist, in den Nerven. Dieser Prozeß bildet gleichsam die spiegelnde Fläche, die das Blau zurückstrahlt. So muß die Seele fortwährend das Stoffliche auflösen, zerfallen machen, das sich dann aber wieder herstellt entweder im gewöhnlichen Schlafe oder in dem Schlafe, der immer vorhanden ist, der auch das wache Leben begleitet, und wo das immer wieder hergestellt wird. Aber dasjenige, was sich enthüllt dem schauenden Bewußtsein in bezug auf das Verhältnis des Menschen zu Geist und Stoff, das zeigt uns, daß der Geist sich entwickelt, daß er zum Beispiel für den Menschen das geistige Bewußtsein entfaltet, indem eigentlich der Stoff fortwährend bekämpft wird, indem er fortwährend — wir können es geradezu aussprechen — zerstört wird. So sieht man auf einen Prozeß, der sonst unter der Schwelle des Bewußtseins bleibt, einen Prozeß, den diejenigen, die auch in der älteren Form der Geisteswissenschaft sich genaht haben, wohl gekannt haben; daher haben sie das Treten an die Pforte der geistigen Erkenntnis ein «Treten an die Pforte des Todes» genannt. Man sieht, was man den Tod nennt, das ist nicht bloß der einmalige Vorgang, den der Mensch am Ende seines Lebens durchmacht, sondern der Tod ist dasjenige, was fortwährend wirksam ist im Menschen, so wirksam, daß fortwährend das Lebendige bekämpft wird, daß der Tod immer sich vollzieht, in kleinen Teilwirkungen sich vollzieht. Und gerade indem der Tod von der Geburt oder sagen wir der Empfängnis des Menschen an arbeitet, so aber, daß seine Wirkung immer wieder ausgeglichen werden kann, arbeitet Leben und Tod in dem Menschen fortwährend ineinander. Und indem das Physische in seinem Wachstum in dieser Weise bekämpft wird von dem Seelischen, entwickelt sich das Geistige.

[ 33 ] Here one looks into an aspect of the human being that cannot be recognized by ordinary consciousness; it can be perceived only through contemplative consciousness. For ordinary consciousness reveals only the world of sensory perception. But ordinary thoughts are, after all, derived from sensory perception. Now, however, one sees beneath the surface of sensory perception; now one observes the activity that otherwise remains unconscious. Now one sees how the soul enters into a relationship with matter, how spirit and matter interact. However, this interaction of spirit and matter presents itself to the observer in a way that is at first startling, perhaps even shocking; it presents itself as follows: While a person experiences what they receive through the ordinary physical inheritance from their father and mother, they live within something that sprouts and shoots forth, that proceeds, as it were, through a natural process unfolding within itself, that is like the development of that which flows from some seed and strives to become ever more and more perfect. As a person begins to develop their soul life—that is, as the soul, in the manner described, enters into a relationship and interaction as spirit with the matter that forms their body—the soul continually carries out, in imagination, in feeling, and in the whole range of ordinary soul experience, what I would like to call “dissolution.” We cannot harbor any sensation or any idea without the soul combating, repressing, and causing the disintegration of that which would otherwise sprout and grow. By, so to speak, repressing the sprouting and growing life of the nerves, the soul brings about that which is then reflected. Let us say—perhaps to state the obvious—that when the soul sees blue, it carries out a process in the nerves that is, in fact, a process of destruction and disintegration. This process forms, as it were, the reflective surface that reflects the blue back. Thus, the soul must continually dissolve the material, causing it to disintegrate; yet it is then restored either during ordinary sleep or in the sleep that is always present—the sleep that also accompanies waking life—and where it is continually restored. But what is revealed to the observing consciousness regarding the relationship of the human being to spirit and matter shows us that the spirit develops—that it unfolds, for example, spiritual consciousness for the human being—by actually continually combating matter, by continually—we can say it outright—destroying it. Thus we see a process that otherwise remains below the threshold of consciousness—a process that those who have approached spiritual science in its earlier form have known well; hence they called the approach to the gateway of spiritual knowledge a “step toward the gateway of death.” One sees that what is called death is not merely the single event that a human being undergoes at the end of life, but rather death is that which is constantly at work within the human being—so effectively so that the living is continually being fought against, so that death is always taking place, unfolding in small, incremental effects. And precisely because death is at work from a person’s birth—or, let us say, from conception—yet in such a way that its effect can always be counterbalanced, life and death are constantly intertwined within the human being. And as the physical is thus counteracted in its growth by the soul, the spiritual develops.

[ 34 ] Dies ist eine Wahrheit, die allerdings überraschend ist, wenn man sie in ihrer ganzen Bedeutung erkennt. Das Physische entwickelt sich, indem es sprießt und sproßt; aber alles Sprießende und Sprossende ist auch unterworfen einer rückläufigen Entwickelung, einem Verfall. Dieser Verfall zeigt sich immer — nur im beschleunigten Prozeß im Tode —, wenn Bewußtsein, Selbstbewußtsein, kurz, wenn Geistigkeit sich entwickeln soll, was sich immer durchsetzend zeigen muß das Stoffliche. — So blickt eigentlich das schauende Bewußtsein fortwährend auf die Mitwirkung des Todes. Und der Tod ist die Grundlage, aus der sich gerade das Geistige der menschlichen Seele entwickelt; indem das Seelische dem Leben entgegentritt, muß es, um zum Geiste zu kommen, mit dem Tod im Leben tätig sein. Dann, wenn das schauende Bewußtsein diese innere Entdeckung gemacht hat, dann kann es, wenn die in den genannten Büchern geschilderten inneren Seelenmethodenfortgesetzt werden, weiter gelangen; dann kann es dahin gelangen, nicht nur im Geiste so sich zu wissen, daß es schaut, wie eigentlich die stofflichen Erscheinungen, die stofflichen Offenbarungen zustande kommen können, wie gewissermaßen der Tod wirkt in seinen Teilerscheinungen von Stunde zu Stunde, von Augenblick zu Augenblick, sondern es lernt die aus dem Leibe frei gewordene Seele nunmehr auch — und das liegt in geradem Fortschreiten in denjenigen Methoden, die angedeutet worden sind -, es lernt die Seele überblicken wie mit einem Blick dasjenige, was sich, nun nicht im Raume, sondern in der Zeit abspielt: Die Entfaltung des ganzen Lebens, wie da die Seele im Leiblichen arbeitet zwischen der Geburt oder Empfängnis und dem Tode. Natürlich nicht in den Einzelheiten — wie man nicht das Wetter überschaut für den kommenden Tag, wohl aber überschauen kann, daß die Sonne nach dem Untergehen am kommenden Tag wieder erscheinen wird. Dann wird dieSeele so frei, daß sie sich nicht nur unabhängig weiß von der Leiblichkeit, sondern daß sie allmählich aufsteigt dazu, sich auch unabhängig zu wissen von dem gewöhnlichen physischen Leben, das zwischen Geburt beziehungsweise Empfängnis und dem Tode verläuft. Sie weiß sich dannin demjenigen Zustand, in dem sie war, bevor sie durch die Geburt oder durch die Empfängnis eingetreten ist in dieses physische Leben. So wie der Mensch im physischen Leben den Raum überwindet, so überwindet dann die Seele die Zeit; sie lernt von einem Punkte, der vor der Geburt und Empfängnis liegt, in dem sie sich wiissend fühlt, das Leben überschauen; sie lernt dieses Leben als eine Einheit schauen, gewissermaßen das ganze Leben auf dem Hintergrund aber nun des dieses Leben abschließenden Todes. So wie der Mensch mit dem schauenden Bewußtsein dasjenige, was er in seinen Sinnen erlebt, auf der Grundlage von Zerfall- und AbbauProzessen in seinem Leibe sieht, wie ich es geschildert habe, so sieht nunmehr dieses anschauende Bewußtsein, indem es sich nicht nur vom Leibe entfernt, sondern auch vom Leibesleben freigemacht hat, das Leben wie auf dem Hintergrund des Todes. Aber dieser Tod erscheint nun nicht bloß mit seiner Oberfläche, wie er dem äußeren physischen Leben erscheint, sondern diese Oberfläche erscheint wie durchsichtig, und hinter dem Tode erscheint das geistige Leben. So wie hinter dem Zerstörungsprozeß des Leibes das Leben und Weben der Seele im Leibe erscheint, so erscheint der Geist des Universums, in den der Mensch aufgenommen wird, wenn er durch die Pforte des Todes tritt, hinter der Oberfläche des Todes. Dieser Tod ist gleichsam die Oberfläche. Dieser Tod hat ein Inneres. Durch den Tod sieht der Mensch hinein in das Leben und Weben des Geistes im Universum.

[ 34 ] This is a truth that is, however, surprising when one recognizes its full significance. The physical world develops by sprouting and growing; but everything that sprouts and grows is also subject to a reverse process of development—decay. This decay is always evident—though in an accelerated process in death—whenever consciousness, self-consciousness, in short, spirituality is to develop; for the material must always assert itself. —Thus, the observing consciousness is in fact constantly attuned to the interplay of death. And death is the foundation from which the very spirituality of the human soul develops; as the soul confronts life, it must, in order to attain the spirit, be active with death within life. Then, when the contemplative consciousness has made this inner discovery, it can—if the inner methods of the soul described in the aforementioned books are continued—proceed further; then it can reach a point where it not only knows itself in the spirit such that it perceives how material phenomena and material manifestations actually come about—how, so to speak, death works in its partial manifestations from hour to hour, from moment to moment—but it also learns to — and this lies in steady progress through the methods that have been indicated — the soul learns to survey, as with a single glance, that which unfolds, not in space but in time: the unfolding of the entire life, as the soul works within the physical body between birth or conception and death. Of course, not in every detail—just as one cannot foresee the weather for the coming day, but can foresee that the sun will rise again the next day after setting. Then the soul becomes so free that it not only knows itself to be independent of the physical body, but also gradually rises to the point of knowing itself to be independent of ordinary physical life, which unfolds between birth or conception and death. It then finds itself in the state in which it was before it entered this physical life through birth or conception. Just as a human being overcomes space in physical life, so the soul overcomes time; from a point that lies before birth and conception—in which it feels itself to be aware—it learns to survey life; it learns to view this life as a unity, so to speak, against the backdrop of death, which brings this life to a close. Just as a human being, with contemplative consciousness, perceives what they experience through their senses on the basis of processes of decay and dissolution in their body—as I have described—so now this contemplative consciousness, having not only distanced itself from the body but also freed itself from bodily life, perceives life as if against the backdrop of death. But this death now appears not merely in its superficial aspect, as it appears in external physical life; rather, this superficial aspect appears as if transparent, and behind death the spiritual life appears. Just as the life and activity of the soul within the body appear behind the process of the body’s decay, so too does the spirit of the universe—into which the human being is received when he or she passes through the gateway of death—appear behind the surface of death. This death is, as it were, the surface. This death has an inner reality. Through death, the human being looks into the life and activity of the spirit in the universe.

[ 35 ] Dann weiß sich der Mensch im Geiste stehend, und er weiß, wie er, nachdem er dieses Erdenleben zwischen Geburt und Tod durchlebt hat, wie er durch die Pforte des Todes schreitet, wie er aufgenommen wird von der geistigen Welt, so wie er bei dem gewöhnlichen Erwachen aufgenommen wird in seiner Seele von dem physischen Leibe. Er weiß, daß, wenn dieses Leibesleben von ihm abfällt, hinter der Pforte des Todes sich erhebt die geistige Welt. Er weiß, daß der Tod die Oberflächen-Erscheinung ist. Hinter dem Tod erscheint die geistige Welt; in der weiß sich der Mensch nun drinnen. Damit weiß der Mensch aber auch, daß dieses Leben, das er im Stoffe durchlebt, seinen Grund, seine Bedeutung für das ganze physische und geistige Leben, für das Gesamtleben des Menschen hat. Denn der Mensch weiß: Das, was er im Stoffe erlebt, bleibt in seinem Bewußtsein, und dieses Bewußtsein bleibt ihm - so wie die Gedanken in der Erinnerung des gewöhnlichen Lebens bleiben -, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist. Das Leben, das er im Leibe durchgemacht hat, lebt in seiner Seele weiter, und durch diese Rückschau auf dasjenige, was er sonst in seinem Leibe erlebt hat, bildet er sich die vorbereitenden Kräfte für nächste Erdenleben. Und so lernt der Mensch überschauen dasjenige, was man wiederholte Erdenleben nennen kann - eine Wahrheit der Geisteswissenschaft, von der dann im nächsten Vortrag gesprochen werden soll, wo von dem Schicksal der Seele gesprochen werden soll, und wo von dem, wozu ich heute gelangt bin, der Ausgangspunkt genommen werden soll. Ich will nur hinzufügen, daß der Mensch auf diese Weise durchaus nicht das Erdenleben als wesenlos, als bedeutungslos ansehen lernt. Sondern weil dasjenige, was er durchmachen muß, was er in sich aufnimmt in diesem Erdenleben, hineingetragen werden muß durch die Pforte des Todes in die geistige Welt, wo es wie eine Gesamterinnerung als Kraft in seiner Seele lebt, um durch die Ewigkeiten zu gehen, um neue Erdenleben zu zimmern, so lernt der Mensch durch die Geisteswissenschaft leben in der geistigen Welt. Und indem er also leben lernt in der geistigen Welt, zeigt sich, daß diese Erkenntnis noch eine andere Bedeutung hat:

[ 35 ] Then a person knows that he stands in the spirit, and he knows how, after having lived through this earthly life between birth and death, he passes through the gate of death and is received by the spiritual world, just as his soul is received by the physical body upon ordinary awakening. They know that when this physical life falls away from them, the spiritual world rises up beyond the gate of death. They know that death is the superficial appearance. Behind death, the spiritual world appears; within it, the human being now finds himself. With this knowledge, however, the human being also knows that this life he lives in the material world has its foundation and its significance for the entire physical and spiritual life—for the sum total of human existence. For the human being knows: What he experiences in the material world remains in his consciousness, and this consciousness remains with him—just as thoughts remain in the memory of ordinary life—once he has passed through the gate of death. The life they have lived in the body lives on in their soul, and through this looking back on what they have otherwise experienced in their body, they develop the preparatory forces for their next earthly life. And so the human being learns to survey what may be called repeated earthly lives—a truth of spiritual science that will be discussed in the next lecture, where the destiny of the soul will be addressed, and where the starting point will be what I have arrived at today. I would only like to add that, in this way, a person by no means learns to regard earthly life as insubstantial or meaningless. Rather, because what a person must go through, what they take in during this earthly life, must be carried through the gate of death into the spiritual world—where it lives as a collective memory, as a force within their soul, to journey through the eternities and to shape new earthly lives—thus, through spiritual science, a person learns to live in the spiritual world. And as they thus learn to live in the spiritual world, it becomes apparent that this insight has yet another significance:

[ 36 ] Gustav Theodor Fechner knüpft an die Betrachtung, die er über sein Sitzen im Rosental in Leipzig gemacht hat, noch eine andere an. Er sagt, er habe einmal mit demjenigen Wesen, das so viele Jahre mit ihm das Leben geteilt hat - er war damals in Saßnitz auf Rügen - einen Spaziergang nach Stubbenkammer durch die dort so wunderbaren Waldungen machen wollen; aber dasjenige Wesen, das mit ihm durch das Leben gegangen ist, das Leid und Freude mit ihm geteilt hat, wurde so müde, daß sie nicht mehr gehen konnte, und sie sagte: Ich muß dich allein gehen lassen, aber es wird ja bald eine Zeit kommen, wo du viel wirst ohne mich gehen müssen. Da sagte Fechner: Ach, vielleicht wird die Zeit auch so kommen, daß du ohne mich wirst gehen müssen. Aber denken wir nicht daran! — Und er ging durch die lauschigen Wälder auf dem Wege von Saßnitz nach Stubbenkammer, wo die Sonne durch die belaubten Bäume durchschien, wo alles schön und großartig war. Da bot sich ihm, wie er nicht dachte an das, was er «Nachtansicht» nannte, die ganze Schönheit der äußeren sinnlichen Welt dar. Da sagte er dann zum Schluß etwas, was so tief zu Herzen gehen kann: Die Wahrheit zeigt sich da auch in ihrer Schönheit. Und man ahnt, daß diese Sinneswelt, in der Seele die Seele kennenlernt, Seele der Seele nahetritt, nicht dazu da ist, um ausgelöscht zu werden von der finsteren und tonlosen Stoffeswelt, in die der Mensch verfallen müßte, wenn all dasjenige, was er als Farbe und Ton erlebt, nur wie ein Schein herausleuchten würde aus solcher immer-dauernden Nacht; sondern es ahnt der Mensch, wie diese Sinneswelt zwar die Schicksale zwischen den Menschen spinnt, aber sie so spinnt, daß, wenn diese Sinneswelt hinweggenommen wird, dann der Mensch die letzten Schranken fallen sieht, die Seele von Seele trennen, so daß er hoffen darf: Wenn die Leibeshüllen abgeworfen sind, wird Seele mit Seele in inniger Gemeinschaft leben. — Da erweitert sich das wissenschaftliche Anschauen bei Fechner zur Vermutung, zur verstärkten Vermutung von dem Zusammensein der Seelen in der geistigen Welt, nachdem sie durch die Pforte des Todes geschritten sind.

[ 36 ] Gustav Theodor Fechner adds another reflection to the one he made while sitting in the Rosental in Leipzig. He says that once—while he was in Saßnitz on Rügen—he wanted to take a walk with the person who had shared his life for so many years to Stubbenkammer through the wonderful woods there; but that person, who had walked through life with him and shared both sorrow and joy, became so tired that she could no longer walk, and she said: “I must let you go alone, but the time will soon come when you’ll have to walk a great deal without me.” Then Fechner said: “Ah, perhaps the time will also come when you’ll have to walk without me.” But let’s not think about that!”—And he walked through the secluded woods on the path from Saßnitz to Stubbenkammer, where the sun shone through the leafy trees, where everything was beautiful and magnificent. There, in a way he hadn’t anticipated—what he called a “night vision”—the full beauty of the external, sensory world presented itself to him. And then, finally, he said something that can touch the heart so deeply: “Truth also reveals itself there in its beauty.” And one senses that this sensory world—in which the soul comes to know itself, in which soul draws near to soul—is not meant to be extinguished by the dark and soundless material world into which humanity would be cast if all that it experiences as color and sound were merely a glow emerging from such an everlasting night; but rather, one senses how this sensory world, while weaving the fates between human beings, does so in such a way that, if this sensory world were to be taken away, one would see the final barriers separating soul from soul fall away, so that one may hope: When the physical shells have been cast off, soul will live in intimate communion with soul. — Here, Fechner’s scientific perspective expands into a conjecture—a strengthened conjecture—regarding the coexistence of souls in the spiritual world after they have passed through the gate of death.

[ 37 ] Durch die Geisteswissenschaft wird Fechners Vermutung, man darf sagen, zu einer Gewißheit, die nicht gesucht wird — denn die Geisteswissenschaft darf nicht nach Gefühlen gehen —, die aber als objektive Wahrheit sich ergibt. Der Mensch weiß sich in der geistigen Welt; er weiß, daß diese leibliche Hülle ihn zwischen Geburt und Tod umgibt, damit er in die geistige Welt hineinbringen kann, was er nur in dieser Hülle sich aneignen kann. Er weiß, daß das Leben in dieser physischen Welt da ist, daß Seele an Seele gebracht wird, daß aber mit dem Wegfall der Hülle wirklich Seele zu Seele in ein Verhältnis tritt, das rein geistig ist. So lernt sich der Mensch mit dem Menschen kennen, mit allem, was ihn umgibt, in der Sinneswelt stehend als in einer Vorstufe zur geistigen Welt; er lernt die Notwendigkeit der physischen Welt kennen, aber er lernt auch die Wirklichkeit der geistigen Welt kennen. Und das, was Fechner ahnte, was er vermutete, was er ersehnte, was er mit den besten Geistern des naturwissenschaftlichen Zeitalters von der zur Geisteswissenschaft entwickelten Naturwissenschaft erhofft, das soll die Geisteswissenschaft erfüllen. Und so möchte man, daß Geisteswissenschaft wahr machte das Fechnerwort, das aber nicht bloß aus seiner Seele, das aus vielen hoffenden, Geisterkenntnis hoffenden Seelen herausgesprochen ist:

[ 37 ] Through spiritual science, Fechner’s conjecture becomes, so to speak, a certainty that is not sought—for spiritual science must not be guided by feelings—but which emerges as objective truth. Human beings know they exist in the spiritual world; they know that this physical body surrounds them between birth and death so that they may bring into the spiritual world what they can only acquire while within this body. They know that life in this physical world exists, that soul is brought into contact with soul, but that with the shedding of the body, souls truly enter into a relationship that is purely spiritual. In this way, human beings come to know one another, and everything that surrounds them, while standing in the sensory world as a preliminary stage to the spiritual world; they come to understand the necessity of the physical world, but they also come to understand the reality of the spiritual world. And what Fechner sensed, what he surmised, what he longed for—what he hoped for, together with the finest minds of the age of natural science, from natural science developed into spiritual science—that is what spiritual science is to fulfill. And so one would like spiritual science to bring to life Fechner’s words, which were spoken not merely from his own soul, but from many hopeful souls yearning for spiritual knowledge:

[ 38 ] «In der Tat ist mein Glaube, daß, so sicher alsauf dieNacht der Tag, auf jene Nachtansicht der Welt dereinst eine Tagesansicht folgen wird, die, statt sich in Widerspruch mit der natürlichen Ansicht der Dinge zu stellen, vielmehr damit unterbauen, und darin den Grund zu einer neuen Entwickelung der Dinge finden wird. Denn, schwindet jene Illusion, welche den Tag in Nacht verkehrt, so wird natürlicherweise alles Verkehrte, was damit zusammenhängt, und es ist viel, mit schwinden müssen, und die Welt in neuem Zusammenhange, in neuem Lichte, unter neuen positiven Gesichtspunkten erscheinen.»

[ 38 ] “Indeed, it is my belief that, as surely as night follows day, that nocturnal view of the world will one day be followed by a diurnal view which, rather than contradicting the natural view of things, will instead reinforce it and find therein the foundation for a new development of things. For when that illusion—which turns day into night—fades away, everything that is inverted in connection with it—and there is much of it—will naturally have to fade away as well, and the world will appear in a new context, in a new light, and from new positive perspectives.”

[ 39 ] Indem Fechner seinen vermutenden Blick nach dieser Welt richtet, für die wir Erfüllung erhoffen durch die Geisteswissenschaft, spricht er davon, wie er sich wirklich am Ausgangspunkte fühlt, nicht am Ende. Und, ich möchte sagen, er sagt dann, wie die Geisteswissenschaft vorahnend, bekräfligend:

[ 39 ] By turning his contemplative gaze toward this world—for which we hope to find fulfillment through spiritual science—Fechner speaks of how he truly feels at the starting point, not at the end. And, I would say, he then describes how spiritual science, in a prescient and reassuring way:

[ 40 ] «Nun ist Klarheit das Letzte in diesen Dingen, das Letzte aber wird auch die Klarheit sein.»

[ 40 ] “Now clarity is the last thing in these matters, but clarity will also be the last thing.”

[ 41 ] Und die Klarheit für das geistige Leben, und damit die Sicherheit im Geiste, will Geisteswissenschaft der Menschheit bringen.

[ 41 ] And spiritual science seeks to bring clarity to spiritual life—and thus spiritual certainty—to humanity.