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The Rudolf Steiner Archive

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The Essence of Christianity
GA 68a

15 April 1903, Weimar

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The Essence of Christianity, tr. SOL
  1. Über das Wesen des Christentums

1. Die Theosophie Und Die Fortbildung Der Religionen (Die Bibel-Babel-Frage)

1. Theosophy and the Evolution of Religions (The Bible-Babel Question)

I. Bericht in der «Weimarischen Zeitung» vom 17. April 1903

I. Article in the “Weimarische Zeitung” from April 17, 1903

[ 1 ] Vor zahlreich erschienenem Publikum fand gestern Abend im Saale der «Erholung» der Vortrag des Herrn Dr. Rudolf Steiner, Berlin, über «Die Theosophie und die Fortbildung der Religionen» (Die Bibel-Babel-Frage) statt als erster der drei angekündigten Vorträge. In fesselnder Weise verbreitete sich der Redner eingangs über die Entstehung der Gottesweisheit (Theosophie), die durch die aufsehenerregende Schrift Adolf Harnacks: «Das Wesen des Christentums» und die weltbekannt gewordenen Vorträge Friedrich Delitzschs in nicht zu unterschätzender Weise in den Vordergrund getreten sei, da sie es als ihre vornehmste Aufgabe betrachte, das vergleichende Studium der Religionen, Philosophien und Wissenschaften zu fördern. Die sich aus den unermüdlichen Forschungen der Wissenschaft, an der Hand des Natürlichen in die göttlichen Rätsel einzudringen, und aus Grundsätzen wie dem Harnacks: Radikale Abweisung aller wissenschaftlichen Eingriffe in die Religion, ergebenden Gegensätze auszugleichen, sei die Theosophie berufen, deren Wesen nie Kampf und Streit, sondern immer nur Erklärung und Erfüllung, die Erklärung und Deutung der Sinnbilder des Erkennens, die Erfüllung und Vollendung der Aufgaben des Wollens sei. Und wer ist Theosoph? Jeder, der in den Wundern, die sich unzweifelhaft in dem kleinsten und unscheinbarsten Geschöpf bis zum Mikrokosmos, dem vollkommensten Wunder unseres eigenen Ichs offenbaren, die lebendigen Bande des ihn führenden Meisters empfindet, die ihn zu dem Göttlichen, Ewigen heranziehen. - Die Erkenntnis der Theosophie greift bis in die ältesten Überlieferungen aller Kulturvölker zurück, sich ausprägend in dem Bewusstsein unseres eigenen göttlichen Wesens, in dem Bewusstsein unserer Unsterblichkeit und in dem Bewusstsein des Zieles unseres Strebens, in der göttlichen Vollendung. Dieses dreifache Bewusstsein finden wir schon in der ältesten Urkunde unserer Rasse, in der der Ägypter, in den Überlieferungen der Chaldäer und in den mosaischen Traditionen des Alten Testaments, selbst bei den Chinesen und sogar in den Naturphilosophen heutiger wilder Völker. Aber auch im Homer schon und den Dichtungen des klassischen Altertums, in den altgermanischen Sagen wie auch in idealster Ausprägung in der Urschrift des Christentums, im Neuen Testament, haben wir diese theosophische Erkenntnis. — Und im Sinne dieser Erkenntnis betrachteten es die Vertreter der Theosophie als Pflicht, ohne jemand seiner Religion zu entfremden, jeden anzuspornen, in den Tiefen der Religion nach der geistigen Nahrung zu suchen, die für ihn unumgänglich notwendig ist. Ein jeder bringe der Religion des anderen, ob Freund ob Feind, die Achtung entgegen, die er für seine eigene Religion beansprucht. Mit dem bedeutungsvollen Zitat: «Wer Kunst und Wissenschaft hat, hat Religion; wer diese beiden nicht hat, habe Religion», schloss der Vortragende seine mit größter Aufmerksamkeit aufgenommenen, überaus interessanten 1½-stündigen Ausführungen, deren ganzen Inhalt wiederzugeben uns leider der Raum mangelt. — Die nächsten Vorträge finden Freitag respektive Montag statt.

[ 1 ] Last night, before a large audience in the “Erholung” hall, Dr. Rudolf Steiner of Berlin delivered a lecture on “Theosophy and the Evolution of Religions” (The Bible-Babel Question), the first of three announced lectures. In a captivating manner, the speaker began by discussing the origins of divine wisdom (theosophy), which had come to the forefront in a way that should not be underestimated through Adolf Harnack’s sensational work: The Essence of Christianity and Friedrich Delitzsch’s world-renowned lectures, had come to the fore in a way that should not be underestimated, since it regards the promotion of the comparative study of religions, philosophies, and sciences as its foremost task. Theosophy is called upon to reconcile the contradictions arising from science’s tireless efforts to penetrate the divine mysteries through the natural world, and from principles such as Harnack’s: radical rejection of all scientific interference in religion—Theosophy is called upon to reconcile these opposing forces. Its essence is never struggle or strife, but always and only explanation and fulfillment: the explanation and interpretation of the symbols of knowledge, and the fulfillment and completion of the tasks of the will. And who is a Theosophist? Anyone who, in the wonders that are unquestionably revealed in even the smallest and most inconspicuous creature—up to the microcosm, the most perfect wonder of our own self—perceives the living bonds of the Master who guides him, drawing him toward the Divine and the Eternal. - The knowledge of Theosophy reaches back to the most ancient traditions of all civilized peoples, manifesting itself in the awareness of our own divine nature, in the awareness of our immortality, and in the awareness of the goal of our striving: divine perfection. We find this threefold awareness already in the oldest records of our race—in the writings of the Egyptians, in the traditions of the Chaldeans, and in the Mosaic traditions of the Old Testament—even among the Chinese and even in the natural philosophers of today’s primitive peoples. But we also find this theosophical insight in Homer and the poetry of classical antiquity, in the Old Germanic sagas, and—in its most ideal form—in the original text of Christianity, the New Testament. — And in the spirit of this insight, the proponents of Theosophy regarded it as their duty—without alienating anyone from their religion—to encourage everyone to seek, in the depths of religion, the spiritual nourishment that is absolutely essential for them. Let everyone show the religion of others—whether friend or foe—the same respect that they demand for their own religion. With the meaningful quote: “Whoever has art and science has religion; whoever lacks these two should have religion,” the speaker concluded his extremely interesting 1½-hour presentation, which was received with the utmost attention; unfortunately, we lack the space to reproduce its entire content. — The next lectures will take place on Friday and Monday, respectively.

II. Bericht in «Deutschland», Zweites Blatt, vom 17. April 1903

II. Report in “Deutschland”, Second Edition, April 17, 1903

[ 2 ] Der Generalsekretär der «Theosophischen Gesellschaft für Deutschland», Herr Dr. Steiner — Berlin, hielt am Mittwochabend einen einleitenden Vortrag über die geistige und geschichtliche Bedeutung der Theosophie. Diesem ersten Vortrage werden sich zwei weitere anschließen, die am Freitag, dem 17. April, und Montag, dem 20. April, gehalten werden. Herr Dr. Steiner, der als fesselnder Redner bekannt ist, ging eingangs seines Vortrags von dem Grundsatze aus, dass die theosophische Bewegung darin ihre Berechtigung fände, dass sie sich das Ziel gestellt habe, die vielen Rätsel, die das Dasein des Menschen umgeben, sowie die Unklarheit über ein etwa nach dem Tode erfolgendes Fortleben zu lösen. Die Theosophie wolle keinem Menschen seine Religion nehmen, sondern nur anregen, in der Religion zu forschen und zu suchen nach der geistigen Nahrung, deren jeder Mensch bedarf. Im weiteren Verlauf des Vortrages führte Herr Dr. Steiner aus, dass der Gedanke der Theosophie alle Kulturreligionen beherrsche, wie überhaupt der Gottgedanke bei fast sämtlichen Kulturvölkern der alten Zeit ein fast gleichmäßiger war. Die Darstellung des Sündenfalles, wie wir ihn im alten Testament finden, entspricht gleichzeitig der Darstellung der Chinesen, der Ägypter, Babylonier, sogar der Azteken in Mexiko, ebenso finden wir in der griechischen Geschichte wie in unserer altgermanischen Edda dieselben Überlieferungen des Gottgedankens. Das Bewusstsein dieses Gottgedankens lebte in allen Völkern zu allen Zeiten, jedes Volk deutete sich seinen Gott auf seine Art, erst mit der materiellen Fortentwicklung der Kultur wird die Vertiefung dieses Bewusstseins zum Mysterium Eingeweihter. Redner erklärte, man dürfe sich nicht jenen anschließen, denen die Forschung auf Gebieten der Religion immer ein Gruseln verursache, es sei die Pflicht der Gelehrtenwelt, immer tiefer in die Naturwissenschaften einzudringen. Herz und Kopf könnten sehr wohl zusammen das richtige Wesen der Religion erforschen, und auch die in letzter Zeit so berechtigtes Aufsehen erregenden Forschungen des Professors Delitzsch seien ein großer Schritt zur Aufklärung. Jedenfalls dürfte man sich nicht einer Bewegung entgegenstellen, die eventuell geneigt sei, eine ganz neue Weltanschauung hervorzurufen. Die drei Zwecke, die die Theosophie verfolge, seien erstens: den Kern zu einer brüderlichen Geistesgemeinschaft zu bilden, die sich über die ganze Menschheit, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Gesellschaftsklasse, der Nationalität und des Geschlechts erstreckt; zweitens das vergleichende Studium der Religionen, Philosophien und Wissenschaften zu fördern; drittens die noch unerklärten Naturgesetze und die im Menschen schlummernden Kräfte zu erforschen. — Wenn auch die Theosophie allen schon vorgenannten Kulturreligionen zugrunde liegt, so habe sie doch etwas an sich, was sie von allen Religionen als verschiedenen Kultusformen unterscheide. Jede von ihnen lege auf ihre ganz besondere Ausgestaltung der Weisheit das Gewicht. Die theosophische Bewegung aber habe zu allen Zeiten nur den gemeinsamen Grundkern betont, der in allen Menschen das gleiche Streben und die gleiche Erkenntnis fördert. Vor allen Dingen stehe sie im Gegensatz zu der materialistischen Schulwissenschaft, und zwar nicht allein zur Naturwissenschaft, sondern auch zur Geschichts- und Sprachwissenschaft. Die beiden Weltanschauungen, die sich gegenüberstehen, seien die innerliche und die äußerliche, die geistige und die sinnliche. Redner erklärte noch, dass dieser Vortrag gewissermaßen als Einleitung zu betrachten sei. Jedenfalls gewähre die Theosophie einen wirksamen Schutz gegen die Zwillingsfeinde des Kulturmenschen, den Aberglauben und den Materialismus; der läuternde und veredelnde Einfluss dieser Bewegung würde nicht ausbleiben. Der äußerst anregende, interessante Vortrag nahm etwa 1½ Stunden in Anspruch.

[ 2 ] The Secretary-General of the “Theosophical Society for Germany,” Dr. Steiner—Berlin—gave an introductory lecture on Wednesday evening on the spiritual and historical significance of theosophy. This first lecture will be followed by two more, to be held on Friday, April 17, and Monday, April 20. Dr. Steiner, who is known as a captivating speaker, began his lecture by stating the principle that the Theosophical Movement finds its justification in the fact that it has set itself the goal of resolving the many mysteries surrounding human existence, as well as the uncertainty regarding the possibility of life after death. Theosophy does not seek to take away anyone’s religion, but only to encourage people to explore their religion and seek the spiritual nourishment that every human being needs. As the lecture progressed, Dr. Steiner explained that the idea of Theosophy pervades all civilized religions, just as the concept of God was virtually uniform among almost all civilized peoples of antiquity. The account of the Fall, as we find it in the Old Testament, corresponds to the accounts of the Chinese, the Egyptians, the Babylonians, and even the Aztecs in Mexico; likewise, we find the same traditions of the concept of God in Greek history as in our ancient Germanic Edda. Awareness of this concept of God has existed among all peoples throughout the ages; each people interpreted its God in its own way. It was only with the material advancement of culture that the deepening of this awareness became a mystery reserved for the initiated. The speaker explained that one should not side with those for whom research in the realm of religion always causes a sense of dread; it is the duty of the scholarly community to delve ever deeper into the natural sciences. The heart and the mind could very well work together to explore the true nature of religion, and even the research of Professor Delitzsch—which has recently caused such justified a stir—constitutes a major step toward enlightenment. In any case, one should not oppose a movement that might eventually give rise to an entirely new worldview. The three objectives pursued by Theosophy are, first: to form the nucleus of a fraternal spiritual community extending across all of humanity, without distinction of race, religion, social class, nationality, or gender; second, to promote the comparative study of religions, philosophies, and sciences; and third, to investigate the as-yet-unexplained laws of nature and the powers lying dormant within human beings. — Even though theosophy underlies all the aforementioned cultural religions, it nevertheless possesses something that distinguishes it from all religions as distinct forms of worship. Each of them places emphasis on its own very particular expression of wisdom. The Theosophical Movement, however, has at all times emphasized only the common core that fosters the same aspiration and the same knowledge in all human beings. Above all, it stands in contrast to materialistic academic science—not only to the natural sciences, but also to the historical and linguistic sciences. The two opposing worldviews are the inner and the outer, the spiritual and the sensual. The speaker went on to explain that this lecture should be regarded, in a sense, as an introduction. In any case, theosophy provides effective protection against the twin enemies of civilized humanity—superstition and materialism—and the purifying and ennobling influence of this movement would not fail to materialize. The extremely stimulating and interesting lecture lasted about 1½ hours.