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The Essence of Christianity
GA 68a

23 January 1905, Hamburg

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The Essence of Christianity, tr. SOL
  1. Über das Wesen des Christentums

11. Über das Wesen des Christentums

11. On the Essence of Christianity

[ 1 ] Die Vertreter der theosophischen Weltanschauung haben einen harten Stand. Man macht dieser Weltanschauung den Vorwurf, dass sie Unmögliches behaupte, wenn sie sagt, dass sie den Anspruch erhebt, eine Vertiefung zu bringen für die Religion, die Wissenschaft, die Philosophie und die Ethik. Da liegt die Frage nahe: Vertieft denn die theosophische Weltanschauung auch das Verständnis, die Auffassung vom Christentum?

[ 1 ] The proponents of the theosophical worldview face an uphill battle. This worldview is accused of making impossible claims when it asserts that it can provide a deeper understanding of religion, science, philosophy, and ethics. This naturally raises the question: Does the Theosophical worldview also deepen our understanding and perception of Christianity?

[ 2 ] Es ist der theosophischen Weltanschauung ganzer, voller Ernst damit, den Wesenskern aller Religionen herauszufinden, den springenden Punkt, der jedem Herzen Nahrung gibt, in welchem die einheitliche Wahrheit aller Religionen vorhanden ist. Wie sollte es da möglich sein, dass die Religion, durch welche eine Umwälzung der ganzen Kulturströmung erfolgt ist — das Christentum —, verkleinert würde durch die Theosophie? Im Gegenteil, die Theosophie öffnet uns den Einblick in die tieferen Wahrheiten desselben. Es wird der Theosophie vorgeworfen, sie sei Buddhismus. Es ist wahr, sie [hat] wohl zuerst den Wesenskern in dieser Religion besonders gefunden; aber je tiefer die Forscher in der vergleichenden Religionsforschung vorgedrungen sind, desto tiefer haben sie auch die Wahrheiten des Christentums erfasst. Davon legen Zeugnis ab die Bücher «Esoterisches Christentum» von Annie Besant und «Das Christentum als mystische Tatsache» von Rudolf Steiner. Das Christentum hat einen harten Kampf zu bestehen. Der Materialismus, dessen Hochflut sich in den Siebzigerjahren [des neunzehnten Jahrhunderts] ergoss, hat die Menschen von der Kirche fortgetrieben. Andererseits führt die Theosophie wieder zum Christentum zurück. In eigenartiger Weise wird der wissenschaftliche Geist, der sich in dem landläufigen Christentum nicht befriedigt fühlte und dadurch abgestoßen wurde, durch die theosophischen Erklärungen beruhigt, kehrt wieder zu demselben zurück und fängt an, es zu verstehen.

[ 2 ] The Theosophical worldview is entirely and earnestly committed to discovering the essence of all religions—the crux that nourishes every heart, in which the unified truth of all religions is present. How, then, could it be possible that the religion through which a revolution in the entire cultural current has taken place—Christianity—would be diminished by theosophy? On the contrary, theosophy opens our eyes to the deeper truths of that very religion. Theosophy is accused of being Buddhism. It is true that it [theosophy] may well have first identified the essential core of this religion in particular; but the deeper researchers in comparative religion have delved, the more deeply they have also grasped the truths of Christianity. The books Esoteric Christianity by Annie Besant and Christianity as a Mystical Fact by Rudolf Steiner bear witness to this. Christianity has a hard struggle ahead. Materialism, whose floodwaters surged in the 1870s, drove people away from the Church. On the other hand, Theosophy leads back to Christianity. In a peculiar way, the scientific mind—which was dissatisfied with conventional Christianity and was consequently repelled by it—is reassured by theosophical explanations, returns to Christianity, and begins to understand it.

[ 3 ] Es ist nützlich, zuerst die Grundlagen der Religion in den alten indischen, ägyptischen, griechischen, jüdischen Religionen zu studieren und dann erst zur christlichen zu kommen. Da wird man finden, dass die Symbolik zu allen Zeiten dieselbe war, dass der Geist zu allen Zeiten Antwort gegeben hat auf die Fragen der derzeit lebenden Menschheit. Die Theologie der letzten Zeit ist nicht imstande, den rechten Geist des Christentums zu erschließen, da sie zu sehr im Materialismus versunken ist. Die Aufschlüsse, die sie gibt, sind unbefriedigend für den religiösen und den wissenschaftlichen Geist. Andere sagen: Die Lehre, die es bringt, sagt nichts Neues, ganz dasselbe ist zu allen Zeiten gelehrt worden. Von anderer Seite wiederum wird betont, dass es im Christentum hauptsächlich ankomme auf die Person des Gründers dieser Religion. Das ist richtig. Vergleichen wir die anderen Religionsstifter mit Ihm. Nehmen Sie Buddha und so weiter, Moses, Mohammed. Ihre Lehren waren zum Teil gleich erhaben, aber ihre Person wollten sie nicht verehrt wissen: sie betrachteten sich nur als Boten, die berufen waren, überirdische Wahrheiten der Welt zu verkündigen. Christus sollte etwas anders [betrachtet werden]. Nicht auf das, was er gelehrt hat, kommt es an. Er selbst hat nichts von seinen Lehren aufgeschrieben, und in den Lehren, die uns von seinen Jüngern überliefert sind, ist nichts wirklich Neues enthalten - und doch etwas ganz anderes: Er selbst ist der Mittelpunkt der religiösen Bekenntnisse.

[ 3 ] It is helpful to first study the fundamentals of religion in the ancient Indian, Egyptian, Greek, and Jewish religions, and only then to turn to Christianity. There one will find that the symbolism has remained the same throughout the ages, and that the Spirit has always provided answers to the questions of the people living at that time. Recent theology is unable to grasp the true spirit of Christianity, since it is too deeply mired in materialism. The insights it provides are unsatisfactory for both the religious and the scientific mind. Others say: The doctrine it presents says nothing new; the very same thing has been taught throughout the ages. From another perspective, it is emphasized that in Christianity, what matters most is the person of the founder of this religion. That is correct. Let us compare the other founders of religions with Him. Take Buddha and so on—Moses, Muhammad. Their teachings were, in part, equally sublime, but they did not want their persons to be worshiped: they regarded themselves merely as messengers called to proclaim supernatural truths to the world. Christ should be viewed somewhat differently. It is not what he taught that matters. He himself wrote down none of his teachings, and the teachings handed down to us by his disciples contain nothing truly new—and yet something entirely different: he himself is the center of religious creeds.

[ 4 ] Die wissenschaftliche Begründung des Unterschiedes des Christentums von den anderen großen Religionen ist erst möglich durch theosophisch-wissenschaftliche Studien. In alten christlichen Zeiten gab es christliche Geheimschulen, wo die tieferen Geheimnisse des Reiches Gottes gelehrt wurden. Diese esoterischen Schulen standen der exoterischen Verkündigung des Christentums, die für die Uneingeweihten bestimmt war, zur Seite. Dass es damals Männer gab, die mit höherem Wissen ausgerüstet waren, das bezeugen uns die Schriften der ersten Kirchenlehrer und -väter.

[ 4 ] The scientific justification for the distinction between Christianity and the other major religions is only possible through theosophical-scientific studies. In early Christian times, there were Christian mystery schools where the deeper mysteries of the Kingdom of God were taught. These esoteric schools complemented the exoteric proclamation of Christianity, which was intended for the uninitiated. The writings of the early Church teachers and Fathers attest to the fact that there were men at that time who possessed higher knowledge.

[ 5 ] Heute wird vielfach betont, Jesus von Nazareth sei der schlichte Mann gewesen, der es verstanden habe, volkstümlich mit der Menge zu reden. Auch in Bezug auf Paulus wird von theologischer Seite betont, dass er aus einer elementaren Urkraft heraus geredet habe. Schlichtheit und Schlichtheit ist zweierlei. Der eine redet schlicht, weil er selbst ein schlichter Mensch ist, der nicht mehr zu geben hat. Eine andere Schlichtheit ist die eines Weisen, der sie sich wiedererrungen hat, nachdem er in alle Tiefen der Weisheit eingedrungen ist und sich dabei die Schlichtheit bewahrt hat. Am Schluss, am Ziel verwandelt sich die ganze Weisheit in Schlichtheit, schließlich redet man schlicht. Diese zweite Weise zu reden hat eine magische Kraft. Überzeugen Sie sich selbst. Lesen Sie Clemens von Alexandrien oder Origenes — so redet nur der, welcher die Dinge kennt, die nicht aus dieser Welt sind. Und das haben sie dem höheren Wissen zu verdanken, das sie in den Geheimschulen gelernt hatten; da lernt man schlicht sprechen. Jetzt ist der Mensch erfüllt von der Zauberkraft, die Kopf und Herz mit spirituellem Leben, mit dem Feuer des Geistes erfüllt.

[ 5 ] Today, it is often emphasized that Jesus of Nazareth was a simple man who knew how to speak to the crowds in a down-to-earth way. Theologians also emphasize, with regard to Paul, that he spoke from a primal, elemental force. But there are two kinds of simplicity. One speaks simply because he himself is a simple person who has nothing more to offer. Another kind of simplicity is that of a wise person who has regained it after delving into all the depths of wisdom while preserving his simplicity. In the end, at the goal, all wisdom is transformed into simplicity; ultimately, one speaks simply. This second way of speaking possesses a magical power. See for yourself. Read Clement of Alexandria or Origen—only those who know things that are not of this world speak in this way. And they owe this to the higher knowledge they acquired in the mystery schools; there, one learns to speak simply. Now the person is filled with the magical power that fills the mind and heart with spiritual life, with the fire of the Spirit.

[ 6 ] Und diese Erleuchteten, die uns unter verschiedenen Namen bekannt sind — besonders unter dem Namen der Gnostiker —, verwendeten alle Weisheit, die sie erlangt [hatten], ihr ganzes Wissen auf die Beantwortung der einen Frage: das Rätsel des Christentums zu lösen. In diesen Geheimschulen wurden alle Wissenschaften gelehrt, die Naturwissenschaften sowohl wie die Mathematik und so weiter. Und am Gipfel des Studiums wurde das ganze Arsenal verwendet auf die Beantwortung der Frage: Welche Bedeutung hat die Erscheinung Jesu Christi? — Es wurde alles aufgeboten, um dies zu erklären. Und heute hält man nichts für zu einfach und schlicht, um dies zu erklären. Damals, wo man der Quelle noch so viel näher war, fand man nichts zu hoch, um die Tiefen des Geheimnisses zu erfassen. Und das zu lösende Rätsel gipfelt in der Frage: Wer war denn eigentlich dieser Jesus Christus? — Damals empfand man, man musste reif sein, um zu verstehen; man müsse mit dem endgültigen, abschließenden Urteil warten, um es nicht ohne Weisheit zu fällen. Erst muss man die Weisheit im Kopf und im Herzen haben, die die Vernunft erleuchtet und sie befähigt, ein klares Verständnis zu erlangen.

[ 6 ] And these enlightened ones, known to us by various names—especially as Gnostics—applied all the wisdom they had attained, all their knowledge, to answering a single question: to solve the mystery of Christianity. In these secret schools, all sciences were taught—the natural sciences as well as mathematics and so on. And at the pinnacle of their studies, their entire arsenal was devoted to answering the question: What is the significance of the appearance of Jesus Christ?—Everything was brought to bear to explain this. And today, nothing is considered too simple or too plain to explain this. Back then, when people were still so much closer to the source, nothing was considered too lofty to fathom the depths of the mystery. And the mystery to be solved culminates in the question: Who, then, was this Jesus Christ? — Back then, people felt one had to be mature to understand; one had to wait before rendering a final, conclusive judgment, so as not to pass it without wisdom. First, one must possess the wisdom in mind and heart that enlightens reason and enables it to attain a clear understanding.

[ 7 ] Die materialistische Weltanschauung ist nicht imstande, in das Wesen des Christentums einzudringen. Mit dem bloßen Glauben an das geschriebene Wort, das der historisch-kritischen Forschung unterworfen ist, diesen Urkunden des Christentums, ist es unmöglich, bis zu Christus durchzudringen. Die drei ersten Evangelien, die uns die Geschichte des Jesus von Nazareth bringen, sind erst lange, lange nach seinem Opfertode geschrieben. Jahrhunderte waren seitdem verflossen. Aus der Zeit, [in der] Jesus lebte, ist uns nichts aufbewahrt worden. Warum nicht? Weil es auf die einzelnen Tatsachen zunächst nicht ankommt; die sind nicht von so hervorragender Bedeutung. Wenn es uns nicht möglich ist, auf diese Weise, durch Ergründung der Tatsachen die Frage zu lösen - wie kommen wir dann überhaupt zu einer Lösung des Rätsels?

[ 7 ] The materialistic worldview is incapable of penetrating the essence of Christianity. Through mere faith in the written word—which is subject to historical-critical scholarship—these documents of Christianity, it is impossible to penetrate to the very heart of Christ. The first three Gospels, which recount the story of Jesus of Nazareth, were written long, long after his sacrificial death. Centuries had passed since then. Nothing has been preserved from the time [in which] Jesus lived. Why not? Because the individual facts are not what matters in the first place; they are not of such outstanding importance. If we cannot resolve the question in this way—by examining the facts—how, then, can we possibly arrive at a solution to the mystery?

[ 8 ] Es gibt noch eine andere Möglichkeit, bis zu Jesus von Nazareth vorzudringen. Es gibt Urkunden, welche die Seele findet, wenn sie die Geheimnisse der Natur kennenlernt. Dies bezeugen alle Mystiker. So wird uns berichtet, dass jemand Johann Ruysbroek — einem berühmten Mystiker aus dem vierzehnten Jahrhundert — auf seine Verkündigung hin spottend erwiderte: Ei Meister, Ihr redet, als ob Ihr bei Adam im Paradiese gewesen wäret. — Darauf habe Ruysbroek geantwortet: Jawohl, ich war dabei. — Angelus Silesius sagt in seinem «Cherubinischen Wandersmann»:

[ 8 ] There is yet another way to arrive at Jesus of Nazareth. There are revelations that the soul discovers as it comes to know the mysteries of nature. All mystics bear witness to this. We are told, for instance, that someone once replied mockingly to Johann Ruysbroek—a famous fourteenth-century mystic—in response to his teaching: “Hey, Master, you speak as if you had been with Adam in Paradise.” — To which Ruysbroek replied: “Indeed, I was there.” — Angelus Silesius says in his Cherubic Pilgrim:

[ 9 ] Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, so bleibst du ewiglich verloren.

[ 9 ] If Christ is born a thousand times in Bethlehem but not within you, you will remain lost for all eternity.

[ 10 ] Das Kreuz von Golgatha kann dich nicht von dem Bösen, wo es nicht auch in dir wird aufgericht, erlösen.

[ 10 ] The cross of Golgotha cannot redeem you from evil unless it is also raised up within you.

[ 11 ] Nicht hilft es uns, einen Beweis von Christi Existenz beizubringen, wie man den Beweis von der Existenz einer Kuh bringt. Alle Mystiker stimmen darin überein: Ihr müßt Christus in euch erleben.

[ 11 ] It does not help us to provide proof of Christ’s existence in the same way that one provides proof of a cow’s existence. All mystics agree on this: You must experience Christ within yourselves.

[ 12 ] Für den Materialismus gilt nichts, als was er mit seinen fünf Sinnen wahrnehmen kann; daher scheint ihm das, was die Theosophie bringt, als phantastisch. Wir Menschen sind zu sehr gewohnt, uns nur auf unsere Sinne zu verlassen. Mit diesen äußeren Sinnen werden wir Christus nie fassen und begreifen lernen. Aber es schlummern in dem Menschen Kräfte, die ihn in den Stand setzen, [feinere] Sinnessorgane in sich auszubilden, die ihn befähigen zur Erkenntnis höherer Dinge. Solche Befähigung, solche [höhere] Sinnesorgane besaßen die alten Gnostiker, die ersten Kirchenväter, und diese bezeugen mit den Mystikern des 13. und 14. Jahrhunderts aus ureigenster Erfahrung des höheren Menschen, dass sie Christus in sich erlebt haben als mystische Tatsache. Das bedeutet etwas. Die erste Bedingung, um zu verstehen, was auf Golgatha geschehen ist, ist, dass man Christus in der eigenen Seele erlebt. Und das ist die Bedeutung der theosophischen Bewegung, dass Leute da sind, Männer und Frauen, die aus eigener Erfahrung über die Wahrheit des Christentums unterrichtet sind; sie haben die praktische Erfahrung des inneren Erlebens gemacht und können deshalb so in dieser Weise davon sprechen.

[ 12 ] For materialism, nothing counts except what it can perceive with its five senses; therefore, what theosophy presents seems fantastical to it. We humans are too accustomed to relying solely on our senses. With these external senses, we will never be able to grasp or understand Christ. But there are powers slumbering within the human being that enable him to develop [more refined] sensory organs within himself, which in turn enable him to perceive higher things. The ancient Gnostics and the early Church Fathers possessed such an ability, such [higher] sensory organs, and they—along with the mystics of the 13th and 14th centuries—bear witness, from their very own experience of the higher human being, that they have experienced Christ within themselves as a mystical reality. That means something. The first condition for understanding what happened on Golgotha is to experience Christ within one’s own soul. And that is the significance of the Theosophical Movement: that there are people—men and women—who are instructed in the truth of Christianity through their own experience; they have had the practical experience of inner realization and can therefore speak of it in this way.

[ 13 ] Der Mittelpunkt des Christentums ist die Persönlichkeit Jesu Christi. Das ist der positive Wahrheitskern. Nicht seine Lehre, sondern seine Person, nicht die frohe Botschaft, die seine Jünger verkündigten, sondern dass sie seine Stimme hörten, dass sie mit ihm in persönlichem Zusammenhang standen — das machte, dass sie in so zündender Weise gesprochen haben. Alle übrigen Erklärungen sind ungenügend, um die einzigartige Erscheinung zu erklären, dass durch die Erscheinung Jesu Christi die Welt sich erneuert hat. Die theologischen Lehren geben darüber keinen genügenden Aufschluss. Die Theosophie bringt uns dem Verständnis näher, indem sie die theologische Auffassung vertieft. Wer sich in ihre Lehren vertieft, wird finden, dass sie schon immer da waren, aber sie wurden nicht öffentlich gelehrt, sondern in geheimen Tempeln, wo die Schüler von Priestern und Weisen unterrichtet und eingeweiht wurden.

[ 13 ] The center of Christianity is the person of Jesus Christ. That is the positive core of truth. Not his teachings, but his person; not the Good News proclaimed by his disciples, but the fact that they heard his voice and were in personal communion with him—this is what enabled them to speak with such fervor. All other explanations fall short of accounting for the unique phenomenon that, through the appearance of Jesus Christ, the world was renewed. Theological doctrines do not provide sufficient insight into this. Theosophy brings us closer to understanding by deepening the theological perspective. Those who delve into its teachings will find that they have always existed, but they were not taught publicly; rather, they were taught in secret temples, where disciples were instructed and initiated by priests and sages.

[ 14 ] Was wurde dort gelehrt? Es wurde verkündigt, wie die Gottheit sich ergossen hat in die Welt, wie die Entwicklung vor sich gegangen [ist] durch das Mineralreich, Pflanzen- und Tierreich hindurch, bis der Mensch entstehen konnte, in dem Gott lebt. Wie dies allmählich zustande kommt, das wurde gelehrt. Und dieses wirklich in sich zu erleben, das war das Ziel, der Zweck der Unterweisung. Wer den Gott in sich erlebt hatte, der war reif für die Einweihung, die Initiation, der wurde eingeweiht in die tiefen Geheimnisse der göttlichen Weisheit; er erhielt einen neuen Namen, er konnte sich «einsiegeln lassen», das heißt, er erhielt Bürgerrecht im Himmel, Bürgerrecht in der geistigen Welt. Er erhielt den neuen Namen, «den nur der kannte, der ihn empfängt».

[ 14 ] What was taught there? It was proclaimed how the Divinity poured itself into the world, how evolution unfolded through the mineral, plant, and animal kingdoms until humanity could emerge—in whom God lives. How this gradually comes about—that was what was taught. And to truly experience this within oneself—that was the goal, the purpose of the instruction. Whoever had experienced God within themselves was ready for the initiation; they were initiated into the profound mysteries of divine wisdom; they received a new name; they could “be sealed,” that is, they received citizenship in heaven, citizenship in the spiritual world. He received the new name, “which only the one who receives it knew.”

[ 15 ] Der Apostel Paulus war so ein Eingeweihter, sonst hätte er nicht so sprechen können, wie er es getan. Um zu wissen, wie die Welt entstanden ist, ist große Weisheit nötig. Und diese Weisheit ist nur zu erlangen von dem, in welchem das Wort, der Logos lebendig ist. Wenn der spricht, so ist sein Wort Licht und Leben. Um die Entstehung der Welt zu beschreiben, wird das Sinnbild des Ausfließens gebraucht. Durch das Ausfließen der Gottheit und ihr Einfließen in die Materie erzeugen sich Schwingungen, durch welche die Welt zustande kommt. Durch das Ausfließen des Logos ist die Welt in die Erscheinung getreten, ja, sie ist der in die Erscheinung getretene Logos. Die Weisheit des Logos regiert und belebt die Welt.

[ 15 ] The Apostle Paul was such an initiate; otherwise, he could not have spoken as he did. Great wisdom is needed to understand how the world came into being. And this wisdom can only be attained from the one in whom the Word, the Logos, is alive. When He speaks, His Word is light and life. To describe the creation of the world, the symbol of outflow is used. Through the outflow of the Divinity and its inflow into matter, vibrations are generated through which the world comes into being. Through the outflow of the Logos, the world has come into being; indeed, it is the Logos made manifest. The wisdom of the Logos governs and animates the world.

[ 16 ] Drei sind es, die da zeugen im Himmel: der Vater, der

[ 16 ] There are three who bear witness in heaven: the Father, the

[ 17 ] Sohn (das Wort) und der Heilige Geist;

[ 17 ] the Son (the Word) and the Holy Spirit;

[ 18 ] Und drei sind es, die da zeugen auf Erden: der Geist (die

[ 18 ] And there are three that bear witness on earth: the Spirit (the

[ 19 ] Weisheit), das Wasser und das Blut, und diese drei sind beisammen. (1 Joh 5, 7-8)

[ 19 ] wisdom), the water, and the blood—and these three are in agreement. (1 John 5:7–8)

[ 20 ] Die Erkenntnis der Weisheit soll einfließen in die Menschenbrust, in sein Wesen, dazu dienten die vorbereitenden Schulen. In dem Akt der Einweihung wurde der Schüler «in die Weisheit eingetaucht». Hatte er vorher im Lichte der Flammen gelebt, so wurde er nun eingetaucht ins «Feuer», er empfing das «Wort», das in der Weisheit lebt. Wer etwas weiß von dieser Verwandlung, der ist erfüllt mit einem anderen Geist als zuvor, ehe er die Mysterien erschaut hatte. Er kann nun das lebendige Wort verkündigen, das er in den Mysterien geschaut hat.

[ 20 ] The knowledge of wisdom was to flow into the human heart, into one’s very being; the preparatory schools served this purpose. In the act of initiation, the student was “immersed in wisdom.” If he had previously lived in the light of the flames, he was now immersed in the “Fire”; he received the “Word” that lives in wisdom. Whoever knows anything of this transformation is filled with a different spirit than before, before he had beheld the Mysteries. He can now proclaim the living Word that he has beheld in the Mysteries.

[ 21 ] Hier muss vor einem Vorurteil gewarnt werden, vor dem man sich zu hüten hat. Man konnte in alten Zeiten, wie in der jetzigen, in aller Art Weisheit geprüft sein; die philosophischen Schulen in Alexandrien zum Beispiel boten eine Fülle von Weisheitsmaterial, aber es war dort nicht ein Erlebnis zu haben, das diese Weisheit mit Leben erfüllte. Dieses Leben war nur auf dem Wege des Kreuzestodes und der Auferstehung Christi zu erlangen. Nach der Erscheinung Jesu Christi war es möglich, dieses Leben außerhalb der Mysterien des Altertums zu erlangen.

[ 21 ] Here we must warn against a prejudice that one must guard against. In ancient times, just as in the present, one could be tested in all kinds of wisdom; the philosophical schools in Alexandria, for example, offered a wealth of wisdom, but there was no experience to be had there that filled this wisdom with life. This life could only be attained through the path of Christ’s death on the cross and resurrection. After the appearance of Jesus Christ, it became possible to attain this life outside the mysteries of antiquity.

[ 22 ] Die Erscheinung Jesu Christi ist eine historische Tatsache. In den Mysterien nun wurde der «Tod» durch einen tiefen Schlaf, anderer Art als der gewöhnliche Schlaf, vollzogen. Der Schüler erlebte wirklich eine Art von Sterben und Auferstehen. Die große Tragödie hat sich dann als wirkliche Tatsache durch den Tod und die Auferstehung Christi öffentlich vollzogen. Das Vorgehen in den Mysterientempeln war nur ein Abbild dieses großen Ereignisses. Die Propheten, die Mysterienschüler waren, trugen sich mit Hoffnung auf die Möglichkeit der wirklichen Erfüllung dessen, was sie in den Tempeln als Vor-Bilder gesehen hatten. Und was sie von ihren Messias-Hoffnungen der Welt mitteilten, war ein Teil dessen, was durchgesickert war von dem, was sie in den Geheimschulen empfangen hatten. Das Neue, das Jesus bringt, ist das Wort: «Selig, wer glaubt, ohne zu schauen» (Joh 20,29) —, nämlich das zu schauen, was in den Mysterien gezeigt wurde. Jetzt sollten die, die nur glaubten, selig werden können. Wer etwas vom Wesen des Christentums versteht, weiß, was das heißt, Christus in sich zu erleben. Dieses Erleben war vor Christi Kreuzestod nur möglich innerhalb der Mysterien; nach demselben kann es jeder erleben, der da glaubt. Ein solches Erlebnis, wie Paulus es hatte vor Damaskus, war vor der Erscheinung Christi im Fleische nicht möglich. Der geistige Christus erschien ihm; nun konnte er zeugen von dem Leben.

[ 22 ] The appearance of Jesus Christ is a historical fact. In the Mysteries, “death” was enacted through a deep sleep, of a different kind than ordinary sleep. The initiate truly experienced a kind of dying and resurrection. The great tragedy then unfolded publicly as a real event through the death and resurrection of Christ. The rituals in the Mystery temples were merely a reflection of this great event. The prophets, who were initiates of the Mysteries, lived with the hope that what they had seen in the temples as prefigurations might one day be fulfilled in reality. And what they communicated to the world of their Messianic hopes was a part of what had filtered through from what they had received in the secret schools. The new thing that Jesus brings is the saying: “Blessed are those who have not seen and yet have believed” (John 20:29)—namely, to see what was shown in the mysteries. Now those who merely believed were to be able to attain blessedness. Anyone who understands something of the essence of Christianity knows what it means to experience Christ within oneself. Before Christ’s death on the cross, this experience was possible only within the mysteries; after it, anyone who believes can experience it. An experience such as the one Paul had on the road to Damascus was not possible before the appearance of Christ in the flesh. The spiritual Christ appeared to him; now he could bear witness to that life.

[ 23 ] Buddha, Zoroaster und so weiter waren Stifter ihrer Religionen, und wer sich zu ihrer Lehre bekannte, war ihr Anhänger. Christus war nicht der Stifter seiner Religion, er war ihr Gegenstand. Er hat die Menschheit mit sich selbst erfüllt. Paulus hat das auf besondere Art erfahren. Er ist ein Beweis für das Vorhandensein des lebendigen Christus. Das Christentum ist eine mystische Tatsache. Das Neue, das es bringt, ist die Tatsache, dass die menschliche Natur sich verwandelt. Daher ist der Menschensohn der Mittelpunkt des Christentums. Das ist der Inhaltskern. Den Weisheitsinhalt finden wir auch in anderen Religionen. Die Geschichte des Buddha schließt mit der Verklärung. Bei Jesus Christus kommt die Tragödie der Kreuzigung und der Auferstehung hinzu. Diese muss an das Buddha-Leben angegliedert werden, um das Ganze zu verstehen. Christus sagte von sich:

[ 23 ] Buddha, Zoroaster, and so on were the founders of their religions, and anyone who professed their teachings was their follower. Christ was not the founder of his religion; he was its object. He filled humanity with himself. Paul experienced this in a special way. He is proof of the existence of the living Christ. Christianity is a mystical reality. The new thing it brings is the fact that human nature is transformed. Therefore, the Son of Man is the center of Christianity. That is the core of its message. We also find this wisdom in other religions. The story of the Buddha concludes with the Transfiguration. With Jesus Christ, the tragedy of the crucifixion and the resurrection is added. This must be linked to the life of the Buddha in order to understand the whole. Christ said of himself:

[ 24 ] Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. (Joh 14,6)

[ 24 ] I am the way, the truth, and the life. (John 14:6)

[ 25 ] Die anderen großen Religionsstifter konnten von sich nur sagen: Ich bin der Weg und die Wahrheit. — Sie standen auf einem hohen Berge, wo sie die Wahrheit schauten, von wo aus sie dann den Menschen diese Wahrheit verkündigten. Jesus ist von dem Berge herabgestiegen in das Leben, er stieg herab, um zu predigen.

[ 25 ] The other great religious founders could only say of themselves: “I am the way and the truth.” — They stood on a high mountain, where they beheld the truth, and from there they proclaimed that truth to the people. Jesus descended from the mountain into life; he came down to preach.

[ 26 ] Das göttliche Schöpferwort hat gewandelt auf Erden, das war etwas anderes als die bloße Verkündigung von dem Herabsteigen des Logos.

[ 26 ] The divine Word of Creation walked upon the earth; this was something other than the mere proclamation of the descent of the Logos.

[ 27 ] [Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.] (Joh 1,14)

[ 27 ] [And the Word became flesh and dwelt among us, and we beheld His glory, the glory as of the only begotten Son from the Father, full of grace and truth.] (John 1:14)

[ 28 ] Er ist das fleischgewordene Wort., Wir lernen es dadurch verstehen, dass wir es mit den anderen Lehren vergleichen. Wir finden in den anderen Religionen die gleichen Lehren, je tiefer wir eindringen in das Verständnis aller Religionen. Aber der ungeheure Unterschied zwischen dem Christentum und allen anderen Religionen ist der, dass uns durch die Selbstopferung Christi der unmittelbare Verkehr mit dem fleischgewordenen Logos ermöglicht worden ist.

[ 28 ] He is the Word made flesh. We come to understand this by comparing it with the teachings of other religions. The deeper we delve into the understanding of all religions, the more we find the same teachings in them. But the immense difference between Christianity and all other religions is that, through Christ’s self-sacrifice, we have been granted direct communion with the Logos made flesh.

[ 29 ] Hätte man das, was in den Mysterien geschehen ist, angewendet auf das Leben Jesu, so wäre man schon eher zu einem richtigen Verständnis seiner Person und somit des Christentums gekommen. Jetzt war es dem Menschen möglich gemacht, zu «glauben ohne zu schauen>» (Joh 20,29), nämlich ohne das geschaut zu haben, was in den Geheimschulen gezeigt wurde.

[ 29 ] If what took place in the mysteries had been applied to the life of Jesus, one would have arrived much sooner at a correct understanding of his person and, consequently, of Christianity. Now it was made possible for people to “believe without seeing” (John 20:29)—that is, without having seen what was shown in the mystery schools.

[ 30 ] Die Theosophie hat nun die Aufgabe, für das Christentum Persönlichkeiten zu schaffen, die aus eigenster Erfahrung Zeugnis ablegen können von dem, was sie geschaut und erlebt haben. Erst wer Christus in sich erlebt hat, kann die wahre Erkenntnis erlangen. Leicht ist es nicht für die Christen der Jetztzeit, sich in diese ihnen neuen Gesichtspunkte hineinzufinden. Es geht ihnen, wie es den Gelehrten im Mittelalter ergangen ist in Bezug auf die Weltweisheit, wo ihnen Aristoteles als einzige Autorität galt. Als Galilei durch eigene Beobachtungen des Lebens zu ganz anderen Resultaten gekommen war über die Beschaffenheit und die Tätigkeit des Herzens und des Blutumlaufs als Aristoteles, teilte er diese seine Entdeckungen einem Freunde mit. Dieser ließ sich die Sache erklären, fand sie einleuchtend, dann aber wies er diese Neuerung weit von sich, sie könne nicht wahr sein, denn im Aristoteles stände die Sache ganz anders, der habe allein recht. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Buchstabenglauben von heute der Religion gegenüber, die auf eigener unmittelbarer Anschauung beruht. Die Religionswahrheiten können ebenso durch eigene Anschauung nachgeprüft werden, wie heutzutage die ganze Naturwissenschaft sich auf eigene unmittelbare Forschung stützt und nicht auf den Buchstabenglauben an die geschriebenen Überlieferungen früherer Forscher. Man lässt nur die Tatsachen gelten, die in der Natur beobachtet werden, lässt die Tatsachen selbst reden. Was die Theosophie in bezug auf die Seele lehrt, beruht auf unmittelbarem Erkennen geistiger Vorgänge durch eigene Anschauung. So zeugt die Theosophie von dem Wesen des Christentums. Ihr Beruf ist, solche Zeugen zu schaffen, die durch unmittelbare Anschauung erkennen können.

[ 30 ] Theosophy now has the task of fostering individuals within Christianity who can bear witness, from their own experience, to what they have seen and experienced. Only those who have experienced Christ within themselves can attain true knowledge. It is not easy for Christians today to come to terms with these perspectives, which are new to them. They are in the same situation as the scholars of the Middle Ages were with regard to worldly wisdom, when Aristotle was regarded as the sole authority. When Galileo, through his own observations of life, had arrived at conclusions about the nature and function of the heart and blood circulation that were entirely different from Aristotle’s, he shared these discoveries with a friend. The friend had the matter explained to him, found it plausible, but then rejected this new idea outright, arguing that it could not be true, for Aristotle had described the matter quite differently—and Aristotle alone was right. The situation is very similar with today’s literalist approach to religion, as opposed to a faith based on one’s own direct observation. Religious truths can be verified through one’s own observation just as, today, the entire field of natural science is based on its own direct research and not on a literalist belief in the written traditions of earlier researchers. Only those facts observed in nature are accepted; the facts themselves are allowed to speak. What Theosophy teaches regarding the soul is based on the direct perception of spiritual processes through one’s own direct observation. Thus, Theosophy bears witness to the essence of Christianity. Its mission is to create witnesses who can perceive through direct observation.