The Essence of Christianity
GA 68a
5 December 1908, Hanover
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The Essence of Christianity, tr. SOL
43. Bibel und Weisheit
43. The Bible and Wisdom
[ 1 ] Es ist zweifellos, dass die Bibel wenigstens für unsere abendländische Kultur das einflussreichste Dokument ist; denn wir dürfen sagen, dass durch dieses Dokument Jahrtausende hindurch die Seele der Menschen ein Gefüge erhalten hat bis in ihr innerstes Wesen hinein, bis in das Empfindungs- und Gefühlsleben und bis in die Willensimpulse hinein. Das ist wichtiger als der Einfluss auf das Gedanken- und Vorstellungsleben. Wir dürfen sagen: Alles, was uns im Geistesleben entgegentritt, sei es auf religiösem Boden oder auf dem Boden der exakten Wissenschaft, alles das ist, wenigstens in irgendeiner Weise, von den Wirkungen der Bibel beeinflusst. Und auch diejenigen Menschen, die heute glauben, die Bibel bekämpfen zu müssen, die sogar auf dem radikalen Standpunkt der Ablehnung stehen, auch sie erscheinen für den, welcher den Tatsachen tiefer ins Auge blickt, so, dass sie selbst in den Gründen, welche sie gegen die Bibel vorbringen, beeinflusst sind von dieser Bibel selber. In solchem Umfange erkennt man allerdings im Allgemeinen nicht den Einfluss dieses Dokumentes, und heute vielleicht am allerwenigsten; aber für den vorurteilslos Blickenden ist er tatsächlich vorhanden. Die Stellung des modernen Denkens, des Fühlens und Empfindens zu der Bibel hat sich seit langer Zeit schon gegenüber dem, was auf diesem Gebiete geherrscht hat, sehr geändert.,/p>
[ 1 ] There is no doubt that the Bible is, at least for our Western culture, the most influential document; for we may say that, through this document, over the course of millennia, the human soul has been shaped right down to its innermost essence, right down to its life of sensation and feeling, and right down to the impulses of the will. This is more important than its influence on our intellectual and imaginative life. We may say: Everything we encounter in our spiritual life—whether on religious grounds or in the realm of exact science—is, at least in some way, influenced by the effects of the Bible. And even those people who today believe they must oppose the Bible—who even hold a radical stance of rejection—even they appear, to those who look more deeply at the facts, to be influenced by the Bible itself, even in the very arguments they put forward against it. To this extent, however, the influence of this document is generally not recognized—and perhaps least of all today; but for the unbiased observer, it is indeed present. The attitude of modern thought, feeling, and sensibility toward the Bible has long since changed significantly from what previously prevailed in this area.
[ 2 ] Die Wertschätzung der Bibel, die Art und Weise, wie sich der Einzelne, der es heute ehrlich meint, dazu stellt, das alles hat sich im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts ganz wesentlich geändert. Und wir dürfen den Standpunkt eines großen Teiles der heutigen denkenden Menschheit, der da glaubt, fest auf dem Boden der Wissenschaft stehen zu müssen, wir dürfen diesen Standpunkt keineswegs irgendwie unterschätzen. Andere gibt es heute in unserer Bevölkerung, die ganz auf dem Boden der Bibel stehen, die alle ihre tiefsten Überzeugungen aus dieser bedeutungsvollen Urkunde schöpfen und die am liebsten nicht rechts und links schauen möchten, wenn die Wertschätzung der Bibel besprochen wird. Sie sagen: Mögen die andern denken, wie sie wollen; wir finden in den Lehren dieser Bibel alles, was unsere Seele braucht; wir sind erfüllt und befriedigt von dem, was uns die Bibel gibt.
[ 2 ] The regard in which the Bible is held—the way in which individuals who are sincere today relate to it—all of this has changed quite significantly over the course of the nineteenth century. And we must not in any way underestimate the viewpoint of a large portion of today’s thinking humanity, who believe they must stand firmly on the ground of science. There are others in our population today who stand firmly on the ground of the Bible, who draw all their deepest convictions from this significant document, and who would prefer not to look left or right when the value of the Bible is being discussed. They say: Let the others think as they will; we find in the teachings of this Bible everything our souls need; we are fulfilled and satisfied by what the Bible gives us.
[ 3 ] Nun, verehrte Anwesende, dieser Standpunkt, so sehr er berechtigt sein mag für den Einzelnen, ist in gewisser Hinsicht ein recht egoistischer und keineswegs für die Geistesentwicklung ungefährlich; denn das, was in einer bestimmten Zeit Allgemeingut der Menschen geworden ist, sagen wir allgemeiner Glaube und allgemeine Überzeugung, das ist ursprünglich immer von wenigen ausgegangen. Und so könnte es wohl geschehen, dass von den wenigen, die heute glauben, die Bibel bekämpfen zu müssen, weil sie ihre Weltanschauung auf ihre Wissenschaft aufbauen wollen, dass - von diesen aus — die Überzeugungsströme sich immer weiter und weiter ergießen und schon in nicht so ferner Zukunft zu einer allgemeinen Überzeugung werden. Und deshalb ist es nicht ungefährlich, wenn man an solchen Geistesströmungen achtlos vorübergeht, wenn man nicht nach rechts oder links schaut, weil man selbst befriedigt ist. Dem, der es ehrlich meint mit der Entwicklung der Menschheit, sollte es vielmehr als eine Pflicht erscheinen, sich um das zu bekümmern, was ehrliche Wahrheitssucher gegen die Bibel einzuwenden haben und wie es sich gerade mit dieser Bibel verhält.
[ 3 ] Well, ladies and gentlemen, this point of view, however justified it may be for the individual, is in a certain sense quite selfish and by no means harmless to spiritual development; for what has become common knowledge among people at a certain time—let us call it general belief and general conviction—originated, as a rule, with only a few. And so it could well happen that from the few who today believe they must oppose the Bible—because they wish to base their worldview on their science—the currents of conviction will flow farther and farther afield, becoming a general conviction in the not-too-distant future. And that is why it is not without danger to pass by such intellectual currents carelessly, without looking to the right or to the left, simply because one is satisfied with oneself. For anyone who is sincere about the development of humanity, it should rather seem a duty to concern oneself with what honest seekers of truth object to in the Bible and with the nature of this very Bible itself.
[ 4 ] Es wurde gesagt, dass der Standpunkt, den die Menschen, namentlich die Führer des Geisteslebens, der Bibel gegenüber einnehmen, dass dieser Standpunkt sich geändert habe. Wir wollen diese Änderung heute nur andeuten. Wenn wir zurückschauen würden in vergangene Zeiten, so würden wir Kulturen finden, innerhalb deren die Menschen gerade dann, wenn sie auf der höchsten Spitze ihres Geisteslebens standen, nicht im Geringsten daran zweifelten, dass aus der Bibel höchste Weisheit fließt; und dass die, von denen die Bibel herrührt, nicht Durchschnittsmenschen waren, die menschliche Irrtümer in die Bibel hineingebracht haben, sondern unter höherer Inspiration standen, dass sie Weisheit in diese Bibel hineingelegt haben. Und ein heiliges Gefühl der Anerkennung war es, das gerade bei denen vorhanden war, die an der Spitze des Geisteslebens standen.
[ 4 ] It has been said that the attitude people—namely, the leaders of spiritual life—have toward the Bible has changed. We will merely touch on this change today. If we were to look back to times past, we would find cultures in which people, precisely when they were at the very pinnacle of their spiritual life, did not doubt in the least that supreme wisdom flows from the Bible; and that those from whom the Bible originates were not ordinary people who introduced human errors into the Bible, but were under higher inspiration, so that they imbued the Bible with wisdom. And it was a sacred sense of reverence that was present precisely among those who stood at the pinnacle of spiritual life.
[ 5 ] Das ist in neuerer Zeit anders geworden. Da finden wir im achtzehnten Jahrhundert einen französischen Forscher, der herausgebracht hat, dass im Alten Testament gewisse Widersprüche vorhanden sind. Er bemerkte, dass die beiden Erzählungen, die gleich im Anfang der Bibel stehen über die Schöpfungsgeschichte, einander widersprechen; da, wo das Sechs- oder Siebentagewerk geschildert wird und innerhalb desselben die Erschaffung des Menschen, und wo dann gleichsam noch einmal von Anfang angefangen erzählt wird, wie der Mensch auf eine ganz andere Weise entstanden ist.
[ 5 ] This has changed in more recent times. In the eighteenth century, a French scholar demonstrated that there are certain contradictions in the Old Testament. He noted that the two accounts of the creation story, which appear right at the beginning of the Bible, contradict each other: one describes the six- or seven-day creation—including the creation of humankind—while the other, as it were, starts over from the beginning and tells how humankind came into being in an entirely different way.
[ 6 ] Namentlich aber machte diesen Forscher eines stutzig: dass ein zweifacher Gottesname im Beginn der Bibel auftaucht, einmal da, wo vom Sechstagewerk die Rede ist, der Name der Elohim, und dann später der Jahve-Name. Sie können in der deutschen Bibel einen Nachklang empfinden. Sie wissen ja, dass in der deutschen Bibel der Gottesname mit «Herr», mit «Gott» und dass dann Jahve mit «Gott, der Herr» übersetzt ist oder in ähnlicher Weise. Jedenfalls können Sie den Unterschied wahrnehmen. Ich will nur erwähnen, dass die Forschung, nachdem sie dieses bemerkt hatte, sich sagte: Da muss irgendetwas geschehen sein, was unmöglich so dargestellt werden kann, als ob ein einzelner Mensch, sei es nun Moses oder ein anderer, diese Bibel geschrieben habe; es müssen da verschiedene Berichte zusammengeflossen sein. - Und nach mancherlei Erwägungen ist man darauf gekommen, dass alle Berichte, die vorhanden waren und die den verschiedenen Überlieferungen entsprachen, dass die einfach zusammengeschweißt worden sind. Ein Bericht wurde mit dem anderen vereinigt, und alle Widersprüche, die da vorhanden waren, hat man eben stehen lassen; so sagte man sich.
[ 6 ] One thing in particular, however, gave this researcher pause: the fact that two different names for God appear at the beginning of the Bible—first, where the six-day creation is described, the name “Elohim,” and then later, the name “Yahweh.” You may sense an echo of this in the German Bible. As you know, in the German Bible, God’s name is rendered as “Herr” or “Gott,” and Yahweh is translated as “Gott, der Herr” or something similar. In any case, you can perceive the difference. I just want to mention that once researchers had noticed this, they said to themselves: Something must have happened here that cannot possibly be presented as if a single person—be it Moses or someone else—had written this Bible; various accounts must have been compiled together. - And after much deliberation, it was concluded that all the accounts that existed—which corresponded to the various traditions—had simply been welded together. One account was merged with another, and any contradictions that existed were simply left as they were; that’s what they concluded.
[ 7 ] Von da ausgehend, verehrte Anwesende, kam dann diese Forschung, die man nennen könnte eine Zerfetzung, eine Zerstückelung der Bibel. Und heute gibt es sogar schon Bibeln, in denen die mannigfaltigsten Einzelheiten auf verschiedene Überlieferungen zurückgeführt werden. In den sogenannten Regenbogenbibeln wird dargestellt, wie zum Beispiel irgendein Stück, das in den Gesamtbericht hineingeheimnisst worden ist, von einer ganz anderen sagenhaften Überlieferung herrührt, dass also aus Fetzen der Überlieferung diese Bibel zusammengeschweißt sein soll. Immer weiter gingen so die Forscher mit dem Alten Testament vor, und dann trat mit dem Neuen Testament ein Ähnliches ein; wie könnte es denn auch verborgen bleiben, dass die vier Evangelien, wenn man sie buchstabenmäßig vergleicht, nicht übereinstimmen! Sie werden leicht herausfinden, dass im Matthäus-, Johannes- und Lukasevangelium sich Widersprüche ergeben. Man sagte: Wie kann der einzelne Evangelist es unter einem höheren Einflusse geschrieben haben, wenn die Berichte nicht einmal miteinander stimmen!
[ 7 ] From there, ladies and gentlemen, this line of research emerged—one that could be called a dissection, a fragmentation of the Bible. And today there are even Bibles in which the most diverse details are traced back to various traditions. In the so-called “Rainbow Bibles,” it is presented, for example, that a particular passage—which has been woven into the overall narrative—originates from an entirely different legendary tradition, suggesting that this Bible has been pieced together from fragments of tradition. Scholars continued to apply this approach to the Old Testament, and then something similar occurred with the New Testament; after all, how could it remain hidden that the four Gospels, when compared word for word, do not agree! You will easily discover that contradictions arise in the Gospels of Matthew, John, and Luke. People asked: How could each evangelist have written it under a higher influence if the accounts do not even agree with one another!
[ 8 ] Namentlich aber wurde von gewissen Forschern besonders im neunzehnten Jahrhundert das Johannesevangelium, diese tiefste Schrift des Christentums, seiner Würde, ein historisches Dokument zu sein, entkleidet. Immer mehr kam man zu der Überzeugung, dass nichts anderes darin zu erblicken sei als eine Art von Hymnus, der von irgendjemand, der nicht aufgrund historischer Überlieferung, sondern aufgrund seines Glaubens niedergeschrieben sei. Keineswegs könne das, was er geschrieben habe, so sagte man, Anspruch darauf erheben, eine wahrhafte Schilderung dessen zu sein, was eigentlich im Beginne unserer Zeitrechnung in Palästina sich abgespielt habe.
[ 8 ] In particular, however, certain scholars—especially in the nineteenth century—stripped the Gospel of John, this most profound of Christian writings, of its status as a historical document. More and more, people came to the conviction that it was nothing more than a kind of hymn, written by someone not on the basis of historical tradition but on the basis of his faith. By no means, it was said, could what he had written lay claim to being a true account of what actually took place in Palestine at the beginning of our era.
[ 9 ] So ist auch das Neue Testament in Stücke gerissen worden. Man behandelte das Alte und das Neue Testament wie irgendwelche andere historische Dokumente und sagte sich, dass Vorurteile und Irrtümer hineingeflossen seien und dass man vor allen Dingen mit rein historischer äußerer Forschung zeigen müsse, wie die Stücke nach und nach zusammengefügt worden sind.
[ 9 ] The New Testament, too, was torn to pieces. People treated the Old and New Testaments as if they were just any other historical documents, telling themselves that prejudices and errors had crept into them and that, above all, purely historical, external research was needed to show how the fragments had been pieced together over time.
[ 10 ] Wenn wir uns so den Standpunkt klarzumachen versuchen, den die historische theologische Forschung immer mehr eingenommen hat, so müssen wir auf der anderen Seite auch auf die hinweisen, welche glauben, fest stehen zu müssen auf dem Boden naturwissenschaftlicher Tatsachen, und die in ihrer ehrlichen Erkenntnis sagen: Was uns die Geologie, die Biologie und die Zweige der Naturwissenschaft lehren, das widerspricht krass dem, was die Bibel erzählt. Wenn erzählt wird, wie die Erde und die Lebewesen sich entwickelt haben, so erscheint dieses Tagewerk wie eine Legende, wie ein Mythos, der eben bei primitiven Völkern auftritt und durch den man sich in kindlicher Weise das Entstehen der Erde erklärlich machen wollte. Und ebenso weit wie vom Alten Testament hat man sich auch vom Neuen entfernt. Von all den wunderbaren Handlungen, die der Christus verrichtet haben soll, von der Art und Weise, wie diese einzigartige Persönlichkeit in den Mittelpunkt unserer Geschichte hineingerückt wird, davon will der nichts wissen, der da glaubt, feststehen zu müssen auf dem Boden naturwissenschaftlicher Tatsachen; und er bekämpft radikal gerade das Prinzipielle der Bibel.
[ 10 ] As we try to clarify the position that historical theological research has increasingly adopted, we must also point out those who believe they must stand firmly on the ground of scientific facts and who, in their honest assessment, say: What geology, biology, and the branches of natural science teach us stands in stark contradiction to what the Bible recounts. When the story is told of how the earth and living beings developed, this account appears like a legend, like a myth of the sort found among primitive peoples, through which they sought to explain the origin of the earth in a childlike manner. And just as far as we have strayed from the Old Testament, so too have we strayed from the New. Those who believe they must stand firmly on the ground of scientific facts want nothing to do with all the miraculous deeds that Christ is said to have performed, or with the way this unique personality is placed at the center of our history; and they radically oppose the very principles of the Bible.
[ 11 ] So sehen wir, dass auf der einen Seite durch die historische theologische Forschung die Bibel zerrissen und auf der anderen Seite durch die naturwissenschaftliche Forschung beiseitegestellt wird. Das mag, wie gesagt, heute nur den Gesichtspunkt Weniger charakterisieren; aber wenn sich niemand darum kümmern wollte und einfach dabei beharren wollte: Ich glaube, was in der Bibel steht! — so wäre das Egoismus. Er würde nur an sich denken und nicht daran, dass die anderen Generationen in der Zukunft als allgemeine Überzeugung haben könnten, was heute nur Überzeugung Weniger ist.
[ 11 ] Thus we see that, on the one hand, historical-theological research tears the Bible apart, and on the other hand, scientific research sets it aside. As I said, this may currently characterize only the viewpoint of a few; but if no one were willing to concern themselves with this and simply insisted, “I believe what is written in the Bible!”—that would be selfishness. Such a person would be thinking only of themselves and not of the fact that future generations might hold as a general conviction what is today the conviction of only a few.
[ 12 ] Nun können wir uns die Frage stellen: Gibt es vielleicht noch einen anderen Gesichtspunkt als die beiden, die wir eben charakterisiert haben? In der Tat gibt es noch einen anderen, und gerade dieser andere Gesichtspunkt ist es, den wir heute ins Auge fassen wollen. Es ist der, den die Geisteswissenschaft oder Theosophie vertritt. Wenn wir diesen Gesichtspunkt begreifen wollen, so können wir das am besten zunächst einmal durch Vergleiche. Der Gesichtspunkt der Theosophie gibt für die heutige Zeit gegenüber der Bibel etwas Ähnliches, wie es vor drei bis vier Jahrhunderten durch die großen Errungenschaften naturwissenschaftlicher Forschung getan worden ist. Wir wollen anknüpfen an das, was Kopernikus, Kepler und Galilei geleistet haben.
[ 12 ] Now we can ask ourselves: Is there perhaps another perspective besides the two we have just described? In fact, there is another, and it is precisely this other perspective that we wish to consider today. It is the one advocated by spiritual science, or theosophy. If we wish to understand this perspective, the best way to begin is through comparisons. For our time, theosophy offers something similar to what the great achievements of scientific research did three to four centuries ago in relation to the Bible. Let us build on the achievements of Copernicus, Kepler, and Galileo.
[ 13 ] Heute fußen wir auf dem, was durch solche Persönlichkeiten wie die eben genannten geleistet worden ist. Wenn wir aber darauf zurückschauen, wie man sich vorher zur Natur verhalten hat, dann finden wir, dass in den Lehranstalten der vorhergehenden Zeit ein Buch oder eine Summe von Büchern in ganz ähnlicher Weise gegolten hat, wie für viele heute die Bibel gilt. Aristoteles, der alte griechische Forscher, der nicht nur auf dem Boden der Naturwissenschaft viel geleistet hat, der galt das frühe und auch das spätere Mittelalter hindurch im weitesten Umfange als eine umfassende Autorität; überall, wo gelehrt wurde über die Natur, da lagen zugrunde die Bücher des Aristoteles. Nicht etwa nur da, wo man sich im engeren Rahmen philosophischer Naturbetrachtung betätigte, sondern auch dort, wo es sich um spezielle naturwissenschaftliche Anschauungen handelte, lagen überall die autoritativen Schriften des Aristoteles zugrunde. Es war nicht üblich, mit eigenen Augen in die Natur hinauszuschauen, von Werkzeugen, Apparaten und sonstigen Mitteln war nicht die Rede. Noch zu Galileis Zeiten spielte sich etwas Symptomatisches ab, was in einer Art von Anekdote überliefert worden ist.
[ 13 ] Today we build upon what has been achieved by figures such as those just mentioned. But when we look back at how people previously related to nature, we find that in the educational institutions of earlier times, a book—or a collection of books—held a status very similar to that of the Bible for many people today. Aristotle, the ancient Greek scholar who made significant contributions not only in the field of natural science, was regarded throughout the early and later Middle Ages, to the greatest extent, as a comprehensive authority; wherever nature was taught, Aristotle’s books served as the foundation. Not only in the narrower realm of philosophical observation of nature, but also in areas involving specific scientific views, Aristotle’s authoritative writings served as the foundation everywhere. It was not customary to observe nature with one’s own eyes; there was no mention of tools, instruments, or other means. Even in Galileo’s time, a telling incident took place, which has been handed down in the form of an anecdote.
[ 14 ] Einer von denen, die so fest standen auf dem Boden des Aristoteles, wurde von einem Kollegen seines Faches darauf hingewiesen, dass manches bei Aristoteles nicht richtig sei; so zum Beispiel wäre Aristoteles der Anschauung, dass die Nerven vom Herzen ausgingen, das widerspräche aber den tatsächlichen Verhältnissen. Er wurde nun an eine Leiche geführt, wo ihm dann wirklich gezeigt wurde, dass das nicht mit den Tatsachen übereinstimmte. Und da sagte dieser Anhänger des Aristoteles: Ja, wenn ich mir das ansehe, dann scheint es sich zu widersprechen; aber wenn die Natur mir das auch zeigt, ich glaube doch dem Aristoteles. So gab es viele, die mehr der Überlieferung, der Autorität des Aristoteles glaubten als ihren eigenen Augen.
[ 14 ] One of those who stood so firmly on Aristotelian ground was pointed out by a colleague in his field that some of Aristotle’s ideas were incorrect; for example, Aristotle held the view that the nerves originated in the heart, but this contradicted the actual facts. He was then taken to a cadaver, where it was indeed shown to him that this did not correspond to the facts. And then this follower of Aristotle said: “Yes, when I look at this, it does seem to contradict itself; but even if nature shows me this, I still believe Aristotle.” Thus, there were many who trusted the tradition and the authority of Aristotle more than their own eyes.
[ 15 ] Heute hat sich der Standpunkt gegenüber der Natur und dem Aristoteles geändert. Heute wäre es lächerlich, das, was man über die Natur wissen wollte, aus alten Büchern zu schöpfen. Heute steht der Forscher mit seinen Werkzeugen der Natur gegenüber und sucht ihre Geheimnisse zu erkunden, dass sie Gemeingut der Bevölkerung werden. Nun verhält es sich aber so, dass die, die zu Galileis Zeiten den Aristoteles so auffassten wie der vorhin erwähnte Forscher, dass die den Aristoteles gar nicht verstanden hatten. Aristoteles meinte etwas anderes, etwas viel Geistigeres mit den Nerven als das, was wir heute darunter verstehen. Darum können wir dem Aristoteles, der für seine Zeit gesehen hat, nicht eher gerecht werden, als bis wir frei und unbefangen den Blick in die Natur hineinrichten.
[ 15 ] Today, our perspective on nature and Aristotle has changed. Today, it would be ridiculous to draw what we want to know about nature from old books. Today, researchers stand before nature with their tools, seeking to uncover its secrets so that they may become the common property of the people. The fact is, however, that those who, in Galileo’s time, interpreted Aristotle in the same way as the researcher mentioned earlier had not understood Aristotle at all. Aristotle meant something different—something far more intellectual—by “nerves” than what we understand by the term today. That is why we cannot do justice to Aristotle, who saw things from the perspective of his time, until we direct our gaze toward nature freely and without prejudice.
[ 16 ] Das war der große Umschwung, der vor drei bis vier Jahrhunderten sich vollzog. Einen ähnlichen Umschwung erleben wir in Bezug auf die Geisteswissenschaft gegenüber dem, was geistige Tatsachen, was die geistigen Urgründe des Daseins sind.
[ 16 ] That was the great turning point that took place three to four centuries ago. We are now experiencing a similar turning point in the field of spiritual science with regard to what spiritual realities are and what the spiritual foundations of existence are.
[ 17 ] Durch Jahrhunderte galt für unzählige Menschen die Bibel als das einzige Buch, das Auskunft geben konnte über alles, was über das Tastbare und physisch Sichtbare hinausging. Die Bibel war Autorität für die geistige Welt, wie Aristoteles im Mittelalter Autorität für die physische Welt war. Was hat es gemacht, dass wir heute dem Aristoteles gerechter gegenüberstehen können? Dass wir der physischen Welt heute unbefangener gegenüberstehen!
[ 17 ] For centuries, countless people regarded the Bible as the only book that could provide insight into anything beyond the tangible and physically visible. The Bible was the authority on the spiritual world, just as Aristotle was the authority on the physical world in the Middle Ages. What has enabled us to view Aristotle more fairly today? The fact that we now approach the physical world with a more open mind!
[ 18 ] Und das ist es, was die Theosophie dem modernen Menschen geben soll: die Möglichkeit, in unmittelbarer Weise Kunde zu erhalten von der unsichtbaren Welt; so wie die neuere Zeit vor Jahrhunderten begonnen hat, sich von der sichtbaren Welt unmittelbare Kunde zu verschaffen. Das betont die Geisteswissenschaft, dass es eine Möglichkeit gibt für den Menschen, auch in die geistige Welt hineinzuschauen, sie wahrzunehmen, dass er nicht angewiesen ist auf Überlieferungen, sondern dass es möglich ist, selber hineinzuschauen. Das ist es, was durch die verschiedenen Mittel die wahre Geisteswissenschaft der modernen Menschheit leisten soll, ihr die Überzeugung zu bringen, dass im Menschen schlummernde Kräfte und Fähigkeiten vorhanden sind, dass es große Momente im Menschenleben gibt, in denen diese geistigen Fähigkeiten erwachen, so wie etwa bei dem Blindgeborenen, der operiert wird, die Fähigkeit erwacht, Farben und Licht zu sehen. Um mit Goethes Ausdrücken zu sprechen: Es erwachen die Geistesohren und Geistesaugen. Und dann kann die menschliche Seele in ihrer Umgebung wahrnehmen, was ihr sonst verschlossen ist. Die Erweckung der in der Seele schlummernden Fähigkeiten ist möglich, möglich ist es, dass der Mensch ein Instrument gewinnt, um in die geistigen Urgründe hineinzuschauen, wie er mit physischen Instrumenten heute in die physische Welt hineinschaut. Für die physische Welt haben wir mancherlei Instrumente, für die geistige Welt gibt es ein Instrument; das ist der umgestaltete Mensch selber.
[ 18 ] And that is what Theosophy is meant to offer modern humanity: the opportunity to gain direct insight into the invisible world, just as modern times began centuries ago to gain direct insight into the visible world. Spiritual science emphasizes that there is a way for human beings to look into the spiritual world and perceive it, that they are not dependent on tradition, but that it is possible to look into it for themselves. This is what true spiritual science, through various means, is meant to offer modern humanity: to instill in people the conviction that there are latent powers and abilities within them, and that there are significant moments in human life when these spiritual abilities awaken—just as, for example, in the case of a person born blind who, following surgery, gains the ability to see colors and light. To use Goethe’s words: the spiritual ears and spiritual eyes awaken. And then the human soul can perceive in its surroundings what would otherwise remain hidden from it. The awakening of the abilities lying dormant in the soul is possible; it is possible for a person to gain an instrument with which to look into the spiritual depths, just as today we use physical instruments to look into the physical world. We have all manner of instruments for the physical world; for the spiritual world, there is one instrument: the transformed human being himself.
[ 19 ] Denn das ist das Wichtigste, dass für die Geisteswissenschaft ehrlich und ernst das Wort gilt, das wie ein Zauberwort in vieler Munde ist, das Wort «Entwicklung». Man sieht heute leicht, wie sich das Unvollkommene immer mehr entwickelt; man verfolgt diese Entwicklung emsiglich in der äußeren Naturwissenschaft, der die Theosophie nicht den geringsten Widerspruch entgegensetzen will, sofern sie auf dem Boden naturwissenschaftlicher Tatsachen bleibt. Aber die Theosophie nimmt dieses Wort Entwicklung in seiner ganzen Bedeutung, sie nimmt es so ernst, dass sie hinweist auf die Fähigkeiten, die in des Menschen Seele liegen, durch die er die geistige Welt wahrnehmen kann. In diesem Raume sind geistige Wesen als die Urgründe der physischen Welt, und der Mensch bedarf nur der Organe, um sie wahrzunehmen.
[ 19 ] For the most important thing is that, in spiritual science, the word that is on many people’s lips like a magic word—the word “development”—is taken honestly and seriously. Today it is easy to see how the imperfect is constantly evolving; this development is diligently pursued in the external natural sciences, to which Theosophy does not wish to offer the slightest objection, provided it remains grounded in scientific facts. But theosophy takes this word “development” in its full meaning; it takes it so seriously that it points to the faculties lying within the human soul through which one can perceive the spiritual world. In this realm, spiritual beings are the primal foundations of the physical world, and human beings need only the organs to perceive them.
[ 20 ] Ich muss immer wieder betonen, dass es heute nur wenige geben kann, welche imstande sind, ihre Seele so umzugestalten. Zum Forschen in der geistigen Welt, zum Erkunden der Tatsachen und Wesenheiten der geistigen Welt gehört eine große entwickelte Seele, die geöffnete Geistesaugen hat. Sind aber die Tatsachen der höheren Welt enthüllt, dann gehört nur der gesunde Menschenverstand, frei von allem Vorurteil menschlichen Intellekts und menschlicher Logik, dazu, um das, was der Geistesforscher erzählt, einzusehen. Es ist nicht richtig, wenn gesagt wird: Was nützt es uns, wenn uns dies oder jenes von der Geistesforschung mitgeteilt wird, wenn wir nicht selber hineinschauen können? —- Wie viele können sich denn von Haeckels Forschungen eine Vorstellung machen und sie verfolgen? Genau ebenso, wie es sich mit solchen Forschungen auf sinnlichem Gebiete verhält, wie da ins Bewusstsein übergeht, was der Vernunft einleuchtet, geradeso verhält es sich mit dem, was der geistige Forscher zu sagen hat, was er erforscht, erkundet in der übersinnlichen Welt. Das, was durch unmittelbare Anschauung, durch die menschlichen Erkenntniskräfte selber als übersinnliche Welt erkannt wird, das soll durch die theosophische Weltanschauung ins allgemeine Bewusstsein übergehen.
[ 20 ] I must emphasize again and again that there can be only a few today who are capable of transforming their souls in this way. To explore the spiritual world, to investigate the facts and beings of the spiritual world, one needs a highly developed soul with open spiritual eyes. But once the facts of the higher world have been revealed, all that is needed to understand what the spiritual researcher describes is sound common sense, free from all prejudice of human intellect and human logic. It is not correct to say: What good does it do us if this or that is communicated to us through spiritual research, if we cannot look into it ourselves? —- How many people, after all, can form a conception of Haeckel’s research and follow it? Just as it is with such research in the sensory realm—where what is evident to reason enters into consciousness—so it is with what the spiritual researcher has to say, what he investigates and explores in the supersensible world. That which is recognized as the supersensible world through direct perception, through the human powers of cognition themselves, is to be brought into general consciousness through the theosophical worldview.
[ 21 ] Auf der einen Seite haben wir die alte Bibel, welche uns auf ihre Art die Geheimnisse der übersinnlichen Welt und deren Zusammenhang mit der Sinneswelt darstellt, und auf der anderen Seite haben wir durch die Geisteswissenschaft das, was der Forscher unmittelbar erfährt über diese übersinnliche Welt. Ist das nicht ein ganz ähnlicher Gesichtspunkt, wie er bei der Morgenröte der modernen Naturwissenschaft uns entgegentritt?
[ 21 ] On the one hand, we have the ancient Bible, which in its own way reveals to us the mysteries of the supersensible world and its connection to the sensory world; and on the other hand, through spiritual science, we have what the researcher directly experiences regarding this supersensible world. Isn’t this a perspective quite similar to the one we encounter at the dawn of modern natural science?
[ 22 ] Nun entsteht die Frage: Was hat die Geisteswissenschaft zu sagen, das uns zum Verständnis der biblischen Wahrheiten bringen könnte? Da müssen wir auf Einzelheiten eingehen. Wir müssen vor allen Dingen zeigen, dass dann, wenn der Mensch durch die von der Geisteswissenschaft überlieferten Mittel seine Fähigkeiten erweckt, er hineinsieht in die geistige Welt und sich ihm gegenüber der gegenständlichen Erkenntnis eine höhere, zunächst eine imaginative Erkenntnis entwickelt.
[ 22 ] This raises the question: What does spiritual science have to say that could lead us to an understanding of biblical truths? Here we must go into detail. Above all, we must show that when a person awakens their faculties through the methods handed down by spiritual science, they gain insight into the spiritual world and develop a higher form of knowledge—initially an imaginative one—as opposed to objective knowledge.
[ 23 ] Was ist das: imaginative Erkenntnis? Damit ist nicht jene unbestimmte Ekstase gemeint, die man leicht mit diesem Worte verbindet, nichts von Somnambulismus und ähnlichen Dingen, sondern da liegt zugrunde eine strenge Methodik, durch die der Mensch sich diese Fähigkeiten erwecken muss. Lassen Sie uns von der äußeren Erkenntnis ausgehen, um das, was mit imaginativer Erkenntnis bezeichnet wurde, dem Verständnis nahezubringen.
[ 23 ] What is this: imaginative knowledge? This does not refer to that vague ecstasy that one easily associates with this term, nor to somnambulism or similar phenomena, but rather it is based on a rigorous methodology through which a person must awaken these abilities within themselves. Let us begin with external cognition in order to help the reader understand what is meant by “imaginative cognition.”
[ 24 ] Was ist denn das Charakteristische für die äußere Gegenstandserkenntnis? Sie haben die Wahrnehmung zum Beispiel des Tisches; es bleibt Ihnen nachher, wenn Sie den Tisch nicht mehr sehen, eine Vorstellung; das ist eine Art Nachklang. Zuerst haben Sie den Gegenstand und dann das Vorstellungsbild. Es gibt Philosophiesysteme, die behaupten, dass alles nur Vorstellung sei. Das ist falsch. Nehmen Sie die Vorstellung des glühenden Stahls oder Eisens; die Vorstellung wird Sie nicht brennen; aber wenn Sie der Wirklichkeit gegenüberstehen, werden Sie etwas anderes erfahren. Das ist das Charakteristische der Gegenstandserkenntnis: zuerst ist der Gegenstand da, und dann bildet sich in uns die Vorstellung. Genau das Umgekehrte muss stattfinden bei dem Menschen, der hinaufdringen will in die höhere Welt. Er muss die Möglichkeit haben, seine Vorstellungswelt zunächst so umzuwandeln, dass die Vorstellung vorangehen kann der Wahrnehmung. Das geschieht auf dem Wege der Meditation und Konzentration, das heißt durch das Versenken unserer Seele in gewisse Vorstellungsinhalte, die keiner äußeren Wirklichkeit entsprechen.
[ 24 ] What, then, is the defining characteristic of external object knowledge? Take, for example, your perception of a table; even after you can no longer see the table, an idea remains with you—a kind of afterimage. First you have the object, and then the mental image. There are philosophical systems that claim that everything is merely a mental image. That is false. Take the mental image of glowing steel or iron; the mental image will not burn you; but when you are confronted with reality, you will experience something else. That is the defining characteristic of the perception of objects: first the object is there, and then the mental image forms within us. Exactly the opposite must take place in the person who wishes to ascend into the higher world. He must first be able to transform his world of imagination in such a way that the mental image can precede perception. This occurs through meditation and concentration—that is, by immersing our soul in certain mental images that do not correspond to any external reality.
[ 25 ] Beachten Sie einmal, wie viel von dem, was in Ihrer Seele lebt, abhängig ist von der Tatsache, dass Sie an einem bestimmten Tage in einer bestimmten Stadt geboren sind. Nehmen Sie an, Sie wären nicht an diesem Tage und nicht in dieser Stadt geboren, und versuchen Sie einmal zu denken, welche anderen Erfahrungen dann in Ihrer Seele leben würden, was dann vom Morgen bis zum Abend Sie durchströmen würde. Mit anderen Worten: Machen Sie sich klar, wie viel von dem Inhalt Ihrer Seele abhängig ist von Ihrer Umgebung, und dann lassen Sie alles das weg, wovon Sie von außen her angeregt werden. Versuchen Sie einmal zu denken, wie viel dann noch darinnen bleiben würde in Ihrer Seele. Alles, was in Ihrer Seele an Vorstellungen der äußeren Welt hineinfließt, das muss Tag für Tag gründlich hinausgeworfen werden, und dafür muss eine Zeit lang in Ihrer Seele an Vorstellungsinhalten leben, was nicht irgendwie von außen angeregt ist, was nicht eine äußere Tatsache, ein äußeres Geschehnis abbildet.
[ 25 ] Just consider how much of what lives within your soul depends on the fact that you were born on a certain day in a certain city. Suppose you had not been born on that day or in that city, and try to imagine what other experiences would then be alive in your soul, what would then flow through you from morning to night. In other words: Realize how much of the content of your soul depends on your surroundings, and then set aside everything that is stimulated in you from the outside. Try to imagine how much would then remain within your soul. Everything that flows into your soul in the form of ideas about the external world must be thoroughly cast out day after day; and in its place, ideas must live within your soul for a time that are not stimulated in any way by the outside world—ideas that do not reflect an external fact or an external event.
[ 26 ] Da gibt Ihnen die Geisteswissenschaft, wenn Sie den Weg ernstlich suchen, eine ganze Summe von Vorstellungen an die Hand, von denen ich beispielsweise sprechen will. Ich will Ihnen zeigen, wie durch bestimmte Vorstellungen die Seele heraufgeführt werden kann nach und nach in die höheren Welten. Diese Vorstellungen betrachten wir wie die Buchstaben im Alphabet. Es gibt in der Geisteswissenschaft nicht bloß 22 bis 27 Buchstaben, sondern Hunderte und Aberhunderte, durch die die Seele lesen lernt in der geistigen Welt. Ein einfaches Beispiel: Wir nehmen das bekannte Rosenkreuz, und zwar in seiner einfachsten Form, das schwarze Kreuz mit sieben roten Rosen geziert. Es hat ganz besondere Wirkungen, wenn die Seele sich einmal fünfzehn Minuten lang mit Ausschluss von allem, was von außen anregt, ganz hineinversenkt in die Vorstellung dieses Rosenkreuzes.
[ 26 ] If you are earnestly seeking the path, spiritual science provides you with a whole range of concepts, which I would like to discuss, for example. I want to show you how, through certain concepts, the soul can be gradually guided up into the higher worlds. We regard these concepts as the letters of the alphabet. In spiritual science, there are not merely 22 to 27 letters, but hundreds upon hundreds through which the soul learns to read in the spiritual world. A simple example: Let us take the well-known Rose Cross, specifically in its simplest form—the black cross adorned with seven red roses. It has very special effects when the soul immerses itself completely in the image of this Rose Cross for fifteen minutes, excluding all external distractions.
[ 27 ] Um ein wenig einsehen zu können, was da in der Seele geschieht, wollen wir uns verstandesgemäß vertiefen in das, was das Rosenkreuz bedeutet. Es ist das nicht das Wichtigste dabei; aber damit Sie sehen, dass man es wenigstens skizzenhaft angeben kann, sei das hingestellt. Ich werde es in Form eines Dialogs zwischen Lehrer und Schüler sagen.
[ 27 ] To gain some insight into what is happening in the soul, let us rationally delve into the meaning of the Rosicrucian symbol. This is not the most important aspect of the matter; but so that you may see that it can at least be outlined in broad strokes, let this be stated. I will present this in the form of a dialogue between a teacher and a student.
[ 28 ] Der Lehrer sagt zum Schüler: Sieh’ dir die Pflanze an, die mit der Wurzel im Boden steht und herauswächst bis zur Blüte hin. Vergleiche sie mit dem Menschen, der vor dir steht, wie er organisiert ist. Vergleiche den vollkommeneren Menschen mit der unvollkommenen Pflanze. Der Mensch hat Selbstbewusstsein, er hat in sich, was wir ein Ich nennen. Aber dafür, dass er dieses Höhere in sich hat, dafür hat er in den Kauf nehmen müssen etwas, was seine niedere Natur ausmacht, die sinnlichen Leidenschaften. Schauen wir auf die Pflanze, sie hat kein Selbstbewusstsein. Sie hat nicht in sich ein Ich. Aber dafür ist diese Pflanze auch noch nicht behaftet mit Leidenschaften, Trieben und Instinkten. Keusch und rein stellt sie sich in ihrer grünen Schönheit vor das Auge. Sieh’ dir an, wie der Chlorophyllsaft in der Pflanze kreist, und sieh’, wie im Menschen das Blut pulsiert. Da, im Blute, drückt sich aus, was an Instinkten und Leidenschaften dem Menschen eigen ist. Dafür hat er sein Selbstbewusstsein errungen. Jetzt sieh dir nicht bloß den jetzigen Menschen an, sondern schaue im Geiste auf einen fernen Zukunftsmenschen, auf das, was aus dem Menschen werden kann in einer fernen Zukunft. Er wird sich weiterentwickeln, er wird überwinden, läutern und reinigen die Begierden und Leidenschaften, und ein höheres Selbstbewusstsein wird er erhalten, sodass im Geiste du erblicken kannst einen Menschen, der wiederum die reine Keuschheit der Pflanzennatur errungen hat. Aber weil er auf höherer Stufe angelangt ist, lebt sein Selbstbewusstsein in der reinen Keuschheit. Sein Blut wird gereinigt sein, so keusch und rein wie der Pflanzensaft. Sieh dir an, wie in der roten Rosenblüte das Vorbild von dem ist, was das Blut einstmals werden soll. Da hast du das Vorbild des höheren Menschen. Du hast dann im Rosenkreuz die schönste Umschreibung des Spruches von Goethe: Wer das nicht hat, dieses Stirb und Werde, der bleibt ein trüber Gast auf dieser dunklen Erde. «Stirb und Werde», was bedeutet es? Das heißt, dass im Menschen die Möglichkeit vorhanden ist, über sich hinauszuwachsen. Das, was abstirbt, was überwunden wird, das bedeutet das schwarze Kreuz, das, was heute der Ausdruck ist für seine sinnlichen Begierden. Die reine, keusche Pflanzenblüte, die Rosenblüte soll symbolisch sein für das Blut. Die roten Rosen und das schwarze Kreuz, sie stellen dar die innere Aufforderung, über sich selbst hinauszuwachsen.
[ 28 ] The teacher says to the student: Look at the plant, whose root is in the ground and which grows upward toward the flower. Compare it to the person standing before you—how he is organized. Compare the more perfect human being to the imperfect plant. Human beings have self-awareness; they possess within themselves what we call an “I.” But in order to have this higher aspect within them, they have had to accept something that constitutes their lower nature: the sensual passions. Let’s look at the plant—it has no self-awareness. It does not possess an “I” within itself. But in return, this plant is not yet burdened with passions, drives, and instincts. Chaste and pure, it presents itself to the eye in all its green beauty. Look at how the chlorophyll sap circulates within the plant, and see how the blood pulses within the human being. There, in the blood, is expressed what is unique to human beings in terms of instincts and passions. In exchange for this, they have attained their self-awareness. Now do not merely look at the human being of the present, but gaze in your mind’s eye upon a human being of the distant future—upon what the human being can become in a distant future. He will continue to develop; he will overcome, purify, and refine his desires and passions, and he will attain a higher self-awareness, so that in spirit you can behold a human being who has, in turn, attained the pure chastity of plant nature. But because he has reached a higher level, his self-awareness lives in pure chastity. His blood will be purified, as chaste and pure as plant sap. Look at how the red rose blossom is the model of what the blood is once to become. There you have the model of the higher human being. In the Rose Cross, you then have the most beautiful interpretation of Goethe’s saying: “Whoever does not possess this—this ‘die and become’—remains a gloomy guest on this dark earth.” “Die and become”—what does it mean? It means that within the human being lies the possibility of transcending oneself. That which dies, that which is overcome—this is what the black cross signifies; it represents what today is the expression of one’s sensual desires. The pure, chaste plant blossom—the rose blossom—is meant to symbolize the blood. The red roses and the black cross represent the inner call to transcend oneself.
[ 29 ] Diese verstandesgemäße Aufklärung ist nicht die Hauptsache, sie ist nur da, damit wir so etwas begreifen können. Das, worauf es ankommt bei einer solchen Meditation, ist, dass man sich vertieft in dieses Symbolum, dass es als Bild vor uns steht. Und wenn einer kommt und sagt: Ja, da sprichst du vom Rosenkreuz, das ist aber nichts Wirkliches und entspricht keiner Realität, dann muss erwidert werden: Nicht darauf kommt es an, dass du durch das Rosenkreuz etwas über die äußere Welt erfährst, sondern wichtig ist die Wirkung des Rosenkreuzes auf die Seele und die in ihr schlummernden Fähigkeiten. Es würde keine der äußeren Welt entsprechende Abbildung so wirken können wie gerade dieses Bild in seiner Vieldeutigkeit und in seiner Unwirklichkeit. Wenn die Seele dieses Bild auf sich wirken lässt, dann schreitet sie immer weiter, und es wird ihr endlich möglich, in einer Vorstellungswelt zu leben, die zunächst freilich eine illusorische ist. Wenn aber die Seele genügend lange in Geduld und Energie in dieser Vorstellungswelt lebt, dann erlebt sie ein bedeutsames Ereignis. Es kommen ihr dann aus ihrer geistigen Umgebung die geistigen Tatsachen, die geistigen Wesenheiten entgegen, die sie sonst nicht einsehen kann. Und jetzt kann sie ganz genau unterscheiden die bloße Vorstellung, die Illusion, von der wahren, echten Wirklichkeit.
[ 29 ] This rational explanation is not the main point; it is merely there so that we can understand such things. What matters in such a meditation is that one immerses oneself in this symbol, that it stands before us as an image. And if someone comes along and says, “Yes, you’re talking about the Rose Cross, but that’s not something real and doesn’t correspond to any reality,” then one must reply: What matters is not that you learn something about the outer world through the Rose Cross, but rather the effect the Rose Cross has on the soul and the abilities lying dormant within it. No representation corresponding to the external world could have the same effect as this very image, with its ambiguity and its unreality. When the soul allows this image to take effect upon it, it progresses further and further, and it finally becomes possible for it to live in a world of imagination—which, admittedly, is at first an illusory one. But if the soul lives in this world of imagination long enough, with patience and energy, it will experience a significant event. Then, from its spiritual surroundings, it will encounter spiritual facts and spiritual beings that it cannot otherwise perceive. And now it can distinguish very clearly between mere imagination—illusion—and true, genuine reality.
[ 30 ] Gewiss, man darf kein Schwärmer werden, denn das ist gefährlich. Kein Phantast darf man werden, sondern man muss sich alle Nüchternheit und den festen Boden bewahren. Wenn man schwärmt, dann geht es einem schlecht, wenn die geistige Welt hereinbrechen soll. Erhält man sich aber bis dahin seine absolute Sicherheit in der Empfindung des Wirklichen, dann weiß man, wo hereinbrechen wird die geistige Tatsache, und man lebt sich hinauf zur geistigen Welt.
[ 30 ] Certainly, one must not become a dreamer, for that is dangerous. One must not become a dreamer, but must retain all sobriety and a firm footing. If one becomes carried away, one will suffer when the spiritual world breaks in. But if one maintains, until then, absolute certainty in the perception of reality, then one knows where the spiritual reality will break in, and one lives one’s way up to the spiritual world.
[ 31 ] Sie werden es vielleicht schon geahnt haben aus dem, was ich gesagt habe, dass die Vorstellung über die geistige Welt eine ganz andere ist als die über die sinnliche Welt. Die geistige Welt kann für unmittelbare Anschauung nicht gegeben werden durch eindeutige Vorstellungen; und jeder, der da glaubt, das, was einem entgegentritt in der geistigen Welt, ebenso beschreiben zu können wie die sinnliche Welt, der kennt sie eben nicht. Man kann nur Bilder hinstellen, die aber verstanden werden müssen als Bilder. Wenn der Geistesforscher hineinblickt in die geistige Welt, dann sieht er das, was als geistige Urgründe dem Physischen zugrunde liegt. Und er sieht nicht nur, was in der Gegenwart zugrunde liegt, sondern auch, was in der Vergangenheit zugrunde gelegen hat. Eines zeigt sich ihm vor allem: dass der Mensch, der uns heute zunächst als physisches Wesen entgegentritt, nicht immer ein physisches Wesen war. Die äußere Naturwissenschaft kann uns nur an der Hand der physischen Tatsachen zurückführen zu dem, was der Mensch als physisches Wesen einmal war, und der Geistesforscher hat dagegen nichts einzuwenden. Aber das, was uns physisch entgegentritt, hat seinen Ursprung in einem Geistigen. Der Mensch war als ein geistiges Wesen früher da als irgendetwas anderes.
[ 31 ] You may already have surmised from what I have said that our conception of the spiritual world is quite different from that of the sensory world. The spiritual world cannot be presented for direct perception through unambiguous concepts; and anyone who believes they can describe what they encounter in the spiritual world in the same way as the physical world simply does not know it. One can only present images, but these must be understood as images. When the spiritual researcher looks into the spiritual world, he sees what lies as spiritual foundations underlying the physical world. And he sees not only what underlies the present, but also what has underlain the past. One thing becomes clear to him above all: that the human being who appears to us today primarily as a physical being was not always a physical being. External natural science can only lead us back, on the basis of physical facts, to what the human being once was as a physical being, and the spiritual researcher has no objection to this. But what we encounter physically has its origin in the spiritual. The human being, as a spiritual being, existed earlier than anything else.
[ 32 ] Als die Erde überhaupt noch nicht physisch war, befand sich der Mensch im Schoße göttlicher Wesenheiten. Geradeso wie sich das Eis aus dem Wasser heraus verfestigt, so hat sich der physische Mensch verfestigt aus dem geistigen Menschen. Die Geisteswissenschaft zeigt, dass das Physische mit dem Geistigen fortdauernd in Berührung steht. Aber alles das, was dem Physischen zugrunde liegt, kann nur in Bildern ausgedrückt werden, wenn wir überhaupt der physischen Vorstellung uns annähern wollen.
[ 32 ] When the Earth was not yet physical at all, human beings were in the bosom of divine beings. Just as ice solidifies from water, so did the physical human being solidify from the spiritual human being. Spiritual science shows that the physical is in constant contact with the spiritual. But everything that underlies the physical can only be expressed in images if we are to approach the physical concept at all.
[ 33 ] Was zeigt sich zum Beispiel, wenn der Mensch wieder die geistige Entwicklungsstufe erreicht hat, was stellt sich ihm dann dar? Dann findet er in gewisser Beziehung die biblischen Bilder wieder, wie sie im Sechs- oder Siebentagewerk gegeben sind. Dem Geistesforscher erscheinen die Bilder in der Tat so, wie sie uns im Sechs- oder Siebentagewerk gegeben werden. Diese Bilder entsprechen allerdings nicht einer physischen Beschreibung, aber der Forscher, der in die geistige Welt hineinschaut, sieht in einem hellseherischen Bewusstsein, wie der Schreiber der Genesis in den Bildern die Entstehung des Menschen aus dem Geistigen heraus gegeben hat. Und wunderbar, Stück für Stück stellt sich eine Kongruenz dar zwischen dem, was der Geistesforscher sieht, und dem, was uns als die biblischen Bilder entgegentritt. So unbefangen wie der Naturforscher an die physische Welt herangeht, so kann der Geistesforscher das verfolgen, was in der Bibel steht. Seine Weisheit sucht er nicht in der Bibel; er findet aber eine gewaltige Übereinstimmung mit den biblischen Bildern.
[ 33 ] What, for example, becomes apparent when a person has once again reached that stage of spiritual development—what is revealed to them then? Then, in a certain sense, they rediscover the biblical images as they are presented in the account of the six or seven days of creation. To the spiritual researcher, these images do indeed appear just as they are presented to us in the account of the six- or seven-day creation. These images do not, however, correspond to a physical description; but the researcher who looks into the spiritual world sees, through clairvoyant consciousness, how the writer of Genesis portrayed in these images the emergence of humankind from the spiritual realm. And wonderfully, bit by bit, a congruence emerges between what the spiritual researcher sees and what we encounter as the biblical images. Just as the natural scientist approaches the physical world with an open mind, so too can the spiritual researcher explore what is written in the Bible. He does not seek his wisdom in the Bible; rather, he finds a remarkable correspondence with the biblical images.
[ 34 ] Nur eine solche Übereinstimmung will ich noch erwähnen. Es zeigt sich, wenn wir auf alte Zeiten zurückgehen, dass da andere geistige Wesenheiten hinter der Entwicklung des Menschen stehen als später von einem bestimmten Zeitpunkt ab.
[ 34 ] I would like to mention just one more such correspondence. If we look back to ancient times, it becomes apparent that different spiritual beings were behind human development than those who were involved from a certain point onward.
[ 35 ] Viele werden wissen, dass wir in dem heutigen Menschen ein Wesen haben, das aus vier Gliedern besteht. Er ist zusammengesetzt aus dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib — Träger von Lust und Leidenschaften und so weiter - und dem Ich, dem Träger des menschlichen Selbstbewusstseins. Die drei niederen Glieder, der physische Leib, der Ätherleib und der Astralleib, waren lange vor dem Ich schon vorhanden. Das Ich ist am spätesten hineingegliedert worden in den Menschen. An diesen drei Gliedern haben geistige Wesenheiten mitgewirkt, die uns in der Bibel als Elohims bezeichnet werden. Und als nun das Ich begann, sich einzugliedern in die dreigliedrige Wesenheit, da wirkte eine andere Wesenheit aus der Geisteswelt mit; und wer tiefer in die Bibel eindringt, wird finden, dass diese geistige Wesenheit mit Recht als Jahve bezeichnet wird. Und aus inneren Gründen der Entwicklung selber sehen wir, wie an einem bestimmten Punkt der Darstellung anstelle des alten Gottesnamens der neue eingeführt wird. Wir sehen auch, wie es mit dem Ursprung des Menschen sich verhält, der auf zweifache Weise in der Bibel erzählt wird. Denn in der Tat ist der dreigliedrige Mensch aufgelöst gewesen im ganzen Weltall; er ist von Neuem geworden, und dann bildete sich im umgestalteten dreigliedrigen Menschen das Ich heraus.
[ 35 ] Many will know that modern human beings are beings composed of four parts. They consist of the physical body, the etheric body, the astral body—the bearer of desires, passions, and so on—and the “I,” the bearer of human self-consciousness. The three lower members—the physical body, the etheric body, and the astral body—already existed long before the “I.” The “I” was the last to be integrated into the human being. Spiritual beings, referred to in the Bible as the Elohim, were active in the formation of these three members. And when the “I” began to integrate itself into the threefold being, another being from the spiritual world was involved; and anyone who delves deeper into the Bible will find that this spiritual being is rightly referred to as Yahweh. And for internal reasons of development itself, we see how, at a certain point in the narrative, the new name of God is introduced in place of the old one. We also see how the origin of humankind is described in two different ways in the Bible. For in fact, the threefold human being had been dissolved into the entire universe; it was made anew, and then the “I” emerged within the transformed threefold human being.
[ 36 ] Das also, was wie ein Riss liegt zwischen dem ersten und zweiten Kapitel der Genesis, was so viele falsche Deutungen erfahren hat, diese zweifache Darstellung von dem Ursprunge des Menschen, findet seine Erklärung durch das, was der Geistesforscher erforschen kann. Nur müssen wir die Bibel richtig verstehen, und das ist heute nicht ganz leicht. Durch die Geisteswissenschaft zeigt sich uns, wie sozusagen im Anfange vorhanden waren höhere geistige Wesenheiten. Die Nachkommen dieser Wesenheiten sind die Menschen; sie sind entsprungen aus dem Schoße göttlich-geistiger Wesen. Ebenso wie das Kind der Nachkomme der Eltern ist, so können wir auch von den Menschen als Nachkommen der Götter sprechen. Vom Standpunkt der Geisteswissenschaft müssen wir den Menschen da, wo er als einzelner Erdenmensch vor uns auftritt, als den Nachkommen göttlich-geistiger Wesenheiten ansehen.
[ 36 ] That which lies like a rift between the first and second chapters of Genesis—that which has been subject to so many misinterpretations—this dual account of the origin of humankind finds its explanation in what the spiritual researcher can uncover. We must, however, understand the Bible correctly, and that is not entirely easy today. Spiritual science reveals to us how, so to speak, higher spiritual beings existed from the very beginning. The descendants of these beings are human beings; they sprang from the womb of divine-spiritual beings. Just as a child is the descendant of its parents, so too can we speak of human beings as the descendants of the gods. From the standpoint of spiritual science, we must regard human beings—when they appear before us as individual earthly human beings—as the descendants of divine-spiritual beings.
[ 37 ] Sagt uns die Bibel darüber etwas? Ja, wir müssen sie nur lesen können. Der vierte Satz des zweiten Kapitels lautet: «Dies ist die Entstehungsgeschichte des Himmels und der Erden, wie sie Gott geschaffen hat ...» und so weiter (1 Mos 2,4). Dieser Satz in deutscher Sprache ist irreführend; denn er sagt gar nicht das, was an dieser Stelle in der Bibel steht. In Wahrheit müsste man den Ursprungstext so übersetzen: «Dieses, was da folgt, was jetzt erzählt wird, sind die Nachkömmlinge des Himmels und der Erde, wie sie durch die göttliche Kraft hervorgebracht sind.» Und wenn da steht: «Im Urbeginne war Himmel und Erde» (1 Mos 1,1), so sind das göttlich-geistige Wesenheiten, deren Nachkomme der Mensch ist. Ganz sachgemäß schildert uns die Bibel, was unabhängig von ihr die Geistesforschung wiederfindet. Viele von denen, die heute gegen die Bibel kämpfen, richten sich gegen etwas, was sie in Wirklichkeit gar nicht kennen. Sie kämpfen gegen Windmühlen. Genau der theosophische Sinn steht gerade im vierten Satze.
[ 37 ] Does the Bible tell us anything about this? Yes, we just have to be able to read it. The fourth sentence of the second chapter reads: “This is the account of the creation of the heavens and the earth, as God created them…” and so on (Genesis 2:4). This sentence in German is misleading; for it does not at all say what is written in this passage of the Bible. In truth, the original text should be translated as follows: “What follows here, what is now being told, are the descendants of heaven and earth, as they were brought forth by divine power.” And when it says, “In the beginning were heaven and earth” (Genesis 1:1), these are divine-spiritual beings whose descendants are human beings. The Bible accurately describes to us what spiritual research has discovered independently of it. Many of those who fight against the Bible today are directing their opposition against something they do not actually know at all. They are fighting windmills. The very theosophical meaning is contained precisely in the fourth sentence.
[ 38 ] Und so könnte man Stück für Stück durch das Alte und Neue Testament hindurch zeigen, wie der Mensch, wenn er durch seine eigenen Fähigkeiten in die geistigen Welten hinaufsteigt, seine eigenen Forschungsresultate in der Bibel wiederfindet.
[ 38 ] And so, step by step, throughout the Old and New Testaments, one could show how, when a person ascends into the spiritual worlds through his own abilities, he finds the results of his own research reflected in the Bible.
[ 39 ] Es würde heute zu weit führen, wollten wir das Neue Testament in ähnlicher Weise besprechen. In meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» ist unter anderem das Lazaruswunder in seiner wahren Gestalt dargestellt. Wie heute solche Dinge behandelt werden, können sie uns niemals in ihrer wirklichen Bedeutung entgegentreten, denn die heutigen Bibelexegeten können natürlich nur das finden, was mit ihrem eigenen Wissen im Einklange steht. Ihr Wissen geht aber nicht über die sinnliche Erkenntnis hinaus, daher die vielen sich widersprechenden Deutungen und Auslegungen der einzelnen Bibelstellen. Der berufene Ausleger der Bibel kann nur derjenige sein, der dieselben Wahrheiten, die die Bibel enthält, erst unabhängig von ihr zu gewinnen vermag. Denken Sie, dass es ein altes Buch gibt, die Geometrie des Euklid. Wer von Geometrie etwas versteht, kann das Buch lesen. Aber Sie werden sich jedenfalls nur auf den verlassen, der heute Geometrie gelernt hat. Wenn ein solcher dann an Euklid herantritt, wird er dessen Lehre als wahr anerkennen. So ist auch der nicht maßgebend, der mit philologischem Sinn an die Bibel herantritt, sondern nur der, der aus sich allein die Weisheit zu schöpfen vermag.
[ 39 ] It would take us too far afield today to discuss the New Testament in a similar manner. In my book Christianity as a Mystical Fact, the miracle of Lazarus, among other things, is presented in its true form. The way such things are treated today prevents us from ever encountering their true significance, for today’s biblical exegetes can, of course, only find what is in harmony with their own knowledge. Their knowledge, however, does not extend beyond sensory perception; hence the many contradictory interpretations and exegeses of individual biblical passages. The true interpreter of the Bible can only be someone who is first able to grasp the very truths contained in the Bible independently of the Bible itself. Consider that there is an ancient book: Euclid’s Elements. Anyone who understands geometry can read the book. But in any case, you will rely only on someone who has studied geometry today. When such a person then approaches Euclid, he will recognize his teachings as true. Likewise, the one who approaches the Bible with a philological sensibility is not authoritative; rather, only the one who is able to draw wisdom from within himself is so.
[ 40 ] So dürfen wir sagen, dass, wer heute eindringen kann in die geistige Welt, wem der Einfluss der geistigen Welt zugänglich ist, dass der die Bibel versteht. Ihm tritt aus der Bibel die Gewissheit entgegen, dass sie von Eingeweihten, von Inspirierten verfasst worden ist, und derjenige, der heute in die geistige Welt einzudringen vermag, der versteht die großen Schreiber der Bibel. Der weiß, dass es wirkliche Eingeweihte, Erweckte sind, die ihre Erfahrung aus der geistigen Welt heraus geschrieben haben; und wer das erkennen kann, der erkennt auch, was sie hineingeheimnisst haben.
[ 40 ] Thus we may say that whoever is able to enter the spiritual world today—whose life is open to the influence of the spiritual world—understands the Bible. From the Bible, they gain the certainty that it was written by initiates, by those who were inspired; and whoever is able to enter the spiritual world today understands the great writers of the Bible. They know that these were true initiates and enlightened beings who wrote down their experiences drawn from the spiritual world; and whoever can recognize this also recognizes what they have encoded within it.
[ 41 ] Ich möchte hier eine Erfahrung erwähnen, die ich selbst machen konnte in Bezug auf etwas anderes. Als ich beim Goethe-Archiv in Weimar beschäftigt war und eine bestimmte Arbeit vorgelegt bekam, da war ich bemüht, rein äußerlich etwas zu zeigen. Sie kennen alle den schönen Prosahymnus «An die Natur»: «Natur, wie sind von ihr umgeben und umschlungen ...» und so weiter. Es ist mit schönen Worten darin beschrieben, dass alles, was die Natur bietet, sie durch die Liebe bietet, dass ihre Krone die Liebe ist. Dieser Aufsatz war selbst für Goethe eine Zeit lang verschollen, und als Goethe ein alter Mann war und der schriftliche Nachlass der Herzogin Amalie übergeben wurde, fand man diesen Aufsatz. Man fragte Goethe, und er sagte: Ja, ich erkenne meine Idee von damals wieder. — Es ist dann dieser Aufsatz als von Goethe verfasst angenommen worden, bis besondere Haarspalter ihn nicht mehr gelten lassen wollten und ihn jemand anders zuschrieben. Ich war dabei zu erforschen, wie es sich mit diesem Aufsatze verhält. Es hatte sich herausgestellt bei mir, dass damals Goethe einen jungen Mann an der Hand hatte, der Tobler hieß und der ein sehr gutes Gedächtnis besaß. Goethe hatte bei seinen Spaziergängen seine Idee entwickelt, und jener Tobler hatte sie in sich aufgenommen; und weil er eben ein vorzügliches Gedächtnis hatte, sie nachher fast ganz wörtlich aufgeschrieben. Ich versuchte nachzuweisen, wie man aus diesem Aufsatz heraus vieles, was sich später in den Goethe’schen Ideen findet, verstehen kann. Es handelte sich also im vorliegenden Fall darum, dass die Feder zu diesem Aufsatz einer geführt hatte, der nicht Goethe war; aber die Idee selbst in ihrer Wendung und Fügung, die war von Goethe. Und das versuchte ich nachzuweisen. Nachher, als meine Arbeit erschienen war, kam ein Mann zu mir, ein berühmter Goetheforscher, der sagte: Ach, man muss Ihnen dankbar sein, dass Sie nun Licht in die Sache gebracht haben; denn jetzt wissen wir, dass dieser Aufsatz — von Tobler ist! — Wie komisch mir zu Mute war, können Sie sich wohl denken.
[ 41 ] I would like to mention here an experience I had myself in connection with something else. When I was working at the Goethe Archive in Weimar and was given a particular piece of work to review, I made an effort to focus purely on the external aspects. You are all familiar with the beautiful prose hymn “To Nature”: “Nature, how we are surrounded and embraced by her...” and so on. It describes in beautiful words that everything nature offers, she offers through love, that her crown is love. This essay had even been lost to Goethe for a time, and when Goethe was an old man and the Duchess Amalie’s written estate was handed over, this essay was found. Goethe was asked about it, and he said: “Yes, I recognize my idea from back then.” — This essay was then accepted as having been written by Goethe, until certain nitpickers refused to accept it as such and attributed it to someone else. I was in the process of investigating the circumstances surrounding this essay. I had discovered that at the time, Goethe was accompanied by a young man named Tobler, who possessed a very good memory. Goethe had developed his idea during his walks, and this Tobler had absorbed it; and because he had such an excellent memory, he later wrote it down almost word for word. I attempted to demonstrate how much of what is later found in Goethe’s ideas can be understood from this essay. In this particular case, therefore, the pen that wrote this essay belonged to someone other than Goethe; but the idea itself, in its phrasing and structure, was Goethe’s. And that is what I sought to prove. Later, after my work had been published, a man came to me—a famous Goethe scholar—who said: “Oh, we must be grateful to you for shedding light on the matter; for now we know that this essay—is by Tobler!” You can well imagine how odd I felt.
[ 42 ] So stellen die sich dar, die beweisen wollen, dass im Laufe der Zeiträume dieser oder jener Teil der Bibel von diesem oder jenem geschrieben worden ist. Das ist den Leuten das Wichtigste, wer die Dinge zuletzt niedergeschrieben hat, und nicht, aus wessen Geist sie geflossen sind. Uns kommt es aber darauf an, wie so etwas wie die Bibel entstanden sein kann aus dem Geiste derjenigen heraus, die hineingeschaut haben in die geistige Welt und sie erlebt haben.
[ 42 ] This is how those who seek to prove that, over the course of time, this or that part of the Bible was written by this or that person present themselves. For these people, the most important thing is who ultimately wrote these things down, not from whose spirit they flowed. For us, however, what matters is how something like the Bible could have come into being from the spirit of those who looked into the spiritual world and experienced it.
[ 43 ] Und nun wollen wir einmal untersuchen, ob es in der Bibel selbst etwas gibt, was uns gerade diese Auffassung nahelegt. Über das Alte Testament lässt sich viel streiten, denn da haben sich die Tatsachen verdunkelt. Aber dem, der nicht streiten will, dem wird klar sein, dass uns die bedeutsame Tatsache von dem Eindringen des Ich in des Menschen ganze Natur und Wesenheit entgegentritt und sachgemäß geschildert wird. Wer vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt die Berufung des Moses am brennenden Dornbusch liest, der wird erkennen können, wie da in Wirklichkeit die Erhebung des Moses zur Geisteswelt zugrunde liegt. Als Gott dem Moses im brennenden Dornbusch erscheint, fragt Moses: «Was soll ich dem Volke sagen, wer hat mich geschickt?» Gott sprach: «Sage, der da ist, habe dich geschickt, der da sagen kann: Ich bin.» (2 Mos 3,13-14) Und wenn wir die ganze Eingliederung des Ich Stück für Stück verfolgen, dann leuchtet uns aus der Bibel etwas entgegen, was wir unabhängig von der Bibel in der Geisteswissenschaft finden.
[ 43 ] And now let us examine whether there is anything in the Bible itself that suggests precisely this view to us. There is much room for debate regarding the Old Testament, for the facts there have become obscure. But to those who do not wish to argue, it will be clear that we are confronted with—and that it is accurately described—the significant fact of the “I” penetrating the whole nature and being of the human being. Anyone who reads the account of Moses’s calling at the burning bush from the perspective of spiritual science will be able to recognize how, in reality, Moses’s ascent into the spiritual world underlies this event. When God appears to Moses in the burning bush, Moses asks, “What shall I say to the people? Who has sent me?” God said, “Say, ‘The One who is has sent you—the One who can say, “I am.”’” (Exodus 3:13–14) And when we trace the entire development of the “I” step by step, something shines forth from the Bible that we find in spiritual science independently of the Bible.
[ 44 ] Aber noch etwas anderes wird gezeigt; es wird gezeigt, dass es einfach durch den christlichen Standpunkt ausgeschlossen sein sollte, die Bibel wie ein anderes historisches Dokument zu betrachten. Wenn wir die Gestalt des Paulus betrachten, so können wir vieles aus einer solchen Betrachtung lernen, was uns zu dieser Erkenntnis führen kann. Wenn wir die erste Ausbreitung des Christentums in der Form, von der die späteren Gestalten des Christentums sind, studieren wollen, da finden wir bei Paulus noch gar nicht die Erzählungen, die uns in den Evangelien entgegentreten, sondern etwas ganz anderes. Was bewirkt bei Paulus den Impuls? Wodurch ist dieser einzigartige Apostel zu seiner Erkenntnis des Christus gekommen? Einzig und allein durch das Ereignis von Damaskus, nicht durch sinnliche, sondern durch übersinnliche Tatsachen. Was war es denn, was der Lehre des Paulus zugrunde liegt? Die Erkenntnis, dass Christus, trotzdem er gekreuzigt worden ist, lebt! Das Ereignis von Damaskus zeigt, dass Christus ein Lebendiger ist und dem erscheinen kann, der sich zu ihm hinaufhebt, und dass es eine geistige Welt gibt. Und er parallelisiert die Erscheinung des Christus für sich ganz und gar mit der Erscheinung für die anderen. Er sagt: «Zuerst ist er dem Kephas erschienen, dann den Zwölfen, dann fünfhundert Brüdern auf einmal, dem Jakobus und den Aposteln allen, dann zuletzt endlich mir als einer Frühgeburt.» (1 Kor 15,5-8) Sonderbar, dass Paulus als Frühgeburt angeführt wird. Gerade dies zeigt aber den intimen Eingeweihten, wie Paulus als vollendeter Sachkenner der Geisteswissenschaft spricht. Er erwähnt, dass er eine Frühgeburt ist; und man erfährt daraus, dass seine Erleuchtung auf diese Tatsache zurückzuführen ist. Ich will auf die Deutung nur hinweisen. Er will damit sagen, dass er dadurch, dass er als Frühgeburt geboren ist, weniger in die Materie verwickelt ist. Darauf führt er seine Erleuchtung zurück. Er zeigt, dass er eigentlich sein Christentum auf diese übersinnliche Tatsache basiert, und dass es Überzeugung ist, die er aus unmittelbarer Anschauung gewonnen hat: Der Christus lebt und ist da.
[ 44 ] But something else is also demonstrated: it is shown that the Christian perspective alone should preclude viewing the Bible as just another historical document. When we consider the figure of Paul, we can learn much from such an examination that can lead us to this realization. If we wish to study the early spread of Christianity in the form that shaped later Christian figures, we find in Paul not at all the narratives we encounter in the Gospels, but something entirely different. What was the driving force behind Paul? How did this unique apostle come to his knowledge of Christ? Solely through the event at Damascus—not through sensory but through supersensory realities. What, then, was the foundation of Paul’s teaching? The realization that Christ, even though he was crucified, lives! The event at Damascus shows that Christ is a living being who can appear to those who lift themselves up to him, and that a spiritual world exists. And he draws a complete parallel between Christ’s appearance to him personally and Christ’s appearance to others. He says: “First he appeared to Cephas, then to the Twelve, then to five hundred brothers at once, to James, and to all the apostles, and finally to me as one born out of due time.” (1 Cor. 15:5–8) It is remarkable that Paul is described as a premature birth. Yet this very fact reveals to the closely initiated how Paul speaks as a consummate expert in spiritual science. He mentions that he was a premature birth; and from this we learn that his enlightenment is attributable to this fact. I will merely point out the interpretation. What he means is that, because he was born prematurely, he is less entangled in the material world. He attributes his enlightenment to this. He shows that his Christianity is actually based on this supersensory fact, and that it is a conviction he has gained from direct perception: Christ lives and is present.
[ 45 ] Die erste Ausbreitung des Christentums beruht auf übersinnlichen Tatsachen. Wir könnten nachweisen, dass das, was im Johannesevangelium enthalten ist, auf übersinnlichen Eindrücken beruht, die der Schreiber des Johannesevangeliums als Mitteilung seiner eigenen Erfahrung gibt. Und dann, wenn wir wissen, dass das Christentum ursprünglich geglaubt werden konnte aufgrund von übersinnlichen Erfahrungen, und dass diese Erfahrungen gegeben sind von solchen, die hineinschauen konnten in die geistigen Welten, dann, verehrte Anwesende, werden wir nicht mehr glauben können, dass man denselben Maßstab an die Bibel legen kann wie an andere äußere Urkunden.
[ 45 ] The early spread of Christianity was based on supernatural events. We could demonstrate that what is contained in the Gospel of John is based on supernatural impressions, which the author of the Gospel of John presents as an account of his own experience. And then, when we know that Christianity could originally be believed on the basis of supersensible experiences, and that these experiences were provided by those who were able to look into the spiritual worlds, then, ladies and gentlemen, we will no longer be able to believe that the same standard can be applied to the Bible as to other external documents.
[ 46 ] Wer die Evangelien prüft wie andere Urkunden, der prüft ein Dokument, dessen inneren Inhalt er gar nicht ermessen kann. Wer durch den Inhalt des Neuen Testamentes hineinsieht in die Erfahrung der Schreiber der Evangelien, der wird zurückgeführt in die geistige Welt und auf diejenigen Persönlichkeiten, die ihre Erkenntnis, ihre Weisheit aus der geistigen Welt herausgeschöpft und uns wiedergegeben haben.
[ 46 ] Anyone who examines the Gospels as one would other historical records is examining a document whose inner meaning they cannot possibly fathom. Anyone who, through the content of the New Testament, gains insight into the experience of the Gospel writers is led back into the spiritual world and to those individuals who drew their knowledge and wisdom from the spiritual world and passed it on to us.
[ 47 ] Betrachten Sie diejenigen, von denen die Evangelien herrühren, in einer gewissen Weise als Eingeweihte, als Erweckte, und nehmen Sie in Betracht, dass man in verschiedenem Grade erweckt sein kann. Stellen Sie sich einmal vor, dass verschiedene Personen die Landschaft von einem Berge aus schildern; der eine steht unten, der andere in der Mitte, und der dritte am Gipfel des Berges. Da werden diese Menschen die Landschaft verschieden schildern, je nach ihrem Standpunkte. So sieht der Geistesforscher die vier Evangelien an. In verschiedenen Graden Eingeweihte waren die Schreiber der vier Evangelien. Man kann verstehen, dass sich äußerlich dies oder jenes widerspricht, wie sich in der Beschreibung der Landschaft am Berge manches widersprechen würde. Das Johannesevangelium ist das tiefste. Über das, was sich im Beginn unserer Zeitrechnung in Palästina abgespielt hat, war der Schreiber des Johannesevangeliums am tiefsten eingeweiht, weil er vom Gipfel des Berges aus geschildert hat.
[ 47 ] Consider those from whom the Gospels originate, in a certain sense, as initiates, as those who have been awakened, and bear in mind that one can be awakened to varying degrees. Imagine, for a moment, that different people are describing the landscape from a mountain; one stands at the foot, another in the middle, and the third at the summit. These people will describe the landscape differently, depending on their vantage point. This is how the spiritual researcher views the four Gospels. The writers of the four Gospels were initiates to varying degrees. It is understandable that, on the surface, certain details may seem to contradict one another, just as some aspects of the description of the landscape from the mountain would contradict each other. The Gospel of John is the most profound. The writer of the Gospel of John was the most deeply initiated regarding the events that took place in Palestine at the beginning of our era, because he described them from the summit of the mountain.
[ 48 ] So werden von der Geisteswissenschaft die Evangelien völlig erklärt, so wird auch gezeigt, wie die scheinbaren Widersprüche in der Genesis, im Beginn des Alten Testamentes, in nichts zerfließen. So bringt uns die unmittelbare Anschauung der geistigen Welt erst wiederum zur Erkenntnis der Bibel, dieses wundervollen Dokuments. Ja, wer sich einlässt in diese Geistesforschung, der wird finden, dass es vier Standpunkte gegenüber dieser Bibel gibt: Der erste ist der des naiv Gläubigen, der ihr glaubt und nicht nach rechts oder links schaut. Der zweite ist der der gescheiten Leute, die entweder auf dem Boden der historischen Forschung, der Bibelzergliederung oder der Naturwissenschaft stehen. Die sagen: Wir können die Bibel nicht als ein einheitliches Dokument anerkennen. Und ein solcher, der einsieht, dass die Naturwissenschaft der Bibel widerspricht, der wird dann ein sogenannter Freidenker oder Freigeist. Er ist in den meisten Fällen ein ehrlicher ernster Wahrheitsstreber. Man kommt dann aber über den Standpunkt der gescheiten Leute hinaus. Manche Freidenker haben zuerst den Standpunkt vertreten, dass die Bibel einer kindlichen Stufe der Menschenentwicklung entspricht und vor der Wissenschaft nicht bestehen kann. Nach einer Weile aber sind sie darauf gekommen, dass doch manches, was in der Bibel dargestellt ist, bildlich gemeint sein muss. Und das stellte sich nun dar, als wenn es eine Umkleidung wäre von Erlebnissen. Das ist der Standpunkt der Symboliker, der dritte Standpunkt. Da herrscht die reine Willkür, da herrscht die Ansicht, dass die Bibel symbolisch aufzufassen ist.
[ 48 ] In this way, spiritual science fully explains the Gospels; it also shows how the apparent contradictions in Genesis, at the beginning of the Old Testament, dissolve into nothing. Thus, it is the direct perception of the spiritual world that leads us back to an understanding of the Bible, this marvelous document. Indeed, anyone who engages in this spiritual research will find that there are four perspectives on the Bible: The first is that of the naive believer, who believes in it and looks neither to the right nor to the left. The second is that of the intelligent people who base their views either on historical research, biblical exegesis, or natural science. They say: We cannot accept the Bible as a coherent document. And anyone who realizes that natural science contradicts the Bible then becomes a so-called free thinker or free spirit. In most cases, such a person is an honest, serious seeker of truth. But one then goes beyond the standpoint of the intelligent people. Some free thinkers initially held the view that the Bible corresponds to a childlike stage of human development and cannot stand up to scientific scrutiny. After a while, however, they came to realize that much of what is described in the Bible must be meant figuratively. And this now appeared to be a metaphorical representation of actual experiences. This is the viewpoint of the symbolists, the third viewpoint. Here, pure arbitrariness prevails, along with the view that the Bible must be interpreted symbolically.
[ 49 ] Der vierte Standpunkt ist der der Geisteswissenschaft. Da gibt es keine Vieldeutigkeit mehr; da gibt es in gewisser Beziehung das Wörtlichnehmen von dem, was in der Bibel gesagt ist. Wir werden wieder zurückgeführt zur Bibel, um sie im wahren Sinn zu verstehen. Das ist eine wichtige Aufgabe der Geisteswissenschaft, die Bibel in ihrer wahren Gestalt wiederherzustellen. Das wird ein glücklicher Tag sein, wo man in einer neuen Sprache hört, was in der Bibel ursprünglich steht, und wie verschieden das sein wird von dem, was heute gesagt wird.
[ 49 ] The fourth perspective is that of spiritual science. Here there is no longer any ambiguity; in a certain sense, it involves taking what is said in the Bible literally. We are led back to the Bible in order to understand it in its true sense. This is an important task of spiritual science: to restore the Bible to its true form. It will be a happy day when we hear, in a new language, what was originally written in the Bible—and how different that will be from what is said today.
[ 50 ] Wir können von Satz zu Satz gehen und wir würden sehen, dass diese Bibel wirklich uns in allen ihren Teilen zeigt, dass sie zu den Eingeweihten spricht als ein Dokument von Eingeweihten, dass sie spricht von Erweckten zu Erweckten. Ja, wir werden durch die Geistesforschung von der Bibel nicht entfernt. Derjenige, der durch die Geistesforschung an die Bibel herantritt, der erlebt Folgendes. Er sagt sich: Einzelnes leuchtet mir auf, was ich früher bezweifelt habe, weil ich es nicht verstanden habe, und es zeigt sich, dass an ihm die Schuld lag, wenn er es nicht begreifen konnte. Jetzt aber versteht er das, was er früher nicht verstanden hatte; nun arbeitet er sich allmählich zu dem demütigen Standpunkt durch: Einiges verstehe ich und sehe den tiefen Inhalt ein; anderes dagegen erscheint mir unglaublich. Da ich jedoch früher verschiedenes nicht verstanden habe, was mir jetzt klar ist, so werde ich wohl später auch noch finden, dass auch dort ein tiefer Gehalt darinnen ist. - Und dann wird man das, was einem aufleuchtet, dankbar hinnehmen, und das, was man noch nicht erklären kann, der Zukunft überlassen.
[ 50 ] We can go through it sentence by sentence, and we would see that this Bible truly shows us in all its parts that it speaks to the initiated as a document of the initiated, that it speaks from the awakened to the awakened. Yes, spiritual research does not distance us from the Bible. Anyone who approaches the Bible through spiritual research experiences the following. He says to himself: Certain things are becoming clear to me that I used to doubt because I did not understand them, and it turns out that the fault lay with him if he could not grasp them. But now he understands what he did not understand before; now he is gradually working his way toward a humble perspective: “I understand some things and grasp their deep meaning; other things, however, seem unbelievable to me. But since I did not understand various things in the past that are now clear to me, I will probably discover later that there is a deeper meaning in those as well.” — And then one will gratefully accept what becomes clear, and leave what one cannot yet explain to the future.
[ 51 ] Und die Bibel wird in Zukunft erst ihre volle Tiefe enthüllen, wenn die Geistesforschung, von allerlei Überlieferung frei, selbst in die geistigen Tatsachen eintritt; dann wird sie dem Menschen zeigen, was alles in dieser Bibel enthalten ist. Und dann wird sie uns nicht unbedeutend erscheinen; denn dann werden wir brüderlich vereint fühlen, was durch diejenigen, die die Bibel verfasst haben, in die geistige Kultur hineingeströmt ist. Wir können auch in unserer Zeit wieder erforschen durch die Einweihung das, was in den geistigen Welten lebt. Wir sehen zurück in die Vergangenheit und fühlen uns eins mit den Vorgängern, indem wir zeigen, wie Stück für Stück mitgeteilt ist von dem, was in den geistigen Welten enthalten ist. Wir können versprechen, dass die Bibel wiederum sich zeigen wird als das tiefste Dokument der Menschheit, als tiefster Quell unserer Kultur. Der geisteswissenschaftliche Standpunkt wird das alles wiedergeben können. Und wenn heute mancher, der nicht nach links und rechts schaut, sagt: Ach, die Bibel braucht nicht in so komplizierter Weise ausgelegt zu werden, gerade die Einfalt ist recht —, dann wird man einstmals erkennen, dass die Bibel, wenn man sie auch nicht versteht, wohl durch ihren geheimnisvollen Gehalt auf jedes Herz wirken muss, dass sie aber nicht nur die Einfalt verstehen kann, sondern dass keine Weisheit ausreicht, um die Bibel vollständig zu verstehen. Nicht nur für die Einfältigen, sondern auch für die Weisesten der Weisen ist die Bibel ein tiefes Dokument. Und so wird die Weisheit, wenn sie geistig unabhängig erforscht wird, zur Bibel zurückführen. Die Geisteswissenschaft wird aber der Menschheit zu allem Übrigen, was sie bringen soll, auch das bringen, was wir zusammenfassen können in die Worte: Durch die Theosophie oder Geisteswissenschaft wird eintreten eine Wiedereroberung der Bibel.
[ 51 ] And in the future, the Bible will reveal its full depth only when spiritual research, free from all manner of tradition, enters into the spiritual realities itself; then it will show humankind everything that is contained in this Bible. And then it will not seem insignificant to us; for then we will feel fraternally united with what has flowed into spiritual culture through those who wrote the Bible. Even in our time, we can once again explore, through initiation, what lives in the spiritual worlds. We look back into the past and feel at one with our predecessors by demonstrating how, bit by bit, what is contained in the spiritual worlds has been communicated. We can promise that the Bible will once again reveal itself as humanity’s most profound document, as the deepest source of our culture. The spiritual-scientific perspective will be able to reflect all of this. And when today some who do not look to the left or right say: “Oh, the Bible doesn’t need to be interpreted in such a complicated way; simplicity is just right”—then one day people will recognize that even if one does not understand the Bible, its mysterious content must surely touch every heart; that not only can simplicity grasp it, but that no wisdom is sufficient to fully understand the Bible. The Bible is a profound text not only for the simple-hearted but also for the wisest of the wise. And so, when wisdom is explored with spiritual independence, it will lead back to the Bible. Spiritual science, however, will bring to humanity—in addition to everything else it is meant to provide—what we can summarize in these words: Through theosophy or spiritual science, a rediscovery of the Bible will take place.
