The Essence of Anthroposophy
within the World Of Sense, Soul And Spirit
GA 68b
11 April 1906, Leipzig
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The Circular Flow of Man's Life, tr. SOL
19. Deutsche Theosophen des neunzehnten Jahrhunderts
19. German Theosophists of the Nineteenth Century
[ 1 ] Immer hat es große suchende Geister gegeben. Immer traten Epochen ein, in denen der Menschengeist in die tiefsten Fragen einzudringen suchte; zu Ende des achtzehnten und zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts besonders war es ganz erstaunlich. Im deutschen Denker finden wir die höchste Schulung. Aber gerade diese Bedeutenden sind am wenigsten bekannt geworden. Ein Mann ist obenan zu stellen: Johann Gottlieb Fichte. Wer kennt und liest heute noch seine «Reden an die deutsche Nation»?
[ 1 ] There have always been great, searching minds. There have always been eras in which the human spirit sought to penetrate the deepest questions; this was particularly astonishing at the end of the eighteenth and the beginning of the nineteenth centuries. It is among German thinkers that we find the highest level of intellectual development. Yet it is precisely these great figures who have become the least well-known. One man stands out above all others: Johann Gottlieb Fichte. Who today still knows and reads his “Addresses to the German Nation”?
[ 2 ] Fichtes Weltanschauung ist eine schwierige, deshalb lassen Sie uns vorher einen Blick auf Immanuel Kant werfen. Kant steckte, sozusagen, der menschlichen Erkenntnis feste Grenzen. Er suchte das Ding an sich. In seine Tiefen drang er nicht ein. Fichte ging in einer Art über ihn hinaus. Mit Kant begann die Zeit der Aufklärung. Er sagte: «Mensch, du sollst dich zum Gebrauch deiner eigenen Vernunft erkühnen.» Dadurch kam der alte Autoritätsglaube ins Wanken. Aus Frankreich zogen aufrüttelnde Gedenken des Aufklärungsgeistes herein. Rousseaus Geist hatte mächtig auf Kant gewirkt. Der Materialismus trat da zuerst auf, und der Geist der Aufklärung machte sich auch in Deutschland bemerkbar; es trat aber da noch etwas anderes hinzu.
[ 2 ] Fichte’s worldview is a difficult one, so let’s first take a look at Immanuel Kant. Kant, so to speak, set firm limits on human knowledge. He sought the thing-in-itself. He did not delve into its depths. Fichte, in a sense, went beyond him. The Age of Enlightenment began with Kant. He said: “Man, you must have the courage to use your own reason.” This shook the old belief in authority. Stirring reminders of the spirit of the Enlightenment swept in from France. Rousseau’s spirit had exerted a powerful influence on Kant. Materialism first emerged there, and the spirit of the Enlightenment also made itself felt in Germany; but something else was added to it there as well.
[ 3 ] Lessing in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts» zeigte, wie ihn dieser Geist der Aufklärung erfasst hatte; aber bei ihm tritt uns zum ersten Male eine neue Idee entgegen, die Idee der Wiederverkörperung. Er sagte: Ist nicht die ganze Ewigkeit mein? Durch viele Leben hindurch schreitet der Mensch auf dem Wege zur Vollkommenheit. Wir sehen, wie Goethe uns die große Idee der Wiederverkörperung in großen Bildern zeigte. Das war Fichtes «Tat»: Fichte zeigte in seiner Lehre der Wissenschaft, dass der Mensch das «Ich» in sich zu finden habe, und gerade dieses war dem Menschen schwer zu begreifen. Fichte sagte: Das Große ist, dass der Mensch selbst zu sich «Ich» sagt. - Niemand kann uns von außen «Ich» zurufen. Das ist der einzige Name, den nur wir allein uns geben können; das ist die Bezeichnung unseres eigenartigen Wesens der Natur gegenüber. Dort fängt der Gott im Menschen an zu sprechen. Damit hat der Mensch angefangen, aufzusteigen zu immer höheren Stufen. Im Jahre 1800 schrieb Fichte «Über die Bestimmung des Menschen». Man muss nicht darin lesen, sondern leben muss man’s, auf sich wirken lassen. Er regt an, das Innenleben zu beobachten, sich in die innere Kraft unserer Natur zu vertiefen, um dadurch zur Gewissheit unseres ewigen Wesenskernes zu kommen. In seinem Büchlein: «Anweisung zu seligem Leben» zeigt er, dass das Ich immer schon in uns gelebt hat und immer in uns leben wird. In solchen deutschen Schriften empfangen Sie die beste theosophische Schulung.
[ 3 ] In his *The Education of the Human Race*, Lessing showed how this spirit of the Enlightenment had taken hold of him; but it is in his work that we first encounter a new idea: the idea of reincarnation. He said: “Is not all eternity mine?” Through many lifetimes, human beings advance along the path to perfection. We see how Goethe presented the great idea of reincarnation to us through grand imagery. That was Fichte’s “deed”: In his philosophy of science, Fichte showed that human beings must find the “I” within themselves, and it was precisely this that was difficult for people to grasp. Fichte said: “The great thing is that human beings themselves say ‘I’ to themselves.” - No one from the outside can call out “I” to us. This is the only name that we alone can give ourselves; it is the designation of our unique being in relation to nature. There, the God within humanity begins to speak. With this, humanity has begun to ascend to ever higher levels. In the year 1800, Fichte wrote “On the Destiny of Humanity.” One need not merely read it; rather, one must live it, allowing it to take effect within oneself. He encourages us to observe our inner life, to immerse ourselves in the inner power of our nature, and thereby to arrive at the certainty of our eternal core being. In his little book, *Instructions for a Blessed Life*, he shows that the “I” has always lived within us and will always live within us. In such German writings, you will receive the best theosophical training.
[ 4 ] Ein eminent theosophischer Geist war Novalis; er starb 29 Jahre alt als Bergingenieur. Er empfand seine Mathematik selbst als ein großes Gedicht. Er erinnert darin an Pythagoras’ Ausspruch, dass in ihr Sphärenmusik wäre. Novalis empfand die Bewegung im Weltenraume als harmonische Töne. Für ihn war die Sternenwelt eine nach mathematischen Grundsätzen erbaute Welt — gleich wie die Harmonien, die man in der Musik wahrnimmt, auch zu berechnen sind. Die Erdschichten hat er auch gefühlt und gedacht. Es war Novalis klar, dass der Mensch seine inneren Sinne entwickeln muss. In «Die Lehrlinge von Sais» hat er klar ausgesprochen, dass der Mensch mit Gott und der ganzen Welt verwandt ist — Bilder: Schöner Knabe Hyazinth liebt das schöne Rosenkind. Die Erkenntnis des menschlichen Ich verdankt er Fichte.
[ 4 ] Novalis was an eminent theosophical mind; he died at the age of 29 as a mining engineer. He himself regarded his mathematics as a great poem. In this, he echoes Pythagoras’s statement that there is “music of the spheres” within it. Novalis perceived the movement in the cosmos as harmonious tones. For him, the world of the stars was a world constructed according to mathematical principles—just as the harmonies one perceives in music can also be calculated. He also sensed and contemplated the layers of the Earth. It was clear to Novalis that human beings must develop their inner senses. In *The Apprentices of Sais*, he clearly stated that human beings are related to God and the entire world—images: the beautiful boy Hyacinth loves the beautiful Rose Child. He owed his understanding of the human “I” to Fichte.
[ 5 ] Ein anderer Denker: Schelling. In seiner 1809 erschienenen Schrift «Über die menschliche Freiheit» sucht er Jakob Böhmes Gedanken zur Geltung zu bringen. Ihn beschäftigt die interessante Forschung nach dem Ursprung des Bösen. Nur einen Vergleich kann ich heute andeuten: Jeder wird auf dem Grunde aller Dinge Harmonie sehen. Wie kommt nun aber die Disharmonie hinein? Wie kann der Mensch zur Freiheit kommen? Dadurch, dass er auch die Möglichkeit hat, Böses zu tun. Schelling sagt: Das göttlich Gute ist wie das Sonnenlicht. Wenn das Licht Licht hineinwirft in die Finsternis, so weckt es Schatten. Das Licht würde nicht seine Kraft entwickeln können, wenn es nicht etwas gäbe, was finster wäre. — Jakob Böhme nennt es den Gegenwurf. Die Finsternis ist eben das Nichts. Das Etwas, das Gute, ist nur zu verstehen dadurch, dass das Böse ein Nichts ist, nur ein Schatten. Schelling nannte Menschen, als physischen Leib, auch eine Vollkommenheit. Hände zum Beispiel seien vollkommen und selbstständig, können sich aber zerkratzen, wenn sie sich gegeneinander kehren. — Gespräch: Clara und Benno. Lange hatte er danach geschwiegen, dann berief ihn Friedrich Wilhelm IV. an die Universität von Berlin. Dann schrieb er «Philosophie der Mythologie» und «Philosophie der Offenbarung». Er spricht da von uralten Mysterien. Was ist ein Mysterium? Wenn wir weit hinter Homer zurückgehen bis zur Kultur der griechischen Geheimschulen, Tempelkulte, so sehen wir, dass die Jünger zuerst das äußere Drama zu beobachten hatten, den Gott, der sich herabsenkt in die Natur, der in allen vier Reichen verborgen ist, der erst im Menschen aufwacht. In der Menschenbrust ist die Stätte des Auferstehen Gottes. Das war nicht Kunst, Religion, Wissenschaft, das war alle drei gleichzeitig: Schönheit, Religion und Frömmigkeit. Erst später trennten sich Wahrheit, Schönheit und Frömmigkeit, Wissenschaft, Kunst und Religion. Das veranschaulichten die Mysterien. In Schelling können Sie das Schönste finden in seinen «Mystischen Offenbarungen».
[ 5 ] Another thinker: Schelling. In his 1809 work *On Human Freedom*, he seeks to give prominence to Jakob Böhme’s ideas. He is engaged in an interesting exploration of the origin of evil. Today I can only hint at one comparison: Everyone will see harmony at the root of all things. But how, then, does disharmony enter the picture? How can a person attain freedom? By having the possibility to do evil as well. Schelling says: The divine Good is like sunlight. When light shines into darkness, it gives rise to shadows. The light would not be able to develop its power if there were not something that were dark. — Jakob Böhme calls it the “counter-throw.” Darkness is precisely nothingness. The “something,” the good, can only be understood by recognizing that evil is nothingness, merely a shadow. Schelling also referred to human beings, as physical bodies, as a form of perfection. Hands, for example, are perfect and autonomous, but they can scratch themselves if they turn against one another. — Conversation: Clara and Benno. He had remained silent for a long time afterward, then Frederick William IV appointed him to the University of Berlin. Then he wrote *Philosophy of Mythology* and *Philosophy of Revelation*. In them, he speaks of ancient mysteries. What is a mystery? If we go far back beyond Homer to the culture of the Greek mystery schools and temple cults, we see that the disciples first had to observe the external drama: the god who descends into nature, who is hidden in all four kingdoms, and who awakens only in human beings. The human breast is the site of God’s resurrection. This was not art, religion, or science; it was all three at once: beauty, religion, and piety. Only later did truth, beauty, and piety—science, art, and religion—separate. The mysteries illustrated this. In Schelling, you can find the most beautiful expressions of this in his “Mystical Revelations.”
[ 6 ] Heinrich Kleist: «Käthchen von Heilbronn», «Prinz von Homburg». Ersteres kann man nicht verstehen, wenn man Hypnose leugnet, und nicht tiefer in das Seelenleben hineinschaut. Kleist versenkt sich tief in Schuberts philosophische Vorlesungen, die er seinerzeit in Dresden hörte, über den Traum und das Innere der Seele, und er gewann dadurch jene Gedanken.
[ 6 ] Heinrich Kleist: “Käthchen von Heilbronn,” “The Prince of Homburg.” The former cannot be understood if one denies hypnosis and fails to look more deeply into the inner life of the soul. Kleist immersed himself deeply in Schubert’s philosophical lectures—which he attended in Dresden at the time—on dreams and the inner workings of the soul, and it was through them that he arrived at those ideas.
[ 7 ] Eine Art abnormes Seelenleben zu studieren fand Justinus Kerner bei der Seherin von Prevorst. Sie kam in jenem Zustande in eine geistig-seelische Umgebung. Viel Bedenkliches hat das. Während im Schlaf der physische Leib ruhte, nahm die Seele Zustände ihrer Umgebung wahr. Kerner sagte: «Für sie ist der Zustand fortwährender Krankheit ein fortwährendes Hinsterben.» Eckartshausen stellt alles ideal dar bis zu einem gewissen Punkte.
[ 7 ] Justinus Kerner found an opportunity to study a kind of abnormal mental state in the case of the visionary of Prevorst. She entered a spiritual and psychological environment while in that state. There is much to be concerned about here. While the physical body rested during sleep, the soul perceived states of its surroundings. Kerner said: “For her, the state of perpetual illness is a perpetual dying.” Eckartshausen presents everything in an idealized light up to a certain point.
[ 8 ] Ennemoser war etwas oberflächlich.
[ 8 ] Ennemoser was a bit superficial.
[ 9 ] Diese Kette theosophischer Geister brachte tiefe Einblicke in die Fortentwicklung der Menschheit, zeigte in der Individualität den ewigen Wesenskern, zeigte die Wiederverkörperung.
[ 9 ] This chain of theosophical spirits provided profound insights into the evolution of humanity, revealed the eternal core of being within individuality, and elucidated reincarnation.
[ 10 ] Was hat nun die Persönlichkeit für eine Bedeutung für die Wesenheit? Erfahrung zu sammeln im Denken, im Fühlen und Wollen. Das darin Gewonnene legt sie nicht mit dem Tode ab wie ein Kleid; nein, das Leben war für sie eine Schule, und was sie im Leben aufnahm, das nimmt sie als Schatz mit hinein in das neue Sein. Umsonst hätte ein Mensch gelebt, wenn das nicht der Fall wäre. So wird mit einem jeden Leben die Individualität reicher. Alles, was die Persönlichkeit eingesammelt hat, sind die Perlen einer Perlenkette. Die Persönlichkeit ist das Werkzeug, um sich aus dem Leben heraus zu entwickeln. Das Erdenleben ist das, was uns vollkommener macht. Die Persönlichkeit legt den Grund zur Entwicklung.
[ 10 ] What, then, is the significance of the personality for the essence? To gain experience in thinking, feeling, and willing. It does not cast off what it has gained through these processes at death as one would a garment; no, life was a school for it, and what it absorbed in life, it takes with it as a treasure into its new existence. A person would have lived in vain if this were not the case. Thus, with each life, individuality becomes richer. Everything the personality has gathered is like the pearls on a string. The personality is the tool for developing beyond life itself. Earthly life is what makes us more perfect. The personality lays the foundation for development.
[ 11 ] Gewisse abendländische Anschauungen unterschätzen die Persönlichkeit und meinen, man streife beim Tode einfach die Persönlichkeit ab. Nein, wir nehmen deren Früchte mit. Es ist von Wert, zu lernen, was die Persönlichkeit für eine Bedeutung hat. Und alle jene Geister sind Meister in der Schilderung des Persönlichen. Die Mission hat damals der deutsche Geist gehabt, herauszuheben, was rein und schön und edel ist in der Persönlichkeit. Und das gerade zeigt die Theosophie, das schöne, reine und hohe Denken. Ein jedes Zeitalter hat seine Aufgabe und Mission. Jenes war die Mission der deutschen Philosophie. Fast ganz vergessen sind die großen Geister, und unsere Pflicht ist, an ihnen zu lernen. Dort sind die herrlichsten Früchte zu gewinnen. Dann wird man recht verstehen, welche Energie von jenen Geistern ausging. «Der Mensch kann, was er soll, und, wenn er sagt: Ich kann nicht, so will er nicht.» Zwei große Zeiten gab es: die erste, als die Vedanta-Philosophie in Asien auftauchte in nachvedischer Zeit, die zweite zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland. Da hat der menschliche Geist zweimal seine größte Vertiefung erfahren. In dieser Zeit waren Wille und Kraft auf das Ideale gerichtet.
[ 11 ] Certain Western views underestimate the personality and believe that at death one simply sheds one’s personality. No, we take its fruits with us. It is valuable to learn what significance the personality holds. And all those spirits are masters at depicting the personal. Back then, the German spirit had the mission of highlighting what is pure, beautiful, and noble in the personality. And this is precisely what Theosophy reveals: beautiful, pure, and lofty thinking. Every age has its task and mission. That was the mission of German philosophy. The great minds have been almost entirely forgotten, and it is our duty to learn from them. There lie the most magnificent fruits to be gained. Then one will truly understand the energy that emanated from those minds. “Man can do what he ought to do, and when he says, ‘I cannot,’ it is because he does not want to.” There were two great eras: the first, when Vedanta philosophy emerged in Asia in the post-Vedic period; the second, at the beginning of the nineteenth century in Germany. It was then that the human spirit experienced its greatest depth of insight on two occasions. During that time, will and strength were directed toward the ideal.
Ein großes Lebendiges ist die Natur,
Und alles ist Frucht, und alles ist Same.
Nature is one great living entity,
And everything is fruit, and everything is seed.
