Goethe and the Present
GA 68c
29 December 1889, Hermannstadt
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Goethe and the Present, tr. SOL
2. Die Frau im Lichte der Goethe’schen Weltanschauung. Ein Beitrag zur Frauenfrage
2. Women in the Light of Goethe’s Worldview: A Contribution to the Women’s Issue
[ 1 ] Wenn ich mir erlaubt habe, heute Ihr Interesse für eine Frage in Anspruch zu nehmen, welche gegenwärtig alle Gemüter mächtig bewegt und die dringend eine Antwort zu erheischen scheint, und wenn ich mir dabei als Ziel gesetzt habe, diese Frage in das Licht der Goethe’schen Weltanschauung zu rücken, so geschieht dies keineswegs in der Absicht, Ihnen einen literaturgeschichtlichen Vortrag zu halten, sondern ich hoffe, durch meine Ausführungen in Ihnen die bei mir seit Jahren tief eingewurzelte Überzeugung zu erwecken, dass diese Frage nur von diesem Standpunkt, vom Standpunkte der Goethe’schen Weltanschauung aus, richtig zu würdigen ist. Goethe gegenüber haben wir Deutschen eine zweifache Aufgabe. Die eine hat einmal Berthold Auerbach, der vielbeliebte Dorfgeschichten-Erzähler, mit dem geistreichen Wort bezeichnet: Wir müssen goethereif sein. Das heißt, wir müssen imstande sein, uns ganz in den hohen Ideenkreis und den unvergleichlich intimen Empfindungsgehalt des größten deutschen Genius einzuleben. Wir müssen nachfühlen, was er gefühlt, nachdenken, was er gedacht hat. Das ist aber nur die eine Seite der Aufgaben, die wir Goethe gegenüber haben. Denn Goethe bildet den Anfang einer ganz neuen Kulturepoche des Abendlandes. Von ihm geht ein neues Licht über die ganze europäische Bildung aus. Er hat uns neue Sinne erschlossen, neue Formen der Anschauung gelehrt. Diese Sinne müssen bald in uns aufgehen, zu diesen Anschauungen müssen wir uns selbst aufschwingen, um an der Kulturarbeit unseres Volkes in der Richtung weiterzuarbeiten — selbstverständlich soweit dies in der Kraft eines jeden Einzelnen von uns steht —, die von Goethe angegeben worden ist. Wer in Goethe nicht diesen Kulturanfang sieht, von welchem jeder ausgehen muss, der irgendwie sich mit der Bildung der Gegenwart in Beziehung bringen will, der versteht einfach seine Zeit nicht. Und ich muss Ihnen leider gestehen, dass Ihre Brüder im Herzen Europas, namentlich was das jüngere Geschlecht anbetrifft, ihre Aufgabe Goethe gegenüber lange nicht erfasst haben. Es macht sich im Gegenteil eine gewisse leichtfertige Denkart geltend, welche Goethe gegenüber die Nase rümpft und glaubt, längst über ihn hinaus zu sein, während sie doch noch lange bis zu dem Punkt hätte, wo sie ihn voll erfasste. Goethe wird als der Alte abgetan, der nicht mehr ausreiche für unsere neue Zeit. Ein neues Geschlecht glaubt, neue Ideale zu besitzen. Leider erweisen sich bei näherem Zusehen diese Ideale zumeist als ganz unreife Produkte, die dem wahren Bedürfnis der Zeit meilenweit entfernt stehen, während sie doch gerade aus der Zeit geboren zu sein scheinen. Und diese unsere Zeit, diese unsere lebendige Gegenwart, ist mehr, als man bei oberflächlicher Beobachtung glauben kann, ein Kind Goethes, ein Kind unserer klassischen Geister. Unsere Zeit ist die Zeit, in welcher das Individuum in jeder Richtung seine ihm von der göttlichen Macht in die Seele gelegten ursprünglichen Hoheitsrechte geltend macht. Der Mensch will nicht mehr bevormundet sein, nein, er will ganz auf sich selbst, auf seine Einsicht, auf seinen Willen gestellt sein. Das heilige, das göttliche Selbst will er nicht mehr in der Außenwelt suchen, sondern er versenkt sich in die Tiefen der eigenen Brust, um von da heraus den Gott zu holen, um von da heraus die Kraft und den Mut des Lebens zu holen.
[ 1 ] If I have taken the liberty today of drawing your attention to a question that is currently stirring strong emotions in everyone and seems to demand an urgent answer, and if I have set myself the goal of examining this question in the light of Goethe’s worldview, I do so by no means with the intention of delivering a lecture on literary history; rather, I hope that my remarks will awaken in you the conviction—deeply rooted in me for years—that this question can only be properly appreciated from this standpoint, from the standpoint of Goethe’s worldview. We Germans have a twofold task with regard to Goethe. One of them was once described by Berthold Auerbach, the much-loved teller of village tales, with the witty phrase: “We must be ready for Goethe.” That is to say, we must be able to immerse ourselves completely in the lofty sphere of ideas and the incomparably intimate emotional depth of Germany’s greatest genius. We must empathize with what he felt and reflect on what he thought. But that is only one aspect of the tasks we have toward Goethe. For Goethe marks the beginning of an entirely new cultural epoch in the West. A new light shines from him across the entire European cultural landscape. He has opened up new senses for us and taught us new ways of perceiving the world. These senses must soon take root within us; we must rise to these perspectives ourselves in order to continue working on our nation’s cultural development in the direction—to the extent, of course, that this lies within the power of each and every one of us—that Goethe has set forth. Anyone who does not see in Goethe this cultural beginning—from which everyone who wishes to engage in any way with contemporary culture must start—simply does not understand his own time. And I must, unfortunately, admit to you that your brothers in the heart of Europe—particularly as far as the younger generation is concerned—have long failed to grasp their responsibility toward Goethe. On the contrary, a certain frivolous mindset is gaining ground, one that turns up its nose at Goethe and believes it has long since moved beyond him, when in fact it is still far from the point where it would fully comprehend him. Goethe is dismissed as an old man who is no longer relevant to our new age. A new generation believes it possesses new ideals. Unfortunately, upon closer inspection, these ideals mostly turn out to be quite immature products, miles away from the true needs of the times, even though they seem to have been born precisely out of those times. And our time, our living present, is—more than one might believe upon superficial observation—a child of Goethe, a child of our classical spirits. Our time is the time in which the individual asserts in every direction the original sovereign rights placed within his soul by divine power. Human beings no longer wish to be treated as children; no, they wish to rely entirely on themselves, on their own insight, on their own will. They no longer seek the sacred, the divine Self in the external world, but instead plunge into the depths of their own hearts to draw God from there, to draw the strength and courage of life from there.
[ 2 ] Aus diesem Drang des Individuums, alle Fesseln abzustreifen und seine unveräußerlichen Souveränitätsrechte geltend zu machen, entspringt dann auch jene Bewegung, welche ich an die Spitze meiner heutigen Ausführungen gestellt habe: die Frage nach der Befreiung der Frau von den vermeintlichen Fesseln, welche ihrem Geschlecht bisher nach dem Glauben gewisser Menschen eine vorurteilsvolle Welt gezogen haben soll. Die Frau will nicht mehr gefesselt sein an die Familienstube, an das Haus, sie will hinaustreten auf den offenen Plan der Welt und dem Mann in jeder Verrichtung ebenbürtig an die Seite gestellt sein. Sie will den Wettkampf um das Dasein mit der Männerwelt aufnehmen, sie verlangt einen Beruf, wie die Männer ihn haben. Es ist eine nicht hinweg zu leugnende Tatsache, dass sich das deutsche Volk bis jetzt an den weitgehenden Emanzipationsbestrebungen der Frauenwelt am wenigsten beteiligt hat. Während in Russland, der Schweiz, in England und Frankreich, besonders aber in Amerika Hunderte und Aberhunderte von Frauen auch schon in die Gelehrtenberufe den Eingang gefunden haben, verschließt das deutsche Volk noch immer hartnäckig den Frauen die Tore zu höheren Gelehrtenberufen. Liegt darin nur Halsstarrigkeit oder der dem Deutschen so gut stehende konservative Sinn, der von jeher jeder gewaltsamen Revolution abgeneigt war, weil er nicht zugeben wollte, dass etwas so Unvernünftiges in der Geschichte entstehen könnte, dass man es auf einmal Knall und Fall umstürzen muss? Oder liegt vielleicht gar darin die höhere Erkenntnis — wenn auch bei vielen ganz unbewusst —, dass die volle Gleichberechtigung der Frau gar nicht einmal die völlige Gleichstellung verlangt und dass die Letztere der Aufgabe und der Natur des Wesens der Frau widerspricht? Das ist die große Frage: Stehen wir vor einem Vorurteil, das mit der Zeit ausgetilgt werden muss, oder stehen wir vor einer berechtigten Einsicht, die ein Recht hat, den anderen Völkern Europas Widerstand in dieser Bewegung zu leisten? Lassen wir nun Goethe unseren Leitstern sein! Er wird uns sicher führen; denn in ihm verkörpert sich in einem Individuum alle Tiefe des deutschen Wesens. Was je Hohes und Großes in dem deutschen Volk aufgetaucht ist, in Goethe tritt es uns in einer persönlichen Einheit entgegen; wir sind umso besser deutsch, je besser goethesch wir sind. Wo immer wir Licht brauchen, da blicken wir vertrauensvoll zu ihm auf. Das vielbewegte Leben der Gegenwart wirft Disharmonien in unsere Brust, böse Stimmungen überkommen uns, ganze Scharen von Zeitgenossen verfallen der düsteren Weltanschauung des Pessimismus; Erlösung von alledem finden wir nur in der seligen Ruhe der harmonischen Goethe’schen Weltanschauung. Und welch tief befriedigendes Bewusstsein liegt in diesem Aufgehen in der Ideen- und Willenswelt unseres größten Volksangehörigen, wenn wir es im Sinne des Schiller’schen Ausspruches betrachten: Und kannst du selber kein Ganzes sein, so schließ an ein Ganzes dich an! Denn der Mensch ist nichts als Einzelner, seine ganze Kraft wurzelt in dem Volk, dem er entstammt, in der Zeit, der er angehört.
[ 2 ] From this urge of the individual to cast off all shackles and assert their inalienable rights of sovereignty springs the very movement I placed at the forefront of my remarks today: the question of women’s liberation from the supposed shackles that, according to the beliefs of certain people, a prejudiced world has hitherto imposed upon their gender. Women no longer wish to be confined to the family home or the household; they want to step out into the open arena of the world and stand on equal footing with men in every endeavor. They want to compete with the male world for their place in life; they demand a profession, just as men have one. It is an undeniable fact that, up to now, the German people have participated the least in the far-reaching efforts toward women’s emancipation. While in Russia, Switzerland, England, and France—but especially in America—hundreds upon hundreds of women have already found their way into academic professions, the German people still stubbornly keep the doors to higher academic professions closed to women. Is this merely stubbornness, or is it the conservative spirit so characteristic of the Germans—a spirit that has always been averse to any violent revolution because it refused to admit that something so unreasonable could arise in history that it would have to be overthrown all at once? Or does it perhaps even lie in the higher insight—albeit entirely unconscious for many—that full equality for women does not even require complete equivalence, and that the latter contradicts the role and nature of womanhood? That is the great question: Are we faced with a prejudice that must be eradicated over time, or are we faced with a justified insight that has a right to resist this movement among the other peoples of Europe? Let us now make Goethe our guiding star! He will surely lead us; for in him, all the depth of the German spirit is embodied in a single individual. Whatever is noble and great in the German people has emerged in Goethe as a personal unity; the more “Goethian” we are, the more truly German we are. Wherever we need light, we look to him with confidence. The turbulent life of the present day sows disharmony in our hearts; dark moods overcome us; whole multitudes of our contemporaries succumb to the gloomy worldview of pessimism; we find deliverance from all this only in the blissful peace of Goethe’s harmonious worldview. And what a deeply satisfying awareness lies in this immersion in the world of ideas and will of our greatest national figure, when we consider it in the spirit of Schiller’s saying: “And if you yourself cannot be a whole, then join yourself to a whole!” For man is nothing but an individual; his entire strength is rooted in the people from whom he comes, in the era to which he belongs.
Wer sich der Einsamkeit ergibt, fühlt sich gar bald allein,
Those who give in to loneliness will soon feel alone,
[ 3 ] sagt Goethe selbst. Wir können hinzufügen: Er muss einem baldigen geistigen Tod in seiner traurigen, abgeschiedenen geistigen Öde verfallen. Denk mit deinem Volk, mit deiner Zeit! So müssen wir jedem Menschen zurufen. Und wir denken mit unserem Volk am harmonischsten, wenn wir mit Goethe, dem Voll- und Inbegriff aller unserer Volks- und Zeitkraft, denken und fühlen. Wir haben kein Recht zu klagen, dass wir darüber unsere Selbstständigkeit einbüßen, um uns einer fremden Autorität vollständig zu beugen; denn frei kann der Mensch nur sein, wenn er sich zu den höheren Idealen der Kultur erhebt, wo alles Licht der Bildung allein zu suchen ist. Denn dann nur nimmt er bewusst an dem Entwicklungsgang seines Geschlechts teil, dann bestimmt er sich selbstständig mit den großen Idealen sein Ziel, während er sonst nur blind unten herumtappt und mit den anderen fortgerissen wird, ein dienendes und erst recht unfreies Glied am Körper der Menschheit.
[ 3 ] as Goethe himself says. We might add: He is bound to succumb to an early intellectual death in his sad, isolated intellectual wasteland. Think with your people, with your time! This is what we must call out to every person. And we think in the most harmonious way with our people when we think and feel with Goethe, the embodiment and epitome of all the vitality of our people and our time. We have no right to complain that we thereby forfeit our independence in order to submit completely to a foreign authority; for a person can only be free when he rises to the higher ideals of culture, where the light of education alone is to be found. For only then does he consciously participate in the course of his species’ development; only then does he independently set his own goal in accordance with the great ideals, whereas otherwise he merely stumbles blindly about below and is swept along with the others, a subservient—and all the more unfree—member of the body of humanity.
[ 4 ] Nur wenn wir die Goethe’sche menschliche Vollkommenheit suchen und, wo wir sie finden, uns ihr anschließen, arbeiten wir an unserem großen Befreiungswerk. Nur mit unserem Volk und mit unserer Zeit können wir frei werden, nicht einzeln. Unter die Goethe’sche Autorität sich beugen, wenn wir ihre Höhe erkannt haben, ist nicht Knechtschaft, sondern ist die Goethe’sche Form der Freiheit. Und gerade an Goethes Eigenart können wir dieses unser hohes Befreiungswerk am besten fördern. Denn Goethe bedeutet für die Menschheit im Großen nur einen neueren Läuterungs- und Befreiungsprozess von selbstauferlegten Fesseln. Was waren diese Fesseln? Es waren die Fesseln der Unnatur, der Nachahmungssucht des Fremden, der unfreien, überzarten Empfindlichkeit, unter der die Deutschen vor seiner Zeit schmachteten. Er strebt zurück zur Natur, zum unmittelbaren Empfinden und Denken. Der Mensch hat nämlich die Sucht, sich immer weiter und weiter von der Natur zu entfernen. Wir wissen, dass das einzige vollkommen naiv-natürliche Volk in Europa die Griechen waren. Als Goethe in Italien ihre großartigen Kunstwerke kennenlernte, verfiel er in eine Art Verzückung. Denn diese unsterblichen Schöpfungen wirkten auf ihn wie die herrlichen Werke der Natur selbst. In ihnen sah er unmittelbar den Weltgeist tätig. Die Griechen hatten, wie er hier lebhaft empfand, dem Weltenschöpfer die Gesetze abgelauscht, nach denen er die herrlichen, erhabenen Werke der Natur geschaffen, und hatten nach Menschenart in diesem Goethe’schen Sinne ihre Kunstwerke geformt. Die Römer schon verstanden es nicht, in die geheimnisvollen Pforten der göttlichen Welt-Werkstatt einzudringen, und sie ahmten einfach die Griechen nach. Das ist Entfernung von der Natur, die nun, wie die Menschheit weiter sich entwickelte, immer ärger wurde. Man kann sagen, dass, als Goethe in Deutschland auftrat, das wenigste von alle dem, was in der Dichtung, ja im Empfindungs- und Denkleben unter den Deutschen herrschte, den Stempel ursprünglich naiver Wahrheit hatte. Alles war gekünstelt, alles angenommen, alles Phrase. Goethe suchte nun als der Erste wieder nach unmittelbarer Berührung mit dem Geiste der Welt. Und darin liegt das Große in seiner Sendung. Aber er verdankt diese Größe einem Umstande, den wir in Erwägung ziehen müssen, wenn wir sein Verhältnis zu den Frauen und seine Beziehung zur weiblichen Natur gehörig würdigen wollen. Dies ist sein tief eingeborener religiöser Zug, ein Zug, der sich bei ihm stets durch einen ideellen Glauben an das Göttliche in allem Natürlichen und Menschlichen kundgibt. Von Jugend auf beherrscht ihn ein Grundzug, der nur tieferen Geistern angeboren ist: der Glaube an das Übernatürliche in der Natur, die Ahnung eines Höheren, das dann später zu dem Forschen nach der Idee, nach dem Geiste in allen Dingen wurde. Das Geheimnisvolle, dieses echte Kind der Wissenschaft wie der Religion, das war es, was ihn stets anzog. Er suchte in allem, was ihm im Leben und in der Geschichte entgegentrat, nach dem Punkt, wo er das Wirken einer höheren Macht wahrnehmen konnte, Und das ist es, was er stets auch in der Frau suchte und vielfach auch fand. Der Mann entfernt sich von der Natur, von der Unmittelbarkeit des Empfindens, wenn er seinen Geist in einer einseitigen Lebensaufgabe erschöpfen muss: Er wird trocken, pedantisch, unnatürlich. Er verliert jene Frische und Ursprünglichkeit, von der aller Zauber einer unmittelbaren Natur ausgeht. Aber gerade das sind Eigenschaften, die sich die Frau erhält, selbstverständlich nur da, wo sie ganz Frau bleibt und nicht dem Manne nachstrebt. Bei ihr tritt nicht eine Eigenschaft des Geistes oder Körpers in den Vordergrund, sondern sie entwickeln sich alle in schöner Harmonie und bleiben in voller Geltung. So wirkt die Natur reiner, voller, göttlicher im Weibe als in dem von der Natur einseitig gemachten Manne. So stehen uns die Frauen als rechte Boten Gottes gegenüber, in denen der Mann das findet, was er selbst verloren hat. Und hierinnen liegt dasjenige, was der Mann sucht; er muss es mit besonderer Sehnsucht [suchen], weil er es an sich selbst vermisst und nur schwer entbehren kann.
[ 4 ] Only when we seek Goethe’s vision of human perfection and, where we find it, align ourselves with it, do we work toward our great work of liberation. We can become free only together with our people and our time, not as individuals. Submitting to Goethe’s authority, once we have recognized its greatness, is not servitude, but rather Goethe’s form of freedom. And it is precisely through Goethe’s unique character that we can best advance this great work of liberation. For, on a grand scale, Goethe represents for humanity nothing less than a modern process of purification and liberation from self-imposed shackles. What were these shackles? They were the shackles of unnaturalness, of the compulsion to imitate the foreign, of the unfree, overly delicate sensibility under which the Germans languished before his time. He strives back toward nature, toward immediate feeling and thinking. For human beings have a tendency to distance themselves further and further from nature. We know that the only truly naive and natural people in Europe were the Greeks. When Goethe encountered their magnificent works of art in Italy, he fell into a kind of rapture. For these immortal creations struck him as the magnificent works of nature itself. In them, he saw the world spirit at work directly. The Greeks, as he vividly sensed here, had overheard from the Creator of the world the laws by which He had fashioned the magnificent, sublime works of nature, and had shaped their works of art in a human way, in this Goethean sense. The Romans, however, did not understand how to penetrate the mysterious gates of the divine workshop of the world, and they simply imitated the Greeks. This represents a distancing from nature, which grew ever worse as humanity continued to develop. One might say that, when Goethe appeared on the scene in Germany, very little of what prevailed in poetry—indeed, in the emotional and intellectual life—among the Germans bore the stamp of original, naive truth. Everything was artificial, everything contrived, everything mere rhetoric. Goethe was the first to seek once again a direct connection with the spirit of the world. And therein lies the greatness of his mission. But he owes this greatness to a circumstance that we must take into account if we are to properly appreciate his relationship with women and his connection to the feminine nature. This is his deeply ingrained religious trait, a trait that manifests itself in him through an idealistic belief in the divine in all that is natural and human. From his youth onward, he was dominated by a fundamental trait that is innate only to deeper minds: the belief in the supernatural in nature, the sense of something higher, which later developed into a quest for the idea, for the spirit in all things. The mysterious—that true child of both science and religion—was what always drew him in. In everything he encountered in life and history, he sought the point where he could perceive the workings of a higher power. And that is what he always sought in women as well, and often found. A man distances himself from nature, from the immediacy of feeling, when he must exhaust his spirit in a one-sided life’s work: he becomes dry, pedantic, unnatural. He loses that freshness and originality from which all the magic of an immediate nature emanates. But these are precisely the qualities that a woman retains—of course, only where she remains fully a woman and does not strive to be like a man. In her, no single quality of mind or body takes center stage; rather, they all develop in beautiful harmony and remain fully intact. Thus, nature appears purer, fuller, and more divine in a woman than in a man who has been made one-sided by nature. Thus, women stand before us as true messengers of God, in whom man finds what he himself has lost. And herein lies what man seeks; he must seek it with particular longing because he lacks it in himself and can only with great difficulty do without it.
[ 5 ] Und das sucht Goethe vor allem. Für ihn bedeutet der Umgang mit einer Frau immer eine geistige Verjüngung, eine erneuerte Verbrüderung mit der Natur, die immer wieder seine Dichterkraft belebt und anfacht. Die Vertiefung in weiblichen Wert und weibliches Wesen erzeugt bei ihm stets erneutes künstlerisches Vermögen. Wenn er nach Mannesart von der Natur sich zu entfernen scheint, wenn die volle Wucht der Natürlichkeit aus seinem Herzen zu schwinden scheint, dann ist es immer wieder die Liebe, die ihn mit jenem geheimnisvollen Zauber umspannt, der ihn zu neuem Schaffen fähig macht. Diesem Zug in Goethes Natur gegenüber müssen alle die Bedenken schwinden, die immer und immer wieder sich erheben gegen die Reinheit und den Adel der Goethe’schen Behandlung weiblichen Wesens. Leider finden sich diese Bedenken noch häufig genug. Man macht eine unnatürliche Trennung zwischen dem Dichter und dem Menschen und lässt nur den Ersteren gelten, während man so gern Goethe dem Menschen eins anhängt. Aber bei diesem Geist ist alles in ungetrennter Einheit. Goethes dichterische hängt mit seiner menschlichen Sendung unmittelbar zusammen. Und seine Dichtungen sind nichts anderes als unmittelbare Offenbarungen seiner innersten und lautersten Menschennatur. Jawohl, man kann hier und da bei Goethe auch einzelne zynische, scheinbar frivole Verse nachweisen. Aber das spricht für nichts anderes denn für die ihn stets beherrschende unendliche Wahrheitsliebe. Er wollte nie als Engel erscheinen, stets als Mensch, ja als Mensch mit allen Fehlern. Ein offenes Bekenntnis vor aller Welt war ihm am liebsten. Aber darauf kommt es nicht an. Die Hauptsache ist, dass bei ihm in der Liebe nie ein frivoler, gemeiner Zug anzutreffen ist, nichts vom Lebemann. Stets geht sie vom Geist aus, und stets ist sie verbunden mit einer tiefen Würdigung wahren weiblichen Wertes. Seine Liebe erniedrigt die Frau nie. Immer blickt er andächtig hinauf zum weiblichen Wert. Und das ist so rechte Germanen-Art. Wir wissen das aus Tacitus, dass schon unsere Vorfahren in grauem Altertum in der Frau etwas die Zukunft Vorausahnendes verehrten und dass sie an Quellen und in Hainen weise Frauen verehrten. Das ist eben das Wesen des wahrhaft religiösen Gefühls, dass es stets seinem Träger Ehrfurcht abnötigt. Und Goethe lag anbetend im Staube vor dem Göttlichen im Weibe. Das müssen vor allem die Frauen erkennen. Und dann werden sich ihnen die trüben Schatten auflösen, die noch immer Goethes hehrer Persönlichkeit anhaften.
[ 5 ] And this is what Goethe seeks above all else. For him, spending time with a woman always means a spiritual rejuvenation, a renewed communion with nature that time and again revives and stirs his poetic power. Immersing himself in feminine values and the feminine essence consistently generates renewed artistic vitality within him. When he seems to distance himself from nature in a typically masculine way, when the full force of naturalness appears to be fading from his heart, it is always love that once again envelops him with that mysterious magic, enabling him to create anew. In the face of this trait in Goethe’s nature, all the reservations that arise time and again against the purity and nobility of Goethe’s treatment of the feminine essence must fade away. Unfortunately, these reservations are still encountered frequently enough. People make an unnatural distinction between the poet and the man, acknowledging only the former, while all too readily attributing one or the other to Goethe the man. But in this spirit, everything exists in inseparable unity. Goethe’s poetic mission is directly linked to his human mission. And his poems are nothing other than direct revelations of his innermost and purest human nature. Yes, here and there one can find individual cynical, seemingly frivolous verses in Goethe’s work. But this speaks to nothing other than the infinite love of truth that always governed him. He never wanted to appear as an angel, but always as a human being—indeed, as a human being with all his flaws. An open confession before the whole world was what he preferred. But that is not the point. The main thing is that in his love there is never a trace of frivolity or vulgarity, nothing of the bon vivant. It always springs from the spirit, and it is always linked to a deep appreciation of true feminine worth. His love never demeans a woman. He always looks up reverently to feminine worth. And that is the true Germanic way. We know from Tacitus that even our ancestors in ancient times revered in women something that foreshadowed the future, and that they worshipped wise women at springs and in groves. That is precisely the essence of a truly religious feeling: that it always commands reverence from its bearer. And Goethe lay in adoration in the dust before the divine in woman. Women, above all, must recognize this. And then the gloomy shadows that still cling to Goethe’s noble personality will dissipate.
[ 6 ] Mächtig wirkt es auf Goethes Phantasie ein, wenn eine neue Frauengestalt in die Kreise seines Wirkens eintritt. Seine reiche innere Welt umgibt dann das verehrte Wesen mit allem Zauber, dessen seine reiche Einbildungskraft fähig ist. Die Geliebte ist dann für ihn mehr, als ein anderer Sterblicher in ihr erblicken kann, weil die Phantasie tiefer sieht als der Verstand. Eine Art Glorienschein ist es, mit dem sie die Phantasie des Dichters umgibt. Da löst sich dann stets immer eine Idealgestalt von der Wirklichkeit ab. Die Liebe wird zu einem hehren Liebesrausch, und eine neue Dichtung ringt sich los von Goethes Brust. So war es Friederike in Sesenheim gegenüber, so Lili in Frankfurt, so der Frau von Stein, so Christiane, seiner Frau, gegenüber, so endlich den Frauen, die noch spät in sein Leben eintraten: Marianne Willemer und Ulrike von Levetzow. Überall ist es die Liebe des edlen, ideal gesinnten Menschen, nicht die des Lebemannes. Mein verehrter, geliebter Lehrer Professor Karl Julius Schröer in Wien sagt mit Recht:
[ 6 ] Goethe’s imagination is powerfully stirred whenever a new female figure enters his circle. His rich inner world then envelops the object of his adoration with all the magic his vivid imagination is capable of. To him, his beloved is then more than any other mortal can perceive in her, because the imagination sees more deeply than reason. It is a kind of halo with which she envelops the poet’s imagination. Thus, an idealized figure always emerges from reality. Love becomes a sublime intoxication, and a new poem breaks free from Goethe’s heart. So it was with Friederike in Sesenheim, with Lili in Frankfurt, with Frau von Stein, with Christiane, his wife, and finally with the women who entered his life later on: Marianne Willemer and Ulrike von Levetzow. Everywhere it is the love of the noble, idealistic person, not that of a bon vivant. My esteemed and beloved teacher, Professor Karl Julius Schröer in Vienna, rightly says:
Es ist wieder ein Frommsein in der Liebe, wie bei den Griechen, und damit ist sie frei von Frivolität. Wenn jene entgöttlichte Liebe selbstisch ist, so ist diese Liebe, die auf Hingabe beruht, die einzige Leidenschaft, die frei von Selbstsucht ist.
It is, once again, a devout form of love, as with the Greeks, and as such, it is free from frivolity. If that de-divinized love is selfish, then this love, which is based on devotion, is the only passion that is free from selfishness.
[ 7 ] Um die echt geistige Art von Goethes Liebe einzusehen, nehme man nur das so oft angefochtene Verhältnis Goethes zu Frau von Stein. Als was erscheint ihm diese Frau, die ein entsagungsvolles Leben führte, die von niemand berücksichtigt sein wollte, nichts für sich forderte, aber Wohltaten nach allen Seiten austeilte? Er schreibt über sie, sie erschiene ihm
[ 7 ] To understand the truly spiritual nature of Goethe’s love, one need only consider his relationship with Frau von Stein, which has so often been criticized. How did he perceive this woman, who led a life of self-denial, who did not want anyone to take notice of her, who demanded nothing for herself, but who bestowed kindness in all directions? He writes of her that she appeared to him
gleich einer Göttin, die zum Himmel aufschwebt. Vergebens, dass ein Mensch die Arme nach ihr ausstreckt, dass sein Auge nach einem Blicke fleht. Sie schwebt, verloren im Himmelsglanz, der sie umgibt, zum Himmel.
Like a goddess soaring toward the heavens. It is in vain that a man stretches out his arms toward her, that his eyes plead for a glance. She soars, lost in the heavenly radiance that surrounds her, toward the heavens.
[ 8 ] Und wenn wir sehen, was diese Frau auf den Jüngling, der voll der wütendsten Leidenschaften in der Brust in Weimars Leben eintritt, voll Übermut und Überlust, für eine beruhigende, beseligende Wirkung ausübt, dann begreifen wir wohl auch seine Hingabe an ihre hohe Weiblichkeit. Wer kennt nicht die Tollheiten, die übermütigen Streiche, die Goethe sowohl wie sein herzoglicher Freund in Weimar verübten, wer aber kennt nicht auch bei beiden das tiefe Bedürfnis, herauszukommen aus diesem Übermut zu einem höheren Leben! In solchen Stimmungen sind bei Goethe Verse wie die entstanden:
[ 8 ] And when we see the calming, blissful effect this woman has on the young man who enters Weimar’s life brimming with the fiercest passions, full of exuberance and unbridled joy, we can surely understand his devotion to her sublime femininity. Who is not familiar with the follies, the reckless pranks that both Goethe and his ducal friend committed in Weimar? But who is not also aware of the deep need both of them felt to rise above this recklessness and attain a higher life! It was in such moods that verses like the following were born in Goethe:
Was soll all der Schmerz und Lust? Süßer Friede, komm, ach komm in meine Brust!
What is the meaning of all this pain and pleasure? Sweet peace, come, oh come into my heart!
[ 9 ] Den süßen Frieden bringt ihm «die Besänftigerin», wie er die Frau von Stein nannte. Rein und edel war auch Goethes Verhältnis zu Christiane. Wie zart ist doch folgender Zug: Als er sie einst schlafend im Zimmer antrifft, da setzt er sich ganz still neben sie, legt eine Frucht und eine Blume vor sie hin und ist entzückt in dem Gedanken, dass sie, wenn sie aufwacht, den Blick sogleich auf diese von seiner liebevollen Hand hingelegten Dinge lenken wird. Und wie tief klingt uns sein Wort zu Herzen, das er spricht, als ihm die Teure durch den Tod entrissen wird: Der ganze Gewinn meines Lebens ist nun, ihren Tod zu beweinen.
[ 9 ] “The Soother,” as he called von Stein's wife, brought him sweet peace. Goethe’s relationship with Christiane was also pure and noble. How tender is this gesture: When he once found her asleep in her room, he sat down very quietly beside her, placed a piece of fruit and a flower before her, and was delighted at the thought that when she awoke, her gaze would immediately fall upon these things placed there by his loving hand. And how deeply his words resonate in our hearts, the words he spoke when his beloved was torn from him by death: “The sole reward of my life is now to mourn her death.”
[ 10 ] Marianne Willemer ist die Gestalt, der wir die herrlichsten Lieder im «Diwan» verdanken. Wieder haben wir hier die Erregung der dichterischen Stimmung durch die Gewalt der Liebe. Noch in hohen Jahren als Achtziger dichtet er aus der Glut der Leidenschaft und der aus dem Quell heiliger Liebe erfrischten Phantasie heraus seine «Elegie» in der «Trilogie der Leidenschaft», in welcher sozusagen eine Apotheose der Liebe im echt Goethe’schen Sinne enthalten ist. Verstehen wir diese an Ulrike von Levetzow gerichtete herrliche Dichtung, dann ist uns der Schlüssel zu Goethes Liebesleben überhaupt gegeben. Ulrike von Levetzow war damals ein junges Geschöpf, das mit der Mutter in Marienbad war, wo sich der Dichter selbst auch aufhielt. Er war von ihrer Anmut bezaubert. Noch einmal sollte er all der Liebe Seligkeit, all der Liebe Leid empfinden, noch einmal der Erde Glück und der Erde Weh auf seinen Busen gehäuft schen. Die Elegie enthält Folgendes: Der Dichter hat Abschied genommen; die Seligkeit des letzten Kusses ist ihm noch im Herzen, da empfindet er den Abschied schwer, er blickt in den Himmelsraum, von dem auch schon das Gestirn des Tages, die Sonne, Abschied genommen hat. Er sieht Wolken ziehen, sie werden seiner Phantasie zu Gestalten, zu wechselnden Gestalten seiner Geliebten. Er will sie für den Augenblick festhalten; doch bald besinnt er sich, dass das wahre Bild der Teuren doch nur im Herzen sein kann. Und nun belebt er dieses Bild.
[ 10 ] Marianne Willemer is the figure to whom we owe the most magnificent songs in the Diwan. Once again, we see here the poetic mood stirred by the power of love. Even in his eighties, he composed his “Elegy” in the “Trilogy of Passion” from the fervor of passion and an imagination refreshed by the spring of sacred love—a poem that contains, so to speak, an apotheosis of love in the true Goethean sense. If we understand this magnificent poem addressed to Ulrike von Levetzow, then we are given the key to Goethe’s love life as a whole. Ulrike von Levetzow was at that time a young woman staying with her mother in Marienbad, where the poet himself was also staying. He was enchanted by her grace. Once more would he experience all the bliss of love, all the sorrow of love; once more would the earth’s joy and the earth’s sorrow be heaped upon his breast. The elegy contains the following: The poet has said his farewell; the bliss of the last kiss still lingers in his heart, so he finds the parting difficult; he gazes into the heavens, from which even the day’s star, the sun, has already taken its leave. He sees clouds drifting by; in his imagination, they take on the forms—the shifting forms—of his beloved. He wants to hold onto them for a moment; but soon he realizes that the true image of his beloved can only be in his heart. And now he brings this image to life.
[ 11 ] Die Entzweiung mit der Natur, wie sie beim Manne auftritt und auftreten muss, kann zu bitteren Entartungen führen. Das, was er verloren hat, schlummert als unbezwingbare Sehnsucht in ihm fort wie eine Heimat, die wir verloren haben. Nur die Liebe kann diese Sehnsucht überbrücken, nur sie kann den berührten Zwiespalt der Natur ausgleichen. Tritt diese Liebe nicht ein, dann bleibt der Mensch zeitlebens ein Abgefallener, ein Wesen, das seiner Urkraft sich entfremdet hat und einen Irrpfad durch das Leben wandelt. Blinde, selbstische Leidenschaften werden dann an die Stelle der Liebe treten. Der sich zuerst in Sehnsucht Verzehrende wird sich im Taumel entwürdigenden Sinnengenusses zu betäuben suchen. Er wird nie das Vortreffliche schauen können, denn dem Vortrefflichen gegenüber gibt es nach Schillers Ausspruch nur eine einzige Macht: die Liebe. Da haben Sie die Notwendigkeit der Liebe aus der Natur des Menschen abgeleitet. Schaffen wir die Liebe ab, und wir haben das göttliche Selbst aus der Welt geschafft, oder, weil wir das nicht können, wir haben uns vom Göttlichen abgewandt. Diesen Abfall aber vollziehen wir, wenn wir die Frau dem eigentlichen Wesen des Weibes entfremden, wenn wir sie ihrer Bestimmung entziehen, die Vermittlerin des Göttlichen, der unmittelbar naiv wirkenden Natur zu sein. Es ist kein Zufall, dass die Emanzipationsbestrebungen in jenen Ländern Europas zuerst auftauchen, in denen die Liebe im edlen Sinne, wie sie bei den Germanen aufgefasst wird, nie Wurzel geschlagen hat. Wo die Frau weiß, dass sie zu dem Ganzen der Menschheitsentwicklung ihr Teil so beizutragen hat, wie es der weiblichen Natur und nicht wie es der männlichen entspricht, und wo sie weiß, dass sie in diesem ihrem Wirken von der männlichen Welt anerkannt und verehrt wird, da strebt sie über das, was ihr im Weltenplan zugeteilt ist, nicht hinaus. Eine höhere Anschauung ist es, die in der Harmonie verschiedener Wirkenskräfte ihr Genügen sucht, und eine niedrige, die alles gleichmachen möchte. Es ist vorzugsweise die ideale Seite der Kultur, deren Träger und Fortpflanzer die Frau ist. Was können die Gründe sein, welche die Frau herausdrängen sollen aus ihrer gegenwärtigen Stellung, aus den Schranken, die ihr die Geschichte gezogen hat?
[ 11 ] The estrangement from nature, as it occurs—and must occur—in human beings, can lead to bitter degenerations. What he has lost continues to slumber within him as an insatiable longing, like a homeland we have lost. Only love can bridge this longing; only love can reconcile the conflict within nature. If this love does not arise, then man remains a fallen being throughout his life—a being who has become estranged from his primal power and wanders a misguided path through life. Blind, selfish passions will then take the place of love. The one who is initially consumed by longing will seek to numb himself in the frenzy of degrading sensual pleasure. He will never be able to perceive the sublime, for, as Schiller put it, there is only one power that stands against the sublime: love. Thus you have derived the necessity of love from human nature. If we do away with love, we have banished the divine self from the world; or, since we cannot do that, we have turned our backs on the divine. But we bring about this apostasy when we alienate women from the very essence of womanhood, when we deprive them of their destiny to be the mediators of the divine, of nature as it appears in its immediate, unadulterated form. It is no coincidence that the efforts toward emancipation first emerge in those European countries where love in the noble sense—as understood by the Germanic peoples—has never taken root. Where a woman knows that she must contribute her share to the whole of human development in a way that corresponds to her feminine nature—and not to the masculine—and where she knows that she is recognized and revered by the male world for this work of hers, there she does not strive beyond what has been assigned to her in the plan of the world. It is a higher outlook that seeks satisfaction in the harmony of diverse forces at work, and a lower one that seeks to make everything the same. It is primarily the ideal side of culture that women embody and perpetuate. What reasons could there be to push women out of their present position, beyond the boundaries that history has set for them?
[ 12 ] Erstens: der Drang, in der geistigen Bildung, in der Einsicht nicht hinter dem Manne zurückzustehen. Zweitens: der Drang, nicht dem Manne zu verdanken, was ihr die reale Lebensgrundlage abgibt.
[ 12 ] First: the urge not to lag behind men in intellectual development and insight. Second: the urge not to be indebted to men for what provides her with the actual means of subsistence.
[ 13 ] Wenn ich bedenke, dass so oft sinnige, phantasievolle Mütter es waren, die an der Wiege bedeutender Männer gestanden [haben], wenn ich die alte Frau Rat selbst ansehe, Goethes Mutter, die durch ihre Märchenerzählungen den poetischen Sinn des jungen Wolfgang zuerst angeregt hat, so will mir scheinen, als wenn sich das unschwer aus jener Vorstellung über die Frauennatur, die ich soeben entwickelt habe, erklären ließe. Wenn sich in der Frauennatur die göttliche Urkraft der Natur reiner und ungetrübter ausprägt als in der des Mannes, dann ist es wohl einleuchtend, dass der lebendige Einfluss der Mutter in jenem Alter auf den Menschen am meisten befruchtend wirken muss, wo alles noch Natur, alles Naivität ist, wo der Mensch noch ganz Herz und noch gar nicht Kopf ist, wo der Geist sich noch nicht losgerissen hat von seiner Quelle, von der Natur, wo die Entzweiung von Idee und Wirklichkeit noch nicht vollzogen ist, mit einem Worte: im Kindesalter. Hier liegt ein großartiger kultureller Einfluss, den die Frau auf den Entwicklungsgang der Menschheit nimmt, ein Einfluss, der mehr wert ist als jener, den sie als Arzt, als Beamter, als Schriftsteller je ausüben kann.
[ 13 ] When I consider that it was so often wise, imaginative mothers who stood at the cradle of great men, when I look at the elderly Mrs. Rat herself, Goethe’s mother, who first stirred the young Wolfgang’s poetic sensibility through her fairy-tale stories, it seems to me that this could easily be explained by that conception of women’s nature which I have just developed. If the divine primal force of nature manifests itself more purely and unclouded in women’s nature than in men’s, then it is surely evident that a mother’s living influence must have the most enriching effect on a person at that age when everything is still nature, everything is naivety, when a person is still all heart and not yet at all head, when the spirit has not yet torn itself away from its source—from nature—when the separation of idea and reality has not yet taken place; in a word: in childhood. Herein lies the magnificent cultural influence that women exert on the course of human development—an influence that is worth more than any she could ever exert as a doctor, a civil servant, or a writer.
