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Goethe and the Present
GA 68c

27 November 1891, Vienna

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Goethe and the Present, tr. SOL
  1. Goethe und die Gegenwart

3. Über das Geheimnis in Goethes Rätselmärchen in den «Unterhaltungen Deutscher Ausgewanderter»

3. On the Mystery in Goethe’s Riddle Fairy Tales in “Conversations of German Emigrants”

Bericht in der «Chronik des Wiener Goethe-Vereins» vom 15. Dezember 1891

Article in the “Chronik des Wiener Goethe-Vereins” dated December 15, 1891

Goethe-Abend

Goethe Evening

[ 1 ] An diesem Tage hielt Dr. Rudolf Steiner (der gegenwärtig mit der Herausgabe eines Teils von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften für die große Weimarer GoetheAusgabe am Goethe-Archiv in Weimar beschäftigt ist) einen Vortrag über das «Geheimnis in Goethes Rätselmärchen in den «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter>».

[ 1 ] On this day, Dr. Rudolf Steiner (who is currently working on the publication of a selection of Goethe’s scientific writings for the major Weimar Goethe Edition at the Goethe Archive in Weimar) gave a lecture on “The Mystery in Goethe’s Riddle Fairy Tales in Conversations of German Emigrants.”

[ 2 ] Nach einer kurzen Einleitung des Vortragenden über das Verhältnis des «Märchens» zu der Erzählung, deren Schluss es bildet, und der Hinweisung auf den Umstand, dass in demselben Goethes Welt- und Lebensauffassung symbolisch zur Darstellung komme, rezitierte Fräulein Adrienne Kola vom k. k. Hofburgtheater das «Märchen» in echt künstlerischer Weise, sodass trotz der Einfachheit, die in dieser Wiedergabe lag, nicht nur der geheimnisvolle, mystische Zug, der durch das Ganze geht, sondern auch die zahlreichen einzelnen Höhepunkte, zu denen sich die Darstellung erhebt, vollkommen zum Ausdruck kamen. Man konnte es dem Vortrage des Fräulein Kola anhören, wohin man besonders die Aufmerksamkeit zu lenken habe, wenn es sich um eine Deutung des «Märchens» handelt.

[ 2 ] Following a brief introduction by the speaker on the relationship between the “fairy tale” and the narrative of which it forms the conclusion, and a reference to the fact that Goethe’s worldview and philosophy of life are symbolically represented in it, Miss Adrienne Kola of the Imperial and Royal Hofburg Theater recited the “fairy tale” in a truly artistic manner, so that despite the simplicity inherent in this rendition, not only the mysterious, mystical thread running through the entire piece but also the numerous individual highlights to which the performance rises were perfectly conveyed. One could tell from Miss Kola’s recitation where one should particularly direct one’s attention when interpreting the “Fairy Tale.”

[ 3 ] An die Rezitation schloss nun Dr. Steiner seine Betrachtungen. Das «Märchen» stellt in Goethe’scher Weise die Lösung desselben Problems dar, die auch Schiller in den Briefen über ästhetische Erziehung des Menschen in jener Zeit versuchte: Wie kommt der von Gesetzen der Natur und des sinnlichen Daseins beherrschte Mensch zu jenem höchsten Zustande, wo er der vollen uneingeschränkten Freiheit teilhaftig sein kann? Schiller unterzog sich der Lösung dieser Aufgabe durch eine philosophische Untersuchung, Goethe gab sie in einem lebensvollen, mit reichem poetischen Gehalt erfüllten Bilde. Der glückliche Zustand, den der Mensch erreichen wird, wenn die volle Freiheit ihm eigen sein wird, stellt sich uns dar als die Vermählung eines Jünglings mit der schönen Lilie, der Königin im Reiche der Freiheit. Der Jüngling herrscht, ausgestattet mit den drei höchsten Gaben, die dem Menschen angehören können: Weisheit, Frömmigkeit und Stärke. Der Tempel, von dem aus er das neue Reich regiert, erhebt sich über einem Flusse, der vor der Erreichung jenes höchsten Menschenzieles das Reich der Freiheit von dem der Naturnotwendigkeit, des sinnlichen Triebes, der Leidenschaft trennt. Dieser Fluss stellt den Staat, die Sitte, das Gesetz, das Recht dar, die den noch nicht zur Freiheit vorbereiteten Menschen abhalten, sich derselben zu bemächtigen, bevor er sie verstehen und gebrauchen kann. Nur in gewissen Augenblicken ist es dem Menschen möglich, seinen Fuß hinüberzusetzen in jenes ersehnte Land. Des Mittags, wenn sich die grüne Schlange über den Fluss legt und als Brücke dient, und abends, in der Dämmerung, wenn sich der Schatten eines großen Riesen über den Fluss hinzieht. Die Schlange stellt die menschliche Selbstlosigkeit und Selbstverleugnung dar. Nur in den Zeiten, wo alle selbstsüchtigen Begierden schweigen, wo sich der Mensch selbstlos in die objektive Welt verliert, ist er zur Freiheit würdig und ihrer auch teilhaftig. Der Schlange gegenüber stehen die sogenannten Irrlichter. Sie nähren sich von Gold, d. i. (im «Märchen») dem Symbole der Weisheit. Aber sie können es nicht verdauen und werfen es als wertloses Metall wieder von sich. Die Irrlichter sind das Symbol für die menschliche Selbstheit, die zur Selbstsucht wird und das Gold der Weisheit nicht um der Letzteren selbst willen, sondern nur deshalb aufnimmt, um damit zu glänzen, zu prunken. Falsche Propheten, Demagogen, Lehrer, denen die eigentliche Liebe zur Erkenntnis fehlt, sind damit gemeint. Aus ihrem Munde ist die Weisheit leere, wesenlose Phrase. Aber wenn sie auch als solche von einem empfänglichen Geiste aufgefasst wird, so wird sie mit innerem Leben durchdrungen und führt zur höchsten Kultur. Das Gold, das die Irrlichter auswerfen, wird von der Schlange verzehrt und macht deren Leib leuchtend, sodass in dem Raum, den sie nun erhellt, auch das Licht der höchsten Erkenntnis, das durch den Alten mit der Lampe angedeutet wird, leuchtet. Nur wo Empfänglichkeit diesem Lichte entgegengebracht wird, d. i. in einem Raume, wo schon ein anderes Licht ist, leuchtet dasselbe. Der Riese stellt die blinde Willkür dar, die rohe Naturgewalt, die nicht durch eigenen Wert und Tüchtigkeit die Menschen in das Reich der Freiheit führen, sondern durch jene Mittel, die zufällig, ohne innere Notwendigkeit sich ihnen gesellen. Dieses, bloß durch äußere Naturgewalt dem Menschen beigegebene Element wird durch den Schatten, den sich der Mensch ja auch nicht selbst gibt, symbolisiert. Wenn es an der Zeit ist, d. h. wenn der Mensch begriffen hat, dass er nicht bloß für Momente sich seines Selbstes entäußern muss, sondern dass die Selbstlosigkeit ihm zur eigentlichen Natur und Wesenheit werden muss, dann wird der Zustand voller Glückseligkeit eintreten. Dann legt sich die Schlange nicht bloß für kurze Zeit über den Fluss, sondern sie opfert sich auf und bildet eine dauernde Brücke vom Reich der Natur in das der Freiheit. Zwanglos gehen die Wanderer jetzt hinüber und herüber, d. h., sie bewegen sich gleich gut in beiden Reichen; ihre Naturobliegenheiten adeln sie durch Freiheit, und die Freiheitstaten verrichten sie, als ob sie mit Naturgewalt geschehen sollten. Es ist damit ein Zustand der Menschheit erreicht, den Schiller durch die Verwirklichung seiner ästhetischen Gesellschaft erstrebte.

[ 3 ] Dr. Steiner then concluded his reflections with a recitation. The “fairy tale” presents, in Goethe’s style, the solution to the very same problem that Schiller also attempted to address in his Letters on the Aesthetic Education of Man at that time: How does a human being, governed by the laws of nature and sensory existence, attain that highest state in which he can partake of full, unrestricted freedom? Schiller undertook to solve this problem through philosophical inquiry, while Goethe presented it in a vivid image imbued with rich poetic content. The blissful state that a human being will attain when full freedom is his own is presented to us as the marriage of a young man to the beautiful lily, the queen of the realm of freedom. The young man reigns, endowed with the three highest gifts that can belong to a human being: wisdom, piety, and strength. The temple from which he governs the new realm rises above a river that, before that highest human goal is attained, separates the realm of freedom from that of natural necessity, sensual desire, and passion. This river represents the state, custom, law, and justice—which prevent those not yet prepared for freedom from seizing it before they can understand and make use of it. Only at certain moments is it possible for a person to set foot in that longed-for land. At noon, when the green serpent coils across the river and serves as a bridge, and in the evening, at twilight, when the shadow of a great giant stretches across the river. The serpent represents human selflessness and self-denial. Only in those moments when all selfish desires fall silent, when a person selflessly loses himself in the objective world, is he worthy of freedom and also partakes of it. Opposite the snake are the so-called will-o’-the-wisps. They feed on gold, that is, (in the “fairy tale”) the symbol of wisdom. But they cannot digest it and cast it aside again as worthless metal. The will-o’-the-wisps are the symbol of human self-centeredness, which turns into selfishness and accepts the gold of wisdom not for the sake of wisdom itself, but only to shine and flaunt it. This refers to false prophets, demagogues, and teachers who lack a genuine love of knowledge. From their mouths, wisdom is an empty, meaningless phrase. But even when perceived as such by a receptive mind, it becomes imbued with inner life and leads to the highest culture. The gold that the will-o’-the-wisps cast out is consumed by the serpent and makes its body glow, so that in the space it now illuminates, the light of the highest knowledge—symbolized by the old man with the lamp—also shines. Only where receptivity is shown toward this light—that is, in a space where another light already exists—does it shine. The giant represents blind arbitrariness, the raw force of nature, which does not lead people into the realm of freedom through its own value and efficacy, but through those means that happen to join them by chance, without any inner necessity. This element, bestowed upon man solely by external natural force, is symbolized by the shadow—which man, after all, does not cast upon himself. When the time comes—that is, when man has realized that he must not merely renounce himself for a moment, but that selflessness must become his true nature and essence—then a state of complete bliss will dawn. Then the serpent will not merely lie across the river for a brief time, but will sacrifice itself and form a lasting bridge from the realm of nature to that of freedom. The travelers now move freely back and forth; that is, they move equally well in both realms; they ennoble their natural inclinations through freedom, and they perform acts of freedom as if they were to occur by the force of nature. Thus, a state of humanity is attained that Schiller sought to achieve through the realization of his aesthetic society.

[ 4 ] Im Verlaufe des Vortrages teilte Dr. Steiner mit Erlaubnis Prof. Dr. Suphans, des Direktors des Goetheund Schiller-Archivs, drei in dem genannten Archive befindliche Deutungen des «Märchens» mit, die aus Goethes Freundeskreis herrühren und von dem Dichter 1816 selbst noch aufgezeichnet wurden.

[ 4 ] During the lecture, Dr. Steiner, with the permission of Prof. Dr. Suphans, director of the Goethe and Schiller Archive, shared three interpretations of the “fairy tale” held in that archive, which originated from Goethe’s circle of friends and were recorded by the poet himself in 1816.