Goethe and the Present
GA 68c
4 April 1904, Berlin
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The Story of the Green Serpent and the Beautiful Lily, tr. Unknown
10. Das Märchen von der grünen Schlange und der Schönen Lilie
Lecture I
[ 1 ] Wenn die Theosophie behaupten wollte, dass sie etwas ganz Neues, erst in den letzten Jahrzehnten in die Welt Gekommenes sei, dann könnte man ihr wohl sehr leicht und wirkungsvoll entgegentreten. Denn es wird dem Menschen zwar leicht zu glauben, dass einzelne besondere Wahrheiten, neue Errungenschaften auf irgendeinem Erkenntnisgebiete das menschliche Anschauungs- und Gedankenleben in der fortschreitenden Zeit bereichern könnten; nicht aber dass dasjenige, was des Menschen tief innersten Kern betrifft, den Urquell menschlicher Weisheit, dass dieses als etwas völlig Neues in irgendeiner Zeit auftreten sollte. Das ist ohne Weiteres nicht zu glauben, und es ist daher wohl nur natürlich, dass ein solcher Glaube, als ob die Theosophie etwas völlig Neues bringen könnte oder wollte, das Misstrauen gegen die theosophische Bewegung hervorrufen müsste. Aber Theosophie hat sich von jeher, seit sie versuchte, auf die moderne Kulturbewegung einen Einfluss zu gewinnen, als eine uralte Weisheit bezeichnet, als etwas, was die Menschen gesucht haben, was sie in den verschiedensten Formen zu erringen hofften zu allen Zeiten. Und es ist die Aufgabe der theosophischen Bewegung gewesen, in den verschiedenen Religionsbekenntnissen und Weltanschauungen nach den verschiedenen Formen zu suchen, in welchen das Volk durch die verschiedenen Zeitalter hindurch zur Quelle der Wahrheit vorzudringen bemüht war. Die Theosophie hat an den Tag gebracht, dass zu den verschiedenen Zeiten, auch in den urältesten Zeiten, die Weisheit, durch welche der Mensch sein Ziel zu erkennen versuchte, etwas tief Verwandtes hatte. Und so ist es in der Tat. Theosophie macht uns bescheiden in Bezug auf die Errungenschaften unserer eigenen Zeit. Der bekannte, durchaus unbescheidene Spruch, dass wir es so herrlich weit gebracht haben in diesem 19. Jahrhundert, dieser Spruch erfährt eine sonderbare Einschränkung durch die Betrachtung des Geisteslebens in seinem tiefsten Sinne, durch die Jahrhunderte und die Jahrtausende hindurch.
[ 1 ] If Theosophy were to assert that it has in the last few decades brought any new thing into the world, it could easily and very effectively be contradicted. For it is easy to believe that any particular truth or achievement in a special branch of human knowledge, in man's conception of the world or in his world of thought, might enrich the advancing ages, but not that which concerns his innermost and deepest being—the source and origin of all human wisdom—could appear at any particular time. This in itself could not be believed; hence it is only natural that the belief that Theosophy could bring in or want to bring in anything completely new, must call forth a certain distrust against the movement itself. But ever since Theosophy set out to obtain an influence upon modern civilisation, it has always described itself as possessing the old primeval wisdom, which man has ever sought and endeavoured to acquire in many different forms in the various ages. It is the task of the Theosophical Movement to look for these forms in the various religions and world-conceptions through which the peoples, throughout the ages, have striven to press through to the source of truth. Theosophy has brought to light the fact that in the various ages, even in the most primeval times, that wisdom by which man sought to attain his goal, has always in its really most profound essence been one and the same. That is a truth, Theosophy teaches us to be modest concerning the acquirements of our own times. The well-known statement, which, in its lack of humility, boasts of the progress made in the 19th century, is felt to be particularly limited when we observe life in a deeper sense, extending through hundreds of thousands of years. But I do not wish to lead you back to those primeval ages.
[ 2 ] Nicht in diese alten Zeiten möchte ich Sie aber zurückführen; ich möchte Ihnen an einer modernen Persönlichkeit zeigen, dass diejenigen, welche versucht haben, den uralten Weisheitsspruch zu verwirklichen, der auf dem griechischen Tempel mit den Worten eingezeichnet ist: «Erkenne dich selbst», dass eine solche moderne Persönlichkeit, die diesen Weisheitsspruch zu dem ihrigen machte, im Grunde genommen in völligem Einklang steht mit dem, was die Theosophie als ihre Lehre und Anschauung bezeichnet. Diese Persönlichkeit ist keine andere als Johann Wolfgang von Goethe. Diese Persönlichkeit ist zweifellos nicht nur den Deutschen, sondern auch vielen anderen Kulturmenschen der Gegenwart tief vertraut. Mehr oder weniger ist er es bei jedem Einzelnen. Goethe ist indessen ein Geist, mit dem es einem ganz besonders geht. Er ist ein Geist, den man studieren kann an irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens, und man wird manches finden, was einem nicht nur den großen Künstler, den großen Dichter mit den hervorragenden Eigenschaften kundgibt, sondern man wird bald, wenn man sich weiter einlässt, an Goethe den großen Weisen zu beurteilen in der Lage sein, mit dem es einem so geht, dass, wenn man nach Jahren wieder zurückkehrt zu ihm, man immer Neues und Neues in ihm entdecken kann. Wir finden, dass Goethe zu denjenigen Geistern gehört, die unendlich viel in sich enthalten. Und haben wir immer wieder Neues zu unserem eigenen kleinen Weisheitsschatz hinzugelernt und kehren wir dann zu Goethe zurück, so sind wir erstaunt und stehen aufs Neue mit Verwunderung vor dem, was uns vorher verschlossen war, weil uns das Echo fehlte zu dem Reiche, das aus ihm sprach. Und hat ein solcher Mensch sein Innerstes auch noch so weit gebildet, findet er noch so tiefe Weisheit in Goethe, wenn er wieder einige Jahre wartet und sich wieder in seine Schriften vertieft, so wird er sich überzeugen, dass er Neues, Größeres, ja Unendliches in Goethes Werken findet. Nie lernt er an Goethe aus. Dies ist eine Erfahrung, die insbesondere diejenigen machen, welche Vertrauen haben, Glauben haben in die tiefe menschliche Seelenentwicklung.
[ 2 ] I should like to ask you, by means of the example of a great personality of modern times, how he tried to carry out the wisdom-teaching inscribed in the Greek Temples; “Know thyself!” He, who made this saying his own, was really in complete harmony with the teaching and views of Theosophy. This personality is none other than Johann Wolfgang von Goethe. He certainly belongs not only to the German nation, but to many other civilized men of the present age and belongs indeed more or less to us all. Goethe is a spirit who affects us in a very special way. No matter to what part of his life we turn in study, we find, not only the great Poet very pre-eminently there, but, if we go more deeply into the subject, we soon discover in him the Wise One, to whose wisdom we turn back again after long years, always to discover something new. We find that Goethe was one of those spirits who had within him an inexhaustible fund of greatness. And if we have learned to add to our own small stock of wisdom, by turning back to Goethe again and again, we are constantly astonished anew and stand in admiration before that which before was hidden from us, because there was in ourselves no responsive echo of the realm which expressed itself through him. No matter how polished a man may be, no matter how much wisdom he may have discovered in Goethe, if after some years he turns to him again, he will convince himself anew that there is still an infinite fund of what is beautiful and good in the works of Goethe. This experience may come in particular to those who believe profoundly in the evolution of the human soul.
[ 3 ] Es wird gesagt, Goethe habe uns in seinem «Faust» eine Art modernes Evangelium geliefert. Wenn dieser Ausspruch gelten soll, dann hat uns Goethe aber auch neben seinem Evangelium eine Art geheime Offenbarung, eine Art Apokalypse geliefert. Diese Apokalypse ist verborgen in seinen Werken; sie bildet den Schluss der «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter» und wird nur von wenigen gelesen. Immer bin ich gefragt worden, wo denn dieses Märchen in Goethes Werken stehe. Es steht in allen Goethe-Ausgaben und bildet wie gesagt den Schluss der «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter». Goethe hat in diesem Märchen ein Kunstwerk geschaffen von unendlicher Schönheit. Es soll nicht der unmittelbare bildliche Eindruck des Kunstwerkes zerstört werden, wenn ich hier den Versuch mache, eine Interpretation dieses Märchens zu geben. Goethe hat seine vertraulichsten Gedanken und Vorstellungen in das «Märchen» hineingeheimnisst. Er hat zu Eckermann in den letzten Jahren seines Lebens gesagt: Mein lieber Freund, ich will Ihnen etwas sagen, was Ihnen nützlich sein kann, wenn Sie meine Werke betrachten. Meine Werke werden nicht populär werden; es werden Einzelne verstehen, was ich sagen wollte, aber populär werden kann bei meinen Werken nicht eintreten. Das hat er wohl vorzugsweise im Hinblick auf den zweiten Teil des «Faust» gesprochen und damit sagen wollen, dass derjenige, welcher «Faust» genießt, einen unmittelbaren künstlerischen Eindruck haben kann. Wer aber hinter die Geheimnisse, die im «Faust» verborgen liegen, kommt, der wird auch noch sagen können, was hinter diesen Bildern versteckt ist.
[ 3 ] It has often been said that in his “Faust,” Goethe produced a sort of Gospel. If this be so, then, besides his Gospel, Goethe also produced a sort of secret Revelation, a sort of Apocalypse. This Apocalypse is concealed within his works, it forms the conclusion to his “Unterhaltung deutscher Ausgewanderten,” and is read only by few. I am always being asked where in Goethe's works this “Märchen” is to be found! Yet it is in all the editions and forms, as I have just said, the conclusion to the above. In this fairy tale, Goethe created a work of art of eternal beauty. The direct, symbolical impression of the work of art will not be interfered with, if I now try to give an interpretation of this fairy tale; Goethe put into this tale his most intimate thoughts and conceptions. In the latter years of his life he said to Eckermann: “My dear friend, I will tell you something that may be of use to you, when you are going over my works. They will never become popular; there will be single individuals who will understand what I want to say, but there can be no question of popularity for my writings.” This referred principally to be the second part of “Faust,” and what he meant was that a man who enjoyed “Faust” might have a direct artistic impression, but that one who could get at the secrets concealed in “Faust” would see what was hidden behind the imagery.
[ 4 ] Nicht von dem zweiten Teil des «Faust» möchte ich sprechen, sondern von dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, in welchem Goethe sich noch intimer ausgesprochen hat als in dem zweiten Teil des «Faust». Ich möchte davon sprechen, was Goethe in diese merkwürdigen Bilder hineingeheimnisst hat. Aber auch davon möchte ich sprechen, warum Goethe den bildlichen Ausdruck gebraucht hat, um seine intimsten Gedanken auszudrücken. Beide Fragen werden im Verlauf des Vortrages ihre Beantwortung finden.
[ 4 ] But I am not speaking of the second part of “Faust,” but of the “Fairy Tale of the Green Serpent and the Beautiful Lily,” in which Goethe spoke in an even more intimate way than in the former. I shall try to disclose in the course of this lecture the Mysteries concealed in these remarkable pictures, and to explain why Goethe made use of these symbolical images to express his most intimate thoughts.
[ 5 ] Wer das Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie versteht, der weiß, dass wir in Goethe einen Theosophen vor uns haben, einen Mystiker. Goethe hat die Weisheit, die Lebensanschauung, welche die Theosophie in populärer Form zu vertreten hat, auch vertreten; und gerade das «Märchen» ist ein vollgültiger Beweis dafür. Nur hat man dazumal, in den Zeiten, als Goethe sich aussprach, nicht wie heute in öffentlichen Vorträgen durch die Macht des Verstandes die höchsten Wahrheiten in Worte zu kleiden versucht; nicht versucht, diese intimsten menschlichen Seelenwahrheiten in derselben Weise vorzutragen. Diejenigen, welche einen Einblick in solche Wahrheiten getan haben, haben sie in bildlicher Form, durch Gleichnisse zum Ausdruck gebracht. Es war eine alte Gepflogenheit, eine Gepflogenheit, welche noch aus dem Mittelalter stammt, dass man zu den höchsten Einsichten nicht in abstrakter Form gelangen kann, sondern dass dazu eine Art von Einleben, eine Art von Einweihung gehört. Und diese Einweihung machte es denjenigen unmöglich, von diesen höheren Wahrheiten zu sprechen, welche spürten, dass eine gewisse Stimmung, eine Art Seelenhauch dazugehört, um solche Wahrheiten fassen zu können; Wahrheiten, welche in der Tat nicht bloß mit dem Verstand wahrgenommen werden können. Eine gewisse Stimmung gehört dazu, und diese Stimmung nenne ich den «Seelenhauch». Die Verstandessprache erschien ihnen persönlich zu nüchtern, zu trocken, um die höchsten Wahrheiten auszudrücken. Außerdem hatten sie noch etwas von der Überzeugung, dass der, welcher solches erlebt, sich erst der Wahrheit würdig machen muss.
[ 5 ] Anyone who is capable of understanding the Fairy Tale knows that Goethe was a Theosophist and a mystic. Goethe was acquainted with that wisdom and conception of the world which we try to give forth in a popular way in Theosophy; and the Fairy Tale itself is a proof of this; only, at the time when Goethe was writing, the endeavour had not yet been made to clothe the highest truths in words and to give them forth in open lectures by the power of reason; these most intimate human psychic truths were not then spoken of openly. Those who gave a hint of them put them into symbolical form, and expressed them by symbols. This was an old custom, dating from the middle ages, when it was thought that it would be impossible to put the highest insight into the abstract form, but that a sort of experience or initiation was necessary. This made it impossible for people to speak of these truths, who believed that a particular sort of mood, a sort of special soul-atmosphere was needed in order to understand such truths; they could not be grasped merely by the intellect. A certain mood was necessary, a certain disposition of the soul, which I will call a psychic atmosphere. The language of reason seemed to them to be too arid, too dry and cold to express the highest truths. Besides which they still retained a sort of conviction that those who were to learn these truths should first make themselves worthy of them.
[ 6 ] Diese Überzeugung hat bewirkt, dass in alten Zeiten, bis etwa zum dritten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung, die Wahrheit über die menschliche Seele und den menschlichen Geist nicht so vorgetragen wurde, dass sie öffentlich preisgegeben werden konnte, sondern derjenige, welcher in den Besitz der höchsten Wahrheiten gelangen sollte, musste erst vorbereitet werden zur Aufnahme dessen, was in den sogenannten Mysterienstätten geboten wurde. Diese Mysterienstätten führten zuletzt alles dasjenige, was sie an Geheimnissen, an Natur- und zyklischen Gesetzen den Mysten überbrachten, als etwas vor, was wir, wenn wir es in trockenen Verstandessätzen ausdrücken, als nüchterne Wahrheit erkennen würden, was aber der Schüler als lebendige Wahrheit erkennen und leben musste. Es handelt sich nämlich nicht darum, Weisheit zu denken, sondern Weisheit zu leben. Es handelt sich nicht bloß darum, die Weisheit mit der Glut des Geistes zu durchdringen, sondern darum, dass der Mensch ein ganz anderer wurde. Er musste vor das Heiligste mit einer gewissen Scheu hintreten; er musste verstehen, dass die Wahrheit etwas Göttliches sei, dass sie durchtränkt sei von göttlichem Weltenblut, dass sie einzieht in unsere Persönlichkeit, dass die göttliche Welt wieder aufleben solle, dass Erkennen dasselbe heißt, was mit dem Wort Entwicklung bezeichnet ist. Das sollte dem Mysten klar gemacht werden, und das sollte er auf der Läuterungsstufe der Mysterien erreichen. Er sollte sich anerziehen die heilige Scheu vor der Wahrheit, er sollte abgezogen werden von dem Haften an dem Sinnlichen, von den Leiden und Freuden des Lebens, von dem, womit uns das Alltagsleben umgibt. Das, was wir notwendig haben, wenn wir uns vom profanen Leben zurückziehen, das Licht des Geistes, das konnte nur empfangen werden, wenn jenes abgelegt war. Wenn wir würdig sind, das Licht des Geistes zu empfangen, dann sind wir andere geworden, dann lieben wir den Geist, dann lieben wir mit ernster Sympathie und Hingabe dasjenige, was wir sonst nur als ein schattenhaftes Dasein, als ein abstrakt Bestehendes erkannt haben: Wir lieben das Geistesleben, das für den gewöhnlichen Menschen nur Gedanke ist. Der Myste aber lernt hinopfern das Selbst, das am Alltäglichen haftet; er lernt die Wahrheit nicht nur denkend durchdringen, er lernt sie durchleben, er lernt sie zu empfangen als göttliche Weisheit, als Theosophie. Goethe hat diese Überzeugung im «West-Östlichen Diwan» ausgesprochen:
[ 6 ] This conviction brought it to pass, that in the olden times, down to the 3rd century A.D.—the truth about the human soul and the human spirit was not given out publicly as it is now, but those who wished to attain to such knowledge had first to be prepared to receive that which was to be given to them in the Sanctuaries of the Mysteries. Therein all that had been preserved of the secrets of nature and of the laws of cycles, was given out as something which, to put it concisely, could not be learned and recognised as dry truths, but which the students had to recognise as living truths and learn to live them. It was not then a question of thinking wisdom, but of living it; not merely a question of permeating wisdom with the glow of the intellect, but of making it the mainspring of life, so that a man is transformed thereby. A certain shyness must possess a man before the Holy of Holies; he had to understand that truth is divine, that it is permeated by the Divine Cosmic Blood, which draws into the personality, so that the divine world lives anew within. The recognition of all this was included in the word “development.” This had to be made quite clear to the Mystic, and this it was which he was to attain through the stages of purification, on the way to the Mysteries, he was to acquire the holy shyness before the Truth, and to be drawn away from the longing for the things of the senses, from the sorrows and joys of life, from all that surrounds us in ever-day life. The Light of the Spirit, which is necessary to us when we withdraw from the profane life, we shall receive when we give up the other. When we are worthy to receive the Light of the Spirit, we shall have become different people; we shall then love with real, earnest sympathy and devotion, that which we are wont to look upon as a shadowy existence, a life in the abstract. We then live the Spiritual life which to the ordinary man is mere thought. But the Mystic learns to sacrifice the Self that clings to the everyday life, he learns not only to penetrate the truth with his thought but has to live it through and through, to conceive it within him as Divine Truth, as Theosophy. Goethe has expressed this conviction in his “West-Ostlichen Divan:”—
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
So lang dud as nicht hast,
Dies ‘stirb im Werde’,
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunkeln Erde—
[ 7 ] Das war es, was die Mysten aller Zeiten angestrebt haben: das Absterben-Lassen des Niederen und das Auferstehen-Lassen dessen, was im Geiste lebt. Das Absterben der sinnlichen Wirklichkeit gering achten, damit der Mensch aufsteigt in das Reich der göttlichen Absichten. Sterben, um zu werden. Wer das nicht hat, der weiß nicht, was für Kräfte in unsere Welt hineinschwingen; der ist nur ein trüber Gast auf unserer Erde. Das hat Goethe im «West-Östlichen Diwan» ausgesprochen und das sucht er auch in aller Anschaulichkeit darzustellen in dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Die Verwandlung des Menschen von der einen Stufe des Daseins zu einer höheren Stufe hinauf, das war es, was er als ein Rätsel lösen wollte. Das Rätsel: Wie kann der Mensch, der im Alltäglichen lebt, der nur mit Augen schauen, mit Ohren hören kann, wie kann er es erfassen, dieses «Stirb und Werde»? Das war die Frage der Mystiker aller Zeiten. Diese große Frage nannte man zu allen Zeiten die «spirituelle Alchemie», die Verwandlung des Menschen von der Alltagsseele zu der Geistseele, welche die geistigen Dinge so erfasst wie der gewöhnliche Mensch die irdischen Dinge, den Tisch, den Stuhl und so weiter, und sie für wirklich hält. Wenn diese Alchemie mit dem Menschen vorgegangen war, dann hielten ihn die Mysterienführer für würdig, die höchsten Wahrheiten zu empfangen. Dann führten sie ihn in das Allerheiligste, dann wurde er initiiert, dann wurde er ausgestattet mit den Lehren, die ihn über die Absichten der Natur unterrichten, über die Absichten, die den Weltenplan durchziehen. Eine solche Initiation ist es, die Goethe [im «Märchen»] beschreibt: eine Einweihung des würdigen Menschen in die Mysterien.
[ 7 ] This it is that the Mystics of all ages have striven for,—to let the lower nature die out, and to allow that which dwells in the Spirit to spring forth; the extinction of sense reality, that man may ascend to the Kingdom of “Divine Purposes.” “To die in order to become.” If we do not possess this power we do not know of the forces that vibrate into our world, and we are but a “trüber Gast” (gloomy guest) on our Earth. Goethe gave expression to this in his “West-Ostlichen Divan,” and this he tries to represent in all the different parts of the “Fairy Tale” of the “Green Serpent and the Beautiful Lily!” The transition of man from one stage of existence to a higher one. That was the riddle he wanted to solve, the riddle as to how a man who lives in the everyday world,—and who can only see with his eyes, and hear with his ears,—can lay hold of this “dying and becoming!” This was the question for the Mystics of all ages; and this great question was always called “Spiritual Alchemy.” The transmutation of man from the every-day soul to the Spirit-soul, one to whom the things of the Spirit are just as real as the things of this Earth, such as tables and chairs and so on, are to the ordinary man. When the alchemical transmutation had taken place in a man, he was then considered worthy to have the highest truths communicated to him, he was then led into the Holy of Holies. He was then initiated, and supplied with the teachings which instructed him as to the purposes of nature, those purposes which run through the plan of the world. It is an initiation of this kind which is described by Goethe, the initiation into the Mysteries, of one who has been made worthy to receive them.
[ 8 ] Das ergibt sich aus zweierlei Gründen: Erstens war Goethe in seiner Jugend ebenso bemüht, das Geheimnis zu lernen, das man damals das Geheimnis der Alchemie genannt hat. Zwischen seiner Straßburger und Leipziger Studienzeit erkannte er schon, dass es eine geistige Seite der Alchemie gibt, und er wusste, dass die gewöhnliche Alchemie nur ein Zerrbild der geistigen ist. Dass alles dasjenige, was als Alchemie bekannt ist, nur dadurch hat bestehen können, dass die bildlichen Ausdrücke für Wirklichkeiten genommen worden sind. Diese Alchemie des Menschen, welche sich mit den Kräften des inneren Lebens vollzieht, die hat er gemeint. Auch Anweisungen haben die Mysterienführer gegeben, wie diese Alchemie bewirkt werden kann. Da sie indessen diese Umwandlung der inneren menschlichen Kräfte nur gleichnisweise in Bildern beschreiben konnten, so haben sie davon gesprochen, dass ein Stoff in den andern sich verwandelt. In dem, was sie über die Verwandlung der Stoffe gesprochen haben, haben sie das ausgedrückt, was sich im menschlichen Seelenleben auf eine höhere Stufe hinaufentwickelt, was sich in geistiger Weise verwandelt. Dasjenige, was große Geister den am Alltagsleben haftenden Menschen auf geistigem Gebiete gezeigt haben, das haben sie auf die Umwandlung der Stoffe, der gewöhnlichen Stoffe und Metalle in Retorten angewendet und sich bemüht, herauszukriegen, was für ein geheimnisvolles Mittel man gemeint hat, das die Umwandlung des Stoffes bewirkt. Goethe hat in einer Stelle des «Faust» gezeigt, was er von diesen Dingen verstanden hat. Im ersten Teil des «Faust», beim Spaziergang vor dem Tore, weist er genau darauf hin, was Falsches, Unrichtiges, Kleinliches in der zu materialistischen Auffassung der Alchemie liegt. Er spottet über diejenigen, die in grillenhaftem Mühen nach der Entdeckung des Geheimnisses streben und in Gesellschaft von Adepten und nach unendlichen Rezepten das Widrige zusammengießen:
[ 8 ] There are two proofs of this—in the first place Goethe himself took a great deal of trouble to become acquainted with the secret which may be called the Secret of Alchemy. Between the studies he made at Leipzig and Strassburg he had already discovered that Alchemy had a Spiritual side, and knew that ordinary Alchemy was nothing but a reflection of the Spiritual, and all that is known of Alchemy consisted only in the symbolical expressions of realities. That is to say, he referred to that Alchemy which is concerned with the forces of the inner life. Alchemists have also left indications of how this could be worked. As they were only able to describe the transmutation of the human forces by means of symbols, they therefore spoke of one substance being transmuted into another. All they related concerning the transmutation of matter, referred to what the human soul-life developed within itself at a higher stage, when it became transmuted spiritually. All that the great Spirits have disclosed about the Spiritual Realms to those men who are still bound to the life of every day, was taken by them as referring to the transmutation of substances and metals in the retorts, and they took great trouble to try and discover by what mysterious methods the transmutation of substances could be brought about. Goethe, in one part of his “Faust,” shows us what he himself understood as to such things. In the first part of “Faust,” in the walk in front of the garden, he points clearly to the false, wrong and petty material conceptions that are held as to Alchemy. He makes fun of those who strive with such feverish efforts to discover these secrets, and who pour forth the lower substances, according to numberless receipts, in company of the Adepts.
Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,
Im lauen Bad der Lilie vermählt,
Und beide dann mit off’nem Flammenfeuer
Aus einem Brautgemach ins andere gequält.
“There a Red Lion, with the Lily wedded,
A wooer bold, within the tepid bath,
From bridal-bower to bridal-bower was speeded
Racked by the naked fire's flaming wrath.”
[ 9 ] Das, was Goethe hier verspottet, die Vermählung mit der Lilie, das war es, was er in dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie zeigen wollte. Das Höchste, was der Mensch anstreben kann, das Höchste, in was sich der Mensch verwandeln sollte, das bezeichnet Goethe mit dem Symbol der Lilie. Es ist gleichbedeutend mit dem, was wir höchste Weisheit nennen, sodass das Handeln des Menschen seine Natur durchschaut, wie ein Entwickeltsein eine Ewigkeit geworden ist. Wenn der Mensch auch die urewigen Gesetze befolgt, nach denen wir die urewigen Gesetze des Daseins vollenden müssen, wenn er auch die urewige Entwicklung seiner Freiheit anerkennt, so befindet er sich auf einer Stufe der Entwicklung, so stellt dies eine solche Seelenverfassung dar, eine solche Stufe der Erkenntnis, welche mit dem Symbol der Lilie bezeichnet wird. Mit dieser Lilie, der höchsten der Seelenkräfte, dem höchsten Zustande des Bewusstseins, wo der Mensch frei sein darf, weil er seine Freiheit nicht missbrauchen kann, weil er niemals störend in die Kreisläufe der Freiheit eingreifen kann, diesen Inhalt der Seele, welcher den Mysten in den Mysterien vermittelt wurde, indem sie gereinigt verwandelt wurden, diesen Inhalt bezeichnet man von jeher symbolisch als die Lilie. Als Lilie bezeichnet man gleichzeitig dasjenige, was Spinoza da, wo er sonst nüchtern und mathematisch erscheint, in seiner «Ethik», zum Schluss enthusiastisch, fast poetisch ausdrückt, wenn er sagt, dass der Mensch hinaufgestiegen ist in die höheren Sphären des Daseins, dass er sich durchdringt mit den Gesetzen der Natur. Das bezeichnet Spinoza als das Reich der göttlichen Liebe in der Menschenseele; das Reich, wo der Mensch zu nichts mehr gezwungen wird, sondern wo alles dasjenige, was im Bereich der menschlichen Entwicklung liegt, aus Freiheit und Hingebung, aus voller Liebe geschieht; da wo jeder Zwang, jede Willkür verwandelt wird durch geistige Alchemie, wo alles Handeln einfließt in das Gebiet der Freiheit. Goethe hat jene Liebe bezeichnet als das höchste Freisein, als das Freisein von allen Begierden und Wünschen des alltäglichen Lebens. Er hat gesagt:
[ 9 ] The union with the Lily, which is made fun of by Goethe is what he wished to illustrate in his Fairy Tale, of the Green Serpent and the beautiful Lily. The highest transmutation which man can accomplish is illustrated by Goethe in the symbol of the Lily. It is of like significance with what we call the Highest freedom. When a man follows the primal and eternal laws, in accordance with which we have to complete the primal and eternal circuit of our existence, and if he also recognises the primal and eternal evolution of his freedom, he will then find himself at a certain stage of his development which is accomplished by a disposition of the soul, which may be described by the symbol of the Lily. The highest forces of the soul, the highest state of consciousness, in which a man may be free because he will then not misuse his freedom, and will never create a disturbance in the circle of freedom,—this state of soul, which was communicated to the Mystics in the Mysteries, in which they were collectively transmuted,—this was from all time described as the “Lily.” That which Spinoza expresses at the end of his “Ethics,” (dry and mathematical as he was in his other writings)—when he says that man ascended into the higher spheres of existence and penetrated them by means of the laws of nature,—this state of mind may also be described as the Lily, Spinoza describes it as the realm of Divine Love in the human soul, the realm in which man does nothing under compulsion, but in which everything belonging to the domain of human development takes place in freedom, devotion and utter Love, where everything arbitrary is transmuted by that Spiritual Alchemy in which every activity flows into the stream of freedom. Goethe has described that Love as the highest state of Freedom, as the being free from all desires and wishes of our every-day life. He says,
In unsers Busens Reine wogt ein Streben
Sich einem Höheren, Reinem, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten
Wir heißen’s: fromm sein! — Solcher seligen Höhe
Fühl’ ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.Vor ihrem Blick, wie vor der Sonne Walten
Vor ihrem Atem, wie vor Frühlingslüften
Zerschmilzt, so längst sich eisig starr gehalten
Der Selbstsinn tief in winterlichen Grüften
Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert
Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert.
“Self-seeking and Self-will are not permanent, they are driven out by the Ego. Here we must be good.”
[ 10 ] Diese spinozistische Gottesliebe, die er erreichen will durch spirituelle Alchemie, sie ist es, womit der Mensch, der menschliche Wille sich vereinigen soll. Der menschliche Wille, der auf jeder Stufe tätig ist, dieser Wille ist dasjenige, was zu allen Zeiten bezeichnet worden ist als der «Löwe», die Kreatur, in welcher dieser Wille aufs Höchste gespannt ist, in welcher dieser Wille aufs Stärkste auflebt, und so bezeichnet die Mystik den Willen des Menschen als den Löwen.
[ 10 ] The Divine Love, which is referred to by Spinoza, and which he wishes to attain through Spiritual Alchemy,—that it is with which man should unite himself, that it is with which man should unite his will. Human will active at every stage, is that which in all ages was known as the “Lion,” the creature in which the Will is most strongly developed, and that is why the Mystics have always called the will of man: the “Lion.”
[ 11 ] In den persischen Mysterien gab es sieben Einweihungen. Sie sind wie folgt: Zuerst wurde man Rabe, dann Geheimer, dann ein Streiter, dann ein Löwe. Der fünfte Grad war derjenige, wo der Mensch bereits das Leben von der anderen Seite anschaute, wo der Mensch zum eigentlichen Menschen geboren war. Daher nennt der Perser denjenigen, der den Standpunkt des Löwen überwunden hat, einen «Perser». Ein im fünften Grade Eingeweihter war der Perser, und denjenigen, der es dahin gebracht hatte, dass sein Handeln so ruhig dahinfließt, wie die Sonne ihren Lauf am Himmelsgewölbe vollendet, den nannte der Perser einen «Sonnenläufer». Und denjenigen, der aus unendlicher Liebe die Handlungen vollzieht, den nennt er «dem Grade der Väter angehörig». Der vierte Grad war der, wo der Mensch am Scheideweg stand, wo der Mensch sich herauforganisiert hat durch den physischen Körper, den ätherischen Doppelkörper, welcher der Träger der Lebenskraft ist, und den Astralkörper, der unterworfen ist den Gesetzen des Wünschens, des Begehrens, der Leidenschaften. Diese drei Körper bilden nach der theosophischen Bezeichnung die unteren Grundteile des Menschen, aus ihnen wird der niedere Mensch herausgeboren. Wer eingeweiht ist, wer diese Verbindung durchschaut hat, den bezeichnet der Perser als den «Löwen». Und hier steht der Mensch am Scheideweg. Hier verwandelt sich dasjenige, was ihn zwingt, aus der Natur heraus zu handeln, in eine freie Gabe der Liebe. Wenn er den fünften Grad der Einweihung ersteigt, wenn er sich heraufentwickelt zu dem freien Menschen, der sich gestatten darf, dasjenige, wozu er sonst gezwungen war, aus freier Liebe zu begehen. Diese Verbindung des Löwen mit der freien liebenden Wesenheit, das bezeichnet die Alchemie als das Mysterium der menschlichen Entwicklung. Dieses Mysterium hat Goethe in dem «Märchen>» dargestellt. Er hat zunächst gezeigt, wie dieser Willensmensch dasteht, wie er hineingezogen wird in die physische Welt aus höheren Sphären, aus Sphären, die er selbst nicht kennt. Goethe ist sich bewusst, dass der Mensch seiner geistigen Natur nach aus höheren Sphären abstammt, dass er hinübergeführt wird in diese Welt, die Goethe darstellt als die Welt des stofflichen, sinnlichen Daseins. Diese Welt ist das Land an dem einen Ufer des Stromes. In dem «Märchen» gibt es aber zwei Länder, ein Diesseits des Flusses und ein Jenseits desselben. Aus dem Jenseits derselben führt der unbekannte Fährmann die Menschen hinüber in das Land der Sinnenwelt; und zwischen dem Land der geistigen und der Sinnenwelt befindet sich der Fluss, das Wasser, welches beide Länder scheidet. Goethe hat mit dem Wasser dasselbe bezeichnet, was die Mystiker aller Zeiten damit bezeichnet, symbolisiert haben. Schon in der Genesis ist mit diesem Ausdruck dasselbe gemeint wie bei Goethe. Auch in dem Neuen Testament finden wir diesen Ausdruck. In dem Gespräch zum Beispiel, das Jesus mit Nikodemus führte. Da heißt es: Derjenige, welcher nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem Geiste, der kann nicht eingehen in das Reich des Himmels. Den Ausdruck: «aus dem Wasser wiedergeboren» hat Goethe sehr wohl verstanden, und wie er ihn verstanden hat, das sehen wir aus dem «Gesang der Geister über den Wassern»:
[ 11 ] In the Persian Mysteries there were seven Initiations; there were the following: first the Raven, then the Occultist, then the Fighter; at the fourth grade the student was already able to look back at his life from the other side, and had really become Man, hence the Persians called one who had overcome the Lion stage a Persian. That was the fifth stage, and a man who had got so far that his actions flowed quickly along, just as the Sun runs its course in the Heavens above, was called a Sun-runner. But he who accomplished all his actions out of absolute and ceaseless love, was looked upon by the Persians as belonging to the grade of the “Father.” At the fourth grade, a man stood at the parting of the ways; he had then, besides his physical body, his etheric double, and that body which is subject to the laws of passions and desires, wishes and instincts; he was now organized for a higher life. These three bodies form, according to Theosophy, the lower part of man. From these the lower man is born. When a man was initiated into this grade and could see this connection the Persians called him a “Lion.” He then stands at the parting of the ways, and that which compelled him to act according to the laws of nature is transmuted into a free gift of Love. When he reaches the eighth stage of Initiation, when he has evolved himself into a free man, one who can allow himself to do, out of free love, what he was formerly driven to do by his own nature, this connection between the Lion and the free loving being, is described in Alchemy as “the mystery of human development.” This is the mystery Goethe represented in his Fairy Tale. First of all he shows us how this man of will stands there, drawn down to the physical world from higher spheres, from spheres of which he himself knows nothing. Goethe is conscious of the fact that man, in so far as his spiritual nature is concerned, comes originally from higher spheres; that he was led into this which Goethe represents as the world of matter, the world of sense-existence, this is the Land on the bank of the River. But in the Tale of the green Serpent and the beautiful Lily, there are two Lands, one on this side of the River, and the other beyond. The unknown Ferryman conducts the man across from the far side into the Land of the sense-world;—and between the Land of spiritual existence and the sense-world there flows the River, the water which divides them. By water, Goethe describes that which the Mystics of all ages have symbolized as water. Even in Genesis the same meaning is applied to this word as we find in Goethe. In the New Testament too we find this expression in the conversation between Jesus and Nicodemus. “He who is not born again of water and the Spirit, cannot enter into the Kingdom of Heaven.” Goethe understood perfectly what was signified by the expression “born again of water.” And we can see in what sense he understood it by his “song of the Spirit.”
Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser,
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind.
Soul of humanity
How like to the water!
Fate of humanity
How like to the wind!
[ 12 ] Die Welt des Seelischen, die Welt des Begehrens und Wünschens, die Welt der Leidenschaften und Begierden, diese schiebt er hinein zwischen unseren Geist und unsere Sinne. Diese kennen weder Gutes noch Böses, unsere Sinne können nicht irren. Derjenige, welcher sich einlässt in diese Unterscheidungen, weiß, dass, wenn wir die Gesetze der Natur studieren, wir nicht von Gut und Böse sprechen können. Wenn wir die Natur im Tierreich studieren, so werden wir finden, dass wir von verderblichen und nützlichen Tieren sprechen können, aber nicht von guten und bösen. Erst dadurch, dass der Mensch eintaucht in das Wasser, in die seelische Welt, erst dadurch wird er fähig des Guten und Bösen. Diese Welt, die sich hineinlegt zwischen das Geistige und das Sinnliche, das ist der Fluss, über den der Geist hinüberkommt aus unbekannten Sphären. Herübergekommen über den Fluss ist des Menschen Innerstes, sein eigentlicher geistiger Kern, herübergekommen über den Fluss der Leidenschaften und Begierden. Und er ist, wenn er eine weitere Entwicklung nicht durchmacht, wie ein Irrlicht. Dieser Mensch, welcher unterworfen ist den Gesetzen, die in ihm leben, wenn er herübergekommen ist über den Fluss, aber noch nicht den göttlichen Funken empfangen hat, um ihn hinüberzubringen in die andere Welt; er wird daher abgesetzt von dem Fährmann, welcher die Menschen herüberbringt von dem jenseitigen Ufer über den Fluss in das Diesseits. Niemand kann hinübergeführt werden von dem Fährmann, aber jeder kann herübergebracht werden. Wir fühlen uns herübergebracht ohne unser Zutun, durch die Kräfte, die unter unserem Bewusstsein liegen, die unserem Tun, unserem Handeln vorangehen. Durch solche Kräfte fühlen wir uns hineingestellt in die Welt der Sinne, in das Diesseits. Der Fährmann, der uns herübergebracht hat aus dem jenseitigen Geistesleben, hat uns hineingesetzt in diese Welt und kann uns nicht mehr zurückbringen in jenes Land, das wir erreichen müssen, das Land der schönen Lilie. [Der Fährmann ist folglich die Kraft, durch welche man unbewusst in die Sinnenwelt kommt.]
[ 12 ] The world of humanity, the world of longing and wishes, the world of passions and desires, is a land inserted between our Spirit and our senses. Our senses know neither good nor evil, they cannot err. Anyone who goes into this question, knows that when we study the laws of nature, we cannot speak of good or evil. When we study nature in the animal world, we find that there are objectionable animals and useful ones, but we cannot speak of good and evil ones. Only when man plunges into the water—into the soul-world—does he become capable of good and evil. This world which is inserted between the Spiritual and the world of senses, is the River over which the Spirit passes from the unknown spheres. The innermost of man came across the River of passions and desires—and when he goes through further development he becomes like the Will-o'-the-wisp. Thus man is subject to the laws within him, after he has crossed the River, and before he has received the Divine Spark which will take him across to the other world. He is therefore put ashore by the Ferryman who brings men across the River from the far bank to the near one. Nobody can be guided over by the Ferryman but all can be brought over by him. We feel ourselves being brought over without any action of our own, by the forces lying beneath our consciousness, which go ahead of our actions. By means of these forces we feel ourselves placed in the world of sense,—on the hither side; the Ferryman who brought us across from the Land of the Spirit, has put us into this world and cannot take us back to that country again to which we must however return, the Land of the beautiful Lily.
[ 13 ] Die Irrlichter wollen dem Fährmann den schuldigen Tribut mit Gold bezahlen. Er verlangt aber Früchte der Erde, die sie nicht haben; sie haben nur Gold. Er aber will nicht mit Gold bezahlt sein. Goldstücke, sagt er, sind dem Fluss verderblich. Der Fluss kann solches Gold nicht leiden, das heißt, Weisheit kann man nur mit Früchten der Erde bezahlen. Das ist eine tiefe Weisheit. Das Gold bedeutet die im Menschen lebende Kraft der Weisheit. Diese im Menschen lebende Kraft der Weisheit ist seine Führerin durch das Leben. Diese Kraft der Weisheit macht sich geltend, wenn der Mensch sich in die Sinnlichkeit versetzt fühlt, als die Kraft seines Wissens, seines Verstandes. Diese Weisheit aber ist nicht dasjenige, was den Menschen zur Entwicklung bringt; diese ist es gerade, die ihn selbstsüchtig, egoistisch macht, wenn sie sich mit der menschlichen Natur vereinigt. Würde sie sich vereinigen mit dem, was im Strom dahinfließt, diese Verstandeskraft, dieses Wissen, dann würde die Leidenschaft ungeheure Wellen aufwerfen; denn überall da, wo der Mensch nicht seine Weisheit in den Dienst der Selbstlosigkeit stellt und sie einfach hineinwirft, seinen Leidenschaften frönt, da wirft der Strom wilde Wellen auf. Es ist unmöglich, dass man dem Strom Genüge leisten kann mit dem Gold, mit der Weisheit. Er weist also die Weisheit zurück, die noch nicht durch die Selbstlosigkeit hindurchgegangen ist. Er weist sie zurück in die Schluchten, wo die tiefe Finsternis der Erde, wo die tiefen Klüfte sind. Dort vergräbt er sie. Wir werden gleich hören, warum er sie vergräbt. Der Fährmann verlangt also drei Kohlköpfe, drei Artischocken, drei Zwiebeln; er verlangt also Früchte der Erde.
[ 13 ] The Will-o'-the-wisps wanted to pay the Ferryman his fare with gold, but he demanded fruits of the Earth, which they did not possess; they had nothing but gold, and he would not be paid with that. Gold coins, said he, were injurious to the River, it cannot bear such gold; which signifies that man can purchase wisdom with the fruits of the Earth. This is a profound wisdom; gold signifies the force of wisdom dwelling in man, and this is his guide through life. This force of Wisdom makes itself felt when a man is placed among the things of sense, as the forces of knowledge and reason. But this wisdom is not the wisdom which furthers his development. When it forms part of a man's nature, it makes him self-seeking and egotistical. If this force of reason and this knowledge were to join forces with what flows in the River, their passions would throw up huge waves; for whenever man does not place his wisdom at the service of selflessness, but simply throws it into the River, when he cultivates (frohmen) his passions, the River throws up great waves. Hence it is impossible to satisfy the River with gold; with that wisdom. So the Ferryman throws back the wisdom which has not yet passed through the stage of selflessness. He throws it back into the chasm, where reigns the profoundest darkness, and there it is buried. We shall hear why this is so.
[ 14 ] Wodurch kann der Mensch seine Entwicklung erreichen? Dadurch, dass er die unteren Triebkräfte seiner Natur veredelt, dadurch, dass er dasjenige, was als sinnliche Natur in ihm lebt, läutert, dass er das hineinwirft in den Strom und damit den Strom der Leidenschaften nährt. Das ist dasjenige, was Schiller in den Ästhetischen Briefen so schön ausgesprochen hat: Nur derjenige versteht frei zu sein, der seine niedere Natur frei gemacht hat. Wenn die äußere Natur, die sinnliche Natur so veredelt ist, so von unten heraufgewachsen ist, dass sie selbst das Gute, das Schöne anstrebt, weil die Leidenschaft sie nicht mehr beirren kann, weil die äußere sinnliche Natur sie nicht mehr zu verführen vermag; wenn wir die Weisheit nicht mehr hineinwerfen, sondern mit Früchten der Erde unsere Leidenschaften bezahlen, sodass unsere Sinnlichkeit selbst von ihnen aufgenommen wird, wie die Früchte der Erde von dem Strom aufgenommen werden sollen, dann haben wir den untersten Grad der Einweihung erreicht. Das ist ausgedrückt in den Worten [des Fährmanns]:
[ 14 ] The Ferryman demanded three cabbages, three artichokes, and three onions.—Thus he demands the fruits of the Earth. Now by what means can man attain his development? By ennobling the lower desire-forces of his nature, so that he purifies the sense-nature within him and casts this purified nature into the River, and thereby ... this it is which Schiller refers to in his letters on the aesthetic education of man. He alone understands freedom who has set his own nature free;—when the outer sense-nature is so ennobled that it seeks for the good and the beautiful because it is no longer misled by passion, when we no longer throw our wisdom into the River, but reward our passions with the fruits of the Earth so that our sense-nature itself is taken up by them, just as the fruits of the Earth would be accepted by the River, we have then attained the first grade of initiation as expressed in the words,
Ihr müsst wissen, dass man mich nur mit Früchten der Erde bezahlen kann.
“Ye must know that I cannot be paid except with the fruits of the Earth.”
[ 15 ] Nun gehen die Irrlichter weiter in dem Diesseits, das heißt, der Mensch sucht seinen Lebensweg weiter zu verfolgen. In dem Diesseits findet er die grüne Schlange, das Symbol des menschlichen Strebens, der menschlichen Erkenntnis. Diese Schlange hat vorher ein sonderbares Erlebnis gehabt. Der Fährmann hat vorher die Goldstücke den Strom heruntergefahren und hat sie verborgen in den Klüften der Erde. Hier hat die Schlange sie gefunden. Diejenige Weisheit, die den Menschen vorwärtsbringt, ist heute noch ein verborgenes Gut, in Mysterien eingehüllt. Das wollte Goethe sagen. Daher musste der Mensch, welcher die Weisheit finden wollte, sie fern von aller menschlichen Selbstsucht suchen. Dann, wenn der Mensch sich würdig gemacht hat, sie zu empfangen, dann ist sie am Platze. Das Symbol des menschlichen Erkenntnisstrebens, die Schlange, durchdringt sich mit dem Golde. Diese selbst durchdringt sich ganz mit der Weisheit und wird nun leuchtend. So begehrt die Schlange von den Irrlichtern das, was bei dem selbstsüchtigen Menschen Veranlassung zu Stolz gibt, das, womit der dann um sich wirft und prunkt. Dieses menschliche Wissen, das im Dienste des Egoismus verderblich ist, dieses wird erreicht, wenn der Mensch, wie die Schlange, demütig am Boden dahinkriecht und sich bemüht, Stück für Stück der Wirklichkeit zu erkennen. Es kann nicht empfangen werden, wenn der Mensch stolz und aufrecht dasteht, sondern nur dann, wenn er, waagrecht wie die Schlange, horizontal am Boden haftend in Demut lebt. Da ist das Gold der Weisheit am Platze, da vermag sich der Mensch mit der Weisheit zu durchdringen. Deshalb nennen die Irrlichter die Schlange auch ihre Verwandte, indem sie sagen:
[ 15 ] Then the Will-o'-the-wisps proceed further on this side of the River, that means that man tries to follow his own way of life further. On this side of the River he meets with the green Serpent, the symbol of human endeavours, of human knowledge. This Serpent had previously had a wonderful experience—the Ferryman had ferried over the piece of gold and concealed it in a cleft of the Earth, and here the Serpent had found it. The wisdom that brings men forward is still a hidden treasure, concealed in the mysteries, hence if a man wishes to find wisdom he must seek it far from all human self-seeking. When a man had made himself worthy to receive it, it will be found in its proper place;—the Serpent, the symbol of human striving after knowledge, permeates itself with the gold; this “self” is entirely permeated with wisdom, and becomes luminous. Then the Serpent desired from the Will-o'-the-wisps that which is a cause of pride to the self-seeking man, when he throws about him and pricks himself with,—this human knowledge which when used in the service of egoism is objectionable and worthless, will be attained when man crawls humbly on the ground as does the Serpent, and strives to recognize the reality piece by piece. If a man stands there, proud and stuck-up, he will never attain it, he can only receive it when like the Serpent, he goes horizontally on the ground and lives in humility,—then the gold of wisdom is in its place. Then the man may venture to permeate himself with wisdom—that too is why the Will-o'-the-wisps call the Serpent their relation, and say
freilich sind wir nur von Seiten des Scheins verwandt
“We really are related on the side of light.”
[ 16 ] — und ja, sie sind verwandt, verwandt ist die Schlange mit den Irrlichtern, verwandt ist die Weisheit, die sich in den Dienst der Selbstsucht stellt, mit der Weisheit, die sich in Demut zur Verfügung stellt.
[ 16 ] Indeed they are related, the wisdom that serves the self is related to the wisdom which serves humility; the Serpent is related to the Will-o'-the-wisps.
[ 17 ] Nun wird uns im «Märchen» weiter erzählt, dass die Schlange unten war in den Klüften der Erde und dass sie da etwas von menschlichen Gebilden gefunden habe. Die Schlange war in einem Tempel. Das ist nichts anderes als das Symbol des Mysterientempels aller Zeiten. Dieser verborgene Tempel, der in den Klüften unter der Erde war, das ist das Symbol der Einweihungsstätte, der Stätte der Initiation. Hier in diesem Tempel hat die Schlange die drei großen Initiationspriester gesehen, jene Priester, welche begabt sind mit den drei höchsten Kräften der menschlichen Natur. Die Theosophie nennt sie Atma, Budhi, Manas. Goethe nennt das, was die Theosophie mit Atma, Budhi, Manas bezeichnet, den König der Weisheit, den König der Schönheit und den König der Stärke oder den König des Willens. Mit diesen drei Grundkräften der Seele, mit welchen die menschliche Seele initiiert werden muss, wurde der Geist in den Mysterienstätten vereinigt. Diesen Hergang stellt Goethe in dem «Märchen» dar. Hier unten, in den Hallen der Erde, ist die Schlange, die von innen leuchten wird, weil sie das Gold der Weisheit aufgenommen. Und weil sie es in Demut aufgenommen hat, deshalb wird sie erleuchtet von innen. Der Alte mit der Lampe ist eine andere Figur. Was stellt sie uns dar? Die Lampe des Alten hat die Eigenschaft, dass sie nur leuchtet, wenn schon anderes Licht vorhanden ist. Weil die Schlange leuchtet, das Innere des Mysterientempels erleuchtet mit dem aus ihr selbst erstrahlenden Licht, deshalb kann hier auch das Licht des Alten leuchten. Goethe drückt diesen Gedanken an anderer Stelle mit den Worten aus:
[ 17 ] Now the tale relates further that the Serpent had been under the Earth in the clefts of the rock, and there had met something resembling human forms—the Serpent had reached a temple; this is none other than a symbol of the Mystery Temples of all ages,—this concealed Temple which was in the clefts below the Earth is the symbol of the Sanctuaries of Initiation. In this Temple the Serpent found the three great priests of Initiation; these priests were gifted with the highest forces of human nature, which theosophy calls Atma, Buddhi, Manas. They are called by Goethe the King of Beauty, the King of Wisdom, and the King of Strength or Will;—with these three basic forces of the soul, into which the human soul must be initiated, the Mystic had to be united in the Temple of the Mysteries—and Goethe represents the Serpent, all luminous within, because it had taken in the gold of wisdom, humility. The old man with the lamp is another figure—what does he represent? He has a lamp which has the peculiarity of only shining when another light is there. Because the Serpent is luminous and illuminates the inner Hall of the Mystery Temple with its own radiating light,—Goethe expresses these thoughts in another passage in the words:
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?
“If the eye were not sensitive to the Sun it could not perceive the light.”
[ 18 ] Hier sagt er in Worten der Poesie, was er im «Märchen» im Bilde ausdrückt. Die Erkenntnis, die wir in der Theosophie die okkulte Erkenntnis nennen, ist dargestellt in dem Alten mit der Lampe. Niemandem erscheint das Licht, der sich nicht wirklich für dessen Aufnahme vorbereitet hat. Niemandem erscheint es, der sich nicht hinaufgearbeitet hat auf jene höhere Stufe der Entwicklung, sodass sein Selbst, seine selbstlose Natur aus dem Innern heraus leuchtet, Licht dem Licht entgegenbringt. Wenn diese zwei Lichter, das intuitive und das Licht, das aus dem Persönlichen herauskommt, einander entgegenleuchten, dann geben sie das, was der Mensch erlebt in seiner Verwandlung als spirituelle Alchemie, dann wird der Raum um ihn Licht, dann lernt er erkennen, was höchste Geisteskräfte sind, die Gaben der drei Könige: Weisheit, Schönheit und Stärke. Die Gabe des goldenen Königs ist die Weisheit, die Gabe des silbernen Königs ist die Schönheit, die Frömmigkeit, die Gabe des ehernen Königs ist die Stärke, die Willenskraft. Den innersten Kräften nach kann der Mensch sich dann erst selbst verstehen, wenn das Licht entgegenkommt, dem Licht der Lampe, das nur leuchten kann, wo schon Licht vorhanden ist. Dann erscheinen die drei Könige in ihrem Glanz, und zugleich wird die Bedeutung des vierten Königs klar, jenes Königs, der zusammengesetzt ist aus den Metallen der drei anderen Könige. Er ist ein Symbol der niederen Natur, in welcher ungeordnet und unharmonisch wie in einem Chaos die edlen Kräfte Weisheit, Schönheit und Stärke zusammenwirken. Diese drei Kräfte, die in der hoch entwickelten Seele leben, sie sind auch in der niederen Natur vorhanden, aber chaotisch, unharmonisch. Dieser vierte König ist das Reich der jetzigen Welt, die chaotische Vermischung von Weisheit, Schönheit und Stärke. Die Seelenkräfte, die nur im harmonischen Zusammenwirken das Höchste erreichen können, sie wirken im gegenwärtigen Zeitalter chaotisch aufeinander ein. Es ertönt im Initiationstempel die Stimme:
[ 18 ] Here he expresses in poetic words what he expressed in the fairy tale in pictures; what we in Anthroposophy call “occult knowledge” is expressed by the old man with the lamp,—the light of occult knowledge cannot shine to anyone who had not prepared himself to receive it. It appears to no one who has not worked his way up to that higher stage of development at which his higher self, his selfless nature shines forth from within, bringing light to meet light,—the highest wisdom is called occult, because it only appears when a man brings his own light to meet it. When those two lights, the intuitive light from above, and the light that comes from the personal, shine into one another, they then give that which man experiences in his transmutation as Spiritual Alchemy—then the space around him become light, he then learns to recognise the highest Spiritual forces, the gifts of the three Kings; Wisdom, Beauty, and Strength,—the gift of the golden King is Wisdom, that of the silver King is Beauty or Piety, the gift of the bronze King is Strength or force of Will. Man can only understand his innermost forces, he can only understand himself when he meets with the light of the lamp which can only shine when there is already a light. Then the three Kings appear in their radiance, and at the same time the significance of the fourth King becomes apparent—the King who is composed of the metals of the three others;—he is the symbol of the lower nature, in which the noble forces of Wisdom, Beauty, and Strength work together as disorderly and inharmonious chaos. These three forces that live in a highly developed soul are also to be found in lower natures, though there they are chaotic and inharmonious. This fourth King is the Kingdom of the present world;—the Chaotic mixture of Wisdom, Beauty, and Strength,—the soul-forces which can only attain the highest when they work together harmoniously,—affect one another in a chaotic way in the present age. The old man said of the fourth King
Er wird sich setzen.
“here he will sit down”
[ 19 ] Die chaotische Vermischung wird verschwunden sein, wenn dasjenige herbeigeführt sein wird, was Goethe so heiß ersehnt: dass der Tempel nicht mehr im Verborgenen steht, sondern im vollen Tageslichte sich erheben wird, dass der Tempel heraufgestiegen sein wird aus der Tiefe und allen Menschen als Initiationstempel dienen kann; dass eine Brücke, auf der alle Menschen hinüber und herüber können, vorhanden sein wird. Das ist jene Zeit, wo alle Menschen sich würdig gemacht haben werden, die höchste Weisheit, die höchste Frömmigkeit und den höchsten Willen auf sich wirken zu lassen. Dann wird er diese Aufgabe erfüllt haben: Der Tempel wird sich erhoben haben über den Fluss der Leidenschaften. Diese leidenschaftlichen Kräfte werden dann so rein und edel sein, dass das höchste Geistige sich im Tempel am hellen Tageslichte aus dem Strom der Begierden und Leidenschaften wird erheben können. Daher ist es notwendig, dass die Menschheit erfüllt werde von dem «Stirb und Werde», das Goethe im «West-Östlichen Divan» so klar gezeichnet hat.
[ 19 ] The Chaotic mixture will have disappeared when that which Goethe so ardently longed for shall have come to pass, that is, that the Temple shall no longer be hidden, but shall be raised to the full light of day, when it shall have ascended from the depths, and all men will be able to serve in the Temple of Initiation, which will be a bridge across which all men may pass to and fro. That will be a time when all men will have made themselves worthy of being influenced by the highest wisdom, piety, and strength and will. The Temple will then have fulfilled its task. It will have raised itself above the river of passions, and the forces of passion will have become so pure and noble that the highest Spiritual can uplift itself in the Temple, in the clear light of day, above the stream of passions and desires. To this end it is necessary that mankind should be filled with the “Stirb und werde” (dying and becoming) which Goethe so distinctly outlined in his “West-Ostlichen Divan.”
[ 20 ] Goethe wurde wiederholt gefragt, welches die Lösung des Rätsels sei, da sagte er: Was die Lösung des Rätsels ist, steht im «Märchen» selbst darin, aber nicht in einem Wort. Es findet sich dies an der Stelle, wo wir bei einem Gespräch im unterirdischen Tempel vernehmen, dass die Schlange dem Alten etwas ins Ohr sagt, das wir nicht hören und womit Goethe es als ein vertrauliches Geheimnis andeutet. Dieses nicht Ausgesprochene, das ist die Lösung. Die Lösung liegt nicht in etwas, was man mit Worten ausdrücken kann, sondern in einem innerlichen Entschluss. Das hat Goethe ebenfalls im «Märchen» selbst angedeutet. Die Schlange hat ganz sachlich gesagt: Ich will mich hinopfern, ich will mein Selbst durch Selbstlosigkeit läutern. Das ist gerade dasjenige, was als die tiefste Lösung des Rätselmärchens gelten muss. Eine Tat ist es, nicht eine Lehre. Bisher konnte man über den Fluss nur auf zweifache Weise kommen: entweder um die Mittagsstunde, wo sich die grüne Schlange über den Fluss legt und eine Brücke bildet, sodass man also in der Mittagsstunde über den Fluss hinüber konnte, das heißt, dass es im jetzigen Zeitalter für den Menschen Augenblicke gibt, wo die Sonne für ihn im Mittag steht, wo er reif ist, sich dem höheren geistigen Lichte hinzugeben. Immer und immer wieder wird er aber aus diesem Mittagsaugenblicke des Lebens hinabgezogen in die niedere, von Leidenschaften durchwühlte Welt. In solchen Mittagsaugenblicken können Auserlesene des Geistes hinüberkommen von dem Ufer des Sinnenlebens zum Ufer des Geistes.
[ 20 ] Goethe was frequently asked for the solution of the riddle and he replied “The solution of the riddle lies in the fairy tale itself, and not in one word alone.” There is a passage during the conversation in the Temple which we take to be the solution of the riddle. The solution is not a thing which can be expressed in words, but in an inner resolve; that was indicated by Goethe in the fairy tale. The Serpent said “I will sacrifice myself, I will purify myself through selflessness.” It is precisely this which must be taken as the profoundest solution of the riddle, it is an act, and not a doctrine. Till now one could only pass across the River in two ways. The one was when at noon the green Serpent laid itself across the River and formed a bridge, so that at the mid-day hour it was possible to go across the River. This means that at the present age there are moments in a man's life when the Sun is at noon for him, when he is ripe to yield himself to the highest Spiritual light; but he is always drawn away again and again from these noon-tide moments of life, into the lower world full of passions. In such noon-tide moments the elect of the Spirit can pass across from the shore of the sense-life to the shore of the Spirit.
[ 21 ] Aber noch auf einem anderen Wege ist die Übersetzung über den Fluss möglich, und zwar des Abends, wenn der Schatten des großen Riesen sich über den Fluss hinüberlegt. Auch der Schatten des großen Riesen kann eine Brücke über den Fluss bilden, aber nur in der Dämmerungsstunde. Dieser Schatten des großen Riesen, was ist er? Goethe hat mit seinem vertrauten Freunde eingehender und tiefer über die Kräfte gesprochen, die er im «Märchen» symbolisch angedeutet hat. Als Schiller einmal eine Reise nach Frankfurt am Main machen wollte und in Gefahr war, in die Händel jener Zeit vermischt zu werden, da schrieb Goethe an Schiller: Ich bin sehr froh, dass Sie nicht hergekommen sind nach dem Westen, denn der Schatten des Riesen hätte Sie unsanft anfassen können. Die Bedeutung des Riesen spricht sich aber auch deutlich in dem Märchen selber aus. Der Riese, der schwach ist, vermag nichts. Nur sein Schatten kann die Brücke nach dem jenseitigen Ufer bilden. Dieser Riese ist die rohe [mechanische] Naturgewalt. Ihr Schatten vermag da, wo das Licht nicht mehr so hell scheint, wo das Licht nicht mehr täuscht, den Menschen der rohen Leidenschaften über den Fluss hinüberzuführen. Das sind diejenigen Menschen, die beim Auslöschen ihres klaren Tagesbewusstseins in den verschiedenen Seelenzuständen, in Trance, in Somnambulzuständen, im Zustand psychischen Schauens und so weiter, hinüberzukommen suchen in das Land des Geistes. So war auch das Tagesbewusstsein ausgelöscht in dem wilden tobenden Handeln, durch welches die Menschen jener Zeit in das Reich der Freiheit dringen wollten. Die Menschen wollten das Land der schönen Lilie erringen. Der Schatten des Riesen aber kann nur hinüber. Nur unsicher, in der Dämmerung des Bewusstseins, kann der Mensch die Leidenschaften überwinden, das heißt übertäuben, wenn er in fast bewusstlosem Zustande sich befindet, wenn er nicht im hellen Tagesbewusstsein lebt.
[ 21 ] But there is yet another way to pass over the River, and that is in the evening, when the shadow of the great giant is thrown across the River,—that too can form a bridge, but only in the hour of twilight. What is this shadow of the great giant? Goethe went into this question more deeply with his intimate and trusted friends; with them he spoke about the forces symbolized by him in the “Fairy Tale.” On one occasion when Schiller was planning a journey to Frankfort, Goethe wrote to him: “I am very glad you did not come here, to the West, for the shadow of the giant might have got hold of you unawares.” The meaning of the giant is moreover clearly expressed in the “Fairy Tale” itself, the giant who is weak, can do nothing of himself; but his shadow can form a bridge across to the far side. This giant is the crude mechanical forces of nature. Its shadow is sometimes able, when the light is no longer strong, to conduct the men of crude passions across the River. These are the people who, when their clear day consciousness is extinguished, pass over into the Land of the Spirit in trance, somnambulism, psychic vision, or some of the many similar conditions of the soul. Thus the clear day consciousness was also extinguished in the wild delirious acts by which at that time men tried to push their way into this realm of Freedom. They wanted to penetrate into the realm of the beautiful Lily—But the shadow of the giant can alone reach across. Man is only able to overcome his passions in the twilight of his consciousness, when he is in an almost unconscious state, and not when living in clear consciousness.
[ 22 ] Das sind die zwei Wege, die nach dem jenseitigen Ufer hinüberführen: in feierlichen Augenblicken der Mittagsstunde die Schlange, und in der Dämmerung des Bewusstseins, in Trance und so weiter, der Schatten des Riesen. Eines aber soll hier erstrebt werden: Die Schlange soll sich völlig hinopfern, sie soll sich nicht bloß am Mittag über den Fluss der Leidenschaften neigen, sie soll an jeder Tagesstunde als Brücke von dem einen Ufer zum andern hinführen, sodass nicht nur einige hinüberzuwandern in der Lage sind, sondern dass alle Menschen mit Leichtigkeit hin und zurück kommen können. Diesen Entschluss hat die Schlange, diesen Entschluss hat Goethe gefasst. Goethe weist hin auf ein Zeitalter der Selbstlosigkeit, wo der Mensch seine Kraft nicht in den Dienst des niederen Selbst, sondern in den Dienst der Selbstlosigkeit stellt, keinen eigenen Nutzen begehrt.
[ 22 ] These are the two ways of reaching the opposite bank: First, in the holy moments of the noon-day hour, by the Serpent; and secondly, in the twilight of the consciousness—by the shadow of the giant. But this one thing must be striven after:—the Serpent must sacrifice itself completely. Not only should it lead men over the River of passions at the noon-day hour, but at all hours of the day it should be ready to form the bridge from one side to the other; so that not only a few may be able to wander across, but that all men should be able to cross backwards and forwards at any time. The Serpent made this resolution, and so did Goethe; Goethe points to an age of selflessness, when man will not put his forces at the service of his lower self but at the service of unselfishness.
Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert,
Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert.
Not translated
[ 23 ] Mit diesem Grundgedanken des «Märchen» stehen noch einige Nebengedanken in Verbindung. Nicht auf alle kann ich heute eingehen, nur einzelne will ich noch kurz berühren.
[ 23 ] There are a few other thoughts connected with these basic thoughts about the Fairy Tale. I cannot go into them all today, and will only touch upon a few.
[ 24 ] Da finden wir die Gemahlin des Alten mit der Lampe, die vermählt ist mit dem Repräsentanten der menschlichen — okkulten — Erkenntnis. Sie hütet das Haus des Alten. Zu ihr sind die Irrlichter gekommen. Diese Irrlichter haben alles Gold, das an der Wand war, herabgeleckt, und sie haben das Gold, wodurch sie sich selbst bereichert haben, gleich wieder von sich gegeben, sodass der lebendige Mops, der das Gold auffraß, den Tod erleiden musste. Die Alte ist die Verstandeskraft, welche das Nützliche hervorbringt. Nur wenn sich die okkulte Kraft vermählt mit dem, was an der materiellen Kultur haftet, wenn sich das Höchste mit dem Niedrigsten in der Welt vermählt, nur dann kann die Welt ihren Entwicklungsgang nehmen. Nicht hinweggeführt wird der Mensch werden von dem Alltagsleben, sondern läutern wird er die Alltagskultur.
[ 24 ] We find the wife of the old man with the lamp, she is connected with the representatives of human occult knowledge. She keeps the house of the old man. To her come the Will-o'-the-wisps, they have licked off all the gold from the walls, and had at once given away all the gold which enriched them, so that the living “Mops,” who ate up the gold, had to suffer death. The old man is the force of reason, which brings forth that which is useful. It is only when occult force unites with this which forwards material civilization, when the highest is united with the lowest in the world, that the world itself can follow its proper course of development. Man should not be led away from everyday life, but should purify the everyday civilization.
[ 25 ] Der Mensch ist umgeben in der Welt, in seiner Wohnung, von demjenigen, was an den Wänden als Gold hängt. Alles dasjenige, was ihn umgibt, das ist ebenfalls das Gold. Was umgibt ihn also? Auf der einen Seite ist es der Erkenntnismensch, auf der anderen Seite der Nützlichkeitsmensch. Es umgibt ihn die gesamte Erfahrung des menschlichen Geschlechtes. Alles, was gesammelt worden ist als Erfahrung der Menschheit, ist aufgetürmt in der menschlichen Wissenschaft. Diejenigen, welche nach ihr streben, suchen dasjenige, was aufgezeichnet ist in den Schriften. Da lecken sie gleichsam die historische Weisheit heraus. Das ist dasjenige, was den Menschen in seinem Streben umgibt; es ist dasjenige, womit sich der Mensch ganz durchdringen wird. Sie ist aber unbrauchbar für dasjenige, was leben soll. Der lebendige Mops verschlingt das Gold und stirbt davon. Die Weisheit, die nur als tote Bücherweisheit herrscht, nicht durch den Geist lebendig gemacht worden ist, sie tötet alles Lebendige. Nur wenn sie wieder vereinigt ist mit dem Ursprunge der Weisheit, mit der schönen Lilie, dann erwacht sie wieder zum Leben. Daher gibt der Alte seiner Frau den toten Mops mit, um ihn zu der schönen Lilie zu bringen. Die Lampe hat eine eigentümliche Eigenschaft: [Tote Tiere werden durch sie in Edelsteine verwandelt], alles Tote wird durch sie lebendig; was lebendig ist, wird durch sie geklärt zum Kristall, helle, durchsichtig. Diese Verwandlung wird im Menschen bewirkt durch die Erkenntnis, das heißt durch die okkulte Erkenntnis.
[ 25 ] In the world man is surrounded in his dwellings by that which hangs as gold upon the walls. All that is around him is the gold. On the one hand he is a man of knowledge and on the other a useful man. Thus he has around him the two-fold experience of the human race; all the collective experience of humanity has been collected together in human science. Those who strive after this, seek what is written in the scriptures. They lick off the historical wisdom, as it were. This it is which surrounds man in his strivings; this it is with which man must entirely permeate himself. But it can not be of use to that which is alive. The living Mops swallowed the gold and died of it. That wisdom which only rules as the dead wisdom of books, and which has not been made alive by the Spirit, kills everything living. But, when it is once again united with the origin of Wisdom, with the beautiful Lily, then it wakes to life again. That is why the old man gives the dead Mops to his wife, that she may carry it to the beautiful Lily. The Lamp has one great peculiarity, everything dead was made alive through it; and what was alive was purified by it. This transmutation is brought about in man by occult knowledge.
[ 26 ] Außerdem wird die Alte von den Irrlichtern angehalten, ihre Schulden dem Fährmann zu bezahlen. Diese drei Früchte sind des Menschen Nützlichkeitsrepräsentanten, die Repräsentanten der materiellen Kultur. Die materielle Kultur soll diesen Tribut bezahlen an die Leidenschaft. Woher können denn sonst die eigentlichen Triebkräfte der unteren Natur kommen, als eben von der Technik, der Pflege der materiellen Kultur? Interessant ist es, dass der Schatten des Riesen, der eben aus dem Flusse steigt, etwas von den Früchten der Erde wegnimmt, sodass die Alte statt drei nur zwei von jeder Frucht hat. Sie sollte aber drei haben für den Fährmann und muss sich daher dem Flusse verbürgen. Hier tritt etwas ein, was sehr bedeutungsvoll ist: Sie muss die Hand in den Fluss eintauchen, wodurch sie schwarz wird, sodass man sie fast nicht mehr sieht; sie ist zwar noch vorhanden, aber fast unsichtbar. Das zeigt uns den Zusammenhang zwischen der äußeren Kultur und der Welt des Flusses, der Welt der Leidenschaften. Die materielle Kultur muss in den Dienst des Astralen, des Seelischen gestellt werden. Solange die menschliche Natur nicht so veredelt ist, dass sie als Tribut hingegeben werden kann dem Strome der Leidenschaften, so lange ist die Technik dem menschlichen Flusse verschuldet. Unsichtbar wird das menschliche Streben, indem es in den Dienst der menschlichen Leidenschaften gestellt ist, unsichtbar arbeitet der Mensch an etwas, das man in seinem Endziel nicht sehen kann. Unsichtbar ist es, aber vorhanden; fühlbar, aber nicht äußerlich sichtbar. Alles, was der Mensch leistet auf dem Wege zu dem großen Ziele hin, bis er abgetragen hat seine Schuld an den Fluss des Seelischen, alles, was er hineinwerfen muss in die Welt der Leidenschaften, das nimmt sich aus wie die unsichtbare Hand der Gemahlin des Alten mit der Lampe. Solange die sinnliche Natur nicht völlig geläutert, gleichsam durch das Feuer der Leidenschaft verzehrt ist, so lange glänzt sie nicht, so lange ist sie unsichtbar. Das ist es, was die Alte so aufregt: Sie gibt keinen Schein mehr von sich. In allen Einzelheiten könnte man dieses noch ausführen. Jedes Wort ist bedeutungsvoll, doch es würde für heute zu weit führen.
[ 26 ] Besides this, the old woman is begged by the Will-o'-the-Wisps to pay their debts to the Ferryman. These three fruits represent the human sense for usefulness in material civilization, which is to pay tribute to the passions. For from whence should the actual driving forces of nature come, if not from the technique, from the cultivation of material nature? It is an interesting fact that the shadow of the giant as it comes up from the River, takes one of the fruits of the Earth away with it, so that the old woman only has two left. Now she required three for the Ferryman and so had to renounce the River. Something then happens, something full of significance. She has to plunge her hands into the River, whereby she turns so black that she scarcely remains visible. She is still there, but she is almost imperceptible. That shows us the connection between external civilization and the world of the passions. Material civilization must be placed at the service of the Astral, of the soul. As long as the nature of man is not sufficiently ennobled to offer itself as tribute to the River of the passions, so long does technique remain in debt to the River of man (the soul of man). As long as human endeavours are devoted to human passions, man works invisibly at something of which he cannot perceive the final aim. It is invisible, yet it is there; it can be felt, but is not externally perceptible. Everything man does on the road to the great goal, until he pays his debts to the River or the Soul,—all that he has to throw into the River of passions becomes invisible, like the hand of the wife of the old man with the Lamp. As long as the sense-nature is not fully purified, as long as it is not consumed, as it were, by the fire of the passion it cannot shine, and remains invisible; that is what excites the old lady so much that she can no longer reflect any light of her own. This might be gone into more fully, in greater detail; every single word is fraught with meaning. But it would lead us too far to go into all that to-day.
[ 27 ] So lassen Sie uns eilen zu dem großen Zuge, wobei uns ein Jüngling entgegentritt, der allzu früh versucht hat, die schöne Lilie zu umfangen, und dadurch an seiner ganzen lebendigen Kraft gelähmt wird. Goethe sagt an anderer Stelle: Wer nach Freiheit strebt, ohne sein inneres Selbst schon frei gemacht zu haben, der verfällt noch mehr in die Schlinge der Notwendigkeit. Wer sich nicht frei gemacht hat, wird getötet. Nur wer vorbereitet, geläutert ist, wie in den Mysterien, wer in dem Mysterientempel die Läuterung durchgemacht hat, sodass er sich in würdiger Weise mit der Lilie vermählen kann, der wird nicht getötet. Wer abgestorben ist dem Niederen, um in höherem Sinne wiedergeboren zu werden, der kann die Lilie umfassen. Die Gegenwart wird uns dargestellt durch den gelähmten Jüngling, der im Sturm das Höchste erringen wollte. Nun klagte er allen, die ihm begegneten, dass er die Lilie nicht umfassen kann. Nun soll er reif gemacht werden, zu welchem Zweck sich alle Kräfte des Menschen vereinigen müssen, die in den Teilnehmern an dem Zuge symbolisiert werden. Der Zug besteht aus dem Alten mit der Lampe, den Irrlichtern und der Lilie selbst. AIl die schönen einzelnen Kräfte umfasst also dieser Zug, der hinuntergeführt wird in die Klüfte der Erde zu dem Initiationstempel. Ja, auch dieses ist ein tiefer Zug des Rätselmärchens, dass er die Irrlichter die Pforte des Tempels aufschließen lässt. Die selbstsüchtige Weisheit ist nicht zwecklos; sie ist ein notwendiges Durchgangsstadium. Der menschliche Egoismus kann dadurch überwunden werden, dass er sich selbst von Weisheit nährt, dass er sich durchdringt mit dem Golde echter Erkenntnis. Dann kann diese Weisheit zum Aufschließen dieses Tempels dienen. Diejenigen, welche unbewusst der Weisheit im äußeren Selbst dienen, die werden hingeführt zu den eigentlichen Weisheitsstätten. Die Gelehrten, welche nur in Büchern kramen, sie sind dort die Führer. Nicht unterschätzt hat Goethe die Wissenschaft; er hat gewusst, dass die Wissenschaft es ist, die aufschließt den Tempel der Weisheit; er hat gewusst, dass man dies prüfen, alles in reiner Erkenntnis beurteilen und aufnehmen muss, und dass man ohne dies nicht eindringen kann in die Tempel der höchsten Weisheit. Goethe hat diese Weisheit überall gesucht. Er hat sich würdig erachtet, in der Kunst das Höchste im Geistesleben zu erkennen, als er durch die Wissenschaft hindurchgegangen war. In der Physik, in der Biologie, überall hat er Erkenntnis gesucht. Und so lässt er auch in den Initiationstempel diejenigen treten, die Irrlichter sind, die auf sich selbst gestützt in einer falschen aufrechten Lage sich gegenüberstellen demjenigen, der doch durch Erfahrung beobachtet hat und hineinkriechen kann wie die Schlange. Sie bewirken den Aufschluss des Tempels, und der Zug begibt sich nun hinein in den Tempel.
[ 27 ] So let us hurry on to the great procession in which we encounter a youth, who tried to capture the beautiful Lily too early, and in so doing crippled all his life forces. Goethe says (in another place): “A man who strives for freedom without having first liberated his own inner self, falls more deeply than before into the bonds of necessity. If he does not set himself free, he will be killed.” A man who has prepared himself, who has been purified in the Mysteries, and the Temple of the Mysteries, so that he may unite himself in a proper way with the Lily, he alone will escape death. One who has died to the lower to be born again in a higher sense, can grasp the Lily. The present time is represented by the crippled youth, who wanted to attain the highest by violence. He complains to all whom he meets that he cannot secure the Lily. He must now make himself ripe enough to do so, and to this aim those forces must be combined which are symbolized by those who took part in the procession. It consisted of the old man with the Lamp, the Will-o'-the-Wisps and the beautiful Lily herself. The procession thus included all the different beautiful forces, and it was led down into the clefts of the Earth to the Temple of Initiation. That too, is a profound feature of the enigmatical Fairy Tale, in that it allows the Will-o'-the-Wisps to open the door of the Temple. The self-seeking wisdom is not without object, it is a necessary stage of transition. Human egoism can be overcome if it is nourished by wisdom and permeated with the gold of true knowledge. This wisdom can then be used to open the Temple. Those who unconsciously serve wisdom in an external sense, will be led to the real sanctuaries of wisdom. Those learned men who only bury themselves in books are nevertheless our guides. Goethe does not undervalue science. He knew that science herself uncloses the Temple of Wisdom; he knew that everything must be proved and accepted by science, and that without her we cannot penetrate the Temple of the highest Wisdom. Goethe himself sought this wisdom everywhere. He only considered himself worthy of recognizing the highest revelation in Spiritual life, in Art, after he had gone through the study of Science. He sought wisdom everywhere, in physics, biology, etc.,—And so, he admits the Will-o'-the-Wisps into the Temple, they who resting on themselves alone occupy a false position towards the others, towards the others who enter through experience and observations, like the Serpent. They cause the Temple to be opened and the procession passes in.
[ 28 ] Jetzt erfolgt etwas, was Goethe für die ganze Menschheit ersehnt hat: Der ganze Tempel bewegt sich aus den Klüften der Erde hinauf. Über dem Fluss des Seelischen, über dem Fluss der Leidenschaften und Begierden kann der Tempel nur errichtet werden, weil die Schlange zerfallen ist in Edelsteine, welche die Pfeiler bilden für eine Brücke. Und nun können sich die Menschen von der sinnlichen Welt frei in die geistige und von der geistigen frei in die sinnliche Welt bewegen. Die Vermählung des sinnlichen Menschen mit dem Geistigen ist durch den selbstlos gewordenen Menschen, durch das Hinopfern des Selbst der Schlange erreicht, die sich als Brücke über den Fluss wölbt. Der Tempel erhebt sich also aus den Klüften der Erde und ist zugänglich allen, die über die Brücke gehen, zugänglich denjenigen mit alltäglichem Gefährt als auch den Fußgängern.
[ 28 ] Now follows what Goethe intended to apply to the whole of mankind; the whole Temple moves up and ascends through the cleft in the Earth. The Temple can now be set up over the River of the Soul, over the River of passions and desires, because the Serpent sacrificed itself. The Self of man has become selfless, the Serpent is transformed into precious stone, which forms the piles of the bridge. And now men can more freely go to and fro from the world of sense to the world of the Spiritual. The union between sense and spirit is brought about by man, when he becomes selfless, by a sacrifice of himself, such as was made by the Serpent, which offered itself as a bridge over the River of passions. Thus the Temple ascended from the clefts of the Earth and is now accessible to all who cross the bridge, to those who drive over as well as to those who go on foot.
[ 29 ] Im Tempel selbst sehen wir wieder die drei Könige. Der Jüngling, der geläutert ist, weil er die drei Seelenkräfte erkannt hat, wird begabt mit diesen drei Seelenkräften. Der goldene König tritt zu ihm hin und spricht:
[ 29 ] In the Temple itself we meet once more with the three Kings; and the youth who had been made pure by having recognized the three soul-forces, is now presented to them. The golden King goes up to him and says
Erkenne das Höchste;
Not translated
[ 30 ] Der silberne König tritt zu ihm hin und spricht:
[ 30 ] Not translated
Weide die Schafe.
“Feed my Sheep,”
[ 31 ] Damit hat Goethe einen Gedanken ausgesprochen, der ihm tief in der Seele lag, nämlich die Vereinigung der Schönheit mit der Frömmigkeit. Es ist die [Aufforderung], die in der Bibel ist. Er richtet diese Worte an den Jüngling in dem Sinne, den er zum Ausdruck brachte, als er in Rom die griechischen Gottheiten abgebildet sah und sagte:
[ 31 ] in this Goethe gave expression to a thought which was very deeply engraved in his soul, that of uniting beauty with piety. It is the commandment given in the Bible. He applied these words to the youth in the same sense as when in Rome he stood before the statue of a God, and said
Da ist Notwendigkeit, da ist Gott
“Here is necessity (notwendigkeit) it could not be different from what it is, this is a God.
[ 32 ] und:
[ 32 ] Not translated
Ich habe eine Vermutung, dass sie [die großen Künstler der Griechen] nach eben den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur verfährt und denen ich auf der Spur bin.
I feel that the Greeks worked according to the same Divine Laws that I am seeking.”
[ 33 ] Es ist dies eine persönliche Note Goethes, wenn er den silbernen König als die Schönheit und Frömmigkeit auftreten lässt. Und dann tritt der König der Stärke zu ihm hin und spricht:
[ 33 ] It is a personal note of Goethe's when he causes the silver King to appear as Beauty and Piety: And then the King of Strength comes to the youth and says
Das Schwert an der Linken, die Rechte frei.
“The sword in the left hand, and the right hand free,”
[ 34 ] Nicht dem Angriff, sondern dem Schutz sollte das Schwert dienen. Die Harmonie soll herbeigeführt werden und nicht der Streit. Nach diesem Vorgang ist der Jüngling initiiert mit den drei Seelenkräften. Der vierte König aber hat nichts mehr zu sagen; er [sinkt] in sich selbst zusammen. Der Tempel ist hinaufgestiegen aus der Verborgenheit in das helle Tageslicht. In dem Tempel erhebt sich ein kleiner silberner Tempel, dieser ist nichts anderes als die verwandelte Hütte des Fährmanns. Es ist ein bedeutsamer Zug, dass Goethe die Hütte des Fährmanns als desjenigen, der uns herüberbringt [aus dem] Land des Geistes, sich in lauteres, getriebenes Silber verwandeln lässt, sodass sie selbst zu einem kleinen Altar, einem kleinen Tempel, zu einem Allerheiligsten geworden ist. Diese Hütte, welche dasjenige darstellt, was im Menschen das Heiligste ist, sein tiefster Wesenskern, den er sich bewahrt hat als eine Erinnerung an das Land, aus dem er stammt, von welchem er gekommen ist und zu dem ihn der Fährmann nicht wieder zurückbringen kann. Sie [die Hütte] stellt dasjenige dar, was vor unserer Entwicklung war; sie ist die Erinnerung, dass wir vom Geiste abstammen. Diese Erinnerung steht als Allerheiligstes im Tempel, in seinem Heiligtum.
[ 34 ] the sword was not to serve for attack but for defence. Harmony was to be brought about, not conflict. After this event the youth was initiated into the three soul-forces; the fourth King has nothing more to say, he subsides into himself. The Temple has risen from its concealment into the clear light of day. Within the Temple there was raised a small silver Temple, which is none other than the transformed hut of the Ferryman. It is a remarkable feature that Goethe transformed the hut of the Ferryman,—he who carries us over into the land of the Spirit,—into pure molten silver so that it becomes a small altar, a small Temple, a Holy of Holies. This hut which represents the holiest in man, the deepest core of his being which he has preserved as a recollection of the land from which he came and to which the Ferryman cannot take him back, represents something which existed before our evolution. It is the memory that we are descended from the Spirit,—the memory of this stands as a Holy of Holies within the Temple.
[ 35 ] Der Riese, jene rohe Naturkraft, die in der Natur lebt, Geist, welcher nicht wirken konnte durch sich selbst, sondern nur als Schatten, er hat eine merkwürdige Mission erhalten. Dieser Riese steht aufrecht und zeigt nur noch die Stunde an. Wenn der Mensch alles abgelegt hat, was seiner niederen Natur angehört, wenn er sich ganz vergeistigt haben wird, dann wird die rohe, niedere Naturkraft nicht mehr in ihrer ursprünglichen elementaren Gewalt als Sturm der um den Menschen herum lebenden Naturkraft auftreten. Diese mechanische, rohe Naturkraft wird nur noch die mechanischen Dienste leisten. Immer wird der Mensch diese mechanischen Naturkräfte nötig haben, sie werden ihn aber nicht mehr bezwingen, sondern er wird ihnen ihren Dienst anweisen. Seine Arbeit wird der Stundenzeiger der geistigen Kultur sein, der die mechanische Notwendigkeit regelmäßig, wie eine Uhr bei ihrem Ablaufen, anzeigt. Der Riese selbst aber wird nicht mehr notwendig sein.
[ 35 ] The giant,—the crude force of nature, which lives in nature without the Spirit, and could not work through itself alone, but only as a shadow,—has been given a remarkable mission. Now this giant stands upright, and now only does he show the time. This is a profound thought—when man has laid aside everything belonging to his lower nature and has become entirely spiritualised, then the lower forces of nature will no longer spring up around him in their original elemental power,—in the form of storms, as they now do—the mechanical crude force of nature will then only perform mechanical service; man will always require these mechanical nature-forces, but they will no longer have power over him, he will use them in his service. His work will be the hour-hand of Spiritual culture, it will be the hour-hand pointing to the regular mechanical necessity, and will go regularly as the course of a clock. The giant himself will then no longer be necessary.
[ 36 ] Nicht pedantisch, indem wir jedes einzelne Wort besprechen, dürfen wir die Interpretation des Märchens aufnehmen, sondern wir müssen uns einfühlen in das, was Goethe sagen wollte und in seinen Bildern zum Ausdruck gebracht hat. Goethe hat das, was Schiller in seinen «Ästhetischen Briefen» zum Ausdruck gebracht hat: die Vermählung der Notwendigkeit mit der Freiheit, in seinem «Märchen» behandelt. Das, was Schiller in seinen Briefen zum Ausdruck zu bringen vermochte, hat Goethe nicht in abstrakte Gedanken fassen können, sondern in Märchenform gegeben. Wenn ich diese Gedanken zum Ausdruck bringen will in ihrer ganzen Lebendigkeit, dann brauche ich Bilder; Bilder, wie sie die alten Initiationspriester in den Mysterien brauchten. Nicht dadurch lehrte es der Initiationspriester, dass er seine Schüler mit abstrakten Handlungen unterwiesen hat, sondern indem er ihnen das heilige Dionysosdrama vorführte, indem er ihnen zeigte den großen Entwicklungsgang des Menschen und den wieder auferstehenden Dionysos, wie er auch zeigte dasjenige, was unsichtbar im Dionysosdrama oder im Osirisdrama vor sich ging. So wollte auch Goethe das aussprechen, was in ihm lebte, in seinem Drama in Bildern. Nicht wie gewöhnlich wollen wir also Goethes Märchen interpretieren, sondern wir wollen es so auffassen, wie die Theosophie diesen Vorgang erklärt, nämlich die Vermählung der niederen Natur des Menschen mit der höheren, als die Vermählung des physischen und ätherischen Körpers, der Lebenskraft und der Leidenschaften und Begierden mit der höheren Natur des Menschen, den drei reinen geistigen Seelenkräften, nämlich Atma, Budhi, Manas, die als die drei Könige dargestellt werden.
[ 36 ] We must not interpret the Fairy Tale pedantically, by interpreting every word, but we must feel our way into what Goethe wanted to say, and which he painted in such beautiful pictures. Goethe in his Fairy Tale brought out what Schiller expressed in his Aesthetic Letters;—the union of Necessity with Freedom. What Schiller tried to express in these letters Goethe could not grasp in abstract thought, but gave in the form of a Fairy Tale. “When I want to express these thoughts in all their living force I require pictures and pictures and pictures, such as the ancient priests of Initiation made use of in the Mysteries.” He did not teach his pupils by means of abstract thoughts, but by bringing the whole drama of Dionysos before them, by showing them the great course of the evolution of man, of the resurrection of Dionysos; and he also showed that which went on invisibly in the drama of “Dionysos and Osiris.” Thus Goethe wished to express what lived in him in the form of drama and pictures, so we will not interpret the Fairy Tale in the ordinary way, but as theosophy would teach us to do, as representing the uniting of the lower nature of man with the higher; the union of the physical with the etheric body; the life-force and the passions and desires, with the higher nature of man:—the three purely Spiritual soul forces Atma, Buddhi, Manas, which we represented as the three Kings.
[ 37 ] Das ist die Entwicklung des Menschen, die in das Zeitalter hineinreicht, wo jeder Mensch wird ein Initiierter sein können. Das hat Goethe versucht, in wahrhaft theosophischer Weise zum Ausdruck zu bringen. Wie jene Mysterienpriester ihre Weisheit in Bildern aussprachen, so hat auch Goethe in seiner Apokalypse in Bildern ausgesprochen das, was die menschliche Entwicklung darstellt, die einstmals die höchste Tat des Menschen sein wird: die Verwandlung der niederen Natur des Menschen in die höhere, die Verwandlung der niederen Metalle, der niederen Seelenkräfte in das Gold der Weisheit; die Verwandlung dessen, was in Absonderung lebt, in das reine edle Metall der Weisheit, dargestellt durch den König, der im Golde verkörpert ist. Diese menschliche Alchemie, diese spirituelle Verwandlung wollte Goethe in einer etwas anderen Weise aussprechen als in seinem «Faust». Er wollte in etwas anderer Form das aussprechen, was er in den zweiten Teil des «Faust» hineingeheimnisst hat. Goethe war im echten Sinne ein Theosoph. Er hatte begriffen, was es heißt, dass alles, was vergänglich ist, was in unseren Sinnen lebt, nur ein Gleichnis ist. Er hat aber auch begriffen, dass das, was der Mensch versucht und erstrebt, zu beschreiben unmöglich ist, dass es aber durch eine Tat erreicht wird; dass das Unzulängliche dasjenige ist, was uns am diesseitigen Ufer hält, dass es ein Ereignis werden muss, wenn der Sinn der menschlichen Entwicklung erfüllt werden soll. Deshalb hat er im «Chorus mysticus» dieses Geheimnis ebenfalls ausgedrückt und seinen zweiten Teil des «Faust» damit beschlossen. Das ist die höchste Lebenskraft des Menschen, sinnbildlich dargestellt in der schönen Lilie, mit der sich das männliche Prinzip, die Kraft des Willens, vereinigt. Das drückt er in den schönen Schlussworten des zweiten Teils seines «Faust» aus. Diese Verse sind sein mystisches Glaubensbekenntnis, und man versteht dieselben erst vollständig, wenn man sein intimeres Leben sich ausleben gesehen hat in dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Als er dazu übergegangen war, schon von der Wende des 18. Jahrhunderts an hat er an dem zweiten Teil des «Faust» gearbeitet, in der Zeit, wo sich seine Natur[anschauung] verwandelt hat zum Anschauen einer höheren Welt. Es hat die tiefste Bedeutung, wenn wir verstehen können die Worte Goethes in seinem Testamente, in seinem zweiten Teil des «Faust». Als er vollendet hatte seine irdische Laufbahn, gestorben war, da fand man jenen zweiten Teil eingesiegelt in seinem Schreibtische. Dieses Buch vermachte er als ein Evangelium der Welt wie ein Testament. Und dieses Testament schließt mit seinem mystischen Bekenntnis:
[ 37 ] This is the course of the evolution of man up to the time when every man will be himself an Initiate. This is what Goethe tried to express in a truly theosophical fashion. Just as those priests of Initiation expressed their wisdom in the form of pictures, so Goethe expressed in pictures in his Apocalypse that which represents the evolution of humanity,—that which will some day become the highest act of man—the transformation of the lower nature into the higher and the transmutation of the lower metals, the lower soul-forces into the gold of wisdom. The transmutation of that which dwells alone in the pure noble metal of wisdom is represented by the King who is embodied in the gold. Goethe wished to express this human alchemy, this Spiritual transmutation, in a somewhat different manner from what he had concealed occultly in the second part of “Faust.” Goethe was in the true sense of the word a Theosophist. He understood what it means that all the transitory things we see with our senses, are nothing but symbols, but he also understood that what man is trying to do is impossible to describe, but can be accomplished by an act, and that the “Unzulängliche” is that which lives among us on this side of the River, and we must experience it if the purpose of human evolution is to be fulfilled. Goethe also expressed this to this end in the “Chorus Mysticus” and included it in the second part of “Faust.” The highest soul-force in man is symbolically represented as the beautiful Lily, and the male principle—the force of Will unites with her. He expresses this in the beautiful and expressive words with which the second part of “Faust” concludes. These final verses are a mystical creed. We can only understand them completely when we see our own intimate life come to life again in the story of the green Serpent and the beautiful Lily. Even before the close of the 18th century, when Goethe passed on to his work on the second part of “Faust,” his nature had already been transmuted and he had attained the vision of a higher world. It is of profound significance if we are able to understand the words written by Goethe in his testament, the second part of “Faust,” when he had completed his course on the Earth. After his death, this second part was found in his writing table, closed and sealed. He put this book as a gospel into the world, as a testament. And this testament closes with his mystical creed:
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.
All things transitory
But as symbols sent,
Earth's insufficiency
Here grows to event.
The indescribable, here it is done.
The Woman Soul leads us upward, and on.
