Goethe and the Present
GA 68c
23 September 1909, Basel
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Goethe and the Present, tr. SOL
27. Die tieferen Geheimnisse in Goethes «Faust»
27. The Deeper Mysteries in Goethe’s “Faust”
[ 1 ] Goethe sagte nicht lange vor der Vollendung des zweiten Teiles seines «Faust» zu seinem getreuen Eckermann, dass er sich bemüht habe, gerade bei diesem Werke darauf zu sehen, dass er den theatralisch-künstlerischen Ansprüchen genüge, sodass der, welcher es bloß mit den Sinnen genießen will, auf seine Rechnung kommt. Und Goethe fügt selbst hinzu, dass derjenige, der in die Geheimnisse eingeweiht sei, hinter diesen Bildern das Tiefere wohl finden werde.
[ 1 ] Not long before completing the second part of his Faust, Goethe told his faithful friend Eckermann that he had made a special effort with this work to ensure it met theatrical and artistic standards, so that those who wish to enjoy it purely with their senses would be satisfied. And Goethe himself adds that those who are initiated into the mysteries will surely find something deeper behind these images.
Aber doch ist alles sinnlich und wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut in die Augen fallen. Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es nur so ist, dass die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat; dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen, wie es ja bei der Zauberflöte und andern Dingen der Fall ist.
But everything is indeed sensuous, and, when presented on stage, will appeal to everyone’s eyes. And that is all I intended. If only the audience takes pleasure in the spectacle; the initiate will at the same time grasp the deeper meaning, just as is the case with The Magic Flute and other works.
[ 2 ] Das, meine verehrten Anwesenden, kann ein Hinweis darauf sein, wie berechtigt es ist, gerade gegenüber diesem reifsten Werke Goethes zu suchen nach tieferen Geheimnissen, die in demselben stecken. Und er wusste selber, dass nicht jedem so leicht gelingen könnte das Verständnis dieser tiefen Geheimnisse. Denn ein anderes Mal sagte er zu Eckermann:
[ 2 ] This, ladies and gentlemen, may be an indication of how justified it is to seek out the deeper mysteries hidden within this, of all works, Goethe’s most mature work. And he himself knew that not everyone would be able to grasp these profound mysteries so easily. For on another occasion he said to Eckermann:
ich will Ihnen etwas vertrauen, das Sie sogleich über vieles hinaushelfen und das Ihnen lebenslänglich zugutekommen soll, Meine Sachen können nicht populär werden; wer daran denkt und dafür strebt, ist in einem Irrtum. Sie sind nicht für die Masse geschrieben, sondern nur für einzelne Menschen, die etwas Ähnliches wollen und suchen, und die in ähnlichen Richtungen begriffen sind.
I want to share something with you that will immediately help you overcome many things and that will benefit you for the rest of your life. My writings cannot become popular; anyone who thinks that or strives for it is mistaken. They are not written for the masses, but only for individual people who want and seek something similar, and who are moving in similar directions.
[ 3 ] Allerdings auf jenem Wege, den wir hier gestern charakterisiert haben, den Goethe selbst von Jahrzehnt zu Jahrzehnt heraufsteigen musste zu einer gewissen menschlichen Vollendung, auf diesem Wege können [ihm nur wenige] folgen; und wenn jeder diesen langwierigen Lebensweg im Geiste durchmachen müsste, dann würden allerdings die Versteher des zweiten Teils des «Faust» dünn gesät sein. Aber es gibt durch die Theosophie, welche einzudringen sucht in die Untergründe des Lebens, die Möglichkeit, dass die Seele erst heraufholt ihre innersten Kräfte, um geistig zu schauen, was sie sinnlich erblicken kann. Wenn der Mensch eindringt in die Ergebnisse der Geistesforschung, dann gelangt er wohl zu einem schnelleren Verständnis von demjenigen, was Persönlichkeiten von so reichem Inhalte wie Goethe zu sagen haben.
[ 3 ] However, along the path we described here yesterday—the path that Goethe himself had to ascend, decade by decade, toward a certain human perfection—[only a few] can follow him; and if everyone had to undergo this arduous spiritual journey throughout their lives, then indeed, those who understand the second part of Faust would be few and far between. But through theosophy, which seeks to penetrate the depths of life, there is the possibility that the soul may first draw upon its innermost powers to perceive spiritually what it can perceive with the senses. When a person delves into the findings of spiritual research, he or she will likely arrive at a quicker understanding of what personalities of such rich substance as Goethe have to say.
[ 4 ] Wir haben gestern gesehen, wie Goethe aufgestiegen ist zur Vollendung so, wie die Stufen davon uns erscheinen in seinem «Faust». Wir haben auch darauf aufmerksam gemacht, dass eigentlich erst 1808 der vollendete erste Teil des «Faust» erschien. Wir haben hingewiesen darauf, ein wie persönliches, individuelles Werk der «Faust» zunächst war und wie es immer unpersönlicher und unpersönlicher wird, immer mehr von solchen Angelegenheiten der menschlichen Seele redet, die mehr oder weniger für jeden Menschen Bedeutung haben.
[ 4 ] Yesterday we saw how Goethe ascended to perfection, just as the stages of that ascent appear to us in his Faust. We also pointed out that the completed first part of Faust was not actually published until 1808. We noted how Faust was initially a deeply personal, individual work and how it becomes increasingly impersonal, speaking more and more of those matters of the human soul that are of significance to more or less every person.
[ 5 ] So entrückt Goethe seinen Faust aus dem eng Individuellen hinein in den Kampf der objektiven Weltenmächte. Darum muss er auch veranstalten das, was Sie kennen als «Prolog im Himmel». Da sind es nicht nur bloß die inneren Seelenmächte, sondern die objektiven, hinter den Welten ruhenden Weltengeister, die um die Seele des Faust ihren Wettkampf beginnen. Da [zeigt Goethe uns, wie tief er eingedrungen ist in das Verständnis dessen, dass es ein Irrtum] ist, wenn der Mensch sich als ein abgegliedertes Wesen ansieht; wie es Täuschung ist. Unser Finger tut das nicht. Er würde sich sagen: In dem Augenblick, wo ich abgeschnitten werde, bin ich kein Finger mehr. Wollte er derselben Täuschung sich hingeben, wie der Mensch sich hingibt, so würde er zerfallen. Er würde zerfallen, wenn er — abgeschnitten — auf unserem Leib herumspazieren könnte. Der Mensch kann auf der Erde herumspazieren, darum gibt er sich der Täuschung hin, ein abgesondertes Wesen zu sein. Würde er nur mit ganzer Seele sich dem hingeben, dass er nur ein paar Meilen über der Erde physisch nicht mehr leben kann, so würde er sich dieser Täuschung nicht hingeben, würde fühlen, wie die Kräfte nicht nur der physischen, sondern auch der geistigen Welt in seine eigene Seele hineinspielen. Das ereignete sich für Goethe so zusehends von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. So wuchsen die Kräfte der Menschenseele zu Weltenkräften. Und er zeigt uns die Repräsentanten der guten Geister entgegenstehend den Repräsentanten der bösen Geister in seiner Dichtung. Und es scheint ihm, Goethe, der Mensch nicht nur wie ein «furchtsam weggekrümmter Wurm», sondern als derjenige, der begreift, wie von Jahrtausend zu Jahrtausend die menschlichen Angelegenheiten durch das Erdenwerden durchgehen und den einzelnen Menschen ergreifen. Daher jene wunderbare Ähnlichkeit mit der alten biblischen Urkunde da, wo er Gott sprechen lässt zu Mephisto: «Kennst du den Faust?» — Mephisto: «Den Doktor?» — Der Herr sagt: «Meinen Knecht», wie wir es wiederfinden im alttestamentlichen Buch Hiob, wo der Satan vor den Herrn tritt und der Herr ihn fragt:
[ 5 ] This is how Goethe transports his Faust from the narrow confines of the individual into the struggle of the objective forces of the world. That is why he must also stage what you know as the “Prologue in Heaven.” There, it is not merely the inner powers of the soul, but the objective world spirits, lying behind the worlds, who begin their contest for Faust’s soul. There [Goethe shows us how deeply he has penetrated the understanding that it is a mistake] for a human being to regard himself as a separate entity; how it is an illusion. Our finger does not do this. It would say to itself: The moment I am severed, I am no longer a finger. If it were to succumb to the same delusion as human beings do, it would disintegrate. It would disintegrate if—once severed—it could walk around on our body. Human beings can walk around on Earth; that is why they succumb to the delusion of being separate beings. If only they would devote themselves with their whole soul to the realization that they can no longer physically live even a few miles above the Earth, they would not succumb to this delusion; they would feel how the forces not only of the physical but also of the spiritual world flow into their own souls. This happened to Goethe more and more visibly from decade to decade. Thus the powers of the human soul grew into cosmic forces. And in his poetry, he shows us the representatives of the good spirits standing in opposition to the representatives of the evil spirits. And to him, Goethe, the human being appears not merely as a “timidly curled-up worm,” but as one who comprehends how, from millennium to millennium, human affairs pass through the process of becoming earthly and take hold of the individual human being. Hence that wonderful similarity to the ancient biblical text where he has God speak to Mephisto: “Do you know Faust?” — Mephisto: “The doctor?” — The Lord says: “My servant,” as we find it again in the Old Testament book of Job, where Satan stands before the Lord and the Lord asks him:
Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob?
Have you paid attention to my servant Job?
[ 6 ] [Jetzt ist es uns so, als ob in Faust nicht bloß ein Mensch uns erscheint; jetzt erscheint uns Goethe als der, der begreift, wie von Stufe zu Stufe die menschlichen Angelegenheiten durch die Weltenentwicklung hindurchgehen.] So wird «Faust» nach und nach mit dem Goethe’schen Reifwerden ein Weltgedicht. Das konnte es nur dadurch werden, dass Goethe immer mehr und mehr durch seine eigene Entwicklung in seinem Innern erfahren konnte, wie die Kräfte, von denen er geahnt hatte damals in Frankfurt, dass sie aus dem Innern der Seele heraus sich entwickeln, wirklich da sein können. Er hat sie endlich in rastlosem Streben aus sich herausgeholt. Und so wusste er, dass der Mensch hineinschauen kann in die übersinnliche Welt, dass es Geistesaugen gibt, wie es sinnliche Augen gibt, dass es geistige Ohren gibt, wie es sinnliche Ohren gibt.
[ 6 ] [Now it seems to us that in Faust it is not merely a human being who appears before us; now Goethe appears to us as the one who understands how, step by step, human affairs unfold through the course of world history.] Thus, as Goethe matured, Faust gradually became a cosmic poem. It could only become so because, through his own inner development, Goethe was able to experience more and more how the forces—which he had sensed back then in Frankfurt as emerging from the depths of the soul—could truly exist. He finally drew them forth from within himself through ceaseless striving. And so he knew that human beings can look into the supersensible world, that there are spiritual eyes just as there are physical eyes, and that there are spiritual ears just as there are physical ears.
[ 7 ] Schon 1808 spricht er wie ein Wissender von all den Dingen, die ihm noch verschlossen waren, als er zuerst vor dem Erdgeist stand: Er spricht wie ein Wissender von der Erscheinung, welche die Pythagoreische Schule erkennt unter dem Namen «Sphärenmusik». [Da erscheinen dem Menschen die Seelengründe als Harmonien. Es ist keine Musik, aber es ist etwas, was sich mit ihr vergleichen lässt, etwas Reales, das zur Inspiration der Seele wird.] Wenn die Seele aus der Tiefe herausholt, was da schlummert, dann erscheinen ihr die inneren Töne als Harmonien, als etwas, was mit Geistesohren gehört wird.
[ 7 ] As early as 1808, he speaks with the authority of one who knows about all the things that were still hidden from him when he first stood before the Earth Spirit: He speaks with the authority of one who knows about the phenomenon that the Pythagorean school recognizes under the name “music of the spheres.” [To the human being, the depths of the soul appear as harmonies. It is not music, but it is something comparable to it—something real that becomes an inspiration to the soul.] When the soul draws forth from the depths what lies dormant there, the inner tones appear to it as harmonies, as something heard with the ears of the spirit.
[ 8 ] Es ist das, was in der Inspiration zum Ausdruck kommt. Da fühlt der Mensch, was diese geistige Musik ist. Dann schaut sie nicht mehr durch äußeres Sehen und bewundert die Erscheinung des Lichtes, sondern dann fühlt die Seele, dass hinter ihr etwas wie inspiriert ist. Das ist, was Goethe im Prolog ausspricht:
[ 8 ] It is what is expressed in inspiration. There, the human being senses what this spiritual music is. Then one no longer looks through outward sight and admires the manifestation of light, but rather the soul senses that something behind it is, as it were, inspired. This is what Goethe expresses in the prologue:
Die Sonne tönt nach alter Weise.
The sun sings in the old way.
[ 9 ] Und mögen diejenigen, die glauben, auf dem Boden einer realistischen Ästhetik zu stehen, sagen: Der Dichter gestattet sich solche Bilder. Ein Dichter wie Goethe, der nur Erlebtes gibt, schreibt keinen Unsinn, wie im äußeren realistischen Sinn es wäre, zu sprechen von der tönenden Sonne. Er spricht erst dann davon, [wenn er es als etwas Geistiges, Reales erlebt hat], wenn er weiß, dass es ein solches Tönen gibt für den Menschen, der eintritt in die höheren Sphären des Daseins. Daher bleibt er bei diesem Bilde, als er den Faust [nach dem Ungestüm und nach der Sünde im ersten Teil] hinaufsteigen lässt zu einem wirklichen Hineinschauen in die Untergründe dieser Welt. Als Faust im Beginne des zweiten Teiles in die geistige Welt tiefer hineinblicken soll, da lesen wir die Worte:
[ 9 ] And let those who believe they stand on the ground of a realistic aesthetic say: The poet allows himself such images. A poet like Goethe, who writes only of what he has experienced, does not write nonsense—as it would be, in the outwardly realistic sense, to speak of the “resounding sun.” He speaks of it only [when he has experienced it as something spiritual and real], when he knows that such a sound exists for the person who enters the higher spheres of existence. That is why he sticks with this image when he has Faust [after the impetuosity and sin of the first part] ascend to a true insight into the depths of this world. When Faust is to look deeper into the spiritual world at the beginning of the second part, we read the words:
Horchet! horcht dem Sturm der Horen!
Tönend wird für Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
Felsentore knarren rasselnd,
Phöbus’ Räder rollen prasselnd,
elch Getöse bringt das Licht!
Es trommetet, es posaunet,
Auge blinzt und Ohr erstaunet,
nerhörtes hört sich nicht.
Listen! Hear the storm of the Horae!
Resounding to the ears of the spirit
The new day is already being born.
Rock gates creak and rattle,
Phoebus’ wheels roll with a crackle,
Every roar brings the light!
It drums, it trumpets,
The eye blinks and the ear is astonished,
What has never been heard cannot be heard.
[ 10 ] Da stellt Goethe seinen Faust bereits hin als einen solchen, der hineinhört in die tieferen Wesenheiten der Dinge. Und Goethe drückt wahrlich aus, dass er sagen will, dass der «Faust» aufgestiegen ist von dem Standpunkt, wo er sich sehnte nach diesen Dingen, aber sie nicht auffassen konnte. Da hatte er nur die Gewissheit:
[ 10 ] Here Goethe already portrays his Faust as one who delves into the deeper essences of things. And Goethe truly expresses that he means to say that “Faust” has risen from the point where he longed for these things but could not grasp them. There he had only the certainty:
Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
ein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf, bade, Schüler, unverdrossen
Die ird’sche Brust im Morgenrot!
The spirit world is not closed off;
your mind is closed, your heart is dead!
Come, bathe, disciple, undaunted
your earthly breast in the morning glow!
[ 11 ] Aber der «furchtsam weggekrümmte Wurm» war damals weit davon entfernt, die «ird’sche Brust im Morgenrot» zu baden.
[ 11 ] But the “terribly contorted worm” was far from bathing the “earthly breast in the morning glow” back then.
[ 12 ] Im zweiten Teile sehen wir, wie Faust erwacht; und wie wunderbar geschildert, wie dieser sich im Morgenrot badet, wie ihm die Offenbarung wird vom Untergrund der Dinge! So innerlich künstlerisch konsequent ist Goethe in der Fortführung seines «Faust». Und Faust soll nun eingeführt werden in die große Welt, in ihr noch alles das erkennen lernen, was herkommt von der mephistophelischen Macht. Da der Mensch ein Teil des gesamten Menschheitswesens ist, wird sich diejenige Macht, die - wie wir charakterisiert haben — sich einschleicht in die menschliche Seele und sie mit Täuschung und Lügen durchdringt, auch zeigen [nicht nur da, wo der Mensch alleine mit sich ist, sondern auch da], wo der Mensch schafft, ohne sich herausgehoben zu haben über die Alltäglichkeit des Daseins. Daher muss Faust geführt werden von der kleinen Welt an den Kaiserhof, muss hingeführt werden dahin, wo die großen Weltgeschicke entschieden werden für seine Zeit. Es muss gezeigt werden, wie die Mephisto-Macht auch da von Irrtum zu Irrtum führt. Daher erscheint Faust mit Mephisto am kaiserlichen Hof. Er greift in die weltgeschichtlichen Ereignisse ein. [Mit köstlichem Humor und gerade deshalb so] fein, schildert Goethe die Szene, wie Mephisto seine Hand im Spiele hat bei der Erfindung des Papiergeldes. In der Literaturgeschichte ist kaum jemals mit so feinem Humor geschildert, wie diese Mächte hineingreifen in die Weltgeschichte. Da ist auch dieser Mephisto darinnen.
[ 12 ] In the second part, we see Faust awaken; and how wonderfully it is described—how he basks in the morning glow, how the true nature of things is revealed to him! Goethe is so artistically consistent in the continuation of his Faust. And Faust is now to be introduced to the wider world, where he will learn to recognize everything that stems from the Mephistophelean power. Since the individual is part of the whole of humanity, that power—which, as we have characterized it, creeps into the human soul and permeates it with deception and lies—will also reveal itself [not only where the individual is alone with himself, but also where] the individual creates without having risen above the ordinariness of existence. Therefore, Faust must be led from the small world to the imperial court; he must be taken to the place where the great destinies of the world are decided for his time. It must be shown how the power of Mephisto leads him from one error to another even there. Therefore, Faust appears with Mephisto at the imperial court. He intervenes in the events of world history. [With delightful humor—and precisely for that reason so] subtly, Goethe depicts the scene in which Mephisto has a hand in the invention of paper money. In the history of literature, there is scarcely ever a depiction with such subtle humor of how these powers intervene in world history. And Mephisto is right in the thick of it.
[ 13 ] Man hat oft gespöttelt über die Maskenspiele, die da aufgeführt sind im zweiten Teil. Wenn man sich die Zeit nehmen könnte und jede einzelne Figur da deuten aus Goethes Sinn heraus, so würde man sehen, wie jeder Gedanke bis aufs Kleinste hineinverwirklicht ist, so würde jedes uns zeigen das Hineinspielen der Mächte in alles. [Sie zeigen uns die Spiegelung der mephistophelischen Macht.] Das kann man da handgreiflich realistisch zeigen. Daher zeigt es Goethe in einem Maskenspiel. Da hat Goethe gezeigt, wie die mephistophelischen Mächte wirken. Er will das noch weiter führen, zeigen, wie Faust und Mephisto zueinander stehen, indem er weiter vorrückt, immer mehr die schlummernden Kräfte seiner Seele weckt. Er will zeigen am Hof, dass nicht nur äußerlich Sinnliches auftrete in den Maskenspielen [sondern Uraltes, nicht der sinnlichen Gegenwart Angehörendes]: Man verlangt zu sehen die uralten Gestalten von Paris und Helena. Da werden wir geführt aus einem Reiche, das der sinnlichen Gegenwart angehört, in etwas, was in keinem Sinne in der Gegenwart da ist.
[ 13 ] People have often mocked the masked plays performed in the second part. If one could take the time to interpret every single character there in accordance with Goethe’s intent, one would see how every thought is realized down to the smallest detail; each would show us the interplay of forces in everything. [They show us the reflection of Mephistophelean power.] This can be depicted in a tangibly realistic way. That is why Goethe portrays it in a masquerade. Here, Goethe has shown how the Mephistophelean forces operate. He wants to take this even further, to show the relationship between Faust and Mephisto, as he proceeds and increasingly awakens the dormant powers of his soul. He wants to show at court that it is not only outwardly sensual elements that appear in the masquerades [but rather something ancient, not belonging to the sensual present]: People demand to see the ancient figures of Paris and Helen. There we are led from a realm that belongs to the sensual present into something that is in no sense present.
[ 14 ] Aber Goethe zeigt ganz klar, dass er Einsicht hat in die Verhältnisse des Daseins. Er weiß, dass in dem Menschenleben nicht nur ein Vergängliches, sondern ein Ewiges ist, und dass von dem, was als Mensch in noch so alten Zeiten gelebt hat, etwas vorhanden ist in der Welt: dass der Geist in der geistigen Welt zu finden ist. Und Goethe will uns in seinem Bilde sagen, dass diejenigen Menschen, die sich mit ihrem eigenen Ewigen in der Seele verbinden, hineindringen können in das Reich, das hinter dem liegt, was Augen sehen, Ohren hören können. [Dieses geistige Reich ist nichts Theoretisches.] Dieses Reich ist für die, welche sich in entsprechender Weise vorbereiten, ein Erlebnis. [Es ist] durchaus [wirklich]. Und es war auch für Goethe da, durchaus vorhanden.
[ 14 ] But Goethe clearly demonstrates that he has insight into the nature of existence. He knows that human life contains not only the transitory but also the eternal, and that something of what lived as a human being in even the most ancient times still exists in the world: that the spirit can be found in the spiritual world. And through his image, Goethe wants to tell us that those who connect with their own eternal essence within the soul can penetrate the realm that lies beyond what the eyes can see and the ears can hear. [This spiritual realm is not merely theoretical.] For those who prepare themselves appropriately, this realm is an experience. [It is] absolutely [real]. And it was also there for Goethe; it was absolutely present.
[ 15 ] Dieses Reich unterscheidet sich allerdings ganz wesentlich für den Schüler von dem, was draußen die Augen sehen können. Einen Unterschied wollen wir zunächst mal angeben zwischen den beiden Welten: In unserer Welt erscheinen die Dinge mit scharfen Konturen, dass wir sozusagen recht bequem Zeit haben, uns ein Bild davon zu machen, wie die Dinge sind. Anders ist es, wenn die Seele hineindringt in die geistige Welt. Dann erscheint uns ein Reich, das uns die Wesenheiten, die da sind, in fortdauernder Verwandlung zeigt. So wie sich in unserer eigenen Seele von Augenblick zu Augenblick unsere Gefühle, von Stunde zu Stunde unsere Leidenschaften ändern, so ist in der geistigen Welt eine fortwährende Umgestaltung.
[ 15 ] For the student, however, this realm differs quite significantly from what the eyes can see out there. Let us first point out one difference between the two worlds: In our world, things appear with sharp contours, so that we have, so to speak, ample time to form a picture of what things are like. It is different when the soul enters the spiritual world. Then a realm appears to us that shows the beings who are there in a state of constant transformation. Just as our feelings change from moment to moment and our passions from hour to hour within our own soul, so too is there a constant transformation in the spiritual world.
Gestaltung, Umgestaltung,
Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung,
Creation, transformation,
The eternal delight of the eternal mind,
[ 16 ] wie Goethe [es charakterisiert]. Er weiß, dass das Sinnliche herausgeboren, herauskristallisiert ist aus der geistigen [Welt], die hinter unserer Welt liegt. Er sucht nach einem verständlichen Ausdruck für das, was die Seele hinter dieser Sinneswelt sieht. Er fand den Ausdruck.
[ 16 ] as Goethe [describes it]. He knows that the sensory world has emerged and crystallized from the spiritual [world] that lies beyond our world. He seeks a comprehensible expression for what the soul perceives beyond this sensory world. He found that expression.
[ 17 ] Er las einmal im Plutarch. Er las von jener Stadt, die im Besitze der Karthager war und die Nikias wieder zurückgewinnen sollte für die Römer. Daher sahen ihn die Karthager für einen Verräter an, und er sollte gefangen gesetzt werden. Da stellte er sich — so erzählt Plutarch — wie besessen; da lief er durch die Straßen und rief aus: Die Mütter, die Mütter verfolgen mich! Darauf wagte keiner, Hand an ihn zu legen. Der Ausdruck «die Mütter» machte einen besonderen Eindruck bei den Alten. «Die Mütter» waren Göttinnen, die repräsentieren sollten jene Kräfte der Seele, die hineinführen sollten in die geistige Welt, herauskristallisieren aus ihr wie aus der Mutterlauge den Kristall. Daher fand Goethe die Bezeichnung und nannte dieses Reich «das Reich der Mütter».
[ 17 ] He was once reading Plutarch. He read about that city, which was in Carthaginian hands and which Nicias was supposed to recapture for the Romans. For this reason, the Carthaginians regarded him as a traitor, and he was to be taken prisoner. Then—as Plutarch recounts—he behaved as if possessed; he ran through the streets, crying out: “The Mothers, the Mothers are pursuing me!” Upon hearing this, no one dared lay a hand on him. The expression “the Mothers” made a particular impression on the ancients. “The Mothers” were goddesses meant to represent those forces of the soul that lead into the spiritual world, crystallizing from it just as a crystal forms from the mother lye. That is why Goethe adopted the term and called this realm “the realm of the Mothers.”
[ 18 ] Wo ist nun dasjenige, was von Paris und Helena geblieben, nachdem ihre irdische Persönlichkeit gesunken in das Reich des Vergehens? Im Reiche der übersinnlichen Welt, im Reiche der Mütter. Daher muss Faust, wenn er heraufbringen will, was von ihm verlangt wird, das Unsterbliche, das Unvergängliche von Paris und Helena heraufbringen. Darum muss er heruntersteigen in das Reich der Mütter. Er weiß es, dass dieses Reich der Mütter existiert und dass er dort finden kann das Unsterbliche der Menschen. Aber, wie hingelangen? Er ist noch nicht so weit, dass er alle mephistophelischen Kräfte aus sich verbannt hat; Mephistopheles muss ihm daher Rat geben, wie er den Zugang findet, aus der äußeren Welt hineinfindet in das Reich der Mütter. [Faust kann auf seiner Entwicklungsstufe noch nicht hinein ins geistige Reich, von dessen Existenz er sicher weiß.] Mephisto gehört ja der geistigen Welt an, ist ja in Wirklichkeit keine äußerlich sichtbare Wesenheit. [Allerdings beherrscht er zunächst nur die äußere Verstandeswelt, aber er ist nicht ein «sinnlicher Mensch», wie Schiller sagen würde.] Er herrscht in der sinnlichen Welt, gehört ihr aber nicht an. Daher hat er Verständnis und den Schlüssel sogar, den Faust hinzuführen; aber er weiß nicht, wie es da aussieht. Da, wo er herrscht, hat man kein Verständnis für die übersinnliche Welt. Mephisto ist die Macht, die uns die äußere Welt als Trugbild darstellt: In der realistischen Welt herrscht er. [Diese mephistophelische Macht herrscht auch heute in der materiellen Gesinnung. Der Irrtum, dass die materielle Welt die einzig wahre ist, ist ein Einfluss des Mephisto, der die Seele hindert, das Walten des Übersinnlichen anzuerkennen.] Realist ist man daher nur, wenn Mephisto in der Seele herrscht. Und er kann nur so weit gehen, wie der äußere materielle Mensch kommen kann. Doch liefert er den Schlüssel zu der übersinnlichen Welt, kann aber selbst nur zu dem Tore kommen. [So kann man durch die äußere Wissenschaft weit kommen, bis zum Tore der übersinnlichen Welt, aber hinein kann man durch sie nicht.] Weil er keinen Sinn hat für die übersinnlichen Kräfte, liefert Mephisto nur den Schlüssel. Dadurch kann Faust hineinkommen in das Reich der Mütter. Für jeden, der das Reich erlebt, das hinter unserer Sinneswelt ist, ist das eine sachgemäße Darstellung.
[ 18 ] Where, then, is that which remains of Paris and Helen after their earthly forms have sunk into the realm of transience? In the realm of the supernatural world, in the realm of the Mothers. Therefore, if Faust wishes to bring forth what is demanded of him—the immortal, the imperishable essence of Paris and Helen—he must bring it forth. That is why he must descend into the realm of the Mothers. He knows that this realm of the Mothers exists and that there he can find the immortal essence of humankind. But how to get there? He has not yet reached the point where he has banished all Mephistophelean forces from within himself; Mephistopheles must therefore advise him on how to find the way in—from the outer world into the realm of the mothers. [At his current stage of development, Faust cannot yet enter the spiritual realm, the existence of which he knows for certain.] Mephisto, after all, belongs to the spiritual world; in reality, he is not an outwardly visible being. [Admittedly, he initially rules only the outer world of the intellect, but he is not a “sensual human being,” as Schiller would say.] He reigns in the sensory world, but does not belong to it. Therefore, he has the understanding—and even the key—to lead Faust there; but he does not know what it is like there. Where he reigns, there is no understanding of the supersensible world. Mephisto is the power that presents the external world to us as an illusion: he reigns in the realistic world. [This Mephistophelean power also reigns today in the materialistic mindset. The error that the material world is the only true one is an influence of Mephisto, which prevents the soul from acknowledging the workings of the supersensible.] One is therefore a realist only when Mephisto reigns in the soul. And he can go only as far as the outer, material human being can go. Yet he provides the key to the supersensible world, though he himself can reach only as far as the gate. [Thus, one can go far through external science, all the way to the gate of the supersensible world, but one cannot enter it through science alone.] Because he has no sense of the supersensible forces, Mephisto provides only the key. Through this, Faust is able to enter the realm of the Mothers. For anyone who experiences the realm that lies beyond our sensory world, this is an accurate depiction.
[ 19 ] Und jetzt entspinnt sich jener Dialog zwischen Faust und Mephistopheles, der anzeigt, wie weit Goethe schon hineinleuchten konnte in die Beziehung der sinnlichen zur übersinnlichen Welt. Mephisto schildert das Reich der Mütter, wo die ewigen Wesenheiten von Paris und Helena sind, so, dass er sagt: Du magst so weit du willst das Meer durchschwimmen, du siehest ziehen Sonne, Mond und Sterne; wenn du aber eindringst in das Reich, das du jetzt betreten willst, so siehst du nichts, leer erscheint dir der Raum, leer die Zeit. Das Nichts sieht Mephisto in dem Reich der Mütter, so wie der Materialismus nichts sieht, wo die übersinnliche Welt ist. Faust aber erwidert dem Mephisto, wie immer dem Materialisten der Geistesforscher:
[ 19 ] And now unfolds that dialogue between Faust and Mephistopheles, which reveals just how deeply Goethe was already able to shed light on the relationship between the sensory and the supernatural worlds. Mephisto describes the realm of the mothers, where the eternal beings of Paris and Helen reside, saying: “You may swim across the sea as far as you wish; you will see the sun, the moon, and the stars; but when you enter the realm you are now about to enter, you will see nothing—space will seem empty to you, and time will seem empty.” Mephisto sees nothingness in the Realm of the Mothers, just as materialism sees nothing where the supernatural world exists. But Faust replies to Mephisto, just as the scholar of the spirit always replies to the materialist:
In deinem Nichts hoff ich das All zu finden.
In your nothingness, I hope to find the universe.
[ 20 ] So stehen sich beide gegenüber: die ewige Frage des Materialismus und derjenigen Weltanschauung, die zum Übersinnlichen vordringen will — formuliert in diesem Dialog. Faust deutet es sogar an, wie Mephisto — gerade weil er die Kraft ist, die wir gestern charakterisiert haben — auch zu Lug und Trug gegenüber der übersinnlichen Welt führen muss, und Goethe lässt daher den Faust zu Mephisto sagen:
[ 20 ] Thus the two stand in opposition: the eternal question of materialism and the worldview that seeks to penetrate the supernatural—as articulated in this dialogue. Faust even hints at how Mephisto—precisely because he is the force we characterized yesterday—must also lead to deceit and trickery in relation to the supernatural world, and Goethe therefore has Faust say to Mephisto:
Du sprichst als erster aller Mystagogen,
Die treue Neophyten je betrogen
Nur umgekehrt.
You speak as the foremost of all mystagogues,
Who have ever deceived the faithful neophytes
Only the other way around.
[ 21 ] Ich habe gezeigt, wie leicht in Irrtum verstrickt wird und Lüge, wer eintritt in die geistige Welt, solange er von Mephisto umfangen ist, wie er zum Scharlatan statt zum Geistesforscher wird. Wie berechtigt daher die Furcht, wo nah der Scharlatan dem Geistesforscher ist. «Mystagogen» nennt ihn Faust, weil überhaupt der Ausdruck, der für den Führer der eleusinischen Mysterien gebraucht wird, mit Recht für den Scharlatan gebraucht wird, der, ohne den Weg gemacht zu haben, hineinweisen möchte in die geistige Welt. [Das ist die Scharlatanerie, die nur durch ein feines Spinnwebchen von der edelsten Geistesforschung getrennt ist.] So also nennt Faust Mystagogen den, der da vorredet Irrtum von den geistigen Mächten, die er nicht erkennen kann — nur umgekehrt redest du, sagt er zu Mephisto. Während sie doch reden von dem vielen, was sie gesehen, redest du von dem Nichts. [Mephisto redet gerade umgekehrt lügnerisch wie jene betrügenden Mystagogen von der geistigen Welt. Er spricht von ihr als von einem Nichts; sie phantasieren von irgendeiner geistigen Welt.]
[ 21 ] I have shown how easily anyone who enters the spiritual world becomes entangled in error and falsehood as long as he is ensnared by Mephisto, and how he becomes a charlatan rather than a spiritual researcher. How justified, then, is the fear when the charlatan is so close to the spiritual researcher. Faust calls him a “mystagogue,” because the very term used for the leader of the Eleusinian Mysteries is rightly applied to the charlatan who, without having paved the way, wishes to guide others into the spiritual world. [This is the charlatanism that is separated from the noblest spiritual research by nothing more than a delicate cobweb.] Thus Faust calls “mystagogue” the one who speaks falsely of the spiritual powers he cannot perceive—“You speak only in reverse,” he says to Mephisto. “While they speak of the many things they have seen, you speak of nothing.” [Mephisto speaks just as deceitfully as those fraudulent mystagogues of the spiritual world—but in exactly the opposite way. He speaks of it as nothing; they fantasize about some kind of spiritual world.]
[ 22 ] So genau drückt sich Goethe aus, weil er aus dem innersten Erleben heraus spricht. Daher zeigt er uns aber auch, was nötig ist, um in diese Welt einzudringen. Man kann ja, wenn man unwürdig eindringt — wenn man noch nicht alles das, was als Selbstsucht und Egoismus wirkt, von seiner Seele verbannt — man kann ja zwar mancherlei sehen in der geistigen Welt und eindringen, wie jetzt Faust eindringt; aber Goethe will anschaulich machen, dass er doch noch nicht innerlich reif ist, will zeigen, wie schwer der Weg ist, alles Mephistophelische aus der Seele herauszuschaffen, will zeigen, wie in Faust immer noch egoistische Leidenschaften walten. Wer würdig sein will, braucht eine von Egoismus ganz geläuterte Seele. Bei Faust macht sich noch persönliche Leidenschaft geltend. Er will Helena für sich besitzen; in dem Augenblicke aber wird ihm die Erscheinung zur Gefahr. Es wird ihm sogar das Bewusstsein getrübt — es verschwindet die [Helena-]Gestalt ins Reich der Mütter.
[ 22 ] Goethe expresses himself so precisely because he speaks from his innermost experience. But that is also why he shows us what is necessary to penetrate this world. It is true that if one enters unworthily—if one has not yet banished from one’s soul everything that appears as selfishness and egotism—one can indeed see many things in the spiritual world and enter it, just as Faust does now; but Goethe wants to make it clear that Faust is not yet inwardly mature; he wants to show how difficult the path is to rid the soul of all that is Mephistophelean; he wants to show how selfish passions still reign within Faust. Anyone who wishes to be worthy needs a soul completely purified of egoism. In Faust, personal passion still asserts itself. He wants to possess Helena for himself; but at that very moment, her apparition becomes a danger to him. It even clouds his consciousness—the figure of [Helena] vanishes into the realm of the mothers.
[ 23 ] Faust muss einen andern Weg suchen, sich frei machen von mephistophelischen Mächten, muss seine Seele so entwickeln, dass er nicht im Sturmschritt [wie im ersten Teil] die geistige Welt erobern will. [Und selbst nicht in dem Schritt, wie er jetzt in das geistige Mutterreich ging, darf er dort eindringen.] Er muss sie in langsamem innerem Seelenleben erobern, so, dass er Schritt für Schritt verfolgt die inneren Geistesverhältnisse. Will er wirklich zu Helena hin, dann muss er erst selbst volle Erkenntnis erlangen, wie einer wieder heraufsteigen kann, wenn er hinuntergestiegen ist, und muss hineinschauen in die Geheimnisse, wie der Mensch wirklich ins Dasein tritt. [Er muss hineinschauen in jene Vorgänge, die den Eintritt des Menschen ins Leben begleiten.]
[ 23 ] Faust must find another way to free himself from Mephistophelean forces; he must develop his soul in such a way that he does not seek to conquer the spiritual world in a stormy rush [as in the first part]. [And he must not even enter it in the manner in which he now entered the spiritual mother realm.] He must conquer it through a slow, inner spiritual life, so that he follows the inner spiritual conditions step by step. If he truly wishes to reach Helena, he must first attain full understanding himself of how one can ascend again after having descended, and he must look into the mysteries of how a human being truly enters into existence. [He must look into those processes that accompany a human being’s entry into life.]
[ 24 ] Da zeigt Theosophie, dass es berechtigt ist, den Menschen als dreifache Wesenheit hinzustellen. [Wie der Mensch aus drei Leibern besteht: dem physischen Leib, dem seelischen Leib und dem geistigen Leib. Der, der wirklich würdig in die geistige Welt schaut, sieht, wie sich diese drei Teile des Menschen zusammengliedern.] Und da stellt sich zunächst das dar, was wir mit Augen sehen, mit Ohren hören können: seine Körperlichkeit. Dann zeigt sich seine Seele. Sodann gliedert die Geisteswissenschaft weiter und höher hinauf. Heute interessiert uns nur noch der Geist; also diese drei: Leib, Seele, Geist. Diese drei sind zusammen hier. Wer aber hineinschaut in die geistige Welt, muss wissen, wie sie sich aus dem Übersinnlichen herausgliedern, diese drei. Erst wenn das gezeigt ist, wie der unsterbliche Geist der Helena sich mit einer Seele verbindet und die Verbindung von Seele zu Leib geschieht, dann erst kann Faust sich nähern der wieder in die Menschheit eintretenden Helena, [dann ist er würdig für die geistige Welt]. Und daraus kann der Mensch sehen — denn die Geistesforschung zeigt es ihm, was Goethe aber wusste: die Anschauung von der Wiederverkörperung der innersten menschlichen Wesenheit.
[ 24 ] Here, Theosophy shows that it is justified to view the human being as a threefold being. [Just as the human being consists of three bodies: the physical body, the soul body, and the spiritual body. Those who truly look into the spiritual world with worthy eyes see how these three parts of the human being are structured.] And what first presents itself is what we can see with our eyes and hear with our ears: the physical body. Then the soul reveals itself. Thereafter, spiritual science delves further and higher. Today we are interested only in the spirit; that is, these three: body, soul, and spirit. These three are present here together. But anyone who looks into the spiritual world must know how these three are structured from the supersensible realm. Only when it has been shown how Helena’s immortal spirit unites with a soul, and the connection between soul and body takes place, only then can Faust approach Helena as she re-enters humanity, [then he is worthy of the spiritual world]. And from this, a person can see—for spiritual research reveals it to them, though Goethe already knew it—the concept of the reincarnation of the innermost human being.
[ 25 ] Es mag ganz sonderbar erscheinen, wenn heutzutage als von etwas ganz Gewissem gesprochen wird, dass Goethe zu eigen war die Idee der Wiederverkörperung. Aber so ist es in der Tat, dass das, was in uns lebt, nicht einmal, sondern oft und oft wiederkehrt. Allmählich nähert sich unserer Zeit, was einstmals unserer Zeit die höchste Befriedigung sein wird, die höchste Befriedigung gewähren wird, [wo diese Idee, die den Menschen den höchsten Trost geben wird, als Wahrheit ihnen erscheinen wird, wo sie populär werden wird. Nur allmählich kommen die Wahrheiten]. Der Welt zu Goethes Zeit gegenüber musste der Mensch eine solche Wahrheit noch tief in seine Seele verschließen, aus diesem und noch einem andern Grunde: weil er wusste, wie unendlich vielgliedrig, und vieldeutig die Wahrheit ist [sobald wir uns der geistigen Welt nähern], und wie menschliche Worte so leicht geeignet sind, diese Wahrheit mit zu scharfen Konturen darzustellen. Daher konnte Goethe nicht anders als in Andeutungen aussprechen, was in der Tiefe seiner Seele lebte. Andeutend sprach er es aus im zweiten Teil des «Faust». Auch in seinem «Wilhelm Meisters Wanderjahre» spricht er es aus, was des Menschen innerste Wesenheit ist, das Wiedererscheinen, um den Urenkeln zum Nutzen in dieser Welt zu sein:
[ 25 ] It may seem quite strange today to speak as if it were an absolute certainty that the idea of reincarnation was characteristic of Goethe. But it is indeed true that what lives within us returns not just once, but time and time again. Gradually, what will one day be the greatest source of satisfaction for our time—what will grant us the greatest satisfaction—is drawing near, [when this idea, which will give people the greatest comfort, will appear to them as truth, and when it will become widely accepted. Truths come only gradually]. Faced with the world of Goethe’s time, a person still had to lock such a truth deep within their soul, for this and another reason: because they knew how infinitely multifaceted and ambiguous truth is [as soon as we approach the spiritual world], and how human words are so easily prone to depicting this truth with contours that are too sharp. Therefore, Goethe had no choice but to express in hints what lived in the depths of his soul. He expressed it in hints in the second part of Faust. In his Wilhelm Meister’s Journeyman Years, too, he articulates what constitutes the innermost essence of the human being: the reappearance to be of benefit to one’s great-grandchildren in this world:
[... wir hoffen, dass eine solche Entelechie,
[... we hope that such an entelechy,
[ 26 ] das heißt die innerste Wesenheit des Menschen,
[ 26 ] that is, the innermost essence of a human being,
sich nicht ganz aus unserm Sonnensystem entfernen, sondern, wenn sie an die Grenze desselben gelangt ist, sich wieder zurücksehnen werde, um zugunsten unsrer Urenkel in das irdische Leben und Wohltun wieder einzuwirken].
will not completely leave our solar system, but rather, once it reaches its outer limits, will yearn to return, so that it may once again influence earthly life and do good for the benefit of our great-grandchildren].
[ 27 ] Er spricht es schon bedeutungsvoll aus, nur verbirgt er seine tiefste Überzeugung, weil die Menschen noch nicht reif waren, [zu dieser Idee, die sich konsequent allmählich auch aus der Naturwissenschaft ergeben wird].
[ 27 ] He already articulates it in a meaningful way, but he conceals his deepest conviction because people were not yet ready [for this idea, which will eventually emerge gradually from the natural sciences as well].
[ 28 ] Dichterisch hat er diese Idee im zweiten Teil des «Faust» ausgedrückt. Er zeigt, dass ein Glied der menschlichen Wesenheit da ist, das zusammen-, hinzutreten muss mit, respektive zu dem Körperlichen, um den ganzen Menschen in die Sinneswelt hineinzustellen: dass es ein Seelisches gibt. Und er war vertraut mit der Bezeichnung für dieses, was zwischen Geist und Leib steht. Die alte Bezeichnung kannte es. Man nannte es in der mittelalterlichen Literatur den «kleinen Menschen» in dem großen Menschen, dasselbe, was man in der indischen Literatur «purusha» nennt, das, was als kleine Wesenheit in unzähligen Persönlichkeiten den Menschen durchsetzt - Homunculus nannte man es. Es ist die Seele, noch nicht der Geist. Daher kann zu dieser Seele vordringen auch [derjenige, der] noch nicht zum Geiste sich erhebt. [Um dies symbolisch zu verhüllen, lässt Goethe den Wagner, der
[ 28 ] He expressed this idea poetically in the second part of Faust. He shows that there is a component of human being that must unite with—or, rather, approach—the physical in order to place the whole human being within the sensory world: that there is a spiritual aspect. And he was familiar with the term for this entity that stands between spirit and body. The ancient terminology recognized it. In medieval literature, it was called the “little human” within the “great human”—the same entity referred to in Indian literature as “purusha,” that which permeates humanity as a small entity within countless personalities—it was called the homunculus. It is the soul, not yet the spirit. Therefore, even [one who] has not yet risen to the level of the spirit can penetrate to this soul. [To symbolically veil this, Goethe has Wagner, who
mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet,
digs for treasure with a greedy hand And is happy when he finds earthworms,
[ 29 ] den Homunculus finden.]
[ 29 ] find the homunculus.]
[ 30 ] Goethe spricht sehr genau, viel genauer, als die Menschen gewöhnt sind zu lesen. Es soll ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass man [es bei dem Homunculus] nicht mit etwas zu tun hat, was der Sinnenwelt angehört, sondern zu ihr hinzukommt. Daher prägt er ein besonderes Bild für die Entstehung des Homunculus. Alles Entstehen nennt man ein Erzeugen. Da prägt er selbst ein Wort, [wie er schon einmal im «Faust» für den über sich hinausstrebenden Menschen in der Erdgeist-Szene das Wort «Übermensch» geprägt hatte]: «Überzeugung» und meint mit Über-zeugung, was sich erstreckt über den gewöhnlichen Menschen hinaus. Das ist es, um was es sich in der Szene mit Wagner handelt. Lesen Sie die Stelle:
[ 30 ] Goethe speaks very precisely—much more precisely than people are accustomed to reading. It should be explicitly noted that [in the case of the homunculus] we are not dealing with something that belongs to the sensory world, but rather with something that is added to it. For this reason, he coins a special image to describe the creation of the homunculus. All coming into being is called “creation.” Here he coins a word himself, [just as he had once before in Faust for the human being striving beyond himself in the Earth Spirit scene, when he coined the term “Übermensch”]: “Überzeugung,” and by “Über-zeugung” he means that which extends beyond the ordinary human being. That is what the scene with Wagner is all about. Read the passage:
Es wird! die Masse regt sich klarer,
Die Überzeugung wahrer, wahrer.
It is happening! The masses are stirring with greater clarity,
Their conviction growing truer and truer.
[ 31 ] [Lesen Sie nach, was darüber gewöhnlich in den Kommentaren steht.] Goethe wollte darauf hinweisen, dass die Seelenzeugung eine Über-zeugung ist. Solche Schriften, die aus der Inspiration hervorgehen, muss man genau lesen; sie halten es aus.
[ 31 ] [Read what is usually said about this in the comments.] Goethe wanted to point out that the creation of the soul is a conviction. Such writings, which spring from inspiration, must be read carefully; they stand up to close scrutiny.
[ 32 ] [Jetzt haben wir nun also erst die Seele.] Helena soll dem Faust auf der Erde erscheinen. Faust will sie auf der Erde in seinem Besitz haben. Im Homunculus haben wir erst die Seele der Helena. Diese Seele muss sich erst mit dem Körper vereinigen, dann kann der Geist erst hineintreten.
[ 32 ] [So now we have only the soul.] Helena is to appear to Faust on earth. Faust wants to have her in his possession on earth. In the homunculus, we have only Helena’s soul. This soul must first unite with the body; only then can the spirit enter it.
[ 33 ] Jetzt wird gezeigt, wie das Körperliche dem Seelischen eingelagert ist. Zu diesem Zwecke muss der Homunculus geführt werden in eine Welt, wo man weiß, wie das Seelische hineingegliedert werden kann.
[ 33 ] Now we will show how the physical is embedded within the soul. To this end, the homunculus must be guided into a world where one knows how the soul can be integrated into it.
[Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
[He is not lacking in intellectual qualities,
[ 34 ] — Geistig ist trivial-seelisch gebraucht.
Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften. Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht, Doch wär’ er gern zunächst verkörperlicht.]
[ 34 ] — Mentally trivial, emotionally worn out.
But all too focused on tangible competence. So far, only the glass gives him substance, yet he would like to be embodied first and foremost.]
[ 35 ] Er sollte verkörperlicht werden dadurch, dass er den naturgemäßen Weg nimmt, wie der Mensch sich entwickelt; sich dazu entwickeln im Sinne der Weisheit, die zum Beispiel Thales gelehrt hat. Der führt ihn zum Proteus. Er muss das gelehrt werden und dahin geführt werden, wo die Elemente walten, damit sie sich eingliedern in seine Seele. [Er muss geführt werden in die klassische Walpurgisnacht, wo die Elemente walten, damit in sie sich seine Seele eingliedern kann.] Thales gibt ihm den Rat,
[ 35 ] He should be embodied by following the natural path of human development; by evolving in accordance with the wisdom taught, for example, by Thales. This leads him to Proteus. He must be taught this and guided to the place where the elements reign, so that they may become integrated into his soul. [He must be guided into the classical Walpurgis Night, where the elements reign, so that his soul can become integrated into them.] Thales gives him the advice,
von vorn die Schöpfung anzufangen
to start creation all over again
[ 36 ] — durchzumachen —, gibt dem Homunculus den Rat, mit dem mineralischen Reich zu beginnen, dann weiter durch das Pflanzenreich. [So kommt er zunächst zu Anaxagoras. Dann sucht er sich die Gesetze des Pflanzenreiches einzuordnen.] Goethe findet einen Ausdruck für das Durchgehen durch das Pflanzenreich:
[ 36 ] — to go through —, advises the Homunculus to begin with the mineral kingdom and then continue through the plant kingdom. [Thus, he first comes to Anaxagoras. Then he seeks to classify the laws of the plant kingdom.] Goethe finds a way to express this journey through the plant kingdom:
Es grunelt so.
It's growling like that.
[ 37 ] Dies bezeichnet das Durchgehen der Seele durch das pflanzliche Element; denn
[ 37 ] This refers to the soul’s passage through the plant element; for
bis zum Menschen hast du Zeit
You have time until you become human
[ 38 ] wird gesagt. [Von vorne an durch die Reiche der Natur hindurch muss Homunculus sich verkörperlichen.]
[ 38 ] it is said. [From the very beginning, through the realms of nature, the homunculus must take on a physical form.]
[ 39 ] Das Ganze, was sich da in der Walpurgisnacht vollzieht, ist die Eingliederung des Körperlich-Leibhaftigen in die Seele, sodass wir am Schlusse die Verbindung vor uns haben der Seele mit dem Leibe. Die Seele oder Homunculus wird charakterisiert so, dass, als Faust, [noch paralysiert durch Helena], im Bette liegt, er einen Traum hat. Da kann Homunculus hineinschauen in den Traum des «Faust» und die Vorgänge beschreiben. [Weil er noch der Seelenwelt angehört, da konnte er ihn sehen.] Jedes Wort im zweiten Teil des «Faust» könnte zum Hinweis werden für das Zusammenschließen der Seele mit dem Leibe. Sobald diese Verbindung geschlossen ist, kann der Geist aufgenommen werden, der in früheren Verkörperungen dagewesen ist. [Am Ende des zweiten Aktes ist die Seele verbunden mit dem Körper.] Im dritten Akt erscheint uns die Reinkarnierung der Helena, [nachdem Faust in allen Einzelheiten erkannt hatte, wie Leib, Seele und Geist sich zusammengliedern]. Jetzt hat der «Faust» sie so vor sich, wie er sie vor sich haben kann als äußeren Menschen.
[ 39 ] The entire process that takes place on Walpurgis Night is the incorporation of the physical, corporeal into the soul, so that in the end we are presented with the union of the soul and the body. The soul, or Homunculus, is characterized by the fact that when Faust—[still paralyzed by Helena]—lies in bed, he has a dream. There, the Homunculus can look into “Faust’s” dream and describe the events. [Because he still belongs to the world of the soul, he was able to see him.] Every word in the second part of Faust could serve as a clue to the union of the soul with the body. As soon as this union is established, the spirit that existed in earlier incarnations can be received. [At the end of the second act, the soul is united with the body.] In the third act, the reincarnation of Helena appears to us, [after Faust had come to understand in every detail how body, soul, and spirit are united]. Now “Faust” sees her before him just as he can see her as an external human being.
[ 40 ] Gleichzeitig wird uns aber in diesem Gedicht gezeigt, wie die Seelenkräfte des Faust immer mehr sich regen. [Indem sich ihm das gewaltige Ereignis einer Reinkarnation darstellt, sodass er es erkennt, wachsen seine Seelenkräfte.] Die Eigenschaft einer solchen Dichtung ist, dass neben dem, was äußerlich gezeigt wird, gleichzeitig ein inneres Seelenerlebnis steht. Indem er erkennt und schaut, wachsen seine Seelenkräfte. Was sich abspielt, wird zum Hinaufentwickeln seiner Seele. Er kommt mystisch weiter. Da wird uns ein Spiegelbild dargestellt von dem, was Faust in seiner Seele erlebt.
[ 40 ] At the same time, however, this poem shows us how Faust’s spiritual powers are increasingly stirred. [As the momentous event of reincarnation reveals itself to him, allowing him to recognize it, his spiritual powers grow.] The characteristic of such poetry is that, alongside what is shown externally, there is simultaneously an inner spiritual experience. As he recognizes and observes, his spiritual powers grow. What unfolds serves to elevate his soul. He advances on a mystical path. Here we are presented with a mirror image of what Faust experiences in his soul.
[ 41 ] Aus der Verbindung des Faust mit der Helena kommt hervor der Euphorion, das Kind des Faust und der Helena. Dargestellt soll werden, wie Fausts Seele gleichsam eine Ehe eingegangen ist mit der geistigen Welt. Indem sie ihre Kräfte hinaufsteigert, fühlt die Seele etwas wie eine geistige Ehe. Und das, was heraufsteigt dann in ihm, erscheint ihm wie ein Bild der äußeren geistigen Welt. [Da fühlt die Seele die übersinnliche Erkenntnis wie ein Kind von sich mit dem Universum. So ist Euphorion wie ein Bild der mystisch innerlichen Erkenntnis.]
[ 41 ] From the union of Faust and Helena comes Euphorion, the child of Faust and Helena. The intention is to depict how Faust’s soul has, as it were, entered into a marriage with the spiritual world. As it elevates its powers, the soul experiences something like a spiritual marriage. And what then rises within him appears to him as an image of the external spiritual world. [There the soul feels supersensory knowledge as if it were a child of the universe. Thus, Euphorion is like an image of mystical inner knowledge.]
[ 42 ] So wird uns gezeigt ein Bild der geistigen Erfahrung des Faust selbst. [Und zugleich soll nun die Stufe angegeben werden, auf der Faust jetzt steht]. Er ist noch nicht so weit wie der, der seine übersinnliche Erfahrung dauernd festhalten kann; nur gewisse Blicke hineintun kann er in die geistige Welt, dann muss er wieder zurückkehren in das gewöhnliche äußere Leben. Und diese Erfahrung macht der sich entwickelnde Mystiker. [In einem Festesaugenblick schließt sich ihm die geistige Welt auf.] Er weiß, wie das Wieder-Heruntersinken aus den geistigen Erfahrungen die Seele berührt, kennt jene Seelenstimmung, wo das, was Erkenntnis war, wieder heruntersinkt und die Seele dem nachruft. Das klingt wider aus den Worten des Euphorion, der jung stirbt und der [aus dem Schattenreiche] ruft:
[ 42 ] Thus we are shown a picture of Faust’s own spiritual experience. [And at the same time, the stage at which Faust now stands is to be indicated]. He has not yet reached the point where he can sustain his supersensory experience; he can only catch brief glimpses into the spiritual world, after which he must return to ordinary external life. And this is the experience of the developing mystic. [In a moment of ecstasy, the spiritual world opens up to him.] He knows how the descent from spiritual experiences affects the soul; he is familiar with that state of mind in which what was once knowledge sinks back down, and the soul calls out after it. This echoes the words of Euphorion, who dies young and calls out [from the realm of shadows]:
Lass mich im düstern Reich,
Mutter, mich nicht allein!
Don't leave me alone, Mother,
in this dark realm!
[ 43 ] Das ist jene Stimmung, die unsere Seele empfindet: Sie muss nach ihren Erkenntnissen, die ihr wieder entschwunden sind.
[ 43 ] That is the feeling our soul experiences: it longs for the insights that have once again slipped away from it.
[ 44 ] So wunderbar schildert Goethe in den Vorgängen das, was als innerliches Seelenerlebnis des Menschen bei seinem Fortschreiten in die geistige Welt erscheinen kann. Faust muss aber weiter, wenn das, was er erlebt, wieder schwindet. [Die Seele muss wiedererlangen, was sie einmal geschaut.] Dargestellt ist das darin, dass ihm, dem Faust, der Schleier und das Kleid der Helena zurückbleiben. So bleibt einer solchen Persönlichkeit die Erinnerung nur von dem Geist-Erlebnis. Faust muss weiter. Auch diese Schritte werden voll charakterisiert von Goethe. Da wird zunächst gezeigt, wie schwierig es ist — selbst für den, der tiefere Blicke hineingetan hat in das Geistige —, sich zu hüten vor dem, was noch als letzte mephistophelische Kräfte in der Welt wirken: Faust wird im [vierten] Akt Heerführer, soll eine menschliche Tat entfalten. Er ist noch nicht so weit, dass er rein geistige Kräfte ins Feld führen kann. Es mischt sich immer noch in dem, was um ihn ist, das Mephistophelische. [Es ist noch nicht durchscheinbar, was für Kräfte Faust in die Welt führt.] Da werden vorgeführt die Rüstungen aus alten Rüstkammern. [Nicht nur das Natürliche, auch die Geschichte], das Historische tritt hier auf. Der Weg ist weit, den der Mensch zu machen hat, um reif zu werden und der Natur gegenüberzustehen. In die Anschauung der Natur können sich da die Mächte der Täuschung hineinmischen. [Ja, mit Natur- und Geschichtserkenntnis kann man sehr weit kommen]. Die mephistophelischen Mächte mischen sich hinein in das, was als Rüstungen dargestellt wird. Wir stehen nicht mit reiner Erkenntnis den Erscheinungen gegenüber, das soll der vierte Akt auch noch zeigen.
[ 44 ] Goethe so wonderfully depicts in The Events what may appear as a person’s inner spiritual experience as they progress into the spiritual world. But Faust must move on when what he experiences fades away again. [The soul must regain what it once beheld.] This is depicted in the fact that the veil and Helena’s gown remain with him, Faust. Thus, such a personality is left with only the memory of the spiritual experience. Faust must move on. Goethe also fully characterizes these steps. First, he shows how difficult it is—even for one who has gained deeper insights into the spiritual realm—to guard against what still acts in the world as the last Mephistophelean forces: In the [fourth] act, Faust becomes a military leader and is to carry out a human deed. He is not yet ready to lead purely spiritual forces into the fray. The Mephistophelean still mingles with what surrounds him. [It is not yet clear what kind of forces Faust is bringing into the world.] There, the armor from ancient armories is displayed. [Not only the natural, but also history]—the historical element makes its appearance here. The path that humanity must travel to reach maturity and stand up to nature is a long one. The powers of deception can intrude upon the contemplation of nature. [Yes, with knowledge of nature and history, one can go very far]. The Mephistophelean forces interfere with what is depicted as armor. We do not confront phenomena with pure knowledge; the fourth act will also demonstrate this.
[ 45 ] Faust muss immer mehr geläutert werden, dass er frei werde von alledem, was unseren Begierden von mephistophelischer Macht noch anhaftet. Das ist schwer. Dass er sie nicht sieht, macht es dem Menschen so schwer, sich frei zu machen von diesen Mächten. [Immer wieder treten Dinge an uns heran, in denen sich der Mephisto verbirgt.] Faust durchschaut noch nicht, wie die Elemente, die zum Trug führen können, sich hineinmischen in die Taten des Bergvolkes. Solange man nicht hineinschauen kann in diese Mächte, so lange kann man nicht frei von ihnen werden. Man muss es dahin bringen, dass man ihm — dem Mephisto — leibhaftig gegenübersteht, dann erscheint er in der Gestalt, wie er uns in allen religiösen Urkunden dargestellt wird, dann erscheint er als der Versucher. Dann wissen wir, was in uns Gewalt hat. So muss sich als Versucher der Mephisto dem Faust darstellen, muss aus der Unbewusstheit in die Bewusstheit herauftreten. [Dann erst weiß Faust, was die mephistophelische Kraft ist. Er muss sich jener Macht als einem Versucher gegenüberstellen.] Goethe deutet auch das genau an, dass Faust im Laufe seiner übersinnlichen Entwicklung dem Mephisto in Gestalt des Versuchers gegenübertritt, indem er ihn sagen lässt:
[ 45 ] Faust must be purified more and more so that he may be freed from everything that still clings to our desires through Mephistophelean power. This is difficult. The fact that he does not see it is what makes it so hard for a person to free himself from these powers. [Time and again, things approach us in which Mephisto hides.] Faust does not yet see through how the elements that can lead to deception intermingle with the deeds of the mountain people. As long as one cannot see into these powers, one cannot become free of them. One must bring it to the point where one stands face to face with him—Mephisto—in the flesh; then he appears in the form in which he is depicted in all religious texts; then he appears as the tempter. Then we know what holds power over us. Thus, as the tempter, Mephisto must reveal himself to Faust; he must emerge from the unconscious into consciousness. [Only then does Faust know what the Mephistophelean power is. He must confront that power as a tempter.] Goethe also explicitly hints that, in the course of his supernatural development, Faust confronts Mephisto in the form of the tempter by having him say:
Doch, dass ich endlich ganz verständlich spreche,
Gefiel dir nichts an unsrer Oberfläche?
Du übersahst, in ungemessnen Weiten,
Die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten.
Doch, ungenügsam, wie du bist,
Empfandest du wohl kein Gelüst?
But, so that I may finally speak quite clearly,
Did nothing on our surface please you?
You overlooked, in boundless expanses,
The realms of the world and their splendors.
Yet, insatiable as you are,
Did you feel no desire?
[ 46 ] Die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten: Den Versucher in demselben Sinne, wie er in den Evangelien spricht, lässt Goethe dem Faust gegenübertreten und die Herrlichkeiten der Welt anbieten. [Der Mensch will sie besitzen, solange die mephistophelische Kraft in ihm Macht hat.] Der Mensch muss verzichten auf das, was die Dinge sind. [Auch das geht nur stufenweise.] Faust lernt verzichten. Er ist so weit, dass er sie ausschlägt, diese Herrlichkeiten [als unmittelbaren Besitz; er nimmt sie zu Lehen, nicht, weil er sie besitzen will, sondern weil er sie fruchtbar machen will]. Er möchte ein Stück Land, das er dem Meere abgewinnen kann, er will
[ 46 ] The riches of the world and their splendors: Goethe has Faust confront the Tempter—in the same sense as he speaks in the Gospels—who offers him the splendors of the world. [Man desires to possess them as long as the Mephistophelean force holds sway within him.] Man must renounce what things are. [This, too, can only happen gradually.] Faust learns to renounce. He has reached the point where he rejects these glories [as immediate possessions; he takes them on loan, not because he wants to possess them, but because he wants to make them fruitful]. He would like a piece of land that he can reclaim from the sea; he wants
auf freiem Grund mit freiem Volke stehn,
to stand on free soil with a free people,
[ 47 ] will verwirklichen:
[ 47 ] wants to achieve:
Die Tat ist alles.
Action is everything.
[ 48 ] Er will arbeiten selbstlos, nicht für seinen persönlichen Besitz, nicht für seinen Egoismus. Das ist die Antwort, die er dem Mephisto gibt, der ihm anbietet
[ 48 ] He wants to work selflessly, not for his personal gain, not for his own selfish interests. That is the answer he gives to Mephisto, who offers him
die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten.
The kingdoms of the world and their splendors.
[ 49 ] Er schlägt sie aus, selbst in der Gestalt des kleinen Stücks Landes.
[ 49 ] He drives them out, even in the form of that small piece of land.
[ 50 ] Aber [erst eine Stufe auf dem Weg zum Abstreifen des Egoismus ist dadurch überschritten, noch immer haftet ihm etwas von Selbstsucht an]. Verzichten kann er noch nicht auf den freien Ausblick. Das, was er dem Meere abgewinnen will, will er noch so, dass es ihm frei vor dem äußeren Blick erscheine. Es behindert ihn an diesem freien Ausblick die Hütte von Philemon und Baucis. Das ist ein Zeichen, dass er die letzte Stufe des Egoismus noch nicht überschritten hat. Dazu aber, nochmals solchen Irrtum zu begehen, [muss sozusagen der letzte Rest von mephistophelischer Kraft in ihm eingreifen], muss Mephisto die Hand im Spiele haben: Der ist es, der die Hütte abbrennt, die den alten Leuten gehört.
[ 50 ] But [this represents only one step on the path toward shedding selfishness; a trace of self-interest still clings to him]. He cannot yet give up the unobstructed view. What he seeks to gain from the sea, he still wants it to appear freely before the outside gaze. Philemon and Baucis’s hut obstructs this unobstructed view. This is a sign that he has not yet crossed the final threshold of selfishness. But in order to commit such an error once again, [the last remnant of Mephistophelean power within him must, so to speak, come into play]; Mephisto must have a hand in the matter: it is he who burns down the hut belonging to the old couple.
[ 51 ] Jetzt tritt an Faust etwas heran, was aus Erfahrung auch der kennt, der fortgeschritten ist. [Er verfällt einer letzten Gefahr.] [Der, der so auf sinnlichen Besitz verzichten kann, aber noch nicht den Ausblick vermissen kann.] Ihm können die Dinge der Außenwelt nichts anhaben; nichts anhaben Mangel, Not, Schuld. Von den Fesseln dieser Dinge ist er befreit. Dasjenige aber, was am Letzten sich wegbegibt von unserer Seele und was haftet, bis der letzte Rest von Egoismus geschwunden ist, das ist die Sorge. [Die wird er nicht los, bis der letzte Rest von Egoismus geschwunden.] Die Sorge! Von ihr gibt es eine weit, weit höhere Gestalt, eine weit, weit himmlischere Gestalt, als die uns im gewöhnlichen Leben entgegentritt. Wenn der Mensch in der Nacht sich im Bett wälzt und nicht schlafen kann vor Sorge, [so ist das auch ein Zeichen, dass er nicht in die geistige Welt eingetreten ist, in der er nachts sein sollte]. Im Sinnbild erscheint sie: wie er nicht hereingelassen wird in die geistige Welt, die höhere Gewalt der Sorge. Die Sorge gibt es, solange er verkettet ist mit der sinnlichen Welt. Der Mensch kann den Schlüssel finden und versperren sich den Weg von der geistigen Welt in die sinnliche hinunter. Wenn er noch nicht sich getrennt hat von allem in der sinnlichen Welt, dann schleicht die Sorge in sein Leben. [Sie verstopft ihm den Zugang zur geistigen Welt. Und so geschieht es auch mit Faust.] Dann zeigt sich auch, dass der Mensch noch etwas zu überwinden hat in seinem Wesen. Das drückt Goethe aus dadurch, dass er den Faust physisch erblinden lässt. Jetzt kann er nicht mehr diesen Egoismus zum Ausdruck bringen, äußerlich ist er erblindet. Doch
[ 51 ] Now Faust faces something that even those who are advanced know from experience. [He falls prey to a final danger.] [He who can thus renounce sensual possessions but cannot yet do without the view.] The things of the outside world can do him no harm; neither want, nor hardship, nor guilt can harm him. He is freed from the bonds of these things. But that which is the very last to depart from our soul—and which clings until the last remnant of selfishness has vanished—that is worry. [He cannot rid himself of it until the last remnant of selfishness has vanished.] Worry! There is a far, far higher form of it, a far, far more heavenly form, than the one we encounter in ordinary life. When a person tosses and turns in bed at night and cannot sleep because of worry, [that, too, is a sign that he has not entered the spiritual world, where he ought to be at night]. It appears as a symbol: just as he is not admitted into the spiritual world—the higher power of worry. Worry exists as long as he is chained to the sensory world. A person can find the key and lock the path from the spiritual world down into the sensory world. If he has not yet separated himself from everything in the sensory world, then worry creeps into his life. [It blocks his access to the spiritual world. And this is exactly what happens to Faust.] Then it also becomes clear that the human being still has something to overcome within his nature. Goethe expresses this by having Faust physically go blind. Now he can no longer express this selfishness; outwardly, he has gone blind. Yet
im Innern leuchtet helles Licht
A bright light shines inside
[ 52 ] — helleres. Jetzt ist Faust so weit, in der geistigen Welt drinnenzustehen.
[ 52 ] — brighter. Now Faust is ready to enter the spiritual world.
[ 53 ] Weil Goethe diese Geheimnisse wusste, sprach er das Wort bei der Zusiegelung seines Paketes, das den zweiten Teil des «Faust» enthielt, welches Goethes Testament an die Menschheit enthält. Er war befriedigt, weil er sich sagen konnte: Ich habe die Fähigkeiten, die ich mitgebracht in dieses Leben, so weit zum Ausdruck gebracht, wie ich in dieser Inkarnation konnte. — Er hatte es so weit gebracht. — Da die meisten schwer verstehen werden dieses Wort vom inneren Seelenwerden des Menschen herauf vom physischen zum geistigen Schauen und von den Möglichkeiten, die die Seele durchleben muss, um hinaufzukommen zu solchem geistigen Schauen, musste Goethe in Bildern darstellen, was heute erst in Worten dargestellt werden kann: was er wusste über die Geheimnisse des Daseins, über die übersinnlichen Kräfte des seelischen Lebens.
[ 53 ] Because Goethe knew these secrets, he spoke these words as he sealed his package, which contained the second part of Faust—Goethe’s testament to humanity. He was satisfied because he could say to himself: I have expressed the abilities I brought with me into this life to the fullest extent possible in this incarnation. — He had come this far. — Since most people will find it difficult to understand this word in terms of the inner development of the human soul—its ascent from physical to spiritual vision—and the processes the soul must undergo to attain such spiritual vision, Goethe had to depict in images what can only be described in words today: what he knew about the mysteries of existence and the supersensible powers of the soul’s life.
[ 54 ] Jetzt hatte er so viel von dem, was er begehrte in der Frankfurter Zeit. Aber er konnte es nur darstellen für die Menschheit in Bildern, weil er wusste, wie wenige Worte geeignet sind, das auszudrücken. Weil erst die Menschen ihre Worte prägen müssen — wie es jetzt die Geisteswissenschaft versucht —, um den ungeheuren Inhalt der übersinnlichen Welt zum Ausdruck zu bringen.
[ 54 ] Now he had so much of what he had longed for during his time in Frankfurt. But he could only portray it for humanity through images, because he knew how few words are adequate to express it. For it is only when people shape their words—as spiritual science is now attempting to do—that they can give expression to the immense content of the supersensible world.
[ 55 ] Des inneren Fortschrittes der Seele war sich Goethe bewusst. Er drückte es in Bildern aus. Wenn man den Ausdruck «mystisch» richtig versteht, dieses Erleben der Seele nennt man «mystisches Leben». Und weil Goethe dieses mystische Leben in diesem seinem gewaltigen Testament an die Menschheit zum Ausdruck bringt, lässt er ausklingen in dem «Chorus mysticus» das, was er der Menschheit zu bieten hat. Dass die Seele in sich schlummernde Kräfte hat, um dadurch ansichtig zu werden des Ewigen. Dadurch erhärtet sich für Goethe das Wort, dass alles Sinnliche der Welt ein Bild, ein Gleichnis ist für das Unvergängliche. Dasjenige, was Goethe fühlte, dass man mit Worten nur schwer die umfassenden Dinge der Seele charakterisieren kann, das wollte er andeuten dadurch, dass er in Bildern darstellt, was die Menschen nicht fassen können. Das, was sich nicht beschreiben, nur schauen lässt, stellt er als die innere Seelentat ganz realistisch hin. Was für äußere Sinne veranschaulicht werden kann, hier wird es im zweiten Teil des «Faust» getan. [Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis für das Unvergängliche, alles Sinnliche nur ein Bild für das Übersinnliche. Er fühlte, dass man mit Worten diese übersinnlichen Erscheinungen in ihren flüchtigen Bewegungen nur schwer darstellen kann. Was für das gewöhnliche Leben unzulänglich ist, das machte er zum Ereignis im «Faust».]
[ 55 ] Goethe was aware of the soul’s inner progress. He expressed it through imagery. If one understands the term “mystical” correctly, this experience of the soul is called “mystical life.” And because Goethe expresses this mystical life in his monumental testament to humanity, he concludes the “Chorus mysticus” with what he has to offer humanity: that the soul possesses powers slumbering within it, through which it may behold the eternal. This reinforces for Goethe the idea that everything sensory in the world is an image, a parable, of the imperishable. Goethe felt that it is difficult to characterize the all-encompassing aspects of the soul with words alone; he sought to hint at this by depicting in images what human beings cannot grasp. He presents—in a very realistic way—that which cannot be described but only beheld as an inner act of the soul. What can be illustrated to the external senses is done so in the second part of Faust. [Everything transitory is merely a parable for the imperishable; everything sensual is merely an image for the supersensual. He felt that it is difficult to depict these supersensual phenomena in their fleeting movements with words. What is inadequate for ordinary life, he made into an event in Faust.]
[ 56 ] Die Seele ist sich gewiss, dass es ein solches Reich gibt und dass sie sich hinaufarbeiten kann. Das fühlt sie: dass sie ist etwas wie ein Weibliches, das sich befruchten lässt von geistigen männlichen Kräften des Universums. Wenn sie sich verbindet mit allen solchen Schaffenskräften des Universums, dann fühlt sie sich diesen Kräften gegenüber in sich als das Ewig-Weibliche. Es ist Versündigung an der großen Natur Goethes, wenn man da profane Erklärungen dieses Satzes annimmt. [Das ewig Weibliche der Seele lässt sich in kosmischer Ehe von den Weltenkräften befruchten.] Das, was das Befruchtende des Universums heranzicht, ist das Weibliche, das ist, was Goethe sagen will. Das ist es, was uns erst durch Erlebnisse dargestellt ist, was er selbst erlebt hat — was der Mensch erleben kann in seinen mystischen Erfahrungen. [So klingen uns gewaltig jene Worte erst dann, wenn wir den Goethe-Faust ganz verstanden und erlebt haben.] Goethes «Faust» klingt aus in der Darstellung dieses Erlebens in dem mystischen Chor. [Was der Mensch erreichen kann in mystischer, geistesforscherischer Entwicklung, ist zusammengefasst in die grandiosen Sätze, die für jede strebende Seele gelten.]
[ 56 ] The soul is certain that such a realm exists and that it can work its way up to it. It feels this: that it is something like a feminine force that allows itself to be fertilized by the spiritual masculine forces of the universe. When it unites with all such creative forces of the universe, it feels itself, in relation to these forces, to be the Eternal Feminine. It is a betrayal of Goethe’s great nature to accept profane explanations of this sentence. [The eternal feminine of the soul allows itself to be fertilized by the forces of the world in a cosmic marriage.] What the fertilizing force of the universe seeks out is the feminine; that is what Goethe means. This is what is revealed to us only through lived experience—what he himself experienced—what a human being can experience in their mystical experiences. [Only then do those words resonate powerfully with us—once we have fully understood and experienced Goethe’s Faust.] Goethe’s Faust culminates in the depiction of this experience in the mystical chorus. [What a human being can attain through mystical and spiritual-scientific development is summarized in the magnificent sentences that apply to every striving soul.]
Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichnis Das Unzulängliche, Hier wird’s Ereignis; Das Unbeschreibliche, Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche Zieht uns hinan.
All that is fleeting Is but a parable The inadequate, Here it becomes an event; The indescribable, Here it is accomplished;
The eternally feminine Draws us upward.
