Goethe and the Present
GA 68c
22 September 1909, Basel
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Goethe and the Present, tr. SOL
26. Die Geisteswissenschaftliche Bedeutung des «Faust»
26. The Spiritual-Scientific Significance of “Faust”
Meine sehr verehrten Anwesenden!
Ladies and gentlemen!
[ 1 ] Es war im Spätsommer des Jahres 1831 — also [nicht ganz] ein Jahr vor Goethes Tod —, da siegelte der große Dichter ein Paket ein. Der Inhalt dieses Paketes sollte liegen bleiben bis nach seinem Tod.
[ 1 ] It was in the late summer of 1831—that is, [not quite] a year before Goethe’s death—that the great poet sealed a package. The contents of this package were to remain sealed until after his death.
[ 2 ] Das, was Goethe damals einsiegelte, das war der Abschluss seines großen Lebenswerkes, das war der zweite Teil seines «Faust», wie er uns heute vorliegt. Und bedeutungsvoll klingen die Worte, die Goethe damals zu einem seiner Freunde sprach, als er diese seine große Dichtung vollendet hatte. Da sagte er: Damit ist mein Lebenswerk vollendet, und es ist im Grunde genommen gleichgültig, was ich jetzt noch tue und ob ich überhaupt noch etwas tue.
[ 2 ] What Goethe sealed at that time was the conclusion of his great life’s work—the second part of his Faust, as we know it today. And the words Goethe spoke to one of his friends back then, after he had completed this great poem of his, ring with significance. He said: “With this, my life’s work is complete, and it is, in essence, irrelevant what I do now—or whether I do anything at all.”
[ 3 ] Es ist ein eigentümliches Gefühl, das unsere Seele beschleichen muss, wenn wir eine solche Persönlichkeit angekommen sehen auf der Höhe des Lebens und zu gleicher Zeit im Abend des Lebens und wenn eine solche Empfindung durch die Seele dieser Persönlichkeit zieht. Diese Äußerung Goethes schließt ja ein, dass unser Dichter fühlt etwas tief innerlich Abgeschlossenes in seinem Lebenswerk: Er fühlt sozusagen zum Ende und zum Ziel gebracht etwas, woran er lange, lange — nicht Jahre, Jahrzehnte! — gearbeitet hatte. Und wenn wir daran denken, dass jenes Werk abgeschlossen ist, in das er seine höchsten Ideale und Lebensanschauungen hineingelegt hat, dann müssen wir einem solchen Werk eine ganz besondere Wichtigkeit beimessen — ein solches reiches, inhaltvolles Leben, das so von sich sprechen kann, mit einer solchen inneren Harmonie, mit dem Bewusstsein, an ein Ziel gekommen zu sein, [dass er der Welt gegeben, was er zu geben hatte, das ist die tiefe Bedeutung]. Hingegeben zu haben der Menschheit, was man als das Beste zu sagen hat! [Bei diesem großen Dichter kann man verstehen, wie sein Werk wächst mit der Entwicklung, immer reicher und reicher wird.]
[ 3 ] It is a peculiar feeling that must creep into our soul when we see such a personality having reached the pinnacle of life and, at the same time, the twilight of life, and when such a sensation passes through the soul of that personality. This statement by Goethe implies that our poet senses something deeply complete within his life’s work: he feels, so to speak, that he has brought to an end and to its goal something on which he had worked for a long, long time—not years, but decades! And when we consider that the work into which he poured his highest ideals and views on life is now complete, we must attach a very special significance to such a work—a life so rich and full of meaning that it can speak for itself, with such inner harmony, with the awareness of having reached a goal, [that he gave the world what he had to give—that is the profound meaning]. To have given humanity the very best one has to say! [With this great poet, one can understand how his work grows with his development, becoming ever richer and richer.]
[ 4 ] Einen Eindruck, was das bedeutet, können wir gewinnen, wenn wir uns zurückversetzen in des Dichters Leben, in jene Zeit, wo er im September des Jahres 1783 in Ilmenau einritzte in eine [Bretterwand] die Worte:
[ 4 ] We can get a sense of what this means by looking back at the poet’s life, to that time in September 1783 when he carved the following words into a [wooden wall] in Ilmenau:
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Above all the peaks
There is stillness,
In all the treetops
You can barely
Feel a breath of wind;
The little birds are silent in the forest.
Just wait, soon
You, too, will rest.
[ 5 ] Wenn wir auch ein solches Gedicht aus der Situation heraus verstehen müssen und vielleicht daran denken müssen, dass es in einer solchen Persönlichkeit wie Goethe aus dem Augenblick heraus geboren war - Abend war es —, aus der Abendstimmung heraus, so dürfen wir uns doch auch sagen, dass diese inhaltschweren Worte herausgeschrieben sind aus Goethes damaliger Stimmung, aus jener Stimmung schwerer Sorgen des inneren Lebens, als schwere Rätsel auf seiner Seele lasteten.
[ 5 ] Even though we must understand such a poem in the context of its situation—and perhaps bear in mind that, in a personality like Goethe’s, it was born of the moment — it was evening —, born of the evening mood, we may still say that these profound words were written from Goethe’s state of mind at that time, from that mood of deep inner turmoil, when heavy enigmas weighed upon his soul.
[ 6 ] Es war am Ende seines Lebens, da er wieder an der Stätte war, an welcher er diese Worte geschrieben hatte. Er las sie wieder in hohem Alter, und mit Tränen der Rührung blickte er zurück in diese Jugendstimmung. Was alles liegt in Goethes Leben zwischen zwei solchen Zeitpunkten! Was endlich liegt in Goethes Leben zwischen jener Zeit, da er begonnen hat, all seinen Erkenntnisdrang als ein Sehnen nach den Idealen des Lebens jugendlich in die [ersten] Partien des «Faust» hineinzulegen, und jenem Zeitpunkt kurz vor seinem Tode, der dieses Werk zum Abschluss bringt! Oh, es ist sehr eigentümlich, dass wir gerade bei diesem Werk des Dichters mehrere Schritte verfolgen können, wo es sich uns zeigt, wie es wächst und wächst mit des Dichters Persönlichkeit. Schon als er [in der Mitte] der Siebzigerjahre in Weimar eintraf, brachte er gewisse Partien seines «Faust» mit. Das war die erste Gestalt, wie er seine Lebensideale und -rätsel zum Ausdruck brachte. Diese Gestalt lag lange nicht gedruckt vor - [sie hat sich] erhalten bis zum neunzehnten Jahrhundert, [da wurde sie] gefunden im Nachlass eines weimarischen Hoffräuleins. Wiedergefunden beim Eröffnen des Archivs, wurde im Jahre 1790 der «Faust» als Fragment gedruckt. [Von da an wächst der «Faust» immer mehr.]
[ 6 ] It was toward the end of his life that he returned to the place where he had written these words. He read them again in his old age, and with tears of emotion he looked back on that youthful spirit. How much lies in Goethe’s life between two such moments! How much, indeed, lies in Goethe’s life between that time when he began, in his youth, to pour all his thirst for knowledge—as a yearning for the ideals of life—into the [first] parts of Faust, and that moment shortly before his death, when he brought this work to a close! Oh, it is very peculiar that it is precisely in this work of the poet’s that we can trace several stages, where it reveals to us how it grows and grows along with the poet’s personality. Even when he arrived in Weimar [in the mid-]1770s, he brought certain sections of his Faust with him. That was the first form in which he expressed his life’s ideals and mysteries. This version remained unpublished for a long time—[it was] preserved until the nineteenth century, [when it was] discovered in the estate of a Weimar court lady. Rediscovered upon the opening of the archive, “Faust” was printed as a fragment in 1790. [From then on, “Faust” continued to grow.]
[ 7 ] Heute soll es meine Aufgabe sein, diese gewaltige Dichtung mehr von außen her zu charakterisieren und damit die Vorbedingungen zu dem Vortrage von morgen, der in die tiefen Geheimnisse mehr eindringen soll, zu schaffen. Man hat viel gefabelt von der Unverständlichkeit des zweiten Teils. Dem gegenüber möchte ich einfach die Frage aufwerfen: Glauben Sie, dass eine solche Persönlichkeit wie Goethe an ihrem Lebensende ebenso leicht zu verstehen ist wie in früheren Jahren? Sollen wir nicht vielmehr uns bemühen, mit allen Kräften einzudringen in das, was er zu sagen hatte an seinem Lebensabend?
[ 7 ] Today, my task is to characterize this monumental work of poetry more from an external perspective and thereby lay the groundwork for tomorrow’s lecture, which is intended to delve deeper into its profound mysteries. Much has been said about the obscurity of the second part. In response, I would simply like to pose the question: Do you believe that a figure such as Goethe is just as easy to understand at the end of his life as he was in his earlier years? Should we not rather strive with all our might to penetrate what he had to say in his twilight years?
[ 8 ] In drei Gestalten haben wir den «Faust»: zunächst den jugendlichen «Faust», den man den ersten Teil nennt. Er liegt uns in jenem Manuskript vor, das in Weimar im Nachlass jenes Hoffräuleins gefunden wurde. In zweiter Gestalt aus dem Jahre 1790. Und eine dritte, die 1808 erschienen ist. Dies ist die Gestalt, in der uns auch jetzt der «Faust» als erster Teil vorliegt. In der Zeit von da bis in die Zwanzigerjahre [des neunzehnten Jahrhunderts] hinein hat Goethe nicht daran gedacht, seinen «Faust» fortzusetzen. [Wir werden sehen, wo eigentlich die Gründe dafür lagen.] Für Goethe war das Problem zu groß, um es ohne Weiteres zum Abschluss zu bringen. Erst 1820 nahm der Dichter in seiner höchsten Lebensreife das Werk wieder auf und führte es mit Energie und mit Kraft bis in sein letztes Lebensjahr aus. Oh, wir haben in Goethe einen Menschen, der mit den größten Lebensinhalten schon in seiner Jugend dasteht, aber zugleich eine Persönlichkeit, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in ihre eigene Seele blicken konnte und sagen: Jetzt bist du wieder ein Stück vorwärts gekommen.
[ 8 ] “Faust” exists in three versions: first, the youthful “Faust,” which is called the first part. It is preserved in the manuscript found in Weimar among the papers of that court lady. The second version dates from 1790. And a third, which was published in 1808. This is the version in which “Faust” is currently available to us as the first part. From that time until well into the 1820s [of the nineteenth century], Goethe had no intention of continuing his “Faust.” [We shall see what the actual reasons for this were.] For Goethe, the problem was too great to bring to a conclusion without further thought. It was not until 1820 that the poet, at the height of his maturity, took up the work again and carried it out with energy and vigor right up to the last year of his life. Oh, in Goethe we have a man who, even in his youth, had already come to terms with life’s greatest questions, but at the same time a personality who, decade after decade, could look into his own soul and say: “Now you have moved forward a little more.”
[ 9 ] [Und wenn wir sehen, wie hoch diese stets strebende Persönlichkeit über uns steht], muss uns nicht gerade der Drang beseelen zu verfolgen die Schritte, die er genommen zwischen dem ersten und dem zweiten Teile seines «Faust»? [Wahrlich, es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen den Etappen des ersten Teiles des «Faust» und zwischen dem ersten und zweiten Teil.] Wenn wir zuerst die Gestalt, die 1775 hätte gedruckt werden können, ins Auge fassen, da würden wir sehen ein persönliches Werk, in dem Goethes eigenstes Sehnen und Streben eingeflossen ist. Alles, was Goethe gefühlt hat an Rätseln und tiefem Erleben, das hat er in dieses Werk hineingegossen.
[ 9 ] [And when we see how far above us this ever-striving personality stands], are we not inspired by the urge to trace the steps he took between the first and second parts of his Faust? [Truly, there is a vast difference between the stages of the first part of Faust and between the first and second parts.] If we first consider the version that could have been published in 1775, we would see a deeply personal work into which Goethe’s own longings and aspirations have flowed. Everything Goethe felt in terms of mysteries and profound experiences, he poured into this work.
[ 10 ] Dann finden wir jenes «Fragment», das 1790 uns zuerst vor Augen getreten ist. Da finden wir einen merkwürdigen Unterschied gegenüber dem ersten: Goethe ist bereits abgeklärter. Das, was uns zuerst als Persönlichkeit mit individueller Note und Nuance entgegentritt, ist mehr in das Unpersönliche und Abgeklärte hinaufgehoben. [Wir fühlen schon mehr, dass] das, was [da verhandelt wird, nicht nur den Goethe in seiner Jugend, sondern] uns Menschen mehr oder weniger alle angeht.
[ 10 ] Then we come across that “fragment” that first appeared before us in 1790. There we find a striking difference from the first one: Goethe is already more serene. What first strikes us as a personality with individual character and nuance has been elevated to something more impersonal and serene. [We already sense more strongly that] what is [being discussed here concerns not only the young Goethe, but] more or less all of us as human beings.
[ 11 ] Und nehmen wir dann die Gestalt von 1808 vor Augen, so finden wir, dass er [der «Faust»] mehr von dem Menschlichen ins Übermenschliche hineingerückt ist, in eine Sphäre, wo die Mächte des Himmels um den Menschen kämpfen und der Mensch hineingestellt wird in den Kampf des Guten und Bösen — insbesondere ausgedrückt in dem «Prolog im Himmel». Sehen wir im ersten Teil das Streben der Goethe-Seele wie ganz versenkt, als Mensch mitzutun, so sehen wir ihn 1808 hineingestellt in das ganze Menschenall, den Gesichtskreis erweitert von dem Menschlich-Persönlichen zu einem großen Weltentableau.
[ 11 ] And when we then consider the version from 1808, we find that it [“Faust”] has moved further from the human toward the superhuman, into a sphere where the powers of heaven battle over humanity and humanity is placed in the struggle between good and evil—as expressed in particular in the “Prologue in Heaven.” Whereas in the first part we see the striving of Goethe’s soul as if completely absorbed in participating as a human being, in 1808 we see him placed within the entire human cosmos, his horizon expanded from the human-personal to a grand worldly tableau.
[ 12 ] Aber im inneren Charakter finden wir, dass der erste Teil etwas enthält, was Goethe selbst im Lebensalter als etwas Persönliches, Unklares empfindet, nicht das allgemein Menschliche. Wer sich dahinein versenkt, findet darin etwas Theoretisches: Wie ein Mensch spricht, der vor ihm unbekannten Dingen steht, von denen er erst eine Ahnung hat. Der zweite Teil — so sonderbar das gegenüber den üblichen Vorurteilen klingen mag — ist ein realistisches Werk, herausgeflossen aus den ureigensten Erlebnissen, nachdem er von sich sagen konnte, er habe es zu einer befriedigenden Lösung aller Lebensfragen gebracht. [Dabei ist der zweite Teil noch höher hinausgehoben über das Persönliche]. Daher, wenn wir ihn richtig verstehen, erfüllt uns der «Faust» mit jener Befriedigung wie alle Literaturwerke, von denen wir sagen können: Hier hat sich eine künstlerische Individualität hinaufgerungen, die da spricht zu allen Menschen, zu innerer Ruhe, zu innerer Harmonie.
[ 12 ] But in its inner character, we find that the first part contains something that Goethe himself, even in his later years, perceived as personal and obscure—not something universally human. Anyone who immerses themselves in it will find something theoretical there: the way a person speaks when faced with things unknown to him, of which he has only a vague inkling. The second part—as strange as this may sound in light of common preconceptions—is a realistic work, springing from his very own experiences, after he could say of himself that he had arrived at a satisfactory resolution of all life’s questions. [In this respect, the second part rises even higher above the personal]. Therefore, if we understand it correctly, “Faust” fills us with that same satisfaction as all works of literature of which we can say: Here, an artistic individuality has risen to speak to all people, to inner peace, to inner harmony.
[ 13 ] Wie Goethe herausströmen ließ aus seinem tiefsten Innern den Inhalt des «Faust», kann uns Aufklärung geben, warum der erste Teil mehr theoretisch, der zweite mehr realistisch erzählt Goethes Erlebnisse, wie er das erlebt hat, was er gibt.
[ 13 ] The way Goethe allowed the content of Faust to flow from the depths of his being can help us understand why the first part is more theoretical, while the second part recounts Goethe’s experiences in a more realistic way, as he actually lived through them.
[ 14 ] Wenn wir Goethe in seinem «Faust» aufsuchen wollen, müssen wir uns sagen, dass das Ziel von vornherein in seiner Anlage von Kindheit an enthalten war. Deshalb ist es so bezeichnend, dass der siebenjährige Goethe sich bereits als Knabe unbefriedigt fühlte [von dem, was ihm seine Umgebung sagte] über die großen Untergründe des Lebens. Er kann es da natürlich nicht aussprechen, nur fühlen und empfinden; aber er empfindet in der Richtung, die er später in so scharfen Konturen hinstellen konnte. Und so finden wir, dass er eines Tages nach Ausdruck sucht für sein Empfinden gegenüber dem Göttlichen: Da nimmt er ein Notenpult, da legt er darauf dasjenige, was er an Naturprodukten finden kann in der Naturaliensammlung seines Vaters. Da hat er eine Art Altar sich errichtet, und durch die Erzeugnisse der Natur lässt er zu sich sprechen den Erzeuger, den schöpferischen Geist, der dahinter ist. Denn der siebenjährige Knabe hatte vor, dem Gotte, den er suchte, ein Opfer darzubringen. Und oben darauf stellt er eine Räucherkerze, und er nimmt ein Brennglas, sammelt die Strahlen der aufgehenden Sonne mit dem Brennglase und entzündet das Räucherkerzchen. Er hat seinem Gotte ein Opfer dargebracht an den Quellen der Natur selber. [Das ist die Richtung der Goethe’schen Seele, sein Hinstreben zu den Quellen des Lebens.] In seinen Erinnerungen sagt er selbst, dass er so als Knabe der Gottheit hat opfern wollen. Dieser Drang blieb in seiner Seele und prägte sich aus in all seinem späteren Streben.
[ 14 ] If we wish to explore Goethe in his Faust, we must recognize that the goal was inherent in his nature from childhood onward. That is why it is so telling that the seven-year-old Goethe, even as a young boy, already felt unsatisfied [with what those around him told him] about the great depths of life. Of course, he cannot put it into words at that point—he can only feel and sense it; but he senses it in the direction that he would later be able to articulate with such sharp clarity. And so we find that one day he sought a way to express his feelings toward the divine: He took a music stand and placed on it whatever natural objects he could find in his father’s collection of natural specimens. He had constructed a sort of altar for himself, and through the products of nature he allowed the Creator—the creative spirit behind them—to speak to him. For the seven-year-old boy intended to offer a sacrifice to the God he was seeking. And on top of it he placed an incense stick, and he took a magnifying glass, focused the rays of the rising sun with it, and lit the little incense stick. He had offered a sacrifice to his God at the very sources of nature itself. [This is the direction of Goethe’s soul, his striving toward the sources of life.] In his memoirs, he himself says that as a boy he wanted to make such an offering to the deity. This urge remained in his soul and shaped all his later endeavors.
[ 15 ] So sehen wir ihn, als er als Leipziger Student eigentlich Jurisprudenz studieren soll, beschäftigt hauptsächlich mit dem, was er aus der Naturwissenschaft der damaligen Zeit aufnehmen kann; und in allen andern Wissenschaften und Kenntnissen des Lebens sieht er sich um, so wie er am Ende der Sechzigerjahre [des siebzehnten Jahrhunderts] sich umgesehen hatte in allen Kenntnissen. Nicht [Einzelerkenntnisse aber sucht er], wie man sonst [als junger Student] unter dem Zwange der Verhältnisse suchte. Er suchte sich den Weg zu bahnen zu Erkenntnissen aller Art; er strebte [nach einem allgemeinen Wissen über den geistigen Urquell der Menschheit], danach, das, was damals in abstrakten Begriffen ausgedrückt wurde, in nüchternen, trockenen Beobachtungen der äußeren Lebenseindrücke, das suchte er zu verbinden mit den innersten Sehnsüchten und Bedürfnissen seiner Seele: Aufklärung über die Rätsel des Lebens sollten ihm die Erkenntnisse bringen. Dazu waren die Erkenntnisse der damaligen Zeit allerdings nicht angetan.
[ 15 ] Thus we see him, as a student in Leipzig who is actually supposed to be studying law, occupied mainly with whatever he can absorb from the natural sciences of the time; and he explores all other sciences and areas of knowledge, just as he had explored all areas of knowledge at the end of the 1660s [of the seventeenth century]. He did not [seek isolated pieces of knowledge], as one usually did [as a young student] under the constraints of circumstances. He sought to forge his own path to knowledge of all kinds; he strove [for a general understanding of humanity’s spiritual source], seeking to connect what was then expressed in abstract concepts—through sober, dispassionate observations of external impressions of life—with the innermost longings and needs of his soul: he hoped that these insights would bring him enlightenment regarding the mysteries of life. However, the insights of that era were not suited to this purpose.
[ 16 ] Alles, was an ihn herantrat, verband sich bei Goethe mit seinem ganz individuellen Streben, mit allen Fragen, die sich bei ihm nach dem Unendlichen regten. Und sein Leben war schon in der Jugend geeignet, ihn hinzuweisen auf das Geistig-Ewige. Das aber, was so geeignet war, sein ganzes Leben zu vertiefen von Jugend an, sprach sich besonders aus in verschiedenen Ereignissen seines Lebens.
[ 16 ] Everything that came his way was, in Goethe’s case, connected to his entirely individual quest, to all the questions he pondered regarding the infinite. And even in his youth, his life was such as to point him toward the spiritual and eternal. But what was so well-suited to deepening his entire life from his youth onward found particular expression in various events of his life.
[ 17 ] Nur zwei derselben sollen hier angeführt werden: In einer schweren Krankheit fühlte er sich dem Tode nahe. Ja, es stand der Tod an seinem Bette in seiner frühen Jugendzeit. Er wurde berührt durch dies Lebensereignis von der Vergänglichkeit alles Äußerlichen, und hingelenkt [wurde] auch äußerlich seine Seele zu dem Streben nach dem Unsterblichen.
[ 17 ] Only two of these will be mentioned here: During a serious illness, he felt that death was near. Indeed, death stood at his bedside in his early youth. This life event made him acutely aware of the transience of all external things, and his soul was also directed outwardly toward the pursuit of the immortal.
[ 18 ] Wer Goethe gerade in der damaligen Zeit in Bezug auf sein Leben verfolgt, wird sehen, wie dieses Ereignis sein Leben vertieft hat. Er war geeignet, in Frankfurt ganz besonderen [geistigen Kreisen] entgegenzutreten. Und die Persönlichkeiten, die im eminentesten Sinn die Seele darauf hinrichten, [den Rätseln des Lebens], dem Geiste und den Quellen des Daseins nachzuforschen, die aus den traditionellen Stimmungen der Religionen sich herausgearbeitet haben, die nachfragen: Wo sind die Grenzen unserer Erkenntnis? Wie viel müssen wir den bloßen religiösen Überlieferungen überlassen und wie viel unserer eigenen Einsicht? [Die nicht nach den Grenzen des Erkennens, nach der Grenze der Wissenschaft und Offenbarung fragen], die waren bei denen, die damals Goethes Freunde waren, nicht heimisch.
[ 18 ] Anyone who traces Goethe’s life, particularly during that period, will see how this event enriched his life. He was well-suited to encounter very special [intellectual circles] in Frankfurt. And those individuals who, in the most eminent sense, direct their souls toward exploring [the mysteries of life], the spirit, and the sources of existence—those who have emerged from the traditional moods of religions, who ask: Where are the limits of our knowledge? How much must we leave to mere religious traditions, and how much to our own insight? [Those who do not ask about the limits of knowledge, about the boundaries of science and revelation] were not at home among those who were Goethe’s friends at that time.
[ 19 ] Eine andere Stimmung herrschte indessen unter denen, in deren Mitte das innige Fräulein von Klettenberg stand, die Goethe später verewigt hat in seinen «Bekenntnissen einer schönen Seele», Man sagte sich in diesem Kreise: In der Seele des Menschen ist etwas, das entwickelt werden kann, was immer höher und höher hinanreifen kann. Der Mensch ist nicht immer reif, das Höchste zu erkennen, aber in seiner Seele schlummern Kräfte, die er entwickeln kann [die man herausholen kann, wenn man strebt und an sich arbeitet. Innere Geisteskräfte erlangt man dann, die sonst nicht in der Seele vorhanden sind]. Und was er nicht erreichen kann, wenn er noch so menschlich sich bemüht, das kann er erreichen, wenn er Kräfte entwickelt, die im gewöhnlichen Leben nicht zu erreichen sind. Entwicklung der Seele, das war der Inhalt dieses Freundeskreises; denn es war ihre Überzeugung, dass in der Seele etwas ist, was dem gewöhnlichen Leben unbewusst, oder sagen wir unterbewusst, bleibt. [Im gewöhnlichen Leben ist der Mensch unbekümmert um die geheimnisvollen Kräfte, die da sind.] Wenn der Mensch so lebt, dass er bloß der Sinnesanschauung sich hingibt, und diese Sinnesanschauung bloß mit dem Verstande bearbeitet, da nähert er sich nicht den Quellen des Lebens, da geht er vorüber an den verborgenen Kräften der Seele, die er hinaufentwickeln, an denen er arbeiten kann. Und wenn der Mensch sich zu einer höheren Entwicklungsstufe hinaufgebracht hat, dann dringt er tiefer ein in das, was sich verbirgt hinter den Gegenständen. Dann tritt ihm entgegen das Geistige, das Ewige, das Unvergängliche. So war die Stimmung bei diesen Freunden.
[ 19 ] A different mood prevailed, however, among those in whose midst stood the sincere Miss von Klettenberg, whom Goethe later immortalized in his Confessions of a Beautiful Soul. In this circle, people said to one another: There is something in the human soul that can be developed, something that can mature to ever greater heights. A person is not always ready to recognize the highest, but within their soul lie dormant powers that they can develop [that can be brought forth through striving and working on oneself. One then attains inner spiritual powers that are not otherwise present in the soul]. And what a person cannot achieve, no matter how humanly they strive, they can achieve by developing powers that are unattainable in ordinary life. The development of the soul—that was the focus of this circle of friends; for it was their conviction that there is something in the soul that remains unconscious—or, shall we say, subconscious—to ordinary life. [In ordinary life, people are unconcerned with the mysterious forces that exist there.] When a person lives in such a way that they merely surrender to sensory perception and process this perception solely with the intellect, they do not draw near to the sources of life; they pass by the hidden powers of the soul that they can cultivate and work upon. And when a person has raised themselves to a higher stage of development, they penetrate more deeply into what lies hidden behind objects. Then the spiritual, the eternal, and the imperishable come to meet them. Such was the mood among these friends.
[ 20 ] Sie sehen also, dass zu der Frage selbst der Unsterblichkeit der Menschenseele diese Leute anders standen, als man vielfach im Leben steht, wo man vielfach verzichtet darauf, sich Aufschluss zu geben über das, was das Ewige draußen in der Natur oder in der Kunst ist, oder es überlässt den traditionellen Überlieferungen. Bei diesen Freunden war es nicht so. Sie sagten sich: Da draußen in der Natur ist etwas Unvergängliches, und es gibt Kräfte, die in der menschlichen Organisation sind wie draußen in der Natur. Was draußen Vergängliches ist und vergänglich sich zeigt, ist auch im Innern des Menschen vergänglich. Und wenn wir unsere Kräfte nur mit diesem Vergänglichen sehen, dann wird das Unsterbliche sich niemals enthüllen. Im Verborgenen der Seele aber liegen tiefere Kräfte des Menschen, Kräfte, die wie mit einem Schleier bedeckt sind dadurch, dass der Mensch nur etwas gibt auf die äußeren Sinnesanschauungen und den sie kombinierenden Verstand. Durch solche Kräfte, die geläutert sind, die [ebenso] objektive Erkenntnisse [des Ewigen] geben, [wie der Verstand sie für die sinnliche Welt gibt], müssen wir die Sinne läutern und von dem Vergänglichen abzulenken suchen. Das sagten sie sich: Wenn ich mich verbinde mit dem Ewigen in der eigenen Seele, dann stehe ich geistig Aug in Auge dem Unvergänglichen gegenüber, dann habe ich es aus mir selbst herausgeholt, dann kann mir nichts mehr die Gewissheit der Unsterblichkeit nehmen, dann bin ich mit dem Geiste in der eigenen Brust verbunden, der ebenso aus dem Gottesgeiste stammt, wie die Sinnesdinge stammen aus der äußeren Zusammengehörigkeit und Harmonie.
[ 20 ] So you see that when it came to the very question of the immortality of the human soul, these people took a different stance than is often taken in life, where people frequently refrain from seeking to understand what the eternal is out there in nature or in art, or leave it to traditional teachings. It was not so with these friends. They said to themselves: Out there in nature there is something imperishable, and there are forces within the human organism just as there are out in nature. What is transitory out there and appears to be transitory is also transitory within the human being. And if we perceive our powers solely through this transitory aspect, then the immortal will never reveal itself. Yet hidden within the soul lie deeper human powers—powers that are veiled, as it were, by the fact that human beings rely solely on external sensory perceptions and the intellect that synthesizes them. Through such purified powers—which provide [just as] objective insights [into the eternal] [as the intellect does for the sensory world]—we must purify the senses and seek to divert them from the transitory. This is what they told themselves: If I unite with the Eternal within my own soul, then I stand spiritually eye to eye with the Imperishable; then I have drawn it forth from within myself; then nothing can take away my certainty of immortality; then I am united with the Spirit within my own breast, which originates from the Spirit of God just as sensory things originate from external interconnectedness and harmony.
[ 21 ] Goethe fühlte sich tief verwandt mit diesen Seelen. Aber es war viel Unklares in diesen Seelen. Das, was ich jetzt mit bestimmten Worten erzählt habe, drückte sich bei ihnen mehr aus in Form von Ahnungen, von unausgesprochenen Empfindungen der Seele; drückte sich mehr in gewissen Seelengebärden als in scharf umrissenen Erkenntnissen aus.
[ 21 ] Goethe felt a deep kinship with these souls. But there was much that was unclear about them. What I have now described in specific terms was expressed in them more in the form of premonitions, of unspoken feelings of the soul; it was expressed more in certain gestures of the soul than in sharply defined insights.
[ 22 ] In diese Gesellschaft kam der junge Goethe. Und diese Gesellschaft hatte eine gewisse Vorliebe für eine gewisse Art von Schriften, die herauskamen aus einer schon vergangenen mittelalterlichen Erkenntnis. Schriften, welche zum Ausdruck brachten die Art und Weise, wie man sich zu nähern suchte den großen Geheimnissen der menschlichen Natur. Mit diesen Schriften kam auch Goethe in Berührung, und wie die Grundstimmung seines Herzens war, können wir erkennen, wenn wir ihn sehen mit unablässigem Erkenntnisdurst in diesen mittelalterlichen Schriften nachforschen, um zu finden Mittel, die verborgenen Kräfte seiner Seele herauszubilden, die endlich zur Erkenntnis des Unvergänglichen führen. Eine solche Schrift war die des Valentinus Basilius und des Theophrastus Paracelsus, [Wellings «Opus macrocabalisticum et theosophicum», vor allem aber Kirchwegers «Aurea catena Homeri»], die er selbst nennt kabbalistisch-theosophisch.
[ 22 ] It was into this circle that the young Goethe entered. And this circle had a certain fondness for a particular kind of writing that stemmed from a medieval understanding that had already passed into history—writings that expressed the way in which people sought to approach the great mysteries of human nature. Goethe, too, came into contact with these writings, and we can discern the fundamental disposition of his heart when we see him delving into these medieval texts with an unceasing thirst for knowledge, seeking to discover means of developing the hidden powers of his soul that would ultimately lead to the knowledge of the immortal. One such text was that of Valentinus Basilius and Theophrastus Paracelsus [Welling’s Opus macrocabalisticum et theosophicum, but above all Kirchweger’s Aurea catena Homeri], which he himself describes as Kabbalistic-theosophical.
[ 23 ] Was enthalten diese Schriften, dass damals ein Mensch, der von damals moderner Gesinnung war, in derartiger Schrift sich vertiefte, so wie wenn ein moderner Haeckelianer oder ein sonstiger moderner Gebildeter sich beschäftigen würde mit den merkwürdigen Schriften des Eliphas Levy? [Wenn ein gewöhnlicher Mensch sich damals da hineinvertiefte, hielte er diese Schriften für den reinsten Unsinn, für Phantasterei.] Genauso war es auch dazumal: Ein Moderner hatte das Gefühl, das ist ja der reine Unsinn, solchen Dingen kann sich nur ein phantastischer Mensch hingeben. Man kann verstehen damals und heute diese Stimmung. Man kann sie als eine von gewissen Gesichtspunkten durchaus berechtigte Stimmung erkennen. Durchaus braucht man sich nicht zu wundern, dass jemand, [der in seiner Seelenentwicklung] nicht weiter ist, nur den reinen Unsinn darin sehen kann. Goethe fand nicht nur reinen Unsinn darin. Nun waren sie aber zum Teil der reine Unsinn. Sie gehörten zum Teil noch der Zeit an, wo es noch keinen Buchdruck gab und noch alles mit der Hand niedergeschrieben wurde; aus der Zeit, wo die Wissenschaft noch nicht bereichert worden war durch das, was Galilei und Kepler gelehrt hatten. Da suchte man in der Zeit in ganz anderer Weise der Natur beizukommen. Wenn wir charakterisieren wollen in jener Zeit vor den großen Errungenschaften der Naturwissenschaft die Art und Weise, wie die Menschen dem Quell sich nähern wollten, so müssen wir sagen: Vor jener Zeit suchte der Mensch mit allem, was in seiner Seele war, in Natur und Welt hineinzutreten, nicht nur mit dem Intellekt; sondern [er suchte] Willen und Gefühl so zu läutern, dass er auch mit dem Gefühl objektiv so erkenne, wie die mathematische Erkenntnis forscht. [Etwas, wovon der heutige Mensch sich kaum eine Vorstellung machen kann. Ebenso kann die Begierde zur Erkenntniskraft werden. Dazu muss sie aber der Mensch verändern; er muss an ihr arbeiten; er muss sie von allen selbstsüchtigen Empfindungen reinigen und läutern.] Ebenso kann der Wille zu einer Erkenntniskraft heraufgehoben werden. Dafür darf aber der Mensch Gefühl, Empfindung und Begierde nicht so lassen, wie sie sind — er muss dran arbeiten!
[ 23 ] What do these writings contain that would cause a person of that time, who held modern views, to immerse himself in such texts, just as a modern Haeckelian or any other modern, educated person might engage with the strange writings of Eliphas Levy? [If an ordinary person had immersed themselves in them back then, they would have considered these writings pure nonsense, mere fantasy.] It was exactly the same back then: a modern person would have felt that this was pure nonsense, that only a fanciful person could devote themselves to such things. One can understand this sentiment, both then and now. One can recognize it as a sentiment that is, from certain points of view, entirely justified. It is by no means surprising that someone who has not progressed further [in the development of their soul] can see only pure nonsense in them. Goethe did not find only pure nonsense in them. Yet in part they were sheer nonsense. In part, they still belonged to an era when there was no printing press and everything was still written by hand; from a time when science had not yet been enriched by what Galileo and Kepler had taught. In those days, people sought to understand nature in a completely different way. If we wish to characterize, in that era before the great achievements of the natural sciences, the way in which people sought to approach the source, we must say: Before that time, human beings sought to enter into nature and the world with everything that was in their soul, not merely with the intellect; rather, [they sought] to purify their will and feeling so that they might also perceive objectively through feeling, just as mathematical knowledge investigates. [Something of which people today can scarcely form a conception. Likewise, desire can become a power of knowledge. To achieve this, however, a person must transform it; they must work on it; they must purify and refine it of all selfish feelings.] Likewise, the will can be elevated to a power of knowledge. To do so, however, a person must not leave feeling, sensation, and desire as they are—they must work on them!
[ 24 ] Wie er daran arbeiten muss, das wusste der Freundeskreis, der Goethe umgab. Während der Verstand sozusagen gelassen werden kann, wie er ist, weil er heute schon von vornherein so ist, wie man ihn lassen kann, [muss man Empfindung, Gefühl, Wille und Begierden so umgestalten, dass sie Erkenntniskräfte werden]. [Nur durch jene Arbeit] holt man seine verborgenen Fähigkeiten der Seele heraus, die dem Menschen eine Erkenntnis des Ewigen geben. [Der Verstand, der bequem so gelassen wird, kann nur Aufklärung geben über das Vergängliche.] Diese Art Erkenntnis durch Willen und Gefühle, sie war [gegenüber der Verstandeserkenntnis damals] mehr zurückgetreten, auch bei Goethe in seiner Jugend. Dagegen herrschte das, was man durch äußere Sinneserkenntnis und den Verstand gewinnt, wie das auch heute der Fall ist. Goethe aber kannte die Grenzen der SinnesVerstandes-Erkenntnisse. [So konnte er sich zwar nicht recht zurechtfinden in diesen Schriften, die, da sie verfasst waren von Nachzüglern, die nicht mehr eigene Erkenntnis hatten, viel Unsinn enthielten.] Da erhielt seine Seele — obschon er sich in ihnen nicht auskennen konnte — Nahrung in diesen Büchern, die vieles enthielten zwar, was reiner Unsinn war; aber wer hindurchschauen konnte zu dem, was tiefer in diesen Schriften enthalten ist, der fühlte heraus — und Goethe konnte es damals, obwohl unvollkommen —, der fühlte heraus, dass darin eine Erkenntnis schlummerte. Und das fühlte Goethe: die Erkenntnis, die nicht darauf ausgeht, die Welt fertig so zu nehmen, wie sie ist, sondern die darauf ausgeht, die Seele zu entwickeln, zu gestalten, die in ihr schlummernden Kräfte heraufzuholen. [Die Fähigkeit, diese zu erfassen, will er nun in sich entwickeln.]
[ 24 ] The circle of friends surrounding Goethe knew how he had to work on this. While the intellect, so to speak, can be left as it is—because today it is already, from the outset, such that it can be left as is—[one must transform sensation, feeling, will, and desires so that they become powers of cognition]. [Only through that work] does one bring forth the hidden capacities of the soul that give human beings an understanding of the eternal. [The intellect, when left to its own devices, can provide insight only into the transitory.] This kind of knowledge gained through will and feeling had [at that time] taken a back seat [compared to intellectual knowledge], even in Goethe’s youth. In contrast, what prevailed was what is gained through external sensory perception and the intellect—as is still the case today. Goethe, however, knew the limits of sensory and intellectual knowledge. [Thus, he could not quite find his way in these writings, which—since they were composed by latecomers who no longer possessed their own insight—contained a great deal of nonsense.] Yet his soul—even though he could not make sense of them—found nourishment in these books, which indeed contained much that was pure nonsense; but whoever could see through to what lay deeper within these writings could sense—and Goethe could do so at that time, albeit imperfectly—could sense that a deeper insight lay dormant within them. And that is what Goethe sensed: the insight that does not aim to simply accept the world as it is, but rather to develop and shape the soul, to bring forth the powers slumbering within it. [He now wishes to develop within himself the ability to grasp these.]
[ 25 ] In diesen Schriften fand Goethe merkwürdige Figuren, an denen nur ein Narr Gefallen finden kann heute. Aber es liegt hinter diesen Dingen etwas anderes; ich will nur ein Beispiel erwähnen. In jener Schrift «Aurea catena Homeri», die besonderen Eindruck auf ihn machte, finden Sie eine merkwürdige Figur: zwei Drachen. Einen oben als Halbkreis gebildet. Voller Leben strotzt er und macht den Eindruck eines guten Wesens. Unten mit ihm zusammengeschlungen ein zusammengeschrumpfter, vertrockneter Drache, der erscheint wie ein Symbolismus des Bösen. In einen Kreis sind die beiden zusammenverschlungen. Innerhalb des Kreises befinden sich zwei [ineinander verschlungene] Dreiecke: eine Spitze nach oben und an den Ecken die Zeichen, die für einzelne Planeten unseres Planetensystems gebraucht zu werden pflegen.
[ 25 ] In these writings, Goethe found strange figures that only a fool could find appealing today. But there is something else behind these things; I will mention just one example. In that text, Aurea catena Homeri, which made a particular impression on him, you will find a curious figure: two dragons. One at the top, formed into a semicircle. It brims with life and gives the impression of a benevolent being. Entwined with it at the bottom is a shriveled, withered dragon that appears as a symbol of evil. The two are intertwined within a circle. Inside the circle are two [intertwined] triangles: one pointing upward, and at the corners the symbols commonly used to represent individual planets in our solar system.
[ 26 ] Wie fasziniert musste die Goethe’sche Seele ruhen auf einem solchen Zeichen, denn dasjenige, was diesem Zeichen gegenüber erlebt wird in der Seele, lässt die Seele nicht unberührt. Da regten sich innere Seelenkräfte, als er betrachtete dieses Zeichen: Was sonst nur den menschlichen Bedürfnissen diente, was Wille und Begierde ist, regte sich wie der Drang nach Erkenntnis. Er empfand etwas, was notwendig ist zur Erkenntnis solcher Schriften.
[ 26 ] How fascinated Goethe’s soul must have been by such a symbol, for what the soul experiences in response to this symbol does not leave it unmoved. As he contemplated this symbol, inner spiritual forces stirred within him: what otherwise served only human needs—will and desire—stirred like the urge for knowledge. He sensed something that is necessary for understanding such writings.
[ 27 ] Wenn einer sagen will: Gewiss, wenn du überhaupt nur reden willst von dem abgeschmackten Zeug, so zeigst du, dass du gar keine Kenntnis von Wissenschaft hast, wie Philosophie und von anderen Wissenschaften. Diesen Einwurf kann man verstehen, auch wenn man sagt: Wir sollen in unserer Erkenntnis sehen auf das, was da ist in Wahrheit. Was da abbildet dieses phantastische Zeug, bildet keine Wahrheit ab. Wer so spricht, hat absolut recht. Nur worauf es ankommt, das weiß er nicht! Es kommt darauf an, was diese Bilder in der Seele für einen Eindruck machen; dass sie gerade diejenigen sind, die das, was sonst tief in der Seele ruht, herausholen, schöpferische Kraft haben für die Seele. Und Goethe fühlte, wie dies Zeichen auf ihn wirkte: Das wirkt auf deinen Willen, fühlte er. Aus deiner Seele zieht es Kräfte, die sich verbinden mit dem Weltenall. Er fühlte das. Aber noch etwas anderes fühlte er, etwas für ihn damals Furchtbares. Er stand gegenüber all diesen Dingen, fühlte, dass sie etwas auslösen konnten in der Seele, fühlte, dass sie wirken können — aber er fühlte nicht die Kraft in sich, dies Etwas auswirken lassen zu können. Er fühlte nur, dass sie etwas verbargen
[ 27 ] If someone were to say: “Certainly, if you even want to talk about that insipid stuff, you’re showing that you have absolutely no knowledge of science, such as philosophy and other sciences.” This objection is understandable, even if one says: “In our understanding, we should look to what truly exists.” What this fantastical stuff depicts does not depict the truth. Anyone who speaks this way is absolutely right. But he does not know what really matters! What matters is the impression these images make on the soul; that they are precisely the ones that bring forth what otherwise lies deep within the soul, that they possess creative power for the soul. And Goethe felt how this symbol affected him: “This affects your will,” he felt. “It draws forces from your soul that connect with the universe.” He felt that. But he felt something else as well, something that was terrifying to him at the time. He stood before all these things, felt that they could trigger something in the soul, felt that they could have an effect—but he did not feel the strength within himself to allow this “something” to take effect. He only felt that they concealed something
und ich kann nicht verstehen, was ich da ahnen kann.
and I can't understand what I might be sensing there.
[ 28 ] [Er fühlte aus ihnen etwas wie den Geist der Welt, aber er kann es nicht verstehen durch seine Erziehung und sein bisheriges Leben.] Furchtbar zerschmetternd war es für Goethes Seele, als er fühlte etwas wie Zusammenhänge mit höheren Seelenkräften, fühlte, was da herausströmen konnte aus dieser «Aurea catena Homeri», und doch sich sagen musste: Du bist noch nicht reif, du kannst nicht in die Geheimnisse der Welt eindringen, deine Erkenntniskräfte sind noch nicht reif geworden. Aber er suchte unsäglich, einen solchen erkenntnisreichen Weg zu gehen. Und so kam er zu anderen Zeichen, zu einem solchen Symbolum, welches darstellte nicht nur die große Welt, sondern das Wirken [des Geistes] auf der Erde. Näher fühlte er das schon, aber doch war er noch nicht imstande, die Kräfte aus der Erde herauszuholen. Jetzt fühlen wir, wie das, was er erlebte, hineinströmte in den «Faust». Da ist sein Blick gerichtet auf das Titelblatt der «Aurea catena Homeri». Es zeigt ihm, wie die Kräfte von Planet zu Planet gehen, wie ihre innere Verwandtschaft angedeutet wird mit menschlichen Begierden, [es zieht sie hinauf zum Guten, hinunter zum Bösen], in den Formen verholzter Drachen, mit den Dreiecken, deren eine Spitze nach oben gerichtet ist. — Ein paar Seiten weiter sieht er das Bild, welches bezeigt, wie «Himmelskräfte auf- und niedersteigen». Da muss er sich wegwenden, denn er fühlte seine Kräfte nicht reif, das zu verstehen.
[ 28 ] [He sensed in them something like the spirit of the world, but he could not understand it because of his upbringing and the life he had led thus far.] It was terribly shattering for Goethe’s soul when he sensed a connection to higher spiritual forces, felt what could flow forth from this “Aurea catena Homeri,” and yet had to tell himself: You are not yet ready; you cannot penetrate the mysteries of the world; your powers of insight have not yet matured. But he sought unspeakably to walk such a path of insight. And so he came to other signs, to a symbol that represented not only the great world but also the workings [of the Spirit] on Earth. He already sensed this more closely, yet he was still unable to draw the forces out of the Earth. Now we sense how what he experienced flowed into Faust. There his gaze is fixed on the title page of the Aurea catena Homeri. It shows him how the forces move from planet to planet, how their inner kinship is hinted at through human desires—[it draws them upward toward the good, downward toward the evil]—in the forms of wooden dragons, with the triangles, one point of which is directed upward. — A few pages further on, he sees the illustration showing how “celestial forces ascend and descend.” There he must turn away, for he felt his powers were not yet mature enough to understand it.
[ 29 ] Jetzt lesen Sie die Stelle in Goethes «Faust», die zeigt, dass man aus dem gewöhnlichen Wissen, aus wissenschaftlichem Wissen nichts erfassen kann, nichts, was in der Tiefe der Seele erfahren wird:
[ 29 ] Now read the passage in Goethe’s Faust that shows that one cannot grasp anything—nothing that is experienced in the depths of the soul—from ordinary knowledge or scientific knowledge:
Da steh’ ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor!
Here I stand, poor fool that I am, And I’m just as wise as I was before!
[ 30 ] Das war die Stimmung, als Goethe von Leipzig wegging.
[ 30 ] That was the mood when Goethe left Leipzig.
[ 31 ] Da suchte er in Frankfurt einen anderen Weg, was er im «Faust» so schön ausdrückt. Er schlug das Buch des Nostradamus auf und erblickte das Zeichen des Makrokosmos. [Da sieht er die wirkende Natur vor seiner Seele liegen, er sieht]:
[ 31 ] So he sought another path in Frankfurt, as he so beautifully expresses in Faust. He opened the book of Nostradamus and beheld the sign of the macrocosm. [There he sees nature at work before his soul; he sees]:
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die gold’nen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!
How everything weaves itself into a whole,
How one thing works within another and lives!
How the forces of heaven rise and fall
And pass the golden buckets to one another!
With wings scented with blessing
Penetrating from heaven through the earth,
Resounding harmoniously throughout the universe!
[ 32 ] Das ist eine schöne, wunderbare Schilderung dessen, was Goethe so fasziniert erblickte. So drückt er aus, was er empfindet, als er das Zeichen des ersten Geistes erblickt. Dann wendet er sich an das Zeichen, das nur diejenigen Vorgänge, die auf der Erde vorgehen, betrifft. Er erblickt das Zeichen des Erdgeistes. Wieder fasziniert es ihn. [Vorher fühlt er, dass die Kräfte sich regen, die sich sonst als Interesse und Gefühl an Gegenständen ausdrücken. Diese Kräfte sollte jetzt das Erdgeistzeichen so entwickeln, dass sie zu Erkenntniskräften werden sollten.] Versuchen Sie, sich vor die Seele zu stellen die Kräfte, die als Erkenntniskräfte in Betracht kommen; zunächst die objektiven des Verstandes, die Denkkräfte. Sie sind bequem zu erreichen. Dann aber die Gefühlskräfte und Empfindungskräfte, die nur geläutert werden können auf die beschriebene Art und die geweckt werden können durch die Zeichen, welche die Geisteswelt wachrufen. Jetzt hatte Goethe ein solches Zeichen aufgeschlossen, und jetzt fühlte er, dass er dafür noch nicht reif sei. Auch dazu fühlte er sich nicht reif, die Erkenntniskräfte, die nur mit der Erde sich verbinden, zu verstehen — nicht reif!
[ 32 ] This is a beautiful, wonderful description of what Goethe saw with such fascination. This is how he expresses what he feels when he beholds the sign of the first spirit. Then he turns his attention to the sign that pertains only to the processes taking place on Earth. He beholds the sign of the Earth Spirit. Once again, it fascinates him. [Before this, he senses that the forces are stirring which otherwise express themselves as interest and feeling toward objects. The sign of the Earth Spirit was now to develop these forces in such a way that they would become powers of cognition.] Try to place before your soul the forces that come into consideration as powers of cognition; first, the objective powers of the intellect, the powers of thought. They are easily accessible. But then there are the powers of feeling and sensation, which can only be purified in the manner described and can be awakened by the signs that evoke the spiritual world. Now Goethe had unlocked such a sign, and now he felt that he was not yet ready for it. Nor did he feel ready to understand the powers of cognition that are connected solely with the earth—not ready!
[ 33 ] Nun steigt etwas auf in seiner Seele. Aber zunächst nur Schrecken und Furcht, die sich uns widerspiegeln da, wo sich der «Faust» abwendet von dem Erdgeist, den er «schreckliches Gesicht» nennt, und worauf der Erdgeist dann zu ihm sagt:
[ 33 ] Now something stirs within his soul. But at first, it is only terror and fear, which are reflected back to us at the moment when “Faust” turns away from the Earth Spirit—whom he calls a “terrible face”—and upon which the Earth Spirit then says to him:
Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!
You are like the spirit you understand, not me!
[ 34 ] So spiegeln sich Goethes Erkenntnisse im ersten Teil des «Faust». Aber Goethe war keine Persönlichkeit, die als «furchtsam weggekrümmter Wurm» unbedingt verbleiben konnte, war eine Persönlichkeit, die kraftvoll war weiterzustreben. Was sagte sich die Persönlichkeit? Nicht so sprach sie wie andere Persönlichkeiten, die glauben, dass sie Erkenntnisstreber sind, und sagen: Da sind Grenzen der Erkenntnis. Bequem und leicht ist es, all diese Sachen für Unsinn zu halten. Nein! Goethe sagte sich: Ich bin noch nicht reif dazu! Das ist etwas, was wir von Goethe lernen können, dass er sich sagte: Du bist jetzt nicht reif; du musst erst anfangen, an dir zu arbeiten, um das heranreifen zu lassen, was der Seele möglich ist. [Nun arbeitete er an sich, um weiter zu kommen.] Um das zu erreichen, stellt er sich jetzt in das Leben hinein, um das Leben und die Menschen und die Wissenschaft nach allen Seiten kennenzulernen. Und das sehen wir, als er nach der Frankfurter Zeit nach Straßburg kommt, sich in der Natur umsieht, um die Dinge zu erfassen, die er als siebenjähriger Knabe auf das Notenpult seines Vaters gelegt hat, um in ihrer Erkenntnis die göttlich-geistigen Wesenskräfte kennenzulernen. Die göttlich-geistigen Wesenskräfte aber nicht nur dessen, was äußerlich in der Natur sich gestaltet, sondern auch des Menschenlebens und seiner mannigfaltigen Form. Und jetzt schon sehen wir, wie er die günstige Gelegenheit hat, alle Höhen und Tiefen der Menschenseele kennenzulernen, der Menschenseele in ihrer unendlichen Güte und Liebe — aber auch in all ihren hämischen, gehässigen und schädlichen Eigenschaften mit all ihren Sehnsüchten, Qualen und Opfern. [Höchste Befriedigung, aber auch quälende Zweifel lernte er an den Seelen der Menschen kennen.] Da traf er in Straßburg die große Persönlichkeit des Herder, eine Persönlichkeit, die ihr ganzes Leben hindurch gestrebt hat, den Quellen des Lebens nahezukommen, welche auch fühlte, dass die Kräfte ihrer Seele nicht reif waren. Eine Stimmung furchtbarer Art war gerade damals in Herders Seele, der trotz dem titanischen Erkenntnisdrang den Mut verliert und sich sagt: [Du kannst nicht höher streben]. Das eigene Unvermögen ist ein allgemein menschliches Unvermögen. Solchen Stimmungen nahe war Herder, solche Stimmungen hatten in ihm die Herrschaft gewonnen und eine Lebensführung hervorgerufen, die herb und ablehnend war — nur für eine Seele zu ertragen wie Goethe, die wohlwollend war. Goethe hatte erkannt die große Seele des Herder. Und da mochte ihn Herder noch so sehr herunterputzen, er wusste, dass eine solche große Seele vor ihm stand. Und er hatte eine große Seele, groß genug, das Nichtbedeutende gegenüber dem Bedeutenden nicht zu beachten. Als er die Treppe hinaufstieg im Gasthof zum Heiligen Geist und unvermutet diese Persönlichkeit sah, die Herder in etwas brüsker Weise vorstellte — mit flatterndem Mantel, die Rockschöße kreuzweise in die Taschen gesteckt —, da empfand Goethe im unmittelbaren Erblicken, dass diese Persönlichkeit Herder war, und er sagte: Sie sind Herder. Von da an steigerte sich die Achtung vor ihm.
[ 34 ] Goethe’s insights are thus reflected in the first part of Faust. But Goethe was not a person who could simply remain a “timid, cowering worm”; he was a person who had the strength to strive onward. What did this person tell himself? He did not speak like other people who believe they are seekers of knowledge and say: There are limits to knowledge. It is easy and convenient to dismiss all these things as nonsense. No! Goethe said to himself: I am not yet ready for this! This is something we can learn from Goethe—that he told himself: You are not ready now; you must first begin to work on yourself to allow what is possible for the soul to mature. [So he worked on himself to move forward.] To achieve this, he now immerses himself in life to get to know life, people, and science from every angle. And we see this when, after his time in Frankfurt, he comes to Strasbourg, looks around in nature to grasp the things he had placed on his father’s music stand as a seven-year-old boy, in order to come to know, through understanding them, the divine-spiritual essential forces. But these divine-spiritual forces of being—not only those manifested outwardly in nature, but also those of human life and its manifold forms. And even now we see how he has the favorable opportunity to come to know all the heights and depths of the human soul—the human soul in its infinite goodness and love, but also in all its spiteful, hateful, and harmful qualities, with all its longings, torments, and sacrifices. [He came to know both the highest satisfaction and agonizing doubts through the souls of human beings.] There, in Strasbourg, he encountered the great figure of Herder—a figure who, throughout his entire life, had strived to draw near to the sources of life, yet who also sensed that the powers of his soul were not yet mature. A mood of a terrible kind prevailed in Herder’s soul at that very moment; despite his titanic thirst for knowledge, he lost courage and said to himself: [You cannot strive any higher]. One’s own inability is a universally human inability. Herder was close to such moods; such moods had gained the upper hand within him and given rise to a way of life that was harsh and dismissive—bearable only to a soul like Goethe’s, which was benevolent. Goethe had recognized Herder’s great soul. And no matter how much Herder might have tried to belittle him, Goethe knew that such a great soul stood before him. And he himself possessed a great soul—great enough to disregard the insignificant in the face of the significant. As he climbed the stairs at the Gasthof zum Heiligen Geist and unexpectedly saw this figure, whom Herder introduced in a somewhat brusque manner—with his coat fluttering, the tails tucked crosswise into his pockets—Goethe sensed at first glance that this figure was Herder, and he said, “You are Herder.” From that moment on, his respect for him grew.
[ 35 ] Tiefe Ideen lebten in Herder, wie wir sie finden können zum Beispiel in seiner Abhandlung «Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit». Aber ihm war das alles nicht genug. Da lernte Goethe ein gewaltiges Streben kennen, das nahe daran war, mutlos zusammenzubrechen, und dadurch niedergehalten wurde. Aber Goethe hatte schon von einer andern Persönlichkeit kennengelernt die Unzulänglichkeit des gewöhnlichen Verstandes: an seinem Freunde Merck. Von diesem sagte selbst die wohlwollendste Frau, die Mutter Goethes, Frau Rat: Er kann nie den Mephisto zu Hause lassen, er bekrittelt alles. Goethe sah diese Persönlichkeiten, und er sah an ihnen etwas, was jetzt wiederum bedeutungsvoll auf seine Seele wirkte: dass sie besonders ausgeprägt hatten, wovon er selbst ein groß Teil in seiner eigenen Seele trug. Wie im Spiegel sah er seine Seele, sich selbst! Sah den Verstand, in den sich hineinschleichen Irrtum und Aberglaube der äußeren Welt. [Er suchte den Geist der Erde zu begreifen, den er im «Faust» sagen lässt]:
[ 35 ] Herder was filled with profound ideas, such as those we find, for example, in his treatise “Ideas for a Philosophy of the History of Mankind.” But all of that was not enough for him. It was then that Goethe came to know a tremendous striving that was on the verge of collapsing in despair and was thus held back. But Goethe had already come to recognize the inadequacy of ordinary intellect through another person: his friend Merck. Even the most benevolent woman, Goethe’s mother, Frau Rat, said of him: “He can never leave Mephisto at home; he finds fault with everything.” Goethe observed these personalities, and he saw in them something that now, in turn, had a profound effect on his soul: that they had particularly pronounced qualities of which he himself carried a large part within his own soul. As if in a mirror, he saw his soul, he saw himself! He saw the intellect into which error and superstition from the outer world were creeping. [He sought to grasp the spirit of the earth, which he has the “Faust” express as follows]:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall’ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit,
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
Amid the tides of life, in the storm of deeds
I surge back and forth,
Weaving to and fro!
Birth and grave,
An eternal sea,
A shifting weave,
A glowing life,
Thus I work at the whirring loom of time,
And weave a living garment for the Deity.
[ 36 ] Er hatte versucht aus innerem Drange, zu begreifen den Geist und die Seele, der in Lebensgewalten, in den Bildern der «Aurea catena Homeri» zu ihm sprach. Aber er hatte auch empfunden, dass er noch nicht reif war, zu diesen Geisteshöhen sich emporzuschwingen. Er hatte jetzt erkannt warum: weil in ihm noch zu viel von den Sinnesinteressen war. Jetzt wusste er, dass der Geist, dem er noch zu sehr gleiche, der böseste war, der Mephisto-Geist.
[ 36 ] Driven by an inner urge, he had tried to comprehend the spirit and the soul that spoke to him through the forces of life and the images of Homer’s “Aurea catena.” But he had also sensed that he was not yet ready to soar to those spiritual heights. He now realized why: because there was still too much of the interests of the senses within him. Now he knew that the spirit to which he still bore too much resemblance was the most evil of all—the spirit of Mephisto.
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
You are like the spirit you comprehend,
[ 37 ] konnte der Erdgeist sprechen, der das Mephistophelische in Goethes Seele sah.
[ 37 ] said the Earth Spirit, who saw the Mephistophelean side of Goethe's soul.
[ 38 ] Jetzt leuchtete ein guter Teil der «Faust»-Idee in Goethe auf: Warum kommt der Mensch in seinem gewöhnlichen Fühlen und Empfinden nicht zur hellen Erkenntnis wie im Denken? Warum sind Begierde und Empfinden nicht solche Kräfte wie die Denkkräfte? Weil innerhalb dieser Seelenkräfte sind, die nicht wir selber sind, die aber in uns wirken. Diejenigen Kräfte, die wir.mit unserem Wirken und unseren Begierden umschließen, mischen sich hinein nach einer uralten Anschauung, aber auch nach einer neuen geisteswissenschaftlichen Anschauung: die Kräfte Luzifers, und bringen diese Begierde so weit herunter, dass sie in diesem Leben keine objektive Erkenntnis[kraft] werden kann. So wirkt Luzifer.
[ 38 ] Now a significant part of the “Faust” idea dawned on Goethe: Why does a person, in his ordinary feelings and sensations, not arrive at clear insight as he does in thinking? Why are desire and feeling not forces like the powers of thought? Because within us there are soul forces that are not ourselves, yet which act within us. Those forces that we encompass with our actions and desires—according to an ancient view, but also according to a new spiritual-scientific view—are the forces of Lucifer, and they bring these desires down to such a level that they cannot become an objective power of knowledge in this life. This is how Lucifer works.
[ 39 ] Aber auch noch eine andere Art von Kräften gibt es, die uns handeln machen, unserem Verstande wirkliche Erkenntnis erringen, wenn nur die Empfindung auf diese Welt sich richtet. Da wirken hinein diejenigen Kräfte, die mit den Worten des Zarathustra zuerst geprägt wurden als ahrimanische. So wirken in uns die ahrimanischen Kräfte, welche von der Begierde durchdrungen sind, und welche bis zum Makrokosmos hinein dringen würden — [Sie hindern das Gefühl, zu einer Erkenntniskraft gegenüber der Erde zu werden, wie die luziferischen Geister die Begierde verhindern, bis zu kosmischer Erkenntnis emporzusteigen] da wirken hinein die luziferischen Wesenheiten.
[ 39 ] But there is also another kind of force that drives us to act and enables our intellect to attain true knowledge, provided only that our perception is directed toward this world. At work here are those forces that were first described by Zarathustra as Ahrimanic. Thus the Ahrimanic forces, which are permeated by desire and which would penetrate even into the macrocosm, are at work within us—[they prevent feeling from becoming a power of knowledge regarding the Earth, just as the Luciferic spirits prevent desire from rising to cosmic knowledge]—and the Luciferic beings are at work there.
[ 40 ] Goethe fühlte das, was den Blick des Menschen trübt und in den Irrtum hineinführt, dasjenige, was man die ahrimanischen Kräfte nennt. Denn Ahriman ist dasselbe, was wir gewohnt sind mit Mephistopheles zu bezeichnen, nach dem, der das menschliche Verhalten zur Lüge bezeichnet: aus dem hebräischen «Mephis» ist Lügner und «tofel» ist Verderben. Es bedeutet dasselbe, was Zarathustra als Ahriman bezeichnet. [Nicht aber bedeutet Mephisto den Luzifer. Er ist diejenige Macht, die den Menschen zur Lüge, zum Sehen des äußeren Lebens in täuschender Gestalt, nicht in Wahrheit bringt.] Alle diese Kräfte wirken da, wo der Mensch das Leben durchläuft und durch seine Interessen hineingeführt wird, das Leben in seiner täuschenden Gestalt zu sehen.
[ 40 ] Goethe sensed what clouds human vision and leads it into error—that which is called the Ahrimanic forces. For Ahriman is the very same being we are accustomed to calling Mephistopheles—the one who characterizes human behavior as a lie: in Hebrew, “Mephis” means “liar” and “tofel” means “ruin.” It signifies the very same thing that Zarathustra calls Ahriman. [However, Mephisto does not mean Lucifer. He is the power that leads human beings to lies, to seeing external life in a deceptive form rather than in truth.] All these forces are at work wherever human beings go through life and, driven by their interests, are led to see life in its deceptive form.
[ 41 ] Goethe konnte trotz seines ehrlichsten Strebens in der Zeit nicht zu den Quellen der Wahrheit dringen, weil er noch zu viel von dem Mephistopheles in sich hatte — Du gleichst dem Mephistopheles, nicht mir! Und daher erscheint [im «Urfaust» gleich nach dem Erdgeist unvermittelt] wie aus der Pistole geschossen der Mephisto. [Unvermittelt, weil Goethe den Zusammenhang nur ahnte, nicht klar erkannte.] Wieder ein tief ergreifendes Seelengeheimnis.
[ 41 ] Despite his most sincere efforts at the time, Goethe could not penetrate to the sources of truth because he still had too much of Mephistopheles within him—you resemble Mephistopheles, not me! And that is why [in Urfaust, immediately after the Earth Spirit, out of the blue] Mephisto appears as if shot from a pistol. [Out of the blue, because Goethe only sensed the connection, not clearly recognized it.] Yet another deeply moving mystery of the soul.
[ 42 ] So sehen wir, wie Goethe gleichsam hineingießt in den «Faust», was er erlebt, wie er darzustellen versucht, wie ihn Mephisto führt, dazu, Gefallen zu finden an solch schalem Zeug wie in Auerbachs Keller, an mancherlei Äußerlichkeiten des Lebens, die er von höherem Standpunkt als banal bezeichnen muss. Aber zu noch etwas anderem führt ihn dieser Mephisto. Wenn wir Goethe verfolgen von Straßburg zu der Zeit, wo er die Advokatenprüfung abgelegt hatte, etwas später, da finden wir zwei Eigenschaften, die gerade eine tiefe und suchende Seele in merkwürdige Konflikte bringen mussten. Die eine tritt uns entgegen, wenn wir ihn aufsuchen als Rechtsgelehrten. In der positiven Gesetzeserkenntnis war es nicht weit her mit ihm, [Gesetzesparagraphen wusste er nur wenige]. Wenn es sich aber darum handelte, schnell und rasch irgendeinen Fall aufzufassen, flugs ihn zu durchdringen, da war er einer der Allerersten, noch heute bewundert von Fachleuten, die verfolgen seine Prozesse. [Er war ein praktischer Mensch, der sich mit dem Verstande rasch im praktischen Leben zurechtfand.] Gerade er ist ein Beweis gegen den unerhörten Satz, dass diejenigen Menschen, die den Zugang suchen zu dem geistigen Leben, unpraktische Gesellen im Leben sein müssen. Goethe hat im höchsten Grade den Zugang gesucht zu den geistigen Welten und war zugleich ein eminent praktischer Mensch gegenüber allen solchen Menschen, welche unpraktisch sind, weil sie unbegabt sind. Da meint mancher junge Dichter, es gehört dazu, dass man ganz aufgeht in dem geistigen Leben, dass man muss ein unpraktischer Mensch sein. Solche Menschen sind nur bis zu einer zweifelhaften Weise begabt. Niemals wird Goethe abgesprochen werden die besondere Begabung, die er [beim Schreiben] seiner «Iphigenie» zeigte. Drauf lagen auf seinem Tische die Listen für die Aushebung der Rekruten. Während die Rekruten ausgehoben wurden, schrieb er zwischendrinnen die Verse zu seiner «Iphigenie». Das war ein ganzer Mensch! Das Eindringen in die geistige Welt hindert niemals, in die praktische den Weg zu finden. So fühlte sich Goethe als ein praktischer Mensch.
[ 42 ] Thus we see how Goethe, as it were, pours into Faust what he has experienced, how he attempts to portray it, and how Mephisto leads him to take pleasure in such insipid things as those found in Auerbach’s Cellar, in various superficial aspects of life that, from a higher vantage point, he must describe as banal. But this Mephisto leads him to something else as well. If we follow Goethe from Strasbourg at the time when he had passed the bar exam, and a little later, we find two characteristics that were bound to plunge a deep and searching soul into strange conflicts. One of these becomes apparent when we consider him as a legal scholar. His knowledge of the law was rather limited, [he knew only a few legal provisions]. But when it came to grasping any case quickly and promptly, to penetrate it in a flash, there he was among the very best—still admired today by experts who study his trials. [He was a practical man who, with his intellect, quickly found his way in practical life.] He, in particular, is proof against the outrageous claim that those who seek access to the spiritual life must be impractical people in everyday life. Goethe sought access to the spiritual worlds to the highest degree and was at the same time an eminently practical person compared to all those who are impractical because they lack talent. Many a young poet believes that to be fully absorbed in spiritual life, one must be an impractical person. Such people are gifted only to a dubious degree. No one will ever deny Goethe the special talent he demonstrated [while writing] his Iphigenia. On his desk lay the lists for the conscription of recruits. While the recruits were being conscripted, he wrote the verses for his “Iphigenia” in between. That was a man of substance! Delving into the intellectual world never prevents one from finding one’s way into the practical world. That is how Goethe saw himself—as a practical man.
[ 43 ] Aber dazu fühlte er noch das: Als er eines Tages mit sich zurate ging, musste er sich etwas sagen, was einen tiefen Eindruck auf seine Seele machte. Es gibt viele, viele Dinge, in denen du nicht auf deiner eigenen Höhe warst in deinem Leben — und vor allem: Du bist schuldig geworden! Die Selbsterkenntnis: Du bist schuldig geworden — solchen Fällen gegenüber, wie der Frankfurter Dichter in Sesenheim erlebte, den Kampf der heftigsten Leidenschaften der gegenüber, welche ihm dort in Friederike entgegentrat. Er wusste auch, dass sie nicht zueinander passten, dass er gelähmt würde in seinem ganzen Streben, wenn er eine Verbindung gesucht hätte mit ihr. Er wusste aber, dass durch die Art und Weise, wie er sich benahm, er schuldig geworden war, wusste, dass ihn Mephisto geführt; wie wir, wenn wir statt in klare Verhältnisse in Irrtum und Täuschung hineingeführt werden, von Mephisto geführt werden.
[ 43 ] But he also felt this: One day, as he was reflecting on his situation, he had to admit something to himself that made a deep impression on his soul. There are many, many things in which you have not lived up to your own potential in your life—and above all: you have become guilty! The self-realization: You have become guilty—in situations such as those experienced by the Frankfurt poet in Sesenheim, the struggle of the most intense passions against those that confronted him there in Friederike. He also knew that they were not suited to one another, that he would have been paralyzed in all his endeavors had he sought a relationship with her. But he knew that, through the way he behaved, he had become guilty; he knew that Mephisto had led him astray—just as we, when led into error and deception instead of clear circumstances, are led by Mephisto.
[ 44 ] Goethe fühlte ganz und gar und in dem tiefsten Innern, weil er alle diese Fragen in ihrem Zentrum ergriff, dass dieses in der menschlichen Seele, was alles die menschliche Seele führt, dass [diese mephistophelische Kraft] sie weit führen kann, zu ganz anderen Selbstgeständnissen als dem, was er in die Worte kleiden musste: Du bist schuldig geworden. Er wusste, dass wenn diese Mephisto-Kräfte in das Erkenntnisstreben hineinwirken, dann können sie den Menschen gegenüber dem höheren Erkenntnisstreben machen zu einem Scharlatan! Da stand er mit seiner Seele vor etwas Ungeheuerlichem; da stand er [vor einem ungeheuren Abgrund], dass er sich sagte: Du musst hinaus über das, was nur der Verstand erfahren kann, du musst die Empfindungs- und Gemütskräfte aufrufen zur Erkenntnis, [die, die Mephistopheles herunterzieht], aber in dir lebt noch erwas vom Mephisto. Ein anderes Ich lebt in dir daneben. Jetzt erst wurde ihm klar eine Figur des sechzehnten Jahrhunderts, die [so viele Menschen interessiert und erschreckt hat], die Furcht und Entsetzen den Menschen eingejagt hat. Jetzt ging ihm der «Faust» des sechzehnten Jahrhunderts auf, Wie ging er ihm auf? Da tun wir einen tiefen Blick in Goethes psychologische Selbsterkenntnis, wenn wir danach forschen. Goethe sagte sich, wie noch heute viele Menschen sich sagen könnten: Der Mensch kann eigentlich nicht anders als den Zugang suchen zu den Kräften, die über das Sinnliche hinausgehen. Daher haben wir auch in unserer heutigen Zeit, die so herzlich wenig für die tiefsten Bedürfnisse der Seele tut, so zahlreiche Strömungen, die ausgehen von solchen Menschen, die den Zugang zu den geistigen Strömungen, zu den geistigen Untergründen der Seele suchen.
[ 44 ] Goethe felt completely and in the depths of his being—because he grasped all these questions at their core—that this force within the human soul, which guides everything in the human soul, that [this Mephistophelean force] can lead it far, to confessions of the self entirely different from what he had to put into words: “You have become guilty.” He knew that when these Mephistophelean forces influence the pursuit of knowledge, they can turn a person into a charlatan in the face of the higher pursuit of knowledge! There he stood with his soul before something monstrous; there he stood [before a monstrous abyss], so that he said to himself: You must go beyond what only the intellect can experience; you must call upon the powers of feeling and emotion for knowledge—[those that Mephistopheles drags down]—but something of Mephisto still lives within you. Another self lives within you alongside it. Only now did a figure from the sixteenth century become clear to him—one that [has interested and terrified so many people], one that has instilled fear and horror in people. Now the “Faust” of the sixteenth century dawned on him. How did it dawn on him? Here we gain a deep insight into Goethe’s psychological self-knowledge as we explore this. Goethe told himself—as many people might still tell themselves today—that human beings cannot really help but seek access to the forces that transcend the sensory realm. That is why, even in our present age, which does so little to address the deepest needs of the soul, we have so many movements that spring from people seeking access to spiritual currents, to the spiritual depths of the soul.
[ 45 ] Das Erste, [was nötig ist], damit der Mensch ohne Schaden den Zugang [in die geistige Welt] finde, damit er läutere und reinige seine Seele, ist, dass er sich frei mache von allem, was man jetzt im Goethe’schen Sinne mephistophelische Kräfte nennt, von den bloß negierenden, kritisierenden Bestrebungen, [was bloß auf die Dinge der äußeren Welt gerichtet ist]. Das ist nicht leicht; wie schwierig es ist, das zeigt Goethe selber, indem er sich gefesselt sieht an den Mephisto wie an einen Geist, der einen Teil seiner Seele ausmacht.
[ 45 ] The first thing [that is necessary] for a person to find entry [into the spiritual world] without harm, so that he may purify and cleanse his soul, is that he free himself from everything that is now called, in Goethe’s sense, Mephistophelean forces—from the merely negating, critical impulses [that are directed solely toward the things of the outer world]. This is not easy; Goethe himself demonstrates just how difficult it is by finding himself bound to Mephisto as to a spirit that constitutes a part of his soul.
[ 46 ] [Hört der Mensch auf diesen Mephisto in ihm, dann sagt er den Mitmenschen nicht die Wahrheit, sondern das, wozu ihn das mephistophelische Element, verstärkt durch das luziferische Element, aufstachelt, was zu Hochmut, Ehrgeiz, Stolz, Scharlatanerie führt.
[ 46 ] [If a person listens to this Mephisto within, then he does not tell his fellow human beings the truth, but rather what the Mephistophelean element—reinforced by the Luciferic element—goads him to say, which leads to arrogance, ambition, pride, and charlatanism.
[ 47 ] Wahrlich ein ganz feines Spinnwebchen trennt den Scharlatan vom wahren Geistesforscher. Das kann man auch heute sehen. Da tritt die theosophische oder andere Geistesströmungen auf, weil sie der Sehnsucht unserer Welt entsprechen. Aber es ist nicht leicht, ein solcher Verkündiger des Geistes zu werden.]
[ 47 ] Truly, a very fine web separates the charlatan from the true spiritual seeker. This can be seen even today. Theosophical and other spiritual movements emerge because they respond to the longings of our world. But it is not easy to become such a herald of the spirit.]
[ 48 ] Ist der Forscher nicht frei von diesen mephistophelischen Kräften, dann ist er kein richtiger Forscher, sondern ein Scharlatan, der aufstachelt, was zur Eitelkeit auf dem Erkenntnisgebiet führt. — Hier ist wirklich ein feines Empfinden nötig, um zu unterscheiden zwischen edlem Streben nach höherer Erkenntnis und Scharlatanerie. Und schwer ist zu unterscheiden der Scharlatan von dem Geistesforscher für den, der nicht tief eindringt in das geistige Leben. Diese Gefahr besteht auch in der Theosophie. Es ist nicht leicht, die Sehnsuchten zu befriedigen. Wer eindringen will in die geistige Welt, steht vor der Gefahr der Scharlatanerie. Es ist daher nur zu begreifen, wenn Scharlatan und Geistesforscher verwechselt werden. [Nur zu berechtigt ist der Vorwurf der Außenwelt: «Man kann ja den Scharlatan nicht vom wahren Geistesforscher unterscheiden».] Dies, was uns im Leben so anschaulich entgegentreten kann, trat Goethe in seiner Seele entgegen. Das Mephistophelische bringt dich so nahe in einer Wesenheit, wie es ist der Faust, vor dem die Menschen sich fürchten, von dem man sagen kann, er habe sich verbunden mit dem Teufel, sei verfallen den Kräften, die zu Lug und Trug führen. Und jetzt stand vor Goethes Seele die Frage: Wie rettet sich der Mensch vor der Gefahr der Scharlatanerie, dass Mephisto ihn nicht in Abgründe herunterführt? So war für Goethe die Faustfrage geworden, und zu einer Angelegenheit des Herzens geworden.
[ 48 ] If the researcher is not free from these Mephistophelean forces, then he is not a true researcher, but a charlatan who stirs up feelings that lead to vanity in the realm of knowledge. — Here, a truly refined sensibility is necessary to distinguish between a noble striving for higher knowledge and charlatanism. And it is difficult to distinguish the charlatan from the spiritual researcher for those who do not penetrate deeply into spiritual life. This danger also exists in theosophy. It is not easy to satisfy these longings. Anyone who wishes to penetrate the spiritual world faces the danger of charlatanism. It is therefore only natural that charlatans and spiritual researchers are confused with one another. [The outside world’s accusation is only too justified: “One cannot, after all, distinguish the charlatan from the true spiritual researcher.”] This, which can confront us so vividly in life, confronted Goethe in his soul. The Mephistophelean brings you so close to a being such as Faust, whom people fear—of whom one can say he has made a pact with the devil and has succumbed to the forces that lead to lies and deceit. And now the question stood before Goethe’s soul: How can a person save himself from the danger of charlatanism, so that Mephisto does not lead him down into the abyss? Thus, for Goethe, the Faust question had become a matter of the heart.
[ 49 ] Das Erste, was der Mensch sich sagen muss, wenn diese Frage vor seine Seele tritt, ist: [Du musst einfältig, demütig werden]. Du musst etwas durchmachen, wo du das Einzelne suchst in dir; vom kleinsten Erlebnis, von der kleinsten Beobachtung, um in jedem einzelnen Erlebnis das Göttliche zu finden. Diesen Weg trat Goethe an. Auf diesem Wege sehen wir ihn durch Italien wandern, bescheiden, demütig alle Einzelheiten sammelnd. In dem unscheinbaren Huflattich sucht er sich klar zu werden über das verschiedene Wirken der Pflanzenformen, [beobachtete den Unterschied in seinem Auftreten hier und anderswo]. In inniger, selbstloser Art von Bild zu Bild, von Kunstwerk zu Kunstwerk sehen wir ihn eilen. Wie er zwar zu Hause Spinoza gelesen hat, um sich zu erheben, aber dabei nicht verweilt, weil er demütig ist. [Er geht zu den Kunstwerken und sagt sich]: Wenn ich sie ansehe, so weiß ich, dass die Alten schufen wie die Natur, indem sie die Kräfte auf eine höhere Stufe erhoben. Darin ist Notwendigkeit, ist Gott. Nicht im Fluge sucht er sich eine Weltanschauung zu erbauen, von Ding zu Ding, demütig das Kleinste sucht er, um im Kleinsten bescheiden das Göttlich-Geistige zu suchen. [Sie finden es vielleicht gar manchmal unbequem, wenn der, der von der Geisteswissenschaft redet, von Einzelheiten spricht.] Das menschliche Erkenntnissuchen ist nicht bescheiden genug, will nicht von Einzelheit zu Einzelheit gehen, will gleich höher hinauf; auf einmal mit einem Worte umspannen die ganze Welt möchte man. Wenn zum Beispiel in der theosophischen Bewegung Wert darauf gelegt wird, in den Einzelheiten von Stufe zu Stufe zu gehen, so wird so manchmal gesagt: Ich möchte gleich in die höchsten Stufen des Logos hinauf, obgleich der Betreffende nicht mehr versteht vom Logos, als dass das Wort «Logos» aus fünf Buchstaben zusammengesetzt ist. [Da ist vor allem Bescheidenheit nötig; zu dieser notwendigen Bescheidenheit brachte es Goethe.]
[ 49 ] The first thing a person must tell themselves when this question arises in their soul is: [You must become simple and humble]. You must go through a process in which you seek the particular within yourself—from the smallest experience, from the smallest observation—in order to find the divine in every single experience. Goethe set out on this path. On this path, we see him wandering through Italy, modestly and humbly gathering all the details. In the unassuming coltsfoot, he seeks to gain clarity about the different effects of plant forms, [observing the difference in its appearance here and elsewhere]. In an intimate, selfless manner, from picture to picture, from work of art to work of art, we see him hurrying along. Although he read Spinoza at home to elevate himself, he does not dwell on it, for he is humble. [He goes to the works of art and says to himself]: When I look at them, I know that the ancients created as nature does, by raising the forces to a higher level. In this there is necessity; there is God. He does not seek to construct a worldview on the fly, moving from thing to thing; humbly, he seeks out the smallest details in order to modestly seek the divine-spiritual within the smallest. [You may even find it uncomfortable at times when someone who speaks of spiritual science discusses details.] The human quest for knowledge is not humble enough; it does not want to proceed from detail to detail, but seeks to rise higher at once; one would like to encompass the entire world in a single word. When, for example, the Theosophical Movement emphasizes proceeding step by step through the details, people sometimes say: “I want to ascend immediately to the highest levels of the Logos,” even though the person in question understands no more about the Logos than that the word “Logos” is composed of five letters. [Modesty is essential here above all else; Goethe attained this necessary modesty.]
[ 50 ] Goethe lernt von Einzelheit zu Einzelheit. Das war, was Goethe tat. Dadurch brachte er es zu jener Geläutertheit, zu jener Reinheit, in der er stand, nachdem er eine Weile diesen Weg durchgemacht hatte, dass er jetzt in anderer Weise sprechen kann von [seiner Begegnung mit jenen geistigen Kräften wie dem Erdgeist, von denen er sich früher weggekrümmt, fortgewandt hatte wie «ein furchtsam weggekrümmter Wurm»], von seiner Begegnung mit dem Erdgeist, der das Geschehen der Erde durchlebt. Damals musste er sich sagen lassen:
[ 50 ] Goethe learns from one detail to the next. That was what Goethe did. Through this, he attained that refinement, that purity, in which he found himself after having followed this path for a while—so that he can now speak in a different way about [his encounter with those spiritual forces, such as the Earth Spirit, from which he had previously turned away, shunning them like “a timid, cowering worm”], of his encounter with the Earth Spirit, who lives through the events of the Earth. Back then, he had to be told:
Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!
You are like the spirit you understand—not like me!
[ 51 ] Der Geist war ihm aus dem Feuer erschienen. Jetzt, nachdem er also durch die Bescheidenheit, durch das umsichtige Forschen von dem Stück Natur zu dem Stück Natur gegangen war, sodass er dem «Faust» einverleiben konnte das Stück, das er in Italien schreiben konnte, jetzt sprach er diesen Geist der Erde anders an, wie charakterisiert ist in jenem schönen Monolog in «Wald und Höhle»:
[ 51 ] The spirit had appeared to him from the fire. Now, having thus proceeded from one aspect of nature to another through modesty and careful inquiry—so that he could incorporate into Faust the section he had written in Italy—he now addressed this spirit of the earth differently, as characterized in that beautiful monologue in “Forest and Cave”:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
ergönnest mir, in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
Sublime Spirit, you gave me, gave me everything,
That I asked for. You did not in vain
Turn your face toward me in the fire.
You gave me magnificent nature as my kingdom,
The power to feel it, to enjoy it. You do not
do you merely allow me to be a cold, marveling visitor,
but grant me to gaze into its deep bosom
as into the bosom of a friend.
You lead the procession of the living
past me, and teach me to know my brothers
in the quiet thicket, in air and water.
And when the storm roars and creaks in the forest,
The giant spruce crashes down, sweeping neighboring branches
And crushing neighboring trunks as it falls,
And the hill thunders with a dull, hollow roar at their fall,
Then you lead me to the safe cave, show
Me to myself, and within my own breast
Secret, profound wonders unfold.
[ 52 ] Das war der Fortschritt, den Goethe durch seine Bestrebungen gemacht hatte. Jetzt fühlte er sich, nachdem er bescheiden Schritt für Schritt der Natur nachgespürt hatte, nicht mehr als ein Bequemling der Erkenntnis, und näher dem Geiste, der ihn früher zurückgestoßen hatte. Jetzt durfte er mit einer anderen Befriedigung und Beseligung in seine Seele schauen. [Was er früher im Fluge erreichen wollte, hatte er jetzt in fleißigster Einzelarbeit erkannt; in Demut war er aufgestiegen. Jetzt stand ihm der Geist gegenüber, der nicht nur als Erdgeist in der äußeren Welt lebt, der auch lebt in der eigenen Seele des Menschen. In die sichere Höhle, in eigene Innere, zur Selbsterkenntnis führte er ihn!] Er hatte eine Naturanschauung gewonnen, die den Geist jetzt wirklich in der Natur erkennen lässt:
[ 52 ] This was the progress Goethe had made through his efforts. Now, having modestly followed in nature’s footsteps step by step, he no longer felt like a slacker in the pursuit of knowledge, and he felt closer to the spirit that had once repelled him. Now he was able to look into his soul with a different kind of satisfaction and bliss. [What he had once sought to attain in a flash, he had now come to understand through the most diligent, painstaking work; he had ascended in humility. Now he stood face to face with the Spirit, which lives not only as the Earth Spirit in the outer world but also within the human soul itself. It led him into the safe cave, into his own inner self, toward self-knowledge!] He had gained a view of nature that now truly allows one to recognize the Spirit in nature:
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
You lead the procession of the living
Past me, and teach me to know my brothers
In the quiet bush, in the air and water.
[ 53 ] Jetzt war er aufgestiegen — allerdings immer mit den Kräften, die ausgelöst haben dazumal seine Frankfurter Bestrebungen —, aber in Demut aufgestiegen war er. Und jetzt trat ihm auf, was in der eigenen Seele lebte als das Ewige, Unsterbliche. Mit dem, was er so verbinden konnte, nachdem er in der äußeren Welt erkannte diesen «Geist der Erde», da führte ihn der Geist zur Selbsterkenntnis. Jetzt fühlte er sich reif, in sich die Kräfte zu finden, die er früher im Sturm gesucht. Und so lernen wir von dem großen Goethe, wie wir mit ihm aus dem Grunde reifen, vorsichtig und demütig sein sollen und sagen sollen: Dieses kann jetzt nicht auf unsere Seele wirken, aber sie will geduldig warten und reifen lassen. Wer so tut, wird sagen: Das ist gut, dass du so getan, manches auch aufgeschlossen hast, denn das musste erst in dir reifen und nachher aufblühen. Glauben an die Entwicklung der menschlichen Seele, Glauben an die Notwendigkeit des Heranreifens, damit wir glauben können an die Unvergänglichkeit des Ewigen, [damit wir allmählich hineinwachsen in die geistige Welt]; das können wir von Goethe lernen.
[ 53 ] Now he had risen—albeit still drawing on the forces that had once sparked his aspirations in Frankfurt—but he had risen in humility. And now he became aware of what lived within his own soul as the eternal, the immortal. Through what he was able to connect with—after he had recognized this “Spirit of the Earth” in the outer world—the Spirit led him to self-knowledge. Now he felt ready to find within himself the forces he had once sought in the storm. And so we learn from the great Goethe how, as we mature alongside him from within, we should be cautious and humble and say: This cannot yet affect our soul, but it is willing to wait patiently and allow it to mature. Whoever acts in this way will say: It is good that you acted this way and opened yourself up to many things, for these had to mature within you first and then blossom. Faith in the development of the human soul, faith in the necessity of maturing so that we may believe in the immortality of the eternal, [so that we may gradually grow into the spiritual world]; this is what we can learn from Goethe.
[ 54 ] Dazumal, als er fand in der inneren Seele eine Höhle, in der sich die Geheimnisse des eigenen Herzens enthüllten, da glaubte er nicht fertig zu sein, sondern strebte immer höher hinauf. Und wir werden sehen, wie der «Faust», der 1790 im Fragment erschienen, immer höher hinaufsteigt.
[ 54 ] Back then, when he found a cave within his inner soul where the secrets of his own heart were revealed, he did not believe he had reached the end, but strove ever higher. And we shall see how “Faust,” which appeared as a fragment in 1790, climbs ever higher.
[ 55 ] Dazumal war vieles ihm nur äußeres Erlebnis. Aber immer mehr verband er sich mit den Erlebnissen der inneren Seele: In das Mystische drang er ein. [Nachdem Goethe in der äußeren Welt den lebendigen Erdgeist geschaut hatte, fand er auch seine inneren Kräfte: «Und meines eignen Geistes tiefe Schächte öffnen sich» — der Goethe von 1790 strebt immer tiefer und tiefer. Demütig und bescheiden blickt er auf.] Daher kam er dazu, in tiefster Seele heiß zu fühlen: Es gibt ein Unvergängliches, und die menschliche Seele kann es erkennen, weil sie in sich selber das Unvergängliche erkennen kann. Das war das Testament, das er in der Vollendung seines «Faust» hinterließ, das er versiegelte; was sich aussprach in den Schlussworten:
[ 55 ] At that time, much of what he experienced was merely external. But he became increasingly connected to the experiences of his inner soul: he delved into the mystical. [After Goethe had beheld the living spirit of the earth in the outer world, he also discovered his inner powers: “And the deep wells of my own spirit open up”—the Goethe of 1790 strives ever deeper and deeper. He looks up with humility and modesty.] This led him to feel deeply in the depths of his soul: There is something imperishable, and the human soul can recognize it because it can recognize the imperishable within itself. This was the legacy he left behind upon completing his Faust, which he sealed; it found expression in the closing words:
[ 56 ] Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.
[ 56 ] Everything that is transitory is merely a parable.
