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Goethe and the Present
GA 68c

13 January 1912, Winterthur

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Goethe and the Present, tr. SOL
  1. Goethe und die Gegenwart

35. Von Paracelsus zu Goethe

35. From Paracelsus to Goethe

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Ladies and gentlemen!

[ 1 ] Der Gesichtspunkt, von welchem aus von mir heute Abend gesprochen werden soll auf Wunsch einiger hiesigen Freunde der theosophischen oder geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, dieser Gesichtspunkt ist keineswegs ein in der Welt beliebter und in weiteren Kreisen anerkannter. Mit Ausnahme einiger, verhältnismäßig noch weniger unserer Zeitgenossen, welche aus einer tiefen Erkenntnis und langen Beschäftigung mit der Sache eine intensiv wirkende Überzeugung nach der Richtung der in Betracht kommenden Weltanschauung gewonnen haben, mit Ausnahme dieser findet dieser Gesichtspunkt überall Widerspruch, Zweifel und Missverständnis. Und derjenige, der zum ersten Male an einem Orte über einen solchen Gegenstand spricht, gibt sich natürlich nicht einer Illusion hin, dass mit der Andeutung einiger Bemerkungen, die in einem kurzen Vortrag gemacht werden können, irgendwie eine Überzeugung hervorgerufen werden könne. Bin ich doch an dem heutigen Abend in der etwas zweifelhaften Lage, mancherlei anführen zu müssen aus der theosophischen Weltanschauung, wofür es zwar hinlänglich Beweise gibt für denjenigen, der tiefer in das gemeinte Gebiet eintritt, was aber doch heute Abend nicht mit allen notwendigen Beweisen wird angeführt werden können.

[ 1 ] The perspective from which I am to speak this evening, at the request of some local friends of the theosophical or spiritual-scientific worldview, is by no means a popular one in the world or widely recognized in broader circles. With the exception of a few—and even fewer of our contemporaries—who, through deep insight and long engagement with the subject, have gained a profound conviction in the direction of the worldview in question, this perspective encounters opposition, doubt, and misunderstanding everywhere. And anyone who speaks on such a subject for the first time in a given place naturally does not delude himself into thinking that a few remarks made in a short lecture could in any way instill conviction. Yet this evening I find myself in the somewhat precarious position of having to present various points from the theosophical worldview—points for which there is indeed ample evidence for those who delve deeper into the subject matter, but which cannot be supported by all the necessary evidence this evening.

[ 2 ] Angeknüpft soll werden, nach den Wünschen der hiesigen Freunde unserer Weltanschauung, an eine Gestalt der geistigen Menschheitsentwicklung, die gewissermaßen diesem Erdenteil, auf dem wir uns befinden, interessant sein muss, weil sie lange hier gelebt hat in dieser Stadt, und angeknüpft soll werden weiter an eine Persönlichkeit, die, wie jeder anerkennen muss, tief eingegriffen hat in das Geistesleben unserer Zeit — an Goethe. Nicht, dass gezeigt werden soll, dass man aus der Weltanschauung des Paracelsus und Goethe nur bestätigt finden könnte, was aus Geisteswissenschaft hervorgehen kann, sondern gezeigt soll werden, dass schon in ihnen Gestalten gegeben sind, welche gerade in ihrem Ringen und Streben zeigen, dass dasjenige, was Geisteswissenschaft oder Theosophie will, herbeigesehnt und erstrebt worden ist von denjenigen, die beim Herannahen der neuzeitlichen Geistesentwicklung und unserer Gegenwart in ihrer Art versuchten, die Zeichen der Zeit und die Bedürfnisse der menschlichen Seele zu deuten.

[ 2 ] In accordance with the wishes of the local supporters of our worldview, we should draw upon a figure in the intellectual development of humanity who, in a sense, must be of interest to this part of the world, on which we find ourselves—must be of interest because she lived here in this city for a long time; and we shall also draw upon a figure who, as everyone must acknowledge, has profoundly influenced the spiritual life of our time—Goethe. Not that the aim is to show that one can find in the worldviews of Paracelsus and Goethe only a confirmation of what can emerge from spiritual science, but rather to show that figures are already present in them who, precisely in their struggles and strivings, demonstrate that what spiritual science or theosophy seeks, has been longed for and striven for by those who, as modern spiritual development approached and in our present time, sought in their own way to interpret the signs of the times and the needs of the human soul.

[ 3 ] Bevor wir aber in der Lage sein werden, anzuknüpfen an die geistige Bedeutung von Paracelsus und Goethe und den Weg, den die Entwicklung von Paracelsus bis Goethe genommen, werden wir den Standpunkt der Theosophie erst charakterisieren müssen, so wie uns Theosophie oder Geisteswissenschaft in der Gegenwart in der Welt entgegentritt. Theosophie oder Geisteswissenschaft ist keineswegs etwas, das verwechselt werden darf mit irgendwelchen religiösen. Bekenntnissen irgendeines Gebietes unserer Erde. Nicht hat sie die Absicht, an die äußeren religiösen Bekenntnisse zu treten, oder gar irgendeine Religion oder Sekte zu bilden. Das liegt ihr fern, weil ihre Quellen solche sind, dass sie kann in keiner Weise beeinträchtigen die religiösen Bekenntnisse oder die religiösen Überzeugungen der Menschen.

[ 3 ] But before we can connect with the spiritual significance of Paracelsus and Goethe and the path that development took from Paracelsus to Goethe, we must first characterize the standpoint of theosophy, as theosophy or spiritual science presents itself to us in the world today. Theosophy, or spiritual science, is by no means something that should be confused with any religious It has no intention of aligning itself with external religious creeds, much less of forming any religion or sect. That is far from its purpose, because its sources are such that it cannot in any way interfere with people’s religious creeds or religious convictions.

[ 4 ] Auf der anderen Seite findet der charakterisierte Gegenstand seine Widersacher namentlich unter denen, welche fest zu stehen glauben auf dem auch von den Geistesforschern geschätzten Boden der Naturwissenschaft. Das ist das Große der geisteswissenschaftlichen Anschauung, dass sie sich in Bezug auf die Art ihres Denkens ganz auf den Boden wissenschaftlichen Denkens stellt; aber sie will, ausgehend von diesem wissenschaftlichen Denken, hinaufführen zu den höchsten Regionen des Daseins, nach deren Erkenntnis die menschliche Seele sich sehnt. Sich sehnt aus dem Grunde, weil der Mensch braucht Ausblicke nach höheren Welten, wenn er sicher sein will in seiner Arbeit innerhalb der äußeren sichtbaren Welt, in der er zu wirken hat. In die Welt des Geistigen, in jene Welt, welche man auch nennen kann: die übersinnliche Welt, soll Theosophie oder Geisteswissenschaft hinaufführen. Damit ist zugleich dasjenige angegeben, meine sehr verehrten Anwesenden, was ihr ungeheuer viele Gegner schaffen muss in der Gegenwart, denn es geben ja heute ruhig denkende erste Wissenschaftler auch zu, dass dasjenige, was man mit den Mitteln der gewöhnlichen Wissenschaft erreicht, durchaus nicht Aufschluss geben kann über das Höchste, was an Kräften, an Wesenheiten diese Welt durchwebt und durchsetzt. Zugegeben wird also vielfach, dass unserer sinnlichen Welt eine geistige zugrunde liegt. Aber wenn auch solche besonnenen Menschen der Gegenwart nicht auf den Boden derjenigen Menschen sich stellen wollen, welche aus materialistischem Denken heraus sagen wollen: Der Mensch weiß, dass nichts wirklich ist, als was uns umgibt, so stehen sie doch vielfach auf dem Boden, dass sie sagen: Mag eine übersinnliche Welt hinter unserer sinnlichen Welt existieren — die Menschen-Erkenntniskräfte sind aber so beschränkt, dass man haltmachen muss vor dieser Geisteswelt.

[ 4 ] On the other hand, the object under consideration finds its opponents notably among those who believe they stand firmly on the ground of natural science, which is also valued by researchers in the humanities. This is the greatness of the spiritual-scientific perspective: that, in terms of its mode of thinking, it stands entirely on the ground of scientific thought; yet, proceeding from this scientific thought, it seeks to lead us up to the highest realms of existence, the knowledge of which the human soul longs for. This longing arises because human beings need insights into higher worlds if they are to feel secure in their work within the outer, visible world in which they are called upon to act. Theosophy, or spiritual science, is meant to lead us up into the world of the spiritual—that world which may also be called the supersensible world. This, my esteemed audience, also indicates why it must attract an immense number of opponents in the present day; for even level-headed leading scientists today readily admit that what is achieved through the methods of ordinary science can by no means shed light on the highest forces and beings that interweave and permeate this world. It is thus widely acknowledged that a spiritual world underlies our sensory world. But even though such level-headed people of our time do not wish to adopt the stance of those who, out of materialistic thinking, assert: “Human beings know that nothing is real except what surrounds us,” they nevertheless often take the position that they say: “A supersensible world may exist behind our sensory world—but human powers of cognition are so limited that one must stop short of this spiritual world.”

[ 5 ] Dass es eine geistige Welt gibt, der der Mensch ebenso angehört mit seiner Seele und mit dem, was in ihm geistig lebt, wie der Mensch mit seinen körperlichen Kräften angehört der Außenwelt, das ist wieder etwas, was durch die Geisteswissenschaft wieder der Welt bekannt gemacht werden soll. Dass man mit ebensolchen Mitteln wie in der Naturwissenschaft eindringen kann in diese Welt, das ist das Zweite. Es wird gut sein, da unsere Zeit beschränkt ist, jetzt zugleich darauf aufmerksam zu machen, wie der Mensch in der Art der Naturwissenschaft und ihres Denkens in die geistige Welt hinaufblicken kann. Naturwissenschaft dringt in das, was sie erforschen will, durch die Beobachtung, sie dringt ein aber auch durch das Experiment. Erforschung durch die Beobachtung, aber auch in etwa durch das Experiment, sind auch die Mittel der Geisteswissenschaft. Auch hier muss gleich darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie, die Geisteswissenschaft, ganz ehrlich und aufrichtig sich stellen muss auf den Boden eines Goethe’schen Ausspruchs, der die Methode unserer Wissenschaft vorausgeahnt hat:

[ 5 ] The fact that there is a spiritual world to which human beings belong—with their souls and with whatever lives spiritually within them—just as they belong to the external world with their physical powers, is yet another truth that spiritual science is meant to make known to the world once again. The second point is that one can penetrate this world using the very same methods as in the natural sciences. Since our time is limited, it would be good to draw attention now to how human beings can look up into the spiritual world through the methods of the natural sciences and their mode of thinking. The natural sciences penetrate what they seek to investigate through observation, but they also do so through experimentation. Research through observation, but also, to some extent, through experimentation, are also the methods of spiritual science. Here, too, it must be pointed out right away that spiritual science must, quite honestly and sincerely, stand firmly on the ground of a statement by Goethe, who foresaw the method of our science:

Geheimnisvoll am lichten Tag
Lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.

Mysterious in Broad Daylight
Nature cannot be stripped of its veil,
And what it chooses not to reveal to your mind,
You cannot force from it with levers and screws.

[ 6 ] Was will im Grunde genommen ein solcher Ausspruch sagen? Er will sagen: In die äußere Welt der Dinge und in die Kräfte, die ihr zugrunde liegen, können wir eindringen, mit all den Werkzeugen, die äußerlich in der Welt hergestellt werden. Und wenn wir absehen von den neuen Instrumenten der Naturwissenschaft, so wissen wir schon, dass auf elementarischem Gebiete durch das Mikroskop die Welt des unendlich Kleinen, und durch das Teleskop die unendlich große Welt, der Makrokosmos, erforscht worden ist. So dringt man ein in die Welt der Dinge, so kann man nicht eindringen in die Welt des Geistes. In die Welt des Geistes kann nur der Geist des Menschen eindringen, da kann es nur das einzige Werkzeug geben: den Geist des Menschen selber.

[ 6 ] What, essentially, does such a statement mean? It means: We can penetrate the external world of things and the forces underlying it using all the tools that are manufactured externally in the world. And even setting aside the new instruments of natural science, we already know that, at the elementary level, the world of the infinitely small has been explored through the microscope, and the infinitely large world—the macrocosm—through the telescope. This is how one penetrates the world of things; one cannot penetrate the world of the spirit in this way. Only the human spirit can penetrate the world of the spirit; there can be only one tool there: the human spirit itself.

[ 7 ] Nun ist es so, dass, was dieser Geist ist im Menschen, gewisse Grenzen hat, dass nur gewisse Dinge begriffen werden können, die an den Verstand gebunden sind. Sie können nachlesen, was hier nur gestreift werden kann, und was mehr als alle Macht und aller Reichtum bedeutet, dass der Mensch weitergeführt werden kann, dass er einzudringen vermag in ganz andere Welten, in meiner Schrift: «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?».

[ 7 ] The fact is that this spirit within human beings has certain limits; only certain things that are bound to the intellect can be understood. You can read more about what can only be touched upon here—and what is more significant than all power and all wealth, namely, that human beings can be guided further and are capable of entering entirely different worlds—in my book: “How Does One Attain Knowledge of Higher Worlds?”

[ 8 ] So wie man es im Laboratorium macht, wie in der Klinik, so kann man die menschliche Seele nicht geeignet machen, in die übersinnliche Welt einzudringen. Nur durch rein geistige Vorgänge kann man das. Man versteht den ganzen Sinn dieses geistigen Vorgangs, wenn man dieses folgende Beispiel sich klarmacht, an dem gezeigt wird, dass in dem Denken man ganz klug sein kann, in dem, wie es in den Methoden der Naturwissenschaften gemacht wird.

[ 8 ] Just as one does in a laboratory or in a clinic, one cannot prepare the human soul to enter the supersensible world. This can be achieved only through purely spiritual processes. One understands the full meaning of this spiritual process when one considers the following example, which demonstrates that one can be quite intelligent in one’s thinking, in the manner practiced in the methods of the natural sciences.

[ 9 ] Wenn man Wasser hat, weiß man, dass dieses Wasser begriffen werden kann, wenn man es zerlegt in seine beiden Teile: Wasserstoff und Sauerstoff. Das weiß man. Aber, was Wasserstoff ist, und was Sauerstoff, um das zu untersuchen, muss man ihn abtrennen, den Sauerstoff oder den Wasserstoff, dann kann man ihn für sich betrachten.

[ 9 ] If you have water, you know that this water can be understood by breaking it down into its two components: hydrogen and oxygen. That much is known. But to investigate what hydrogen is and what oxygen is, you must separate them—either the oxygen or the hydrogen—so that you can examine each one on its own.

[ 10 ] Geist und Seele sind nun beim Menschen, so wie er in der Welt dasteht, verbunden mit dem ganzen Leibe, wie Sauerstoff und Wasserstoff mit dem Wasser. Unser Seelisch-Geistiges nimmt durch die Sinne, durch den Verstand nur die äußerliche Welt wahr in Farben, Tönen, Gerüchen und Geschmäcken. Man macht sich ein Bild, indem man die Naturgesetze entdeckt. Alles, was das Geistig-Seelische erreicht, erreicht es so, wie der Sauerstoff, wenn er im Wasser verbunden ist mit dem Wasserstoff. Wenn wir es aber untersuchen wollen, müssen wir es gerade so abtrennen vom Leiblichen, wie wir den Sauerstoff, wenn wir ihn untersuchen wollen, abtrennen müssen von dem Wasserstoff. Nun gibt es Mittel, dieses Geistig-Seelische abzusondern: die Meditation, die Konzentration. Alle diese sind Mittel, durch die in der Seele etwa das bewirkt wird, was der Chemiker bewirkt, wenn er das Wasser zerlegt in Sauerstoff und Wasserstoff.

[ 10 ] In human beings, as they exist in the world, the spirit and soul are united with the entire body, just as oxygen and hydrogen are united in water. Through the senses and the intellect, our soul-spiritual nature perceives only the external world in colors, sounds, smells, and tastes. We form a picture by discovering the laws of nature. Everything that reaches the spiritual-soul aspect does so in the same way that oxygen does when it is combined with hydrogen in water. But if we want to examine it, we must separate it from the physical just as we must separate oxygen from hydrogen if we want to examine it. Now there are means of isolating this spiritual-psychic realm: meditation and concentration. All of these are means through which something is brought about in the soul that is analogous to what the chemist brings about when he breaks water down into oxygen and hydrogen.

[ 11 ] Um das zu charakterisieren, werden wir sehen, was den Menschen zwischen Wachen und Schlafen erfüllt an Willensimpulsen, Hoffnungen und Sorgen. Das alles, was uns so erfüllt, wenn wir genauer zusehen, werden wir finden [und wir werden sehen], dass es nicht ohne äußeren Anlass da ist. Wir wissen, dass wenn wir die roten Rosen sehen, dass wir dann das Bild festhalten, wie man das Bild nicht selbst in der Seele geschaffen hat. So auch ist die Art, wie wir die Naturgesetze finden durch unseren Verstand. Wenn wir auf unsere Hoffnungen blicken, ebenso auf unsere Begierden, Leidenschaften, finden wir sie angeregt durch Äußeres. Wie können wir sagen, dass wir uns das durch eigenen Willen angeeignet haben? Wir wissen, wie das durch Anlässe der Außenwelt, durch unbekannte Tiefen unseres Seelenlebens geht. Unseren Schmerz, unsere Freude, unser Leid und unsere Lust bereitet die Außenwelt ohne unser Zutun. Das in der Seele Erleben haben nicht wir in den Mittelpunkt der Seele gestellt. Das ist, was der Geistesforscher unternehmen muss. Wenn der Geistesforscher durch reinen inneren Willen solche Vorstellungen, die er sich selbst gemacht hat, in seine Seele bringt, sagen wir «Sinnbilder». Nehmen wir zum Beispiel an, wir stellen uns vor, das Licht von irgendeinem Weltenkörper ausgehend. Aber dieses Licht stellen wir uns so vor wie den Körper eines geistigen Wesens, das ebenso einen Lichtkörper hat, wie wir einen Fleischkörper haben. Wenn Sie mir sagen, das sei ein Irrtum, so mache ich besonders darauf aufmerksam, dass bei solchen Vorstellungen, die wir als geistige Instrumente gebrauchen dürfen, wir uns keineswegs der Illusion hingeben, dass wir uns dadurch eine Vorstellung der Außenwelt gewinnen. Wenn solche Vorstellungen angegeben werden, die bestehen dazu, wahr zu sein nicht in dem Sinne, wie sonst die Vorstellungen, die wir uns in der Außenwelt bilden; sie haben die Aufgabe, als Tatsachen des Seelenlebens zu dienen. Der Mensch braucht unendliche Geduld und Energie, um zu solchen Vorstellungen zu gelangen, denn er muss alle Gedanken, die auf die äußere Sinneswelt Bezug haben, abweisen. Er muss so werden, wie der Mensch im Schlaf ist. Wenn alle äußeren Eindrücke schweigen, und auch der Verstand schweigt, während der Mensch von Finsternis umgeben und in der Bewusstlosigkeit ist, wird der Mensch, der sich Jahre und Jahre lang den inneren Übungen hingibt — sowie uns eine eigene Vorstellung zum moralischen Inhalte wird —, dazu kommen, in Bezug auf die Außenwelt und das übrige Seelenleben so zu werden, wie er im Schlaf ist. Nur dass die Bewusstlosigkeit nicht da ist. Es steigen da Kräfte herauf. Jetzt wissen wir, dass die Seele ein geistiges Wesen ist, das sich einen Inhalt geben kann. Da kommt die Seele nicht phrasenhaft hin, wie in der Mystik. Durch ebensolche Betrachtungsanstrengungen, wie der Mensch sie äußerlich durch physikalische Werkzeuge macht, da kommt die Seele dazu, sich innerlich zu erleben. Da kommt sie zu einem Erleben, das so frei ist von Leiblichkeit, von Stofflichkeit, wie der Sauerstoff frei ist von Wasserstoff, wenn er chemisch von ihm getrennt ist.

[ 11 ] To characterize this, we will examine the impulses of the will, hopes, and concerns that fill a person between waking and sleeping. All of these things that fill us so completely—if we look more closely, we will find [and we will see] that they do not exist without an external cause. We know that when we see red roses, we retain the image—even though we did not create that image ourselves in our soul. Similarly, this is how we discover the laws of nature through our intellect. When we look at our hopes, as well as our desires and passions, we find them stimulated by external factors. How can we say that we have acquired these through our own will? We know how this comes about through stimuli from the external world and through the unknown depths of our inner life. Our pain, our joy, our suffering, and our pleasure are brought about by the external world without any action on our part. We have not placed these inner experiences at the center of our soul. That is what the spiritual researcher must undertake. When the spiritual researcher, through pure inner will, brings such images—which he has created himself—into his soul, we call them “symbols.” Let us assume, for example, that we imagine light emanating from some celestial body. But we imagine this light to be like the body of a spiritual being, which has a body of light just as we have a physical body. If you tell me that this is a mistake, I would like to point out in particular that with such images—which we may use as spiritual instruments—we are by no means succumbing to the illusion that we thereby gain a conception of the external world. When such images are presented, they exist to be true not in the same sense as the images we otherwise form of the external world; their purpose is to serve as facts of the soul’s life. A person needs infinite patience and energy to arrive at such perceptions, for they must reject all thoughts relating to the external sensory world. They must become like a person who is asleep. When all external impressions fall silent, and even the intellect is silent, while the person is surrounded by darkness and in a state of unconsciousness, the person who has devoted years and years to inner exercises—just as a personal conception becomes a moral reality for us—will come to be, in relation to the external world and the rest of their inner life, as they are in sleep. Except that there is no loss of consciousness. Forces rise up there. Now we know that the soul is a spiritual being capable of giving itself content. The soul does not arrive at this through empty phrases, as in mysticism. Through the very same efforts of contemplation that a person makes externally using physical instruments, the soul comes to experience itself inwardly. There it arrives at an experience that is as free from corporeality and materiality as oxygen is free from hydrogen when chemically separated from it.

[ 12 ] Es ist wohl schwierig, daran zu glauben von vorneherein. Aber nicht schwieriger, als zu glauben an ein neues Ergebnis der Naturwissenschaft, ist es, zu glauben, dass ein Mensch gelangt dazu, zu wissen, dass er geistige Augen und geistige Ohren bekommt. Ein erstes Ergebnis einer Erkenntnis, die auf diesem Wege gewonnen werden kann, ist, dass der Mensch gewahr wird, was eigentlich vorgeht, wenn wir abends einschlafen. Für die Geisteswissenschaft liegt vor, dass im Bette liegen bleibt dasjenige, was der Mensch gemein hat mit der Pflanzenwelt, eine äußere Leiblichkeit, dass aber herausgeht aus dieser Leiblichkeit ein innerer geistig-seelischer Wesenskern. Ein geistig-seelischer Wesenskern, der vom Einschlafen bis zum Aufwachen nicht in der physischen Wesenheit des Menschen ist, sondern in seiner eigenen Welt. Der Mensch kann das nur nicht wahrnehmen. Wahrgenommen aber wird dies, wenn der Mensch sich jene geistigen Augen und Ohren erworben hat. Dann weiß der Mensch, dass er in einer Welt sich befindet, in welcher ebenso geistige Tatsachen sich abspielen wie in unserer sinnlichen Welt. Die Natur trennt jede Nacht, was der Geistesforscher als Bewusstsein erwirkt hat, nur weiß der Mensch es nicht. Nun kommt ein wichtiges Ergebnis der Geisteswissenschaft zutage: dass man mit Mitteln der Geisteswissenschaft einen Beweis geben kann für etwas, was große Geister immer geahnt haben, was allerdings in weitesten Kreisen als eine Träumerei angesehen wird, was aber einen Weg machen wird durch die Weltenkultur, wie manches andere, das sich durch manchen Widerspruch der Welt hindurchgelebt hat. Da möchte ich auf etwas Ähnliches aufmerksam machen. Es ist noch nicht lange her, da hat die Menschheit geglaubt, dass niedere Tiere, kleine niedere Tiere, entwickeln sich können aus bloßem unlebendigen Stoff, leblosem Stoff. Man hat sogar geglaubt, dass Würmer aus Flussschlamm sich entwickeln können. Und bis vor wenigen Jahrhunderten konnte man in Büchern, die als gelehrt galten, dargestellt finden, wie Tiere hier sich entwickelten.

[ 12 ] It is certainly difficult to believe this from the outset. But believing that a person comes to know that they have acquired spiritual eyes and spiritual ears is no more difficult than believing in a new scientific discovery. A first insight that can be gained in this way is that a person becomes aware of what actually happens when we fall asleep at night. According to spiritual science, what remains in bed is that which a person has in common with the plant world—an outer physicality—while an inner spiritual-soul core emerges from this physicality. A spiritual-soul core that, from the moment of falling asleep until waking, is not within the human being’s physical being but in its own world. The human being simply cannot perceive this. However, it is perceived once the human being has acquired those spiritual eyes and ears. Then the human being knows that they are in a world in which spiritual events unfold just as they do in our sensory world. Every night, nature separates what the spiritual researcher has achieved as consciousness; only, the human being is unaware of it. Now an important finding of spiritual science comes to light: that through the methods of spiritual science one can provide proof for something that great minds have always sensed—something that is, however, regarded in the broadest circles as mere fantasy, but which will make its way through world culture, just as many other things have done that have endured despite the world’s opposition. I would like to draw attention to something similar. Not long ago, humanity believed that lower animals—small, lower animals—could develop from mere inanimate matter, lifeless matter. It was even believed that worms could develop from river mud. And until a few centuries ago, one could find descriptions in books considered scholarly of how animals developed in this way.

[ 13 ] Es war eine große Tat des italienischen Naturforschers Francesco Redi, die Menschen darauf hingewiesen zu haben, dass nicht aus unlebendigen Stoffen sich entwickeln kann, sondern aus Lebendigem nur sich entwickeln kann Lebendiges. In Wahrheit ist in diesem Flussschlamm ein lebendiger Keim gewesen, von Lebewesen herrührend. Der Mann, der das erkannt und zuerst ausgesprochen hat, ist mit knapper Not dem Schicksal des Giordano Bruno entgangen.

[ 13 ] It was a great achievement on the part of the Italian naturalist Francesco Redi to have pointed out to people that life cannot arise from non-living matter, but that only living things can give rise to other living things. In truth, there was a living germ in that river mud, originating from living organisms. The man who recognized this and was the first to speak out about it narrowly escaped the fate of Giordano Bruno.

[ 14 ] Die neuere Geisteswissenschaft muss diesen Satz: «Lebendiges stammt nur aus Lebendigem» anwenden auf den Menschen, muss allerdings dann auch zu Beweisen kommen, die ebenso hoch über dem Satz «Lebendiges stammt nur aus Lebendigem» stehen, wie der Mensch über allem Lebendigen steht, denn beim Menschen haben wir es mit einem Individuum zu tun, während alle anderen Lebewesen in Gruppen und Arten sich darstellen. Für unsere Zeit ist es schon ganz natürlich, dass man in Bezug auf Geistig-Seelisches sprechen muss wie Francesco Redi in Bezug auf Lebendiges; dass man sagen muss: Falls ein Mensch mit gewissen Anlagen und Fähigkeiten, ja sogar mit einem gewissen Schicksal, hineingeboren wird in das Leben, und die Menschen dann meinen, das beruhe bloß auf Vererbung — so beruht dies bloß auf ungenauer Beobachtung, gerade wie es auf ungenauer Beobachtung beruht hat, dass die Menschen glaubten, dass Würmer aus Flussschlamm sich entwickeln können.

[ 14 ] Modern humanities must apply this principle: “Life comes only from life” to human beings, it must, however, also arrive at proofs that stand just as far above the statement “Life comes only from life” as human beings stand above all living things, for in the case of human beings we are dealing with an individual, whereas all other living beings exist in groups and species. In our time, it is only natural that one must speak of the spiritual and psychological in the same way that Francesco Redi spoke of living things; that one must say: If a human being is born into life with certain predispositions and abilities—indeed, even with a certain destiny—and people then believe that this is based solely on heredity, this is based merely on inaccurate observation, just as it was based on inaccurate observation when people believed that worms could develop from river mud.

[ 15 ] Die Geistesforschung zeigt, wie Lessing gezeigt hat, dass wenn ein Mensch heranwächst, wie von innen heraus immer bestimmter die Züge, immer bestimmter die Fähigkeiten werden, immer mehr sich ausdrückt das Geistig-Seelische. Dann dürfen wir sagen, dass es nicht nur Geerbtes von Vater und Mutter, Großvater und Großmutter ist, sondern wir müssen das zurückführen auf Geistig-Seelisches, was in der Gegenwart verlacht wird, aber sich ebenso einleben wird wie der Satz: Lebendiges kann nur aus Lebendigem entstehen. Was mit uns geboren wird, was uns gestaltet von unserer Geburt oder von der Empfängnis an, das kommt von einem früheren Erdenleben, und mit dem, was wir jetzt in uns tragen als geistig-seelischen Wesenskern, haben wir etwas, das, wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten, weiterleben wird in der geistigen Welt, um sich wieder einen Leib zu bilden in einem späteren Erdenleben. Ganz im Sinne der Naturwissenschaft unserer Zeit kommt die Geistesforschung zu der Anschauung von verschiedenen Erdenleben, zu jener als Wahnsinn verschrieenen Reinkarnationslehre und zu jener Lehre von Karma, welche sagt, dass das, was wir erleben, was wir sind und wie wir uns zur Welt stellen können, eine Wirkung ist dessen, was wir getan, erlebt und gefühlt haben in früheren Erdenleben. Dass das, was wir jetzt tun, erleben und fühlen, eine Ursache sein wird für das, was wir tun, erleben und fühlen werden in einem späteren Erdenleben.

[ 15 ] Spiritual research shows, as Lessing demonstrated, that as a person grows up, their traits and abilities become increasingly defined from within, and the spiritual-soul aspect expresses itself more and more. Then we may say that it is not merely what we have inherited from our father and mother, grandfather and grandmother; rather, we must trace it back to the spiritual-soul aspect—which is ridiculed in the present but will take root just as surely as the statement: “The living can arise only from the living.” What is born with us, what shapes us from the moment of our birth or conception, comes from a previous earthly life; and with what we now carry within us as the spiritual-soul core of our being, we possess something that, when we pass through the gate of death, will live on in the spiritual world in order to form a body again in a later earthly life. Entirely in keeping with contemporary scientific thought, spiritual research arrives at the concept of multiple earthly lives, at the doctrine of reincarnation—often denounced as madness—and at the doctrine of karma, which states that what we experience, who we are, and how we relate to the world are the effects of what we have done, experienced, and felt in previous earthly lives. That what we do, experience, and feel now will be a cause for what we will do, experience, and feel in a future earthly life.

[ 16 ] So teilt der Geistesforscher sein Leben zwischen dem, was zwischen Geburt und Tod und einer neuen Geburt ist, und in diesem ist er ein geistiges Wesen. Die Selbstständigkeit, die In-sich-Geprägtheit des Menschen erlangt man erst durch die Geisteswissenschaft, wenn man den Geist trennt. Sowenig man den Sauerstoff erkennen kann, so lange er im Wasser verbunden ist mit dem Wasserstoff, sowenig kann man den Geist erkennen, solange er verbunden ist mit der Leiblichkeit. Wenn man ihn heraustrennt von der Leiblichkeit, kann man ihn erkennen. Dann erkennt man auch, dass er nicht zu vernichten ist durch Leibliches, dass er sie charakterisiert als etwas Bleibendes, als etwas Ewiges.

[ 16 ] Thus, the spiritual researcher divides his life between what lies between birth and death and a new birth; and in this life, he is a spiritual being. Human autonomy—the human capacity to be self-contained—is attained only through spiritual science, when one separates the spirit. Just as one cannot perceive oxygen as long as it is bound to hydrogen in water, so too can one not perceive the spirit as long as it is bound to the physical body. When one separates it from the physical body, one can perceive it. Then one also recognizes that it cannot be destroyed by the physical, that it characterizes the physical as something enduring, as something eternal.

[ 17 ] Wenn wir diese Geisteswissenschaft oder Theosophie in der neueren Zeit hervortreten sehen, so soll sie nichts sein, was anknüpft an Altes, was man da oder dort auflesen kann. So zum Beispiel sagen manche: Ja, da bringt diese Geistesforschung mit ihrer Wiederverkörperungslehre, mit ihrer Lehre von Karma doch nur etwas, was wir im Buddhismus finden. Wir können aber finden, dass sie sich in ihrem Wichtigsten und Wesentlichsten unterscheidet von der Lehre, die der Buddhismus gibt als Wiederverkörperungslehre, etwas, was sie aus sich selbst mit dem Geist erkennt. Das ist ein Irrtum, dass sie sich an den Buddhismus anlehne, nein, sie steht auf ihrem eigenen Boden. Sie kommt zu dem, was sie erkennen will, durch die Untersuchungen derjenigen, die die eigene Seele machen zu einem Instrument, das in die geistige Welt eindringen kann.

[ 17 ] When we see this spiritual science or theosophy emerging in modern times, it should not be something that ties in with the past, something that can be picked up here and there. For example, some say: “Yes, this spiritual research, with its doctrine of reincarnation and its doctrine of karma, merely presents something we find in Buddhism.” But we can see that, in its most important and essential aspects, it differs from the doctrine of reincarnation taught by Buddhism—it is something it recognizes of its own accord through the spirit. It is a mistake to think that it is based on Buddhism; no, it stands on its own ground. It arrives at what it seeks to recognize through the investigations of those who make their own soul an instrument capable of penetrating the spiritual world.

[ 18 ] Wir können sehen, wie die besten unserer Geister mit all ihrem Sehnen hinneigten zu dem, was die Geisteswissenschaft heute als eine reife Frucht pflücken will vom Baum der Erkenntnis. Und da kommt man dahin, den Blick zu lenken auf einen Geist, den man begreift, wenn man, wie es mir gegönnt war in der Nähe von Maria-Einsiedeln, längere Zeit in der Umgebung geweilt hat, von dem man weiß, dass dieser Geist das Licht der Welt erblickt hat, dass dort die Geburtsstätte dieses Geistes ist, dass Paracelsus dort geboren ist im Jahre 1493 und dort gelebt hat bis zu seinem vierzehnten Jahre. Einen merkwürdigen Geist finden wir da in diesem Paracelsus. Es ist einem da so ganz besonders in der Seele, wenn man sich da erging in dieser Natur von Maria-Einsiedeln. Was uns da in der Natur umgibt, erinnert daran, wie der Knabe da in wunderbarer Umgebung heranwuchs in das, was uns später so groß in seinem Geiste entgegentritt. Und das erregt in uns den Wunsch: Möchten doch diejenigen, die unsere Nachfolger sein werden, gerechter sein gegen uns, als wir gegen unsere Vorfahren. Da sagen wir so leichthin: Ja, eigentlich hatte wohl Paracelsus ein recht anerkennenswertes Streben, aber das, was er zutage gefördert hat, das kann doch heute kein Mensch mehr ernst nehmen, über das sind wir ja doch hinausgekommen. Kurz, in einem mehr oder weniger verbrämten Sinne sagt man doch nichts anderes, als dass solch ein Mensch ein Tropf sei. Möchte doch die Nachwelt gegen uns gerechter sein, denn das, was jetzt der Botaniker kennt, wird nach einigen Jahrhunderten ebenso charakterisiert werden können, denn nur ein Kurzsichtiger wird sagen können, dass das in alle Ewigkeit währt.

[ 18 ] We can see how the finest of our minds, with all their yearning, were drawn toward what spiritual science today seeks to pluck as a ripe fruit from the tree of knowledge. And so one comes to turn one’s gaze toward a spirit whom one can comprehend when, as I was fortunate enough to do near Maria-Einsiedeln, spent a considerable time in the vicinity, one knows that this spirit first saw the light of day, that this is the birthplace of that spirit, that Paracelsus was born there in 1493 and lived there until he was fourteen. We find a remarkable spirit in this Paracelsus. It stirs something very special in one’s soul when one wanders through the natural surroundings of Maria-Einsiedeln. What surrounds us there in nature reminds us of how the boy grew up in these wondrous surroundings, developing into the figure whose spirit later confronts us with such grandeur. And this stirs within us the wish: May those who will be our successors be more just toward us than we have been toward our ancestors. We tend to say so casually: “Yes, Paracelsus did indeed have a rather commendable aspiration, but what he brought to light—no one can take that seriously today; after all, we have moved beyond that.” In short, in a more or less veiled sense, one is saying nothing other than that such a person is a fool. May future generations be fairer toward us, for what the botanist knows today will be characterized in the same way in a few centuries; only a short-sighted person would claim that this will last for all eternity.

[ 19 ] Aber Paracelsus ist uns doch, gegenüber dem, was wir durchmachen, wenn wir selbst Geistesforscher werden, eine Individualität, die sich fremdartig hinstellt für den, der hineindringen will in die höhere Welt, weil er ein klügerer und charakteristischerer Ausdruck seiner Zeit war, einer Zeit, die gerade da sich merkwürdig ausnimmt, in einer Zeit, wo gerade das sich hinstellt. Paracelsus erscheint uns tatsächlich so, wie wenn er von frühester Jugend an mit allem, was in der Natur wirkt und webt, innig verwoben war. Man kann nicht anders als die Worte, die Goethe spricht, auf Paracelsus anwenden:

[ 19 ] But Paracelsus, in contrast to what we go through when we ourselves become spiritual researchers, appears to us as a figure who seems strange to those who wish to penetrate the higher world, because he was a wiser and more characteristic expression of his time—a time that stands out precisely in this way, a time in which precisely this is the case. Paracelsus indeed appears to us as if, from his earliest youth, he had been intimately interwoven with everything that acts and weaves in nature. One cannot help but apply Goethe’s words to Paracelsus:

Natur! Wir sind von dir umgeben und umschlungen — unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen. Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist war noch nie, was war kommt nicht wieder — Alles ist neu und doch immer das Alte.

Nature! We are surrounded and embraced by you—unable to step out of you, and unable to penetrate deeper into you. Uninvited and without warning, she draws us into the cycle of her dance and carries us along until we grow weary and slip from her arms. She is eternally creating new forms; what is here has never been before, what was will never return—everything is new, and yet always the same.

[ 20 ] In wunderbarer Weise ehrt Goethe dieses Verwobensein der Menschen mit der Natur da. Bei Paracelsus war es vorhanden, nur so, dass er in seinem Geiste, nicht bloß durch die Augen und den Verstand sah. Und zwar war es noch so, dass er nicht brauchte jene Ausbildung der Seele, die heute geschildert worden ist. Sondern von Natur war es so, dass, wenn er die Bäume rauschen hörte, den Wind durch den Raum spielen fühlte, nahm er die geistigen Naturkräfte wahr; nie nahm er abgesondert wahr, was in der Natur sich findet. Er sagte: Da drückt sich eine Seele aus, wie im Menschen, der nicht bloß von Papiermache ist. So sah Paracelsus in der Natur nicht nur Äußeres, sondern Gebärden für die in der Natur wirkenden geistigen Wesenheiten, die in einer übersinnlichen Welt vorhanden sind. Überall trachtete er daher, wo ihm eine Naturtatsache, eine Naturwesenheit entgegentrat, dem Geistig-Seelischen nach. Er war wie prädestiniert durch die Art, wie er herangewachsen war, dazu. Er sagte daher später immer, dass er stolz sei auf die Art und Weise, wie er ein ursprünglicher Mensch geblieben sei: Ich bin nicht aufgewachsen bei Weizenbrot und Feigen, wie die Zuckerfeinen: Ich bin aufgewachsen bei Roggenbrei und Schrotbrot. Aus diesem Verwachsensein mit der Natur entsprang bei Paracelsus eine innere Sicherheit, im Zusammenhang zu stehen mit der geistigen Welt. Es ist auch ein wunderbares Leben, wie der Knabe an der Hand des Vaters in Maria-Einsiedeln durch die Natur gegangen, und da manches Gespräch schon hatte in den frühesten Kindheitstagen über die Geheimnisse der Natur.

[ 20 ] Goethe honors this intertwining of human beings with nature in a wonderful way. It was present in Paracelsus as well, except that he saw with his spirit, not merely through his eyes and intellect. Moreover, he did not require the training of the soul that has been described today. Rather, by nature, whenever he heard the rustling of the trees or felt the wind playing through the space, he perceived the spiritual forces of nature; he never perceived the elements of nature in isolation. He said: “Here a soul is expressing itself, just as in a human being who is not merely made of papier-mâché.” Thus, Paracelsus saw in nature not only the outward appearance but also signs of the spiritual beings active in nature, who exist in a supersensible world. Wherever a natural fact or a natural being presented itself to him, he therefore sought the spiritual and soulful aspect. He was, as it were, predestined for this by the way he had grown up. He therefore always said later that he was proud of the way he had remained a person of simple origins: “I did not grow up on wheat bread and figs, like those refined, sugar-fed people; I grew up on rye porridge and coarse bread.” From this deep connection with nature sprang, in Paracelsus, an inner certainty of being in communion with the spiritual world. It is also a wonderful memory of how, as a boy, he walked through nature hand in hand with his father in Maria-Einsiedeln, and how he had already had many conversations in his earliest childhood days about the mysteries of nature.

[ 21 ] Und wie anders berührt es uns, wenn wir den Mann heranwachsen sahen, so stark in sich fühlend dieses Zusammenleben mit der Natur, dass er sich in Gegensatz zu stellen wagte mit dem, was um ihn herum war. Wir müssen uns nur auf den Standpunkt der damaligen Wissenschaft stellen. Da war der Blick nicht gerichtet auf die Tatsachen der Natur, sondern es waren da im Wesentlichen alte Überlieferungen, in Büchern aufbewahrte Überlieferungen, die erbten sich fort. Man hörte da auf dasjenige, was die Menschen sagten, was Aristoteles, was Galen gelehrt hatte. Es ist ja keineswegs eine bloße Legende, was ich Ihnen erzähle jetzt, um zu zeigen, wie es in der damaligen Zeit stand. Da hatte man geglaubt, und so hatte Aristoteles gelehrt, dass die Nerven des Menschen nicht vom Kopf, sondern vom Herzen entspringen. Galilei hatte einen Freund, der ein gelehrter Herr war. Diesen machte er darauf aufmerksam, dass man es ja an einer Leiche einfach demonstrieren könne, aber das wollte der Freund nicht glauben. Da führte ihn Galilei dahin, und zeigte es ihm an der Leiche, dass die Nerven vom Gehirn ausgehen, und darauf sagte der gelehrte Herr zu ihm: Das kann recht sein, du magst recht haben, aber wenn ich die Natur sehe und frage den Aristoteles, da glaube ich doch eher den Aristoteles.

[ 21 ] And how differently it moves us when we see this man growing up, feeling so deeply this oneness with nature that he dared to set himself in opposition to everything around him. We need only adopt the perspective of the science of that time. At that time, attention was not focused on the facts of nature, but rather on ancient traditions—traditions preserved in books—that were passed down from generation to generation. People listened to what others said, to what Aristotle and Galen had taught. What I am telling you now is by no means a mere legend; I am recounting it to show how things stood in those days. It was believed—and this is what Aristotle had taught—that human nerves originate not in the head but in the heart. Galileo had a friend who was a learned gentleman. He pointed out to him that this could easily be demonstrated on a corpse, but his friend refused to believe it. So Galileo took him there and showed him on the corpse that the nerves originate in the brain, and upon seeing this, the learned gentleman said to him: “That may be true, you may be right, but when I look at nature and consult Aristotle, I’m still more inclined to believe Aristotle.”

[ 22 ] Da kann man sehen, wie gewaltig die Anstrengungen sein mussten, die wieder an die Quelle der Natur führen wollten. Paracelsus wollte nicht aus Büchern lernen. Daher sehen wir ihn alle wegsamen Länder durchreisen: England, Frankreich, Ungarn, Polen, die Türkei. Wer etwas wissen will von der Welt, muss es nicht zu sich kommen lassen, sondern dahin gehen. Die Welt ist wie ein großer Organismus: Er macht die Menschheit gesund und krank. Aber ein anderes ist Gesundheit in Frankreich, ein anderes Gesundheit in Deutschland. In dem großen Buche der Natur wollte Paracelsus lesen. Daher scheute er sich nicht zu hören, was die Bauern sagten und die Schäfer, was die Schinder sogar sagten. Er wusste, dass diese mit ihrer elementaren Beobachtung etwas finden konnten für die wahre Erkenntnis.

[ 22 ] Here we can see just how immense the efforts must have been to return to the source of nature. Paracelsus did not want to learn from books. That is why we see him traveling through all sorts of distant lands: England, France, Hungary, Poland, and Turkey. If you want to know something about the world, you must not wait for it to come to you, but go to it. The world is like a great organism: it makes humanity healthy and sick. But health in France is one thing, and health in Germany is another. Paracelsus wanted to read from the great book of nature. That is why he did not shy away from listening to what the farmers and shepherds said—or even what the taskmasters said. He knew that through their elementary observations, they could uncover something that would lead to true knowledge.

[ 23 ] So war es aber nicht zu verwundern, dass dieser Paracelsus, nachdem er sozusagen hinter die Bank gelegt hatte alle die gelehrten Werke, nach denen die anderen unterrichtet wurden, dass er das, was er erfahren hatte, ausdrücken wollte in Wortformen, die tief verwandt waren mit dem, was die Natur zu ihm sprach. Er drückte das aus, was die Natur hineinleuchten lässt von ihrem Geist in seine Seele: Er wollte es prägen, nicht in lateinischer Sprache, wie damals üblich war, er wollte es prägen in seine Muttersprache. Das war es, was ihn so sehr in Widerspruch brachte mit der damaligen Gelehrsamkeit. Als er nach Basel berufen war, da lehrte er nicht nur, was er selbst beobachtete, sondern er wagte noch, es in deutscher Sprache zu lehren. Und als er sich noch gegen andere Sitten von dazumal verging, da war seines Bleibens nicht länger. Das Genick hat ihm sozusagen gebrochen sein wunderbarer Vortrag. Er hatte von Angesehenen der damaligen Zeit geschätzte Kuren gemacht, geschätzt von Erasmus und anderen großen Geistern, niemals aber sich so den Patienten gegenübergestellt, dass er auf Honorar gesehen hätte. Es war das Geistig-Seelische, wie er zu den Menschen stand. Er sah niemals bloß, was sich im Äußeren darstellte. Er sagte: Meine Hauptarznei ist die Liebe. Ich versenke mich mit Liebe und Gefühl in meine Patienten; und das, was da war in dem Leibe, das wurde lebendig in der Seele des Paracelsus. Wenn das Bild der inneren Krankheit des Menschen mit der eigenen Seele des Paracelsus zusammentraf, dann stieg in seiner Seele, wie von selbst, das Bild der Pflanze oder des Minerals auf, die er zu verarbeiten hatte. Daher hatte er auch seine großen, seine bedeutsamen Erfolge. Wenn er auch im gewissen Sinne der Menschen angesehen werden konnte wie ein Landstreicher, er war ein großer Wohltäter der Menschheit.

[ 23 ] It was therefore not surprising that this Paracelsus, having, so to speak, set aside all the scholarly works by which others were taught, wanted to express what he had learned in words that were deeply connected to what nature spoke to him. He expressed what nature allowed to shine into his soul from its spirit: he wanted to capture it, not in Latin, as was customary at the time, but in his native language. That was what brought him into such sharp conflict with the scholarly establishment of his day. When he was appointed to Basel, he not only taught what he himself had observed, but he even dared to teach it in German. And when he further defied other customs of the time, there was no longer any place for him there. His wonderful lectures, so to speak, were his undoing. He had devised treatments highly regarded by the leading figures of his time—appreciated by Erasmus and other great minds—but he never approached his patients with the intention of charging a fee. It was the spiritual and soulful aspect of how he related to people. He never saw merely what was apparent on the outside. He said: “My chief remedy is love. I immerse myself in my patients with love and feeling; and whatever was present in the body came to life in the soul of Paracelsus.” When the image of a person’s inner illness met with Paracelsus’s own soul, the image of the plant or mineral he needed to prepare would arise in his soul, as if of its own accord. This is why he achieved such great and significant successes. Even though, in a certain sense, people might have regarded him as a vagrant, he was a great benefactor of humanity.

[ 24 ] Aber das hinderte nicht, dass etwas vorkommen sollte wie das Folgende. Ein großer Herr ging zu Paracelsus, um sich von ihm heilen zu lassen. Es waren hundert Taler ausgemacht als Honorar. Paracelsus verordnete ein Mittel. Nachdem es dreimal genommen worden war, wurde der Herr gesund. Dann aber sagte er: Ja, wenn ich so schnell gesund worden bin, so ist das nicht hundert Taler wert. Und obschon Paracelsus ja sonst keinen besonderen Wert auf die Bezahlung legte, da wurde Paracelsus wild und ließ «böse Zettel» drucken, wie es damals hieß, oder wie man heute sagt: Pamphlete. Die ließ er herumgehen. Ein Freund riet ihm dann, zu fliehen, und er verlor seine Stelle.

[ 24 ] But that did not prevent something like the following from happening. A nobleman went to Paracelsus to be cured by him. A fee of one hundred talers had been agreed upon. Paracelsus prescribed a remedy. After taking it three times, the nobleman was cured. But then he said: “Well, if I’ve recovered so quickly, it’s not worth a hundred talers.” And although Paracelsus usually didn’t place much importance on payment, this time he flew into a rage and had “malicious leaflets” printed—as they were called back then, or as we say today: pamphlets. He had them circulated. A friend then advised him to flee, and he lost his position.

[ 25 ] Es ging ihm aber durchaus im Leben meistens so. Äußerlich mag es eine Legende sein, was einem über seinen Tod berichtet wird, aber die Ärzte hatten einen solchen Hass auf ihn geworfen, dass es nicht unglaublich scheint, dass in Salzburg ihn ein Individuum einen Abhang hinunter und zu Tode stürzte — im Jahr 1541. Da Paracelsus ein durchaus temperamentvoller Mensch war und durchaus das, was er erlebte, mit seinem ganzen Enthusiasmus vertrat, so kann man sagen, dass dies eine innerliche Wahrheit hat, zumal wenn wir das letzte Bild des Paracelsus mit dem gramdurchfurchten Gesichte betrachten, dann haben wir die Empfindung: Der ist tragisch zugrunde gegangen, weil das, was sich in Größe auslebte in seiner Seele, sich nicht vertrug mit der Kleinheit seiner Zeit.

[ 25 ] But that was generally how things went for him in life. Outwardly, the story of his death may seem like a legend, but the doctors had harbored such hatred toward him that it does not seem implausible that, in Salzburg, someone pushed him down a slope to his death—in the year 1541. Since Paracelsus was a man of great temperament and wholeheartedly championed everything he experienced with all his enthusiasm, one can say that there is an inner truth to this—especially when we look at the last portrait of Paracelsus, with his grief-stricken face, we are left with the feeling: He met a tragic end because the greatness that flourished in his soul was incompatible with the pettiness of his time.

[ 26 ] Wenn wir das betrachten, wie er angesehen hat die Zeit, so können wir sagen: Er hat noch nicht vordringen können bis zur Lehre von den wiederholten Erdenleben, aber er weiß, der Mensch, der da vor mir steht, ist kein Wesen, das sich erschöpft mit seinem physischen Dasein, sondern ein Wesen, das innerliche Natur hat, zusammenhängt mit inneren unsichtbaren Kräften einer übersinnlichen Welt. Ja, er sagte: Der Mensch kann nur erkannt werden, wenn man ihn als dreigliedriges Wesen nimmt, Zunächst ist da der Mensch, der mit dem physischen Verstand erkannt werden kann. Über dieser physischen Welt aber ist eine, die Geistesaugen allein schauen können. Dieser Mensch ist entnommen der astralischen oder siderischen Welt, wie Paracelsus sie auch nannte. Dann unterscheidet er weiter den höchsten Menschen, der der rein geistigen Welt angehört. Da sah Paracelsus hineingeheimnisst in unsere Sinnenwelt zwei andere, und der Mensch verwoben mit diesen zwei anderen, und wusste, dass der Mensch hineingehört in die geistig-seelische Welt.

[ 26 ] If we consider how he viewed time, we can say: He had not yet been able to penetrate to the teaching of repeated earthly lives, but he knew that the human being standing before him is not a being whose existence is limited to the physical realm, but rather a being with an inner nature, connected to the inner, invisible forces of a supersensible world. Indeed, he said: “Human beings can only be understood if we regard them as threefold beings. First, there is the human being who can be perceived through the physical intellect. Above this physical world, however, lies another that only the spiritual eyes can see. This human being is drawn from the astral or sidereal world, as Paracelsus also called it.” He then goes on to distinguish the highest human being, who belongs to the purely spiritual world. There, Paracelsus saw, hidden within our sensory world, two others, and the human being interwoven with these two others, and knew that the human being belongs to the spiritual-soul world.

[ 27 ] Und dann sagte Paracelsus wiederum: Wenn wir diesen Menschen betrachten, muss der Mensch, wie er denkt und sinnt, sich allerdings darstellen als ein Geistig-Seelisches. Wenn er sah, wie eine Wahl getroffen wird im Innern seines Organismus an der Nahrung, so war das für Paracelsus ein Zeichen, dass zwischen dem Menschen, der denkt und forscht, und dem, der in der Leiblichkeit sich darstellt, noch ein anderer vorhanden ist. So spricht er von einem geistigen Leib, der mitgenommen wird, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht.

[ 27 ] And then Paracelsus went on to say: When we observe this human being, the way he thinks and reflects must indeed reveal him as a spiritual-soul being. When he observed how a choice is made within a person’s organism regarding food, this was a sign to Paracelsus that, between the human being who thinks and investigates and the one who manifests in physicality, there is yet another presence. Thus he speaks of a spiritual body that is taken along when a person passes through the gate of death.

[ 28 ] Paracelsus nennt diesen inneren Menschen den inneren Alchemisten, weil er die Stoffe der Natur verwandelt, so, dass sie zum Aufbauer des Menschen werden können. Und Paracelsus ist sich klar darüber, dass er nicht nur äußere Mittel brauchen darf, wenn er Menschen heilen will, sondern da arbeiten die übersinnlichen Kräfte, wenn der Mensch gesund oder krank ist. Daher sagt er nicht nur: Der Mensch muss durch ein Naturexamen gegangen sein, sondern er ist ein frommer Mann. Er weiß, dass wenn er Menschen heilen will, er bis in die tiefsten verborgenen Ursachen der Krankheiten hineindringen muss. Daher weiß ich, wenn ich einem Kranken gegenüberstehe, ich habe ein Präparat, aber mehr als alles das wirkt, wenn ich in meiner Seele überfließen lassen kann etwas: Das ist meine Hoffnung. Dass in dem geistigen Laufe der Ereignisse das, was ich als geistiges Erlebnis errungen habe, auch einfließen kann, dass ausfließen kann die Kraft, die ausfließt von meiner Hoffnung, von der ich ganz durchdrungen bin.

[ 28 ] Paracelsus calls this inner human being the “inner alchemist” because he transforms the substances of nature so that they can become the building blocks of the human being. And Paracelsus is well aware that he cannot rely solely on external remedies when he wishes to heal people; rather, supernatural forces are at work whether a person is healthy or sick. That is why he does not merely say, “A person must have undergone a test of nature,” but also that he must be a devout man. He knows that if he wants to heal people, he must penetrate to the deepest, most hidden causes of their illnesses. That is why I know that when I stand before a sick person, I have a remedy, but more than anything else, what works is when I can let something overflow from my soul: that is my hope. That in the spiritual course of events, what I have attained as a spiritual experience may also flow in, that the power flowing from my hope—of which I am completely imbued—may flow out.

[ 29 ] Man müsste noch vieles sagen, aber man kann von Paracelsus den Blick hinweglenken, um ihn in noch anderer Weise kennenzulernen, zu einem späteren noch aufgeweckteren Geist, zu Goethe. Und da stellt sich ganz merkwürdig neben die Betrachtung Goethes die Gestalt des Paracelsus, wie wenn Paracelsus Goethe über die Schulter herüberschauen würde, und insbesondere, wenn man sich der Betrachtung des Lebenswerkes Goethes, des «Faust», hingibt. Da ist es merkwürdig, dass in Bezug auf die äußere Charakteristik Faust etwas Ähnlichkeit mit Paracelsus hat. Doch man kann das verstehen. Goethe hat immer neben dem Faust des sechzehnten Jahrhunderts auch die Gestalt des Paracelsus vor seiner Seele gehabt. Und wie Paracelsus eine Zeit den alten Galen zur Seite gelegt, so lesen wir von diesem Faust: Er legte die Bibel eine Weile hinter die Bank und wurde ein Mensch, der in der Welt lebt. Die Bibel hat allerdings Paracelsus nicht hinter die Bank gelegt, aber er wandte sich von den alten medizinischen Büchern ab und wollte zu selbstständigem Wissen kommen. Und wenn wir so Faust verfolgen, in allem, wie Goethe ihn schildert, wie er hinausgeht mit den Landleuten und wie er von ihnen erinnert wird, wie der Vater ihn belehrt hat als Knaben, da kommt einem das Bild dieses Knaben Paracelsus, an der Hand seines Vaters in den Sinn. Und man hat so dasselbe Bild, so wie Goethe es gegeben hat in dem Spaziergang vor dem Tore.

[ 29 ] There is still much to be said, but one can turn one’s gaze away from Paracelsus to get to know him in yet another way—through a later, even more vivacious mind: Goethe. And there, quite strangely, the figure of Paracelsus stands alongside the contemplation of Goethe, as if Paracelsus were looking over Goethe’s shoulder—especially when one immerses oneself in the contemplation of Goethe’s life’s work, Faust. It is remarkable that, in terms of outward characteristics, Faust bears some resemblance to Paracelsus. Yet this is understandable. Goethe always had the figure of Paracelsus in mind alongside the Faust of the sixteenth century. And just as Paracelsus set aside the old Galen for a time, so we read of this Faust: He put the Bible aside for a while and became a man living in the world. Paracelsus did not, of course, set the Bible aside, but he turned away from the old medical books and sought to arrive at knowledge on his own. And when we follow Faust in this way—in everything as Goethe depicts him, how he goes out with the country folk and how they remind him of his past, how his father instructed him as a boy—the image of the young Paracelsus, holding his father’s hand, comes to mind. And one has the very same image, just as Goethe portrayed it in the walk outside the gate.

[ 30 ] Aber eines ist doch höchst merkwürdig. Paracelsus ist 48 Jahre alt geworden. Da ist er durch die Pforte des Todes gegangen nach einem Leben mit reicher Innerlichkeit, und hätte er die Gesundheit gehabt, nicht beeinträchtigt durch die Kleinheit seiner Zeit, so hätte er auch sagen müssen: Da stehst du allein; was das Ideal des «Faust» ist. Können wir uns nicht ganz sachgemäß Faust so alt vorstellen wie Paracelsus, als er gestorben ist? Nichts hindert uns. Während aber Paracelsus da hätte gestanden durch das reiche, kostbare, schätzensvolle Innenleben, durch das harmonische Sich-Ausgleichen mit allen Sehnsüchten der Welt, steht Faust vor uns — ungefähr in demselben Alter, wo Paracelsus auf der Höhe eminenter Befriedigung und Erkenntnis steht, steht Faust vor uns in Verzweiflung. Paracelsus hätte nicht dastehen können mit den Worten:

[ 30 ] But one thing is indeed most remarkable. Paracelsus lived to be 48 years old. He passed through the gates of death after a life of rich inner depth, and had he enjoyed good health, unimpeded by the limitations of his time, he too would have had to say: “There you stand alone”—which is the ideal of Faust. Can we not quite appropriately imagine Faust as old as Paracelsus was when he died? Nothing stands in our way. But while Paracelsus would have stood there, sustained by his rich, precious, and profound inner life, by his harmonious balance with all the longings of the world, Faust stands before us—at roughly the same age at which Paracelsus stands at the height of eminent fulfillment and insight—Faust stands before us in despair. Paracelsus could not have stood there with the words:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
durchaus studiert mit heißem Bemühn.

Alas, I have now studied philosophy,
law, and medicine,
and, unfortunately, theology as well
with great diligence.

[ 31 ] Paracelsus hätte sagen müssen: Gott sei Dank, dass ich bald davongelaufen bin, als ich studieren sollte alle diese Dinge, und zur Natur gegangen bin. Daher stand er zu den großen Dingen der Natur anders wie Faust. Nie hätte von ihm der Erdgeist gesagt:

[ 31 ] Paracelsus should have said: Thank God I ran away as soon as I was supposed to study all these things, and turned to nature instead. That is why his attitude toward the great wonders of nature differed from Faust’s. The Earth Spirit would never have said of him:

Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!

You are like the spirit you understand, not me!

[ 32 ] Sondern er war verwandt mit dem Geiste, der

[ 32 ] Rather, he was akin to the Spirit who

In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her!

In the torrents of life, in the storm of deeds
I surge back and forth,
I sway to and fro!

[ 33 ] und von dem Faust mit Schrecken sich abwendet:

[ 33 ] and from which Faust turns away in horror:

schreckliches Gesicht.

A terrible face.

[ 34 ] Und so steht der Faust, verzweifelt an dem, was uns die Wissenschaft geben kann, und doch nicht finden könnend das, wonach er sucht, nachdem er sich der Magie ergeben. Wir können das, da die Zeit drängt, natürlich alles nur streifen.

[ 34 ] And so Faust, despairing of what science can offer us, yet unable to find what he seeks, turns to magic. Since time is short, we can, of course, only touch on all of this briefly.

[ 35 ] Goethe lässt seinen Faust durchgehen durch alles, was der Mensch durch seine Verirrung erlangen kann, er lässt ihn hindurchgehen durch alle Verirrungen, durch die der Mensch geht, wenn er nicht in der richtigen Weise in die geistige Welt eindringt, und besonders stellt er das vor in der Hexenküche. Derjenige, der in Faust dargestellt ist, kommt nicht in harmonischer Weise zu dem, was Goethe in seinem «Faust» insbesondere sich gewünscht. Nur dringt Goethe mehr und mehr, insbesondere durch seine italienischen Reisen, immer mehr in das, was Natur ihm gibt.

[ 35 ] Goethe has his Faust pass through everything that a human being can attain through his own aberrations; he has him pass through all the aberrations that a human being undergoes when he does not enter the spiritual world in the proper way; and he depicts this particularly in the witches’ kitchen. The character portrayed in Faust does not arrive in a harmonious way at what Goethe himself particularly desired in his Faust. Yet Goethe delves ever deeper—especially through his travels in Italy—into what nature offers him.

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.

Sublime Spirit, you gave me—you gave me everything
that I asked for. You did not in vain
turn your face toward me in the fire.
You gave me the magnificent natural world as my kingdom,
the power to feel it and enjoy it. You do not
do you permit me only to gaze coldly and in wonder,
You grant me to look into its deep bosom,
as if into the bosom of a friend.
You lead the procession of the living
past me, and teach me to know my brothers
in the silent thicket, in air and water.

[ 36 ] Dieses Verwobensein mit dem Geist der Natur, Faust besitzt es: aber er ist nicht so weit, dass er den Geist in einer reifen Gestalt erkennen kann. Daher muss Goethe die Anerkennung der höheren Welt in der charakterisierten Gestalt der Hexenküche darstellen. Wir schreiten aber weiter, und sehen, wie er — Faust — an den Kaiserhof gelangt, und wie er da den Kaiser vergnügen muss auf allerlei Weise, und endlich ihm die Helena aus der Unterwelt herbeischaffen muss. Wir sehen, wie Goethe ihn heruntersteigen lässt in das Reich der Mütter, das heißt in die Welt des Seelisch-Geistigen. Da bringt er aber zunächst nur das Bild der Helena herauf. Aber er muss im Laufe der Zeit nicht nur das Bild, was der geistigen Helena ähnlich ist, sondern das, was sie in der geistigen Welt wirklich ist, heraufholen. Was ist dafür nötig? Dass er die richtige Verbindung kennenlernt von Leib, Seele und Geist, nämlich den physischen Leib, den ätherischen und astralischen Leib im geisteswissenschaftlichen Sinne. Wie es Faust zunächst nicht gelingt, Helena festzuhalten, sondern wie er erst verbinden muss Leib, Seele und Geist, da muss erst diese Seele so dargestellt werden, dass in sie hineindringen kann von der einen Seite der Leib, und von der anderen der Geist - Homunculus. Goethe greift da zu einem merkwürdigen Bilde, an dem die Leute viel herumstudiert haben: ;

[ 36 ] This intertwining with the spirit of nature—Faust possesses it; but he has not yet reached the point where he can recognize the spirit in its mature form. That is why Goethe must depict the recognition of the higher world in the characterization of the witches’ kitchen. But we move on and see how he—Faust—arrives at the imperial court, and how there he must entertain the emperor in all sorts of ways, and finally must bring Helena back from the underworld for him. We see how Goethe has him descend into the realm of the Mothers, that is, into the world of the soul-spiritual. There, however, he initially brings up only the image of Helena. But over time, he must bring up not only the image that resembles the spiritual Helena, but also what she truly is in the spiritual world. What is necessary for this? That he come to know the proper connection between body, soul, and spirit—namely, the physical body, the etheric body, and the astral body in the spiritual-scientific sense. Just as Faust initially fails to hold on to Helena, but must first unite body, soul, and spirit, so too must this soul first be portrayed in such a way that the body can penetrate it from one side, and the spirit—the homunculus—from the other. Here Goethe employs a curious image that people have studied at great length: ;

Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.

He does not lack intellectual qualities,
but he is sorely lacking in practical competence.

[ 37 ] Und Thales rät ihm:

[ 37 ] And Thales advises him:

Gib nach dem löblichen Verlangen
Von vorn die Schöpfung anzufangen!
Zu raschem Wirken sei bereit!
Da regst du dich nach ewigen Normen,
Durch tausend abertausend Formen,
Und bis zum Menschen hast du Zeit.

Yield to the noble desire
To begin creation anew!
Be ready to act swiftly!
There you move according to eternal laws,
Through a thousand and a thousand forms,
And you have time until you reach humanity.

[ 38 ] Dass er - der Homunculus - Mensch werden soll, ist klar dargestellt. Weiter:

[ 38 ] It is clearly stated that he—the homunculus—is to become human. Continuing:

Komm geistig mit in feuchte Weite,
Da lebst du gleich in Läng’ und Breite,
Beliebig regest du dich hier;
Nur strebe nicht nach höheren Orden.

Come with me in spirit to the damp expanse,
There you’ll live in all directions,
You may move about here as you please;
Just don’t strive for higher orders.

[ 39 ] Da kommen die Kommentare ganz aus dem Text, weil man den Ton auf Orden gelegt hat, als ob er danach gestrebt habe, Orden zu bekommen. Es ist aber eine ganz einfache Sache. Da hat Goethe, wie so manches Mal, sein Frankfurter Deutsch gesprochen, und da haben es die Leute auch gedruckt, es muss aber einfach heißen Orten: «Doch strebe nicht nach höheren Orten». Es wird nämlich dem Homunculus, dem es nicht an geistigen Eigenschaften fehlt, es wird ihm, als er in die klassische Walpurgisnacht kommt, der Rat gegeben, er müsse durch solche Reiche der Natur gehen, durch das, was die Naturwissenschaft lehrt, dass der Mensch sich hinaufentwickelt durch das mineralische, Pflanzen- und Tierreich zur menschlichen Leiblichkeit.

[ 39 ] The commentary here is taken directly from the text, because the word “Orden” was interpreted as if he had been striving to receive medals. But it’s actually quite simple. Goethe, as he often did, used his Frankfurt German, and that’s how people printed it; but it simply means “places”: “But do not strive for higher realms.” For the homunculus—who is by no means lacking in intellectual qualities—is given this advice when he enters the classical Walpurgis Night: he must pass through these realms of nature, through what natural science teaches, namely that human beings evolve upward through the mineral, plant, and animal kingdoms to attain human physicality.

[ 40 ] Im Tiefsten, Untersten musst du beginnen. Das Durchgehen durch das Grünen der Pflanzenwelt ist dargestellt, um dasjenige zu charakterisieren, was der Mensch erlebt, wenn er das Stadium des Pflanzlichen erlebt, und Homunculus sagt:

[ 40 ] You must begin at the very depths, at the very bottom. The journey through the greenery of the plant world is depicted to characterize what a human being experiences when going through the plant stage, and Homunculus says:

Es grunelt so.

It's growling like that.

[ 41 ] Und um nun auf das zu kommen, was durch die Liebe in den Menschen bewirkt wird, erleben wir das Ende des zweiten Aktes, wo Homunculus, der so weit gediehen ist, dass er die Kräfte der drei Reiche der Natur in sich hat —- das wird uns durch den Anklang an die Elemente dargestellt —, an der Muschel der Galathee zerschellt. Dann, wenn sich so weit verleiblicht hat das Geistige durch die drei Reiche, tritt uns das dar als das Bild der Helena.

[ 41 ] And to now turn to what love brings about in human beings, we witness the end of the second act, where the Homunculus—who has developed to the point of embodying the forces of the three kingdoms of nature (as depicted through the allusion to the elements)—is shattered against Galathea’s shell. Then, when the spiritual has incarnated itself to this extent through the three kingdoms, this is presented to us as the image of Helena.

[ 42 ] Dann zeigt Goethe weiter, wie Faust sich weiterentwickelt. Wunderbar, wie er vor Augen führt, wie Faust immer tiefer zur Erkenntnis kommt, dass Goethe das erst als eine vollendete zeigt in dem Augenblicke, wo die Augen erblinden. Finsternis außen, aber innen leuchtet das Licht. Durch Miterleben der geistigen Welt kann er frei werden von der äußerlichen Welt. Das zeigt er uns damit, dass Faust erst, als das äußere Licht erlischt, das innere Schauen erlebt. Und dennoch, so darf Goethe doch nicht den Faust hinstellen wie Paracelsus. Faust fällt in Unglück: Er kann nur zur Anschauung des geistigen Lichtes kommen dadurch, dass das Äußere für ihn erstirbt, dadurch, dass er ein ganz anderer Mensch wird. Paracelsus konnten die Feinde zum Tode führen.

[ 42 ] Goethe then goes on to show how Faust continues to develop. It is wonderful how he illustrates how Faust comes to a deeper and deeper realization—a realization that Goethe presents as complete only at the very moment when his eyes go blind. Darkness outside, but inside the light shines. By experiencing the spiritual world, he can free himself from the external world. Goethe shows us this by having Faust experience inner vision only when the outer light goes out. And yet, Goethe must not portray Faust in the same way as Paracelsus. Faust falls into misfortune: he can attain the vision of spiritual light only by the external world dying away for him, by becoming a completely different person. Paracelsus’s enemies were able to lead him to his death.

[ 43 ] Warum ist auf dem Wege von Paracelsus zu Goethe eine solche Verwandlung der menschlichen Forschung und Erkenntnisgestalten eingetreten? Die Antwort gibt uns ein Ereignis, welches wenige Jahre nach der Zeit, wo Paracelsus durch die Pforte des Todes geschritten, und welches auf dem Weg von Paracelsus zu Goethe als ein großes erlebt wurde. Die Welt wurde bekannt gemacht mit der Kopernikanischen Weltanschauung. Man hat sich noch nicht klargemacht, was das heißt. Bis dahin hatte die Erde als der Mittelpunkt gegolten, um den sich das Firmament bewege, jetzt wurde durch Nikolaus Kopernikus den Menschen sozusagen der Boden unter den Füßen genommen. Mithin hat es keinen größeren Umstoß der Weltanschauung gegeben. Was war nun die Frucht eines solchen Umschwungs? Dass von jetzt ab ein solcher Gang der Seele zur unmittelbaren Erkenntnis der geistigen Welt kommen konnte. Bis jetzt hatte ein Höchstes geleistet eine Weltanschauung, welche das, was im physischen Raum ist, erkennt als das Einzige, und das, was sie hinstellt so, wie wenn es die Sinne erkennen. Ein sinnlicher Vorgang wurde als das Maßgebende hingestellt, in den äußeren Tatsachen die Lösung der Welträtsel gesucht.

[ 43 ] Why did such a transformation in human research and forms of knowledge occur on the path from Paracelsus to Goethe? The answer is provided by an event that took place a few years after Paracelsus had passed through the gates of death, and which was experienced as a momentous occasion on the path from Paracelsus to Goethe. The world was introduced to the Copernican worldview. People had not yet fully grasped what this meant. Until then, the Earth had been regarded as the center around which the firmament revolved; now, Nicolaus Copernicus had, so to speak, pulled the rug out from under people’s feet. Consequently, there has been no greater upheaval in the worldview. What, then, was the fruit of such a radical shift? That from this point onward, the soul could embark on a path leading to direct knowledge of the spiritual world. Until then, the highest achievement of a worldview had been to recognize only what exists in physical space—and to present it as if perceived by the senses. A sensory process was held up as the standard, and the solution to the world’s mysteries was sought in external facts.

[ 44 ] Paracelsus stand nun unbeirrt durch eine solche materialistische Lösung der Weltenrätsel der Welt gegenüber und erwarb sich da, was er durch unmittelbare Anschauung der Natur erkennen konnte. Es wurde aber sonst in seiner Zeit in äußeren Tatsachen, durch sinnliche Vorgänge die Lösung der Welträtsel gesucht. Damit aber war für eine Weile im Innersten der Menschenseele erdrückt die Kraft, sich im Innersten der Seele auf das Geistige hinzurichten.

[ 44 ] Paracelsus now faced the world, undeterred by such a materialistic solution to the world’s mysteries, and gained from it what he could discern through direct observation of nature. In his time, however, the solution to the world’s mysteries was generally sought in external facts and through sensory experiences. As a result, the power within the human soul to turn toward the spiritual was suppressed for a time.

[ 45 ] Dem Faust kann der Drang nach der geistigen Welt keine Befriedigung gewinnen. Die menschliche Seele war zu anderen Denkgewohnheiten gebracht. Faust stand der geistigen Wissenschaft verzweifelnd gegenüber, denn das Erste, was da als Geist sich offenbart, das sprich nicht zu ihm — wodurch Goethe Faust zu einem Menschen des achtzehnten Jahrhunderts gemacht hat. Goethe musste in Faust dasjenige erleben, was er erlangen sollte in der geistigen Welt. Damit hat Goethe auch charakterisiert unsere unmittelbare Gegenwart, unsere Zeit.

[ 45 ] For Faust, the longing for the spiritual world finds no fulfillment. The human soul had been led to adopt different ways of thinking. Faust viewed spiritual science with despair, for the first thing that reveals itself as spirit does not speak to him—thereby making Faust a man of the eighteenth century. Through Faust, Goethe had to experience what he was to attain in the spiritual world. In this way, Goethe has also characterized our immediate present, our time.

[ 46 ] Goethe hat seine Faustgestalt zu einer tragischen gemacht, gesagt: In unserer Zeit ist der Mensch noch nicht so weit, dass er ohne Verlust des Zusammenhangs der Sinneswelt eindringen kann in die geistige Welt, so musste Faust das Auge verlieren.

[ 46 ] Goethe made his character Faust a tragic figure, saying: In our time, humankind has not yet reached the point where it can enter the spiritual world without losing its connection to the sensory world; thus, Faust had to lose his eye.

[ 47 ] Geisteswissenschaft oder Theosophie aber hat eine Art Erfüllung dessen, was Goethe als Aufgabe der neueren Zeit charakterisiert hat, denn Geisteswissenschaft will sein ein Ausgleich zwischen dem, was die neuere Naturwissenschaft als Tatsachen herbeigeführt hat, und dem, was der Geist als Tatsache der geistigen Welt sein kann. Der Mensch braucht das, und wir brauchen nichts weiter als Beweis dafür als die richtig begriffene Faustgestalt. Der Mensch braucht nicht bloß seine Entwicklungslehre der äußeren Tatsachen, sondern er braucht eine Erkenntnis von dem, was der Träger, der Gestalter der äußeren Welt ist. Und dadurch reiht sich an das Gesetz von Francesco Redi, dass Lebendiges nur aus Lebendigem entstehen kann, ein anderes: Geistig-Seelisches im jetzigen Erdenleben entsteht aus Geistig-Seelischem in früheren Erdenleben.

[ 47 ] Spiritual science, or theosophy, however, offers a kind of fulfillment of what Goethe characterized as the task of the modern age, for spiritual science seeks to strike a balance between what modern natural science has established as facts and what the spirit can be as a fact of the spiritual world. Humanity needs this, and we need no further proof of it than the correctly understood figure of Faust. Human beings need not only a theory of the development of external facts, but also an understanding of what is the bearer and shaper of the external world. And thus, another law follows on the heels of Francesco Redi’s law—that living things can arise only from living things—namely, that spiritual-soul elements in the present earthly life arise from spiritual-soul elements in previous earthly lives.

[ 48 ] So wird Geistig-Seelisches wie die ganz legitime Fortsetzung der Naturwissenschaft erscheinen, gleichsam eine Wiederverkörperung eines Faust. Eines Faust, der nicht zu erblinden braucht, und doch Geistesaugen und Geistesohren hat, sodass es sein wird, wie wir bei Goethe lesen können:

[ 48 ] Thus, the spiritual-psychic realm will appear as the entirely legitimate continuation of natural science, as it were, a reincarnation of Faust. A Faust who need not go blind, yet possesses spiritual eyes and spiritual ears, so that it will be as we read in Goethe:

Horchet! horcht dem Sturm der Horen!
Tönend wird für Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
Felsentore knarren rasselnd,
Phöbus’ Räder rollen prasselnd,

Welch Getöse bringt das Licht!
Es trommetet, es posaunet,
Auge blinzt und Ohr erstaunet,
Unerhörtes hört sich nicht.

Listen! Hear the storm of the Horae!
Resounding to the ears of the spirit
The new day is already dawning.
Rock gates creak and rattle,
Phoebus’ wheels roll with a crackle,

What a din the light brings!
It drums, it trumpets,
The eye blinks and the ear is astonished,
The unheard cannot be heard.

[ 49 ] So erscheint Paracelsus wie eine Persönlichkeit, die wir noch in alten Zeiten finden, wo die Menschen noch ein altes Erbgut hatten, wo die geistigen Seherkräfte aus der geistigen Welt schöpfen konnten. Es kam aber die Zeit, wo die geistigen Seelenkräfte verdunkelt wurden durch den äußeren Materialismus. Jetzt stehen wir in einer Zeit, wo wiederum sie sich entwickeln werden, und erwärmt und erleuchtet wird werden die Naturwissenschaft durch die Sicherung, Hoffnung und Erfüllung alles dessen, was wir durch unser Sinnen und Denken anstreben. So wird Naturwissenschaft viel Nützliches, Geisteswissenschaft oder Theosophie aber wird lehren, dass der Mensch mit seinem innersten Wesenskern der geistigen Welt angehört.

[ 49 ] Thus, Paracelsus appears as a figure we still find in ancient times, when people still possessed an ancient heritage, when the spiritual powers of clairvoyance could draw from the spiritual world. But the time came when the spiritual powers of the soul were obscured by external materialism. We now live in an age when these powers will develop once more, and the natural sciences will be invigorated and enlightened by the assurance, hope, and fulfillment of all that we strive for through our senses and thought. Thus, the natural sciences will become very useful, while spiritual science or theosophy will teach that human beings, in their innermost essence, belong to the spiritual world.