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Goethe and the Present
GA 68c

19 November 1911, Munich

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Goethe and the Present, tr. SOL
  1. Goethe und die Gegenwart

34. Von Paracelsus zu Goethe

34. From Paracelsus to Goethe

[ 1 ] An einem schönen Septembertage dieses Jahres brachte mich eine Reise nach Zürich, und da der Tag zur freien Verfügung stand, wurde beschlossen, nach Maria-Einsiedeln zu gehen, das schon in der Frühzeit des Mittelalters ein bedeutsamer Wallfahrtsort war und sich einer wundersamen Lage erfreut. Es war auch gerade an diesem Tag eine sogenannte Wallfahrt, und da ein schönes, heiteres Wetter in Aussicht stand, konnte man ein außerordentlich bewegtes Leben in Maria-Einsiedeln erwarten, wie dies ja wohl allgemein bekannt ist.

[ 1 ] On a beautiful September day this year, a trip took me to Zurich, and since I had the day to myself, I decided to visit Maria-Einsiedeln, which had been an important place of pilgrimage since the early Middle Ages and is situated in a picturesque setting. There was also a so-called pilgrimage taking place on that very day, and since the forecast called for beautiful, sunny weather, one could expect an exceptionally lively atmosphere in Maria-Einsiedeln, as is, of course, well known.

[ 2 ] Auch ich wollte eine Wallfahrt unternehmen, zu der sich hier Gelegenheit bot, nahm daher einen Wagen zur Teufelsbrücke, zu der man hügelauf und -ab fährt, und sah mich nach einiger Zeit dort und vor einem Haus, das erst kürzlich anstelle eines alten, historisch bedeutsamen Hauses gebaut war und zur Erinnerung an das alte Haus eine Tafel trug, die es als Geburtsstätte des berühmten Arztes und Naturforschers Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim bezeichnete, der hier im Jahr 1493 das Licht der Welt erblickte und 1541, also achtundvierzig Jahre alt, starb. Wenn man dort ein wenig verweilt, so empfindet man so recht den Zauber jener Natur, wie man sie nur in den Alpen antreffen kann. Alles, was da an Pflanzen aufsprießt und an Tieren vorhanden ist, mutet einen mit einem innigen Gefühl an, mit einer Sprache innigster Vertrautheit mit dem unberührten Wesen der Natur. Und mitten unter solchen starken Eindrücken der Verwobenheit mit einer äußerlich reizvollen Natur stieg in mir das Bild des jungen Paracelsus auf, der seine ersten neun Lebensjahre in dieser eindrucksvollen Umgebung zugebracht hatte. In ihm haben wir eine aufnahmefähige Persönlichkeit vor uns, die sich schon in den Kindheitsjahren viel von einer solchen Natur erzählen ließ. In diesem Knaben steckte eine Individualität, die förmlich dazu vorbereitet schien, an einer solch eigenartigen Stelle viele Geheimnisse der Natur, wenn auch anfangs nur ahnend, zu erlauschen. Wir können uns vorstellen, wie der Knabe den abwesenden Vater, einen angesehenen, viel beschäftigten Arzt, immer sehnlichst mit seinen Fragen erwartete, wie er häufig den Vater bei kleineren Gängen begleitete und wie manches Wort über Kranke, deren Pflege und die umgebende Natur in Fragen und sinniger Aufklärung gewechselt wurde. Als der Knabe neun Jahre alt geworden war, zog die Familie nach Villach in Kärnten, wo der Verkehr mit der Natur und dem Vater in gesteigertem Maße fortgesetzt werden konnte.

[ 2 ] I, too, wanted to go on a pilgrimage, for which an opportunity presented itself here; so I took a carriage to the Devil’s Bridge—a journey that takes you up and down hills—and after some time found myself there, in front of a house that had recently been built in place of an old, historically significant house, and which, in memory of the old house, bore a plaque designating it as the birthplace of the famous physician and naturalist Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim, who was born here in 1493 and died in 1541, at the age of forty-eight. If one lingers there for a while, one truly senses the magic of that natural landscape, the kind one can find only in the Alps. All the plants that sprout there and the animals that inhabit the area speak to you with a deep feeling, in a language of the most intimate familiarity with the unspoiled essence of nature. And amidst such powerful impressions of the interconnection with this outwardly enchanting natural world, the image of the young Paracelsus arose within me—he who had spent the first nine years of his life in this striking setting. In him we see a receptive personality who, even in his childhood years, was open to learning much from such a natural world. This boy possessed an individuality that seemed literally destined to uncover, in such a unique setting, many of nature’s secrets—even if, at first, only intuitively. We can imagine how the boy always eagerly awaited his absent father—a respected, busy physician—with his questions; how he frequently accompanied his father on short outings; and how many a word was exchanged—in the form of questions and insightful explanations—about the sick, their care, and the surrounding nature. When the boy turned nine, the family moved to Villach in Carinthia, where his connection with nature and his father could continue to a greater extent.

[ 3 ] Nun folgen Sie mir, wenn ich Sie im Geiste vor ein Haus im östlichen Teil von Salzburg führe, an dem eine Tafel verkündet, dass hier T'heophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim am 23. September 1541 gestorben ist. Da mag uns jene Legende in den Sinn kommen, die sich an seinen Tod knüpft und nach welcher die ihm äußerst feindlich gesinnten Ärzte jemanden gedungen haben sollten, der ihn von der nahen Anhöhe herabgestürzt habe. Zwischen die genannten Jahre schließt sich ein höchst eigentümliches Leben ein, und jene merkwürdige Persönlichkeit an der Wende des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts erscheint im Entwicklungsgang der Menschheit als die Abendröte einer gewissen Zeitepoche, die noch den geistigen Himmel alles Schönen und Grandiosen zeigen kann. Im Grunde genommen ist alles, was aus der Seele des Paracelsus zu erlauschen ist, ein Zeugnis davon, dass er fortgesetzt in einer innigen Verbindung mit der Natur sich erhielt und die ihn umgebende Welt verstand. Diese starken Beziehungen behielt er bei auf seinen weiten Wanderungen durch die Welt, in den Gegenden seiner Heimat, durch ganz Deutschland, Frankreich, Spanien, Portugal, Holland, Dänemark, Schweden, Russland, die Türkei, überall im schnellen Verständnis und heimisch mit dem, was ihm in den verschiedensten Formen als das Geheimnis des Daseins entgegentrat. So sammelte er einen reichen Seelen- und Wissensschatz auf seinen Wanderungen, und wie er die Welt in seiner Art durchforscht, wird uns erst recht klar, wenn wir uns vorstellen, wie er die von dort und aus seiner Jugend mitgebrachten Eindrücke auslebt auf der Universität in Basel, besonders wenn wir bedenken, wie damals die Universitätsstudien betrieben wurden, und wie es mit den naturwissenschaftlichen Forschungen und dem ärztlichen Wissen im Besonderen beschaffen war. Da wurden überall die alten Schriften von Galen und Avicenna zugrunde gelegt, und die gelehrten Herren der damaligen Universitäten lieferten in lateinischer Sprache eine Art Kommentar zu diesen alten Schriftstellern.

[ 3 ] Now follow me as I take you in your mind’s eye to a house in the eastern part of Salzburg, where a plaque announces that T’heophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim died here on September 23, 1541. This may bring to mind the legend associated with his death, according to which the physicians—who were extremely hostile toward him—are said to have hired someone to push him off the nearby hill. The years in question encompass a most peculiar life, and this remarkable figure at the turn of the fifteenth and sixteenth centuries appears, in the course of human development, as the twilight of a certain era that could still reveal the spiritual heavens of all that is beautiful and magnificent. Essentially, everything that can be gleaned from Paracelsus’s soul bears witness to the fact that he continually maintained an intimate connection with nature and understood the world around him. He maintained these strong connections during his extensive travels throughout the world—in the regions of his homeland, throughout Germany, France, Spain, Portugal, the Netherlands, Denmark, Sweden, Russia, and Turkey—everywhere quickly grasping and feeling at home with whatever presented itself to him in the most diverse forms as the mystery of existence. Thus, he amassed a rich treasure of spirit and knowledge on his travels, and how he explored the world in his own way becomes all the more clear to us when we imagine how he lived out the impressions he had brought with him from there and from his youth at the University of Basel—especially when we consider how university studies were conducted at that time, and what the state of scientific research and medical knowledge in particular was like. Everywhere, the ancient writings of Galen and Avicenna served as the foundation, and the learned scholars at the universities of that time provided a kind of commentary on these ancient authors in Latin.

[ 4 ] Paracelsus sagte ihnen: Ihr redet über Bücher, ihr seid weit entfernt von alledem, was in gewaltigen Offenbarungen die Natur selbst zu uns spricht, wenn wir ihr nur die Pforten unserer Seele öffnen, und er verließ diese offizielle Lehrstätte der damaligen Zeit. Manche nannten ihn damals und nennen ihn noch heute einen Landstreicher, das war er aber nur äußerlich, und zwar nur deshalb, weil er meinte, wenn man die Geheimnisse der Welt kennenlernen wollte, so müsse man zu den geistigen Wesenheiten gehen, die sich in ebendieser Welt auslebten. Seine hellseherischen Seelenkräfte wollte er anwenden, um zu erfahren, wie die Natur in ihrem Schaffen lebt, die Weltgeheimnisse in all jenen Ländern zu belauschen, die er durchwanderte. Nicht aus Büchern, sondern aus dem großen Buche der Natur, die einzelnen Seiten desselben wollte er treten, wie er sagte, sie umwenden beim Wandern von Ort zu Ort. Paracelsus hatte den Glauben, dass hinter dem Sinnlichen das Geistige liege und das äußerlich Wahrnehmbare nur eine Manifestation des Geistigen sei. Das große, umfassende Geistige habe verschiedene sinnliche Formen bei den Pflanzen, Tieren und Menschen in den verschiedenen Ländern und Klimaten, obgleich das Geistige einheitlich sei, das er in seiner Mannigfaltigkeit suchte, wie ein verborgenes Aroma oder ein verdecktes Licht. Es war ihm auch klar, dass zu diesen Mannigfaltigkeiten noch die äußere Ausgestaltung des derzeitigen Lebens, auch die der Menschheitstypen und der einzelnen Völkerschaften gehören, in ihren gesunden und kranken Zuständen. Die Krankheit stellte er sich vor als etwas Geheimnisvolles, aber mit verschiedenem Charakter in Deutschland, Ungarn, Italien und so weiter. Das, was ihm vor die Seele trat, wenn er sich der Natur unmittelbar gegenüberstellte, das wollte er kennenlernen, um eine heilsame Arzneiwissenschaft zu begründen. Wenn wir so Paracelsus in die vielgestaltige Welt hineingestellt sehen, so erkennen wir, wie er in dem großen Buch der Natur und seiner Seele besondere Kräfte fand, und dasjenige, was er sagte, nach seinen Studien und Erfahrungen, erhält einen geradezu persönlichen Charakter. Es stellte sich eine ganz eigenartige Seelenverfassung bei ihm ein, in Folge seines besonderen Verhältnisses zur Natur und ohne dass damit etwas Hochmütiges in ihm aufgetreten wäre, sagte er, dass er in sich und aus sich Kräfte sprechen fühle, die er so empfinde, als wenn nicht seine eigene Willkür und Logik, sondern als ob Natur unmittelbar in ihm und durch ihn spräche. Nur wer imstande ist, ein solches Verhältnis zu begreifen, in welchem sich Paracelsus völlig natürlich und wohl fühlte, nur der wird verstehen können, wie er sich seinen Fachgenossen und deren Büchern gegenüber nicht anders stellen konnte, als dies wirklich geschah, da es ihm nicht vorkam, als strebten sie nach echtem Wissen, wenn er sagte: Nicht soll, wer echte Arzneikunde lernen und ausüben will, zu den alten Schriftstellern gehen, nicht zu Galen und Avicenna, nicht nach Bologna, Paris und so weiter, nicht jenen nach, nicht dorthin, sondern mir nach; denn mein ist die Monarchei! So stand er gefestigt in sich selbst, und sein Wahlspruch war: Es soll niemand eines anderen Knecht sein, der für sich selber kann bleiben allein. So sehen wir Paracelsus als aufrechte, trotzige Persönlichkeit unter seinen Zeitgenossen, als einen Menschen, in dem eine hellseherische Kraft aufgetaucht war, der wusste, wie die Natur in ihrem Schaffen lebte, wie sie sich äußerte in dem gesunden und kranken Zustande des Menschen.

[ 4 ] Paracelsus told them: “You speak of books, yet you are far removed from all that nature itself speaks to us through mighty revelations, if only we open the gates of our souls to her,” and he left that official institution of learning of the time. Some called him a vagrant back then and still call him one today, but he was only one outwardly—and only because he believed that if one wanted to learn the secrets of the world, one had to go to the spiritual beings who lived out their lives in this very world. He wanted to use his clairvoyant powers to discover how nature lives in its creative process, to eavesdrop on the world’s secrets in all the lands he wandered through. Not from books, but from the great book of nature—he wanted to step onto its individual pages, as he said, turning them as he wandered from place to place. Paracelsus believed that the spiritual lay behind the sensory and that what is perceptible externally was merely a manifestation of the spiritual. The great, all-encompassing spiritual took on various sensory forms in plants, animals, and humans across different countries and climates, even though the spiritual itself was unified—a unity he sought in its diversity, like a hidden aroma or a veiled light. It was also clear to him that these diversities included the outward configuration of present-day life, as well as that of human types and individual peoples, in both their healthy and diseased states. He conceived of disease as something mysterious, yet with a different character in Germany, Hungary, Italy, and so on. He wanted to understand what arose in his soul when he stood face to face with nature, in order to establish a healing science of medicine. When we thus see Paracelsus placed within the multifaceted world, we recognize how he found special powers in the great book of nature and in his own soul, and what he said, based on his studies and experiences, takes on a truly personal character. A very peculiar state of mind took hold of him as a result of his special relationship with nature; and without any trace of arrogance, he said that he felt powers speaking within him and through him—powers he perceived not as his own will or logic, but as if nature itself were speaking directly within him and through him. Only those capable of comprehending such a relationship—in which Paracelsus felt completely at ease and natural—will be able to understand why he could not relate to his fellow scholars and their books in any other way than he actually did, since it did not seem to him that they were striving for genuine knowledge when he said: “Let not anyone who wishes to learn and practice true medicine turn to the ancient writers, not to Galen and Avicenna, not to Bologna, Paris, and so on—not to them, not there, but to me; for mine is the Monarchei!” Thus he stood firm in himself, and his motto was: “Let no one be another’s servant who can remain alone for himself.” Thus we see Paracelsus as an upright, defiant figure among his contemporaries, as a man in whom a clairvoyant power had emerged, who knew how nature functioned in its workings and how it manifested itself in the healthy and diseased states of human beings.

[ 5 ] Aber ebenso unbehaglich, wie er sich als Student fühlte, so war es ihm auch als Professor und Stadtarzt in Basel. Obgleich er durch seine Reisen und sein Können berühmt war, er helfen konnte, wo alle anderen versagten, galt er doch seinen Kollegen mehr oder minder als ein Landstreicher, der mit zweifelhaften Personen umhergezogen war, und obgleich er nun als Lehrer in Amt und Würden sich anders benehmen sollte, doch derselbe auch in seinem Universitätsleben geblieben war. So kam er denn auch mit seinen Fachgenossen nicht zurecht; auch wenn wir ihn auf seinen Reisen verfolgen, wie er berühmte Kuren durchführt bei Armen, bei Fürsten und angesehenen Leuten und von diesen, sowie auch an höchster Stelle, um sein Honorar geprellt wurde. Berühmt ist er unter anderem dadurch geworden, dass er einen Menschen heilte, den wir als Vorboten der Zeit der Buchdruckerkunst ansehen können, nämlich Desiderius Erasmus von Rotterdam, der als glaubwürdiger Gelehrter ein Urteil voller Hochachtung und Ehrfurcht über Paracelsus fällte. In Basel kam ein eigenartiges und folgenschweres Ereignis zum Austrag: Paracelsus heilte einen Kanonikus Lichtenfels von einem schweren, schmerzhaften Übel und hatte sich für den Fall der Heilung ein Honorar von hundert Talern ausbedungen. Der Leidende nahm die ihm von Paracelsus verordneten Heilmittel dreimal, wurde dann gesund, wollte aber, wie er meinte, für eine solch einfache Leistung die Summe nicht zahlen. Da wurde denn Paracelsus recht wild und schickte lose Zettel in der ganzen Stadt herum. Der Rat der Stadt aber ließ ihm sagen, wenn er nach solchen Schmähungen des hochverehrten Kanonikus nicht in einer halben Stunde die Stadt verlassen habe, so würde man ihn ins Gefängnis stecken. Paracelsus entwich daher unter dem Schutze der Dunkelheit aus der Stadt.

[ 5 ] But just as uncomfortable as he felt as a student, so too did he feel as a professor and city physician in Basel. Although he was famous for his travels and his skill—he could help where everyone else failed—his colleagues regarded him more or less as a vagrant who had wandered about with dubious characters; and although he was now expected to behave differently as a teacher in a position of authority, he remained the same even in his university life. Consequently, he did not get along with his professional peers; even as we follow him on his travels, where he performed famous cures for the poor, princes, and distinguished individuals, he was cheated out of his fees by them—and even by those in the highest positions. Among other things, he became famous for healing a man whom we can regard as a forerunner of the age of printing, namely Desiderius Erasmus of Rotterdam, who, as a credible scholar, passed a judgment full of high regard and reverence for Paracelsus. In Basel, a peculiar and momentous event took place: Paracelsus cured a canon named Lichtenfels of a severe, painful ailment and had stipulated a fee of one hundred talers in the event of a cure. The sufferer took the remedies prescribed by Paracelsus three times, then recovered, but—as he saw it—did not want to pay that sum for such a simple service. Paracelsus then became quite enraged and sent out flyers all over the city. The city council, however, sent word to him that if he had not left the city within half an hour after such insults against the highly revered canon, he would be thrown into prison. Paracelsus therefore fled the city under the cover of darkness.

[ 6 ] Wie er so häufig mit seiner Umgebung zusammenstieß, so geschah dies auch mit seinen Fachgenossen, da er ja nach anderen Gesichtspunkten kurierte. Außerdem nahmen ihm diese sehr übel, dass er die für ihn selbstverständlichen Zusammenhänge, welche er als Geheimnisse der Natur abgelauscht hatte und nun zur Heilung und Pflege Kranker anwendete, ganz ohne Scheu mitteilte, dass er seine Erkenntnisse, die so intim mit seinen Seelenkräften gewonnen und verbunden waren, nicht vermeinte in der lateinischen Sprache mit ihren scharfen, abstrakten Konturen besser ausdrücken zu sollen, sondern er sich, statt der toten, der lebendigen deutschen Sprache mit ihrer großen Schmiegsamkeit, ihren feinen Nuancierungen bediente. Seine Fachgenossen begriffen nicht, wie sein ihnen unzugängliches Wissen mit unzählbaren Imponderabilien durchzogen war, wie er dieses, entgegen der Gewohnheit der gelehrten Schulen, noch dazu seinen Hörern deutsch vortragen konnte und dadurch die Würde der Universität nach ihrer zopfigen Anschauung herabzusetzen wagen konnte. Bei seinen Wanderungen suchten sie ihn überall anzuschwärzen, die Gelehrten forderten ihn zu lateinischen Disputationen auf, die er annahm, in denen er sie aber bei fachlichen Differenzen deutsch anbrüllte und damit ein lebendiges Abbild des Verhältnisses zwischen ihm und seinen Zeitgenossen gab. Es ist begreiflich, dass einem solchen Mann fast alle in der feindlichsten Weise entgegentraten, und ebenso, dass sein Leben in einem solch aufreibenden Kampf nur kurz sein konnte. Er war nicht imstande, sich bei seinem umfassenden, durchdringenden Wissen in die veräußerlichten Gewohnheiten seiner Fachgenossen hineinzufinden und das zopfige Gewand zu tragen, in dem diese damals auf dem Katheder erschienen, sodass sie von ihm sagten: Unseren Kollegen Paracelsus hat man im Gewand eines Fuhrmanns umhergehen sehen. Bei denen, die sich ihm an Wissen und Können nicht gewachsen fühlten, die er wegen ihrer wissenschaftlichen Maskerade offen verachtete, ist daher ein tiefer Hass zu verstehen und die Legende, die sich über sein Lebensende bildete: dass man ihn absichtlich zu Tode geärgert oder gar der Höhe bei Salzburg herabgestürzt habe. So erblicken wir sein Porträt, durchzogen von den tiefen Spuren seelischer Arbeit und den Leidensfurchen, die seine Gegner verschuldet hatten.

[ 6 ] Just as he so often clashed with those around him, so too did he clash with his colleagues, since he treated patients according to different principles. Moreover, they resented him deeply for the fact that he—without the slightest hesitation—shared the connections that were self-evident to him, which he had gleaned as secrets of nature and now applied to the healing and care of the sick, shared quite openly; that he did not believe his insights—which had been gained and were so intimately connected with his spiritual powers—could be better expressed in Latin with its sharp, abstract contours, but instead made use of the living German language, with its great flexibility and subtle nuances, rather than the dead language. His colleagues did not understand how his knowledge—which was inaccessible to them—was interwoven with innumerable imponderables, nor how, contrary to the custom of scholarly institutions, he was able to present this to his listeners in German, thereby daring to undermine the dignity of the university according to their narrow-minded views. During his travels, they sought to slander him everywhere; scholars challenged him to Latin debates, which he accepted, but in which—when technical differences arose—he would shout at them in German, thereby providing a vivid illustration of the relationship between himself and his contemporaries. It is understandable that almost everyone opposed such a man in the most hostile manner, and equally so that his life, in the midst of such a grueling struggle, could only be short. With his comprehensive, penetrating knowledge, he was unable to adapt to the outward conventions of his colleagues in the field or to wear the old-fashioned robes in which they appeared at the lectern at that time, so that they said of him: “Our colleague Paracelsus has been seen walking about in the garb of a cart driver.” It is therefore understandable that those who felt they were no match for him in knowledge and skill—and whom he openly despised for their scientific masquerade—harbored a deep hatred toward him, giving rise to the legend that emerged about the end of his life: that he was deliberately provoked to death or even thrown off a cliff near Salzburg. Thus we behold his portrait, marked by the deep traces of intellectual labor and the furrows of suffering caused by his opponents.

[ 7 ] Um dem Seelenleben dieses Mannes näher zu treten, müssen wir uns die Frage zu beantworten suchen, wie sich eigentlich Paracelsus in seiner individuellen Eigenart die umgebende Natur, die er für seine Arzneiwissenschaft brauchte, und die menschliche Natur vorstellte; wie eigenartig seine geistige Auffassung war. Er stellte zunächst folgende Gesichtspunkte auf: Man muss die ganze große Welt, den Makrokosmos, in seiner Erscheinung begreifen können und verstehen, wie sich der Mensch als Mikrokosmos, als Einzelheit hineinstellt, wie die Luft zur Lunge, das Licht zum Auge in Beziehung steht, wie dasselbe draußen wirkt und drinnen im Menschen. Alles, was draußen kraftet, finden wir auch mit seinen Gesetzen im Menschen. Daher muss man aufsuchen, was den Menschen gesund und krank machen kann im Makrokosmos, vor allem als Angehörigen des Erdenplaneten als eines großen Organismus, in welchem der Mensch ein Glied vorstellt. Sodann sagte er: Obwohl der Mensch einzugliedern ist in die Kette der Naturerscheinungen, ist er doch ein in sich abgeschlossenes Wesen. Die Kräfte der gesamten Natur konzentrieren sich im Menschen, können ihn aber doch nicht ohne Weiteres dazu führen, dass er sich von den äußeren Naturkräften und -wesen abschließt. Das aber rührt daher, sagte Paracelsus, dass der Mensch in sich einen lebendigen Baumeister, einen «archaeus» hat, der ihn förmlich herausreißt aus der gesamten Natur und ihm seine eigenartige Konfiguration gibt.

[ 7 ] To gain a deeper understanding of this man’s inner life, we must seek to answer the question of how Paracelsus, in his unique way, conceived of the surrounding natural world—which he needed for his medical science—and of human nature; how distinctive his spiritual perspective was. He began by setting forth the following points: One must be able to grasp the entire vast world—the macrocosm—in its manifestation and understand how the human being, as a microcosm, fits into it; how the air relates to the lungs, the light to the eye; and how the same forces act both outside and within the human being. Everything that exerts a force externally, we also find, along with its laws, within the human being. Therefore, one must investigate what can make a person healthy or sick within the macrocosm—above all, as a member of the Earth as a single great organism, of which the human being is a part. He then said: Although the human being is to be integrated into the chain of natural phenomena, he is nevertheless a self-contained being. The forces of all of nature are concentrated within human beings, yet they cannot automatically lead them to shut themselves off from the external forces and beings of nature. This, however, stems from the fact, said Paracelsus, that human beings possess within themselves a living architect, an “archaeus,” who literally tears them out of the whole of nature and gives them their unique configuration.

[ 8 ] Paracelsus wollte so dem nachgehen, was der Mensch von den äußeren Einflüssen aufnimmt, um sie dann in sich zu verarbeiten, und brachte solche elementare Anschauungen zum höchsten Ausdruck hinauf. Ihm ist es das Wichtigste, worüber nicht viel gesagt wird. Wenn der Mensch zum Beispiel Brot und Früchte isst, so sagte er, verwandelt der «archaeus» das im Menschen um zu Fleisch, zu den verschiedenartigen Organsubstanzen, als innerer Alchemist, und je nachdem, wie dieses geschieht, werden die äußeren Stoffe zu gesunden, brauchbaren Körpersubstanzen oder zu Gift. Er untersuchte sodann diese Umwandlung, die unbewusste Kunst dieses Wesens und stellte eine bestimmte Art von Krankheiten unter diesen Gesichtspunkt.

[ 8 ] Paracelsus sought to explore what humans absorb from external influences in order to process them internally, and he elevated such elementary insights to their highest expression. For him, the most important things are those about which little is said. For example, he said that when a person eats bread and fruit, the “archaeus” transforms these into flesh and the various organ substances within the human body—acting as an inner alchemist—and depending on how this occurs, the external substances become either healthy, useful bodily substances or poison. He then examined this transformation—the unconscious art of this being—and analyzed a certain type of disease from this perspective.

[ 9 ] Als dritten Hauptsatz stellte er auf: Das in diesem Sinne Eingegliederte ist zusammenorganisiert aus vielen Gruppen einzelner Organe und selbstständig. Der Mensch ist eine ganze kleine Welt, ein Mikrokosmos als Abbild des Makrokosmos.

[ 9 ] He formulated his third main principle as follows: That which is integrated in this sense is organized as a whole from many groups of individual organs and is autonomous. Human beings are a whole little world, a microcosm that reflects the macrocosm.

[ 10 ] Er kam also darauf, dass da draußen in den kosmischen Verhältnissen der großen Weltenkörper etwas gegeben sei, das dem Mikrokosmos des Menschen entspricht. So zum Beispiel, wie Sonne und Mond sich verhält, so verhalte sich innerlich das Herz zum Gehirn; man müsse also beide in ihrer Eigenart und gegenseitigen Zusammenhängen studieren und in ihrer Wirksamkeit auf den Menschen übertragen, ebenso Saturn und Jupiter in ihren Bewegungen, Größen- und Lichtverhältnissen transformieren auf Leber und Milz des Menschen, als deren mikrokosmisches Abbild.

[ 10 ] He thus came to the conclusion that out there, in the cosmic relationships of the great celestial bodies, there was something that corresponded to the microcosm of the human being. For example, just as the sun and moon relate to one another, so do the heart and the brain relate internally; one must therefore study both in their own distinct ways and in their mutual relationships and apply their effects to the human being, just as the movements, sizes, and light conditions of Saturn and Jupiter are transformed to correspond to the human liver and spleen, as their microcosmic image.

[ 11 ] So konstruierte er als Abbild des äußeren großen Sternenhimmels einen innerlichen Himmel aus den Organen des Menschen. Das dynamisch differenzierte Energetische im Menschen dachte er so zusammen, nichts hielt er für getrennt, sondern alles in lebendiger Wechselwirkung. Interessant ist, wie er das, was ihm so als Wirkung eines inneren himmlischen Systems, nicht als grobe Wechselwirkung der aufgenommenen Nahrung erschien, in derber Sprache verteidigte: Oh, die verstehen nichts, die, die da glauben, dass die Nahrungsmittel im Inneren nach ihrer chemischen Konstitution, gewissermaßen nur in Fortsetzung ihrer äußeren chemischen Kräfte wirken; denn das wäre ja ungefähr ebenso, als wenn man die Pflanze als eine Wirkung des Mistes ansehen würde, verglichen mit der lebendigen Konfiguration der im Menschen tätigen Organe. So sehen wir, wie ihm die zusammenwirkenden Organe wie die Dynamik eines komplizierten Uhrwerks erscheinen, und Paracelsus sagt: Der Mensch kann also «gekränkt» werden, je nachdem der innere Alchemist bereitet das Geistige oder Ungeistige, bei normalem oder anomalem Zusammenwirken der Organe, auch ohne äußere Ursachen!

[ 11 ] Thus, he constructed an inner heaven from the human organs as a reflection of the vast outer starry sky. In this way, he conceived of the dynamically differentiated energetic forces within the human being as a unified whole; he did not regard anything as separate, but rather saw everything as existing in living interaction. It is interesting to note how he defended—in rather crude language—what appeared to him to be the effect of an inner celestial system, rather than a crude interaction of ingested food: Oh, they understand nothing, those who believe that food acts internally according to its chemical composition, as it were, merely as a continuation of its external chemical forces; for that would be roughly the same as viewing a plant as an effect of manure, compared to the living configuration of the organs active within the human being. Thus we see how the interacting organs appear to him as the dynamics of a complex clockwork mechanism, and Paracelsus says: Man can therefore be “afflicted,” depending on whether the inner alchemist produces the spiritual or the non-spiritual, through normal or abnormal interaction of the organs, even without external causes!

[ 12 ] Viertens sagt Paracelsus als Grundanschauung: Die Seele erkrankt durch ihre eigenen Leidenschaften und Gemütserregungen, mit ihr als Nachwirkung auch der Organismus.

[ 12 ] Fourth, Paracelsus states as a fundamental principle: The soul becomes ill due to its own passions and emotional disturbances, and the organism follows suit as a consequence.

[ 13 ] Endlich als fünften Gesichtspunkt: Die Vollständigkeit der Arzneiwissenschaft ist ihm dadurch gegeben, dass der Mensch in seiner Krankheit angesehen werden muss als jemand, der unter seinem Schicksal leidet — Karma —, unter etwas, das ihn geistig überragt, das eingreift in den geistigen Mikrokosmos aus dem geistigen Makrokosmos, sodass Ersterer völlig unter der Einwirkung des Letzteren steht.

[ 13 ] Finally, the fifth point: The completeness of pharmacology is ensured by the fact that the human being, in his illness, must be regarded as someone suffering under his fate—karma—under something that transcends him spiritually, something that intervenes in the spiritual microcosm from the spiritual macrocosm, so that the former is entirely subject to the influence of the latter.

[ 14 ] So fasste Paracelsus ein weit ausgreifendes Wissen in sich zusammen und vereinigte es mit dem größten Vertrauen auf die geistig-seelischen Kräfte des Menschen, aber auch zugleich mit dem weitesten Vertrauen zu den geistigen Kräften der großen Welt, die der Organisation des Menschen zugrunde liegt. Er sagte daher, durchs Gemüt finden wir hinter dem Naturgeschehen Gott, durch den Glauben Christus und durch die Imagination den Heiligen Geist. Er besaß ein tiefes Gemüt, sein Herz war durchgossen von innigster Frömmigkeit. Den wesentlichsten Anteil an diesem seinem hellseherischen Blick sehen wir in seiner Frömmigkeit, daraus ging alles hervor, was seine Taten als Arzt begleitete. So ist es uns auch verständlich, dass er als seine zwei wichtigsten Heilmittel die Liebe und die Hoffnung bezeichnete, und untrüglich ergab sich für ihn daraus die Art seiner ärztlichen Behandlung, wenn er so in voller Liebe und Hingebung alles tat, was nach seinen fünf Gesichtspunkten möglich war, und in den Erkenntnissen dieser Zusammenhänge die Hoffnung hegte, es werde sein Mittel die heilende Wirkung haben, die er intuitiv erschaut hatte. Er lebte ganz mit der Krankheit und überhaupt den Zuständen seiner Patienten. Er schaute hellseherisch nach seinen fünf Gesichtspunkten, was von außen in den Menschen hereingewirkt hatte, was der «innere Alchemist» darauf getan. Was dann aus dem großen Geiste der gesamten Natur eindrang auf den Kranken, ließ er nicht in abstrakten Begriffen auf sich zurückwirken, sondern so, dass es aus dem Kranken zu ihm wieder hinabfloss und sich bei ihm zu dem zusammendrängte, was er als Heilmittel verordnen musste. Daher können wir es verstehen, wie Paracelsus tief von der Überzeugung durchdrungen war, dass seine ärztliche Tätigkeit ein fortgesetztes Produzieren als Künstler war. Er führte die Stoffe über die Natur hinaus zu wirksamen Heilmitteln, indem er sie dazu formte und zusammensetzte. Höhere Natur in der Natur war seine Kunst, seine Intention und seine Alchemie; Kunstprodukte schuf er der Natur gegenüber. In Paracelsus erinnert uns etwas an den Goethe’schen Ausspruch:

[ 14 ] Paracelsus thus synthesized a vast body of knowledge and combined it with the utmost confidence in the spiritual and soul forces of the human being, but also, at the same time, with the deepest trust in the spiritual forces of the greater world that underlies the human organism. He therefore said that through the soul we find God behind the workings of nature, through faith we find Christ, and through the imagination we find the Holy Spirit. He possessed a profound soul; his heart was imbued with the deepest piety. We see the most essential element of his clairvoyant vision in his piety; everything that accompanied his actions as a physician sprang from it. Thus it is also understandable to us that he designated love and hope as his two most important remedies, and from this, the nature of his medical treatment inevitably followed: as he did everything possible according to his five points of view with full love and devotion, and in the understanding of these connections, he cherished the hope his remedy would have the healing effect he had intuitively perceived. He was completely immersed in the illness and, indeed, in the overall condition of his patients. Using his clairvoyance and guided by his five principles, he observed what external influences had affected the person and what the “inner alchemist” had done in response. Whatever then penetrated the patient from the great spirit of all nature, he did not allow to affect him in abstract terms, but rather in such a way that it flowed back down from the patient to him and coalesced within him into what he had to prescribe as a remedy. Thus we can understand how Paracelsus was deeply imbued with the conviction that his medical practice was a continuous act of creation as an artist. He transformed substances beyond nature into effective remedies by shaping and combining them. A higher nature within nature was his art, his intention, and his alchemy; he created works of art in contrast to nature. In Paracelsus, something reminds us of Goethe’s saying:

Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt — dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.

When the healthy nature of human beings functions as a whole, when they feel at home in the world as part of a great, beautiful, dignified, and valuable whole, when this harmonious contentment grants them pure, unbridled delight—then the universe, if it could perceive itself, would rejoice at having reached its goal and marvel at the pinnacle of its own becoming and being.

[ 15 ] Nicht präziser kann man diesen hellseherischen Mann bezeichnen als durch diese Worte!

[ 15 ] There is no more accurate way to describe this clairvoyant man than with these words!

[ 16 ] Und wenn man über die Jahrhunderte hin seinen Blick von Paracelsus zu Goethe wendet, so hat doch bei aller Verschiedenheit Goethes Geist viel Ähnlichkeit mit dem des Paracelsus. Wir sehen das, wie einst Goethe sich als kleiner Knabe in die Natur stellte, als er, ein Siebenjähriger, ein Notenpult nahm, dieses mit Mineralien aller Art aus der Sammlung seines Vaters, mit Pflanzen und Muscheln schmückte, das Ganze mit einem Räucherkerzchen krönte und nun wartete, dass die Sonne aufging. Die Strahlen sammelte er in einem Brennglas, entzündete damit das Räucherkerzchen, um so vor seinem Altarbau dem großen, allmächtigen Gott ein Opfer darzubringen. Wenn wir die Motive beachten, aus denen der junge Goethe so handelte, dann fühlen wir, wie dieser sich, sich gleich Paracelsus, aufs Innigste mit der Natur verbunden fühlte. Dieser sagte von sich als rau auferzogenem Landbewohner, man habe ihn bei jeglichem Wetter aus dem Hause geschickt, auch sei er nicht in weichen Betten bei Feigen und Weizenbrot, sondern bei saurer Milch und grobem Haferbrot aufgewachsen.

[ 16 ] And when we look back across the centuries from Paracelsus to Goethe, we see that, despite all their differences, Goethe’s spirit bears a strong resemblance to that of Paracelsus. We see this in the way Goethe, as a young boy, immersed himself in nature: when, at the age of seven, he took a music stand, decorated it with all kinds of minerals from his father’s collection, along with plants and shells, crowned the whole thing with a small incense stick, and then waited for the sun to rise. He focused the sun’s rays through a magnifying glass, used them to light the incense stick, and thus offered a sacrifice to the great, almighty God before his makeshift altar. When we consider the motives that led the young Goethe to act in this way, we sense how deeply he—like Paracelsus—felt connected to nature. Paracelsus said of himself, as a country dweller raised in a harsh environment, that he had been sent out of the house in all kinds of weather, and that he had not grown up in soft beds with figs and wheat bread, but rather on sour milk and coarse oat bread.

[ 17 ] Bei Goethe finden wir eine selten gestörte, immer bald wiedererlangte Harmonie auch in seiner Auffassung der Natur, die sich vielfach zeigt in seiner Tätigkeit als naturwissenschaftlicher Forscher auf seiner Reise nach Italien, wo er gleich Paracelsus scharf beobachtend durch die Lande zog und zum Beispiel über den Huflattich nach Hause schrieb, bei dem es ihm unter anderem besonders auffiel, wie er sich nach dem Wechsel in Klima und Sonne, Standort, Bodenart und so weiter verschiedenartig ausbildete, so sieht er aus der Einheit die Mannigfaltigkeit entstehen, wie er dies besonders bei der Urpflanze darlegen wollte, aus der er die Vielfältigkeit der pflanzlichen Naturerscheinungen entwickelte. So schrieb er denn auch, er möchte wohl weiter bis nach Indien reisen, nicht, um Neues zu entdecken, sondern um der Natur in ihrer stets wechselnden Mannigfaltigkeit nachzugehen.

[ 17 ] In Goethe, we find a harmony that is rarely disturbed and always quickly restored, even in his conception of nature, which is evident in many ways in his work as a natural scientist during his journey to Italy, where—like Paracelsus—he traveled through the countryside with keen observation and wrote home, for example, about the coltsfoot, noting in particular how it developed in various ways depending on changes in climate, sunlight, location, soil type, and so on; thus, he sees diversity emerging from unity, as he sought to demonstrate particularly with the “primordial plant,” from which he developed the diversity of plant phenomena. Thus, he wrote that he would like to travel on as far as India—not to discover anything new, but to explore nature in its ever-changing diversity.

[ 18 ] So lebte in Goethe etwas auf, das in vielfacher Art in der Figur des Paracelsus wiederzufinden ist. Und wenn Goethe seine Hauptgestalt im Faust verkörpert hat, so verweben sich in diese doch wiederum viele Züge, die den Gedanken wachrufen, als habe, bei der Konzeption des «Faust», Goethe unter dem Einfluss der Eigenart des Paracelsus gestanden, trotz großer Verschiedenheit des «Faust» von dem historischen Paracelsus, der schon vor Abschluss der vierziger Jahre seines Lebens starb, aber bis dahin eine innere harmonische Abgeschlossenheit als Schatz in seiner Seele trug, den er aus seinem intimen Verkehr mit der Natur gewonnen. Es war nur eine kurze Lebenszeit dieses in sich selten glücklichen Geistes, den seine Forschungsergebnisse und seine Berufstätigkeit mit den ewigen Gründen der Natur verbanden.

[ 18 ] Thus, something came to life in Goethe that can be found in many ways in the figure of Paracelsus. And while Goethe embodied his main character in Faust, many traits are woven into this character that evoke the thought that, when conceiving Faust, Goethe had been under the influence of Paracelsus’s unique character—despite the great differences between “Faust” and the historical Paracelsus, who died before reaching his fifties but who, until then, had carried within his soul a treasure of inner, harmonious serenity that he had gained from his intimate communion with nature. The life of this spirit—who was, in himself, exceptionally happy—was brief; his research findings and his professional work connected him to the eternal principles of nature.

[ 19 ] Faust beginnt bei Goethe da, wo Paracelsus eben aufhört, aber mit großem Zweifel in all seinem ausgebreiteten Wissen strebt Faust in den Jahren seines Lebens, die Paracelsus nicht mehr erreichte.

[ 19 ] In Goethe’s work, Faust begins where Paracelsus leaves off, but, harboring great doubts about all his extensive knowledge, Faust strives throughout the years of his life—years that Paracelsus never reached.

[ 20 ] Goethe hatte den Faust zum Teil so entwickelt, dass er zu jener Seelenentwicklung gekommen war, in welcher Paracelsus bei seinem Eindringen in das Wesenhafte der Natur stand, als Faust in die Worte ausbricht:

[ 20 ] Goethe had developed the character of Faust in such a way that he had reached the stage of spiritual development at which Paracelsus stood when he penetrated the essence of nature, just as Faust bursts out with the words:

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen.
Du fuhrst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.

Sublime Spirit, you gave me, gave me everything
I asked for. You did not turn
Your face toward me in the fire in vain.
You gave me the magnificent natural world as my kingdom,
The power to feel it, to enjoy it. You allow not
do you permit me only to gaze coldly and in wonder,
but you grant me a glimpse into its deep bosom,
as if into the bosom of a friend.
You led the procession of the living
past me, and teach me to recognize my brothers
in the silent thicket, in air and water.

[ 21 ] Also verwandt war er mit dem Leben und Weben der Natur, aber trotzdem war Fausts Forschen anders als bei Paracelsus; denn von Goethe wird uns gezeigt, dass Fausts Erkenntnisse nicht wie die des Paracelsus stets im unmittelbaren Zusammenhang mit der Natur gewonnen werden, sondern im Umkreis der Seelenkräfte beschlossen bleiben.

[ 21 ] He was thus closely connected to the life and workings of nature, but Faust’s research was nonetheless different from that of Paracelsus; for Goethe shows us that Faust’s insights are not, like those of Paracelsus, always gained in direct connection with nature, but remain confined to the realm of the soul’s powers.

[ 22 ] Goethe brachte daher im Mephistopheles, ohne ein solches Gegenübertreten zu den Erscheinungen der Natur, eine Gegenüberstellung des Seelischen, sodass nicht in der Natur das Seelische, sondern das Seelische nur im Seelischen gesehen wurde.

[ 22 ] In Mephistopheles, Goethe therefore presented—without such a contrast to the phenomena of nature—a juxtaposition of the spiritual, so that the spiritual was not seen in nature, but rather the spiritual was seen only within the spiritual.

[ 23 ] Und doch können wir im Faust eine starke Verwandtschaft mit Paracelsus erblicken, wenn jener eine lange Zeit die Bibel «unter die Bank» legte und sich von dieser abwandte, wie Paracelsus von den gelehrten Werken des Galen und Avicenna, beide vertrauten ihren eigenen Kräften, um ihren Weg selbst zu finden. So fühlen wir, wie Goethe im Hintergrund vielfach den Paracelsus und ihn gewissermaßen durch den Faust hindurch erblickt. So zum Beispiel in der Szene, wo Faust mit Wagner in die Frühlingslandschaft hinausgeht und erzählt:

[ 23 ] And yet we can discern a strong kinship between Faust and Paracelsus: just as Faust set the Bible “aside” for a long time and turned away from it, so too did Paracelsus turn away from the scholarly works of Galen and Avicenna; both relied on their own powers to find their own path. Thus we sense how Goethe often perceives Paracelsus in the background and, in a sense, glimpses him through Faust. For example, in the scene where Faust goes out into the spring landscape with Wagner and says:

Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann
Der über die Natur und ihre heil’gen Kreise
In Redlichkeit, jedoch auf seine Weise,
Mit grillenhafter Mühe sann;
Der, in Gesellschaft von Adepten,
Sich in die schwarze Küche schloss
Und nach unendlichen Rezepten,
Das Widrige zusammengoss.
Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,
Im lauen Bad der Lilie vermählt,
Und beide dann mit offnem Flammenfeuer
Aus einem Brautgemach ins andere gequält.

My father was a mysterious man of honor
Who, with integrity yet in his own way,
Pondered nature and its sacred circles
With whimsical diligence;
Who, in the company of adepts,
Locked himself away in the black kitchen
And, following endless recipes,
Mixed together the contradictory elements.
Then a red lion, a bold suitor,
Was wed in the lukewarm bath of the lily,
And both were then tormented by open flames
From one bridal chamber to the next.

[ 24 ] Da könnte man fast den Paracelsus mit seinem Vater sprechen sehen. Oder wenn wir lesen, wie Faust sich abmüht, «das Neue Testament in sein geliebtes Deutsch zu übertragen», in jene Sprache, die ihm aus der Seele quillt, wie auch Paracelsus die von ihm entzifferten Weistümer der Natur nicht in das fremdartige Latein einspannen, sondern nur im Deutschen wiedergeben will. Nirgends aber erscheint im Faust der Kampf mit der umgebenden Natur in der Richtung auf ihre Erkenntnis wie bei Paracelsus, sondern im ersten Teil mit moralischen, im zweiten Teil mit spirituellen, geistigen Mächten - Homunculus.

[ 24 ] One could almost picture Paracelsus speaking with his father. Or when we read how Faust struggles to “translate the New Testament into his beloved German”—into that language which springs from his very soul—just as Paracelsus, too, does not wish to force the wisdom of nature that he has deciphered into the foreign language of Latin, but rather to express it solely in German. Nowhere in Faust, however, does the struggle with the surrounding natural world in the pursuit of its understanding appear as it does in Paracelsus; rather, in the first part it involves moral forces, and in the second part, spiritual, intellectual powers—the homunculus.

[ 25 ] Was Faust erreichen wollte, war Paracelsus etwas natürlich Gegebenes, der völlig selbstlos dachte und handelt. Faust erlangt erst am Ende, nach einem selbstsüchtigen Leben, als er blind geworden, im Alter die Selbstlosigkeit, wo es dann «im Innern leuchtet helle», als er zum Mystiker wird, als ihm der Einblick in das innerste Wesen zuteilwurde, den Paracelsus zeit seines Lebens aus der äußeren Natur als elementar spürender Geist herausgefunden hatte. Paracelsus war die Abendröte an der Wende des fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert, die allen deutlich sichtbar leuchtete, im Faust können wir sie nur im Innern suchen, als seelisch wirkende Kraft.

[ 25 ] What Faust sought to achieve was, for Paracelsus, something given by nature—he who thought and acted entirely selflessly. It is only at the end, after a selfish life, when he has gone blind in old age, that Faust attains selflessness—when “a bright light shines within,” when he becomes a mystic, when he is granted insight into the innermost essence that Paracelsus had discovered throughout his life from external nature as a spirit attuned to the elements. Paracelsus was the evening glow at the turn of the fifteenth to the sixteenth century, shining clearly visible to all; in Faust, we can seek it only within, as a force acting upon the soul.

[ 26 ] Warum konnte nun Goethe den Faust so schildern, wie es geschehen ist? Weil zwischen dem Leben des Paracelsus und der Konzeption des «Faust» etwas Eigenartiges in der Menschheitsentwicklung eingetreten ist, das die früheren Verhältnisse stark verschob und in neue Bahnen lenkte. Was Kopernikus und Kepler entdeckten, hat Paracelsus nicht mehr erlebt, er war nur die Abendröte einer Wissenschaft, die in ihrer dann eintretenden Morgenröte aus dem Sinnlichen ins Übersinnliche getreten war. Paracelsus drang durch die phänomenale Seite der Natur hindurch zum Geist, aber durch Kopernikus und in seinem Sinne wirkende Männer ist die Menschheit in das Zeitalter der Intellektualität, des Denkens hinübergeführt worden, das zur Erklärung der Sinnenwelt nicht im Sinne der früheren Zeit durch ihren Schleier dringen will, sondern Befriedigung in der Erkenntnis der Seele sucht. Es musste daher dazu kommen, dass ein Seelisches zum Schauplatz dessen gewählt wurde, auf den Goethe seinen Faust stellte sowie ja auch Kopernikus, Kepler, Giordano Bruno, Galilei in gleicher Art arbeiteten. Faust eignet sich daher als Mystiker dasselbe an, was Paracelsus dem unmittelbaren Anschauen der Natur entnahm. Wie der moderne Mensch auf das innere Seelenleben angewiesen ist, das hat Goethe im Faust hingestellt. So sucht auch die Geisteswissenschaft in den tiefen Untergründen der Seele, was vom zeitlich Vergänglichen zum unendlich Ewigen führen kann.

[ 26 ] Why, then, was Goethe able to portray Faust the way he did? Because between Paracelsus’s lifetime and the conception of Faust, something peculiar occurred in the development of humanity that drastically shifted the previous conditions and steered them in new directions. Paracelsus did not live to see what Copernicus and Kepler discovered; he was merely the twilight of a science that, in the dawn that followed, had moved from the sensory into the supersensory. Paracelsus penetrated through the phenomenal side of nature to the spirit, but through Copernicus and men working in his spirit, humanity has been led into the age of intellectuality, of thought—an age that, in explaining the sensory world, does not seek to penetrate its veil as in earlier times, but seeks fulfillment in the knowledge of the soul. It was therefore inevitable that a spiritual element would be chosen as the setting for the figure in whom Goethe placed his Faust—just as Copernicus, Kepler, Giordano Bruno, and Galileo worked in the same manner. As a mystic, Faust thus appropriates for himself what Paracelsus derived from the direct contemplation of nature. Goethe portrayed in Faust how modern man is dependent on his inner spiritual life. In the same way, spiritual science searches in the deep recesses of the soul for what can lead from the transitory to the infinitely eternal.

[ 27 ] Nach Paracelsus trat ein neues Zeitalter wie eine Morgenröte auf, welches sagte, wenn wir uns an das Nichtsinnliche wenden, so erlangen wir eine richtige Vorstellung von unserem Weltsystem. Und so stellte denn als höher gestiegenen Vertreter dieser Anschauung Goethe seinen Faust hin. Die Geisteswissenschaft ist im Weiterschreiten auf diesem Weg begriffen, der auf dem Schauplatz der Seele in die Geheimnisse der Natur führt, und wie Giordano Bruno das blaue Firmament der achten Sphäre durchbrach, so durchbricht jetzt die Geisteswissenschaft die Lebensgrenzen von Geburt und Tod, indem sie die Seele als unendliches Wesen über Raum und Zeit hinausreichend erkennen lässt. Goethe wirkt also wie jemand, der uns den Anfang eines richtigen Weges weist, indem er uns im Faust ein Bild vor Augen stellte, auf den uns die Erinnerung an Paracelsus hinführt, um ihn erst recht verstehen zu können.

[ 27 ] According to Paracelsus, a new era dawned like the break of day, proclaiming that if we turn to the non-sensory realm, we will gain a true understanding of our world system. And so Goethe presented his Faust as the most elevated exponent of this view. Spiritual science is continuing along this path, which leads from the realm of the soul into the mysteries of nature; and just as Giordano Bruno broke through the blue firmament of the eighth sphere, so now spiritual science breaks through the boundaries of life—birth and death—by enabling us to recognize the soul as an infinite being that extends beyond space and time. Goethe thus appears as someone who points out the beginning of the right path to us by presenting us with an image in Faust—one to which the memory of Paracelsus leads us, so that we may understand him all the more clearly.

[ 28 ] So werden einzelne Menschen hineingestellt in die Fortentwicklung der Welt und so muss auch heute der Mensch wiederum neue Wege beschreiten, damit er in seinen Erkenntnissen die Harmonisierung seiner Seelenkräfte finden kann, über Paracelsus und Faust hinaus. Von solchen Beziehungen ausgehend fühlt man immer tiefer die innere Verwandtschaft zwischen Paracelsus und Goethe, besonders in des Letzteren Worten:

[ 28 ] In this way, individual human beings are placed within the ongoing development of the world, and so today, too, humanity must once again blaze new trails so that, through its insights, it may find harmony within its soul forces—going beyond Paracelsus and Faust. Based on such connections, one senses ever more deeply the inner kinship between Paracelsus and Goethe, especially in the latter’s words:

Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt — dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.

When the healthy nature of human beings functions as a whole, when they feel at home in the world as part of a great, beautiful, dignified, and valuable whole, when this harmonious contentment grants them a pure, free delight—then the universe, if it could perceive itself, would exult at having reached its goal and admire the pinnacle of its own becoming and being.

[ 29 ] Im Menschen als in einem Mikrokosmos sucht und sieht Goethe, wie auch Paracelsus, das gesamte Wirken der großen Welt, des Makrokosmos.

[ 29 ] Like Paracelsus, Goethe seeks and sees in human beings—as a microcosm—the entire workings of the greater world, the macrocosm.

[ 30 ] Beim Zurückfahren vom Geburtshaus des Paracelsus in Maria-Einsiedeln wird man auf dem Weg über Tal und Hügel gehörig durchgerüttelt, so kommt einem dadurch leiblich die knorrige Eigenart des Paracelsus recht zum Bewusstsein, neben dem beim Herannahen an die Wallfahrtskirche auch die Erinnerung an Goethe wieder auftauchte. Symbolisch schien sich mir in der äußerlich klein aussehenden Kirche von Maria-Einsiedeln, sobald man das Innere richtig auf sich wirken lässt und den geschmackvollen Innenraum in seiner Art entsprechend zu würdigen versteht, der Geist des Großen zu manifestieren. Einst stand auch Goethe in diesem stimmungsvollen Raum, in dieser kleinen und doch großen Kirche, die wie ein Mikrokosmos im Makrokosmos auch den Menschen als ein Abbild der großen Welt dem sinnenden Beschauer vor Augen führte. In seinen Worten empfand ich dieses und konnte mir vorstellen, wie Goethe an dieser Stätte, wo Paracelsus oft gestanden, die Grundempfindung vom Entsprechen des Makrokosmos und Mikrokosmos im Menschen zum klaren Ausdruck in sich werden fühlte. Das zeigt uns der Weg von Paracelsus zu Goethe: Die beiden Grenzpunkte dieses Weges, der abglänzende Abendstern und die aufgehende Sonne der neuen Zeit weisen uns hier auf eine tiefgehende Ähnlichkeit zwischen den Seelen der beiden Männer als ein lebendiger Protest gegen äußerliches, ungeistiges, nichtspirituelles Ergreifen der Dinge, von dem Goethe im Faust sagt, das heißt bezeichnenderweise den Mephisto sagen lässt:

[ 30 ] On the drive back from Paracelsus’s birthplace in Maria-Einsiedeln, one gets thoroughly jostled along the route through valleys and over hills, which makes one physically aware of Paracelsus’s rugged character; as we approached the pilgrimage church, memories of Goethe also resurfaced. It seemed to me that, in the outwardly modest-looking church of Maria-Einsiedeln, the spirit of the great man manifested itself as soon as one allowed the interior to truly sink in and learned to appreciate the tasteful interior in its own right. Goethe, too, once stood in this evocative space, in this small yet grand church, which—like a microcosm within the macrocosm—presented humanity as a reflection of the greater world to the contemplative observer. In his words, I sensed this and could imagine how Goethe, in this very place where Paracelsus had often stood, felt the fundamental sense of the correspondence between the macrocosm and the microcosm within the human being clearly come to life within himself. This is what the path from Paracelsus to Goethe shows us: The two endpoints of this path—the fading evening star and the rising sun of the new age—point to a profound similarity between the souls of these two men, a living protest against an external, non-intellectual, non-spiritual grasp of things, which Goethe—or, more significantly, Mephisto—expresses in Faust as follows:

Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt leider! nur das geistige Band.
Encheiresin naturae nennt’s die Chemie,
Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie.

Whoever wishes to understand and describe something living,
Must first seek to extract the spirit,
Then he holds the parts in his hand,
But, alas, the spiritual bond is missing.
Chemistry calls it “Encheiresin naturae,”
Mocks itself and does not know how.

[ 31 ] Solches gehört auch als lebendiger Protest gegen das Übersehen des Ganzen bei dem Betrachten der Teile zu dem Charakter des Paracelsus. Anstelle der Schlussworte hatte Goethe in der früheren Bearbeitung des «Faust» geschrieben:

[ 31 ] Such elements are also part of Paracelsus’s character, serving as a vivid protest against overlooking the whole when considering the parts. In an earlier draft of Faust, Goethe had written the following in place of the closing lines:

Bohrt sich einen Esel und weiß nicht wie.

He's screwing a donkey and doesn't know how.

[ 32 ] Paracelsus wie Goethe verurteilten eine solche Naturbetrachtung, beide beseelte die andere Tendenz, die sich in Anlehnung an die Worte des Mephisto übertragen ließe in die Fassung:

[ 32 ] Paracelsus, like Goethe, condemned such a view of nature; both were inspired by the opposite tendency, which—drawing on Mephisto’s words—could be paraphrased as follows:

Wer will was Lebendiges ,
Such in der Tiefe den Geist zu ergründen!
Und hat er die Teile in der Hand,
Sieht er des Geisteslichtes
Einziges Heil im geistigen Band,
Das zusammenhiält, was sonst nicht sich selbst,
Und die Geheimnisse des Weltalls erkennt.

Whoever seeks something alive,
Let him search the depths to fathom the spirit!
And once he holds the pieces in his hand,
He sees in the light of the spirit
The sole salvation in the spiritual bond,
Which holds together what otherwise cannot hold itself,
And recognizes the mysteries of the universe.