Goethe and the Present
GA 68c
9 January 1911, Frankfurt
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Goethe and the Present, tr. SOL
33. Goethes geheime Offenbarung (Esoterisch)
33. Goethe's Secret Revelation (Esoteric)
[ 1 ] Gestern habe ich mich bemüht zu zeigen, wie dasjenige, was hier beigebracht werden soll über Goethes innerste, intimste Meinung und Anschauung über die Entwicklung der Menschenseele, gewonnen werden kann und dass nichts willkürlich in seine Werke und namentlich in sein Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie, dass hier nichts willkürlich hineingeheimnisst worden ist. Ich habe zu zeigen versucht, wie die ganze Grundlage, auf der die Erklärung des «Märchens» und Goethes Weltanschauung gewonnen werden kann, aus einer historischen Betrachtung von Goethes Leben, aus der historischen Verfolgung der wichtigsten Vorstellungen und Impulse Goethes sich ergibt. Es ist der Versuch gemacht, zu fundieren das, was heute in freierer Ausführung über das Thema gegeben werden soll.
[ 1 ] Yesterday I endeavored to show how what is to be taught here regarding Goethe’s innermost, most intimate thoughts and views on the development of the human soul can be derived, and that nothing has been arbitrarily inserted into his works—and particularly into his fairy tale of the Green Snake and the Beautiful Lily—that nothing has been arbitrarily veiled in mystery here. I have attempted to show how the entire foundation upon which the interpretation of the “fairy tale” and Goethe’s worldview can be derived arises from a historical examination of Goethe’s life and from a historical tracing of Goethe’s most important ideas and impulses. An attempt has been made to lay the groundwork for what is to be presented today in a freer exposition on this topic.
[ 2 ] Wenn wir jenes Märchen, von dem gestern die Rede war, vor unsere Seele treten lassen, so erscheint es uns in der Tat wie ganz und gar eingetaucht in Rätsel, und man möchte sagen: Entweder muss man voraussetzen, dass Goethe vieles, vieles in dieses Märchen hineingeheimnissen wollte, wie in den Faust nach seinem eigenen Ausspruch, oder dass man ansehen könnte dieses Märchen als ein bloßes Spiel der Phantasie. Wenn nicht schon durch die ganze Art und Denkweise Goethes das Letztere ausgeschlossen wäre, müsste man sagen, es verbietet sich eine solche Annahme noch besonders dadurch, dass Goethe stellte dieses Märchen an das Ende seiner Erzählung «Unterhaltungen deutscher Aus[ge]wander[t]er». Denn es ist derselbe Gedanke, der für Goethes ganzes Leben charakteristisch ist, der auch in seinen Gesprächen deutscher Auswanderer liegt, und aus dem unmittelbar Vorhergehenden können wir noch einmal das Thema zu diesem Märchen entnehmen.
[ 2 ] When we allow that fairy tale, which was discussed yesterday, to take shape in our minds, it does indeed appear to us as if it were entirely shrouded in mystery, and one might say: Either one must assume that Goethe intended to conceal many, many things within this fairy tale—as he did in Faust, according to his own statement—or one could regard this fairy tale as a mere flight of fancy. Even if Goethe’s entire nature and way of thinking did not already rule out the latter, one would have to say that such an assumption is particularly precluded by the fact that Goethe placed this fairy tale at the end of his collection Conversations of German Emigrants. For it is the same idea that characterizes Goethe’s entire life that also underlies his Conversations of German Emigrants, and from what immediately precedes it, we can once again discern the theme of this fairy tale.
[ 3 ] Da sind uns vorgeführt die Unterhaltungen von Menschen, die auswandern mussten durch Vorgänge in ihrer französischen Heimat, welche in der mannigfaltigsten Weise zurückblicken auf ihre traurigen Erfahrungen. Die ganze Erzählung spitzt sich zu darauf, zu zeigen, was Menschen, die herausgerissen sind aus ihrer Umgebung, durch dieses Herausreißen an Einsamkeit der Seele in sich durchmachen können; was Menschen in dieser Lage durch Nachdenken, Besinnen auf ihre seelischen Erlebnisse, durch Selbstbeobachtung gewinnen können. Nur ein paar Beispiele sind hervorzuheben, um zu zeigen, wie Goethe alles zuspitzen wollte darauf, zu zeigen, wie die Seele, die sich selbst beobachten will, die sich fragt: Welche Art von Schuld habe ich auf mich gehäuft, wodurch habe ich die Wege zur Entwicklung aufgehalten?, Aufklärung über sich selbst erhält. Zunächst tritt uns entgegen eine italienische Sängerin, welche ihr Schicksal darum vor uns darlegen soll, weil in diesem Schicksal eine Menschenseele vor uns auftritt, die an der Oberfläche der Weltenbetrachtung haften muss, die zwar aufmerksam verfolgt das, was um sie herum vorgeht, weil sie durch die Lebensvorgänge gezwungen ist, die aber noch nicht reif genug ist, auseinanderzuhalten, was man nennen darf den Zufall und die geistige Notwendigkeit der Dinge, eine Seele, die nicht sich auskennt, wie die Erscheinungen des Lebens verbunden werden müssen, wenn wir den Geist in der Umgebung voraussetzen. Sie hat sich gegen einen Mann so benommen, dass er durch ihre abstoßende Weise schwer krank geworden ist und an ihrem Benehmen hinstirbt. Sie wird an sein Totenbett gerufen, sie verweigert es aber, zu kommen. Er stirbt, ohne sie gesehen zu haben. Nach seinem Tode tragen sich allerlei Dinge zu, welche einer solchen eben charakterisierten Seele zu denken geben. «Wie soll ich mich verhalten dem gegenüber?», fragt sie sich. Es ereignet sich nach dem Tode des Mannes ganz Merkwürdiges. Sie vernimmt im Raume ganz Merkwürdiges, es tanzen die Möbel, es werden ihr Ohrfeigen verabreicht von unsichtbarer Hand, sie wird immer gezwungen, sich zu fragen: Ist der Tote irgendwie da, der sich geltend machen will, weil ich mich ihm verweigert habe? Es birst die Decke eines Schrankes, und in demselben Augenblick geht in ihrer eigenen Wohnung in Frankreich ein Schrank in Flammen auf, der von demselben Tischler gemacht wurde. Goethe hat nicht ausdrücken wollen, dass in solchen Ereignissen irgendetwas liege, was Veranlassung geben könne, verborgene Geister oder das Kommen des Toten anzunehmen, sondern er wollte nur sagen, dass es solche Geister geben könne, die allerlei Ereignisse so deuten, die nicht genug abergläubisch sind, zu sagen, da rumort ganz gewiss der Tote; sie kommen nur in ein unbestimmtes Gefühl hinein, können sich auch nicht darüber hinwegsetzen. Wie es den Seelen ergeht in der Außenwelt entsprechend ihrer Entwicklungsstufe, ist das, worauf Goethe die Aufmerksamkeit hinlenken will. Er zeigt dann, wie einer in die Lage kommt, eine Dame zu heilen von Sinnlichkeit und Leidenschaftlichkeit; er schlägt den Weg der Askese ein. Das ist wieder ein Hinweis auf das, was die Seele durchmachen kann, um eine Entwicklung zu erleben. Goethe führt dann stufenweise aufwärts. Zunächst eine im Dunklen wühlende Seele, dann eine realere Sache in der eben geschilderten Dame, denn viele kommen zu einer Reinigung ihrer Seele durch Fasten. Wir kommen schon mehr in eine Realität hinein. Und durch die dritte von Goethes angeführten Sachen kommen wir ganz in die Realität hinein. Er zeigt, wie ein Mensch zunächst etwas gewissenlos ist, er steht in einer untergeordneten Seelenentwicklung und sagt: Was meinem Vater gehört, das gehört auch mir. Er begeht einen Diebstahl. Da erwacht das Gewissen, die Seele steigt herauf, und gerade durch die unrechte Tat wird er zu einer Art von moralischem Mittelpunkt für das, was an Menschheit sich um ihn herum gliedert. Er zeigt eine Seelenentwicklung, die ein Heraufsteigen von einer untergeordneten Stufe zu einer höheren Stufe der Erkenntnis und Weltanschauung bedeutet.
[ 3 ] Here we are presented with the conversations of people who were forced to emigrate due to events in their French homeland, in which they reflect in a wide variety of ways on their sad experiences. The entire narrative culminates in showing what people who have been torn from their surroundings may go through as a result of this upheaval—the loneliness of the soul within themselves—and what people in this situation can gain through reflection, contemplation of their inner experiences, and self-observation. Just a few examples are worth highlighting to show how Goethe sought to bring everything to a head, demonstrating how the soul that wishes to observe itself—that asks: “What kind of guilt have I accumulated upon myself? By what means have I hindered the paths to my own development?”—gains self-understanding. First, we encounter an Italian singer who is to lay her fate before us, because in this fate a human soul appears before us that must remain anchored to the surface of the worldview—a soul that, while attentively following what is happening around her, because she is compelled by the course of life, but who is not yet mature enough to distinguish between what may be called chance and the spiritual necessity of things—a soul who does not understand how the phenomena of life must be connected when we assume the presence of the spirit in the environment. She has behaved toward a man in such a way that her repulsive manner has made him gravely ill, and he is dying as a result of her behavior. She is summoned to his deathbed, but she refuses to come. He dies without having seen her. After his death, all sorts of things occur that give a soul like the one just described cause for reflection. “How should I respond to this?” she asks herself. After the man’s death, something quite strange happens. She hears strange sounds in the room; the furniture dances about; she is slapped by an invisible hand; and she is constantly compelled to ask herself: Is the dead man somehow present, seeking to assert himself because I rejected him? The top of a cabinet bursts open, and at that very moment, in her own apartment in France, a cabinet made by the same carpenter bursts into flames. Goethe did not mean to suggest that such events contain anything that might give cause to believe in hidden spirits or the return of the dead; rather, he merely wanted to say that there could be people who interpret all manner of events in such a way—people who are not superstitious enough to say, “The dead are certainly stirring there”— they merely succumb to a vague feeling and cannot shake it off. What Goethe wishes to draw our attention to is how souls fare in the external world according to their stage of development. He then shows how one comes to be in a position to heal a woman of sensuality and passion; he embarks on the path of asceticism. This is yet another indication of what the soul can go through in order to undergo development. Goethe then leads us step by step upward. First, a soul groping in the dark; then a more concrete example in the lady just described, for many achieve a purification of their soul through fasting. We are already entering more deeply into reality. And through the third example Goethe cites, we enter fully into reality. He shows how a person is initially somewhat unscrupulous; he is at a lower stage of soul development and says: “What belongs to my father also belongs to me.” He commits theft. Then his conscience awakens, his soul rises, and precisely through this wrongful act, he becomes a kind of moral center for the humanity that gathers around him. He demonstrates a development of the soul that signifies an ascent from a lower level to a higher level of knowledge and worldview.
[ 4 ] Vollends haben wir es zu tun mit Seelenkräften, die repräsentiert werden durch die Gestalten, die Wesen des «Märchens», und mit dem Spiel der Seelenkräfte, das sich läutern soll zur Harmonie, zur Symphonie der Seelenkräfte in den Taten, die die Personen verrichten. Zunächst haben wir es zu tun mit Irrlichtern, die von einem Fährmann über den Fluss gesetzt werden. Diese Irrlichter sind zunächst mit Gold gefüllt, aber ihr Gold will der Fährmann nicht als Lohn haben, weil alles in wilden Tumult kommen würde. Er will vielmehr Früchte der Erde haben, drei Kohlhäupter, drei Artischocken und drei große Zwiebeln. Die Irrlichter haben die Fähigkeit, Gold um sich zu schütteln. Sie begegnen der Schlange, der Muhme von der horizontalen Richtung. Für sie ist das Gold fruchtbar, segensreich. Sie wird durch Goldstücke innerlich leuchtend. Sie kann nun das beleuchten, was sie vorher nicht sehen konnte.
[ 4 ] We are dealing entirely with spiritual forces, represented by the characters—the beings of the “fairy tale”—and with the interplay of these spiritual forces, which is meant to be purified into harmony, into a symphony of spiritual forces manifested in the actions performed by the characters. First, we encounter will-o’-the-wisps that are ferried across the river by a ferryman. These will-o’-the-wisps are initially filled with gold, but the ferryman does not want the gold as payment, because that would lead to wild turmoil. Instead, he wants the fruits of the earth: three heads of cabbage, three artichokes, and three large onions. The will-o’-the-wisps have the ability to scatter gold around them. They encounter the snake, the “Aunt,” coming from the horizontal direction. For her, the gold is fruitful and blessed. She becomes radiant within through the pieces of gold. She can now illuminate what she could not see before.
[ 5 ] Als ich vor mehr als zwanzig Jahren versuchte, auf alle mögliche Weise Eingang zu gewinnen zu diesem Märchen, da war es vor allen Dingen ein lohnender Gedanke im Gewirr der Fragen des «Märchens», als sich zeigte, dass man vor allen Dingen das Gold zu verfolgen habe. Das Gold spielt in verschiedenen Arten eine Rolle. Die Irrlichter streuen es um sich. Da ist es etwas nicht Segensreiches in gewisser Beziehung. In der Schlange wird es segensreich. Dann begegnen wir dem Golde wieder in dem goldenen König, an den Wänden in der Hütte des Alten mit der Lampe; da lecken es die Irrlichter herunter, machen sich dadurch dicker. Einmal werden wir mit der Nase darauf gestoßen, mit welcher menschlichen Seeleneigenschaft das Gold etwas zu tun hat, als wir hingewiesen werden darauf, dass der goldene König repräsentiert den Geber, den Bringer der Weisheit. Da sagt uns Goethe selber: Der goldene König bedeutet im Vergleich zu den andern den Geber der Weisheit. Es muss also Gold etwas zu tun haben mit Weisheit. Das Gold ist etwas, was den König zum Weisen macht, was ihn dazu bringt, dass er den Jüngling begaben kann mit Weisheit:
[ 5 ] More than twenty years ago, when I tried in every possible way to gain access to this fairy tale, it was, above all, a rewarding insight into the tangle of questions surrounding the “fairy tale” when it became clear that, above all, one must follow the gold. Gold plays a role in various ways. The will-o’-the-wisps scatter it about. In a certain sense, it is something not particularly blessed. In the snake, it becomes a blessing. Then we encounter the gold again in the golden king, on the walls of the old man’s hut with the lamp; there the will-o’-the-wisps lick it up, growing fatter as a result. At one point, we are made to realize which human soul quality gold is connected to when we are told that the Golden King represents the giver, the bringer of wisdom. Here Goethe himself tells us: Compared to the others, the Golden King signifies the giver of wisdom. Gold must therefore have something to do with wisdom. Gold is what makes the king wise, what enables him to endow the young man with wisdom:
Erkenne das Höchste!
Realize the Supreme!
[ 6 ] Das Gold ist etwas, das der Geber der Weisheit in den Menschen hineinzulenken vermag. Die Irrlichter müssen also die Seelenkräfte darstellen, die imstande sind, Weisheit aufzunehmen, und die die Weisheit auch von sich schütteln können. Es muss gezeigt werden, wie das Gold aufgespeichert werden kann; lange, lange Zeit ist es aufgespeichert in den Wänden der Hütte. Wir werden nicht anders können, da wir wissen, wie gut es fundiert ist, als in den einzelnen Personen Seelenkräfte zu sehen. Wir können die Irrlichter bezeichnen mit dem abstrakten Verstand, dem abstrakten Denken, das imstande ist, eine gewisse Summe von Weisheit sich anzueignen. Nun verstehen wir es auch, warum das Wissen in der reinen Verstandeskraft bei Irrlichtern eine solche Rolle spielt. Wer mit dem bloßen Verstande aufnimmt, was Wissenschaft ist, nimmt es auf, um etwas Persönliches daran zu haben, um es persönlich verwenden zu können.
[ 6 ] Gold is something that the Giver of Wisdom is able to channel into human beings. The will-o’-the-wisps must therefore represent the soul forces that are capable of receiving wisdom—and that can also shake wisdom off. It must be shown how the gold can be stored; for a long, long time it is stored within the walls of the hut. Since we know how well-founded this is, we have no choice but to see soul forces in individual people. We can describe the will-o’-the-wisps as abstract intellect, abstract thinking, which is capable of acquiring a certain amount of wisdom. Now we also understand why knowledge, in the form of pure intellectual power, plays such a significant role in will-o’-the-wisps. Whoever takes in what science is with the mere intellect does so in order to derive something personal from it, to be able to use it personally.
[ 7 ] Goethe beglückwünscht sich selber oft dazu, offiziell die Wissenschaft als Lehrer nicht zu vertreten. Er beglückwünschte sich dazu, in der Lage zu sein, nur dann von seiner Weisheit der Welt zu geben, wenn er innerlich dazu gedrängt war, dass er nicht gezwungen war, sie von sich zu werfen, wie es nötig ist, wenn man zum Lehrer oder bloßen abstrakten Austeiler der Weisheit bestimmt ist. Dadurch stellt Goethe solche Menschen in den Irrlichtern dar, die abstraktes Wissen haben. Die abstrakte Intelligenz kann eine Unsumme von Wissen aufnehmen, aber sie führt zu Eitelkeit. Es ist auch durchaus in Goethes Sinn gesprochen: Wir mögen noch so gescheit denken, abstrakte Begriffe haben, solange wir Ideen haben, die nicht aus der Tiefe des Lebens geholt sind, sind sie ungeeignet, um uns zuletzt wirklich hineinzuführen in die Geheimnisse der ewigen Rätsel des Daseins. Wo wir brauchen etwas, was unmittelbar ins Herz geht von den ewigen Ideen des Daseins, brauchen wir etwas anderes als abstrakte Begriffe. Wo wir an die Grenze der physischen Welt und des Reiches der Geistigkeit kommen, werden wir zurückgestoßen mit allen abstrakten Begriffen und Ideen. Ja, alle diese abstrakten Begriffe und Ideen sind nicht einmal imstande, uns sozusagen das begreiflich zu machen, was das Allernächste ist. Wie fern steht der Abstraktling dem Begreifen auch des Alltäglichsten, das ihn umgibt. Er ist außerstande, zu geben etwas dem Strome, über den wir müssen, wenn wir eintreten wollen in die übersinnliche Welt. Und wenn wir herankommen wollen an den eigentlichen Ursprung des Lebens, so bäumt er sich auf, wenn wir mit der bloßen Intelligenz heraufkommen. Die Irrlichter sind von der vertikalen Linie, während die Schlange von der horizontalen Linie ist. Damit ist angezeigt, dass der Mensch mit abstrakten Ideen sich vom Boden entfernt, vom Boden des Alltäglichen. Wir sehen, wie plastisch gestaltet die Irrlichter dastehen. Aber sind Ideen und Begriffe, philosophische Ausführungen, unter allen Umständen das, was uns trennt von dem wahren Quell des Daseins? Nein, das nicht; denn wenn der Mensch zugleich das Vermögen hat, so zu leben, dass er die eigenen Lebenskräfte verbindet mit den Dingen, dass er sich nicht erhebt in das Reich von abstrakten Begriffen und Ideen, sondern ruhig sich bewegt in den Dingen, ein solcher Geist wird, wie Faust einer ist, als er sagt:
[ 7 ] Goethe often congratulated himself on not officially representing science as a teacher. He congratulated himself on being able to share his wisdom with the world only when he felt an inner urge to do so—rather than being compelled to dispense it, as is necessary when one is destined to be a teacher or a mere abstract dispenser of wisdom. In this way, Goethe portrays those who possess abstract knowledge as will-o’-the-wisps. Abstract intelligence can absorb a vast amount of knowledge, but it leads to vanity. It is also entirely in keeping with Goethe’s thinking: No matter how cleverly we may think or how many abstract concepts we may have, as long as our ideas are not drawn from the depths of life, they are unsuitable for ultimately leading us into the mysteries of the eternal enigmas of existence. Where we need something that speaks directly to the heart from the eternal ideas of existence, we need something other than abstract concepts. When we reach the boundary between the physical world and the realm of the spiritual, we are repelled along with all our abstract concepts and ideas. Indeed, all these abstract concepts and ideas are not even capable of making us comprehend, so to speak, what is closest to us. How far removed is the abstract thinker from grasping even the most mundane things that surround him. He is incapable of contributing anything to the current we must cross if we wish to enter the supernatural world. And if we wish to approach the very origin of life, it resists us when we approach it with mere intelligence. The will-o’-the-wisps belong to the vertical line, while the serpent belongs to the horizontal line. This indicates that, with abstract ideas, human beings distance themselves from the ground—from the ground of everyday life. We see how vividly the will-o’-the-wisps are depicted. But are ideas and concepts, philosophical treatises, under all circumstances what separates us from the true source of existence? No, not at all; for if a person also has the capacity to live in such a way that he unites his own life forces with things—so that he does not rise into the realm of abstract concepts and ideas, but moves calmly among things—such a spirit becomes like Faust when he says:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Sublime Spirit, you gave me—you gave me everything
I asked for. You did not in vain
Turn your face toward me in the fire.
You gave me magnificent nature as my kingdom,
The power to feel it, to enjoy it. You do not
do you merely allow me to gaze coldly and in wonder,
You grant me permission to look into its deep bosom,
as into the bosom of a friend.
You lead the procession of the living
past me and teach me to recognize my brothers
in the silent thicket, in the air, and in the water.
[ 8 ] Da, wo der Mensch wirklich innere Gemeinschaft schließt mit den Naturwesen, dienen ihm dieselben Begriffe, die bei Abstraktlingen von der Welt entfremden, um sich immer tiefer hineinzubohren in das Dasein. Wir dürfen nicht einfach umkehren und sagen: weil der Abstraktling sich entfernt von der Wirklichkeit, so seien Begriffe und Ideen überhaupt etwas Wertloses. Ist in ihnen eine Seelenkraft, die lebt in und mit den Dingen, so werden sie zugleich lichtvoll. Daher wird das Gold zu solchem Segen für die Schlange, die in Klüften lebt, die die horizontale Richtung hat, sich nicht entfremdet. Wenn der Mensch die Dinge liebt, sich mystisch in die Dinge vertieft, dann sind die Ideen das Licht, das ihm hindurchhelfen kann. Daher kann die Erfahrung gemacht werden, dass zuweilen schulmäßig dargestellte Philosophie frostig, nüchtern anmutet. Wenn aber dieselben Ideen bei einsamen Naturmenschen uns entgegentreten, bei Kräuter- und Wurzelsammlern und so weiter so, wird man sehen, wie in der Tat in den Schlangen, in denjenigen, die Gemeinschaft mit den Dingen schließen, die Ideen lichtvoll werden, die bei Abstraktlingen nüchtern sind. In der Schlange wird also hingewiesen auf die Seelenkraft, die den mystischen Drang hat, überall in den Dingen mystisch unterzutauchen. Das ist dargestellt, wenn die Schlange durch die Klüfte sich bewegt. Der Mensch, der nicht in abstrakten Dingen sich bewegt, kommt nahe, wie die Schlange, dem unterirdischen Tempel. Wenn ein Mensch den Sinn hat für das geheimnisvolle Walten der Naturkräfte, so kommt er zu dem Herzen der Natur; er kann etwas erfahren von dem, was draußen in der Natur in den Dingen lebt, auch wenn er nicht die Ideen hat. Die Schlange zeigt uns die Menschen, die zur Not auch ohne Ideen leben können, die aber durch liebevolles Eintauchen in die Dinge zum Erfassen der Welträtsel kommen. Wenn aber ein Ausgleich geschaffen wird, dadurch, dass Ideen und Begriffe in diese mystischen Seelenkräfte eintauchen, dann kommt es zustande, dass der liebevoll zu den Dingen geneigte Mensch das, was früher nur getastet wurde von den Quellen des Daseins, auch beleuchten kann durch sein eigenes Licht. Goethe sagt bedeutungsvoll:
[ 8 ] Where human beings truly form an inner communion with the beings of nature, the very concepts that alienate abstract thinkers from the world serve to help them delve ever more deeply into existence. We must not simply turn this around and say: because the abstract thinker distances himself from reality, concepts and ideas are therefore worthless. If there is a spiritual power within them that lives in and with things, they simultaneously become radiant. That is why gold becomes such a blessing for the snake that lives in crevices—a creature oriented horizontally that does not alienate itself. When a person loves things and immerses themselves mystically in them, then ideas are the light that can guide them through. This is why one may find that philosophy presented in an academic manner sometimes seems cold and sober. But when the same ideas are encountered among solitary people of nature—herb and root gatherers and the like—one will see how, indeed, in the snakes, in those who enter into communion with things, the ideas that are sober among the abstract thinkers become radiant. The snake thus points to the power of the soul that has the mystical urge to immerse itself mystically in all things. This is depicted when the snake moves through the crevices. The person who does not dwell in abstract matters comes close, like the snake, to the subterranean temple. If a person has a sense for the mysterious workings of the forces of nature, they reach the heart of nature; they can experience something of what lives in the things out there in nature, even if they lack the ideas. The serpent shows us people who, if necessary, can live without ideas, but who, through loving immersion in things, come to grasp the mysteries of the world. But when a balance is created—through ideas and concepts immersing themselves in these mystical soul forces—then the person who is lovingly attuned to things can also illuminate with their own light that which was previously only sensed from the sources of existence. Goethe says meaningfully:
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt uns Göttliches entzücken?
If the eye were not like the sun,
how could we see the light?
If God’s own power did not dwell within us,
how could the divine delight us?
[ 9 ] Er weist unmittelbar darauf hin, wie wir entgegenbringen müssen das Licht den Geheimnissen der Natur, wenn diese Geheimnisse der Natur wieder zurückleuchten sollen. Der Mensch muss innerlich den Sinn, das offene Herz haben, er muss die Erkenntnis anerzogen haben für das Geistige. Nur dann kann er das Geistige auch in der Umwelt schauen. Dann kommt die Schlange in den unterirdischen Tempel. Solche unterirdischen Orte gibt es für das Seelenleben. Solche Dinge können nur charakterisiert werden, wenn sie etwas intimer eingehen auf das merkwürdige Walten der menschlichen Seele in der Entwicklung. Kann es gefühlt werden, dass, bevor die Seele imstande ist, den Geist wahrzunehmen in der Außenwelt, sie innerlich die Gewissheit hat: Ja, es gibt einen Urquell, aus dem alles fließt? Sie kann diese Gewissheit haben und doch nicht imstande sein, den Geist überall zu erblicken. Oh, es ist ein großes Ziel, den Geist überall zu erblicken. [Fühlen: Ich selbst bin herauskristallisiert aus dem Geistigen. Dazu muss der Mensch erwachen.] Der Mensch muss erst die höchsten Seelenkräfte in sich entwickeln. Er muss das Übersinnliche, das im gewöhnlichen, normalen Bewusstsein schläft, erst in sich hervorrufen. Erst muss er aufsteigen zu höheren Entwicklungsstufen.
[ 9 ] He points out directly how we must bring light to the mysteries of nature if these mysteries are to shine forth once more. Human beings must possess inner meaning and an open heart; they must have cultivated an awareness of the spiritual. Only then can they perceive the spiritual in their surroundings. Then the serpent enters the underground temple. Such underground places exist for the life of the soul. Such things can only be described if they delve more intimately into the wondrous workings of the human soul during its development. Can one sense that, before the soul is able to perceive the Spirit in the external world, it has the inner certainty: Yes, there is a primal source from which everything flows? It can have this certainty and yet not be able to perceive the Spirit everywhere. Oh, it is a great goal to perceive the Spirit everywhere. [Feel: I myself have crystallized out of the spiritual. To achieve this, a person must awaken.] A person must first develop the highest soul forces within themselves. They must first awaken within themselves the supersensible, which lies dormant in ordinary, normal consciousness. First, they must ascend to higher stages of development.
[ 10 ] Der Mensch muss zuerst ahnen, dass es so etwas gibt. Dann kommt er zu einer anderen Ahnung noch: Mein letztes Ziel kann ich nur erreichen, wenn ich sehe, wie mein ganzes Dasein vom Geiste durchzogen ist. Ich bin herauskristallisiert, geboren aus dem Geistigen, aus dem Übersinnlichen, ohne dass ich beteiligt bin an diesem Herausgebären aus dem Übersinnlichen, das ich zuletzt erreichen kann durch Erkenntnis. Auf geheimnisvolle Weise bin ich herausgeboren aus dem Land, das ich zuletzt wieder erreichen kann. Da ist charakterisiert das Land der schönen Lilie, aus dem der Mensch auch stammt. Der Fährmann bringt ihn herüber. Durch geheime Mächte ist der Mensch herübergebracht. Der Fährmann, der nach diesem Ufer bringt, darf niemanden wieder zurückbringen. Dieselbe reale Weise, durch die wir aus dem Übersinnlichen herübergebracht werden durch die Geburt, kann es nicht sein, durch die wir in bewusster Art wieder zurückkommen. Da müssen andere Wege eingeschlagen werden.
[ 10 ] First, a person must sense that such a thing exists. Then another insight dawns: I can only reach my ultimate goal if I see how my entire existence is permeated by the Spirit. I have crystallized, born of the spiritual, of the supersensible, without my having any part in this birth from the supersensible, which I can ultimately attain through knowledge. In a mysterious way, I have been born from the land that I can ultimately reach again. This characterizes the land of the beautiful lily, from which the human being also originates. The ferryman brings him across. Humanity is brought across by secret powers. The ferryman who brings people to this shore is not permitted to bring anyone back again. The same actual way in which we are brought across from the supersensible realm through birth cannot be the way in which we return consciously. Other paths must be taken.
[ 11 ] Da fragen die Irrlichter die Schlange, wie sie in das Reich der schönen Lilie kommen können, das heißt, wie eine einzelne Seelenkraft zum Höchsten heraufkommen kann. Zwei Mittel werden angegeben: erstens wenn die Schlange sich in der Mittagsstunde über den Fluss herüberlegt. Da reisen aber die Irrlichter nicht gern. Es liegt ja ganz außerhalb des Bereiches des Abstraktlings, der ganz in Ideen und Schlussweisen leben will, auf solche Weise hinüberzukommen, die durch die Schlange repräsentiert wird, durch Hingabe an die Dinge, durch mystische Gemeinschaft mit den Dingen. Diese mystische Gemeinschaft kann nicht immer erreicht werden. Ein großer Myste der alexandrinischen Schule bekennt, dass er nur wenige Augenblicke erreicht hat, dass der Geist des Unendlichen in die Seele eintrat, wo der Gott in der Brust vom Menschen selber erlebt wird. Das sind Mittagsaugenblicke, in denen die Sonne des Lebens am Höchsten steht, in denen so etwas erlebt werden kann. Für die Abstraktlinge, die sich sagen: Wenn man einmal das richtige Denken hat, so muss es zum Höchsten führen, sind solche Mittagsstunden des Lebens, die man als eine Gnade des Lebens abwarten muss, keine Stunde, in der sie reisen können; für sie muss jederzeit das Gesuchte erreicht werden können. Da werden sie aufmerksam gemacht von der Schlange auf den Schatten des Riesen, der selbst nichts vermag, der Riese; aber wenn die Dämmerung sich ausbreitet und er seinen Schatten über den Fluss hinüberfallen lässt, können die Menschen auch hinüberkommen. Wenn wir den Riesen verstehen wollen, müssen wir dessen gedenken, dass Goethe sehr wohl wusste von Seelenkräften, die unter der Schwelle des Bewusstseins liegen, die bei dem normalen Menschen nur im Traume herauskommen, die aber zu den untergeordneten hellseherischen Kräften gehören. Es sind Kräfte, die nicht errungen werden durch Entwicklung der Seele, sondern die bei primitiven Seelen ganz besonders auftreten in Ahnungen, dem zweiten Gesicht, in alledem, was mit wenig vorgerückten Seelen zusammenhängt, aus dem hervordringt ein primitives Hellsehen.
[ 11 ] There, the will-o'-the-wisps ask the snake how they can enter the realm of the beautiful lily—that is, how a single soul force can ascend to the Highest. Two ways are suggested: first, when the snake lies across the river at noon. But the will-o'-the-wisps do not like to travel then. It is, after all, entirely beyond the realm of the abstract thinker—who wishes to live entirely in ideas and reasoning—to cross over in the manner represented by the snake: through devotion to things, through mystical communion with things. This mystical communion cannot always be attained. A great mystic of the Alexandrian school confesses that he has experienced only a few moments when the spirit of the infinite entered the soul—moments in which God is experienced within the human heart. These are midday moments, when the sun of life is at its zenith, in which such an experience is possible. For the abstract thinkers who tell themselves: “Once one has the right way of thinking, it must lead to the Highest,” such midday hours of life—which one must await as a grace of life—are not hours in which they can journey; for them, what they seek must be attainable at any time. Then their attention is drawn by the serpent to the shadow of the giant, who himself can do nothing—the giant; but when twilight spreads and he casts his shadow across the river, people can also cross over. If we wish to understand the giant, we must bear in mind that Goethe was well aware of the powers of the soul that lie beneath the threshold of consciousness—powers that emerge in the normal person only in dreams, but which belong to the lower clairvoyant powers. These are powers that are not attained through the development of the soul, but which appear particularly in primitive souls in the form of premonitions, second sight, and in everything connected with less advanced souls—from which primitive clairvoyance emerges.
[ 12 ] Durch solche hellsichtigen Kräfte gelangt der Mensch zu manchen Ahnungen von übersinnlichen Welten. Vielen Menschen ist es heute noch lieber, durch solche Ahnungen zur übersinnlichen Welt zu kommen, oder durch spiritistische Schattenbilder, als durch wirkliche Entwicklung der Seele, Alles, was zum Reiche des Unterbewusstseins gehört, zum Reiche der Seele, das nicht beleuchtet wird vom klaren Verstande, vom Lichte der Einsicht, der Selbstkontrolle, alles dies, was wie traumhafte Erkenntnis sich äußert, ist repräsentiert durch den Riesen. Erkennen kann man in Wahrheit nichts durch dieses Bewusstsein, denn es ist ganz schwach im Vergleich zur wirklichen Erkenntnis. Es ist etwas, was man nicht kontrollieren kann. Am besten wird es personifiziert durch einen Menschen, der kein Gewicht tragen kann, denn durch diese Erkenntnis ist nichts zu erkennen, was Gewicht hat für eine Weltanschauung. Aber der Schatten dieses Unterbewusstseins spielt eine große Rolle im Leben. Es braucht nur ein Wort ausgesprochen zu werden, um diesen Schatten zu charakterisieren: Aberglaube. Hätten unzählige Menschen den Aberglauben, das Schattenbild des Unterbewusstseins nicht, der in der Erkenntnisdämmerung wirkt, sie würden keine Ahnung haben von der übersinnlichen Welt. Für unzählige ist heute der Aberglaube noch der Schatten des Unterbewusstseins, der herüberführt ins Übersinnliche. Ich brauche zunächst nur zu betonen, wie die Menschen sagen können, Theosophie, Geisteswissenschaft ist etwas, von dem doch nur jene Menschen etwas begreifen können, welche viel Mühe anwenden, um die Seele auf eine höhere Stufe zu bringen. Das ist eine unbequeme Sache. Wenn die Geister für uns da sein wollen, sollen sie zu uns heruntersteigen. Da kommt alles heraus, was da so reichlich blüht auf dem Gebiet des modernen Aberglaubens, dem sogar heute Gelehrte huldigen, die durchaus nicht zugeben wollen, dass die Seele teilhaftig werden kann des Geistigen durch Entwicklung. Sie sind gleich zu haben für ein Medium, das ihnen irgendeine Gabe geben kann aus der geistigen Welt. Damit ist nicht gesagt, dass diese Dinge nicht auf Wahrheit beruhen können, aber die Unterscheidung von Irrtum und Wahrheit ist hier ungeheuer schwierig und nur für Eingeweihte möglich.
[ 12 ] Through such clairvoyant powers, human beings gain certain intuitions about the supersensible worlds. Even today, many people still prefer to approach the supersensible world through such intuitions, or through spiritualistic phantoms, rather than through the genuine development of the soul, Everything that belongs to the realm of the subconscious, to the realm of the soul—that which is not illuminated by clear reason, by the light of insight, or by self-control—all of this, which manifests as dreamlike perception, is represented by the giant. In truth, one cannot truly know anything through this consciousness, for it is very weak compared to true knowledge. It is something that cannot be controlled. It is best personified by a person who cannot bear any weight, for through this awareness nothing can be recognized that carries any weight for a worldview. But the shadow of this subconscious plays a major role in life. It takes only one word to characterize this shadow: superstition. If countless people did not have superstition—the shadow image of the subconscious that operates in the twilight of knowledge—they would have no idea of the supersensible world. For countless people today, superstition is still the shadow of the subconscious that leads over into the supersensible. To begin with, I need only emphasize how people can say that theosophy and spiritual science are things that only those who exert great effort to raise the soul to a higher level can truly understand. This is an inconvenient reality. If the spirits wish to be there for us, they must descend to us. This brings to light everything that flourishes so abundantly in the realm of modern superstition—a superstition to which even scholars today pay homage, scholars who absolutely refuse to admit that the soul can partake of the spiritual through development. They are just as willing to accept a medium who can bestow upon them some gift from the spiritual world. This is not to say that these things cannot be based on truth, but distinguishing between error and truth is immensely difficult here and possible only for the initiated.
[ 13 ] Auf diesen Schatten des Unterbewusstseins, auf dieses Reich in der menschlichen Seele will Goethe hinweisen, aber nicht wie ein Polemiker, der Goethe niemals war. Goethe ist sich klar,.dass jede Seelenkraft auf ihrer Stufe ihre Bedeutung hat; er findet es sogar nützlich hier, den Irrlichtern durch die Schlange einen Rat geben zu lassen. Aber es spielt für das Aufmerksam-Machen, für das Hinüberlenken des menschlichen Sinnes zur übersinnlichen Welt der Aberglaube eine große Rolle. Goethe, der das Gesamtgebiet der Seelenkräfte in ihrem sinfonischen Zusammenklingen darstellen will, zeigt, wie dieser Aberglaube seine gute Grundlage in der Seele hat, in den Kräften, die nicht überall gleich mit den nüchternen, klaren Begriffen kommen, sondern sich sagen, die Dinge sind reich, wir wollen zunächst nur Geheimnisse wittern, nicht in scharfe Konturen sie einfassen. Dieses Ahnen ist etwas ungeheuer Wichtiges, das in das ganze Bewusstsein und Leben unserer Seelenentwicklung hineinspielen soll.
[ 13 ] Goethe wishes to draw attention to this shadow of the subconscious, to this realm within the human soul—but not as a polemicist, which Goethe never was. Goethe is well aware that every power of the soul has its significance at its own level; he even finds it useful here to have the will-o’-the-wisps offer advice through the snake. But superstition plays a major role in drawing attention to and directing the human senses toward the supernatural world. Goethe, who seeks to portray the entire realm of the soul’s powers in their symphonic harmony, shows how this superstition has a sound foundation in the soul—in those powers that do not always align with sober, clear concepts, but rather say to themselves: “Things are rich; let us first merely sense the mysteries, rather than confine them within sharp contours.” This intuition is something immensely important that is meant to play a part in the entire consciousness and life of our soul’s development.
[ 14 ] Das, was sich in der äußeren Natur für Goethe so klar ausdrückte, spielt für Goethe in die Entwicklung hinein auf einer höheren Stufe. Goethe sah ein gewisses Gesetz in allem Naturwirken wie ein Leitmotiv, es ist ein Gesetz des Ausgleichs, dass die Natur ein gewisses Maß für alle Dinge hat und aus der Einheit alle möglichen Wesen hervorgehen lassen kann. Goethe suchte das Gesetz in aller Natur, um alles, was einseitig sich in der Außenwelt verkörpert, in Harmonie zu sehen. Als Goethe diesen Satz aussprach, sah man in Goethe eben einen Dichter, einen Dilettanten. Aufsehen erregte der Satz erst, als Cuvier in dem Streit mit Geoffroy St. Hilaire auch auf dieses Gesetz aufmerksam machte. Goethe, der lebte in einer Auffassung der Natur, die überall Einseitigkeiten sah und das Ganze ergreifen wollte durch Harmonisieren des Einseitigen, sah auch in der Seele etwas, was er durch Harmonisieren zusammenfassen will. Es gibt unter den Menschen solche, die einseitige Seelenkräfte repräsentieren. Die falschen Propheten, die überall ihre Weisheit anbringen wollen, sind die Irrlichter; dann gibt es Schlangen und so weiter. Er wollte zeigen, dass der Mensch zu höheren Stufen gelangen kann dadurch, dass er in sich den Typus des Menschen darstellt. So muss mit der abstrakten Intelligenz der Sinn verbunden sein, der das Übersinnliche ahnt in dem Sinnlichen. Man darf nicht die nüchterne Intelligenz unterjochen lassen durch die Ahnung, aber auch nicht einseitig die abstrakten Begriffe betonen und nicht verstehen wollen, wie inhaltsvoll das ist, was in den Dingen lebt und webt. Goethe wollte zeigen, wie der Mensch sich vereinseitigen kann, wie er aber zur schönen Lilie streben muss, zur innerlichen, ausgleichenden menschlichen Seele.
[ 14 ] What was so clearly expressed in the external natural world for Goethe plays out at a higher level in his development. Goethe saw a certain law in all natural processes, like a leitmotif; it is a law of balance, whereby nature has a certain measure for all things and can bring forth all possible beings from unity. Goethe sought this law throughout all of nature in order to see everything that is embodied one-sidedly in the external world as existing in harmony. When Goethe uttered this sentence, people viewed him simply as a poet, a dilettante. The statement only caused a stir when Cuvier, in his dispute with Geoffroy St. Hilaire, also drew attention to this law. Goethe, who held a view of nature that saw one-sidedness everywhere and sought to grasp the whole by harmonizing the one-sided, also saw in the soul something he wished to synthesize through harmonization. There are people who represent one-sided soul forces. The false prophets, who seek to impose their wisdom everywhere, are the will-o’-the-wisps; then there are serpents and so on. He wanted to show that human beings can attain higher levels by embodying within themselves the archetype of humanity. Thus, abstract intelligence must be connected to the sense that intuits the supersensible within the sensible. One must not allow sober intelligence to be subjugated by intuition, but neither should one one-sidedly emphasize abstract concepts and refuse to understand how rich in content is that which lives and weaves within things. Goethe wanted to show how human beings can become one-sided, but also how they must strive toward the beautiful lily—toward the inner, balanced human soul.
[ 15 ] Nachdem die Schlange das innerliche Leuchten empfangen hat, kommt sie in den Tempel. Die Mächte, die die Menschenseele inspirieren müssen, geben die Kräfte, die der Mensch in sich haben muss, wenn er hinaufsteigen will zu höherem Dasein. Goethe zeigt, es gibt gewisse Kräfte der Seele, die muss die Seele haben, wenn sie heraufsteigt zu höheren Stufen. Wenn der Mensch aber erlangen will die höheren Stufen, ohne den rechten Durchgang zur rechten Zeit gefunden zu haben durch Inspiration, durch die Weltenmächte, dann ist diese Weltanschauung etwas, was ihn töten, ihn in der Seele verwirren, lähmen kann. Daher wird der Jüngling, der nicht reif ist, zunächst gelähmt, ja sogar durch völlige Berührung getötet. Also, was den Geist befreien will, ohne uns Herrschaft über uns. selbst zu geben, das wirkt ertötend, sagt Goethe. All unser Streben muss darauf gerichtet sein, uns reif zu machen, uns so zu gestalten, dass die Seele in der richtigen Stimmung, in der richtigen Verfassung das Höchste empfängt. So wird der Jüngling zunächst getötet. Er soll vorbereitet werden durch die Begabung mit Seelenkräften durch die Könige. Vom goldenen König haben wir schon gesehen, dass er die geistige Kraft ist, die in der Seele entzündet werden kann und die auf rechte Weise die Weisheit gibt, so sie harmonisch sich zu den andern Seelenkräften stellt. Der silberne König stellt dar die Frömmigkeit. Für Goethe hängt die Schönheit, der Kultus der Kunst eng zusammen mit Frömmigkeit. Das Schöne ist das, was einen innerlich fromm macht. Die Seelenkraft, die uns durch Gefühle hinzieht zur geistigen Welt, ist in dem zweiten König repräsentiert. Die Seelenkraft des Willens [zum Guten] ist in dem ehernen König repräsentiert.
[ 15 ] After the serpent has received the inner light, it enters the temple. The powers that must inspire the human soul bestow the strengths that a person must possess within themselves if they wish to ascend to a higher existence. Goethe shows that there are certain powers of the soul that the soul must possess if it is to ascend to higher levels. But if a person wishes to attain these higher levels without having found the proper path at the right time through inspiration, through the world forces, then this worldview is something that can kill him, confuse him in his soul, and paralyze him. Therefore, the young man who is not yet mature is first paralyzed, even killed by mere contact. Thus, whatever seeks to liberate the spirit without giving us mastery over ourselves has a deadly effect, says Goethe. All our striving must be directed toward making ourselves mature, toward shaping ourselves so that the soul, in the right mood and the right state, receives the highest. Thus, the young man is first killed. He is to be prepared by being endowed with soul forces by the kings. We have already seen that the Golden King is the spiritual force that can be kindled in the soul and that, when harmoniously aligned with the other soul forces, bestows wisdom in the right way. The Silver King represents piety. For Goethe, beauty and the cultivation of art are closely linked to piety. Beauty is that which makes one inwardly pious. The soul force that draws us through feelings toward the spiritual world is represented by the second king. The soul force of the will [toward the good] is represented by the bronze king.
[ 16 ] Aber diese Seelenkräfte müssen so in die Seele einrücken, dass wir sie sondern können, dass sie in der richtigen Weise in uns einrücken, dass wir sie beherrschen, absondern können; das Gefühlsleben vom Weisheitsleben und ebenso das Willensleben vom Gefühlsleben und Weisheitsleben. Diese Kräfte, die so gesondert auftreten, bedingen das höhere Weisheitsleben. Das niedere Leben wird repräsentiert durch den gemischten König. Jeder Mensch hat diese drei Seelenkräfte in sich, aber gemischt. Erst dann beginnt ein höheres Zeitalter in der Menschheitsentwicklung, wenn dieses chaotische Gemischtsein der Seelenkräfte aufhört, wenn sie nicht mehr chaotisch wie beim vierten König gemischt sind, sondern klar getrennt sind voneinander, das Gebiet der Seelenkraft, das mit Weisheit durchdrungen ist, und das, das von Schönheit durchdrungen ist, und das, das vom Willen zum Guten durchdrungen ist. Dann kommt der Mensch zu dem Zeitpunkt, an dem er sich sagen darf: Es ist an der Zeit. Dem muss etwas anderes vorangehen. Eine Seele, die unvorbereitet durch Weisheit, Schönheit und Kraft geführt worden ist, würde kaum etwas Besonderes sehen.
[ 16 ] But these soul forces must enter the soul in such a way that we can separate them—that they enter us in the right way, so that we can master them and set them apart; the emotional life from the life of wisdom, and likewise the life of will from the emotional life and the life of wisdom. These powers, which appear in this distinct manner, give rise to the higher life of wisdom. The lower life is represented by the mixed king. Every human being has these three soul powers within them, but they are mixed together. A higher age in human development begins only when this chaotic mixture of the soul forces ceases—when they are no longer chaotically mixed as with the fourth king, but are clearly separated from one another: the realm of the soul force permeated by wisdom, that permeated by beauty, and that permeated by the will to good. Then humanity will reach the point at which it may say to itself: The time has come. Something else must precede this. A soul that has been guided through wisdom, beauty, and strength without prior preparation would hardly perceive anything special.
[ 17 ] Eine andere Seelenkraft muss uns hinführen, die repräsentiert wird durch den Mann mit der Lampe. Die Lampe kann nur leuchten da, wo schon Licht ist. Es ist das Licht des Glaubens, das von unserem Herzen ausstrahlt, auch wenn wir noch nicht eingedrungen sind in die Dinge. Es ist das, was als Glaube den Dingen entgegengebracht wird. Es ist ein Licht, das nur da leuchten kann, wo schon ein anderes Licht ist: Die Religion kann nur da Glauben erzeugen, wo sie angepasst ist dem, was die Menschen unter einem Klima in einer bestimmten Kulturepoche und so weiter empfinden. Da muss die Schlange, die durch die bloße innerliche Seelenkraft zur Weisheit, Schönheit und Kraft dringen will, begegnen dem Glaubenslicht, das die Seele vorbereitet. So zeigt Goethe, dass die rechte Zeit herankommen muss, dass zuerst die Seele durch das Licht des Glaubens geleitet werden muss, und dass wir dann heraufkommen können zu einem unmittelbaren Ergreifen der Seelenkräfte in Gesondert-Sein und im unmittelbaren Zusammenwirken. Diesseits des Flusses also muss der Mensch sich vorbereiten. Auf der andern Seite wird gezeigt, wie der Mensch, wenn er unvorbereitet sich verbindet mit den Seelenkräften, an seiner Seele Schaden nimmt.
[ 17 ] We must be guided by another spiritual force, represented by the man with the lamp. The lamp can only shine where there is already light. It is the light of faith that radiates from our hearts, even if we have not yet penetrated the essence of things. It is that which is offered to things as faith. It is a light that can shine only where another light already exists: Religion can generate faith only where it is attuned to what people feel within a given cultural climate and era, and so on. There, the serpent—which seeks to penetrate to wisdom, beauty, and strength through the soul’s inner power alone—must encounter the light of faith that prepares the soul. Thus Goethe shows that the right time must come, that the soul must first be guided by the light of faith, and that we can then ascend to a direct grasp of the soul’s powers in their separateness and in their direct interaction. On this side of the river, then, human beings must prepare themselves. On the other side, it is shown how a person, if they connect with the powers of the soul unprepared, suffers harm to their soul.
[ 18 ] Eine merkwürdige Gestalt ist die Frau des Alten mit der Lampe, die menschlich, allzu menschlich geschildert wird, die eitel und so weiter geschildert wird, die ausersehen wird, mit den Früchten der Erde den Fährmann zu zahlen. Das ist die primitive menschliche Natur, die die Kraft hat, verbunden zu sein mit dem Licht des Glaubens. Es wird uns gezeigt: Dadurch, dass das Licht scheint von der Lampe des Alten, verwandeln sich Steine in Gold, Holz in Silber, tote Tiere in Edelsteine. Der Mops wird ja in einen Edelstein verwandelt. Da wird gezeigt, welche Macht der Glaube hat, diese ganz wunderbare Macht des Glaubens, oh, wie er imstande ist, uns alle Dinge so zu zeigen, dass sie wirklich in gewisser Weise uns ihr Göttliches zeigen, uns zeigen, was in ihnen ist. Tote Steine verwandeln sich in Gold, zeigen sich mit Weisheit begabt, der Glaube ahnt das in den Dingen schon, wie alle Dinge nicht das sind, als was sie uns durch die Sinne entgegentreten. Das wird gezeigt durch das Verwandeln durch die Lampe. Der Mensch, wenn er in seiner gesunden Natur bleibt, wenn er nicht zur Wissenschaft gelangen kann, hat er etwas in sich, was viel mehr an die Grenzscheide des Übersinnlichen führt. Der Wissenschaftler wird zum Zweifler, zum Skeptiker, und man versuche zu sehen, wie sicher steht manche ursprüngliche Natur, die repräsentiert wird durch die alte Frau, die Tatsachen dem Fluss geben kann, wie sie die Irrlichter nicht geben können. Solche Naturen haben ein ursprüngliches Gefühl, das sie verbindet mit dem Übersinnlichen, das in allem webt und lebt; und man kann an solchen Menschen sehen, wie sich zeigt bei den Reden der Wissenschaftler ein mitleidiges Lächeln, sagend, wir wissen etwas, was ihr nicht wissen könnt, das bringt uns zusammen mit dem, aus dem wir geschaffen sind. Das wird gezeigt durch den Zug, dass die Frau bezahlen kann.
[ 18 ] A curious character is the old man’s wife with the lamp, who is portrayed as human—all too human—as vain and so on, and who is chosen to pay the ferryman with the fruits of the earth. This is primitive human nature, which has the power to be united with the light of faith. We are shown that as the light shines from the old man’s lamp, stones are transformed into gold, wood into silver, and dead animals into gemstones. The pug, after all, is transformed into a gemstone. This demonstrates the power of faith—this truly wondrous power of faith—oh, how it is capable of revealing all things to us in such a way that, in a certain sense, they truly reveal their divine nature to us, showing us what lies within them. Dead stones are transformed into gold, revealing themselves to be endowed with wisdom; faith already senses this in things—that all things are not merely what they appear to us through the senses. This is demonstrated by the transformation brought about by the lamp. When a person remains in their healthy nature—even if they cannot attain science—they possess something within themselves that leads far more closely to the threshold of the supersensible. The scientist becomes a doubter, a skeptic; and one should try to see how firmly grounded some primal nature is—represented by the old woman—who can give facts their flow, in a way that the will-o’-the-wisps cannot. Such natures possess a primal feeling that connects them to the supernatural, which weaves and lives within all things; and one can see in such people how a compassionate smile appears when scientists speak, as if to say, “We know something you cannot know—this brings us together with that from which we are created.” This is demonstrated by the fact that the woman is able to pay.
[ 19 ] Der Tempel muss von unter der Erde hinaufbefördert werden in das obere Reich, er muss sich selber über dem Fluss erheben. Und eine Seele ist denkbar, die so die Stufen hinaufgegangen ist, da sie erleben, fühlen kann die Mittagsaugenblicke des Lebens; sodass erreicht wird durch eine höhere Seelenentwicklung, dass nicht nur besondere Geister über den Fluss gehen können. Das ist es, was durch die Geisteswissenschaft in der neuen Kultur erreicht wird. Und Goethe benimmt sich wie ein Prophet in der neuen Kultur, indem er hindeutet darauf, dass nicht nur die besonderen Geister finden können das übersinnliche Reich, sondern, dass es eine Seelenentwicklung gibt, die ein jeder durchmachen kann; sodass alle hinüber und herüber wandeln können, wenn das eingetreten ist, was das eigentliche Geheimnis ist.
[ 19 ] The temple must be raised from beneath the earth into the upper realm; it must rise above the river on its own. And it is conceivable that a soul has ascended the steps in this way, since it can experience and feel the midday moments of life; thus, through a higher development of the soul, it is achieved that not only special spirits can cross the river. This is what is achieved through spiritual science in the new culture. And Goethe behaves like a prophet in the new culture by pointing out that not only can exceptional spirits find the supersensible realm, but that there is a development of the soul that everyone can undergo; so that all may pass back and forth once what is the true mystery has come to pass.
‹Wieviel Geheimnisse weißt du?› — ‹Drei,› versetzte der Alte. ‹Welches ist das wichtigste› fragte der silberne König. ‹Das offenbare,› versetzte der Alte.
“How many secrets do you know?” — “Three,” replied the old man. “Which is the most important one?” asked the Silver King. “The obvious one,” replied the old man.
[ 20 ] Der Ausdruck «das offenbare Geheimnis» tritt oft bei Goethe auf, weil er, wie alle wahren Mystiker, der Meinung war, dass überall der Zusammenhang des Materiellen mit dem Geistigen offenbar ist; daher ist es für den Menschen nicht so sehr wichtig, auf allerlei Umwegen das Geistige zu suchen, sondern sich wirklich mit den Dingen zu verbinden, wie sich die Schlange mit ihnen verbindet. Das offenbare Geheimnis von allen dreien ist das, was überall zu finden ist, wozu nur eine gewisse Reife der Seele gehört. Die drei Geheimnisse sind einfach diese: die Weisheit, die Frömmigkeit und die Tugend. Dazu ist noch ein viertes nötig, das sagt die Schlange dem Alten ins Ohr; das kann der Alte nicht wissen. Aber er kann wissen, dass es nun an der Zeit ist. Was sagt nun die Schlange? Dass sie bereit ist, sich aufzuopfern, um eine Brücke über den Fluss zu sein. Da haben Sie das ganze Geheimnis des Opferns der niederen Seelenkräfte. Sie finden dieses Opfer weiter bei Goethe in den Worten:
[ 20 ] The expression “the manifest mystery” appears frequently in Goethe’s work because, like all true mystics, he believed that the connection between the material and the spiritual is evident everywhere; therefore, it is not so important for human beings to seek the spiritual through all sorts of roundabout ways, but rather to truly connect with things, just as the serpent connects with them. The “manifest mystery” of all three is that which can be found everywhere, requiring only a certain maturity of the soul. The three mysteries are simply these: wisdom, piety, and virtue. A fourth is also necessary, as the serpent whispers into the old man’s ear; this the old man cannot know. But he can know that the time has now come. What does the serpent say? That she is ready to sacrifice herself to serve as a bridge across the river. Therein lies the entire secret of the sacrifice of the lower soul forces. You will find this sacrifice further on in Goethe’s words:
Und so lang Du das nicht hast,
Dieses Stirb und Werde,
Bist Du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
And as long as you don’t have that,
this dying and becoming,
you are but a gloomy guest
on this dark earth.
[ 21 ] Erst muss der Mensch durchgehen durch all das, was ihn führte durch das Leben. Aber was er gewonnen hat, was er erlebt hat durch das niedere Seelenleben, muss er imstande sein hinzuopfern, um aufzusteigen.
[ 21 ] First, a person must go through everything that has guided him through life. But in order to ascend, he must be able to sacrifice what he has gained and what he has experienced through the lower life of the soul.
[ 22 ] In einer schöner Weise hat Jakob Böhme, den Goethe sehr wohl kannte, dieses Geheimnis ausgedrückt:
[ 22 ] Jakob Böhme, whom Goethe knew very well, expressed this mystery in a beautiful way:
Wer nicht stirbt, eh’ er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt.
Whoever does not die before he dies will perish when he dies.
[ 23 ] Wer eingeht in die übersinnliche Welt, bevor er gestorben ist für das niedere Selbst, der würde in dieser Verkörperung noch nicht fähig sein, richtig das Geistige nach dem Tode zu sehen.
[ 23 ] Anyone who enters the supersensory world before having died to the lower self would not yet be able, in this incarnation, to truly perceive the spiritual realm after death.
Wer nicht stirbt, eh’ er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt.
Whoever does not die before he dies will perish when he dies.
[ 24 ] Die Seele bewahrt sich vor dem Verderben in dem niederen Selbst, meint Goethe, wenn sie wird wie die Schlange, die sich hinopfert, das heißt, in uns ist eine Seelenkraft, die sich verbinden kann mit den Naturkräften und die hingeopfert werden muss: das, was als niedere Selbstsucht notwendig ist zur Erreichung der menschlichen Freiheit. Daher wird das, was uns geführt hat, selbst der Weg ins Jenseits. Wir gehen über das, was wir selbst geopfert haben, in die übersinnliche Welt. Die Irrlichter sind nun imstande, aufzuschließen das Tor des Tempels. Die Wissenschaft hat den Schlüssel zum Reiche des Übersinnlichen, aber sie kann nicht hineinführen in die wirklichen Geheimnisse, denn sie führt nur zur Pforte des Tempels, wie auch Mephisto nur den Schlüssel zum Reiche der Mütter hat, aber selbst nicht eindringen kann. So sehen wir, wie tatsächlich die Irrlichter ihre Rolle bis zum Ende durchführen und wie Goethe den Sinn der Seelenentwicklung festhält in jedem einzelnen Fall.
[ 24 ] The soul, says Goethe, protects itself from ruin in the lower self by becoming like the serpent that sacrifices itself—that is, there is a spiritual power within us that can unite with the forces of nature and must be sacrificed: that which, as lower selfishness, is necessary for the attainment of human freedom. Therefore, that which has guided us becomes, in itself, the path to the beyond. We pass into the supernatural world through what we ourselves have sacrificed. The will-o’-the-wisps are now able to unlock the gate of the temple. Science holds the key to the realm of the supernatural, but it cannot lead us into the true mysteries, for it leads only to the temple gate—just as Mephisto possesses only the key to the realm of the mothers but cannot enter it himself. Thus we see how the will-o’-the-wisps indeed fulfill their role to the very end, and how Goethe captures the essence of the soul’s development in each individual case.
[ 25 ] Was bleibt vom religiösen Glauben zurück? Die Tradition in unseren Kulturprozessen. Gehen Sie in die Bibliotheken, suchen Sie einmal nach, wie viel da aufgespeichert ist von dem Golde, und sehen Sie, wie die Abstraktlinge das Gold herunterlecken und aus den alten Büchern neue machen, wie einmal ein Bibliothekar sagte. Goethe zeigt, die Irrlichter können sich von dem nähren. Wie viele Gelehrte gehen strotzend von dem herum, was gerade aus diesen Quellen kommt. Der Mops stirbt daran, ihm bekommt es schlechter. Er kann aber von der Lilie wieder belebt werden, als er durch den Tod hindurchgegangen ist. Wer die Berührung mit der Lilie aushalten will, muss erst durch den niederen Tod gegangen sein. Der Jüngling ist erst reif, sich mit der schönen Lilie zu verbinden, als er das letzte Unglück erlitten hat, völlig getötet ist, völlig die Wirkung dessen gespürt hat, was eintritt, wenn man unreif sich mit dem Übersinnlichen vereiniget. Die Schlange opfert sich hin, was in die Einzelheiten des natürlichen Seins zunächst wirkt. Wenn das alles geschehen ist, kann der Jüngling zunächst geführt werden in den Tempel. Dann wird die Seele hinaufgeführt zu der Erkenntnis, dass alles vom Geiste durchwebt und durchlebt ist. Dann wird der Tempel nach oben geführt, die Seele begabt mit dem, was zum Übersinnlichen führt. Weisheit gibt ihm das, was charakterisiert wird durch:
[ 25 ] What remains of religious faith? Tradition in our cultural processes. Go to the libraries, look into how much of that gold is stored there, and see how the abstract thinkers lick the gold away and turn the old books into new ones, as a librarian once said. Goethe shows that will-o’-the-wisps can feed on it. How many scholars strut about, brimming with what comes directly from these sources. The pug dies from it; it makes him worse. But he can be revived by the lily once he has passed through death. Whoever wishes to endure contact with the lily must first have gone through the lower death. The young man is only ready to unite with the beautiful lily once he has suffered the final misfortune, has been completely killed, and has fully felt the effect of what happens when one unites with the supersensible while still immature. The serpent sacrifices itself, which initially takes effect in the details of natural existence. Once all this has taken place, the young man can first be led into the temple. Then the soul is raised to the realization that everything is interwoven with and permeated by the Spirit. Then the temple is raised upward, and the soul is endowed with that which leads to the supersensible. Wisdom gives him that which is characterized by:
Erkenne das Höchste
Recognize the Supreme
[ 26 ] und durch den Eichenkranz; das gibt der goldene König. Der silberne König spricht:
[ 26 ] and by the wreath of oak; that is given by the Golden King. The Silver King says:
Weide die Schafe,
Feed the sheep,
[ 27 ] in Erinnerung an den frommen Hirten,
[ 27 ] in memory of the devout shepherd,
Weide meine Lämmer;
Feed my lambs;
[ 28 ] es ist ein Ausdruck für die Frömmigkeit. Der eherne König gibt ihm Schwert und Schild und sagt:
[ 28 ] It is an expression of piety. The Iron King gives him a sword and a shield and says:
Das Schwert an der Linken, die Rechte frei!
The sword in the left hand, the right hand free!
[ 29 ] Stark und fest auf den Beinen stehen, wenn es sich darum handelt, Menschenbestimmung und Menschenwürde zu verteidigen, aber nicht aggressiv sein. Jetzt darf sich der Jüngling verbinden mit der Lilie. Die Seelenkräfte dürfen durchglänzt werden mit Wahrheit und Liebe, die die Seele erst findet, wenn sie sich verbindet mit dem Geist. Der Jüngling empfindet die Liebe, von der gesagt wird zuletzt: Weisheit, Schönheit, Frömmigkeit und Tugend, sie fördern die Entwicklung der Seele, die Liebe bildet die Seele, formt, harmonisiert alles. Wenn der Mensch hinaufsteigt in den Tempel, in dem Erkenntnisse erlebt werden können, so kommt er dazu, in heiliger Scheu, wie einen kleinen Tempel in dem großen Tempel das Höchste zu sehen, das Geheimnis des Menschen selber, der hinübergeht aus der geistigen Welt in die diesseitige Welt. Die Hütte des Fährmanns wird als kleine Welt in den großen Tempel versetzt; wenn die Seele aufrückt zur höheren Erkenntnis, dann erlangt sie das, was Goethe empfunden hat als spinozistische Gottesliebe, sie kommt zu den Rätseln, den Geheimnissen der Welt. Aber als das höchste der Geheimnisse, als das, was er wiederum wie ein kleines Tempelchen in dem großen erblickt, das ist das Geheimnis von dem Dasein des Menschen selber im Zusammenhang mit dem göttlichen Sein.
[ 29 ] Stand strong and firm when it comes to defending human destiny and human dignity, but do not be aggressive. Now the young man may unite with the lily. The soul’s powers may be illuminated by truth and love, which the soul finds only when it unites with the Spirit. The young man feels the love of which it is said, in the end: wisdom, beauty, piety, and virtue—these foster the soul’s development; love shapes the soul, forms it, and harmonizes everything. When a person ascends into the temple where insights can be experienced, he comes to behold, with sacred awe, the Supreme—like a small temple within the great temple—the mystery of the human being himself, who passes from the spiritual world into the world of this life. The ferryman’s hut is placed within the great temple as a small world; when the soul ascends to higher knowledge, it attains what Goethe perceived as Spinozist love of God; it arrives at the riddles, the mysteries of the world. But as the highest of mysteries—as that which he, in turn, beholds as a small temple within the great one—this is the mystery of human existence itself in connection with divine being.
[ 30 ] Der Riese kommt zuletzt noch und wird etwas wie ein Stundenzeiger, der die Zeit angibt. Unsere Erkenntnis wird geistig, streift ab beim Aufsteigen alles, was äußeres Bewusstsein ist; alle Kräfte, die mechanisch wirken, die ein Rest aus dem Unterbewusstsein sind. Alles das darf nur in einem noch bleiben, wenn wir hinaufschauen auf das, was für unser Innerliches das Äußerlichste ist. So hat das bloß Mechanische, das noch nicht in höhere Erkenntnisse heraufgehoben ist, eine Berechtigung. Goethe konnte im Auge gehabt haben, was alles für Aberglauben getrieben worden ist mit der Zahlenkunst und alles, was an Getriebe herrscht im Glauben aus alten Weltanschauungen. Aber eins bleibt zurück, eine Art Chronometer für das, was die Erkenntnis ihm gibt, zu bilden. So ist alles bis zum Letzten hin in ein plastisches Bild umgesetzt, das, was Goethe empfand als Bildungsgesetz des Menschen.
[ 30 ] The giant appears last and becomes something like an hour hand that indicates the time. Our knowledge becomes spiritual; as it ascends, it sheds everything that constitutes external consciousness—all forces that act mechanically, which are remnants of the subconscious. All of this may remain united only when we look up at what is, for our inner being, the most external. Thus, the purely mechanical—which has not yet been elevated to higher insights—has its justification. Goethe may have had in mind all the superstitions that have arisen from the art of numbers and all the mechanisms that prevail in beliefs stemming from ancient worldviews. But one thing remains: to form a kind of chronometer for what knowledge provides him. Thus, everything—down to the very last detail—is transformed into a vivid image of what Goethe perceived as the law of human education.
[ 31 ] Die hauptsächlichsten Züge konnte ich heute nur erklären, aber Sie werden finden, wenn Sie das «Märchen» in diesem Sinne lesen, wie Ihnen jede Seite, ja jeder halbe Satz, ein Beleg für deren Richtigkeit sein kann. Nur symbolisch kann man das andeuten, in symbolisch andeutenden reichen Bildern. Man muss sich bewusst sein, dass das, was in Goethes «Märchen» enthalten ist, noch unendlich mal reicher ist als das, was gesagt werden konnte, und dass alles heute Gesagte nur eine Anregung ist, in welcher Art gesucht und gefühlt werden soll über ein symbolisches Märchen. Es ist nicht möglich, mehr als eine solche Andeutung zu geben. Aber vielleicht haben Sie ein Gefühl dafür erhalten, aus welcher großen und unermesslicher Produktionskraft Goethe geschaffen hat, wie er recht hatte, wenn er sagte, dass allein schön und künstlerisch nur eine Ausgestaltung der Wahrheit sein kann. Das ist es auch, was als Überzeugung in Goethe lebte und ihn selbst von Stufe zu Stufe in rastlosem Streben führte. Das ist es aber auch, was uns so hinführte zu Goethe. Goethe ist einer der Geister, die so wirken, wie nur die allergrößten Geister wirken können. Man liest ein Werk von Goethe und glaubt, es verstanden zu haben, jedes Mal, wenn man es wieder liest später, glaubt man erst, es dann recht verstanden zu haben. Schließlich sagt man sich: Ich verstehe es auch jetzt noch nicht, ich muss warten, bis ich reifer und reifer werde. Das ist so nur bei den auserlesensten Geistern der Fall. Das macht uns sicher, dass wir in Goethe einen haben, der zu den Führern der Menschen gehört. So rechnet man Goethe wohl zu den Geistern, von denen man das, was hier charakterisiert werden soll zusammenfassend, sagen kann:
[ 31 ] Today I was able to explain only the most important features, but you will find—if you read the “Fairy Tale” in this light—that every page, indeed every half-sentence, can serve as evidence of its truth. One can only hint at this symbolically, through rich, symbolically suggestive imagery. One must be aware that what is contained in Goethe’s “fairy tale” is infinitely richer than what could be put into words, and that everything said today is merely a suggestion as to how one should seek and feel one’s way through a symbolic fairy tale. It is not possible to offer more than such a hint. But perhaps you have gained a sense of the immense and immeasurable creative power from which Goethe drew, and how right he was when he said that beauty and art can be nothing other than an expression of truth. This, too, was the conviction that lived within Goethe and led him, step by step, in his ceaseless striving. But that is also what drew us so strongly to Goethe. Goethe is one of those minds that exert an influence the way only the very greatest minds can. One reads a work by Goethe and believes one has understood it; yet every time one reads it again later, one believes only then to have truly understood it. Finally, one says to oneself: I still do not understand it even now; I must wait until I become more and more mature. This is true only of the most exceptional minds. This assures us that in Goethe we have one who belongs among the leaders of humanity. Thus, Goethe is rightly counted among those minds of whom one can say, in summary, what is to be characterized here:
Es leuchten gleich Sternen
Am Himmel des ewigen Seins
Die gottgesandten Geister.
Gelingen mög’ es allen Menschenseelen
m Reich des Erdenwerdens,
Zu schauen ihrer Flammen Licht.
They shine like stars
In the sky of eternal being
The spirits sent by God.
May all human souls
In the realm of earthly existence,
Be granted to behold the light of their flames.
