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Goethe and the Present
GA 68c

13 February 1910, Frankfurt

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Goethe and the Present, tr. SOL
  1. Goethe und die Gegenwart

32. Goethes «Faust» Exoterisch

32. Goethe’s “Faust”: Exoteric

[ 1 ] Im August 1831 siegelte Goethe den zweiten Teil seines «Faust» ein, als sein geistiges Testament an die Menschheit. Welche Bedeutung er selbst diesem Werk beimaß, geht hervor aus den Worten, die er an Eckermann richtete: Jetzt habe ich eigentlich meine Lebensaufgabe erfüllt, ob ich in denjenigen Jahren, die mir vielleicht jetzt noch bleiben, dieses oder jenes tue und arbeite, darauf kommt es jetzt nicht mehr an. Die Gedankensehnsuchten und Interessen, die er in dieses Lebenswerk hineingelegt hat, reichen zurück in früheste Jugendzeit des Dichters. Man sagt, nicht alles stehe darinnen, was ich heute darüber sagen werde, aber gewirkt, gelebt hat es in seiner Seele in seiner schaffenden Kraft. 1827 sagte er, er habe darauf gesehen, in seinem zweiten «Faust», dass das Seelenhafte in Bezug auf die äußeren Bilder, in Bezug auf das Theatralische alles so sei, dass es die äußere, sinnliche Anschauung ansprechen könne, aber für den Tieferblickenden wird der esoterische Sinn sich gar wohl ergeben. Es sind die Anlagen, Stimmungen, es ist die ganze Verfassung seiner Seele, aus der hervorgegangen ist, was Bild, Gestalt geworden ist im «Faust». Von Geburt an war Goethe auf dasjenige gestimmt, was ein Eindringen des Menschen in die geistige Welt genannt werden kann. Nicht stehen zu bleiben bei dem, was die äußeren Sinne und der an sie gebundene Verstand als Erkenntnis und Lebensweisheit geben, sondern durch den Schleier der sinnlichen Beobachtungswelt, der Verstandeswelt hindurchzudringen zu den unsichtbaren, übersinnlichen Untergründen des Daseins!

[ 1 ] In August 1831, Goethe completed the second part of his Faust, as his spiritual testament to humanity. The significance he himself attached to this work is evident from the words he addressed to Eckermann: “Now I have actually fulfilled my life’s work; whether I do this or that and work during the years that may still remain to me is no longer important.” The intellectual yearnings and interests he poured into this life’s work date back to the poet’s earliest youth. It is said that not everything I will say about it today is contained within it, but it has taken effect and lived on in his soul and in his creative power. In 1827, he said that in his second “Faust,” he had taken care to ensure that the spiritual aspect—in relation to the external images and the theatrical elements—was such that it could appeal to external, sensory perception, but that for those with a deeper insight, the esoteric meaning would become quite clear. It is the inclinations, the moods—it is the entire constitution of his soul—from which emerged what became images and forms in Faust. From birth, Goethe was attuned to what might be called humanity’s penetration into the spiritual world. Not to remain content with what the external senses and the intellect bound to them provide as knowledge and wisdom, but to penetrate through the veil of the sensory world of observation—the world of the intellect—to the invisible, supersensory depths of existence!

[ 2 ] Nicht können wir bei dem jungen Goethe jene reife Weisheit finden, die eingeflossen ist in den zweiten Teil des «Faust»; das Reifste, Inhaltsvollste und Tiefste konnte er doch nur geben am Ende seines Lebens. Denen, welche später seine Werke unverständlich finden, wie zum Beispiel die «Pandora» oder die «natürliche Tochter», erscheint der jugendliche Goethe als ein naiver Dichter, der Großes und Gewaltiges in seinen Werken, so auch im ersten Teil des «Faust», zum Ausdruck gebracht hat. Das sei etwas, was den Menschen gewaltig ergreife, in dem zweiten Teil habe er Schrullen und unverständliches Zeug hineingeheimnisst.

[ 2 ] We cannot find in the young Goethe that mature wisdom which found its way into the second part of Faust; after all, he could only produce his most mature, substantial, and profound works at the end of his life. To those who later find his works incomprehensible—such as Pandora or The Natural Daughter—the young Goethe appears as a naïve poet who expressed something grand and powerful in his works, including the first part of Faust. That is something that deeply moves people; in the second part, however, he is said to have woven in eccentricities and incomprehensible nonsense.

Da loben sie den Faust
Und was noch sunsten

In meinen Werken braust
Zu ihren Gunsten,

Das alte Mick und Mack
Das freut sich sehr;

Es meint das Lumpenpack,
Man wär’s nicht mehr!

There they praise Faust
And whatever else

Rages through my works
In their favor,

The old Mick and Mack
That makes them very happy;

They think the rabble,
That they’re no longer there!

[ 3 ] Wir wollen verfolgen, wie der «Faust» herauswächst aus Goethes Leben, wie er immer versuchte zu den geistigen Quellen der äußeren Natur vorzudringen. Schon als Knabe suchte er sich dem zu nähern, was er damals verstand als den großen Gott der Natur, als den hinter allen Erscheinungen der Natur waltenden Geist. Als siebenjähriger Knabe nahm er ein Notenpult, legte Mineralien, Gestein, Pflanzen aus dem Herbarium seines Vaters darauf, um die Reiche der Natur zusammenzuhaben. — Das drückte in der Stimmung ein Gefühl aus, die Repräsentanten dessen, was die Natur ist. Das war für den siebenjährigen Knaben Goethe der Altar, vor dem er verrichten wollte seine Opfer gegenüber dem großen Gott der Natur, und oben hinauf stellte er ein Räucherkerzchen und ein Brennglas und er wartete ab die aufgehende Morgensonne, um ihre Strahlen zu sammeln und aus dem Feuer der gesammelten Strahlen das Räucherkerzchen zu entzünden zu einem Opferfeuer gegenüber dem großen Gott der Natur.

[ 3 ] We want to trace how Faust grew out of Goethe’s life, how he always sought to penetrate to the spiritual sources of the external natural world. Even as a boy, he sought to draw near to what he then understood as the great God of Nature, as the spirit reigning behind all natural phenomena. As a seven-year-old boy, he took a music stand and placed minerals, rocks, and plants from his father’s herbarium on it to bring together the realms of nature. — This expressed, in spirit, a sense of what nature is. For the seven-year-old Goethe, this was the altar before which he wished to offer his sacrifices to the great God of Nature; and on top of it he placed a small incense stick and a magnifying glass, and he waited for the rising morning sun to gather its rays and, from the fire of the gathered rays, ignite the incense stick as a sacrificial fire to the great God of Nature.

[ 4 ] Wir sehen dann weiter, wie seine Seele allmählich heranwuchs zu jener Stimmung — nach der Übersiedlung von Frankfurt nach Weimar —, der er in dem Prosahymnus «Die Natur» begeisterten Ausdruck gegeben hat. Hier spricht er seine Verehrung gegenüber dem geistigen Walten aus, in den Worten:

[ 4 ] We will then see how his soul gradually came to embrace that state of mind—following his move from Frankfurt to Weimar—which he expressed with such enthusiasm in the prose hymn “Die Natur” (Nature). Here he expresses his reverence for the workings of the spirit in the following words:

Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen — unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen.

Nature! We are surrounded and embraced by her—unable to step out of her, and unable to go deeper into her. Uninvited and without warning, she draws us into the cycle of her dance and carries us along until we grow weary and slip from her arms.

[ 5 ] Er wusste sich so einig mit allem Vortrefflichen und allem scheinbar Missgebildeten in der Natur, dass er sagte:

[ 5 ] He felt so at one with all that was excellent and all that was seemingly misshapen in nature that he said:

Auch das Unnatürlichste ist Natur, auch die plumpeste Philisterei hat etwas von ihrem Genie.

Even the most unnatural thing is part of nature; even the crudest philistinism has a touch of genius.

[ 6 ] Und das andere:

[ 6 ] And the other thing:

sie hat den Tod erfunden,um viele Leben zu haben.

She invented death so she could have many lives.

[ 7 ] Was liegt zwischen diesen zwei Zeiten? Frankfurt und Weimar. Wie ist er hinaufgestiegen zu dem, was wir in dem gewaltigen lyrischen Ausbruch in jenem Prosahymnus finden? Von Stufe zu Stufe, manchmal in unbewusstem Drange ist er im Leben hinaufgestiegen. Im tiefsten Innern, zuerst unbewusst, empfand er einen unbezwinglichen, unbesieglichen, durch nichts zu hindernden Erkenntnisdrang, der in jedem Augenblick mit dem Ganzen seines Lebens zusammenhängt, sich gleichsam ergießt in das Ganze seines Lebens, sodass es für ihn gar keine Theorie, gar keine Ideenwelt geben kann, ohne dass seine ganze Empfindungs- und Gefühlswelt zunächst imprägniert wäre mit seinem Herzblut. In seinen Leipziger Studentenjahren studierte er, obwohl zur Jurisprudenz bestimmt, Naturwissenschaften. In der Natur sah er eine Art von Schrift, in den Naturwesen und Naturtatsachen Gleichnisse, die wie eine Schrift ausdrücken, aussprechen etwas, was als Geheimnis in der äußeren sinnlichen Natur waltet. Nicht durch Geistesblitze und Phantasien wollte er eindringen in die Geheimnisse des Daseins — ihm war eingeboren der ruhige Gang durch die Welt, der von Stufe zu Stufe, von Erscheinung zu Erscheinung geht. Nicht mit einer phantasiehaften Philosophie wollte er die Weltenerscheinungen begreifen, wenn auch das äußere Leben, die Leidenschaften oft stürmischer walten und sozusagen unsichtbar machen das eigentliche, innere, ruhige sichere Streben — so war dies eben doch immer als tiefe Grundlage in Goethes Leben vorhanden. Nun trat ein Lebensereignis ernstester Art ein, gegen Ende der Leipziger Zeit, das sein Erkenntnisstreben ungemein vertiefte: Er erkrankte auf den Tod. Wohin muss uns Erkenntnis führen, wenn sie wahrhaftige Erkenntnis sein soll? Sie muss uns dahin führen, wo wir eindringen in die Geheimnisse des Lebens, wie durch verschlossene Pforten geführt werden, an jene Pforten, welche das Leben selber abschließen. Eine Erkenntnis, die vor dem Problem des Todes zurückweichen würde, könnte das ernste Streben der menschlichen Seele nicht befriedigen. Das Vorbeischreiten des Todes, der alledem ein Ende macht, was innerhalb des menschlichen Verstandes lebt und mit den äußeren Sinnen wahrgenommen werden kann, prägte ein in sein Erkenntnisstreben jenen Ernst, den seine Seele forderte.

[ 7 ] What lies between these two periods? Frankfurt and Weimar. How did he ascend to what we find in that mighty lyrical outburst in that prose hymn? Step by step, sometimes driven by an unconscious impulse, he ascended through life. Deep within, at first unconsciously, he felt an indomitable, invincible, unstoppable thirst for knowledge—one that is connected at every moment to the entirety of his life, pouring, as it were, into the entirety of his life—so that for him there can be no theory, or a world of ideas at all, without his entire world of sensations and feelings first being imbued with the very lifeblood of his heart. During his student years in Leipzig, although destined for the study of law, he studied the natural sciences. In nature he saw a kind of scripture; in natural beings and natural facts, he saw parables that, like a scripture, express and articulate something that reigns as a mystery within external, sensory nature. He did not wish to penetrate the mysteries of existence through flashes of inspiration or flights of fancy—he was naturally inclined toward a calm journey through the world, proceeding step by step, from phenomenon to phenomenon. He did not seek to comprehend the phenomena of the world through a fanciful philosophy; even though external life and the passions often raged more fiercely and, so to speak, obscured the actual, inner, calm, and sure striving—this was nevertheless always present as a deep foundation in Goethe’s life. Now, toward the end of his time in Leipzig, a life event of the gravest kind occurred that profoundly deepened his quest for knowledge: he fell gravely ill. Where must knowledge lead us if it is to be true knowledge? It must lead us to where we penetrate the mysteries of life, as if being led through locked gates—to those very gates that life itself closes. Knowledge that would shrink from the problem of death could not satisfy the earnest striving of the human soul. The approach of death, which puts an end to everything that lives within the human mind and can be perceived by the external senses, imbued his quest for knowledge with the very seriousness that his soul demanded.

[ 8 ] In Frankfurt, wohin er nun zurückkehrte, waren es andere wichtige Erlebnisse, die ihn stark beeinflussten und über die er uns Andeutungen gibt in seiner Selbstbiographie «Dichtung und Wahrheit». Er kam mit Kreisen in Berührung, denen das ernsteste Streben eigen war, nach einer Verbindung dessen, was als Geist in uns selber lebt, mit dem großen Geiste der Welt. Im Mittelpunkt jener Kreise, die aus den Tiefen ihrer Seele zu den Tiefen der Welt zustrebten, stand Susanne von Klettenberg. Er wandte sich dem Studium ganz merkwürdiger Werke zu, zum Beispiel «Aurea Catena Homeris». Manche gescheite Leute der Gegenwart werden darin nur den blühendsten Unsinn finden. Goethe fand ihn nicht. Es waren keine Mitteilungen eines naturwissenschaftlichen Buches, die er dort fand, sondern er fand Dinge, die auf ihn so wirkten, dass er in seiner Seele Kräfte aufsteigen fühlte, von denen er annehmen musste; sie schlummern sonst im Menschen. Er kam sich vor wie ein Blindgeborener, gegenüber der physischen Welt, wenn er operiert ist und die Augen sich ihm öffnen, sodass er dasjenige, was früher auch vorhanden, aber nicht wahrnehmbar war, nun wahrnehmen kann. Er fand in jenen Büchern symbolische Gedanken. Die Drachen, Dreiecke, Zeichen der Planeten weckten in ihm eine Ahnung, dass unsere Seele werden kann wie ein Organ für geistige Welten.

[ 8 ] In Frankfurt, to which he now returned, there were other significant experiences that strongly influenced him and to which he alludes in his autobiography Poetry and Truth. He came into contact with circles characterized by the most earnest striving to unite what lives within us as spirit with the great spirit of the world. At the center of those circles, which reached from the depths of their souls to the depths of the world, stood Susanne von Klettenberg. He turned to the study of quite remarkable works, such as Aurea Catena Homeris. Many intelligent people today will find in it nothing but the most outlandish nonsense. Goethe did not. It was not the kind of information found in a scientific textbook that he discovered there, but rather things that affected him so deeply that he felt powers rising within his soul—powers he had to assume otherwise lie dormant within human beings. He felt like someone born blind, facing the physical world, who, after undergoing surgery, has his eyes opened so that he can now perceive what had previously existed but was imperceptible. He found symbolic thoughts in those books. The dragons, triangles, and symbols of the planets awakened in him a sense that our soul can become like an organ for spiritual worlds.

[ 9 ] In dieser Stimmung war er noch, als er nach Straßburg übersiedelte. Die ersten Stimmungsbilder des «Faust» gingen aus dieser Stimmung hervor. So ist es ein Teil von seiner Seele, von seinem Herzblut, wenn wir Faust gleich im Anfang sehen, wie er sich in allen Wissenschaften umgetan hat — wie Goethe in Leipzig —, dann hiervon unbefriedigt, durch eine besondere Methode der Geistesforschung in die übersinnliche Welt hineinzudringen versucht. — Nostradamus, Zeichen des Weltenmakrokosmos. Er lässt nun den Faust erleben, dass seine Seele noch zu klein ist, um in sich zu entwickeln den Sinn für die große Welt. Er sucht in sich selbst die Stimmung hervorzurufen, mit der er hineindringen kann in das, was als Geistiges lebt, hinter dem Erdendasein. Er beschwört den Erdgeist. Aus der Antwort, die dieser ihm gibt,

[ 9 ] He was still in this frame of mind when he moved to Strasbourg. The first atmospheric scenes of Faust emerged from this mood. Thus, it is a part of his soul, of his very lifeblood, when we see Faust right at the beginning, as he has immersed himself in all the sciences—just as Goethe did in Leipzig—and then, dissatisfied with this, attempts to penetrate the supernatural world through a special method of spiritual research. — Nostradamus, Signs of the World Macrocosm. He now has Faust experience that his soul is still too small to develop within himself a sense of the greater world. He seeks to evoke within himself the mood with which he can penetrate into what lives as the spiritual, beyond earthly existence. He summons the Earth Spirit. From the answer the Earth Spirit gives him,

In Lebensfluten, im Tatensturm Wall’ ich auf und ab, Webe hin und her! Geburt und Grab, Ein ewiges Meer, Ein wechselnd Weben, Ein glühend Leben, So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

Amid the floods of life, in the storm of deeds I surge back and forth, I weave to and fro! Birth and grave, An eternal sea, A shifting weave, A blazing life, Thus I create at the whirring loom of time And weave a living garment for the Deity.

[ 10 ] geht hervor, dass der Erdgeist zwar eine schaffende, produktive Kraft ist, dass das Leben in den Elementen des Erdendaseins zum Ausdruck kommt, aber eines fehlt, es stehen darin keine Leidenschaften und Begierden — nur Geburt und Tod. Er, der Erdgeist, erscheint als eine Wesenheit, welche die höheren, begierdefreien, geläuterten Kräfte der Menschennatur zum Ausdruck bringt in seinem Charakter. Es ist ein wichtiges Gesetz der Geisteswelt, dass die Erkenntnis nicht unabhängig ist vom moralischen Streben. Erkenntnis im höheren Stile ist nur zu erlangen, wenn unsere Seele abstreift das, was zusammenhängt mit Begierden, Affekten, Neigungen, Leidenschaften. Die Leidenschaften schlummern in den Tiefen der Seele, durchtönen die Gedanken- und Erkenntniswelt. Goethe wusste, dass die Reinheit des Erdgeistes ein Ideal sei, aber er wusste auch, wie schwierig, es zu erfüllen. Als der Erdgeist dann Faust zuruft:

[ 10 ] It becomes clear that while the Earth Spirit is indeed a creative, productive force, and while life finds expression in the elements of earthly existence, one thing is missing: there are no passions or desires—only birth and death. The Earth Spirit appears as a being whose character expresses the higher, desire-free, purified forces of human nature. It is an important law of the spiritual world that knowledge is not independent of moral striving. Knowledge of a higher order can only be attained when our soul sheds what is connected with desires, emotions, inclinations, and passions. Passions slumber in the depths of the soul, permeating the world of thought and knowledge. Goethe knew that the purity of the Earth Spirit was an ideal, but he also knew how difficult it was to fulfill. When the Earth Spirit then calls out to Faust:

Du gleichst dem Geist, den Du begreifst, nicht mir,

You resemble the spirit you understand, not me,

[ 11 ] so klingt das wie das Echo seines eigenen Innern, das sich bewusst ist, wie weit weg von dem entfernt es ist, was der eigentliche Geist der Erkenntnis ist.

[ 11 ] It sounds like the echo of his own inner self, which is aware of how far removed it is from what the true spirit of knowledge actually is.

[ 12 ] Der Leib hindert auch seine Materialität, dass die reinen Kräfte zum Vorschein kommen, die dem Geiste sich nähern können. Faust fühlt: Ich bin niedergehalten durch das, was ich nicht sehe in meiner äußeren Leiblichkeit, nicht durch die materiellen Kräfte, sondern durch das, was übersinnlich in der Leiblichkeit ist. Die Verkörperung dieses Übersinnlichen in der Leiblichkeit ist Mephistopheles; das ist der Geist, den er vorläufig begreift. Da erwachsen ihm alle die Szenen, in denen er darstellt, wie dieser Genosse und Geselle den Faust durch das ganze Leben der Sinnlichkeit hindurchzuführen, immer wieder aus den Regionen des Geisteslebens ihn herunterzuziehen versucht in dasjenige, was der Mensch als Geist und Seele nur erleben kann innerhalb der Leiblichkeit. Stufe für Stufe sucht Faust den Mephistopheles zu überwinden. Durch Entwicklung der eigenen Seele will er um jeden Preis eindringen in die geistige Welt. Aber nicht durch künstliche, tumultuarische Mittel — Spiritisten —, sondern ernsthaft lässt [Goethe] Stück für Stück die Welt auf sich wirken, bis er in allen Einzelheiten der Natur etwas sieht, wie Schriftzeichen, die ausdrücken das geheimnisvolle Leben der Natur. Nach alldem, was er an Mineralien und Pflanzen gesehen hatte, möchte er eine Reise nach Indien machen, um das Entdeckte nach seiner Art anzuschauen, um mit den Kräften des Geistes, die ihm nun eigen geworden waren, es noch einmal zu lesen. Erscheinung für Erscheinung, Tatsache für Tatsache will er wirken lassen auf die Seele, damit durch die für die Seele entwickelten Geistesaugen und Geistesohren herausspringen aus den Tatsachen die geistigen Naturgründe des Daseins.

[ 12 ] The body also prevents, through its materiality, the emergence of the pure forces that can draw near to the spirit. Faust feels: I am held back by what I do not see in my outward physicality—not by material forces, but by what is supersensory within that physicality. The embodiment of this supersensible element within physicality is Mephistopheles; this is the spirit that Faust comprehends for the time being. From this arise all the scenes in which he depicts how this companion and fellow attempts to guide Faust through the entire life of sensuality, repeatedly trying to pull him down from the realms of spiritual life into that which a human being, as spirit and soul, can experience only within physicality. Step by step, Faust seeks to overcome Mephistopheles. Through the development of his own soul, he wants to penetrate the spiritual world at any cost. But not through artificial, tumultuous means—such as spiritualism—rather, [Goethe] earnestly allows the world to work upon him bit by bit, until he sees in every detail of nature something like written characters that express the mysterious life of nature. After all he had seen in minerals and plants, he wishes to make a journey to India to view what he had discovered in its own context, to “read” it once more with the powers of the spirit that had now become his own. Phenomenon by phenomenon, fact by fact, he wants to allow them to take effect on the soul, so that through the spiritual eyes and ears developed for the soul, the spiritual natural principles of existence may emerge from the facts.

[ 13 ] In Italien sieht er alles daraufhin an, ob es ein Schriftzeichen sein kann in dem großen Kosmos. Als er die Kunstwerke gesehen, schreibt er, der vorher ein Anhänger der Theorie des Spinoza war:

[ 13 ] In Italy, he examines everything to see if it can be a character in the vast cosmos. After seeing the works of art, he writes—he who had previously been a follower of Spinoza’s theory:

Da ist Notwendigkeit, da ist Gott!

Where there is necessity, there is God!

[ 14 ] weil er empfand, dass hinter der Kunst waltend Geistigkeit ist, dass das einzelne Kunstwerk ein Buchstabe ist und dass Buchstabe an Buchstabe, Kunstwerk zu Kunstwerk zusammen sich fügt, uns lesen zu lehren, was als Geist hinter der schaffenden Menschheit in Bezug auf die Kunst steht. Natur, Pflanzen, Tiere, alles auch in der mineralischen Welt gehört nicht zum toten Materiellen, sondern zum Schriftzeichen für den dahinter waltenden Geist.

[ 14 ] because he felt that spirituality reigns behind art, that the individual work of art is a letter, and that letter by letter, work of art by work of art, they come together to teach us to read what spirit lies behind humanity’s creative activity in relation to art. Nature, plants, animals—and everything in the mineral world as well—do not belong to the dead material realm, but are symbols of the spirit that reigns behind them.

[ 15 ] Wenn Faust den Erdgeist nun anredet:

[ 15 ] When Faust now addresses the Earth Spirit:

Erhabener Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet

Sublime Spirit, you gave me, gave me everything,
That I asked for. You did not in vain
Turn your face toward me in the fire

[ 16 ] etc., so ist es, als ob er sagen wollte: Ich stehe nun anders gegenüber dem erhabenen Geiste, der dazumal wie eine Ahnung mich berührte, die mich unglücklich machte, weil ich sie nicht verwirklichen konnte. Ich fange an, dich zu begreifen! Der Unterschied zwischen dem prometheischen Drang des jungen und der überschauenden Weisheit des alten Goethe drückt sich aus darin, dass er den Faust bei der Übersetzung des ersten Kapitels des Johannesevangeliums nicht übersetzen lassen will: «Im Anfang war das Wort», dagegen in Pandora-1807 schreibt:

[ 16 ] etc., it is as if he were saying: I now view the sublime spirit differently—the spirit that once touched me like a premonition, which made me unhappy because I could not bring it to fruition. I am beginning to understand you! The difference between the Promethean drive of the young Goethe and the encompassing wisdom of the older Goethe is expressed in the fact that he does not want Faust to translate the words “In the beginning was the Word” in the translation of the first chapter of the Gospel of John; in contrast, in Pandora (1807) he writes:

Gleich vom Himmel
Senket Wort und Tat sich segnend nieder,
Gabe senkt sich, ungeahndet vormals.

Straight from heaven
Words and deeds descend as a blessing,
A gift descends, previously unimagined.

[ 17 ] Der Mensch ist mehr, als was er in sich verschließt, er ist etwas, worum große kosmische Kräfte kämpfen, Kräfte des Guten und Bösen — Prolog im Himmel. In der menschlichen Seele haben sie den Schauplatz ihres Kampfes. Die Seelenwelt ist eine Welt von geistigen Farben und Tönen: Tönend wird für Geistesohren schon der neue Tag geboren, es trompetet, es posaunet, Unerhörtes hört sich nicht.

[ 17 ] Man is more than what he conceals within himself; he is something over which great cosmic forces struggle—forces of good and evil—Prologue in Heaven. The human soul is the arena of their struggle. The world of the soul is a world of spiritual colors and sounds: To spiritual ears, the new day is already being born with sound; it trumpets, it blares—the unheard is not heard.