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Goethe and the Present
GA 68c

6 December 1909, Munich

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Goethe and the Present, tr. SOL
  1. Goethe und die Gegenwart

31. Die Mission der Wahrheit

31. The Mission of Truth

Sehr verehrte Anwesende!

Ladies and gentlemen!

[ 1 ] Wenn heute gesprochen werden soll über Wert und Bedeutung der Wahrheit für die Entwicklung der menschlichen Seele, dann drängt sich wohl manchem die alte Frage auf: Was ist überhaupt Wahrheit? Kann man in irgendeiner Weise im Allgemeinen davon sprechen, was Wahrheit eigentlich ist? Und wenn man diese Frage nicht beantworten kann, wie soll man dann über Wert und Bedeutung der Wahrheit für die menschliche Seele irgendetwas ausmachen können? Dennoch ist es keineswegs so, dass man nicht unterscheiden könnte zwischen dem sich Nähern der Wahrheit und dem sich Entfernen von der Wahrheit. Wirklich gilt im Ernst das, was Lessing ausdrücken wollte in seinem berühmten Ausspruch über die Wahrheit: Wenn Gott mir reichen würde seine Rechte und seine Linke und in seiner Rechten hielte die reine, volle Wahrheit; in seiner Linken aber das ewige Streben nach Wahrheit, dann würde ich sagen: Vater, gib mir das, was du in deiner Linken hast, das ewige Streben nach Wahrheit; denn die reine, volle Wahrheit ist ja doch nur für dich allein.

[ 1 ] If we are to speak today about the value and significance of truth for the development of the human soul, then the old question likely comes to mind for many: What is truth, anyway? Is it possible, in any general sense, to speak about what truth actually is? And if one cannot answer this question, how can one possibly determine anything about the value and significance of truth for the human soul? Nevertheless, it is by no means the case that one cannot distinguish between drawing closer to the truth and moving away from it. What Lessing sought to express in his famous saying about truth is truly and earnestly valid: If God were to hold out his right and left hands to me, and in his right hand held the pure, full truth, but in his left hand the eternal pursuit of truth, then I would say: Father, give me what you have in your left hand—the eternal pursuit of truth—for the pure, full truth is, after all, meant only for you alone.

[ 2 ] Richtig ist es, dass der Mensch nur ein ewiges Streben haben kann nach der reinen, vollen Wahrheit; aber irrtümlich wäre es, wenn man deshalb wiederum in das Missverständnis verfallen würde, dass man zwischen dem, was mehr, und dem, was weniger dem Wahrheitsideal entspricht, gar nicht unterscheiden könne.

[ 2 ] It is true that human beings can only have an eternal striving for the pure, complete truth; but it would be a mistake to fall back into the misconception that one cannot distinguish at all between what corresponds more closely to the ideal of truth and what corresponds less closely to it.

[ 3 ] Nicht so sehr durch theoretische Erörterungen als durch ein Beispiel möge vor unsere Seele treten, wie denn doch ein fühlbarer Unterschied sozusagen ist zwischen dem, was man als Wahrheit bezeichnen kann, und demjenigen, wo man sprechen kann: Das hat den Menschen entfernt von der Wahrheit. Es gilt durchaus nicht im Allgemeinen, dass ein Jeglicher seinen eigenen Wahrheitsstandpunkt haben könne, dass man nicht unterscheiden könne, ob dasjenige, was irgendjemand behauptet von seinem Standpunkte aus, der Wahrheit näher komme oder sich von der Wahrheit entferne. Da dürfen wir einmal an den Ausspruch eines jüngst verstorbenen amerikanischen Vielmillionärs, erinnern, der sich unter anderem auch neben seiner Tätigkeit, die ja in Bezug auf seine Millionen gewiss einträglicher war, damit beschäftigte, über gewisse Dinge durch Gedanken zur Wahrheit zu kommen. Er hat über den Wert des Menschen in seinen Aphorismen einen merkwürdigen Ausspruch getan: Kein Mensch auf der Welt ist unersetzlich; ja, man könne gar nicht einmal von einem besonderen Wert des einzelnen Menschen sprechen. Wenn ich — so sagte er — jetzt meine Arbeit niederlege, so werden sich zahlreiche andere finden, die sie da aufnehmen, wo ich sie niedergelegt habe. Wenn ich mich zurückziehe von demjenigen, was ich bisher getan habe, so werde ich leicht ersetzt werden können, und wenn ich sterbe — so ungefähr sagte er —, dann werden die Eisenbahnen geradeso fahren wie vorher, dann werden die Dividenden geradeso verdient werden wie bisher. Kurz, es wird sich nichts Besonderes in der Welt durch den Abgang eines Menschen geändert haben. Und da setzt er hinzu — und das ist wichtig —: So ist es bei jedem Menschen.

[ 3 ] Let an example—rather than theoretical discussions—come to mind, for there is, so to speak, a tangible difference between what can be called truth and that which leads one to say: “This has led people away from the truth.” It is by no means generally true that everyone can have their own perspective on truth, or that one cannot distinguish whether what anyone asserts from their own perspective comes closer to the truth or moves further away from it. Let us recall the statement of a recently deceased American multimillionaire who, among other things and in addition to his business activities—which were certainly more lucrative in terms of his millions—devoted himself to arriving at the truth through reflection on certain matters. In his aphorisms, he made a remarkable statement about the value of human beings: No human being in the world is irreplaceable; indeed, one cannot even speak of any particular value of the individual human being. If I—he said—were to lay down my work now, there would be numerous others who would pick it up right where I left off. If I were to withdraw from what I have been doing up to now, I could easily be replaced, and if I were to die—or so he put it—then the trains would run just as they did before, and dividends would be earned just as they have been. In short, nothing significant in the world will have changed as a result of one person’s passing. And then he adds—and this is important—: “This is true of every human being.”

[ 4 ] Vergleichen wir diese sogenannte Wahrheit, die der Vielmillionär herausgebracht hat von seinem Standpunkte aus, über den Wert und die Bedeutung des Menschen in der Welt, mit einem ähnlichen Ziele verfolgenden Ausspruch des geistvollen deutschen Kunsthistorikers Herman Grimm, den dieser damals getan hat. Als Treitschke gestorben war, da sagte Grimm [über dessen Werk und Bedeutung] ungefähr: Wenn ein solcher Mann dahingestorben ist, wie Treitschke einer war, dann fühlt man erst, was er all denen, die mit ihm zu tun gehabt haben, eigentlich war, dann fühlt man eine Lücke, in die niemand hineintreten kann. Treitschke gehörte zu denjenigen Menschen — so etwa sagt Grimm —, die, wenn sie ihre Arbeit niederlegen, in Bezug auf diese Arbeit keinen Fortsetzer finden können. Er bringt einem so recht zum Bewusstsein, dass der Einzelne unersetzlich ist in seinem Wert und seiner Bedeutung.

[ 4 ] Let us compare this so-called truth—which the multimillionaire has put forward from his own perspective regarding the value and significance of human beings in the world—with a statement made at the time by the brilliant German art historian Herman Grimm, who was pursuing a similar goal. When Treitschke died, Grimm said [about his work and significance], roughly: “When a man like Treitschke has passed away, only then does one truly feel what he actually meant to all those who had dealings with him; only then does one feel a void that no one can fill.” Treitschke belonged to those people—as Grimm puts it—who, when they lay down their work, cannot find anyone to carry on that work. He really brings home to one the fact that the individual is irreplaceable in his value and significance.

[ 5 ] Nicht wahr, die unterscheiden sich, diese beiden Aussprüche über den Wert und die Bedeutung eines Menschen: der eine von dem amerikanischen Millionär, der andere von dem geistvollen deutschen Kunsthistoriker Herman Grimm. Ich möchte ausdrücklich noch bemerken: Grimm setzte nicht hinzu, was der amerikanische Millionär hinzugesetzt hat: So ist es bei jedem Menschen! Zwei Standpunkte sind das, könnte man sagen, wenn man leichthin urteilen wollte, dahingehend, dass die Wahrheit für jeden Menschen eine besondere Gestalt annehmen kann. Zwei Standpunkte, könnte man sagen, über den Wert und die Bedeutung des Menschen.

[ 5 ] Don’t you think these two statements about the value and significance of a human being are quite different: one from the American millionaire, the other from the brilliant German art historian Herman Grimm? I’d like to explicitly note: Grimm did not add what the American millionaire added: “That’s how it is with every human being!” One might say—if one were to judge lightly—that these are two points of view, in the sense that the truth can take on a particular form for each person. Two points of view, one might say, on the value and significance of human beings.

[ 6 ] Nun, welcher ist der wahrere? Prüft man ein wenig die beiden Aussprüche, dann wird man einen gewaltigen Unterschied zwischen beiden merken. Man muss sie nur prüfen nach gewissen Eigenschaften, nach denen gewöhnlich heute nicht geprüft wird. Wie nimmt der Millionär seinen Standpunkt? Lediglich nach seiner eigenen Persönlichkeit. Er prüft nach, was geschehen würde mit derjenigen Arbeit, die er bis zu einem gewissen Zeitpunkt getan hat; er urteilt ganz von sich aus und gewinnt es, über sich zu sagen, weil er findet, dass die Arbeit, die er aus der Hand gibt, jeden Augenblick von einem anderen aufgenommen werden kann, deshalb müsse es so bei jedem Menschen sein. Ein ganz persönlicher Standpunkt tritt uns da entgegen, der nur auf sich sieht, um über die Frage nach dem Werte und der Bedeutung des Menschen zur Wahrheit zu kommen. Und Herman Grimm, er urteilt gar nichts über sich in diesem Falle, sondern über eine andere Persönlichkeit. Er urteilt so, dass er ganz von-sich selber absieht und sozusagen überwältigt ist von etwas, was außer ihm als ein Wesen sich befindet. Und dadurch kommt er gerade dazu, den Fall so zu beurteilen, dass er gar nicht von diesem Einzelfalle aus ein allgemeines Urteil fällt, sondern einfach den Fall hinnimmt, wie er ist. Wir brauchen nur die Verschiedenheit des Standpunktes beider in Betracht zu ziehen, und wir werden sehen, worin das Charakteristische in dem einen und in dem anderen Falle liegt. Im einen Falle wird ganz subjektiv, ganz persönlich, ganz aus der eigenen Ichheit heraus über den Wert und die Bedeutung des Menschen geurteilt; im anderen Falle spielt die Ichheit gar nicht mit. Und wer sollte nicht fühlen, wenn er wirklich eingeht auf beide Aussprüche, dass der eine der Urteiler, der unpersönlich urteilt, der von sich absieht, sich gleichsam überwältigen lässt durch das Objektive, dass der über den Wert und die Bedeutung eines Menschen mehr zu sagen hat als derjenige, der ganz subjektiv, ganz persönlich urteilt! Das muss einem jeden sein natürliches Gefühl geben. Solch ein Vergleich zeigt, dass wir niemals sagen dürfen: Standpunkt ist eben Standpunkt; sondern dass es ein Sich-Nähern der Wahrheit gibt, ein wirkliches Erreichen in gewisser Beziehung auf dem Wege hin zur Wahrheit, wenn wir versuchen, die Wahrheit so zu ergründen, dass wir unpersönlich zu Werke gehen. Oder fühlt man nicht etwa, dass in einer gewissen Beziehung von jedem Menschen im Sinne Herman Grimms gesagt werden muss, er ist unersetzlich? Nicht bloß große Menschen sind unersetzlich. Kann der Standpunkt des amerikanischen Millionärs gelten, wenn man denkt, wie unersetzlich für manches Kind zum Beispiel die Mutter ist? Darf man sagen, dass in diese Lücke etwas eintreten könne, was sie ersetzt? Oh, man wird es schon fühlen, sobald man den Standpunkt einnimmt, dass es ein Näherkommen der Wahrheit gibt, wenn es auch nur ein ewiges Streben nach der reinen, vollen Wahrheit geben kann.

[ 6 ] Well, which one is more true? If you examine these two statements a little, you’ll notice a huge difference between them. You just have to examine them based on certain characteristics that aren’t usually considered today. How does the millionaire take his stand? Solely on the basis of his own personality. He considers what would happen to the work he has done up to a certain point; he judges entirely on his own terms and claims the right to speak for himself, because he believes that the work he hands over can be taken up by someone else at any moment—and therefore it must be the same for every person. We are confronted here with a thoroughly personal perspective that looks only to itself in order to arrive at the truth regarding the question of human value and significance. And Herman Grimm—in this instance, he does not pass judgment on himself at all, but rather on another individual. He judges in such a way that he completely sets himself aside and is, so to speak, overwhelmed by something that exists as a being outside of himself. And through this, he comes to assess the situation in such a way that he does not derive a general judgment from this specific case at all, but simply accepts the situation as it is. We need only consider the difference in the two men’s points of view, and we will see what is characteristic of each case. In one case, the value and significance of the human being are judged entirely subjectively, entirely personally, entirely from one’s own sense of self; in the other case, the sense of self plays no part at all. And who, upon truly reflecting on both statements, would not feel that the judge who judges impersonally—who sets aside his own self and, as it were, allows himself to be overwhelmed by the objective—has more to say about the value and significance of a human being than the one who judges entirely subjectively and personally! This must be the natural feeling of everyone. Such a comparison shows that we must never say, “A point of view is just a point of view”; rather, there is an approaching of the truth, a genuine attainment in a certain respect on the path toward truth, when we try to fathom the truth by proceeding impersonally. Or do we not sense that, in a certain sense, it must be said of every human being—in the spirit of Herman Grimm—that they are irreplaceable? It is not only great people who are irreplaceable. Can the American millionaire’s point of view hold true when one considers how irreplaceable a mother is for many a child, for example? Can one say that something could step into this gap to replace her? Oh, one will surely sense it as soon as one adopts the viewpoint that there is a drawing nearer to the truth, even if there can only be an eternal striving toward the pure, full truth.

[ 7 ] So kommt es gerade bei denjenigen Dingen, die für die menschliche Seele einen solchen Wert haben, darauf an, dass man zuweilen recht intim und tiefgehend prüft. Und mit dem, was wir dabei erlangt haben an dem einfachen Beispiel von dem persönlichen und dem unpersönlichen Urteil, haben wir schon sehr viel gerade zur Charakteristik der Wahrheit erlangt.

[ 7 ] Thus, especially when it comes to those things that are of such great value to the human soul, it is important to examine them from time to time in a truly intimate and profound way. And with what we have gained from the simple example of personal and impersonal judgment, we have already gained a great deal regarding the very nature of truth.

[ 8 ] Wir sind in dem Vortrag über die Mission des Zornes davon ausgegangen, dass dasjenige, was des Menschen eigentliches Seelenwesen ist, dasjenige, was wir im Gegensatz zur menschlichen Leiblichkeit seine Seelenhaftigkeit nennen können, aus drei Gliedern besteht der Empfindungsseele, die sozusagen zunächst das unterste der menschlichen Seelenglieder ist, aus der Verstandes- oder Gemütsseele, die das zweite Glied der menschlichen Wesenheit im Innern ausmacht, und aus der Bewusstseinsseele, die das dritte Glied ist. Und wir haben schon charakterisiert, dass diese Empfindungsseele dasjenige Glied im Menschen ist, innerhalb dessen wir finden Begierde, Triebe, Leidenschaften und so weiter. Wir haben ja selber ein Stück dieser Empfindungsseele durchmessen, indem wir hingewiesen haben auf das Element des Zornes und seine Wirksamkeit in der Empfindungsseele, und haben gesehen, wie in dieser Empfindungsseele das Ich in einer dumpfen Weise vorhanden ist, wie es da noch überwältigt wird von den Leidenschaften, Trieben, Instinkten und so weiter

[ 8 ] In the lecture on the mission of wrath, we assumed that what constitutes the actual soul-being of the human being—that which we might call the soul-nature, in contrast to human physicality—consists of three parts: the feeling soul, which is, so to speak, the lowest of the human soul’s parts; the intellectual or emotional soul, which constitutes the second component of the human being’s inner being, and the conscious soul, which is the third component. And we have already characterized the sensitive soul as the component within the human being in which we find desires, drives, passions, and so on. We ourselves have already explored a part of this soul of sensation by pointing out the element of anger and its effect within the soul of sensation, and we have seen how the “I” is present in this soul of sensation in a dulled manner, how it is still overwhelmed there by passions, drives, instincts, and so on

[ 9 ] Steigen wir herauf in dasjenige, was ein höheres Glied der menschlichen Seele ist, in die Verstandes- oder Gemütsseele, dann wird das Ich schon klarer in sich selber und lichtvoller, da wird das Ich schon eine sich selber haltende und fassende Kraft im Menschen. Wodurch eigentlich ringt sich die Verstandes- oder Gemütsseele aus der Empfindungsseele heraus? Der Mensch steht gegenüber der Außenwelt. Diese Außenwelt macht ihre Eindrücke auf den Menschen; sie gibt ihm in der Wahrnehmung die reiche Welt von Farbe und Licht, von Tönen, von Wärme und Kälte, kurz von allem, was wir durch unsere Sinne wahrnehmen. Wenn wir unsere Seele durch ihre Organe mit der Außenwelt in ein Verhältnis bringen, dann steigt auf in unserer Empfindungsseele gegenüber dem, was wir in der farbigen Welt, in der tondurchströmten Welt, in der Welt des Geschmackes und Geruches draußen wahrnehmen, Lust, und Freude, Leid und Schmerz und so weiter über die Wahrnehmungen. Alles das, was da in unserer Empfindungsseele an Begierden, Trieben sich anknüpft an die äußere Wahrnehmung, das macht sozusagen das unterste der Seelenglieder aus, und in diesem lebt dumpf, seiner selbst noch unbewusst, das menschliche Ich, dieser Mittelpunkt des menschlichen Wesens. In diesem untersten Glied der Seele leben aber auch die Affekte, die Leidenschaften, die Triebe und Begierden. Der Mensch lässt sich leicht hinreißen von ihnen; sein Ich ist da noch nicht Herr über Zorn, Ärger, Verdruss; es lässt sich hinreißen von Lust und Leid, von Trieben und Begierden, geht in diesen unter, ist nicht der Dirigent, der Akteur gegenüber diesen Trieben und Begierden. Da unten also lebt in dem wogenden Meere der Erscheinungen der Empfindungsseele dumpf brütend — können wir sagen — das Ich; aber es kann sich nicht herausheben aus diesem, wogenden Meere der Empfindungsseele dasjenige, was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen, wenn nicht der Mensch sich so in sich selbst vertieft, dass er im Innenleben anknüpft an dasjenige, was er in der Außenwelt erfahren hat. Von dieser Außenwelt empfangen wir die unmittelbaren Eindrücke. Die tragen wir hinweg aus unserem Verkehr mit der Außenwelt. Dann sind wir mit uns selber. Da wägen wir die eine Freude an der andern ab, da brüten wir über unseren Schmerz, wir versuchen, über ihn wegzukommen oder uns erst recht in ihn hineinzuwühlen. Da bauen wir das aus in uns, was wir empfangen haben an Eindrücken von außen. Was so die Seele aufbaut im Innern, das könnte sie nicht durcharbeiten, wenn nicht das Ich mit dem, was empfangen worden ist, etwas machte, wenn nicht das Ich in dieser Seele arbeitete. Anregungen von außen können kommen ohne das Ich; der Mensch braucht sich nur der Außenwelt gegenüberzustellen, die Welt wirkt auf ihn ein. Wie aus einem Spiegel entstehen in der Empfindungsseele an der Außenwelt Lust und Leid, Begierden und Triebe und so weiter; aber erst, wenn wir uns von dieser Außenwelt abwenden und in uns sammeln, wenn wir unsere Triebe und Begierden verarbeiten, wenn wir in unseren Vorstellungen ein Ganzes bilden, dann sagen wir: Wir arbeiten uns durch das Ich aus der Empfindungsseele in die Verstandesseele, dann verinnerlichen wir uns innerhalb unseres Selbst, dann verarbeiten wir dasjenige, was wir von außen empfangen haben. Und dieses im Innern Erarbeitete, das ist der Inhalt der Verstandes-, der Gemütsseele. Und erst dann, wenn wir imstande sind, das, was wir aufgebaut haben, wieder in Beziehung zu bringen zur Außenwelt, wenn wir uns durch unser Innenleben ein Reich von inneren Erlebnissen gebildet haben, wenn wir eine Summe von Lust und Freude in unserer Seele ausgebildet haben, die wir «schön» nennen zum Beispiel, und das alles wiederum anwenden auf die Außenwelt; wenn wir durch die Begriffe, die wir uns gemacht haben, dazu kommen, etwas in der Außenwelt als gut, schön, wahr zu erkennen, dann sagen wir, wir erlangen ein Erkennen von der Außenwelt. Da arbeiten wir uns wiederum heraus zum Ergreifen der Außenwelt, herauf zum wissenden, erkennenden Menschen: Da bilden wir die Bewusstseinsseele aus. Die ist zunächst das höchste Glied der menschlichen Seele. So führt uns die Empfindungsseele von außen in uns hinein, so leben wir in uns durch die Verstandes- oder Gemütsseele, so finden wir den Weg wiederum, die Welt erkennend und wissend zu erfassen durch unsere Bewusstseinsseele.

[ 9 ] When we ascend to that which is a higher level of the human soul—the intellectual or emotional soul—the “I” becomes clearer within itself and more radiant; there, the “I” already becomes a self-sustaining and self-contained force within the human being. By what means, actually, does the intellectual or emotional soul emerge from the sensory soul? The human being stands facing the external world. This external world makes its impressions on the human being; through perception, it gives the human being the rich world of color and light, of sounds, of warmth and cold—in short, of everything we perceive through our senses. When we bring our soul into relation with the external world through its organs, then—in response to what we perceive out there in the world of color, in the world permeated by sound, in the world of taste and smell—desire, joy, sorrow, and pain, and so on, arise in our sensory soul in connection with these perceptions. All that which, in our sensory soul, consists of desires and impulses linked to external perception constitutes, so to speak, the lowest of the soul’s members; and within this lives, dimly and still unconscious of itself, the human “I,” this center of the human being. But within this lowest member of the soul also dwell the emotions, the passions, the impulses, and the desires. Human beings are easily carried away by them; their “I” is not yet master over anger, annoyance, or vexation; it allows itself to be carried away by pleasure and pain, by drives and desires, becomes lost in them, and is not the conductor or the active agent in relation to these drives and desires. So down there, in the surging sea of the sensations of the sensory soul, the “I” dwells, brooding dully—as we might say; but that which we call the intellectual or emotional soul cannot rise out of this surging sea of the sensory soul unless the human being delves so deeply into himself that he connects his inner life to what he has experienced in the outer world. From this outer world we receive direct impressions. We carry these impressions with us from our interaction with the external world. Then we are alone with ourselves. There we weigh one joy against another; there we brood over our pain, trying either to move beyond it or to delve even deeper into it. There we develop within ourselves what we have received in the form of impressions from the outside. What the soul builds up within in this way, it could not work through unless the “I” did something with what has been received, unless the “I” were at work within this soul. External stimuli can arise without the “I”; a person need only face the external world, and the world acts upon him. As if from a mirror, pleasure and pain, desires and impulses, and so on, arise in the sensory soul in response to the external world; but only when we turn away from this external world and gather ourselves inwardly, when we process our impulses and desires, when we form a whole within our concepts, do we say: We work our way through the “I” from the sensory soul into the intellectual soul; then we internalize within ourselves, and then we process what we have received from the outside. And what we have worked out within ourselves—that is the content of the intellectual soul, the emotional soul. And only then, when we are able to reconnect what we have built up with the external world—when we have formed a realm of inner experiences through our inner life, when we have cultivated a sum of pleasure and joy in our soul that we call “beauty,” for example—and apply all of this once again to the external world; when, through the concepts we have formed, we come to recognize something in the external world as good, beautiful, or true—then we say that we attain knowledge of the external world. There we work our way outward again toward grasping the external world, upward toward the knowing, cognizing human being: there we develop the conscious soul. This is, for the time being, the highest member of the human soul. Thus the sensory soul leads us from the outside into our inner being; thus we live within ourselves through the intellectual or emotional soul; and thus we find the way once more to grasp the world with knowledge and understanding through our conscious soul.

[ 10 ] Innerhalb der Empfindungsseele haben wir das Element des Zornes angetroffen, und in dem Zorn haben wir einen der Vorbereiter gefunden zur Entwicklung des Ichs und der Seele. Derjenige Mensch, der noch nicht reif ist, in sich ein Urteil zu bilden über das Wahre, Gerechte, Gute, der wird dadurch, dass er beim Anblick irgendeiner Lüge, einer Ungerechtigkeit, eines Bösen in edlen Zorn gerät, Stellung nehmen zu dieser Außenwelt. Der Zorn wird sozusagen ihm anzeigen: Das ist nicht dir gemäß, [das ist ein Missklang, ein Hemmnis] und in seinem Innern erwacht dasjenige, was man das Ich nennt, was sich der Außenwelt entgegenstellt. Da, wo wir in Zorn entflammen über etwas, was wir nicht zugeben können, da ist das Erwachen des Ichs gegeben. [Und [der Zorn] entwickelt dieses im Hinüber- und Hinaufleben in die Verstandes- und Gemütsseele durch stetige Verinnerlichung heraus aus der Entwicklungsseele.] Ist der Zorn also etwas, was der Mensch überwinden muss, damit er sich entwickle, können wir geradezu sagen vom Zorn: Er hat seinen Wert dadurch, dass er überwunden werden kann; hat der Zorn erst dann seine volle Bedeutung für den Menschen erlangt, wenn der Zorn sich in Liebe und Milde verwandelt hat, so müssen wir sagen: Das Wichtigste für die Verstandes- oder Gemütsseele ist so, dass es sich uns als dasjenige Element darstellt, das im besten Sinne die zwei gestern erwähnten Seiten des Ichs zur Entwicklung bringt. Soll das Ich des Menschen sich in entsprechender Weise entwickeln, so muss es so geschehen, dass es auf der einen Seite immer voller und voller wird. Nur dadurch, dass der Mensch ein reiches Vorstellungs- und Ideenleben, ein reiches Empfindungs-, Gefühls- und Willensleben in sich entwickelt [und dadurch seine Ich-Kräfte in sich stärkt], nur dadurch wird er auf der einen Seite viel von der Welt umfassen können — und auf der andern Seite wird das Ich ein starker Ausgangspunkt des Wirkens nach außen werden können. Je mehr seine Eigenheit sich entwickelt, desto mehr — dürfen wir sagen — ist der Mensch als Menschenwesen in der Welt wert. Aber wir haben schon darauf hingewiesen, dass dieses Ich ein zweischneidiges Schwert ist, dass auf der andern Seite dieses Ich, indem es nur darauf ausgeht, in sich selber reicher und voller zu werden, sich in sich verschließen kann; dass es gerade dadurch, dass es nur in sich leben will, das Tor versperrt gegen die Außenwelt und dadurch verarmt. Soll der Mensch so selbständig, so stark als möglich werden auf der einen Seite, so muss er gerade dadurch vermeiden zu verarmen, wenn dieses Selbst sich gegenüber der Außenwelt verschließt, dass er auch die zweite Seite des Ichs, die Selbstlosigkeit, das Zusammenfließen mit der Außenwelt kultiviert.

[ 10 ] Within the sensuous soul, we have encountered the element of anger, and in anger we have found one of the precursors to the development of the “I” and the soul. The person who is not yet mature enough to form a judgment within themselves about what is true, just, and good will, by becoming filled with noble anger at the sight of any lie, injustice, or evil, take a stand toward this external world. Anger will, so to speak, signal to them: “This is not in accordance with you [it is a discord, an obstacle],” and within them awakens that which is called the “I,” which opposes the external world. Wherever we are inflamed with anger over something we cannot accept, there the “I” awakens. [And [anger] develops this through a process of moving outward and upward into the intellectual and emotional soul by means of constant internalization from the developmental soul.] If, then, anger is something that human beings must overcome in order to develop, we can say of anger: It has its value in that it can be overcome; if anger has only attained its full significance for the human being once it has been transformed into love and gentleness, then we must say: The most important thing for the intellectual or emotional soul is that it presents itself to us as the element that, in the best sense, brings about the development of the two aspects of the “I” mentioned yesterday. If the human “I” is to develop in an appropriate way, it must do so in such a way that, on the one hand, it becomes ever fuller and fuller. Only by developing within themselves a rich life of imagination and ideas, a rich life of sensation, feeling, and will [and thereby strengthening their ego forces], only in this way will they be able, on the one hand, to embrace much of the world—and, on the other hand, will the ego be able to become a strong starting point for outward action. The more their individuality develops, the more—we might say—the human being is valued as a human being in the world. But we have already pointed out that this “I” is a double-edged sword; that, on the other hand, by focusing solely on becoming richer and fuller within itself, this “I” can close itself off; that precisely by wanting to live only within itself, it bars the gate to the outside world and thereby impoverishes itself. If a person is to become as independent and as strong as possible on the one hand, then he must—precisely to avoid becoming impoverished when this self closes itself off from the outside world—also cultivate the second aspect of the “I”: selflessness, the merging with the outside world.

[ 11 ] Wo ist das Element in der menschlichen Entwicklung, das durch seine Eigentümlichkeit diesen zwei Seiten des Ichs gerecht wird? Nichts anderes gibt es, was so sehr den beiden Seiten des Ichs gerecht wird, als gerade die Wahrheit. Wahrheit ist etwas, was wir, wenn es uns in seiner höchsten Form erscheinen soll, nur im Innersten unseres Ichs finden können. Erst dasjenige kann für uns als Wahrheit gelten, was wir durch unser Ich selber als solche erkannt haben. So muss im Geheimsten des menschlichen Ichs die Wahrheit für das Ich gefunden werden. Wir können sagen: Durch das Selbst wird die Wahrheit für den Menschen gefunden. Wenn der Mensch diesen Charakter der Wahrheit einsieht, dann wird er sagen: Gerade an der Arbeit für die Wahrheit erstarkt das Ich an seiner Selbstheit in seiner inneren Kraft; denn Wahrheit wird nur errungen, wenn das Ich sich anstrengen muss, weil nur in der Tiefe des Ichs die Wahrheit gefunden werden kann.

[ 11 ] Where in human development is the element that, by its very nature, does justice to these two sides of the ego? There is nothing else that does justice to the two sides of the ego as much as the truth itself. Truth is something that, if it is to appear to us in its highest form, we can find only in the innermost depths of our “I.” Only that which we ourselves have recognized as such through our “I” can be regarded as truth for us. Thus, truth must be found for the “I” in the innermost depths of the human “I.” We can say: Through the self, truth is found for the human being. When a person understands this nature of truth, they will say: It is precisely through working for the truth that the self grows stronger in its selfhood and inner strength; for truth is attained only when the self must exert itself, because truth can be found only in the depths of the self.

[ 12 ] Daher diese Eigentümlichkeit der Wahrheit, dass wir nichts brauchen als das Arbeiten unseres Ichs selber, wenn die Wahrheit einen Wert für uns haben soll. Allerdings ist es beim gegenwärtigen Menschen so, dass kaum etwas anderes als die einfachsten Wahrheiten für ihn eine solche Gestalt annehmen, dass das Ich wirklich durch sich selbst entscheiden kann. Es sind das die einfachsten rechnerischen Wahrheiten. Haben wir einmal bei uns selber entschieden, dass dreimal drei neun ist und nicht zehn, dann genügt diese im innersten Allerheiligsten unseres Ichs gefällte Entscheidung, um zu wissen, dass das wahr ist. Und wenn Millionen von Menschen sagen würden: Dreimal drei ist zehn, wir würden uns unbedingt für dreimal drei ist neun entscheiden. Das ist für die rechnerischen, für die mathematischen Wahrheiten deshalb gültig, weil sie übersichtlich sind, weil sie sozusagen in ihrer Einfachheit sich uns unmittelbar darbieten. Wenn wir daher durch diese Einfachheit dasjenige überwinden, was in der Empfindungsseele sich geltend macht als Leidenschaft, indem sich das Ich heraufarbeitet in die Verstandesseele, muss es geradeso, wie es den Zorn überwindet, überwinden die anderen Affekte. Denn nur dadurch wird das, was der Mensch in der Seele erlebt, zur Wahrheit, dass alles, was an Instinkten, Begierden, Trieben, Leidenschaften in der Seele ist, hinausgeworfen wird. Da, wo die Menschen nicht übereinstimmen in Bezug auf die Wahrheit, wo nicht ein jeder in seiner Seele dieselben Wahrheiten findet, da sind es eben die Triebe, die Begierden, die Leidenschaften, welche ihn sozusagen hindern, wirklich durchsichtig und hell und klar die Verhältnisse der Wahrheit zu schauen. Bei den einfachen rechnerischen Wahrheiten können die Leidenschaften nicht mitsprechen. Würden zum Beispiel die Leidenschaften aufkommen gegenüber der Durchsichtigkeit der rechnerischen Wahrheiten, dann würde gewiss manche Hausfrau begehren, dass, wenn sie dreimal drei Mark zum Markte bringt, das zehn Mark machen würde; denn die Leidenschaften sprechen dafür, aber die Einfachheit und Durchsichtigkeit der rechnerischen Wahrheiten lässt die Leidenschaften, die Begierden nicht aufkommen. In diesem Falle — in einer jeglichen Sache überhaupt, wo wir es dahin gebracht haben, die Leidenschaften und Begierden zum Schweigen zu bringen, da durchschauen wir auch klar die Verhältnisse der Wahrheit. Bei alldem, wo wir es noch nicht dahin gebracht haben, dass die Leidenschaften und Begierden schweigen, sind wir noch nicht imstande, über die Wahrheit im Ernst zu entscheiden. Haben wir es aber dahin gebracht, über eine Wahrheit zu entscheiden, dann ist das Ich in seinem Innersten der Richter über die Wahrheit. Also, das Ich muss sich fühlen in seiner Kraft, indem es über die Wahrheit entscheidet, indem es sich Wahrheit erwirbt.

[ 12 ] Hence this peculiarity of truth: that we need nothing but the workings of our own self if truth is to have any value for us. However, in the case of modern man, it is the case that hardly anything other than the simplest truths take on a form that allows the self to truly decide for itself. These are the simplest arithmetic truths. Once we have decided for ourselves that three times three is nine and not ten, this decision—made in the innermost sanctum of our “I”—is sufficient for us to know that it is true. And even if millions of people were to say, “Three times three is ten,” we would unquestionably decide that three times three is nine. This holds true for arithmetic and mathematical truths because they are clear and straightforward; because, so to speak, they present themselves to us directly in their simplicity. Therefore, when we use this simplicity to overcome what asserts itself in the sensory soul as passion—as the “I” works its way up into the intellectual soul—it must overcome the other emotions just as it overcomes anger. For it is only in this way—by casting out everything in the soul that consists of instincts, desires, drives, and passions—that what a person experiences in the soul becomes truth. Where people do not agree regarding the truth—where not everyone finds the same truths in their soul—it is precisely the drives, the desires, and the passions that, so to speak, prevent them from truly seeing the relationships of truth with transparency, brightness, and clarity. In the case of simple mathematical truths, passions have no say. If, for example, passions were to arise in the face of the transparency of mathematical truths, then surely some housewife would wish that, if she took three times three marks to the market, it would amount to ten marks; for the passions argue in favor of this, but the simplicity and transparency of mathematical truths do not allow the passions and desires to arise. In this case—and in any matter at all where we have succeeded in silencing the passions and desires—we also clearly perceive the nature of truth. In all matters where we have not yet succeeded in silencing the passions and desires, we are not yet capable of seriously determining the truth. But once we have succeeded in determining a truth, then the “I,” in its innermost being, is the judge of that truth. Thus, the “I” must feel its own strength by determining the truth and by acquiring truth for itself.

[ 13 ] Und wiederum: Haben wir die Wahrheit über eine Sache erworben, dann dürfen wir sagen: Diese Wahrheit ist, trotzdem sie auf die persönlichste Art erworben ist, das Allerunpersönlichste; denn dieselbe Wahrheit können wir in allen Seelen finden. Wenn wir eine Wahrheit gefunden haben, wird sie bei Millionen Menschen, die sie auch gefunden haben, dieselbe Gestalt zeigen. Daher werden wir uns über die Wahrheit mit der ganzen Umwelt verständigen können. So ist die Wahrheit das Persönlichste und so ist sie das Unpersönlichste. Sie führt am tiefsten in uns hinein, weil sie da entschieden werden muss, und sie führt wiederum hinaus, weil sie unabhängig von unserer Willkür gilt. Daher ist die Wahrheit dasjenige Element im Seelenleben, das die wichtigste Mission in Bezug auf dieses Seelenleben hat, das auf der einen Seite zur Selbstständigkeit das Ich erzieht — denn das Ich ist der Richter über die Wahrheit — und auf der anderen Seite zur Selbstlosigkeit, indem die Wahrheit dieses Ich zusammenführt mit all demjenigen, was in unserer Umgebung ist, wo überhaupt von Wahrheit gesprochen werden soll. Die beiden Seiten des zweischneidigen Schwertes, sie werden durch die Wahrheit am besten erzogen, und so wird das Ich kräftig, um heraufgeführt zu werden aus dem wogenden Getriebe der Empfindungsseele, wo es noch dumpf brütet; so wird es kräftig, um heraufgeführt zu werden in die Verstandes- oder Gemütsseele, und so wird es zu gleicher Zeit vorbereitet, um hinaufgeführt zu werden in die Bewusstseinsseele, wo es wiederum hinauskommt zum Ergreifen der Umwelt, zur selbstlosen Erfassung der Welt. Damit haben wir die Wahrheit charakterisiert als das wichtigste und das wesentlichste Element bei der Entwicklung des Ichs, bei der Arbeit des Ichs an den drei Seelengliedern, der Empfindungsseele, der Verstandesoder Gemütsseele und der Bewusstseinsseele. Deshalb ist die Wahrheit eine so gewaltige Erzieherin des Ichs, weil sie nach beiden Seiten hin wirkt. Nur müssen wir es wirklich ernst mit ihr nehmen. Nur derjenige, der in seinem Ich wirklich nach der Wahrheit strebt, und nur nach der Wahrheit strebt, der wirklich nur entscheiden lässt in sich selber, in seiner Vorstellungswelt nach Maßgabe der Wahrheit, der darf hoffen, dass diese Wahrheit für ihn selber diese angedeutete Mission erfüllt. Mit Recht sagt ein großer englischer Dichter von der Wahrheit, andeutend ihre Sprödigkeit, andeutend die hohen Forderungen, die sie an uns stellt: [Demjenigen], der der Wahrheit etwas vorzieht, dem ergibt sich diese Göttin nicht. Wer sein Christentum stellt über die Wahrheit, wird bald bemerken, dass er seine besondere Konfession über das Christentum stellt. Wer aber seine besondere Konfession über das Christentum stellt, wird bald bemerken, dass er seine Sekte über die Konfession stellt. Und wer seine Sekte über die Konfession stellt, wird bald bemerken, dass er seine persönliche Willkür auch über das Bekenntnis seiner Sekte stellt. So sagt der Dichter Coleridge. Die Wahrheit ergibt sich nur demjenigen, der wiederum bereit ist, sich ihr ganz hinzugeben. Nun aber treffen wir diese Wahrheit in uns selber in einer doppelten Gestalt. Das Ich macht seine zwei Seiten, die wir charakterisiert haben, gar wohl geltend gegenüber dieser Wahrheit. Wenn wir diese zwei Seiten des Ichs charakterisieren wollen, dann müssen wir dasjenige, wie sich die Wahrheit aus der Welt dem Ich darbietet, vor unsere Seele hinstellen.

[ 13 ] And again: Once we have discovered the truth about something, we may say: This truth, even though it has been discovered in the most personal way, is the most impersonal of all; for we can find this same truth in all souls. When we have found a truth, it will take the same form in the minds of millions of people who have also found it. Therefore, we will be able to communicate about the truth with the entire world around us. Thus, truth is both the most personal and the most impersonal. It leads us deepest into ourselves, because it must be decided there, and it leads us outward again, because it holds true independently of our whims. Therefore, truth is the element in the life of the soul that has the most important mission with regard to this life of the soul: on the one hand, it educates the “I” toward independence—for the “I” is the judge of truth—and on the other hand, toward selflessness, in that truth unites this “I” with everything in our surroundings where truth is to be spoken of at all. The two sides of this double-edged sword are best shaped by truth, and thus the “I” becomes strong enough to be lifted out of the surging turmoil of the sensory soul, where it still broods in a dull state; thus it becomes strong enough to be led up into the intellectual or emotional soul, and in this way it is simultaneously prepared to be led up into the conscious soul, where it once again emerges to grasp the environment, to perceive the world selflessly. With this, we have characterized truth as the most important and essential element in the development of the “I,” in the “I’s” work on the three members of the soul: the soul of feeling, the soul of understanding or the emotional soul, and the soul of consciousness. That is why truth is such a powerful educator of the “I”—because it works in both directions. We must, however, take it truly seriously. Only the one who truly strives for truth within his or her “I”—and strives solely for truth—who truly allows decisions to be made within himself or herself, within his or her world of imagination, in accordance with truth—only such a person may hope that this truth will fulfill for him or her the mission indicated here. A great English poet rightly says of the truth, alluding to its harshness and to the high demands it places on us: [To the one] who prefers something else to the truth, this goddess does not yield. Whoever places his Christianity above the truth will soon realize that he is placing his particular denomination above Christianity. But whoever places his particular denomination above Christianity will soon realize that he is placing his sect above the denomination. And whoever places his sect above the denomination will soon realize that he is placing his personal caprice even above the creed of his sect. So says the poet Coleridge. Truth reveals itself only to those who, in turn, are willing to surrender themselves completely to it. Now, however, we encounter this truth within ourselves in a twofold form. The “I” asserts its two sides—which we have characterized—quite forcefully against this truth. If we wish to characterize these two sides of the “I,” then we must place before our soul the way in which truth presents itself to the “I” from the world.

[ 14 ] Wir blicken in die Welt hinein. Die Welterscheinungen bieten sich unseren Sinnen, das heißt unserer Empfindungsseele an. Derjenige, der sich Begriffe, Ideen, Vorstellungen über die Welt machen will und nicht glauben will, dass diese Welt nach Begriffen, Ideen, Vorstellungen gebaut ist, der mag nur gleich zugeben, dass man aus einem Glas, in dem kein Wasser ist, Wasser herausschöpfen könne. So unsinnig es wäre, dies zu behaupten, so uns innig ist es, zu glauben, dass man aus einer Welt, in der keine Ideen, keine Begriffe sind, herausschöpfen könne dasjenige, was wir dann in der Seele haben: Ideen und Begriffe von der Welt. Eine Welt, die nicht nach Ideen gebaut wäre, die nicht weisheitdurchtränkt wäre, die könnte niemals in der menschlichen Seele ein Spiegelbild hervorrufen, das als Innenerlebnis Begriffe und Ideen von dieser Welt darstellt. Denn was wären unsere Begriffe und Ideen, durch die die Gesetzmäßigkeit der Welt in uns erlebt werden soll, was wäre alle Wissenschaft, wenn die Welt nicht nach Ideen gebaut wäre? Phantasterei, Träumerei wäre alle Wissenschaft; denn die Wissenschaft ist eine Summe von Ideen und Begriffen. Lägen nicht Ideen und Begriffe, mit anderen Worten: Läge nicht Weisheit in der Welt, wäre die Welt nicht durchwoben und durchzogen von Weisheit, dann wäre unsere Weisheit Torheit; denn sie wäre eine reine Phantasterei, ein reiner Irrtum. Wir würden uns in unserer Seele etwas vorstellen als ein Bild der Welt, das ganz willkürlich aufgebaut ist. Einen Sinn hat es nur, mit Hilfe der Begriffe und Ideen ein Bild sich von der Welt zu machen, wenn man voraussetzt, dass in der Welt diese Begriffe und Ideen da sind und dass die Dinge selber, die unseren Sinnen sich darbieten, heraussprießen und hervorwachsen aus der Weltenweisheit, aus der durch die Welt fließenden und strömenden Weisheit. So sagen wir uns: Hinter dieser Welt, die wir einfließen lassen durch unsere Sinne, die wir fühlen und begehren durch die Empfindungsseele, hinter dieser Welt ist Weisheit. Und wir suchen uns dieser Weisheit dadurch wiederum zu nähern, dass wir uns in unserer Seele selbst lebend heraufarbeiten zu demjenigen, was unsere Verstandesseele innerlich als Wahrheit erkennen lässt. Weisheit ist da in der Welt; Weisheit arbeitet sich heraus in unserer eigenen Seele, indem wir aufsteigen zur Verstandes- und zur Bewusstseinsseele. Wenn wir uns aber zu dieser Weisheit in der Welt stellen, dann müssen wir sagen: Oh, diese Weisheit, sie ist der Welt eingebaut, eingegliedert. Wir Menschen stehen sozusagen dieser Welt als nachträgliche Betrachter gegenüber und erforschen die ihr eingepflanzte Weisheit. [Ein großer Teil unseres Strebens in der Erlangung des Wissens besteht darin, dass wir uns das aneignen, was die Welt durchpulst und durchlebt als Weisheit.] Wenn wir die Weisheit, die die Welt durchströmt, als Wahrheit in uns aufglänzen lassen, so sind wir da so recht diejenigen, die hinterher kommen. Und auch wenn wir die Menschheitsentwicklung betrachten, [so zeigt diese uns, wie der Mensch mit alle seinem Tun und Treiben, mit seinen Erfindungen, hinter den bereits errungenen Tatsachen der Umwelt mit ihrer Weisheit zurücksteht]. So können wir sagen: Ein genauerer Blick in die Menschheitsentwicklung zeigt uns sehr bald, wie der Mensch sozusagen hinter der Weisheit der Welt mit seiner Wahrheit steht. Man überblicke einmal die geschichtliche Entwicklung der Menschheit. In den Schulbüchern kann man es lesen, wie die Menschen allmählich dazu gekommen sind, aus gewissen Substanzen sich das herzustellen, was wir Papier nennen. Papier herzustellen durch die menschliche Weisheit haben die Menschen gelernt. Ganz so, wie der Mensch aus gewissen Substanzen sich sein Papier macht, so wird das Papier des Wespennestes gemacht — denn das Wespennest besteht aus Papier, das Wespennest zeigt die Kunst, Papier zu bereiten, die durch unzählige Jahrhunderte als Weisheit draußen in der Natur vorhanden war und die der Mensch in seiner geschichtlichen Entwicklung hinterher gefunden hat. Da ist der Mensch so recht der Nach-Denker dessen, was draußen vorgedacht ist. Ein großer Teil unseres Strebens in der Erlangung des Wissens besteht darin, dass wir die Weisheit der Welt nachdenken, dass wir uns aneignen in uns selber, was die Welt durchpulst und durchlebt als Weisheit. Indem wir uns so gegenüber der Welt stellen, dass wir ihre Weisheit in uns aufglänzen lassen, fühlen wir eben in der innersten Wesenheit unseres Ichs, dass wir erstarken, dass wir uns mit der Substanz, die draußen als geistige Substanz ist, der Welt gegenüberstellen. Wir erstarken, indem die Weltenweisheit als Wahrheit in unserem Ich wiederum aufglänzt. Diese Wahrheit, die der Weltenweisheit nachgedacht ist, die entspricht so recht der einen Seite unseres Ichs, nämlich derjenigen Seite, die wir nennen können die selbstlose Seite. Denn alles dasjenige, was wir so über die Welt denken, das ist ja ohne unser Ich da, das ist längst da gewesen, bevor wir es denken konnten. Wir erleben im Erfassen der Weltenweisheit etwas, was außer unserem Ich ist. Wir strömen sozusagen unser Ich in die Welt hinaus: Wir sind ganz Welt, wir sind ganz hingegeben an die Welt, ganz selbstlos, indem wir die Weisheit der Welt in uns aufleben lassen. Dadurch machen wir uns selbstlos, dass wir ganz hingegeben, objektiv hingegeben sind an die Weisheit der Welt, die als Licht der Wahrheit in uns selber aufglänzen soll. Das ist die eine Seite der Wahrheit.

[ 14 ] We look out into the world. The phenomena of the world present themselves to our senses—that is, to our sensory soul. Anyone who wishes to form concepts, ideas, and perceptions about the world, yet refuses to believe that this world is structured according to concepts, ideas, and perceptions, might as well admit right away that one can draw water from a glass that contains no water. As absurd as it would be to claim this, so deeply ingrained in us is the belief that one could draw from a world in which there are no ideas or concepts that which we then have in our soul: ideas and concepts of the world. A world that were not built upon ideas, that were not steeped in wisdom, could never evoke in the human soul a reflection that, as an inner experience, represents concepts and ideas of this world. For what would our concepts and ideas be—through which the laws of the world are to be experienced within us—and what would all science be, if the world were not built upon ideas? All science would be mere fantasy and daydreaming; for science is a sum of ideas and concepts. If there were no ideas and concepts—in other words, if there were no wisdom in the world, if the world were not interwoven and permeated by wisdom—then our wisdom would be folly; for it would be pure fantasy, pure error. We would imagine in our minds an image of the world that is constructed entirely at random. It only makes sense to form a picture of the world with the help of concepts and ideas if one assumes that these concepts and ideas exist in the world and that the things themselves, which present themselves to our senses, spring forth and grow out of the wisdom of the world—out of the wisdom that flows and streams through the world. So we say to ourselves: Behind this world, which we take in through our senses, which we feel and desire through the soul of sensation—behind this world lies wisdom. And we seek to draw closer to this wisdom by working our way up within our own soul toward that which our intellectual soul recognizes inwardly as truth. Wisdom is present in the world; wisdom emerges within our own soul as we ascend to the intellectual and conscious souls. But when we stand before this wisdom in the world, we must say: Oh, this wisdom—it is built into the world, integrated into it. We humans, so to speak, stand before this world as retrospective observers and explore the wisdom implanted within it. [A large part of our striving to attain knowledge consists in appropriating what pulses through and is lived out by the world as wisdom.] When we allow the wisdom that flows through the world to shine forth within us as truth, we are truly the ones who come after. And even when we consider the development of humanity, [it shows us how human beings, with all their activities and endeavors, with their inventions, lag behind the already established facts of the environment and its wisdom]. Thus we can say: A closer look at human development very quickly reveals how humanity, with its truth, stands, so to speak, behind the wisdom of the world. Let us survey the historical development of humanity. In school textbooks, one can read how people gradually came to produce, from certain substances, what we call paper. Through human wisdom, people have learned to make paper. Just as human beings make their paper from certain substances, so is the paper of a wasp nest made—for the wasp nest consists of paper; the wasp nest demonstrates the art of preparing paper, an art that has existed as wisdom out in nature for countless centuries and which human beings have subsequently discovered in the course of their historical development. In this sense, humanity is truly the “reflector” of what has already been conceived in the world around us. A large part of our striving to attain knowledge consists in reflecting upon the wisdom of the world, in assimilating within ourselves what the world pulses through and lives out as wisdom. By relating to the world in such a way that we allow its wisdom to shine forth within us, we feel, in the innermost essence of our “I,” that we are growing stronger, that we are confronting the world with the substance that exists externally as spiritual substance. We grow stronger as the wisdom of the world shines forth anew as truth within our “I.” This truth, which is conceived in accordance with the wisdom of the world, corresponds so perfectly to one aspect of our “I”—namely, the aspect we might call the selfless aspect. For everything we think about the world in this way exists independently of our “I”; it has long been there, long before we could think of it. In grasping the wisdom of the world, we experience something that lies beyond our “I.” We pour our “I,” so to speak, out into the world: we are wholly the world; we are wholly devoted to the world, wholly selfless, as we allow the wisdom of the world to come alive within us. In this way, we make ourselves selfless—by being wholly devoted, objectively devoted to the wisdom of the world, which is meant to shine forth within us as the light of truth. This is one aspect of the truth.

[ 15 ] Die andere Seite der Wahrheit tritt uns entgegen, wenn wir die menschliche Arbeit ins Auge fassen. Wenn wir alles dasjenige, was wir an menschlichen Ideen im Kleinsten und im Größten verwirklichen, vor unsere Seele hinstellen, gleichgültig, ob es eine alltägliche Idee ist oder ob es die Idee eines Erfinders ist, der eine Maschine zum Beispiel erfindet, da haben wir die schallende, die produktive, die schöpferische Arbeit des Menschen im Auge. Da haben wir zuerst die Idee, dann haben wir dasjenige, was der äußere Ausdruck dieser Idee oder die Folge der Idee ist. Wir sehen dasjenige, was in uns entsteht, was noch nicht in der Welt vorgedacht ist, aus unserem Ich heraus entspringen. Wir sehen unser Innerstes heraustreten in unseren alltäglichen Verrichtungen, in den Verrichtungen, die wir bezeichnen können als die Realisierung der großen Ideen der Erfinder. Da haben wir zuerst den Gedanken, da denken wir den Gedanken nicht nach, da ist die sinnliche Erscheinung nicht zuerst da, da ist der Gedanke zuerst da, darin tritt die sinnliche Erscheinung durch unsere eigene Tat uns entgegen, da sind wir die Vordenker und da sind wir diejenigen, die nach unserem Vorgedachten selber schöpferisch in die Welt treten, da fühlen wir unser Ich nach der anderen Seite erstarken; da fühlen wir, wie die Wesenheit unseres Ichs hinausgeflossen ist, fühlen dasjenige, was wir unsere Selbstheit nennen können; wodurch wir imstande werden, dasjenige, was das Ich zuerst im Umkreis unseres Daseins draußen erlebt, verwirklicht zu sehen. Da fühlen wir jene Seite des Ichs, wo wir nicht aufgehen in etwas, was ohne das Ich da ist, sondern im Gegenteil, da fühlen wir unsere innere Aktivität, unsere Selbstheit. [Unser Ich ist in unseren Taten, unseren Werken ebenso darinnen, wie es auch zuerst in unseren Gedanken gearbeitet hat.] Als Vordenker ist das Ich so recht kultivierend seine Selbstheit; als Nachdenker ist das Ich so recht kultivierend seine Selbstlosigkeit. Und in diesen beiden Bestandteilen des gesamten Innenlebens tritt uns die Wahrheit innerhalb unseres Wirkens und Strebens in der Welt entgegen als nachgedachte Wahrheit und als vorgedachte Wahrheit.

[ 15 ] The other side of the truth becomes apparent when we consider human labor. When we place before our soul everything we bring to life—from the smallest to the greatest—in the realm of human ideas, whether it is an everyday idea or the idea of an inventor who, for example, invents a machine, we are looking at the resounding, productive, and creative work of humankind. First we have the idea; then we have what is the outward expression of that idea or the consequence of the idea. We see what arises within us—what has not yet been conceived in the world—spring forth from our “I.” We see our innermost self emerge in our everyday activities, in the activities we can describe as the realization of the great ideas of inventors. First we have the thought; we do not merely reflect on the thought; the sensory phenomenon is not there first—the thought is there first—and through our own action, the sensory phenomenon comes to meet us; there we are the pioneers of thought, and there we are the ones who, based on what we have conceived, step creatively into the world ourselves; there we feel our “I” growing stronger on the other side; there we feel how the essence of our “I” has flowed outward; we feel that which we can call our selfhood; through which we become able to see realized that which the “I” first experiences outside within the sphere of our existence. There we feel that aspect of the “I” where we do not merge into something that exists without the “I,” but on the contrary, there we feel our inner activity, our selfhood. [Our “I” is present in our actions and our works just as it was initially at work in our thoughts.] As a forethinker, the “I” truly cultivates its selfhood; as a reflector, the “I” truly cultivates its selflessness. And in these two components of our entire inner life, the truth within our actions and striving in the world meets us as a truth reflected upon and as a truth thought out beforehand.

[ 16 ] Nun fragen wir uns: Gibt es eine Vermittlung zwischen diesen zwei Seiten? So, wie das Leben herantritt an den Menschen, so treten sozusagen die beiden Seiten seines Ichs, doch wiederum auseinanderhaltend die Bestandteile der Wahrheit, auf. Wahrheit ist zwar die große Erzieherin beider Seiten, aber dadurch, wie das Ich sich dieser Wahrheit bemächtigt, bringt es selber Spaltung hinein. Gibt es etwas, wo die beiden Seiten der Wahrheit uns in der Welt entgegentreten? [Wenn es nun aber solche Wahrheiten gibt, die vorher da waren, vor dem Ich, und das Ich erfasst sie unabhängig von der äußeren Welt, verwirklicht sie dann auch in der Welt, so ist das eine Wahrheit, die wir als eine der Selbstigkeit und zugleich der Selbstlosigkeit anerkennen können.] Wenn es solche Wahrheiten gibt, die auf der einen Seite vor aller sinnlichen Wirklichkeit gedacht sein können und die dennoch sich verwirklichen, nicht in Maschinen und täglichen Verrichtungen; sondern wenn wir die Wahrheit erlassen unabhängig von der äußeren Welt und sie dann in dieser äußeren Welt verwirklicht sehen; wenn die Wahrheit, die uns als vorgedachte sich ergibt, sich zu gleicher Zeit zeigen kann als ganz nach dem Muster der nachgedachten Wahrheit gebildet: Solch eine Wahrheit wäre eine die beiden Seiten des Ichs besonders kultivierende. Gibt es solche Wahrheiten? Solche Wahrheiten will eben der modernen Menschheit geben die Theosophie oder Geisteswissenschaft.

[ 16 ] Now let us ask ourselves: Is there a mediation between these two sides? Just as life approaches human beings, so too do the two sides of their “I”—while still distinguishing the components of truth—make themselves known. Truth is indeed the great educator of both sides, but through the way the “I” appropriates this truth, it itself introduces division. Is there anything in the world where the two sides of truth confront us? [But if there are such truths that existed beforehand, before the “I,” and the “I” grasps them independently of the external world and then actualizes them in the world as well, then this is a truth that we can recognize as embodying both selfhood and selflessness.] If there are such truths that, on the one hand, can be conceived prior to all sensory reality and yet come to fruition—not in machines or daily tasks—but rather if we conceive the truth independently of the external world and then see it realized in this external world; if the truth that presents itself to us as preconceived can at the same time reveal itself as formed entirely according to the pattern of the truth conceived afterward: Such a truth would be one that particularly cultivates both sides of the self. Do such truths exist? It is precisely such truths that Theosophy, or spiritual science, seeks to give to modern humanity.

[ 17 ] Versuchen wir uns das an einem Beispiel klarzumachen. Es wurde schon angeführt, dass es der Theosophie obliegt, den Satz hinzustellen: Seelisch-Geistiges entsteht nur aus Seelisch-Geistigem, so wie Redi für ein anderes Gebiet den Satz zuerst hingestellt hat: Erwas Lebendiges entsteht nur aus Lebendigem. Wir haben gesehen, dass dieser Satz hervorgeht aus demjenigen, was wir nennen die Erkenntnis der wiederholten Erdenleben des Menschen. Die Art und Weise, wie durch die Geistesforschung erkannt wird, dass der innerste Wesenskern des Menschen sich wiederverkörpert, ist nicht durch logische Schlüsse herbeigeführt, sondern eine unmittelbare Erkenntnis des hellsichtigen Bewusstseins. So wie der mit physischen Augen begabte Mensch Farbe und Licht sieht, so nimmt der Mensch, welcher die inneren, verborgenen Kräfte der Menschenseele entwickelt hat, denjenigen Wesenskern des Menschen wahr, den wir als den unsterblichen bezeichnen können, der in dem Menschen lebt und der sich selber dem hellsichtigen Bewusstsein darstellt, der da kommt aus vorherigen Verkörperungen und der da geht zu künftigen Verkörperungen. Also, durch übersinnliche Erkenntnis ist dasjenige gegeben, was wir hier in Begriffe kleiden von der Wiederverkörperung des menschlichen Wesenskernes. Da kommt also der Geistesforscher und sagt: Ich habe durch meine Forschung herausgebracht, dass der Mensch Wiederverkörperungen durchmacht; er schildert die Wiederverkörperung, er bringt das in Begriffe, wie die moderne Naturwissenschaft die sinnliche Anschauung und Verstandeserrungenschaften in Begriffe bringt. Mit diesen Begriffen tritt er vor die Menschen hin. Durch äußere Wahrnehmung kann eine solche Erkenntnis nicht gefunden werden; sie muss gefunden werden durch übersinnliches Schauen, durch Entwicklung derjenigen Organe, die man Geistesaugen, Geistesohren nennt. Dann aber, wenn sie so gefunden ist, dann kann sie in Begriffe, in Gedanken, in Formen gebracht werden, die wir die Formen der Wahrheit nennen. Also, wir haben damit eine Wahrheit vor uns, die sich ausdrückt so wie etwas, was nicht durch äußere Wahrnehmung gewonnen werden kann. Ein gegenüber der äußeren Wahrnehmung Vorgedachtes haben wir. Gerade so wie der Gedanke, wie die Idee der Maschine lebt in dem Kopfe des Erfinders, ohne dass er sie äußerlich sieht, so lebt der Gedanke der Wiederverkörperung als ein Resultat der Forschung in der geistigen Welt, so lebt er in dem Kopfe des Geistesforschers, dann aber tritt die Mitteilung vor die Welt hin, dann können wir den Blick in die Außenwelt richten und sagen: Wir sehen, wie sich [zum Beispiel das Kind] von dem ersten Tage eines Menschen an [allmählich] aus den unbestimmten, verschwommenen Gesichtszügen herausentwickelt zu bestimmten Formen, [zu einer festen Physiognomie], was in einem dunklen Untergrund des Daseins schlummert. Da sehen wir die bestimmten Formen sich herausbilden. Und wir sagen uns: Nach dem, was uns der Geistesforscher sagt, können wir das leicht verstehen. Das aus früheren Verkörperungen Herübergekommene ist der Wesenskern des Menschen, [der im Kinde sich von Neuem auslebt und aus einem früheren Leben kommt], der arbeitet aus, was unbestimmt war, zu bestimmten Formen. Wir sehen die ganze Entwicklung uns an und sagen: Wenn wir hinsehen auf das Leben und das Leben prüfen, dann zeigt uns dieses Leben selber in seinen Erscheinungen die Bewahrheitung dessen, was der Geistesforscher sagt; und nur die Befangenheit kann dem Menschen den Blick so trüben, dass er an der äußeren sinnlichen Erscheinung nicht bewahrheitet finden würde, was der Geistesforscher herunterholt als Vorgedachtes aus den höheren Welten. So holt dieser seine Wahrheiten herunter aus den höheren Welten, so hält er sie entgegen der äußeren Wahrnehmung, und was uns da in der Außenwelt entgegentritt, das bietet uns die Beweise für die Wahrheiten aus den höheren Welten dadurch, dass wir die Außenwelt dann verstehen. Wir dringen unter die Dinge hinunter mit dem, was wir denselben als Wahrheiten entgegenbringen. So stimmt das Vorgedachte mit der Außenwelt überein wie die Idee des Erfinders mit der fertigen Maschine. So ist vereint in den Wahrheiten, die die Theosophie darbietet, was sonst getrennt ist. Da haben wir sozusagen nichts hinter uns. Die theosophische Wahrheit ist nicht gefunden wie die Idee eines Erfinders — in gewisser Beziehung aus dem Nichts heraus geschaffen —, sie ist gefunden durch Beobachtung in der geistigen Welt. Lässt sich aber anwenden auf die äußere sinnliche Welt. Diese theosophische Wahrheit ist zu gleicher Zeit ein Vorgedachtes und zu gleicher Zeit ein Nachgedachtes. Daher wirkt sie in ganz anderer Weise auf die menschliche Seele als alles andere, was sonst an Wahrheiten uns entgegentritt. [Durch die Aufnahme dieser Wahrheit entfesselt der Mensch sein Ich.]

[ 17 ] Let us try to clarify this with an example. It has already been mentioned that it is the task of theosophy to establish the principle: “The soul-spiritual arises only from the soul-spiritual,” just as Redi first established the principle for another field: “That which is living arises only from that which is living.” We have seen that this principle arises from what we call the knowledge of the human being’s repeated earthly lives. The way in which spiritual science recognizes that the innermost core of the human being reincarnates is not arrived at through logical conclusions, but is a direct insight of clairvoyant consciousness. Just as a person endowed with physical eyes sees color and light, so does the person who has developed the inner, hidden powers of the human soul perceive that core of the human being—which we may call immortal—that lives within the human being and reveals itself to clairvoyant consciousness, coming from previous incarnations and moving on to future ones. Thus, through supersensible knowledge, we are given what we here express in concepts regarding the reincarnation of the human essence. So the spiritual researcher comes and says: Through my research, I have established that human beings undergo reincarnations; he describes reincarnation; he expresses it in concepts, just as modern natural science expresses sensory perception and intellectual achievements in concepts. With these concepts, he presents his findings to people. Such knowledge cannot be attained through external perception; it must be attained through supersensible perception, through the development of those faculties called the spiritual eyes and spiritual ears. But once it has been found in this way, it can be expressed in concepts, in thoughts, in forms—what we call the forms of truth. Thus, we are faced with a truth that expresses itself as something that cannot be gained through external perception. We have something that has been conceived prior to external perception. Just as the thought, the idea of a machine, lives in the inventor’s mind without him seeing it externally, so too does the thought of reincarnation—as a result of research into the spiritual world—live in the mind of the spiritual researcher; but then the finding is presented to the world, and then we can turn our gaze to the external world and say: We see how [for example, the child], from the very first day of a human life, [gradually] develops from indefinite, blurred facial features into definite forms, [into a distinct physiognomy], which slumbers in a dark background of existence. There we see the definite forms taking shape. And we say to ourselves: According to what the spiritual researcher tells us, we can easily understand this. What has come over from earlier incarnations is the core of the human being—[which lives anew in the child and comes from a previous life]—and this core works out what was indeterminate into definite forms. We observe the entire development unfolding before us and say: When we look at life and examine it, then life itself, in its manifestations, shows us the truth of what the spiritual researcher says; and only prejudice can cloud a person’s vision to such an extent that they would fail to find confirmation in the outer, sensory appearance of what the spiritual researcher brings down as preconceived ideas from the higher worlds. Thus, the spiritual researcher brings down his truths from the higher worlds; he holds them up against external perception, and what we encounter in the external world provides us with proof of the truths from the higher worlds by enabling us to understand the external world. We penetrate beneath the surface of things with what we present to them as truths. Thus, the preconceived ideas correspond to the external world just as the inventor’s idea corresponds to the finished machine. Thus, what is otherwise separate is united in the truths presented by Theosophy. Here, so to speak, we have nothing behind us. Theosophical truth is not discovered like an inventor’s idea—created, in a certain sense, out of nothing—but is discovered through observation in the spiritual world. Yet it can be applied to the external, sensory world. This theosophical truth is at once a preconceived idea and, at the same time, a reflection on what has been observed. Therefore, it affects the human soul in a completely different way than any other truths we encounter. [By embracing this truth, a person unleashes their true self.]

[ 18 ] Dadurch, dass der Mensch sich in die Weisheit der Welt vertieft, dadurch entselbstet er sich, dadurch wird sein Ich ein solches, das sozusagen immer mehr und mehr ausfließt; es verarmt an innerer Kraft. Dadurch, dass der Mensch in seinen täglichen Verrichtungen vordenkt, Anspruch macht darauf, dass das Vorgedachte sich umsetzt in äußere Wirklichkeit, dadurch will er sein Ich aufprägen der äußeren Welt, dadurch will er in seiner Umgebung immer mehr und mehr dasjenige sehen, was sein Selbst will; er will sein Selbst aufprägen seiner Umgebung. Damit ist er ganz in der Selbstheit darinnen, damit hat er ein Interesse geschaffen, dieses Ich, ganz abgesehen von der Umwelt, so stark zu machen als möglich. So können wir zwei Möglichkeiten einer IchAusbildung sehen. Die eine ist diese, dass das Ich ein ganz nachdenkliches wird, wo es ganz hingegeben ist an die äußere Welt, wo es immer selbstloser und selbstloser hingegeben ist an die äußere Welt, wo es in seiner Kraft nicht erstarkt. Die andere ist die, wo das Ich nicht bloß sich anfüllt von Ideen der Außenwelt, sondern erfüllt sein soll vom Willen. Im ersten Fall kann das Ich am Willen veröden. Wir können die Erfahrung machen, dass solche Menschen, die in der gewissenhaftesten Weise die objektive Wahrheit aufnehmen, schwach an Willen sind. Auf der anderen Seite können wir die Erfahrung machen, dass diejenigen Menschen, die einzig und allein ihren Willen der Umwelt aufprägen wollen, verschlossen werden gegenüber dem, was in der Außenwelt vorgeht, gegenüber dem, was ihr Interesse erwecken sollte an weisheitsvollem Gehalt der Welt. So sehen wir sozusagen das denkende Ich bei denjenigen Menschen ausgebildet, die auf die erste Art sich entwickeln, und das wollende Ich bei denjenigen, die auf die zweite Art sich entwickeln. Harmonisches Zusammenwirken aber des denkerischen Ich und des wollenden Ich, das können wir erreichen, wenn wir die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten in uns wirken lassen. Da werden die beiden wohltätigen Kräfte im Ich erwachen, da wird das Ich auf der einen Seite in sich einströmen lassen allen Gehalt der Welt, aus dem es selber herausgeboren ist, wird sich innerlich reich machen durch das, was in die ganze Welt als deren geistiger Gehalt ausgegossen ist; da wird es auf der anderen Seite in sich selber sich zusammenfassen, um in sich stark zu werden. Dadurch wird das Ich weder nach der einen noch nach der anderen Seite verarmen, sondern kräftig und gesund werden nach beiden Seiten hin. Und das ist das Gesundende der theosophischen Wahrheit, dass sie auf der einen Seite in gleicher Weise gewonnen ist wie die nachdenkliche Wahrheit, und dass sie auf der anderen Seite wirkt wie die vorgedachte Wahrheit. Daher ist sie gesundend, weil sie auf der einen Seite in uns hineingießt alle Schönheit der Welt, und auf der anderen Seite unser Ich so blühend und fruchtbar macht, weil sie ermöglicht, dass dasjenige, was in dem Ich wächst, sein Spiegelbild findet an den äußeren Erscheinungen. Durch die theosophische Wahrheit bringen wir unser Ich so sehr zur Entwicklung, weil sie diejenige Wahrheit ist, die zu gleicher Zeit eine vorgedachte und eine nachgedachte ist. Das ist das Gesundende der theosophischen Wahrheit. Während wir bei einem Menschen, der nur ein nachdenklicher Mensch wäre, der nur die Weisheit der Welt umfassen wollte, sehen würden, dass er unter Umständen immer mehr und mehr sich selber lähmen kann an Willenskraft und ihn deshalb innerliches Schwachsein durchdringt, dass er innerlich erkrankt am Mangel solcher Kraft, würden wir auf der anderen Seite sehen, dass derjenige, der nur seinen Willen verwirklichen will, innerlich verarmt, weil er keinen Zusammenhang hat mit der Welt. Dagegen sehen wir beim Theosophen nach allen Seiten hin Harmonie herrschen. Der Gedanke verdichtet sich dadurch, dass er erfasst wird von der Zuversicht der Verwirklichung. Kurz, es wird das Ich dadurch, dass es sich mit der theosophischen Wahrheit durchdringt, zum Durchgangspunkt für die Weisheit. Da wird der Wille erleuchtet und auf der andern Seite zum wahren Mittelpunkt dadurch, dass er die vorgedachte Wahrheit mit der nachgedachten Wahrheit gegenüber der Welt hat. Das wird die Menschheit nach und nach erkennen, dass der Wille, der uns so trocken und so nüchtern erscheinen kann bei demjenigen, der ihn bloß umgesetzt haben will in äußere Wirklichkeit, herauf sich erwärmt zu lebendigen Gefühlen, weil er in unserem Ich sich begegnet mit der Weisheit der Welt; und wiederum, dass uns diese Weisheit, die uns so trocken erscheinen kann bei dem bloß nachdenklichen Betrachten der Welt, individuell anmuten kann, wenn sie sich im Ich begegnet mit dem lebendigen Willen. Weisheit und Wille müssen sich im Ich treffen. Das ist das Gesundende, das Lebenskräftigende jener Wahrheit, dass wir nicht nur Verstandesseele — oder Gemütsseele - sondern Gemüt-durchsetzte Verstandesseele und Verstand-durchsetzte Gemütsseele in den höheren Seelengliedern, in der Verstandesseele, erzeugen, dass es durch die Natur des Ichs diese zwei Seiten, sich der Wahrheit zu nähern, gibt.

[ 18 ] By immersing themselves in the wisdom of the world, human beings detach themselves from their true selves; their “I” becomes, so to speak, one that flows out more and more; it grows impoverished in inner strength. By thinking ahead in their daily activities, by insisting that what has been thought out be translated into external reality, human beings seek to impose their “I” on the external world; they seek to see more and more in their surroundings what their self desires; they seek to impose their self on their surroundings. In doing so, he is completely immersed in selfhood; in doing so, he has created an interest in making this “I” as strong as possible, entirely apart from the environment. Thus, we can see two possibilities for the development of the “I.” One is that the “I” becomes entirely contemplative, wholly devoted to the external world, increasingly selflessly devoted to the external world, without growing stronger in its own power. The other is where the “I” is not merely filled with ideas from the external world, but is to be filled with will. In the first case, the “I” can wither away in the face of will. We can observe that people who absorb objective truth in the most conscientious way are weak in will. On the other hand, we can observe that those who seek solely to impose their will on their surroundings become closed off to what is happening in the external world—to what should arouse their interest in the world’s wisdom-filled content. Thus we see, so to speak, the thinking “I” developed in those who evolve in the first way, and the willing “I” in those who evolve in the second way. But we can achieve a harmonious interplay between the thinking “I” and the willing “I” if we allow the truths of spiritual science to take effect within us. Then these two beneficent forces will awaken within the “I”; on the one hand, the “I” will allow all the content of the world—from which it itself was born—to flow into itself, enriching itself inwardly through what is poured out into the entire world as its spiritual content; on the other hand, it will gather itself together within itself in order to become strong. As a result, the “I” will not be impoverished on either side, but will become strong and healthy in both respects. And this is the healing power of theosophical truth: that, on the one hand, it is attained in the same way as reflective truth, and that, on the other hand, it works like preconceived truth. Therefore, it is healing because, on the one hand, it pours into us all the beauty of the world, and on the other hand, it makes our “I” so flourishing and fruitful, since it enables that which grows within the “I” to find its reflection in external phenomena. Through theosophical truth we bring our “I” to such a high degree of development because it is the truth that is at once both preconceived and reflected upon. This is the healing power of theosophical truth. Whereas in a person who were merely a reflective thinker, one who sought only to comprehend the wisdom of the world, we would see that, under certain circumstances, they can increasingly paralyze their own willpower and are therefore permeated by inner weakness, becoming inwardly ill from the lack of such strength; on the other hand, we would see that those who seek only to realize their own will become inwardly impoverished because they have no connection with the world. In contrast, we see harmony reigning in every direction in the case of the theosophist. The thought becomes more concrete as it is imbued with the confidence of its realization. In short, by permeating itself with theosophical truth, the “I” becomes a conduit for wisdom. There the will is enlightened and, on the other hand, becomes the true center by holding the preconceived truth against the truth reflected upon in relation to the world. Humanity will gradually come to realize that the will—which may seem so dry and sober to those who merely wish to translate it into external reality—is stirred into living feelings because it encounters, within our “I,” the wisdom of the world; and, in turn, that this wisdom—which can seem so dry to us when we merely contemplate the world in thought—can appear to us as something individual when it meets the living will within the “I.” Wisdom and will must meet within the “I.” This is the healing, life-affirming aspect of the truth that we produce not only an intellectual soul—or a sentient soul—but also a sentient-infused intellectual soul and an intellectual-infused sentient soul in the higher soul members, in the intellectual soul; that, by the very nature of the “I,” these two ways of approaching the truth exist.

[ 19 ] Das hat vor allen Dingen in neuerer Zeit keiner so tief gefühlt als derjenige, von dem wir hier schon öfter gesprochen haben, der der Geisteswissenschaft so nah als möglich gestanden hat, der die größten dichterischen Werke geschaffen hat, als Goethe. Und wie eine Illustration zu dem Gesagten soll uns heute dienen ein Werk des späteren, älteren Goethe. Oh, Goethe wusste klar und deutlich, dass die Art und Weise, wie sich der Mensch der Wahrheit gegenüberstellt, davon abhängt, wie er in seinem Ich selber sich ausgestaltet hat. Dass die Wahrheit bloß etwas objektiv Zwingendes ist, das war niemals Goethes Gedanke, dass die Wahrheit den Menschen umso mehr erleuchtet, je mehr er ihr Empfänglichkeit entgegenbringt, das war seine Grundüberzeugung, das wird heute wenig verstanden. Da kommen die Leute und sagen: Ach, über eine gewisse Art, die Wahrheit zu erfassen, sind wir längst hinaus. Die Wissenschaft hat uns dahin geführt, dass wir nicht umhinkönnen, daran zu zweifeln, dass etwas Geistiges in einem Lebewesen drinnen ist. [Die Wissenschaft hat uns gründlich ausgetrieben, hinter jedem Materiellen etwas Geistiges zu suchen.] Sie hat uns ausgetrieben den Glauben an etwas wie einen Ätherleib oder eine Lebenskraft, denn diese Wissenschaft ist nahe daran, zu zeigen, wie die lebendige Substanz sich zusammensetzen lässt aus äußeren chemischen Bestandteilen. Hören Sie nicht überall, dass uns gesagt wird: Wir können nicht solche Phantasterei anerkennen, wie die Theosophie sie zeigt, denn wir haben das Ideal, im Laboratorium aus toter Materie Eiweiß, das heißt Lebendiges herzustellen. Darf da vielleicht einmal eine Gegenfrage gestellt werden? Kann denn nach der ganzen Entwicklung des Menschen dasjenige etwas entscheiden, was er erwartet über die Zusammensetzung eines Lebewesens? Kann das für seine Bekenntnisse zum Geist der Welt etwas entscheiden? Wer nachdenken will, der kann einen äußerlichen Beweis dafür finden, dass gar nichts entschieden wird über das Bekenntnis zum Geist durch so etwas wie die Erwartung, man könne einmal im Laboratorium auf chemischem Wege Eiweiß herstellen. Das eine zwingt gar nicht zum anderen, das kann man geschichtlich beweisen. Fragen Sie einmal, was noch ganz anderes geglaubt worden ist, was zum Beispiel die Menschen in früheren Jahrhunderten, im Mittelalter etwa, geglaubt haben, die haben nicht bloß geglaubt, dass es ihnen gelingen werde, aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff und so weiter Eiweiß zusammenzustellen, die haben noch etwas ganz anderes geglaubt. Vergegenwärtigen Sie sich die Sätze im Goethe’schen Faust, wo Wagner vor der Bereitung des Homunculus steht; das zu können war ein Glaube, der im Mittelalter vorhanden war. Die Leute haben geglaubt, dass sie aus äußeren Substanzen durch die verschiedenen Verrichtungen, die sie machten im Laboratorium, so etwas herstellen könnten, was ein kleines Menschlein ist. Dieser Glaube, dass sie aus äußeren Substanzen einen Menschen herstellen können, hat aber diese Menschen gar nicht dazu veranlassen können, den Geist abzuleugnen. Daher rührt es gar nicht aus dem Zwang der objektiven Tatsachen her, dass heute der Geist verleugnet wird, sondern von der Unfähigkeit [den Geist zu erfassen], in dem eigenen Seeleninneren sich aufzuschwingen zu derjenigen Vorstellungsart, welche einsieht, welches die Bedingungen sind, sich zum Geist zu bekennen. Solche Dinge muss man auch ins Auge fassen, dann wird man verstehen, was es hieß, dass nur derjenige das Leben der Seele erfassen kann, der in der Seelen-Substanz so zu arbeiten versteht wie der äußere Naturforscher in der äußeren Substanz.

[ 19 ] No one has felt this more deeply—especially in recent times—than the man we have often spoken of here, the man who stood as close as possible to spiritual science, the man who created the greatest poetic works: Goethe. And to illustrate what has been said, let us consider today a work from Goethe’s later, more mature period. Oh, Goethe knew clearly and unambiguously that the way in which a person confronts the truth depends on how he has developed himself within his own self. That truth is merely something objectively compelling was never Goethe’s view; rather, his fundamental conviction—which is little understood today—was that the more receptivity a person offers to the truth, the more it enlightens him. Then people come along and say: Oh, we’ve long since moved beyond a certain way of grasping the truth. Science has led us to a point where we cannot help but doubt that there is anything spiritual within a living being. [Science has thoroughly dissuaded us from seeking something spiritual behind every material thing.] It has dissuaded us from believing in something like an etheric body or a life force, for this science is close to demonstrating how living substance can be composed of external chemical components. Don’t you hear it said everywhere that we cannot accept the kind of fantasy that theosophy presents, because we have the ideal of producing protein—that is, life—from dead matter in the laboratory? Might we perhaps ask a counterquestion here? After all of human development, can what a person expects regarding the composition of a living being really be decisive? Can that determine anything regarding his commitment to the spirit of the world? Anyone willing to reflect can find external evidence that nothing at all is determined regarding one’s commitment to the spirit by something like the expectation that protein might one day be produced chemically in a laboratory. One thing does not necessarily lead to the other; this can be proven historically. Just ask what other, entirely different things were once believed—what, for example, people in earlier centuries, such as the Middle Ages, believed. They did not merely believe that they would succeed in synthesizing protein from carbon, hydrogen, nitrogen, and so on; they believed something entirely different. Recall the lines in Goethe’s Faust where Wagner is about to create the homunculus; the belief that this was possible existed in the Middle Ages. People believed that, through the various procedures they carried out in the laboratory, they could create something out of external substances that was a tiny human being. This belief—that they could create a human being from external substances—did not, however, lead these people to deny the spirit. Therefore, the denial of the spirit today does not stem at all from the compulsion of objective facts, but rather from the inability [to grasp the spirit], to rise within one’s own inner soul to that mode of perception which recognizes the conditions necessary for acknowledging the spirit. One must also take such things into account; then one will understand what was meant by the statement that only those who know how to work within the substance of the soul—just as the natural scientist works within external substance—can grasp the life of the soul.

[ 20 ] Und Goethe war ein solcher, der in die Vorstellungen, die wir heute angeführt haben, tief hat hineinschauen können. Vor allen Dingen stand ihm vor Augen dieser Gegensatz zwischen der nachdenkenden und der vordenkenden Wahrheit. Und er prägte in einer wunderbaren, kleinen Dichtung, in seiner «Pandora», diesen Gegensatz schön aus.

[ 20 ] And Goethe was someone who was able to look deeply into the ideas we have discussed today. Above all, he was acutely aware of this contrast between reflective truth and proactive truth. And he beautifully articulated this contrast in a wonderful little poem, his “Pandora.”

[ 21 ] Diese «Pandora» ist 1807 entstanden; über sie ist viel Unsinniges geschrieben worden. Da haben die Leute gesagt: Das ist eben ein Goethe’sches Alterswerk, da stellt Goethe in Symbolen allerlei Begriffe dar. In einer Goethe-Ausgabe, von einem vielgerühmten deutschen Gelehrten, können Sie die Worte ungefähr lesen: Nun, was sagt uns denn das viel anderes, als dass wir uns von uns selber einen Begriff bilden können, dass der Mensch darstellt, was er sich von sich selber denkt. Goethe würde sich bedankt haben, so etwas der Welt vorzusetzen, was er «sich von sich selber gebildet» hat. Goethe selber hat sich selber einmal vielleicht in einer nicht höflichen, aber deutlichen Weise ausgesprochen über das Urteil der Menschen über seine Alterswerke.

[ 21 ] This “Pandora” was written in 1807; a great deal of nonsense has been written about it. People have said: “It’s simply a late work by Goethe, in which he uses symbols to represent all sorts of concepts.” In an edition of Goethe’s works, compiled by a much-praised German scholar, you can read something along these lines: Well, what does that tell us other than that we can form a concept of ourselves—that a person represents what he thinks of himself? Goethe would have been grateful not to have to present to the world something he had “formed of himself.” Goethe himself once expressed his views—perhaps in a manner that was not polite but was certainly clear—on people’s judgments of his later works.

[ 22 ] Wer «Pandora» [aufmerksam und unvoreingenommen] in die Hand nimmt [und auf sich wirken lässt], wird eines davon erkennen. Oh, es gibt nicht viele Werke, worinnen in solcher wunderbaren Durchführung stilgemäß gewertet ist, was den Inhalt bildet. Es ist dasjenige in diesem Werke, was man nennen kann die leichte künstlerische Hand. Lesen Sie «Pandora» und Sie werden, wenn Sie sie mit Ihrem Stilgefühl durchdringen, bewundern jene Leichtigkeit, mit der im Versbau, in der Diktion, überall alles auf die betreffende Person und Situation hin gestaltet ist. Da redet die eine Person in dieser Versform, die andere in einer anderen, in einem leichter fließenden Stil. Da ist alles leicht in dieser «Pandora». Gerade darin zeigt sich das Große, dass Goethe dieses Werk Fragment lassen musste. Selbst bei einem Goethe ist so eine gewaltige künstlerische Vollendung, wie sie in «Pandora» zutage tritt, nur möglich für Augenblicke. So war sie auch bei Goethe nur ausreichend für den Anfang der «Pandora»; aber dann erlahmte er; denn er war zu klein, um das Werk in der Größe weiterzuführen, von der er durchdrungen war als Künstler, als er den Anfang gestaltete. Das kann uns aber nicht beirren, das Große anzuerkennen, was in der «Pandora» vorhanden ist.

[ 22 ] Anyone who picks up “Pandora” [attentively and without prejudice] [and lets it sink in] will recognize one of these qualities. Oh, there are not many works in which the content is rendered in such a wonderfully stylized manner. It is that quality in this work that one might call a light artistic touch. Read “Pandora,” and if you immerse yourself in it with your own sense of style, you will admire the ease with which everything—in the verse structure, in the diction, everywhere—is shaped to suit the person and situation in question. One character speaks in this verse form, another in a different, more fluid style. Everything is light in this “Pandora.” It is precisely in this that the greatness lies—that Goethe had to leave this work as a fragment. Even for a poet of Goethe’s stature, such tremendous artistic perfection as is evident in “Pandora” is possible only for fleeting moments. Thus, even for Goethe, it was sufficient only for the beginning of “Pandora”; but then he lost momentum, for he was too limited to continue the work on the grand scale that had inspired him as an artist when he crafted the opening. Yet this should not prevent us from recognizing the greatness that exists in “Pandora.”

[ 23 ] Goethe hat sich wohl ausgesprochen über die Leute, die da sagen: Ja, was Goethe in der Jugend geschrieben hat, da kann man mitgehen, das ist alles voller dichterischer Ursprünglichkeit; aber was Goethe als Alter zusammenallegorisiert hat, das kann kein vernünftiger Mensch verstehen. Das war nämlich schon bei Goethes Lebzeiten so — nicht beim Faust, aber in Bezug auf die anderen Alterswerke — Goethe selber hat keineswegs den ersten Teil des «Faust», der so bewundert wird, aufs Höchste geschätzt. Er wusste, was er darauf verwandt hatte, um sich immer höher und höher zu entwickeln; er wusste in sich selber, wie hoch seine späteren Werke über seinen früheren stünden. Und da sagt er etwas unhöflich, aber deutlich:

[ 23 ] Goethe spoke quite plainly about those who say: “Yes, what Goethe wrote in his youth is easy to follow; it’s full of poetic originality; but what Goethe put together as allegories in his old age is something no reasonable person can understand.” That was already the case during Goethe’s lifetime—not with Faust, but with regard to his other works from his later years—Goethe himself by no means held the first part of Faust, which is so admired, in the highest regard. He knew what he had invested in it in order to develop himself higher and higher; he knew deep down how much higher his later works stood above his earlier ones. And so he says, somewhat bluntly but clearly:

Da loben sie den Faust
Und was noch sunsten
In meinen Werken braust
Zu ihren Gunsten.
Das alte Mick und Mack
Das freut sich sehr;
Es meint das Lumpenpack,
Man wär’s nicht mehr!

There they praise Faust
And whatever else
Rages in my works
In their favor.
Old Mick and Mack
Are very pleased;
The rabble thinks,
That they’re no longer there!

[ 24 ] Dieses Urteil verspürt man in seiner Berechtigung gegenüber den philiströsen Goethe-Beurteilern, die Goethe zu demjenigen machen, was sie eben selber sind — es kommt schon etwas Rechtes dabei heraus! Gerade in neuerer Zeit ist unser Publikum überschwemmt worden mit solchen Goethe-Deutern. [Sehen wir uns das Werk im Sinne unseres heutigen Themas näher an:] «Pandora» enthält in großem Stile das Problem vom nachdenklichen und vom vordenklichen Menschen — [Epimetheus gehört zu der ersteren, Prometheus zu der letzteren Art]. Zeus hat der sich fortentwickelnden Menschheit das Dasein nehmen wollen. Unter des Zeus Herrschaft wäre die Menschheit dem völligen Untergang geweiht gewesen. Prometheus tritt dem Zeus entgegen. Er bringt nach der Sage dem Menschen das Feuer, auch die Sprache, die Schrift. Er ist es dadurch, der den Menschen die Möglichkeit gibt, aus dem Zustand, in dem sie früher waren, wo das Ich dumpf unten brütete in der Empfindungsseele, heraufzukommen. Immer mehr und mehr zur Entfaltung des Ichs sollte der Mensch kommen. Es ist eine richtige Beobachtung, dass alles, was zum Beispiel mit dem Feuer zu tun hat, in irgendeinem Zusammenhang steht mit dem menschlichen Vordenken. Reisende beschrieben es, wie in Gegenden, in die sie gekommen sind, in denen sie sich Feuer gemacht haben, die Affen zum Beispiel gekommen sind und sich gewärmt haben, wie es den Affen aber gar nicht eingefallen ist, das Feuer selber zu schüren; das heißt, diese Tiere höchststehender Art bringen es nicht dahin, die Zukunft vorzudenken. [Diese höheren, dem Menschen am nächsten stehenden Tiere fühlten wohl das Angenehme des wärmenden Feuers, sie fühlten vielleicht auch in dumpfer Form eine Art von Gedanken, aber sie kamen trotzdem nicht dazu, den Gedanken so weit auszudenken, dass sie da Feuer durch Auflegen von Holz weiter unterhielten, noch viel weniger dazu weitere Nutzanwendung vorzudenken.] Gerade dadurch, dass der Mensch das Element des Feuers beherrscht, ist er fähig gemacht worden, sein Ich zum Ausgangspunkt des Vordenkens zu machen, [um dadurch allmählich sein Ich auf eine höhere Stufe in immer steigendem Maße hinaufzuführen].

[ 24 ] One senses the validity of this judgment in the face of the philistine critics of Goethe, who reduce him to what they themselves are—and there is indeed some truth to it! Especially in recent times, our audience has been inundated with such interpreters of Goethe. [Let us take a closer look at the work in light of our topic today:] “Pandora” addresses, on a grand scale, the problem of the reflective and the prescient human being—[Epimetheus belongs to the former type, Prometheus to the latter]. Zeus sought to destroy the evolving human race. Under Zeus’s rule, humanity would have been doomed to complete destruction. Prometheus stands up to Zeus. According to the legend, he brings fire to humanity, as well as language and writing. It is he who thereby gives humanity the opportunity to rise from the state in which they formerly existed, where the “I” lay dormant deep within the soul of sensation. Humanity was to progress more and more toward the unfolding of the “I.” It is a valid observation that everything related to fire, for example, is connected in some way to human foresight. Travelers have described how, in regions they visited where they had built fires, monkeys, for example, would come and warm themselves, yet it never occurred to the monkeys to stoke the fire themselves; that is to say, these animals of the highest order are not capable of thinking ahead into the future. [These higher animals, which are closest to humans, certainly felt the comfort of the warming fire; they may even have experienced a kind of thought in a vague form, but they nevertheless did not manage to carry the thought far enough to keep the fire going by adding wood, much less to anticipate further practical uses for it.] It is precisely because humans have mastered the element of fire that they have been enabled to make their “I” the starting point of forward thinking, [thereby gradually elevating their “I” to a higher level to an ever-increasing degree].

[ 25 ] So stellt uns Goethe in seiner «Pandora» die zwei Brüder entgegen, den Epimetheus und den Prometheus. Da steht der eine Bruder: Epimetheus. Sein Name besagt schon, dass er der Nachdenkende ist; er ist hingegeben demjenigen, was der Welt eingeprägt ist als Weisheit, denjenigen Gedanken, die als Wahrheit aufleuchten können in der menschlichen Seele. Er ist nicht bereit, etwas vorzudenken; er träumt in seiner Seele den Wahrheitstraum der Welt, der ein hinter der Weisheit der Welt als Wahrheit gedachter nachträglicher Traum ist. So Epimetheus. Prometheus dahingegen ist der anderen Einseitigkeit hingegeben; er will nichts wissen von dem Nachdenken der Weisheit. Er will nur von demjenigen wissen, was in der Seele des Menschen selber aufsprießt, um es zu verwirklichen.

[ 25 ] Thus, in his “Pandora,” Goethe presents us with the two brothers, Epimetheus and Prometheus. There stands one brother: Epimetheus. His very name indicates that he is the contemplative one; he is devoted to that which is imprinted on the world as wisdom—those thoughts that can shine forth as truth in the human soul. He is not inclined to think ahead; in his soul, he dreams the dream of the world’s truth, which is a subsequent dream conceived as truth behind the wisdom of the world. Such is Epimetheus. Prometheus, on the other hand, is devoted to the opposite extreme; he wants nothing to do with the contemplation of wisdom. He wants to know only of that which springs up within the human soul itself, in order to bring it to fruition.

Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat

A real man's true celebration is his actions

[ 26 ] — das ist Prometheus’ Ausspruch. [Er ist ein Mann der Tat, und diese ist es, in der er vor uns auftritt als Vordenker.] So sehen wir die beiden Gegensätze: den Epimetheus, den Nachdenker, und den Prometheus, den Vordenker. Das drückt Goethe in seiner «Pandora» schon in der Szenerie aus. Da haben wir auf der einen Seite den Wohnplatz des Prometheus. Alles, was da aufgebaut ist, sehen wir durch Menschenarbeit zustande gekommen. Es ist zwar roh, aber wir sehen es, dass es nirgends den Charakter der Natur trägt, nicht etwas draußen in der Natur abbildet; wir sehen nicht eine Schönheit der Natur nachgeahmt, roh und ungeschlacht ist es, aber als Menschenwerk steht es vor uns da. Dagegen tritt uns dasjenige, was auf der Seite des Epimetheus als sein Wohnsitz ist, als eine Szenerie entgegen, die aus den schönen Gestaltungen der Natur, aus Teilen der Natur zusammengestellt ist und sich in eine wunderbare Landschaft fortsetzt. Wir sehen selbst darin ausgeprägt das Nachdenken über die Natur und das Sich-Einrichten so, dass man nachlebt, was draußen vorgelebt ist. Als völlige Gegensätze in Bezug auf das Wahrheitsstreben erscheinen uns Epimetheus und Prometheus.

[ 26 ] — that is Prometheus’s saying. [He is a man of action, and it is in this capacity that he appears before us as a visionary.] Thus we see the two opposites: Epimetheus, the reflector, and Prometheus, the visionary. Goethe expresses this already in the setting of his “Pandora.” On the one hand, we have Prometheus’ dwelling. Everything built there is clearly the result of human labor. It is crude, to be sure, but we see that it bears no trace of nature’s character anywhere; it does not depict anything found out in nature. We do not see the beauty of nature imitated; it is crude and unrefined, yet it stands before us as a work of human hands. In contrast, what appears on Epimetheus’s side as his dwelling presents itself as a scene composed of nature’s beautiful forms—of elements of nature—and extending into a marvelous landscape. We see in it, too, a pronounced reflection on nature and a way of arranging oneself so as to live out what has been exemplified outside. Epimetheus and Prometheus appear to us as complete opposites in their pursuit of truth.

[ 27 ] In der griechischen Sage wird uns erzählt, dass Zeus sich rächen wollte für die Tat des Prometheus. [Durch Hephaistos ließ Zeus in kunstvoller, künstlerisch schöner Vollendung ein Frauenbild herstellen] — Pandora —, [diese belebte er]. Sie sollte den Menschen Gaben aus der Welt des Zeus bringen. [Nach ihrem Niedersteigen auf die Erde weist Prometheus das göttliche Wesen zurück, Epimetheus aber nimmt sie bei sich auf und macht die schöne Göttin zu seiner Gattin.] Die Sage erzählt, wie nun diese Pandora, die durch die Götter hergestellte Frau, [das von Zeus mitgegebene] Kästchen öffnet und wie da herausfliegen die Güter, die den Menschen eigentlich elend machen. Nur ein Gut bleibt darinnen: die Hoffnung. Damit sehen wir, dass in der Sage auch die Pandora etwas mit demjenigen zu tun hat, was für das menschliche Geschlecht der Vergangenheit angehört. Von der Zukunft hat die nachdenkende Menschheit von der Pandora nur die Hoffnung. Was sie sonst hat, wodurch die Menschen sich einrichten können, das ist überkommen aus der Vergangenheit.

[ 27 ] In Greek mythology, we are told that Zeus sought revenge for Prometheus’s deed. [Through Hephaestus, Zeus had a woman’s image crafted with exquisite, artistic beauty] — Pandora —, [whom he brought to life]. She was to bring gifts from Zeus’s realm to humankind. [After her descent to Earth, Prometheus rejects the divine being, but Epimetheus takes her in and makes the beautiful goddess his wife.] The myth recounts how this Pandora, the woman created by the gods, opens the box [given to her by Zeus] and how the blessings that actually bring misery to humankind fly out of it. Only one good remains inside: hope. Thus we see that, in the legend, Pandora, too, has something to do with that which belongs to the past for the human race. As for the future, reflective humanity has nothing from Pandora but hope. Everything else it possesses—the things by which people can organize their lives—has been inherited from the past.

[ 28 ] Diese Pandora tritt bei Goethe auch auf als die Gattin des Epimetheus. Aber wir sehen ganz klar, dass Goethe dasjenige, was äußere Handlung ist, hinaufsteigert in eine geistige Welt. Wir sehen die nachdenkende Seele des Epimetheus und sehen sie verbunden mit Pandora, das heißt, in dieser Seele des Epimetheus lebt das, was da draußen ausgebreitet ist in der Welt als Weisheit, was nachgedacht wird wie in einem Traum. Wunderbar ist die Charakteristik des Epimetheus, der nachträumt die Weisheit, die nichts anderes ist als Pandora selber, wenn sie personifiziert ist. Er fühlt sich unbefriedigt und schwach, dann lässt im weiteren Verlauf des Dramas Goethe den Prometheus, den Bruder, dem Epimetheus gegenübertreten. Da schwärmt Epimetheus von der [geliebten, aber auch entschwundenen, göttlichen] Pandora, von der allbegabten Pandora. Goethe zeigt uns, dass ihm durch diese Gestalt die Weltenweisheit durchleuchtet, die Weltenweisheit aber, wie sie vom Menschen im Nachdenken erfasst wird. Wie ist diese nachgedachte Wahrheit? Abstrakt, unschöpferisch ist sie, unproduktiv. Denken Sie sich einmal, dass wir in der Seele vereinigen könnten alles Wissen über die gesamte Welt; aber unproduktiv wäre dieses Wissen, wenn es nur ein nachgedachtes wäre. Wie etwas, das mit der ganzen Weltenweisheit begabt ist, aber unproduktiv ist, so ist die Gattin des Epimetheus, so ist Pandora. Prometheus, der keinen Sinn hat für diese Pandora, tritt dem Epimetheus gegenüber; während Epimetheus von dem herrlichen Haare der Pandora schwärmt, während er davon schwärmt, wie der Fuß sich schön bewegt — da sagt Prometheus: Oh, ich weiß, wie das zubereitet ist. [Ich weiß, wie Pandora vom Hephaistos, dem Schmied, hergestellt worden und vom Zeus belebt ist. Er denkt nur an das Entstehen der Göttin, nicht an die Schönheit des Gewordenen, Geschaffenen und daher gibt die sonst unproduktive Pandora bei ihm den Anstoß zur Produktivität. Und diese ist es, die als Reaktion bei ihm herauskommen kann.] Sie ist bei Pandora etwas mechanisch Zusammengestelltes, etwas, was nicht in die Tat übergehen kann; etwas, wogegen er geltend macht seinen Spruch:

[ 28 ] In Goethe’s work, this Pandora also appears as the wife of Epimetheus. But we can see quite clearly that Goethe elevates what is merely external action into a spiritual world. We see the contemplative soul of Epimetheus and see it connected to Pandora; that is to say, within this soul of Epimetheus lives what is spread out there in the world as wisdom, which is contemplated as if in a dream. The characterization of Epimetheus is marvelous: he dreams of wisdom, which is nothing other than Pandora herself when personified. He feels unsatisfied and weak; then, as the drama unfolds, Goethe has Prometheus, his brother, confront Epimetheus. There, Epimetheus raves about the [beloved, yet vanished, divine] Pandora, about the all-gifted Pandora. Goethe shows us that through this figure, the wisdom of the world shines through—but the wisdom of the world as it is grasped by human thought. What is this contemplated truth like? It is abstract, uncreative, and unproductive. Just imagine that we could unite within our soul all knowledge of the entire world; yet this knowledge would be unproductive if it were merely a product of thought. Just as something endowed with all the wisdom of the world yet unproductive—such is the wife of Epimetheus; such is Pandora. Prometheus, who has no appreciation for this Pandora, confronts Epimetheus; while Epimetheus raves about Pandora’s magnificent hair, while he raves about how beautifully her foot moves—then Prometheus says: Oh, I know how that came to be. [I know how Pandora was fashioned by Hephaestus, the blacksmith, and brought to life by Zeus. He thinks only of the goddess’s creation, not of the beauty of what has come into being, what has been created; and thus the otherwise unproductive Pandora sparks productivity within him. And it is this that can emerge as a reaction within him.] In Pandora, it is something mechanically assembled, something that cannot be put into action; something against which he asserts his saying:

Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat!

A real man's true celebration is action!

[ 29 ] Nun zeigt Goethe, wie entsprossen sind aus der Ehe zwischen Epimetheus und Pandora Elpore und Epimeleia: die Hoffnung und die Vorsorgliche. [Bei ihrem Fortgang hat Pandora das eine Töchterchen, Elpore, mit sich zu den Göttern genommen und die vom Epimetheus gewählte Epimeleia dem Vater zurückgelassen.] Diese zwei Töchter zeigen verschiedene Seiten von der Seelenart des Epimetheus, [besonders die Letztere in besonderer Stärke]. Die Hoffnung, [Elpore], ist dasjenige, was das Nachdenken sich allein in Bezug auf die Zukunft wehren kann. Derjenige, der ein vordenkender Mensch ist, sieht das in der Wirklichkeit entstehen, was er gedacht hat; derjenige, der ein nachdenkender Mensch ist, kann sagen: Ich erwarte von der Zukunft, dass dieses oder jenes geschehe; denn es geht nicht von ihm selber aus, was geschehen soll. Auf der anderen Seite steht Epimeleia, die andere Tochter da, die die Behütende des Vergangenen 1st.

[ 29 ] Goethe now shows how Elpore and Epimeleia—Hope and Prudence—sprang from the marriage between Epimetheus and Pandora. [When she departed, Pandora took one of her daughters, Elpore, with her to the gods and left Epimeleia, the one chosen by Epimetheus, behind with her father.] These two daughters reveal different aspects of Epimetheus’s character, [especially the latter, to a greater degree]. Hope [Elpore] is that which allows reflection to defend itself solely with regard to the future. A forward-thinking person sees what he has conceived come to pass in reality; the one who is a reflective person can say: I expect this or that to happen in the future; for what is to happen does not originate from him alone. On the other hand, there stands Epimeleia, the other daughter, who is the guardian of the past.

[ 30 ] Auch Prometheus hat einen Sprossen, den Phileros; denjenigen, der abstammt von diesem Ich-Menschen Prometheus, der der eigentliche Pfleger der menschlichen Ichheit ist. Aber schon im Sohne sehen wir die volle Einseitigkeit des bloßen Ichstrebens. Er will nun nicht mehr schaffen. [Er hält nicht aus, in nutzbringender andern denkender Tätigkeit.] Denn das hält nicht an, was sich als einseitiges Ichstreben nicht ergänzt durch Weisheit. Bei Prometheus ist dieses Ichstreben noch so vorhanden, dass es das ganze Wesen des Prometheus durchzieht. Im Sohne zeigt es sich so, dass es zu gleicher Zeit seine schädliche Seite zeigt. Der Sohn ist nicht bloß Hervorbringer, sondern Genießer dessen, was da ist. Dadurch ruft er Streit hervor. Er verwundet sogar [in seiner blinden Erregung] im Streite diejenige, die das Da-Seiende behütet, [die von ihm heiß geliebte] Epimeleia, die Tochter des Epimetheus.

[ 30 ] Prometheus, too, has a descendant, Phileros—the one who descends from this “I”-man Prometheus, who is the true guardian of human individuality. But even in the son, we see the complete one-sidedness of mere self-seeking. He no longer wishes to create. [He cannot endure engaging in useful, thought-filled activity for others.] For that which is merely one-sided “I”-striving, uncomplemented by wisdom, does not endure. In Prometheus, this “I”-striving is still present to the extent that it permeates his entire being. In the Son, it manifests in such a way that it simultaneously reveals its harmful side. The Son is not merely the creator but also the enjoyer of what exists. In this way, he provokes conflict. In the midst of the conflict, he even wounds [in his blind agitation] the one who safeguards what exists, [the one he loves dearly] Epimeleia, the daughter of Epimetheus.

[ 31 ] So stehen die Kräfte der menschlichen Seele, die nachdenkende und die vordenkende, in diesem Goethe’schen Drama einander gegenüber. [Und so bekämpfen sich diese Kräfte. Dadurch aber wird nichts erreicht; denn die Seelenkräfte erhöhen, verstärken sich nur durch harmonisches Zusammenwirken. Nur dadurch kann die Wahrheit erst ihre Mission im Menschen erfüllen.] Und wie im Drama die einzelnen Personen handeln, so geschieht es in der Seele. Und so, wie durch die Geisteswissenschaft der Mensch die Harmonie hervorbringen kann zwischen beiden Kräften der Seele, so sehen wir im Drama, nachdem zuerst die Morgenröte erscheint, voran verkündend den Frieden zwischen den verschiedenen Personen, das heißt Kräften der Seele, schließlich die Sonne aufgehen, das heißt die einzelnen Personen bzw. Kräfte der Seele sich versöhnen. Das will Goethe zeigen, dass zusammenwirken müssen vordenkende und nachdenkende Wahrheit, dass durch dieses harmonische Zusammenfließen die Wahrheit erst ihre eigentliche Mission erfüllen kann. Prometheus und Epimetheus müssen zusammenwirken im Menschen, das ist der große und gewaltige Grundgedanke der Goethe’schen «Pandora».

[ 31 ] Thus, in this drama by Goethe, the forces of the human soul—the reflective and the forward-thinking—stand in opposition to one another. [And so these forces battle each other. But this achieves nothing; for the soul’s forces are elevated and strengthened only through harmonious interaction. Only in this way can truth fulfill its mission within the human being.] And just as the individual characters act in the drama, so it happens within the soul. And just as, through spiritual science, human beings can bring about harmony between the two forces of the soul, so we see in the drama that, after the dawn first appears—heralding peace between the various characters, that is, the forces of the soul—the sun finally rises, meaning that the individual characters, or forces of the soul, are reconciled. This is what Goethe seeks to show: that forward-thinking and reflective truth must work together, and that only through this harmonious convergence can truth fulfill its true mission. Prometheus and Epimetheus must work together within the human being—this is the great and powerful central idea of Goethe’s Pandora.

[ 32 ] Goethe zeigt uns, wie dann zuletzt durch das Zusammenwirken der beiden Strömungen das wahre Heil des Menschen entsteht. Und Goethe zeigt uns auch, wie dasjenige, was er da dargestellt hat, bei ihm ein reifes Entwicklungsresultat ist. Da blickte Goethe zurück auf jene Zeit, in der er bloß einseitig die Prometheusnatur in sich selber ausgebildet hatte. 1774 hat der gewiss schon mit allen Goethe-Anlagen ausgestaltete, aber noch jugendlich unreife Goethe in seinem damaligen «Prometheus» diese einseitige Prometheus-Wahrheit als seine Überzeugung ausgesprochen, und sie strömt uns da entgegen. Und wenn wir heute mit einer gewissen Selbstbefriedigung hingewiesen finden auf diesen jugendlichen «Prometheus», als wenn er uns den ganzen Goethe gäbe, dann müssen wir sagen: Das ist nur eine einseitige Ausprägung Goethes selber. Goethe ist nicht stehen geblieben bei dem Vordenken; er fügte hinzu das seiner reifen Erkenntnis, das Nachdenken. Nein, nicht bloß das Vorgedachte, nicht bloß das, was ablehnt alle Weisheit, nicht nur das Vordenkende, das alles Nachdenkende abweist, sondern das Zusammenfließen beider allein kann die Mission der Wahrheit begründen.

[ 32 ] Goethe shows us how, ultimately, the true salvation of humankind arises from the interplay of these two currents. And Goethe also shows us how what he has portrayed there is, in his own case, the result of a mature process of development. There, Goethe looked back on that time when he had developed only the Promethean nature within himself in a one-sided way. In 1774, the young Goethe—certainly already endowed with all of Goethe’s innate qualities but still immature—expressed this one-sided Promethean truth as his conviction in his “Prometheus” of that time, and it flows out toward us from those pages. And when we find ourselves today being directed with a certain self-satisfaction toward this youthful “Prometheus,” as if it were the whole of Goethe, then we must say: This is only a one-sided manifestation of Goethe himself. Goethe did not remain stuck at the stage of “pre-thinking”; he added to it the insight of his maturity, namely, “reflection.” No, not merely what was pre-conceived, not merely that which rejects all wisdom, not only the pre-thinking that rejects all reflection—but the convergence of both alone can establish the mission of truth.

[ 33 ] Dass Goethe in seiner Jugend auf einseitigem Standpunkt gestanden hat, können wir noch entnehmen aus etwas anderem. Er erinnert sich nicht an das Wort im ersten Teil des «Faust», wo Faust darangeht, die Bibel zu übersetzen. Da sehen wir, wie Faust an die Bibel herantritt und das richtige Wort «Im Anfang war das Wort» ersetzen will durch ein anderes: «Im Anfang war die Tat.» Dies will er mehr in die Bibel hineintragen als jugendlicher Mensch; das war nicht Goethes letzte Meinung. Es sollten aufhören die Menschen, darinnen den ganzen Goethe zu sehen. Goethe hat in der Jugend diesen Prometheus-Standpunkt wohl gepflegt, aber er hat später deutlich gezeigt, wie er darüber hinausgeschritten ist, wie er später wusste, dass zu demjenigen, was vorgedachte Tat ist, um den Menschen gesund zu entwickeln, das Wort, das heißt der Abglanz der von den Weltengeistern der Welt eingeprägten Weisheit, treten muss. Daher fügt Goethe in seiner «Pandora» aus seiner Totalität heraus seinem jugendlichen Standpunkt erweiternd hinzu:

[ 33 ] We can infer from another source that Goethe held a one-sided viewpoint in his youth. He does not recall the line in the first part of Faust where Faust sets out to translate the Bible. There we see how Faust approaches the Bible and wants to replace the correct phrase “In the beginning was the Word” with another: “In the beginning was the deed.” This is what he wanted to bring into the Bible as a young man; that was not Goethe’s final view. People should stop seeing the entirety of Goethe in this. Goethe may well have held this Promethean viewpoint in his youth, but he later clearly demonstrated how he had moved beyond it, how he later realized that, in order for humanity to develop healthily, the Word—that is, the reflection of the wisdom imprinted on the world by the world spirits—must accompany that which is premeditated action. Therefore, in his “Pandora,” drawing from his totality of thought and expanding upon his youthful viewpoint, Goethe adds:

Gleich vom Himmel
Senkert Wort und Tat sich segnend nieder,
Gabe senkt sich, ungeahnet vormals.

Straight from heaven
Blessed words and deeds descend,
A gift descends, previously unimagined.

[ 34 ] Das heißt, er meint, ungeahnt von ihm selber vormals, da er noch geglaubt hat, das Johannesevangelium an dieser Stelle verbessern zu müssen, die Stelle «Im Anfang war das Wort» ersetzen zu müssen durch «Im Anfang war die Tat». Tat wird für Goethe das Wort, das ausdrückt den Charakter des Vordenklichen. Wort das andere, die aufleuchtende Weltenweisheit. Daher sagt Goethe in «Pandora»:

[ 34 ] That is to say, he believes—unbeknownst to himself at the time, when he still thought he had to correct the Gospel of John at this point—that the phrase “In the beginning was the Word” must be replaced with “In the beginning was the Deed.” For Goethe, “deed” becomes the “Word” that expresses the character of the pre-conceptual. The “Word” is the other—the illuminating wisdom of the world. That is why Goethe says in “Pandora”:

Was zu wünschen ist, ihr unten fühlt es;
Was zu geben sei, die wissen’s droben.
Groß beginnet ihr Titanen; aber leiten
Zu dem ewig Guten, ewig Schönen,
Ist der Götter Werk; die lasst gewähren.

What is to be desired, you down below feel it;
What is to be given, they up above know.
Greatly you Titans begin; but guiding
Toward the eternally good, the eternally beautiful,
Is the work of the gods; let them take their course.

[ 35 ] So ergänzt Goethe seinen jugendlichen PrometheusStandpunkt in der richtigen, harmonischen Weise durch den Epimetheus-Standpunkt, vorzeigend uns dasjenige, was Gesinnung und Gesinnungstreue wahrer Theosophie sein soll. So zeigt uns Goethes Vorbild die Mission der Wahrheit im eigenen menschlichen Innern.

[ 35 ] In this way, Goethe complements his youthful Promethean perspective in a fitting and harmonious manner with the Epimethean perspective, showing us what the spirit and steadfastness of true theosophy should be. Thus, Goethe’s example reveals to us the mission of truth within our own human hearts.

[ 36 ] Die Wahrheit haben Sie heute erkannt als Erzieherin des Menschen. Sie haben gesehen, dass die Wahrheit etwas Persönlichstes ist und zugleich etwas Unpersönliches; etwas, was den Menschen zum Ich-Menschen macht, und etwas, was wiederum das Ich mit allen anderen Wesen zusammenführt. Sie haben gesehen, dass das Ich auf seinen zwei Seiten so stark ist, dass es noch auf der einen Seite seinen selbstlosen Charakter im Epimetheus’schen Wahrheitselement und auf der anderen Seite seinen selbstischen Charakter im Prometheuscharakter ausprägt; und Sie haben gesehen, dass es möglich ist, Harmonie zu stiften zwischen beiden in der geisteswissenschaftlichen Wahrheit, die die beiden umfasst, die den Willen hinaufführt zur Weisheit, die die Weisheit herunterführt und als Licht gelten lässt, zu durchleuchten den Willen selber.

[ 36 ] Today, as an educator of humanity, you have recognized the truth. You have seen that the truth is something deeply personal and, at the same time, something impersonal; something that makes a person a self-aware individual, and something that, in turn, unites the self with all other beings. You have seen that the “I” is so strong in its two aspects that it expresses, on the one hand, its selfless character in the Epimethean element of truth and, on the other hand, its self-centered character in the Promethean character; and you have seen that it is possible to bring about harmony between the two within the spiritual-scientific truth that encompasses both, which leads the will upward toward wisdom, which brings wisdom down and allows it to shine as light, illuminating the will itself.

[ 37 ] So sehen wir, dass die Wahrheit zwar auf einer Mittelstufe nachgibt dem starken Menschen-Ich, dass sie aber in ihrer Vollendung doch wiederum die große Mission erfüllt, das Ich immer höher und höher zu gestalten. Die Wahrheit hat diese Mission, die größte Erzieherin des menschlichen Ichs zu sein, zu gleicher Zeit zur starken Innerlichkeit im Vordenken zu führen und zur starken Selbstlosigkeit im Nachdenken.

[ 37 ] Thus we see that, while truth may yield to the strong human ego at an intermediate level, in its fullness it nevertheless fulfills the great mission of shaping the ego ever higher and higher. Truth has this mission: to be the greatest educator of the human “I,” guiding it simultaneously toward strong inner focus in forward-thinking and toward strong selflessness in reflection.

[ 38 ] So ist die Wahrheit diejenige Kraft, welche die stärkste Mission hat, welche das Ich von Stufe zu Stufe hinaufführt, die Seele immer vollkommener und vollkommener macht. Und das sehen wir an dem Standpunkt, den Goethe selber gegenüber der Wahrheit eingenommen hat, nicht achtend irgendeine frühere Stufe, hinzufügend das notwendige Epimetheus-Element dem Prometheus-Element. Und ein wirkliches Vorbild eines nach Wahrheit strebenden Menschen, das ist Goethe gerade da, wo wir ihn so intim belauschen, wo wir ruhig zugeben: Gerade dadurch, dass wir sehen, er ist immer reifer und reifer geworden, dadurch können wir uns an ihm hinaufranken; dadurch ist er der Große, der uns die hoffnungsvollen Wege im Wahrheitsstreben zeigt. Und da fühlen wir dieses Streben so in uns, dass es uns mit gesunder Kraft erfüllt, dass es uns stärker und selbstloser macht. Wir fühlen, dass dagegen jener Satz verstummt, der da sagen will, die Wahrheit hänge bloß vom Standpunkt ab.

[ 38 ] Thus, truth is the force with the most powerful mission—one that leads the self from stage to stage, making the soul ever more perfect. And we see this in the stance that Goethe himself took toward the truth, disregarding any earlier stage and adding the necessary Epimetheus element to the Prometheus element. And Goethe is a true role model of a person striving for truth—precisely where we listen to him so intimately, where we calmly admit: It is precisely because we see that he has become ever more mature that we can climb upward by clinging to him; this is what makes him the great one who shows us the hopeful paths in the pursuit of truth. And there we feel this striving so deeply within us that it fills us with wholesome strength, making us stronger and more selfless. We feel that, in contrast, that statement—which claims that truth depends merely on one’s point of view—falls silent.

[ 39 ] Dann aber wiederum wenden wir uns Goethe zu und lassen eine andere Stimmung über uns kommen. Bei allem Ernst des Wahrheitsstrebens darf uns niemals jenes andere gesundende Element verlassen, das uns sagt: Wenn du glaubst, irgendeine Stufe der Wahrheit erreicht zu haben, irgendetwas erkannt zu haben, vermöge es auch, dir auf der anderen Seite zu sagen: Du musst auch über dasjenige, worüber du glaubst, schon entschieden zu haben, den Willen haben zu forschen; du musst dir keiner Wahrheit gegenüber sagen, dass sie ganz unfehlbar sein könnte, du musst danach streben, selbst in Bezug auf dasjenige, was du als Wahrheit schon erkannt hast, sie in noch viel wahrerer Gestalt vor deine Seele treten zu lassen. Wenn wir Ernst und Würde fühlen im Streben nach Wahrheit, so fühlen wir auch einen ernsten, würdigen Humor mit, der auf der anderen Seite wiederum so schön korrigiert, was uns als Hochmut das Wahrheitsgefühl einimpfen könnte. Wir fühlen dann auch das andere, was Goethe immer sagte, wenn er in Gefahr war, die eine Wahrheit zu fest zu halten: Oh, das Nachgedachte könnte nur ein Trug sein, das Vorgedachte könnte etwas sein, was sich nicht ausführbar zeigt. Ja, fühlen wir auch das als ein Korrigierendes unserem Wahrheitshochmut gegenüber, als eine Anspannung unseres Ernstes, unserer Würde im Wahrheitsstreben! Fühlen wir das Goethe-Wort

[ 39 ] But then, in turn, we turn to Goethe and allow a different mood to wash over us. Amid all the seriousness of the quest for truth, we must never lose sight of that other, healing element that tells us: Even if you believe you have reached some level of truth, or come to understand something—even if it is capable of telling you, on the other hand: You must also have the will to investigate even that which you believe you have already decided upon; you must not tell yourself, with regard to any truth, that it could be entirely infallible; you must strive, even with regard to that which you have already recognized as truth, to allow it to appear before your soul in an even truer form. When we feel seriousness and dignity in the pursuit of truth, we also sense a serious, dignified sense of humor, which, in turn, so beautifully corrects whatever arrogance our sense of truth might instill in us. We then also feel what Goethe always said when he was in danger of clinging too tightly to a single truth: Oh, what has been thought after the fact might be nothing but a delusion; what was thought beforehand might be something that proves impossible to carry out. Yes, let us also feel this as a corrective to our arrogance regarding truth, as a tension within our seriousness and dignity in the pursuit of truth! Let us feel Goethe’s words:

Ganz und gar
Bin ich ein armer Wicht.
Meine Träume sind nicht wahr,
Und meine Gedanken geraten nicht.

Utterly and completely
I am a poor little thing.
My dreams aren't real,
And my thoughts go nowhere.

[ 40 ] Wenn wir das fühlen können, dann werden wir zurechtkommen gegenüber unserem hohen Ideale der Wahrheit.

[ 40 ] If we can feel that, then we will be able to live up to our high ideal of truth.