Truths and Errors in Spiritual Research
GA 69a
24 February 1911, Zurich
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Truths and Errors in Spiritual Research, tr. SOL
1. Geisteswissenschaft und Menschenzukunft
1. The Humanities and the Future of Humanity
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Geisteswissenschaft, oder wie man in den letzten Jahrzehnten gewohnt worden ist, sie zu nennen, «Theosophie», ist in den weitesten Kreisen entweder unbeliebt, oder man kann wohl auch sagen unbekannt. Mit Ausnahme eines kleinen Kreises unserer Zeitgenossen – und klein muß dieser Kreis heute genannt werden, der sich intensiv mit dieser Geisteswissenschaft beschäftigt – kann man wohl mancherlei Urteile, mancherlei Kritik über diese Geisteswissenschaft hören, aber im Grunde genommen wenig von einem wahrhaften und ernsten Eindringen in dieselbe. Man weiß in den Kreisen unserer Gebildeten der Gegenwart recht wenig davon, daß dieser kleine Kreis sich in ernstester Art und in ganz wissenschaftlichem Sinne mit den Fragen des geistigen Lebens befaßt, mit Fragen, die sozusagen von den elementarsten Erscheinungen dieses Geisteslebens ausgehen und dann hinaufgehen bis zu den höchsten Fragen, welche die Menschenseele sich stellen kann, den Fragen nach Tod und Leben, nach der Entwicklung der gesamten Menschheit, Fragen selbst nach der Entwicklung unseres Planeten oder des Planetensystems. Und schon, wenn man in unserer Gegenwart von einer Beschäftigung mit solchen Fragen hört, dann faßt man in weitesten Kreisen ein Vorurteil gegenüber diesen Bestrebungen, ein Vorurteil, durch das man sich sogar berechtigt glaubt, sich nicht weiter einzulassen auf solche Zeitströmungen. Denn was, so meint man, kann man dahinter schon vermuten? Irgendeine doch größtenteils auf dilettantischen Vorstellungen fußende Sekte. – Davon weiß man eben wenig, daß die Menschen, die zu dieser angeblichen Sekte gehören, das heißt zu den genannten Kreisen gehören, mit wissenschaftlichem Ernst und mit wissenschaftlicher Gründlichkeit die ungeheuren Fragen studieren nach Methoden und Quellen, die eben den weitesten Kreisen unserer gegenwärtigen Gebildeten ganz unbekannt sind. Und man ahnt nicht, daß es ungefähr ebensoviel Sinn hat, von Theosophie oder Geisteswissenschaft als von etwas Sektiererischem zu reden, wie wenn man die Chemie oder die Botanik der Gegenwart etwas Sektiererisches nennen würde. Denn man glaubt ja freilich, echte wissenschaftliche Methoden seien diesen Fragen gegenüber überhaupt nicht möglich, man glaubt aber auch, solche Bestrebungen leichthin aburteilen zu können, sozusagen aus einem populären Wissen heraus. Man gibt heute zwar zu, daß man, sagen wir in der Chemie oder Botanik Vorstudien machen muß, zu den Quellen gehen muß, [um etwas davon zu verstehen], aber man gibt nicht zu, daß es notwendig oder auch nur möglich sei, in bezug auf die höchsten Fragen des Geisteslebens der Menschheit es ebenso zu machen. Allerdings ist man im Falle der Geisteswissenschaft noch in einer anderen Lage als gegenüber der Chemie oder Botanik. Diese Wissenschaften behandeln Dinge und Fragen, welche Spezialitäten des Lebens betreffen, und man kann mit dem, was sie einem geben, innerhalb dieser speziellen Verhältnisse des Lebens Gebrauch machen. Von dem aber, was aus wissenschaftlicher Gründlichkeit heraus auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft heute getrieben wird und wovon diejenigen, welche es treiben, nicht nur die Hoffnung, sondern auch die Zuversicht haben, daß sie für die Menschenzukunft große Bedeutung haben, von dem muß man sagen, daß es eine einschneidende Wichtigkeit hat für unsere gesamte Lebenspraxis, für die Sicherheit, Festigkeit und die Zuversicht unseres ganzen Lebens.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! Spiritual science—or, as it has come to be called in recent decades, “theosophy”—is either unpopular or, one might even say, unknown in the broadest circles. With the exception of a small circle of our contemporaries—and this circle must indeed be called small today, as it is intensively engaged with this spiritual science—one may well hear all manner of opinions and criticisms regarding this spiritual science, but, when it comes down to it, little that reflects a genuine and serious engagement with it. Among the educated circles of our time, very little is known about the fact that this small group is engaged in the most serious and thoroughly scientific manner with the questions of spiritual life—questions that, so to speak, begin with the most elementary phenomena of this spiritual life and then ascend to the highest questions the human soul can ask: questions about life and death, about the evolution of all humanity, questions even regarding the evolution of our planet or the planetary system. And as soon as one hears in our time of an engagement with such questions, people in the broadest circles form a prejudice against these endeavors—a prejudice that even leads them to believe they are justified in refusing to engage further with such contemporary trends. For what, they ask, can one possibly suspect lies behind this? Some sect based largely on amateurish notions. — People simply know little about the fact that the individuals who belong to this alleged sect—that is, to the circles in question—study these immense questions with scientific seriousness and thoroughness, using methods and sources that are entirely unknown to the broadest circles of our educated public today. And one has no idea that it makes about as much sense to speak of theosophy or spiritual science as something sectarian as it would to call modern chemistry or botany something sectarian. For people certainly believe that genuine scientific methods are not at all possible when it comes to these questions, yet they also believe they can readily dismiss such endeavors, so to speak, based on popular knowledge. People today do admit that, say, in chemistry or botany, one must conduct preliminary studies and go to the sources [to understand anything about them], but they do not admit that it is necessary—or even possible—to do the same with regard to the highest questions of humanity’s spiritual life. However, in the case of spiritual science, one is in a different situation than with chemistry or botany. These sciences deal with things and questions that pertain to specific areas of life, and one can make use of what they provide within these specific contexts of life. But as for what is being pursued today in the field of spiritual science out of scientific rigor—and regarding which those who pursue it have not only hope but also confidence that it will be of great significance for humanity’s future—one must say that it has a profound importance for our entire way of life, for the security, stability, and confidence of our whole existence.
[ 2 ] Wenn man nun die Frage nach der Bedeutung dieser Geisteswissenschaft für die Zukunft ins Auge faßt, so ist es natürlich notwendig, zunächst mit einigen Worten hinzuweisen auf das ganze Wesen dieser Geisteswissenschaft. Es ist das notwendig, obschon ich schon mehrmals die Ehre hatte, auch in dieser Stadt gerade über diese Fragen und über die Methode der Geisteswissenschaft zu sprechen. Wenn heute von Wissenschaft die Rede ist, dann hat man doch im Grunde genommen die Wissenschaft im Auge, welche aufgebaut ist auf der Beobachtung unserer Sinne und auf all dem, was mit Hilfe des Verstandes, der an das äußere Instrument des Gehirns gebunden ist, gewonnen werden kann. Und es entsteht immer die Frage in bezug auf die höchsten Gebiete des Daseins, inwieweit man mit einer solchen Wissenschaft eindringen kann in diese Gebiete, die uns etwas sagen über die Fragen: Wie ist das Wesen des Lebens? Wie ist das Wesen des Todes? Welches ist das Wesen der Menschheit überhaupt und ihrer Entwicklung?
[ 2 ] When we now consider the question of the significance of this spiritual science for the future, it is, of course, necessary to begin by saying a few words about the very nature of this spiritual science. This is necessary, even though I have already had the honor on several occasions of speaking in this very city about precisely these questions and about the method of spiritual science. When people speak of science today, they essentially have in mind the kind of science that is based on the observations of our senses and on everything that can be gained with the help of the intellect, which is bound to the external instrument of the brain. And the question always arises, with regard to the highest realms of existence, to what extent such a science can penetrate these realms, which tell us something about the questions: What is the nature of life? What is the nature of death? What is the nature of humanity in general and of its development?
[ 3 ] Geisteswissenschaft macht nun geltend – und zwar nicht dadurch, daß sie das einfach behauptet, sondern dadurch, daß sie sorgfältig betriebene Einzeluntersuchungen gibt, die sich dann zusammensetzen zu einem umfassenden Wissen –, sie macht geltend, daß es nicht nur eine äußere Wissenschaft gibt, die gebunden ist an eine ganz bestimmte Stufe des menschlichen Erkenntnisvermögens, sondern daß dieses Erkenntnisvermögen des Menschen selber entwicklungsfähig ist, so daß wir, wenn wir nur wollen, ein höheres Erkenntnisvermögen entfalten können als dasjenige, was in der sinnlich-physischen Welt mit den Sinnen beobachtet und durch den an das Gehirn gebundenen Verstand begreift.
[ 3 ] The humanities now assert—not simply by claiming so, but by presenting carefully conducted individual studies that, when taken together, form a comprehensive body of knowledge—that that there is not only an external science bound to a very specific stage of human cognitive capacity, but that this human cognitive capacity itself is capable of development, so that, if we so desire, we can develop a higher cognitive capacity than that which observes the sensory-physical world through the senses and comprehends it through the intellect bound to the brain.
[ 4 ] So wie die Wissenschaft der Gegenwart auf das Experiment hinweist, auf Versuche mit äußeren, mechanischen Mitteln, so weist die Geisteswissenschaft hin auf einen Versuch, der einzig und allein mit den Mitteln unserer Seele selbst angestellt werden kann. Unsere Seele verhält sich im normalen Leben in der Welt in einer ganz bestimmten Art. Aber diese Art kann verändert werden, und diese Veränderung ruft die Möglichkeit hervor, daß wir an die Geisteswelt ebenso Fragen stellen können, wie wir an die Naturerscheinungen und ihren Verlauf Fragen stellen durch das Experiment. Nicht mit äußeren Versuchen und Werkzeugen können wir eindringen in die Geisteswelt, wohl aber dadurch, daß wir in unserer Seele Kräfte erwecken, die sonst schlummern, die sonst in dieser Seele, wenn wir wissenschaftlich sprechen wollen, latent sind. Es gibt ganz bestimmte Seelenübungen – sie können hier nur angedeutet werden und sind ausführlich besprochen in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» –, intime Verrichtungen unserer Seele, die geeignet sind, unseren inneren Willen in hohem Maße zu stärken, so daß wir in den Stand gesetzt werden, einen Inhalt in unserer Seele oder durch unsere Seele wahrzunehmen, wo wir im sogenannten normalen Leben sonst keinen Inhalt wahrnehmen. Wir erleben dann durch solche Seelenübungen Momente, welche sich zwar vergleichen lassen mit dem Einschlafen des Menschen, aber die doch im Grunde genommen etwas durchaus anderes sind.
[ 4 ] Just as contemporary science points to experimentation—to experiments using external, mechanical means—so spiritual science points to an experiment that can be conducted solely through the means of our own soul. In our normal life in the world, our soul behaves in a very specific way. But this way of behaving can be changed, and this change creates the possibility that we can pose questions to the spiritual world just as we pose questions to natural phenomena and their course through experimentation. We cannot penetrate the spiritual world through external experiments and tools, but we can do so by awakening powers within our soul that otherwise lie dormant—powers that, to speak scientifically, are latent within the soul. There are very specific spiritual exercises—they can only be briefly mentioned here and are discussed in detail in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* —intimate activities of our soul that are suited to strengthening our inner will to a high degree, so that we are enabled to perceive a content within our soul or through our soul where we would otherwise perceive no content in so-called normal life. Through such soul exercises, we then experience moments that, while comparable to a person falling asleep, are in fact something entirely different.
[ 5 ] Was erleben wir zunächst – bloß für die Beobachtung –, wenn der Mensch vom wachen Zustand in den Zustand des Schlafes übergeht? Da erleben wir, wenn wir nur die äußere Beobachtung zu Rate ziehen, das Verdunkeln der äußeren Eindrücke; die äußeren Eindrücke hören endlich ganz auf, sie schwächen sich immer mehr und mehr ab, und endlich, nachdem alle Lust und alles Leid, alle Leidenschaften, Triebe und Begierden zum Schweigen gebracht sind, breitet sich in der Seele das aus, was wir gewöhnlich Bewußtlosigkeit nennen. Da zeigt jene Methodik, auf die sich die Geisteswissenschaft beruft, daß wir in diesem Falle des Einschlafens nur aus dem Grunde von Bewußtlosigkeit reden müssen, weil wir beim Aufhören aller äußeren Eindrücke nicht mehr imstande sind, im Innern unserer Seele so starke Kräfte zu entwickeln, daß diese Seele ihre eigene Wesenheit fühlt und somit auch sich in ein Verhältnis setzen kann zu ihrer Umwelt, in der sie sich dann befindet und die geistig ist. Wenn nun der Mensch einen ganz bestimmten Gedankeninhalt, eine ganz bestimmte Empfindungswelt auf seine Seele wirken läßt, dann wird er fähig, auch dann noch in seiner Seele sich als ein Wesen zu fühlen, wenn alle äußeren Eindrücke schweigen. Er ist dann in der Lage wie der Einschlafende und doch wieder radikal davon verschieden. Er ist dann fähig, bewußt und durch den Willen alle äußeren Eindrücke auszuschließen und auch alles, was sonst in wachem Zustande zu uns spricht durch Sinne und Verstand, und dennoch nicht bewußtlos zu sein, sondern aufleuchten zu lassen in der Seele den vollen Inhalt des Seelenlebens.
[ 5 ] What do we experience at first—merely for the sake of observation—when a person transitions from a waking state to a state of sleep? If we rely solely on external observation, we experience the dimming of external impressions; the external impressions eventually cease entirely, growing weaker and weaker, and finally, after all pleasure and suffering, all passions, drives, and desires have been silenced, what we usually call unconsciousness spreads throughout the soul. Here, the methodology upon which spiritual science is based shows that in this case of falling asleep, we must speak of unconsciousness solely because, when all external impressions cease, we are no longer able to develop forces within our soul strong enough for that soul to sense its own essence and thus relate to the environment in which it then finds itself—an environment that is spiritual. Now, when a person allows a very specific thought content, a very specific world of sensations, to act upon his soul, he becomes capable of still feeling himself as a being within his soul even when all external impressions have ceased. He is then in a state similar to that of someone falling asleep, and yet radically different from it. He is then able, through conscious will, to exclude all external impressions—as well as everything that otherwise speaks to us through the senses and intellect while we are awake—and yet not to be unconscious, but rather to allow the full content of soul life to shine forth within the soul.
[ 6 ] Die Seelenübungen können hier nur angedeutet werden. Mit dem, was wir als gewöhnliche Vorstellungen im Alltag haben, erreichen wir niemals irgendeine Möglichkeit, solche starken Kräfte zu entwickeln. Alle Vorstellungen, die wir im Wachzustand über unsere Welt, sei es des gewöhnlichen Lebens, sei es auch der sublimsten Wissenschaft, haben, sind ungeeignet, die in der Seele schlummernden Kräfte zu erwecken. Eine ganz andere Art von Vorstellungen ist notwendig, um jene Kräfte in unserer Seele in Bewegung, in Lebendigkeit zu bringen; wir können sie symbolische Vorstellungen nennen, wir können, sagen wir, ein Bild so auf uns wirken lassen, daß wir keine äußeren Eindrücke in unsere Seele hereinlassen, unsere Erinnerung zum Schweigen bringen, die Seele gleichsam losmachen und an eine Rose oder irgend etwas anderes denken, und dieses Sinnbild lasse ich in meiner Seele lebendig werden als einzige Vorstellung, der ich mich hingebe. Das ist nicht geeignet, uns gewöhnliche, physische Wahrheiten zu überliefern, auf welche die Mehrzahl der heutigen Menschen den meisten Wert legt, wohl aber ist es geeignet, wie ein Keim in unserer Seele zu wirken. Wie ein Pflanzenkeim, der in die Erde gesenkt wird, seine Wurzeln nach allen Seiten sendet, so sendet diese Bildvorstellung ihre verschiedenen Verzweigungen in das ganze Leben unserer Seele hinein, und diese Vorstellung wächst in uns. Allerdings, wenn wir solche intime Seelenübungen machen wollen, muß unser Seelenleben einen festen Halt haben; wir dürfen keine träumerischen, phantastischen, konfusen Naturen sein. Wir müssen ganz genau wissen, was wir tun und uns Rechenschaft geben, daß wir eine solche Bildvorstellung in unserer Seele haben.
[ 6 ] The spiritual exercises can only be briefly touched upon here. With the ordinary concepts we hold in everyday life, we will never be able to develop such powerful forces. All the concepts we have in the waking state about our world—whether in ordinary life or even in the most sublime science—are unsuitable for awakening the forces that lie dormant in the soul. A completely different kind of concept is necessary to set those forces in our soul in motion, to bring them to life; we can call them symbolic ideas; we can, let’s say, allow an image to take effect on us in such a way that we do not let any external impressions into our soul, silence our memory, detach the soul, as it were, and think of a rose or something else, and let this symbol come alive in my soul as the sole idea to which I surrender myself. This is not suited to conveying to us the ordinary, physical truths to which the majority of people today attach the greatest value; but it is certainly suited to acting like a seed within our soul. Just as a plant seed, when sown in the earth, sends its roots in all directions, so this mental image sends its various branches into the entire life of our soul, and this image grows within us. However, if we wish to engage in such intimate spiritual exercises, our inner life must have a firm foundation; we must not be dreamy, fanciful, or confused in nature. We must know exactly what we are doing and be fully aware that we are holding such a mental image within our soul.
[ 7 ] Versuchen wir uns zum Beispiel drei Fälle vorzustellen von solchen Taten, die im Leben bezeichnet werden als Taten des Mitleids, und suchen wir aus dem Vergleich [dieser Taten] uns nicht eine Gesamtvorstellung, sondern eine Gesamtempfindung zu bilden über das Mitleid; suchen wir jetzt alles zu vergessen, was Taten des Mitleids in unserer Welt sind, und lediglich diesen Impuls in unserer Seele tätig sein zu lassen – dann haben wir eine solche Empfindung, von der wiederum die Wurzeln ausgehen zu einem reichen, vollen Inhalt der Seele. Dadurch kommen wir allmählich dazu, jenen Moment zu erreichen, der sich vergleichen läßt mit dem Einschlummern, und der doch wieder radikal davon verschieden ist. Hinuntersinken müssen die Alltagseindrücke, alle Erlebnisse des Tages, Lust und Leid, Freude und Schmerz, auch alle Gedanken und Ideen des Tages. Derjenige, der ein Geistesforscher werden will, muß imstande sein, dadurch, daß er seinen Willen so ausgebildet hat, wie es durch solche rein innerliche Erlebnisse geschieht, auszuschließen alle äußeren Eindrücke und das herzustellen, was die Seele erlebt, wenn der Körper im Zustande der Bewußtlosigkeit ist. Dann werden Seelenzustände geschaffen, in denen ganz andere Bewußtseinszustände vorhanden sind, wo die Seele ganz anders sich zur Außenwelt stellt, wo es für die Seele wie für einen Blindgeborenen ist, der bisher keine Farben gesehen hat und dann nach einer Operation Farben und Formen sieht. In diesem hellsichtigen Zustand sieht er etwas anderes als das, was ihn sonst in der physischen Welt umgibt; er empfängt neue Eindrücke, Eindrücke aus der Geisteswelt, die unserer physisch-sinnlichen Welt zugrundeliegt.
[ 7 ] Let us, for example, try to imagine three instances of such acts, which in life are referred to as acts of compassion, and let us seek, through a comparison of [these acts], not to form a comprehensive concept but rather a comprehensive sense of what compassion is; let us now try to forget everything that constitutes acts of compassion in our world, and simply allow this impulse to be at work in our soul—then we will have a sensation from which, in turn, roots extend to a rich, full content of the soul. Through this, we gradually come to reach that moment which can be compared to falling asleep, and yet is radically different from it. The impressions of everyday life—all the day’s experiences, pleasure and suffering, joy and pain, as well as all the day’s thoughts and ideas—must sink away. Anyone who wishes to become a spiritual researcher must be able—by training their will through such purely inner experiences—to exclude all external impressions and to bring about what the soul experiences when the body is in a state of unconsciousness. Then states of the soul are created in which entirely different states of consciousness exist—states in which the soul relates to the external world in a completely different way, as if the soul were like a person born blind who has never seen colors before and then, after an operation, sees colors and shapes. In this clairvoyant state, the soul perceives something different from what normally surrounds it in the physical world; it receives new impressions—impressions from the spiritual world that underlies our physical, sensory world.
[ 8 ] Dann kommen wir dazu, uns zu sagen: Wenn der Mensch des Abends einschläft, dann ist es nicht so, daß der gesamte Mensch sich erschöpft in dem, was im Bette liegen bleibt, sondern der Wesenskern des Menschen, das Geistig-Seelische, verläßt diese äußere Hülle, und eben dieser Wesenskern ist es, der im normalen Bewußtsein keine Organe hat, der aber durch die vorhin charakterisierten Seelenübungen geistig-seelische Organe erhalten hat, durch die er sich in eine neue Welt versetzt fühlt. Das wirkliche Erleben im GeistigSeelischen wird dadurch erreicht; eine neue Welt der Beobachtung wird dadurch gegeben, und von diesen elementaren Tatsachen des geistigen Erlebens aus steigen wir dann bis zu den höchsten Tatsachen hinauf.
[ 8 ] Then we come to realize: When a person falls asleep at night, it is not the case that the entire person remains exhausted in what lies in bed, but rather the core of the person’s being—the spiritual-soul aspect—leaves this outer shell, and it is precisely this core of the being that has no organs in normal consciousness, but which, through the soul exercises described earlier, has acquired spiritual-soul organs through which it feels transported into a new world. True experience in the spiritual-soul realm is thus attained; a new world of observation is thereby revealed, and from these elementary facts of spiritual experience we then ascend to the highest truths.
[ 9 ] Nun gibt es solche einzelne Menschen, die entsagungsvolle Übungen machen, um ihre Seele selber zu einem Werkzeug zu gestalten. Wenn diese dann vor einen kleinen Kreis von Menschen treten, der sich interessiert für solche Sachen, und ihnen erzählen, was sie in anderen Bewußtseinszuständen erfahren haben, dann glauben diese es. Bei demjenigen, der sich nur oberflächlich bekannt macht mit der Geistesströmung der Theosophie, ist es durchaus begreiflich, wenn er das glaubt, denn wenn man nur das kennt, was an der Oberfläche des Lebens vorhanden ist, ist es außerordentlich schwierig, sich eine Vorstellung zu bilden von der Art, wie diese Geistesströmung betrieben wird. Daher ist es durchaus begreiflich, wenn sie in den weitesten Kreisen verkannt wird. Das muß betont werden. Begreiflich ist es, daß solche Menschen nur den Offenbarungen aus der Geisteswelt glauben, die auf die geschilderte Weise gewonnen sind. Daß solche Menschen Phantasten, Träumer, Schwärmer, Sektierer sind, das zu glauben ist etwas ungeheuer Naheliegendes, und man möchte sagen, für die Mehrzahl der Gebildeten der Gegenwart etwas geradezu Selbstverständliches. Nur verkennt man eine ganz bestimmte Tatsache: Zum Forschen in der Geisteswelt, zum Aufsuchen der geistigen Wahrheiten gehört die entwickelte Seele, das entwickelte andere Bewußtsein. Wenn auch heute noch nur wenige Menschen durch die Entwicklung ihrer Seele, wie ich sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ausführlich geschildert habe, ihre Seele selber zu einem Werkzeug zu machen vermögen, um damit hineinzuschauen in die Geisteswelt und dann mitzuteilen, was sie da erfaßt haben, so genügt dies für diejenigen, die mit einem gewissen Wahrheitssinn und mit Vorurteilslosigkeit herantreten an die Sache. Zum Forschen, zum Auffinden der Tatsachen gehört die geschulte Seele des Geistesforschers, zum Ergreifen einer solchen Wahrheit nur eine wirklich unvoreingenommene Logik. Wenn solche Dinge mitgeteilt werden, stimmen sie für jeden, der nachdenken will, in einem viel höheren Grade mit dem ganzen Leben zusammen als irgendeine andere Philosophie, die etwa heute gegeben wird.
[ 9 ] Now there are certain individuals who engage in ascetic practices in order to transform their own souls into instruments. When they then appear before a small group of people interested in such matters and tell them what they have experienced in altered states of consciousness, those people believe them. For those who are only superficially acquainted with the spiritual current of Theosophy, it is entirely understandable that they believe this, for if one knows only what exists on the surface of life, it is extremely difficult to form a conception of the way in which this spiritual current operates. Therefore, it is entirely understandable that it is misunderstood in the broadest circles. This must be emphasized. It is understandable that such people believe only in revelations from the spiritual world that have been obtained in the manner described. To believe that such people are fantasists, dreamers, enthusiasts, or sectarians is something incredibly obvious—and one might say, for the majority of educated people today, something that goes without saying. Yet one overlooks a very specific fact: Research into the spiritual world and the search for spiritual truths require a developed soul—that is, a developed higher consciousness. Even if today only a few people, through the development of their soul—as I have described in detail in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* , are able to transform their own soul into a tool with which to look into the spiritual world and then share what they have perceived there—this is sufficient for those who approach the matter with a certain sense of truth and without prejudice. Research and the discovery of facts require the trained soul of the spiritual researcher; grasping such truth requires only truly unbiased logic. When such things are communicated, they resonate with the whole of life to a much greater degree for anyone willing to reflect than any other philosophy currently in existence.
[ 10 ] Daher ist die Prüfung, sozusagen die Untersuchung der Beweiskräftigkeit des vom Geistesforscher Mitgeteilten für jeden möglich. Nur genügt es nicht, sich so ohne weiteres mit den Ergebnissen bekanntzumachen, denn die Logik und das ganze Begriffssystem der Entwicklung der Seele, um in die höheren Welten hinaufzusteigen, ist subtil und streng. Man kann sagen, es werden an Logik und Begriffsvermögen weit strengere Anforderungen gestellt als in der gewöhnlichen Wissenschaft heute auf irgendeinem Gebiet. Aber wenn man nicht im Handumdrehen die Dinge beurteilen will, sondern mit ganzer Seele bestrebt ist, sich einzugewöhnen in die Art dieser neuen Vorstellungswelt, um zu begreifen, was sich ergibt über die höchsten Fragen des Daseins, dann wirkt dieses Sicheinleben nicht etwa wie Suggestion, sondern die Seele kann es mit vollem Bewußtsein verfolgen. Jede Seele kann sich hineinfinden in jene Gebiete, bei denen die höchsten Fragen des menschlichen Daseins, Fragen von Zeit und Ewigkeit, behandelt werden.
[ 10 ] Therefore, anyone can examine—or, so to speak, investigate—the evidential value of what the spiritual researcher has communicated. However, it is not enough simply to familiarize oneself with the results at face value, for the logic and the entire conceptual framework governing the soul’s development—necessary for ascending into the higher worlds—are subtle and rigorous. One might say that far stricter demands are placed on logic and conceptual understanding than in any field of ordinary science today. But if one does not seek to judge things in the blink of an eye, but strives with one’s whole soul to acclimate oneself to the nature of this new world of ideas in order to comprehend what emerges regarding the highest questions of existence, then this process of immersion does not act as mere suggestion; rather, the soul can follow it with full consciousness. Every soul can find its way into those realms where the highest questions of human existence—questions of time and eternity—are addressed.
[ 11 ] Hat dieses Verkündigen von Geisteswissenschaft oder Theosophie eine Bedeutung für die heutige und für die fortschreitende Menschheitskultur? Diese Frage muß man aufwerfen. Denn es könnte der Einwand gemacht werden, es könne Menschen geben, die sich aus gewissen Sehnsüchten heraus für solche Dinge interessieren, aber das seien Eigenbrötler, die lieber in ihren Stuben nachdenken, aber mit den großen Vorgängen in der Menschheitskultur nichts zu tun hätten. – Man kann das nicht mehr sagen, wenn man den Gang der Menschheitsentwicklung so mit Verständnis überblickt, daß gerade der Zeitpunkt, in dem wir jetzt leben, seinem Wesen nach vor unsere Seele tritt. Dieser Zeitpunkt, in dem wir leben, hat sich ja herausentwickelt aus dem, was die Menschheit in der Vorzeit durchlebt hat bis in unsere Tage hinein. Und aus der gegenwärtigen Entwicklungstufe werden sich wiederum die Erlebnisse der Menschen der Zukunft herausentwickeln. Blicken wir zurück in die vorzeitliche menschliche Entwicklung, so zeigt sich, daß man einem gewaltigen Vorurteil unterliegt, wenn man glaubt, daß die ganze menschliche Seelenverfassung, die Art, wie der Mensch denkt, wie er sich Ideen und Begriffe macht über die Umwelt, die ganzen menschlichen Bewußtseinszustände in allen Zeiten ungefähr die gleichen seien. Davon kann nicht die Rede sein. Das Wort Entwicklung wendet man zwar auf die Umgestaltung der äußeren Formen an, aber selten auf das, was das menschliche Seelenleben selber ist, und gerade in bezug auf das menschliche Seelenleben ist der Entwicklungsbegriff etwas, was uns tief hinweist auf die wichtigsten Fragen der Menschheit.
[ 11 ] Does this teaching of spiritual science or theosophy have any significance for today’s culture and for the ongoing development of human civilization? This is a question that must be raised. For one might object that there may be people who, out of certain longings, take an interest in such things, but that they are loners who prefer to ponder in their own rooms and have nothing to do with the great processes of human culture. – One can no longer say that if one surveys the course of human development with such understanding that the very moment in which we now live reveals its essence to our soul. This moment in which we live has, after all, evolved from what humanity has experienced from ancient times right up to the present day. And from the current stage of development, the experiences of the people of the future will in turn emerge. If we look back at prehistoric human development, it becomes clear that we are subject to a powerful prejudice when we believe that the entire human psychological constitution—the way people think, the way they form ideas and concepts about their environment, and all states of human consciousness—has remained roughly the same throughout the ages. That simply cannot be the case. Although the word “development” is applied to the transformation of external forms, it is rarely applied to what the human inner life itself is; and it is precisely in relation to the human inner life that the concept of development points us deeply toward the most important questions of humanity.
[ 12 ] Da zeigt uns die Untersuchung der Menschenseele durch den Blick des Geistesforschers und die Schlüsse, die man daraus ziehen kann, daß das menschliche Bewußtsein in alten Zeiten der Menschheitsentwicklung, die weit hinter dem historisch Erreichbaren zurückliegen, anders war als heute, daß wir sprechen dürfen von Zeiten der Menschheitsentwicklung, in denen die menschliche Seele selbst in einer Art hellseherischem Bewußtseinszustand gelebt hat, allerdings nicht so, wie es beim heutigen geschulten Geistesforscher ist. Der hellseherische Zustand, der vom geschulten Geistesforscher heute erreicht wird, ist ein solcher, der sich mit vollem Bewußtsein abspielt, mit dem vollen, wachen Bei-sich-Sein, das man im normalen Leben auch hat. So war es nicht bei dem alten Hellseher der vorzeitlichen Menschheit. Er hatte ein mehr träumerisches Hellsehen, ein traumhaftes Daseinsbewußtsein. Es ist so, daß wir sagen dürfen: Das, was der Mensch heute in seinen Träumen erlebt, was sich so chaotisch in sein Schlafleben hineinmischt, das ist ein alter atavistischer Rest, eine Art Erbschaft des alten Bewußtseinszustandes. Während heute Traumvorstellungen in der Mehrzahl nichts besonderes zu besagen haben über die Realität der Außenwelt, waren jene alten Bewußtseinszustände Bildvorstellungen, die sich zwar mit unseren Traumvorstellungen vergleichen lassen, aber doch davon sehr verschieden waren. BildVorstellungen, die vielfach symbolisch waren, waren der Inhalt eines alten hellseherischen Bewußtseins, das noch nicht durchzogen war von jener Intellektualität, die wir heute im normalen Tagesbewußtsein haben. In der Seele der Menschen der Vorzeit wogten diese Bilder auf und ab. Ein solches Bilderbewußtsein hatten die Menschen der Vorzeit nicht etwa immer; es wechselten auch bei ihnen wache Zustände und Schlafzustände, aber während diese bei uns ineinander übergehen und einen im wesentlichen bedeutungslosen Traumzustand zwischen sich haben, war in den alten Zeiten ein dritter Bewußtseinszustand vorhanden, der Zustand eines solchen Bilderbewußtseins, in dem nicht unsere sinnlichen Vorstellungen auf- und abwogten in der Seele, sondern Sinnbilder, wie sie ja in abgeschwächtem Zustande höchstens heute noch die Kunst hat. Diese Sinnbilder schwebten mit voller Lebendigkeit in diesen drei Bewußtseinszuständen auf und ab, und sie waren nicht etwa so wie unsere Traumvorstellungen, daß wir sie nicht beziehen dürfen auf eine Realität, sondern sie waren in deutlicher Weise auf eine Wirklichkeit gerichtet, so daß durch sie die äußere Wirklichkeit erkannt wurde, wenn auch nur in Sinnbildern. Man erlebte eine Geisteswelt, die hinter der Sinneswelt stand. So hatten die Menschen der Vorzeit ein Bilderbewußtsein, das ihnen entbehrlich machte unsere heutige Intellektualität und unsere heutige Weisheit des wachen Bewußtsein. Dafür sahen sie in eine Geisteswelt hinein, aber in eine Geisteswelt, anzuschauen in den Bildern eines traumhaften Hellsehens.
[ 12 ] The study of the human soul through the eyes of the spiritual researcher—and the conclusions that can be drawn from it—shows us that human consciousness in ancient times of human development, which lie far beyond what history can reach, was different from what it is today; indeed, we may speak of periods in human development when the human soul itself lived in a kind of clairvoyant state of consciousness—though not in the same way as is the case with today’s trained spiritual researcher. The clairvoyant state attained by the trained spiritual researcher today is one that takes place with full consciousness, with the full, waking presence of mind that one also has in normal life. This was not the case with the ancient clairvoyant of prehistoric humanity. He possessed a more dreamlike form of clairvoyance, a dreamlike awareness of existence. We may therefore say: What people experience in their dreams today—what intrudes so chaotically into their sleep life—is an ancient atavistic remnant, a kind of legacy of that ancient state of consciousness. While today’s dream images, for the most part, have nothing particular to say about the reality of the external world, those ancient states of consciousness consisted of visual images that, while comparable to our dream images, were nevertheless very different from them. These visual images, which were often symbolic, constituted the content of an ancient clairvoyant consciousness that had not yet been permeated by the intellectuality we possess today in our normal waking consciousness. These images ebbed and flowed in the souls of people in ancient times. The people of antiquity did not always possess such a pictorial consciousness; they, too, alternated between waking and sleeping states, but while these merge into one another for us and are separated by an essentially meaningless dream state, in ancient times there existed a third state of consciousness, the state of such pictorial consciousness, in which it was not our sensory perceptions that ebbed and flowed in the soul, but symbols—such as art still possesses today, albeit in a diminished form. These symbolic images floated up and down with full vitality within these three states of consciousness, and they were not like our dream images—which we must not relate to any reality—but were clearly directed toward a reality, so that through them external reality was perceived, even if only in symbolic form. One experienced a spiritual world that lay behind the sensory world. Thus, the people of ancient times possessed an imagery-based consciousness that made our present-day intellectuality and the wisdom of our waking consciousness unnecessary for them. Instead, they looked into a spiritual world—but a spiritual world to be beheld through the images of a dreamlike clairvoyance.
[ 13 ] Man kann nun fragen: Gibt es denn in der äußeren Welt gar nichts, das uns einigermaßen belegt, was ihr Geistesforscher da seht, wenn ihr zurückschaut in die Vorzeit? Gibt es denn gar nichts, was einen Beleg dafür liefern kann, daß einstmals die Menschheit hineingeschaut hat in die geistigen Welten? – O, so etwas gibt es! Nur müssen die Menschen dieses Etwas in richtiger Weise deuten lernen. Was ist uns erhalten aus der grauen Vorzeit der Menschheit von Versuchen, in das innere Wesen der Dinge einzudringen? Bei der vorzeitlichen Menschheit suchen wir vergeblich nach einer Wissenschaft, wie wir sie heute haben, aber es sind uns erhalten die Legenden und die Mythen. Nun, der aufgeklärte Mensch der Gegenwart sagt: das entspricht den kindlichen Phantasien der Vormenschheit; jetzt sind wir eingetreten in das Mannesalter der Wissenschaft. – Wer sich aber in die Mythen der verschiedenen Völker vertieft, der erlebt da etwas ganz anderes als solch ein oberflächlicher Beurteiler, er erlebt da, daß diese Bildervorstellungen in wunderbarer Weise überall Zusammenhängen [mit dem geistigen Leben der Menschheit]. Und wenn man eindringt in diese Vorstellungen, so eröffnen sich uns die Hinweise auf die tiefen Zusammenhänge mit diesem geistigen Leben der Menschheit und ihrer Kultur, und man bekommt immer mehr Respekt, immer mehr Hochachtung für die wunderbare Ausgestaltung der Bilder in den alten Mythen und Legenden, so großen Respekt, daß man sich oftmals sagt: Was sind alle Philosophien der Gegenwart gegenüber den wunderbaren Bildern, die uns in den Mythen erhalten sind. Sie stimmen so über die ganze Erde hin zusammen und sie stimmen so mit dem überein, was der Geistesforscher durch seine Methode in der Geisteswelt finden kann, daß wir uns fragen müssen: Ja, woher kommen denn diese alten Vorstellungen, die über das ganze Erdenrund zu finden sind, woher sind sie?
[ 13 ] One might now ask: Is there really nothing in the outer world that provides us with any reasonable evidence of what you spiritual researchers see when you look back into prehistory? Is there really nothing that can provide evidence that humanity once looked into the spiritual worlds? – Oh, there certainly is! People just need to learn to interpret these things correctly. What has been preserved for us from the mists of humanity’s ancient past regarding attempts to penetrate the inner essence of things? We search in vain for a science, as we know it today, among ancient peoples, but legends and myths have been preserved for us. Now, the enlightened person of the present day says: this corresponds to the childish fantasies of pre-humanity; now we have entered the age of maturity in science. – But whoever delves into the myths of various peoples experiences something quite different from such a superficial judge; they experience that these imagery-based conceptions are, in a wondrous way, connected everywhere [with the spiritual life of humanity]. And when one delves into these images, clues to the deep connections with this spiritual life of humanity and its culture open up to us, and one gains ever greater respect, ever greater admiration for the marvelous artistry of the images in the ancient myths and legends—such great respect that one often says to oneself: What are all the philosophies of the present day compared to the wonderful images preserved for us in the myths? They harmonize so perfectly across the entire Earth, and they correspond so closely to what the spiritual researcher can discover in the spiritual world through his method, that we must ask ourselves: Yes, where do these ancient concepts come from, which can be found all over the globe—where do they come from?
[ 14 ] Eine wirklich gewissenhafte Forschung findet die Erklärung nur, wenn sie sich sagen kann, daß diese Dinge Überreste eines alten Hellsehens sind. Und es ist ein durchaus falsches Urteil, unsachlich gefällt, wenn man sagt, die Mythen der alten Völker seien kindlicher Phantasie entsprossen. Nein, verstehen können wir sie nur, wenn wir uns sagen, da haben unsere Vorfahren hineingeschaut mit ihrem hellseherischen Bilderbewußtsein [in die Geisteswelt]. Noch um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert hat es zahlreiche Menschen gegeben, die ein Bewußtsein davon gehabt haben, daß es eine solche bilderhafte Urweisheit gab und daß die wunderbaren Geistesstimmen aus den Mythen aus dem grauesten Altertum der verschiedenen Völker Zeugnis von einer Urweisheit der Menschheit ablegen. Damals war man sich noch klar darüber, daß die Völker, die man heute als einzelne Kulturvölker mit dekadenten Vorstellungen anspricht, nur heruntergekommen sind von einem höheren Standpunkt, daß aber alles, was die Menschheit heute an Kultur hat, zurückführt auf graue Urzeiten, wo noch das Wissen von der Geisteswelt lebendig war, daß es Urweisheit war und nicht kindliche Unvernunft, die am Ausgangspunkt der Menschheit steht.
[ 14 ] Truly conscientious research can only find an explanation if it acknowledges that these things are remnants of an ancient form of clairvoyance. And it is a completely false judgment, made without objective basis, to say that the myths of ancient peoples sprang from childish imagination. No, we can only understand them if we tell ourselves that our ancestors looked into [the spiritual world] with their clairvoyant, imaginal consciousness. Even at the turn of the 18th to the 19th century, there were numerous people who were aware that such an imagistic primordial wisdom existed and that the wondrous spiritual voices from the myths of the various peoples’ most ancient times bear witness to a primordial wisdom of humanity. At that time, it was still clearly understood that the peoples whom we today regard as individual cultural groups with decadent ideas had merely fallen from a higher standpoint; yet everything that humanity possesses today in terms of culture can be traced back to ancient times, when knowledge of the spiritual world was still alive—and that it was primordial wisdom, not childish irrationality, that stood at the starting point of humanity.
[ 15 ] Da gab es durchaus ernstzunehmende Forscher, die von dieser Tatsache durchdrungen waren. Fragen wir die großen Philosophen Aristoteles und Plato, fragen wir die anderen Philosophen, die der altgriechischen Kultur angehörten und ihre Philosophien zu uns herübergeschickt haben, so finden wir zahlreiche Stellen, wo diese Philosophen davon sprechen, daß alle Wissenschaft zurückführt zur Urweisheit, die von den Göttern selber den Menschen überliefert worden ist. Plato spricht von Menschen des Kronos-Reiches, die unmittelbar aus der Geisteswelt die Urweisheit übernommen haben. Die Geistesforscher sagen uns nicht bloß, daß dies so war, sondern auch, warum dieses alte Hellsehen allmählich verschwunden ist aus der Menschheit, das die Menschen hineingeführt hatte in die Geisteswelt.
[ 15 ] There were certainly serious scholars who were deeply aware of this fact. If we ask the great philosophers Aristotle and Plato, if we ask the other philosophers who belonged to ancient Greek culture and who have passed their philosophies down to us, we find numerous passages where these philosophers speak of how all science traces back to the primordial wisdom that was handed down to humankind by the gods themselves. Plato speaks of people of the realm of Kronos who received primordial wisdom directly from the spiritual world. Spiritual researchers tell us not only that this was so, but also why this ancient clairvoyance—which had led people into the spiritual world—gradually disappeared from humanity.
[ 16 ] Da kommen wir zu dem großen Gesetz, das auch in der Natur zu beobachten ist, das aber im Geistesleben der Menschheit besonders augenfällig ist: daß für die Ausbildung einer bestimmten Kraft zunächst eine andere zurücktreten muß. Diese alten Menschen, die in gewissen Zuständen ihres Bewußtseins die Möglichkeit hatten, hineinzuschauen in eine Geisteswelt, die hatten noch nicht unseren heutigen intellektuellen Verstand; sie hätten keine Wissenschaft, keine Kultur in unserem heutigen Sinn begründen können. Alles Intellektuelle mußte sich erst entwickeln. Entwicklung ist etwas, was uns in bezug auf das Seelenleben zu den tiefsten Fragen führt. Unsere Intelligenz, unsere verstandesmäßige Erfassung der Welt, die Seelenverfassung, die wir heute haben, wo wir total auf unsere Sinne bauen und die sinnliche Wahrnehmung mit dem an das Gehirn gebundenen Verstand kombinieren, alles das, was wir im Alltagsleben uns vorstellen und was wir in der Wissenschaft treiben, das konnte in das allgemeine menschliche Bewußtsein nur dadurch hineinkommen, daß für eine Weile das alte Hellsehen zurücktrat, übertönt wurde vom intellektuellen Bewußtsein. Das alte hellseherische Bewußtsein mußte zurücktreten, damit die intellektuelle Kultur innerhalb der Menschheit sich entwickeln konnte. Wer nur ein wenig den Grundcharakter des Mittelalters zu beachten versteht, der weiß, daß die eigentümliche Erscheinung der Geistesentwicklung des Mittelalters zu erklären ist, wenn man weiß, daß dieses Mittelalter die Zeit ist, in welcher nach und nach die Möglichkeit des alten Hellsehens verschwindet. Der größte Impuls in der Menschheitsentwicklung, der Christus-Impuls, der einmal die Menschheit zum vollen Hellsehen hinaufführen wird, hatte die Aufgabe, das alte Hellsehen zurücktreten zu lassen. Und so sehen wir, daß mit dem Heranbrechen der neuen Zeit sich eine eigenartige Erscheinung zeigt: das alte Hellsehen tritt zurück, nur die Überlieferung an jene Wahrheiten, die man durch das alte Hellsehen gewonnen hatte, bleibt. So pflanzten sich im Mittelalter die Wissenszweige fort, welche gewonnen waren auf der Grundlage eines alten Hellsehens, aber man wußte das gar nicht mehr, man hatte nur die Ideen begriffen, die in der Urzeit gefunden waren, ja, man wandte sie sogar gegen den Ausgang des Mittelalters ganz falsch an. Ein Beispiel: Aristoteles, der alte griechische Philosoph der vorchristlichen Zeit, stand schon am Wendepunkt zu dem Zeitalter, in dem die intellektuelle Bildung der Menschheit begonnen hatte, aber er sah noch zurück, obwohl fast nur noch in dunkler Ahnung an die Zeit, in der die menschliche Natur nur durch das Hellsehen etwas gewußt hat, zurück auf die Vorgänge der menschlichen Begriffsvorstellung und Empfindungen, überhaupt in die menschliche Entstehung, und diese schildert er. Er konnte es nicht mehr sehen, da er nicht mehr dem Zeitalter angehörte, wo man durch das alte Hellsehen einzudringen vermochte in die Geisteswelt, er hatte nur die Überlieferung. Da sagte er: Wenn der Mensch in seiner seelischen Tätigkeit, in seinem wachen Zustande ist, dann haben wir es im Menschen zunächst mit dem zu tun, was man physischen Leib nennen kann, und dieser hat seine Organe. Aber Aristoteles wäre noch durchaus abgeneigt gewesen, in materieller Weise in diesem physischen Leib das einzige zu sehen, was die menschliche Wesenheit ausmacht. Er wies hin auf ein nächsthöheres Glied, das seinen Mittelpunkt da habe, wo etwa das menschliche Herz ist, und von diesem übersinnlichen Glied gehen gewisse Strömungen aus, die besonders zum Gehirn hinaufgehen und sich als übersinnliche Strömungen im Menschenleibe verbreiten. Diese Strömungen wurden noch im Mittelalter «kaltes Licht» genannt, das namentlich in das Gehirn hinein sich ergieße, um da die physischen Organe des Gehirns zu beleben. Noch im Mittelalter sprachen die Menschen von diesem kalten Licht, das sich von da ausbreitet, wo das physische Herz liegt.
[ 16 ] This brings us to the great law that can also be observed in nature, but which is particularly evident in the spiritual life of humanity: that for a particular power to develop, another must first recede. Those ancient people, who in certain states of consciousness had the ability to glimpse into a spiritual world, did not yet possess our present-day intellectual faculties; they could not have established science or culture as we understand them today. Everything intellectual had to develop first. Development is something that leads us to the deepest questions concerning the life of the soul. Our intelligence, our rational grasp of the world, the state of mind we have today—in which we rely entirely on our senses and combine sensory perception with the intellect bound to the brain— all that we conceive of in everyday life and all that we pursue in science—all of this could only enter into general human consciousness because, for a time, the old clairvoyance receded, drowned out by intellectual consciousness. The old clairvoyant consciousness had to recede so that intellectual culture could develop within humanity. Anyone who understands even a little about the fundamental character of the Middle Ages knows that the peculiar phenomenon of spiritual development during that era can be explained by the fact that the Middle Ages were the time when the capacity for the old form of clairvoyance gradually disappeared. The greatest impulse in human development—the Christ impulse, which will one day lead humanity to full clairvoyance—had the task of causing the old clairvoyance to recede. And so we see that with the dawn of the new era, a peculiar phenomenon emerges: the old clairvoyance recedes, while only the tradition of those truths gained through the old clairvoyance remains. Thus, in the Middle Ages, the branches of knowledge that had been developed on the basis of ancient clairvoyance continued to flourish, but people were no longer even aware of this; they had merely grasped the ideas that had been discovered in prehistoric times—indeed, toward the end of the Middle Ages, they even applied them quite incorrectly. An example: Aristotle, the ancient Greek philosopher of the pre-Christian era, was already standing at the turning point toward the age in which humanity’s intellectual development had begun, but he still looked back—albeit almost only in a dim inkling—to the time when human nature knew things only through clairvoyance; he looked back at the processes of human conceptualization and sensation, indeed at human origins in general, and he describes these. He could no longer perceive it, since he no longer belonged to the age when one could penetrate the spiritual world through the ancient clairvoyance; he had only the tradition. So he said: When a human being is engaged in mental activity, in a waking state, then what we are dealing with in the human being is, first and foremost, what can be called the physical body, and this body has its organs. But Aristotle would still have been quite averse to viewing this physical body, in a material sense, as the sole constituent of human being. He pointed to a higher member, centered roughly where the human heart is, and from this supersensible member certain currents emanate, which ascend particularly toward the brain and spread throughout the human body as supersensible currents. These currents were still referred to in the Middle Ages as “cold light,” which was said to pour into the brain in particular to enliven the physical organs of the brain. Even in the Middle Ages, people spoke of this cold light spreading from the location of the physical heart.
[ 17 ] Aristoteles kann man nur verstehen, wenn man weiß, daß das, was er vom Herzen ausgehen läßt, übersinnlich gemeint ist, daß er nicht physische Stränge, Organe oder dergleichen meint. Nun kam das Mittelalter. Die Leute verloren das Verständnis für das Hineinschauen in die alte Welt. Sie lasen Aristoteles, und das ganze Mittelalter hindurch war der Glaube an Aristoteles wie ein Glaube an die Bibel. Aristoteles war die Grundlage für die Naturwissenschaft, für die Medizin, für alles. Alles wurde auf die Grundlagen des Aristoteles aufgebaut. Aber der Mensch hatte keine Vorstellung mehr von dem, was eigentlich Aristoteles meinte. So konnte eine eigenartige Vorstellung sich gerade bei den Aristoteles-Gläubigsten entwickeln, bei denen, die wacker an ihn glaubten, aber ihn nicht mehr verstanden. Denn bekanntlich ist es ja nicht notwendig, daß alles verstanden wird, woran man glaubt. Es konnten sich Vorstellungen entwickeln, daß mit dem, was vom Herzen ausgeht, nicht übersinnliche Strömungen, sondern sinnliche Stränge gemeint seien. Und so glaubten die Aristoteles-Gläubigen, vom Herzen gingen die Nerven aus.
[ 17 ] One can only understand Aristotle if one knows that what he describes as emanating from the heart is meant in a supersensory sense—that he is not referring to physical strands, organs, or the like. Then came the Middle Ages. People lost the ability to look into the ancient world. They read Aristotle, and throughout the entire Middle Ages, belief in Aristotle was like belief in the Bible. Aristotle was the foundation for the natural sciences, for medicine, for everything. Everything was built upon Aristotle’s foundations. But people no longer had any idea of what Aristotle actually meant. Thus, a peculiar notion could develop precisely among the most devout followers of Aristotle—those who faithfully believed in him but no longer understood him. For, as is well known, it is not necessary to understand everything one believes in. Ideas could develop suggesting that what emanates from the heart refers not to supersensory currents but to sensory pathways. And so the followers of Aristotle believed that the nerves originated in the heart.
[ 18 ] Nun kamen am Ausgang des Mittelalters die großen Forscher und Denker, ein Giordano Bruno, ein Galilei, die auf der Grundlage der neugestalteten Weltanschauung des Kopernikus ein neues Weltbild entwarfen. Die Aristoteles-Gläubigen waren aber nicht geneigt, dieses neue Weltbild einfach anzunehmen. Galilei und Giordano Bruno wiesen hinaus in die wirkliche Welt der Sinne, weil jetzt die Zeit begann, in welcher die Menschen ihr Wissen durch Sinnesbeobachtung und Intellekt entwickeln sollten. Da ist es vorgekommen, daß Galilei einen Freund, der ein guter Aristoteles-Gläubiger war, vor eine Leiche führte und ihm zeigte, wie die Nerven nicht vom Herzen ausgehen, sondern vom Gehirn. Der schaute sich das an und sagte: Ja, es sieht fast so aus, als ob die Nerven vom Gehirn ausgingen, aber bei Aristoteles steht es anders, und wenn ein Widerspruch besteht, dann glaube ich dem Aristoteles! – Diese Antwort hat Galilei erhalten.
[ 18 ] Toward the end of the Middle Ages, great explorers and thinkers emerged—such as Giordano Bruno and Galileo—who developed a new worldview based on Copernicus’s revolutionary new perspective. However, the followers of Aristotle were not inclined to simply accept this new worldview. Galileo and Giordano Bruno pointed to the real world of the senses, because this was the beginning of an era in which people were to develop their knowledge through sensory observation and intellect. It so happened that Galileo led a friend—who was a staunch follower of Aristotle—to a corpse and showed him how the nerves do not originate from the heart, but from the brain. The friend looked at it and said: “Yes, it almost looks as if the nerves originate in the brain, but Aristotle says otherwise, and if there is a contradiction, then I believe Aristotle!”—That was the reply Galileo received.
[ 19 ] Diese Zeit war reif, das abzutun, was aus dem alten Hellsehen noch als Überlieferung herübergekommen war, denn es war völlig dem Mißverstehen verfallen. Damals gab es einen besonderen Aufschwung der intellektuellen Bildung, die wir insbesondere gerade bei Galilei so groß und gewaltig hervortreten sehen. Einen großen Teil der physikalischen Begriffe, mit denen wir heute arbeiten, führen zurück auf die Denkweise Galileis. Sein materielles, mechanisches Denken war unmittelbar auf die äußere Sinneswelt gerichtet und auf ihre Erfassung mit dem Verstände. Die Morgenröte für das Zeitalter der Intelligenz war auch auf wissenschaftlichem Gebiet angebrochen, und wir können nun von jener Zeit an bis in unsere Tage hinein immer wieder beobachten, wie sich der Mensch dieses Gebiet des menschlichen Seelenlebens erobern will, dessen wichtigster Teil die intellektuelle Eroberung der äußeren Wirklichkeit durch den Verstand war. Ein besonders drastischer Ausdruck, wie man im Mittelalter sozusagen nur mehr imstande war, materiell zu denken, aber noch die alte Überlieferung hatte, bietet sich uns in folgendem.
[ 19 ] The time was ripe to discard what had been passed down from the old tradition of clairvoyance, for it had fallen entirely prey to misunderstanding. At that time, there was a particular surge in intellectual development, which we see emerge so grandly and powerfully, especially in the case of Galileo. A large part of the physical concepts we work with today can be traced back to Galileo’s way of thinking. His material, mechanical thinking was directly focused on the external sensory world and on grasping it through the intellect. The dawn of the age of intelligence had also broken in the realm of science, and from that time onward right up to the present day, we can observe time and again how humanity has sought to conquer this realm of the human soul, the most important aspect of which was the intellectual conquest of external reality through reason. A particularly striking example of how, in the Middle Ages, people were, so to speak, capable only of material thinking—yet still retained the old tradition—is provided by the following:
[ 20 ] Keinem der alten hellseherischen Weisen wäre es eingefallen zu sagen, die Geisteswelt sei «oben», da sei ein blaues Himmeszelt, das schließe unsere Welt ein. So haben die alten Hellseher nicht gedacht, so wurden sie erst mißverstanden in der späteren Zeit. Da wies man hinauf auf den Fixsternhimmel als eine Art Schale, die unsere Welt umgibt. Es war ein großer Augenblick, als Kopernikus den Menschen die Erde gleichsam unter den Füßen wegzog. Ein großer Augenblick war es, als Giordano Bruno diese «Schale» in die Unendlichkeit des physischen Raumes hinaus verwies. Aber Giordano Bruno setzte neben das sinnliche Bild noch etwas anderes. Wir brauchen uns nur ein paar Worte des Giordano Bruno vor die Seele zu rufen und wir werden sehen, daß er die große Tat vollbrachte, neben dieses sinnliche Bild ein geistiges Bild hinzustellen. Er sprach aus, daß alles, was uns umgibt in der sinnlichen Welt, wurzelt in den Gedanken des Geistes der Welt, und das, was in den Gedanken des Geistes der Welt wurzelt, das offenbart sich in der äußeren Form, in dem, was wir mit den Sinnen anschauen. Wenn also Giordano Bruno in den unendlichen Weltenraum hinausweist und das Wesen der Dinge sinnenfällig aufsucht, so war dies für ihn doch nichts anderes als die Verleiblichung der Gedanken des Weltengeistes. Die Vorstellungen des Menschen nennt Giordano Bruno Schatten der Göttergedanken, nicht etwa Schatten der äußeren Dinge. Wenn also Giordano Bruno den physischen Blick auf die äußere Welt richtet, dann geht geheimnisvoll in seine Seele ein der Gedanke des Weltengeistes, und die menschlichen Begriffe sind nicht Schatten der äußeren sinnlichen Dinge, sondern der Gedanken des Weltengeistes. Das ist von unendlicher Wichtigkeit, daß wir in Giordano Bruno einen großen Geist vor uns haben, welcher hinausweist in die Raumesfernen, aber ebenso kräftig auf das, was die menschliche Seele verbindet mit dem Urgeist des Weltendaseins. Prüfen wir, was dem zugrundeliegt in der Seele des Giordano Bruno, so tritt deutlich hervor, daß ihm eine Intelligenz, eine Gesinnung zugrundeliegt, die sich durchaus schon vergleichen läßt mit der Intelligenz und der Gesinnung der heutigen Wissenschaft, die aber noch befruchtet war von den Überlieferungen des alten Hellsehens. Man darf sagen, ein Schatten selbst des alten Hellsehens und des Sich-verwandt-Fühlens mit der göttlich-geistigen Welt lebte noch in der Seele des Giordano Bruno. Aber es blieb uns bloß das Bild, das er von der äußeren sinnlichen Welt entwarf, und nicht mehr, was in ihm damals noch lebendig war. Das Bild des alten Hellsehens, das in ihm lebte, verschwand. Man braucht die Entwicklung bloß vorurteilslos bis in unsere Gegenwart hinein zu verfolgen, dann wird man sehen, daß immer mehr und mehr der bloße Intellekt, dieses bloß äußere Anschauen der sinnlichen Welt Verbreitung gefunden hat im allgemeinen normalen Bewußtsein der Menschheit.
[ 20 ] It would never have occurred to any of the ancient clairvoyant sages to say that the spiritual world was “above,” that there was a blue celestial canopy enclosing our world. That was not how the ancient clairvoyants thought; they were only misunderstood in later times. Then people began pointing upward to the fixed-star sky as a kind of shell surrounding our world. It was a momentous occasion when Copernicus, as it were, pulled the earth out from under people’s feet. It was a momentous occasion when Giordano Bruno cast this “shell” out into the infinity of physical space. But Giordano Bruno added something else alongside this sensory image. We need only recall a few words of Giordano Bruno in our minds, and we will see that he accomplished the great feat of placing a spiritual image alongside this sensory image. He stated that everything that surrounds us in the sensory world is rooted in the thoughts of the World Spirit, and that which is rooted in the thoughts of the World Spirit reveals itself in the outer form—in what we perceive with our senses. So when Giordano Bruno points out into infinite space and seeks the essence of things through the senses, this was for him nothing other than the embodiment of the thoughts of the World Spirit. Giordano Bruno calls human concepts “shadows of the thoughts of the gods,” not shadows of external things. Thus, when Giordano Bruno directs his physical gaze toward the external world, the thought of the World Spirit mysteriously enters his soul, and human concepts are not shadows of external sensory things, but of the thoughts of the World Spirit. It is of infinite importance that we recognize in Giordano Bruno a great spirit who points outward into the vastness of space, but who is equally strongly attuned to what connects the human soul to the primordial spirit of worldly existence. If we examine what underlies this in the soul of Giordano Bruno, it becomes clear that he was guided by an intelligence and a mindset that can certainly be compared to the intelligence and mindset of modern science, but which was still enriched by the traditions of ancient clairvoyance. One might say that even a shadow of the ancient clairvoyance and of the sense of kinship with the divine-spiritual world still lived in the soul of Giordano Bruno. But all that remains for us is the picture he sketched of the outer, sensory world, and nothing more of what was still alive within him at that time. The image of the ancient clairvoyance that lived within him disappeared. One need only trace this development without prejudice right up to the present day to see that, more and more, the mere intellect—this purely external observation of the sensory world—has become widespread in the general, normal consciousness of humanity.
[ 21 ] Was ist von unserem Zeitalter deshalb zu sagen? Da ist zu sagen, daß wir so recht im Zeitalter des Intellekts, des Verstandes und dessen Anwendung auf die Sinneswelt leben. Nun muß man im Sinne der Geisteswissenschaft die eigenartige Wirkung des Intellekts selber untersuchen, der bloßen Vernunfterkenntnis der menschlichen Seele gegenüber der hellseherischen Erkenntnis. Diese unterscheidet sich wesentlich von einer Erkenntnis aus Intellekt oder sinnlicher Beobachtung. Der Unterschied besteht darin, daß alle hellseherische Erkenntnis, die irgendwie die Verbindung des Menschen mit der Geisteswelt herstellt, hineinwirkt in unser Gemüt, und daß sich daraus ein Gefühl, eine Empfindung ergibt von der Stellung und Lage des Menschen im gesamten Weltall. Kraftvoll ist die hellseherische Erkenntnis, sie gießt hinein in unsere Seele Empfindung und Gefühl, sie befriedigt unsere Sehnsüchte, stärkt unsere Hoffnung, entzündet unsere Liebe. Es ist undenkbar, daß der Mensch an der übersinnlichen Erkenntnis teil hat, ohne daß sie sich umsetzt in Gefühl und Empfindung. Daher sehen wir, wie die bildhaften Legenden und Mythen in den Vorstellungen der Alten nicht gleichgültig aufgenommen wurden, sondern so, daß die ganze Seele entweder entzückt sein konnte und hingegeben an eine übersinnliche Welt oder aber zerknirscht über ihre eigene Kleinheit. Das gehört auch zum Wesen der Intelligenz, daß sie in gewisser Weise verdunkelnd wirkt auf all das, was als übersinnliche Erkenntnis da ist. Wir können das in unserem gewöhnlichen Seelenleben beobachten. In dem Augenblick, wo irgendeine bildhafte Vorstellung, die, wie man sagt, intuitiv oder auf dem Wege der Inspiration auftaucht, eingefaßt wird in abstrakte Begriffe, verschwindet der tiefe Empfindungsgehalt, den sie für die gesamte Persönlichkeit und das gesamte Seelenleben gibt. Intellekt ist in hohem Grade verständnisbringend, aber auslöschend für alle unmittelbare seelische Wirkung der übersinnlichen Erkenntnis.
[ 21 ] What, then, can be said about our age? It must be said that we truly live in the age of the intellect, of reason, and of its application to the sensory world. Now, from the perspective of spiritual science, one must examine the unique effect of the intellect itself—the mere rational knowledge of the human soul—as opposed to clairvoyant knowledge. The latter differs fundamentally from knowledge derived from the intellect or sensory observation. The difference lies in the fact that all clairvoyant knowledge, which in some way establishes a connection between the human being and the spiritual world, works its way into our soul, giving rise to a feeling, a sense of the human being’s place and position within the entire universe. Clairvoyant knowledge is powerful; it pours sensation and feeling into our soul, it satisfies our longings, strengthens our hope, and kindles our love. It is unthinkable that a human being could partake in supersensible knowledge without it translating into feeling and sensation. Thus we see how the pictorial legends and myths were not received indifferently in the imagination of the ancients, but in such a way that the whole soul could either be enraptured and devoted to a supersensory world, or else contrite over its own smallness. It is also part of the nature of intelligence that it has, in a certain sense, a darkening effect on all that exists as supersensory knowledge. We can observe this in our ordinary soul life. The moment any pictorial image—which, as they say, arises intuitively or through inspiration—is framed in abstract concepts, the deep emotional content it provides for the entire personality and the entire soul life disappears. Intellect is highly illuminating, but it extinguishes all the immediate psychological effects of supersensible knowledge.
[ 22 ] Ich führe Ihnen nichts Ausgedachtes an, nichts, was Sie nicht in zahlreichen Büchern lesen können. Da weisen die Vertreter der Intelligenz hin auf Buddha, auf Christus, auf Zarathustra, auf Pythagoras und so weiter und sagen: Da steht die menschliche Seele der großen Welt gegenüber, sie erfaßt in verschiedener Weise die Welt. Das Hineinreichen der übersinnlichen Erkenntnis in die Seele war verbunden mit starkem Mut zum Dasein, der aus der Seele heraus bewirkt hat das Bewußtsein unseres Zusammenhanges mit dem Geistigen der Welt. Die Intelligenz führt zwar an der Oberfläche der Dinge zum Verständnis, ist aber nicht geeignet, ein Gefühl des inneren, seelischen Mutes hervorzurufen. So sehen wir Mutlosigkeit, Kraftlosigkeit gegenüber dem Eindringen der Erkenntnis als ein Charakteristikum unserer Zeit. Unsere Zeit lobt und hebt dasjenige hervor, was die Wissenschaft leisten kann. Das tut sie mit Recht. Aber überall, wo die Leute glauben, tiefer zu denken, da sagen sie, dort hinein, wo das Warum der Dinge spricht, kommt der Mensch nicht. Weder Pythagoras, noch Christus, noch Zarathustra hätten irgend etwas zu sagen gewußt von diesem Warum. Dies beweise doch zur Genüge, daß anstelle der alten Erkenntnis und Zuversicht getreten ist eine Erkenntnis der Mutlosigkeit.
[ 22 ] I am not presenting you with anything I have made up, nothing that you cannot read about in numerous books. There, the representatives of the intelligentsia point to Buddha, to Christ, to Zarathustra, to Pythagoras, and so on, and say: Here the human soul faces the great world; it perceives the world in various ways. The penetration of supersensory knowledge into the soul was linked to a powerful courage to exist, which, arising from the soul, brought about the awareness of our connection with the spiritual realm of the world. Intellect may indeed lead to understanding on the surface of things, but it is not suited to evoking a sense of inner, spiritual courage. Thus we see despondency and a lack of strength in the face of the penetration of knowledge as a characteristic of our time. Our time praises and emphasizes what science can achieve. It does so rightly. But wherever people believe they are thinking more deeply, they say that human beings cannot penetrate to the very heart of things, where the “why” of things speaks. Neither Pythagoras, nor Christ, nor Zarathustra would have known anything to say about this “why.” This proves sufficiently that a sense of despondency has replaced the old knowledge and confidence.
[ 23 ] Es gibt für das menschliche Gefühl im Grunde zwei Formen der Resignation. Der alte Hellseher konnte sagen: So wie in meinen Verhältnissen, in meinem Zeitalter die menschlichen Fähigkeiten sich entwickelt haben, so reichen sie noch nicht dahin, in die Urgründe der Dinge hineinzusehen – man muß resignieren. – Das war eine andere Resignation als die, die wir heute finden. Warum resigniert der alte Hellseher? Weil er sieht: So wie ich dastehe, bin ich noch nicht geeignet, zu Erkenntnissen zu kommen. – Er resigniert aus Bescheidenheit, aus dem Bewußtsein, daß in ihm zwar die höchsten Kräfte sind, daß er sie aber vermöge seiner Unvollkommenheit nicht zu entfalten vermag. Das ist eine heldenhafte Resignation, voller Zuversicht, das ist der Mensch, dem die Pforten der Welträtsel nicht verschlossen sind.
[ 23 ] There are essentially two forms of resignation in human emotion. The old clairvoyant could say: Given the way human abilities have developed in my circumstances and in my era, they do not yet extend far enough to see into the very foundations of things—one must resign oneself to this. – That was a different kind of resignation than the one we find today. Why does the ancient seer resign himself? Because he sees: As I stand now, I am not yet capable of arriving at insights. – He resigns himself out of modesty, out of the awareness that although the highest powers reside within him, he is unable to unfold them due to his imperfection. This is a heroic resignation, full of confidence; this is the person to whom the gates of the world’s mysteries are not closed.
[ 24 ] Heute hingegen wird gesagt: Der Mensch kann überhaupt nicht eindringen [in die Erkenntnis höherer Welten]; so wie er beschaffen ist, kann sein Erkenntnisvermögen niemals so hoch entwickelt werden. – Das ist eine prinzipielle Resignation – sie unterscheidet sich ganz wesentlich von der heroischen Resignation –, sie hat etwas Hochmütiges, indem sie den jeweiligen Erkenntnisstandpunkt für absolut erklärt. Was dieser nicht erkennen kann, liegt überhaupt außerhalb der menschlichen Erkenntnis.
[ 24 ] Today, however, it is said: Human beings cannot penetrate [into the knowledge of higher worlds] at all; given their nature, their cognitive faculties can never be developed to such a high degree. – This is a resignation based on principle—it differs quite significantly from heroic resignation—and it has an air of arrogance in that it declares the current state of knowledge to be absolute. What this state of knowledge cannot perceive lies entirely beyond human comprehension.
[ 25 ] Das Zeitalter der Intelligenz wird von anderen Empfindungen erfüllt, Empfindungen negativer Art, weil es selber nicht produktiv sein kann, im Gegensatz zu den Zeiten des alten Hellsehens. Dahin mußte die Menschheit kommen, wenn sie alle alten Vorstellungen, auch jene des Glaubens verlieren sollte, und dazu bedurfte es dieser Kultur der Intelligenz. Das innere Leben würde aber veröden, wenn nur die Intelligenz berufen sein sollte, in das innere Leben des Menschen hineinzuleuchten. Daher tritt in der Gegenwart die Geisteswissenschaft oder Theosophie auf und zeigt, daß es wieder möglich ist, aus den Tiefen der menschlichen Seele Kräfte hervorzuholen, die die Intelligenz durchdringen mit einer höheren Erkenntniskraft, welche die Menschen wiederum in die geistigen Welten hineinführen wird. So will die neue hellseherische Erkenntnis ein Anreiz sein und eine Hilfe für die intellektuelle Erkenntnis, und sie gibt der Menschheit wieder das, was sie braucht, um nicht bloß das Licht der Intelligenz zu besitzen, das die Seele leer läßt, sondern sie gibt ihr die Möglichkeit, eine solche Erkenntnis zu besitzen, die wieder Kraft und Zuversicht und Hoffnung in unser Leben bringt. Zahlreiche Menschen lechzen danach, eine solche Erkenntnis zu erlangen, die sich in Mut und Kraft umsetzen läßt in unserer Seele. Wer den ganzen Geist der neuen Entwicklung von der Morgenröte des intellektuellen Zeitalters bis zu ihrem heutigen Höhepunkt begreift, der wird auch erfassen, daß für die Zukunft der Menschheit die Erfüllung der Seele mit einem Inhalt notwendig ist. Denn Intelligenz allein würde die Seele auslöschen können, aber nicht dazu führen, einen neuen seelischen Inhalt zu liefern. Die alten Vorstellungen werden von den fortgeschrittenen Kreisen der Gegenwart kritisiert oder höchstens als Geschichte registriert. Man taucht sozusagen zurück, um die alten Vorstellungen zu registrieren. Geisteswissenschaft wird aber, trotzdem sie echte Wissenschaft ist, immer eine solche Wissenschaft sein, die in unsere Seele das Gefühl der Kraft gießt für den Zusammenhang mit den geistigen Welten. Sie will einen Seeleninhalt geben und mit Seeleninhalt die Menschenseelen befruchten.
[ 25 ] The age of intelligence is filled with other sensations—sensations of a negative nature—because it cannot itself be productive, in contrast to the times of ancient clairvoyance. Humanity was bound to reach this point if it was to lose all its old conceptions, including those of faith, and this required the culture of intelligence. But inner life would become barren if only the intellect were called upon to shed light on the inner life of the human being. That is why spiritual science, or theosophy, has emerged in the present day, demonstrating that it is once again possible to draw forth from the depths of the human soul forces that permeate the intellect with a higher power of knowledge, which in turn will lead people back into the spiritual worlds. Thus, the new clairvoyant knowledge aims to be a stimulus and an aid to intellectual understanding, and it restores to humanity what it needs—not merely the light of intellect, which leaves the soul empty, but the possibility of possessing a kind of knowledge that brings strength, confidence, and hope back into our lives. Countless people yearn to attain such insight, which can be transformed into courage and strength within our souls. Anyone who comprehends the full spirit of this new development—from the dawn of the intellectual age to its present-day culmination—will also grasp that, for the future of humanity, it is necessary for the soul to be filled with substance. For intelligence alone could extinguish the soul, but it would not provide new spiritual content. The old ideas are criticized by today’s progressive circles or, at best, regarded merely as history. One looks back, so to speak, to take note of the old ideas. Spiritual science, however, despite being a genuine science, will always be a science that instills in our souls a sense of strength for connection with the spiritual worlds. It seeks to provide content for the soul and to enrich human souls with this content.
[ 26 ] Damit weist die Geisteswissenschaft auf ihre Mission in der Zukunft hin. Sie ist eine solche Wissenschaft, welche wieder Empfindung und Gefühl auf die natürlichste Weise der Welt gewähren wird. Intelligenz wird zwar die Brücke bauen von den alten Zeiten zu den Zeiten der Zukunft, aber die Mission der Geisteswissenschaft ist es, diese Intelligenz zu durchdringen mit dem lebendigen Wert des geistigen Lebens als Nahrung für die Seele. Weil in unserer Zeit die Intelligenz in gewissem Grade ihre größte Entwicklung erreicht hat, so ist gerade dieser Zeitpunkt erkoren worden von denen, die den Geist der Zeit zu deuten wissen, um den Versuch zu machen, durch die Geisteswissenschaft einzugreifen, um nach und nach [wieder lebendige Seeleninhalte für] die Seele zu erobern.
[ 26 ] In this way, spiritual science points to its mission for the future. It is a science that will restore sensation and feeling in the most natural way possible. Intelligence will indeed build the bridge from the past to the future, but the mission of spiritual science is to imbue this intelligence with the living value of spiritual life as nourishment for the soul. Because intelligence has, to a certain degree, reached its highest level of development in our time, this very moment has been chosen by those who know how to interpret the spirit of the age to make an attempt, through spiritual science, to gradually reclaim [vibrant spiritual content for] the soul.
[ 27 ] So stellt sich die Geisteswissenschaft nicht als etwas Willkürliches oder etwas beliebig Ersonnenes in unser Zeitalter hinein, sondern als etwas, was den eigentlichen Sinn, die tiefsten Aufgaben und Rätsel unseres Zeitalters kennenzulernen versucht. Und wenn die menschliche Seele in voller Vorurteilslosigkeit diese Geisteswissenschaft auf sich wirken läßt, dann wird sie empfinden, daß diese Geisteswissenschaft in bezug auf Logik und Intellekt jeder äußeren Wissenschaft gewachsen ist, daß sie aber die Logik in einer solchen Weise aufbaut, daß sie als Kraft der Liebe, des Mitleids, der Lebenssicherheit in unsere Seele einzieht. Und es wird eine jegliche Seele den hohen Sinn der Geisteswissenschaft fühlen und verstehen, deren Kern wir zusammenfassen wollen in den Worten:
[ 27 ] Thus, spiritual science does not present itself as something arbitrary or arbitrarily conceived in our age, but as something that seeks to understand the true meaning, the deepest tasks, and the mysteries of our age. And when the human soul allows this spiritual science to take effect upon it with complete openness, free from prejudice, it will sense that this spiritual science is on a par with any external science in terms of logic and intellect, yet that it structures logic in such a way that it enters our soul as a force of love, compassion, and assurance of life. And every soul will feel and understand the lofty meaning of spiritual science, the essence of which we wish to summarize in the words:
Es sprechen zu den Menschensinnen
Die Dinge in den Raumesweiten
Sie wandeln sich im Zeitenlauf
Erkennend lebt die Menschenseele
Von Raumesweiten unbegrenzt
Und unbeirrt vom Zeitenlauf
Im Reich der Geistes-Ewigkeit.
They speak to the human senses
The things in the vastness of space
They change as time passes
The human soul lives in awareness
Unlimited by the vastness of space
And undeterred by the passage of time
In the realm of spiritual eternity.
