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Truths and Errors in Spiritual Research
GA 69a

19 March 1911, Prague

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Truths and Errors in Spiritual Research, tr. SOL
  1. Wahrheiten und Irrtümer der Geistesforschung

2. Wie widerlegt man Theosophie?

2. How Does One Refute Theosophy?

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Vielleicht hat der Titel des heutigen Vortrages manchem eine Überraschung gebracht, da es doch sonderbar scheinen könnte, daß für die diesmalige Einladung unserer Prager Freunde als erstes Vortragsthema von mir die Frage gewählt worden ist: «Wie widerlegt man Theosophie?» – Dennoch scheint es mir, daß es eine gute Einleitung sein kann für das Begreifen und das Sichhineinfinden in die theosophische oder geisteswissenschaftliche Weltanschauung, auch einmal gerade über dieses Thema seine Gedanken schweifen zu lassen. Wenn Theosophie oder Geisteswissenschaft das Herz einer großen Anzahl unserer Zeitgenossen gewinnen will, so ist es für sie von ganz besonderer Notwendigkeit, daß sie nicht nur eine Weltanschauung, eine Lebensauffassung werde, sondern daß von dieser Weltanschauung und Lebensauffassung ausgehend Lebensimpulse sich ergeben, Impulse, die uns Kraft, Sicherheit und Hoffnung für das Leben geben, Impulse aber auch, welche die innere Harmonie unserer Seele fördern.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! Perhaps the title of today’s lecture came as a surprise to some, since it might seem strange that, for this invitation from our friends in Prague, I chose as my first lecture topic the question: “How does one refute theosophy?” – Nevertheless, it seems to me that letting one’s thoughts wander over this very topic can serve as a good introduction to understanding and becoming familiar with the theosophical or spiritual-scientific worldview. If theosophy or spiritual science is to win the hearts of a large number of our contemporaries, it is of the utmost importance that it not only become a worldview and a philosophy of life, but that, stemming from this worldview and philosophy of life, vital impulses arise—impulses that give us strength, security, and hope for life, but also impulses that foster the inner harmony of our soul.

[ 2 ] Nun gibt es für eine Weltanschauung nichts Gefährlicheres und nichts, was für das Leben sozusagen weniger geeignete Impulse geben könnte, als alles das, was man mit dem Worte Fanatismus bezeichnet. Und wie macht sich Fanatismus nicht nur auf den übrigen Gebieten des Lebens, sondern gerade auf den Gebieten der verschiedenen Weltanschauungen geltend – das weiß ja ein jeder. Soll Theosophie oder Geisteswissenschaft gerade nach dieser Richtung hin einen Impuls geben, so ist es für sie von einer ganz besonderen Notwendigkeit, daß sie lerne, als Weltanschauung völlig unfanatisch zu sein, das heißt, in ihre Lebensführung alles hineintragen zu können, was man nennen mag: volles Verständnis für ihre Gegner und volles Entgegenkommen für die möglichen Einwände der Gegner. Wie hören wir es doch auf den übrigen Gebieten des Lebens und der Weltanschauungen so leicht, daß man einfach den Gegner abtut als einen unlogischen, vielleicht sogar als einen mehr oder weniger schlechten Menschen. Theosophie oder Geisteswissenschaft sollte sich darauf einlassen, den Gegner und namentlich seine Gründe voll zu verstehen. Sie selbst hat ja dazu, man darf sagen, allen Grund. Denn so sehr sie auch zunächst zu manchen Herzen spricht, so sehr sie manche Sehnsüchte des Lebens befriedigen kann, so muß man auf der anderen Seite doch sagen: Der Weg in die Tiefen, um die Beweiskraft ihrer Behauptungen und ihrer Lehren zu erkennen, dieser Weg ist ein recht weiter. Die Schwierigkeiten, welche sich dem entgegentürmen, der aus dem heutigen zeitgenössischen Leben heraus in ehrlicher, gewissenhafter Weise den Weg in die Theosophie hinein finden will, sind gerade die denkbar größten.

[ 2 ] Now, there is nothing more dangerous to a worldview—and nothing that could, so to speak, provide less suitable impetus for life—than everything that is described by the word “fanaticism.” And everyone knows how fanaticism asserts itself not only in other areas of life, but especially in the realm of various worldviews. If Theosophy or Spiritual Science is to provide an impulse in this very direction, it is of the utmost necessity for it to learn to be completely free of fanaticism as a worldview—that is, to be able to incorporate into its way of life what one might call: full understanding for its opponents and full openness to their possible objections. How often do we hear, in other areas of life and worldviews, that one simply dismisses an opponent as illogical, or perhaps even as a more or less bad person. Theosophy or spiritual science should commit itself to fully understanding its opponents and, in particular, their reasons. It, too, has—one might say—every reason to do so. For as much as it may initially speak to some hearts, and as much as it may satisfy certain longings in life, one must nevertheless say on the other hand: The path into the depths, in order to recognize the probative force of its assertions and teachings—this path is a rather long one. The difficulties that loom before anyone who, coming from contemporary life, wishes to find their way into theosophy in an honest and conscientious manner are precisely the greatest imaginable.

[ 3 ] Daher darf der Vortrag, den ich am 25. März hier halten werde und der dann in positiver Weise hineinführen soll in den Grundnerv der Theosophie, eingeleitet und vorbereitet werden durch eine Betrachtung der möglichen und, man darf sagen, der bis zu einem gewissen Grade in unserer Zeit berechtigten Einwände. Um aber über solche Einwände sprechen zu können, müssen wir uns erst verständigen, was Theosophie sein will, namentlich was hier als «Theosophie» gemeint ist. Denn sicher ist es ja, daß keineswegs mit allem, was sich als theosophische Literatur in der Welt ausgibt, immer Staat zu machen ist. Hier soll vor allen Dingen von Theosophie insofern gesprochen werden, als sie Anspruch darauf machen will, wissenschaftlich ernst genommen zu werden. Was ist nun Theosophie, wenn wir absehen von allem, was sich in dilettantischer Weise an ihre Fersen heftet?

[ 3 ] Therefore, the lecture I will deliver here on March 25—which is intended to provide a positive introduction to the very essence of theosophy—should be introduced and prepared by considering the possible objections and, one might say, those that are to a certain extent justified in our time. But in order to discuss such objections, we must first agree on what theosophy purports to be—namely, what is meant by “theosophy” in this context. For it is certainly true that by no means can everything that presents itself as theosophical literature in the world be taken at face value. Here, we shall speak of Theosophy primarily insofar as it claims to be taken seriously as a science. What, then, is Theosophy, if we set aside everything that clings to its heels in an amateurish manner?

[ 4 ] Theosophie will eine Weltanschauung sein, die hinaufführt in die geistige Welt, sie will eine wissenschaftliche Begründung jener Anschauung geben, die da sagt: Hinter alledem, was unsere Sinne uns über die Außenwelt sagen, was unser an das Gehirn gebundener Verstand über die Außenwelt erkennen kann, hinter alledem liegt eine höhere, eine geistige Welt, und in dieser geistigen Welt liegen erst die Gründe für alles, was in der Sinneswelt, was in der Verstandeswelt vor sich geht.

[ 4 ] Theosophy aims to be a worldview that leads upward into the spiritual world; it seeks to provide a scientific foundation for the view that states: Behind everything that our senses tell us about the external world, behind everything that our intellect—bound to the brain—can perceive about the external world, there lies a higher, spiritual world; and it is in this spiritual world that the causes of everything that takes place in the sensory world and in the world of the intellect are to be found.

[ 5 ] Damit allerdings würden wir uns als Theosophen nicht sehr unterscheiden von manchen Bekennern dieser oder jener anderen Weltanschauung der Gegenwart. Denn es wird ja heute nachgerade in immer weiteren Kreisen auch der äußeren Wissenschaft zu einer Überzeugung, daß hinter allem, was diese äußere Wissenschaft selbst erforschen kann, was Welt des Verstandes ist, etwas anderes sich verbirgt, das zunächst ein Unbekanntes ist. Wesentlich für die Theosophie oder Geisteswissenschaft ist nun nicht nur die Anerkennung, daß hinter einem Sinnlichen ein Übersinnliches, hinter allem Physischen ein Geistiges steht, sondern das Wesentliche ist, daß dem Menschen bis zu einem gewissen Grade erkennbar ist und in immer höherem und höherem Grade erkennbar wird – wenn er seine eigene Seele dazu geeignet macht –, was es hinter der physischen Welt gibt. Und nicht mit denjenigen kann Theosophie oder Geisteswissenschaft übereinstimmen, welche da sagen: Es gibt Grenzen der menschlichen Erkenntnis. – Wir müssen uns allerdings als Menschen auf das beschränken, was die Sinne erkennen, was methodische Wissenschaft erforschen kann. Aber wir können voraussetzen, daß diese Grenzen der menschlichen Erkenntnis immer mehr und mehr zu erweitern sind, so daß der Mensch durch die Entwicklung seiner Erkenntniskräfte sich hinaufarbeiten kann zu der Erkenntnis von Welten, die anders sind als die Welt, in der er zunächst mit seinem normalen Bewußtsein steht. Von diesem Gesichtspunkte aus ist Theosophie untrennbar von der Voraussetzung, daß der Mensch in einer gewissen Weise fähig ist, das zu entwickeln, was – nennen wir es mit dem Goetheschen Wort: geistige Sinne, Geistesaugen, Geistesohren sind. Es ist für den Menschen also möglich, daß er höhere Organe entwikkelt, allerdings nicht physische höhere Organe, sondern geistig-seelische höhere Organe, so daß für ihn in einem gewissen Zeitpunkt der große, gewaltige Augenblick eintritt, der auf einer höheren Stufe zu vergleichen ist mit dem gewöhnlichen Augenblick, welchen derjenige erleben kann, der als Blinder geboren ist und dann das Glück hat, durch eine Operation der Augen sehend zu werden. Während er vorher Dunkelheit, Farblosigkeit um sich herum hatte, mischt sich nun durch das Öffnen des Sehvermögens in die Finsternis hinein die Welt der bunten Farben. Wie bei dem Blindgeborenen ein solches Aufwachen in einer für ihn höheren oder wenigstens anderen Welt eintritt, so ist es für eine jede Seele möglieh, den Moment des Aufwachens in einer anderen Welt zu erleben, das heißt, anders zu sehen als in der Welt, in der zunächst das normale Bewußtsein lebt. In keinem anderen Sinne ist die Welt durch die Theosophie als eine andere, als eine höhere, übersinnliche anzusehen, als in dem eben charakterisierten Sinne.

[ 5 ] However, this would mean that we, as Theosophists, would not differ greatly from some adherents of this or that other contemporary worldview. For today, even in ever-wider circles of external science, there is a growing conviction that behind everything that this external science itself can investigate—the world of the intellect—there lies something else that is, for the time being, unknown. What is essential for Theosophy or spiritual science is not merely the recognition that behind the sensory lies the supersensory, and behind all that is physical lies the spiritual; rather, the essential point is that what lies beyond the physical world is, to a certain degree, knowable to human beings and becomes knowable to an ever-greater degree—provided they prepare their own souls for it. And theosophy or spiritual science cannot agree with those who say: There are limits to human knowledge. – As human beings, we must, of course, limit ourselves to what the senses perceive and what methodological science can investigate. But we can assume that these limits of human knowledge can be expanded more and more, so that through the development of their cognitive powers, human beings can work their way up to the knowledge of worlds that are different from the world in which they initially stand with their normal consciousness. From this point of view, theosophy is inseparable from the premise that human beings are, in a certain sense, capable of developing what—to use Goethe’s term—are spiritual senses, spiritual eyes, and spiritual ears. It is therefore possible for human beings to develop higher faculties, though not physical higher faculties, but rather higher spiritual and soul faculties, so that at a certain point the great, momentous moment arrives for them—a moment that, on a higher level, can be compared to the ordinary moment experienced by someone born blind who is then fortunate enough to regain sight through eye surgery. Whereas before he was surrounded by darkness and colorlessness, the world of vibrant colors now mingles with the darkness as his sight opens up. Just as such an awakening to a world that is higher—or at least different—for him occurs in the case of one born blind, so it is possible for every soul to experience the moment of awakening to another world—that is, to see differently than in the world in which normal consciousness initially resides. In no other sense is the world to be regarded by Theosophy as a different, higher, or supersensory one than in the sense just characterized.

[ 6 ] Dann aber zeigt die Theosophie natürlich auch, worin die Mittel liegen, um einen solchen Moment des Aufwachens für den Menschen herbeizuführen. Von diesen Mitteln soll im nächsten Vortrage besonders gesprochen werden. Heute handelt es sich nur darum, eine Skizze der theosophischen Weltanschauung zu entwerfen.

[ 6 ] But then, of course, Theosophy also shows what the means are for bringing about such a moment of awakening for human beings. These means will be discussed in detail in the next lecture. Today, the aim is simply to sketch out the Theosophical worldview.

[ 7 ] Fassen wir, um uns zu verständigen, wie es eigentlich mit diesem Moment des Aufwachens bestellt ist, einen Moment ins Auge, den jeder Mensch an jedem Tage erlebt, den Moment des Einschlafens, wo der Mensch alles, was äußere Eindrücke auf seine Sinne macht, gleichsam erlöschen sieht, und wo der Verstand, der sich wie ein Netz ausbreitet über die Wahrnehmungen der Sinne, aufhört zu funktionieren. Wir können sagen, in einem solchen Falle ist der Mensch in einer ganz anderen Seinslage; er befindet sich dann in der Unmöglichkeit, irgend etwas um sich herum wahrzunehmen, wenn die Eindrücke der Sinneswelt und die Arbeit des Verstandes aufhören. Nun kann natürlich nur die wirkliche Erfahrung darüber entscheiden, ob es unbedingt nötig ist, daß der Mensch immer dann, wenn er keine Eindrücke der Sinneswelt erhält, in einen Zustand verfallen muß, der dem Schlaf ähnlich ist, oder ob es auch einen anderen Zustand geben kann. Das kann nur die Erfahrung derjenigen entscheiden, welche die intime Arbeit der Seele durchgemacht haben, die sie dazu geführt hat, solche starken Seelenimpulse zu entwickeln, daß etwas für sie eintreten kann, was ähnlich ist dem Moment des Einschlafens und doch wieder radikal davon verschieden. Ähnlich ist es dem Einschlafen darin, daß alle äußeren Sinneseindrücke und alle Verstandesarbeit aufhören. Verschieden davon ist es dadurch, daß derjenige, der Geistesforscher werden will, seine Seele durch Übungen in eine solche innere Regsamkeit bringt und aus ihrer Tiefe solche Kräfte heraufholt, daß er dann, wenn er selber willkürlich das Aufhören aller äußeren Sinneseindrücke und aller Verstandestätigkeit herbeiführt, nicht Bewußtlosigkeit als Horizont um sich herum hat, sondern auch dann ein inneres bewußtes Leben führt. Dieses innere bewußte Leben ist ein Sichorientieren der Seele, ein Heraufholen von Fähigkeiten und Kräften aus den Tiefen der Seele, wovon das normale Bewußtsein keine Ahnung hat. Es läßt sich das vergleichen mit dem Heraufholen des Sehvermögens bei dem Blindgeborenen, wenn er operiert worden ist. Aus den Tiefen der Seele können wir Kräfte heraufholen, die dann wirken, wenn sonst Bewußtlosigkeit eintreten müßte, und die nun so wirken, daß sie die Seele in Verbindung bringen mit einer geistigen Welt, die für den Menschen ebenso wahrhaft vorhanden ist, wie unsere Sinneswelt äußerlich vorhanden ist. So ist das, was den Geistesforscher zu seiner Wissenschaft führt, zunächst allerdings etwas Subjektives, etwas, was sozusagen aus der eigenen Seele hervorgerufen wird, dennoch aber ergeben die Beobachtungen derer, die ihre Seele zu einem solchen Aufwachen gebracht haben, übereinstimmende Resultate. Zunächst wollen wir nur das beschreiben, was sich auf den Menschen bezieht, wie er unmittelbar vor uns steht.

[ 7 ] To understand what this moment of waking up is really like, let us consider for a moment an experience that every person goes through every day: the moment of falling asleep, when a person sees everything that external impressions make upon their senses fade away, as it were, and when the mind—which spreads out like a net over the perceptions of the senses—ceases to function. We can say that in such a case, a person is in a completely different state of being; they are then unable to perceive anything around them once the impressions of the sensory world and the workings of the intellect cease. Now, of course, only actual experience can determine whether it is absolutely necessary that a person, whenever they receive no impressions from the sensory world, must fall into a state similar to sleep, or whether there might also be another state. This can only be determined by the experience of those who have undergone the inner work of the soul that has led them to develop such strong soul impulses that something can occur for them that is similar to the moment of falling asleep and yet radically different from it. It is similar to falling asleep in that all external sensory impressions and all intellectual activity cease. It differs from falling asleep in that the person wishes to become a spiritual researcher brings his soul, through exercises, to such a state of inner vitality and draws up such forces from its depths that when he arbitrarily brings about the cessation of all external sensory impressions and all intellectual activity, he is not surrounded by unconsciousness, but continues to lead an inner, conscious life even then. This inner, conscious life is a process of the soul orienting itself, a drawing forth of abilities and powers from the depths of the soul of which normal consciousness has no inkling. It can be compared to the restoration of sight in a person born blind after undergoing surgery. From the depths of the soul we can draw up forces that come into play when unconsciousness would otherwise set in, and which now act in such a way that they connect the soul with a spiritual world that is just as truly real for human beings as our sensory world is externally real. Thus, what leads the spiritual researcher to his science is, at first, admittedly something subjective—something that is, so to speak, evoked from one’s own soul—yet the observations of those who have brought their souls to such an awakening yield consistent results. For now, let us describe only what pertains to the human being as he stands immediately before us.

[ 8 ] Der Mensch, so wie er vor uns steht, erscheint dem unmittelbaren Bewußtsein zunächst als physischer Leib, mit alledem, was man von ihm mit Händen greifen, mit den Augen sehen kann. Die Theosophie aber zeigt uns, daß sich des Menschen Wesenhaftigkeit nicht erschöpft in dem, was wir durch die Sinne wahrnehmen, sondern daß das, was wir als «physischen Leib» bezeichnen, eingebettet ist in übersinnliche, höhere Glieder der Menschennatur, die nur auf dem eben gekennzeichneten Wege zu erforschen sind. Da sprechen wir dann davon, daß alles das, was am Menschen die Lebenserscheinungen hervorruft, von einem besonderen übersinnlichen Gliede des Menschen herrührt, von dem sogenannten «Ätherleib» oder Lebensleib. Von diesem Ätherleib sprechen wir so, daß er vor das geistige Auge treten kann, wie die Farbe vor das physische Auge tritt, daß er eine äußerliche, allerdings nur übersinnlich wahrnehmbare, geistige Realität ist. Wir sprechen weiter davon, daß außer diesem Ätherleibe ein weiteres übersinnliches Glied der Menschennatur vorhanden ist – stoßen Sie sich nicht an dem Namen, er soll nur ein terminus technicus sein –, der astralische Leib. Wir nennen «Astralleib» den übersinnlich erkennbaren Träger dessen, was wir sonst nur in unserem Innern erleben als unsere Leidenschaften, als Lust und Leid, als Schmerzen und Freuden, aber auch als das ganze auf- und abwogende Vorstellungsleben. Wir unterscheiden dann neben dem Ätherleib und dem Astralleib noch ein nächstes übersinnliches Glied der Menschennatur; denn wie der Mensch einen physischen Leib gemeinsam hat mit der ganzen mineralischen Welt, so hat er den Ätherleib gemeinsam mit der ganzen lebendigen, und den Astralleib mit der ganzen tierischen Welt. Aber der Mensch hat für sich noch ein viertes Glied, wodurch er die Krone der Erdenschöpfung ist, das wir bezeichnen als den Ich-Leib oder die Ich-Wesenheit, die wir nicht antreffen bei den anderen irdischen Wesen.

[ 8 ] The human being, as he stands before us, initially appears to our immediate consciousness as a physical body, with everything about him that can be grasped by the hands and seen by the eyes. Theosophy, however, shows us that the essence of the human being is not limited to what we perceive through the senses, but that what we call the “physical body” is embedded in supersensory, higher aspects of human nature, which can only be explored through the path just described. We then speak of how everything that gives rise to the manifestations of life in human beings originates from a specific supersensible aspect of the human being, the so-called “etheric body” or life body. We speak of this etheric body in such a way that it can appear before the inner eye, just as color appears before the physical eye; it is an external spiritual reality, albeit one that can only be perceived supersensually. We go on to say that, in addition to this etheric body, there is another supersensible aspect of human nature—please do not take offense at the name; it is meant to be merely a technical term—the astral body. We call the “astral body” the supersensibly perceptible vehicle of what we otherwise experience only within ourselves as our passions, as pleasure and pain, as sorrows and joys, but also as the entire ebb and flow of our imaginative life. In addition to the etheric body and the astral body, we distinguish yet another supersensible element of human nature; for just as human beings share a physical body with the entire mineral world, so they share the etheric body with the entire plant world and the astral body with the entire animal world. But human beings possess a fourth element of their own, through which they are the crown of earthly creation—what we designate as the “I-body” or the “I-being,” which we do not find in other earthly beings.

[ 9 ] So sagt die Theosophie, daß wir den Menschen erst völlig verstehen, wenn wir uns ihn zusammengefügt denken aus diesen vier Gliedern der menschlichen Wesenheit. Weiter zeigt sie, daß beim Menschen, wenn er in Schlaf versinkt, eine Spaltung seiner Glieder stattfindet, indem im Bette liegenbleiben der physische Leib und der Ätherleib, und sich von diesen trennen und in eine höhere Welt aufsteigen der astralische Leib und das Ich. Solange der astralische Leib und das Ich vom physischen und Atherleib getrennt sind, ist der Mensch so organisiert, daß der Bewußtseinshorizont dunkel bleibt. Daher die Bewußtlosigkeit des Schlafes. Wir sprechen in der Geisteswissenschaft davon, daß dem zeitlichen Verfall nur der Teil der menschlichen Wesenheit unterliegt, welcher nach den sinnlicheren Gliedern hingeneigt ist, das heißt der physische Leib und das Dichtere des Ätherleibes, daß es dagegen einen menschlichen Wesenskern gibt, der aus dem Ich und dem Astralleib und einem Teil des Ätherleibes besteht; dieser Wesenskern wirft mit dem Tode die äußere Hülle des physischen Leibes und einen Teil des Ätherleibes ab und macht in der geistigen Welt ein Leben unter anderen Bedingungen durch.

[ 9 ] Thus, theosophy teaches that we can only fully understand human beings when we conceive of them as composed of these four aspects of human nature. It further shows that when a person falls asleep, a separation of these aspects takes place: the physical body and the etheric body remain in bed, while the astral body and the “I” separate from them and ascend into a higher world. As long as the astral body and the “I” are separated from the physical and etheric bodies, human beings are organized in such a way that the horizon of consciousness remains dark. Hence the unconsciousness of sleep. In spiritual science, we speak of how only that part of the human being that is inclined toward the more sensory members—that is, the physical body and the denser part of the etheric body—is subject to temporal decay; whereas there is a human core consisting of the I, the astral body, and a part of the etheric body; upon death, this core of the being sheds the outer shell of the physical body and a part of the etheric body and continues its existence in the spiritual world under different conditions.

[ 10 ] Ferner sprechen wir in der Theosophie davon, daß das Leben des Menschen nicht nur zwischen der Geburt und dem Tode verläuft, sondern daß der geistige Wesenskern des Menschen wiederholte Erdenleben in einem physischen Leibe durchläuft, indem die Kräfte, die der menschlichen Wesenheit angehören, von dem einen Leben in das andere hinüberreichen. Alles, was wir in unserem Leben zwischen Geburt und Tod an Erfahrungen dadurch in uns aufnehmen, daß wir lernen, alles, was wir uns erarbeiten, alles, was wir dadurch vollbringen, daß wir Schuld oder Verdienst auf unsere Seele laden, das alles bildet Kräfte in unserem inneren Seelenleben; es löscht nicht aus, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, sondern es bleibt vereinigt mit dem menschlichen Wesenskern. Und nachdem der menschliche Wesenskern diese Kräfte in einem geistigen Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verarbeitet hat, wird ein neues Dasein für den Menschen leiblich und dem Schicksale nach aufgebaut, so daß wir in dem Leben, welches wir jetzt führen, die Ergebnisse und Wirkungen unserer früheren Leben innerhalb des Erdenseins zu sehen haben. Wir haben uns durch unseren Wesenskern unseren physischen Leib so zurechtgezimmert, daß er jetzt diese oder jene Fähigkeit hat, dieses oder jenes verrichten kann.

[ 10 ] Furthermore, in Theosophy we speak of the fact that human life does not merely extend from birth to death, but that the spiritual core of the human being undergoes repeated earthly lives in a physical body, as the forces belonging to the human being carry over from one life to the next. Everything we take in through our experiences in life between birth and death—through what we learn, everything we achieve, and everything we accomplish by burdening our soul with guilt or merit—all of this forms forces within our inner soul life; it is not erased when a person passes through the gate of death, but remains united with the human core. And after the core of the human being has processed these forces in a spiritual life between death and a new birth, a new existence is built up for the human being, both physically and in terms of destiny, so that in the life we now lead, we must see the results and effects of our previous lives within our earthly existence. Through our core being, we have fashioned our physical body in such a way that it now possesses this or that ability and can perform this or that action.

[ 11 ] Dieses Gesetz, das uns an diesen oder jenen Ort, in diese oder jene Verhältnisse hineinstellt, das unser Schicksal nach den früheren Leben gestaltet, dieses Gesetz von Ursache und Wirkung, das von einem Leben hinüberreicht in das nächste Leben, das nennen wir in der Geisteswissenschaft mit einem aus der orientalischen Literatur übernommenen Namen – weil wir keinen guten Ausdruck in der abendländischen Literatur dafür haben – das Karmagesetz. Mit einem dem normalen Bewußtsein allerdings zunächst nicht bekannten Wesenskern haben wir uns unser Schicksal selber zubereitet. Wir sprechen also davon, daß der Mensch in den aufeinanderfolgenden Erdenleben durchmacht, man könnte sagen die Kette eines über das Zeitliche hinüberreichenden und die Ewigkeit des Menschen beweisenden Lebens.

[ 11 ] This law, which places us in this or that location, in these or those circumstances, which shapes our destiny according to our past lives—this law of cause and effect, which extends from one life into the next—we in spiritual science refer to it by a term borrowed from Eastern literature—because we have no suitable expression for it in Western literature—the law of karma. With an essential core that is, however, initially unknown to normal consciousness, we have brought our fate upon ourselves. We thus speak of the fact that in successive earthly lives, human beings undergo—one might say—a chain of lives that extends beyond the temporal and testifies to the eternity of the human being.

[ 12 ] Damit habe ich heute allerdings ganz abgesehen von jeglichen Beweisen für diese Dinge und habe nur skizzenhaft die Erkenntnisse angeführt, die die elementarste Stufe der theosophischen Weltanschauung bilden. Was an Belegen, an Beweisen für Reinkarnation und Karma beizubringen ist, soll im nächsten Vortrage behandelt werden. Heute soll nur darauf hingewiesen werden, daß der Mensch der Gegenwart, besonders wenn er eine gute wissenschaftliche Bildung hat, es recht schwierig hat, schon zu den eben charakterisierten Wahrheiten der Theosophie den Zugang zu gewinnen.

[ 12 ] However, I have not addressed any evidence for these matters today; I have merely outlined the insights that form the most elementary level of the theosophical worldview. The evidence for reincarnation and karma will be discussed in the next lecture. Today, I shall merely point out that modern people—especially those with a solid scientific education—find it quite difficult to even gain access to the truths of Theosophy that I have just described.

[ 13 ] Nun wollen wir einige der möglichen ernstzunehmenden Einwände besprechen, die für alle diejenigen Menschen bestehen können, welche sich ihre Weltanschauung und ihre Lebensauffassung nur herausgebildet haben aus den Begriffen und Vorstellungen der Gegenwart. Für diese Menschen ist es zunächst außerordentlich schwierig, überhaupt in den Gedanken sich hineinzufinden, daß die menschliche Seele durch Übungen zu der Möglichkeit der Erringung «geistiger Sinne», wenn man dieses widersprüchliche Wort gebrauchen darf, heraufgeführt werden könne.

[ 13 ] Now let us discuss some of the possible serious objections that may arise for all those people who have formed their worldview and outlook on life solely from the concepts and ideas of the present. For these people, it is initially extremely difficult even to conceive of the idea that the human soul can be guided, through practice, toward the possibility of attaining “spiritual senses”—if one may use this seemingly contradictory term.

[ 14 ] Nehmen wir an, eines Menschen Seele habe innere Übungen durchgemacht, habe versucht, die Willenskräfte so zu trainieren, daß sie imstande wird, auch dann etwas vorzustellen, wenn keine äußeren Eindrükke da sind; sie habe es in der Verinnerlichung so weit gebracht, daß sie in dem Glauben lebt, auch wenn sie nichts durch Augen und Ohren wahrnimmt, doch etwas zu sehen und zu hören. Welcher Grund liegt dann vor — so könnte jemand sagen — dies überhaupt als etwas Berechtigtes gelten zu lassen? – Man braucht gar nichts dagegen einzuwenden, daß ein Mensch durch gewisse innere Übungen zu solchen inneren Erlebnissen der Seele kommen kann, die eine gewisse Lebendigkeit, vielleicht sogar eine höhere Lebendigkeit haben als die äußeren Sinneseindrücke und als alles, was der Verstand erreichen kann. Aber – so könnte ein Gegner sagen – kennt man nicht auch alles das, was man Illusionen, Halluzinationen nennt? Kennt man nicht auch Selbsttäuschungen der Seele? Schwören nicht diejenigen, welche solchen Selbsttäuschungen der Seele unterliegen und bei denen man von nichts anderem als von Seelenerkrankungen sprechen kann, daß sie alles, was sie hören, als wirkliche Stimmen hören und das, was sie schauen, als Wirklichkeit sehen? Welcher Grund liegt vor, daß die Schauungen, die Visionen desjenigen, der künstlich durch Seelenübungen seine Seele zu einem anderen Erleben führt, einen anderen objektiven Wert haben? – Das ist es, was wir zunächst beantworten müssen.

[ 14 ] Let us assume that a person’s soul has undergone inner exercises, has attempted to train the powers of the will in such a way that it becomes capable of imagining something even when there are no external impressions; it has progressed so far in this process of internalization that it lives in the belief that, even when it perceives nothing through its eyes and ears, it still sees and hears something. What reason is there then—one might ask—to regard this as legitimate at all?—There is no need to object to the fact that a person, through certain inner exercises, can attain such inner experiences of the soul that possess a certain vitality, perhaps even a higher vitality, than external sensory impressions and than anything the intellect can grasp. But—as an opponent might say—are we not also familiar with what are called illusions and hallucinations? Are we not also familiar with the soul’s self-deceptions? Do not those who succumb to such self-deceptions of the soul—and in whose case one can speak of nothing other than mental illness—swear that they hear everything they hear as real voices and see what they see as reality? What reason is there to believe that the visions of someone who, through spiritual exercises, artificially guides their soul toward a different kind of experience have a different objective value?—That is what we must answer first.

[ 15 ] Was hier von der Geisteswissenschaft gemeint ist, das sind nicht krankhafte Zustände, sondern etwas, das durch «künstliche» Seelenübungen erreicht wird. Was ich jetzt gesagt habe, ist eigentlich trivial. Aber es kommt ja nicht darauf an, daß eine solche Aussage mehr oder weniger trivial oder geistvoll ist, sondern es kommt darauf an, was sie in unserer Seele auslöst, wie wir uns mit unserem Glauben und unseren Überzeugungen dazu stellen. Und da muß man sagen: Der gewissenhafte Wahrheitsforscher der Gegenwart hat viele Gründe, so über Seelenerlebnisse zu sprechen, und wir begreifen, daß ernste Forschung solches abweist. Wir brauchen uns nur vorzuhalten, wie einleuchtend es für den Menschen der Gegenwart ist, daß ernste wissenschaftliche Forschung erst dann ihre segensreiche Wirkung ausüben konnte, als sozusagen zurückgedrängt worden waren alle ähnlichen Tendenzen wie diejenige, die auch in der Geisteswissenschaft da zu sein scheinen. Da brauchen wir ja nur zurückverweisen in ältere Zeiten der Menschheitsentwicklung, ja, bis hinauf ins Mittelalter können wir gehen, wir würden nachweisen können, wie überall in das, was der Mensch mit seinen Sinnen gesehen hat, was er mit den Methoden seines Verstandes erforschen konnte, hineingemischt wurde etwas, was der Mensch glaubte, durch innere mystische Erkenntnis in sich zu erleben; und wie durchwirkt, durchwoben wurden die Sinneseindrücke mit dem, was die Seele innerlich erlebte. Schließlich braucht man nur einmal mit dem geschulten Blick, den man sich erworben hat in der heutigen Naturwissenschaft, in irgendein naturgeschichtliches Buch des Mittelalters hineinzublicken, so wird man da für den heutigen Menschen ganz sonderbare phantastische Tiere sehen, und man wird als Mensch der Gegenwart bald erkennen, wie alle damaligen Erkenntnisse und Anschauungen darauf beruhten, daß die Menschen das, was sie gesehen haben, ungenau gesehen haben und es sich dann weiter ausgemalt haben mit dem, was sie in ihrer Seele erlebten. Wodurch – so könnte ein heutiger Mensch fragen – sind denn die alten Standpunkte der Täuschung überwunden worden? – Durch die exakte Wissenschaft, die so segensreich gewirkt hat einzig und allein dadurch, daß sie sich immer mehr und mehr stützte auf die Erfahrungen der äußeren Sinne und auf das, was diese durch Beobachtung und durch Experiment unseren Verstand lehren. Sichere Ergebnisse der Wissenschaft haben wir erst, seit wir eine solche Forschung haben, durch die die Ergebnisse zu jeder Stunde von jedem Menschen der Gegenwart geprüft werden können. So hat der Mensch der Gegenwart recht, wenn er alles prüfen will.

[ 15 ] What is meant here by “spiritual science” is not pathological conditions, but rather something achieved through “artificial” spiritual exercises. What I have just said is actually trivial. But what matters is not whether such a statement is more or less trivial or insightful, but rather what it triggers in our souls, and how we relate to it with our faith and convictions. And here one must say: The conscientious seeker of truth today has many reasons to speak of such soul experiences in this way, and we understand that serious research rejects such notions. We need only remind ourselves how obvious it is to people today that serious scientific research was only able to exert its beneficial influence once all tendencies similar to those that also seem to be present in spiritual science had, so to speak, been suppressed. We need only look back to earlier periods of human development—indeed, we can go all the way back to the Middle Ages— and we could demonstrate how, everywhere, into what human beings perceived with their senses—and what they were able to investigate through the methods of their intellect—something was intermingled that they believed they experienced within themselves through inner mystical insight; and how sensory impressions were interwoven with what the soul experienced inwardly. After all, one need only glance once with the trained eye acquired through modern science at any medieval book on natural history to see what appear to modern people as quite strange, fantastical animals, and as a person of the present, one will soon recognize how all the insights and views of that time were based on the fact that people saw what they saw inaccurately and then further imagined it out based on what they experienced in their souls. By what means—a person today might ask—have these old, misleading viewpoints been overcome?—Through exact science, which has had such a beneficial effect solely because it has relied more and more on the experiences of the external senses and on what these teach our intellect through observation and experiment. We have had reliable scientific results only since the advent of research that allows anyone today to verify the findings at any time. Thus, people today are right to want to examine everything.

[ 16 ] Dagegen kann nur der, welcher auf dem Boden der Geisteswissenschaft oder Theosophie steht, einiges einwenden. Blicken wir zurück in die Zeiten der Morgenröte unserer heute mit Recht so gepriesenen Naturwissenschaft, auf einen Menschen wie Kepler, so werden wir uns klar, daß in Keplers Geist allerdings nicht nur jene äußeren Gesetze der Himmelsmechanik lebten, die wir heute als die Keplerschen Gesetze der mechanischen Himmelsordnung studieren können, sondern in Keplers Geist lebte ein wirklicher geistesforscherischer Blick für die Harmonie der Welt; aus dem geistigen Durchwogtsein und Durchlebtsein der Welt wurden bei ihm seine Gesetze der mechanischen Himmelsordnung erst herausgeboren. Da kann jemand, der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, sagen: Seht einmal, wie fruchtbar es ist, wenn wir den geistesforscherischen Blick auf Kepler richten. Die Keplerschen Gesetze beweisen doch geradezu eine geistige Welt, sie zeugen von ihr. Also Kepler kann uns doch überzeugen von einer geistigen Welt!

[ 16 ] Only those grounded in spiritual science or theosophy can raise any objections to this. If we look back to the dawn of our natural science—which is so rightly praised today—and consider a figure like Kepler, we will realize that Kepler’s mind was indeed inhabited not only by those external laws of celestial mechanics that we can study today as Kepler’s laws of the mechanical order of the heavens, but also by a genuine spiritual-scientific insight into the harmony of the world; it was from this spiritual permeation and lived experience of the world that his laws of the mechanical order of the heavens were first born. Someone grounded in spiritual science can say: Look how fruitful it is when we direct our spiritual-scientific gaze toward Kepler. Kepler’s laws practically prove the existence of a spiritual world; they bear witness to it. So Kepler can indeed convince us of the existence of a spiritual world!

[ 17 ] Nun könnte der Gegner sagen, gerade bei einem solchen Geiste wie Kepler könne man sehen, daß er doch manche Schwäche gehabt habe; bei ihm könne man sich gerade davon überzeugen, wie schlimm es für die wissenschaftliche Sicherheit ist, wenn in seiner Seele so etwas lebt wie eine gewisse mystische Versenkung in die Weltenbeziehungen; denn da komme man ja wieder in die mittelalterliche Mystik hinein und damit in die Nähe von recht bedenklichen Geistesoperationen, wie es zum Beispiel die Astrologie ist mit allen ihren Auswüchsen.

[ 17 ] Now, an opponent might say that it is precisely in a mind like Kepler’s that one can see he did have certain weaknesses; in his case, one can see just how detrimental it is to scientific certainty when something like a certain mystical immersion in the relationships of the universe dwells within his soul; for this leads one back into medieval mysticism and thus into the realm of rather dubious intellectual pursuits, such as astrology with all its excesses.

[ 18 ] Das ergab sich eben dadurch, daß man in abstrakter Weise den Gedanken der allgemeinen Weltenharmonie ausbaute und sagte, es müsse doch ein Zusammenhang bestehen zwischen der großen Welt des Makrokosmos und dem, was im einzelnen Menschen geschieht. Daraus ergab sich dann das, was man als die mittelalterliche Astrologie kennt. Nun hat die Astrologie allerdings eine recht bedenkliche Seite. Nichts stachelt so sehr den menschlichen Egoismus auf wie gerade die Astrologie, wenn dem Menschen aus dem Verlauf der Sterne vorausgesagt werden soll, was an glücklichen oder unglücklichen Zufällen eintreten kann. Will er diese Zufälle im voraus wissen, so hat das immer einen selbstsüchtigen Grund, und es findet ganz besonders bei denjenigen, die das Horoskop gestellt haben wollen, geradezu eine Pflege des Egoismus statt. Kepler hat das gewußt und es hat ihm großen Schmerz bereitet, daß er manchem hohen Herrn das Horoskop hat stellen müssen auf Befehl seines Fürsten. In einem Brief an einen Freund teilt Kepler diesem einmal seinen Schmerz mit, als er einer hohen Persönlichkeit ganz bestimmte Dinge voraussagen mußte. In diesem Falle, so sagte er, wäre es schlimm, der betreffenden Persönlichkeit so etwas mitzuteilen, und es wäre besser, wenn es diese Persönlichkeit nicht wüßte, weil sie sonst gar keine Sorgfalt und gar keine Tatkraft entwickeln würde. – In einem anderen Falle sagte er, man müsse eine Persönlichkeit darauf aufmerksam machen, daß ein Unglück bevorstünde.

[ 18 ] This arose precisely from the fact that people developed the idea of universal harmony in an abstract way and claimed that there must be a connection between the vast world of the macrocosm and what happens within the individual human being. This then gave rise to what is known as medieval astrology. Now, however, astrology does have a rather troubling side. Nothing stirs up human selfishness quite as much as astrology, especially when the course of the stars is used to predict what fortunate or unfortunate coincidences may befall a person. If a person wants to know these events in advance, there is always a selfish motive behind it, and among those who have their horoscopes drawn up, there is a veritable cultivation of selfishness. Kepler knew this, and it caused him great pain that he had to draw up horoscopes for many a high-ranking nobleman at the command of his prince. In a letter to a friend, Kepler once shared his distress at having to predict very specific things for a high-ranking figure. In this case, he said, it would be wrong to tell that person such things, and it would be better if they did not know, because otherwise they would not exert any care or show any initiative. – In another instance, he said one had to alert a person to the fact that a misfortune was imminent.

[ 19 ] Dazu könnte ein Gegner sagen, bei diesem einzig großen Geiste sei doch auch ein wenig die Tendenz zu einer bedenklichen Moral vorhanden, wenn er sagt, man müsse, wenn man das Schicksal der Menschen aus der geistigen Welt heraus bestimmen kann, in einer gewissen Weise nachhelfen, man dürfe nicht überall bloß die Wahrheit sagen, man müsse Rücksicht darauf nehmen, ob die Wahrheit gut oder schädlich sei. Kurz, man könne bei Kepler selbst sehen, wie ein Nachbargebiet der Geisteswissenschaft, die Astrologie, gerade den Weg auf die schiefe Ebene hinunterführt. Tragisch könne gerade bei Kepler erlebt werden, wie ein Weg, der auf der einen Seite in die reinsten, hehrsten Gebiete des geistigen Lebens hinaufführt, auf der anderen Seite in den tollsten Aberglauben hineinführen kann. Kepler selbst mußte ja mit dem krassesten Aberglauben des Mittelalters kämpfen, um seine Mutter vor dem Verbranntwerden zu retten, weil sie von dem Aberglauben der damaligen Zeit als Hexe angeklagt war. Hier stehen wir an einem Punkte, wo wir die Kette restlos schließen können zwischen dem, was Hineinblicken in die geistige Welt ist, und dem krassesten Aberglauben, dem die Menschen des Mittelalters leicht zugänglich waren. Wer wüßte nicht, wie leicht die Menschen, welche ein Bedürfnis haben, mit der geistigen Welt Bekanntschaft zu machen, dies auch heute auf eine bequeme Art tun wollen und lieber die Geister auf eine bedenkliche spiritistische Art herunterrufen und zur Manifestation bringen wollen, als sich durch seelische Entwicklung hinaufzuerheben in die geistige Welt. So könnte ein Gegner sagen: Wir sehen bei Kepler einen Beweis dafür, wie die theosophische Denkweise geradeso wie die astrologische in bedenkliche Gebiete führen kann.

[ 19 ] An opponent might argue that even this singularly great mind exhibits a slight tendency toward a questionable moral stance when he says that, if one can determine the fate of human beings from the spiritual world, one must in a certain way lend a helping hand; one should not simply speak the truth in every instance, but must consider whether the truth is beneficial or harmful. In short, one can see in Kepler himself how a field related to spiritual science—astrology—leads precisely down the slippery slope. It is particularly tragic to witness in Kepler’s case how a path that, on the one hand, ascends into the purest and most noble realms of spiritual life can, on the other hand, lead into the wildest superstition. Kepler himself had to struggle against the most blatant superstitions of the Middle Ages to save his mother from being burned at the stake, because she had been accused of being a witch based on the superstitions of that time. Here we stand at a point where we can completely close the circle between what it means to gain insight into the spiritual world and the most blatant superstition to which the people of the Middle Ages were so easily susceptible. Who would not know how easily people who feel a need to become acquainted with the spiritual world want to do so in a convenient way even today, preferring to summon spirits in a dubious spiritualist manner and bring them into manifestation rather than raising themselves up into the spiritual world through spiritual development? Thus, an opponent might say: We see in Kepler proof that theosophical thinking, just like astrological thinking, can lead into questionable realms.

[ 20 ] Wir könnten viele derartige Beispiele anführen. Aber auch, wenn wir ein gar nicht so weit entlegenes Gebiet wie die Astrologie betreten, kann man zeigen, wie die ganze Art und Weise, unabhängig von aller äußeren Erfahrung in die geistige Welt einzutreten, für die Gegner der Theosophie etwas Groteskes haben kann. Wir wollen nur auf ein Beispiel hinweisen, das typisch für andere sein kann.

[ 20 ] We could cite many such examples. But even if we venture into a field not so far removed as astrology, it can be shown how the very idea of entering the spiritual world independently of all external experience can seem somewhat grotesque to the opponents of theosophy. We will point out just one example that may be typical of others.

[ 21 ] Wer, gleich mir, Hegel in so gründlicher Weise studiert hat, darf auch das folgende sagen: Hegel hat ja unausgesetzt nach einer Weltanschauung gestrebt, die unabhängig ist von aller sinnlichen Anschauung. Solange man im Allgemeinen bleibt, in einer Art von verschwommenem Pantheismus, läßt sich diskutieren über die Berechtigung des einzelnen. Wenn man aber vorgibt, etwas zu wissen über die besondere Gestaltung dessen, was sich ergibt aus der übersinnlichen Welt heraus, dann ist man darauf angewiesen, sich kontrollieren zu lassen von den Tatsachen. Nun ist ja eines der Gebiete, die von der Geistesforschung zuerst betreten werden, das Gebiet der Zahlen und ihrer Harmoniegesetze. Solche Gesetze haben manche Philosophen angenommen, so auch Hegel. Hegel hat versucht nachzuweisen, daß ein gewisses Zahlengesetz unserem Planetensystem zugrundeliegt, und daß nach diesem Zahlengesetz wir selbst wissen können, daß unser Sonnensystem soundso viele Planeten haben muß, und daß diese sich in bestimmten Abständen bewegen. Also Hegel meinte, aus innerem Nachsinnen heraus müsse man das Planetensystem kontrollieren können. Er hat daher nachgewiesen, daß nach den Zahlengesetzen nur soundso viele Planeten möglich sind und außer diesen keine anderen existieren könnten. Auf diese Weise hat Hegel aus der unbedingten Notwendigkeit der Zahlengesetze heraus den Nachweis geführt, daß es keine weiteren Planeten gibt – damals war der Planet Neptun noch nicht entdeckt –, und trotzdem ist nachher der Planet Neptun gefunden worden.

[ 21 ] Anyone who, like me, has studied Hegel so thoroughly may also say the following: Hegel did, in fact, constantly strive for a worldview that is independent of all sensory perception. As long as one remains in the realm of the general—in a kind of vague pantheism—one can debate the validity of the individual. But if one claims to know something about the specific form of what emerges from the supersensible world, then one is obliged to allow oneself to be guided by the facts. Now, one of the first areas explored by spiritual research is the realm of numbers and their laws of harmony. Many philosophers have posited such laws, including Hegel. Hegel attempted to demonstrate that a certain law of numbers underlies our planetary system, and that according to this law of numbers, we ourselves can know that our solar system must have a certain number of planets, and that these move at specific intervals. In other words, Hegel believed that one should be able to verify the planetary system through inner contemplation. He therefore demonstrated that, according to the laws of numbers, only a certain number of planets are possible and that no others could exist beyond these. In this way, Hegel proved—based on the absolute necessity of the laws of numbers—that there were no other planets—at that time, the planet Neptune had not yet been discovered—and yet, the planet Neptune was subsequently found.

[ 22 ] Solche Dinge könnten wir aus allen Zeiten anführen, denn sie sind nach dem eben charakterisierten Muster. Gerade daran sieht man, daß nicht nur die Erfahrungen für die heutige Wissenschaft eine Quelle des Beweises sind, sondern daß auch eine gesunde Kontrolle [durch die Tatsachen] da sein muß. Auch wo die Wissenschaft Hypothesen annimmt, läßt sie nur dann etwas gelten, wenn die Erfahrung die Theorien bestätigt. Nun könnten die Gegner der Theosophie sagen: Da hat sich nun die Wissenschaft auf einen gesunden Boden gestellt; und nun kommt die theosophische Geisteswissenschaft und will in diese auf Erfahrung sich stützende Wissenschaft etwas hineinmischen, was aus ganz anderen Quellen kommt, aus einem höheren Schauen, aus Karmagesetzen und dergleichen.

[ 22 ] We could cite examples of such things from all periods, for they follow the pattern just described. This precisely shows that not only are empirical observations a source of evidence for modern science, but that there must also be sound verification [through the facts]. Even when science adopts hypotheses, it accepts them only if experience confirms the theories. Now, the opponents of theosophy might say: Science has now established itself on a sound foundation; and now theosophical spiritual science comes along and wants to introduce into this science—which is based on experience—something that comes from entirely different sources: from a higher vision, from the laws of karma, and the like.

[ 23 ] Der Geistesforscher wird dazu vielleicht sagen: Ja, aber du könntest mir doch so weit entgegenkommen, daß du das, was ich behaupte, zum Beispiel die Lehre vom Karma und von den wiederholten Erdenleben, als etwas zugibst, was man im wissenschaftlichen Leben eine brauchbare Arbeitshypothese nennt. – Kein Mensch hat damals, als die sogenannte Schwingungstheorie des Lichtes entstand, darin etwas anderes gesehen wie etwa so zu nennende «Ätherschwingungen». Dagegen ist vieles einzuwenden; die ganze Theorie war ein ausgedachtes System. Man sagte sich bei der Zugrundelegung dieses Systems: Nehmen wir an, daß alle materiellen Vorgänge ein Weltenäther durchdringt, daß alles in Bewegung ist, dann müssen diese Schwingungen nach mathematisch berechenbaren Gesetzen so verlaufen, daß sich dies und jenes ergibt. – Und nun zeigte sich, daß sich [die Berechnungen] auch wirklich in der Erfahrung als richtig erwiesen, so zum Beispiel bei Licht, Wärme und so weiter. Das nennt man eine brauchbare Arbeitshypothese, wenn man sagt: Es nutzt uns diese Hypothese sogar, um neue Tatsachen aufzufinden; mag die Hypothese an sich falsch sein, sie hat uns doch gerade auf das Wahre geführt.

[ 23 ] The spiritual researcher might say: Yes, but you could at least meet me halfway by acknowledging that what I assert—for example, the doctrine of karma and repeated earthly lives—is what is known in scientific circles as a useful working hypothesis. – Back when the so-called vibrational theory of light first emerged, no one saw it as anything other than what might be called “ether vibrations.” There are many objections to this; the entire theory was a contrived system. When establishing this system, people reasoned: Let us assume that a universal ether permeates all material processes, that everything is in motion; then these oscillations must proceed according to mathematically calculable laws in such a way that this or that result follows. – And now it turned out that [the calculations] were indeed proven correct by experience, for example, in the case of light, heat, and so on. This is what is called a useful working hypothesis, when one says: This hypothesis is even useful to us for discovering new facts; even if the hypothesis itself is false, it has nevertheless led us precisely to the truth.

[ 24 ] Laßt doch – könnte der Geistesforscher zu den Gegnern der Theosophie sagen – die Idee von Karma und Wiederverkörperung als eine Arbeitshypothese gelten!

[ 24 ] “Why not,” the spiritual researcher might say to the opponents of theosophy, “accept the idea of karma and reincarnation as a working hypothesis!”

[ 25 ] Dagegen könnte nun eingewendet werden: Wo es sich um so wesentliche und wichtige Dinge handelt, die so tief ins Leben eingreifen, da könne man sich nicht bloß auf die Möglichkeit einlassen, daß das äußere Leben erklärt werden kann, wenn man gewisse hypothetische Voraussetzungen macht. Wer sich etwas gründlicher in der Logik umgetan hat, der weiß, daß man richtige Schlußfolgerungen sogar aus falschen Voraussetzungen ziehen kann. Die Theosophie könnte also ganz falsch sein, selbst wenn man annimmt, daß die Idee vom Karma und den wiederholten Erdenleben richtig ist. Es könnten die Schlußfolgerungen in bezug auf das äußere Leben richtig sein – auch wenn die Voraussetzungen falsch wären. – So allerdings könnte eine strikte, bündige Logik sagen; damit aber wäre zurückgewiesen, die theosophischen Ideen auch nur als brauchbare Arbeitshypothesen anzuerkennen.

[ 25 ] One might now object: When dealing with matters so fundamental and important—matters that have such a profound impact on life—one cannot simply accept the possibility that external life can be explained by making certain hypothetical assumptions. Anyone who has studied logic in any depth knows that one can draw correct conclusions even from false premises. Theosophy could therefore be entirely wrong, even if one assumes that the idea of karma and repeated earthly lives is correct. The conclusions regarding external life could be correct—even if the premises were false. – That, however, is what strict, concise logic might say; but this would rule out recognizing theosophical ideas even as useful working hypotheses.

[ 26 ] Und erkenntnistheoretisch liegt es noch schlimmer. Da könnte ein Gegner der Theosophie sagen: In der Erkenntnis kommt es vor allem darauf an, die objektive Gültigkeit zu erforschen. Nun besteht bei Illusionen, Halluzinationen und bei allem inneren Seelenleben überhaupt keine andere Möglichkeit, Wahres und Falsches zu unterscheiden, als die Kontrolle an der Erfahrung. Wenn die Erfahrung ausgeschlossen wird und das Seelenleben verlaufen soll ohne die [Kontrolle durch die] Erfahrung, so kommt man in das Gebiet der absoluten Willkür, des Unkontrollierbaren hinein. Das heißt, eine Wissenschaft, die das Prinzip der Kontrollierbarkeit sucht, muß die ganze Methode des höheren Schauens als unberechtigt ansehen, und sie muß der heutigen Wissenschaft zustimmen, die da sagt: Was wissenschaftlich gelten soll, muß unabhängig von allen inneren, subjektiven Erlebnissen gefaßt sein, es muß sich so abspielen, daß wir, indem wir es beschreiben, alles ausschließen können, was unserem Seelenleben angehört.

[ 26 ] And from an epistemological standpoint, the situation is even worse. An opponent of theosophy might say: In the pursuit of knowledge, the most important thing is to investigate objective validity. Now, in the case of illusions, hallucinations, and the entire inner life of the soul, there is absolutely no other way to distinguish between truth and falsehood than through verification by experience. If experience is ruled out and the inner life of the soul is to proceed without [verification by] experience, then one enters the realm of absolute arbitrariness, of the uncontrollable. This means that a science that seeks the principle of controllability must regard the entire method of higher perception as unjustified, and it must agree with contemporary science, which states: What is to be considered scientifically valid must be conceived independently of all inner, subjective experiences; it must unfold in such a way that, in describing it, we can exclude everything that belongs to our inner life.

[ 27 ] Du aber sagst – so könnte der moderne Erkenntnistheoretiker zum Geisteswissenschaftler sagen –, daß du gerade innerhalb deines inneren Seelenlebens bleiben willst und es isolieren willst; das heißt, du begibst dich in das Gebiet hinein, das die Wissenschaft gerade ausgeschlossen hat. Die neuere Wissenschaft hat ja gezeigt, daß sie ihre sicheren Ergebnisse gerade dadurch gefunden hat, daß sie so verfahren ist, daß sie alle subjektiven Erlebnisse ausgeschlossen hat. Also muß man zu den Theosophen sagen: Bringt uns nur nicht das in die Wissenschaft hinein, was aufgewärmte ältere Methoden sind, die seit dem Beginn der neueren Forschungen des 15., 16., 17. Jahrhunderts überwunden sind.

[ 27 ] But you say—as a modern epistemologist might say to a spiritual scientist—that you want to remain within your inner spiritual life and isolate it; that is, you are entering the very realm that science has excluded. Modern science has, after all, shown that it has arrived at its reliable results precisely by proceeding in such a way as to exclude all subjective experiences. So one must say to the Theosophists: Just do not bring into science what are merely rehashed, outdated methods that have been overcome since the beginning of modern research in the 15th, 16th, and 17th centuries.

[ 28 ] So könnte das Gemüt, die Empfindung eines Menschen sprechen, der aus der Gesinnung der heutigen Zeit heraus sich zur Geisteswissenschaft stellt. Aber man kann noch tiefer dringen und fragen: Gibt es überhaupt irgendeine Möglichkeit zu behaupten, daß das, was ein Mensch sieht, der es zu einem höheren Schauen gebracht hat, eine Bedeutung habe auch für andere Menschen? – Da allerdings sagt die Geisteswissenschaft: Zum Aufsuchen der übersinnlichen Welt und zum Erforschen ihrer Wahrheiten gehört dieses höhere Schauen; aber wenn die Wahrheiten der übersinnlichen Welt gefunden worden sind und dann erzählt und mitgeteilt werden, so können sie von jeder unbefangenen Logik und von jedem natürlichen Wahrheitssinn aufgefaßt werden. So wie auch nicht jeder Mensch in der Lage ist, ins Laboratorium zu gehen, um sich über die Methoden der Biologie und Zoologie und so weiter zu unterrichten und dennoch die Ergebnisse dieser Forschungen entgegennehmen kann, ebenso kann auch entgegengenommen und verstanden werden – so sagt die Geisteswissenschaft –, was auf dem Gebiet der übersinnlichen Welt erforscht wird.

[ 28 ] This is how the mind—the feelings—of a person who approaches spiritual science from the perspective of the modern age might speak. But one can go even deeper and ask: Is there any possibility at all of claiming that what a person who has attained a higher level of perception sees has any significance for other people as well? – Here, however, spiritual science says: This higher vision is part of seeking out the supersensible world and exploring its truths; but once the truths of the supersensible world have been discovered and are then recounted and communicated, they can be grasped by any unbiased logic and by any natural sense of truth. Just as not everyone is able to go into a laboratory to learn about the methods of biology, zoology, and so on, yet can still accept the results of this research, so too—according to spiritual science—can what is researched in the realm of the supersensible world be accepted and understood.

[ 29 ] Man könnte nun fragen: Ist eine solche Behauptung der Geistesforschung berechtigt? Sie wäre nur dann berechtigt, wenn das, was der Geistesforscher zu sagen hat, von uns nach dem Muster begriffen werden könnte, das wir uns gebildet haben für das Begreifen in der sinnlichen, in der gewöhnlichen wissenschaftlichen Welt. Da sagt also der Geistesforscher zum Beispiel: Unser jetziges Leben zwischen Geburt und Tod baut sich auf als eine Wirkung, die sich ergibt aus den Ursachen der früheren Leben; die früheren Leben reichen herein in unser jetziges Leben. Was ich jetzt als Glück oder Unglück, als meine Fähigkeiten, als meine Kräfte, meine Hoffnungen und meine Lebenssicherheit erlebe, das erlebe ich so, weil ich die Ursachen dazu in früheren Leben gelegt habe. Ich muß lernen, das gegenwärtige Leben als Wirkung derjenigen Ursachen anzusehen, die in früheren Leben gelegt worden sind.

[ 29 ] One might now ask: Is such a claim by spiritual science justified? It would be justified only if what the spiritual scientist has to say could be understood by us according to the model we have formed for understanding in the sensory, ordinary scientific world. So, for example, the spiritual researcher says: Our present life between birth and death is structured as an effect resulting from the causes of past lives; past lives extend into our present life. What I now experience as happiness or unhappiness, as my abilities, my strengths, my hopes, and my sense of security in life—I experience it this way because I laid the causes for it in past lives. I must learn to view this present life as the effect of those causes that were laid in past lives.

[ 30 ] Dagegen könnte der Gegner sagen: Solche Dinge haben wir auch in der äußeren Welt, daß wir Wirkungen zurückführen auf Ursachen und daß wir erkennen, wie ein Früheres fortlebt als Wirkung in einem Späteren. Nehmen wir ein Beispiel, das eine große Rolle spielt in der modernen Naturwissenschaft. Da haben wir das Gesetz, daß der Mensch in seiner Keimesentwicklung vor der Geburt kurz durchmacht alle diejenigen Formen, welche gewisse Tiere im Laufe ihrer Entwicklung durchmachten von unvollkommenen Stufen zu vollkommeneren. Wir wissen, daß der Mensch während seiner Keimesentwicklung – etwa vom achtzehnten Tage nach der Empfängnis ab – ein Stadium durchmacht, das in der äußeren Form geradezu die Fischgestalt nachahmt; später macht er dann andere Formen durch, so daß er allmählich heranwächst zu den Formen, in denen er geboren wird. Daraus schließt die Naturwissenschaft, daß das, was der äußere, physische Mensch ist, abstamme von den unvollkommeneren Lebewesen, und daß die Gestalt der unvollkommeneren Lebewesen fortwirke, nachwirke in dem, was der Mensch vor der Geburt ist. Da sehen wir also hereinwirken diejenigen Formen, die wir in der Abstammungslinie sehen. Du, Geistesforscher, mußt uns also zeigen, daß tatsächlich in dem Leben des Menschen, wie es sich abspielt zwischen Geburt und Tod, in dem Seelisch-Geistigen und in dem menschlichen Schicksal etwas lebt, woran man erkennen kann die Herkunft der früheren Ursachen, so wie man eben an der vorgeburtlichen Entwicklung des Menschen die Abstammungslinie erkennt, in der er die tierischen Formen annimmt.

[ 30 ] In response, an opponent might say: We see such things in the external world as well—that we trace effects back to causes and that we recognize how something that came first lives on as an effect in something that came later. Let us take an example that plays a major role in modern natural science. There is the law that, during embryonic development before birth, the human being briefly passes through all the forms that certain animals undergo in the course of their development—from imperfect stages to more perfect ones. We know that during embryonic development—beginning around the eighteenth day after conception—the human being passes through a stage that, in its outward form, virtually mimics the form of a fish; later, it passes through other forms, gradually growing into the forms in which it is born. From this, natural science concludes that what the outer, physical human being is descends from the more imperfect living beings, and that the form of the more imperfect living beings continues to exert an influence—a residual effect—in what the human being is before birth. Here, then, we see those forms at work that we observe in the line of descent. You, as a researcher of the spirit, must therefore show us that there is indeed something alive in human life—as it unfolds between birth and death—in the soul-spiritual realm and in human destiny, from which one can discern the origin of earlier causes, just as one recognizes, in the prenatal development of the human being, the lineage in which he assumes animal forms.

[ 31 ] Nun kann allerdings die Geistesforschung kommen und zeigen, wie gewisse innere Seelenvorgänge, die sich für jeden Menschen individuell gestalten, gar nicht erklärt werden können als Produkt der Vererbung von Vater und Mutter, Großvater und Großmutter, wie also durchaus sein innerster Wesenskern dem Menschen etwas anderes gibt als das, was die Vererbungslinie ist. Und wenn man dann verfolgt, wie das menschliche Leben sich entwickelt von der Stunde der Geburt an, Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr, wie der Mensch allmählich heranwächst, dann sieht man, wie Kraft um Kraft auftritt, Fähigkeit um Fähigkeit sich herauskristallisiert; und wenn man ein aufmerksames Auge hat, kann man schon durch äußere Mittel erkennen: Dies hat zunächst nicht bloß die Vererbung, auch nicht bloß die Erziehung dem Menschen gegeben, sondern das hat sich herausgearbeitet aus dem inneren Individuellen, das bei jedem einzelnen Menschen vorhanden ist; das kommt dazu zu dem Vererbten, und das muß, wenn es sich nicht in lauter Wunder auflösen soll, aus anderen Ursachen kommen, welche man nur zurückführen kann auf ein geistig-seelisches Leben, das der Mensch bereits früher durchgemacht hat. Die Ursachen dafür kann man weder in der Vererbung noch in der Erziehung finden.

[ 31 ] Now, however, spiritual research can step in and show how certain inner soul processes—which take on an individual form for each person—cannot at all be explained as the product of heredity from father and mother, grandfather and grandmother; how, in other words, a person’s innermost core of being gives them something other than what the hereditary line provides. And when one then traces how human life develops from the moment of birth, hour by hour, day by day, week by week, year by year—as the human being gradually grows up—one sees how one power after another emerges, one ability after another crystallizes; and if one has a keen eye, one can already recognize through external signs: This was not initially given to the human being merely by heredity, nor merely by upbringing, but has emerged from the inner individuality present in every single human being; this is added to what is inherited, and if it is not to dissolve into mere miracles, it must stem from other causes, which can only be traced back to a spiritual-soul life that the human being has already experienced in the past. The causes for this can be found neither in heredity nor in upbringing.

[ 32 ] Eine solche Schlußfolgerung ist möglich. Und der Geistesforscher kann sagen: Was ich weiß aus dem geistigen Schauen, das kann ich begreiflich machen durch eine solche Logik, wie ich sie jetzt charakterisiert habe.

[ 32 ] Such a conclusion is possible. And the spiritual researcher can say: What I know from spiritual vision, I can make understandable through the kind of logic I have just described.

[ 33 ] Darauf könnte nun der Gegner sagen: Es drängt sich manches herein in das Leben zwischen Geburt und Tod, was nicht wunderbar wäre, wenn man nur die gewöhnlichen Verhältnisse alle zu Rate ziehen würde. Wer an der Hand wissenschaftlicher Methoden tiefer in das Leben hineinsieht, der weiß, welchen immensen Einfluß gerade die allerersten Kindheitserlebnisse auf eine Seele haben, wie irgend etwas, was wir im ersten Jahre noch mit halbem Bewußtsein erlebt haben, damals einen gewissen Eindruck auf unsere Seele gemacht und sich in sie hineingebohrt hat. Da ist es dann drinnen verborgen, aber bei dem nötigen Anlaß kommt es hervor, und wir könnten leicht glauben, wenn wir es später hervortreten sehen und nichts davon auf die Erziehung, auch nichts auf die Vererbung zurückführen können, das müsse sich aus einem früheren Leben erklären lassen. Aber das tun wir bloß aus dem Grunde, weil wir nicht achtgeben, wie sich die ersten Jugenderlebnisse in die Seele festsetzen und wie diese gerade eine viel größere Bedeutung haben als alles Spätere. Daher könnte die äußere Wissenschaft sagen: Wir sind noch nicht so weit, um das kindliche Leben genug zu erforschen, um sagen zu können, wie sich für die Seele des Kindes die Erlebnisse der ersten Jahre gestalten; wir müssen warten, bis wir immer tiefer und tiefer hineinkommen in dieses Gebiet, dann wird manches, von dem ihr Geistesforscher behaupten wollt, daß es aus früheren Leben zu erklären sei, sich erklären lassen aus Dingen, die sich auf ganz natürliche Weise abspielen in dem Leben zwischen der Geburt und dem Tode.

[ 33 ] To this, an opponent might say: Many things occur in life between birth and death that would not be considered miraculous if one were to consider only ordinary circumstances. Anyone who looks more deeply into life using scientific methods knows what an immense influence the very earliest childhood experiences have on a soul—how anything we experienced in the first year, even with only half-conscious awareness, made a certain impression on our soul at that time and burrowed its way into it. It lies hidden there, but when the right occasion arises, it emerges, and we might easily believe—when we see it surface later and cannot attribute it to our upbringing or to heredity—that it must be explained by a previous life. But we do this simply because we do not pay attention to how the earliest experiences of youth become embedded in the soul and how these, in particular, have a much greater significance than anything that comes later. Therefore, conventional science might say: We have not yet progressed far enough in our study of childhood to be able to say how the experiences of the first few years shape the child’s soul; we must wait until we delve deeper and deeper into this field; then many things that you spiritual researchers claim can be explained by past lives will in fact be explainable by events that unfold in a completely natural way in the life between birth and death.

[ 34 ] Ja, der Gegner kann noch viel weiter gehen. Er könnte zum Beispiel sagen: Selbst jene Menschen, die durch innere Seelenübungen zu einem geistigen Schauen, zu einer höheren Einsicht kommen, sie müssen ja das, was sie in einer höheren Welt wahrnehmen – schon um verstanden zu werden –, ausdrücken in den Formen, in den Sinnbildern der äußeren, physischen Wirklichkeit. Und was sehr merkwürdig ist: Diejenigen Menschen, die sozusagen hellsichtig geworden sind, sie drücken sich – so könnte der Gegner sagen — jeweilig ganz anders aus! Um die Wende des 18., 19. Jahrhunderts hat niemand in der geistigen Welt etwas gesehen, was zum Beispiel auf Elektrizität oder auf Eisenbahnen Bezug hatte; jetzt sehen die Menschen in den geistigen Welten Dinge, die auf Elektrizität oder Eisenbahnen Bezug haben. Wer würde also nicht daran zweifeln, daß es sich dabei handelt um ein unbewußtes Hereinspielen von Dingen in die Seele, die so umgeformt werden, daß diese illusorischen geistigen Erlebnisse auftreten! Und nichts ist da, was vor einem wissenschaftlichen Gewissen rechtfertigen könnte die Prätentionen derer, die da sprechen von einem Heraufdringen in geistige, in übersinnliche Welten. Je genauer man hinsieht, desto mehr bröckeln ab die Ideen von einem früheren Leben, vom Karma und so weiter. Gerade auf so etwas wie die ersten Kindheitserlebnisse sollte immer wieder hingewiesen werden, wenn so etwas vorgebracht wird wie die Karma-Idee.

[ 34 ] Yes, the opponent can go much further. For example, they might say: Even those people who, through inner spiritual exercises, attain spiritual vision and higher insight must—in order to be understood—express what they perceive in a higher world using the forms and symbols of outer, physical reality. And what is very strange is this: Those people who have, so to speak, become clairvoyant—the opponent might say—express themselves in entirely different ways! At the turn of the 18th and 19th centuries, no one in the spiritual world saw anything related to, for example, electricity or railroads; now people in the spiritual worlds see things related to electricity or railroads. Who, then, would not doubt that this involves an unconscious influx of things into the soul, which are transformed in such a way that these illusory spiritual experiences arise! And there is nothing that could, before a scientific conscience, justify the claims of those who speak of an ascent into spiritual, into supersensory worlds. The more closely one looks, the more the ideas of a past life, karma, and so on crumble away. It is precisely things like early childhood experiences that should be repeatedly pointed out whenever something like the idea of karma is put forward.

[ 35 ] Nun könnte von der Geisteswissenschaft wohl gesagt werden: Seht einmal an, da hat ein Elternpaar drei, vier Kinder – jedes Kind ist ausgestattet mit anderen Eigentümlichkeiten. Wenn alles auf Vererbung zurückzuführen sein soll, so kann man doch nicht einsehen, warum nicht alle Kinder eines und desselben Elternpaares auch die gleichen Eigenschaften haben, da sie doch von demselben Vater und derselben Mutter abstammen. Gerade das zeigt uns also, so sagt wohl mancher Verteidiger der Geisteswissenschaft, daß in das, was der Mensch vererbt erhalten hat, eine individuelle Wesenheit hineingeboren worden ist, und daraus erklärt sich die Verschiedenheit.

[ 35 ] Now, one might well say of spiritual science: Just look at this—a couple has three or four children, and each child is endowed with different characteristics. If everything is to be attributed to heredity, then it is difficult to understand why not all children of the same parents have the same characteristics, since they are descended from the same father and the same mother. This, precisely, shows us—as many defenders of spiritual science would say—that an individual essence has been born into what a person has inherited, and this explains the differences.

[ 36 ] Dagegen braucht der Gegner nur zu sagen: Was vererbt wird, das wird doch von beiden Eltern vererbt oder auch von noch früher her. Es handelt sich also nicht darum, daß bloß direkt vererbt wird, sondern es werden die verschiedenen Eigenschaften [der Vorfahren] durcheinandergemischt. Warum sollte daher nicht für jedes Kind auch eine andere Mischung auftreten, indem jedesmal durch die Mischung der verschiedenen Arten der vererbbaren Merkmale auch die verschiedensten Individualitäten auftreten können? Und würde man einmal hineinsehen können in das komplizierte Gefüge der Vererbbarkeit – so könnte der Gegner sagen —, so müßten alle Prätentionen der Geistesforscher zum Schweigen kommen, die den Gesichtspunkt der wiederholten Erdenleben einnehmen. Und wenn, um die Idee der Wiederverkörperung zu stützen, in der theosophischen Literatur besonders darauf hingewiesen wird, daß selbst Zwillinge verschiedene Eigenschaften zeigen, so könnte der Gegner wieder sagen: Alles, was man so zeigen kann bei Kindern in verschiedenen Altersstufen, das gilt ja ganz besonders auch für Zwillinge.

[ 36 ] In response, the opponent need only say: What is inherited is, after all, inherited from both parents—or even from earlier generations. It is therefore not merely a matter of direct inheritance, but rather the various characteristics [of the ancestors] are intermixed. Why, then, should there not be a different combination for every child, since the mixing of various types of heritable traits can give rise to the most diverse individualities each time? And if one could look into the complex structure of heredity—so the opponent might say—all the claims of spiritual researchers who adopt the viewpoint of repeated earthly lives would be silenced. And if, to support the idea of reincarnation, theosophical literature specifically points out that even twins exhibit different characteristics, the opponent might again say: Everything that can be demonstrated in this way among children of different ages applies all the more to twins.

[ 37 ] Andere sagen, um die Lehre von den wiederholten Erdenleben zu beweisen, der Mensch zeige in seinem inneren Wesenskern ein Gewissen, eine innere sittliche Verantwortlichkeit. Wenn man sich für eine Tat, die man tut, verantwortlich fühlt, so muß man doch noch eine andere Meinung über seine Taten haben können, als sie bloß getan zu haben; man müsse also dem Menschen einen anderen Ursprung zuschreiben als nur den der Vererbungslinie. Gewissen, Verantwortlichkeit und ähnliches fassen gewisse theosophische Schriftsteller so auf, daß sie ihnen zu Beweisen werden für den durch die verschiedenen Erdenleben hindurchgehenden individuellen menschlichen Wesenskern. – Da braucht man nun bloß darauf hinzuweisen, daß Gewissen, Verantwortlichkeit und so weiter auch schon von scharfsinnigen Forschern dahin erklärt wurden, daß der Mensch langsam und allmählich sich unter der menschlichen Gesellschaft entwickelt hat. Leicht kann zum Beispiel für das Gewissen gezeigt werden, daß der Mensch sieht, wie ihm bestimmte Handlungen gewisse Nachteile bringen. Dadurch werden zusammengebracht in seiner Seele die Begriffe der Handlung mit dem darauf folgenden Nachteil; das lebt sich in die Seele ein, so daß es schließlich in der Seele zu dem Urteil wird: dies darfst du nicht tun! – Denken wir uns das in einen Impuls umgesetzt und diesen Impuls vererbt, dann haben wir bei den Nachkommen durch eine reine Sukzession ein Gewissen. Und wieder – so kann der Gegner einwenden – ist es eine Oberflächlichkeit, wenn von der Tatsache des Gewissens aus die Behauptung aufgestellt wird von einem inneren Wesenskern des Menschen, der durch verschiedene Erdenleben hindurchgehe.

[ 37 ] Others say that, in order to prove the doctrine of repeated earthly lives, human beings demonstrate, at the core of their inner being, a conscience—an inner moral responsibility. If one feels responsible for an action one performs, then one must still be able to hold a different view of one’s actions than simply having performed them; one must therefore attribute to human beings an origin other than that of the hereditary line alone. Certain theosophical writers interpret conscience, responsibility, and similar concepts in such a way that they become evidence for the individual human core of being that persists through various earthly lives. – One need only point out that conscience, responsibility, and so on have already been explained by astute researchers as resulting from the fact that human beings have developed slowly and gradually within human society. For example, it is easy to demonstrate, in the case of conscience, that human beings observe how certain actions bring them specific disadvantages. As a result, the concepts of the action and the ensuing disadvantage are linked in the soul; this becomes ingrained in the soul, so that it ultimately gives rise to the judgment: “You must not do this!” – If we imagine this being transformed into an impulse and this impulse being inherited, then through pure succession we have a conscience in the descendants. And again—as the opponent might object—it is superficial to use the fact of conscience as a basis for asserting the existence of an inner core of human being that passes through various earthly lives.

[ 38 ] Von außen gesehen könnte manches dem, der nicht genau hinsieht, so erscheinen, als ob es sich nicht beweisen läßt. Und es geziemt sich gerade für einen Geistesforscher, hinzuhorchen auf die Schwierigkeiten, welche gerade den gewissenhaften Menschen bereitet werden, wenn sie herankommen wollen an die Geisteswissenschaft. Denn was heute gesagt worden ist, das ist gerade für gewissenhafte Menschen ein Hindernis und Hemmnis; darüber können sie nicht hinweg.

[ 38 ] Seen from the outside, some things might appear to those who do not look closely as if they cannot be proven. And it is especially fitting for a spiritual researcher to listen carefully to the difficulties that conscientious people in particular face when they seek to approach spiritual science. For what has been said today is precisely an obstacle and a hindrance for conscientious people; they cannot get past it.

[ 39 ] Gehen wir weiter und untersuchen wir, wie ein Gegner die Frage aufstellen kann: Wie ist es denn in der Geisteswissenschaft bestellt auf dem Gebiete der Moral, der Ethik? Man sagt gewöhnlich in der Theosophie: Was muß das dem Menschen für einen sittlichen Impuls geben, wenn er hört, daß sein jetziges Leben bewirkt ist von Ursachen, die von dem menschlichen Wesenskern, das heißt von ihm selbst, in einem früheren Leben gelegt worden sind, und daß er mit dem, was er jetzt tut, die Ursachen legt für das spätere Leben. Wie ist es nun mit den sittlichen Auffassungen eines solchen Menschen beschaffen? So könnte der Gegner fragen. Und er wird sagen: Ein solcher Mensch wird leicht dazu gebracht werden können, sich von einer nicht guten Tat zu sagen: tust du sie, so ziehst du sie in das nächste Leben hinein und du ziehst dir selbst die Strafe im nächsten Leben zu. – Unter einem solchen Impulse werden gewisse Handlungen unterlassen werden. Was ist das aber für ein Impuls? Es ist der egoistischste Impuls, den es nur geben kann, wenn der Mensch das Gute tut, weil es ihm Wirkungen bringt in dem nächsten Leben, die er sich wünschen kann, und wenn er das Böse unterläßt, weil es ihm Wirkungen bringt, die ihm recht unangenehm und fatal werden müssen. Daher also spricht man zu dem Egoismus des Menschen, wenn man ihn auf das Karma verweist und ihm sagt: Durch diese oder jene Handlung legst du schlimme Ursachen für spätere Wirkungen! – Wo bleibt da das große Wort, daß sittlich erst dasjenige ist, was dem Grundsätze lebt, das Gute um des Guten willen zu tun? Wenn jemand, der an das Karma glaubt, sich sagt: Etwas, was mir in diesem Leben vielleicht Nachteil bringt, das tue ich dennoch – aber darum, weil es mir in einem späteren Leben Vorteil bringt, so ist in einem solchen Falle gar nicht das Gute um des Guten willen getan, sondern es ist der menschliche Egoismus in der raffiniertesten Weise aufgestachelt.

[ 39 ] Let us go further and examine how an opponent might pose the question: What is the state of spiritual science in the realm of morality and ethics? It is commonly said in theosophy: What kind of moral impulse must this give a person when they hear that their present life is brought about by causes laid down by the core of their human being—that is, by themselves—in a previous life, and that through what they do now, they are laying the causes for their future life. What, then, is the nature of such a person’s moral views? An opponent might ask this. And he will say: Such a person can easily be led to tell himself, regarding a bad deed: “If you do it, you will carry it over into the next life, and you will bring punishment upon yourself in the next life.” – Under such an impulse, certain actions will be refrained from. But what kind of impulse is this? It is the most selfish impulse there can be—when a person does good because it brings him effects in the next life that he can wish for, and when he refrains from evil because it brings him effects that must be quite unpleasant and disastrous for him. This, then, is what is meant by addressing human selfishness when one refers a person to karma and tells them: “Through this or that action, you are sowing bad causes for future effects!”—Where, then, is the grand principle that what is morally right is only that which lives by the principle of doing good for the sake of good? If someone who believes in karma tells themselves, “I will do something that may bring me harm in this life—but only because it will bring me benefit in a future life,” then in such a case the good is not done for the sake of the good at all; rather, human selfishness is being stoked in the most subtle way.

[ 40 ] Oder nehmen wir an, ein Mensch lebt so recht unter dem Eindruck des Glaubens: Was ich erlebe an Glück oder Unglück, das habe ich mir selbst früher bereitet; ich muß es hinnehmen und darf nicht murren. – Eine solche Gesinnung — so könnte der Gegner sagen – wird sich einleben als Fatalismus, indem der Mensch alles, was ihm geschieht, Taten zuschreibt, die er früher selber getan hat; und statt sich aufzuraffen und tätig einzugreifen ins Leben, wird er einfach auf den Grundsatz bauen: das hast du dir selber bewirkt! – was dann dazu führen wird, daß ein Theosoph, wenn er schwach ist, sich sagt: Warum soll ich mich aufraffen? Mein Karma hat mich schwach gemacht; das hat seine guten Gründe in einem früheren Leben. – Auf diese Weise kommt der furchtbarste Fatalismus heraus. Daraus können wir also ersehen, wie Egoismus und Fatalismus vom Gegner als etwas angeführt werden können, was in gewichtigster Weise gegen das Moralprinzip der Theosophie vorgebracht werden kann.

[ 40 ] Or let’s assume that a person lives deeply under the influence of this belief: Whatever happiness or misfortune I experience, I have brought upon myself in the past; I must accept it and must not complain. – Such an attitude—an opponent might say—will take root as fatalism, in that a person attributes everything that happens to them to actions they themselves have committed in the past; and instead of pulling themselves together and actively intervening in life, they will simply rely on the principle: “You brought this upon yourself!” – Which will then lead a theosophist, if he is weak, to say to himself: Why should I pull myself together? My karma has made me weak; there are good reasons for this in a past life. – This gives rise to the most dreadful fatalism. From this we can see, then, how egoism and fatalism can be cited by opponents as arguments that weigh most heavily against the moral principle of Theosophy.

[ 41 ] Wenn wir uns nun vergegenwärtigen wollen, wie Theosophie wirken muß im religiösen Leben, wenn sie hingeleiten soll zu einer religiösen Auffassung der Welt, dann sehen wir, wie Führer des theosophischen Lebens die Theosophie definieren als eine Art Weisheitsreligion, als etwas, was aus dem Wissen und Erkennen heraus in das religiöse Gebiet hineinführen soll. Religion kann nicht bestehen ohne das, was man nennen kann einen lebendigen, die Welt durchwebenden und durchlebenden Geist – gleichgütig, ob man sich diesen Geist als eine Mehrheit von Geistern oder als einen einzigen vorstellt. Ohne den lebendigen Geist, der wirklich in den Erscheinungen und Tatsachen lebt, kann jener Gefühlsund Empfindungsaufschwung nicht in der Seele platzgreifen, der notwendig ist zu einem wirklichen religiösen Leben. Dieses Aufblicken zu einem Geistigen – so könnte der Gegner einwenden –, diese Hingabe an ein äußerlich Geistiges, in welchem man den Quell sieht für die irdischen Ereignisse und in welches man einverwoben findet sein eigenes Schicksal, wird dadurch getrübt, daß der Mensch angewiesen ist auf den Glauben an eine menschliche Individualität, die sich von einem zum anderen Leben hinüberergießt, und er ist weiter angewiesen, alles, was das religiöse Leben betrifft, innerhalb seiner Individualität auszumachen, das heißt, auf sich selbst zu beziehen. So werden untergraben jenes Sichweiten des Herzens und jenes Sichöffnen des Gemütes, die gegeben sind, wenn der Mensch nicht nur in sich blickt, sondern aufblicken kann zu etwas Göttlichem, dem er angehört, an dem er Anteil hat und zu dem er in einer lebendigen Beziehung steht.

[ 41 ] If we now wish to consider how Theosophy must function in religious life if it is to lead to a religious understanding of the world, then we see how leaders of the Theosophical movement define Theosophy as a kind of religion of wisdom—as something that is meant to lead from knowledge and insight into the realm of religion. Religion cannot exist without what might be called a living Spirit that permeates and animates the world—regardless of whether one conceives of this Spirit as a multitude of spirits or as a single one. Without the living Spirit that truly dwells within phenomena and facts, that surge of feeling and emotion necessary for a genuine religious life cannot take hold in the soul. This turning toward the spiritual—as an opponent might object—this devotion to an external spiritual reality, in which one sees the source of earthly events and in which one finds one’s own destiny interwoven, is clouded by the fact that human beings are dependent on faith in a human individuality that flows from one life into the next, and one is further compelled to discern everything pertaining to religious life within one’s own individuality—that is, to relate it to oneself. Thus are undermined that expansion of the heart and that opening of the mind that are present when a person not only looks within but can also look up to something divine to which he belongs, in which he has a share, and with which he stands in a living relationship.

[ 42 ] Wenn wir alles zusammenfassen wollen, was gegen die Theosophie vorgebracht werden kann, so könnte [ein Gegner] sagen, sowohl in moralischer wie in religiöser Beziehung lasse die Geisteswissenschaft sehr viel zu wünschen übrig. Das zeige sich insbesondere darin, daß Menschen, die innerlich seelisch undiszipliniert oder mit einem von vornherein laxen wissenschaftlichen Gewissen ausgestattet sind, dem Leben gegenüber nach und nach ganz merkwürdige Impulse entwickelten. Da sehe man – und das könne für alle Anhänger der Theosophie gelten, wie sich aus Beobachtungen ergibt –, daß die Menschen, wenn sie sich einlassen auf geisteswissenschaftliche Wahrheiten, das Interesse verlieren würden für das frische, volle Leben und damit gerade für das, was wir als Menschen im Leben besorgen sollen; man sehe, daß sie sich zurückziehen von den unmittelbaren Angelegenheiten der äußeren Welt. Dann grübelten sie nach über das, was sie in das Leben hineingestellt hat und fingen sogar an, nach und nach die äußere Wirklichkeit zu verachten und könnten sich nur dann behaglich fühlen, wenn sie nichts mehr von der äußeren Welt wollen.

[ 42 ] If we were to summarize all the arguments that can be raised against theosophy, [an opponent] might say that, from both a moral and a religious standpoint, theosophy leaves much to be desired. This is evident in particular in the fact that people who are inwardly undisciplined in their spiritual lives or who are endowed from the outset with a lax scientific conscience gradually develop quite peculiar impulses toward life. One sees—and this may apply to all followers of theosophy, as observations show—that when people engage with theosophical truths, they lose interest in fresh, full life and thus precisely in what we as human beings are meant to pursue in life; one sees that they withdraw from the immediate concerns of the external world. Then they would ponder what had brought them into life and even begin, little by little, to despise external reality, feeling at ease only when they no longer wanted anything from the external world.

[ 43 ] Ich will nur von dem sprechen, worauf Gegner der Theosophie mit Recht hinweisen könnten. Sie könnten mit Recht darauf hinweisen, daß zahlreiche Theosophen mit einem laxeren wissenschaftlichen Wahrheitsgefühl unbrauchbar werden für alle Verrichtungen, wie sie ein starkes, gesundes Leben erfordert, weil sie in einem Leben stehen, das nicht vollsaftig, nicht inhaltvoll ist, das nicht unmittelbare Angriffspunkte für das Leben bietet, daß sie Sonderlinge werden, Menschen, die nicht fertig werden mit dem Leben und sich als unharmonisch in ihrem Innern erweisen. Solche Menschen ergeben sich aus der Theosophie! – So könnte der Gegner sagen. Und auf Beispiele, die wahrhaftig in nicht geringer Anzahl vorhanden sind, könnte der Gegner dabei hinweisen. Weiter könnte darauf hingewiesen werden, wie die mangelnde Kontrolle durch äußere Erfahrungen recht schlimm werden kann, wenn der Mensch, der in sich selber Geistesaugen, Geistesohren schaffen will und sich nur angeeignet hat die Sehnsucht für das innere Schauen, sich nicht erzogen hat an dem streng exakten Wahrheitssinn. Wenn der Mensch nicht in sich erzogen hat einen solchen Wahrheitssinn und einen solchen Wahrheitsimpuls, wie sie bestehen, wenn die äußere Erfahrung uns kontrolliert, dann kann der geistig Schauende, der sogenannte hellsichtige Mensch, weit abkommen von der inneren Kontrolle, die umso bedeutsamer sein muß, wenn die äußere Kontrolle fehlt. Da zeigt es sich, wie nahe es liegt, daß ein Mensch in zunächst unbewußte Unwahrheit, in Irrtümer, dann aber auch in bewußte Unwahrheit, in die Lüge hineingeraten kann, deren Tragweite er nicht durchschaut, weil er die Illusion nicht von der Wahrheit unterscheiden kann.

[ 43 ] I want to speak only of what opponents of theosophy could rightly point out. They could rightly point out that numerous theosophists, with a laxer scientific sense of truth, become unfit for all the tasks required by a strong, healthy life, because they lead a life that is not rich and full of substance, that does not offer immediate points of engagement with life; that they become eccentrics, people who cannot cope with life and prove to be internally disharmonious. Such people are produced by theosophy!—so the opponent might say. And the opponent could point to examples, of which there are indeed no small number. Furthermore, one could point out how the lack of control through external experiences can become quite serious when a person who wishes to create spiritual eyes and ears within themselves—and has acquired only the longing for inner vision—has not trained themselves in a strictly precise sense of truth. If a person has not cultivated within themselves such a sense of truth and such an impulse toward truth as exist when external experience controls us, then the spiritually perceiving person—the so-called clairvoyant—can stray far from inner control, which must be all the more significant when external control is lacking. Here it becomes clear how easy it is for a person to fall into initially unconscious untruths and errors, and subsequently into conscious untruths—even lies—whose implications they fail to grasp because they cannot distinguish illusion from truth.

[ 44 ] Und hieran liegt es, warum das Bedürfnis, in die geistige Welt hineinzuschauen, das innere Gegründetsein des Menschen auf Wahrheit und Moral voraussetzt. Es zeigt sich, warum es ein so tiefes Problem hat werden können, wie es zum Beispiel Goethe in seinem «Faust» ausgedrückt hat. Da steht der Mensch Faust vor uns, der typische Mensch, der hinein will in die geistige Welt und sein individuelles Leben erweitern will, der aber auch, trotz gewissenhaftestem Streben, unzählige Male die Möglichkeit hat abzuirren, und der, nachdem er seine Lebensbahn beinahe vollendet hat, den schweren Ausspruch tut: Könnt ich Magie von meinem Pfad entfernen! – So tragisch kann das Bekenntnis zur Geistesforschung werden.

[ 44 ] And this is why the need to look into the spiritual world presupposes that human beings are fundamentally grounded in truth and morality. It becomes clear why this has become such a profound problem, as Goethe, for example, expressed it in his *Faust*. There stands before us the character Faust, the typical human being who wants to enter the spiritual world and expand his individual life, but who, despite his most conscientious efforts, has countless opportunities to stray, and who, having nearly completed his life’s journey, utters the weighty words: “If only I could remove magic from my path!” —This is how tragic a commitment to spiritual research can become.

[ 45 ] Aber wir müssen die Menschenseele nicht nur theoretisch betrachten, wir müssen sie im vollen Leben betrachten. Und da kann uns nur die Erfahrung selbst die entsprechenden Lehren geben. Mag man noch so sehr begründen, unsere Seele müsse soundso beschaffen sein, wenn sie der Geistesforschung folgen will – man kann ganz genau wissen: Ein anderes sind theoretische Sätze als seelische Impulse. In der Theorie kann alles ganz logisch sein, und die Seele kann, wenn sie nicht die Sicherheit in sich selbst begründet hat, trotzdem in die bezeichneten Irrpfade hineingeraten. Auf so etwas, das in den verschiedensten Formen existiert, kann von den Gegnern mit Recht hingewiesen werden. Das kann uns zeigen, daß wir Einwände nicht leicht nehmen dürfen, denn solche Einwände kann jeder auf der Straße finden.

[ 45 ] But we must not view the human soul merely in theoretical terms; we must view it in the fullness of life. And only experience itself can teach us the necessary lessons in this regard. No matter how much one may argue that our soul must be of a certain nature if it is to follow spiritual research—one can know with absolute certainty: theoretical propositions are one thing, and soul impulses are quite another. In theory, everything may be entirely logical, and yet the soul—if it has not established certainty within itself—can still stray onto the paths of error described. Opponents are right to point out such things, which exist in the most varied forms. This can show us that we must not take objections lightly, for anyone can find such objections on the street.

[ 46 ] Sie können in der Geisteswissenschaft oder Theosophie den Hinweis finden, daß ein individueller Wesenskern im Menschen lebt. Es wird da gezeigt, daß nur für den Menschen eine Biographie möglich ist, weil nur der Mensch jenen eigentümlichen, individuellen Verlauf des Lebens hat, der eine Biographie möglich macht. Für den größten wie für den kleinsten Menschen ist eine Biographie möglich. Wir bringen dem einzelnen Menschen dasselbe Interesse entgegen, das wir in der Tierwelt einer ganzen Tiergattung entgegenbringen. Wir bringen dem einzelnen Menschen dasselbe Interesse entgegen wie dem Löwenvater, dem Löwensohn, dem Löwenenkel und so weiter. Es ist ein leichtgeschürzter Einwand, wenn jemand sagt: Aber der einzelne Löwe hat doch ebenso eine Biographie, und man könnte doch ebenso von einem Hund oder einer Katze eine Biographie schreiben. – Gewiß könnte man das. Als ich Schulbub war, hat uns der Lehrer einmal damit geplagt, die Biographie unserer Schreibfeder zu schreiben. Man kann ja alles auf alles übertragen, aber man muß doch darauf sehen, worin das Wesentliche einer Sache beruht. Das behauptet ja auch kein Geistesforscher, daß nicht ein Hund oder eine Katze eine Summe von individuellen Eigenschaften haben kann. Es wird nur gesagt, daß wir dasselbe Interesse, das wir im Grunde genommen als Mensch einem einzelnen Menschen entgegenbringen, beim Tier der ganzen Art entgegenbringen; es kann sogar das Interesse für ein Tier größer sein als für einen Menschen, aber es ist nicht dasselbe Interesse, das wir dem Menschen entgegenbringen. Die Art des Interesses, das vorliegt gegenüber dem einzelnen menschlichen Individuum, liegt vor gegenüber der tierischen Gattung. Daher müssen wir sagen: Jeder Mensch ist seine eigene Gattung.

[ 46 ] In spiritual science or theosophy, you can find the suggestion that an individual core of being lives within human beings. It is shown there that a biography is possible only for human beings, because only human beings have that unique, individual course of life that makes a biography possible. A biography is possible for the greatest person as well as for the least. We show the same interest in the individual human being as we do in an entire species of animal in the animal kingdom. We show the same interest in the individual human being as we do in the lion father, the lion son, the lion grandson, and so on. It is a flimsy objection when someone says: “But the individual lion also has a biography, and one could just as easily write a biography of a dog or a cat.”—Certainly one could. When I was a schoolboy, our teacher once made us write the biography of our pen. One can, of course, apply anything to anything, but one must still consider what constitutes the essence of a thing. No scholar of the human mind would claim that a dog or a cat cannot possess a sum of individual characteristics. It is merely said that the same interest we, as human beings, fundamentally extend to an individual human being, we extend to the entire species in the case of animals; our interest in an animal may even be greater than in a human being, but it is not the same kind of interest we show toward humans. The kind of interest we have toward an individual human being is the same kind we have toward the animal species. Therefore, we must say: Every human being is his or her own species.

[ 47 ] Etwas anderes ist es, ob wir wirkliche Gegner der Theosophie vor uns haben oder solche, die an den Schwierigkeiten nicht vorbei können, wie sie uns unser ganzes zeitgenössisches Denken und Empfinden und unsere ganze heutige Wissenschaft geben. Einige solche Einwände sollten heute aufgezählt werden. Selbstverständlich könnten wir bis morgen früh weiterreden und könnten die Einwände bis ins einzelne vermehren. Und ich bin mir bewußt, daß ich nicht einmal die wichtigsten Einwände aufgezählt habe. Ich habe nur gezeigt, wie man das Gebiet der Erkenntnistheorie, der Moral, der Ethik, der Religion und der Lebenssicherheit heranziehen kann, wenn man Gegenbeweise gegen die Theosophie bringen will.

[ 47 ] It is another matter entirely whether we are dealing with genuine opponents of theosophy or with those who cannot get past the difficulties presented to us by all of our contemporary thinking and feeling, as well as by all of our modern science. Some of these objections should be listed today. Of course, we could continue talking until tomorrow morning and could expand on the objections in greater detail. And I am aware that I have not even listed the most important objections. I have merely shown how one can draw upon the fields of epistemology, morality, ethics, religion, and the certainty of life when seeking to present counterarguments against theosophy.

[ 48 ] Nun ist es vielleicht die schönste Kultur, die aus der Geisteswissenschaft hervorgehen kann, daß man echte Toleranz üben lernt. Echte Toleranz kann man nur üben, wenn man Verständnis hat für anders geartete Individualitäten, für anders geartetes Denken, für anders geartetes Fühlen. Solange wir die von unseren Gegnern geltend zu machenden Einwände hören, können sie uns anregen, wenn wir uns nicht in leichter Weise dazu stellen, sondern imstande sind, das, was der Gegner vorbringt, in uns selber zu finden. Wenn wir sozusagen einen Teil von uns selbst zu unserem Gegner machen, um mit den berechtigten Einwänden fertig zu werden, dann üben wir theosophische Toleranz.

[ 48 ] Perhaps the most beautiful aspect of culture that can emerge from the humanities is learning to practice genuine tolerance. Genuine tolerance can only be practiced if one has an understanding of different kinds of individuality, of different ways of thinking, and of different ways of feeling. As long as we listen to the objections raised by our opponents, they can inspire us—provided we do not take a superficial stance toward them, but are able to find within ourselves what the opponent is bringing forward. When we, so to speak, make a part of ourselves into our opponent in order to deal with the legitimate objections, then we are practicing theosophical tolerance.

[ 49 ] In dieser charakterisierten Weise sollte der Geistesforscher stets auch allen anderen Einwänden entgegenkommen, die von gegnerischer Seite gemacht werden könnten. Das sollten sowohl die Bekenner wie auch die Gegner bedenken: Mit jenem absoluten Gegenteil von Fanatismus, das ein Impuls sein muß für die theosophische Gesinnung, sich zum Gegner so zu stellen, daß man sich immer fragt: Welches Gewicht haben seine Einwände? – Daher ist der Theosoph von gar keinem Einwande überrascht. Es kann nur dann die theosophische Geistesströmung in rechter Weise weitergehen, wenn eine solche innere Auseinandersetzung mit einem jeden Gegner stattfinden kann.

[ 49 ] In this manner, the theosophist should always be prepared to address any other objections that might be raised by opponents. Both adherents and opponents should bear this in mind: with that absolute opposite of fanaticism—which must be an impulse for the theosophical attitude—one should approach an opponent in such a way that one always asks oneself: What weight do his objections carry? —Therefore, the theosophist is not surprised by any objection whatsoever. The theosophical spiritual movement can only continue in the right way if such an inner engagement with every opponent can take place.

[ 50 ] Daß dies eine Forderung ist, mit der auch unsere heutige Zeit ringt, das kann sich zeigen, wenn man immer wieder glaubt, die Gegner könnten gar nicht das Gewicht und die Bedeutung ihrer Einwände ermessen. Man braucht nicht auf dem Standpunkte Eduard von Hartmanns zu stehen und kann doch in seiner «Philosophie des Unbewußten» etwas ganz Bedeutsames sehen, das gewichtige Einwände brachte gegen eine gewisse materialistisch gefärbte Behandlung der naturwissenschaftlichen Tatsachen. Als Eduard von Hartmann seine «Philosophie des Unbewußten» hat erscheinen lassen, 1869, da haben sich in dem damals gerade aufbrechenden Darwinismus überall die gegnerischen Stimmen gegen Eduard von Hartmann gezeigt. Was da vorgebracht wurde, war immer durchklungen davon, daß die Leute sagten: Da spricht ein Philosoph, ein Mensch, der doch gar nichts weiß von den naturwissenschaftlichen Tatsachen, ein Dilettant; deshalb kann man darüber zur Tagesordnung übergehen. – Und es erschien Schrift über Schrift gegen diese «dilettantische» Arbeit von Eduard von Hartmann. Unter diesen verschiedenen gegnerischen Schriften gegen die «Philosophie des Unbewußten» war auch eine von einem Anonymus «Das Unbewußte vom Standpunkt der Deszendenztheorie und des Darwinismus », die als besonders geistvoll befunden wurde. Sie war wirklich eine schlagende Widerlegung alles dessen, was in der «Philosophie des Unbewußten» vorgebracht worden war; sie war so schlagend, daß ein bedeutender Biograph Darwins sagte: Es ist schade, daß sich dieser Mann nicht genannt hat, der diese ganz im Geiste einer wirklich wissenschaftlichen Naturforschung gehaltene Abhandlung gegen den Hartmannschen Dilettantismus verfaßt hat! – Und ein anderer Naturforscher schrieb, der Unbekannte möge sich nennen, denn er sei einer der Ihrigen. Diese Schrift fand eine rasche Verbreitung, sie war bald verkauft und erlebte eine zweite Auflage. Jetzt nannte sich der Verfasser: Es war Eduard von Hartmann selber, der damit in seiner Art den Beweis geliefert hatte, wie man doch vorsichtig sein soll mit dem, was man glaubt, als eine einzige absolute Wahrheit zu besitzen, und daß man nicht den Gegner für dumm und dilettantisch halten soll, wenn er eine andere Meinung hat, denn es könnte sehr leicht sein, daß der Verfasser die Einwände sehr gut kennt.

[ 50 ] That this is a challenge with which our own time also grapples becomes evident when one repeatedly finds oneself believing that opponents are simply unable to grasp the weight and significance of their objections. One need not share Eduard von Hartmann’s point of view and yet can still see in his *Philosophy of the Unconscious* something quite significant that raised weighty objections to a certain materialistically colored treatment of scientific facts. When Eduard von Hartmann published his *Philosophy of the Unconscious* in 1869, opposing voices against Eduard von Hartmann emerged everywhere amid the then-burgeoning Darwinism. What was put forward was always tinged with the implication that people were saying: Here speaks a philosopher, a person who knows absolutely nothing about scientific facts—a dilettante; therefore, we can simply move on to the next item on the agenda. – And one treatise after another was published against this “dilettantish” work by Eduard von Hartmann. Among these various critical writings against the *Philosophy of the Unconscious* was one by an anonymous author, *The Unconscious from the standpoint of the Theory of Descent and Darwinism*, which was considered particularly insightful. It was truly a compelling refutation of everything that had been put forward in the “Philosophy of the Unconscious”; it was so compelling that a prominent biographer of Darwin said: It is a pity that this man did not reveal his name—the man who wrote this treatise against Hartmann’s dilettantism, a treatise written entirely in the spirit of truly scientific natural research! – And another naturalist wrote that the anonymous author should reveal his name, for he was one of their own. This treatise spread rapidly; it sold out quickly and went into a second printing. Now the author revealed his identity: it was Eduard von Hartmann himself, who had thereby demonstrated, in his own way, how one must be cautious about what one believes to be the sole absolute truth, and that one should not regard an opponent as foolish or amateurish simply because he holds a different opinion, for it could very well be that the author is well aware of the objections.

[ 51 ] Die Theosophen sollten aber die Einwände [gegen die Theosophie] nicht bloß kennen, sondern in einer gewissen Weise obliegt es ihnen als theosophische Pflicht, sich mit diesen Einwänden auseinanderzusetzen. Nachdem wir heute nun etwas von diesen Einwänden auf unsere Seele haben wirken lassen, wollen wir im nächsten Vortrag sehen, wie dieses Gebiet von der anderen Seite aussieht, von dem wir heute mehr oder weniger die Kehrseite gezeigt haben. Und wir wollen sehen, ob es gewichtige Gründe gibt für die Gegner, wenn sie behaupten: Lass’ uns mit dieser Theosophie zufrieden, denn sie ist nicht nur unwissenschaftlich, sondern sie widerspricht jeder höheren Moral, sie begründet eine unzulängliche Ethik, sie gibt keine Lebenssicherheit, und sie ist religiös durchaus unzulänglich.

[ 51 ] However, theosophists should not merely be aware of the objections [to theosophy]; rather, in a certain sense, it is their theosophical duty to address these objections. Now that we have allowed some of these objections to take effect on our souls today, let us see in the next lecture what this field looks like from the other side—the reverse side of which we have more or less shown today. And let us see whether there are compelling reasons for the opponents when they claim: Let us be satisfied with this Theosophy, for it is not only unscientific, but it contradicts every higher morality, it establishes an inadequate ethic, it offers no security in life, and it is thoroughly inadequate from a religious standpoint.

[ 52 ] Oder könnte es vielleicht noch irgend etwas geben, was da zeigt, wie irrtümlich doch im Grunde genommen alle diese Einwände sind? Wir wollen aber diese Einwände nicht so nehmen, als ob wir sie einfach als Irrtümer abtun wollten, sondern so, daß wir an ihnen lernen können. Es ist schwierig für manche Zeitgenossen, den Weg in die Theosophie hinein zu finden. Aber vielleicht könnte es auch für manchen, der leichten Herzens ein Bekenner der Theosophie wird, geradezu vorbildlich sein, sich einmal solche Schwierigkeiten vorzuhalten. Denn auch der Weg zu den Sternen könnte ein rauher sein, und es könnte gut sein, wenn wir ihn uns nur recht rauh werden ließen, wenn wir ihn uns nicht gar zu bequem machten.

[ 52 ] Or could there perhaps be something else that shows just how erroneous all these objections really are? However, we do not wish to treat these objections as if we simply wanted to dismiss them as errors, but rather in a way that allows us to learn from them. It is difficult for some of our contemporaries to find their way into theosophy. But perhaps it could also serve as an exemplary lesson for some who become adherents of Theosophy too readily to reflect on such difficulties. For even the path to the stars can be a rough one, and it might be good if we simply allowed it to be quite rough, rather than making it too comfortable for ourselves.

[ 53 ] Wie der Mensch sich hineinfinden kann in diese Welt der geistigen Sterne, und daß er nicht den heute charakterisierten Einwänden zu unterliegen braucht, sondern Sieger werden kann über sie, davon wollen wir im nächsten Vortrag sprechen.

[ 53 ] In the next lecture, we will discuss how human beings can find their way into this world of spiritual stars, and how they need not succumb to the objections outlined today, but can instead overcome them.