Truths and Errors in Spiritual Research
GA 69a
25 March 1911, Prague
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Truths and Errors in Spiritual Research, tr. SOL
3. Wie verteidigt man Theosophie?
3. How Does One Defend Theosophy?
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Der am letzten Sonntag hier gehaltene Vortrag «Wie widerlegt man Theosophie?» sollte gleichsam die Grundstimmung abgeben für die Ausführungen, welche heute vor unsere Seele treten sollen. In jenem Vortrage sollte namentlich gezeigt werden, daß in dieser Grundstimmung, in welcher der mit Theosophie sich Durchdringende sich befinden soll, nichts, aber auch gar nichts enthalten sein sollte von Fanatismus, von einem fanatischen Vertreten irgendwelcher Annahmen, Behauptungen, Hypothesen und dergleichen. Es ist vielleicht aus dem ganzen Ton des letzten Vortrages hervorgegangen, daß die Gründe, die gegen die Theosophie angeführt worden sind, nicht so genommen werden sollten, als ob sie nun etwa in diesem heutigen Vortrag Stück für Stück widerlegt werden sollten. Sie sollen vielmehr so betrachtet werden, daß sie einen Teil jener Erwägungen, Empfindungen und Gefühle darstellen – allerdings nur einen Teil –, welche sich ganz notwendig in der Seele desjenigen ergeben müssen, der aus dem heutigen Zeitbewußtsein heraus an die Theosophie herankommt. Mit anderen Worten, die gegen die Theosophie vorgebrachten Gründe sollen nicht als unberechtigte, sondern im Gegenteil, als im Sinne unseres heutigen Zeitbewußtseins in hohem Maße berechtigte Gründe angesehen werden, als solche, die sich als wirkliche und nicht bloß als vermeintliche Schwierigkeiten ergeben, gerade wenn der Mensch mit wissenschaftlichem und mit moralischem Gewissen heute den Weg zur Theosophie sucht. Daraus möchte ich aber gewissermaßen auch das Recht ableiten, in dem heutigen Vortrag so sprechen zu dürfen, daß alles, was heute für die Theosophie vorgebracht wird, in dem gleichen Lichte gesehen werde, wie es bis zu einem gewissen Grade hervorgerufen werden konnte durch die am letzten Sonntag gleichsam «probeweise» gegebene Widerlegung der Theosophie.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! The lecture delivered here last Sunday, “How Does One Refute Theosophy?,” was intended, so to speak, to set the tone for the remarks that are to be presented to us today. That lecture was intended, in particular, to show that this fundamental attitude—which those who immerse themselves in theosophy should adopt—should contain nothing, absolutely nothing, of fanaticism or the fanatical defense of any assumptions, assertions, hypotheses, or the like. It may have become clear from the overall tone of the last lecture that the arguments raised against Theosophy should not be taken to mean that they are now to be refuted, piece by piece, in today’s lecture. Rather, they should be regarded as representing a part—admittedly only a part—of those considerations, impressions, and feelings that are bound to arise in the soul of anyone who approaches theosophy from the perspective of our contemporary consciousness. In other words, the arguments raised against theosophy should not be regarded as unfounded, but rather, on the contrary, as highly valid in the context of our contemporary consciousness—as real, rather than merely supposed, difficulties that arise precisely when a person seeks the path to theosophy today with a scientific and moral conscience. From this, however, I would also like to derive, in a sense, the right to speak in today’s lecture in such a way that everything presented today in favor of theosophy is viewed in the same light as that which, to a certain extent, was brought about by the refutation of theosophy presented last Sunday, so to speak, “on a trial basis.”
[ 2 ] Es ist ja mit wenigen Worten der Inhalt der Theosophie da kurz charakterisiert worden, und es ist gesagt worden, wie man über die Quellen der Theosophie zu denken hat, über die eigentlichen Ursprünge jener Erkenntnisse, welche vermittelt werden sollen durch die Theosophie. Diese Quellen ergeben sich nicht dem gewöhnlichen normalen Bewußtsein, wie es im gegenwärtigen Entwicklungszustand des Menschen sich herausgebildet hat, sondern sie ergeben sich nur dann, wenn des Menschen Seele sich gewissen inneren Übungen unterwirft, die über das Erleben hinausführen, welches man bei dem normalen Bewußtseinshorizont haben kann.
[ 2 ] The content of Theosophy has been briefly characterized here in a few words, and it has been explained how one should view the sources of Theosophy—the actual origins of those insights that Theosophy is intended to convey. These sources do not reveal themselves to ordinary, normal consciousness, as it has developed in humanity’s present stage of evolution, but they reveal themselves only when the human soul subjects itself to certain inner exercises that lead beyond the experiences one can have within the normal horizon of consciousness.
[ 3 ] Nun wurde schon im letzten Vortrage gesagt, daß es ja insbesondere bei der gegenwärtigen Wissenschaft Anstoß erregt, daß man aufsteigen will zu einer Anschauung der Welt, welche sich erst ergibt, wenn gewisse innere Erlebnisse der Seele durchgemacht worden sind, in denen gleichsam das menschliche Subjekt sich entfernt hat von den äußeren Eindrücken, sich leer gemacht hat von den gewöhnlichen Wahrnehmungen in der physischen Welt und auch von jenen Gedanken, die sich an diese Wahrnehmungen anknüpfen lassen. Wenn das menschliche Subjekt gleichsam künstlich den Zeitpunkt herbeiführt, der sonst eintritt beim Einschlafen – aber in radikal anderer Art –, daß alle anderen Eindrücke schweigen und auch alle Gedanken und Empfindungen, die diese äußeren Eindrücke hervorgerufen haben, und wenn dann durch die Vorgänge des inneren Seelenlebens nicht die Bewußtlosigkeit des Schlafes eintritt, sondern solche starken inneren Kräfte entfaltet werden, daß das Bewußtsein bleibt, und wenn Kräfte heraufgeholt werden aus der Seele, die sonst unter der Oberfläche des Bewußtseins schlummern, dann tritt das in der Seele auf, was man nennen könnte: ein höheres Anschauungsvermögen, das mit einem Goetheschen Wort bezeichnet werden darf als «Geistesaugen» und «Geistesohren». Eine solche Seele befindet sich dann auf einer höheren Stufe in derselben Lage wie ein Blindgeborener, der das Glück hat, durch eine Operation sehend zu werden und vor dem sich nun die Welt von Licht und Farben erschließt. Wie um den Blindgeborenen die Realitäten des Lichtes und der Farben auch da waren, bevor er operiert worden ist, in demselben Sinne sind um uns herum alle die Dinge und Wesenheiten der geistigen Welt, von denen die Theosophie oder Geisteswissenschaft spricht; bewußt können sie uns aber erst werden, wenn die geistigen Augen, die geistigen Ohren gleichsam durch innere, seelisch-geistige Energien herausgeholt werden aus ihrem Schlummer. Dann tritt eine neue Welt vor dem Menschen auf.
[ 3 ] Now, as was already mentioned in the last lecture, it is particularly controversial in contemporary science that one seeks to ascend to a view of the world that arises only after certain inner experiences of the soul have been undergone—experiences in which, as it were, the human subject has distanced itself from external impressions, has emptied itself of the ordinary perceptions of the physical world and also of those thoughts that can be linked to these perceptions. When the human subject, as it were, artificially brings about the moment that otherwise occurs upon falling asleep—but in a radically different way—so that all other impressions fall silent, as do all thoughts and sensations that these external impressions have evoked, and when, through the processes of inner soul life, not the unconsciousness of sleep sets in, but rather such powerful inner forces are unleashed that consciousness remains, and when forces are drawn up from the soul that otherwise slumber beneath the surface of consciousness, then what arises in the soul is what one might call a higher power of perception, which may be described, in Goethe’s words, as “spiritual eyes” and “spiritual ears.” Such a soul then finds itself on a higher level in the same situation as a person born blind who has the good fortune to regain sight through an operation and before whom the world of light and colors now opens up. Just as the realities of light and color were present around the person born blind even before he underwent surgery, so too are all the things and beings of the spiritual world—of which theosophy or spiritual science speaks—present around us; but we can only become consciously aware of them when our spiritual eyes and ears are, as it were, roused from their slumber by inner, soul-spiritual energies. Then a new world appears before us.
[ 4 ] Es wurde gesagt, daß die äußere Wissenschaft an dieser Sache gerade deshalb Anstoß nehmen müsse, weil diese Wissenschaft mit allem Ernst, mit tiefer Gewissenhaftigkeit danach strebt, den Inhalt der Erkenntnis unabhängig zu machen von dem menschlichen Subjekt, also von dem, was wir in unserem Innern erleben. Denn es wird mit Recht eingewendet, was der Mensch in seinem Innern erlebt, das sei eben nichts anderes als ein Subjektives, das jeder in einer anderen Art erlebt und das für uns daher auch nur eine individuelle, eine subjektive Geltung haben könne. Mag der Mensch daher aus diesen seinen subjektiven Seelenerlebnissen zu was immer für Überzeugungen über eine andere Welt als die physische Welt kommen – so könnte ein Gegner der Theosophie sagen –, so mag er das mit sich selber abmachen, denn das ist nicht in gleicher Weise zu belegen wie diejenigen Dinge, die wir als Erkenntnisse gewinnen anhand des Experimentes, der wissenschaftlichen Beobachtung oder der historischen Forschung. – Daher wird wohl auch mancher diesen Dingen gegenüber sich abfinden und sagen: Gewiß, die äußere Forschung hat ihre Grenzen; sie kann uns nicht hinführen in die Gebiete, die uns nach den Sehnsüchten unserer Seele vielleicht die wertvollsten sind; aber was über das Gebiet der äußeren Forschung hinausführt, das muß ein intimes Erleben der menschlichen Seele sein, das muß jeder mit sich selber abmachen, denn es muß ja auch jeder nach der Art und Weise, wie er sich seinem ganzen Innenleben nach entwickelt hat, sein besonderes Bild haben von dem, was über die sinnliche Wahrnehmung hinausgeht.
[ 4 ] It has been said that external science must take offense at this very thing precisely because this science strives, with the utmost seriousness and deep conscientiousness, to make the content of knowledge independent of the human subject—that is, of what we experience within ourselves. For it is rightly objected that what a person experiences within is nothing other than something subjective, which everyone experiences in a different way and which, therefore, can have for us only an individual, subjective validity. “Let a person, therefore,” an opponent of theosophy might say, “draw whatever convictions about a world other than the physical world from these subjective inner experiences—he may settle that for himself, for such things cannot be substantiated in the same way as those we gain through experimentation, scientific observation, or historical research.” – That is probably why many will come to terms with these matters and say: Certainly, external research has its limits; it cannot lead us into the realms that, according to the longings of our soul, may be the most valuable to us; but whatever leads beyond the realm of external research must be an intimate experience of the human soul; each person must come to terms with this for themselves, for everyone must have their own particular picture of what lies beyond sensory perception, based on the way in which their entire inner life has developed.
[ 5 ] Wenn das richtig wäre, daß jeder sein besonderes Bild haben muß von dem, was über die sinnliche Beobachtung hinausgeht, dann wäre allerdings Theosophie nicht zu halten, dann wäre alles, was wir aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraufholen wollen, lediglich etwas, was jeder einzelne Mensch für sich als seine subjektive Überzeugung hätte, und sie könnte unmöglich eine Gültigkeit objektiver Art beanspruchen. Das ist aber nicht so. Und daß es nicht so ist, das kann dem Menschen nur das Durchlaufen der Seelenübungen selber zeigen; das kann nur das innere Experiment zeigen, das der Mensch vornimmt, um zu solchen Quellen der übersinnlichen Erkenntnis zu gelangen.
[ 5 ] If it were true that everyone must have their own particular conception of what lies beyond sensory observation, then theosophy would indeed be untenable; then everything we seek to draw from the sources of spiritual science would be merely something that each individual would hold as their own subjective conviction, and it could not possibly claim any kind of objective validity. But that is not the case. And the fact that this is not the case can only be demonstrated to a person by undergoing the soul exercises themselves; it can only be demonstrated by the inner experiment that a person undertakes in order to reach such sources of supersensory knowledge.
[ 6 ] Nun kann ja in einem solchen orientierenden Vortrage auch nur skizzenhaft angedeutet werden, um was es sich handelt. Aus dem Vergleich des Wachzustandes, der uns die äußeren Eindrücke und die daran sich knüpfenden Gedanken überliefert, mit dem Schlafzustande, in dem die äußeren Eindrücke schweigen, ergibt sich ja, daß unser inneres Seelisches, wie es im wachen Zustande vorhanden ist, mit dem Einschlafen in seinen eigenen Kräften erlahmt und nicht mehr in der Lage ist, aus seinen Tiefen Erkenntniskräfte heraufzuholen; daher breitet sich ja im Einschlafen Finsternis und Dunkelheit der Bewußtlosigkeit aus. Deshalb muß der, der diesen Zustand bewußt durchmachen will, künstlich solche Momente der Abgeschlossenheit von der Außenwelt herbeiführen, in welchen er trotzdem ein inneres Erleben hat, er muß starke innere Kräfte wachrufen. Das erlangt man durch jenen Seelenvorgang, den man Meditation nennt und durch die Konzentration von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen. Wenn wir das, was uns die äußere Welt gibt, nicht bloß so benutzen, daß wir es betrachten als Vermittler von Erkenntnissen oder als Impulse unseres alltäglichen Handelns, auch des moralischen Handelns, sondern wenn wir beginnen, an wichtigen, starken Eindrücken der Außenwelt uns zunächst innerlich zu vertiefen, indem wir diese starken Eindrücke von der Außenwelt dadurch lösen, daß wir sie nicht unmittelbar benutzen, sondern von dem unmittelbaren äußerlichen Erleben absehen und die Eindrücke abgesondert von allem Äußeren in unserer Seele wirken lassen, dann führt uns das allmählich zur Entfaltung von in der Seele schlummernden Kräften. An einem Beispiele sei dies gezeigt.
[ 6 ] Now, in an introductory lecture such as this, one can only sketch out in broad strokes what this is all about. A comparison of the waking state—which conveys to us external impressions and the thoughts associated with them—with the sleeping state, in which external impressions fall silent, reveals that our inner soul life, as it exists in the waking state, weakens in its own powers as we fall asleep and is no longer able to draw up powers of cognition from its depths; hence, as we fall asleep, the darkness and gloom of unconsciousness spread. For this reason, anyone who wishes to consciously undergo this state must artificially bring about moments of seclusion from the external world in which they nevertheless have an inner experience; they must awaken strong inner forces. This is achieved through that mental process called meditation and through the concentration of thoughts, feelings, and sensations. If we do not merely use what the external world offers us as a means of gaining knowledge or as impulses for our everyday actions—including moral actions—but if we begin to powerful impressions from the external world by first immersing ourselves in them inwardly—by detaching these strong impressions from the external world so that we do not use them immediately, but rather look beyond the immediate external experience and allow the impressions to take effect in our soul, separated from everything external—then this gradually leads us to the unfolding of forces that lie dormant within the soul. Let this be illustrated with an example.
[ 7 ] Wir können in der Welt sehen, wie der eine Mensch dem anderen hilft, wie er mildtätig handelt gegenüber dem anderen. Das kann in unserer Seele einen so starken Impuls des Mitleids hervorrufen, daß uns dieser Impuls Tränen in die Augen preßt. Wir können so veranlagt sein, daß wir jedesmal, wenn wir eine solche Handlung sehen, zu solch einem Impuls des Mitleids kommen. Dies kann in uns so gesteigert sein, daß wir in dem Falle, wo die Not eines anderen an uns herantritt, selbst mildtätig handeln, daß wir uns in die Seele des andern versetzen und uns anregen lassen von dem Eindruck der Außenwelt zu einer Handlung des Mitgefühls. Wir können es vielleicht so weit bringen, daß wir dieselbe innere Stimmung, die sich ausdrückt im Auspressen von Tränen, auch dann entfalten können, wenn wir bloß ein Bild einer solchen Handlung vor uns haben. Es gibt Menschen, und sie sind sehr zahlreich, die zum Beispiel, wenn sie im Verlaufe der Lektüre eines Romans an eine Stelle kommen, wo bloß das Bild von menschlichem Elend und von menschlichem Mitgefühl vor unsere Seele gezaubert wird, dann Wasser in ihre Augen bekommen. Sie werden von dem, was nur ein Bild der äußeren Realität ist, so berührt, daß in ihrer Seele ein ähnlicher Impuls ausgelöst wird, wie er sonst nur durch eine äußere Impression einer physischen Realität ausgelöst werden kann.
[ 7 ] We can see in the world how one person helps another, how one acts charitably toward another. This can evoke such a strong impulse of compassion in our souls that this impulse brings tears to our eyes. We may be so inclined that every time we witness such an act, we experience this impulse of compassion. This can be so intensified within us that, when another’s distress comes before us, we ourselves act charitably—putting ourselves in the other’s place and allowing ourselves to be moved by the impression of the outside world to an act of compassion. We may perhaps be able to develop this to the point where we can evoke the same inner mood—which is expressed in the shedding of tears—even when we have merely an image of such an act before us. There are people—and they are very numerous—who, for example, when reading a novel and coming to a passage where merely the image of human misery and human compassion is conjured up before their minds, get tears in their eyes. They are so moved by what is merely an image of external reality that a similar impulse is triggered in their soul as one that can otherwise only be triggered by an external impression of physical reality.
[ 8 ] Nehmen wir nun aber an, daß wir im gewöhnlichen, normalen Bewußtsein einfach an eine solche Handlung denken, dann werden wir schon verspüren, wie unendlich schwächer dieser Impuls ist, wie wir ihn nicht zu jenem Grade erhöhen können, daß er uns Tränen auspreßt. Wenn wir nun durch innere Seelenübungen dahin kommen, einen Gedanken zu denken, der zusammenhängt mit menschlichem Mitfühlen, mit Hilfsbereitschaft, mit dem Hineinsichversetzen einer Seele in die andere, ohne daß wir von der Außenwelt irgendwie dazu veranlaßt sind, wenn wir einen solchen Gedanken rein aus inneren Impulsen in unserer Seele frei aufsteigen lassen und uns in diesen Gedanken so versenken können, daß wir uns ganz mit ihm identifizieren, vielleicht noch imstande sind, uns das Bild der äußeren Realität vor Augen zu führen, und wenn wir dieses Bild so stark werden lassen, daß es unsere Seele so durchrüttelt, wie es sonst nur durch die äußere Impression geschehen kann, so haben wir einen Anfang gemacht mit dem, was man eine «Empfindungsmeditation» nennen kann. Wenn man dann die Geduld hat, eine solche Empfindungsmeditation nicht einmal, nicht fünfzigmal, sondern immer wieder und wieder in der Seele regsam zu machen, dann merkt man, daß ein Sichversenken in solche, von der äußeren Realität abgezogene Empfindungen aus unserer Seele Kräfte hervorzaubert, die unsere Seele innerlich erziehen. Wer solche Übungen macht, dem zeigen sich diese Bilder noch ganz anders lebendig als etwa die Phantasiebilder, die wir uns im gewöhnlichen Leben machen. Wenn man sich in solche Meditationen immer wieder und wieder versenkt, so erlebt man sich selber tatsächlich so, wie wenn man ganz voll wäre des inneren Lebens, der inneren Durchdringung, wie man sonst nur fühlt, wenn man die Innerlichkeit seinem äußeren Leib eingeprägt hat. Ja, durch dieses Inanspruchnehmen der Seele, durch dieses Durchtränktwerden der Seele mit dem, was aus der Meditation ausstrahlt als ein unmittelbar in unser Bewußtsein Tretendes, erlebt man so etwas, daß man sich sagt: Mit alledem, womit du sonst im Schlafe dich abgesondert hast von deinem physischen Leib, darin lebst du jetzt so stark und lebendig, wie du sonst nur zu leben vermagst, wenn du dich mit der Seele in deinem physischen Leibe befindest und deine Augen und Ohren und die anderen Sinnesorgane die äußeren Impressionen und Eindrücke dir zutragen.
[ 8 ] But let us now suppose that, in our ordinary, normal state of consciousness, we simply think of such an act; then we will already sense how infinitely weaker this impulse is, how we cannot heighten it to the point where it brings tears to our eyes. If, through inner spiritual exercises, we come to think a thought connected with human compassion, with a willingness to help, with putting one soul in the place of another—without being prompted in any way by the outside world—if we allow such a thought to rise freely within our soul purely from inner impulses and can immerse ourselves in this thought to the point of identifying completely with it, we may still be able to conjure up the image of external reality before our eyes, and if we allow this image to grow so strong that it stirs our soul as deeply as an external impression otherwise would, then we have made a start on what might be called “meditation on sensation.” If one then has the patience to actively engage in such a meditation of sensation not just once, not fifty times, but again and again within the soul, one will notice that immersing oneself in such sensations—derived from external reality—conjures up forces from our soul that nurture it from within. To those who practice such exercises, these images appear far more vivid than, for example, the images of the imagination we conjure up in ordinary life. When one immerses oneself in such meditations again and again, one actually experiences oneself as if one were completely filled with inner life, with inner penetration—a state one otherwise feels only when one has imprinted this inner life upon one’s outer body. Indeed, through this engagement of the soul, through this imbuing of the soul with what radiates from meditation—as something that enters our consciousness directly—one experiences something that makes one say to oneself: “With all that through which you have otherwise separated yourself from your physical body in sleep, you now live so intensely and vividly as you are otherwise only able to live when you are present with your soul in your physical body and your eyes, ears, and other sense organs convey external impressions and sensations to you.”
[ 9 ] Was ich hier charakterisiere, kann nicht irgendwie theoretisch bewiesen werden, sondern das kann nur erlebt werden. Wenn es aber erlebt wird, dann ist es in unserem Bewußtsein vorhanden als ein unmittelbares inneres Gefühl: Du bist jetzt von deinem äußeren Leibe frei; du lebst jetzt aber nicht im Nichts, sondern in einer geistig-seelischen Wesenhaftigkeit, die für dich ebenso Realität ist wie sonst die Erlebnisse des physischen Leibes. – Ein solches Bewußtsein muß vorausgehen dem Forschen, dem Erkennen in der geistigen Welt. Und wer es dazu gebracht hat, ein solches Bewußtsein in sich selber zu entwickeln, der ist dann etwa so weit wie jemand, der für ein äußeres Experiment alles zusammenholt und hergerichtet hat, damit er alle die Dinge, die dabei in Betracht kommen, nur in Bewegung zu setzen braucht, um ein Naturgesetz durch dieses Experiment zu erkennen. Er ist dann so weit, daß er vordringen kann zu den Quellen der geistigen Welt, die immer um uns sind, wie Licht und Farben immer um den Blindgeborenen sind, aber von ihm erst dann gesehen werden können, wenn er durch eine Operation sehend geworden ist.
[ 9 ] What I am describing here cannot be proven theoretically in any way; rather, it can only be experienced. But when it is experienced, it is present in our consciousness as an immediate inner feeling: You are now free from your outer body; yet you are not living in nothingness, but in a spiritual-soul nature that is just as real to you as the experiences of the physical body usually are. – Such a state of consciousness must precede research and understanding in the spiritual world. And whoever has managed to develop such a state of consciousness within themselves is then about as far along as someone who has gathered and prepared everything for an external experiment, so that they need only set all the relevant factors in motion to discover a law of nature through this experiment. He has then reached the point where he can penetrate to the sources of the spiritual world, which are always around us, just as light and colors are always around one born blind, but can only be seen by him once he has regained his sight through an operation.
[ 10 ] Es muß aber immer wieder betont werden, daß solche Seelenübungen nur notwendig sind zum Forschen, zum Erleben in der geistigen Welt, daß sie aber nicht notwendig sind zum Begreifen dessen, was der Geistesforscher, der sich so vorgebildet hat, aus den geistigen Welten herunterholt und als Ergebnisse der Geistesforschung erzählt. Denn was in der Theosophie mitgeteilt wird, ist durch das natürliche Wahrheitsgefühl, durch die gesunde Logik des Menschen durchaus zu begreifen. Erforscht werden können also die Tatsachen und Wesenheiten der geistigen Welt nur von dem Geistesforscher, vernünftig eingesehen werden können sie dagegen von jedem Menschen mit natürlichem Wahrheitsgefühl und gesunder Logik, der nicht voreingenommen ist durch irgendwelche Vorurteile.
[ 10 ] It must, however, be emphasized time and again that such spiritual exercises are necessary only for research and for experiencing the spiritual world, but that they are not necessary for understanding what the spiritual researcher—who has prepared himself in this way—brings down from the spiritual worlds and presents as the results of spiritual research. For what is communicated in Theosophy can be fully understood through the natural sense of truth and through sound human logic. Thus, while the facts and beings of the spiritual world can be investigated only by the spiritual researcher, they can be rationally understood by any person with a natural sense of truth and sound logic who is not biased by any preconceptions.
[ 11 ] So müssen wir also sagen: Die Quellen dieser Weltanschauung, die wir «Theosophie» nennen, werden nur durch eine Entwicklung der Seele errungen. Wenn nun jemand einwenden will: Alles, was der Mensch so als Erkenntnisse produziert, die unkontrolliert von der äußeren Realität sind, sei das Gegenteil von Wissenschaftlichkeit im heutigen Sinne, weil es doch eigentlich etwas Individuelles sei und jeder Mensch dabei zu etwas anderem kommen müsse, so muß auf der anderen Seite doch betont werden, daß es zwar voll gilt, was so gesagt wird, aber nur für gewisse vorbereitende Stufen der seelischen Entwicklung. Der Mensch muß, wenn er zu einer solchen Erkenntnis vordringen will, sich durchringen durch mancherlei schwere und schwerwiegende Seelenkämpfe, durch vieles, was nur für ihn eine subjektive Bedeutung hat, und er lernt wohl erkennen, wie schwer es ist, mit diesen subjektiven inneren Seelenerlebnissen sich in einer gewissen Weise von der Welt zu isolieren, in die wir nun doch hineinverwoben sind. Dadurch ergibt sich eine große Reihe von wahrhaft gewaltigen Schwierigkeiten. Da wogt in uns manches, was nur für uns selber Geltung hat. Dann aber wird ein Punkt in der Seelenentwicklung erreicht, wo man unmittelbar durch sein Bewußtsein weiß: Jetzt bist du über das Subjektive hinaus; jetzt erlebst du in deiner Seele Wahrheiten, Wesenhaftes, das frei ist von alledem, was sich aus dir selbst in deine Erkenntnisse hineinmischt. Jetzt hat man das unmittelbare Gefühl, man ist eingedrungen in die Welt geistig-seelischer Realitäten.
[ 11 ] So we must say: The sources of this worldview, which we call “Theosophy,” are attained only through the development of the soul. Now, if someone were to object: Everything that human beings produce as insights that are unchecked by external reality is the opposite of scientific rigor in the modern sense, because it is, after all, something individual, and each person must arrive at a different conclusion—then it must be emphasized, on the other hand, that while what is said is certainly true, it applies only to certain preparatory stages of spiritual development. If a person wishes to advance to such insight, he must struggle through all manner of difficult and serious inner conflicts—through much that has subjective meaning only for him—and he comes to realize how difficult it is to isolate himself, in a certain sense, from the world with which we are, after all, so deeply interwoven, through these subjective inner experiences. This gives rise to a whole series of truly immense difficulties. For there is much within us that holds significance only for ourselves. But then a point is reached in the development of the soul where one knows directly through one’s consciousness: Now you have gone beyond the subjective; now you experience in your soul truths and essential realities that are free from everything that interferes with your insights from within yourself. Now one has the immediate feeling that one has entered the world of spiritual-soul realities.
[ 12 ] Eine einfache Überlegung zeigt, daß es auch innerhalb unserer gewöhnlichen Wissenschaften eine ganz besonders hervorstechende gibt, bei der Erkenntnisse so errungen werden, wie es eben charakterisiert worden ist, das ist die Mathematik. Schon bei den einfachsten mathematischen Operationen können Sie sich überzeugen, daß die Wahrheiten errungen werden in vollständiger Isolierung der Seele. Wer aber eine solche Wahrheit gefunden hat, weiß, daß jeder, der dieselben Operationen vornimmt, absolut sicher zu denselben Resultaten kommen muß. Keiner kann den pythagoreischen Lehrsatz anders erkennen, auch wenn man die Gedankenoperationen an der Tafel versinnlicht, als daß man die in Betracht kommenden Zusammenhänge innerlich erlebt. Wer einmal innerlich den pythagoreischen Lehrsatz erarbeitet hat, der weiß, daß jeder andere zu demselben Resultat kommen muß. So ist es mit allem mathematischen Erkennen. Und wir können nun sagen, daß die Methode der Geistesforschung nach demselben Grundsatz vorgeht wie die Mathematik, die man für die sicherste der Wissenschaften hält. Es mögen Millionen von Menschen über einen mathematischen Lehrsatz etwas anderes denken, wer ihn in seinem Innern einmal erlebt hat, der weiß, daß er wahr ist. Und so ist es auch mit den Erkenntnissen, die in der geistigen Welt gewonnen werden.
[ 12 ] A simple reflection shows that even within our ordinary sciences there is one that stands out in a very special way, in which knowledge is attained in precisely the manner just described: mathematics. Even with the simplest mathematical operations, you can see for yourself that truths are attained in complete isolation of the soul. But anyone who has discovered such a truth knows that anyone who performs the same operations must inevitably arrive at the same results. No one can understand the Pythagorean theorem—even when the mental operations are visualized on the blackboard—other than by internally experiencing the relationships in question. Anyone who has once worked out the Pythagorean theorem inwardly knows that everyone else must arrive at the same result. This is true of all mathematical knowledge. And we can now say that the method of spiritual research proceeds according to the same principle as mathematics, which is considered the most certain of the sciences. Millions of people may think differently about a mathematical theorem, but whoever has once experienced it inwardly knows that it is true. And so it is with the insights gained in the spiritual world.
[ 13 ] Wer erkenntnistheoretische Einwände machen will, könnte sagen: Es ist zwar beim mathematischen Erkennen so, wie du sagst. Die mathematischen Wahrheiten werden im tiefsten Innern der Seele errungen, aber sie können nicht auf das Sein unmittelbar angewendet werden. Wir können mit den mathematischen Erkenntnissen – so könnte jemand sagen – zwar Verhältnisse im Sein, Verhältnisse in der Realität durchschauen, aber keine Mathematik kann darüber entscheiden, ob auch reale Wesenheiten wirklich existieren, welche diese mathematischen Gesetze in sich tragen; die Realität selber muß man auf andere Art erfahren als durch mathematische Urteile.
[ 13 ] Anyone wishing to raise epistemological objections might say: It is true that, as you say, mathematical knowledge works this way. Mathematical truths are attained in the deepest recesses of the soul, but they cannot be directly applied to being. We can use mathematical insights—as someone might say—to understand relationships within being and within reality, but no mathematics can determine whether real entities that embody these mathematical laws actually exist; reality itself must be experienced in a way other than through mathematical judgments.
[ 14 ] Dieser Einwand ist voll berechtigt. Er gehört sogar zu denjenigen, von welchen ich wünschen möchte, daß sie ganz gehörig dem Theosophen entgegengehalten würden, damit er es nicht leicht hat, die Theosophie zu verteidigen. Es ist ein gewichtiger Einwand. Was aber ihm gegenüber in Betracht kommt, das ist, daß der Mensch, wenn er mathematische Urteile erlebt, eines nicht miterlebt, was er aber erlebt, wenn er sich so zu einer übersinnlichen Welt aufschwingt, wie es beschrieben worden ist. Was kein mathematisches Urteil geben kann, das ist die Anschauung des eigenen Ich, das Objekt-Werden des eigenen Ich, das Sich-selbst-Gegenübertreten, so, als ob wir mit unserer Persönlichkeit aus uns heraustreten und uns selber anschauen würden. Wenn wir noch so viele mathematische Urteile bilden bei mathematischen Urteilen, die unseren BewußtseinsHorizont ausfüllen, können wir unser Ich als Objekt nicht finden. Das ist das Wesentliche, das uns keine Mathematik zu geben vermag: das anschauende Erleben des eigenen Ich. In den mathematischen Urteilen sind wir innerhalb unserer Persönlichkeit geblieben, durch sie können wir nicht in die äußere Realität eindringen. In dem Augenblick, wo wir uns selbst gegenübertreten, sind wir mit einem Teil unserer Wesenheit herausgeschritten und in die Objektivität eingetreten, und wir fühlen uns in den Dingen, in der Realität drinnen. Das ist der Unterschied: daß die Mathematik zwar zur innerlichen Gewißheit kommt, aber nicht den Weg zur Realität macht. Die übersinnliche Erkenntnis dagegen macht den Weg zur Realität. Daher bekommt der, der auf dem Wege der Geistesforschung vorschreitet, auch einen neuen Begriff, eine neue Idee von Realität. Und mit diesem neuen Begriff von Realität, der zugleich Anschauung ist, kann der Mensch nun wieder herantreten an die Betrachtung des menschlichen Lebens. Wir wollen uns das an einem Beispiel einmal vor Augen führen.
[ 14 ] This objection is entirely justified. In fact, it is one of those objections that I would like to see raised forcefully against the theosophist, so that he does not have an easy time defending theosophy. It is a weighty objection. But what must be considered in response is that when a person experiences mathematical judgments, they do not experience one thing that they do, however, experience when they ascend to a supersensible world as has been described. What no mathematical judgment can provide is the perception of one’s own “I,” the “I” becoming an object, the encountering of the self—as if we were to step outside ourselves with our personality and observe ourselves. No matter how many mathematical judgments we form—judgments that fill the horizon of our consciousness—we cannot find our “I” as an object. This is the essential thing that mathematics cannot give us: the intuitive experience of one’s own “I.” In mathematical judgments, we have remained within our personality; through them, we cannot penetrate into external reality. The moment we face ourselves, we have stepped out with a part of our being and entered into objectivity, and we feel ourselves to be within things, within reality. This is the difference: that while mathematics does lead to inner certainty, it does not pave the way to reality. Super-sensory knowledge, on the other hand, opens the path to reality. Therefore, those who advance along the path of spiritual research also gain a new concept, a new idea of reality. And with this new concept of reality—which is at the same time a form of intuition—human beings can once again approach the contemplation of human life. Let us illustrate this with an example.
[ 15 ] Wir sehen, wie das Leben des Menschen verläuft von der Geburt bis zum Tode. Für die sinnliche Anschauung tritt der Mensch mit der Geburt ins Dasein und schließt sein Leben mit dem Tode. Für die Zeit vor der Geburt oder Empfängnis und für die Zeit nach dem Tode kann die äußere sinnliche Anschauung, die äußere Wahrnehmung nichts ausmachen über die objektive Wesenheit des Menschen. Wenn aber der Mensch sich selbst gegenübertritt und gelernt hat, auf die eben charakterisierte Weise den Menschen von außen anzuschauen, so zeigt sich ihm auch zugleich, daß diesem ganzen äußeren Werden des Menschen, den die Sinne sehen können, ein Übersinnliches zugrundeliegt, welches der eigentliche Werkmeister, der Erbauer, der Bildner und Gliederet dieses sinnlichen Organismus ist. Und er wird gewahr, wie von dem Moment der Geburt an, der uns so rätselhaft vor Augen tritt, geheimnisvoll die menschliche Entwicklung beginnt. Da können wir sehen, wie aus einem tiefen Untergründe des menschlichen Daseins in die noch unbestimmten Gesichtszüge des Kindes allmählich im Laufe der Jahre sich bestimmte Züge hineinprägen, wie seine Gesten und seine Fähigkeiten von innen nach außen sich immer bestimmter ausprägen. Auch das Gehirn, das Werkzeug unseres Denkens, hat ja nach der Geburt noch lange nicht seine volle Ausbildung erhalten; es wird noch umgestaltet und gegliedert. Nun ist das Gehirn aber das Werkzeug unseres geistigen Erlebens. Betrachten wir nun einmal mit dem gewonnenen Blick der Geisteswissenschaft dieses menschliche Leben weiter, dann müssen wir uns die Frage vorlegen: Wann tritt denn eigentlich im Menschenleben der Augenblick ein, wo das Seelisch-Geistige voll imstande ist, sich seines Werkzeuges, des Gehirns zu bedienen? Dies ist ja in den ersten Kindheitsjahren noch nicht der Fall. Denn sonst brauchte das Kind sich nicht mancherlei anzueignen durch die Eindrücke der Außenwelt und durch die Nachahmung, und wir brauchten das Kind nicht zu erziehen. Erst im Laufe unserer ersten Lebensjahre wachsen wir in die Möglichkeit hinein, das Werkzeug des Gehirns zu gebrauchen. Das können wir geisteswissenschaftlich so ausdrücken: Unser Gehirn wird erst im Verlaufe unseres Lebens fähig, das Werkzeug des Ich zu werden.
[ 15 ] We see how human life unfolds from birth to death. As far as sensory perception is concerned, a human being comes into existence at birth and ends their life at death. As for the time before birth or conception and the time after death, external sensory perception—outward observation—can reveal nothing about the objective essence of the human being. But when a person turns their gaze inward and has learned to view humanity from the outside in the manner just described, it becomes evident to them at the same time that underlying this entire external development of the human being—which the senses can perceive—is a supersensible reality that is the true master craftsman, the builder, the shaper, and the organizer of this physical organism. And one becomes aware of how, from the very moment of birth—which appears so enigmatic to us—human development begins in a mysterious way. There we can see how, from a deep foundation of human existence, certain features gradually take shape in the child’s still indeterminate facial features over the course of the years, and how the child’s gestures and abilities manifest themselves ever more distinctly from the inside out. Even the brain, the instrument of our thinking, is far from having reached full development after birth; it is still being reshaped and structured. Yet the brain is the instrument of our spiritual experience. If we now continue to observe human life through the lens of spiritual science, we must ask ourselves: When, exactly, does the moment arrive in human life when the soul-spirit is fully capable of making use of its instrument, the brain? This is certainly not yet the case in the early years of childhood. Otherwise, the child would not need to acquire various things through impressions from the external world and through imitation, and we would not need to educate the child. Only in the course of our first years of life do we grow into the ability to use the brain as a tool. From a spiritual scientific perspective, we can express this as follows: Our brain only becomes capable of becoming the tool of the “I” in the course of our life.
[ 16 ] Wenn wir nun von dem Augenblick des Lebens, wenn wir an die zwanzig Jahre alt sind, vielleicht auch noch nach den Zwanzigerjahren, wo wir voll gelernt haben, unser Gehirn zu gebrauchen, zurückgehen zu früheren Lebensepochen, dann zeigt sich der geisteswissenschaftlichen Beobachtung, daß das Gehirn, dessen sich unser Ich im späteren Lebensalter als Instrument bedient, in den frühen Kindheitsjahren erst ausgearbeitet, ausgeprägt wird. Da zeigt sich dem Geistesforscher, der mit dem geöffneten Auge des Sehers die menschliche Entwicklung betrachtet, daß dasjenige, was später im Menschen ist, um das Gehirn zu gebrauchen, ganz dasselbe ist wie das, was an der Ausbildung und Gestaltung des Gehirns gearbeitet hat aus Kräften heraus, die kein sinnliches Auge sehen kann. Wer mit der Vernunft an diese Dinge herantreten will, der kann sagen: Also du sagst uns, daß du gleichsam eine kindliche geistige Atmosphäre siehst um das Kindeshaupt herum und daß durch diese kindliche Atmosphäre, durch eine Art KopfAura, ausstrahlen geistige Kräfte, die an dem Gehirn des Kindes arbeiten, um es so zu bearbeiten, daß es später ein Werkzeug des Ich werden kann. Dann, sagst du, schlüpft diese Kopf-Aura, dieses nur für das Auge des Sehers sichtbare Lichtgebilde, das wie eine astralische Bildung das Kindeshaupt umgibt, in das Innere hinein, um später von innen aus das als Werkzeug zu gebrauchen, woran es selber im kindlichen Alter mitgearbeitet hat. So behauptest du also, daß in der Tat dasjenige, was später sich des Gehirns bedient, für das übersinnliche Auge des Sehers erkennbar als ein geistiges Gebilde, als eine Gehirn-Aura, in dem kindlichen Alter vorhanden ist, daß es also von außen nach innen vorrückt, erst arbeitend tätig ist an dem menschlichen Organismus, dann in sein Inneres tritt und als Ich jetzt mit dem Werkzeug, das unter seiner eigenen Kraft zustandegekommen ist, die Welt betrachtet und begreift.
[ 16 ] If we now look back from the point in life when we are around twenty years old—or perhaps even beyond our twenties, when we have fully learned to use our brain—to earlier stages of life, then spiritual scientific observation reveals that the brain, which our “I” uses as an instrument in later life, is first developed and shaped during the early years of childhood. It then becomes evident to the spiritual researcher, who observes human development with the open eye of the seer, that what later enables a person to use the brain is precisely the same as what worked on the formation and shaping of the brain through forces that no physical eye can see. Anyone who wishes to approach these matters with reason might say: “So you are telling us that you see, as it were, a childlike spiritual atmosphere surrounding the child’s head, and that through this childlike atmosphere—a kind of head aura—spiritual forces radiate out, working on the child’s brain to shape it in such a way that it can later become an instrument of the ‘I.’” Then, you say, this head-aura—this luminous formation visible only to the seer’s eye, which surrounds the child’s head like an astral formation—slips inward so that later, from within, it may use as an instrument that which it itself helped to shape during childhood. You therefore assert that what later makes use of the brain is, in fact, present in childhood as a spiritual formation—a brain aura—recognizable to the seer’s supersensible eye; that it thus advances from the outside toward the inside, first actively working on the human organism, then entering its interior, and now, as the “I,” observing and comprehending the world with the instrument that has come into being through its own power.
[ 17 ] Wenn die Vernunft an diese Aussage des seherischen Bewußtseins herantritt, kann sie sich überlegen, daß ein jedes Werkzeug entstanden sein muß durch Kräfte, die verwandt sind den Kräften, die dieses Werkzeug gebrauchen. Kein Werkzeug kann in den Dienst der intelligenten menschlichen Kultur gestellt werden, das nicht durch die menschliche Intelligenz selbst hervorgebracht ist. Und leicht kann sich die Vernunft die Überlegung ausbauen, daß in der Tat das Werkzeug, welches von Ich-Kräften später in Anspruch genommen wird, aus diesen selben Ich-Kräften heraus gebildet worden sein muß.
[ 17 ] When reason approaches this statement of the seer’s consciousness, it can conclude that every tool must have been created by forces akin to the forces that use that tool. No tool can be put to use in intelligent human culture that has not been produced by human intelligence itself. And reason can easily extend this line of thought to conclude that, in fact, the tool later utilized by “I”-forces must have been formed from these very same “I”-forces.
[ 18 ] Wenn man dann mit der geistigen Anschauung so weit gekommen ist, daß man das Geistig-Seelische des Menschen arbeiten sieht an der Konfiguration der menschlichen Gestalt, wie sie sich ins Leben hineinentwickelt, dann ist man nicht mehr weit davon entfernt, sich zu sagen: Also ist es im Grunde genommen das Geistig-Seelische, das beteiligt ist an dem, was sein Körperliches ist. – Und dann kann man sich auch weiter sagen: Also müssen wir das Seelisch-Geistige so anerkennen, daß es eine Existenz hat vor dem Physisch-Körperlichen, weil das Physisch-Körperliche erst gestaltet werden muß! – Allerdings muß man mit dem Beobachten nun weiterschreiten und muß sich einmal fragen: Was so im Menschen gebildet worden ist durch das Seelisch-Geistige des Menschen selber, was als sein Gehirn ausgebaut ist, tritt uns das nun so entgegen, daß wir uns fragen müssen: Das, was vor der Geburt am Menschen arbeitet, ist das für jeden Menschen dasselbe? Oder tritt es uns so entgegen, daß wir sagen müssen, es ist für jeden Menschen ein Individuelles?
[ 18 ] Once one has progressed so far in spiritual contemplation that one can see the spiritual-soul aspect of the human being at work in the configuration of the human form as it develops into life, then one is not far from saying to oneself: So, fundamentally, it is the spiritual-soul aspect that is involved in what constitutes the physical body. – And then one can go on to say: So we must recognize the spiritual-soul aspect in such a way that it has an existence prior to the physical-bodily, because the physical-bodily must first be shaped! – However, one must now proceed further with observation and ask oneself: What has been formed within the human being through the human being’s own spiritual-soul aspect—what has developed as the brain—does this present itself to us in such a way that we must ask: Is that which works within the human being before birth the same for every human being? Or does it present itself to us in such a way that we must say it is individual to each human being?
[ 19 ] Eine wirkliche Lebensbeobachtung wird selbstverständlich nicht umhin können zuzugeben, daß jeder Mensch individuell gebaut ist, daß er daher auch individuelle Fähigkeiten hat, die vom Gebrauch seiner äußeren Instrumente, seiner äußeren Kräfte abhängen, und daher kann er auch nicht nur aus einer allgemeinen Menschennatur, sondern er muß aus einer menschlichen Individualität heraus aufgebaut werden.
[ 19 ] A genuine observation of life will, of course, have to acknowledge that every human being is uniquely constituted, that he therefore also possesses individual abilities which depend on the use of his external instruments and his external powers; and for this reason, he cannot be constructed solely on the basis of a general human nature, but must be built upon human individuality.
[ 20 ] Das heißt, wenn wir aufsteigen zu dem Bildner der menschlichen Gestalt, der sich dem hellseherischen Auge in der Aura des Kindes zeigt, so müssen wir sagen: Es ist schon individuell gestaltet. Und wenn wir als ein sachkundiger Erzieher den heranwachsenden Menschen betrachten, so können wir sehen, wie sich bestimmte menschliche Talente, bestimmte menschliche Fähigkeiten hereindrängen in das Leben, bei dem einen Menschen so und bei dem anderen so. Und von diesen bestimmten Talenten und Fähigkeiten müssen wir sagen: Sie suchen sich das, was gerade in einer bestimmten Kulturregion vorhanden ist; zum Beispiel gestaltet sich das eine Talent nach dem Künstlerischen hin, das andere nach dem Handwerklichen, ein drittes mehr nach dem Denkerischen hin und so weiter, und das wird dann zu dem, was auf der Erde in unserem gegenwärtigen Leben da ist.
[ 20 ] This means that when we ascend to the Creator of the human form, who reveals Himself to the clairvoyant eye in the child’s aura, we must say: It is already individually shaped. And when we, as knowledgeable educators, observe the growing human being, we can see how certain human talents and abilities make their way into life—in one person in one way, in another in another way. And of these specific talents and abilities, we must say: They seek out what is present in a particular cultural region; for example, one talent develops toward the artistic, another toward the artisanal, a third more toward the intellectual, and so on, and this then becomes what exists on Earth in our present life.
[ 21 ] Woher kommt aber das, was so in unserem gegenwärtigen Leben da ist? Was ist es, wenn wir bei dem sich heranentwickelnden Kinde den Zeitpunkt sehen, daß es zu solchen Verrichtungen hindrängt, die in unserer Kultur gegeben sind? Was das Kind darin sucht, das hat sich ja entwickelt ganz außerhalb des Kindes. Das Kind hat diese oder jene bestimmte Fähigkeit, dieses oder jenes ganz besondere Talent. Wenn wir diesen Zusammenhang aber erkennen wollen, dann müssen wir zurückgehen in unserer Kultur bis zu früheren Stufen. Wäre eine solche kindliche Individualität gar nicht verwandt mit dem, was auf der Erde geschieht, so könnte sie zwar zu etwas Allgemeinem Neigung haben, aber nicht zu etwas Besonderem, was aus unserem Kulturleben herauswuchs. Daher wird es begreiflich erscheinen, daß das, was als kindliche Individualität auftritt, früher gewisse Verwandtschaften sich erworben haben muß mit dem, was sie innerhalb der Kultur für ihre Fähigkeit sucht. Daher können wir nicht anders denken als: Die Seelen, die sich herniedersenken und diese oder jene Fähigkeit zeigen, waren schon einmal auf der Erde und haben sich damals zu dem vorbereitet, zu dem sie solche Verwandtschaften entwickeln.
[ 21 ] But where does what is present in our current life come from? What is it when we observe, in a developing child, the moment when it begins to strive toward the activities that are part of our culture? What the child seeks in these activities has, after all, developed entirely outside the child. The child possesses this or that specific ability, this or that very special talent. But if we wish to recognize this connection, we must go back in our culture to earlier stages. If such a childlike individuality were completely unrelated to what happens on Earth, it might indeed have an inclination toward something general, but not toward something specific that has grown out of our cultural life. Therefore, it will seem understandable that what appears as a child’s individuality must have acquired certain affinities in the past with what it seeks within culture for its ability. Therefore, we cannot help but think: The souls that descend and display this or that ability were once on Earth before and prepared themselves back then for what they are now developing such affinities toward.
[ 22 ] Im normalen Bewußtsein haben wir allerdings nur die Möglichkeit, dies zu denken. Dann aber sehen wir, wie die Geisteswissenschaft aufsteigen kann von dieser bloßen Möglichkeit des Denkens zu der Anschauung der Tatsachen. Und man könnte nun fragen: Wo zeigt sich denn für die äußere Beobachtung dasjenige, was der Geistesforscher die kindliche Aura nennt, die sich erst hineinsenkt in das Innere, um sich des Gehirns als seines Werkzeuges zu bedienen?
[ 22 ] In normal consciousness, however, we only have the ability to think this. But then we see how spiritual science can rise from this mere possibility of thought to the direct perception of facts. And one might now ask: Where, then, does that which the spiritual researcher calls the “childlike aura”—which first sinks into the inner self in order to make use of the brain as its instrument—manifest itself to external observation?
[ 23 ] Ja, dieser Augenblick markiert sich sehr stark. Er markiert sich dadurch, daß jeder Mensch, der zurückdenkt, der sich zu erinnern versucht an seine früheren Lebensverhältnisse, nur bis zu einem bestimmten Punkt zurückkommt – dann reißt die Erinnerung ab, und es können ihm höchstens noch die Eltern oder diejenigen, die in der Jugend um ihn herum waren, erzählen, was vorher gewesen ist. Dennoch aber muß jeder Mensch annehmen, daß sein Ich auch schon vorhanden war in den Zeiten, an welche er sich nicht zurückerinnern kann. Für den genauen Beobachter fällt der Zeitpunkt, bis zu dem der Mensch in der rückläufigen Erinnerung kommt, zusammen mit dem Zeitpunkt, da der Mensch als Kind lernt, zu sich «Ich» zu sagen, das heißt, wo das Ich-Bewußtsein auftritt. Bis zu diesem Zeitpunkt reicht auch das Gedächtnis eines Menschen zurück. Was vor dem Erwachen des Ich-Bewußtseins liegt, entzieht sich der Erinnerung. Hier haben wir die Markierung im menschlichen Leben: Das Kind, das vorher gesagt hat «Karlchen ist da», «Mariechen ist da», das sagt nun: «Ich bin da». In der Zeit, wo der Mensch anfängt, sich als Ich zu fühlen, da sieht das hellseherische Bewußtsein das Hineinrücken dessen, was als kindliche Aura bezeichnet worden ist.
[ 23 ] Yes, this moment stands out very clearly. It is remarkable in that every person who looks back, who tries to recall their earlier circumstances, can only go back to a certain point—then the memory breaks off, and at most, only their parents or those who were around them in their youth can tell them what came before. Nevertheless, every person must assume that their “I” already existed in the times they cannot recall. For the careful observer, the point in time to which a person’s memory extends coincides with the point at which the person, as a child, learns to say “I” to themselves—that is, when “I”-consciousness emerges. A person’s memory also extends back only to this point. What lies before the awakening of “I”-consciousness eludes recollection. Here we have a turning point in human life: the child who previously said, “Little Karl is here,” or “Little Marie is here,” now says, “I am here.” At the time when a person begins to feel themselves as “I,” clairvoyant consciousness perceives the emergence of what has been termed the “childhood aura.”
[ 24 ] Aus dieser Tatsache dürfen wir schließen, daß unser zurückreichendes Gedächtnis in keinem Falle maßgebend ist für das Vorhandensein unseres Ich. Wir dürfen auch betonen, daß es unzweifelhaft in unserem Menschenleben eine Zeit gibt, wo das Ich vorhanden ist und dennoch der Mensch dieses Ich nicht finden kann in der rückläufigen Erinnerung. Er kommt nur bis zu einem bestimmten Punkt. Wer aber glauben wollte, das Ich erwache dann erst oder es würde dem Menschen eingeprägt in dem Augenblick, wo das Kind «ich» sagen lernt, der würde etwas Widersinniges glauben. Wenn sich unser Ich weiter nach rückwärts ausdehnt, als unser Gedächtnis reicht, so brauchen wir uns auch nicht zu wundern, wenn die Geisteswissenschaft sagt, daß es möglich sei, das Ich auch noch weiter auszudehnen – bis hinter die Geburt in frühere Leben hinein. Aber gerade zur Anschauung des Ich für diejenigen Stadien der Entwicklung, für die es in der normalen Entwicklung nicht ins Bewußtsein hineinreichen kann, kann man allmählich aufrücken durch ganz bestimmte Seelenübungen, Meditationen und so weiter. Nur das Elementarste von solchen Seelenübungen soll hier geschildert werden.
[ 24 ] From this fact, we may conclude that our retrospective memory is by no means decisive for the existence of our “I.” We may also emphasize that there is undoubtedly a time in our human life when the “I” exists, and yet a person cannot find this “I” in their retrospective memory. They can only go back to a certain point. But anyone who were to believe that the “I” only awakens then, or that it is imprinted on a person at the very moment when a child learns to say “I,” would be believing something absurd. If our “I” extends further back than our memory reaches, we need not be surprised when spiritual science states that it is possible to extend the “I” even further—beyond birth and into past lives. But precisely to gain insight into the “I” during those stages of development for which it cannot reach into consciousness in the course of normal development, one can gradually advance through very specific spiritual exercises, meditations, and so on. Only the most basic of such spiritual exercises will be described here.
[ 25 ] Der Mensch muß, wenn er in die Zukunft schauen will, in sich eine ganz bestimmte Stimmung entwikkeln, für die man das Wort «Gelassenheit» gebrauchen kann. Wenn er mit Gelassenheit, mit absoluter Gleichmütigkeit in die Zukunft schauen kann, dann hat er für die Erringung des höheren Schauens viel gewonnen. Diese Stimmung kann man etwa so beschreiben: Der Mensch sagt sich: Es mag die Welt uns loben, es mag die Welt uns verdammen, es mag dieses oder jenes von der Zukunft her über uns verhängt werden, Furchtbares oder Erfreuliches – ich werde aufrechtstehen und alles, was kommen mag, mit Gleichmut entgegennehmen und furchtlos der Zukunft entgegengehen. – Beschrieben ist das leicht – errungen werden kann es nur durch lange Seelenübung meditativer Art, wie es im Beginn des heutigen Vortrages beschrieben worden ist. Wenn der Mensch aber in sich diese Stimmung entwickelt, lernt er, zunächst das Tor zu durchbrechen, welches das gewöhnliche Bewußtsein abschließt von den Erlebnissen des Menschen in den ersten Kindheitsjahren; dann lernt er hineinzuschauen in die ersten Kindheitsjahre zunächst, und dann weiter. Kurz, er erschließt sich also dasjenige, was wir nennen können die Rückschau in frühere Erdenleben. Wir können als eine besondere Methode dafür anführen das Erringen einer furchtlosen Stimmung der Zukunft gegenüber. Durch absolute Gelassenheit der Zukunft gegenüber erwerben wir uns die Möglichkeit, den Gang unseres Ich bis zu dem Punkte verfolgen zu können, wo das Ich-Bewußtsein im normalen Bewußtsein im Leben zwischen Geburt und Tod auftritt. Der Geistesforscher braucht aber dann dabei nicht stehenzubleiben, sondern er kann sein Bewußtsein über das gewöhnliche Maß hinaus erweitern, und es kann das, was wir wiederholte Erdenleben nennen, für ihn eine wirkliche Anschauung werden.
[ 25 ] If a person wishes to look into the future, he must cultivate within himself a very specific state of mind, which can be described as “serenity.” If he can look into the future with serenity, with absolute equanimity, then he has made great strides toward attaining a higher level of insight. This state of mind can be described something like this: One says to oneself: Let the world praise us, let the world condemn us; let this or that be imposed upon us by the future—whether terrible or joyful—I will stand upright and accept whatever may come with equanimity, and face the future fearlessly. – This is easy to describe—but it can only be attained through long, meditative spiritual practice, as described at the beginning of today’s lecture. But when a person develops this state of mind within themselves, they first learn to break through the barrier that separates ordinary consciousness from the experiences of early childhood; then they learn to look back into those early years, and beyond. In short, they thus gain access to what we might call a retrospective view of past earthly lives. We can cite as a specific method for this the attainment of a fearless attitude toward the future. Through absolute serenity toward the future, we acquire the ability to trace the course of our “I” back to the point where “I”-consciousness emerges in normal consciousness during the life between birth and death. The spiritual researcher need not stop there, however; rather, he can expand his consciousness beyond the ordinary, and what we call repeated earthly lives can become a real vision for him.
[ 26 ] Nun kann noch immer viel eingewendet werden gegen das, was heute angedeutet worden ist. Ich wollte aber nur die Wege angeben, auf denen die Methoden gefunden werden können, um die Theosophie zu verteidigen. Nur den Anfang konnte ich damit in skizzenhafter Weise machen, aber die Verfolgung dieses Weges kann allmählich zu einer Verteidigung der Theosophie gegenüber solchen Angriffen führen, die von der anderen Seite aus gesehen voll berechtigt sind.
[ 26 ] There are still many objections that can be raised against what has been suggested today. However, my intention was merely to point out the paths along which methods can be found to defend theosophy. I have only been able to make a tentative start in this regard, but following this path may gradually lead to a defense of theosophy against such attacks, which, viewed from the other side, are entirely justified.
[ 27 ] Ähnlich verhält es sich, wenn diese Angriffe etwa liegen auf dem auch im letzten Vortrage angedeuteten moralischen Gebiet. Da haben wir uns sagen müssen, daß diejenigen eine gewisse Berechtigung haben, die sagen: Eure Lehre von den wiederholten Erdenleben und von dem Hinüberwirken des Lebens von einem Dasein in das andere stützt zunächst ja geradezu den Egoismus, denn dadurch können sich die Menschen sagen: Ich muß das Gute tun; denn tue ich das Schlechte, so werde ich die Früchte des Schlechten im kommenden Leben erfahren müssen; tue ich aber das Gute, so werde ich auch die Früchte des Guten erfahren. Es ist also nur ein raffinierter Egoismus, was von dem Hinüberreichen des einen Lebens in das andere abgeleitet werden kann. Und das kann auch im weitesten Umfange auf das ausgedehnt werden, was als das Wirken des Karma bezeichnet wird.
[ 27 ] The situation is similar when these attacks pertain, for example, to the moral realm, as was also hinted at in the last lecture. There we had to admit that those who say the following have a certain justification: Your teaching about repeated earthly lives and the carryover of life from one existence into the next actually supports selfishness at first, for it allows people to say: I must do good; for if I do evil, I will have to reap the fruits of that evil in the next life; but if I do good, I will also reap the fruits of that good. What can be derived from the carryover of one life into another is therefore nothing more than a subtle form of selfishness. And this can also be extended, to the greatest extent, to what is referred to as the workings of karma.
[ 28 ] Wenn wir auf diese Idee näher eingehen wollen, so können wir uns etwa folgendes sagen. Betrachten wir zum Beispiel einen Menschen, der sich sagt: Ich will das Gute tun, denn das Gute bringt mir gute Früchte, und es ist unvorteilhaft, das Schlechte zu tun, denn ich muß ja doch die Früchte des Schlechten tragen, also unterlasse ich es. – Vergleichen wir einen solchen Menschen mit einem anderen, der in einer nicht unedlen Art im Leben zwischen Geburt und Tod über die Dinge denkt, die er zu tun hat, sagen wir zum Beispiel Eltern, die es sich zum Grundsatz machen, ihre Kinder zu recht tüchtigen Menschen zu erziehen. Wenn wir nun diese Eltern aufs Gewissen hin fragen könnten, warum sie das tun, so würden wir vielleicht die Antwort bekommen: Wenn wir einmal alt geworden sind, werden wir Kinder haben, die etwas Tüchtiges im Leben geworden sind, die uns dann halten und stützen können, während wir von Kindern, die wir untüchtig gelassen haben, im Alter keine Stütze haben würden. – Da hätten wir einen Fall, der uns zeigt, wie das Gute getan wird wegen der Früchte, die einmal zu erwarten sind, denn es wäre ein solches Erziehen von Seiten der Eltern zweifellos auch unter einem egoistischen Gesichtspunkt vorgenommen. Fragen wir aber jetzt: Wozu kann ein solcher Gesichtspunkt, auch wenn er ein egoistischer ist, dennoch führen? Denn daß Menschen den Gesichtspunkt haben, ihre Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen, damit sie im Alter eine Stütze an ihnen haben, das ist ja zunächst- ganz objektiv betrachtet – eine Sache, die sich nicht durch moralische Deklamationen bewerkstelligen läßt; es ist vielmehr etwas, was mit dem Satz des Philosophen getroffen wird: Moral predigen ist leicht, Moral begründen ist schwer. – Es handelt sich aber nicht darum zu sagen, man solle nicht aus einer solchen Gesinnung heraus seine Kinder erziehen, sondern es handelt sich darum, daß man die Tatsachen erkennt und betrachtet, wie die Menschen unter solchen Einflüssen geworden sind. Wenn die Eltern alle Sorgfalt darauf verwenden, ihre Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen, und die Kinder dann tüchtig werden im Leben, dann helfen sie nicht nur den Eltern, sondern sie sind wirklich brauchbare Glieder in der menschlichen Gesellschaft. Wir werden aber noch eine andere Wirkung sehen können. Wenn nämlich die Eltern anfangen, ihre Kinder so zu erziehen – auch wenn ihr Gesichtspunkt zunächst noch so egoistisch war –, dann erwacht unter einer solchen Erziehung bald etwas Unegoistisches. Es wandelt sich das in der Anlage Egoistische um in ein Unegoistisches, und tatsächlich wird das erreicht, was durch ein bloßes Moralpredigen gewiß nicht erreicht werden könnte: das Leben selbst erzieht uns vom Egoismus zum Altruismus, zur Egoismusbefreiung.
[ 28 ] If we want to explore this idea further, we might say something like the following. Let us consider, for example, a person who says to himself: I want to do what is good, because doing good brings me good results, and it is disadvantageous to do what is bad, because I will have to bear the consequences of doing what is bad anyway, so I will refrain from doing it. – Let’s compare such a person with another who, in a not entirely unnoble way, reflects on the things he must do in life between birth and death—for example, parents who make it a principle to raise their children to be truly capable people. If we could now ask these parents, in all conscience, why they do this, we might receive the following answer: “When we grow old, we will have children who have become capable members of society, who will then be able to care for and support us, whereas children whom we have allowed to remain incapable would offer us no support in our old age.” – Here we have a case that shows us how good is done for the sake of the benefits that may one day be expected, for such upbringing on the part of the parents would undoubtedly also be undertaken from a self-interested perspective. But let us now ask: To what end can such a perspective—even if it is a self-interested one—nevertheless lead? For the fact that people have the perspective of raising their children to be capable individuals so that they may have support from them in old age is—viewed entirely objectively—a matter that cannot be achieved through moral declamations; rather, it is something captured by the philosopher’s statement: “Preaching morality is easy; justifying morality is difficult.” – However, the point is not to say that one should not raise one’s children out of such a mindset, but rather to recognize the facts and consider how people have turned out under such influences. If parents devote every effort to raising their children to be capable individuals, and the children then become capable in life, they not only help their parents but also become truly valuable members of human society. But we will also be able to see another effect. For when parents begin to raise their children in this way—even if their initial motive was still very selfish—something unselfish soon awakens under such upbringing. What was originally selfish in nature is transformed into something unselfish, and in fact, what is achieved is something that certainly could not be achieved through mere moralizing: life itself educates us from selfishness to altruism, to freedom from selfishness.
[ 29 ] Geradeso wie bei der Erziehung, so ist es mit dem Grundsatz, den wir haben könnten, wenn wir jetzt das Gute tun und das Schlechte unterlassen, damit wir im nächsten Leben die Früchte des gegenwärtigen Lebens haben werden. Das ist ja zunächst egoistisch, aber es muß uns ja bekannt sein, daß die Menschennatur einen solchen Egoismus hat. Es handelt sich aber nicht darum, daß dies so ist, sondern es handelt sich um die Frage: Wie wird real durch das wirkliche Leben der Egoismus überwunden?
[ 29 ] Just as with upbringing, so it is with the principle we might adopt: if we do good now and refrain from doing evil, we will reap the fruits of this present life in the next. This is, of course, selfish at first glance, but we must recognize that human nature possesses such selfishness. However, the point is not simply that this is the case, but rather the question: How is selfishness truly overcome through real life?
[ 30 ] Da können wir sehen, daß ein Mensch zwar die Karmalehre so annehmen kann, daß er sich sagt: ich werde das Schlechte unterlassen, weil es mir schlechte Früchte bringt, und ich werde das Gute tun, weil ich dann die guten Früchte haben werde –, wie dann aber doch unter dem Einfluß dieses Gesetzes nach und nach die egoistische Gesinnung umgewandelt wird in eine unegoistische. Und wir sehen in der Realität nach und nach erblühen aus dem Egoismus das Unegoistische.
[ 30 ] Here we can see that a person may indeed accept the doctrine of karma in such a way that he tells himself: “I will refrain from doing evil because it brings me bad results, and I will do good because I will then reap good results”—but how, under the influence of this law, his selfish attitude is gradually transformed into a selfless one. And we see, in reality, the selfless gradually blossoming from selfishness.
[ 31 ] Daher müssen wir sagen: Wenn eine Ethik noch so schöne Grundsätze aufstellt, so gleicht sie doch, wenn sie das Gute bloß predigt, in der Tat einem Menschen, der sich vor einen Ofen hinstellt und sagt: Sieh doch ein, lieber Ofen, daß es in deiner Natur liegt, das Zimmer zu erwärmen. – Da können Sie sich lange hinstellen und predigen; davon wird es nicht warm. Wenn wir uns aber unsere Predigt sparen und uns zum Ofen so verhalten, daß in ihm ein Verbrennungsprozeß geschehen kann, das heißt, wenn wir ihm Kohlen geben, dann macht er das Zimmer warm, dann begründen wir damit seine Ofen-Moral, ohne daß wir predigen. So ist es auch bei den Menschen. Dem Kenner der Psychologie ist es klar, wie wenig im Leben getan ist durch das bloße Predigen von Moral. Moral muß einfließen als Kraft in die menschliche Natur. Wenn wir uns alles Predigen über schöne Grundsätze ersparen und nur die Karmalehre als lebendige Kraft in die menschliche Seele versetzen können, gleichsam als Brennmaterial für die Seele, dann kann es zwar vielleicht sein, daß diese Lehre zunächst aus Egoismus aufgenommen wird, aber es werden dadurch die Kräfte der Seele zum Brennen gebracht, so daß dann aus dem Egoismus heraus die unegoistische Handlung sich entwickeln kann, die aus dem Mitgefühl entspringt.
[ 31 ] Therefore, we must say: No matter how beautiful the principles a set of ethics may establish, if it merely preaches the good, it is in fact like a person who stands in front of a stove and says: “Come on, dear stove, realize that it is in your nature to heat the room.” – You can stand there and preach for a long time; it won’t make the room any warmer. But if we spare ourselves the sermon and treat the stove in such a way that a combustion process can take place within it—that is, if we feed it coal—then it will warm the room, and in doing so we establish its “stove morality” without preaching. The same is true of human beings. It is clear to anyone familiar with psychology how little is accomplished in life by merely preaching morality. Morality must flow into human nature as a force. If we spare ourselves all preaching about lofty principles and can instead instill the doctrine of karma as a living force into the human soul—as it were, as fuel for the soul—then it may well be that this doctrine is initially accepted out of selfishness, but it will thereby set the soul’s forces ablaze, so that selfless action—arising from compassion—can then develop out of that self-interest.
[ 32 ] So ist Theosophie in bezug auf Ethik von einer Realität, die wir nicht bloß als Lehre uns aneignen, sondern die wir einsaugen als eine Summe von Ideen, die in der Seele wirken und uns zu anderen Menschen machen. Und keiner – wenn er nicht etwa abnorm veranlagt ist – wird die Karmalehre so auffassen, daß er sagt: Ich habe noch viele Leben vor mir; ich habe noch Zeit bis zum nächsten Leben, um ein anständiger Mensch zu werden. – Keiner kann so denken. Wer sich mit der Karmalehre durchdringt, der weiß: Du erlebst die Früchte deines jetzigen Lebens im nächsten Leben; legst du jetzt den Grund zu einem ordentlichen Menschen, so kannst du im nächsten Leben einer sein; schaffst du aber jetzt nicht die Ursachen zu einem ordentlichen Menschen, so kannst du es im nächsten nicht werden, würdest also somit die Ursachen legen zu einem unordentlichen, vielleicht sogar zu einem bösen Menschen. – Bei der richtig aufgefaßten Karmalehre ist es unmöglich, den Egoismus bis auf die Spitze zu treiben; denn richtig verstanden wird sie uns jederzeit dazu bringen, nicht nur den Egoismus in Altruismus zu verwandeln, sondern auch einzusehen, daß wir nicht in einer fatalistischen Weise auf das bauen, was ein Schicksal über uns verhängt. Wir erkennen, daß wir selbst die Ursachen ins Leben hineinversetzt haben, die dann im Karma wirken.
[ 32 ] Thus, with regard to ethics, Theosophy is a reality that we do not merely assimilate as a doctrine, but that we absorb as a body of ideas that work within the soul and transform us into different people. And no one—unless they are abnormally inclined—will interpret the doctrine of karma in such a way as to say: “I still have many lives ahead of me; I still have time until my next life to become a decent person.”—No one can think that way. Whoever truly internalizes the doctrine of karma knows: You will experience the fruits of your present life in the next life; if you lay the foundation now for becoming a decent person, you can be one in the next life; but if you do not create the causes for becoming a decent person now, you cannot become one in the next life—and would thus lay the causes for becoming an indecent, perhaps even an evil person. – When the doctrine of karma is properly understood, it is impossible to take selfishness to the extreme; for, when correctly understood, it will always lead us not only to transform selfishness into altruism but also to realize that we must not rely in a fatalistic way on what fate imposes upon us. We recognize that we ourselves have set the causes in motion that then operate through karma.
[ 33 ] Nun können wir noch auf das eingehen, was vom religiösen Standpunkte aus gegen die Theosophie eingewendet werden könnte. Da kann gesagt werden: Ja, der Theosoph erkennt an, daß im Menschen ein Höchstes lebt, das wie ein Tropfen ist aus dem Meer des Göttlichen. Da wird also das, was der Mensch sich erwerben soll, was er sich erringen kann, sozusagen wie eine Gotteskraft in die eigene Seele des Menschen gelegt, und da kann man dann nicht mit der Stimmung, die aus einer solchen Gesinnung hervorgeht, jene Hingabe entwickeln, jenes opferwillige Aufgehen in dasjenige Wesen, welches die Welt durchwebt und durchlebt. Die Stimmung – so könnte jemand sagen – welche der wahrhaft religiöse Mensch empfindet in der selbstlosesten Hingabe an die göttliche Wesenheit, die das All durchdringt, würde beeinträchtigt durch die theosophische Stimmung, die einen Funken des Göttlichen in den Menschen selber verlegt als sein «höheres Ich», das sich allmählich durchkämpft bis zu dem Standpunkte, den Paulus charakterisiert hat, indem er sagte: Nicht ich — sondern der Christus in mir! – wo es mit der Christus-Wesenheit oder mit dem, was die Theosophie überhaupt als eine solche Wesenheit anerkennt, eins wird. Und man muß sagen: da wird alles, was der Mensch erkennen kann, herausisoliert aus dem, was das All durchlebt und durchwebt. Aber ist denn nicht ein anderes möglich? Wenn man das Dargestellte einmal in dem besten Sinne auffaßt, wird man sich sagen können: Also lebt in dir ein Teil der Gotteskraft. Du bist nicht nur dir selbst gegeben, sondern du stehst mit einem Teil der Gotteskraft da. Und wenn du eine Weile weitergegangen bist – in diesem oder in einem nächsten Leben – dann betrachte einmal, was da deine Pflicht war. Es war deine Pflicht, den Keim, den Samen der Gotteskraft, der in dich gelegt ist, zur Ausbildung zu bringen – mit anderen Worten, dich dem immer ähnlicher und ähnlicher zu machen, was diese Kraft von dir verlangt. Allmähliche Entwicklung, allmähliche Vervollkommnung wird zur Pflicht, so daß die Gotteskraft in dir immer reger und reger entspringen kann. Nicht ein solches religiöses Gefühl fordert die Theosophie, das allein in der bloßen Hingabe an das Göttliche besteht, sondern ein solches, das sich sagt: Ich muß schaffen an meiner Vervollkommnung, denn tue ich das nicht, so lasse ich den Gotteskeim in mir unentwickelt, und ich werde dann nicht ein Bild, sondern eine Karikatur des Göttlichen. Das darf ich aber nicht werden. Ich habe die Pflicht zu meiner Vervollkommnung.
[ 33 ] Now we can address the objections that might be raised against theosophy from a religious standpoint. It can be said: Yes, the theosophist acknowledges that within the human being lives a Supreme Being, which is like a drop from the ocean of the Divine. Thus, what a person is meant to acquire—what they can attain—is, so to speak, placed within their own soul as a divine power; and with the mindset arising from such a disposition, one cannot then develop that devotion, that self-sacrificing merging into the Being that permeates and animates the world. The mood—one might say—that the truly religious person feels in the most selfless devotion to the divine Being that permeates the universe would be compromised by the theosophical mood, which locates a spark of the Divine within the human being himself as his “higher self,” which gradually fights its way up to the standpoint that Paul characterized when he said: “Not I—but Christ in me!”—where it becomes one with the Christ-essence or with what Theosophy generally recognizes as such an essence. And one must say: here, everything that a human being can recognize is isolated from what permeates and interweaves the entire universe. But is not another approach possible? If one takes what has been described in the best sense, one will be able to say to oneself: So a part of the divine power lives within you. You are not given merely to yourself, but you stand here endowed with a part of the divine power. And when you have gone on for a while—in this life or in the next—then consider what your duty was. It was your duty to nurture the germ, the seed of divine power, that has been placed within you—in other words, to make yourself more and more like what this power demands of you. Gradual development, gradual perfection, becomes a duty, so that the divine power within you may spring forth ever more vigorously. Theosophy does not call for a religious sentiment that consists solely in mere devotion to the Divine, but rather one that says to itself: I must work on my perfection, for if I do not, I leave the divine seed within me undeveloped, and I will then become not an image, but a caricature of the Divine. But I must not become that. I have a duty to my perfection.
[ 34 ] Das ist tätige, aktive Hingabe an das Göttliche. Das ist eine religiöse Stimmung, welche die Menschen aufruft, immer mehr und mehr für ihre Erkenntnis zu tun, immer mehr und mehr für ihre Moralität zu sorgen, immer mehr und mehr bestrebt zu sein, jene Kräfte herauszuentwickeln, die als göttliche Kräfte in die Seele gelegt sind. So leben wir mit einer religiösen Stimmung in die Zukunft hinein, die uns nicht bloß eine passive Hingabe an die Göttlichkeit vermittelt, sondern mit einer Stimmung, die uns auffordert, unser Ich immer göttlicher zu machen. Gegenüber dem Göttlichen, das die Welt durchwebt und durchlebt, wäre es die größte Pflichtverletzung, wenn wir unser Ich unvollkommen ließen. Wir dürfen nicht das Pfund, das wir bekommen haben, ungenutzt lassen, wir müssen wuchern mit dem Pfunde. Diese echteste, aktive Stimmung muß berücksichtigt werden, wenn von dem religiösen Element geprochen wird, das aus der Theosophie kommen kann.
[ 34 ] This is active, devoted surrender to the Divine. It is a religious disposition that calls upon people to do more and more to advance their understanding, to care more and more for their morality, and to strive more and more to develop those powers that are inherent in the soul as divine powers. Thus we live into the future with a religious disposition that does not merely impart a passive devotion to the Divine, but rather a disposition that calls upon us to make our “I” ever more divine. In the face of the Divine, which permeates and animates the world, it would be the greatest dereliction of duty if we were to leave our “I” imperfect. We must not leave the talent we have been given unused; we must put that talent to work. This most genuine, active spirit must be taken into account when speaking of the religious element that can arise from theosophy.
[ 35 ] So kann man sehen, daß es vieles gibt, was zunächst in den Elementen angeführt werden muß, um zu zeigen, daß Theosophie auf der einen Seite das Leben stark machen, den Egoismus in Altruismus wandeln und eine religiöse Stimmung hervorrufen kann, die eine aktive Religiosität für die Zukunft immer mehr und mehr entfalten kann. Das ist die andere Seite der Frage, die wir das letzte Mal betrachtet haben. Wir dürfen also sagen: Gewiß, berechtigt sind die Einwände und Widerlegungen, die gegen die Theosophie vorgebracht werden können, aber dann können wir uns gegen diese Einwände so stellen, wie es jetzt angeführt worden ist, und wir können unseren ganzen Menschen fragen, nicht bloß einseitig unseren Verstand und unsere Vernunft, und wir können uns sagen: Vielleicht ist es doch wahr, daß es Dinge gibt, die so liegen, daß man anerkennen muß, sie beginnen erst da, wo die Vernunft aufhört. Dann müssen wir unseren ganzen Menschen in Bewegung setzen und der muß entscheiden. Diese Entscheidung kann aber durch eine jede einzelne Seele, durch eine jede Individualität getroffen werden. Dadurch ist Theosophie das geistige Element, das am intensivsten zur menschlichen Individualität spricht, indem sie die menschliche Individualität zum höchsten Entscheiden selbst gegenüber der Vernunft aufruft.
[ 35 ] Thus, one can see that there are many things that must first be mentioned in the elements to demonstrate that, on the one hand, theosophy can strengthen life, transform selfishness into altruism, and evoke a religious mood that can increasingly foster active religiosity for the future. This is the other side of the question we considered last time. We may therefore say: Certainly, the objections and refutations that can be raised against theosophy are valid, but then we can respond to these objections as has now been outlined, and we can consult our whole being—not merely our intellect and reason in a one-sided way—and we can say to ourselves: Perhaps it is true after all that there are things which are such that one must acknowledge they begin only where reason ends. Then we must set our whole being in motion, and it must decide. But this decision can be made by every single soul, by every individual. Thus, Theosophy is the spiritual element that speaks most intensely to human individuality, calling upon human individuality to make the highest decision even in the face of reason.
[ 36 ] Wenn sich der Mensch in solche lebendige und heilige Impulse hineingestellt fühlt, so findet er durch diese Impulse allmählich den Weg, der ihn erkennen läßt: Du stehst hier auf dieser Erde; du gehörst mit allem, was an dir physisch-sinnlicher Mensch ist, der physisch-sinnlichen Erdenmenschenwelt an, und du gehörst mit allem, was aus der geistigen Welt in dein Geistig-Seelisches hereinfließen kann, einer geistigen Welt an.
[ 36 ] When a person feels immersed in such living and sacred impulses, these impulses gradually lead them to the path that allows them to recognize: You stand here on this Earth; with everything in you that is physical and sensory, you belong to the physical and sensory world of earthly human beings, and with everything that can flow from the spiritual world into your spiritual and soul life, you belong to a spiritual world.
[ 37 ] Du empfängst aus der geistigen Welt deine Mission, und du hast das, was du aus der geistigen Welt heruntertragen kannst, einzuprägen dem gesamten Erdenentwicklungsprozeß. Du hast die Mission, Vermittler zu sein zwischen dem Erdenprozeß und dem sich zur Erde drängenden Geistigen, das in das Erdendasein einströmen will. Lernst du durch theosophische Vertiefung erkennen, daß es so ist, und kannst du die theosophische Vertiefung umwandeln in eine Gesinnung, die dir jene unendlich beseligende Erfüllung des Geistes, des Herzens gibt, die sich aussprechen kann in dem Bewußtsein des Zusammenhanges sowohl mit dem Zeitlichen, Endlichen wie auch mit dem Unendlichen, Unzeitlichen – dem Ewigen und dem Vergänglichen —, dann kannst du zu dir sagen, daß du wurzelst mit deinem Wesen in dem Ewigen, daß du zwar als sinnlicher Mensch an die Erde gebunden bist, aber nur, um das Ewige in irdischer Gestalt durch deine Mission zu verwirklichen.
[ 37 ] You receive your mission from the spiritual world, and your task is to imprint upon the entire process of Earth’s evolution what you are able to bring down from the spiritual world. Your mission is to serve as a mediator between the earthly process and the spiritual forces that are pressing toward the Earth and seeking to flow into earthly existence. If, through deepening your understanding of theosophy, you come to recognize that this is so, and if you can transform this theosophical deepening into a mindset that gives you that infinitely blissful fulfillment of the spirit and the heart—which can express itself in the awareness of your connection both with the temporal, finite, as well as with the infinite, timeless—the eternal and the transitory—then you can say to yourself that your being is rooted in the eternal, that although you are bound to the earth as a physical human being, it is only so that you may realize the eternal in earthly form through your mission.
[ 38 ] Eine solche Gesinnung kann die Theosophie werden, wenn sie sich verwandelt im Menschen durch eine Gesamtstimmung, die sich künstlerisch ausdrücken läßt mit den Worten:
[ 38 ] Such a mindset can become theosophy when it is transformed within a person through an overall state of mind that can be artistically expressed with the words:
Es sprechen zu den Menschensinnen
Die Dinge in den Raumesweiten
Sie wandeln sich im Zeitenlauf
Erkennend lebt die Menschenseele
Von Raumesweiten unbegrenzt
Und unbeirrt vom Zeitenlauf
Im Reich der Geistes-Ewigkeit.
They speak to the human senses
The things in the vastness of space
They change with the passage of time
The human soul lives in awareness
Unlimited by the vastness of space
And undeterred by the passage of time
In the realm of spiritual eternity.
