Truths and Errors in Spiritual Research
GA 69a
25 November 1912, Munich
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Truths and Errors in Spiritual Research, tr. SOL
4. Wahrheiten der Geistesforschung
4. Truths of Spiritual Research
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Durch eine Reihe von Jahren durfte ich von diesem Orte aus über Fragen der Geistesforschung sprechen. Daß diese Geistesforschung, wie sie hier gemeint ist, sich sehr wohl bewußt ist, daß es mancherlei Einwände gibt gegen das, was hier gesagt wurde – nicht nur leichte, sondern auch gewichtige Einwände – das versuchte ich im vorigen Winter in zwei Vorträgen zu belegen, die ich hier gehalten habe über «Wie widerlegt man Geisteswissenschaft?» und «Wie begründet man Geisteswissenschaft?». War dazumal die Absicht, mehr vom Standpunkte der allgemeinen Wissenschaftlichkeit das Für und Wider zu erörtern, so wird es sich in den Vorträgen heute und übermorgen, die beide zusammengehören, die ein Ganzes bilden, mehr darum handeln, direkt vom Standpunkt des Geistesforschers aus, gleichsam vom Erfahrungsstandpunkt aus, das Für und Wider zur Geltung zu bringen. Also weniger von Einzelfragen soll in diesen beiden Vorträgen gesprochen werden, als vielmehr von der Art und Weise, wie man zu Wahrheiten der Geisteswissenschaft kommt und welche Quellen des Irrtums sich gleichsam vor die Pforte dieser Wahrheiten stellen, sowohl für den Forscher selber wie auch für diejenigen, die an diese Wahrheiten beziehungsweise Erkenntnisse herankommen und sie zu einem Bestandteil ihres Seelenlebens machen wollen.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! For a number of years, I have had the privilege of speaking from this venue on topics related to spiritual research. That this spiritual research, as understood here, is very well aware that there are various objections to what has been said here—not only minor objections, but also substantial ones—is what I attempted to demonstrate last winter in two lectures I gave here on “How Does One Refute Spiritual Science?” and “How Does One Justify Spiritual Science?” While my intention at that time was to discuss the pros and cons more from the standpoint of general scientific rigor, the lectures today and the day after tomorrow—which belong together and form a whole—will focus more on presenting the pros and cons directly from the standpoint of the spiritual researcher, as it were, from the standpoint of experience. Thus, these two lectures will focus less on specific questions and more on the manner in which one arrives at the truths of spiritual science and on the sources of error that, as it were, stand at the very threshold of these truths—both for the researcher himself and for those who wish to approach these truths or insights and make them an integral part of their inner life.
[ 2 ] Es könnte ja von vornherein eigentümlich erscheinen, daß von zahlreichen Irrtumsquellen bei einer Forschung gesprochen werden kann, welche sich gerade auf bedeutungsvollste Fragen des menschlichen Lebens bezieht, sowohl des menschlichen Einzellebens wie des ganzen menschlichen Kulturlebens. Es sind ja die Fragen nach dem Wesen der menschlichen Seele, nach dem Wesen und der Bestimmung des ganzen Menschen, die Fragen nach den Erlebnissen der Seele nach dem Tode, die Fragen über Tod und Unsterblichkeit, über wiederholte Erdenleben und so weiter, welche Gegenstand der Geistesforschung sind, also Fragen, die mit dem Intimsten und Höchsten des menschlichen Lebens Zusammenhängen und denen gegenüber der Mensch Hoffnung und das Bedürfnis hat, daß sich möglichst wenig Irrtümliches in die Beantwortung dieser Fragen einschleiche. Umso notwendiger ist es daher, über die Wege der Wahrheit und über die Wege des Irrtums zu sprechen, um wirklich Licht in diese Fragen zu bringen.
[ 2 ] It might seem peculiar at first glance that one could speak of numerous sources of error in a field of research that deals precisely with the most significant questions of human life—both the life of the individual and the life of human civilization as a whole. After all, it is the questions concerning the nature of the human soul, the nature and purpose of the whole human being, the experiences of the soul after death, questions about death and immortality, about repeated earthly lives, and so on, that are the subject of spiritual research— that is, questions connected with the most intimate and highest aspects of human life—questions regarding which human beings have a hope and a need that as little error as possible should creep into the answers to these questions. It is therefore all the more necessary to speak of the paths of truth and the paths of error in order to truly shed light on these questions.
[ 3 ] Wenn von Geistesforschung, ihren Wahrheiten und ihren Irrtümern die Rede ist, so bitte ich Sie zu berücksichtigen, sehr verehrte Anwesende, daß es sich zunächst nur um die Wege dieser geistigen Forschung handeln wird, also um die Gewinnung von Wahrheiten über das geistige Leben. Und da muß gleich als eine der umfassendsten Wahrheiten angesehen werden, daß bei dem Geistesforscher ein allseitig gesundes Seelenleben vorausgesetzt wird. Damit soll nicht gesagt werden, daß die Ergebnisse der Geistesforschung oder die Ratschläge, die sie aus ihren Quellen heraus zu geben vermag, etwa nur ersprießlich sein könnten der gesunden Seele. Das soll ganz und gar nicht behauptet werden. Im Gegenteil, diese Ergebnisse haben gerade etwas Gesundendes, etwas, was nicht nur die verirrte Seele, sondern auch ein krankes Seelenleben auf den rechten Weg bringen kann und was dann auf die Gesundung des ganzen menschlichen Lebens übergreift. Das also soll von vornherein klar sein. Wenn heute vorzugsweise von einem gesunden Seelenleben als der richtigen Quelle der Geistesforschung die Rede sein soll, so bedeutet das, daß man zu den Wahrheiten, zu den wirklichen Erkenntnissen auf geistigem Gebiete nur durch ein gesundes Seelenleben kommen kann. Was dann Geisteswissenschaft zu geben vermag, das kann im weitesten Umfange geradezu ein Heilmittel für die menschliche Seele genannt werden.
[ 3 ] When we speak of spiritual research, its truths, and its errors, I ask you, distinguished audience, to bear in mind that we will initially be concerned only with the methods of this spiritual research—that is, with the discovery of truths about spiritual life. And one of the most fundamental truths that must be recognized from the outset is that a spiritual researcher must possess a sound inner life in every respect. This is not to say that the results of spiritual research—or the guidance it is able to offer based on its sources—could be beneficial only to a healthy soul. That is not the claim at all. On the contrary, these findings have a healing quality—something that can set not only a soul that has strayed but also a diseased spiritual life on the right path, and which then extends to the healing of the entire human life. This, then, should be clear from the outset. If today we are to speak primarily of a healthy inner life as the true source of spiritual research, this means that one can attain the truths—the genuine insights—in the spiritual realm only through a healthy inner life. What spiritual science is then able to offer can, to the greatest extent, be called a remedy for the human soul.
[ 4 ] Ein gesundes Seelenleben, das ist die Voraussetzung. Warum? Schon aus dem Grunde ist ein gesundes Seelenleben notwendig, weil ja die Quellen der Geistesforschung im Innern der menschlichen Seele selbst liegen, weil man in die verborgenen geistigen Gründe des Daseins nur dann hineinschauen kann, wenn man seine eigene Seele zu einem Instrument, einem Werkzeug der Geistesforschung macht. Und es ist ja leicht einzusehen, daß Gesundes nur zutage treten kann, wenn die Seele, die die Wege in die geistigen Welten hinein gehen will, selbst gesund ist.
[ 4 ] A healthy spiritual life—that is the prerequisite. Why? A healthy spiritual life is necessary for this very reason: because the sources of spiritual research lie within the human soul itself, and because one can only glimpse the hidden spiritual reasons for existence if one makes one’s own soul an instrument, a tool of spiritual research. And it is easy to see that health can only come to light when the soul—which seeks to journey into the spiritual worlds—is itself healthy.
[ 5 ] Um nicht im Allgemeinen herumzureden, soll gleich der Ausgangspunkt genommen werden von etwas, was hier schon öfter berührt worden ist. Soll die menschliche Seele zu einem Instrument gemacht werden, um hineinzuschauen in die geistige Welt, dann ist notwendig, daß die Seelenkräfte, die für das alltägliche Leben des Menschen voll ausreichen, in ihrer Stärke erhöht werden, gleichsam verdichtet, wesentlich verstärkt werden. Im gewöhnlichen Alltagsleben und auch in dem Leben, dem sich die äußere Wissenschaft widmet, hat es der Mensch nur mit dem zu tun, was ihn seine Sinne lehren und was der Verstand erkennt, der an das Instrument des physischen Gehirns gebunden ist. Wir wissen schon aus einer trivialen Betrachtung des Lebens, daß sowohl die Aussagen der äußeren Sinne wie auch der gewöhnliche Verstand des Menschen schweigen, wenn der Mensch in den Schlafzustand übergeht. Unser alltägliches Leben verläuft ja zwischen Wachen und Schlafen. Wir nehmen dann wahr, daß unsere Sinne allmählich versagen, wenn wir in den Schlafzustand übergehen, daß das ganze Instrument unseres Körpers in einen bewegungslosen, ruhigen Zustand übergeht und wir in einen Zustand der Bewußtlosigkeit, der Finsternis um uns herum kommen. Nun würde es ja gewiß gegen die gewöhnlichen logischen Regeln verstoßen, wenn man glauben wollte, daß das, was der Mensch vom Morgen bis zum Abend in seiner Seele erlebt, sozusagen jeden Abend der Vernichtung anheimfiele und am nächsten Morgen alles von neuem entstehen würde, was im Seelenleben aufund abflutet. Alles dies ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen zweifellos auch vorhanden. Nicht an dem Schlaf liegt es, daß die Erlebnisse des Tages bei Nacht in unserem Seelenleben nicht vorhanden sind, sondern daran, daß des Menschen Seelenkräfte nicht stark genug sind, um sich selbst während des Schlafes zu erleben. Und leicht ist es einzusehen, daß alles davon abhängt, ob der Mensch imstande ist, dasjenige, was während des Schlafes bewußtlos ist, uns bewußt zu machen.
[ 5 ] To avoid beating around the bush, let us take as our starting point something that has already been touched upon here on several occasions. If the human soul is to be made into an instrument for looking into the spiritual world, then it is necessary that the soul forces—which are fully sufficient for a person’s everyday life—be increased in strength, as it were condensed and substantially strengthened. In ordinary daily life, and also in the realm to which external science is devoted, human beings deal only with what their senses teach them and what the intellect—which is bound to the instrument of the physical brain—perceives. We know even from a trivial observation of life that both the perceptions of the external senses and the ordinary human intellect fall silent when a person enters the state of sleep. Our daily life, after all, unfolds between waking and sleeping. We then perceive that our senses gradually fail as we enter the state of sleep, that the entire instrument of our body passes into a motionless, tranquil state, and that we enter a state of unconsciousness, surrounded by darkness. Now, it would certainly violate the usual rules of logic to believe that what a person experiences in their soul from morning to evening were, so to speak, subject to annihilation every night, and that the next morning everything that ebbs and flows in the life of the soul would arise anew. All of this is undoubtedly present from the moment of falling asleep until waking up. It is not because of sleep that the experiences of the day are absent from our inner life at night, but because a person’s spiritual powers are not strong enough to perceive themselves during sleep. And it is easy to see that everything depends on whether a person is capable of bringing into consciousness that which is unconscious during sleep.
[ 6 ] Können wir mit dem wahrnehmen, was bei uns normalerweise während des Schlafes bewußtlos wird, können wir wahrnehmen, wenn unsere Sinne schweigen, wenn unser Gehirn zu seinem Dienst nicht aufgerufen wird – dann ist es möglich, daß wir mit dem in uns, was unabhängig vom Körper ist, ein Erleben haben. Und dieses Erleben kann uns dann schon zeigen, welcher Art es ist, ob es ein Geistig-Übersinnliches ist oder nicht. Das heißt, damit die Seele ein Instrument werden kann, um anders wahrzunehmen als durch das Instrument des Leibes, ist es notwendig, einen Zustand herbeizuführen, der dem Schlaf ähnlich ist und doch ihm wiederum ganz entgegengesetzt ist. Insofern muß auch dann, wenn die Seele ein Instrument werden soll für andere Wahrnehmungen, die gewöhnliche Sinneswahrnehmung ausgeschaltet werden. Aber es darf – und das macht das Entgegengesetzte aus – nicht Bewußtlosigkeit eintreten, das heißt, wir müssen einen Zustand herbeiführen, der dem Schlafzustand ähnlich und doch wieder unähnlich ist, denn es muß volles Bewußtsein vorhanden sein.
[ 6 ] If we can perceive what normally becomes unconscious within us during sleep—if we can perceive when our senses are silent, when our brain is not called upon to perform its function—then it is possible for us to have an experience through that part of ourselves that is independent of the body. And this experience can then already reveal to us what kind of experience it is—whether it is spiritual and supersensible or not. That is to say, in order for the soul to become an instrument for perceiving in a way other than through the instrument of the body, it is necessary to bring about a state that is similar to sleep and yet, at the same time, entirely opposite to it. In this respect, even when the soul is to become an instrument for other kinds of perception, ordinary sensory perception must be shut off. But—and this is what constitutes the opposite—unconsciousness must not set in; that is, we must bring about a state that is similar to the state of sleep and yet different from it, for full consciousness must be present.
[ 7 ] Herbeigeführt werden kann ein solcher Zustand auf verschiedene Art. Am gesündesten wird er durch Methoden herbeigeführt, wie sie in meinem Buch «Wie erlangt man Erkennisse der höheren Welten?» beschrieben sind und die hier noch einmal dem Prinzip nach wenigstens angedeutet werden sollen.
[ 7 ] Such a state can be brought about in various ways. The healthiest way to achieve it is through the methods described in my book *How to Gain Insight into the Higher Worlds*, the basic principles of which I will at least briefly outline here.
[ 8 ] Dieser Zustand wird durch innere Arbeit der menschlichen Seele herbeigeführt, durch gedankliche Anstrengungen, die wir im gewöhnlichen Leben nicht machen. Man bezeichnet sie als Konzentration des Denkens, des inneren Vorstellunglebens, des Empfindens oder auch als Meditation. Wir wollen gleich ein Beispiel anführen, das schon früher erwähnt worden ist, ein Beispiel, das sich zunächst sonderbar ausnimmt, von dem wir aber auch gleich sehen werden, warum es sich so paradox ausnimmt. Es handelt sich darum, daß wir, um den gewünschten Zustand zu erreichen, uns ganz bestimmte Vorstellungen in unserer Seele wachrufen und uns zu diesen Vorstellungen in einer ganz bestimmten Weise verhalten. Nehmen wir zum Beispiel die Vorstellung – wie gesagt, sie ist paradox –, daß wir vor uns zwei Gläser stehen hätten, das eine sei halb mit Wasser gefüllt, das andere sei ganz leer. Wir stellen uns nun vor, wir schütteten ein wenig Wasser von dem halb gefüllten in das leere Glas, und durch das Ausschütten des volleren Glases würde dieses nicht leerer, sondern immer voller und voller werden. Das, nicht wahr, ist eine ganz paradoxe Vorstellung. Nun darf man aber nicht nur diese Vorstellung haben und im Bewußtsein herumwälzen, sondern man muß mit dieser Vorstellung einen ganz bestimmten Sinn verbinden, dann erst wird das in richtigem, kunstgerechtem Sinn eine Gedankenkonzentration, eine Meditation werden.
[ 8 ] This state is brought about by the inner workings of the human soul, through mental efforts that we do not make in everyday life. It is referred to as concentration of thought, of the inner life of imagination, of feeling, or also as meditation. Let us now cite an example that has been mentioned before—an example that at first glance seems strange, but we will soon see why it appears so paradoxical. The point is that, in order to achieve the desired state, we must evoke very specific mental images in our soul and relate to these images in a very specific way. Take, for example, the idea—as I said, it is paradoxical—that we have two glasses in front of us, one half-filled with water, the other completely empty. Now let’s imagine that we pour a little water from the half-filled glass into the empty one, and that by pouring from the fuller glass, it does not become emptier, but instead becomes fuller and fuller. That, isn’t it, is a completely paradoxical idea. However, one must not merely hold this idea and mull it over in one’s consciousness; rather, one must associate a very specific meaning with this idea—only then will it become, in the true and proper sense, a concentration of thought, a meditation.
[ 9 ] Wir kennen alle eine Tatsache, die unser Leben überall durchströmt, die aber außerordentlich schwer in ihrer Tiefe zu ergründen ist. Das ist die Liebe in ihren verschiedenen Formen. Die Liebe hat die Eigentümlichkeit, daß der Liebende gleichsam sein volles Herz hinübergießt auf den anderen Menschen, daß er dadurch aber nicht ärmer wird, sondern gerade immer reicher, immer voller. Das ist das Geheimnis der Liebe, daß die menschliche Seele inhaltvoller, reicher wird, je mehr davon weggegeben wird. Die Liebe ist etwas so Kompliziertes, etwas so Tiefes, daß wir immer nur einige Seiten von ihr erfassen können, ihr Wesen aber ist unergründlich. Aber diese eine Seite der Liebe, daß sie durch Weggeben die Seele immer reicher und reicher macht, kann uns versinnbildlicht werden durch die Vorstellung von den beiden Gläsern, von denen wir eben gesprochen haben. Wir machen da in bezug auf ein moralisches Erlebnis des Lebens dasselbe, was wir zum Beispiel auch in der Geometrie tun.
[ 9 ] We are all familiar with a reality that permeates every aspect of our lives, yet whose depths are extraordinarily difficult to fathom. That is love in its various forms. Love has the peculiarity that the lover, as it were, pours out his whole heart to another person, yet in doing so does not become poorer, but rather ever richer, ever fuller. This is the mystery of love: the more of it is given away, the more meaningful and richer the human soul becomes. Love is something so complex, something so profound, that we can ever only grasp a few of its aspects, but its essence is unfathomable. Yet this one aspect of love—that by giving of itself, it makes the soul ever richer and richer—can be symbolized for us by the image of the two glasses we have just spoken of. In this regard, when it comes to a moral experience in life, we do the same thing that we do, for example, in geometry.
[ 10 ] Nehmen wir eine Medaillenform an, die kreisrund ist, aus irgendeiner Substanz, in deren Wesen wir zunächst nicht eindringen können. Wenn wir dann einen Kreis aufzeichnen mit der Rundung der Medaillenform, dann können wir alles, was sich auf einen Kreis bezieht, studieren, und das gilt dann auch für das, was wir als Wirklichkeit vor uns haben. Der Geometer bildet mit seinen Figuren Sinnbilder von Wirklichem. Ebenso kann die Seele sich Sinnbilder vom Ewigen machen, wenn sie sich nur darüber klar ist, daß diese eben nicht mehr sind als Sinnbilder.
[ 10 ] Let’s imagine a medal that is circular in shape, made of some substance whose nature we cannot initially fathom. If we then draw a circle with the curvature of the medal’s shape, we can study everything that relates to a circle, and this then also applies to what we have before us as reality. The geometer uses his figures to create symbols of reality. In the same way, the soul can create symbols of the eternal, provided it is clear that these are nothing more than symbols.
[ 11 ] Wenn wir also eine solche Vorstellung haben wie die von den zwei Gläsern – dem Hinüberschütten des Wassers aus dem halbgefüllten in das leere Glas, dem Vollerwerden des Glases, aus dem die Flüssigkeit geschüttet wird —, und dahinter in unserer Seele die Empfindung lebt, daß sich dieses Bild auf ein so bedeutungsvolles Phänomen des Lebens bezieht, wie es die Liebe ist, dann verarbeiten wir dieses Bild im rechten Sinne weiter, wenn wir versuchen, durch starke Willensanstrengung alle Vorstellungen, die von den Sinnen kommen, auszuschalten. So wie man beim Einschlafen alle Vorstellungen schwinden sieht, so schaltet man willkürlich alles aus, was von außen kommt und alles und was der Verstand denken kann, und alle Seelenkräfte werden auf dieses eine Bild konzentriert.
[ 11 ] So if we have an image such as that of the two glasses—pouring water from the half-full glass into the empty one, and the glass from which the liquid is poured becoming full— and if, deep within our soul, there lives the sense that this image relates to such a significant phenomenon of life as love, then we process this image in the proper sense when we try, through a strong effort of will, to shut out all perceptions that come from the senses. Just as one sees all images fade away when falling asleep, so one deliberately shuts out everything that comes from the outside and everything the mind can conceive, and all the powers of the soul are concentrated on this one image.
[ 12 ] Es genügt natürlich nicht, das nur einmal zu tun, sondern man muß in Geduld und Ausdauer immer wieder und wieder die Seele mit äußerster Energie solchen Übungen unterziehen, dann kommt es allmählich zu einer Verstärkung, einer Sammlung, einer Verdichtung der Seelenkräfte. Und dann tritt ein, daß wir durch inneres Erleben solcher Seelenerfahrungen gewahr werden, daß ein Zeitpunkt kommt, in dem wir es nicht mehr nötig haben, solche Bilder, solche sinnbildlichen Vorstellungen vor unsere Seele hinzurücken, sondern allmählich werden aus tiefen, verborgenen Untergründen unseres Seelenlebens von selbst solche Bilder sich vor uns hinstellen.
[ 12 ] Of course, it is not enough to do this just once; rather, with patience and perseverance, one must subject the soul to such exercises again and again with the utmost energy, and then there will gradually be a strengthening, a gathering, and a condensation of the soul’s powers. And then it happens that, through the inner experience of such soul experiences, we become aware that a point in time arrives when we no longer need to bring such images, such symbolic representations, before our soul; rather, such images gradually emerge of their own accord from the deep, hidden depths of our soul life.
[ 13 ] Es ist besser, daß der Mensch, wenn er diese Übungen durchführen will, solche Vorstellungen verwendet, die wirklich nur Sinnbilder sind, das heißt, sich auf keine äußere Wirklichkeit beziehen. Man könnte auch gewöhnliche Vorstellungen benutzen, aber sie wirken nicht so kräftig. Wenn jemand einwenden wollte, das sei ja etwas Närrisches, sich etwas vorzustellen, was gar nicht da ist –, so muß gesagt werden: Dazu ist diese Konzentrationsarbeit ja nicht da, um die äußere Wirklichkeit des gewöhnlichen Alltags abzubilden, sondern sie ist dazu da, um die Seele zu erziehen, um aus ihr Kräfte herauszuholen, die sonst nicht tätig sind. Nicht um Wahrheiten zu erkennen, meine sehr verehrten Anwesenden, ist diese Übung da. Das wäre ein Irrtum, wenn man durch solche Übungen unmittelbar Wahrheiten erkennen wollte. Es handelt sich um Erziehung der Seele, um verborgene Kräfte aus ihr herauszuholen.
[ 13 ] If one wishes to perform these exercises, it is better to use images that are truly only symbols—that is, that do not refer to any external reality. One could also use ordinary images, but they are not as effective. If someone were to object that it is rather foolish to imagine something that is not there at all—it must be said: This work of concentration is not intended to depict the external reality of ordinary everyday life, but rather to educate the soul, to draw out from it powers that are otherwise dormant. This exercise is not intended to recognize truths, my esteemed audience. It would be a mistake to think that one could directly recognize truths through such exercises. It is a matter of educating the soul, of drawing hidden powers from it.
[ 14 ] Wenn nun der Zeitpunkt eingetreten ist, wo in der Seele die Bilder aufsteigen, dann muß durch eine regelrechte Geistesschulung die Seele des Geistesforschers in eine ganz bestimmte Stimmung, eine ganz bestimmte Verfassung gebracht werden. Wenn wir von dieser Stimmung der Seele sprechen, in der sie sein muß, wenn von selbst diese Bilder heraufkommen, da muß darauf hingewiesen werden, daß diese Bilderwelt für den Laien, der von der ganzen Sache nichts weiß, sich ja so ausnimmt wie das, was man als Visionen, als Halluzinationen und andere Erscheinungen des krankhaften Seelenlebens bezeichnet. Wer mancherlei kennt von dem, was die heutigen Grenzwissenschaften, die zwischen Physiologie und Psychologie stehen, vorbringen, der kann sehr leicht zu der Anschauung kommen – und das wird ja auch immer wieder eingewendet –, daß der Geistesforscher sich künstlich zu dem erziehe, wozu eine krankhafte Seele kommt, wenn sie Visionen, Halluzinationen, Wahnvorstellungen und so weiter hat.
[ 14 ] When the moment has come for these images to arise in the soul, the spiritual researcher’s soul must be brought into a very specific mood, a very specific state, through systematic spiritual training. When we speak of this state of mind in which the soul must be when these images arise of their own accord, it must be pointed out that, to the layperson who knows nothing of the whole matter, this world of images appears to be precisely what is described as visions, hallucinations, and other manifestations of a pathological mental state. Anyone familiar with some of the findings of today’s fringe sciences—those situated between physiology and psychology—can very easily come to the conclusion—and this is, after all, an objection that is raised time and again—that the spiritual researcher artificially trains himself to achieve what a diseased soul experiences when it has visions, hallucinations, delusions, and so on.
[ 15 ] Nun, gerade durch die Erziehung der Seele, die wir heute nur berühren können, wird diese Seele dahin gebracht, genau zu unterscheiden zwischen all dem, was Visionen und so weiter sein können und den charakterisierten sinnbildlichen Vorstellungen, die man nach dem Brauch der Geisteswissenschaft die imaginative Welt nennt. Der Geistesforscher lernt, genau zu unterscheiden zwischen diesen beiden Welten. Denn das, was überhaupt notwendig ist, um Erfolg zu haben, das ist, daß man die Seele zugleich so abgeneigt wie möglich, so gefeit wie möglich gegenüber allen Wahnvorstellungen, Halluzinationen und dergleichen macht. Sie in ihrer Eigenart kenntlich zu machen, das gehört im wesentlichen zur Geistesschulung.
[ 15 ] Now, it is precisely through the training of the soul—which we can only touch upon today—that this soul is led to distinguish precisely between all that may be visions and the like, and the characterized symbolic images that, according to the custom of spiritual science, are called the imaginative world. The spiritual researcher learns to distinguish precisely between these two worlds. For what is absolutely necessary for success is to make the soul as averse as possible—and as immune as possible—to all delusions, hallucinations, and the like. Recognizing them in their true nature is an essential part of spiritual training.
[ 16 ] Und da wollen wir gleich einen bedeutungsvollen Unterschied aufzeigen. Visionen, Wahnvorstellungen und so weiter haben etwas, was ihnen allen zukommt: sie überwältigen die Seele; sie haben etwas, was den stärksten Glauben für sich fordert. Man weiß ja aus dem alltäglichen Leben, daß es leichter ist, einem Menschen, der Visionen oder Wahnvorstellungen unterliegt, irgendeine Tatsache des äußeren Lebens auszureden als seine Wahnvorstellungen. Wenn man auf seine Einbildungen zu sprechen kommt, dann findet er unter Umständen die scharfsinnigsten Begründungen für seine Illusionen. Das, was sich also unmittelbar verbindet mit dem krankhaften Seelenleben, das ist ein unüberwindlicher Glaube an diese Seelenerlebnisse. Was aber der Geistesforscher zu erzielen hat, das ist eine absolute Glaubenslosigkeit gegenüber der imaginativen Welt. Obwohl er die Bilder heraufgeholt hat in seine Seele und sie für erstrebenswert halten muß, gelten sie ihm zunächst als gar nichts, was ihm Wahrheit im objektiven Sinne geben kann. Und sein größter Irrtum wäre es, wenn er das, was er da erreicht hat, für etwas halten würde, was sich auf eine äußere Wirklichkeit bezieht. Er muß sich gerade durch starke Seelenkräfte und Willenskräfte dazu erziehen, den Glauben an diese imaginative Welt in gar keiner Weise zu haben, so daß die Seele zunächst in eine Welt von Bildern sich hineinlebt, die nicht Ausdruck für irgendeine objektive Wirklichkeit sind.
[ 16 ] And here we would like to point out a significant distinction right away. Visions, delusions, and so on all have something in common: they overwhelm the soul; they possess something that demands the strongest belief. We know from everyday life that it is easier to dissuade a person who is subject to visions or delusions from believing some fact of external life than it is to dissuade them from their delusions. When one brings up their delusions, they may, under certain circumstances, come up with the most astute justifications for their illusions. What is thus directly connected to a pathological state of mind is an insurmountable belief in these soul experiences. What the spiritual researcher, however, must achieve is absolute disbelief in the world of the imagination. Although he has summoned these images into his soul and must regard them as desirable, they initially count for nothing to him—they cannot provide him with truth in the objective sense. And his greatest error would be to regard what he has achieved there as something that relates to an external reality. He must train himself—precisely through strong spiritual and volitional powers—to have absolutely no belief in this imaginative world, so that the soul initially immerses itself in a world of images that are not an expression of any objective reality.
[ 17 ] Wofür sind sie denn der Ausdruck? Sie sind nur der Ausdruck für das Seelenleben. Man lernt durch diese Bilderwelt zunächst nichts anderes kennen als das eigene Seelenleben. Und man darf gar nicht versuchen, etwas anderes darin zu sehen, als daß es sich um einen Ausfluß des eigenen Seelenlebens handelt. Das ist das Wesentliche, wozu die Seele kommen muß.
[ 17 ] What, then, do they express? They are merely an expression of the inner life. Through this world of images, one initially comes to know nothing other than one’s own inner life. And one must not even attempt to see anything else in it other than an outpouring of one’s own inner life. This is the essence of what the soul must attain.
[ 18 ] Wenn man also auf dem Wege zur Geistesforschung das, was eine Imagination ist, vergleichen will mit einer Vision, einer Halluzination und so weiter, so muß man sagen: eine Vision, eine Halluzination überwältigt den Menschen, sie beansprucht einen schier unüberwindlichen Glauben an die Objektivität dieser Vision; dagegen ist bei der Imagination der Geistesforscher sich bewußt, daß er selbst der Schöpfer desjenigen ist, was da als Bild vor seiner Seele steht.
[ 18 ] So if, on the path to spiritual research, one wishes to compare what an imagination is with a vision, a hallucination, and so on, one must say: a vision or a hallucination overwhelms a person; it demands an almost insurmountable belief in the objectivity of that vision; in contrast, in the case of imagination, the spiritual researcher is aware that he himself is the creator of what stands before his soul as an image.
[ 19 ] Durch diesen Zustand muß er hindurch. Eine reiche imaginative Welt muß er aus seinem Innern hervorholen, um zugleich das Bewußtsein sich zu erringen, daß sie nichts anderes ist als ein Spiegel seiner eigenen Seele. Dieses Bewußtsein hat zuweilen etwas recht Unbehagliches, denn die Welt, in die man sich einlebt, ist wie eine zweite Welt, eine Welt voller Schönheit und Größe, eine Welt voll von Beseligendem. Aber Menschen, die sich hineinleben in eine solche Welt, werden leicht böse, wenn man ihnen Zweifel beibringen will an der Objektivität dieser Welt, denn es lebt sich gut darinnen. Aber gerade dieses gute Leben muß überwunden werden. Was geschieht in dieser Welt eigentlich? Wenn das geschildert werden soll, dann können wir es vergleichen mit einer Erscheinung des alltäglichen Lebens.
[ 19 ] He must pass through this state. He must draw a rich, imaginative world from within himself in order to simultaneously gain the awareness that it is nothing other than a mirror of his own soul. This awareness can sometimes be quite unsettling, for the world into which one immerses oneself is like a second world—a world full of beauty and grandeur, a world full of bliss. But people who immerse themselves in such a world easily become angry when one tries to instill in them doubts about the objectivity of this world, for life is good within it. Yet it is precisely this good life that must be overcome. What actually happens in this world? If we are to describe it, we can compare it to a phenomenon of everyday life.
[ 20 ] Denken Sie sich einmal, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn Sie in diesem Augenblick alle Vorstellungen wieder in Ihrer Seele haben müßten, die Sie jemals gehabt haben, wenn das alles jetzt in der Seele wäre – es würde sich damit gar nicht leben lassen. Die Seele braucht das Vergessen, das Aufbewahren der Vorstellungen, das Hinunterdrängen der Erlebnisse in eine unbestimmte Seelentiefe. Da können wir sie wiederum ins Gedächtnis heraufholen. Wie nun im gewöhnlichen Leben diese Vorstellungen in das Vergessen hinuntersinken, so muß durch die Trainierung des Willens der Geistesforscher in der Lage sein, sein gesamtes imaginatives Leben, diese ganze Summe, diese neue Welt, in der er so gern verweilt und die ihn so beseligt – die muß der Mensch durch starken Willensentschluß in die Vergessenheit hinunterdrängen, so daß gleichsam wie ein Wesen, das im Wasser untertaucht, diese ganze imaginative Welt untertaucht im Seelenleben, wie wenn sie nicht da wäre. Und öfter und immer öfter wiederum muß der Geistesforscher diese imaginative Welt untertauchen in die Untergründe des Unterbewußtseins, in die Tiefen des Seelenlebens, von denen er überhaupt zunächst nichts weiß. Dann muß er wiederum Momente herbeiführen, in denen er alle äußeren Wahrnehmungen ausschließt, auch das Denken ausschließt, er muß Momente herbeiführen, in denen die Seele ganz leer ist, nichts denkt, nichts empfindet, sich an nichts erinnert, über nichts sich sorgt, auch keine Affekte und so weiter hat. Dann steigen allmählich die Imaginationen, die man hinuntergeschickt hat ins Unbewußte, wieder herauf. Die Bilder kommen wieder, aber nicht so, wie sie waren, sondern ganz anders. Sie kommen so, daß man geradeso wie bei den äußeren Sinneswahrnehmungen weiß: das sind keine Phantasien, sondern Ausdrücke von Wirklichkeiten. Gegenüber diesen nunmehr auftauchenden Bildern hat man das unmittelbare Bewußtsein: sie sind Ausdruck für eine Wirklichkeit.
[ 20 ] Just imagine, my dear listeners, if at this very moment you had to hold in your soul all the thoughts you have ever had—if all of that were in your soul right now—it would be impossible to live with it. The soul needs to forget, to store away these images, to push these experiences down into an indeterminate depth of the soul. From there, we can bring them back up into memory. Just as these images sink into oblivion in ordinary life, so must the spiritual researcher, through the training of the will, be able to push his entire imaginative life—this whole sum, this new world in which he so gladly dwells and which brings him such bliss —this is what the person must push down into oblivion through a strong act of will, so that, as it were, like a being diving beneath the water, this entire imaginative world is submerged in the life of the soul, as if it were not there. And again and again, more and more often, the spiritual researcher must submerge this imaginative world into the depths of the subconscious, into the depths of the soul’s life, of which he initially knows nothing at all. Then he must again bring about moments in which he excludes all external perceptions, including thought; he must bring about moments in which the soul is completely empty—thinking nothing, feeling nothing, remembering nothing, worrying about nothing, and experiencing no emotions or the like. Then the imaginations that have been sent down into the unconscious gradually rise back up. The images return, but not as they were before—rather, they are entirely different. They appear in such a way that one knows, just as with external sensory perceptions: these are not fantasies, but expressions of reality. Faced with these images that are now emerging, one has the immediate awareness that they are expressions of reality.
[ 21 ] Was hat man denn eigentlich gemacht, indem man diesen Prozeß vollzogen hat? Man hat das Innere seines Seelenlebens so verstärkt, daß dieses Seelenleben sein bilderbildendes Vermögen gleichsam zur Blüte gebracht hat. Und was man hervorgebracht hat, hat man geopfert, hingegeben, von sich losgelöst, sich selber entrissen. Man hat gleichsam sein Seelenblut sich entrissen, der Welt übergeben und bekommt es wieder zurück. So wie man in der physischen Welt eine Hand ausstreckt, etwas berührt und dadurch Kunde erlangt von dem, was man berührt hat, so streckt man seine Seelenkräfte aus, man sendet sie von sich weg, sie verbinden sich mit der geistigen Welt, und es kommt etwas aus der geistigen Welt zurück.
[ 21 ] What, then, has one actually accomplished by undergoing this process? One has strengthened the innermost core of one’s soul life to such an extent that this soul life has, as it were, brought its image-forming capacity to full bloom. And what one has brought forth, one has sacrificed, surrendered, detached from oneself, and torn from oneself. One has, as it were, torn one’s soul’s blood from oneself, handed it over to the world, and receives it back again. Just as one extends a hand in the physical world, touches something, and thereby gains knowledge of what one has touched, so one extends one’s soul forces, sends them out from oneself; they connect with the spiritual world, and something returns from the spiritual world.
[ 22 ] Es wurde schon öfter der Einwand erwähnt, daß man sich da auch Illusionen hingeben könne, denn man wisse, daß die Seele bei sensitiven Menschen imstande ist, dieses oder jenes zu empfinden, auch wenn in Wirklichkeit objektiv gar nichts da ist. So gibt es zum Beispiel Menschen, die den Geschmack einer Limonade empfinden, wenn sie nur daran denken und gar keine Limonade trinken. Nun, das ist durchaus richtig. Aber dennoch wird eine gesunde Seele unterscheiden können zwischen einer bloß gedachten und einer wirklichen Limonade; den Geschmack kann man haben, aber man kann mit einer eingebildeten Limonade seinen Durst nicht löschen. Einen solchen Einwand gibt es ja auch gegen den Gedanken der Schopenhauerschen Philosophie, daß die Welt nur unsere Vorstellung sei. Ich will die Schopenhauersche Philosophie nicht herabsetzen, die ich anerkenne in ihrer Bedeutung, was Sie ja schon daraus ersehen können, daß ich selber eine SchopenhauerAusgabe gemacht habe. Aber der triviale Einwand ist doch richtig, der besagt, man könne sich noch so sehr die Vorstellung eines 1000 Grad heißen Stahles machen, man werde sich an diesem Stahl doch nicht die Hände verbrennen können: man wird sich aber verbrennen, wenn man einen wirklichen Stahl von tausend Grad Celsius anfaßt. Man wird am Leben unterscheiden können zwischen Phantasie, Vorstellung und Wirklichkeit. Einen anderen Beweis hat man in der Sinneswelt nicht. Und so ist es auch in der geistigen Welt. Wenn man hineinkommt in die geistige Welt, dann kommt das in ganz anderer Weise zurück, was man hinuntergeschickt hat in den Bereich des Vergessens und ist nun Ausdruck für jene geistigen Wesenheiten und Tatsachen, die hinter der physischen Sinneswelt sind. Man gewinnt Vorstellungen, die man sich nicht selber gegeben hat. Denn die Vorstellungen, die man sich selber gegeben hat, waren nur zur Übung da.
[ 22 ] The objection has often been raised that one could be succumbing to illusions here, since we know that the soul of sensitive people is capable of perceiving this or that, even when, objectively speaking, nothing is actually there. For example, there are people who perceive the taste of lemonade simply by thinking about it, without actually drinking any. Well, that is certainly true. But nevertheless, a healthy soul will be able to distinguish between a merely imagined lemonade and a real one; one may experience the taste, but one cannot quench one’s thirst with an imagined lemonade. A similar objection is also raised against the idea in Schopenhauer’s philosophy that the world is merely our imagination. I do not wish to disparage Schopenhauer’s philosophy, whose significance I acknowledge—as you can already see from the fact that I myself have edited a Schopenhauer collection. But the trivial objection is nevertheless correct: it states that no matter how vividly one imagines steel that is 1,000 degrees hot, one will still not be able to burn one’s hands on that steel—but one will burn oneself if one touches real steel that is 1,000 degrees Celsius. In life, one can distinguish between fantasy, imagination, and reality. There is no other proof in the sensory world. And so it is in the spiritual world as well. When one enters the spiritual world, what one has sent down into the realm of oblivion returns in a completely different way and is now an expression of those spiritual beings and realities that lie beyond the physical sensory world. One gains concepts that one has not formed oneself. For the concepts one has formed oneself were merely for practice.
[ 23 ] So werden einem Wahrheiten gegeben aus der geistigen Welt, nachdem die Seele zuerst durch das Mittel einer bloß gedachten, man möchte sagen einer phantastischen Vorstellungswelt hindurchgegangen ist – nicht um etwas zu erkennen, sondern um die Seele zu erziehen, damit sie stark wird, um das wahrzunehmen, was sie nur wahrnehmen kann durch andere Kräfte als die des gewöhnlichen Seelenlebens. Auf diese Weise wird ein erhöhtes Erkenntnisvermögen erzielt, das Seelenleben wird konzentrierter, verdichteter. Man lebt dann sozusagen nur in einer Welt des Erkennens. Alle Vorstellungen von geistigen Wesenheiten, die man auf diese Weise gewinnt, zeichnen sich durch eine ungeheure Wirklichkeitsgetränktheit aus. Sie sind viel aktiver als die Eindrücke der äußeren Sinneswelt und erheben dennoch nicht den Anspruch, ohne weiteres schon geglaubt zu werden. Wie es sich damit verhält, wollen wir gleich sehen.
[ 23 ] Thus, truths are revealed to us from the spiritual world after the soul has first passed through a world of purely mental—one might say, fantastical—imaginations—not in order to recognize anything, but to educate the soul so that it may become strong enough to perceive what it can perceive only through powers other than those of ordinary soul life. In this way, a heightened capacity for knowledge is attained; the life of the soul becomes more concentrated and intensified. One then lives, so to speak, solely in a world of knowledge. All the images of spiritual beings gained in this way are characterized by an immense sense of reality. They are much more vivid than the impressions of the external sensory world, and yet they do not claim to be believed without further consideration. We shall see shortly how this works.
[ 24 ] Vorher muß aber noch als wichtig wiederholt werden: Wenn die Bilder dieser imaginativen Welt, die man sich selbst gemacht hat, zuerst auftreten, bevor man diese ganze sinnbildliche Welt hinuntergeschickt hat in das Vergessen, so sind sie vieldeutig, orakelhaft, und der ist auf bösem Wege, der diesen vieldeutigen Dingen so ohne weiteres glaubt, der sich ohne weiteres auf sie einläßt. Selbst dann, wenn mit allen Mitteln der geisteswissenschaftlichen Schulung solche Bilder zunächst erreicht sind, ist es unmöglich, ihnen ohne weiteres einen Wahrheitswert beizumessen. Erst wenn sie wiederum zurückkommen und volle Eindeutigkeit zeigen, dann sind sie Ausdruck der geistigen Welt.
[ 24 ] But first, it is important to reiterate the following: If the images of this imaginative world—which one has created for oneself—first appear before one has consigned this entire symbolic world to oblivion, then they are ambiguous, oracular; and anyone who believes these ambiguous things so readily, who readily engages with them, is on the wrong path. Even when such images are initially attained through all the means of spiritual scientific training, it is impossible to attribute any truth value to them without further reflection. Only when they return and reveal full clarity are they an expression of the spiritual world.
[ 25 ] Es wird sehr häufig der Glaube gehegt, daß geistige Forschung so leichthin zu haben sei, und da werden dann viele Einwände geschmiedet. Es wird zum Beispiel gesagt: Wie muß äußere Wissenschaft sich plagen, was muß sie alles tun, um zu ihren Resultaten zu kommen. Und da kommen diese Geistesforscher und wollen alles wissen, indem sie einfach mit ihrer Seele untertauchen in die geistige Welt. – Nun, erstens wird kein wahrer Geistesforscher jemals etwas anderes behaupten als das, was er wirklich erforscht hat, und zweitens ist die innere Seelenarbeit, die jetzt kurz skizziert worden ist, nicht so zu beobachten wie die Arbeit in den Laboratorien und auf den Sternwarten, aber sie ist viel intensiver als die dort geleistete Arbeit. Der gewissenhafte Geistesforscher wird gegenüber solchen Einwänden immer wieder sagen: Das ist Rederei; die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse werden wahrhaftig nicht leichter als Dinge der äußeren Wissenschaft errungen, sondern mühsam und allmählich.
[ 25 ] It is very commonly believed that spiritual research is something that can be attained so easily, and this gives rise to many objections. For example, it is said: Just how much effort must external science expend, and what must it do to arrive at its results? And then these spiritual researchers come along and want to know everything simply by immersing their souls in the spiritual world. – Well, first of all, no true spiritual researcher will ever claim anything other than what he has actually investigated; and secondly, the inner work of the soul, which has just been briefly outlined, cannot be observed in the same way as the work done in laboratories and observatories, but it is much more intense than the work performed there. The conscientious spiritual researcher will repeatedly respond to such objections by saying: This is mere rhetoric; spiritual scientific insights are truly no easier to attain than those of external science, but are gained through painstaking and gradual effort.
[ 26 ] Das, was beschrieben worden ist, das kann innerhalb gewisser Grenzen von jeder heutigen Seele ohne Schaden vorgenommen werden. Es gibt heute schon Methoden, durch die man langsam und allmählich in die geistige Welt hineinkommt – sie sind in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? » beschrieben –, so daß das, was bei einem schnellen Hineinkommen erschreckend wirken könnte, nicht eintritt, sondern daß man in ruhiger und gelassener Weise in die geistige Welt eintreten kann. Auch ist dieser Weg zur Erkenntnis der Wahrheiten des geistigen Lebens aus dem Grunde gefahrlos und sicherer als alles andere, weil ja das Bewußtsein nicht etwa herabgedämpft wird. Wir werden nicht eingeschläfert, sondern wir werden immer wacher und wachsamer gemacht in unserem Seelenleben. Jeden Schritt, den wir machen, vollführen wir mit vollem Bewußtsein, mit einem viel stärkeren Bewußtsein als im Alltagsleben. Wenn daher von Gefahren bei dieser wirklichen Geistesforschung gesprochen würde, dann eben nur, wenn man nichts davon weiß, daß alle Schritte viel bewußter gemacht werden als selbst im alltäglichen Leben.
[ 26 ] What has been described here can be undertaken by any soul today, within certain limits, without harm. There are already methods today through which one can enter the spiritual world slowly and gradually—they are described in my book *How Does One Gain Insights into the Higher Worlds?*—so that what might seem frightening if one were to enter too quickly does not occur, but rather one can enter the spiritual world in a calm and serene manner. Furthermore, this path to the knowledge of the truths of spiritual life is, by its very nature, safe and more secure than any other, because consciousness is not, as it were, dulled. We are not lulled to sleep, but rather we are made ever more awake and alert in our soul life. Every step we take, we take with full consciousness—with a much stronger awareness than in everyday life. Therefore, if anyone were to speak of dangers in this genuine spiritual research, it would be only because they are unaware that every step is taken with far greater consciousness than even in everyday life.
[ 27 ] Anders ist es nun, wenn die Kräfte der Seele nicht zur Erkenntnis verwendet werden, sondern zu etwas anderem. Und das kann geschehen. Wir haben gesehen, daß der Erkenntnisweg der Geistesforschung auf Konzentration, auf Verdichtung und Verstärkung der Seelenkräfte beruht. Aber es können dieselben Kräfte, wenn nicht auf Erkenntnis hingearbeitet wird, sondern wenn mehr der Wille und das Gemüt aufgerufen werden, zu dem Gegenbild der imaginativen Erkenntnis führen. Und dieses Gegenbild der imaginativen Erkenntnis ist vorhanden im sogenannten Mediumismus, beim Medium. Es gibt eigentlich keinen stärkeren Gegensatz zu dem geisteswissenschaftlich Erkennenden, der mit erhöhtem Bewußtsein in die geistige Welt hineingeht, als das Medium.
[ 27 ] The situation is different, however, when the powers of the soul are not directed toward knowledge but toward something else. And that can happen. We have seen that the path of knowledge in spiritual research is based on concentration, on the intensification and strengthening of the soul’s powers. But if these same powers are not directed toward knowledge—but rather if the will and the emotions are called upon—they can lead to the opposite of imaginative knowledge. And this opposite of imaginative knowledge is found in so-called mediumship, in the medium. There is, in fact, no stronger contrast to the spiritual scientist who enters the spiritual world with heightened consciousness than the medium.
[ 28 ] Beim Medium werden gerade die Kräfte, die beim Geistesforscher bewußt sein müssen, in die Willenssphäre, in die Gemütssphäre hinuntergedrängt. Das Bewußtsein wird abgestumpft, hinuntergedämmert, und die Folge davon ist ein gewisser Grad von Unbewußtheit, wenigstens von Benommenheit; der Betreffende, der diese Kräfte in seine Gemütskräfte hineingießt, ohne sich der Kräfte voll bewußt zu sein, durch die der Geistesforscher in die geistige Welt schaut, wird nun als Medium mit herabgedämmertem Bewußtsein Dinge vornehmen, um in dem, was er spricht oder sonst zum Ausdruck bringt, direktes Hereinwirken der geistigen Welt bezeugen zu können. Damit ist nicht gesagt, daß durch das Medium nicht geistige Dinge zutage treten und Dinge erforscht werden können – selbstverständlich sind hier nur solche Fälle gemeint, wo jeder Schwindel und jede Scharlatanerie ausgeschlossen ist. Es kommen da schon Kräfte zutage, die uns in das Wesen der Seele hineinführen, soweit diese Seele körperlos ist, zum Beispiel nach dem Tode. Aber es muß doch betont werden, daß der Mensch als Geistesforscher sich ganz in der Gewalt hat, während das Medium in Abhängigkeit kommt von der Umgebung, besser gesagt, es läßt sich abhängig machen. Und wenn auch zuweilen richtige Ergebnisse zutage treten können, die nicht anzuzweifeln sind, so muß doch gesagt werden, daß entsprechende Forschungen auf diesem Gebiete nur möglich sind, wenn sie mit absoluter Beherrschung aller einschlägigen Gesetze vorgenommen werden. Denn da kommt man allerdings in gefährliche Dinge hinein, an die eine äußere Wissenschaft nicht heran kann und deshalb laienhaft darauf hinstarrt. Es ist Mediumismus eben das Gegenbild des imaginativen Erkennens. Aber innerhalb gewisser Grenzen, wie eben gesagt, ist es möglich, weiteren Kreisen die Überzeugung zu bringen von etwas, das schwierig mitzuteilen ist. Wichtige Dinge können da schon zutage gefördert werden, und es muß schon als bedeutungsvoll anerkannt werden, wenn sich jemand auf dieses Gebiet wagt. Wer sich darüber näher unterrichten will, sei verwiesen auf das Buch «Das Mysterium des Menschen» von Ludwig Deinhard, auch auf die Schrift «Die Kardinalfrage der Menschheit » von Hofrat Seiling. Wie gesagt, diese Dinge sind durchaus bedeutungsvoll. Aber zugleich darf man nicht außer acht lassen, daß der Weg zur Wahrheit gepflastert sein muß nach dieser Richtung hin mit allen möglichen notwendigen Vorsichtsmaßregeln.
[ 28 ] In the case of the medium, the very forces that must be conscious in the spiritual researcher are pushed down into the sphere of the will and the sphere of the emotions. Consciousness becomes dulled, dimmed, and the result is a certain degree of unconsciousness, or at least a state of drowsiness; the person in question, who channels these forces into his emotional faculties without being fully aware of the very forces through which the spiritual researcher gazes into the spiritual world, will now, as a medium with a drowsy consciousness, undertake certain actions in order to bear witness to the direct influence of the spiritual world in what he speaks or otherwise expresses. This is not to say that spiritual matters cannot come to light through the medium or that things cannot be investigated—of course, only those cases are meant here where any fraud or charlatanism is ruled out. Forces do indeed come to light here that lead us into the very essence of the soul, insofar as that soul is disembodied—for example, after death. But it must be emphasized that the human being, as a spiritual researcher, remains fully in control of himself, whereas the medium becomes dependent on the environment—or rather, allows himself to be made dependent. And even if genuine results that are beyond doubt may occasionally come to light, it must nevertheless be said that such research in this field is only possible if it is conducted with absolute mastery of all relevant laws. For here one does indeed venture into dangerous territory that external science cannot approach and therefore stares at it with a layman’s gaze. Mediumship is, in fact, the antithesis of imaginative cognition. But within certain limits, as just mentioned, it is possible to convince a wider audience of something that is difficult to communicate. Important insights can indeed be brought to light in this way, and it must certainly be recognized as significant when someone ventures into this field. Those who wish to learn more about this are referred to the book *The Mystery of Man* by Ludwig Deinhard, as well as to the treatise *The Cardinal Question of Humanity* by Hofrat Seiling. As mentioned, these matters are indeed significant. But at the same time, one must not overlook the fact that the path to truth in this direction must be paved with all possible necessary precautions.
[ 29 ] So sehen wir, daß der Mensch auf dem Wege zu einer höheren Erkenntnisfähigkeit zunächst ein intensiveres, regeres Bewußtsein gewinnt als im gewöhnlichen Leben. Wir sehen aber auch, daß das Gegenbild dazu im Mediumismus auftritt, wo die Kräfte ins menschliche Wesen unmittelbar hineinwirken, so daß der Mensch mit gedämpftem Bewußtsein spricht oder schreibt nach Anleitung einer geistigen Welt, wenn er eben ein Medium ist. Nicht durch irgendwelche Definitionen, sondern dadurch, daß man die Dinge schildert, wie sie sind, wie sie erlebt werden, dadurch erhält man einen Begriff von Wahrheit und Irrtum in bezug auf die geistige Forschung.
[ 29 ] Thus we see that, on the path to a higher capacity for knowledge, a person first gains a more intense and active consciousness than in ordinary life. But we also see that the opposite of this occurs in mediumship, where spiritual forces act directly upon the human being, so that when a person is a medium, they speak or write with a subdued consciousness under the guidance of the spirit world. It is not through any definitions, but by describing things as they are, as they are experienced, that one gains an understanding of truth and error in relation to spiritual research.
[ 30 ] Nun müssen wir weiter gehen als bis zur bloßen imaginativen Erkenntnis. Die nächste Stufe – bitte stoßen Sie sich nicht an dem Wort, das eben nur eine Bezeichnung sein soll – wird genannt die inspirierte Erkenntnis. Sie tritt dann ein, wenn der Mensch immer wieder und wieder seine Imaginationen in die Untergründe hinuntergeschickt hat, auch schon Erkenntnisse gewonnen hat auf diesem ersten Wege und dadurch seine inneren geistigen Kräfte immer stärker und stärker geworden sind. Dann tritt für den Menschen ein Zustand ein, in dem er Gestaltloses wahrnimmt, das in nichts mehr erinnert an irgend etwas, was man in der physischen Welt durch den Verstand wahrnehmen kann. Die imaginative Welt hat noch viel Ähnlichkeit mit unserem eigenen Seelenleben, zum Beispiel dann, wenn die Vorstellungen zurückkommen, die man hinuntergeschickt hat, in Farben und Bildern auftreten, auch in ähnlichen Gestalten, wie sie in der äußeren Welt gesehen werden. Man hat es dann schwer, Täuschung von Wirklichkeit zu unterscheiden. Aber die inspirierte Welt, zu der man sich nun hinaufentwickelt, hat gar nichts mehr, was irgendeine Eigenschaft der Sinnenwelt sein könnte. Dagegen tritt auf dieser Stufe des geistigen Erkennens etwas auf, was sich damit vergleichen läßt, wenn der Mensch sich selber zuhört bei seinem eigenen Sprechen. Dieses Bewußtsein hat man unmittelbar. Man hat in höherem Maße als vorher das Bewußtsein, daß man bei allem dabei ist, daß man Wesen und Tatsachen der geistigen Welt nur erkennt, wenn man in sie untertaucht und sie miterlebt, so wie man seine eigenen Worte nur sprechen kann, wenn man seine eigenen Organe dazu gebraucht. Über diese Tatsache, wenn sie Wahrheit ausdrücken soll, darf man sich keiner Täuschung hingeben: Du bist es selbst, der sein Bewußtsein in alles hat hineindringen lassen und dessen Eigenleben in den anderen Dingen und Tatsachen auftaucht. Weil dies so ist, deshalb gehört zu den Vorbereitungen einer wahren Geistesforschung die Möglichkeit, in dem, was man selber in der Seele hervorbringt und wovon man ganz genau weiß, man ist der eigene Schöpfer, in dem nichts anderes zu sehen, als das, was eigener Willkür entspringt.
[ 30 ] Now we must go beyond mere imaginative insight. The next stage—please do not take offense at the word, which is meant to be merely a label—is called inspired insight. It occurs when a person has repeatedly sent their imaginations down into the deeper realms, has already gained insights through this first path, and as a result, their inner spiritual powers have grown stronger and stronger. Then a state sets in for the person in which they perceive formless things that bear no resemblance whatsoever to anything that can be perceived in the physical world through the intellect. The imaginative world still bears a great deal of resemblance to our own soul life, for example when the images one has sent down return, appearing in colors and pictures, and even in forms similar to those seen in the outer world. It then becomes difficult to distinguish illusion from reality. But the inspired world, toward which one is now evolving, no longer possesses anything that could be a characteristic of the sensory world. In contrast, at this stage of spiritual cognition, something arises that can be compared to a person listening to their own voice as they speak. One has this awareness directly. One has, to a greater degree than before, the awareness that one is present in everything; that one can recognize beings and facts of the spiritual world only by immersing oneself in them and experiencing them firsthand, just as one can speak one’s own words only by using one’s own organs. If this fact is to express the truth, one must not succumb to any delusion: it is you yourself who have allowed your consciousness to penetrate into everything, and whose own life emerges in the other things and realities. Because this is so, one of the prerequisites for true spiritual research is the ability to see nothing in what one oneself brings forth in the soul—and of which one knows full well that one is its own creator—other than that which springs from one’s own will.
[ 31 ] Der Mensch weiß, wenn er spricht, daß er Worte, Sätze bilden kann, daß er sich aussprechen kann nach seinen willkürlichen eigenen Affekten und Leidenschaften, je nachdem, was ihm gefällt oder mißfällt. Er weiß aber auch, daß es schon im gewöhnlichen Leben eine Möglichkeit gibt, nicht nur das vorzubringen, was einem angenehm ist, sondern von dem zu sprechen, was sich mit Notwendigkeit ergibt, zu sprechen, indem man der Notwendigkeit der Wahrheit gehorcht. Hier muß man einsetzen. Diese Ausbildung des Gefühls für die Wahrheit ist das Wesentlichste für die inspirierte Erkenntnis. Man kann auf diesem Gebiete nur etwas erreichen, wenn man immer wieder dahin arbeitet, aus seiner Seele herauszureißen mit aller Gewalt, was eigene Meinung, eigene Vorliebe ist, herauszureißen alles das, was man gerne hätte, daß es sich in irgendeiner bestimmten Weise verhält. Diese Empfindungen kann man ausbilden. Sie führen allein zu einer wahrhaften Erkenntnis auf diesem Gebiete. Es soll gleich ein Beispiel genannt werden.
[ 31 ] When a person speaks, he knows that he can form words and sentences, that he can express himself according to his own arbitrary emotions and passions, depending on what pleases or displeases him. But they also know that even in everyday life there is a possibility not only to express what is pleasant to them, but to speak of what arises out of necessity—to speak by obeying the necessity of truth. This is where one must begin. This cultivation of a sense for truth is the most essential element for inspired insight. One can achieve something in this area only by working repeatedly to tear out of one’s soul with all one’s might one’s own opinions and preferences—to tear out everything one would like to see happen in a certain way. These sensibilities can be cultivated. They alone lead to true insight in this area. An example will be given immediately.
[ 32 ] Zu den für das menschliche Leben allerwichtigsten Fragen gehört die Erkenntnis über die Unsterblichkeit der Seele, über das bleibende Wesen der menschlichen Seele über Geburt und Tod hinaus. Woran könnte die menschliche Seele mehr interessiert sein als an dieser Frage. Aus Interesse heraus wendet sich der Mensch dieser Frage zu. Nun sagt ein alter Weisheitsspruch der Geisteswissenschaft: Erst der kann eine wirkliche Erkenntnis über die Unsterblichkeit gewinnen, der es so weit gebracht hat, daß es ihm gleich erträglich, gleich sympathisch ist, ob er unsterblich ist oder nicht. Vorher trübt das Interesse die wirkliche Erkenntnis. Erst wenn man sich so geschult hat, seine Empfindungen so geregelt hat, daß man den Gedanken «du gehst mit dem Tode ins Nichts über» ebenso ertragen kann wie den Gedanken «du lebst weiter nach dem Tode» –, erst dann ist es möglich, zu einer objektiven Erkenntnis durch Inspiration über die Unsterblichkeit der Seele zu kommen. Es ist eine schwierige innere Arbeit, seine Empfindungen so zu regeln.
[ 32 ] Among the most crucial questions for human life is the understanding of the immortality of the soul—the enduring nature of the human soul beyond birth and death. What could the human soul be more interested in than this question? Out of interest, human beings turn to this question. Now, an ancient saying from spiritual science states: Only those who have progressed to the point where it is equally bearable and equally appealing to them whether they are immortal or not can gain true insight into immortality. Before that, interest clouds true insight. Only when one has trained oneself and regulated one’s feelings to such an extent that one can bear the thought “you pass into nothingness with death” just as easily as the thought “you live on after death”—only then is it possible to arrive at an objective insight into the immortality of the soul through inspiration. It is a difficult inner task to regulate one’s feelings in this way.
[ 33 ] So handelt es sich bei der inspirierten Erkenntnis darum, die Seele in eine gewisse Stimmung zu bringen, namentlich gegenüber dem, was sie ertragen kann oder was sie nicht gerne erträgt. Der Mensch bildet sich oft ein, er könne das eine so gut ertragen wie das andere. Da muß er immer wieder durch erneute Seelenprüfung gehen, um nach und nach eine solche Stimmung der Gelassenheit zu entwickeln, die dann die Möglichkeit einer objektiven Erkenntnis gibt.
[ 33 ] Thus, inspired insight is about bringing the soul into a certain state of mind, particularly with regard to what it can endure or what it does not readily endure. People often imagine that they can endure one thing just as well as another. They must therefore repeatedly undergo a renewed examination of the soul in order to gradually develop a state of serenity that then makes objective insight possible.
[ 34 ] Wenn der Geistesforscher bis zur Imagination gelangt ist, dann gewinnt er eine Anschauung über Wesenheiten der geistigen Welt, die so geartet sind, daß sie gleich sind mit unserer Seele selber. Aber unsere Seele ist aber hier in der physischen Welt mit einem physischen Leib verknüpft. Von diesem müssen wir absehen, wenn wir Wesenheiten erkennen wollen, die nicht bis zur physischen Leiblichkeit kommen. Geistige Wesen und Tatsachen sind schon auf dem Wege der Imagination zu erreichen. Auf dem Wege der Inspiration muß alles das erreicht werden, was sich auf Wesen bezieht, die mit tätig sind an den äußeren Naturerscheinungen. Die äußere Naturwissenschaft, wenn sie sich ihrer Grenzen bewußt ist, kennt Gesetze und nimmt Kräfte an, die da wirken. Aber die geistige Erkenntnis erkennt hinter alledem, was in der Natur tätig ist, Wesenheiten, welche gleichsam die Elemente dirigieren und die Erscheinungen der Natur bewirken. Das, was das eigentliche Schöpferische ist in der Welt, was die Erscheinungen, die äußeren materiellen Dinge hervorbringt, das ist nur jener Erkenntnisart zugänglich, zu der die allmählich erstarkende Seele dadurch kommt, daß sie ihr eigenes Wesen wirklich völlig abgegeben hat und lernt, ganz in den Wesen selber drinnen zu leben.
[ 34 ] When the spiritual researcher has reached the stage of imagination, he gains insight into beings of the spiritual world that are of such a nature that they are one and the same with our own soul. But here in the physical world, our soul is bound to a physical body. We must set this aside if we wish to perceive beings that do not extend to the level of physical embodiment. Spiritual beings and realities can already be reached through the process of imagination. Through the process of inspiration, we must attain an understanding of all that pertains to beings who are active in the external phenomena of nature. External natural science, when it is aware of its limits, recognizes laws and posits forces that are at work there. But spiritual knowledge perceives, behind all that is active in nature, beings who, as it were, direct the elements and bring about the phenomena of nature. That which is the actual creative force in the world—that which brings forth phenomena and external material things—is accessible only to that kind of knowledge which the gradually strengthening soul attains by truly surrendering its own being completely and learning to live entirely within the beings themselves.
[ 35 ] Dann kommt die Stufe der Intuition, da gelangt der Geistesforscher zum wahren Miterleben der Taten der schöpferischen Mächte, die dem materiellen Dasein zugrundeliegen, die geistiger Art sind, aber in Raum und Zeit sich verkörpern können, entweder in der großen Natur oder als einzelne begrenzte Wesen. Wir haben es bei der gewöhnlichen Erkenntnis nur mit unserer eigenen Seele zu tun. Die Seele, die unser Geistiges ist, geht von Erdenleben zu Erdenleben. Wir leben ein Leben von der Geburt oder Empfängnis bis zum Tod, dann zwischen Tod und einer neuen Geburt im rein Geistig-Seelischen, dann wieder ein Leben zwischen Geburt und Tod und so weiter. Da haben wir es mit dem Seelischen zu tun.
[ 35 ] Then comes the stage of intuition, at which point the spiritual researcher attains a true shared experience of the actions of the creative powers that underlie material existence—powers that are of a spiritual nature but can manifest themselves in space and time, either in the great natural world or as individual, finite beings. In ordinary cognition, we deal only with our own soul. The soul, which is our spiritual essence, passes from one earthly life to the next. We live a life from birth or conception until death, then between death and a new birth in the purely spiritual-soul realm, then again a life between birth and death, and so on. Here we are dealing with the soul.
[ 36 ] Wenn man die imaginative Erkenntnis genügend ausbildet, wenn man sich Zeit läßt, bis man wirklich zum Unterscheidungsvermögen kommt zwischen dem, was aus der eigenen Seele kommt und dem, was aus den Untergründen hervorkommt, dann kann man dahin kommen, zu unterscheiden zwischen dem, was diesem einen Leben angehört und dem, was herüberkommt aus verflossenen Erdenleben. Man kommt durch eine fortschreitende imaginative Erkenntnis zu einem Einblick in vergangene Erdenleben. Das ist verhältnismäßig leicht zu erreichen. Aber es beschränkt sich diese Erkenntnis auf die eigene Seele, die von einem Leben zum anderen geht. Viel schwieriger ist es, irgend etwas zu wissen über die früheren Leben eines anderen Menschen. Denn wenn man jemandem gegenübertritt, hat man es mit einem physischen Leib zu tun, mit einem äußeren Materiellen, in dem er lebt, und die Seele, die darin das Schöpferische ist, kann ja, wir wir gesehen haben, nur erkannt werden in der Intuition. Daher muß bis zu dieser höchsten Stufe der Erkenntnis aufgestiegen werden, wenn es möglich werden soll, hineinzublicken in die wiederholten Erdenleben eines anderen Menschen. Diese Erkenntnis der wiederholten Erdenleben anderer Menschen gehört zum allerschwierigsten, was erreicht werden kann. Dieselbe Tatsache mag noch aus etwas anderem hervorgehen.
[ 36 ] If one develops imaginative perception sufficiently, if one takes the time until one truly develops the ability to distinguish between what comes from one’s own soul and what emerges from the depths, then one can come to distinguish between what belongs to this present life and what comes over from past earthly lives. Through progressive imaginative insight, one gains insight into past earthly lives. This is relatively easy to achieve. But this insight is limited to one’s own soul, which passes from one life to the next. It is much more difficult to know anything about another person’s past lives. For when one encounters another person, one is dealing with a physical body—an outer, material form in which that person lives—and the soul, which is the creative force within it, can, as we have seen, only be recognized through intuition. Therefore, one must ascend to this highest level of knowledge if it is to become possible to look into the repeated earthly lives of another person. This knowledge of the repeated earthly lives of other people is among the most difficult things that can be attained. The same fact may also emerge from something else.
[ 37 ] Man kann, statt den Weg durch die Imagination zu wählen, der, wie geschildert wurde, durch Meditation und Konzentration führt, allerdings durch einen anderen Weg der Selbsterkenntnis in gewisser begrenzter Weise in die geistige Welt hineinkommen. Wenn der Mensch das, was man das Gesetz des Karma nennt, kennt und wenn er nicht bloß weiß, sondern wenn er in sich erlebt, daß wir das, was uns passiert, durch vergangene Erdenleben selbst herbeigeführt haben, das heißt wenn diese Selbsterkenntnis mit der Karma-Idee verquickt wird und man sich darin übt, sich auf seine eigenen Schicksalsschläge und Fähigkeiten immer wieder und wiederum zu besinnen, dann kann es auch zu einer Art von Imagination kommen, aber zu einer subjektiven, persönlichen, die nicht zu objektiven Wahrheiten führt und nicht für jeden Menschen gelten kann. Dieser Weg führt uns allerdings nur zu Erkenntnissen über uns selber. Wir schließen uns in unserer eigenen Seele ab. Wir können vielleicht auch bis zu einer gewissen Erkenntnis früherer Erdenleben fortschreiten, aber es bleibt ziemlich viel Ungewisses dabei. Aber niemals können wir zu objektiven Erkenntnissen kommen, die sich auf einen anderen Menschen beziehen.
[ 37 ] Instead of choosing the path through imagination—which, as described, leads through meditation and concentration—one can, to a certain limited extent, enter the spiritual world through another path of self-knowledge. If a person understands what is called the law of karma—and if they not only know but also experience within themselves that we ourselves have brought about what happens to us through past earthly lives— that is, when this self-knowledge is fused with the concept of karma and one trains oneself to reflect again and again on one’s own trials and abilities, then a kind of imagination may also arise—but a subjective, personal one that does not lead to objective truths and cannot apply to every human being. This path, however, leads us only to insights about ourselves. We shut ourselves off within our own souls. We may even be able to progress to a certain understanding of past lives, but a great deal of uncertainty remains. Yet we can never arrive at objective insights that apply to another person.
[ 38 ] Will man einen wirklichen Begriff haben von den Wahrheiten der geistigen Welt, dann muß man bedenken: Wie lernt man das Wahre erkennen? Da muß man unterscheiden lernen zwischen Wirklichkeit und Wahrheit. Man lernt eine neue Welt kennen, aber Kennenlernen und Beurteilen ist nicht dasselbe, es ist grundverschieden. Man kann vieles in der geistigen Welt erleben, man kann in der Lage sein, vieles zu erzählen aus ihr; die Dinge, die man erzählt, können wirkliche Bilder sein, das Bild kann wirklich richtig geschaut sein – wahr braucht es deshalb nicht zu sein. Und so paradox es klingt, so muß gesagt werden, daß es nun etwas Unerläßliches, etwas außerordentlich Wichtiges ist, daß derjenige, der in diese geistige Welt eintreten will, sich das Beurteilungsvermögen aus der gewöhnlichen Welt mitbringt. Wer gelernt hat, in der gewöhnlichen Welt gesunden Menschenverstand zu entwickeln, wer sich selber nichts vormacht und nichts vormachen läßt in der gewöhnlichen Welt, der wird auch in die geistige Welt den gesunden Menschenverstand hineintragen und die Dinge, die er dort sieht, in der richtigen Weise beurteilen. Erst durch das, was man so hineinträgt an Urteilskraft, wird die Wirklichkeit zur Wahrheit. Urteilskräfte können nicht in der geistigen Welt ausgebildet werden; die muß man mitbringen. Und man darf sagen: Der in der gewöhnlichen Welt logisch Denkende wird auch Richtiges und Wahres in der geistigen Welt finden. Wer ein Tor ist in der gewöhnlichen Welt und unlogisch denkt, der wird noch törichter und noch unlogischer denken, wenn er sein törichtes Denken auf die Dinge der geistigen Welt richtet. Das Allernotwendigste, wenn der Mensch eine Entscheidung fällen will über Wahrheit oder Irrtum in der geistigen Welt, ist die Ausbildung von gesundem Wahrheitssinn und gesunder Beobachtungsgabe in der physischen Welt. Wer nicht mit Aufmerksamkeit, mit gesunder Beobachtungsgabe beachtet, wie die Dinge in der physischen Welt verlaufen, wer in der physischen Welt ungenau verfährt, dem darf man am allerbesten gar nichts glauben, wenn er von der geistigen Welt erzählt. Denn wahr werden die Dinge aus der geistigen Welt erst, wenn sie sich mit unserem Wahrheitssinn berühren. Und dann ist ein gewisser moralischer Sinn notwendig, eine gewisse moralische Seelenverfassung. Wer mit einer moralischen Seelenverfassung in die geistige Welt eintritt, wird mit den gesunden Kräften der geistigen Welt in Beziehung kommen und Wahrheiten kennenlernen. Derjenige aber, der mit unmoralischen Kräften, namentlich mit einem nicht penibel ausgebildeten Wahrheitssinn hineinkommt, wird alles verzerrt, karikiert in der geistigen Welt sehen und deshalb auch so mitteilen. Das gilt nicht nur für den Geistesforscher selber bei der Erforschung der Dinge der geistigen Welt, sondern ganz besonders dann, wenn der Geistesforscher vor ein Publikum, vor eine Zuhörerschaft, eine Bekennerschaft tritt.
[ 38 ] If one wants to have a true understanding of the truths of the spiritual world, one must ask oneself: How does one learn to recognize the truth? One must learn to distinguish between reality and truth. One comes to know a new world, but coming to know it and judging it are not the same thing; they are fundamentally different. One can experience many things in the spiritual world; one may be able to recount many things from it; the things one recounts may be genuine images, and the image may indeed have been perceived correctly—yet that does not necessarily make it true. And as paradoxical as it sounds, it must be said that it is absolutely essential—and of the utmost importance—that anyone who wishes to enter this spiritual world bring with them the power of judgment they have developed in the ordinary world. Whoever has learned to develop common sense in the ordinary world—who does not delude themselves or allow themselves to be deluded in the ordinary world—will also carry that common sense into the spiritual world and judge the things they see there in the proper way. It is only through the power of judgment one brings with them that reality becomes truth. The power of judgment cannot be developed in the spiritual world; one must bring it with them. And it is fair to say: Those who think logically in the ordinary world will also find what is right and true in the spiritual world. Anyone who is foolish in the ordinary world and thinks illogically will become even more foolish and think even more illogically when they direct their foolish thinking toward the things of the spiritual world. The absolute necessity, when a person wishes to make a decision regarding truth or error in the spiritual world, is the development of a sound sense of truth and sound powers of observation in the physical world. Anyone who does not observe with attention and a sound power of observation how things unfold in the physical world—anyone who acts carelessly in the physical world—should, at best, not be believed at all when speaking of the spiritual world. For things from the spiritual world only become true when they resonate with our sense of truth. And then a certain moral sense is necessary—a certain moral disposition of the soul. Whoever enters the spiritual world with a moral state of mind will come into contact with the healthy forces of the spiritual world and come to know truths. But the one who enters with immoral forces—namely, with a sense of truth that has not been meticulously developed—will see everything in the spiritual world as distorted and caricatured, and will therefore communicate it as such. This applies not only to the spiritual researcher himself when investigating matters of the spiritual world, but especially when the spiritual researcher appears before an audience, a group of listeners, or a community of followers.
[ 39 ] Was heute erreicht werden soll, das ist, eine Empfindung hervorzurufen von den Wahrheitswegen in die geistige Welt. Beruht doch alles Forschen in der geistigen Welt auf der Ausbildung gewisser Kräfte, die in der Seele schlummern; und Kräfte, die verknüpft sind mit dem Ich des Menschen, das Sympathien und Antipathien hat, können ihm die Wahrheit verdunkeln. Im äußeren Leben wirkt das Leben selber kontrollierend und korrigierend. Wenn wir falsch denken zum Beispiel über die Richtung des Weges, den wir nach Hause zu gehen haben, so korrigiert uns die äußere Wirklichkeit; wir kommen dann nicht nach Hause, wenn wir die falsche Richtung eingeschlagen haben. Für den Geistesforscher ist die Richtung der Wahrheit nur gegeben durch, die Richtung der Seele selber. Daher muß erst die von diesem subjektiven menschlichen Ich unabhängige Wahrheit in der Seele ausgebildet werden, das heißt, die Seele muß über sich selbst hinauswachsen, wenn sie zum Geistesforscher werden soll.
[ 39 ] What we aim to achieve today is to evoke a sense of the paths of truth leading into the spiritual world. After all, all exploration of the spiritual world is based on the development of certain powers that lie dormant in the soul; and powers that are linked to the human ego—which has sympathies and antipathies—can obscure the truth from the individual. In external life, life itself acts as a controlling and correcting force. If, for example, we think incorrectly about the direction of the path we must take to get home, external reality corrects us; we will not reach home if we have taken the wrong direction. For the spiritual researcher, the direction of truth is given only by the direction of the soul itself. Therefore, the truth—which is independent of this subjective human “I”—must first be developed within the soul; that is, the soul must transcend itself if it is to become a spiritual researcher.
[ 40 ] Ein Weiteres ist, daß ja die Ergebnisse der Geistesforschung mitgeteilt werden müssen. So wie das, was die äußere Wissenschaft erforscht, nicht jeder selbst im Laboratorium oder auf der Sternwarte erforschen kann, so kann auch nicht jeder alle Resultate der Geistesforschung selbst gewinnen, obwohl in unserer Gegenwart jeder eigentlich einen Weg bis zu einem gewissen begrenzten Ziel hierin machen kann. Aber derjenige, der ihn nicht machen will oder nicht kann, der kann auch nicht einwenden, daß er nur den Geistesforschern überlassen muß, etwas über die geistige Welt zu wissen. Da kann das Vorurteil entstehen, über das wir übermorgen noch sprechen wollen, daß der Geistesforscher ein ganz besonderes Tier sei, das sich einfach dadurch als ein wertvollerer Mensch erweise, weil er in die geistige Welt hineinschauen kann. Wir werden sehen, daß das den Wert des Menschen gar nicht erhöht, daß der Wert des Menschen von etwas ganz anderem abhängt. Und es würde sogar sehr nützlich sein, wenn gerade diese Wahrheit allgemeine Verbreitung fände, daß derjenige, der sich zum Träger geisteswissenschaftlicher Erkenntnis macht, durchaus nicht für irgend etwas Besonderes zu gelten hat, etwa für eine Autorität oder dergleichen. Dagegen entsteht für den wahren Geistesforscher die Verpflichtung, das, was erforscht werden kann, in die Begriffe und Ideen des gesunden Menschenverstandes der Kultur seiner Zeit einzusenken.
[ 40 ] Another point is that the results of spiritual research must be communicated. Just as not everyone can personally investigate what external science studies in a laboratory or observatory, neither can everyone arrive at all the results of spiritual research on their own, even though in our time everyone can actually make some progress toward a certain limited goal in this area. But those who do not want to or cannot make that progress cannot object that they must leave it solely to spiritual researchers to know anything about the spiritual world. This can give rise to the prejudice—which we will discuss the day after tomorrow—that the spiritual researcher is a very special kind of person who proves himself to be a more valuable human being simply because he can look into the spiritual world. We will see that this does not at all increase a person’s worth; a person’s worth depends on something entirely different. And it would even be very useful if this very truth were widely disseminated—that the person who makes himself a bearer of spiritual-scientific knowledge is by no means to be regarded as anything special, such as an authority or the like. On the other hand, the true spiritual researcher is under an obligation to translate what can be researched into the concepts and ideas of the common sense of the culture of his time.
[ 41 ] Und das ist sogar eine schwierige Aufgabe, einen Ausdruck für das zu finden, was man in der geistigen Welt schaut, so daß jeder unbefangene Mensch die Ergebnisse verstehen kann. Denn man darf auch nicht glauben – und das ist wiederum eine wichtige Wahrheit-, daß der Geistesforscher für die Sicherheit oder für die Kraft seiner eigenen Seele etwas davon hat, was er in der geistigen Welt erschaut. Das ist, wenn ich mich trivial ausdrücken darf, eben nur etwas zum Anschauen. Ein Gut der Seele, eine Nahrung der Seele wird es erst dann, wenn das Geschaute in gewöhnlichen Begriffen und Ideen ausgedrückt und begreiflich gemacht wird. Zum Beispiel die Idee über die Unsterblichkeit der Seele ist erst dann etwas wert, wenn nicht bloß die Tatsache geschaut wird, sondern wenn das, was geschaut worden ist, in gewöhnliche Begriffe gebracht ist. Und nur von diesen Begriffen und Ideen hängt das Schicksal unserer Seele ab, hängt es ab, daß wir Kraft haben. Wenn es dem Geistesforscher gelingt, die geschauten Wahrheiten in den Gesetzen des gesunden Menschenverstandes und der Logik zu formulieren, dann haben sie für ihn denselben Wert wie für die anderen Menschen. Solange er nur hineinschauen kann in die geistige Welt, hat er für sein Seelenleben nichts davon. Erst wenn er die Dinge so sagen kann, daß der andere sie mit seiner Logik begreift und versteht, erst dann hat er auch selbst etwas davon. Also auch für sich erwirbt der Geistesforscher ein Seelengut erst dadurch, daß der andere, der nicht selber forschen kann, ihn versteht. Daher ist die wesentliche Aufgabe der Einfügung der Geistesforschung in die Kultur nicht die Ausbildung des Geistesforschers, sondern die Möglichkeit, die geisteswissenschaftlichen Ergebnisse dem gesunden Menschenverstand und der ganzen Zeitkultur so zu übergeben, daß jeder Unbefangene sie begreifen kann.
[ 41 ] And it is, in fact, a difficult task to find a way to express what one perceives in the spiritual world so that any open-minded person can understand the results. For one must not believe—and this, in turn, is an important truth—that the spiritual researcher derives any benefit for the security or strength of his own soul from what he beholds in the spiritual world. To put it simply, it is merely something to look at. It only becomes a benefit to the soul, nourishment for the soul, when what has been seen is expressed in ordinary concepts and ideas and made comprehensible. For example, the idea of the immortality of the soul is only of value when not merely the fact is perceived, but when what has been perceived is expressed in ordinary terms. And the fate of our soul depends solely on these concepts and ideas; it is on them that our strength depends. If the spiritual researcher succeeds in formulating the truths he has perceived in accordance with the laws of common sense and logic, then they have the same value for him as they do for other people. As long as he can only look into the spiritual world, it brings him no benefit for his inner life. Only when he can express things in such a way that others can grasp and understand them through their own logic—only then does he himself benefit from them. Thus, the spiritual researcher also acquires spiritual wealth for himself only when others—who cannot conduct such research themselves—understand him. Therefore, the essential task of integrating spiritual research into culture is not the training of the spiritual researcher, but rather the ability to present the findings of spiritual science to common sense and the culture of the times in such a way that anyone with an open mind can grasp them.
[ 42 ] Man begreift sie in einer ganz besonderen Art, die wir uns durch einen Vergleich klar machen wollen. Nehmen wir an, wir haben ein Bild vor uns. Vor diesem können wir so stehen, daß wir es nur anschauen, eben verständnislos. Wir können aber auch so vor ihm stehen, daß wir es auf uns wirken lassen, und nach einiger Zeit, nachdem unsere Seele sich recht mit dem Bilde vereinigt hat, verstehen wir, was darinnen steckt. Dafür brauchen wir selbstverständlich nicht die Fähigkeit zu haben, das Bild selbst zu malen. Und ebenso wäre es deplaciert, wenn jemand sagte: Du mußt das Bild soundso anschauen, dann kann ich dir beweisen, daß das Bild dieses oder jenes ausdrückt. Wer uns durch Beweise zum Verständnis des Bildes führen will, der würde, wenn wir überhaupt kunstverständig sind, uns zur Verzweiflung bringen, aber nicht uns das Bild begreiflich machen können. Das Begreifen des Bildes hängt davon ab, daß vom Bilde etwas überspringt in unsere Seele, und das ist unabhängig von dem, was der Maler können muß, um es zu malen. So ist es auch bei dem, was der Geistesforscher erforscht in der geistigen Welt, und dem, was er in Ideen, in Begriffen vor den anderen Menschen vorbringt.
[ 42 ] We comprehend them in a very special way, which we will try to clarify through a comparison. Let’s suppose we have a picture in front of us. We can stand before it simply looking at it, without really understanding it. But we can also stand before it in such a way that we let it work its way into us, and after some time, once our soul has truly united with the painting, we understand what lies within it. Of course, we do not need to have the ability to paint the picture ourselves to do this. And likewise, it would be out of place if someone were to say: “You must look at the painting in such-and-such a way, then I can prove to you that the painting expresses this or that.” Anyone who tries to lead us to an understanding of the painting through proofs would—if we have any understanding of art at all—drive us to despair, but would not be able to make the painting comprehensible to us. Understanding the painting depends on something from the painting leaping into our soul, and this is independent of what the painter must be able to do in order to paint it. The same is true of what the spiritual researcher explores in the spiritual world and what he presents to other people in ideas and concepts.
[ 43 ] Sie finden, meine sehr verehrten Anwesenden, [auf dem Büchertisch] zwei Bücher von mir. In dem einen Buch, «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? », sind die Wege geschildert, wie man die Seele üben kann, damit sie in geistige Welten hinaufrückt. In dem anderen Buch, «Die Geheimwissenschaft im Umriß», finden Sie in der ersten Partie Ergebnisse der Geisteswissenschaft. So gut ich konnte, habe ich dort versucht, das Erforschte so zu formulieren, daß nun jeder Zeitgenosse – selbstverständlich tut es nicht jeder, aber jeder Zeitgenosse könnte es tun –, der die Dinge unbefangen und mit gesundem Menschenverstand ansieht, sie einsehen und begreifen kann, zum Beispiel den Hergang bei der Erdenbildung und der Menschheitsentwicklung und so weiter. Wir haben in diesen Büchern also zweierlei vor uns: einmal den Weg in die geistige Welt hinein, dann fertig geschildert die Ausgestaltung der gewonnenen Ergebnisse in Begriffe und Ideen, die jeder Mensch begreifen kann.
[ 43 ] Ladies and gentlemen, you will find [on the book table] two books I have written. One of them, *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, describes the ways in which one can train the soul so that it may ascend into the spiritual worlds. In the other book, *An Outline of Esoteric Science*, you will find, in the first part, the findings of spiritual science. To the best of my ability, I have attempted there to formulate the findings in such a way that any contemporary—of course, not everyone does, but any contemporary could—who views these matters impartially and with common sense can understand and grasp them, for example, the process of the Earth’s formation and the development of humanity, and so on. So in these books we have two things before us: first, the path into the spiritual world; and second, a complete description of how the findings have been shaped into concepts and ideas that every person can grasp.
[ 44 ] Ich verstehe es selbstverständlich sehr gut, daß Leute kommen und sagen: Ja, das kann niemand begreifen, denn das ist Phantastik. – Gewiß, bei den Leuten, die nicht genau darauf eingehen, ist das möglich. Wenn aber jemand genau darauf eingeht, dann kann das eintreffen, was mir wirklich passiert ist. Ein sehr verständiger und gescheiter Mann hat gesagt, man könne das, was in meinen Büchern steht, sehr gut verstehen, so gut, daß jemand durch bloße Logik darauf kommen könne. – Nun, erforscht werden können die Dinge ja nicht mit der gewöhnlichen Logik, aber wenn sie erforscht sind, können sie durch die gewöhnliche Logik eingesehen werden. Nun sagte aber jener Mann weiter: Ich kann so schwer glauben, daß diese Dinge aus der geistigen Welt heraus genommen sind, denn sie machen mir einen so glaubwürdigen Eindruck, daß sie auf bloß logischem Wege erreicht werden können ohne Einblick in die geistige Welt. – Nun sagte ich ihm, daß ich das als einen Vorzug des Buches ansehe und mich freue, wenn mir die Darstellung so gelungen ist.
[ 44 ] Of course, I understand very well that people come along and say: “Yes, no one can grasp that, because it’s fantasy.”—Certainly, that’s possible for people who don’t examine it closely. But if someone does examine it closely, then what actually happened to me could happen to them as well. A very sensible and intelligent man once said that what is written in my books can be understood very well—so well, in fact, that one could arrive at it through logic alone. —Well, these things cannot, of course, be investigated using ordinary logic, but once they have been investigated, they can be understood through ordinary logic. But that man went on to say: “I find it so hard to believe that these things are drawn from the spiritual world, for they make such a credible impression on me that they seem to be attainable by purely logical means without any insight into the spiritual world.”—Well, I told him that I regard this as a merit of the book and am pleased if I have succeeded in presenting it in this way.
[ 45 ] Das führt uns wiederum zu dem, was der Maler können muß. Der Geistesforscher muß in der geistigen Welt erkennen; wenn er dann das Erkannte bearbeitet, herunterbringt, einkleidet in Begriffe, dann steht es vor uns wie das Bild des Malers. Dann kommt der Augenblick, wo derjenige, der diese Ergebnisse der geistigen Welt auf sich wirken läßt, die Sache unmittelbar begreift, versteht, ohne daß er selber forschen muß in der geistigen Welt; und dann kann man wohl unterscheiden, ob man sich dabei einem Glauben hingibt oder der Überzeugungskraft dessen, was in Worte gebracht ist.
[ 45 ] This brings us back to what the painter must be able to do. The spiritual researcher must perceive the spiritual world; when he then processes what he has perceived, brings it down, and clothes it in concepts, it stands before us like the painter’s picture. Then comes the moment when the person who allows these findings from the spiritual world to take effect upon them immediately grasps and understands the matter without having to investigate the spiritual world themselves; and then one can clearly distinguish whether one is surrendering to a belief or to the persuasive power of what has been put into words.
[ 46 ] Die Wege der Wahrheit werden noch mehr charakterisiert werden können, wenn wir übermorgen dazu kommen, den für diese Betrachtung fast wichtigeren Teil, die Quellen der Irrtümer der Geistesforschung ins Auge zu fassen. Das aber, was bei der Geistesforschung immer in Betracht kommt, das möge schon heute am Schluß dieses Vortrages vor unsere Seele treten.
[ 46 ] We will be able to characterize the paths of truth even more fully when, the day after tomorrow, we turn our attention to the part that is almost more important for this discussion: the sources of error in spiritual research. But let us now, at the end of this lecture, turn our attention to what is always a consideration in spiritual research.
[ 47 ] Es ist gesagt worden, dass, wenn der Geistesforscher zuletzt zu der formulierten Wahrheit über die übersinnlichen Welten kommt, dann jeder, der unbefangen an sie herantritt, sie in ihrer Überzeugungskraft auf sich wirken lassen kann. Dann aber, wenn dies geschieht, dann ist die Summe der geistigen Wahrheiten eine Nahrung für die Seele, dann erlangen wir dadurch etwas, ohne das unsere Seele auf die Dauer nicht leben kann. Man kann der Seele die geistige Nahrung entziehen, nicht aber den Hunger nach geistiger Nahrung. Und wenn der Mensch auch gedankenlos dahinlebt und nichts wissen will von der geistigen Nahrung, der Hunger nach ihr bleibt bestehen, obwohl der Mensch sich nicht klar darüber ist, wo die Quelle liegt – nämlich darin, daß er nicht an die geistige Welt herantreten will. Wenn dieser Hunger nicht gestillt wird, zerstört er das ganze Seelenleben; das zeigt sich in allen möglichen krankhaften Erscheinungen unserer Zeit.
[ 47 ] It has been said that when the spiritual researcher finally arrives at the formulated truth about the supersensible worlds, anyone who approaches it with an open mind can allow its persuasive power to take effect upon them. But when this happens, the sum of spiritual truths becomes nourishment for the soul; through it, we gain something without which our soul cannot live in the long run. One can deprive the soul of spiritual nourishment, but not of its hunger for it. And even if a person lives thoughtlessly and wants nothing to do with spiritual nourishment, the hunger for it remains, although the person is not clear about where the source lies—namely, in the fact that he or she does not want to approach the spiritual world. If this hunger is not satisfied, it destroys the entire life of the soul; this is evident in all manner of pathological phenomena of our time.
[ 48 ] Durch die äußere Wissenschaft lernen wir erkennen, daß wir im Leibe bestimmte Substanzen haben, die dieselben sind wie draußen im Weltraum. Durch die Geisteswissenschaft fühlen wir uns ruhend im Ganzen der Welt. Wir erkennen, daß das, was in unserer Seele lebt und innig zusammenhängt mit unserem Wohl und Wehe, daß das eins ist mit dem Geistig-Seelischen der ganzen Welt, das durch allen Raum und alle Zeiten verbreitet ist. Und in unserem geistigen Teil erkennen wir, was draußen in der ganzen Welt wirksam ist. Dann fühlen wir, was eine solche Erkenntnis für unsere Seele sein kann, was sie unserer Seele an Kraft und Sicherheit und Gesundheit geben kann.
[ 48 ] Through the natural sciences, we come to recognize that we have certain substances in our bodies that are the same as those found out there in outer space. Through spiritual science, we feel at rest within the whole of the world. We realize that what lives in our soul—and is intimately connected with our well-being and suffering—is one with the spiritual and soul-life of the entire world, which is spread throughout all space and all time. And in our spiritual nature, we recognize what is at work out there in the whole world. Then we feel what such an insight can mean for our soul, what it can give our soul in terms of strength, security, and health.
[ 49 ] In zwei Aussprüchen, zwei Lebenskernsprüchen, können wir das zusammenfassen. Goethe wollte einmal zeigen, daß das Auge des Menschen für das Licht gebaut sein müsse – ein Gedanke, der auch durch Philosophen ausgesprochen worden ist – und daß die Seele innerlich ein Geistiges haben müsse. Das wollte er zeigen mit dem schönen Ausspruch:
[ 49 ] We can summarize this in two sayings, two aphorisms that capture the essence of life. Goethe once sought to show that the human eye must be designed to perceive light—an idea that has also been expressed by philosophers—and that the soul must possess an inner spiritual quality. He sought to demonstrate this with the beautiful saying:
Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?
If the eye were not like the sun,
How could we see the light?
If God’s own power did not live within us,
How could the divine delight us?
[ 50 ] Aber Goethe hat auch hinzugefügt, daß der Mensch einmal ein augenloses Wesen war und daß die Sonne da sein mußte, damit der Mensch Augen haben konnte – daß also das Licht das Auge geschaffen hat. Wahr ist es, daß alles dunkel wäre ohne Auge; es muß das Licht dagewesen sein, um das Auge zu bilden. Und so wie das Auge durch das Licht gebildet ist, so ist der Geist des Menschen durch den Geist gebildet, der die ganze Welt durchdringt. Und wir dürfen sagen: Gerade an so etwas erkennt man die Einseitigkeit tiefer bedeutender Wahrheiten. Wahr ist es, daß in uns Licht und Geist veranlagt sein müssen, wenn wir Licht und Geist wahrnehmen wollen. Wahr ist es, daß die ganze Welt lichtvoll sein muß, wenn ein Organ des Lichtes in einem Wesen durch dieses Licht gebaut werden soll, und wahr ist es, daß die ganze Welt dem Geist ihren Ursprung verdanken muß, wenn im Menschen der Geist auftauchen soll.
[ 50 ] But Goethe also added that human beings were once eyeless creatures and that the sun had to exist for humans to have eyes—that is, that light created the eye. It is true that everything would be dark without the eye; light must have been present to form the eye. And just as the eye is formed by light, so is the human spirit formed by the spirit that permeates the entire world. And we may say: It is precisely in such things that one recognizes the one-sidedness of profound truths. It is true that light and spirit must be inherent within us if we are to perceive light and spirit. It is true that the entire world must be filled with light if an organ of light is to be formed within a being through this light, and it is true that the entire world must owe its origin to the spirit if the spirit is to emerge within human beings.
[ 51 ] Wahr ist aber auch, wenn man zu dieser tiefen, aber einseitigen Wahrheit hinzufügt die andere Wahrheit, die hervorgeht aus unserer Betrachtung und diese ganz im Goetheschen Sinne zusammenfaßt:
[ 51 ] It is also true, however, that if we add to this profound but one-sided truth the other truth that emerges from our reflection and summarizes it entirely in the spirit of Goethe:
Wäre die Welt nicht sonnenbegabt,
Wie könnten Augen den Wesen erblühn?
Wäre das Dasein nicht Gottesenthüllung,
Wie kämen Menschen zur Gotteserfüllung!
If the world were not blessed with the sun,
How could eyes blossom in living beings?
If existence were not a revelation of God,
How could people attain fulfillment in God!
Fragenbeantwortung
Question and Answer
Frage: Ist auf geisteswissenschaftlichem Wege etwas über die vierte Dimension und höhere Dimensionen erarbeitet worden?
Question: Have the humanities produced any findings regarding the fourth dimension and higher dimensions?
[ 52 ] Rudolf Steiner: Das ist nicht leicht zum Verständnis zu bringen. Der Mensch geht aus von dem, was er aus der physisch-sinnlichen Welt kennt, und da hat der Raum drei Dimensionen. Der Mathematiker bildet sich, wenigstens theoretisch, Vorstellungen über eine vierte Dimension und höhere Dimensionen, indem er die Vorstellungen vom dreidimensionalen Raum analytisch erweitert durch veränderliche Größen. Dadurch kann man zunächst im mathematischen Denken von höheren Mannigfaltigkeiten sprechen. Wenn jemand vertraut ist mit diesen Sachen, das heißt, wer mit dem Herzen dabei ist und zugleich mit der Mathematik vertraut ist, für den ergibt sich vieles. Es sei hingewiesen auf die Arbeiten von Oskar Simony in Wien.
[ 52 ] Rudolf Steiner: This is not easy to explain. People start from what they know of the physical-sensory world, where space has three dimensions. Mathematicians form—at least theoretically—concepts of a fourth dimension and higher dimensions by analytically extending the concepts of three-dimensional space through variable quantities. This makes it possible, at least in mathematical thinking, to speak of higher manifolds. For someone familiar with these matters—that is, someone who is deeply engaged with them and at the same time well-versed in mathematics—much becomes clear. Reference should be made to the work of Oskar Simony in Vienna.
[ 53 ] Zunächst ist das nur eine Vorstellung. Die Anschauung kommt, wenn man in die geistige Welt eintritt. Da besteht die reale Notwendigkeit, sich gleich in mehr als drei Dimensionen hineinzufinden. Denn alles, was bildhaft vorgestellt wird, also noch mit dem Charakteristikum der drei Dimensionen, ist nichts anderes als ein Spiegelbild der eigenen inneren Seelenvorgänge. In den höheren Welten sind ganz andere Raumverhältnisse, wenn man sie überhaupt noch Raumverhältnisse nennen kann, ebenso ist es in bezug auf die Zeit. Das sollten vor allem diejenigen berücksichtigen, die immer sagen und man erlebt ja solche «vortrefflichen» Einwände gar viele –, daß das, was über die geistige Welt behauptet wird, nichts als Halluzinationen seien. Daß man auf dem Gebiet der Geistesforschung mit Dingen arbeitet, die etwas ganz anderes sind als Halluzinationen, das wird nicht berücksichtigt.
[ 53 ] At first, this is merely an idea. The actual perception comes when one enters the spiritual world. There, there is a real necessity to orient oneself immediately in more than three dimensions. For everything that is imagined pictorially—that is, still bearing the characteristics of three dimensions—is nothing other than a reflection of one’s own inner soul processes. In the higher worlds, spatial relationships are entirely different—if one can even still call them spatial relationships—and the same is true with regard to time. This should be taken into account above all by those who always say—and one does indeed encounter many such “excellent” objections—that what is claimed about the spiritual world is nothing but hallucinations. The fact that spiritual research deals with phenomena that are something entirely different from hallucinations is not taken into account.
[ 54 ] Diese Frage gibt Gelegenheit, das im Vortrag Gesagte zu ergänzen, nämlich hinzuweisen auf die Umänderung, die die Dinge in bezug auf Zeit und Raum erfahren, wenn sie in die geistige Welt kommen. Man kann ja in einem Vortrag nicht alles sagen, und er hat heute schon sehr lange gedauert. Wenn die Bilder [der Imagination], die man gleichsam hinuntergeschickt hat in den Orkus, wieder zurückkommen, so hat das, was da zurückkommt, überhaupt nur dann einen Sinn, wenn man es mehrdimensional anspricht. Das ist einem dann aber so natürlich und selbstverständlich wie eben das Dreidimensionale in der sinnlichen Welt. Darum paßt eben die gewöhnliche Geometrie nicht für die Dinge der geistigen Welt.
[ 54 ] This question provides an opportunity to expand on what was said in the lecture, namely to point out the transformation that things undergo in terms of time and space when they enter the spiritual world. After all, one cannot say everything in a single lecture, and today’s lecture has already gone on for quite a long time. When the images [of the imagination] that have been, as it were, sent down into the underworld return, what comes back only makes sense if one approaches it in a multidimensional way. But this then seems as natural and self-evident as the three-dimensional world of the senses. That is why ordinary geometry is not suitable for the things of the spiritual world.
[ 55 ] Für Mathematiker muß gesagt werden, daß die Spekulationen über die vierte Dimension dann anfangen, einen realen Wert zu haben. Gewöhnlich [werden die höheren Dimensionen] aber nur als Verallgemeinerung [des dreidimensionalen Raumes] gedacht, nicht aus der Realität heraus, der diese [Räume] nicht ganz entsprechen. Man muß dann eigentlich eine noch bessere Mathematik haben, wenn man etwa rechnen wollte in den Dingen, mit denen der Geistesforscher zu tun hat.
[ 55 ] For mathematicians, it must be said that speculations about the fourth dimension then begin to have real significance. Usually, however, [higher dimensions] are conceived merely as a generalization [of three-dimensional space], not based on reality, to which these [spaces] do not fully correspond. One would actually need an even more advanced form of mathematics if one wanted, for example, to perform calculations involving the subjects with which the researcher of the spirit deals.
[ 56 ] Aber die hier gestellte Frage ist doch mit Ja zu beantworten. Korrelationen zu einer übersinnlichen Welt, auch Unendlichkeitsvorstellungen, die in der Mathematik herrschen, werden zur Wirklichkeit, namentlich Dinge aus dem Grenzgebiet der Mathematik. Ich habe zum Beispiel einmal die Erfahrung gemacht, daß ich wie ein plötzliches Aufleuchten Einsicht in eine außerordentlich wichtige Eigenschaft des Astralraums hatte, als ich, vor jetzt vielen Jahren, auf der Hochschule mit neuerer Geometrie, wie man sie damals nannte, und analytischer Mechanik beschäftigt war.
[ 56 ] But the question posed here must be answered in the affirmative. Correlations to a supersensory world—including concepts of infinity that prevail in mathematics—become reality, particularly those things on the frontier of mathematics. For example, I once had the experience of suddenly gaining insight—as if in a flash of inspiration—into an extraordinarily important property of astral space when, many years ago now, I was studying modern geometry, as it was called at the time, and analytical mechanics at the university.
[ 57 ] Daß bei einer unendlichen Geraden der unendliche Fernpunkt links identisch ist mit dem unendlichen Fernpunkt rechts, daß eine Gerade in Wirklichkeit ein Kreis ist und man, wenn man nur nicht die Puste verliert und genügend lange der Geraden entlangläuft, auf der anderen Seite wieder zurückkommt – das kann man einsehen, aber [man sollte] nicht Schlüsse daraus ziehen. Schlüsse führen zu nichts in der geistigen Forschung. Man muß die Dinge auf sich wirken lassen, das führt in die Erkenntnis der übersinnlichen Welt. Wie überhaupt das Mathematische nicht überschätzt werden soll, wenn es sich um die übersinnliche Welt handelt. Das Mathematische nützt nur formal; es ist keine Möglichkeit, zur Realität zu kommen. Aber das Mathematische kann eingesehen werden bloß durch die Kräfte innerhalb der Seele selber, und es gilt auch für jeden anderen Menschen. Dies hat die Mathematik mit der Geisteswissenschaft gemeinsam.
[ 57 ] That on an infinite straight line, the infinite far point on the left is identical to the infinite far point on the right; that a straight line is in reality a circle; and that, if one simply does not run out of steam and walks along the straight line long enough, one will come back out on the other side—one can see this, but [one should] not draw conclusions from it. Conclusions lead nowhere in spiritual research. One must allow things to take effect upon oneself; this leads to the knowledge of the supersensible world. In general, mathematics should not be overestimated when it comes to the supersensible world. Mathematics is useful only in a formal sense; it is not a means of reaching reality. But mathematics can be understood solely through the powers within the soul itself, and this applies to every other human being as well. This is what mathematics has in common with spiritual science.
Frage: Wie decken sich physischer Leib, Astralleib, Ich?
Question: How do the physical body, the astral body, and the “I” relate to one another?
[ 58 ] Rudolf Steiner: Nun, diese Dinge werden einem erst ganz klar, wenn man jahrelang Geisteswissenschaft getrieben hat. Die Dinge sind nicht so einfach, und was man einfach hinstellt, klingt dann, nun, sagen wir, wie ein Orakel. Die Dinge der Geisteswissenschaft können nicht dogmatisch genommen werden, wenn man sie jemals verstehen will. Der Schlaf ist zum Beispiel von mir dadurch geschildert worden, daß ich sagte: Physischer Leib und Ätherleib liegen im Bett, und Astralleib und Ich rücken heraus. – Wie müssen wir so etwas nehmen? Zunächst als ein Bild. Als Bild ist es richtig. Sofern es manchmal so klingen mag, daß diesem Bild eine Tatsache zugrundeliegt, so ist das doch nur ganz einseitig. Es ist möglich, daß man die Sache genau entgegengesetzt beschreibt, indem man sagt: Im Wachen sind das Ich und der Astralleib in gewisser Hinsicht außerhalb des physischen Leibes.
[ 58 ] Rudolf Steiner: Well, these things only become completely clear to one after years of studying spiritual science. Things are not so simple, and what one states simply then sounds, well, let’s say, like an oracle. The subjects of spiritual science cannot be taken dogmatically if one ever wants to understand them. Sleep, for example, has been described by me as follows: The physical body and the etheric body lie in bed, and the astral body and the “I” step out. – How should we interpret something like this? First of all, as a metaphor. As a metaphor, it is correct. Although it may sometimes sound as if this metaphor is based on a fact, that is only a very one-sided view. It is possible to describe the matter in exactly the opposite way, by saying: In the waking state, the I and the astral body are, in a certain sense, outside the physical body.
