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Truths and Errors in Spiritual Research
GA 69a

27 November 1912, Munich

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Truths and Errors in Spiritual Research, tr. SOL
  1. Wahrheiten und Irrtümer der Geistesforschung

5. Irrtümer der Geistesforschung

5. Errors in Spiritual Research

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Es ist gewiß auf jedem Gebiet des Denkens und Lebens nicht nur wünschenswert, sondern notwendig, neben den Eigenschaften der Wahrheit auch die Eigenschaften und Quellen des Irrtums kennenzulernen. Denn zweifellos ist es ja oftmals nur durch die Erkenntnis der Irrtumquellen möglich, sich vor all den Hindernissen zu schützen, die sich dem Wahrheitssuchen entgegenstellen. Von ganz besonderer Notwendigkeit aber ist die Erkenntnis der Irrtumsquellen auf dem Gebiete der Geistesforschung, denn im Unterschied zu anderen Gebieten der Wahrheitsforschung lauert der Irrtum bei der Geistesforschung sozusagen an allen Ecken und Enden. Er lauert aber nicht nur als etwas, das sich leicht zu erkennen gibt, sondern als etwas, das in den meisten Fällen in Verkleidung, in Maskierung, ja, man darf sagen in recht schwer erkennbarer Form auftritt. Es lauert der Irrtum da wie ein Gegner, der nicht allein widerlegt sein will - wie es bei der äußeren, physischen Wahrheitsforschung der Fall ist -, sondern der von der Seele des Geistesforschers wirklich besiegt sein will. Und in vielen Fällen ist es so, daß man auf den Wegen der Geistesforschung nur dann zur Wahrheit kommen kann, wenn es einem wirklich gelingt, den Irrtum wie einen Gegner zu besiegen. Es ist hier vorgestern von mir ausgeführt worden, wie der Mensch, wenn er versucht, die Wege der Geistesforschung zu gehen, kein anderes Mittel hat, als die menschliche Seele selber zu einem Instrument zu machen, das vermitteln kann zwischen der menschlichen Erkenntnis und den übersinnlichen Welten. Die gewöhnliche Wissenschaft macht sich äußere Instrumente, mit denen sie ihre Experimente und Beobachtungen anstellt. Der Geistesforscher hat als Instrument nur dasjenige, was er aus seiner Seele selber machen kann, indem er die für das gewöhnliche physische Leben und Erkennen ja nicht notwendigen, aber in der Seele schlummernden Erkenntniskräfte aus dieser Seele herausholt und durch diese Erkenntniskräfte in die übersinnliche Welt eintritt.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! In every realm of thought and life, it is certainly not only desirable but necessary to understand not only the characteristics of truth but also the characteristics and sources of error. For there is no doubt that it is often only through an understanding of the sources of error that one can protect oneself from all the obstacles that stand in the way of the search for truth. However, an understanding of the sources of error is of particular necessity in the field of spiritual research, for unlike other fields of truth-seeking, error lurks, so to speak, at every turn in spiritual research. But it does not merely lurk as something that is easily recognized; rather, in most cases, it appears in disguise, masked—indeed, one might say, in a form that is quite difficult to discern. Error lurks there like an adversary who does not merely want to be refuted—as is the case in external, physical research into truth—but who truly wants to be vanquished by the soul of the spiritual researcher. And in many cases, it is true that one can only arrive at the truth on the paths of spiritual research if one truly succeeds in vanquishing error as an adversary. I explained here the day before yesterday how, when a person attempts to walk the paths of spiritual research, they have no other means than to make the human soul itself an instrument capable of mediating between human knowledge and the supersensible worlds. Ordinary science creates external instruments with which it conducts its experiments and observations. The spiritual researcher has as his only instrument that which he can create from his own soul—by drawing from the soul those powers of cognition that are not necessary for ordinary physical life and cognition but lie dormant within the soul, and by entering the supersensible world through these powers of cognition.

[ 2 ] Weiter ist vorgestern gezeigt worden, daß die Seele, wenn sie die charakterisierten Mittel auf sich anwendet, zuerst vordringt zur sogenannten imaginativen Erkenntnis und wie bereits da ein Irrtum lauert.Wenn die Seele zu dieser imaginativen Erkenntnis vordringt, durch welche sie sich befähigt fühlt, aus ihren tiefen Untergründen herauf Bilder, Imaginationen aufsteigen zu lassen, da lauert bereits der Irrtum, gegen den der Geistesforscher ankämpfen muß, der Irrtum, diese Bilderwelt für irgend etwas Objektives zu nehmen, für etwas, was außerhalb von ihm selbst in der Welt vorhanden ist. Es ist schon gesagt worden, daß alle Selbsterziehung des Geistesforschers dahin gehen muß, eine starke innere Willenskraft aufzuwenden, um das Vorurteil gar nicht erst aufkommen zu lassen, diese in der Seele aufsteigenden Bilder für etwas anderes zu nehmen als lediglich für ein Spiegelbild, gleichsam ein hinausgeworfenes Schattenbild der eigenen seelischen Erlebnisse. In dem Augenblick, wo die zunächst durch Meditation oder Konzentration aufsteigenden Bilder für etwas anderes genommen werden als für einen Ausdruck der Seele selbst, dann tritt sogleich der Irrtum auf. Und es ist auch gesagt worden, daß überwunden werden muß dasjenige, was da als imaginative Welt auftritt, daß es getilgt werden muß aus der Seele, hinuntersteigen muß wiederum in unergründliche Tiefen, und daß erst dadurch die Seele sich fähig macht, aus der Objektivität heraus die übersinnlichen Tatsachen und Wesenheiten vor sich hingestellt zu empfinden.

[ 2 ] Furthermore, it was shown the day before yesterday that when the soul applies the described methods to itself, it first advances to what is called imaginative knowledge, and how error already lies in wait there. When the soul advances to this imaginative cognition, through which it feels empowered to allow images and imaginations to rise up from its deepest depths, error is already lurking there—an error against which the spiritual researcher must struggle: the error of taking this world of images for something objective, for something that exists in the world outside of oneself. It has already been said that all self-training on the part of the spiritual researcher must be directed toward exerting a strong inner willpower to prevent the prejudice from arising in the first place—the prejudice of taking these images rising within the soul for anything other than merely a reflection, as it were, a projected shadow of one’s own soul experiences. The moment the images that initially arise through meditation or concentration are taken to be anything other than an expression of the soul itself, error immediately sets in. And it has also been said that what appears as the imaginative world must be overcome, that it must be eradicated from the soul, must descend once more into unfathomable depths, and that only through this does the soul enable itself to perceive the supersensible facts and beings set before it from a position of objectivity.

[ 3 ] So konnten wir die erste Stufe der übersinnlichen Erkenntnis charakterisieren, die imaginative Erkenntnis. Und als ein Gegenbild der imaginativen Erkenntnis wurde hingestellt das mediale Wesen des Menschen. Es ist natürlich nicht möglich, die Dinge, die vorgestern gesagt worden sind, heute alle zu wiederholen; es soll nur daran erinnert werden, daß auf mancherlei Bedenkliches des Medialen aufmerksam gemacht worden ist, und daß aus dem Nichterwähnen dieses Bedenklichen heute nicht der Schluß gezogen werden darf, als ob dieses Bedenkliche zu wenig berücksichtigt würde. Auch ist bereits gesagt worden, worin das mediale Wesen besteht. Während bei der imaginativen Erkenntnis die inneren Lebenskräfte der Seele verstärkt werden, das Bewußtsein kräftiger gemacht wird, sozusagen mehr innere Selbstkräfte hervorgeholt werden aus der Seele, als sonst im gewöhnlichen Leben vorhanden sind, muß beim medialen Wesen geradezu das Ich, das gewöhnliche Bewußtsein herabgedämpft werden, so daß beim Medium das gewöhnliche Vorstellungs- und Empfindungsleben aufhört und eine Art mehr oder weniger bewußtloser Zustand eintritt. Dadurch, daß so das Bewußtsein gleichsam herausgedrängt wird aus dem Medium, dadurch werden die Kräfte, die außer dem Bewußtsein in der menschlichen Natur vorhanden sind, man möchte sagen eingeschaltet in das allgemeine Weltenwesen, und dieses allgemeine Weltenwesen mit seinen geistigen Untergründen und Vorgängen wirkt dann unmittelbar herein in das, was im Medium lebt. Und dadurch ist das Medium imstande, sich zu offenbaren, aber es offenbart sich nicht die menschliche Individualität, sondern die hereinspielenden Kräfte und Vorgänge der Welt. Das Medium wird gleichsam der Offenbarer geistigen Wirkens und geistiger Taten von Wesenheiten der Welt. So stehen einander gegenüber die imaginative Erkenntnis mit der Erhöhung, Verstärkung, Konzentrierung des Bewußtseins - und das mediale Wesen mit mehr oder weniger Auslöschung des Bewußtseins.

[ 3 ] Thus we were able to characterize the first stage of supersensory knowledge: imaginative knowledge. And the mediumistic nature of the human being was presented as a counterpoint to imaginative knowledge. Of course, it is not possible to repeat everything that was said the day before yesterday; but it should simply be noted that attention has been drawn to various problematic aspects of the mediumistic nature, and that the fact that these problematic aspects are not mentioned today should not lead to the conclusion that they are being given too little consideration. It has also already been explained what the mediumistic nature consists of. While in imaginative cognition the soul’s inner life forces are strengthened, and consciousness is strengthened—that is to say, more inner powers are drawn forth from the soul than are ordinarily present in everyday life—in the mediumistic state, the “I,” or ordinary consciousness, must be actively subdued, so that the medium’s ordinary life of imagination and sensation ceases and a sort of more or less unconscious state sets in. Because consciousness is, as it were, pushed out of the medium in this way, the forces that exist in human nature beyond consciousness—one might say are integrated into the general fabric of the world—are activated, and this general fabric of the world, with its spiritual underpinnings and processes, then acts directly upon what lives within the medium. And through this, the medium is able to reveal itself; however, it is not the human individuality that is revealed, but rather the forces and processes of the world that are at work within it. The medium becomes, as it were, the revealer of spiritual activity and spiritual deeds of beings of the world. Thus, imaginative knowledge—with the elevation, intensification, and concentration of consciousness—stands in contrast to the mediumistic being, with a greater or lesser extinction of consciousness.

[ 4 ] Gehen wir zuerst auf die Irrtumsquellen des medialen Wesens ein. Diejenigen Menschen, die es lieben, durch die Offenbarungen von medialen Wesen Erkenntnisse zu gewinnen aus den Welten, die dann in die menschliche Natur hereinwirken, wenn das Bewußtsein ausgeschaltet ist, diese Menschen lehnen es in der Regel ab, daß die mediale Persönlichkeit in ihr Bewußtsein irgendwelche Lehren der Geisteswissenschaft, irgendwelche Begriffe, Vorstellungen und Ideen der Geisteswissenschaft aufnimmt. Das heißt, solche Forscher, die durch das mediale Wesen eine objektive Wahrheit erkennen wollen, die hereinwirkt durch die Kräfte des Mediums, die lieben es nicht, daß das Medium Vorstellungen über die geistige Welt gelernt hat. Und von ihrem Standpunkt aus haben diese Persönlichkeiten durchaus recht. Sie haben aus dem Grunde recht, weil die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft mit ihren scharf in die Seele sich einschreibenden Begriffen und Ideen das Bewußtsein auch stark in Anspruch nehmen, sich hereindrängen in das menschliche Bewußtsein; und dadurch ist es dann schwierig, wenn versucht wird, bei der medialen Persönlichkeit dieses Bewußtsein auszuschalten, diese starken Kräfte wirklich zum Schweigen zu bringen. Und man kann dann die Erfahrung machen, daß die mediale Persönlichkeit, statt dasjenige kundzugeben, was von ihrer eigenen Seele, von ihrer eigenen Individualität unabhängig ist, stattdessen nur das zur Offenbarung bringt, was zuvor als Geisteswissenschaft auf die Seele gewirkt hat. Und die Untersuchenden auf diesem Felde sind in der Regel sehr besorgt, ihre Medien freizuhalten von den Einflüssen geistiger Forschung, die durch das Medium dann geltend gemacht würden, anstelle der ohne die von menschlicher Individualität beeinflußten geistigen Kräfte, die bei unterdrücktem Bewußtsein sonst durch die Manifestation des Mediums zutage treten.

[ 4 ] Let us first address the sources of error in mediumship. Those people who love to gain insights through the revelations of mediumistic beings from the worlds that then influence human nature when consciousness is suspended generally reject the idea that the mediumistic personality should take into their consciousness any teachings of spiritual science, any concepts, notions, or ideas from spiritual science. That is to say, such researchers, who wish to recognize an objective truth through the medium—a truth that works its way in through the medium’s powers—do not like it when the medium has acquired concepts about the spiritual world. And from their point of view, these individuals are entirely correct. They are right for the reason that the insights of spiritual science, with their concepts and ideas that are deeply imprinted on the soul, also place heavy demands on consciousness and force their way into human consciousness; and this makes it difficult, when attempting to shut down this consciousness in the medium, to truly silence these powerful forces. And one may then observe that, instead of revealing what is independent of their own soul and their own individuality, the medium only brings to light what has previously influenced the soul through spiritual science. And researchers in this field are generally very concerned with keeping their mediums free from the influences of spiritual research, which would then be brought to bear through the medium, rather than the spiritual forces—uninfluenced by human individuality—that would otherwise come to light through the medium’s manifestation when consciousness is suppressed.

[ 5 ] Auch das würde nicht gut sein für Untersuchungen der medialen Persönlichkeit, wenn diese eine starke Phantasie hat, durch welche sie Verschiedenes in der Welt ausmalen kann. Denn alle starke Phantasie wirkt beträchtlich auf die Individualität und drängt sich durch, wenn das Bewußtsein herabgedämpft ist. So darf man sagen: Alles das, was aktiver, stark bewußter und schöpferischer Inhalt des Bewußtseins ist, das wirkt störend auf die Kundgebungen der medialen Persönlichkeit. Ja, es weiß jeder, der Erfahrung auf diesem Gebiete hat, daß in bezug auf die Phantasie, in bezug auf das Nachdenken stark begabte Persönlichkeiten eben schlechte mediale Persönlichkeiten sind. Wenn eine Persönlichkeit zum Beispiel dasjenige aufgenommen hat, was in meiner «Geheimwissenschaft» steht über die Entwicklung des Planetensystems, und man dann diese mediale Persönlichkeit dazu gewinnen kann, ihrerseits Kundgebungen zu machen, so wird man finden, daß das, was das Medium so gelernt hat, sich hineinmischt in seine Kundgebungen, während, wenn dies nicht der Fall ist, man durch das Medium, unbeeinflußt durch irgend etwas Gelerntes, die merkwürdigsten Resultate bekommen kann, die allerdings zuweilen im Ausdruck grotesk sind und sich sonderbar ausnehmen. Wenn man aber darauf eingeht, wenn man über den grotesken Ausdruck hinwegkommt, so zeigt es sich gerade bei medialen Persönlichkeiten gewisser Art, wie kosmische Zusammenhänge über die Evolution durch manchmal groteskes Zeug, das von der Persönlichkeit herrührt, zum Ausdruck kommen können. Für denjenigen, der Untersuchungen anstellen will mit Hilfe einer medialen Persönlichkeit, ist es vor allen Dingen notwendig, sich eine gewisse Praxis anzueignen, um zu unterscheiden den subjektiven, individuellen Bewußtseinsinhalt des Mediums von dem, was das Medium nicht wissen kann und sich dennoch durch es offenbart. Daher werden für trivialere Untersuchungen insbesondere diejenigen Manifestationen medialer Persönlichkeiten in Betracht kommen, bei denen man ganz genau weiß, das Medium gibt etwas kund, was es unmöglich bei seinem vollen Bewußtsein kundgeben könnte.

[ 5 ] That, too, would not be conducive to investigations of the mediumistic personality if the medium has a vivid imagination through which she can conjure up various things in the world. For any vivid imagination has a considerable effect on the individuality and asserts itself when consciousness is subdued. Thus, one may say: Everything that constitutes the active, strongly conscious, and creative content of consciousness has a disruptive effect on the manifestations of the mediumistic personality. Indeed, anyone with experience in this field knows that individuals who are highly gifted in terms of imagination and reflective thought tend to be poor mediumistic personalities. If, for example, a person has absorbed what is written in my *Secret Science* regarding the development of the planetary system, and one can then persuade this medium to give messages on the subject, one will find that what the medium has learned in this way interferes with their messages; whereas, if this is not the case, one can obtain the strangest results through the medium—uninfluenced by anything learned—which, however, are at times grotesque in expression and appear peculiar. But if one engages with it, if one looks beyond the grotesque expression, it becomes evident—precisely with mediumistic personalities of a certain kind—how cosmic connections regarding evolution can be expressed through what is sometimes grotesque material originating from the personality. For anyone wishing to conduct investigations with the help of a medium, it is above all necessary to acquire a certain amount of practice in distinguishing the medium’s subjective, individual contents of consciousness from that which the medium cannot know and yet is revealed through them. Therefore, for more trivial investigations, particular consideration should be given to those manifestations of mediumistic personalities in which it is known with absolute certainty that the medium is communicating something that they could not possibly communicate while fully conscious.

[ 6 ] Ich führe nur Dinge an, meine sehr verehrten Anwesenden, die genau geprüft sind, die jedem, der auf diesem Gebiete Erfahrung hat, so bekannt sind wie irgendwelche wissenschaftlichen Tatsachen. Wenn man durch eine mediale Persönlichkeit, wenn sie aus einem dumpfen Bewußtseinszustand heraus spricht, zum Beispiel eine Mitteilung in einer Sprache bekommt, von der man weiß, daß das Medium sie nicht gelernt hat im Verlaufe seines Lebens, dann weiß man, daß hier etwas durch die mediale Persönlichkeit spricht, was mit der Individualität selber nicht Zusammenhängen kann, man weiß also, daß sich darin objektiver Weltgehalt durch das Medium kundgibt.

[ 6 ] I am citing only those things, my esteemed audience, that have been thoroughly examined and are as well known to anyone with experience in this field as any scientific fact. If, through a medium—when the medium is speaking from a dulled state of consciousness—one receives, for example, a message in a language that one knows the medium has not learned in the course of his or her life, then one knows that something is speaking through the medium that cannot be connected to the individuality itself; one thus knows that objective content from the world is being conveyed through the medium.

[ 7 ] So sehen wir durch die Eigentümlichkeit der medialen Persönlichkeit zugleich überall die Fehlerquelle, die der Praktiker auf diesem Gebiete zu vermeiden hat. Insbesondere ist diese Fehlerquelle auch dann zu berücksichtigen, wenn man es auf diesem Gebiet mit der bloßen Beobachtung von somnambulen Persönlichkeiten zu tun hat, die durch jene Methoden, jene Manifestationen, deren sie fähig sind, irgend etwas aus der geistigen Welt heraus kundgeben. Da wird man immer finden, daß sich Subjektivität in hohem Grade in die Kundgebung hineinmischt. Wer Erfahrung hat auf diesem Gebiete, der weiß, daß eine mediale Persönlichkeit, die zum Beispiel Protestant ist, in ganz anderer Weise ihre Manifestationen erhält, als eine mediale Persönlichkeit, die Katholik ist. Man kann die Erfahrung machen, daß eine katholische mediale Persönlichkeit, die in ihrem Gefühlsleben von katholischen Anschauungen durchdrungen ist, in der geistigen Welt gewisse Wesenheiten sieht, die sich aber so zeigen, wie die betreffende Persönlichkeit, sagen wir Engelwesen sich vorstellt. Dasselbe, was bei einer solchen katholischen medialen Persönlichkeit der Fall sein kann, wird nicht der Fall sein bei der medialen Persönlichkeit, die in ihren Gefühlen, sagen wir, protestantisch gefärbt ist. Daher ist es wiederum dringend notwendig, neben der Beobachtung dessen, was sich durch die mediale Persönlichkeit kundgibt, die Individualität dieser Persönlichkeit selber genau ins Auge zu fassen. Und hier kommen wir auf ein Gebiet, welches in hohem Grade geeignet ist, auf die Fehlerquellen beleuchtend hinzuweisen.

[ 7 ] Thus, due to the peculiar nature of the mediumistic personality, we simultaneously see everywhere the source of error that practitioners in this field must avoid. In particular, this source of error must also be taken into account when dealing in this field with the mere observation of somnambulistic personalities who, through the methods and manifestations of which they are capable, convey information from the spirit world. One will always find that subjectivity interferes to a high degree with these communications. Anyone with experience in this field knows that a medium who is, for example, Protestant receives her manifestations in a completely different way than a medium who is Catholic. One can observe that a Catholic medium, whose emotional life is imbued with Catholic beliefs, sees certain beings in the spiritual world who, however, appear in the form that the medium in question—let us say, angelic beings—imagines them to be. What may be the case with such a Catholic medium will not be the case with a medium whose emotional life is, let us say, influenced by Protestant beliefs. Therefore, it is again urgently necessary, in addition to observing what is communicated through the medium, to closely examine the individuality of the medium themselves. And here we enter a realm that is highly conducive to shedding light on potential sources of error.

[ 8 ] Derjenige, der ein Skeptiker auf diesem Gebiete ist oder die ganze Geschichte für Narretei ansieht, der wird sagen: Nun, da habt ihr es ja, da gibt sich durch eine solche Persönlichkeit dasjenige kund, was sie selber glaubt, was sie selber in ihrem Bewußtsein hat. - Gewiß, wenn man vor allen Dingen auf das in seiner Gesamtheit blickt, was durch die mediale Persönlichkeit zutagetritt, dann wird man fast niemals an den Irrtümern mit heiler Haut vorbeikommen; aber für den objektiven Betrachter dieser Dinge kommt immer weniger in Betracht der Inhalt des Geoffenbarten, sondern es kommt mehr in Betracht, daß überhaupt eine solche Offenbarung stattfindet, daß so etwas erlebt werden kann bei herabgedämpftem Bewußtsein. Das Erlebnis kommt in Betracht. Und wenn man sich die Praxis aneignet, hinwegzusehen über den Inhalt der Offenbarung und darauf sieht, was für Vorgänge sich in der menschlichen Seele abspielen als Ergebnisse dieses Zusammenhanges der menschlichen Natur mit den Weltenkräften, dann sieht man, warum es durchaus möglich ist, daß einmal die Kundgebung katholisch gefärbt ist und das andere Mal protestantisch. Denn das Erlebnis, die Art des Hereintretens von geistigen Kräften und Wesenheiten, die sich nur in der geschilderten Weise einkleiden, das ist es, worauf es ankommt. Der Irrtum entsteht, wenn man die Einkleidung für das Wesentliche hält. Die Wahrheit wird gefunden, wenn man von der Einkleidung absehen kann und darauf hinschaut, daß überhaupt ein solcher Vorgang stattfindet, gleichgültig, ob das Erlebnis so oder so durch die Individualität gefärbt ist. Denn das, was erlebt wird, das ist nicht eine irgendwie menschlich gestaltete Engelerscheinung oder sonst irgend etwas, sondern es sind geistige Kräfte, die in ihrer Wahrheit eben nur durch sorgfältige Untersuchungen geschaut werden können, von denen aber gezeigt werden kann, daß sie vorhanden sind und durch die mediale Persönlichkeit, gefärbt nach der inneren Konfiguration dieser Persönlichkeit, zum Ausdruck kommen.

[ 8 ] Anyone who is a skeptic in this area or who regards the whole story as nonsense will say: Well, there you have it—through such a personality, what she herself believes, what she herself holds in her consciousness, is revealed. - Certainly, if one looks first and foremost at the totality of what comes to light through the medium, one will almost never be able to avoid the errors; but for the objective observer of these things, the content of what is revealed becomes less and less significant; rather, what matters more is that such a revelation takes place at all—that something like this can be experienced while consciousness is subdued. It is the experience that matters. And if one learns to look beyond the content of the revelation and instead observes the processes taking place in the human soul as a result of this connection between human nature and the forces of the worlds, then one sees why it is entirely possible that one revelation might have a Catholic character and another a Protestant one. For the experience—the manner in which spiritual forces and beings enter, which clothe themselves only in the manner described—that is what matters. The error arises when one regards the form of manifestation as the essential element. The truth is found when one can look beyond the form of manifestation and focus on the fact that such a process is taking place at all, regardless of whether the experience is colored in one way or another by the individual’s perspective. For what is experienced is not some kind of humanly conceived angelic apparition or anything of the sort, but rather spiritual forces whose true nature can be perceived only through careful investigation; yet it can be demonstrated that they exist and are expressed through the medium, colored by the inner constitution of that individual.

[ 9 ] Man wird nicht leicht sagen können, wo auf dem hier geschilderten Gebiete der Irrtum aufhört und die Wahrheit anfängt, weil tatsächlich das eine in das andere übergeht. Man wird die Sache vielmehr so zu charakterisieren haben, daß man sich auf einen Weg begibt, wo man immer mehr Annäherungen an die Wahrheit findet, wenn man sich die Praxis erwirbt, die Fehlerquellen auszuschließen; so daß wahrscheinlich derjenige, der auf diesem Gebiete gewissenhaft nach Wahrheit sucht, in unserer Gegenwart, wo man solche Dinge nicht liebt, arg mißverstanden werden kann. Man glaubt, daß das, was er als Erfahrungen erzählen will, irgendwie anfechtbar sei. Das meinen aber die gewissenhaften Forscher auf diesem Gebiete eigentlich gar nicht; das, was sie meinen, ist lediglich die Beschreibung von etwas, was sich gezeigt hat, und wenn sie gewissenhaft sind, geben sie sogar selber an, wo die Fehlerquellen liegen. Aber es genügt ja, für das Vorhandensein einer geistigen Welt einen Weg zeigen zu können, der zwar bei jedem Schritt, den man macht, belauert ist vom Irrtum; man ist aber doch in der Lage, je weiter man vordringt, diesen Irrtum beiseite zu schieben. Also nicht darum handelt es sich, die Frage zu beantworten: Was ist Wahrheit, was ist Irrtum? - sondern es handelt sich darum, daß es einen Weg gibt, über den Irrtum, der überall lauert, allmählich hinauszugelangen und in das Gebiet der Wahrheit zu kommen, so daß die Wahrheit gleichsam wie etwas ist, dem man sich als einem fernen Ziele annähert. Das ist das Wesentliche auf diesem Gebiet.

[ 9 ] It will not be easy to say where, in the field described here, error ends and truth begins, because in fact one merges into the other. Rather, one must characterize the matter in such a way that one embarks on a path where one finds ever closer approximations to the truth as one acquires the skill to eliminate sources of error; so that it is likely that anyone who conscientiously seeks the truth in this field may be seriously misunderstood in our present age, where such things are not valued. People believe that what he seeks to recount as experiences is somehow open to challenge. But that is not at all what conscientious researchers in this field actually mean; what they mean is merely the description of something that has manifested itself, and if they are conscientious, they even indicate for themselves where the sources of error lie. But it is enough, after all, to be able to point to a path toward the existence of a spiritual world—a path that, though fraught with error at every step one takes, nevertheless allows one to set that error aside the further one advances. So the point is not to answer the question: “What is truth, what is error?”—but rather that there is a path by which one can gradually move beyond the error that lurks everywhere and enter the realm of truth, so that truth is, as it were, something one approaches as a distant goal. That is the essence of this field.

[ 10 ] Worauf es dann ankommt bei dem Fortschreiten auf diesem Wege, das ist, immer mehr zu solchen Experimenten - wenn wir es so nennen wollen - zu kommen, in welchen reinlich ausgeschaltet ist das Individuelle des Bewußtseins, und daß das, was dann noch bleibt, möglichst nur eingeschaltet ist in die objektiven Weltenvorgänge. So ist es das Herabdämpfen, die Möglichkeit der Herabstimmung des Bewußtseins, auf die es ankommt auf diesem medialen Gebiet. Und je mehr es einem gelingt, dieses Bewußtsein herabzustimmen und die mediale Persönlichkeit sozusagen bloß zu einem Instrument zu machen für außer ihr befindliche übersinnliche Weltenvorgänge, desto mehr erreicht man ein Wahres auf diesem Gebiete. Allerdings auf eines muß dabei aufmerksam gemacht werden, das demjenigen bekannt ist, der mit diesen Dingen vertraut ist: Wenn man es mit einer solchen somnambulen Persönlichkeit zu tun hat, die entweder durch ihre Natur zu gewissen Zeiten in solch einen Zustand kommt oder durch gewisse, allerdings oft recht bedenkliche Mittel in einen solchen Zustand versetzt wird, so bekommt man zunächst in ihren Offenbarungen übersinnliche Weltgesetze; es sprechen sich Gesetze der Welt aus; das wird ja in den Offenbarungen der betreffenden Persönlichkeit stark zutage treten. Sollen sich Wesenheiten der übersinnlichen Welt auf diesem Wege kundgeben, so müssen diese Wesenheiten erst selbst gewissermaßen Besitz ergreifen von der medialen Persönlichkeit, und man muß die Möglichkeit haben, durch die Persönlichkeit hindurchzuschauen auf das eigentliche Wesen, das sich kundgibt. Dazu gehört eine geschulte Anschauung solcher Dinge, die nur erworben werden kann auf der einen Seite durch Praxis, auf der anderen Seite durch Einsicht in das, was Geisteswissenschaft im allgemeinen zu geben vermag.

[ 10 ] What is essential, then, as we proceed along this path, is to engage in more and more of these experiments—if we wish to call them that—in which the individual aspect of consciousness is thoroughly eliminated, and in which what remains is, as far as possible, involved only in the objective processes of the world. Thus, it is the attenuation—the ability to attune consciousness downward—that is essential in this mediumistic field. And the more one succeeds in attuning this consciousness downward and in making the mediumistic personality, so to speak, merely an instrument for supersensory world processes existing outside of it, the more one attains truth in this field. However, attention must be drawn to one point that is well known to those familiar with these matters: When one is dealing with such a somnambulistic personality—who either enters such a state at certain times by nature or is induced into it by certain, albeit often quite questionable, means—one initially receives, in their revelations, the laws of the supersensible world; laws of the world are expressed; this will indeed become very evident in the revelations of the personality in question. If beings from the supersensible world are to make themselves known in this way, these beings must first, so to speak, take possession of the mediumistic personality, and one must be able to see through the personality to the actual being that is revealing itself. This requires a trained perception of such matters, which can be acquired only, on the one hand, through practice, and on the other hand, through insight into what spiritual science in general has to offer.

[ 11 ] Die imaginative Erkenntnis ist nun das völlige Gegenbild dessen, was eben geschildert worden ist. Ich versuchte heute, sehr verehrte Anwesende, mit diesen skizzenhaften Worten hinzuweisen auf das, was Geisteswissenschaft über das mediale Wesen zu sagen hat, während ich ja sonst es nicht als meine Aufgabe betrachte, die Geisteswissenschaft in dieser Weise für die Öffentlichkeit zu pflegen, sondern das, was hier vertreten wird, soll aus dem stammen, was gerade das Gegenbild des Mediumismus ist, es soll ja stammen aus dem, was die menschliche Seele erkunden kann, die sich durch Entwicklung der in ihr schlummernden Kräfte zu einem Instrument macht, um hineinzuschauen in die imaginative Welt. Inwiefern diese imaginative Welt radikal verschieden ist von der krankhaften, phantastischen Welt der Halluzinationen, Visionen, Wahnvorstellungen und so weiter, davon wurde vorgestern schon gesprochen. Nun fragt es sich: Lauern dem Erkennenden denn auch auf diesem Gebiete Irrtümer gleichsam wie Gegner auf? Gibt es auch hier Quellen des Irrtums? - Das ist durchaus der Fall. Man kann schon, noch bevor man in die übersinnliche Welt eintritt, eine Vorstellung davon erhalten, inwiefern sich Irrtümer überhaupt ergeben können, wenn die Seele so, wie vorgestern geschildert worden ist, sich selbst überlassen, den Weg in die geistigen Welten unternimmt.

[ 11 ] Imaginative insight is, in fact, the exact opposite of what has just been described. Today, esteemed audience, I have attempted with these brief remarks to point out what spiritual science has to say about the nature of mediumship, although I do not normally consider it my task to present spiritual science to the public in this way; rather, what is presented here is to stem from that which is precisely the antithesis of mediumship, it should stem from what the human soul can explore—a soul that, through the development of the powers slumbering within it, makes itself an instrument for looking into the imaginative world. The extent to which this imaginative world is radically different from the pathological, fantastical world of hallucinations, visions, delusions, and so on was already discussed the day before yesterday. Now the question arises: Do errors, so to speak, lie in wait for the knower in this realm just as adversaries do? Are there sources of error here as well? — That is certainly the case. Even before entering the supersensible world, one can gain an idea of the extent to which errors can arise at all when the soul, as described the day before yesterday, sets out on its own to journey into the spiritual worlds.

[ 12 ] Wir haben in der gewöhnlichen Welt alle möglichen Weltanschauungen oder Standpunkte, alle möglichen Gesichtspunkte. Da hat man den Materialismus, den Positivismus, den Individualismus, den Spiritualismus und so weiter und so weiter. Man versuche nur einmal, indem man sich nicht als Fanatiker eines dieser Weltanschauungsstandpunkte fühlt, einen anderen anzuhören, der durch seine ganze Erziehung, sein ganzes Leben sich dazu gedrängt fühlt, alle logischen und sonstigen Gründe aufzubringen, sagen wir für den Materialismus oder Spiritualismus und so weiter; man versuche einmal, objektiv sich solche Menschen anzuhören, die alles vorbringen von ihrem Standpunkte aus, was vernünftigerweise vorgebracht werden kann zur Begründung einer dieser Weltanschauungen, und man wird sich überzeugen, daß es eigentlich niemals ganz berechtigt ist, sich als ein Gegner des Materialismus, des Spiritualismus und so weiter zu fühlen; man wird finden, daß für alle diese Standpunkte unendlich viel Vernünftiges, Belegendes vorgebracht werden kann. Man wird, wenn man unbefangen ist, sogar meistens mit einem Vertreter des betreffenden Standpunktes, wenn er nur vernünftig ist, durchaus einig gehen können. Selbst wenn man durchaus nicht auf dem materialistischen Standpunkt steht, wird man, wenn man einem vernünftigen Materialisten zuhört, sagen können: Ja, es ist doch eigentlich recht wohl begründet, was er für seinen Standpunkt vorbringt. Das Ungemütliche beginnt da, wo die Leute einseitig auf irgendeinen Standpunkt eingeschworen sind und bis zur Unerträglichkeit manchmal sich versteifen und einen anderen, ihnen unähnlichen Standpunkt angreifen und ablehnen. Es wäre sehr wohl denkbar, daß irgend jemand, der Erfahrungen auf diesem Gebiete hat, sagte: Ja, ich kann ganz gut Materialist sein, da, wo der Materialismus berechtigt ist, und Spiritualist da, wo der Spiritualismus berechtigt ist und so weiter. Diese Möglichkeit ist durchaus vorhanden.

[ 12 ] In the ordinary world, we have all kinds of worldviews or standpoints, all kinds of perspectives. There is materialism, positivism, individualism, spiritualism, and so on and so forth. Just try, without feeling like a fanatic of any one of these worldviews, to listen to someone else who, because of their entire upbringing and life experience, feels compelled to present all the logical and other reasons—say, for materialism or spiritualism, and so on; try, for once, to listen objectively to such people who, from their own standpoint, present everything that can reasonably be put forward to justify one of these worldviews, and you will be convinced that it is actually never entirely justified to consider yourself an opponent of materialism, spiritualism, and so on; one will find that an infinite amount of reasonable, supporting evidence can be presented for all these viewpoints. If one is open-minded, one will usually even be able to agree entirely with a proponent of the viewpoint in question, provided they are reasonable. Even if one does not at all hold the materialist viewpoint, when listening to a reasonable materialist, one will be able to say: “Yes, what he presents as his position is actually quite well-founded.” The trouble begins when people are dogmatically committed to a particular viewpoint and sometimes become so rigid as to be intolerable, attacking and rejecting a different viewpoint that differs from their own. It would be quite conceivable for someone with experience in this field to say: “Yes, I can very well be a materialist where materialism is justified, and a spiritualist where spiritualism is justified, and so on.” This possibility certainly exists.

[ 13 ] Es sollte ja von mir sozusagen eine Probe gegeben werden in zwei Vorträgen, die ich hier im vorigen Winter gehalten habe über die Themen: «Wie widerlegt man Theosophie?» und «Wie begründet man Theosophie? » - eine Probe davon, wie man in der Tat positiv Anzuerkennendes vorbringen kann für entgegengesetzte Standpunkte. Diese Erscheinung des gewöhnlichen Lebens, die kann einen ja schon darauf hinweisen, worauf einsichtige Menschen immer hingewiesen haben, daß eigentlich fanatisch genommen, einseitig betrachtet, kein einziger solcher Standpunkt wirklich die Wahrheit darstellt. Menschen, die nun ein wenig Gefühl sich erwerben für diese Tatsache, sagen dann oftmals: Die Wahrheit liegt zwischen den entgegengesetzten Standpunkten in der Mitte. - Demjenigen allerdings, der tiefer auf diese Sache eingeht, dem kommt diese Aussage ganz genau so vor, wie wenn jemand sagen würde: Wenn ich zwei Stühle vor mir habe, dann setze ich mich nicht auf den einen oder den anderen, sondern das Beste ist es, sich zwischen die beiden Stühle zu setzen. — Goethe, der gute Erfahrungen auf diesem Gebiete hatte, sagte mit Recht, zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen liege nicht die Wahrheit, sondern es liege dazwischen die Aufgabe, die uns erst zu den Tatsachen führen soll. Und die Wahrheit wird sich in der Regel weder der einen noch der anderen Einseitigkeit gleich erweisen. Das zeigt sich in vieler Beziehung schon, wenn wir noch in der physischen Welt stehen und noch gar nicht in die übersinnliche Welt eintreten. Es könnte diese Tatsache schon erschütternd wirken, und sie muß erschütternd wirken für den, der Erkenntnis ernst zu nehmen in der Lage ist, für den Erkennen wirklich eine Lebenssache ist. Denn man kann jede Sache von einer Seite, von einem Standpunkt schildern und gute Gründe dafür vorbringen, und man kann dieselbe Sache mit vielleicht ebenso guten Gründen von der anderen Seite belegen. Das kann in vielen Fällen zu einer Art Zweifel an der Wahrheit führen. Denjenigen, der stark genug ist, wird es allerdings nicht zu einem Zweifel an der Wahrheit führen, sondern zu etwas ganz anderem, es wird ihn führen zu einer Untersuchung darüber, wie der Mensch denn überhaupt zu einem Standpunkt kommt.

[ 13 ] I was supposed to give, so to speak, a demonstration in two lectures I delivered here last winter on the topics: “How Does One Refute Theosophy?” and “How Does One Justify Theosophy? ”—a demonstration of how one can indeed present positive arguments in favor of opposing viewpoints. This aspect of everyday life can already point us toward what discerning people have always pointed out: that, when taken fanatically or viewed one-sidedly, not a single such viewpoint truly represents the truth. People who begin to develop a sense of this fact often say: The truth lies in the middle, between the opposing viewpoints. — To those who delve deeper into this matter, however, this statement strikes them exactly as if someone were to say: If I have two chairs in front of me, I do not sit on one or the other; rather, the best thing is to sit between the two chairs.” — Goethe, who had valuable experience in this area, rightly said that the truth does not lie between two opposing opinions, but rather that the task—which is meant to lead us to the facts in the first place—lies in between. And the truth will generally prove to be unlike either of these one-sided views. This is already evident in many respects, even while we are still in the physical world and have not yet entered the supersensible world at all. This fact alone could have a shattering effect, and it must have a shattering effect on those who are capable of taking knowledge seriously—for whom understanding is truly a matter of life and death. For one can describe any matter from one side, from one point of view, and present good reasons for it; and one can substantiate the same matter from the other side with perhaps equally good reasons. In many cases, this can lead to a kind of doubt regarding the truth. For those who are strong enough, however, it will not lead to doubt about the truth, but to something entirely different; it will lead them to an investigation into how a person arrives at a standpoint in the first place.

[ 14 ] Sehr verehrte Anwesende, wenn jemand nicht bloß auf den Materialismus eingeschworen ist, sondern so viel Freiheit sich bewahrt hat, von seiner Betrachtungsweise abzusehen und einige Selbsterkenntnis aufzubringen, dann kann er sich die Frage vorlegen: Wie ist denn eigentlich mein bisheriges Lebens verlaufen? Wie haben sich meine Denkgewohnheiten herausgebildet, die mich zum Beispiel hinneigen lassen dazu, mehr die materiellen Zusammenhänge zu beachten? So kann ein Anhänger des Materialismus fragen. Ebenso kann es der Anhänger einer mehr spirituellen Anschauung machen. Und da findet man schon im gewöhnlichen Leben durch Selbsterkenntnis, wie man den Standpunkt eigentlich selbst macht, wie der Standpunkt etwas Subjektives, etwas von der Individualität Abhängiges ist. Und dadurch lernt man den Wahrheitswert eines Standpunktes erkennen, daß man weiß, wie man selbst dazu gekommen ist, wie eine bestimmte Lebensrichtung einen dazu geführt hat, gerade so zu denken. Nicht dadurch, daß man die Wahrheit in der Mitte sucht zwischen den verschiedenen Standpunkten, sondern dadurch, daß man erkennt, wie dieser Standpunkt zustandegekommen ist und warum man so urteilt, wird man gerecht gegenüber den anderen, und man kommt auch dazu, den anderen Standpunkt in seinem Werte zu erkennen und anzuerkennen, wie wiederum die andere Seele auf ihrer Lebensbahn dazugekommen ist, eben von einer anderen Seite aus die Dinge anzusehen. Durch nichts gleichen sich die verschiedenen Standpunkte der Menschen so sehr aus, als wenn die Träger dieser verschiedenen Standpunkte Selbsterkenntnis in der charakterisierten Weise üben.

[ 14 ] Ladies and gentlemen, if someone is not merely committed to materialism but has retained enough freedom to step back from their perspective and muster some self-awareness, then they can ask themselves: How has my life actually unfolded so far? How have my habits of thought developed, leading me, for example, to focus more on material contexts? A follower of materialism might ask this. A follower of a more spiritual outlook might do the same. And there, even in everyday life, one discovers through self-knowledge how one actually forms one’s own point of view—how that point of view is something subjective, something dependent on one’s individuality. And through this, one learns to recognize the truth value of a point of view by understanding how one arrived at it oneself—how a certain course of life has led one to think precisely in this way. It is not by seeking the truth in the middle between the various viewpoints, but by recognizing how this viewpoint came about and why one judges in this way, that one becomes fair toward others; and one also comes to recognize and acknowledge the value of the other viewpoint—how, in turn, the other soul, on its own life path, has come to view things from a different perspective. Nothing reconciles people’s differing viewpoints as much as when the holders of these differing viewpoints practice self-knowledge in the manner described.

[ 15 ] Man stelle sich einmal vor, daß eine Anzahl von Menschen mit entgegengesetzten Standpunkten sich wie in einem Kollegium zusammenfinden und sich über ihre verschiedenen Standpunkte furchtbar zanken. Wer so etwas mitgemacht hat, der weiß ja, daß dabei gewöhnlich nichts herauskommt. Wenn die Leute aufstehen nach vielstündiger Diskussion, so ist gewöhnlich jeder noch fanatischer verhärtet auf seinem Standpunkt als vorher. Wenn nun einmal der Versuch gemacht würde, daß ein solches Kollegium eine Stunde schwiege und ein jeder nur eine Stunde lang untersuchte, wie er zu seinem Standpunkt gekommen ist, und wenn sie erst dann wieder zu reden anfingen, dann würden sie sich weniger die Köpfe zerschlagen. Diese Möglichkeit ist durchaus denkbar. Denn Verständnis für den anderen Standpunkt würde man finden durch Selbsterkenntnis, durch Untersuchung des Weges, den man gemacht hat, um zu seinem Standpunkt zu kommen. Schon im gewöhnlichen Leben, schon bevor man die übersinnlichen Welten betritt, zeigt sich, daß Selbsterkenntnis der Weg ist, um an die Wahrheit nach und nach heranzukommen, und daß dann das Wahre sich selber als Tatsache in die Mitte hineinstellt, und daß man aber nicht seine Meinung hineinzustellen hat zwischen die entgegengesetzten Standpunkte.

[ 15 ] Just imagine a group of people with opposing viewpoints coming together, as if in a committee, and arguing fiercely about their different positions. Anyone who has been through something like this knows that it usually leads nowhere. When people stand up after hours of discussion, everyone is usually even more fanatically entrenched in their position than before. If, however, an attempt were made to have such a group remain silent for an hour, with each person spending just that hour examining how they arrived at their position, and if they only then began speaking again, they would be less likely to tear each other apart. This possibility is entirely conceivable. For one would find understanding for the other’s point of view through self-knowledge, through examining the path one has taken to arrive at one’s own point of view. Even in ordinary life, even before one enters the supersensible worlds, it becomes clear that self-knowledge is the path to gradually approaching the truth, and that the truth then establishes itself as a fact at the center—and that one must not insert one’s own opinion between the opposing viewpoints.

[ 16 ] In einem viel erhöhteren Maße muß diese Selbsterkenntnis stattfinden bei dem, der die Irrtumsquellen auf übersinnlichem Gebiete vermeiden will. Und hier muß gesagt werden, daß für den Geistesforscher nur dann Aussicht vorhanden ist, sich der Wahrheit zu nähern, wenn er damit beginnt, die Selbsterkenntnis auf dem Gebiete des Übersinnlichen aufs äußerste zu treiben. Er hat hinlänglich Gelegenheit dazu, wenn er sich nicht in Besitz nehmen läßt von dem, was zunächst in seiner Seele in Bildern auftritt, sondern wenn er frei und sicher sich zu sagen versteht: Das, was da in deiner Seele auftritt, das bist du selbst; so wie du Bilder siehst, auch wenn sie vielleicht wunderbar sind - das ist keine übersinnliche Welt; das alles bist du selber, hinausprojiziert, hinausgeschattet in den Raum. — So gibt ihm schon der erste Schritt auf dem Weg zur Geistesforschung die Möglichkeit zur Selbsterkenntnis. Und dadurch, daß man so sich selber kennenlernt, lernt man erst sich auszuschalten von dem, was dann als objektiv gelten kann. Es gibt auf dem Felde der Geistesforschung keinen anderen Weg, das, was unwahr ist, was ein Irrtum ist, auszuschalten, als erst zur vollen Selbsterkenntnis zu kommen, so daß man das, was man selber ist, gleichsam herausschälen kann von dem, was dann übrig bleibt. Und hier kann der Geistesforscher erkennen an einem ganz bestimmten Schritt, den er zu machen hat, daß er hinlänglich weit gekommen ist in der Selbsterkenntnis. Wenn das nicht der Fall wäre, würde man sich vielleicht besser überhaupt nicht in das übersinnliche Gebiet hineinwagen. Denn es ist ja nichts so schwierig für den Menschen wie Selbsterkenntnis, wie objektives Anschauen dessen, was man selber ist. Nichts ist so schwierig, denn alle Interessen, alle Neigungen, alle Sympathien, die man für das eigene Selbst hat, legen sich in den Weg und betrügen uns gewissermaßen dadurch, daß sie uns vorgaukeln, sie stellten etwas Wirkliches dar, während sie doch nur Spiegelbilder der eigenen Wesenheit sind.

[ 16 ] This self-knowledge must take place to a much greater degree in those who wish to avoid the sources of error in the supersensible realm. And here it must be said that the spiritual researcher has no prospect of approaching the truth unless he begins by pursuing self-knowledge to the utmost in the supersensible realm. He has ample opportunity to do so if he does not allow himself to be taken in by what initially appears in his soul as images, but rather if he is able to say to himself freely and confidently: What appears there in your soul is yourself; just as you see images—even if they may be wondrous—that is not a supersensible world; all of that is yourself, projected outward, cast as a shadow into space. — Thus, even the very first step on the path to spiritual research offers the possibility of self-knowledge. And by coming to know oneself in this way, one first learns to detach oneself from what can then be regarded as objective. In the field of spiritual research, there is no other way to eliminate what is untrue, what is an error, than first to attain full self-knowledge, so that one can, as it were, distill what one truly is from what remains. And here the spiritual researcher can recognize, through a very specific step he must take, that he has progressed far enough in self-knowledge. If this were not the case, it might be better not to venture into the supersensible realm at all. For nothing is as difficult for human beings as self-knowledge, as the objective observation of what one actually is. Nothing is so difficult, for all the interests, all the inclinations, all the sympathies one has for one’s own self stand in the way and, in a sense, deceive us by leading us to believe that they represent something real, whereas they are merely reflections of one’s own being.

[ 17 ] Der Schritt, durch den der Geistesforscher wissen kann, daß er die nötige Selbsterkenntnis hat, wird in der Geistesforschung bezeichnet durch etwas, was ja gewiß heute hier wegen der Kürze der Zeit nicht in seinem ganzen Umfang besprochen werden kann, es wird bezeichnet durch das Wort «Begegnung mit dem Hüter der Schwelle». Was ist dieser sogenannte Hüter der Schwelle? Man kann sich nur allmählich eine Vorstellung davon machen, was er ist. Nehmen wir einmal an, daß wir in einem bestimmten Lebensalter so recht intensiv zurückblicken auf die ganze Art und Weise, wie wir geworden sind, auf alles das, was wir uns als Lieblingsmeinungen gebildet haben, auf alles das, was wir gelernt haben, auf all die Art, wie wir bisher unsere Behauptungen eingerichtet haben, auf all die Art, wie wir bisher gefühlt haben in bezug auf Sinnliches und Übersinnliches. Wenn diese Dinge auch sehr schwierig sind - wichtig ist, zu wissen, daß man sich gerade solche Fragen vorzulegen und neben den anderen Meditationsund Konzentrationsübungen solche Fragen selbst als Meditationen zu betrachten hat. Das ruft in der Seele schlummernde Kräfte hervor, jene schlummernden Kräfte, gegenüber denen man sagen kann, daß man durch sie gewissermaßen von seinem eigenen Wesen loskommt, daß man in die Möglichkeit kommt, sich selber gegenüberzustehen.

[ 17 ] The step through which the spiritual researcher can know that he possesses the necessary self-knowledge is referred to in spiritual research as something that, of course, cannot be discussed in its entirety here today due to time constraints; it is referred to by the term “encounter with the Keeper of the Threshold.” What is this so-called Keeper of the Threshold? One can only gradually form an idea of what he is. Let us suppose that, at a certain stage in life, we look back quite intensively on the entire course of how we have become who we are—on all the views we have held dear, on everything we have learned, on the ways in which we have formulated our assertions up to now, and on the ways in which we have felt up to now with regard to the sensible and the supersensible. Even if these things are very difficult—it is important to know that one must ask oneself precisely such questions and, alongside other meditation and concentration exercises, regard these questions themselves as forms of meditation. This awakens dormant powers in the soul—those dormant powers through which one can, so to speak, detach oneself from one’s own being and come into the position of facing oneself.

[ 18 ] Das zeigt sich in der imaginativen Welt zunächst an einzelnen Symptomen ganz konkret. Wenn man solche Übungen der Selbsterkenntnis macht, wenn man sich die Fragen stellt: Wie hat man sich bisher Meinungen gebildet? Was hat man besonders geliebt in religiöser, sittlicher und sonstiger Beziehung? - wenn man solche Fragen sich vorlegt, dann verspürt man eine gewisse Veränderung in der Seele, die zunächst recht unbehaglich ist. Sie besteht darin, daß man in vieler Beziehung überdrüssig wird des eigenen Wesens. Und der ist eigentlich noch kein rechter Geistesforscher, der nicht einmal stark diesen Überdruß an dem eigenen Wesen hat fühlen können. Denn im Grunde genommen ist man ja das alles selbst, was man bisher sich herangebildet hat als seine Meinungen, Gefühle und Empfindungen; etwas anderes ist man in seinem Bewußtsein selber kaum. Nun ist einem das alles wie ein Äußerliches geworden. Man wird sich selbst entfremdet. Was man früher als seine Eigenheit angeschaut hat, das wird einem ein Äußerliches; man fühlt sich entleert, wie ein Nichts gegenüber dem, was man eigentlich ist und was einem nun nicht mehr so wertvoll erscheint, wie es einem früher erschienen ist.

[ 18 ] In the world of the imagination, this initially manifests itself very concretely through individual symptoms. When one engages in such exercises of self-knowledge, when one asks oneself the questions: How has one formed opinions up to now? What has one particularly loved in religious, moral, and other respects?—when one poses such questions to oneself, one senses a certain change in the soul that is, at first, quite uncomfortable. It consists in becoming weary of one’s own being in many respects. And one is not yet a true spiritual seeker who has not been able to feel this weariness with one’s own nature to a significant degree. For, when it comes down to it, one is, after all, all of that which one has cultivated up to now as one’s opinions, feelings, and sensations; one is scarcely anything else in one’s own consciousness. Now all of this has become like something external to oneself. One becomes alienated from oneself. What one formerly regarded as one’s own individuality becomes something external; one feels emptied, like a nothingness in comparison to what one actually is—and which no longer seems as valuable as it once did.

[ 19 ] Diese Gefühle, die geschildert worden sind, sie können, wenn in so vorsichtiger Weise der Weg in die geistige Welt hinein gesucht wird, wie das angedeutet ist in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» - diese Gefühle können alle so subtil durchgemacht werden, daß das Seelenleben weit davon entfernt ist, irgendwelche Gefahr zu erleiden.

[ 19 ] These feelings that have been described can—if one seeks a path into the spiritual world as carefully as is suggested in my writing “How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?” —these feelings can all be experienced so subtly that the soul’s life is far from being exposed to any danger.

[ 20 ] Bei demjenigen, der höhere Stufen der geistigen Erkenntnis erreichen will, müssen die geschilderten Empfindungen in einer so starken Weise auftreten, daß sein Seelenwesen in einer ganz erheblichen Weise umgestaltet wird und er sich mit einem Empfindungsgehalt so vorkommt, als wenn er alles, was er in sich gehabt hat, nun außer sich hätte, ein Empfindungsgehalt, der ihm neu und fremd ist und der ihm daher den Eindruck macht, als wenn er vor einem Abgrund stünde. Was er bisher hatte, erscheint ihm als etwas, dessen er sich nicht mehr bedienen sollte. Wenn man intensiv genug eine solche Erfahrung gemacht hat, wird man sehr bald in der imaginativen Erkenntnis eine andere Erfahrung auftreten fühlen, die darin besteht, daß man sich auf eine neue Weise kennenlernt. Das, was man da als sein eigenes Wesen gleichsam aus sich herausgesetzt hat, das lernt man mit allen möglichen, zumeist unsympathischen Eigenschaften kennen. Und daneben treten Bilder von Wesenheiten auf, und die werden jetzt Kritiker oder Beurteiler dessen, was man eigentlich ist. Man sieht sich sozusagen von lauter Bildern anderer Wesenheiten umgeben, die einen belauern, die über alles, was gut oder schlecht an einem ist, richten. Kurz, die Selbsterkenntnis gibt sich dadurch kund, daß man das eigene Wesen gleichsam auf andere Wesenheiten verteilt fühlt. Es ist wirklich etwas, was gut mit dem Bild des Dionysos getroffen wird, dessen Wesen zerspalten und zerteilt wird. Alle Schulung, wie sie in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben ist, geht darauf hin, daß man in der richtigen Weise sich zu verhalten weiß in dem Augenblick, wo das eben Geschilderte eintritt, wo sozusagen nicht die eigene Individualität wahrnimmt, sondern wo einen die Welt wahrnimmt und beurteilt. Für diesen Anblick muß man allerdings erst geschult werden, damit er einen nicht irritiert, damit man nicht schockiert wird. Die Tatsache, daß der Mensch des gewöhnlichen Lebens nicht sieht und daß er eigentlich in einem Glashaus sitzt und überall Weltenkräfte und Wesenheiten sind, die ihn bis in seine geheimsten Tiefen durchschauen, diese Tatsache würde im gewöhnlichen Leben überall störend, überall irritierend wirken. Daß man sie nicht sieht, daß man vor ihr geschützt ist, das wird in der Geistesforschung dadurch bezeichnet, daß man sagt: Neben dem Menschen steht der Hüter an jener Schwelle, durch deren Übertreten man in die übersinnliche Welt hineinkommt.

[ 20 ] For those who wish to attain higher levels of spiritual insight, the sensations described must occur with such intensity that their inner being is transformed in a very significant way, and they find themselves experiencing a state of feeling as if everything they had within themselves were now outside of them, a range of sensations that is new and foreign to them and which therefore gives them the impression of standing before an abyss. What they had until now appears to them as something they should no longer make use of. If one has had such an experience intensely enough, one will very soon feel another experience arise within imaginative insight, which consists in getting to know oneself in a new way. That which one has, as it were, set aside from oneself as one’s own being—one comes to know it with all manner of qualities, most of them unsympathetic. And alongside this, images of beings appear, and they now become critics or judges of what one actually is. One finds oneself, so to speak, surrounded by a multitude of images of other beings who are watching one closely, judging everything that is good or bad about one. In short, self-knowledge manifests itself in the sense that one feels one’s own being, as it were, distributed among other beings. It is truly something that is well captured by the image of Dionysus, whose being is split and fragmented. All training, as described in *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds*, is directed toward knowing how to behave correctly at the very moment when what has just been described occurs—when, so to speak, one does not perceive one’s own individuality, but rather when the world perceives and judges you. One must, however, first be trained to face this vision so that it does not unsettle one, so that one is not shocked. The fact that the person living an ordinary life does not see—and that he is, in fact, sitting in a glass house, surrounded everywhere by world forces and beings who see right through him to his innermost depths—this fact would have a disruptive and unsettling effect everywhere in ordinary life. The fact that one does not see them, that one is protected from them, is described in spiritual research by saying: Beside the human being stands the guardian at that threshold, the crossing of which leads into the supersensible world.

[ 21 ] In ausführlicher Weise versuchte ich das in meinem Mysteriendrama «Der Hüter der Schwelle» darzustellen, wo ich die hier mehr theoretisch geschilderte Wahrheit in Handlung umzusetzen versuchte. Nun lernt man erst kennen, wenn man diese Begegnung mit dem Hüter der Schwelle durchgemacht hat, wie überall nicht bloß der Erkenntnisirrtum, sondern der reale Irrtum lauert, wie man sich überall vorsehen muß und die richtige Möglichkeit finden muß, die Dinge anzuschauen, wie sie in Wahrheit sind.

[ 21 ] I attempted to portray this in detail in my mystery drama *The Keeper of the Threshold*, in which I sought to translate the truth described here—more from a theoretical perspective—into dramatic action. Only after one has undergone this encounter with the Keeper of the Threshold does one come to realize how, everywhere, not merely errors of perception but real errors lie in wait; how one must be on guard everywhere and find the right way to view things as they truly are.

[ 22 ] Da nun Selbsterkenntnis schwierig ist, da Selbsterkenntnis sich verhüllt, so ergibt sich die Gefahr eines beträchtlichen Irrtums, daß der Geistesforscher eben nicht bis zu dem Punkt kommt, wo er sich selber überschaut, sich sozusagen neben sich hinzustellen vermag. Nun kann man wiederum nicht sagen: Hier ist die Wahrheit, hier ist der Irrtum - das zeigt sich auch an dieser Stelle -, sondern nur, daß man auf den Weg zur Wahrheit sich begeben kann. Je mehr man dazu gelangt, sich selber als ein objektives Wesen zu überschauen und dadurch sich überall herauszuschälen von dem, was man beachten soll, so daß gar nichts mehr von dem, was in einem selber ist, einfließt in die Tatsachen der übersinnlichen Welt, je mehr man das zustandebringt, desto mehr kommt man an die Wahrheit heran. Muß bei der medialen Persönlichkeit das Bewußtsein herabgedämpft werden, so muß es bei der Geistesforschung, die in die übersinnliche Welt hineinschauen will, gerade so verstärkt werden, daß der Mensch sich nicht über sich selbst täuscht und über das, was er in sich hat. Daß man sein eigenes Selbst konzentriert vor sich hat - gerade das, was bei der medialen Persönlichkeit ausgeschaltet werden muß -, das muß so scharf wie möglich vor die Seele hingestellt werden beim Hineingehen in die übersinnliche Welt. Dadurch schaltet man alles, was persönlich ist, von dem übersinnlichen Wahrnehmen aus.

[ 22 ] Since self-knowledge is difficult—since self-knowledge conceals itself—there is a danger of a significant error: that the spiritual researcher will not reach the point where he can survey himself, where he is able, so to speak, to stand beside himself. Now, one cannot simply say: “Here is the truth, here is the error”—as is also evident at this point—but only that one can set out on the path to truth. The more one succeeds in viewing oneself as an objective being and thereby detaching oneself from everything one is to observe—so that nothing at all of what is within oneself flows into the facts of the supersensible world—the more one achieves this, the closer one comes to the truth. Just as consciousness must be subdued in the mediumistic personality, so must it be strengthened in spiritual research—which seeks to look into the supersensible world—precisely to the extent that one does not deceive oneself about oneself and what one possesses within. The fact that one has one’s own self clearly focused before one—precisely what must be set aside in the case of a medium—must be held as sharply as possible before the soul when entering the supersensory world. In this way, one excludes everything that is personal from supersensory perception.

[ 23 ] Nehmen wir an, ein Mensch begibt sich ehrlich und gewissenhaft auf den Weg, der im Vorhergehenden angedeutet worden ist, so kann er vielleicht bis zu einem gewissen Punkt kommen, dann verläßt ihn der Mut oder die Lust, und er geht nicht weiter. Man kann selbstverständlich alles, was man bisher erlebt hat, wieder unterdrücken. Der Geistesforscher ist nicht immer Geistesforscher, sondern nur in gewissen Augenblicken. Wenn er immer in einem solchen Seelenzustand wäre, würde er ja wie eine verrückte Persönlichkeit erscheinen. Derjenige, der nun seine Seele bis zu einem gewissen Grade schon umgewandelt hat und dann die ganze Sache gewissermaßen wieder an den Nagel hängt, kann erleben, daß er nun das, was er bisher erkannt hat durch Hineinblicken in die geistige Welt, chaotisch durcheinandermischt mit dem, was ihm die sinnliche Welt gibt. Die Dinge mischen sich durcheinander, und man kennt sich dann nicht mehr aus. Die Ohren hören, aber auch Übersinnliches mischt sich hinein, und man wird verworren. Das kann natürlich nur geschehen, wenn das in dem genannten Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» Angegebene nicht berücksichtigt wurde. Unrichtige Anwendung der Methoden kann ja in jeder Wissenschaft vorkommen. Derjenige aber, der auf diesem Wege zu Ende gekommen ist - ganz zu Ende wird man ja nicht leicht kommen, aber man bekommt eine Annäherungsmöglichkeit und eine gewisse Sicherheit auf dem Wege in bezug auf das, wie die Dinge sein sollen - derjenige, der zu etwas gekommen ist, der wird folgendes erleben:

[ 23 ] Let us suppose that a person sets out honestly and conscientiously on the path indicated in the preceding text; he may perhaps reach a certain point, but then his courage or desire fails him, and he does not go any further. Of course, one can suppress everything one has experienced up to that point. The spiritual researcher is not always a spiritual researcher, but only at certain moments. If he were always in such a state of mind, he would indeed appear to be a madman. Those who have already transformed their soul to a certain degree and then, so to speak, give up on the whole endeavor may find that what they have previously recognized by looking into the spiritual world becomes chaotically mixed up with what the sensory world presents to them. Things become jumbled together, and one can no longer make sense of them. The ears hear, but the supersensible also mingles in, and one becomes confused. Of course, this can only happen if what is stated in the book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds* has not been taken into account. Incorrect application of methods can, of course, occur in any science. But the one who has reached the end of this path—one does not easily reach the very end, but one gains a means of approaching it and a certain degree of certainty along the way regarding how things should be—the one who has arrived at something will experience the following:

[ 24 ] Nicht nur, daß er seine Eigenschaften des Gemütes, seine Vorurteile und so weiter überschaut und diese nicht einbezieht in das, was er objektive Erkenntnis nennt, sondern er wird auch niemals Bilder von dem, was die Sinne wahrnehmen, was der an das Physische gebundene Verstand ausdenkt, hineinmischen in die objektive Erkenntnis. Denn seine ganze Persönlichkeit, sein ganzes Selbst auszuschalten, kommt er ja nicht in die Lage. Und hier können wir nun zu einer Art Definition des Irrtums in der übersinnlichen Welt kommen. Dieser Irrtum besteht nämlich darin, daß man noch nicht weit genug in dem Abstreifen der eigenen Subjektivität gelangt ist, und wenn man das nicht ist, wird man immer die eigene Individualität in das Bild der objektiven Wirklichkeit hineinmischen. Wenn oft gesagt wird, das, was die Seher wahrnehmen, das werde ja von jedem etwas anders geschildert, und daher könne man sich auf gar nichts verlassen, so ist das auf der einen Seite ganz natürlich. Eine solche Tatsache kann zugegeben werden, aber die Betonung derselben ist eine Trivialität, weil es eben eine Selbstverständlichkeit ist. Es ist natürlich, daß das Ideal des Geistesforschers kaum je ganz erreicht werden kann und daß daher überall in das, was der Geistesforscher beschreibt, ein subjektives, individuelles Element hineingemischt wird. Wer aber vergleichen kann, der wird schon finden - namentlich wenn er das berücksichtigt, was über die mediale Persönlichkeit gesagt worden ist -, daß, wenn nicht nur auf die Bilder, sondern auf das Erlebnis an sich geschaut wird, sich mehr oder weniger ein Gleiches darstellt.

[ 24 ] Not only does he overlook his own mental characteristics, his prejudices, and so on—and exclude them from what he calls objective knowledge—but he also never allows images of what the senses perceive, or of what the mind bound to the physical world conceives, to be mixed into objective knowledge. For he is, after all, unable to set aside his entire personality, his entire self. And here we can now arrive at a kind of definition of error in the supersensible world. This error consists, namely, in not having gone far enough in shedding one’s own subjectivity; and if one has not done so, one will always intermingle one’s own individuality into the picture of objective reality. When it is often said that what seers perceive is described somewhat differently by each person, and that therefore one cannot rely on anything at all, this is, on the one hand, quite natural. This fact can be acknowledged, but emphasizing it is trivial, because it goes without saying. It is natural that the ideal of the spiritual researcher can hardly ever be fully attained and that, consequently, a subjective, individual element is always mixed into whatever the spiritual researcher describes. However, anyone capable of comparison will find—especially if they take into account what has been said about the mediumistic personality—that when one looks not only at the images but at the experience itself, a more or less uniform picture emerges.

[ 25 ] Auch in bezug auf die moralischen Qualitäten, die für den Seher notwendig sind, ist hervorzuheben, daß er gewissenhaft sein muß, daß er alle jene Eigenschaften ausbilden muß, die schon vorgestern genannt worden sind. Es ist durchaus richtig, worauf vorgestern ein so großer Wert gelegt worden ist, daß man zwar nur durch die geschilderten Vorgänge in die geistige Welt hineinschauen kann, daß aber, wenn es gelungen ist, die Forschungsergebnisse der geistigen Welt hineinzutragen in die Begriffe des physischen Menschenverstandes, die für jeden Menschen zugänglich sind. Gesucht werden müssen sie in der übersinnlichen Welt, begriffen werden können sie von dem gewöhnlichen gesunden Menschenverstand. Ebenso wahr ist es, daß derjenige, der gut denken kann, der hier in der physischen Welt ein logischer Kopf ist, auch dasjenige richtig zu beurteilen vermag, was er in der geistigen Welt erlebt. Und wer in der Sinneswelt ein Tor ist und nicht logisch denken kann, der wird, auch wenn er noch so viel sehen mag, doch alles falsch und karikiert beschreiben. Die ganze Art, wie man denkt, richtig oder unrichtig, das zieht sich hinein in die Auffassung der übersinnlichen Welt. Ebenso ist es mit den moralischen Qualitäten des Menschen. Wer mit unmoralischer Seelenstimmung in die geistige Welt sich hinaufentwickeln will, der wird in der geistigen Welt - weil in dieser geistigen Welt ja gerade die inneren Qualitäten die Wege bereiten - gerade zu den die Welt störenden, die Welt hemmenden Dingen und Wesenheiten kommen und wird sie durch seine unmoralische Stimmung noch verzerrt, karikiert erkennen. Wer aber mit moralischer Seelenverfassung sich hineinbegibt, namentlich mit selbstloser Seelenverfassung, der wird die Wesenheiten der geistigen Welt finden, die ihm die Dinge in ihrer richtigen gegenseitigen Anordnung und Gewichtigkeit zeigen.

[ 25 ] With regard to the moral qualities necessary for the seer, it must also be emphasized that he must be conscientious and that he must develop all those qualities that were mentioned the day before yesterday. It is entirely correct—as was emphasized so strongly the day before yesterday—that while one can only gain insight into the spiritual world through the processes described, once one has succeeded in translating the findings of research into the spiritual world into concepts accessible to the physical human mind, these concepts become accessible to every human being. They must be sought in the supersensible world, yet they can be understood by ordinary, sound human reason. It is equally true that anyone who can think well—who is a logical thinker here in the physical world—is also capable of correctly assessing what they experience in the spiritual world. And whoever is a fool in the sensory world and cannot think logically will, no matter how much they may see, describe everything incorrectly and in a caricatured way. The entire way one thinks—whether correctly or incorrectly—extends into one’s perception of the supersensible world. The same is true of a person’s moral qualities. Anyone who seeks to ascend into the spiritual world with an immoral state of mind will—precisely because in this spiritual world it is the inner qualities that pave the way—encounter precisely those things and beings that disrupt and hinder the world, and will perceive them, through their immoral state of mind, as distorted and caricatured. But whoever enters with a moral state of mind—specifically, with a selfless state of mind—will find the beings of the spiritual world who will show them things in their proper mutual arrangement and relative importance.

[ 26 ] So ist das Maßgebende für Wahrheit oder Irrtum in bezug auf die geistige Anschauung nicht etwas, was man sich als Seher erst erwirbt, sondern etwas, was man sich schon vorher erworben hat sowohl in intellektueller wie in moralischer Beziehung. Namentlich moralische, gemüthafte Dinge spielen stark in die Art hinein, wie man die übersinnlichen Erscheinungen auslegt, interpretiert. Wer in einem bestimmten Glauben befangen ist, wer Sympathien und Vorurteile dafür hat, daß etwas Bestimmtes gerade wahr sein solle, der trägt diese Gesinnung, dieses Vorurteil in die übersinnliche Welt hinein; er deutet danach die Erscheinungen. Und alles, was er aus der geistigen Welt heraus ergründet und verkündet, kann ein Irrtum sein, weil es durch seinen subjektiven Glauben gefärbt ist.

[ 26 ] Thus, with regard to spiritual vision, the determining factor for truth or error is not something one acquires only as a seer, but rather something one has already acquired beforehand, both intellectually and morally. Moral and emotional factors, in particular, play a major role in the way one interprets and understands supersensory phenomena. Anyone who is bound by a particular belief, who harbors sympathies and prejudices in favor of a specific thing being true, carries this attitude, this prejudice, into the supersensible world; they interpret the phenomena accordingly. And everything they fathom and proclaim from the spiritual world may be an error, because it is colored by their subjective belief.

[ 27 ] Und hier kommt das Gebiet, wo hingewiesen werden muß - nachdem die Irrtumsquellen der Geistesforschung selbst besprochen worden sind - auf die Irrtumsquellen bei der Verbreitung der Geisteswissenschaft, der Geistesforschung. In einer gewissen Weise ist es mit der Verbreitung der Geistesforschung so wie mit der Verbreitung irgendeiner anderen Forschung. Wie zum Beispiel nicht jeder ein Chemiker sein kann, aber jeder das, was die Chemiker im Laboratorium über die Substanzen erforscht haben, aufnehmen und durchschauen kann, so kann jeder, auch wenn er nicht ein Geistesforscher ist, doch das, was von dem Geistesforscher verkündet wird, beurteilen, und zwar nicht nur bis zu einem gewissen Grade, sondern in seiner Ganzheit, in seinem vollen Umfang. In dieser Beziehung sind die Dinge ähnlich, in anderer Hinsicht wieder unähnlich. Sie sind deshalb unähnlich, weil Chemie oder Mathematik oder andere Wissenschaften etwas sind, dem gegenüber man, wenn es von Forschern verkündet wird, kühl und objektiv, wenn auch mit wahrer Wißbegierde gegenüberstehen kann. Das ist nicht der Fall bei der Geistesforschung. Die Geistesforschung berührt das Intimste unserer Herzen, die großen Lebensfragen und Lebensrätsel. Und wie der Forscher seine Vorurteile, seinen Glauben, seine Sympathien und Antipathien in die geistige Welt hinaufträgt und die Sache dadurch verzerrt und falsch sieht, so bringt das Publikum - gebrauchen wir den Audruck -, die Bekennerschaft, dem Geistesforscher bestimmten Glauben, bestimmte Sympathien oder Antipathien entgegen. Es bildet sich etwas heraus, was nicht zu einer objektiven Beurteilung führt, sondern was mit allen möglichen Dingen zusammenhängt, die von Mensch zu Mensch spielen. So notwendig es ist, über diese Dinge etwas zu erfahren, so sehnsüchtig die Seele danach lechzt, über diese Dinge etwas zu erfahren, so lässig ist die Menschenseele zuweilen, den unbefangenen Verstand anzuwenden, um das zu beurteilen, was der Geistesforscher vorbringt, obwohl es restlos beurteilt werden könnte. Da tritt dann gar oft an die Stelle einer unbefangenen Beurteilung der Glaube, weil einem das, was der eine oder andere sagt, vielleicht bloß dadurch zusagt, daß er es in gefälliger oder eindringlicher Form vorbringt oder weil man ihn sonst sympathisch findet. Es tritt an die Stelle der objektiven, gewissenhaften Prüfung der Glaube, man nimmt die Dinge auf Autorität hin an. Und das Schlimmste ist, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn der Autoritätswahn zwischen den Geistesforscher und sein Publikum tritt. Und so, wie durch all die Dinge, von denen wir heute gehört haben, daß der Geistesforscher sie beachten soll, er gleichsam neben seinem eigenen Selbst Wache hält, so sollte der Bekenner, derjenige, der den Geistesforscher anhört, Wache halten bei seinem gesunden Menschenverstand und immer erneut auch eine Art von Selbstprüfung unternehmen, um gewahr zu werden, wieviel von bloßem Glauben, von bloßem Vorurteil, von Sympathie, von alledem, was man den Autoritätswahn nennen kann, sich hineinmischt in die Tatsachen, daß man die Mitteilungen des Geistesforschers hinnimmt.

[ 27 ] And here we come to the point where—after discussing the sources of error in spiritual research itself—we must address the sources of error in the dissemination of spiritual science and spiritual research. In a certain sense, the dissemination of spiritual research is like the dissemination of any other field of research. Just as, for example, not everyone can be a chemist, but everyone can take in and understand what chemists have discovered about substances in the laboratory, so too can everyone—even if they are not a researcher in the spiritual sciences—evaluate what is proclaimed by researchers in the spiritual sciences, and not merely to a certain degree, but in its entirety, in its full scope. In this respect, the two are similar; in other respects, they are dissimilar. They are dissimilar because chemistry, mathematics, or other sciences are fields that, when presented by researchers, one can approach coolly and objectively—albeit with a genuine thirst for knowledge. This is not the case with spiritual research. Spiritual research touches the innermost recesses of our hearts, the great questions and mysteries of life. And just as the researcher carries his prejudices, his beliefs, his sympathies, and antipathies into the spiritual world—thereby distorting the matter and perceiving it incorrectly—so too does the public—let us use the term—the community of adherents, approach the spiritual researcher with certain beliefs, certain sympathies, or certain antipathies. Something develops that does not lead to an objective assessment, but is connected to all manner of factors that play out from person to person. As necessary as it is to learn about these things, and as eagerly as the soul yearns to learn about them, the human soul is sometimes too casual about applying an unbiased mind to judge what the spiritual researcher presents, even though it could be judged thoroughly. All too often, then, belief takes the place of an unbiased assessment, perhaps simply because what one person or another says appeals to us because they present it in a pleasing or compelling manner, or because we otherwise find them likable. Belief takes the place of objective, conscientious examination; we accept things on authority. And the worst thing, my esteemed audience, is when this obsession with authority comes between the spiritual researcher and his audience. And just as, through all the things we have heard today that the spiritual researcher should heed, he stands guard, as it were, over his own self, so too should the believer—the one who listens to the spiritual researcher— keep watch over his common sense and, time and again, engage in a kind of self-examination to become aware of how much mere belief, mere prejudice, sympathy, and everything that can be called the delusion of authority is intermingled with the facts as he accepts the spiritual researcher’s messages.

[ 28 ] Denn in zweifacher Hinsicht ist das Hinnehmen auf bloßen Glauben von großem Schaden, in zweifacher Beziehung ist das ein Irrtumsquell gerade bei der Verbreitung der Geisteswissenschaft. Das eine ist, daß in dem Bekenner - und die Tatsachen beweisen das hinlänglich - das nicht ausgebildet wird, was am notwendigsten in jedem ausgebildet werden sollte: gesundes Urteil, Wachehalten beim gesunden Menschenverstand. Und da der gesunde Menschenverstand am besten geschult werden kann, wenn die Ergebnisse der Geistesforschung durchdacht werden, so beraubt man sich der besten Gelegenheit dazu, wenn man diese Ergebnisse auf bloßen Glauben hin annimmt. Und das zweite: Dadurch, daß die Dinge wichtig sind, die der Geistesforscher zu sagen hat, dadurch wird er - wenn der Zuhörer nicht Wache hält bei seinem gesunden Menschenverstand - einen gewissen, nicht richtigen Einfluß auf seine Bekennerschaft ausüben können, weil man ihm glaubt, weil man aus Vorurteil heraus das aufnimmt, was man eigentlich prüfen sollte. Dadurch wird der Geistesforscher - statt einen berechtigten Einfluß auszuüben, indem er überzeugt und der Zuhörer einsieht, was er sagt -, stattdessen versuchen zu überzeugen durch eine Art Totdrücken des gesunden Menschenverstandes, durch ein Überwältigen des gesunden Menschenverstandes. Während durch Prüfung und durch den gesunden Menschenverstand die Bildung eines kritischen Urteils gerade erhöht werden sollte, ist es leider nur zu häufig der Fall, daß dieses niedergedrückt wird, teilweise durch die Lässigkeit derer, die Bekenner sein wollen auf rasche Weise, weil ihnen das gefällt, was der Geistesforscher sagt, oder gar, weil er ihnen selber gefällt, und zum andern dadurch, daß der Geistesforscher selber sozusagen in Versuchung kommt, diesen Glauben zu erwecken. Je leichter man ihm glaubt, desto leichter kommt er in Versuchung.

[ 28 ] For in two respects, accepting things on mere faith is highly detrimental; in two respects, this is a source of error, particularly in the dissemination of spiritual science. The first is that—and the facts prove this amply—what is most essential for everyone to develop is not cultivated in the believer: sound judgment and the ability to remain alert to common sense. And since common sense can best be cultivated by thoroughly reflecting on the findings of spiritual science, one deprives oneself of the best opportunity to do so by accepting these findings on mere faith. And the second: Because what the spiritual researcher has to say is important, he will—if the listener does not remain vigilant in exercising common sense—be able to exert a certain, improper influence on his followers, because people believe him, because, out of prejudice, they accept what they should actually be examining. As a result, the spiritual researcher—instead of exerting a legitimate influence by convincing the listener and having the listener see the truth of what he says—will instead attempt to convince by stifling common sense, by overwhelming common sense. While examination and common sense should actually enhance the formation of critical judgment, it is unfortunately all too often the case that this judgment is suppressed—partly due to the carelessness of those who wish to become adherents quickly, because they like what the spiritual researcher says, or even because they are attracted to him personally, and, on the other hand, because the spiritual researcher himself is, so to speak, tempted to inspire this belief. The more readily people believe him, the more easily he is tempted.

[ 29 ] Wenn es auch heute, weil eben zahlreiche Vorurteile der Geisteswissenschaft noch entgegenstehen, durchaus noch nicht zu einem idealen Zustand kommen kann, so muß doch gesagt werden, daß die Bekennerschaft, wenn Wahrheit herrschen soll, es dem Geistesforscher bei der Verbreitung seiner Wahrheiten so schwer wie möglich machen und die höchsten Anforderungen stellen sollte in bezug auf das Hineinprägen der Erkenntnisse der Geisteswissenschaft in Begriffe und Ideen des gesunden Menschenverstandes. Dann wird dem entgegengearbeitet, was ja leider auch eine Tatsache ist und eine immerwährend wiederkehrende Fehlerquelle bei der Verbreitung geistiger Wahrheiten, daß sich so leicht neben gewissenhafte Geistesforschung, neben Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit auf diesem Gebiete Scharlatanerie und alles mögliche Ähnliche mischt. Wenn eben nicht Wache gehalten werden will bei dem gesunden Menschenverstand, kennt man sich nicht mehr aus, wo gewissenhafte Geistesforschung und wo Scharlatanerie und Humbug ist und alles zusammengeworfen wird.

[ 29 ] Even if, because of the numerous prejudices that still stand in the way of spiritual science, an ideal state cannot yet be achieved today, it must nevertheless be said that, if truth is to prevail, the community of believers should make it as difficult as possible for the spiritual researcher to disseminate his truths and should set the highest standards with regard to embedding the findings of spiritual science into the concepts and ideas of common sense. This will counteract what is, unfortunately, also a fact—and a constantly recurring source of error in the dissemination of spiritual truths—namely, that charlatanism and all manner of similar practices so easily mingle with conscientious spiritual research, truthfulness, and honesty in this field. If one is not vigilant in upholding common sense, one can no longer distinguish between conscientious spiritual research and charlatanism and humbug, and everything gets lumped together.

[ 30 ] Zwei entgegengesetzte Seelenrichtungen werden Scharlatanerie und gewissenhafte Geistesforschung zusammenwerfen. Die eine Seelenrichtung ist die der im Autoritätswahn befangenen Gläubigen, die leichten Herzens sich aus ihren Sympathien und Vorurteilen heraus zu Bekennern der Geisteswissenschaft machen; die mischen alles durcheinander und nehmen oft das eine so gut hin wie das andere. Es gibt für diese Art von Seelen, die so gerichtet sind, kaum ein anderes Heilmittel als das, daß sich gewissenhafte Geistesforscher finden, die - obwohl sie es leicht hätten, den Irrtum zu verbreiten - dies verschmähen und sich gewissenhaft auf den Boden der Wahrheit stellen. Ob das der Fall ist, das kann nur im einzelnen Falle die Erfahrung, die Tatsächlichkeit lehren. Die anders gearteten Seelen, die auch schwer zwischen Scharlatanerie und Gewissenhaftigkeit auf diesem Gebiete unterscheiden können und auch alles durcheinanderwerfen, das sind diejenigen, die überhaupt nicht auf die Sache eingehen wollen, die mit den paar Begriffen, die sie sich zusammengezimmert haben, oberflächlich über die Sache urteilen, und die, weil es ihnen oft gelingt, Schwindel aufzudecken, nicht nur alles mit diesem Namen bezeichnen, sondern alles in diesen Kasten werfen. Sie können ebensowenig zwischen Scharlatanerie und Gewissenhaftigkeit unterscheiden wie die anderen, sie sind ebenso die Gelegenheitsmacher, daß sich Scharlatanerie und gewissenhafte Geistesforschung in gleicher Weise verbreiten können, weil sie alles in denselben Kasten werfen. Die eine Richtung, die der gläubigen Bekenner, hält oftmals die größte Scharlatanerie für eine unumstößliche höchste Wahrheit, die andere Sorte von Menschen, die befangenen, die Nichtkenner, die hält manchmal auch das, was gewissenhafte Geistesforschung ist, für Scharlatanerie und Irrtum, und man kann ihnen manchmal nicht gram sein, aus dem Grunde, weil man denen überhaupt nicht gram sein kann, da sie nicht besser verstehen, was sie sagen.

[ 30 ] Two opposing spiritual orientations will be thrown together: charlatanism and conscientious spiritual research. One of these spiritual orientations is that of believers caught up in a delusion of authority, who, lightheartedly and driven by their sympathies and prejudices, become adherents of spiritual science; they mix everything together and often accept one thing just as readily as another. For this type of soul, which is so inclined, there is scarcely any other remedy than for conscientious spiritual researchers to step forward—who, although it would be easy for them to spread error, spurn this and conscientiously stand on the ground of truth. Whether this is the case can only be taught by experience and reality in each individual instance. The souls of a different sort—who also find it difficult to distinguish between charlatanism and conscientiousness in this field and who likewise confuse everything—are those who do not want to engage with the matter at all, who judge it superficially based on the few concepts they have cobbled together, and who, because they often succeed in expose fraud, not only label everything with that name but also lump everything into that same category. They are just as incapable of distinguishing between charlatanism and conscientiousness as the others; they are equally responsible for creating the conditions under which charlatanism and conscientious spiritual research can spread in equal measure, because they lump everything into the same category. One camp—that of the devout believers—often regards the greatest charlatanism as an irrefutable, supreme truth; the other sort of people—the biased, the uninformed—sometimes also regard what is conscientious spiritual research as charlatanism and error, and one cannot always blame them for this, simply because one cannot blame them at all, since they do not truly understand what they are saying.

[ 31 ] So wird, damit Wahrheit und nicht Irrtum bei der Verbreitung der Geistesforschung leben kann, vor allen Dingen notwendig sein - und wer Erfahrung in diesen Dingen hat, der weiß das genau -, daß namentlich bei der Bekennerschaft der Geistesforschung kritischer Verstand, kritisches Urteil, gesunder Menschenverstand und nicht Autoritätswahn sich bilde. Dieser Autoritätswahn wird schon zusammenfallen, wenn eine Erkenntnis unter denjenigen sich verbreitet, die die Geistesforschung mögen und brauchen, eine Erkenntnis, die leider heute noch wenig gerade unter den Bekennern der Geisteswissenschaft verbreitet ist, daß ein Seher, ein praktischer Geistesforscher, der hineinschauen kann in die geistige Welt, dadurch, daß er dies kann, deshalb kein höheres Tier ist, deshalb nichts Besonderes ist, sich durch das gar nichts von anderen Menschen unterscheidet, ebensowenig wie jemand sich dadurch von anderen Menschen unterscheidet, daß er ein Chemiker, ein Botaniker, ein Maschinist oder ein Schneider ist. Den Wert des Menschen macht der Besitz geistiger Erkenntnisfähigkeit nicht aus, sondern nur das, daß sie eben auch dieses Gebiet erforschen und zur Erkenntnis der Menschen bringen können. Den Wert des Menschen macht lediglich sein gesunder Menschenverstand aus, seine Urteilsfähigkeit und seine moralischen Qualitäten. Und gerade die Geistesforschung könnte beweisen, daß über den Wert des Menschen schon durch seine intellektuellen und moralischen Qualitäten entschieden ist, bevor er in die geistige Welt hineintritt, und daß, wenn er da minderwertig ist, auch die Resultate seiner Forschung minderwertig sind. Dies einzusehen ist außerordentlich notwendig. Und noch mehr als die Gegner der Geisteswissenschaft sollten ihre Bekenner auf diesem Felde Einkehr halten und eine rechte Stimmung für die Besiegung des Autoritätswahnes suchen.

[ 31 ] Thus, in order for truth—and not error—to prevail in the dissemination of spiritual research, it will be necessary above all else—and anyone with experience in these matters knows this well—that, particularly among the adherents of spiritual research, a critical mind, critical judgment, and common sense be cultivated, rather than a delusion of authority. This delusion of authority will naturally fade once a realization spreads among those who appreciate and need spiritual research—a realization that, unfortunately, is still not very widespread today, especially among the adherents of spiritual science—namely, that a seer, a practitioner of spiritual research who can look into the spiritual world, by virtue of being able to do so, is therefore no higher than an animal, is therefore nothing special, and is in no way distinguished from other human beings by this ability—any less than someone is distinguished from others by being a chemist, a botanist, a machinist, or a tailor. The value of a human being does not lie in the possession of spiritual insight, but solely in the fact that they can explore this very realm and bring it to the understanding of others. What constitutes a person’s value is solely their common sense, their capacity for judgment, and their moral qualities. And spiritual science, in particular, could prove that a person’s value is already determined by their intellectual and moral qualities before they enter the spiritual world, and that if they are inferior there, the results of their research are also inferior. It is extremely important to recognize this. And even more than the opponents of spiritual science, its adherents should engage in self-reflection in this area and seek the right mindset to overcome the delusion of authority.

[ 32 ] So versuchte ich heute, meine sehr verehrten Anwesenden, nicht nur die Irrtumsmöglichkeiten in der Auffindung geistiger Wahrheiten zu schildern, sondern auch die Irrtumsmöglichkeit in bezug auf die Verbreitung geistiger Wahrheiten, in bezug auf das Einbürgern von geistigen Wahrheiten in die allgemeine geistige Kultur einer Zeit. Und ich versuchte, eine Empfindung davon hervorzurufen, wie gewissenhafte Geistesforschung erkennt, daß die Gegner derselben oft Recht haben können, dies oder jenes einzuwenden, und daß gewissenhafte Geistesforschung die wie immer gearteten Einwände sich schon selber machen kann, ja, sich sogar machen muß, weil eben wichtig ist auf diesem Gebiete, dem Irrtum ins Auge zu schauen, um die Wahrheit zu erkennen. Für die Bekenner der Geisteswissenschaft hat derjenige, der gewissenhaft sein will, in der Regel ja nur einen Trost, der auch vorhanden sein muß - und darin wollen wir ausklingen lassen, was wir heute betrachtet haben, denn schließlich kommt es doch am meisten nicht darauf an, nicht, was für Begriffe und Ideen sich in die Seele einsenken, sondern welche Stimmung sie in der Seele hervorrufen - für die Bekennerschaft der Geisteswissenschaft gibt es den einen Trost, daß ja die Wahrheit eine starke Kraft hat, und daß, wenn auch der Irrtum sich einschleicht durch den Autoritätswahn, in der Regel durch die Selbstkorrektur der Wahrheit diejenigen kuriert werden, die eine Weile auf bloßen Autoritätswahn hin dem oder jenem angehangen haben. In den meisten Fällen vollzieht sich eine solche Kur ja dadurch, daß es sich gewissermaßen rächt, einen solchen blinden Autoritätsglauben gehabt zu haben. Und oftmals ist es eben geschehen, daß, weil man die Einzelheiten nicht scharf angeschaut hat, sondern dem, was gesagt worden ist, aufs Wort geglaubt hat, daß dann bei einem krassen und radikalen Falle sich zeigt, wie wenig gewissenhaft man vorgegangen ist. Wenn dann der Schmerz und die Enttäuschung umso bedeutsamer sind, dann hat die Kur eben Erfolg.

[ 32 ] Thus, my esteemed audience, today I sought not only to describe the possibilities of error in the discovery of spiritual truths, but also the possibility of error with regard to the dissemination of spiritual truths and their integration into the general spiritual culture of an era. And I sought to evoke a sense of how conscientious spiritual research recognizes that its opponents may often be right to raise this or that objection, and that conscientious spiritual research can—and indeed must—raise such objections itself, whatever their nature, because it is precisely important in this field to look error in the eye in order to recognize the truth. For those who profess spiritual science, anyone who wishes to be conscientious generally has only one consolation, which must indeed be present—and with this let us conclude what we have considered today, for ultimately what matters most is not what concepts and ideas sink into the soul, but what mood they evoke in the soul —for adherents of spiritual science, there is this one consolation: that truth possesses a powerful force, and that even if error creeps in through the delusion of authority, those who have for a time clung to this or that out of mere delusion of authority are generally cured by the self-correcting nature of truth. In most cases, such a cure takes place precisely because, in a sense, one pays the price for having held such a blind faith in authority. And it has often happened that, because one did not examine the details closely but took what was said at face value, a glaring and radical case then reveals just how carelessly one had proceeded. If the pain and disappointment are all the more significant as a result, then the cure has indeed been successful.

[ 33 ] Für diejenigen aber, die alle Geistesforschung mit Scharlatanerie, mit Täuschung zusammenwerfen, sei es, daß sie es im guten Glauben tun, was ja auch vorkommt, sei es, daß sie es aus bösem Willen heraus tun, für die kann die heutige Betrachtung in einen anderen Trost einmünden, einen Trost, den die menschliche Seele immer dann haben kann, wenn sie überhaupt der Wahrheit gegenüberzustehen sich sehnt, wenn sie überhaupt nach Wahrheit lechzt. Wahrheiten der Geistesforschung, wenn sie neu auftreten, sind ja viel mehr dem Schicksal ausgesetzt, dem aber auch die anderen Wahrheiten ausgesetzt sind, die nach und nach in der Fortentwicklung der Menschheit auftreten. Wie ist zum Beispiel die kopernikanische Weltanschauung aufgenommen worden! Wie hat man Galilei behandelt! Wie hat sich die ganze Welt gewehrt, als Francesco Redi die heute selbstverständliche Wahrheit verbreitete, daß Regenwürmer nicht aus Flußschlamm und anderem Leblosen entstehen können, sondern daß alles Lebendige aus einem vorher vorhandenen lebendigen Keim hervorgeht! Wie haben sich selbst gelehrte Körperschaften erhoben, als die heute selbstverständliche Wahrheit ausgesprochen wurde, daß eiserne Steine aus der Luft auf die Erde fallen können — die Meteoriten! Wie haben sich die Menschen dagegen gewehrt, als eine scheinbar so unbedeutende Sache wie die Briefmarke zuerst eingeführt werden sollte. Damals hat eine maßgebende Persönlichkeit gesagt: Ja, wenn wirklich die Korrespondenzen so zunehmen würden, wie es diejenigen annehmen, die die Briefmarken einführen wollen, dann würden ja die Postgebäude, die wir jetzt in unseren Städten haben, nicht mehr ausreichen! - Zahlreiche andere Beispiele ließen sich dafür anführen, daß die Wahrheit, wenn sie in die Welt tritt, für paradox gehalten und deshalb zurückgewiesen wurde. Der Anblick dieser Schicksale der Wahrheit kann uns den Trost und die Zuversicht gegenüber all denen geben, die die Geisteswissenschaft ablehnen und mit irgendwelcher Scharlatanerie zusammenwerfen, den Trost, den man eben gegenüber der Wahrheit überhaupt in allen Zeitaltern gehabt hat und den man in die Worte kleiden kann, die einer gesprochen hat, der ja vielfach geirrt hat, der aber in ernster und energischer Weise suchte, nach der Wahrheit zu forschen.

[ 33 ] But for those who lump all spiritual research together with charlatanism and deception, whether they do so in good faith—which does indeed happen—or out of malice, today’s reflection may offer them a different kind of comfort: a comfort that the human soul can always find whenever it yearns to face the truth, whenever it thirsts for truth. Truths of spiritual science, when they first emerge, are indeed much more subject to the vicissitudes of fate—the same vicissitudes to which other truths are also subject as they gradually emerge in the course of human progress. Consider, for example, how the Copernican worldview was received! Consider how Galileo was treated! Consider how the entire world resisted when Francesco Redi proclaimed the truth—which we now take for granted—that earthworms cannot arise from river mud or other non-living matter, but that all living things emerge from a pre-existing living germ! How even learned bodies protested when the truth—now taken for granted—was stated that iron stones can fall from the air to the earth—meteorites! How people resisted when something as seemingly insignificant as the postage stamp was first to be introduced. At that time, an influential figure said: “Yes, if correspondence were really to increase as much as those who want to introduce postage stamps assume, then the post offices we now have in our cities would no longer be sufficient!”—Numerous other examples could be cited to show that when truth enters the world, it is regarded as paradoxical and therefore rejected. The sight of these fates of the truth can give us comfort and confidence in the face of all those who reject spiritual science and lump it together with all manner of charlatanism, the comfort that people have always found in the truth throughout the ages, and which can be expressed in the words of someone who, though he erred in many ways, nevertheless sought the truth with earnestness and vigor.

[ 34 ] Und es dürfen wohl gerade diese beiden Vorträge, die das Wechselverhältnis von Wahrheit und Irrtum in der Geistesforschung behandelten, und das, was sozusagen wie der fortlaufende Strom in allen einzelnen Ausführungen dieser Vorträge war, in die Worte des energischen Wahrheitsforschers Schopenhauer zusammengefaßt werden, der ja im Hinblick auf die Schicksale der Wahrheit das trostreiche Wort in seiner Schrift «Die Grundlagen der Moral» gesprochen hat - und damit wollen wir schließen –: In allen Jahrhunderten mußte die arme Wahrheit darüber erröten, daß sie paradox war, und es ist doch nicht ihre Schuld. Sie kann einmal nicht die Gestalt des thronenden allgemeinen Irrtums annehmen, und so vermag sie nichts anderes als seufzend hinaufzublicken zu ihrem Schutzgott, der Zeit. Aber dessen Flügelschläge sind so langsam, daß über dem Flügelschlagen das einzelne menschliche Individuum trotz der siegenden Zeit dahinstirbt. - Aber die Wahrheit, sie wird siegen, wenn auch die Individuen dahinsterben und die Schmerzen des Irrtums auch noch so sehr erleben sollten.

[ ] And it is precisely these two lectures—which dealt with the interplay between truth and error in spiritual research—and what ran, so to speak, like a continuous stream through all the individual sections of these lectures, that can be summarized in the words of the vigorous seeker of truth, Schopenhauer, who, with regard to the fate of truth, spoke these comforting words in his work *The Foundations of Morality*—and with this we shall conclude—: Throughout the centuries, poor Truth has had to blush at the fact that she was paradoxical, and yet it is not her fault. She simply cannot assume the form of the enthroned universal error, and so she can do nothing but look up with a sigh to her patron god, Time. But the beating of its wings is so slow that, despite the triumph of time, the individual human being perishes before the wings have even finished flapping. — But the truth will prevail, even if individuals perish and suffer the pains of error no matter how deeply.

Fragenbeantwortung

Question and Answer

[ 35 ] Frage: Bei manchen Menschen kommt zu Zeiten, meist nach langem anstrengendem Denken, daß sie ein eigenartiges Gefühl haben, als stünde man außer sich selbst, neben sich selbst, mit einer furchtbaren Leere um sich, und der Körper erscheint dann wie etwas gänzlich Fremdes. Man muß sich dann erst zwingen, sich wieder als Körper zu fühlen, ähnlich wie bei E.T.A. Hoffmann. Was ist da zu tun?

[ 34 ] Question: Some people occasionally experience—usually after prolonged, strenuous thought—a strange sensation, as if they were standing outside themselves, beside themselves, surrounded by a terrible emptiness, and their body then seems like something entirely foreign. One then has to force oneself to feel like a body again, much like in E.T.A. Hoffmann’s work. What can be done about this?

[ 36 ] Rudolf Steiner: Vor allem muß man in Betracht ziehen, daß alles, was in der Welt von dieser Art auftritt, unterschiedliche Grade hat. Was heute im Vortrag geschildert worden ist, stellt nur einen bedeutenderen Grad der Erscheinungen dar, die in anderen, kleineren Graden immer im Menschen sein können. Der Weg, gleichsam loszukommen von dem Instrument seines Leibes, ist gerade der Weg der Meditation und Konzentration. Und wenn es in der Frage heißt «besonders nach anstrengendem Denken» - Meditation und Konzentration ist ein ganz intensiver Grad von angestrengtem Denken, Empfinden, vielleicht auch Wollen. Daher sind solche Erscheinungen, die in einem außerordentlichen Maß stattfinden bei Meditation und Konzentration, wenn die einzelnen Glieder der menschlichen Natur in einem loseren Gleichgewicht sind — bei jedem Menschen sind sie übrigens in einem anderen Gleichgewicht - durchaus möglich. Das ist zum Beispiel sehr sachgemäß belletristisch beschrieben worden. Wer annimmt, daß bei einer belletristischen Schilderung solcher Dinge immer nur Phantasie zugrundeliege, geht fehl. Der ernsthafte Künstler schildert, auch wenn er Abnormes zum Gegenstand nimmt, aus dem Erlebnis heraus. Das ist in hohem Grade bei E.T.A. Floffmann der Fall. Das würden viele Menschen erleben, wenn sie immer auf sich acht haben würden, aber der Grad der Aufmerksamkeit erreicht nicht immer die Geschehnisse, und dadurch bleiben solche Tatsachen vielfach unbemerkt. Im Grunde genommen ist die Geistesforschung nicht etwas ganz Besonderes, sondern nur eine Steigerung dessen, was auch im gewöhnlichen Leben überall und immer vorkommt.

[ 35 ] Rudolf Steiner: Above all, one must take into account that everything of this kind that occurs in the world exists in varying degrees. What has been described in today’s lecture represents only a more significant degree of the phenomena that can always be present in human beings to a lesser extent. The path to, so to speak, detaching oneself from the instrument of one’s body is precisely the path of meditation and concentration. And when the question refers to “especially after strenuous thinking”—meditation and concentration are a very intense degree of strenuous thinking, feeling, and perhaps even willing. Therefore, such phenomena—which occur to an extraordinary degree during meditation and concentration, when the individual aspects of human nature are in a looser balance (and, incidentally, they are in a different balance in every person)—are entirely possible. This has, for example, been described very aptly in fiction. Anyone who assumes that a fictional depiction of such things is based solely on fantasy is mistaken. The serious artist, even when taking the abnormal as his subject, draws from personal experience. This is very much the case with E.T.A. Floffmann. Many people would experience this if they were always mindful of themselves, but the level of attention does not always extend to these occurrences, and as a result, such facts often go unnoticed. Essentially, spiritual research is not something entirely extraordinary, but merely an intensification of what occurs everywhere and at all times in ordinary life.

Frage: In welcher Hinsicht ist eine Erkenntnis höherer Welten erstrebenswert - abgesehen von Neugierde -, da sie doch vom gesunden Menschenverstand abhängig ist?

Question: In what way is knowledge of higher worlds worth pursuing—aside from curiosity—since it depends on common sense?

[ 37 ] Rudolf Steiner: Wer nicht lechzt nach der Beantwortung der höheren Fragen des Daseins, für den wird Geisteswissenschaft entbehrlich sein können. Wer aber lechzt nach der Beantwortung solcher Fragen, für den muß schon gesagt werden: So wie der Körper Hunger hat nach Nahrung, so hat die Seele Hunger nach Beantwortung der großen Lebensfragen des Daseins. Und wie bereits im Vortrag gesagt worden ist, kann man der Seele wohl die Wahrheiten entziehen, aber nicht den Hunger nach Wahrheiten. Das tritt in seinen Wirkungen stärker hervor, daß die Seele zunächst in alle möglichen Zustände von Ungeordnetheit, ja Verzweiflung kommt, daß sich also das, was zunächst Erkenntnissache ist, sich in Fragen der Gesundheit umsetzt. Hier sei nur hingewiesen auf den nahen Zusammenhang zwischen Nervosität und dem Sich-nicht-Kümmern um geistige Wahrheiten. Sie sind eben eine Notwendigkeit der Menschennatur. An der Frage ist wieder zu ersehen, was schon öfter berührt worden ist, daß im Grunde genommen bei diesen Dingen, die so sehr schwer darzustellen sind - und die ich daher in diesen Vorträgen versuche gewissenhaft und genau darzustellen -, nicht genau genug zugehört wird. Bei genauem Hören dessen, was im Vortrag selbst gesagt worden ist, hätte eine solche Frage nicht gestellt werden müssen. Man würde zum Beispiel auch gehört haben, daß der Wert des Menschen abhängt von der Seelenverfassung, von moralischen und intellektuellen Qualitäten, und nicht von dem Inhalt der Wahrheiten, denn diese müssen erst gefunden werden durch die übersinnliche Forschung. Man wird in der höheren Erkenntnis das Intellektuelle finden, wenn man für das Intellektuelle veranlagt ist, und das Moralische, wenn man für das Moralische veranlagt ist, das man aber hineinbringen muß in die übersinnliche Welt, das man in der intellektuellen und moralischen Konstitution haben muß, die man mitbringen muß.

[ 36 ] Rudolf Steiner: For those who do not yearn for answers to the higher questions of existence, spiritual science may be dispensable. But for those who yearn for answers to such questions, it must be said: Just as the body hungers for food, so the soul hungers for answers to the great questions of life. And as has already been said in this lecture, one can certainly deprive the soul of truths, but not of its hunger for truths. This becomes even more evident in its effects: the soul first descends into all manner of states of disorder, even despair; thus, what is initially a matter of knowledge translates into issues of health. Here, one need only point to the close connection between nervousness and a disregard for spiritual truths. They are, after all, a necessity of human nature. This question once again reveals what has been mentioned many times before: that, fundamentally, when it comes to these matters—which are so difficult to explain—and which I therefore strive to present conscientiously and precisely in these lectures—people do not listen closely enough. If one had listened carefully to what was actually said in the lecture itself, such a question would not have needed to be asked. One would have heard, for example, that a person’s worth depends on the state of the soul, on moral and intellectual qualities, and not on the content of truths, for these must first be discovered through supersensible research. In higher knowledge, one will find the intellectual if one is predisposed toward the intellectual, and the moral if one is predisposed toward the moral—but one must bring this with one into the supersensible world; one must possess it in one’s intellectual and moral constitution, which one must bring with oneself.

Frage: Es ist eine Tatsache, daß man durch geistige Arbeit den Funktionen der Psyche eine andere Richtung geben kann. Wo aber sind Garantien für absolute Gültigkeit der Unveränderlichkeit unserer Psyche?

Question: It is a fact that mental work can redirect the functions of the psyche. But where are the guarantees of the absolute validity of the immutability of our psyche?

[ 38 ] Rudolf Steiner: Zweimal wurde in den Vorträgen gesagt, daß man nicht sagen kann: hier hört die Wahrheit auf und hier fängt der Irrtum an -, daß es aber die Möglichkeit gibt, die Wege zur Wahrheit zu betreten. Am besten wäre es ja, wenn man alle Wahrheiten auf einen kleinen Zettel schreiben könnte; den könnte man dann in die Westentasche stecken und bei Bedarf nachsehen. So ist aber die Wahrheit nicht. Nach und nach muß man sich hinaufarbeiten. Ist die Frage überhaupt berechtigt, Garantien zu verlangen dafür, daß irgend etwas objektive Gültigkeit hat?

[ 37 ] Rudolf Steiner: It was stated twice in the lectures that one cannot say, “Here the truth ends and here error begins”—but that there is the possibility of embarking on the paths to truth. It would be best, of course, if one could write down all truths on a small piece of paper; one could then put it in one’s vest pocket and consult it when needed. But that is not how truth works. One must work one’s way up to it little by little. Is it even legitimate to demand guarantees that anything has objective validity?

Frage: Ist in der Theosophie Verstandesseele und Gemütsseele dasselbe?

Question: In Theosophy, are the intellectual soul and the emotional soul the same thing?

[ 39 ] Rudolf Steiner: Nein, aber es sind zwei Seiten einer und derselben Wesenheit, so daß das eine Seelenglied einmal, wenn es sich nach außen wendet und die Dinge beurteilt, Verstandesseele genannt wird, und dasselbe Wesen, wenn es das eigene Innere durchlebt, Gemütsseele heißt.

[ 38 ] Rudolf Steiner: No, but they are two sides of one and the same entity, so that one aspect of the soul, when it turns outward and judges things, is called the intellectual soul, and the same entity, when it experiences its own inner life, is called the emotional soul.

Frage: Gibt es eine bestimmte Moralität des Geistesforschers?

Question: Is there a specific code of ethics for parapsychologists?

[ 40 ] Rudolf Steiner: Keine andere als die allgemein menschliche Moralität überhaupt, die aber verfeinert werden kann, wie es auch in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben ist. Aber wie Moral auch sonst nicht doppelte Buchhaltung hat, so muß gesagt werden, daß auch der Geistesforscher nicht doppelte moralische Buchhaltung haben darf. Aber wie gesagt, muß er gewisse moralische innere Qualitäten intimer ausbilden.

[ 39 ] Rudolf Steiner: Nothing other than general human morality itself, which can, however, be refined, as is also described in “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?” But just as morality in general does not allow for double standards, so it must be said that the spiritual researcher, too, must not have double moral standards. However, as mentioned, he must cultivate certain inner moral qualities more deeply.

Frage: Hat die Geisteswissenschaft das Recht, heilige Gesetze zu enthüllen?

Question: Does the science of the spirit have the right to reveal sacred laws?

[ 41 ] Rudolf Steiner: Das sind eben die Gesetze der Natur.

[ 40 ] Rudolf Steiner: Those are simply the laws of nature.