Truths and Errors in Spiritual Research
GA 69a
19 February 1913, Stuttgart
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Truths and Errors in Spiritual Research, tr. SOL
6. Irrtümer der Geistesforschung
6. Errors in Spiritual Research
Vorbemerkung: Von dem am Vortag, am 18. Februar 1913 in Stuttgart gehaltenen Vortrag über «Wahrheiten der Geistesforschung» liegt keine Mitschrift vor.
Preliminary Note: No transcript is available of the lecture on “Truths of Spiritual Research” delivered the previous day, February 18, 1913, in Stuttgart.
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Es ist auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft fast ebenso bedeutungsvoll, sich klar zu sein über die Wege des Irrtums wie über diejenigen der Wahrheit, denn es ist auf diesem Felde so, daß Wahrheiten nicht bloß wie im äußeren Leben gesucht werden müssen, sondern daß sie erkämpft werden müssen. Und jene inneren Kämpfe der Seele, durch welche die Wahrheiten auf geisteswissenschaftlichem Gebiete zu erringen sind, jene Kämpfe führen uns vielfach durch Irrtümer hindurch, die auf Schritt und Tritt lauern und die überwunden sein wollen, die vor allen Dingen in ihrer ganzen Art und Bedeutung erkannt sein wollen. Widerlegt werden Irrtümer im äußeren Leben und in der äußeren Wissenschaft; auf dem Gebiete des geistigen Lebens müssen sie bekämpft werden wie reale Mächte, die uns entgegentreten auf unseren Wahrheitswegen. Und so sei denn der Vortrag von gestern über geisteswissenschaftliche Wahrheiten ergänzt und weiter ausgeführt durch die Betrachtung der Quellen des Irrtums. Auch da ist es wiederum nicht etwa möglich zu sagen, dies oder jenes sei ein Irrtum der Geistesforschung, sondern auch da handelt es sich um die Frage, wie die forschende, suchende Seele in den Irrtum verfallen kann.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! In the field of spiritual science, it is almost as important to be clear about the paths of error as it is to be clear about those of truth, for in this field, truths must not merely be sought—as they are in external life—but must be fought for. And those inner struggles of the soul through which truths in the field of spiritual science are to be attained—those struggles often lead us through errors that lie in wait at every turn and that must be overcome; above all, they must be recognized in their full nature and significance. Errors are refuted in external life and in external science; in the realm of spiritual life, they must be fought as real forces that stand in our way on our paths to truth. And so let yesterday’s lecture on spiritual scientific truths be supplemented and further elaborated upon through a consideration of the sources of error. Here, too, it is not possible to say that this or that is an error of spiritual research; rather, the question is how the inquiring, seeking soul can fall into error.
[ 2 ] Nun wurde ja nicht nur gestern, sondern schon im Laufe der Jahre immer wieder darauf hingewiesen, wie der Geistesforscher sich selber zum Instrument machen muß, durch das er in die geistigen Welten eindringt. Das, was der Geistesforscher auszubilden hat, sind geistige Organe. Wie wir als Menschen des gewöhnlichen Lebens physische Organe haben, um die Außenwelt physisch wahrzunehmen, so können wir uns durch die Dinge, die auch gestern skizzenhaft besprochen worden sind, geistige Organe aneignen. Durch geistige Sinnesorgane – wenn der Ausdruck nicht widerspruchsvoll wäre – kommen wir in die geistige Welt hinein, um deren Eigenart und Geheimnisse erkennen zu können. Wir müssen weiter uns die Möglichkeit erwerben, mit einem vollen Bewußtsein uns das zu erringen, was durch solche geistigen Organe erfahren werden kann. Nun muß natürlich, obwohl das vielen überflüssig erscheint, immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden, daß diese geistigen Organe nicht etwa zu vergleichen sind mit den sinnlichen Organen. Es sind übersinnliche Organe. Geradeso wie die Welt, die man durch sie aufsucht, selbst übersinnlich ist, nicht äußerlich sichtbar, nicht äußerlich wahrnehmbar ist, so sind auch die Organe, die wir ausbilden, rein geistig-seelische Organe. Und das Bewußtsein ist gewissermaßen ein anderes, ein höheres Bewußtsein als dasjenige des gewöhnlichen Lebens und der gewöhnlichen Wissenschaft.
[ 2 ] It has been pointed out not only yesterday but repeatedly over the years that the spiritual researcher must make himself into an instrument through which he penetrates the spiritual worlds. What the spiritual researcher must develop are spiritual organs. Just as we, as people living ordinary lives, have physical organs to perceive the external world physically, so too can we acquire spiritual organs through the means that were briefly discussed yesterday. Through spiritual sense organs—if the expression were not contradictory—we enter the spiritual world in order to recognize its nature and mysteries. We must further acquire the ability to attain, with full consciousness, what can be experienced through such spiritual organs. Now, of course, although this may seem superfluous to many, it must be emphasized again and again that these spiritual organs are by no means comparable to the physical senses. They are supersensible organs. Just as the world we enter through them is itself supersensory—not outwardly visible, not outwardly perceptible—so, too, are the organs we develop purely spiritual-soul organs. And this consciousness is, in a sense, a different, higher consciousness than that of ordinary life and ordinary science.
[ 3 ] Dennoch können wir uns verständigen, wenn wir die Quellen der Irrtümer auf geistigem Gebiete kennen. Wir wollen vergleichsweise ausgehen von den mancherlei Quellen des Irrtums auf sinnlich-physischem Gebiete. Wodurch können wir zu Irrtümern in der äußeren Anschauung der Sinnenwelt kommen? Es sei ein konkretes Beispiel genannt. Wenn wir irgendeinen Fehler im Auge haben, dann kann es sich herausstellen, daß wir durch diesen Fehler im Auge die Dinge immerfort falsch sehen. Ein sehr bekannter Naturforscher, der einen solchen Augenfehler hat, sei unter Hunderten von Beispielen angeführt, die genannt werden könnten. Er erzählt selbst, wie er immer wieder in der Dämmerung stets glaubte, daß diese oder jene Gestalt vor ihm stehe, die er deutlich sieht. Dies beruht nur auf einem Augenfehler. Als er einmal in einer fremden Stadt um eine Ecke herum ging und Mißtrauen hatte gegen die Gefahren der fremden Stadt, täuschte ihn sein Auge und er glaubte, daß eine Persönlichkeit, die sich ihm nahte, ihm etwas anhaben wollte. Er nahm sogar seine Verteidigungswaffe heraus, um die nichtvorhandene Gestalt wegzubringen.
[ 3 ] Nevertheless, we can communicate if we understand the sources of error in the realm of the mind. Let us begin, by way of comparison, with the various sources of error in the sensory-physical realm. How can we come to errors in our external perception of the sensory world? Let us cite a concrete example. If we have some defect in our eye, it may turn out that, because of this defect, we constantly see things incorrectly. A very well-known natural scientist who has such a visual defect may be cited among the hundreds of examples that could be mentioned. He himself recounts how, time and again at twilight, he always believed that this or that figure was standing before him, which he could see clearly. This is due solely to a visual defect. Once, when he was walking around a corner in a strange city and was wary of the dangers of that unfamiliar place, his eyes deceived him, and he believed that a person approaching him intended to harm him. He even drew his weapon to drive away the nonexistent figure.
[ 4 ] Fehlerhafte Organe verursachen fehlerhaftes Sehen in der sinnlichen Welt. Nun können wir vergleichsweise sagen: Auch in der geistigen Forschung verursachen fehlerhafte Organe, fehlerhafte «Geistesaugen» – um diesen Ausdruck Goethes zu gebrauchen –, die wir uns durch die gestern skizzierte Selbstentwicklung, Selbsterziehung aneignen, fehlerhaftes Sehen, Irrtümer in unserer Auffassung der geistigen Welt.
[ 4 ] Faulty organs cause faulty vision in the sensory world. Now we can say, by way of comparison: In spiritual research, too, flawed organs—flawed “spiritual eyes,” to use Goethe’s expression—which we acquire through the self-development and self-education outlined yesterday, cause flawed perception and errors in our understanding of the spiritual world.
[ 5 ] Wodurch kommen wir zu solchen fehlerhaften Organen? Da muß von vornherein betont werden, daß dasjenige, was sich der Geistesforscher durch Selbsterziehung, durch Selbstentwicklung erringt, immer abhängt von dem Ausgangspunkt, den seine Seele nimmt. Selbstentwicklung beruht ja darauf, daß wir die Fähigkeiten, die seelischen Kräfte, die wir schon im gewöhnlichen Leben haben, weiter entwickeln, zu höheren Stufen hinauf entwickeln. Und alles hängt davon ab, daß wir von einem gesunden Seelenleben, von einer allseitig gesunden Seele ausgehen und von da aus dann die geistigen Organe entwickeln. Damit wir durch die charakterisierte Entwicklung zu gesunden geistigen Organen kommen, die uns Wahrheiten und nicht Irrtümer überliefern in unseren Anschauungen der geistigen Welt, ist es notwendig, daß wir von dem ausgehen, was man im gewöhnlichen Leben den gesunden Menschenverstand nennt, gesunde Urteilskraft. Auf diese muß weiter aufgebaut werden. Schädlich für die geistige Entwicklung, für die richtige Ausbildung der geistigen Organe ist namentlich jede Art von Schwärmerei, jede Art von Phantastik. Denn dasjenige, was der Seele anhängt von Schwärmerei und Phantastik, von unrichtigem oder unwahrhaftigem Beurteilen der Dinge hier in der sinnlichen Welt, das bleibt ihr in einer gewissen Weise anhaften bei der weiteren geistigen Entwicklung, und dies führt zuletzt dazu, daß geistige Organe ausgebildet werden, die nicht richtig arbeiten, die verglichen werden können mit einem falsch arbeitenden, einem falsch schauenden Auge.
[ 5 ] How do we end up with such flawed faculties? It must be emphasized from the outset that what the spiritual researcher attains through self-education and self-development always depends on the starting point from which his soul sets out. Self-development, after all, is based on further developing the abilities and spiritual powers we already possess in ordinary life, raising them to higher levels. And everything depends on our starting from a healthy spiritual life—from a soul that is healthy in every respect—and then developing our spiritual faculties from that foundation. In order for us to arrive, through the development described, at healthy spiritual faculties that convey truths—and not errors—in our perceptions of the spiritual world, it is necessary that we begin with what is called common sense in ordinary life: sound judgment. We must build upon this further. Particularly harmful to spiritual development and to the proper formation of the spiritual faculties is any kind of fanaticism or fantasy. For whatever clings to the soul in the form of fanaticism and fantasy—or of incorrect or untruthful judgments about things here in the sensory world—remains attached to it in a certain way during its further spiritual development; and this ultimately leads to the formation of spiritual faculties that do not function properly—faculties that can be compared to an eye that sees incorrectly.
[ 6 ] Wir stehen da gleich vor einem Punkt, sehr verehrte Anwesende, der notwendig zu besprechen ist, wenn der Grund der Geistesforschung gesund sein soll. Es ist schon gestern von einer anderen Seite her darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Bekenner der Geisteswissenschaft, der Geistesforschung, einen Fehler begehen, wenn sie in einem Menschen, der Dinge aus der geistigen Welt zu erzählen weiß, von vornherein einen besonderen Menschen sehen, weil er als ein Seher dasteht. Sehergabe sollte im Grunde gar nicht anders aufgefaßt werden als etwas, was sich als ein spezielles Vermögen des Menschen ausgebildet hat, um in die geistige Welt hineinzuschauen – so wie man sich wissenschaftlich ausbildet, um ein Botaniker, ein Zoologe oder Mathematiker zu werden. Und je mehr die Bekenner der Geisteswissenschaft sich klar sind darüber, daß ein Mensch nicht dadurch etwas Besonderes ist, daß er ein Seher, ein Geistesforscher ist, desto besser ist es. Den Wert eines Menschen sollen wir nicht von seiner Sehergabe abhängig machen, er darf das auch selber keineswegs tun. Der Wert eines Menschen auch als Seher hängt davon ab, daß er schon hier in der physischen Welt gesunde Urteilskraft, gesunden Menschenverstand hat. Dies führt, wenn dann die besprochenen Methoden auf die Seelenentwicklung angewendet werden, zu gesunden geistigen Organen. Ungesunder Menschenverstand führt zu krankhafter Geistesanschauung, die die geistige Welt in einer falschen, irrtümlichen Gestalt zeigt. Das ist das eine, was gesagt werden muß.
[ 6 ] We are about to reach a point, ladies and gentlemen, that must be discussed if the foundation of spiritual research is to be sound. It was already pointed out yesterday from another perspective that adherents of spiritual science and spiritual research make a mistake when they regard a person who can recount things from the spiritual world as someone special from the outset simply because he or she is regarded as a seer. The gift of clairvoyance should, in essence, be understood as nothing other than a special human ability that has developed to enable one to look into the spiritual world—just as one undergoes scientific training to become a botanist, a zoologist, or a mathematician. And the more clearly those who profess spiritual science realize that a person is not special simply because they are a seer or a spiritual researcher, the better. We should not make a person’s worth dependent on their gift of clairvoyance, nor should they themselves do so under any circumstances. A person’s worth, even as a seer, depends on their possessing sound judgment and common sense already here in the physical world. When the methods discussed are then applied to the development of the soul, this leads to healthy spiritual faculties. Unhealthy common sense leads to a pathological spiritual outlook that presents the spiritual world in a false, erroneous form. That is the one thing that must be said.
[ 7 ] Das andere, worauf es ankommt, ist, daß wir uns ein richtiges, bewußtes Urteil bilden können innerhalb der geistigen Welt, daß wir uns in der richtigen Weise orientieren können, so daß wir uns nicht nur durch unsere gesunden Organe, sondern auch durch das Bewußtsein selber keiner Täuschung, keiner Verblendung hingeben.
[ 7 ] The other important point is that we are able to form a correct, conscious judgment within the spiritual world, that we can orient ourselves in the right way, so that we do not succumb to any deception or delusion—not only through our healthy faculties, but also through consciousness itself.
[ 8 ] Nun kann beim Geistesforscher etwas eintreten, was sich vergleichen läßt damit – um wiederum einen Vergleich zu haben –, wenn hier in der sinnlichen Welt das Bewußtsein des Menschen wie ohnmächtig, wie betäubt ist, wie schläfrig, wie gelähmt, so daß der Betreffende durch sein ohnmächtiges, betäubtes Bewußtsein sich nicht richtig zurechtfindet in der physischen Welt. Eine ähnliche Erscheinung kann den Geistesforscher befallen, wenn er wiederum nicht von einem richtigen Ausgangspunkte ausgeht. Der richtige Ausgangspunkt, um ein klares, das geistige Gesichtsfeld richtig beleuchtendes Bewußtsein zu haben, ist eine moralisch gesunde Seelenverfassung und Seelenstimmung. Geradeso wie ungesunder Menschenverstand unrichtige, ungesunde Organe herbeiführt, so führt ein schwaches moralisches Empfinden eine Art von Unorientiertheit, ja man möchte sagen von Betäubung, von Benebelung des höheren Bewußtseins herbei.
[ 8 ] Now, something can happen to the spiritual researcher that can be compared—to use another analogy—to a situation here in the physical world where a person’s consciousness is as if unconscious, as if numb, as if drowsy, as if paralyzed, so that the person in question, due to their powerless, numbed consciousness, cannot properly orient themselves in the physical world. A similar phenomenon can befall the spiritual researcher if he, in turn, does not start from the right point of departure. The right point of departure for having a clear consciousness that properly illuminates the spiritual field of vision is a morally healthy state of mind and spiritual disposition. Just as an unhealthy mind leads to unhealthy organs, so does a weak moral sensibility lead to a kind of disorientation—one might even say a numbness or clouding—of the higher consciousness.
[ 9 ] So sehen wir, daß es notwendig ist, um die Quellen der Irrtümer auf geistigem Gebiete zu erkennen, daß ausgegangen werde bei der Entwicklung der Seele zum Geistesforscher von gesundem Menschenverstand und von gesundem, festem moralischem Urteil, von gesunder, fester moralischer Seelenverfassung. Damit wird aber nur bekräftigt, daß der Seher nicht dadurch ein besonderer Mensch ist, daß er die Sehergabe hat, sondern daß er in seinem menschlichen Wert so beurteilt werden muß wie andere Menschen auch – nach seiner gesunden Urteilskraft und moralischen Seelenverfassung. Nur sind diese beiden Dinge noch unendlich wichtiger auf dem Gebiete der Geistesforschung als im gewöhnlichen Leben, weil sie eigentlich die Grundbedingungen sind für die Auffindung von Wahrheiten und für die Vermeidung von Irrtümern.
[ 9 ] Thus we see that, in order to recognize the sources of error in the spiritual realm, the development of the soul into a spiritual researcher must be based on sound common sense, sound and firm moral judgment, and a sound and firm moral disposition. This merely reaffirms, however, that the seer is not a special person simply because he possesses the gift of clairvoyance, but that he must be judged in terms of his human worth just as other people are—according to his sound judgment and moral disposition. It is just that these two things are infinitely more important in the field of spiritual research than in ordinary life, because they are, in fact, the fundamental conditions for discovering truths and avoiding errors.
[ 10 ] Noch andere Quellen des Irrtums können wir angeben oder vielmehr in anderer Weise noch die Wege des Irrtums kennzeichnen. Und da ist es am besten, wenn wir, um uns zu verständigen, wiederum ausgehen von der gewöhnlichen sinnlichen Betrachtung der Dinge. Wir wissen alle, sehr verehrte Anwesende, daß es eine vielverbreitete Betrachtung der Dinge der äußeren Welt gibt, die man Materialismus nennt, eine materialistische Betrachtung der Außenwelt. Nun handelt es sich darum, daß wir geisteswissenschaftlich uns klar werden darüber, wie diese materialistische Gesinnung in der gewöhnlichen physischen Welt auftreten kann beim Menschen. Geisteswissenschaft – das ist ja klar geworden durch alle Auseinandersetzungen, die ich hier vor Ihnen machen durfte – , Geisteswissenschaft führt dazu anzuerkennen, daß hinter allem, auch hinter dem materiellen Dasein, Geistiges wirkt, daß das materielle Dasein nur der Ausdruck dahinterstehender geistiger Kräfte ist. So ist also auch auf dem Felde, wo das Materielle wirkt, eigentlich der Geist wirksam.
[ 10 ] We can point out still other sources of error—or rather, describe the paths of error in a different way. And here, to ensure we understand one another, it is best to start once again from the ordinary sensory observation of things. We all know, esteemed audience, that there is a widespread way of viewing the things of the external world called materialism—a materialistic view of the external world. Now, the task before us is to gain clarity, through spiritual science, as to how this materialistic mindset can arise in human beings within the ordinary physical world. Spiritual science—as has become clear through all the discussions I have been able to present here before you—leads us to recognize that spiritual forces are at work behind everything, including material existence, and that material existence is merely the expression of the spiritual forces lying behind it. Thus, even in the realm where the material is active, it is actually the spirit that is at work.
[ 11 ] Wie kommen nun Menschen dazu, dennoch Materialisten zu sein? Wie kommen sie dazu, zu verkennen, daß da, wo Materie erscheint, diese Materie nur eine Offenbarung des Geistes ist? Wenn wir überall den Geist anerkennen, sehr verehrte Anwesende, so müssen wir auch im Geist die Ursachen suchen, warum die Menschen Materialisten werden können. Und in der Tat, es sind geistige Gründe in der Menschenseele, Kräfte, die aus der geistigen Welt in diese Menschenseele hineinwirken, die den Menschen zu einer materialistischen Gesinnung bringen. Unter denjenigen geistigen Kräften, welche die Geistesforschung uns nahebringt, finden wir – nehmen Sie bitte den Ausdruck wie einen technischen Ausdruck – die sogenannten ahrimanischen Kräfte, Kräfte, die wir mit dem Namen «ahrimanisch» bezeichnen in Anlehnung an den persischen Geist Ahriman. Es sind bestimmte geistige Kräfte gemeint, die auf die menschliche Seele so einwirken, daß sie vor dieser Seele all das sozusagen verhüllen, was nicht in dichter Materialität auftritt. Es ist durchaus wahr, was Goethe und andere gesagt haben, was alle diejenigen, die von diesen Dingen wirklich etwas verstehen, gesagt haben: Die äußere Anschauung der Sinne irrt nicht – das Urteil irrt, wenn es betört ist durch gewisse Kräfte in den Menschenseelen. Die materiellen Erscheinungen, die sich uns darbieten, sagen uns nicht, daß sie bloß Materie sind. Die Menschenseelen urteilen über dasjenige, was Offenbarung des Geistigen ist, daß es bloß Materie sei. In diese menschlichen Seelen wirken gewisse Kräfte hinein, betäuben sie so, daß sie nicht schauen können, daß das Materielle nur der Ausdruck des Geistigen ist. Das, was Goethe zum Ausdruck gebracht hat, entspricht einer tiefen Bedeutung, einer realen Wesenheit in der menschlichen Seele: Die ahrimanischen oder mephistophelischen Kräfte, sie sind in die Seele hineingekommen, wirken da, und wenn man diese Dinge bespricht, dann möchte man ganz sachgemäß zu dem Ausspruch kommen, daß die materialistische Gesinnung durch ihr bloßes Dasein für den Geistesforscher ein wahrer Beweis ist für diejenigen Kräfte, die den Menschen betören, die ihm das Geistige verhüllen; das sind die mephistophelischen Kräfte, die den Menschen zurückscheuen lassen vor dem Geistigen.
[ 11 ] How, then, do people come to be materialists despite this? How do they come to fail to recognize that wherever matter appears, this matter is merely a manifestation of the spirit? If we acknowledge the spirit everywhere, ladies and gentlemen, then we must also seek the causes within the spirit itself for why people can become materialists. And indeed, there are spiritual reasons within the human soul—forces that act upon the human soul from the spiritual world—which lead people to adopt a materialistic mindset. Among the spiritual forces that spiritual research reveals to us, we find—please take this term as a technical term—the so-called Ahrimanic forces, forces that we designate as “Ahrimanic” in reference to the Persian spirit Ahriman. These are specific spiritual forces that act upon the human soul in such a way that they, so to speak, veil from that soul everything that does not manifest in dense materiality. It is absolutely true what Goethe and others have said, what all those who truly understand these things have said: The external perception of the senses does not err—it is judgment that errs when it is beguiled by certain forces within the human soul. The material phenomena that present themselves to us do not tell us that they are merely matter. Human souls judge that which is a revelation of the spiritual to be merely matter. Certain forces work into these human souls, numbing them so that they cannot see that the material is merely the expression of the spiritual. What Goethe expressed corresponds to a profound meaning, a real essence within the human soul: The Ahrimanic or Mephistophelean forces have entered the soul and are at work there; and when one discusses these matters, one is led quite appropriately to the conclusion that the materialistic mindset, by its very existence, is for the spiritual researcher true proof of those forces that beguile human beings and veil the spiritual from them; these are the Mephistophelean forces that cause people to shy away from the spiritual.
[ 12 ] Wollen wir in die Seele selber hineinschauen, was denn in ihr vorgeht, so daß sie nicht in dem Materiellen das Geistige finden kann, so können wir uns fragen, warum wird denn der Mensch eigentlich materialistisch gesinnt? Da müssen wir uns klar sein darüber, daß die Menschenseele nicht nur das zu ihrem Inhalt hat, was sich in ihrem gewöhnlichen Bewußtsein abspielt, sondern daß es verborgene Tiefen der Menschenseele gibt, daß es ein unterbewußtes Seelenleben gibt. Man nennt es oft «unterbewußtes Seelenleben», das Abschweifen in Tiefen der Seele, das nicht hinaufdringt in Regionen, innerhalb welcher sich der Mensch bewußt ist. Denn all das, was im Bewußtsein auftreten kann, kann hinuntertauchen in unbewußte Regionen und wirkt dort. Es wäre ein törichtes Vorurteil, wenn man glauben würde, daß das, was man nicht weiß, nicht wirksam wäre. Ein drastisches Beispiel für ein Wirken [des Unterbewußten] in der Seele, das sich ganz anders auslebt, ist folgendes: Luther hat einmal gesagt: Wenn ich recht zornig bin, kann ich am besten beten und predigen. – Er hat das ausgesprochen, und jeder Seelenkenner versteht es. Die Kräfte, die in der Seele wirken, können sich in der mannigfachsten Weise verwandeln. Zorn ist einfach eine Seelenkraft; wenn sie hineintaucht in die Tiefen der Seele, kann sie im Bewußtsein sich in ganz anderer Weise ausleben.Wenn wir den Zorn in uns hineingießen, wenn wir ihn in die unterbewußte Seelenregion hineinbringen, kann er sich als das ausleben, was wie sein Gegenteil ausschaut. Beten und predigen sieht meist nicht aus wie ein Zornesausbruch; aber Luther hat gewußt, daß er dann am besten beten und predigen kann, [wenn er zornig ist]. So ist es mit vielen Seelenregungen. Sie lassen sich nicht im gewöhnlichen Sinne beweisen, aber sie erweisen sich durch die Beobachtung der Seele. Wer die Seele untersucht, so wie man chemische Stoffe untersucht in ihrer Verbindung und Auflösung, der findet, welchen Wegen die verschiedenen Kräfte des Seelenlebens folgen, wie sie sich verwandeln, anders werden, wenn sie im Bewußtsein sind und anders, wenn sie in die unteren Regionen des Seelenlebens hinuntertauchen. Da ist etwas, was wir als eine Kraft ansprechen müssen, eine Kraft, die jeder kennt, wenn sie in den oberen Regionen des Bewußtseins auftritt: die Furcht. Sie ist für den Seelenkenner mit dem Haß verwandt. Oftmals hassen wir in der oberen Region der Seele dasjenige, was wir fürchten; aber die Furcht haben wir schon in das Unterbewußtsein hineingedrängt. Haß und Furcht sind ungemein miteinander verwandt. Aber die Furcht ist auch verwandt mit einer anderen, sehr verbreiteten menschlichen Eigenschaft, mit einer Eigenschaft, die überall auftritt und wirksam ist in der Welt: mit der Bequemlichkeit. Und für den Seelenkenner stellt sich in der Tat die Tatsache heraus, daß heraufgerufen wird der bequeme Hang, dies oder jenes beizubehalten, dies oder jenes nicht zu ändern, aus Furcht vor der Unsicherheit, in die man hineinkommt, wenn man anders handelt [als gewohnt]. Die Menschen hängen so sehr am Althergebrachten, weil sie Furcht haben vor der Veränderung. Bequemlichkeit ist im gewöhnlichen Bewußtsein vorhandene Furcht, in das Unterbewußtsein hinuntergedrängt.
[ 12 ] If we want to look into the soul itself to see what is going on within it—so that it cannot find the spiritual in the material—we can ask ourselves: Why does a person actually become materialistic? We must be clear about the fact that the human soul does not consist solely of what takes place in its ordinary consciousness, but that there are hidden depths to the human soul—that there is a subconscious life of the soul. This is often called the “subconscious life of the soul”—the wandering into the depths of the soul that does not rise into the regions within which a person is conscious. For everything that can arise in consciousness can sink down into unconscious regions and take effect there. It would be a foolish prejudice to believe that what one does not know has no effect. A striking example of the influence [of the subconscious] in the soul, which manifests itself in a completely different way, is the following: Luther once said, “When I am truly angry, I can pray and preach best.”—He said this, and anyone who understands the soul understands it. The forces at work in the soul can transform themselves in the most varied ways. Anger is simply a force of the soul; when it plunges into the depths of the soul, it can manifest itself in consciousness in an entirely different way. When we channel our anger inward, when we bring it into the subconscious region of the soul, it can manifest as something that appears to be its opposite. Praying and preaching usually do not resemble an outburst of anger; but Luther knew that he could pray and preach best [when he was angry]. So it is with many soul stirrings. They cannot be proven in the ordinary sense, but they reveal themselves through observation of the soul. Whoever examines the soul, just as one examines chemical substances in their combination and decomposition, will discover the paths followed by the various forces of the soul’s life—how they transform and change when they are in consciousness, and how they differ when they plunge into the lower regions of the soul’s life. There is something we must refer to as a force—a force that everyone recognizes when it appears in the higher regions of consciousness: fear. To the connoisseur of the soul, it is related to hatred. Often, in the higher region of the soul, we hate what we fear; but we have already repressed the fear into the subconscious. Hatred and fear are closely related. But fear is also related to another very common human trait, a trait that occurs everywhere and is at work in the world: complacency. And for the connoisseur of the soul, it indeed becomes clear that what is evoked is the comfortable tendency to maintain this or that, to not change this or that, out of fear of the uncertainty one enters into when one acts differently [than usual]. People are so attached to tradition because they are afraid of change. Comfort is fear present in ordinary consciousness, repressed into the subconscious.
[ 13 ] Wenn man nun in das geistige Gebiet eindringt, dann begegnet man solchen Erlebnissen, wie sie gestern hier chrakterisiert werden konnten, Erlebnissen, von denen man sagen kann, daß der Mensch den Boden unter den Füßen verliert, wie vor dem Nichts steht, um etwas Neues zu gewinnen. Die Seele fühlt manchmal dunkel in ihren Tiefen im Unterbewußtsein dasjenige, was sie sich nicht zum Bewußtsein bringt. Es ist die Furcht lediglich die Furcht der Seele vor all dem, was zu erleben ist, wenn man in die geistige Welt eindringt; die Furcht kommt nicht zum Bewußtsein, aber der materialistisch Gesinnte hat sie in seinen Seelentiefen. Für denjenigen, der die Seele kennt, stellt sich heraus, daß man materialistisch gesinnt wird, weil man in den Seelentiefen Furcht hat vor der Unsicherheit, in die man hineinkommt, wenn man in das Geistige untertaucht. Es nimmt sich allerdings sonderbar aus, daß, wenn man die Seele erforscht, man den Materialisten charakterisieren muß als Angstmeyer im geistigen Gebiet; aber es ist so. Es ist das nichts anderes als die Maskierung der Furcht vor dem geistigen Leben, durch welche dieses geistige Leben unterdrückt wird, was die Seele dazu führt, sich zu betäuben gegenüber dem Geiste. So bleibt der Seele verborgen, was dahinter wirksam ist. Die Dämonen der Furcht, die ahrimanischen Geister, wüten im Gemüte, in der Seele des materialistisch gesinnten Menschen. Und so ist der materialistisch gesinnte Mensch ein lebender Beweis für das Wirken des Geistigen. Das Geistige selbst ist es, das den Materialisten dazu verführt, ein Materialist zu sein. Da wird man an einen Ausspruch des Dichters erinnert, der nur zu wahr ist, wenn man sieht, wie der Materialist von den ahrimanischen Geistern dazu verführt ist, ein Materialist zu sein und wie er seine maskierte Furcht dadurch zum Ausdruck bringt, daß er überall nur Materielles gelten lassen will:
[ 13 ] When one enters the spiritual realm, one encounters experiences such as those described here yesterday—experiences in which one might say that a person loses the ground beneath their feet, stands before the void, in order to gain something new. The soul sometimes senses, dimly in the depths of the subconscious, that which it does not bring to consciousness. It is merely fear—the soul’s fear of all that is to be experienced when one enters the spiritual world; this fear does not come to consciousness, but the materialistically minded person harbors it in the depths of their soul. For those who know the soul, it becomes clear that one becomes materialistically minded because, in the depths of the soul, one fears the uncertainty one enters upon when one plunges into the spiritual realm. It does seem strange, however, that when one explores the soul, one must characterize the materialist as a coward in the spiritual realm; but that is how it is. This is nothing other than the masking of the fear of spiritual life, through which this spiritual life is suppressed, leading the soul to numb itself to the spirit. Thus, what is at work behind the scenes remains hidden from the soul. The demons of fear, the Ahrimanic spirits, rage within the mind and soul of the materialistically minded person. And so the materialistically minded person is living proof of the workings of the spiritual. It is the spiritual itself that tempts the materialist to be a materialist. This brings to mind a saying by the poet that is all too true when one sees how the materialist is tempted by the Ahrimanic spirits to be a materialist, and how he expresses his masked fear by insisting that only the material be recognized everywhere:
Den Teufel spürt das Völkchen nie,
und wenn er sie am Kragen hätte.
This little crowd never senses the devil,
even if he had them by the collar.
[ 14 ] Nichts erinnert mehr an diesen Beweis, als wenn der Materialist in seiner unbewußten Furcht sich sträubt gegen die zunächst auftretende Unsicherheit, in die man hineinversetzt wird. Das ist der wahre Seelenvorgang, der zum Materialismus führt.
[ 14 ] Nothing is more reminiscent of this proof than when the materialist, in his unconscious fear, resists the initial uncertainty into which one is thrust. That is the true psychological process that leads to materialism.
[ 15 ] Für uns ist aber hier nur wichtig: Was veranlaßt dieses Ausgesetztsein den Furchtdämonen und Angstdämonen, den Kräften, die die Seele betäuben? Um diese Stimmung der Seele zu charakterisieren, haben wir nun den Ausgangspunkt genommen von der äußeren, physisch-sinnlichen Welt, wo man durch diese Seelenstimmung materialistisch gesinnt wird.
[ 15 ] But what matters to us here is simply this: What causes this exposure to the demons of fear and anxiety—the forces that numb the soul? To characterize this state of mind, we have now taken as our starting point the external, physical-sensory world, where this state of mind leads one to adopt a materialistic outlook.
[ 16 ] Aber es kann auch bei einem Menschen, der eine geistige Entwicklung durchmacht oder der durch irgendwelche besonderen Verhältnisse zu einer Art Hineinschauen in die geistige Welt gekommen ist, dieselbe Seelenstimmung da sein. Nicht bloß auf die materialistisch gestimmten Seelen wirken die angeführten Furchtdämonen, sondern auch auf den, der vielleicht schon in die geistige Welt hineinschauen kann. Da haben sie dann eine andere Wirkung. Aber die Wirkung läßt sich wiederum charakterisieren, indem wir die tiefen Erfahrungen, die wir da machen, vergleichen mit dem, was uns entgegengetreten ist. Wie dem Materialisten alles in grob-stofflicher Verdichtung erscheint, so wirken diese Dämonen auf die Seele eines Menschen, der so gestimmt ist wie sonst der Materialist, daß sie ihn nur das anschauen lassen, was nicht geistig, sondern was dicht ist und wie gespensterhaft auftaucht. Das Geistige in seiner Feinheit geht für ihn verloren. Er sucht gar nicht das Geistige, es ist ihm viel zu flüchtig, zu rätselhaft. Das Geistige spricht er gar nicht als Geistiges an; es muß sich so verdichtet, so grob zeigen, daß es gleichsam nur eine ins Geisthafte umgesetzte, materielle Erscheinung ist. Er sucht solche Visionen, Imaginationen, die nicht geistig sind, sondern gespensterhaft.
[ 16 ] But the same state of mind can also be present in a person who is undergoing spiritual development or who, due to certain special circumstances, has gained a kind of insight into the spiritual world. The demons of fear mentioned above do not affect only those with a materialistic mindset, but also those who may already be able to glimpse into the spiritual world. There, they have a different effect. But this effect can in turn be characterized by comparing the profound experiences we have there with what we have encountered before. Just as everything appears to the materialist in coarse, material form, so do these demons affect the soul of a person who is disposed in the same way as the materialist, causing them to see only what is not spiritual but dense and appears ghostlike. The spiritual, in all its subtlety, is lost to them. He does not seek the spiritual at all; it is far too fleeting, too enigmatic for him. He does not even recognize the spiritual as such; it must manifest itself in such a condensed, coarse form that it is, as it were, merely a material phenomenon transformed into something spiritual. He seeks such visions and imaginings that are not spiritual, but ghostly.
[ 17 ] Nun soll damit nicht gesagt werden, daß diese Eindrücke, die in dieser Dichtigkeit auftreten, nicht wahre Eindrücke sind. Wenn sie verursacht worden sind, wie es gestern hier charakterisiert worden ist, sind sie natürlich durchaus wahr. Aber die Deutung ist gewöhnlich falsch. Ein solcher Mensch sieht in diesen Dingen, die da vor ihn hintreten aus der geistigen Welt – die er gespensterhaft ersehnt, weil er das wahrhaft Geistige nicht gelten läßt –, er sieht darin das einzig Reale. Er sucht nach lauter Gespenstern, statt nach Geistern. Dadurch kommt er allerdings zu geistigen Erscheinungen, zu Tatsachen der geistigen Welt, aber er gibt ihnen eine falsche Beurteilung. Nehmen wir ein Beispiel. Ein solcher Geistesschauender gelangt dazu, durch die Methoden, von denen hier ja auch schon gesprochen worden ist, in seine früheren Erdenleben zurückzuschauen. Wenn er zurückschaut, können vor ihm Bilder auftreten, Tatsachen, die ihm die Erscheinung seiner früheren Erdenleben zeigen. In Wirklichkeit ist es aber nicht so. In Wirklichkeit schaut er nicht das, was er wirklich war, sondern er sieht das, was sich wie Schalen von ihm abgezwängt hat, das Absterbende, das Zugrundegehende. Er sieht das, was er nicht sehen soll, wenn er die wahre, sich fortentwickelnde Realität sehen will. Und so sieht zum Beispiel ein solcher Mensch, wenn er hinblickt auf eine Seele, die durch den Tod gegangen ist, statt der wirklichen geistigen Welt eine Art gespenstige Welt. Er nimmt eine Realität wahr [und hält sie] für die wirkliche Realität des Toten, aber das, was er wahrnimmt, ist nicht die wirkliche Realität, sondern das, was der Tote gerade abgestreift hat, was das Zugrundegehende, das Absterbende ist – während die fortlaufende, die sich fortentwickelnde Realität nicht gesehen wird. Denn durch eine solche Seelenstimmung sieht der Seher das als etwas Schattenhaftes an, wofür er sich nicht interessiert. Das ist die Seelenstimmung, die uns in Wirklichkeit nicht zum Geistigen hinführt, sondern uns gerade immer nur verführt, das, was wir schauen, unrichtig zu deuten. Wir glauben, eine lebendige Seele, ein sich Entwickelndes zu sehen, aber wir halten das sich Zerstörende, das sich Auflösende, das dem Tod Geweihte für ein sich Entwickelndes.
[ 17 ] Now, this is not to say that these impressions, which arise in such density, are not true impressions. If they have been caused as was described here yesterday, they are, of course, entirely true. But the interpretation is usually incorrect. Such a person sees in these things that appear before him from the spiritual world—which he longs for in a ghostly way because he does not acknowledge the truly spiritual—he sees in them the only reality. He seeks nothing but ghosts instead of spirits. Through this, he does indeed encounter spiritual phenomena, facts of the spiritual world, but he misjudges them. Let us take an example. Such a spiritual seer manages, through the methods already discussed here, to look back into his previous earthly lives. When he looks back, images may appear before him—facts that reveal the nature of his previous earthly lives. In reality, however, this is not the case. In reality, he does not see what he truly was, but rather what has been shed from him like shells—that which is dying, that which is perishing. He sees what he should not see if he wishes to perceive the true, evolving reality. And so, for example, when such a person looks upon a soul that has passed through death, he sees a kind of ghostly world instead of the true spiritual world. He perceives a reality [and regards it] as the true reality of the deceased, but what he perceives is not the true reality; rather, it is what the deceased has just shed—that which is decaying and perishing—while the ongoing, ever-evolving reality remains unseen. For through such a state of mind, the seer regards this as something shadowy, in which he has no interest. This is the state of mind that, in reality, does not lead us toward the spiritual, but rather always only misleads us into misinterpreting what we see. We believe we are seeing a living soul, something that is developing, but we mistake that which is destroying itself, that which is dissolving, that which is doomed to death, for something that is developing.
[ 18 ] Wir sehen also, auf geistigem Gebiet liegt die Sache mit dem Irrtum etwas anders. Der Irrtum in der gewöhnlichen Welt ist zumeist widerlegbar; in der geistigen Welt ist dasjenige, was wir aufsuchen können, damit die geistige Welt für uns eine Bedeutung hat, das Lebenfördernde, das Entstehende, das Sprießende, Sprossende, und dieses Sprießende, Sprossende verwechseln wir mit dem dem Tode Geweihten, dem Krankhaften, dem sich Zerstörenden. Der Gegensatz ist ein anderer auf geistigem Gebiet als auf dem äußeren Gebiet. Die Begriffe für wahr und für falsch verwandeln sich für die geistige Welt, so daß wir statt dem, was sich entwickelt in der geistigen Welt – dem Fruchtbringenden, Sprossenden, Sprießenden, dem Lichtvollen, dem Aufhellenden –, das sich Zerstörende, Auflösende sehen. Und der Tatsache, daß wir in der physisch-sinnlichen Welt die Wahrheit mit dem Irrtum verwechseln, entspricht in der geistigen Welt dem, daß wir das dem Leben Geweihte verwechseln mit dem dem Tode Geweihten. Die Verhältnisse sind also ganz andere. Man muß sich angewöhnen, wenn man in die geistige Welt eintritt, dieser Welt gegenüber ganz anders zu empfinden, ganz neue Begriffe und Ideen zu entwikkeln. Daraus erhellt wiederum, wie es mit dem Irrtum liegt. Wenn man das, was man in der gewöhnlichen Welt sich erworben hat an Begriffen und Ideen, für ausreichend hält für das geistige Gebiet, ist dies schon ein schwerer Irrtum.
[ 18 ] We see, then, that in the spiritual realm, the matter of error is somewhat different. Error in the ordinary world is usually refutable; in the spiritual world, what we can seek out—so that the spiritual world may have meaning for us—is that which fosters life, that which is emerging, that which is sprouting and budding; and we confuse this sprouting and budding with that which is doomed to death, that which is diseased, and that which is self-destructive. The contrast is different in the spiritual realm than in the outer realm. The concepts of true and false are transformed in the spiritual world, so that instead of what is developing in the spiritual world—the fruitful, the sprouting, the budding, the luminous, the illuminating—we see that which is self-destructive and dissolving. And the fact that we confuse truth with error in the physical-sensory world corresponds, in the spiritual world, to our confusing that which is dedicated to life with that which is dedicated to death. The relationships are therefore entirely different. One must accustom oneself, upon entering the spiritual world, to perceive this world in an entirely different way and to develop entirely new concepts and ideas. From this, in turn, it becomes clear what the nature of error is. If one considers the concepts and ideas acquired in the ordinary world to be sufficient for the spiritual realm, this is already a grave error.
[ 19 ] Ich möchte einen weiteren Vergleich gebrauchen, der einen auf diesem Felde sehr häufig vorkommenden Irrtum charakterisiert. Nehmen wir einmal an, wir haben es zu tun mit dem, was unten in einem Bergwerke sich gebildet hat durch die Kräfte, die innerhalb der Erde tätig und wirksam sind. Nehmen wir an, es entstände ein Spalt bis zur Oberfläche der Erde. Das Sonnenlicht dringt ein durch diesen Spalt; es kann in der herrlichsten Weise all das beleuchten, was da unten sich gebildet hat im Finstern, im Dunkeln. Wir können es als wunderschön und herrlich empfinden, wie das Sonnenlicht hineinfällt auf all das, was nicht entstehen könnte an der Oberfläche der Erde. Was das Sonnenlicht an der Oberfläche der Erde schafft, kann nicht in gleicher Weise in den Tiefen geschaffen werden, und wiederum kann das, was in der Tiefe sich gebildet hat, vielleicht als Augenweide sich uns zeigen, wenn das Sonnenlicht durch einen Spalt hineindringt.
[ 19 ] I would like to use another analogy that illustrates a very common misconception in this field. Let us suppose we are dealing with something that has formed deep inside a mine as a result of the forces at work within the Earth. Let’s suppose a fissure were to open all the way to the Earth’s surface. Sunlight streams in through this fissure; it can illuminate in the most magnificent way everything that has formed down there in the darkness. We can find it beautiful and magnificent to see how the sunlight falls upon all that could not have come into being on the Earth’s surface. What the sunlight creates on the Earth’s surface cannot be created in the same way in the depths, and yet what has formed in the depths may reveal itself to us as a feast for the eyes when sunlight penetrates through a crack.
[ 20 ] Es ist durchaus wahr, was vorher beschrieben wurde: Wenn der Geistesforscher das, was er geschaut hat in der geistigen Welt, in Begriffe des gesunden Menschenverstandes hineinbringt und es deutet, so kann jeder diese Dinge begreifen. Die geistige Welt kann man nicht nur begreifen, wenn man selber ein Geistesforscher ist, sondern aus dem gesunden Menschenverstände heraus. Erforscht werden aber kann diese geistige Welt nur von dem, der mit der Seele des Geistesforschers hineindringen kann. Aber wenn in Begriffen und Ideen die Darstellungen gegeben werden über die übersinnlichen Welten, dann fühlt man sich eben veranlaßt, eine solche Darstellung zu vergleichen mit dem Sonnenlicht, das durch den Erdspalt in das Bergwerk hineinfällt, und dann können auch die gewöhnlichen Menschen, die mit den Begriffen der sinnlichen Welt nicht eindringen können in jene Regionen der Geisteswahrheit, [sie begreifen].
[ 20 ] What was described earlier is certainly true: When the spiritual researcher translates what he has seen in the spiritual world into terms of common sense and interprets it, then anyone can understand these things. The spiritual world can be understood not only by those who are spiritual researchers themselves, but also through common sense. However, this spiritual world can be explored only by those who can penetrate it with the soul of a spiritual researcher. But when descriptions of the supersensible worlds are presented in terms of concepts and ideas, one is naturally led to compare such a description to sunlight streaming through a crack in the earth into a mine; and then even ordinary people—who cannot penetrate those regions of spiritual truth with the concepts of the sensory world—can [understand them].
[ 21 ] Darüber müssen wir uns auch klar sein, daß die Seele schon selbst den Schritt in die geistige Welt hinein tun muß, wenn aus dieser Geisteswelt heraus die Tatsachen und Wesenheiten offenbar werden sollen. Das ist die eine Klippe, daß gewisse geistige Kräfte in die Seele hineinwirken, die sie aus der Furcht heraus auf falsche ... [Lücke in der Nachschrift]
[ 21 ] We must also be clear that the soul itself must take the step into the spiritual world if the facts and beings of that spiritual world are to be revealed. That is the one pitfall: certain spiritual forces act upon the soul, leading it—out of fear—onto the wrong path... [gap in the postscript]
[ 22 ] Eine andere Klippe ist, wenn dasjenige die Seele ergreift, wovon gerade gesagt worden ist, daß es besiegt werden muß. Wir haben zur Verständigung – nicht um das Mediumwesen zu empfehlen – gesagt, daß alles Eigensein bei dem Medium ausgelöscht werden muß, damit das Medium eingeschaltet werden kann [in das Weltenwesen]. Der Geistesforscher aber, der bewußt forscht, muß auch bewußt die Eigenheit ausschalten, wenn er sich der geistigen Welt gegenüberstellt. Aber wenn der Mensch an diesem Punkte sich selbst gegenübersteht wie einem fremden Wesen, wie einer fremden Gestalt, wo er gleichsam außerhalb von sich selbst steht und zurückschaut, wenn er all das erlebt, dann merkt er erst, wie eigentlich im Menschen das wirkt, was man als Selbstliebe bezeichnen mag. Wenn man so spricht, kann leicht irgendeiner kommen und sagen: Ja, da redet uns der vor von der Besiegung des Selbstes und dergleichen; das sind doch leichte Dinge. – Wer so spricht, spricht nur über das, was er als Eigenliebe, als Selbstliebe kennt. Der Geistesforscher lernt noch etwas ganz anderes als Eigenliebe kennen; in dem Moment, wo er sich von sich selbst abgesondert hat, da wird diese Eigenliebe wie eine Naturkraft; da wird sie so, daß sie zunächst unbesieglich erscheint. Und unbesieglich erweist sie sich in einem bestimmten Falle; da, wo der Geistesforscher oder -sucher gar nicht soweit kommt, um nun wirklich alles, was sein eigenes Selbst ist, aus sich herauszusetzen. Ist wirklich die Eigenliebe so zu erkennen, daß er sie nun überwindet und besiegt, dann entwickelt sich etwas in der Seele, was man gewöhnlich nicht in richtiger Weise erkennt. Es bleibt in seiner Seele etwas von der Eigenliebe, die so fein, so raffiniert in dieser Seele lebt, daß der Seelenforscher, der Geistesforscher selbst das, was da in ihm lebt, in ganz falscher, irrtümlicher Weise deutet. Und hier tritt eine sehr eigenartige Erscheinung auf:
[ 22 ] Another pitfall arises when the soul is seized by precisely that which has just been described as needing to be overcome. For the sake of clarity—not to endorse mediumship—we have said that all sense of self must be extinguished in the medium so that the medium can be connected [to the cosmic order]. The spiritual researcher, however, who conducts his research consciously, must also consciously set aside his individuality when he confronts the spiritual world. But when a person stands before himself at this point as if facing a foreign being, a foreign figure—standing, as it were, outside of himself and looking back—when he experiences all of this, only then does he realize how what might be called self-love actually operates within the human being. When one speaks in this way, someone might easily come along and say: “Yes, he’s talking to us about the conquest of the self and the like; but those are easy things.” – Anyone who speaks this way is speaking only of what they know as self-love. The spiritual researcher comes to know something entirely different from self-love; the moment they have separated themselves from themselves, this self-love becomes like a force of nature; it becomes such that it initially appears invincible. And it proves to be invincible in a specific case: when the spiritual researcher or seeker does not even come close to truly setting aside everything that constitutes his own self. If self-love is truly recognized in such a way that he now overcomes and conquers it, then something develops in the soul that is not usually recognized in the proper way. Something of self-love remains in his soul—something so subtle, so refined—that even the soul researcher, the spiritual seeker himself, interprets what lives within him in a completely false and erroneous way. And here a very peculiar phenomenon occurs:
[ 23 ] Dadurch, daß der Geistesforscher glaubt, die Eigenliebe aus sich herausgerissen zu haben, sagt er sich: Du hast die Eigenliebe verbannt; was du jetzt in dir findest, ist etwas anderes als du selbst. – Das nennt er dann das Göttliche in sich. Und da es ihm aber nicht bis zum Letzten gelungen ist, die Eigenliebe aus sich herauszureißen, wird er zum falschen Mystiker. Er schaut in sein Inneres hinein und glaubt, sein göttliches Selbst zu erkennen, er betet aber nur dasjenige an, was ihm noch an Eigenliebe von seinem eigenen Selbst geblieben ist. Viele angebetete Götter der falschen Mystik, der auf Irrpfaden befindlichen Mystik, sind nur das angebetete eigene Wesen, sind nur das angebetete eigene Selbst. Gottesliebe bei Mystikern ist oftmals nur maskierte Selbst- oder Eigenliebe.
[ 23 ] Because the spiritual seeker believes he has torn self-love out of himself, he tells himself: You have banished self-love; what you now find within yourself is something other than yourself. – He then calls this the divine within himself. But since he has not succeeded in completely uprooting self-love from himself, he becomes a false mystic. He looks into his inner self and believes he recognizes his divine self, but he is merely worshiping what remains of self-love from his own self. Many of the gods worshiped in false mysticism—mysticism that has strayed onto the wrong path—are nothing more than one’s own being, nothing more than one’s own self. For mystics, love of God is often nothing more than self-love in disguise.
[ 24 ] Da steht man vor einem verhängnisvollen Felde des geisteswissenschaftlichen Irrtums. Und in der Entwicklungsgeschichte der Mystik ist es oftmals recht schwer zu unterscheiden, wo der Mystiker wirklich zu einer objektiven Geisteserkenntnis vorgerückt ist, und wo er nur den nicht mehr als sein Selbst erkannten Rest seines Selbstes als etwas Höheres in sich verehrt.
[ 24 ] There one stands before a perilous field of error in the spiritual sciences. And in the history of mysticism, it is often quite difficult to distinguish where the mystic has truly advanced to an objective spiritual insight, and where he merely venerates within himself that remnant of his self—which he no longer recognizes as his own self—as something higher.
[ 25 ] Wir können wieder auf dem gewöhnlichen sinnlichen Gebiet äußerlich in der physischen Welt etwas finden, wodurch wir uns verständigen können über das, was bei dem auf Irrwegen sich befindenden Mystiker auftritt. Da brauchen wir nur auf eine gewisse wissenschaftliche Richtung hinzuweisen, die namentlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgetreten ist. Diese wissenschaftliche Richtung gibt sich ja nicht materialistisch; sie glaubt gar nicht, daß sie materialistisch ist, denn sie spricht von Ideen in der Geschichte, von Wirkungen und Gedanken in der Geschichte. So gibt es viele Forscher, die würden es im strengsten Sinne des Wortes ablehnen, davon zu sprechen, daß es Volksseelen oder Zeitseelen gibt als Realitäten, daß es überhaupt Wesenheiten gibt, die real als Wesenheiten durch den Werdegang der Menschheitsentwicklung sich offenbaren. Es galt als richtiger, als vorurteilsfreier im 19. Jahrhundert, nur zu sprechen von Ideen im Verlaufe der Geschichte. Das ist besonders grotesk hervorgetreten bei der Besprechung der Leben-Jesu-Frage in der letzten Zeit. Da trat eine Richtung hervor, die da sagte: Der historische Jesus hat gar nicht existiert; innerhalb der Gemeinde, in der kirchlichen Entwicklung ist eben die Christus-Idee aufgetreten. – Man hat vorgeschoben, daß das eine vornehmere Anschauung sei, wenn man nicht eine Realität des Christus Jesus anerkennt, sondern nur die Idee, die hineingekommen ist in die Geschichte. Wie kommen dem, der die Dinge durchschaut, solche Ideen in der Geschichte vor? So kommen sie ihm vor, wie wenn er behaupten wollte, daß ein nur gemalter Maler ein Bild malen könne; ebenso kann eine Idee in der Geschichte wirken. Wirken können nur Wesenheiten, nicht aber Ideen und Gedanken. Und dieser sogenannte Idealismus der Geschichte, der ist einfach damit widerlegbar, daß man zeigt, wie er erkenntnismäßig falsch vorgeht, indem er in den Fehler verfällt, der ja gleich in die Augen springt, wenn man sich überlegt, ob ein nur gemalter Maler ein Bild malen kann. Wesenheiten, die verkörpert in irgendeiner Weise als Menschen auftreten, können wirken, aber nicht Ideen und Gedanken; diese verflüchtigen sich zu bloßen Schattenbildern, wenn man absieht von der Wesenheit und dem Wesenhaften. Wie die Realität, die Wirklichkeit für solche Menschen zu bloßen Gedankenschatten verflüchtigt wird, so wird dasjenige, was eine geistige Realität, eine geistige Wirklichkeit haben soll für die Menschen, die aus unerkannter, maskierter Selbstliebe Mystiker geworden sind, zu etwas, was gar nicht außerhalb ihrer Seele sein kann, was nur in ihrer Seele selber wirksam ist. Und die Folge davon ist, daß solche Seelen nicht vordringen können zu geistigen Wesenheiten, die unabhängig von ihnen da sein müssen. Sie können nur vordringen bis zu dem, was sie in ihr eigenes Selbst hineinbringen können, was sie gleichsam geistig aufzehren können.
[ 25 ] We can once again find something in the ordinary sensory realm, externally in the physical world, through which we can understand what occurs in the mystic who has strayed from the path. We need only point to a certain scientific movement that emerged, in particular, in the mid-19th century. This scientific movement does not present itself as materialistic; it does not even believe itself to be materialistic, for it speaks of ideas in history, of effects and thoughts in history. Thus, there are many researchers who, in the strictest sense of the word, would reject the notion that there are national souls or epochal souls as realities—that there are entities at all which reveal themselves as real entities through the course of human development. In the nineteenth century, it was considered more correct—and more impartial—to speak only of ideas in the course of history. This has become particularly grotesque in recent discussions of the question of the life of Jesus. A school of thought emerged that claimed: The historical Jesus did not exist at all; rather, the idea of Christ arose within the community and in the development of the church. – It has been argued that it is a more refined view not to acknowledge the reality of Christ Jesus, but only the idea that entered into history. How do such ideas in history appear to one who sees through things? They appear to him as if he were claiming that a painter who is merely a painted figure could paint a picture; in the same way, an idea can work within history. Only beings can act; ideas and thoughts cannot. And this so-called idealism of history can be refuted simply by showing how it proceeds erroneously in terms of knowledge, falling into the error that immediately becomes apparent when one considers whether a painter who is merely a painting can paint a picture. Entities that appear in some way as embodied human beings can have an effect, but ideas and thoughts cannot; these evaporate into mere shadows when one disregards the entity and the essential. Just as reality itself vanishes into mere shadows of thought for such people, so too does that which is supposed to possess a spiritual reality for those who have become mystics out of unrecognized, masked self-love—it becomes something that cannot possibly exist outside their soul, something that is effective only within their own soul. And the consequence of this is that such souls cannot penetrate to spiritual entities that must exist independently of them. They can only penetrate as far as what they can bring into their own self—what they can, as it were, spiritually consume.
[ 26 ] Wenn man einen recht groben Vergleich gebrauchen wollte – ich bitte zu entschuldigen, aber er kann aufklären – könnte man sagen: Derjenige, der ein Geistesschauender werden will, der muß geistige Wesenheiten schauen können, die unabhängig von ihm selbst sind, so wie man physische Wesenheiten mit physischen Augen schauen kann; er muß schauen können, sagen wir vergleichsweise ein Ferkel, das abgesondert von ihm ist. Aber nehmen wir an, jemand könnte kein Ferkel sehen, sondern das Ferkel nur, wenn es getötet und tranchiert ist, essen und genießen. So ein geistiger Genießer ist solch ein Mystiker. Der geistige Genießer richtet nicht den Blick hin auf Wesenheiten, die objektiv von ihm gesondert sind, sondern auf die geistige Welt im allgemeinen, er nimmt nicht Wesenheiten, sondern nur geistige Substanzen hinein, die er verzehrt, aufsaugt, doch er erlangt niemals etwas, was ein innerlich bereichertes Selbst ist, vielmehr nur ein ausgehöhltes Selbst, so daß sich ihm zuletzt sein Selbst aufbläht zu einer Art geistigem Universum. Und gerade, weil er sein Selbst so durchtränkt mit dem, was in dieses Selbst paßt, verdeckt er sich den Weg zu wirklichen geistigen Wesenheiten und Wahrheiten, und er schaut dasjenige, was nur in ihm selber webt und wirkt. Die Geschichte der Mystik ist deshalb so schwierig zu studieren, weil man genau unterscheiden muß zwischen jenen Mystikern, die es wirklich zu einem Lostrennen vom eigenen Selbst gebracht haben und Wesenhaftes schauen, oder solchen Mystikern, die eigentlich nur Selbstliebe mit Gottesliebe verwechseln und all das wahrnehmen, was ihr eigenes Selbst erfüllt; sie leben im Grunde genommen nur von ihrem eigenen Selbst.
[ 26 ] If one were to use a rather rough comparison—please excuse me, but it may help clarify the point—one could say: Anyone who wishes to become a clairvoyant must be able to perceive spiritual beings that are independent of himself, just as one can perceive physical beings with physical eyes; he must be able to see, let’s say by way of comparison, a piglet that is separate from him. But suppose someone could not see a piglet at all, but could only eat and enjoy it once it has been killed and carved up. Such a spiritual connoisseur is the kind of mystic I am describing. The spiritual connoisseur does not direct his gaze toward beings that are objectively separate from him, but toward the spiritual world in general; he does not take in beings, but only spiritual substances, which he consumes and absorbs, yet he never attains anything that is an inwardly enriched self; rather, only a hollowed-out self, so that in the end his self swells into a kind of spiritual universe. And precisely because he so thoroughly saturates his self with whatever fits into it, he blocks his own path to true spiritual entities and truths, and he perceives only that which weaves and works within himself. The history of mysticism is therefore so difficult to study because one must distinguish precisely between those mystics who have truly managed to detach themselves from their own self and perceive the essential, and those mystics who actually merely confuse self-love with the love of God and perceive only what fills their own self; they essentially live only from their own self.
[ 27 ] Auf der einen Seite [das Schauen des Geistigen] in grob-stofflicher Verdichtung in einer Art gespenstiger Vision, und auf der anderen Seite die mystische Anbetung des eigenen Selbstes – das sind die zwei Hauptwege des Irrtums auf geistigem Gebiete.
[ 27 ] On the one hand, [the perception of the spiritual] in a grossly materialized form, as a kind of ghostly vision; and on the other hand, the mystical worship of one’s own self—these are the two main paths of error in the spiritual realm.
[ 28 ] Es kommt alles darauf an, daß die Seele dadurch die Wege zur Wahrheit findet, daß sie wirklich das, was der Mensch ist, aus sich herausstellt und anschaut, objektiv; daher ist es so notwendig, daß mit Geistesforschung begonnen wird und auch mit dem Studium der Geisteswissenschaft, damit man zu Wahrheiten und nicht zum Irrtum kommt in den Dingen, die uns am meisten vor der Selbstliebe bewahren können.
[ 28 ] It all depends on the soul finding the path to truth by truly bringing forth from within itself what a human being is and viewing it objectively; that is why it is so necessary to begin spiritual research and the study of spiritual science, so that we may arrive at truths rather than errors in the matters that can best protect us from self-love.
[ 29 ] Wenn ein Geistesforscher, der die Intimitäten des Lebens erforschen wollte und zunächst dahin streben würde, Menschen, die eben verstorben sind, in der geistigen Welt aufzusuchen, wenn ein Mensch also aus Nächstenliebe Geistessucher würde, wäre er sehr leicht verleitet, nach der einen oder anderen Seite abzuirren. Das Interesse soll sich zunächst verfangen an dem, was uns in die große Welt hinausführt, was uns auf den Schauplatz der historischen, der großen Welterscheinungen führt, die uns nicht so sehr persönlich berühren, weil wir gegenüber dem, was uns nicht persönlich berührt, leichter frei kommen können von unserer Persönlichkeit als bei den uns persönlich berührenden. Beim Aufsuchen irgendeines Geistes, der vor kurzem verstorben ist, sind wir allen möglichen persönlichen Irrtümern ausgesetzt. Forschen wir danach, welche Veränderungen die Seele im Laufe ihrer Entwicklung genommen hat, sind wir leicht geneigt, dabei von unseren Absichten aus die Sache subjektiv anzuschauen.
[ 29 ] If a spiritual seeker, desiring to explore the innermost aspects of life, were to initially strive to seek out people who have just passed away in the spiritual world—in other words, if a person were to become a spiritual seeker out of love for others—he would very easily be led astray in one direction or another. Our interest should first be drawn to that which leads us out into the wider world, to the stage of historical events and great world phenomena—events that do not affect us so personally, because we can more easily detach ourselves from our personality when faced with what does not affect us personally than when confronted with what does. When seeking out the spirit of someone who has recently passed away, we are exposed to all manner of personal errors. If we investigate the changes the soul has undergone in the course of its development, we are easily inclined to view the matter subjectively, based on our own intentions.
[ 30 ] In meiner «Geheimwissenschaft» ist von mir versucht worden, den Ausgangspunkt zu nehmen von dem, was nicht nur den einzelnen, sondern was alle Menschen interessiert. Denn darauf kommt es an, wenn wir Geistesforscher werden und immer mehr vom Irrtum frei werden wollen, daß wir uns selber erkennen lernen als ein Produkt der ganzen Welt. Wie wir andere Wesenheiten und Dinge als Produkte der ganzen Welt erkennen, wie wir zum Beispiel eine Pflanze anschauen und betrachten, nicht nur äußerlich die Pflanze selbst, sondern nach dem Boden, nach der Sonne, dem Wind, nach den geographischen Verhältnissen, in denen sie lebt, anschauen, wie wir sozusagen die ganze Umgebung zu Hilfe nehmen, um die Einzelheit, das Einzelwesen der Pflanze zu erklären, so können wir auch uns als Menschen erklären aus der ganzen Welt heraus, insbesondere, indem wir unser geistig-seelisches Wesen ins Auge fassen. Wir sind in der Tat, wie es so oft gesagt wird, ein Mikrokosmos im Makrokosmos. Wir sind ein Abbild, ein Abdruck der großen Welt, und daß wir das, was der Mensch in seiner Seele, in seiner geistigen Wesenheit hat, mit dem ganzen Universum vergleichen, darin liegt eine tiefe geistige Wahrheit. Aber wir können dies nicht tun, solange wir in uns selber stecken bleiben. Erst wenn wir wirklich aus uns herausgekommen sind, wenn wir uns, wie wir als Menschen sind, neben uns haben, können wir das, was wir nun wie einen objektiven Gegenstand haben, mit der Welt vergleichen.
[ 30 ] In my *Secret Science*, I have attempted to take as my starting point that which interests not only the individual but all human beings. For this is what matters if we are to become spiritual researchers and increasingly free ourselves from the error: that we learn to recognize ourselves as a product of the entire world. Just as we recognize other beings and things as products of the entire world—just as, for example, we look at and observe a plant, not only the plant itself externally, but also in relation to the soil, the sun, the wind, and the geographical conditions in which it lives— just as we, so to speak, draw on the entire environment to explain the particularity, the individual nature of the plant—so too can we explain ourselves as human beings in relation to the whole world, especially by focusing on our spiritual and soul nature. We are, in fact, as is so often said, a microcosm within the macrocosm. We are a reflection, an imprint of the greater world, and there lies a profound spiritual truth in the fact that we compare what the human being possesses in their soul, in their spiritual essence, with the entire universe. But we cannot do this as long as we remain stuck within ourselves. Only when we have truly stepped outside of ourselves—when we have ourselves, as human beings, standing beside us—can we compare what we now hold as an objective object with the world.
[ 31 ] Ist es nicht verwunderlich, wenn das, was in der Geisteswissenschaft aufgetreten ist, den Menschen vielfach wie eine törichte Phantasterei erscheint? In der Physik zum Beispiel verzeiht man es, daß man sieben Farben unterscheidet, in der Tonlehre, daß man sieben Töne hat und der achte Ton die Oktave ist. Dem Geisteswissenschaftler verzeiht man es aber nicht, daß er die Menschennatur als eine siebengliedrige auffaßt und auf sieben ineinanderliegende Welten zurückführt. Und dennoch ist es dasselbe Denken, das in der Physik sieben Farben, in der Oktave sieben Töne, in der Geisteswissenschaft sieben Glieder der menschlichen Natur findet. Es ist derselbe Gedanke, das eine ist nicht mehr als das andere.
[ 31 ] Is it any wonder that what has emerged in the spiritual sciences often appears to people as foolish fantasy? In physics, for example, people accept that there are seven distinct colors; in music theory, that there are seven notes and the eighth note is the octave. But the spiritual scientist is not forgiven for conceiving of human nature as having seven members and tracing it back to seven interrelated worlds. And yet it is the same line of thought that finds seven colors in physics, seven notes in the octave, and seven members of human nature in spiritual science. It is the same idea; one is no more than the other.
[ 32 ] Aber erkennen kann man den Zusammenhang der Menschennatur mit der großen Welt nur, wenn man diese Menschennatur so vor sich sieht, daß man sie ihrer Ganzheit nach betrachtet. Der Mensch ist ein geistig-seelisches Wesen. Der Verstand kann nur sinnlich betrachten. Um zu geistigen Wahrheiten – nicht zu geistigen Irrtümern – zu kommen, muß man den Menschen außerhalb seiner selbst als ein Produkt der ganzen Welt erkennen können. Das ist außerordentlich wichtig. Die Welt in ihrer Wirkung auf den Menschen muß man betrachten können. Solange man bloß die Wirkungen auf die eigene Wesenheit betrachtet, solange kommt man nicht zur Wahrheit – nur zum Irrtum. Der Mensch muß außerhalb seiner selbst stehen und dann sich im Verhältnis zur Welt betrachten; er muß sich losgelöst haben von sich selbst. Das ist die erste Bedingung, daß der Mensch in die Lage kommt, daß all das, was er in sich entwickelt, was er in sich ausgebildet hat, nicht im Gesichtsfelde der Eigenliebe, der Selbstliebe stecken bleibe. Was heißt das? Nun, was entwickelt uns geistig-seelisch? Wir machen gewisse Übungen zur Entwicklung der Seele: Meditation, Konzentration und so weiter – sie sind gestern und oft schon hier skizziert worden. Dadurch ergeben sich gewisse Seelenvorgänge in uns selber. Solange wir sie so betreiben, daß wir auch nur die geringste Empfindung haben, daß wir selbst es sind, was sich da entwickelt, können wir uns nicht vor dem Irrtum schützen.
[ 32 ] But one can only recognize the connection between human nature and the wider world if one views human nature in such a way that one considers it in its entirety. Human beings are spiritual-soul beings. The intellect can only perceive through the senses. To arrive at spiritual truths—not spiritual errors—one must be able to recognize the human being outside of oneself as a product of the entire world. This is extraordinarily important. One must be able to observe the world in its effect on the human being. As long as one merely observes the effects on one’s own being, one will not arrive at the truth—only at error. A person must stand outside of themselves and then view themselves in relation to the world; they must have detached themselves from themselves. This is the first condition for a person to reach a state where everything they develop within themselves, everything they have cultivated within themselves, does not remain confined within the realm of self-love. What does that mean? Well, what develops us spiritually and psychologically? We perform certain exercises for the development of the soul: meditation, concentration, and so on—these have been outlined here yesterday and on many previous occasions. This gives rise to certain soul processes within us. As long as we practice them in such a way that we have even the slightest sensation that it is we ourselves who are developing there, we cannot protect ourselves from error.
[ 33 ] Das ist die eine Seite der Sache. Das ist die Seite, die der Mystiker so schwer überwindet, der sich verliert in sein eigenes Selbst, nur in raffinierter Weise. Das, was in uns vorgeht, um uns in höhere Welten hinaufzuheben, muß ein Weltvorgang sein, nicht ein Einzelvorgang. Wir müssen den Menschen erkennen außer uns, wir müssen die Welt empfinden, erleben in uns.
[ 33 ] That is one side of the matter. It is the side that the mystic finds so difficult to overcome—he loses himself in his own self, albeit in a subtle way. What takes place within us to lift us up into higher worlds must be a universal process, not an individual one. We must recognize people outside of ourselves; we must perceive the world and experience it within ourselves.
[ 34 ] Das sind die zwei großen Geheimnisse, die zum Weg zur Wahrheit führen und zur Vermeidung der Irrtümer. Die Wesenheit des Menschen außer uns erkennen, nicht in uns, die Welt nicht bloß außer uns, sondern in uns als objektive Welt erleben, das ist das zweite.
[ 34 ] These are the two great mysteries that lead to the path of truth and help us avoid error. To recognize the essence of humanity outside of ourselves—not within us—and to experience the world not merely outside of us, but within us as an objective world: that is the second.
[ 35 ] Wer diese beiden bedeutsamen Richtlinien zu Zielen nimmt zur Erreichung der geistigen Welt, der gelangt allmählich dazu, so weit zu kommen, daß er die Erkenntnis der Wahrheit im Erleben erreichen kann. Besitzt man die Wahrheit auf geistigem Gebiet, dann wird man selber das, was man als Wahrheit erkannt hat, denn man denkt sich in jene Wesen hinein. Wir erleben die Welt und wir empfinden sie dann, indem wir sie erleben wie eine Fackel, die uns die geistige Welt beleuchtet. Wir empfinden sie wie ein belebendes Element, das sich fruchtbar erweist, das uns fördert, indem es uns weiterleitet von Stufe zu Stufe, von Schritt zu Schritt auf unserer Wanderung. Wir empfinden die Welt, indem sie sich in uns und für uns Menschen als das ergibt, was keimt und sproßt und sich als wirksam erweist. Wenn man so empfinden kann, kann man sicher sein, man lebt in geistiger Wahrheit. Der Irrtum aber, der ist Kälte, Frost, er ist das, was uns die geistige Wahrheit verfinstert. Der Irrtum ist in der geistigen Welt eine Kraft; Irrtümer sind Kräfte, sind Wesenheiten, aber auslöschende, dunkel-machende Kräfte. Je mehr wir uns in den Irrtum hineinfinden, desto mehr können wir fühlen: wenn man ihn brauchen will zum Aufhellen der Welt, verdunkelt er alles. Man findet, daß überall das Leben wie von einer Todeskraft erstarrt, wie in Fäulnis umgesetzt wird, wenn man herankommt mit dem Irrtum. Der Irrtum erweist sich als etwas Reales, das als Zerstörendes, Verwüstendes auftritt. Wir müssen ihn besiegen, herausschaffen, wir müssen Kräfte anwachsen lassen – nicht bloß Urteile –, um ihn zu widerlegen, daß er von uns weiche. Dann ringen wir uns durch zur Wahrheit. Deshalb ist das Wahrheitssuchen auf geistigem Gebiete eben ein Kämpfen mit dem Irrtum, und deshalb ist es wichtig zu wissen, welches die Wege der Irrtümer sind. Deshalb mußte ebenso aufmerksam gemacht werden auf die Wege des Irrtums wie auf die Wege der Wahrheit.
[ 35 ] Whoever takes these two significant guidelines as goals for attaining the spiritual world will gradually reach a point where they can attain the knowledge of truth through experience. Once one possesses the truth in the spiritual realm, one becomes what one has recognized as truth, for one immerses oneself in those beings. We experience the world and then perceive it—as we experience it—as a torch that illuminates the spiritual world for us. We perceive it as a life-giving element that proves fruitful, that nurtures us by guiding us from stage to stage, from step to step on our journey. We perceive the world as it reveals itself within us and to us humans as that which germinates and sprouts and proves effective. If one can perceive it this way, one can be certain that one is living in spiritual truth. Error, however, is cold, frost; it is that which obscures spiritual truth for us. In the spiritual world, error is a force; errors are forces, are entities, but they are forces that extinguish and cast darkness. The more we find ourselves caught up in error, the more we can feel: if one seeks to use it to illuminate the world, it darkens everything. One finds that everywhere life seems to be frozen as by a force of death, as if turned to decay, when one approaches it with error. Error proves to be something real that manifests as a destructive, devastating force. We must defeat it, root it out; we must cultivate forces—not merely judgments—to refute it, so that it may depart from us. Then we struggle our way through to the truth. That is why the search for truth in the realm of the spirit is precisely a struggle against error, and that is why it is important to know what the paths of error are. That is why attention had to be drawn just as much to the paths of error as to the paths of truth.
[ 36 ] Vielleicht, sehr verehrte Anwesende, konnte durch diese beiden Vorträge ein Gefühl erreicht werden, wie real, wie wirklich der Seelenweg ist, der in die geistigen Regionen hinüberführt, ein Gefühl, das allerdings nur derjenige empfinden kann, der vorurteilsfrei das ins Auge faßt, was hier skizzenhaft vorgebracht worden ist und das man schwer übertragen kann auf denjenigen, der nur mit Vorurteilen der Sache gegenübertritt. Aber man könnte sich dennoch sagen nach solchen Betrachtungen: Da urteilen viele Leute über diese Geistesforscher, aber man sieht aus dem, was sie darüber sagen, wieviel sie davon kennen. – Man kann schon erfahren, ob die Einwände berechtigt sind oder unberechtigt, wenn man gegenüber dem, was gesagt wird, sich die Frage stellt: Ja, weiß denn der Betreffende überhaupt irgend etwas von dem, was die Geistesforschung will? Weiß er etwas von den schweren Kämpfen, von der Überwindung und der Erlösung, von den Leiden, die durchgemacht werden müssen? – Dafür sollte ein Gefühl hervorgerufen werden, daß diese Dinge durchaus nicht leichtfertig genommen werden dürfen von denjenigen, die sich erst bekannt machen müssen mit dem, was die Seele erleben muß, um zu Wahrheiten der Geistesforschung zu kommen.
[ 36 ] Perhaps, distinguished guests, these two lectures have helped convey a sense of how real, how genuine the soul’s journey is—the one that leads into the spiritual realms— a sense that, however, can only be felt by those who, free of prejudice, consider what has been outlined here—and which is difficult to convey to those who approach the subject with preconceived notions. Yet one might still say to oneself after such reflections: Many people pass judgment on these spiritual researchers, but from what they say about it, one can see how little they actually know about it. – One can already determine whether the objections are justified or unjustified by asking oneself, in response to what is being said: ‘Does the person in question even know anything at all about what spiritual research aims to achieve?’ Do they know anything about the arduous struggles, about overcoming and redemption, about the sufferings that must be endured? – This should evoke a sense that these matters must by no means be taken lightly by those who must first familiarize themselves with what the soul must experience in order to arrive at the truths of spiritual research.
[ 37 ] Dann kann man allerdings eine eigentümliche Erfahrung machen: Diejenigen, die mit Ernst und Würde an die Ergebnisse der Geistesforschung herantreten, die sind dann keine Gegner mehr. Vielleicht auf keinem Gebiet so sehr wie auf dem der Geistesforschung kann man mit vollem Rechte sagen: Gegner sind im Grunde genommen nur diejenigen, die die Sache nicht kennen. Auf dem Felde, wo sie gekannt wird, da gibt es keine Gegner mehr. Die Gegner werden in der Regel zu Anerkennern, wenn sie die Sache kennenlernen. Es kann dies jedem überlassen werden, sich zu überzeugen. Man kann aus mancherlei Feindlichem, was gesagt wird, erkennen, daß sich aus all der Gegnerschaft feststellen läßt: diese Gegnerschaft beruht gerade auf Unkenntnis der Sache über das geisteswissenschaftliche Gebiet. Kenner sind keine Gegner mehr.
[ 37 ] Then, however, one may have a peculiar experience: Those who approach the findings of spiritual research with seriousness and dignity are no longer opponents. Perhaps in no other field as much as in spiritual research can one rightly say: Opponents are, in essence, only those who are unfamiliar with the subject. In the field where it is known, there are no longer any opponents. Opponents generally become supporters once they become familiar with the subject. Everyone is free to see this for themselves. From many of the hostile remarks that are made, one can recognize that all this opposition stems precisely from a lack of knowledge about the field of spiritual science. Those who are knowledgeable are no longer opponents.
[ 38 ] In diesem Gefühl können wir zusammenfassen, vielleicht nicht so sehr, was vorgestern und heute gesprochen worden ist, sondern wie versucht worden ist, die Dinge darzustellen. Ich habe absichtlich diesmal versucht, die Dinge ganz dem Seelenerleben nach darzustellen, so wie die Seele sozusagen Schritt für Schritt geführt wird und was sie erlebt. Dadurch kann man vielleicht die Empfindung von dem Ernste der Geistesforschung erhalten. Diese Empfindung muß man zunächst haben, dann ergibt sich, daß auf geisteswissenschaftlichem Gebiet, mehr als auf irgendeinem anderen, ein wunderbar schöner Goethescher Satz gilt, der von ihm tief erlebt, aus einer tiefen Lebenserfahrung heraus gesagt worden ist. Weil Goethe mancherlei vertreten hatte, was das Gebiet der Geisteswissenschaft nahe berührt, fand er Gegnerschaften, die man versteht, gerade wenn man ein Geistesforscher ist. Und gegenüber diesen Gegnerschäften hat er seine Empfindungen zusammengedrängt in dem kurzen Satz, der, weil er eine Lebensweisheit, eine errungene Wahrheit ist, gerade in seiner Einfachheit so schön ist, daß auch wir das, was wir empfinden gegenüber den Gegnern der Geisteswissenschaft in diesem Satze zum Ausdruck bringen können, indem wir mit Goethe sagen:
[ 38 ] In this sense, we can summarize—perhaps not so much what was said the day before yesterday and today, but rather how an attempt was made to present these things. This time, I have deliberately tried to present things entirely in terms of the soul’s experience—as the soul is guided, so to speak, step by step, and what it experiences. In this way, one might perhaps gain a sense of the seriousness of spiritual research. One must first have this sense; then it becomes clear that in the field of spiritual science, more than in any other, a wonderfully beautiful statement by Goethe applies—one that he deeply experienced and spoke from a profound life experience. Because Goethe had advocated various ideas that closely touch upon the field of spiritual science, he encountered opposition that one understands precisely when one is a spiritual scientist. And in the face of this opposition, he condensed his feelings into this brief sentence, which—because it is a wisdom of life, a truth he had attained—is so beautiful precisely in its simplicity that we, too, can express in this sentence what we feel toward the opponents of spiritual science by saying with Goethe:
Eine falsche Lehre läßt sich nicht widerlegen, denn sie beruht ja auf der Überzeugung, daß das Falsche wahr sei. Aber das Gegenteil kann, darf und muß man wiederholt aussprechen.
A false doctrine cannot be refuted, for it is based on the conviction that what is false is true. But the opposite can, may, and must be stated repeatedly.
[ 39 ] Dann, wenn das auch in bezug auf die Geisteswissenschaft geschieht, dann wird Geisteswisssenschaft ein Teil unserer geistigen Kultur werden, wie sie muß. Und wenn auch entgegengesetzte Irrtümer sich geltend machen wollen, die Wahrheit wird in der Welt überall ihren Weg finden, und müßte sie sich auch wie zwischen schmalen Spalten an felsigem Ufer hindurchzwängen – die Wahrheit wird die Wege finden. Um das, was Wahrheit ist, darum brauchen wir nicht besorgt zu sein. Vertreten wir durch einen persönlichen Irrtum die Unwahrheit – diese Unwahrheit, davon sind wir überzeugt, wird nicht schaden. Vertreten wir aber die Wahrheit, dann wird sie die Wege finden durch die schmälsten Felsenritzen hindurch, durch die sie sich immer gedrängt hat, damit sie sich einleben konnte in die Entwicklung der Menschheit. Denn so ist das Erdenwerden der Menschheit angelegt, daß die Menschheit nur in der Wahrheit ihre Entwicklung findet. Und in diesem Bewußtsein kann man hinschauen zur Geisteswissenschaft, insbesondere dann, wenn man durch sie Wahrheit und Irrtum betrachtet. Irrtümer werden gerade dadurch von dem Geistesforscher selber hinweggeschafft, daß er sie erkennt – und die Wahrheit wird siegen, weil sie durch ihre eigene Kraft siegen muß.
[ 39 ] Then, if this also happens with regard to the humanities, the humanities will become a part of our intellectual culture, as they must. And even if opposing errors seek to assert themselves, the truth will find its way everywhere in the world, and even if it has to squeeze through narrow crevices on rocky shores—the truth will find its way. We need not worry about what is true. If, through a personal error, we advocate falsehood—we are convinced that this falsehood will do no harm. But if we advocate the truth, then it will find its way through the narrowest crevices in the rock, through which it has always forced its way so that it could take root in the development of humanity. For the earthly evolution of humanity is such that humanity finds its development only in the truth. And with this awareness, one can turn to spiritual science, especially when using it to examine truth and error. Errors are dispelled by the spiritual researcher himself precisely by recognizing them—and the truth will prevail because it must prevail through its own power.
