Wahrheiten und Irrtümer der Geistesforschung
GA 69a
19 Februar 1913, Stuttgart
6. Irrtümer der Geistesforschung
Vorbemerkung: Von dem am Vortag, am 18. Februar 1913 in Stuttgart gehaltenen Vortrag über «Wahrheiten der Geistesforschung» liegt keine Mitschrift vor.
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Es ist auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft fast ebenso bedeutungsvoll, sich klar zu sein über die Wege des Irrtums wie über diejenigen der Wahrheit, denn es ist auf diesem Felde so, daß Wahrheiten nicht bloß wie im äußeren Leben gesucht werden müssen, sondern daß sie erkämpft werden müssen. Und jene inneren Kämpfe der Seele, durch welche die Wahrheiten auf geisteswissenschaftlichem Gebiete zu erringen sind, jene Kämpfe führen uns vielfach durch Irrtümer hindurch, die auf Schritt und Tritt lauern und die überwunden sein wollen, die vor allen Dingen in ihrer ganzen Art und Bedeutung erkannt sein wollen. Widerlegt werden Irrtümer im äußeren Leben und in der äußeren Wissenschaft; auf dem Gebiete des geistigen Lebens müssen sie bekämpft werden wie reale Mächte, die uns entgegentreten auf unseren Wahrheitswegen. Und so sei denn der Vortrag von gestern über geisteswissenschaftliche Wahrheiten ergänzt und weiter ausgeführt durch die Betrachtung der Quellen des Irrtums. Auch da ist es wiederum nicht etwa möglich zu sagen, dies oder jenes sei ein Irrtum der Geistesforschung, sondern auch da handelt es sich um die Frage, wie die forschende, suchende Seele in den Irrtum verfallen kann.
[ 2 ] Nun wurde ja nicht nur gestern, sondern schon im Laufe der Jahre immer wieder darauf hingewiesen, wie der Geistesforscher sich selber zum Instrument machen muß, durch das er in die geistigen Welten eindringt. Das, was der Geistesforscher auszubilden hat, sind geistige Organe. Wie wir als Menschen des gewöhnlichen Lebens physische Organe haben, um die Außenwelt physisch wahrzunehmen, so können wir uns durch die Dinge, die auch gestern skizzenhaft besprochen worden sind, geistige Organe aneignen. Durch geistige Sinnesorgane – wenn der Ausdruck nicht widerspruchsvoll wäre – kommen wir in die geistige Welt hinein, um deren Eigenart und Geheimnisse erkennen zu können. Wir müssen weiter uns die Möglichkeit erwerben, mit einem vollen Bewußtsein uns das zu erringen, was durch solche geistigen Organe erfahren werden kann. Nun muß natürlich, obwohl das vielen überflüssig erscheint, immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden, daß diese geistigen Organe nicht etwa zu vergleichen sind mit den sinnlichen Organen. Es sind übersinnliche Organe. Geradeso wie die Welt, die man durch sie aufsucht, selbst übersinnlich ist, nicht äußerlich sichtbar, nicht äußerlich wahrnehmbar ist, so sind auch die Organe, die wir ausbilden, rein geistig-seelische Organe. Und das Bewußtsein ist gewissermaßen ein anderes, ein höheres Bewußtsein als dasjenige des gewöhnlichen Lebens und der gewöhnlichen Wissenschaft.
[ 3 ] Dennoch können wir uns verständigen, wenn wir die Quellen der Irrtümer auf geistigem Gebiete kennen. Wir wollen vergleichsweise ausgehen von den mancherlei Quellen des Irrtums auf sinnlich-physischem Gebiete. Wodurch können wir zu Irrtümern in der äußeren Anschauung der Sinnenwelt kommen? Es sei ein konkretes Beispiel genannt. Wenn wir irgendeinen Fehler im Auge haben, dann kann es sich herausstellen, daß wir durch diesen Fehler im Auge die Dinge immerfort falsch sehen. Ein sehr bekannter Naturforscher, der einen solchen Augenfehler hat, sei unter Hunderten von Beispielen angeführt, die genannt werden könnten. Er erzählt selbst, wie er immer wieder in der Dämmerung stets glaubte, daß diese oder jene Gestalt vor ihm stehe, die er deutlich sieht. Dies beruht nur auf einem Augenfehler. Als er einmal in einer fremden Stadt um eine Ecke herum ging und Mißtrauen hatte gegen die Gefahren der fremden Stadt, täuschte ihn sein Auge und er glaubte, daß eine Persönlichkeit, die sich ihm nahte, ihm etwas anhaben wollte. Er nahm sogar seine Verteidigungswaffe heraus, um die nichtvorhandene Gestalt wegzubringen.
[ 4 ] Fehlerhafte Organe verursachen fehlerhaftes Sehen in der sinnlichen Welt. Nun können wir vergleichsweise sagen: Auch in der geistigen Forschung verursachen fehlerhafte Organe, fehlerhafte «Geistesaugen» – um diesen Ausdruck Goethes zu gebrauchen –, die wir uns durch die gestern skizzierte Selbstentwicklung, Selbsterziehung aneignen, fehlerhaftes Sehen, Irrtümer in unserer Auffassung der geistigen Welt.
[ 5 ] Wodurch kommen wir zu solchen fehlerhaften Organen? Da muß von vornherein betont werden, daß dasjenige, was sich der Geistesforscher durch Selbsterziehung, durch Selbstentwicklung erringt, immer abhängt von dem Ausgangspunkt, den seine Seele nimmt. Selbstentwicklung beruht ja darauf, daß wir die Fähigkeiten, die seelischen Kräfte, die wir schon im gewöhnlichen Leben haben, weiter entwickeln, zu höheren Stufen hinauf entwickeln. Und alles hängt davon ab, daß wir von einem gesunden Seelenleben, von einer allseitig gesunden Seele ausgehen und von da aus dann die geistigen Organe entwickeln. Damit wir durch die charakterisierte Entwicklung zu gesunden geistigen Organen kommen, die uns Wahrheiten und nicht Irrtümer überliefern in unseren Anschauungen der geistigen Welt, ist es notwendig, daß wir von dem ausgehen, was man im gewöhnlichen Leben den gesunden Menschenverstand nennt, gesunde Urteilskraft. Auf diese muß weiter aufgebaut werden. Schädlich für die geistige Entwicklung, für die richtige Ausbildung der geistigen Organe ist namentlich jede Art von Schwärmerei, jede Art von Phantastik. Denn dasjenige, was der Seele anhängt von Schwärmerei und Phantastik, von unrichtigem oder unwahrhaftigem Beurteilen der Dinge hier in der sinnlichen Welt, das bleibt ihr in einer gewissen Weise anhaften bei der weiteren geistigen Entwicklung, und dies führt zuletzt dazu, daß geistige Organe ausgebildet werden, die nicht richtig arbeiten, die verglichen werden können mit einem falsch arbeitenden, einem falsch schauenden Auge.
[ 6 ] Wir stehen da gleich vor einem Punkt, sehr verehrte Anwesende, der notwendig zu besprechen ist, wenn der Grund der Geistesforschung gesund sein soll. Es ist schon gestern von einer anderen Seite her darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Bekenner der Geisteswissenschaft, der Geistesforschung, einen Fehler begehen, wenn sie in einem Menschen, der Dinge aus der geistigen Welt zu erzählen weiß, von vornherein einen besonderen Menschen sehen, weil er als ein Seher dasteht. Sehergabe sollte im Grunde gar nicht anders aufgefaßt werden als etwas, was sich als ein spezielles Vermögen des Menschen ausgebildet hat, um in die geistige Welt hineinzuschauen – so wie man sich wissenschaftlich ausbildet, um ein Botaniker, ein Zoologe oder Mathematiker zu werden. Und je mehr die Bekenner der Geisteswissenschaft sich klar sind darüber, daß ein Mensch nicht dadurch etwas Besonderes ist, daß er ein Seher, ein Geistesforscher ist, desto besser ist es. Den Wert eines Menschen sollen wir nicht von seiner Sehergabe abhängig machen, er darf das auch selber keineswegs tun. Der Wert eines Menschen auch als Seher hängt davon ab, daß er schon hier in der physischen Welt gesunde Urteilskraft, gesunden Menschenverstand hat. Dies führt, wenn dann die besprochenen Methoden auf die Seelenentwicklung angewendet werden, zu gesunden geistigen Organen. Ungesunder Menschenverstand führt zu krankhafter Geistesanschauung, die die geistige Welt in einer falschen, irrtümlichen Gestalt zeigt. Das ist das eine, was gesagt werden muß.
[ 7 ] Das andere, worauf es ankommt, ist, daß wir uns ein richtiges, bewußtes Urteil bilden können innerhalb der geistigen Welt, daß wir uns in der richtigen Weise orientieren können, so daß wir uns nicht nur durch unsere gesunden Organe, sondern auch durch das Bewußtsein selber keiner Täuschung, keiner Verblendung hingeben.
[ 8 ] Nun kann beim Geistesforscher etwas eintreten, was sich vergleichen läßt damit – um wiederum einen Vergleich zu haben –, wenn hier in der sinnlichen Welt das Bewußtsein des Menschen wie ohnmächtig, wie betäubt ist, wie schläfrig, wie gelähmt, so daß der Betreffende durch sein ohnmächtiges, betäubtes Bewußtsein sich nicht richtig zurechtfindet in der physischen Welt. Eine ähnliche Erscheinung kann den Geistesforscher befallen, wenn er wiederum nicht von einem richtigen Ausgangspunkte ausgeht. Der richtige Ausgangspunkt, um ein klares, das geistige Gesichtsfeld richtig beleuchtendes Bewußtsein zu haben, ist eine moralisch gesunde Seelenverfassung und Seelenstimmung. Geradeso wie ungesunder Menschenverstand unrichtige, ungesunde Organe herbeiführt, so führt ein schwaches moralisches Empfinden eine Art von Unorientiertheit, ja man möchte sagen von Betäubung, von Benebelung des höheren Bewußtseins herbei.
[ 9 ] So sehen wir, daß es notwendig ist, um die Quellen der Irrtümer auf geistigem Gebiete zu erkennen, daß ausgegangen werde bei der Entwicklung der Seele zum Geistesforscher von gesundem Menschenverstand und von gesundem, festem moralischem Urteil, von gesunder, fester moralischer Seelenverfassung. Damit wird aber nur bekräftigt, daß der Seher nicht dadurch ein besonderer Mensch ist, daß er die Sehergabe hat, sondern daß er in seinem menschlichen Wert so beurteilt werden muß wie andere Menschen auch – nach seiner gesunden Urteilskraft und moralischen Seelenverfassung. Nur sind diese beiden Dinge noch unendlich wichtiger auf dem Gebiete der Geistesforschung als im gewöhnlichen Leben, weil sie eigentlich die Grundbedingungen sind für die Auffindung von Wahrheiten und für die Vermeidung von Irrtümern.
[ 10 ] Noch andere Quellen des Irrtums können wir angeben oder vielmehr in anderer Weise noch die Wege des Irrtums kennzeichnen. Und da ist es am besten, wenn wir, um uns zu verständigen, wiederum ausgehen von der gewöhnlichen sinnlichen Betrachtung der Dinge. Wir wissen alle, sehr verehrte Anwesende, daß es eine vielverbreitete Betrachtung der Dinge der äußeren Welt gibt, die man Materialismus nennt, eine materialistische Betrachtung der Außenwelt. Nun handelt es sich darum, daß wir geisteswissenschaftlich uns klar werden darüber, wie diese materialistische Gesinnung in der gewöhnlichen physischen Welt auftreten kann beim Menschen. Geisteswissenschaft – das ist ja klar geworden durch alle Auseinandersetzungen, die ich hier vor Ihnen machen durfte – , Geisteswissenschaft führt dazu anzuerkennen, daß hinter allem, auch hinter dem materiellen Dasein, Geistiges wirkt, daß das materielle Dasein nur der Ausdruck dahinterstehender geistiger Kräfte ist. So ist also auch auf dem Felde, wo das Materielle wirkt, eigentlich der Geist wirksam.
[ 11 ] Wie kommen nun Menschen dazu, dennoch Materialisten zu sein? Wie kommen sie dazu, zu verkennen, daß da, wo Materie erscheint, diese Materie nur eine Offenbarung des Geistes ist? Wenn wir überall den Geist anerkennen, sehr verehrte Anwesende, so müssen wir auch im Geist die Ursachen suchen, warum die Menschen Materialisten werden können. Und in der Tat, es sind geistige Gründe in der Menschenseele, Kräfte, die aus der geistigen Welt in diese Menschenseele hineinwirken, die den Menschen zu einer materialistischen Gesinnung bringen. Unter denjenigen geistigen Kräften, welche die Geistesforschung uns nahebringt, finden wir – nehmen Sie bitte den Ausdruck wie einen technischen Ausdruck – die sogenannten ahrimanischen Kräfte, Kräfte, die wir mit dem Namen «ahrimanisch» bezeichnen in Anlehnung an den persischen Geist Ahriman. Es sind bestimmte geistige Kräfte gemeint, die auf die menschliche Seele so einwirken, daß sie vor dieser Seele all das sozusagen verhüllen, was nicht in dichter Materialität auftritt. Es ist durchaus wahr, was Goethe und andere gesagt haben, was alle diejenigen, die von diesen Dingen wirklich etwas verstehen, gesagt haben: Die äußere Anschauung der Sinne irrt nicht – das Urteil irrt, wenn es betört ist durch gewisse Kräfte in den Menschenseelen. Die materiellen Erscheinungen, die sich uns darbieten, sagen uns nicht, daß sie bloß Materie sind. Die Menschenseelen urteilen über dasjenige, was Offenbarung des Geistigen ist, daß es bloß Materie sei. In diese menschlichen Seelen wirken gewisse Kräfte hinein, betäuben sie so, daß sie nicht schauen können, daß das Materielle nur der Ausdruck des Geistigen ist. Das, was Goethe zum Ausdruck gebracht hat, entspricht einer tiefen Bedeutung, einer realen Wesenheit in der menschlichen Seele: Die ahrimanischen oder mephistophelischen Kräfte, sie sind in die Seele hineingekommen, wirken da, und wenn man diese Dinge bespricht, dann möchte man ganz sachgemäß zu dem Ausspruch kommen, daß die materialistische Gesinnung durch ihr bloßes Dasein für den Geistesforscher ein wahrer Beweis ist für diejenigen Kräfte, die den Menschen betören, die ihm das Geistige verhüllen; das sind die mephistophelischen Kräfte, die den Menschen zurückscheuen lassen vor dem Geistigen.
[ 12 ] Wollen wir in die Seele selber hineinschauen, was denn in ihr vorgeht, so daß sie nicht in dem Materiellen das Geistige finden kann, so können wir uns fragen, warum wird denn der Mensch eigentlich materialistisch gesinnt? Da müssen wir uns klar sein darüber, daß die Menschenseele nicht nur das zu ihrem Inhalt hat, was sich in ihrem gewöhnlichen Bewußtsein abspielt, sondern daß es verborgene Tiefen der Menschenseele gibt, daß es ein unterbewußtes Seelenleben gibt. Man nennt es oft «unterbewußtes Seelenleben», das Abschweifen in Tiefen der Seele, das nicht hinaufdringt in Regionen, innerhalb welcher sich der Mensch bewußt ist. Denn all das, was im Bewußtsein auftreten kann, kann hinuntertauchen in unbewußte Regionen und wirkt dort. Es wäre ein törichtes Vorurteil, wenn man glauben würde, daß das, was man nicht weiß, nicht wirksam wäre. Ein drastisches Beispiel für ein Wirken [des Unterbewußten] in der Seele, das sich ganz anders auslebt, ist folgendes: Luther hat einmal gesagt: Wenn ich recht zornig bin, kann ich am besten beten und predigen. – Er hat das ausgesprochen, und jeder Seelenkenner versteht es. Die Kräfte, die in der Seele wirken, können sich in der mannigfachsten Weise verwandeln. Zorn ist einfach eine Seelenkraft; wenn sie hineintaucht in die Tiefen der Seele, kann sie im Bewußtsein sich in ganz anderer Weise ausleben.Wenn wir den Zorn in uns hineingießen, wenn wir ihn in die unterbewußte Seelenregion hineinbringen, kann er sich als das ausleben, was wie sein Gegenteil ausschaut. Beten und predigen sieht meist nicht aus wie ein Zornesausbruch; aber Luther hat gewußt, daß er dann am besten beten und predigen kann, [wenn er zornig ist]. So ist es mit vielen Seelenregungen. Sie lassen sich nicht im gewöhnlichen Sinne beweisen, aber sie erweisen sich durch die Beobachtung der Seele. Wer die Seele untersucht, so wie man chemische Stoffe untersucht in ihrer Verbindung und Auflösung, der findet, welchen Wegen die verschiedenen Kräfte des Seelenlebens folgen, wie sie sich verwandeln, anders werden, wenn sie im Bewußtsein sind und anders, wenn sie in die unteren Regionen des Seelenlebens hinuntertauchen. Da ist etwas, was wir als eine Kraft ansprechen müssen, eine Kraft, die jeder kennt, wenn sie in den oberen Regionen des Bewußtseins auftritt: die Furcht. Sie ist für den Seelenkenner mit dem Haß verwandt. Oftmals hassen wir in der oberen Region der Seele dasjenige, was wir fürchten; aber die Furcht haben wir schon in das Unterbewußtsein hineingedrängt. Haß und Furcht sind ungemein miteinander verwandt. Aber die Furcht ist auch verwandt mit einer anderen, sehr verbreiteten menschlichen Eigenschaft, mit einer Eigenschaft, die überall auftritt und wirksam ist in der Welt: mit der Bequemlichkeit. Und für den Seelenkenner stellt sich in der Tat die Tatsache heraus, daß heraufgerufen wird der bequeme Hang, dies oder jenes beizubehalten, dies oder jenes nicht zu ändern, aus Furcht vor der Unsicherheit, in die man hineinkommt, wenn man anders handelt [als gewohnt]. Die Menschen hängen so sehr am Althergebrachten, weil sie Furcht haben vor der Veränderung. Bequemlichkeit ist im gewöhnlichen Bewußtsein vorhandene Furcht, in das Unterbewußtsein hinuntergedrängt.
[ 13 ] Wenn man nun in das geistige Gebiet eindringt, dann begegnet man solchen Erlebnissen, wie sie gestern hier chrakterisiert werden konnten, Erlebnissen, von denen man sagen kann, daß der Mensch den Boden unter den Füßen verliert, wie vor dem Nichts steht, um etwas Neues zu gewinnen. Die Seele fühlt manchmal dunkel in ihren Tiefen im Unterbewußtsein dasjenige, was sie sich nicht zum Bewußtsein bringt. Es ist die Furcht lediglich die Furcht der Seele vor all dem, was zu erleben ist, wenn man in die geistige Welt eindringt; die Furcht kommt nicht zum Bewußtsein, aber der materialistisch Gesinnte hat sie in seinen Seelentiefen. Für denjenigen, der die Seele kennt, stellt sich heraus, daß man materialistisch gesinnt wird, weil man in den Seelentiefen Furcht hat vor der Unsicherheit, in die man hineinkommt, wenn man in das Geistige untertaucht. Es nimmt sich allerdings sonderbar aus, daß, wenn man die Seele erforscht, man den Materialisten charakterisieren muß als Angstmeyer im geistigen Gebiet; aber es ist so. Es ist das nichts anderes als die Maskierung der Furcht vor dem geistigen Leben, durch welche dieses geistige Leben unterdrückt wird, was die Seele dazu führt, sich zu betäuben gegenüber dem Geiste. So bleibt der Seele verborgen, was dahinter wirksam ist. Die Dämonen der Furcht, die ahrimanischen Geister, wüten im Gemüte, in der Seele des materialistisch gesinnten Menschen. Und so ist der materialistisch gesinnte Mensch ein lebender Beweis für das Wirken des Geistigen. Das Geistige selbst ist es, das den Materialisten dazu verführt, ein Materialist zu sein. Da wird man an einen Ausspruch des Dichters erinnert, der nur zu wahr ist, wenn man sieht, wie der Materialist von den ahrimanischen Geistern dazu verführt ist, ein Materialist zu sein und wie er seine maskierte Furcht dadurch zum Ausdruck bringt, daß er überall nur Materielles gelten lassen will:
Den Teufel spürt das Völkchen nie,
und wenn er sie am Kragen hätte.
[ 14 ] Nichts erinnert mehr an diesen Beweis, als wenn der Materialist in seiner unbewußten Furcht sich sträubt gegen die zunächst auftretende Unsicherheit, in die man hineinversetzt wird. Das ist der wahre Seelenvorgang, der zum Materialismus führt.
[ 15 ] Für uns ist aber hier nur wichtig: Was veranlaßt dieses Ausgesetztsein den Furchtdämonen und Angstdämonen, den Kräften, die die Seele betäuben? Um diese Stimmung der Seele zu charakterisieren, haben wir nun den Ausgangspunkt genommen von der äußeren, physisch-sinnlichen Welt, wo man durch diese Seelenstimmung materialistisch gesinnt wird.
[ 16 ] Aber es kann auch bei einem Menschen, der eine geistige Entwicklung durchmacht oder der durch irgendwelche besonderen Verhältnisse zu einer Art Hineinschauen in die geistige Welt gekommen ist, dieselbe Seelenstimmung da sein. Nicht bloß auf die materialistisch gestimmten Seelen wirken die angeführten Furchtdämonen, sondern auch auf den, der vielleicht schon in die geistige Welt hineinschauen kann. Da haben sie dann eine andere Wirkung. Aber die Wirkung läßt sich wiederum charakterisieren, indem wir die tiefen Erfahrungen, die wir da machen, vergleichen mit dem, was uns entgegengetreten ist. Wie dem Materialisten alles in grob-stofflicher Verdichtung erscheint, so wirken diese Dämonen auf die Seele eines Menschen, der so gestimmt ist wie sonst der Materialist, daß sie ihn nur das anschauen lassen, was nicht geistig, sondern was dicht ist und wie gespensterhaft auftaucht. Das Geistige in seiner Feinheit geht für ihn verloren. Er sucht gar nicht das Geistige, es ist ihm viel zu flüchtig, zu rätselhaft. Das Geistige spricht er gar nicht als Geistiges an; es muß sich so verdichtet, so grob zeigen, daß es gleichsam nur eine ins Geisthafte umgesetzte, materielle Erscheinung ist. Er sucht solche Visionen, Imaginationen, die nicht geistig sind, sondern gespensterhaft.
[ 17 ] Nun soll damit nicht gesagt werden, daß diese Eindrücke, die in dieser Dichtigkeit auftreten, nicht wahre Eindrücke sind. Wenn sie verursacht worden sind, wie es gestern hier charakterisiert worden ist, sind sie natürlich durchaus wahr. Aber die Deutung ist gewöhnlich falsch. Ein solcher Mensch sieht in diesen Dingen, die da vor ihn hintreten aus der geistigen Welt – die er gespensterhaft ersehnt, weil er das wahrhaft Geistige nicht gelten läßt –, er sieht darin das einzig Reale. Er sucht nach lauter Gespenstern, statt nach Geistern. Dadurch kommt er allerdings zu geistigen Erscheinungen, zu Tatsachen der geistigen Welt, aber er gibt ihnen eine falsche Beurteilung. Nehmen wir ein Beispiel. Ein solcher Geistesschauender gelangt dazu, durch die Methoden, von denen hier ja auch schon gesprochen worden ist, in seine früheren Erdenleben zurückzuschauen. Wenn er zurückschaut, können vor ihm Bilder auftreten, Tatsachen, die ihm die Erscheinung seiner früheren Erdenleben zeigen. In Wirklichkeit ist es aber nicht so. In Wirklichkeit schaut er nicht das, was er wirklich war, sondern er sieht das, was sich wie Schalen von ihm abgezwängt hat, das Absterbende, das Zugrundegehende. Er sieht das, was er nicht sehen soll, wenn er die wahre, sich fortentwickelnde Realität sehen will. Und so sieht zum Beispiel ein solcher Mensch, wenn er hinblickt auf eine Seele, die durch den Tod gegangen ist, statt der wirklichen geistigen Welt eine Art gespenstige Welt. Er nimmt eine Realität wahr [und hält sie] für die wirkliche Realität des Toten, aber das, was er wahrnimmt, ist nicht die wirkliche Realität, sondern das, was der Tote gerade abgestreift hat, was das Zugrundegehende, das Absterbende ist – während die fortlaufende, die sich fortentwickelnde Realität nicht gesehen wird. Denn durch eine solche Seelenstimmung sieht der Seher das als etwas Schattenhaftes an, wofür er sich nicht interessiert. Das ist die Seelenstimmung, die uns in Wirklichkeit nicht zum Geistigen hinführt, sondern uns gerade immer nur verführt, das, was wir schauen, unrichtig zu deuten. Wir glauben, eine lebendige Seele, ein sich Entwickelndes zu sehen, aber wir halten das sich Zerstörende, das sich Auflösende, das dem Tod Geweihte für ein sich Entwickelndes.
[ 18 ] Wir sehen also, auf geistigem Gebiet liegt die Sache mit dem Irrtum etwas anders. Der Irrtum in der gewöhnlichen Welt ist zumeist widerlegbar; in der geistigen Welt ist dasjenige, was wir aufsuchen können, damit die geistige Welt für uns eine Bedeutung hat, das Lebenfördernde, das Entstehende, das Sprießende, Sprossende, und dieses Sprießende, Sprossende verwechseln wir mit dem dem Tode Geweihten, dem Krankhaften, dem sich Zerstörenden. Der Gegensatz ist ein anderer auf geistigem Gebiet als auf dem äußeren Gebiet. Die Begriffe für wahr und für falsch verwandeln sich für die geistige Welt, so daß wir statt dem, was sich entwickelt in der geistigen Welt – dem Fruchtbringenden, Sprossenden, Sprießenden, dem Lichtvollen, dem Aufhellenden –, das sich Zerstörende, Auflösende sehen. Und der Tatsache, daß wir in der physisch-sinnlichen Welt die Wahrheit mit dem Irrtum verwechseln, entspricht in der geistigen Welt dem, daß wir das dem Leben Geweihte verwechseln mit dem dem Tode Geweihten. Die Verhältnisse sind also ganz andere. Man muß sich angewöhnen, wenn man in die geistige Welt eintritt, dieser Welt gegenüber ganz anders zu empfinden, ganz neue Begriffe und Ideen zu entwikkeln. Daraus erhellt wiederum, wie es mit dem Irrtum liegt. Wenn man das, was man in der gewöhnlichen Welt sich erworben hat an Begriffen und Ideen, für ausreichend hält für das geistige Gebiet, ist dies schon ein schwerer Irrtum.
[ 19 ] Ich möchte einen weiteren Vergleich gebrauchen, der einen auf diesem Felde sehr häufig vorkommenden Irrtum charakterisiert. Nehmen wir einmal an, wir haben es zu tun mit dem, was unten in einem Bergwerke sich gebildet hat durch die Kräfte, die innerhalb der Erde tätig und wirksam sind. Nehmen wir an, es entstände ein Spalt bis zur Oberfläche der Erde. Das Sonnenlicht dringt ein durch diesen Spalt; es kann in der herrlichsten Weise all das beleuchten, was da unten sich gebildet hat im Finstern, im Dunkeln. Wir können es als wunderschön und herrlich empfinden, wie das Sonnenlicht hineinfällt auf all das, was nicht entstehen könnte an der Oberfläche der Erde. Was das Sonnenlicht an der Oberfläche der Erde schafft, kann nicht in gleicher Weise in den Tiefen geschaffen werden, und wiederum kann das, was in der Tiefe sich gebildet hat, vielleicht als Augenweide sich uns zeigen, wenn das Sonnenlicht durch einen Spalt hineindringt.
[ 20 ] Es ist durchaus wahr, was vorher beschrieben wurde: Wenn der Geistesforscher das, was er geschaut hat in der geistigen Welt, in Begriffe des gesunden Menschenverstandes hineinbringt und es deutet, so kann jeder diese Dinge begreifen. Die geistige Welt kann man nicht nur begreifen, wenn man selber ein Geistesforscher ist, sondern aus dem gesunden Menschenverstände heraus. Erforscht werden aber kann diese geistige Welt nur von dem, der mit der Seele des Geistesforschers hineindringen kann. Aber wenn in Begriffen und Ideen die Darstellungen gegeben werden über die übersinnlichen Welten, dann fühlt man sich eben veranlaßt, eine solche Darstellung zu vergleichen mit dem Sonnenlicht, das durch den Erdspalt in das Bergwerk hineinfällt, und dann können auch die gewöhnlichen Menschen, die mit den Begriffen der sinnlichen Welt nicht eindringen können in jene Regionen der Geisteswahrheit, [sie begreifen].
[ 21 ] Darüber müssen wir uns auch klar sein, daß die Seele schon selbst den Schritt in die geistige Welt hinein tun muß, wenn aus dieser Geisteswelt heraus die Tatsachen und Wesenheiten offenbar werden sollen. Das ist die eine Klippe, daß gewisse geistige Kräfte in die Seele hineinwirken, die sie aus der Furcht heraus auf falsche ... [Lücke in der Nachschrift]
[ 22 ] Eine andere Klippe ist, wenn dasjenige die Seele ergreift, wovon gerade gesagt worden ist, daß es besiegt werden muß. Wir haben zur Verständigung – nicht um das Mediumwesen zu empfehlen – gesagt, daß alles Eigensein bei dem Medium ausgelöscht werden muß, damit das Medium eingeschaltet werden kann [in das Weltenwesen]. Der Geistesforscher aber, der bewußt forscht, muß auch bewußt die Eigenheit ausschalten, wenn er sich der geistigen Welt gegenüberstellt. Aber wenn der Mensch an diesem Punkte sich selbst gegenübersteht wie einem fremden Wesen, wie einer fremden Gestalt, wo er gleichsam außerhalb von sich selbst steht und zurückschaut, wenn er all das erlebt, dann merkt er erst, wie eigentlich im Menschen das wirkt, was man als Selbstliebe bezeichnen mag. Wenn man so spricht, kann leicht irgendeiner kommen und sagen: Ja, da redet uns der vor von der Besiegung des Selbstes und dergleichen; das sind doch leichte Dinge. – Wer so spricht, spricht nur über das, was er als Eigenliebe, als Selbstliebe kennt. Der Geistesforscher lernt noch etwas ganz anderes als Eigenliebe kennen; in dem Moment, wo er sich von sich selbst abgesondert hat, da wird diese Eigenliebe wie eine Naturkraft; da wird sie so, daß sie zunächst unbesieglich erscheint. Und unbesieglich erweist sie sich in einem bestimmten Falle; da, wo der Geistesforscher oder -sucher gar nicht soweit kommt, um nun wirklich alles, was sein eigenes Selbst ist, aus sich herauszusetzen. Ist wirklich die Eigenliebe so zu erkennen, daß er sie nun überwindet und besiegt, dann entwickelt sich etwas in der Seele, was man gewöhnlich nicht in richtiger Weise erkennt. Es bleibt in seiner Seele etwas von der Eigenliebe, die so fein, so raffiniert in dieser Seele lebt, daß der Seelenforscher, der Geistesforscher selbst das, was da in ihm lebt, in ganz falscher, irrtümlicher Weise deutet. Und hier tritt eine sehr eigenartige Erscheinung auf:
[ 23 ] Dadurch, daß der Geistesforscher glaubt, die Eigenliebe aus sich herausgerissen zu haben, sagt er sich: Du hast die Eigenliebe verbannt; was du jetzt in dir findest, ist etwas anderes als du selbst. – Das nennt er dann das Göttliche in sich. Und da es ihm aber nicht bis zum Letzten gelungen ist, die Eigenliebe aus sich herauszureißen, wird er zum falschen Mystiker. Er schaut in sein Inneres hinein und glaubt, sein göttliches Selbst zu erkennen, er betet aber nur dasjenige an, was ihm noch an Eigenliebe von seinem eigenen Selbst geblieben ist. Viele angebetete Götter der falschen Mystik, der auf Irrpfaden befindlichen Mystik, sind nur das angebetete eigene Wesen, sind nur das angebetete eigene Selbst. Gottesliebe bei Mystikern ist oftmals nur maskierte Selbst- oder Eigenliebe.
[ 24 ] Da steht man vor einem verhängnisvollen Felde des geisteswissenschaftlichen Irrtums. Und in der Entwicklungsgeschichte der Mystik ist es oftmals recht schwer zu unterscheiden, wo der Mystiker wirklich zu einer objektiven Geisteserkenntnis vorgerückt ist, und wo er nur den nicht mehr als sein Selbst erkannten Rest seines Selbstes als etwas Höheres in sich verehrt.
[ 25 ] Wir können wieder auf dem gewöhnlichen sinnlichen Gebiet äußerlich in der physischen Welt etwas finden, wodurch wir uns verständigen können über das, was bei dem auf Irrwegen sich befindenden Mystiker auftritt. Da brauchen wir nur auf eine gewisse wissenschaftliche Richtung hinzuweisen, die namentlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgetreten ist. Diese wissenschaftliche Richtung gibt sich ja nicht materialistisch; sie glaubt gar nicht, daß sie materialistisch ist, denn sie spricht von Ideen in der Geschichte, von Wirkungen und Gedanken in der Geschichte. So gibt es viele Forscher, die würden es im strengsten Sinne des Wortes ablehnen, davon zu sprechen, daß es Volksseelen oder Zeitseelen gibt als Realitäten, daß es überhaupt Wesenheiten gibt, die real als Wesenheiten durch den Werdegang der Menschheitsentwicklung sich offenbaren. Es galt als richtiger, als vorurteilsfreier im 19. Jahrhundert, nur zu sprechen von Ideen im Verlaufe der Geschichte. Das ist besonders grotesk hervorgetreten bei der Besprechung der Leben-Jesu-Frage in der letzten Zeit. Da trat eine Richtung hervor, die da sagte: Der historische Jesus hat gar nicht existiert; innerhalb der Gemeinde, in der kirchlichen Entwicklung ist eben die Christus-Idee aufgetreten. – Man hat vorgeschoben, daß das eine vornehmere Anschauung sei, wenn man nicht eine Realität des Christus Jesus anerkennt, sondern nur die Idee, die hineingekommen ist in die Geschichte. Wie kommen dem, der die Dinge durchschaut, solche Ideen in der Geschichte vor? So kommen sie ihm vor, wie wenn er behaupten wollte, daß ein nur gemalter Maler ein Bild malen könne; ebenso kann eine Idee in der Geschichte wirken. Wirken können nur Wesenheiten, nicht aber Ideen und Gedanken. Und dieser sogenannte Idealismus der Geschichte, der ist einfach damit widerlegbar, daß man zeigt, wie er erkenntnismäßig falsch vorgeht, indem er in den Fehler verfällt, der ja gleich in die Augen springt, wenn man sich überlegt, ob ein nur gemalter Maler ein Bild malen kann. Wesenheiten, die verkörpert in irgendeiner Weise als Menschen auftreten, können wirken, aber nicht Ideen und Gedanken; diese verflüchtigen sich zu bloßen Schattenbildern, wenn man absieht von der Wesenheit und dem Wesenhaften. Wie die Realität, die Wirklichkeit für solche Menschen zu bloßen Gedankenschatten verflüchtigt wird, so wird dasjenige, was eine geistige Realität, eine geistige Wirklichkeit haben soll für die Menschen, die aus unerkannter, maskierter Selbstliebe Mystiker geworden sind, zu etwas, was gar nicht außerhalb ihrer Seele sein kann, was nur in ihrer Seele selber wirksam ist. Und die Folge davon ist, daß solche Seelen nicht vordringen können zu geistigen Wesenheiten, die unabhängig von ihnen da sein müssen. Sie können nur vordringen bis zu dem, was sie in ihr eigenes Selbst hineinbringen können, was sie gleichsam geistig aufzehren können.
[ 26 ] Wenn man einen recht groben Vergleich gebrauchen wollte – ich bitte zu entschuldigen, aber er kann aufklären – könnte man sagen: Derjenige, der ein Geistesschauender werden will, der muß geistige Wesenheiten schauen können, die unabhängig von ihm selbst sind, so wie man physische Wesenheiten mit physischen Augen schauen kann; er muß schauen können, sagen wir vergleichsweise ein Ferkel, das abgesondert von ihm ist. Aber nehmen wir an, jemand könnte kein Ferkel sehen, sondern das Ferkel nur, wenn es getötet und tranchiert ist, essen und genießen. So ein geistiger Genießer ist solch ein Mystiker. Der geistige Genießer richtet nicht den Blick hin auf Wesenheiten, die objektiv von ihm gesondert sind, sondern auf die geistige Welt im allgemeinen, er nimmt nicht Wesenheiten, sondern nur geistige Substanzen hinein, die er verzehrt, aufsaugt, doch er erlangt niemals etwas, was ein innerlich bereichertes Selbst ist, vielmehr nur ein ausgehöhltes Selbst, so daß sich ihm zuletzt sein Selbst aufbläht zu einer Art geistigem Universum. Und gerade, weil er sein Selbst so durchtränkt mit dem, was in dieses Selbst paßt, verdeckt er sich den Weg zu wirklichen geistigen Wesenheiten und Wahrheiten, und er schaut dasjenige, was nur in ihm selber webt und wirkt. Die Geschichte der Mystik ist deshalb so schwierig zu studieren, weil man genau unterscheiden muß zwischen jenen Mystikern, die es wirklich zu einem Lostrennen vom eigenen Selbst gebracht haben und Wesenhaftes schauen, oder solchen Mystikern, die eigentlich nur Selbstliebe mit Gottesliebe verwechseln und all das wahrnehmen, was ihr eigenes Selbst erfüllt; sie leben im Grunde genommen nur von ihrem eigenen Selbst.
[ 27 ] Auf der einen Seite [das Schauen des Geistigen] in grob-stofflicher Verdichtung in einer Art gespenstiger Vision, und auf der anderen Seite die mystische Anbetung des eigenen Selbstes – das sind die zwei Hauptwege des Irrtums auf geistigem Gebiete.
[ 28 ] Es kommt alles darauf an, daß die Seele dadurch die Wege zur Wahrheit findet, daß sie wirklich das, was der Mensch ist, aus sich herausstellt und anschaut, objektiv; daher ist es so notwendig, daß mit Geistesforschung begonnen wird und auch mit dem Studium der Geisteswissenschaft, damit man zu Wahrheiten und nicht zum Irrtum kommt in den Dingen, die uns am meisten vor der Selbstliebe bewahren können.
[ 29 ] Wenn ein Geistesforscher, der die Intimitäten des Lebens erforschen wollte und zunächst dahin streben würde, Menschen, die eben verstorben sind, in der geistigen Welt aufzusuchen, wenn ein Mensch also aus Nächstenliebe Geistessucher würde, wäre er sehr leicht verleitet, nach der einen oder anderen Seite abzuirren. Das Interesse soll sich zunächst verfangen an dem, was uns in die große Welt hinausführt, was uns auf den Schauplatz der historischen, der großen Welterscheinungen führt, die uns nicht so sehr persönlich berühren, weil wir gegenüber dem, was uns nicht persönlich berührt, leichter frei kommen können von unserer Persönlichkeit als bei den uns persönlich berührenden. Beim Aufsuchen irgendeines Geistes, der vor kurzem verstorben ist, sind wir allen möglichen persönlichen Irrtümern ausgesetzt. Forschen wir danach, welche Veränderungen die Seele im Laufe ihrer Entwicklung genommen hat, sind wir leicht geneigt, dabei von unseren Absichten aus die Sache subjektiv anzuschauen.
[ 30 ] In meiner «Geheimwissenschaft» ist von mir versucht worden, den Ausgangspunkt zu nehmen von dem, was nicht nur den einzelnen, sondern was alle Menschen interessiert. Denn darauf kommt es an, wenn wir Geistesforscher werden und immer mehr vom Irrtum frei werden wollen, daß wir uns selber erkennen lernen als ein Produkt der ganzen Welt. Wie wir andere Wesenheiten und Dinge als Produkte der ganzen Welt erkennen, wie wir zum Beispiel eine Pflanze anschauen und betrachten, nicht nur äußerlich die Pflanze selbst, sondern nach dem Boden, nach der Sonne, dem Wind, nach den geographischen Verhältnissen, in denen sie lebt, anschauen, wie wir sozusagen die ganze Umgebung zu Hilfe nehmen, um die Einzelheit, das Einzelwesen der Pflanze zu erklären, so können wir auch uns als Menschen erklären aus der ganzen Welt heraus, insbesondere, indem wir unser geistig-seelisches Wesen ins Auge fassen. Wir sind in der Tat, wie es so oft gesagt wird, ein Mikrokosmos im Makrokosmos. Wir sind ein Abbild, ein Abdruck der großen Welt, und daß wir das, was der Mensch in seiner Seele, in seiner geistigen Wesenheit hat, mit dem ganzen Universum vergleichen, darin liegt eine tiefe geistige Wahrheit. Aber wir können dies nicht tun, solange wir in uns selber stecken bleiben. Erst wenn wir wirklich aus uns herausgekommen sind, wenn wir uns, wie wir als Menschen sind, neben uns haben, können wir das, was wir nun wie einen objektiven Gegenstand haben, mit der Welt vergleichen.
[ 31 ] Ist es nicht verwunderlich, wenn das, was in der Geisteswissenschaft aufgetreten ist, den Menschen vielfach wie eine törichte Phantasterei erscheint? In der Physik zum Beispiel verzeiht man es, daß man sieben Farben unterscheidet, in der Tonlehre, daß man sieben Töne hat und der achte Ton die Oktave ist. Dem Geisteswissenschaftler verzeiht man es aber nicht, daß er die Menschennatur als eine siebengliedrige auffaßt und auf sieben ineinanderliegende Welten zurückführt. Und dennoch ist es dasselbe Denken, das in der Physik sieben Farben, in der Oktave sieben Töne, in der Geisteswissenschaft sieben Glieder der menschlichen Natur findet. Es ist derselbe Gedanke, das eine ist nicht mehr als das andere.
[ 32 ] Aber erkennen kann man den Zusammenhang der Menschennatur mit der großen Welt nur, wenn man diese Menschennatur so vor sich sieht, daß man sie ihrer Ganzheit nach betrachtet. Der Mensch ist ein geistig-seelisches Wesen. Der Verstand kann nur sinnlich betrachten. Um zu geistigen Wahrheiten – nicht zu geistigen Irrtümern – zu kommen, muß man den Menschen außerhalb seiner selbst als ein Produkt der ganzen Welt erkennen können. Das ist außerordentlich wichtig. Die Welt in ihrer Wirkung auf den Menschen muß man betrachten können. Solange man bloß die Wirkungen auf die eigene Wesenheit betrachtet, solange kommt man nicht zur Wahrheit – nur zum Irrtum. Der Mensch muß außerhalb seiner selbst stehen und dann sich im Verhältnis zur Welt betrachten; er muß sich losgelöst haben von sich selbst. Das ist die erste Bedingung, daß der Mensch in die Lage kommt, daß all das, was er in sich entwickelt, was er in sich ausgebildet hat, nicht im Gesichtsfelde der Eigenliebe, der Selbstliebe stecken bleibe. Was heißt das? Nun, was entwickelt uns geistig-seelisch? Wir machen gewisse Übungen zur Entwicklung der Seele: Meditation, Konzentration und so weiter – sie sind gestern und oft schon hier skizziert worden. Dadurch ergeben sich gewisse Seelenvorgänge in uns selber. Solange wir sie so betreiben, daß wir auch nur die geringste Empfindung haben, daß wir selbst es sind, was sich da entwickelt, können wir uns nicht vor dem Irrtum schützen.
[ 33 ] Das ist die eine Seite der Sache. Das ist die Seite, die der Mystiker so schwer überwindet, der sich verliert in sein eigenes Selbst, nur in raffinierter Weise. Das, was in uns vorgeht, um uns in höhere Welten hinaufzuheben, muß ein Weltvorgang sein, nicht ein Einzelvorgang. Wir müssen den Menschen erkennen außer uns, wir müssen die Welt empfinden, erleben in uns.
[ 34 ] Das sind die zwei großen Geheimnisse, die zum Weg zur Wahrheit führen und zur Vermeidung der Irrtümer. Die Wesenheit des Menschen außer uns erkennen, nicht in uns, die Welt nicht bloß außer uns, sondern in uns als objektive Welt erleben, das ist das zweite.
[ 35 ] Wer diese beiden bedeutsamen Richtlinien zu Zielen nimmt zur Erreichung der geistigen Welt, der gelangt allmählich dazu, so weit zu kommen, daß er die Erkenntnis der Wahrheit im Erleben erreichen kann. Besitzt man die Wahrheit auf geistigem Gebiet, dann wird man selber das, was man als Wahrheit erkannt hat, denn man denkt sich in jene Wesen hinein. Wir erleben die Welt und wir empfinden sie dann, indem wir sie erleben wie eine Fackel, die uns die geistige Welt beleuchtet. Wir empfinden sie wie ein belebendes Element, das sich fruchtbar erweist, das uns fördert, indem es uns weiterleitet von Stufe zu Stufe, von Schritt zu Schritt auf unserer Wanderung. Wir empfinden die Welt, indem sie sich in uns und für uns Menschen als das ergibt, was keimt und sproßt und sich als wirksam erweist. Wenn man so empfinden kann, kann man sicher sein, man lebt in geistiger Wahrheit. Der Irrtum aber, der ist Kälte, Frost, er ist das, was uns die geistige Wahrheit verfinstert. Der Irrtum ist in der geistigen Welt eine Kraft; Irrtümer sind Kräfte, sind Wesenheiten, aber auslöschende, dunkel-machende Kräfte. Je mehr wir uns in den Irrtum hineinfinden, desto mehr können wir fühlen: wenn man ihn brauchen will zum Aufhellen der Welt, verdunkelt er alles. Man findet, daß überall das Leben wie von einer Todeskraft erstarrt, wie in Fäulnis umgesetzt wird, wenn man herankommt mit dem Irrtum. Der Irrtum erweist sich als etwas Reales, das als Zerstörendes, Verwüstendes auftritt. Wir müssen ihn besiegen, herausschaffen, wir müssen Kräfte anwachsen lassen – nicht bloß Urteile –, um ihn zu widerlegen, daß er von uns weiche. Dann ringen wir uns durch zur Wahrheit. Deshalb ist das Wahrheitssuchen auf geistigem Gebiete eben ein Kämpfen mit dem Irrtum, und deshalb ist es wichtig zu wissen, welches die Wege der Irrtümer sind. Deshalb mußte ebenso aufmerksam gemacht werden auf die Wege des Irrtums wie auf die Wege der Wahrheit.
[ 36 ] Vielleicht, sehr verehrte Anwesende, konnte durch diese beiden Vorträge ein Gefühl erreicht werden, wie real, wie wirklich der Seelenweg ist, der in die geistigen Regionen hinüberführt, ein Gefühl, das allerdings nur derjenige empfinden kann, der vorurteilsfrei das ins Auge faßt, was hier skizzenhaft vorgebracht worden ist und das man schwer übertragen kann auf denjenigen, der nur mit Vorurteilen der Sache gegenübertritt. Aber man könnte sich dennoch sagen nach solchen Betrachtungen: Da urteilen viele Leute über diese Geistesforscher, aber man sieht aus dem, was sie darüber sagen, wieviel sie davon kennen. – Man kann schon erfahren, ob die Einwände berechtigt sind oder unberechtigt, wenn man gegenüber dem, was gesagt wird, sich die Frage stellt: Ja, weiß denn der Betreffende überhaupt irgend etwas von dem, was die Geistesforschung will? Weiß er etwas von den schweren Kämpfen, von der Überwindung und der Erlösung, von den Leiden, die durchgemacht werden müssen? – Dafür sollte ein Gefühl hervorgerufen werden, daß diese Dinge durchaus nicht leichtfertig genommen werden dürfen von denjenigen, die sich erst bekannt machen müssen mit dem, was die Seele erleben muß, um zu Wahrheiten der Geistesforschung zu kommen.
[ 37 ] Dann kann man allerdings eine eigentümliche Erfahrung machen: Diejenigen, die mit Ernst und Würde an die Ergebnisse der Geistesforschung herantreten, die sind dann keine Gegner mehr. Vielleicht auf keinem Gebiet so sehr wie auf dem der Geistesforschung kann man mit vollem Rechte sagen: Gegner sind im Grunde genommen nur diejenigen, die die Sache nicht kennen. Auf dem Felde, wo sie gekannt wird, da gibt es keine Gegner mehr. Die Gegner werden in der Regel zu Anerkennern, wenn sie die Sache kennenlernen. Es kann dies jedem überlassen werden, sich zu überzeugen. Man kann aus mancherlei Feindlichem, was gesagt wird, erkennen, daß sich aus all der Gegnerschaft feststellen läßt: diese Gegnerschaft beruht gerade auf Unkenntnis der Sache über das geisteswissenschaftliche Gebiet. Kenner sind keine Gegner mehr.
[ 38 ] In diesem Gefühl können wir zusammenfassen, vielleicht nicht so sehr, was vorgestern und heute gesprochen worden ist, sondern wie versucht worden ist, die Dinge darzustellen. Ich habe absichtlich diesmal versucht, die Dinge ganz dem Seelenerleben nach darzustellen, so wie die Seele sozusagen Schritt für Schritt geführt wird und was sie erlebt. Dadurch kann man vielleicht die Empfindung von dem Ernste der Geistesforschung erhalten. Diese Empfindung muß man zunächst haben, dann ergibt sich, daß auf geisteswissenschaftlichem Gebiet, mehr als auf irgendeinem anderen, ein wunderbar schöner Goethescher Satz gilt, der von ihm tief erlebt, aus einer tiefen Lebenserfahrung heraus gesagt worden ist. Weil Goethe mancherlei vertreten hatte, was das Gebiet der Geisteswissenschaft nahe berührt, fand er Gegnerschaften, die man versteht, gerade wenn man ein Geistesforscher ist. Und gegenüber diesen Gegnerschäften hat er seine Empfindungen zusammengedrängt in dem kurzen Satz, der, weil er eine Lebensweisheit, eine errungene Wahrheit ist, gerade in seiner Einfachheit so schön ist, daß auch wir das, was wir empfinden gegenüber den Gegnern der Geisteswissenschaft in diesem Satze zum Ausdruck bringen können, indem wir mit Goethe sagen:
Eine falsche Lehre läßt sich nicht widerlegen, denn sie beruht ja auf der Überzeugung, daß das Falsche wahr sei. Aber das Gegenteil kann, darf und muß man wiederholt aussprechen.
[ 39 ] Dann, wenn das auch in bezug auf die Geisteswissenschaft geschieht, dann wird Geisteswisssenschaft ein Teil unserer geistigen Kultur werden, wie sie muß. Und wenn auch entgegengesetzte Irrtümer sich geltend machen wollen, die Wahrheit wird in der Welt überall ihren Weg finden, und müßte sie sich auch wie zwischen schmalen Spalten an felsigem Ufer hindurchzwängen – die Wahrheit wird die Wege finden. Um das, was Wahrheit ist, darum brauchen wir nicht besorgt zu sein. Vertreten wir durch einen persönlichen Irrtum die Unwahrheit – diese Unwahrheit, davon sind wir überzeugt, wird nicht schaden. Vertreten wir aber die Wahrheit, dann wird sie die Wege finden durch die schmälsten Felsenritzen hindurch, durch die sie sich immer gedrängt hat, damit sie sich einleben konnte in die Entwicklung der Menschheit. Denn so ist das Erdenwerden der Menschheit angelegt, daß die Menschheit nur in der Wahrheit ihre Entwicklung findet. Und in diesem Bewußtsein kann man hinschauen zur Geisteswissenschaft, insbesondere dann, wenn man durch sie Wahrheit und Irrtum betrachtet. Irrtümer werden gerade dadurch von dem Geistesforscher selber hinweggeschafft, daß er sie erkennt – und die Wahrheit wird siegen, weil sie durch ihre eigene Kraft siegen muß.
