Truths and Errors in Spiritual Research
GA 69a
16 February 1913, Tübingen
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Truths and Errors in Spiritual Research, tr. SOL
7. Ergebnisse der Geistesforschung für Lebensfragen und das Todesrätsel
7. Findings from Spiritual Research on Questions of Life and the Mystery of Death
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Es wird meine Aufgabe sein, an diesem heutigen Abend über wichtige Lebens- und Daseinsfragen vom Standpunkte der sogenannten Geisteswissenschaft zu sprechen, das heißt von einem Standpunkte aus, der heute keineswegs populär ist und der außerordentlich viele Vorurteile gegen sich hat. Allein man darf ja wohl sagen, daß oft dasjenige, was später Gemeingut der Menschheit auf diesem oder jenem Gebiet geworden ist, zu irgendeiner früheren Zeit auch neu, unpopulär und Vorurteilen ausgesetzt war. Und so will ich denn ohne weitere Einleitung zum Gegenstand übergehen.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! My task this evening will be to speak about important questions of life and existence from the perspective of what is known as spiritual science—that is, from a perspective that is by no means popular today and that faces an extraordinary amount of prejudice. Yet one can certainly say that what later becomes common knowledge in this or that field was, at some earlier time, also new, unpopular, and subject to prejudice. And so, without further introduction, I will move on to the subject at hand.
[ 2 ] Geisteswissenschaft hat es mit einem umfassenden Gebiet der Weltbetrachtung zu tun. Wenn man aber alles das, was Inhalt dieser Geisteswissenschaft ist, überschaut, so spitzt sich dann doch zum Schluß alles zu auf Beantwortung zweier Daseinsfragen oder -rätsel, die nicht auf einem abgesonderten Gebiet der Wissenschaft sich ergeben, sondern die im Grunde genommen überall im Leben vor uns auftauchen. Es sind solche Daseinsrätsel, die nicht nur unser Verstandesinteresse in Anspruch nehmen, sondern das tiefste Menscheninteresse; es sind Fragen, auf deren Lösung man nicht nur neugierig ist, sondern nach deren Lösung man Sehnsucht hat, weil innerer Friede, Lebensfähigkeit, aber auch Schmerz, Zweifel, Besorgnis damit Zusammenhängen. In zwei Worte können wir zusammendrängen, um was es sich handelt: Menschliches Schicksal und menschliche Unsterblichkeit – oder wir könnten sagen: der Tod.
[ 2 ] The humanities deal with a comprehensive field of worldview. But when one surveys the entirety of what constitutes the content of the humanities, everything ultimately boils down to answering two existential questions or mysteries—ones that do not arise in a separate field of science, but which, in essence, appear before us everywhere in life. These are the kinds of existential mysteries that engage not only our intellectual curiosity but also our deepest human concerns; they are questions whose solutions we are not merely curious about, but for which we yearn, because inner peace, vitality, but also pain, doubt, and anxiety are connected to them. We can summarize what is at stake in two words: human destiny and human immortality—or we could say: death.
[ 3 ] Das menschliche Schicksal wirft auf Schritt und Tritt besonders große, ernste Fragen auf. Wir sehen, wie der eine Mensch ins Dasein hereintritt und von Geburt an umgeben ist von Sorgen und Mühen derjenigen, die für ihn zu sorgen haben, daß ein mehr oder weniger schmerzerfülltes Dasein sein Schicksal sein wird; oder wir sehen, wie er nur geringe Fähigkeiten und Anlagen zeigt, so daß er kein wertvolles Glied der Menschheit werden kann. Ohne Schuld oder Verdienst dagegen schreitet ein anderer Mensch ins Dasein, früh umgeben von sorgenden Händen, so daß ein gewiß glückliches Dasein sein Schicksal sein wird; wir sehen, wie sich bei ihm auch früh Fähigkeiten zeigen, die ihn zu einem nützlichen Glied der Gesellschaft werden lassen. Vielleicht kann man diese Fragen mit dem Verstand abweisen und sie nicht an sich herankommen lassen. Aber dann, wenn unsere Empfindungen sprechen gegenüber dem Leben, wenn unsere Wünsche sich auseinandersetzen müssen mit den Lebensverhältnissen, dann tauchen in unterbewußten Lebenstiefen alle Wünsche und Empfindungen auf, die bange Sehnsucht erwecken nach einer Antwort auf solche Fragen. Und vielleicht nicht in der Wißbegierde, wohl aber in der Lebensfreudigkeit oder -Verstimmung kann man fühlen, wie die Seele drängt, etwas zu wissen, was in der angedeuteten Richtung liegt.
[ 3 ] Human destiny raises particularly profound and serious questions at every turn. We see how one person enters into existence and, from birth, is surrounded by the worries and struggles of those who must care for him, so that a life filled with more or less suffering will be his fate; or we see how he displays only limited abilities and aptitudes, so that he cannot become a valuable member of humanity. In contrast, another person enters life through no fault of their own and with no merit of their own, surrounded from an early age by caring hands, so that a certainly happy life will be their destiny; we see how abilities manifest themselves in them early on, enabling them to become a useful member of society. Perhaps one can dismiss these questions with reason and keep them at bay. But then, when our feelings speak to us about life, when our desires must grapple with the circumstances of life, all those desires and feelings emerge from the depths of the subconscious, awakening an anxious longing for an answer to such questions. And perhaps not out of a thirst for knowledge, but rather in our joy or discontent with life, we can feel how the soul urges us to know something that lies in the direction hinted at.
[ 4 ] In ganz besonderer Weise tritt auch das Todesrätsel an den Menschen heran. Was die Menschen von der Unsterblichkeit wissen, nimmt sich ja oft nicht wissenschaftlich aus. Wieviel Leidenschaft, wieviele Vorurteile liegen in dieser Frage. Todesfurcht oder der Wunsch, das Dasein zu verlängern sprechen mit bei der Wertung der Frage und bei der Antwort, die sich die meisten geben wollen. Als die Naturwissenschaft sich anschickte, als eine Weltanschauung hervorzutreten, gab es Leute, welche die Möglichkeit einer Seelenfortdauer ganz leugneten, und man darf sagen, unter diesen Leugnern waren viele, die oftmals moralisch und ethisch viel höher standen als diejenigen, die eine Unsterblichkeit annahmen. Es waren Menschen, die sich sagten: Das, was wir uns erarbeitet haben, was wir hereingeschafft haben während unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod, das wollen wir hinopfern der Allgemeinheit. Diese Menschen haben darin etwas sittlich Höheres gesehen als den egoistischen Wunsch, das Erarbeitete weiterzutragen. Man kann nicht in Abrede stellen, daß solche Menschen wirklich zu den moralischen Naturen gehört haben.
[ 4 ] The mystery of death also confronts people in a very special way. After all, what people know about immortality often does not seem scientific. How much passion, how many prejudices are involved in this question. The fear of death or the desire to prolong one’s existence play a role in the assessment of the question and in the answer most people wish to give themselves. When the natural sciences were beginning to emerge as a worldview, there were people who completely denied the possibility of the soul’s survival, and it must be said that among these deniers were many who often stood on a much higher moral and ethical plane than those who accepted immortality. These were people who said to themselves: What we have earned, what we have achieved during our lives from birth to death—we want to sacrifice that for the common good. These people saw in this a morally higher principle than the selfish desire to pass on what they had earned. One cannot deny that such people truly belonged to the ranks of the morally upright.
[ 5 ] Und dennoch – es gibt einen Gesichtspunkt, von dem aus die Unsterblichkeitsfrage in ganz wissenschaftlicher Weise aufgeworfen werden muß, wenn man diese Wissenschaftlichkeit auch heute noch nicht voll fühlt. Fragen wir uns mit ein bißchen Selbsterkenntnis: Was hat das für einen Charakter, was der Mensch schafft und namentlich, was er als Mensch wird? – In seiner innersten Natur hat das einen persönlichen, einen individuellen Charakter. Mit einiger Selbstbeobachtung kann man sagen: Das Beste ist so besonders bei jeder Seele, daß wir dieses Beste gar nicht einer Allgemeinheit geben können; es ist unmöglich, dieses Beste einer Allgemeinheit zu geben. Und würde nach dem Tode unser Bewußtsein unseres Seelenseins vernichtet sein, dann wäre das Wertvollste nicht für uns allein, sondern für die Weltökonomie verloren. Sollte es wahr sein, daß der Mensch ein Wertvollstes erarbeitet, und dann in einem Moment vernichtet wird, was für ihn das Wertvollste ist auf der Erde – so etwas geschieht nirgends sonst im weiten Umfang des Alls. Was geschieht, das ist, daß Kräfte, die aufs höchste gespannt sind, der Weltökonomie einverleibt werden. Da wird die Frage erst wissenschaftlich.
[ 5 ] And yet—there is a perspective from which the question of immortality must be raised in a thoroughly scientific manner, even if we do not yet fully appreciate this scientific approach today. Let us ask ourselves, with a little self-knowledge: What is the nature of what human beings create, and specifically, what they become as human beings?—In its innermost nature, this has a personal, an individual character. With some self-observation, one can say: The best in each soul is so unique that we cannot at all impart this best to the general public; it is impossible to impart this best to the general public. And if, after death, our awareness of our soul’s existence were to be destroyed, then the most valuable thing would be lost not only to us but to the world as a whole. If it were true that a human being develops something of the greatest value, only to have what is most valuable to them on Earth destroyed in an instant—nothing of the sort happens anywhere else in the vast expanse of the universe. What happens is that forces, strained to their utmost, are incorporated into the world economy. That is when the question becomes scientific.
[ 6 ] So haben wir die beiden Fragen charakterisiert – die Frage nach dem menschlichen Schicksal und nach der menschlichen Unsterblichkeit –, die wir heute in den Mittelpunkt stellen wollen. Geisteswissenschaft stellt sich in das Geistesleben der Gegenwart hinein als unpopulär, weil sie den Denkgewohnheiten recht fremd ist. Man ist gewohnt, sich zu verlassen auf die äußeren Sinnesbeobachtungen und auf den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist. Mit diesen beiden ist aber dem eigentlichen Grundwesen der Menschennatur nicht beizukommen. Da erhebt sich dann die Frage: Gibt es denn auch andere Erkenntnismöglichkeiten? Das ist es gerade, was Geisteswissenschaft der allgemeinen Geisteskultur überliefern will, daß es besondere Methoden gibt, um solche Erkenntnismöglichkeiten zu erlangen. Um diese kennenzulernen, müssen wir ausgehen von einer Erscheinung, die verwandt ist mit der Tatsache des Todes, die aber nicht genügend beachtet wird, weil das, woran wir gewohnt sind, nicht zum Anlaß von Rätselfragen genommen wird. Was seltener auftritt oder so, daß es einen bestürzt, der Tod, das Schicksal, das wird zur Rätselfrage. Aber an einem Rätsel, das geradeso bedeutsam ist, geht das alltägliche Bewußtsein vorüber – das ist das Rätsel des Schlafs. Wir müssen durch dieses Rätsel hindurchgehen, wenn wir uns der Todesfrage nähern wollen.
[ 6 ] This is how we have characterized the two questions—the question of human destiny and that of human immortality—that we wish to focus on today. Spiritual science appears unpopular in contemporary spiritual life because it is quite foreign to people’s habitual ways of thinking. People are accustomed to relying on external sensory observations and on the intellect, which is bound to the brain. But these two alone cannot grasp the true essence of human nature. This raises the question: Are there other ways of gaining knowledge? This is precisely what spiritual science seeks to convey to general spiritual culture: that there are specific methods for attaining such avenues of knowledge. To become acquainted with these, we must begin with a phenomenon related to the fact of death, one that is not given sufficient attention because what we are accustomed to is not regarded as a source of enigmatic questions. What occurs less frequently—or in a way that unsettles us—such as death or fate—becomes a riddle. But everyday consciousness passes by a riddle that is just as significant—the riddle of sleep. We must work our way through this riddle if we wish to approach the question of death.
[ 7 ] Jeden Tag sehen wir, wie das Bewußtsein während des Schlafes ins Nichts versinkt. Nehmen wir einmal die Tatsache des Einschlafens – ganz abgesehen von wissenschaftlichen Hypothesen. Die Glieder hören auf, ihre Dienste zu tun, die Seele fühlt sich entfremdet den Sinnen, dem Innenleben, das an die Leiblichkeit gebunden ist; dann beginnt die Finsternis der Bewußtlosigkeit. Nun gibt es viele naturwissenschaftliche Anschauungen darüber; wir wollen sie heute nicht berühren, obwohl es sehr interessant wäre, was in unserer Zeit alles an Versuchen geboten wird. Aber wir wollen geisteswissenschaftliche Betrachtungen anstellen.
[ 7 ] Every day we see how consciousness sinks into nothingness during sleep. Let us consider the fact of falling asleep—leaving scientific hypotheses entirely aside. The limbs cease to function; the soul feels alienated from the senses and from the inner life bound to the physical body; then the darkness of unconsciousness begins. Now there are many scientific views on this subject; we will not address them today, although it would be very interesting to see all the experiments being conducted in our time. But we wish to offer some spiritual-scientific reflections.
[ 8 ] Zunächst als Annahme oder Hypothese, was Geisteswissenschaft über den Schlaf zu sagen hat. Aus dieser Hypothese werden sich dann gewissermaßen die Tatsachen ergeben. Geisteswissenschaft sagt, es ist unlogisch anzunehmen, daß das ganze Tagesleben mit all seinen Erlebnissen am Abend ins Nichts versinke und am Morgen neu geschaffen werde. Diese Erlebnisse müssen irgendwo noch da sein. Andererseits muß Geisteswissenschaft sich der Ansicht anschließen, die auch Du Bois-Reymond ausgesprochen hat, daß, wenn man den schlafenden Menschen betrachtet, wie er im Bette liegt, man an ihm nichts entdecken könne an Ursachen, warum ihn Vorstellungen erfüllen sollten, wie sie das ganze wache Tagesleben in sich schließt. Das alles – die Vorstellungen, Erinnerungen und so weiter des wachen Tageslebens – sieht Geisteswissenschaft als geistig-seelische Wirklichkeit an, die sich während des Schlafes aus dem physischen Leib und dem Ätherleib zurückzieht und in die geistige Welt hinübertritt, so daß der Mensch mit seinem inneren Dasein allerdings außerhalb des physischen Leibes ist. Dann ist der Mensch in der geistigen Welt und des Morgens taucht dieses Geistig-Seelische des Menschen wiederum unter in die Leiblichkeit, in das Gebiet der Sinne, des Gehirns und so weiter. So haben wir den Menschen während des Schlafes gleichsam gespalten in ein leibliches Wesen und ein geistig-seelisches Wesen; im Wachen treten beide wieder zusammen.
[ 8 ] First, as an assumption or hypothesis, what spiritual science has to say about sleep. The facts will then, in a sense, emerge from this hypothesis. Spiritual science says it is illogical to assume that one’s entire daily life, with all its experiences, sinks into nothingness in the evening and is recreated anew in the morning. These experiences must still be present somewhere. On the other hand, spiritual science must concur with the view, also expressed by Du Bois-Reymond, that when one observes a sleeping person lying in bed, one cannot discern in him any cause for why he should be filled with ideas that encompass his entire waking daily life. Spiritual science regards all of this—the images, memories, and so on of waking life—as a spiritual-soul reality that withdraws from the physical body and the etheric body during sleep and passes into the spiritual world, so that the human being, with his inner existence, is indeed outside the physical body. Then the human being is in the spiritual world, and in the morning this spiritual-soul aspect of the human being once again submerges into physicality, into the realm of the senses, the brain, and so on. Thus, during sleep, the human being is, as it were, split into a physical being and a spiritual-soul being; in wakefulness, the two come together again.
[ 9 ] Der materialistische Monist wird einwenden: Wie kann man so sündigen gegen das Gebot des Monismus; da spaltet ihr ja das Menschenwesen in zwei Teile! – Man kann einwenden, daß der Chemiker ja dieselbe Sünde begeht, wenn er Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff spaltet; aber da kann man es ihm nicht verbieten. In gar keiner anderen Weise sprechen wir in der Geisteswissenschaft von einer Zweiheit des Menschen. Derjenige, der die Methoden der Chemie nicht kennt, um das Vorhandensein des Wasserstoffs im Wasser anzuerkennen, der könnte auch behaupten, daß der Wasserstoff nicht existiere. So kann jemand auch sagen, daß dasjenige nicht existiert, was herausgeht aus dem Leibe beim Schlafen. Es handelt sich darum, daß während des Schlafes das Geistig-Seelische des Menschen sich seiner selbst nicht bewußt ist. Für das gewöhnliche Bewußtsein ist das alles nicht da, wenn es aus dem Leibe herausgegangen ist. Und alles hängt davon ab, daß der Mensch in die Lage kommt, das Herausgetretene als Realität anzuerkennen.
[ 9 ] The materialistic monist will object: How can you sin so grievously against the commandment of monism; you are splitting the human being into two parts! – One might object that the chemist commits the same sin when he splits water into hydrogen and oxygen; but one cannot forbid him from doing so. In spiritual science, we do not speak of a duality of the human being in any other way. Someone who is unfamiliar with the methods of chemistry and therefore unable to recognize the presence of hydrogen in water might just as well claim that hydrogen does not exist. In the same way, someone might say that what leaves the body during sleep does not exist. The point is that during sleep, the human being’s spiritual-soul aspect is not conscious of itself. For ordinary consciousness, all of this is not present once it has left the body. And everything depends on the human being being able to recognize what has emerged as a reality.
[ 10 ] Das wird erreicht durch Regeln, die die Geistesforscher auf sich selbst anwenden müssen. Das wird dadurch erreicht, daß die Seele des Geistesforschers sich in einen Zustand versetzt, der ähnlich ist dem Schlafzustand, aber andererseits doch diesem entgegengesetzt. Das Kennzeichen des Schlafzustandes ist, daß die Möglichkeit erstirbt, die Glieder zu bewegen, daß Untätigkeit der Sinne, des Verstandes und schließlich Bewußtlosigkeit eintritt. Könnte nun auch ein anderer Zustand eintreten? Ja. Dazu nehmen wir als Annahme, was sich dann bewahrheiten wird: Nehmen wir an, der Mensch wird wirklich frei von seinem Leibe, so daß im Schlaf diese übersinnliche Wesenheit sich nicht erleben kann im gewöhnlichen Zustand. Könnten wir nun etwas herbeiführen, wodurch diese menschliche Seele sich doch erleben würde, so würde zwar die Bewegung der Glieder und so weiter ausgeschlossen, aber es würde doch Bewußtsein vorhanden sein. Dieser Zustand wird herbeigeführt durch innerliche Mittel, durch Meditation, Konzentration, Kontemplation.
[ 10 ] This is achieved through rules that spiritual researchers must apply to themselves. It is achieved by the spiritual researcher’s soul entering a state similar to sleep, yet at the same time opposite to it. The hallmark of the state of sleep is that the ability to move one’s limbs ceases, that inactivity of the senses and the intellect sets in, and finally, unconsciousness occurs. Could another state also arise? Yes. To this end, let us make an assumption that will prove true: Let us assume that a person truly becomes free from their body, so that during sleep this supersensory being cannot experience itself in the ordinary state. If we could now bring about something through which this human soul would nevertheless be able to experience itself, then although the movement of the limbs and so on would be ruled out, consciousness would still be present. This state is brought about by inner means—through meditation, concentration, and contemplation.
[ 11 ] In der Seele sind Kräfte, die gleichsam nur verstärkt werden müssen, wenn anstelle der Bewußtlosigkeit des Schlafes volles Bewußtsein treten soll. Das wird so erreicht, daß willkürlich herbeigeführt wird, daß der Mensch von sich selbst ausschließt die Bewegung der Glieder, diese so ruhig sein läßt wie der Leib im Schlafe ist, dann alle Eindrücke von Licht, Farben, Tönen ausschließt, die seine Gedanken ablenken. Er muß künstlich den Zustand herbeiführen von Abgezogenheit gegenüber der Außenwelt, dann muß er die Gedanken des gewöhnlichen Lebens ausschließen. Wenn dieses leere Bewußtsein im gewöhnlichen Leben eintritt, dann schläft der Mensch ein. Aber lange, geduldige Übungen bringen den Menschen dahin, [das Bewußtsein wachzuhalten], und dann handelt es sich darum, daß er sich durch Willkür jede beliebige Vorstellung in den Mittelpunkt des Bewußtseins rückt und sein Bewußtsein damit erfüllt. Die Dinge der Außenwelt sind dafür nicht gut; viel besser sind sinnbildliche Vorstellungen, die wir uns selbst machen. Es kann jeder sagen, solche Vorstellungen gegenwärtig zu haben, sei eine verrückte Sache. Aber es kommt darauf an, was sie in der Seele bewirken.
[ 11 ] There are forces within the soul that, so to speak, merely need to be strengthened if full consciousness is to replace the unconsciousness of sleep. This is achieved by deliberately causing the person to exclude the movement of the limbs—leaving them as still as the body is during sleep—and then to exclude all impressions of light, colors, and sounds that distract their thoughts. They must artificially induce a state of detachment from the outside world, and then they must exclude the thoughts of ordinary life. When this empty state of consciousness occurs in ordinary life, the person falls asleep. But long, patient practice enables the person to [keep their consciousness awake], and then the task is to use their will to bring any arbitrary image into the center of their consciousness and fill their consciousness with it. Things from the external world are not suitable for this; symbolic images that we create ourselves are much better. Anyone might say that having such images in one’s mind is a crazy thing. But what matters is what effect they have on the soul.
[ 12 ] Stellen wir uns beispielsweise zwei Gläser vor, das eine leer, das andere ein wenig Wasser enthaltend. Nun stellen wir uns vor, daß wir aus dem letzteren fortwährend Wasser in das erste Glas gießen und dadurch das letztere nicht leerer wird, sondern immer voller. Das ist ja eigentlich eine ganz verrückte Vorstellung. Aber darauf kommt es hier nicht an, sondern darauf, daß diese Vorstellung sinnbildlich wirkt für ein tiefes Geheimnis: die Liebe. Die Liebe ist etwas, dem wir ja mit menschlichen Vorstellungen nicht beikommen können, nicht einmal ganz mit Ahnung. Sie ist ein Geheimnis. Aber eine ihrer Eigenschaften können wir angeben: Durch das, was die Seele gibt, wird sie immer voller, immer reicher. Die Liebe hat diese Eigenschaft, die wir sinnbildlich ausdrücken können, und da finden wir das eigentümlich, was man auf einem andern Gebiet gewohnt ist.
[ 12 ] Let’s imagine, for example, two glasses: one empty, the other containing a little water. Now let’s imagine that we continuously pour water from the latter into the first glass, so that the latter does not become emptier, but rather fuller and fuller. That is actually a rather crazy idea. But that is not the point here; rather, the point is that this image serves as a symbol for a profound mystery: love. Love is something we cannot grasp with human concepts, not even with the faintest inkling. It is a mystery. But we can describe one of its qualities: through what the soul gives, it becomes ever fuller, ever richer. Love possesses this quality, which we can express symbolically, and in it we find something peculiar that we are accustomed to in another realm.
[ 13 ] Oder stellen Sie sich eine Medaille in Kreisform vor. An ihr lassen sich alle Beziehungen von Halbmesser, Durchmesser, Umfang, Inhalt und so weiter feststellen, aber ebensogut an einem gezeichneten Kreis; denn dessen Gesetzmäßigkeiten gelten auch für die Medaille. Solche Symbole für Gesetzmäßigkeiten zeigt die Mathematik fortwährend. Nichts anderes macht der Geistesforscher, als daß er auf höherem Gebiet diese mathematische Methode anwendet, aber nicht nur auf das Denken, sondern auf das Leben. Wir spekulieren nicht über diese Symbole, sondern es kommt darauf an, daß alle unsere Impulse darauf gelenkt werden, und die Kraft, die wir da entwickeln, die ist es, um was es sich handelt. Während sonst die Seele sich zerstreut, ziehen wir, wenn auch nur für ein paar Minuten, das Seelenleben ganz zusammen. Man muß diese Dinge jahrelang fortsetzen, dann wird eine ganz bestimmte Folge eintreten: Jetzt fühlt der Mensch, daß das, was sonst in Bewußtlosigkeit versank, in ihm innerlich rege wird, daß das etwas ist, was sonst von gar nichts ausgefüllt war.
[ 13 ] Or imagine a circular medal. All the relationships between radius, diameter, circumference, area, and so on can be determined from it, but just as easily from a drawn circle; for the laws governing the circle also apply to the medal. Mathematics constantly presents such symbols of laws. The spiritual researcher does nothing other than apply this mathematical method to a higher realm—not merely to thought, but to life itself. We do not speculate about these symbols; rather, what matters is that all our impulses are directed toward them, and the power we develop there is what truly matters. While the soul is otherwise scattered, we—even if only for a few minutes—completely focus our inner life. One must continue these practices for years; then a very specific result will occur: Now the person feels that what otherwise sank into unconsciousness is becoming active within them, that this is something that was otherwise filled with nothing at all.
[ 14 ] Man muß viele solche Vorstellungen wirken lassen. Dann treten ganz bestimmte Erfahrungen und Erlebnisse als Bilder, als «Imaginationen» auf; sie schießen vor uns auf, sie stehen vor uns da. Damit ist schon etwas erreicht, aber etwas, das man mit Vorsicht behänden muß. Wer auf äußerlichem, materialistischem Standpunkt steht, wird mit Recht sagen: Jetzt habt ihr es gerade soweit gebracht wie diejenigen, die Halluzinationen und Visionen haben und aus der Seele etwas heraufholen, was nichts wert ist. – Da ist in der Tat eine Klippe. Die Menschen, die solche Visionen erleben, werden an sie glauben wie an etwas Wirkliches, viel wirklicher als die Dinge, die sie mit Augen sehen. Es gibt Menschen, die für ihre Wahnvorstellungen das logischste System ausdenken, um sie sich zu erhalten. Es gibt eine Bezeichnung, die das alles erklärt, die liegt in dem Wort «Selbstliebe». Warum glaubt der Mensch an diese Vorstellungen? Aus Selbstliebe; weil er selbst sie aus sich herausgeboren hat; weil der Mensch zunächst gar nicht anders kann, als sich zu identifizieren mit dem, was er innerlich ist. Das muß beachtet werden für einen Geistesforscher. Er muß einen so starken Willen haben, daß er sich sagt: Das, was ich sehe, ist nur Spiegelbild meines eigenen Wesens.
[ 14 ] One must allow many such ideas to take effect. Then very specific experiences and events appear as images, as “imaginations”; they spring up before us, they stand right there in front of us. This already achieves something, but it is something that must be handled with caution. Anyone who takes an external, materialistic standpoint will rightly say: Now you have reached the same point as those who have hallucinations and visions and draw from their souls something that is worthless. – There is indeed a pitfall here. People who experience such visions will believe in them as something real, much more real than the things they see with their eyes. There are people who devise the most logical system to support their delusions in order to sustain themselves. There is a term that explains all of this, and it lies in the word “self-love.” Why does a person believe in these ideas? Out of self-love; because they themselves have brought them forth from within; because, at first, a person cannot help but identify with what they are inwardly. This must be taken into account by a researcher of the spirit. They must possess such a strong will that they tell themselves: What I see is merely a reflection of my own being.
[ 15 ] Der Geistesforscher muß so stark sein, daß er imstande ist, durch seinen Willen diese ganze Vorstellungswelt wieder wegzuschaffen, zu tilgen. Wenn man seine Seele entwickelt hat bis dahin, wo der Inhalt der Seele wie Objekte auftritt, dann muß er ins Nichts zurückgeworfen werden, und dann kann man sagen, man ist vorbereitet, zu geistigen Wahrnehmungen zu kommen. Es kommt nicht so sehr darauf an, daß man diese oder jene Schauung entwickelt, sondern daß man die sonst schlummernden Seelenkräfte entwickelt, daß man Kräfte, die sonst schwach sind, stärker macht. Namentlich gehört dazu ein starker innerer Wille. Der Mensch wird also zunächst bekannt mit der ganzen Kraft der Selbstliebe. Diese muß besiegt werden. Und hier handelt es sich um einen schweren Sieg. Ausgelöscht werden muß das, was man sich erobert hat.
[ 15 ] The spiritual researcher must be strong enough to be able, through his will, to dispel and erase this entire world of imagination. Once one has developed one’s soul to the point where its contents appear as objects, they must be cast back into nothingness; only then can one say that one is prepared to attain spiritual perceptions. What matters is not so much developing this or that vision, but rather developing the otherwise dormant powers of the soul—strengthening powers that are otherwise weak. In particular, this requires a strong inner will. Thus, one first becomes acquainted with the full power of self-love. This must be overcome. And this is a difficult victory. What one has conquered must be eradicated.
[ 16 ] Der Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen führt dahin, daß Kräfte, die man sonst nur als innerliche kennt, wirken mit der Kraft eines Naturereignisses. Die inneren Seelenkräfte wirken wie Naturelemente. Man steht sich selbst wie einer Art Natur gegenüber. Dann tritt ein bestimmtes Erlebnis auf, das man nennt die «Begegnung mit dem Hüter der Schwelle». Es kann hundertfältig auftreten. Nur eine Art soll hier angegeben werden: Man fühlt etwas Neues, wie wenn der Blitz durch einen hindurchfahren oder man leiblich aufgelöst würde und dennoch bliebe. Man fühlt sich ohnmächtig, des Leibes sich zu bedienen. Das ist ein sehr wichtiger Moment. Man hat das Gefühl, wie wenn einem die Hände angeschmiedet wären und das Gehirn etwas ist, über das man keine Gewalt hat, das seelisch wirkt wie ein Hindernis. Um diesen Moment zu ertragen, muß man sich vorbereiten. Diese Vorbereitung besteht darin, daß man seinen Mut stählt. Man muß diesen Moment erleben in Furchtlosigkeit.
[ 16 ] The path to self-knowledge for human beings leads to a point where forces—which are otherwise known only as inner forces—act with the power of a natural phenomenon. The inner forces of the soul act like the elements of nature. One faces oneself as if facing a kind of nature. Then a certain experience occurs, which is called the “encounter with the Guardian of the Threshold.” It can take a hundred different forms. Only one type will be described here: One feels something new, as if a bolt of lightning were passing through one’s body or as if one were physically dissolved and yet still remained. One feels powerless to control one’s body. This is a very important moment. One has the feeling as if one’s hands were chained and the brain were something over which one has no control, something that acts as a psychological obstacle. To endure this moment, one must prepare oneself. This preparation consists of steel one’s courage. One must experience this moment without fear.
[ 17 ] Daran schließen sich mancherlei andere Erlebnisse an, die alle dahin führen zu wissen, was es heißt, dem, was man immer sein eigen genannt hat, seinem Leibe, seinen gewöhnlichen Seelenkräften, gegenüberzustehen wie einer Sache. Selbstliebe erkennt man erst jetzt in ihrer Bedeutung und Besiegbarkeit, und weil für das gewöhnliche Erleben dieser Moment ohne die entsprechende Vorbereitung nicht ertragen werden kann, so nennt man dieses Erlebnis die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle, weil gute Geister gleichsam davorstehen und uns schützen gegenüber diesem Erlebnis.
[ 17 ] This is followed by various other experiences, all of which lead to an understanding of what it means to face what one has always called one’s own—one’s body, one’s ordinary mental faculties—as if it were a thing. Only now does one recognize the significance of self-love and the fact that it can be overcome; and because, for ordinary experience, this moment cannot be endured without the appropriate preparation, this experience is called the encounter with the Guardian of the Threshold, for good spirits stand before us, as it were, and protect us from this experience.
[ 18 ] Daß man solche Erlebnisse durchmacht, davon hängt ab die Heranerziehung gewisser streng moralischer Impulse. Dadurch wird man reif, geisteswissenschaftliche Erkenntnisse nur auf Gesundheit der Seele zu bauen. Gegenüber dem, was der Geistesforscher durchmachen muß, bevor er an die geistige Welt herantritt, ist der Einwand kindisch, daß der Geistesforscher sich einem Wahn hingeben würde. Er kennt die Wahnerlebnisse, die Visionen durch und durch. Er weiß, wie er diese herausgeschafft hat aus der Seele. Wenn er die Resultate der Selbstliebe tilgen kann, wenn er alles hingegeben hat dem ganzen Weltenweben, dann tritt eine neue Welt vor ihm auf, vollständig objektiv; und sie ist in sich so erfüllt vom Einzeldasein, wie auch die äußere physische Welt von Einzeldasein erfüllt ist.
[ 18 ] The fact that one goes through such experiences is what fosters certain strict moral impulses. This leads one to the maturity to base spiritual scientific insights solely on the health of the soul. In light of what the spiritual researcher must go through before approaching the spiritual world, the objection that the spiritual researcher is succumbing to delusion is childish. He knows delusional experiences and visions through and through. He knows how he has banished them from his soul. When he can eradicate the results of self-love, when he has surrendered everything to the entire fabric of the universe, then a new world appears before him, completely objective; and it is, in itself, as filled with individual existence as the outer physical world is filled with individual existence.
[ 19 ] Heute hat unsere Zeit schon einen starken Zug nach der Annahme des Übersinnlichen, und man kann bemerken, wie dieser Zug hervortritt. Ich will nur auf eine hervorragende Tatsache hinweisen. Charles Eliot, Vorstand der Harvard-University in Amerika, hat 1909 einen Vortrag gehalten, wo er sprach über eine Art Zukunftsreligion in Anerkennung des Übersinnlichen auf naturwissenschaftlicher Grundlage und sagte: Immer haben die Menschen ein absolutes Seelenwesen anerkannt, das nicht den äußeren physischen Gesetzen unterliegt. – Immer wieder finden wir bei zahllosen Gelehrten einen solchen Hinweis. Aber gerne möchten solche Menschen stehenbleiben beim bloßen Hinweisen darauf. Sie sagen: Es gibt Seele, Seele, Seele! Ja, das ist geradeso, wie wenn man bei den verschiedensten Pflanzen und Tieren sagt: Das ist Natur, Natur, Natur! Wenn aber der Geistesforscher auftritt und Einzelheiten der geistigen Welt erzählt, dann werden die Menschen ungemütlich. Es genügt nicht, darauf hinzuweisen, daß es Geist, daß es Seele gibt. Aber wenn man von den geistigen Welten spricht, daß es darin Wesenheiten und Geschehnisse gibt, dann werden die Menschen ungemütlich und sagen, das müßten Phantastereien sein. Daß das alles auftaucht vor dem Geistesforscher, davon kann nicht gesagt werden, es sei Täuschung. Denn der Geistesforscher hat die Erlebnisse mitgemacht, die ihm gestatten, zu unterscheiden.
[ 19 ] Today, our era already exhibits a strong tendency toward the acceptance of the supernatural, and one can observe how this tendency is coming to the fore. I would like to point out just one notable fact. Charles Eliot, president of Harvard University in the United States, gave a lecture in 1909 in which he spoke of a kind of future religion that acknowledges the supernatural on a scientific basis, and said: “People have always recognized an absolute spiritual being that is not subject to external physical laws.”—Time and again we find such references among countless scholars. But such people are content to stop at merely pointing this out. They say: “There is a soul, a soul, a soul!” Yes, that is just like saying, when referring to the most diverse plants and animals: “That is nature, nature, nature!” But when the spiritual researcher steps forward and recounts details of the spiritual world, then people become uncomfortable. It is not enough to point out that there is spirit, that there is a soul. But when one speaks of the spiritual worlds—that there are beings and events within them—people become uncomfortable and say that these must be figments of the imagination. The fact that all of this appears to the spiritual researcher cannot be dismissed as an illusion. For the spiritual researcher has undergone the experiences that enable him to distinguish between them.
[ 20 ] In der Naturwissenschaft ist es doch geradeso; man muß diese Dinge erleben. Wenn noch nie ein Mensch einen Walfisch gesehen hat, so kann man aus der Zoologie nicht beweisen, daß es einen Walfisch gibt. Damit widerlegen sich manche Einwände. Schopenhauer hat einen Teil seines Systems damit charakterisiert, daß er sagte: Die Welt ist meine Vorstellung. – Damit wird behauptet, daß Wahrnehmungen von Vorstellungen nicht zu trennen seien. Es gibt aber einen einfachen, wenn auch trivialen Gegenbeweis. Wenn wir uns vorstellen, wir bringen ein Eisenstück von 900 Grad Celsius an das Gesicht, so können wir uns den verursachten Schmerz wohl in Gedanken vorstellen, aber brennen tut ein nur vorgestelltes heißes Eisen nicht, wohl aber ein wirkliches. Es gibt also einen Beweis, der durch das Leben erbracht wird. Und so ist es mit dem geistigen Leben; es muß nur bis zu Ende erlebt werden.
[ 20 ] It is exactly the same in the natural sciences; one must experience these things for oneself. If no human being has ever seen a whale, then zoology cannot prove that whales exist. This refutes many objections. Schopenhauer characterized part of his system by saying: “The world is my idea.” —This asserts that perceptions cannot be separated from representations. But there is a simple, if trivial, counterexample. If we imagine holding a piece of iron at 900 degrees Celsius up to our face, we can certainly imagine the resulting pain in our minds, but an imagined hot iron does not burn; a real one, however, does. There is, therefore, a proof provided by life itself. And so it is with spiritual life; it need only be lived to the full.
[ 21 ] Jemand hat eingewendet, bei großem Durst könne man sich recht wohl den Geschmack und die erfrischende Wirkung einer Limonade vorstellen. Ja – aber den Durst kann man mit dieser Vorstellung nicht löschen. Man darf nicht bloß mit logischen Spielereien kommen. Der Geistesforscher muß so weit gekommen sein, daß er unterscheiden kann zwischen Wirklichkeit und Phantastik, geradeso wie man in der physischen Welt unterscheiden muß zwischen Wirklichkeit und Vorstellung.
[ 21 ] Someone has objected that when one is very thirsty, it is quite possible to imagine the taste and refreshing effect of a lemonade. Yes—but one cannot quench one’s thirst with this imagination alone. One must not merely resort to logical games. The researcher of the spirit must have reached the point where he can distinguish between reality and fantasy, just as one must distinguish between reality and imagination in the physical world.
[ 22 ] So tritt der Mensch in diejenige Welt ein, in der er jede Nacht ist, wenn er herausgetreten ist aus dem physischen Leibe, wo er auch im Geistig-Seelischen ist, nur daß er dann keine innere Regsamkeit besitzt. Durch das, was angeführt worden ist [an Übungen], macht sich das Geistig-Seelische so stark, daß es sich selbst und damit seine Umwelt erlebt.
[ 22 ] Thus, the human being enters the world in which he finds himself every night when he has stepped out of his physical body—a world in which he is also in the spiritual-soul realm, except that he then possesses no inner activity. Through the exercises described above, the spiritual-soul aspect becomes so strong that it experiences itself and, with it, its surroundings.
[ 23 ] Nun beginnt man zu begreifen, daß es ein ganz Reales ist, was dem menschlichen Wesen als Geistiges zugrundeliegt. Wenn man es einmal gesehen hat, wie man abgesondert sein kann vom Leibe, wie man nicht Macht hat über diesen Leib und doch ein Bewußtsein behält, so kommt man zum Begreifen von etwas anderem. Man begreift, daß dieses keimhaft doch etwas ist, das mitwirkt beim Aufbau des Leibes. Man betrachtet dann ganz richtig naturwissenschaftlich das Menschenleben so, wie man eine Pflanze wachsen sieht. Wenn ein [Lebewesen] mit den Wurzeln einer Pflanze geboren und mit ihrem Blühen sterben würde, hätte es keine Ahnung davon, daß der Keim, der sich in der Blüte ausbildet, wiederum einen Prozeß anfängt und daß man im Keime die ganze Pflanze zusammengezogen sich denken muß. Hat man einmal das menschliche Innere erkannt, dann versteht man den Ausspruch Goethes: Im Alter wird man Mystiker. – Das innere, reiche Seelenleben ist wie der Keim der Pflanze.
[ 23 ] Now one begins to understand that what underlies the human being as a spiritual entity is something quite real. Once one has seen how one can be separated from the body, how one has no power over this body and yet retains consciousness, one comes to understand something else. One realizes that this embryonic entity is, after all, something that plays a part in the development of the body. One then views human life, quite correctly from a scientific perspective, in the same way one observes a plant growing. If a [living being] were born with the roots of a plant and were to die with its flowering, it would have no idea that the seed forming within the flower begins a new process, and that one must conceive of the entire plant condensed within the seed. Once one has recognized the inner nature of the human being, one understands Goethe’s saying: “In old age, one becomes a mystic.” – The rich inner life of the soul is like the seed of a plant.
[ 24 ] Jetzt sehen wir einen Menschen an, der durch die Geburt ins Dasein tritt, wie seine Fähigkeiten sich entwickeln, und wir sehen, wenn wir einen Menschen gegen den Tod hin betrachten, wie er innere Kräfte aufgespeichert hat, die er nicht [mehr] durch den Leib ausdrücken kann. So tritt durch die Pforte des Todes das Innere in die geistige Welt ein; und wenn wir einen Menschen geboren werden sehen, so sehen wir ihn wieder herauskommen aus der geistigen Welt und hereinziehen in das Ererbte von Vater und Mutter. Wenn wir sagen, alle Eigenschaften seien von Vater und Mutter ererbt, so ist das wie die alte Naturforschung, die glaubte, daß aus Schlamm sich sogar Fische bilden könnten. Erst Francesco Redi sagte, daß Lebendiges nur aus Lebendigem stammen kann. Der Geistesforscher kennt den menschlichen Geisteskern. Wenn man sagen wollte, alles stamme von Vater und Mutter, so muß erwidert werden: Das ist eine ungenaue Beobachtung. Man muß sagen: Was aus früheren Verkörperungen kommt, tritt herein und zieht das an sich, was von Vater und Mutter stammt. Alles Geistig-Seelische führt auf ein früheres Geistig-Seelisches zurück. Das heißt, wir kommen zu den wiederholten Erdenleben. Wir haben schon viele Leben durchgemacht. Das alles hat einen Anfang und ein Ende. Wir bringen mit uns, was wir erworben haben an inneren Kräften in diesem Leben, so daß wir auch am Aufbau unseres Leibes arbeiten. Das kann man schon äußerlich sehen. Man betrachtet das Gehirn bei der Geburt und wie es dann plastisch ausgebildet wird. Da arbeitet sich die Individualität heraus. Das, in dem wir uns selbst finden, wenn wir Geistesforscher werden, das ist es, was wir in diesem Leben erworben haben. Daher der erschütternde Eindruck für einen Geistesforscher, weil er nichts an dem ändern kann, was von früheren Leben stammt. Da tritt uns das Todes- und Schicksalsrätsel in besonderer Weise entgegen. Wenn wir leiden in einem gegenwärtigen Leben, so haben wir es uns selbst zubereitet in einem früheren Leben. Das könnte grausam erscheinen. Aber nehmen wir einmal an, daß jemand im achtzehnten Jahre seines Lebens erleben müßte, daß sein Vater das ganze Vermögen verliert; jetzt muß er etwas lernen, das ist sehr unangenehm, und er kann es höchst übel empfinden. Aber mit fünfzig Jahren wird er es ganz anders beurteilen. So ist der Mensch nicht immer geeignet, ein Unglück zu beurteilen, solange er darinnen steht. Wir müssen uns sagen, wenn wir uns selbst hereinstellen in Not und Elend: Es ist zugleich Entwicklungsbedingung. Es ist nur scheinbar, wenn man glaubt, daß diese Erkenntnis grausam ist.
[ 24 ] Now we observe a person entering into existence through birth, seeing how their abilities develop; and when we look at a person as they approach death, we see how they have stored up inner forces that they can no longer express through the physical body. Thus, through the gateway of death, the inner being enters the spiritual world; and when we see a human being being born, we see them emerging once more from the spiritual world and drawing into the inheritance from father and mother. When we say that all characteristics are inherited from father and mother, this is like the old natural science that believed that even fish could form from mud. It was Francesco Redi who first stated that life can only arise from life. The spiritual researcher knows the human spiritual core. If one were to claim that everything originates from the father and mother, one must reply: That is an inaccurate observation. One must say: What comes from earlier incarnations enters and draws to itself that which originates from the father and mother. Everything spiritual and soul-related traces back to a previous spiritual and soul-related existence. This means we come to the repeated earthly lives. We have already lived through many lives. All of this has a beginning and an end. We bring with us the inner powers we have acquired in this life, so that we also work on the development of our physical body. This can already be seen externally. Consider the brain at birth and how it then develops plastically. This is where the individuality emerges. What we find within ourselves when we become spiritual researchers is precisely what we have acquired in this life. Hence the profound shock for a spiritual researcher, because he cannot change anything that stems from past lives. Here the mystery of death and destiny confronts us in a special way. If we suffer in a present life, we have brought it upon ourselves in a past life. That might seem cruel. But let us suppose that someone, at the age of eighteen, has to experience his father losing his entire fortune; now he must learn a lesson, which is very unpleasant, and he may find it extremely distressing. But at the age of fifty, he will view it quite differently. Thus, a person is not always in a position to judge a misfortune while he is still in the midst of it. When we find ourselves in distress and misery, we must tell ourselves: It is at the same time a condition for our development. It is only an illusion to believe that this insight is cruel.
[ 25 ] Dasjenige, was man Unsterblichkeit nennt, wie tritt es uns jetzt entgegen? Nicht wie in vielen Philosophien, daß man eine unendliche Zeitlinie ins Auge faßt und darüber spekuliert, wie das Menschliche dauern kann. Nein, wir erwerben etwas, was sich im menschlichen Leben innerlich konzentriert; das Seelenleben zieht sich zusammen, wir tragen unseren Geisteskern durch das Tor des Todes hinein in die geistige Welt, mit dem Leib verbunden führt ihn unser Schicksal in ein nächstes Leben, und wir benutzen das nächste Leben wieder, um das Innere zu bereichern. Im ganzen ist das Leben des Menschen doch ein aufsteigendes. Es setzt sich das ganze Menschenleben zusammen aus dem Leben zwischen Geburt und Tod und dem, was verbleibt zwischen Tod und neuer Geburt. Die ganze Unsterblichkeit setzt sich zusammen aus dem, was das Leben selbst ergibt. Wir lernen das Leben kennen als den Aufbauer eines neuen Lebens, wie bei der Pflanze, die im Keim die Garantie enthält, daß eine neue Pflanze entstehen wird. Das ist eine durchaus naturwissenschaftliche Betrachtung.
[ 25 ] What is called immortality—how does it present itself to us now? Not as in many philosophies, where one envisions an infinite timeline and speculates on how human existence might endure. No, we acquire something that is concentrated within human life itself; the life of the soul contracts, we carry the core of our spirit through the gate of death into the spiritual world, and—connected to the body—our destiny leads it into a next life, which we then use once again to enrich our inner being. On the whole, human life is, after all, an ascending process. The entire human life is composed of the life between birth and death and what remains between death and a new birth. Immortality as a whole is composed of what life itself produces. We come to know life as the builder of a new life, just as a plant contains within its seed the guarantee that a new plant will arise. This is an entirely scientific perspective.
[ 26 ] Freilich ist es begreiflich, daß viele Vorurteile dagegen bestehen, aber das ging auch Francesco Redi so. Man hat ihn verbrennen wollen. Das ist das Schicksal der Wahrheit. Heute verbrennt man die Menschen nicht mehr, sondern man erklärt sie für Narren. Die Mode ändert sich, das Wesen ist geblieben. Später werden diese «Phantastereien» selbstverständlich. So wird es gehen mit der Wahrheit: Geistig-Seelisches kann nur von Geistig-Seelischem kommen. Wer weiß, wie es um die Erforschung der geistigen Welt steht, wird begreifen, daß sich diese Vorurteile ergeben müssen. Zunächst glauben die Menschen, daß die Naturwissenschaft in Gefahr sei. Zur Erläuterung diene folgendes Beispiel. Wir sehen einen Menschen, zwei andere stehen vor ihm und fragen: Warum lebt dieser Mensch? – Der eine sagt: Innen hat er eine Lunge, außen Luft, deshalb lebt er; das ist eine naturwissenschaftliche Tatsache. – Dagegen läßt sich nichts einwenden. Der andere sagt: Das ist nicht der einzige Grund. Er war vor vierzehn Tagen ins Wasser gefallen, und ich habe ihn herausgezogen – das ist der Grund, warum er lebt.
[ 26 ] Of course, it is understandable that there are many prejudices against this, but Francesco Redi experienced the same thing. People wanted to burn him at the stake. That is the fate of the truth. Today, people are no longer burned at the stake; instead, they are declared fools. Fashions change, but the essence remains the same. Later, these “fantasy theories” will become self-evident. This is how it will be with the truth: the spiritual-psychic can only come from the spiritual-psychic. Anyone familiar with the state of research into the spiritual world will understand that these prejudices are inevitable. At first, people believe that the natural sciences are in danger. The following example serves to illustrate this. We see a person; two others stand before him and ask: Why is this person alive?—One says: Inside he has a lung, outside there is air; that is why he is alive; this is a scientific fact.—There is no objection to that. The other says: That is not the only reason. He had fallen into the water fourteen days ago, and I pulled him out—that is the reason why he is alive.
[ 27 ] So leugnet Geisteswissenschaft keine beobachteten naturwissenschaftlichen Tatsachen, sie sagt nichts gegen die Vererbungstheorien, soweit sie sich nicht selbst widerlegen. Aber neben der Vererbung besteht das Schicksalsgesetz.
[ 27 ] Thus, spiritual science does not deny any observed scientific facts; it does not argue against theories of heredity, so long as they do not contradict themselves. But alongside heredity, there is the law of destiny.
[ 28 ] Naturwissenschaft wird von der Geisteswissenschaft vollständig anerkannt. Das Mißverständnis besteht nur dadurch, daß die Naturwissenschaft häufig über ihre Grenzen geht und selbst eine Art von Geisteswissenschaft errichten will. Viele sagen, man muß sich an das halten, was die Augen wahrnehmen, nur darauf könne sich die Naturwissenschaft verlassen. Darauf kann man fragen, ob Kopernikus neue astronomische Wahrnehmungen gemacht hat.
[ 28 ] The natural sciences are fully recognized by the humanities. The misunderstanding arises solely because the natural sciences often overstep their boundaries and seek to establish a kind of humanities of their own. Many say that one must stick to what the eyes perceive; only that, they argue, can natural science rely on. In response, one might ask whether Copernicus made new astronomical observations.
[ 29 ] Nein, er hat das umgedacht, was man früher aufgrund der Sinneswahrnehmungen gedacht hatte. Kopernikus hatte den Mut und die seelische Kraft, das sinnlich Wahrnehmbare neu zu deuten. Daraus entstand die neue Astronomie, die nicht durch Sinneswahrnehmungen zustandegekommen ist. Auch Giordano Bruno hat die Sinneswahrnehmung durchbrochen, indem er den Himmel nicht als Grenze ansah. So wie das blaue Himmelsgewölbe durch die Begrenztheit des menschlichen Anschauungsvermögens entsteht, so entsteht das Firmament des Seelenlebens zwischen Geburt und Tod. Wir stehen geisteswissenschaftlich auf der Stelle Giordano Brunos. Geburt und Tod, diese Grenzen durchbricht die Geisteswissenschaft. Wie Giordano Bruno Räume durchbrochen hat, so durchbricht die Geistes-Wissenschaft die Zeiten. Galilei führte einen Freund, der ein Anhänger des Aristoteles war und irrtümlich aus Aristoteles herausgelesen hatte, die Nerven gingen vom Herzen aus, vor eine Leiche, um ihm zu zeigen, daß die Nerven vom Gehirn ausgehen. Da sagte der Freund: Ja, es sieht so aus, aber bei Aristoteles steht es anders, und dem glaube ich mehr. – Heute kommen die Leute und sagen: Es mag leidlich klingen, aber bei Haeckel steht es anderes. – Hier nun gilt der Schopenhauersche Satz: Die Wahrheit mußte immer darunter leiden, daß sie, wenn sie ins Dasein tritt, paradox erscheint, denn sie kann sich doch nicht auf den Thron des allgemein verbreiteten Irrtums setzen. So blickt sie zu ihrem Schutzengel auf, der Zeit, dessen Flügelschläge aber so langsam gehen, daß, wer die Wahrheit erkannt hat, oft darüber stirbt. Wir müssen uns klarwerden, daß der Einwand unberechtigt ist, daß nur der Geistesforscher etwas wissen könne über die geistige Welt. Um die Wahrheiten zu finden, hat man alles das durchzumachen, aber die Geistesforschung verhält sich zur Geisteswissenschaft wie das, was der Maler zu lernen hat, zu seinem Bilde. Aus dem Bilde können wir etwas erkennen. Was der Geistesforscher erforscht hat, kann man begreifen, wenn man nur mit gesundem Menschenverstand herantritt an das, was er zu sagen hat. Dann sind es ja Wahrheiten, die uns Lebensfreude geben, die uns hinwegheben über Hilflosigkeit und uns Sicherheit verleihen.
[ 29 ] No, he rethought what people had previously believed based on sensory perception. Copernicus had the courage and the inner strength to reinterpret what was perceptible to the senses. This gave rise to a new astronomy that did not arise from sensory perception. Giordano Bruno, too, broke through sensory perception by not viewing the sky as a boundary. Just as the blue vault of the sky arises from the limitations of human perception, so too does the firmament of the soul’s life arise between birth and death. From the perspective of spiritual science, we stand in the footsteps of Giordano Bruno. Birth and death—spiritual science breaks through these boundaries. Just as Giordano Bruno transcended spatial boundaries, so spiritual science transcends temporal boundaries. Galileo took a friend—who was a follower of Aristotle and had mistakenly inferred from Aristotle’s writings that the nerves originated in the heart—to a cadaver to show him that the nerves originate in the brain. Then the friend said: “Yes, it looks that way, but Aristotle says otherwise, and I believe him more.”—Today people come and say: “It may sound plausible, but Haeckel says otherwise.” – Here, then, Schopenhauer’s maxim applies: “Truth has always had to suffer from the fact that, when it enters into existence, it appears paradoxical, for it cannot, after all, take its seat on the throne of widespread error.” Thus it looks up to its guardian angel, Time, whose wingbeats, however, are so slow that whoever has recognized the truth often dies before it is realized. We must realize that the objection—that only the spiritual researcher can know anything about the spiritual world—is unfounded. To discover the truths, one must go through all of this, but spiritual research relates to spiritual science in the same way that what a painter must learn relates to his painting. From the painting, we can discern something. What the spiritual researcher has discovered can be understood if one approaches what he has to say with common sense. Then these are indeed truths that give us joy in life, lift us above helplessness, and give us a sense of security.
[ 30 ] Nicht dadurch, daß man hineinsieht in die geistigen Welten, hat man etwas davon, sondern dadurch, daß man [das Geschaute] in Ideen [und Begriffe] gebracht hat, die jeder andere auch erfassen kann. Die Resultate hat der Geistesforscher nicht anders als der Leser oder Hörer. Wir haben so Antwort nicht nur auf wissenschaftliche Fragen, sondern auf Lebensrätsel.
[ 30 ] It is not by looking into the spiritual worlds that one benefits, but by translating [what one has seen] into ideas [and concepts] that anyone else can also grasp. The results obtained by the spiritual researcher are no different from those of the reader or listener. In this way, we find answers not only to scientific questions but also to life’s mysteries.
[ 31 ] Wenn wir die menschliche Erziehung so einrichten könnten, daß von Jugend auf die Menschen mit diesen Fragen aufwachsen würden, dann bildete sich in unserer Seele etwas heraus wie eine Anlage, wie ein Keim oder Kern, der die Garantie bietet für ein künftiges Leben. Die Spannkräfte des Lebens werden immer stärker, und wenn die äußeren Kräfte verfallen, fühlen wir die inneren sich konzentrieren. Der Keim der Pflanze könnte sich nicht anders fühlen gegenüber den welken Blättern als das Geistige, das mit seiner Kraft durch die Pforte des Todes tritt. Das gibt dem Leben Antworten, nicht nur der Wissenschaft. Sie führen uns zu Trost in den schwersten Lebenslagen. Dazu braucht man nicht ein Geistesforscher zu sein. Wie man Nahrungsmittel schmecken kann, auch ohne Chemiker zu sein, so braucht auch nicht jeder Geistesforscher zu sein. Es muß nur einige geben. Das wird so feste Überzeugung in der Seele, daß man lernt, die Feindschaft dagegen zu behandeln, wie Goethe es gegenüber einer philosophischen Betrachtung, gegenüber den Leugnern der Bewegung, gesagt hat. Goethe hat geantwortet aus dem gesunden Menschenverstand heraus. Philosophisch ist diese Ansicht gar nicht leicht zu widerlegen.
[ 31 ] If we could structure human education in such a way that people would grow up with these questions from a young age, then something like a predisposition, a seed, or a core would develop within our souls—one that would guarantee a future life. The forces of life grow ever stronger, and when external forces decline, we feel the inner ones intensify. The seed of a plant could not feel any differently toward withered leaves than the spiritual being who, with its power, passes through the gate of death. This provides answers to life, not just to science. These answers lead us to comfort in the most difficult situations of life. One need not be a spiritual researcher for this. Just as one can taste food without being a chemist, so too does not everyone need to be a spiritual researcher. There need only be a few. This becomes such a firm conviction in the soul that one learns to deal with hostility toward it, just as Goethe said regarding a philosophical consideration, regarding those who deny the movement. Goethe responded out of common sense. Philosophically speaking, this view is not at all easy to refute.
Es mag sich Feindliches eräugnen
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie dir die Bewegung leugnen,
Geh ihnen vor der Nas herum.
You may spot something hostile
Stay calm, remain silent;
And if they deny you the freedom to move,
Go right under their noses.
[ 32 ] Man darf schon Humor anwenden gegenüber Feindschaft und Gegnerschaft; man muß aber nicht nur glauben, sondern wissen, wie es steht um die Wahrheit. So wird Geisteswissenschaft sich hineinfinden ins Leben, so werden diejenigen, die die innere Durchkraftung der Seele fühlen, wie sie ins Leben sich einfügt, etwas ähnliches empfinden wie Goethe gegenüber den Leugnern der Bewegung. So können wir alles das, was sich aus unserer heutigen Betrachtung ergeben hat, in eine Empfindung zusammenfassen gegenüber denen, die noch als Gegner der Geisteswissenschaft auftreten:
[ 32 ] One may certainly use humor in the face of hostility and opposition; but one must not merely believe, but know, what the truth is. In this way, spiritual science will find its place in life, and those who feel the inner strength of the soul as it integrates into life will experience something similar to what Goethe felt toward the deniers of the movement. Thus, we can summarize everything that has emerged from our present-day reflection into a single sentiment toward those who still present themselves as opponents of spiritual science:
Es mag sich Feindliches ereignen,
Du bleibe ruhig, bleibe heiter;
Und wenn sie dir den Geist verleugnen,
So grüble du nicht weiter.
Ja, gib ihnen am Ende noch recht;
Es steht mit ihrem Geiste schlecht!
Hostile things may happen,
Stay calm, stay cheerful;
And if they deny your spirit,
Don't dwell on it.
Yes, in the end, even agree with them;
Their spirit is in a bad way!
