Truths and Errors in Spiritual Research
GA 69a
17 May 1913, Stuttgart
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Truths and Errors in Spiritual Research, tr. SOL
8. Ergebnisse der Geistesforschung für Lebensfragen und das Todesrätsel
8. Findings from Spiritual Research on Questions of Life and the Mystery of Death
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Seit einer Reihe von Jahren durfte ich hier über Gegenstände der Geisteswissenschaft vor diesem Zuhörerkreis sprechen, und eine Reihe der verehrten Zuhörer, welche schon des öfteren an diesen Betrachtungen teilgenommen haben, werden gerade in der heutigen zusammenfassenden Betrachtung mancherlei Erkenntnisse finden, die ihnen nicht neu sind. Allein das, was ich in diesem Jahre über Geisteswissenschaft sagen durfte, gibt ja genügend Veranlassung dazu, die hier betrachteten Gegenstände von den verschiedensten Gesichtspunkten aus ins Auge zu fassen. Denn man darf ja sagen: Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, die – mit einem gewissen Recht – in weiteren Kreisen ja zusammengeworfen wird mit allem, was man mehr oder weniger genau «Theosophie» nennt – Geisteswissenschaft oder Theosophie ist heute keineswegs so allgemein bekannt und namentlich keineswegs allgemein anerkannt.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! For a number of years now, I have had the privilege of speaking here to this audience on topics in spiritual science, and many of you who have frequently participated in these reflections will find in today’s concluding remarks various insights that are not new to you. Yet what I have been able to say this year about spiritual science provides ample reason to examine the topics discussed here from a wide variety of perspectives. For it is fair to say: Spiritual Science, as it is understood here—which, with some justification, is often lumped together in wider circles with everything that is more or less precisely called “Theosophy”—is by no means as widely known today, and certainly not universally recognized.
[ 2 ] Der sogenannte Zufall spielt einem in dieser Beziehung ja gar manches in die Hand. Als ich auf einer meiner Vortragsreisen vor ganz kurzer Zeit durch eine gewisse Stadt kam, fand ich in einer Buchhandlung, in der ich allerdings nach etwas ganz anderem suchte, auf dem Tisch auch zwei Schriftchen. Die eine enthielt eine populäre Darstellung der philosophischen Welt- und Lebensanschauungen des 19. Jahrhunderts. Wenn man diese Schrift sich genauer ansieht, so bekommt man den Eindruck, daß diese Schrift mit einem gewissen Ernst gearbeitet ist; die einzelnen Kapitel entsprechen einer nicht ungründlichen Kenntnis desjenigen, was da besprochen wird – mit der einzigen Ausnahme, das ist die Theosophie, oder wie sie im engeren Sinne hier gemeint ist, die Geisteswissenschaft.
[ 2 ] So-called chance does, after all, play a role in this regard in more ways than one. When I passed through a certain city quite recently on one of my lecture tours, I found two small booklets on a table in a bookstore—where I was actually looking for something entirely different. One of them contained a popular exposition of the philosophical worldviews and outlooks on life of the 19th century. If one takes a closer look at this work, one gets the impression that it was written with a certain seriousness; the individual chapters reflect a well-founded knowledge of the subjects discussed—with the sole exception of theosophy, or, as it is meant here in the narrower sense, spiritual science.
[ 3 ] Ich darf versuchen, diese Geisteswissenschaft zusammenzubringen mit dem, was da gerade in diesem Kapitel gesagt wird, und da muß man sagen: Ebenso gut, ja bis zu einem gewissen Grade gewissenhaft wie die anderen Kapitel sind, ebenso grotesk oberflächlich ist das Kapitel über die Geisteswissenschaft. Es obliegt mir hier nicht, auf dieses Kapitel näher einzugehen, ich möchte nur darauf aufmerksam machen, daß neben mancherlei Unzutreffendem auch das vorkommt, daß Geisteswissenschaft sich verführen lasse zu den wüstesten Phantasiebildern über diese oder jene Weltentatsachen. – Nun dachte ich, es könnte da vielleicht auf meine «Geheimwissenschaft» angespielt werden, und es könnte jemand – was ja heutzutage begreiflich wäre ohne Kenntnisnahme der Sache dasjenige, was da gut belegt ist, verneinen. Aber ich las sogleich weiter, und da kam ich auf den Satz, daß in den Kreisen der Bekenner dieser Geistesforschung überall Prophezeiungen über kriegerische und Erdbeben-Katastrophen eine große Rolle spielten. – Nun, nachdem Sie das gehört haben, möchte ich Sie bitten, darüber nachzudenken, ob solche Prophezeiungen in dem, was von mir gesagt worden ist, eine große Rolle spielen oder gespielt haben.
[ 3 ] I will attempt to reconcile this “science of the spirit” with what is said in this particular chapter, and it must be said: Just as the other chapters are well-written—indeed, to a certain degree, meticulous—the chapter on the “science of the spirit” is equally grotesquely superficial. It is not my place here to go into this chapter in greater detail; I would merely like to point out that, in addition to various inaccuracies, there are instances where spiritual science allows itself to be led astray into the wildest flights of fancy regarding this or that fact of the world. – Now I thought that this might perhaps be an allusion to my *Secret Science*, and that someone—which would be understandable these days without any knowledge of the matter—might deny what is well documented there. But I immediately read on, and there I came across the statement that, among those who profess this spiritual research, prophecies about wars and earthquake disasters play a major role everywhere. – Well, now that you’ve heard this, I’d like to ask you to consider whether such prophecies play or have played a major role in what I have said.
[ 4 ] Man könnte denken, solche Schriften würden nicht viel gelesen. Aber ich griff daneben ein Schriftchen, das den Titel trägt: «Sieben Sekten des Verderbens. Eine Warnung für evangelische Christen». Ich werde es Ihnen nicht vorlesen. Wenn man sich dieses Schriftchen seiner Überschrift nach ansieht, so findet man als die sieben Sekten des Verderbens aufgezählt:
[ 4 ] One might think that such writings aren’t read very much. But I happened to pick up a little booklet titled: “Seven Sects of Ruin. A Warning for Evangelical Christians.” I will not read it to you. If one looks at this little booklet based on its title, one finds the following listed as the seven sects of perdition:
[ 5 ] Erstens: Adventisten oder Sabbatisten – darüber vier Seiten. Zweitens: die Tagesanbruchleute – auch vier Seiten. Drittens: Die Neuapostolischen – drei Seiten. Viertens: Die Mormonen – wieder vier Seiten. Fünftens: Die Scientisten – drei Seiten. Sechstens: Die Spiritisten – nun, da wußte der Schreiber schon etwas weniger, etwas über zwei Seiten. Siebentens: Theosophie – darüber weiß er nur eine halbe Seite. Aber auch diese will ich Ihnen nicht ganz vorlesen, sondern nur die Hälfte davon. «Insbesondere lehrt sie [die Theosophie] anstelle der Erlösung durch Christus die Selbsterlösung, ist also dem Heidentum gleichzurechnen», und es wird auf die Kirchengeschichte hingewiesen. Interessant ist es auch vielleicht, daß dieses kleine Schriftchen, das in Elberfeld erschienen ist in der Buchhandlung der Evangelischen Gemeinschaft, die Anmerkung enthält, daß das Büchlein zu allen Preisen und in allen Größen zu haben ist, auch in einzelnen Blättern. Man kann sich also für soundso viel Pfennige ein Urteil bilden über das, wovon heute die Rede sein soll, und man kann sich dann, um es immer vor Augen zu haben, das betreffende Blatt an die Wand anschlagen.
[ 5 ] First: Adventists or Sabbatarians—four pages on that. Second: the Daybreak people—also four pages. Third: the New Apostolic Church—three pages. Fourth: the Mormons—again, four pages. Fifth: the Scientologists—three pages. Sixth: the Spiritualists—well, the author knew a little less about them, a little over two pages. Seventh: Theosophy—he knows only half a page about it. But I won’t read all of that to you either, just half of it. “In particular, it [Theosophy] teaches self-redemption instead of redemption through Christ, and is therefore to be regarded as equivalent to paganism,” and reference is made to church history. It may also be interesting to note that this little booklet, published in Elberfeld by the Evangelical Community’s bookstore, includes the remark that it is available at all prices and in all sizes, including as individual sheets. So for a few pfennigs, one can form an opinion about the topic under discussion today, and then, to keep it always in view, pin the relevant page to the wall.
[ 6 ] Dadurch wird erklärlich, woher die Urteile stammen, die einem von manchen Seiten entgegentreten, wenn diese unsere Sache in Grund und Boden verdammt werden soll. Charakteristisch ist auch, daß der Verfasser dieser Schrift über die «siebente Sekte» nur eine halbe Seite zu sagen hat. Nun, aus diesem äußeren Beispiel geht hervor, sehr verehrte Anwesende, wie es in der Tat in unserer Zeit Vorurteil über Vorurteil gibt gegen das, was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist, und wie wenig Wille vorhanden ist, wirklich auf den Grundnerv dieser Geisteswissenschaft einzugehen. Denn man sollte doch glauben, daß derjenige, der ein Urteil fällen will über eine Sache, diese erst wirklich kennen müsse. Gegenüber der Geisteswissenschaft ist das in weitesten Kreisen offenbar nicht der Fall. Von denjenigen Menschen, die nichts von ihr wissen wollen, braucht nicht verlangt zu werden, daß sie sich damit befassen, wohl aber von denen, die ein öffentliches Urteil fällen. Es würde für manche Menschen der Gegenwart, die sich berufen fühlen, über Geisteswissenschaft ein Urteil zu fällen, wohl einigermaßen beirrend sein, sich nur einige Zeit mit den Dingen befassen zu müssen, über die sie «gewissenhaft» urteilen wollen.
[ 6 ] This explains the origin of the judgments leveled against us by certain quarters when they seek to condemn our cause outright. It is also telling that the author of this treatise devotes only half a page to the “seventh sect.” Well, this external example shows, esteemed audience, how in our time there is indeed prejudice upon prejudice against what is meant here by spiritual science, and how little willingness there is to truly get to the heart of this spiritual science. For one would think that anyone who wishes to pass judgment on a matter must first truly know it. When it comes to spiritual science, this is evidently not the case in the broadest circles. We need not expect those who wish to know nothing about it to engage with it, but we certainly should expect this of those who pass public judgment. For some people today who feel called upon to pass judgment on spiritual science, it would likely be somewhat disconcerting to have to spend even a short time engaging with the very things about which they wish to judge “conscientiously.”
[ 7 ] Immer wieder muß gefragt werden: Wie will sich die Geisteswissenschaft hineinstellen in das unmittelbare Leben der Gegenwart? Wie und mit welchem Recht stellt sie sich in ihrer Art zu den großen Lebensfragen und zu dem, was über den Tod zu sagen ist?
[ 7 ] We must ask ourselves again and again: How does the humanities intend to position itself within the immediate reality of the present? How, and by what right, does it address—in its own way—the great questions of life and what there is to say about death?
[ 8 ] Immer mehr und mehr zeigt sich, wie aus unbewußten Tiefen des Seelenlebens heraus diese Kardinalfragen zu Sehnsüchten in den Seelen der Menschen der Gegenwart werden. Das Gebiet der Geisteswissenschaft ist allerdings so weit wie die Welt, und man müßte viel sprechen, wenn man nur andeuten wollte, was alles Geisteswissenschaft zu umfassen hat. Aber wenn auch Geisteswissenschaft in unendliche Weite ihre Forschung zu erstrecken hat, es gipfeln ihre Untersuchungen doch in den beiden Lebensrätseln, die sich einschließen in die Worte Schicksal und Tod. Und immer weiter muß auch die Erkenntnis dringen, daß gegenüber der großen Schicksalsfrage des Lebens und gegenüber der sogenannten Unsterblichkeitsfrage die äußere Wissenschaft machtlos ist, wenn sie sich ihrer Grenzen bewußt ist. Doch versucht diese äußere Wissenschaft in unserer Zeit die mannigfaltigsten Weltanschauungen mit den mannigfaltigsten Bezeichnungen hervorzubringen, und zwar gerade solche Weltanschauungen, die glauben, auf dem Boden der Naturwissenschaft zu stehen, und diese glauben sagen zu müssen, daß ihre Ergebnisse in direktem Widerspruch stünden zu dem, was Geisteswissenschaft zu sagen hat.
[ 8 ] It is becoming increasingly clear how, from the unconscious depths of the soul’s life, these fundamental questions are becoming yearnings in the souls of people today. The field of spiritual science, however, is as vast as the world itself, and it would take a great deal to even begin to describe all that spiritual science encompasses. But even though spiritual science must extend its research into infinite expanses, its investigations nevertheless culminate in the two mysteries of life encapsulated in the words “fate” and “death.” And the realization must penetrate ever deeper that, when it comes to the great question of fate in life and the so-called question of immortality, external science is powerless—if it is aware of its own limitations. Yet in our time, this external science attempts to produce the most diverse worldviews under the most diverse labels—precisely those worldviews that believe they stand on the ground of natural science and feel compelled to claim that their findings are in direct contradiction to what spiritual science has to say.
[ 9 ] Nun wäre es ein ganz vergebliches Bemühen, davon zu sprechen, daß die Grundlagen der Geisteswissenschaft in irgendeinen wahrhaften Widerspruch mit der Naturwissenschaft kommen würden. Diese Naturwissenschaft hat seit drei, vier Jahrhunderten viele Dinge hervorgebracht, die bis in die weitesten Verzweigungen hinein unser ganzes Leben umgestaltet haben. Und wenn es wahr ist, was Goethe sagt, daß eine Denkrichtung sich durch ihre Fruchtbarkeit erweist, so hat Naturwissenschaft ihre Fruchtbarkeit erwiesen – allerdings nur in der Lösung materieller Lebensrätsel. Aber es ist noch etwas anderes zu beachten. Die Naturwissenschaft hat die Menschheit auch in einer ganz bestimmten Weise erzogen. Sie ist ein wunderbares Erziehungsmittel gewesen für die Menschenseelen, so daß diese die Fragen des Lebens und auch des Todes in einer anderen Weise aufwerfen, als sie aufgeworfen worden sind, bevor die neuere Wissenschaft die Menschen gelehrt hat, in einer gewissen Weise zu fragen. Heute fragen die Seelen anders nach den Lebensrätseln als vor Jahrhunderten. Und dem entspricht es auch, sehr verehrte Anwesende, daß die Geisteswissenschaft im Grunde genommen in ihrer Methode, in ihrer ganzen Anschauung, ganz nach dem Muster der Naturwissenschaft ihre Arbeit leistet. Aber während sich die Fragen vertieft haben, sind die Seelen auch verführt worden, nur das gelten zu lassen, was ihnen in physischem Anschauen vor Augen gebracht werden kann.
[ 9 ] Now, it would be a completely futile endeavor to suggest that the foundations of the humanities are in any real contradiction with the natural sciences. Over the past three or four centuries, the natural sciences have produced many things that have transformed our entire lives, even into its most remote branches. And if what Goethe says is true—that a school of thought proves itself through its fruitfulness—then natural science has indeed proven its fruitfulness—albeit only in solving the material mysteries of life. But there is something else to consider. Natural science has also educated humanity in a very specific way. It has been a wonderful educational tool for the human soul, so that people now pose the questions of life and also of death in a different way than they were posed before modern science taught people to ask questions in a certain way. Today, souls inquire about the mysteries of life differently than they did centuries ago. And it is also fitting, dear friends, that spiritual science, in its method and in its entire worldview, essentially follows the model of natural science in its work. But while the questions have become more profound, souls have also been led to accept only what can be presented to them through physical observation.
[ 10 ] Mit physischen Dingen kann Geisteswissenschaft nicht kommen. Sie kann nicht sich ins Laboratorium stellen und da Erkenntnisse über den Geist schaffen. Schon der Geist, der zwischen Geburt und Tod in uns lebt, ist dauernd nur für eine gewisse Zeit und für unser Bewußtsein nur durch innere Seelenprozesse ergründbar. Jeder weiß, daß das geistige Leben seit seiner Geburt in ihm ist; jeder sollte wissen, daß das, was er zum Beispiel vor zwanzig Jahren erlebt hat, nur noch durch die Erinnerung erreicht werden kann, und daß man diesen Prozeß der Erinnerung nicht heraufpumpen kann mit äußeren Experimental-Apparaten. Und so sollte man auch erkennen, daß durch eine Steigerung solcher inneren Erlebnisse, wie die Erinnerung es ist, die Geisteswissenschaft ihre Quellen suchen muß. Hier wird es aber noch lange dauern, bis die Menschheit einsieht, daß die Methode der Geisteswissenschaft zwar eine tief innerliche ist, aber doch von demselben Geiste beseelt ist wie die äußere Naturwissenschaft. Das kann man gleich erkennen, wenn man hinblickt auf das, was solche Beurteiler der Geisteswissenschaft sagen, die leugnen, daß man das erreichen kann, was hinter den sinnlichen Wahrnehmungen liegt. Auch wenn sie zugeben, daß es etwas Übersinnliches gibt, so sagen sie doch, das menschliche Erkennen sei nicht imstande, da hineinzudringen.
[ 10 ] Spiritual science cannot deal with physical things. It cannot enter a laboratory and generate insights into the spirit there. Even the spirit that lives within us between birth and death exists only for a certain time and can be fathomed by our consciousness only through inner soul processes. Everyone knows that spiritual life has been within them since birth; everyone should know that what they experienced, for example, twenty years ago can now be accessed only through memory, and that this process of remembrance cannot be artificially induced using external experimental apparatus. And so one should also recognize that spiritual science must seek its sources in the intensification of such inner experiences as memory. Here, however, it will still be a long time before humanity realizes that, although the method of spiritual science is a deeply inner one, it is nevertheless animated by the same spirit as external natural science. This becomes immediately apparent when one considers what those critics of spiritual science say who deny that it is possible to reach what lies beyond sensory perceptions. Even when they admit that there is something supersensory, they still claim that human cognition is incapable of penetrating it.
[ 11 ] An solchen Geistern kann ermessen werden, mit welchen Schwierigkeiten Geisteswissenschaft zu kämpfen hat. Denn für eine richtig prüfende Seele hat ein solcher Einwurf keinen anderen Wert, als wollte jemand zum Beispiel sagen: Was fällt den heutigen Botanikern eigentlich ein? Sie sagen – und das soll eine Grunderrungenschaft des 19. Jahrhunderts sein –, die Pflanzen bestehen aus einzelnen Zellen, und aus solchen Zellen sollen auch die Tiere bestehen. Nehmen wir an, ein anderer weist nun nach, wieviel ein Mensch sehen kann mit seinen Augen. Die Zellen kann er jedenfalls nicht sehen, also überschreitet das die Grenzen des physischen Erkennens. – Die so sprechen, weisen damit also nach, daß das Auge nicht in das hineinsehen kann, was doch die Naturforscher gesehen haben. Ja, sehen Sie, verehrte Anwesende, solch ein Beweis kann absolut richtig sein; man würde dann beweisen, daß es unmöglich ist, die Zellenzusammensetzung des pflanzlichen und tierischen Organismus mit den menschlichen Augen zu erreichen und in diese feinsten Vorgänge einzudringen. Es wäre derjenige ein Tor, der nachweisen wollte, daß ein solcher Beweise unrichtig ist. – Auf ganz der gleichen Linie stehen heute zahlreiche Beweise, die davon ausgehen, daß das menschliche Erkenntnisvermögen, so wie es unmittelbar ist, nichts über das Übersinnliche wissen kann. Ganz richtig können solche Beweise sein, und ein Tor wäre, wer sie widerlegen wollte.
[ 11 ] Such ideas give a sense of the difficulties spiritual science has to contend with. For a soul that examines matters properly, such an objection has no more merit than if someone were to say, for example: “What on earth are today’s botanists thinking?” They say—and this is supposed to be a fundamental achievement of the 19th century—that plants consist of individual cells, and that animals are also said to consist of such cells. Let us suppose that someone else now demonstrates just how much a human being can see with his or her eyes. He or she certainly cannot see the cells, so this goes beyond the limits of physical perception. – Those who speak this way are thus demonstrating that the eye cannot see into what naturalists have, in fact, seen. Yes, you see, distinguished audience, such proof can be absolutely correct; one would then prove that it is impossible to perceive the cellular composition of plant and animal organisms with the human eye and to penetrate these most subtle processes. Anyone who sought to prove that such evidence is incorrect would be a fool. – Along exactly the same lines, there is today a great deal of evidence based on the assumption that human cognitive faculties, as they are in their immediate form, cannot know anything about the supersensible. Such evidence may well be correct, and anyone who sought to refute it would be a fool.
[ 12 ] Aber ganz abgesehen von den Grenzen des physischen Auges, [muß doch berücksichtigt werden], daß man die Augen bewaffnet hat mit Erkenntnismitteln wie Mikroskop, Teleskop, Spektroskop und dadurch zu dem Vermögen gekommen ist, Vorgänge und Substanzen zu sehen, [die zuvor unsichtbar waren], zum Beispiel durch die Spektralanalyse. Daß das getan worden ist, ist doch auch richtig, und es ist ebenso richtig, wie wenn alte Weltanschauungen von den Grenzen der menschlichen Erkenntnis gesprochen haben. Genauso wie die Naturwissenschaft das Auge verschärft, erkraftet hat, ebenso verschärft und erkraftet die Geisteswissenschaft dasjenige, wovon man in seinem natürlichen Zustande wohl mit Recht sagen kann: es hat seine Grenzen. Daraus sehen wir aber, daß der Beweis von den Grenzen der Erkenntnis ebensowenig Berechtigung hat wie der Beweis von den Grenzen des Auges. Das Auge bewaffnet sich mit Mikroskop, Teleskop und Spektroskop den Geist des Menschen erstarkt man durch innere, intime Mittel, die mit den Worten bezeichnet werden: Meditation, Konzentration und Kontemplation. Auch das wurde ja schon erwähnt und soll hier nur kurz angedeutet werden. Sie können aber genauer erfahren aus meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», was man versteht unter den Worten Meditation, Konzentration und Kontemplation.
[ 12 ] But quite apart from the limitations of the physical eye, [it must be taken into account] that we have equipped the eye with instruments of knowledge such as the microscope, the telescope, and the spectroscope, and have thereby gained the ability to see processes and substances [that were previously invisible], for example through spectral analysis. That this has been done is certainly true, and it is just as true as when old worldviews spoke of the limits of human knowledge. Just as natural science has sharpened and strengthened the eye, so too does spiritual science sharpen and strengthen that of which one can rightly say, in its natural state, that it has its limits. From this, however, we see that the argument regarding the limits of knowledge is just as unfounded as the argument regarding the limits of the eye. Just as the eye is equipped with the microscope, telescope, and spectroscope, so too is the human spirit strengthened through inner, intimate means described by the terms: meditation, concentration, and contemplation. This, too, has already been mentioned and will be only briefly touched upon here. However, you can learn more precisely from my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* what is meant by the terms meditation, concentration, and contemplation.
[ 13 ] Die Tätigkeit der Seele, wie sie im normalen Menschenleben ist, wie sie geübt wird innerhalb der physischsinnlichen Welt, diese Tätigkeit ist allerdings voll angewiesen auf die Leiblichkeit, gewisse Tätigkeiten auf die Nerven oder das Gehirn. Dagegen wendet auch Geisteswissenschaft nichts ein. Aber Geisteswissenschaft wendet Methoden an, wodurch die Denkkraft eine andere wird, so wie die Sehkraft eine andere geworden ist durch die Anwendung von Mikroskop und Teleskop.
[ 13 ] The activity of the soul, as it is in normal human life, as it is exercised within the physical-sensory world—this activity is, admittedly, entirely dependent on the physical body; certain activities depend on the nerves or the brain. Spiritual science, however, does not object to this. But spiritual science employs methods through which the power of thought is transformed, just as the power of sight has been transformed through the use of the microscope and the telescope.
[ 14 ] Sprechen wir zuerst von der Denkkraft. Im gewöhnlichen Leben beschäftigt sie sich mit der Welt der Dinge. Wie wirkt diese Denkkraft? Nun, wir stehen hier gerade an einem der Punkte, wo sich vielleicht schon in der nächsten Zeit zeigen wird, wie Naturwissenschaft, wenn sie richtig verstanden wird, in allem Einklang mit dem steht, was die Geisteswissenschaft zu geben hat. Die Naturwissenschaft rührt schon daran. Wenn wir einen Gedanken entwickeln, der im gewöhnlichen Leben auf den Bereich unseres sinnlichen Daseins gerichtet ist, so greift die Denkkraft in unser Gehirn ein. Das ist eben ein solches gemeinsames Ergebnis der Geisteswissenschaft und der Naturwissenschaft, nur daß die Geisteswissenschaft es weiß, während die Naturwissenschaft es als Hypothese hinstellt. Aber das gewöhnliche Leben lehrt schon, wie das Denken eingreift in das Gehirn, und man weiß, daß Denkkraft so wirkt, daß sie Zerstörungsprozesse im Gehirn bewirkt, Zerstörungsprozesse der kleinsten, feinsten Strukturen des Gehirns. Die Denkkraft ist aktiv, und was sie tut, ist ein fortwährendes Zerstören des Gehirns. Unsere Denkkraft könnte davor bewahrt bleiben, diese Zerstörung zu bewirken, wenn sie in anderer Weise verwendet würde.
[ 14 ] Let us first speak of the power of thought. In everyday life, it deals with the world of things. How does this power of thought work? Well, we are standing here at one of the points where it may become apparent in the near future how natural science, when properly understood, is in complete harmony with what spiritual science has to offer. Natural science is already touching upon this. When we develop a thought that, in everyday life, is directed toward the realm of our sensory existence, the power of thought intervenes in our brain. This is precisely one such common finding of spiritual science and natural science, except that spiritual science knows it, while natural science presents it as a hypothesis. But ordinary life already teaches us how thinking intervenes in the brain, and we know that the power of thought works in such a way that it causes destructive processes in the brain—destructive processes affecting the smallest, finest structures of the brain. The power of thought is active, and what it does is continuously destroy the brain. Our power of thought could be spared from causing this destruction if it were used in a different way.
[ 15 ] Ebenso wie sich ein Mensch verhält, der sich im Spiegel sieht, verhalten sich die Denkprozesse, die eingreifen in das Gehirn: sie spiegeln die Arbeit des Denkens so in unsere Seele hinein, daß dieser Denkprozeß uns bewußt wird. So verläuft die gewöhnliche Denkkraft. Und das gewöhnliche Leben gibt den Beweis dafür, indem dies Denken die Ermüdung hervorruft, die durch den Schlaf wieder ausgeglichen wird. Das ist der reguläre Verlauf: der Ausgleich dieser Zerstörungsprozesse durch den Schlaf. Naturwissenschaft hat schon Worte dafür wie Assimilation und Dissimilation, und für denjenigen, der diese Dinge zu beobachten versteht, steht fest, daß das, was die Naturwissenschaft daran ergründen wird, auch zu dem kommen wird, was Geisteswissenschaft lehrt.
[ 15 ] Just as a person behaves when looking at themselves in a mirror, so do the thought processes that take place in the brain: they reflect the work of thinking into our soul in such a way that we become aware of this thought process. This is how ordinary thinking works. And ordinary life provides proof of this, in that this thinking causes fatigue, which is then counterbalanced by sleep. This is the normal course of events: the counterbalancing of these destructive processes through sleep. Natural science already has terms for this, such as assimilation and dissimilation, and for those who know how to observe these things, it is clear that what natural science will come to understand about this will also align with what spiritual science teaches.
[ 16 ] Nun ist dieser Prozeß des Denkens ebenso natürlich wie das Sehen des Auges. Und ebenso wie man das Auge erkraften kann durch Instrumente, so kann man auch die Denkkraft erstarken, nur nicht durch äußere Mittel, sondern durch die inneren Mittel der Konzentration, Meditation und Kontemplation. Worin bestehen diese? Darin, daß der Mensch dazu kommt – wenn er ein Geistesforscher werden will –, sich aus innerer Willkür heraus einen Gedankeninhalt zu geben, der sich nicht an Anregungen von außen anknüpft. Das gewöhnliche Denken verläuft so, daß wir von äußeren Eindrücken zu inneren Erlebnissen schreiten. Das geistige Denken verläuft so, daß diese innere Arbeit abweicht von der gewöhnlichen Art [des Denkens]. Die Gedanken müssen sich längere Zeit auf ein inneres Seelenerlebnis richten, das sich die Seele gemacht hat und das den Charakter hat, nicht auf äußere Anregung hin zu arbeiten. Zum Beispiel gibt sich die Seele den Worten hin:
[ 16 ] Now, this process of thinking is just as natural as the act of seeing with the eye. And just as one can strengthen the eye through instruments, so too can one strengthen the power of thought—not through external means, but through the inner means of concentration, meditation, and contemplation. What do these consist of? They consist in the fact that a person—if they wish to become a spiritual researcher—comes to give themselves, out of inner volition, a subject of thought that is not linked to external stimuli. Ordinary thinking proceeds in such a way that we move from external impressions to internal experiences. Spiritual thinking proceeds in such a way that this inner work diverges from the ordinary mode [of thinking]. Thoughts must focus for an extended period on an inner soul experience that the soul has created for itself and that is characterized by not being triggered by external stimuli. For example, the soul devotes itself to the words:
Im strahlenden Licht lebt strömende Weisheit.
Flowing wisdom lives in the radiant light.
[ 17 ] Das ist natürlich für das gewöhnliche Denken Torheit. Es kommt aber darauf an, daß wir [in der Meditation] nicht Abbilder der Außenwelt haben. Diese Vorstellungen haben vielmehr den Zweck, innerlich die Kräfte der Seele zu vertiefen. Und das geschieht, wenn die Seele ihr inneres Vermögen, ihre inneren Fähigkeiten aus den Tiefen der Seele heraufzurufen sucht, um etwas zu tun, was man im gewöhnlichen Leben gar nicht tut: sich konzentrieren auf eine solche Vorstellung. Eine solche Arbeit ist damit zu vergleichen, wie wir unsere Muskeln stärken durch Muskelarbeit. Die Kräfte der Seele, die in der Meditation in Kraft treten, sind im gewöhnlichen Tagesleben eigentlich unangewendet, höchstens klingen sie an. Ganz anders werden sie heraufgeholt in dieser Meditation. Kräfte werden heraufgeholt in anderer Art als die von außen. Es kommen aus den Tiefen der Seele schlummernde Denkkräfte hervor, und es zeigt sich dann, daß diese Denkkräfte sich unabhängig erweisen von dem, wovon die gewöhnliche Denkkraft abhängig ist. Während das gewöhnliche Denken abhängig ist von dem leiblichen Gehirn und Zerstörungsprozesse schafft, schafft jenes Denken sich eine innere Kraft, die der Seele die Erfahrung gibt: Ich bin unabhängig von meiner Leiblichkeit.
[ 17 ] Of course, to ordinary thinking, this is folly. But the point is that [in meditation] we do not have images of the external world. Rather, these mental images serve the purpose of deepening the soul’s inner powers. And this happens when the soul seeks to summon its inner faculties—its inner abilities—from the depths of the soul in order to do something that one does not do at all in ordinary life: to concentrate on such a mental image. Such work can be compared to how we strengthen our muscles through physical exercise. The powers of the soul that come into play during meditation are actually unused in ordinary daily life; at most, they are only faintly hinted at. In this meditation, however, they are brought to the surface in a completely different way. Powers are drawn forth in a manner distinct from those derived from the outside. Dormant powers of thought emerge from the depths of the soul, and it then becomes apparent that these powers of thought are independent of that upon which ordinary thinking depends. While ordinary thinking is dependent on the physical brain and creates processes of destruction, this kind of thinking creates an inner power that gives the soul the experience: “I am independent of my physicality.”
[ 18 ] Nun wollen wir einmal diesen Prozeß der unabhängigen Denkkraft etwas näher charakterisieren. Wir kommen hier auf ein Gebiet, zu dem auch die Naturwissenschaft sich zustimmend bekennen kann. Ein Kapitel ist schon berührt worden. Du Bois-Reymond hat [in seinem Vortrag] auf der Leipziger naturwissenschaftlichen Versammlung aufmerksam gemacht auf die Grenzen des Erkennens und nur den schlafenden Menschen für erklärbar angesehen, weil er frei von Affekten, Begierden und Vorstellungen ist. Was liegt da vor? Es liegt da etwas vor, was gerade solche naturwissenschaftliche Denker, die die Tatsachen nehmen, wie sie sind, immer mehr und mehr erkennen werden. Nehmen wir an, jemand sagt: Luft umgibt uns, der Mensch atmet sie ein, dann ist ein Quantum Luft in ihm drinnen; jetzt will ich einmal die Luft untersuchen. Ich untersuche die Lunge, wie sie ernährt wird, wie sie ihre organischen Prozesse vollzieht und so weiter. – Es wäre die schlechteste Methode, die Luft so zu untersuchen. Man würde über die Lunge etwas erfahren. Die Luft aber untersucht man am besten in der Atmosphäre, denn die Luft wird nur von der Lunge aufgenommen, hat ihr Dasein aber in der Atmosphäre.Wenn jemand durch Untersuchungen der Lunge die Luft erkennen wollte, würde man ihn töricht nennen.
[ 18 ] Now let us characterize this process of independent thought in somewhat greater detail. We are entering a realm to which even the natural sciences can readily attest. One aspect of this has already been touched upon. Du Bois-Reymond drew attention [in his lecture] at the Leipzig scientific conference to the limits of cognition and regarded only the sleeping human being as explainable, because he is free from emotions, desires, and ideas. What is at stake here? There is something at stake here that precisely those scientific thinkers who take facts as they are will increasingly come to recognize. Let’s suppose someone says: Air surrounds us; a person breathes it in, so there is a certain amount of air inside them; now I want to examine the air. I examine the lungs—how they are nourished, how they carry out their organic processes, and so on. – That would be the worst possible method for studying the air. One would learn something about the lungs. But the best way to study the air is in the atmosphere, because although the air is taken in by the lungs, its true existence is in the atmosphere. If someone wanted to understand the air by studying the lungs, one would call them foolish.
[ 19 ] Man ist noch weit davon, die Affekte und Leidenschaften des Seelenlebens kennenzulernen, wenn man die Leiblichkeit untersucht. Und es ist das Denken nicht kennenzulernen, indem man das Gehirn untersucht. Das wäre ebenso töricht wie in der Lunge die Luft zu untersuchen. Wie die Lunge in einem Atmungsprozeß die Luft einsaugt, die als Atmosphäre die Erde umhüllt, so atmet der Leib mit jedem Aufwachen das Seelenleben ein. Und so wie sich die eingeatmete Luft zur Lunge, so verhält sich das Seelenleben zum Gehirn. Und beim Einschlafen atmet der Leib das Seelenleben wieder aus. Während wir wachen, haben wir das Seelenleben in uns, das ebenso wahr dem geistig-seelischen Leben angehört, in dem wir leben, wie wir physisch leben in der Atmosphäre.
[ 19 ] One is still far from understanding the emotions and passions of the inner life by examining the body. And one cannot come to know thinking by examining the brain. That would be just as foolish as examining the air in the lungs. Just as the lungs draw in the air—which envelops the Earth as the atmosphere—during the process of breathing, so the body breathes in the life of the soul with every awakening. And just as the inhaled air relates to the lungs, so does the life of the soul relate to the brain. And when we fall asleep, the body exhales the life of the soul once more. While we are awake, we have the life of the soul within us, which belongs just as truly to the spiritual-soul life in which we live as we physically live in the atmosphere.
[ 20 ] Hier haben wir ein Gebiet, wo sich klar zeigt, wie Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft ineinanderweben, wie Du Bois-Reymond schon auf dem Wege war einzusehen. Das Geistesleben gehört der gesamten Geisteswelt an, so wie die Luft der physischen Atmosphäre angehört. Wir können also sagen: Wenn der Mensch schläft, hat er sein Geistig-Seelisches ausgeatmet. Sein Geistig-Seelisches ist dann in dem Geistig-Seelischen der ganzen Welt; nur kann er es da nicht wahrnehmen, weil für ihn Bewußtlosigkeit eingetreten ist.
[ 20 ] Here we have an area where it becomes clear how the natural sciences and the humanities are interwoven—a fact that Du Bois-Reymond was already beginning to recognize. Spiritual life belongs to the entire spiritual world, just as air belongs to the physical atmosphere. We can therefore say: When a person sleeps, he has exhaled his spiritual-soul aspect. His spiritual-soul aspect is then within the spiritual-soul aspect of the entire world; he simply cannot perceive it there because he has fallen into unconsciousness.
[ 21 ] Wer seine Denkkraft so ausgebildet hat durch Meditation, der reißt seine Gedankenkraft los von den materiellen Leibeskräften, er wird seiner selbst bewußt gleichsam außerhalb des Leibes, das heißt, er entwikkelt Denkprozesse, die nicht durch Anwendung auf die Dinge der materiellen Welt entstehen, sondern er wandelt mit seinem Denken hinaus in die geistige Welt. Er weiß durch unmittelbares Erleben, daß er den Denkprozeß außerhalb der Leiblichkeit entwickelt und erlebt Wesenheiten, die ihm rein geistig entgegentreten. Das beruht auf dem Unabhängigwerden des Denkens von der Leiblichkeit und ist das, was als die erste Quelle der Geistesforschung anzusehen ist. Auch innerlich kann man erleben, daß das Denken ein ganz anderes ist, das man sich auf diesem Wege erwirbt; es bringt uns nicht zur Ermüdung. Denn es ist eine wichtige Erscheinung, daß wir, wenn wir durch Meditation, Konzentration, Kontemplation unser Denken frei machen, dann solche Prozesse erleben, daß wir nicht ermüden. Manche Meditanten glauben allerdings zunächst zu bemerken, daß sie sogleich bei der Meditation einschlafen. Das rührt davon her, daß dann der Prozeß noch nicht weit genug vorgerückt ist, weil es schwierig ist, den Denkprozeß loszulösen von dem rein Äußerlichen. Es bedarf Jahre und Jahre.
[ 21 ] Whoever has developed their power of thought in this way through meditation detaches their power of thought from the physical forces of the body; they become conscious of themselves, as it were, outside the body—that is, they develop thought processes that do not arise through application to the things of the material world, but rather they journey with their thinking out into the spiritual world. Through direct experience, they know that they are developing the thought process outside of physicality and are encountering beings that appear to them in a purely spiritual form. This is based on the independence of thought from physicality and is what must be regarded as the primary source of spiritual research. Inwardly, too, one can experience that the kind of thinking acquired in this way is entirely different; it does not lead to fatigue. For it is a significant phenomenon that when we free our thinking through meditation, concentration, and contemplation, we experience processes that do not cause us to grow weary. Some meditators, however, initially believe they notice that they fall asleep as soon as they begin meditating. This stems from the fact that the process has not yet progressed far enough, because it is difficult to detach the thought process from the purely external. It takes years and years.
[ 22 ] Was aber erlebt man dann? Man erlebt dann etwas, was nicht abstrakt zu charakterisieren ist, man erlebt erschütternde innere Dinge. Man erlebt, wenn man sein Denken sozusagen losgerissen hat von der Leiblichkeit, daß man das, was man bisher als sein Selbst angesehen hat, nun wie außer sich hat, daß man wie von außen überschaut, was man an sich selbst erlebt hat.
[ 22 ] But what does one experience then? One experiences something that cannot be characterized in abstract terms; one experiences deeply moving inner experiences. When one has, so to speak, torn one’s thinking away from one’s physicality, one experiences that what one has hitherto regarded as one’s self is now as if outside of oneself, and that one surveys from the outside what one has experienced within oneself.
[ 23 ] Wie man im Tagesbewußtsein sich eingeschlossen fühlt in seiner Haut, das erlebt man jetzt als äußeren Gegenstand. Dieses Äußere bleibt einem nicht gleichgültig, von diesem Äußeren ist man wie mit hundert und aberhundert magnetischen Kräften angezogen; man will sich nicht losreißen lassen von diesem Äußeren. Man fühlt sozusagen, daß man damit zusammengehört. Das sind aber Gefühls- und Empfindungskräfte, die aber darum erst recht der Wirklichkeit des höheren Erlebens angehören, und man lernt diese Kräfte erkennen, mit denen man sich hingezogen fühlt zur äußeren Leiblichkeit. Man lernt jetzt den Grund kennen, warum man morgens aufwacht, man lernt erkennen, wie der Leib zu uns sagt: du gehörst zu mir, du mußt dich mit mir so verbinden wie das sich mit mir verbindet, was ausgeatmet wird von der äußeren Leiblichkeit [während des Schlafens], wenn es ausgebessert wird in bezug auf das, was zerstört ist durch das äußere Leben. Man lernt erkennen, warum das seelische Wesen zurücksteigt in diese äußere Leiblichkeit.
[ 23 ] What one experiences in everyday consciousness as being enclosed within one’s own skin is now experienced as an external object. One is not indifferent to this external reality; one is drawn to it as if by hundreds and hundreds of magnetic forces; one does not want to be torn away from this external reality. One feels, so to speak, that one belongs together with it. These, however, are forces of feeling and sensation that—precisely for that reason—belong to the reality of higher experience, and one learns to recognize these forces that draw one toward the outer physicality. One now comes to understand the reason why one wakes up in the morning; one learns to recognize how the body says to us: “You belong to me, you must unite with me just as that which is exhaled from the outer physical body [during sleep] unites with me, when it is restored in relation to what has been destroyed by external life. One learns to recognize why the soul being descends into this outer physical body.
[ 24 ] Noch etwas anderes lernt man dann erkennen: die Kräfte, die da waren vor unserer Geburt, vor unserer Empfängnis, bevor das erste Substanzliche da war. Man lernt das Seelische kennen, wie es heute ist, man lernt aber auch erkennen, daß es dieselben Seelenkräfte sind, die vor der Geburt da waren, durch die wir hingezogen wurden zu den Eltern, die den physischen Leib geben konnten. Man lernt die Kräfte kennen, die zu dem gegenwärtigen Erdenleben führten, auch die Kräfte, die zu unserem Schicksal führten. Und wenn die Menschen Kräfte entwickeln, mit dem Denken leibfrei zu werden, wenn die Seele durch Konzentration, Meditation, Kontemplation lernt, leibfrei zu denken, dann kommt sie dazu, durch Sinnbilder die Kräfte zu erkennen, die ihr Schicksal führen. Auch die materialistische Traumforschung konnte schon dazu kommen zu sagen, daß im Traume Abbilder, Reminiszenzen erlebt werden. Man wird sich nicht leicht vorstellen können, daß im gewöhnlichen Alltag für die Seele ein Unglück, das sie vor zwanzig Jahren erlebt hat, nicht etwas ist, wonach sie sich im Tiefsten sehnt. Wenn wir uns mit dem Denken herausgezogen haben aus dem Leiblichen, dann erleben wir in bezug auf das, was uns damals unsympathisch war, daß wir uns jetzt davon angezogen fühlen. Warum? Weil die Seele erkennt, daß sie Unvollkommenheiten hat; diese sitzen so tief, daß man sie mit gewöhnlichem Tagesbewußtsein nicht erfaßt. Dieses innere Sich-Hingezogen-Fühlen zum Ausgleichen der Unvollkommenheiten wirkt in den Tiefen der Seele, auch wenn sie im Oberbewußtsein nichts davon weiß. Sie fühlt sich hingezogen zu etwas, was ihr in diesem Leben Unglück bedeutet; erst wenn sie geprüft ist an diesem Unglück, kann sich die frühere Unvollkommenheit der Seele in eine Vollkommenheit verwandeln.
[ 24 ] There is something else one then comes to recognize: the forces that existed before our birth, before our conception, before the first material substance came into being. We come to know the soul as it is today, but we also come to realize that these are the same soul forces that existed before birth—the forces that drew us to the parents who were able to provide the physical body. One comes to know the forces that led to the present earthly life, as well as the forces that led to our destiny. And when people develop the ability to think without being bound to the body—when the soul, through concentration, meditation, and contemplation, learns to think without being bound to the body—then it comes to recognize, through symbols, the forces that guide its destiny. Even materialistic dream research has already come to conclude that images and reminiscences are experienced in dreams. It is not easy to imagine that, in ordinary everyday life, a misfortune the soul experienced twenty years ago is not something for which it yearns in its deepest being. When we have withdrawn from the physical realm through thought, we find that we are now drawn to what was once repulsive to us. Why? Because the soul recognizes that it has imperfections; these are so deeply rooted that they cannot be grasped by ordinary waking consciousness. This inner feeling of being drawn toward something in order to compensate for these imperfections works in the depths of the soul, even if the conscious mind is unaware of it. The soul feels drawn to something that brings it unhappiness in this life; only when it has been tested by this unhappiness can the soul’s former imperfection be transformed into perfection.
[ 25 ] Das Leben mit der freigewordenen Denkkraft sieht so aus, daß in der Seele selber die Kräfte sich uns zeigen, zu denen wir uns hingezogen fühlen. Die Schicksalsfrage wird zur Vorstellungsfrage. Wir fangen an, das Unglück zu begreifen, weil wir wissen, die Seele muß das Unglück suchen, um gewisse Unvollkommenheiten auszugleichen. Und sie muß wissen, daß wir vor unserer Geburt mit Kräften ausgerüstet waren, die uns hingezogen haben zu dem entsprechenden Keim im Leiblichen, so wie der Pflanzensamen zu dem Mutterboden hingezogen wird, der ihm entspricht. Geisteswissenschaft ist auch in dieser Beziehung in Einklang mit der Naturwissenschaft, die nicht ableugnen kann, daß zum Beispiel eine Alpenpflanze in einer Umgebung wächst, deren Verhältnisse ihrem Wachstum entsprechen. Ebenso wird die Seele zu einem solchen Schicksal geführt, in dem sie Unvollkommenheit in Vollkommenheit umwandeln kann. Wir schreiten durch die Pforte des Todes. Wenn die Seele jemand ein Leid angetan hat und nun unabhängig vom Leibe durch die Pforte des Todes geht, so fühlt sie: Ich kann mich erst vollkommen fühlen in der Zukunft, wenn ich auszugleichen suche, was ich Unrechtes getan habe. Getanes Verbrechen verwandelt sich in ein Gefühl: Meine Seele ist ohnmächtig gegenüber dem Geschehenen, aber ich kann lernen, Kräfte zu entwickeln, die als Keimanlage in mir liegen und die bewirken, daß ich ein Schicksal bekomme, in dem ich mich umwandeln kann.
[ 25 ] Life with this liberated power of thought is such that the forces to which we are drawn reveal themselves to us within the soul itself. The question of fate becomes a question of imagination. We begin to understand misfortune because we know that the soul must seek it out in order to compensate for certain imperfections. And it must know that before our birth we were endowed with forces that drew us to the corresponding seed within the physical body, just as a plant seed is drawn to the soil that corresponds to it. Spiritual science is also in harmony with natural science in this regard, for natural science cannot deny that, for example, an Alpine plant grows in an environment whose conditions correspond to its growth. In the same way, the soul is guided toward a destiny in which it can transform imperfection into perfection. We pass through the gate of death. If a soul has caused suffering to another and now passes through the gate of death independently of the body, it feels: I can only feel complete in the future when I seek to make amends for the wrongs I have committed. The crime committed transforms into a feeling: “My soul is powerless in the face of what has happened, but I can learn to develop powers that lie dormant within me as seeds and that will bring about a destiny in which I can transform myself.”
[ 26 ] In ähnlicher Weise kommt der Mensch über das bisherige Seelenleben hinaus, wenn er eine andere Seelenkraft erwirbt. Wie wir die Denkkraft frei machen können, so daß sie innerlich seelisch verläuft, so können wir noch eine andere Kraft frei bekommen, die im gewöhnlichen Leben andere Verwendung findet, das ist die Sprachkraft – die Kraft, die sich verbindet mit dem Wort. Was geschieht mit dieser Sprachkraft? In der Sprache entwickeln wir ein Geistig-Seelisches, aber es bleibt auch im gewöhnlichen Leben nicht ein GeistigSeelisches. Es greift ein in die Prozesse des Gehirns, ja bis zu dem Kehlkopf hin – die Sprachkraft greift ein in das Materiell-Leibliche. Wie wir die Denkkraft anhalten, bevor sie in das Gehirn eingreift, so können wir auch die Sprachkraft anhalten, bevor sie in das Gehirn und den Kehlkopf eingreift.
[ 26 ] In a similar way, a person transcends their previous spiritual life when they acquire a different spiritual power. Just as we can liberate the power of thought so that it flows inwardly within the soul, so too can we liberate another power that finds a different use in ordinary life: the power of speech—the power connected to the word. What happens to this power of speech? In speech, we develop a spiritual-soul aspect, but even in ordinary life, it does not remain purely spiritual-soul. It intervenes in the processes of the brain, extending even to the larynx—the power of speech intervenes in the material-physical realm. Just as we can halt the power of thought before it intervenes in the brain, so too can we halt the power of speech before it intervenes in the brain and the larynx.
[ 27 ] Naturwissenschaft sucht die Sprachorgane in der dritten Gehirnwindung, in dem Brocaschen Organ; beim Affen findet sich dieses nicht. Wer die Tatsachen nur mit der Anschauung der Naturwissenschaft verfolgt, sagt: Durch das Brocasche Organ kommt die Sprache zustande. – Dagegen spricht aber, daß jemand, der allein auf einer einsamen Insel aufwächst, nicht die Sprache erlangt, trotz des Brocaschen Organes. Die Sache vielmehr liegt so, daß die Sprachkraft das Gehirn gliedert, so daß das Brocasche Organ [gegliedert] wird und von da aus die Willenstätigkeiten sich so entwickeln, daß die Sprache entsteht. So haben wir in der Sprachkraft etwas Geistiges, das in das Organische eingreift. Nun können wir aber die Sprachkraft, die in Kehlkopf und Brocasches Organ ergreift, umwandeln, indem wir sie nicht bis zum Leiblichen kommen lassen. Das erreichen wir, indem wir unsere Meditation, Konzentration, Kontemplation etwas anders machen. Für die Befreiung der Sprachkraft genügt es nicht, daß wir uns bloß gedanklichen Vorstellungsinhalten hingeben, sondern es kommt darauf an, daß wir den Gegenstand unserer Gedankenvorstellung durchdringen mit Empfindung und Gefühl. Meditieren über einen solchen Spruch wie
[ 27 ] Natural science locates the speech organs in the third cerebral convolution, in Broca’s area; this is not found in apes. Anyone who approaches the facts solely from the perspective of natural science would say: Speech arises through Broca’s area. – However, this is contradicted by the fact that someone who grows up alone on a deserted island does not acquire language, despite having Broca’s area. Rather, the matter is this: the power of language structures the brain, so that Broca’s area is [structured], and from there the volitional activities develop in such a way that language arises. Thus, in the power of language, we have something spiritual that intervenes in the organic. Now, however, we can transform the power of language—which takes hold in the larynx and Broca’s area—by not allowing it to descend to the physical level. We achieve this by practicing our meditation, concentration, and contemplation somewhat differently. To liberate the power of speech, it is not enough to merely indulge in mental images; rather, it is essential that we permeate the object of our mental imagery with sensation and feeling. Meditating on a saying such as
Im strahlenden Lichte lebt strömende Weisheit
In the radiant light, wisdom flows
[ 28 ] können wir in Gedanken. Wir können aber unsere Gedanken mit Gefühlen durchglühen, wir können fühlen unser Seelenleben im Lichte, das uns ein Sinnbild wird für die strömende Weisheit. Dann fühlen wir, daß wir die Kräfte zurückhalten, die wir sonst ausströmen in Worte. Dies führt zur Inspiration, so wie die Gedankenkraft, wenn sie zurückgehalten wird, zur Imagination führt. Und wenn der Mensch die Sprachkraft so emanzipiert, daß er dieselben Kräfte innerlich anwendet, aber sie in der Seele zurückbehält, wenn er Schweigen entwickelt, dann dehnt sich das Anschauen der geistigen Welt weiter aus, dann kommen wir dazu, weitere Ergebnisse der Geisteswissenschaft in uns aufnehmen zu können. Denn dann erweitert sich in der Tat das innere Seelenleben nicht nur bis zum Außerhalb-des-Leibes-Sein, sondern wir lernen zurückzuschauen in frühere Erdenleben. Das In-sich-Sprechen, das Aufhalten der Sprachkraft, das macht uns fähig zum Erleben früherer Erdenleben, das läßt uns erleben, wie die Erinnerung an unser früheres Leben in unser gegenwärtiges Leben eintritt. Schweigen ist immer als etwas Besonderes genannt worden. Man braucht deshalb nicht das äußere Reden einzuschränken, man braucht nur die inneren Kräfte anzuwenden.
[ 28 ] We can do this in our thoughts. But we can infuse our thoughts with feelings; we can feel our inner life in the light, which becomes a symbol of flowing wisdom for us. Then we feel that we are holding back the forces that we would otherwise pour out into words. This leads to inspiration, just as the power of thought, when held back, leads to imagination. And when a person liberates the power of speech in such a way that they apply those same forces inwardly but retain them within the soul—when they cultivate silence—then their perception of the spiritual world expands further, and we come to be able to absorb further insights from spiritual science within ourselves. For then, in fact, the inner life of the soul expands not only to the state of being outside the body, but we also learn to look back into past earthly lives. Speaking to oneself—holding back the power of speech—enables us to experience past earthly lives; it allows us to experience how the memory of our past lives enters our present life. Silence has always been described as something special. Therefore, there is no need to restrict outward speech; one need only apply the inner forces.
[ 29 ] Ich will nicht nur Ergebnisse der Geisteswissenschaft bringen, sondern auch die Mittel zeigen, die zu denselben führen. Man denkt vielleicht darüber nach: Wie lange dauert eigentlich der Zwischenraum zwischen zwei Erdenleben? Für den Geistesforscher ergibt sich, daß unser früheres Erdenleben zurückführt bis zu einer Zeit, wo noch nichts von der individuellen Sprache da war. Die individuelle Sprache hat so lange Zeit zu ihrer Entwicklung gebraucht, wie Zeit verlaufen ist seit unserem letzten Erdenleben. – Dies als ein Beispiel dafür, daß man allerdings Tatsachen der geistigen Welt nur erforschen kann, wenn die gekennzeichneten Kräfte der Seele entwickelt werden. Um aber das zu verstehen, was vom Geistesforscher gesagt wird, vorurteilslos, braucht man nur logisch zu denken. So wie das Bild des Malers auch von dem verstanden werden kann, der nicht die Technik des Malens versteht, so kann auch, was der Geistesforscher sagt, von jedem Menschen verstanden werden. Man muß Geistesforscher sein, um in die geistige Welt einzudringen, aber wenn das Erforschte in Worte eingekleidet wird, so ist, wenn man es nicht verständlich findet, das bloß deshalb, weil man nicht den gesunden Menschenverstand anwenden will. Jeder kann es verteilen, wenn er nicht Knüppel zwischen die Räder seines Lebenswagens wirft.
[ 29 ] I do not wish merely to present the findings of spiritual science, but also to show the methods that lead to them. One might wonder: How long, in fact, is the interval between two earthly lives? For the spiritual researcher, it becomes clear that our previous earthly life dates back to a time when individual language did not yet exist. Individual language has taken as long to develop as the time that has elapsed since our last earthly life. — This serves as an example of the fact that one can indeed only investigate facts of the spiritual world if the described powers of the soul are developed. However, to understand what the spiritual researcher says without prejudice, one need only think logically. Just as a painter’s picture can be understood even by someone who does not understand the technique of painting, so too can what the spiritual researcher says be understood by every human being. One must be a spiritual researcher to penetrate the spiritual world, but when the findings are put into words, if one finds them incomprehensible, it is merely because one is unwilling to apply common sense. Anyone can grasp it, provided they do not throw a wrench into the works of their own life.
[ 30 ] Von dem, was Wissenschaft ist, hat man keine Antwort zu erwarten auf Fragen über die geistige Welt. Aber der gesunde Menschenverstand weiß, was richtig ist. Zahlreiche Philosophen sagen, daß der Mensch Fragen aufwirft, die über das gewöhnliche Sinnesvermögen hinausgehen, zum Beispiel die Frage über das menschliche Schicksal. Das äußere Leben beantwortet sie nicht. Das Denken, von dem heute hier gesprochen worden ist, beantwortet sie, indem es die Frage von einer sympathischen oder unsympathischen Frage in eine Vorstellungsfrage verwandelt. Die großen Fragen beantworten sich so, daß das Leben überall die Geisteswissenschaft bestätigt.
[ 30 ] Science, by its very nature, cannot provide answers to questions about the spiritual world. But common sense knows what is right. Numerous philosophers say that human beings raise questions that go beyond ordinary sensory perception—for example, the question of human destiny. External life does not answer them. The kind of thinking discussed here today answers them by transforming the question from one of sympathy or antipathy into a question of conception. The great questions answer themselves in such a way that life everywhere confirms spiritual science.
[ 31 ] Außer der Denkkraft und der Sprachkraft kann noch eine dritte Kraft entwickelt werden. Der Mensch weiß, daß er durch sie schon im gewöhnlichen Leben so eingreift, daß seine Blutzirkulation erfaßt werden kann. Scham läßt uns erröten, Furcht läßt uns erblassen. Bis in die Herztätigkeit greift unser Seelenleben ein. Auch diese Kraft kann im Seelischen zurückgehalten werden, wenn der Mensch die Konzentration, Meditation und Kontemplation in entsprechender Weise ausübt, so daß das, was in der Blutzirkulation sich auslebt, im GeistigSeelischen zurückbleibt. Wenn er seine Willensimpulse verbindet mit jenen Kräften, wenn er zum Beispiel den Satz meditiert:
[ 31 ] In addition to the power of thought and the power of speech, a third power can also be developed. Human beings know that they already use this power in everyday life in such a way that it affects their blood circulation. Shame makes us blush; fear makes us turn pale. Our soul life extends even into the activity of the heart. This power, too, can be held back in the soul if a person practices concentration, meditation, and contemplation in the appropriate way, so that what manifests itself in the blood circulation remains within the spiritual-soul realm. When a person connects his or her impulses of will with those powers—for example, by meditating on the sentence:
Im strahlenden Lichte lebt strömende Weisheit
In the radiant light, wisdom flows
[ 32 ] und ihn so fühlt: Ich will mich durch die Zeit so bewegen, daß ich mittue an dem strömenden Lichtprozeß –, dann reißt er einen Teil derjenigen Kraft los, die im täglichen materiellen Leben in der Blutbewegung, in der Handbewegung, in der Geste, in der Gehbewegung zum Ausdruck kommt und richtet sie auf ins Geistige. Äußerlich muß die Meditation Zustandekommen bei solcher Regungslosigkeit der Glieder, wie sonst nur im Schlafe. Wenn man sich diese Kräfte losreißt, dann wird man fähig, das zu ergreifen, was außerhalb der Erde als geistig-seelisches Leben wirkt. Man lernt die Erde kennen als eine Wiederverkörperung einer geistigen Wesenheit, wie man die Menschenseele erkannte als wiederverkörpert von früheren Leben.
[ 32 ] and feels this way: “I want to move through time in such a way that I participate in the flowing process of light”—then he detaches a portion of that force which, in daily material life, finds expression in the movement of the blood, in the movement of the hand, in gestures, and in the act of walking, and directs it toward the spiritual realm. Externally, meditation must take place with such stillness of the limbs as is otherwise found only in sleep. When one detaches these forces, one becomes capable of grasping what acts outside the Earth as spiritual-soul life. One comes to know the Earth as the reincarnation of a spiritual being, just as one has come to recognize the human soul as reincarnated from previous lives.
[ 33 ] So erhebt sich der Mensch in den Kosmos, so erlebt er seinen Zusammenhang mit einem Geistig-Seelischen, das uns so umgibt, wie uns physisch die Luft umgibt. So wachsen wir in die geistige Welt hinein, nicht nur theoretisch die Fragen des Lebens lösend, sondern die Lösung erlebend. – Dann ist das, was Geisteswissenschaft gibt, nicht Theorie, dann wird sie Lebenselixier, dann strömt sie ein in unser Seelenleben wie Dampfkraft in die Maschine. Wie Naturwissenschaft in das äußere Leben eingreift und Triumph auf Triumph feiert, so wird Geisteswissenschaft in bezug auf das innere Menschenleben eingreifen, sie wird uns Kraft und Lebenssicherheit geben. Das wird nicht Theorie bleiben, sondern der Lösung der Lebensfragen auf Schritt und Tritt [näherkommen], indem der Mensch sich dessen bewußt wird, was er in seinem Innern hat, so wie er die Luft in der Lunge hat. Dann weiß er, daß er in sich eine Seele hat, etwas, was von Leben zu Leben geht. Man lernt von der Unsterblichkeit nicht nur in der Theorie, sondern indem man sie in sich selbst erlebt, so wie man die zukünftige Pflanze erleben kann in dem Keim, der sie erst erzeugt. Ja, Geisteswissenschaft zeigt uns den lebendigen Geisteskern schon jetzt, wir lernen ihn erleben, und er ist es, der das nächste Leben zimmert. Unsterblichkeit wird begriffen, indem sie so erlebt werden kann, daß es eine Garantie für das Weiterleben gibt. Wir werden erkennen, daß etwas nach diesem Leben ist und etwas vor diesem Leben war. Wir lernen erkennen einen ursprünglich geistigen Zustand, aus dem wir entsprungen sind. Wir lernen erkennen, daß, solange wir den gegenwärtigen Unvollkommenheitsgrad in uns haben, wir uns weiter entwickeln müssen und daß wir mit der Erde übergehen werden in einen geistig-seelischen Zustand, in den sie übergehen wird am Ziele unserer Erdenleben. Wir werden wissen, daß wir unsere Schuld in diesem Leben, in zukünftigen Leben als Unvollkommenheiten erleben müssen, bis wir erkennen lernen, daß unsere Leben sich aneinander gliedern, wie aus einzelnen Kettengliedern ein Stück in das andere sich gliedert zur Kette. Wir lernen die Unsterblichkeit in der eigenen Seele erkennen. Und damit stellt die Geisteswissenschaft das in uns hinein, was der Mensch in dieser Gegenwart braucht, um die Lebensfragen und das Todesrätsel zu lösen.
[ 33 ] In this way, human beings rise into the cosmos; in this way, they experience their connection to a spiritual-soul realm that surrounds us just as the air physically surrounds us. In this way, we grow into the spiritual world, not merely solving life’s questions theoretically, but experiencing the solution. – Then what spiritual science offers is not theory; it becomes the elixir of life, flowing into our soul life like steam power into a machine. Just as natural science intervenes in external life and celebrates triumph after triumph, so spiritual science will intervene in regard to inner human life; it will give us strength and a sense of security in life. This will not remain theory, but will bring us closer to the solution of life’s questions at every turn, as the human being becomes aware of what he has within himself, just as he is aware of the air in his lungs. Then he knows that he has a soul within himself, something that passes from life to life. One learns about immortality not only in theory, but by experiencing it within oneself, just as one can experience the future plant in the seed that first brings it into being. Yes, spiritual science reveals the living spiritual core to us even now; we learn to experience it, and it is this core that shapes the next life. Immortality is understood by experiencing it in such a way that there is a guarantee of continued existence. We will come to realize that there is something after this life and something that existed before this life. We learn to recognize an original spiritual state from which we sprang. We are learning to recognize that, as long as we possess this present degree of imperfection within us, we must continue to develop, and that we will pass over with the Earth into a spiritual-soul state into which it will pass at the end of our earthly lives. We will know that we must experience our guilt in this life and in future lives as imperfections until we come to realize that our lives are linked together, just as individual links in a chain are linked one to the next to form the chain. We learn to recognize immortality within our own souls. And in this way, spiritual science instills within us what human beings need in the present to solve the questions of life and the mystery of death.
[ 34 ] Es zeigt sich so recht, wenn man einen Blick in die gegenwärtige Zeit tut, wie zwar auf der einen Seite das Bedürfnis vorhanden ist nach alledem, was Geisteswissenschaft geben kann – wie aber auf der anderen Seite ihr gerade dann, wenn [einzelne] Fragen kommen über alles das, was Geisteswissenschaft sein muß, man ihr da die herbsten Vorurteile entgegenbringt.
[ 34 ] When one takes a look at the present time, it becomes quite clear that, on the one hand, there is a need for everything that spiritual science can offer—yet on the other hand, precisely when [individual] questions arise about what spiritual science must be, it is met with the harshest prejudices.
[ 35 ] Nehmen wir nur ein Beispiel. Es wird ja heute meist nach äußeren Gründen geurteilt. Da gibt es einen ganz berühmten Professor der Philosophie. Wenn er über die Seele spricht, da findet man bei ihm folgende Worte, und unzählige Studenten tragen diese Worte als höchste Weisheit in die Welt hinaus. Angesichts dieser Tatsache darf man sich über Vorurteile gegen die Geisteswissenschaft nicht wundern. Da heißt es, die Summe unserer Erlebnisse, unseres Vorstellens, Fühlens und Wollens, wie sie sich im Bewußtsein zusammenfügen zu einer Einheit, sei die Seele, die auf einer Stufe der Vollkommenheit zu einem sittlichen Wollen sich erhebt. — Selbstverständlich, wer solche Definitionen von der Seele gibt, der kann zu keinem anderen Resultat kommen, als daß die Seele sich auflöst beim Tode. Das Kind muß in der Schule schon lernen, daß man Apfel, Birnen, Pflaumen nicht summieren kann; und: «Wenn das Erste und Zweite nicht wär’, das Dritte und Vierte gäb’s nimmermehr». – Was aber denkt der Philosoph? Bei ihm ist die Rede von einer Summe aus Vorstellen, Fühlen und Wollen, und – merkwürdig! — diese Summe kann zum sogenannten sittlichen Fühlen und Wollen werden. – Ein solches Wunder wird gedankenlos hingestellt: Die einzelnen Erlebnisse fügen sich zu einer Summe, zu einer Einheit zusammen, und nachdem sie sich zur Summe gebildet haben, [kommen sie zu sittlichem Fühlen und Wollen]. Schon das Kind lernt in der Schule, daß man eine Summe nicht aus verschiedenen Einheiten bildet.
[ 35 ] Let’s take just one example. Today, judgments are usually based on external criteria. There is a very famous professor of philosophy. When he speaks about the soul, one finds the following words in his writings, and countless students carry these words out into the world as the highest wisdom. Given this fact, it is no wonder that there are prejudices against spiritual science. It is said that the sum of our experiences, our imagination, feeling, and will—as they coalesce in consciousness into a unity—is the soul, which, at a certain level of perfection, rises to a moral will. — Of course, anyone who offers such definitions of the soul can come to no other conclusion than that the soul dissolves at death. Even a child must learn in school that you cannot add apples, pears, and plums together; and: “If the first and second did not exist, the third and fourth would never exist.” – But what does the philosopher think? He speaks of a sum of perception, feeling, and volition—and, strangely enough!—this sum can become what is called moral feeling and volition. – Such a miracle is presented without a second thought: the individual experiences come together to form a sum, a unity, and once they have formed this sum, [they give rise to moral feeling and volition]. Even a child learns in school that a sum cannot be formed from different units.
[ 36 ] Das ist dasjenige, woher die Einwendungen gegen die Geisteswissenschaft genommen werden. Da aber, wo sie am Leben gemessen wird, da finden sich Lösungen am Leben selbst, die begriffen werden können und deren Begreiflichkeit die Seele gesund machen kann. An dem Gewachsensein gegenüber dem Leben selbst, daran kann Geisteswissenschaft gemessen werden. Das Leben beantwortet die Fragen so, wie endlich auch die naturwissenschaftlichen Fragen beantwortet werden. Eine naturwissenschaftliche Erfindung ist so lange ein Hirngespinst, bis das Leben sie als richtig beweist. Sie beweist sich, indem sie sagt: Ja, wenn die Tatsachen sich am Leben als richtig erweisen, dann kann ich mich dir enthüllen. Und das gilt auch für die Geisteswissenschaft.
[ 36 ] This is the very source of the objections raised against spiritual science. But when it is measured against life itself, solutions are found in life itself that can be understood, and whose comprehensibility can heal the soul. Spiritual science can be measured by the extent to which it has grown in harmony with life itself. Life answers questions in the same way that questions in the natural sciences are ultimately answered. A scientific discovery remains a figment of the imagination until life proves it to be true. It proves itself by saying: Yes, if the facts prove to be true in life, then I can reveal myself to you. And this also applies to spiritual science.
[ 37 ] Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreiten wird, dann erkämpft er sich in einer rein geistigen Welt, was er sich hier schon vorbereitet hat: den Keim zu einem neuen Leben. Dann erweist sich im Leben zwischen Tod und neuer Geburt das Leben zwischen Geburt und Tod als Verwandlungsform eines neuen Seelenlebens.
[ 37 ] When a person passes through the gate of death, he or she will strive in a purely spiritual world to attain what he or she has already prepared here: the seed of a new life. Then, in the life between death and rebirth, the life between birth and death proves to be a form of transformation into a new soul life.
[ 38 ] Gehen wir zu einem tief modernen Seelenforscher, um über den Tod etwas zu lesen, jenen Tod, der für die Geisteswissenschaft nur ein anderer Bewußtseinszustand ist. Hören wir Bartholomäus von Carneri vom Tode sprechen; indem er ihn charakterisieren will, sagt er: Das Leben war ein Kampf, der Mensch ist von diesem Kampf müde geworden, und der Tod sei am wohltätigsten, wenn er nach der schweren Arbeit des Lebens sich erweise als ein durch keinen Gott zu störender Schlaf. – Ja, man kann es hier an dieser Charakteristik, die unbewußt stecken geblieben ist in unmöglichen Vorstellungen, sozusagen wie in einer Schlinge fangen. Einer, der gerade das Aufhören des menschlichen Seelenlebens beweisen will, redet davon, daß es am wohltätigsten ist, wenn er einen durch keinen Gott zu störenden Schlaf hat. Ich möchte wissen, welcher Mechaniker sagt, wenn seine Maschine aufgebraucht ist: ich lege sie hin zum Schlafen. Da merkt man, wie sich diejenigen in Schlingen fangen, die noch nicht sich auf die Geistesforschung einlassen wollen.
[ 38 ] Let us turn to a profoundly modern psychologist to read about death—that death which, for spiritual science, is merely another state of consciousness. Let us listen to Bartholomäus von Carneri speak of death; in seeking to characterize it, he says: Life was a struggle; humanity has grown weary of this struggle; and death is most beneficial when, after the hard work of life, it proves to be a sleep undisturbed by any god. – Yes, one can, so to speak, catch it in a snare here in this characterization, which has unconsciously become entangled in impossible notions. Someone who seeks to prove precisely the cessation of human spiritual life speaks of it being most beneficial when one has a sleep that no god can disturb. I would like to know which mechanic, when his machine is worn out, says: “I’ll put it to sleep.” Here one sees how those who are not yet willing to engage in spiritual research become ensnared.
[ 39 ] Andere geben [die Existenz einer Seele] zu, wie jener Amerikaner, der eigentlich Chemiker war, in einer Rede sagte, die er im Jahre 1909 gehalten hat: Ein jeder Mensch muß sich als eine selbständige Seele fühlen. – Ja, so weit sind die Naturforscher gekommen, die nicht sich Knüppel zwischen die Räder ihres Wagens werfen, die mit unbefangenem Urteil sich umgeben: Hinter dem Leiblichen liegt ein Geistiges. Das ist heute schon erlaubt, von Seele, von Geist, die hinter der Sinneswelt liegen, im allgemeinen zu sprechen. Aber man wird zum Phantasten, zum Träumer, wenn nicht noch Schlimmerem abgestempelt, wenn man nicht bloß sagt: Geist, Geist, Geist ist das. In der Tat, wenn man sagt, so wie man in der Tierwelt und Pflanzenwelt Wesenheiten findet, so gibt es geistige Hierarchien, die über dem Menschen stehen –, dann wird das für Phantasterei erklärt. Das ist etwa so, wie wenn man auf dem Gebiete der Naturwissenschaft nur sagen dürfte: Du stehst im Garten Rosen gegenüber und auf dem Felde Lilien, und das ist alles Natur, Natur, Natur –, und es wäre nicht erlaubt, die einzelnen Pflanzen zu kennen. So wird der Geisteswissenschaft nur erlaubt, von Geist zu reden; aber von einzelnen Wesenheiten sprechen, das darf man nicht. Man soll immer nur sagen: Geist, Geist, Geist.
[ 39 ] Others acknowledge [the existence of a soul], as that American—who was actually a chemist—said in a speech he gave in 1909: Every human being must feel himself to be an independent soul. – Yes, this is how far natural scientists have come—those who do not throw a spanner in the works, who surround themselves with unbiased judgment: Behind the physical lies the spiritual. Today, it is already acceptable to speak in general terms of a soul and a spirit that lie beyond the sensory world. But one is labeled a fantasist, a dreamer—or worse—if one does not merely say: “Spirit, spirit, spirit is what this is.” In fact, if one says that just as one finds beings in the animal and plant worlds, so there are spiritual hierarchies that stand above human beings—then this is dismissed as fantasy. This is roughly like being allowed to say, in the realm of natural science, only: “You stand facing roses in the garden and lilies in the field, and that is all nature, nature, nature”—and it would not be permitted to know the individual plants. In the same way, spiritual science is only allowed to speak of “spirit”; but one must not speak of individual beings. One is always supposed to say only: “Spirit, spirit, spirit.”
[ 40 ] Wenn aber die Menschheit allmählich begreifen und einsehen wird, wie Geistesforschung sich wirklich in das Geistesleben der Gegenwart hineinstellt, dann wird sie wissen: Das ist so, wie es mit der Naturwissenschaft gegangen ist, als Galilei, Kopernikus und Kepler aufgetreten sind. Damals haben die Leute gesagt: Da hat die menschliche Anschauung mit Sicherheit ergeben, daß die Erde stillsteht und die Sonne um sie herumläuft, und gegen allen Anschein behaupten sie, daß die Erde sich um die Sonne bewege – also Unsinn. – Aber obschon Kopernikus von seinen Gegnern angegriffen und als Schwindler bezeichnet wurde, ist doch seine Lehre später angenommen worden.
[ 40 ] But when humanity gradually comes to understand and realize how spiritual research truly fits into contemporary spiritual life, then it will know: This is just as it was with natural science when Galileo, Copernicus, and Kepler appeared on the scene. At that time, people said: Human observation has certainly shown that the Earth stands still and the Sun revolves around it, and against all evidence they claim that the Earth moves around the Sun—nonsense. —But although Copernicus was attacked by his opponents and called a charlatan, his teaching was later accepted.
[ 41 ] Heute ist die Welt nicht viel anders geworden in bezug auf das, was gegen die Geisteswissenschaft vorgebracht wird, die die geistige Wirklichkeit an die Stelle des naturwissenschaftlichen Materialismus stellt. Heute zeigt die Geistesforschung, was durch ihre Erkenntnisse gegeben werden kann. Sie löst Lebensfragen und auch die Todesfrage. Ihr wird aber entgegengerufen, was im Beginne dieses Vortrages [aus den zwei Schriften] vorgelesen worden ist. Wer heute der Geisteswissenschaft so gegenübersteht wie dazumal diejenigen, welche das Kopernikus-Galilei-Keplertum als Ketzerei hinstellten, die werden lange «beweisen», daß das Begreifen des Menschenlebens nur von der Geburt bis zum Tod gehen kann. Der Gang der Zeiten ist aber anders, und der Gang der durch die Welt schreitetenden Geistigkeit wird so sein, daß die Menschheit wird erkennen müssen, daß sie dasselbe erleben wird, was sie erlebt hat bei Giordano Bruno in bezug auf die äußeren Grenzen des Raumes. Die Menschen betrachteten das [sichtbare Firmament] als die Grenze des Raumes, die die Welt abschließt.
[ 41 ] Today, the world has not changed much in terms of the arguments raised against spiritual science, which replaces scientific materialism with spiritual reality. Today, spiritual research demonstrates what its findings can offer. It resolves questions of life and also the question of death. Yet it is met with the same objections that were read aloud at the beginning of this lecture [from the two writings]. Those who today oppose spiritual science in the same way that, in the past, those who denounced the teachings of Copernicus, Galileo, and Kepler as heresy did, will continue for a long time to “prove” that our understanding of human life can extend only from birth to death. The course of time, however, is different, and the course of spirituality as it strides through the world will be such that humanity will have to recognize that it will experience the same thing it experienced with Giordano Bruno regarding the outer limits of space. People regarded the [visible firmament] as the boundary of space that encloses the world.
[ 42 ] Giordano Bruno hat bewiesen, daß diese Grenze nur gegeben war durch das damalige [begrenzte] menschliche Erkenntnisvermögen. Die Geisteswissenschaft zeigt heute, daß das zeitliche Firmament, [die Begrenzung des menschlichen Lebens auf die Zeit] zwischen Geburt und Tod, hinweggefegt werden muß. Und wie Giordano Bruno die Grenzen des Firmamentes hinausgerückt hat, so wird die Geisteswissenhaft die unendliche Zeitlichkeit [des menschlichen Lebens] zeigen, die unendliche Verwandlungsmöglichkeit des Lebens, [so daß die Menschen] durch Selbsterkenntnis das Wirken in seiner Ewigkeit wahrhaft erkennen werden.
[ 42 ] Giordano Bruno proved that this limitation existed only because of the [limited] capacity for human knowledge at that time. Spiritual science shows today that the temporal firmament—[the limitation of human life to time] between birth and death—must be swept away. And just as Giordano Bruno pushed back the boundaries of the firmament, so spiritual science will reveal the infinite temporality [of human life], the infinite potential for transformation in life, [so that people] through self-knowledge will truly recognize the workings of eternity.
[ 43 ] Mag daher in populären Schriften von Fabeleien und Prophezeiungen gesprochen werden, derjenige, der die Entwicklung erkennt, wird sagen: Mögen die Leute sagen, was sie wollen, mögen sie noch so sehr die Geistesforschung und die Geisteswissenschaft verketzern. Der Lauf der Zeit wird zeigen, daß man es bei der Geistesforschung so wenig mit einer Sekte zu tun hat wie man es bei der Naturforschung mit einer Sekte zu tun hat. Und über diejenigen, die durchaus auf keine Verbindung mit den Fortschritten auf dem Gebiet der Wahrheit sich einlassen wollen, darf man sagen: Über sie wird der Genius der Menschheit hinweggehen, und man wird erkennen, daß es sich bei der Geisteswissenschaft nicht um eine Sekte handelt, sondern daß von der Geisteswissenschaft aus tiefer Erkenntnis heraus über wirkliche Lebensrätsel gesprochen wird und daß ihre Erkenntnisse – wie die Erkenntnisse des Kopernikus, Galilei, Kepler – zum Heile der menschlichen Entwicklung der Menschheit übergeben werden müssen.
[ 43 ] So while popular writings may speak of fables and prophecies, those who recognize this development will say: Let people say what they will; let them denounce spiritual research and spiritual science as much as they like. The passage of time will show that spiritual research has just as little to do with a sect as natural science does. And regarding those who refuse to engage in any way with the advances in the realm of truth, one may say: The genius of humanity will pass them by, and it will become clear that spiritual science is not a sect, but that it speaks of the true mysteries of life from a place of deep insight, and that its insights—like those of Copernicus, Galileo, and Kepler—must be handed down to humanity for the sake of human development.
