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Truths and Errors in Spiritual Research
GA 69a

1 March 1913, Karlsruhe

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Truths and Errors in Spiritual Research, tr. SOL
  1. Wahrheiten und Irrtümer der Geistesforschung

9. Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft in ihrem Verhältnis zu den Lebensrätseln

9. The Spiritual and the Natural Sciences in Relation to the Mysteries of Life

[ 1 ] Verehrte Anwesende! Man redet in der Gegenwart keineswegs von etwas in weiteren Kreisen Beliebtem und Anerkanntem, wenn man von Geisteswissenschaft in dem Sinne spricht, wie sie hier gemeint ist, und das ist durchaus begreiflich. Wenn es auf diesem Gebiete für den Vertreter der Geisteswissenschaft ein Verwundern geben könnte, so müßte man sagen, daß man sich mehr wundern könnte, wenn diese Geisteswissenschaft heute allgemein Anerkennung fände, als daß sie in den weitesten Kreisen überall Gegnerschaft hervorruft und vielfach als etwas angesehen wird, was einer phantastischen Denkungsweise, einer Träumerei entspringt. Begreiflich ist dies aus dem Grunde, weil die Stärke unserer Zeit und alles das, was ja zu dieser Stärke geführt hat, keineswegs auf den Gründen beruht, auf denen Geisteswissenschaft aufbauen muß.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! When we speak of “spiritual science” in the sense intended here, we are by no means referring to something that is widely popular or recognized in broader circles, and that is entirely understandable. If there were anything in this field that might surprise a representative of spiritual science, one would have to say that it would be more surprising if this spiritual science were to find general acceptance today than if it were to provoke opposition in the widest circles everywhere and were often regarded as something arising from a fanciful way of thinking, from daydreaming. This is understandable because the strength of our time—and everything that has led to this strength—is by no means based on the foundations upon which spiritual science must be built.

[ 2 ] Die Triumphe, zu denen die Menschheit geschritten ist im Verlauf der letzten Jahrhunderte und besonders des letzten Jahrhunderts, liegen auf jenem Gebiete, das der Naturwissenschaft und ihren Erkenntnissen entspringt. Und wie der einzelne Mensch, wenn er sich ganz hingebend einer einzelnen Tätigkeit widmen soll, oftmals die Aufmerksamkeit ablenken muß von allem übrigen und ganz sich konzentrieren muß auf das, dem diese Tätigkeit dienen soll, so ist es gewissermaßen auch mit dem Genius der Menschheit. Dieser Genius der Menschheit mußte sich, durch eine geschichtliche Notwendigkeit, im Laufe der letzten Zeiten der äußeren Sinneserkenntnis widmen, die an den Verstand gebunden ist, der wiederum vom Gehirn abhängt. Und er mußte sich gerade dieser Art die Welt zu betrachten voll widmen, er mußte seine Aufmerksamkeit ganz dahin lenken. Und so ist es denn gekommen, daß sich allmählich aus diesem Betätigungsfeld Denkgewohnheiten entwickelt haben, welche zunächst unsympathisch berührt sind von alledem, was an Forschungsergebnissen hervorgeholt wird aus dem Gebiete des geistigen Lebens.

[ 2 ] The triumphs that humanity has achieved over the course of the last few centuries—and especially the last century—lie in the realm of the natural sciences and their discoveries. And just as an individual, when he must devote himself entirely to a single activity, often has to divert his attention from everything else and concentrate entirely on that which this activity is intended to serve, so it is, in a sense, with the genius of humanity as well. This genius of humanity, driven by a historical necessity, has had to devote itself in recent times to external sensory perception, which is bound to the intellect, which in turn depends on the brain. And it had to devote itself entirely to precisely this way of viewing the world; it had to direct its attention entirely toward it. And so it has come to pass that, gradually, habits of thought have developed from this field of activity that are initially unsympathetic to all that is brought to light by research findings from the realm of spiritual life.

[ 3 ] Man kann diese Tatsache nicht bloß in abfälliger Weise kritisieren; man muß sie verstehen. Man muß verstehen, daß es begreiflich ist, wenn über Betrachtungen, wie sie heute gepflogen werden, nur abfällige Bemerkungen Zustandekommen bei denjenigen, die der Sache nicht näherstehen, gleichgültig, von welcher Seite diese Bemerkungen kommen. Geistes Wissenschaft hat es ja nicht zu tun mit denjenigen Gebieten, mit denen es die naturwissenschaftliche Erkenntnis in unserer Zeit zunächst zu tun hat. Und Geisteswissenschaft unterscheidet sich von dieser naturwissenschaftlichen Vorstellungsart nicht bloß durch das, was betrachtet wird, sondern sie unterscheidet sich namentlich auch durch die ganze Art und Weise, wie betrachtet wird. Und gerade diese Art und Weise ist eigentlich für unsere Zeitgenossen ganz anstößig, ganz unsympathisch.

[ 3 ] One cannot simply criticize this fact in a disparaging manner; one must understand it. One must understand that it is understandable when, regarding the kind of thinking that is common today, only disparaging remarks are made by those who are not closely involved with the subject—regardless of which side these remarks come from. Spiritual science, after all, has nothing to do with the fields that are the primary focus of scientific knowledge in our time. And spiritual science differs from this scientific mode of thinking not only in what is observed, but also, and in particular, in the entire manner in which it is observed. And it is precisely this manner that is actually quite offensive and quite unappealing to our contemporaries.

[ 4 ] Naturwissenschaft, die voll anerkannt wird von der Geisteswissenschaft und die in unserer Zeit zu den großen Triumphen unserer Epoche geführt hat, Naturwissenschaft muß sich mit dem beschäftigen, was von außen an den Menschen herantritt, und sie muß dieses wiederum nach seiner Außenseite betrachten. Ihr ist es – aus gewissen Gründen, die uns am heutigen Abend entgegentreten werden – gerade wegen dieser ihrer Stärke nicht möglich, in das Innere der Dinge wirklich einzudringen. Geisteswissenschaft muß gerade durch ihre Aufgabe, durch ihr Wesen, in das Innere der Dinge eindringen. Und wenn man erinnern möchte an das Goethe-Wort über Erkenntnis, das wiederum anknüpft an das Wort des großen Naturforschers Haller, so könnte man sagen, daß eigentlich mit diesem Goethe-Wort hingeleitet wird von der äußeren Naturbetrachtung zu der inneren, Goetheschen Betrachtungsart. Der Naturforscher Haller hatte gesagt:

[ 4 ] Natural science, which is fully recognized by spiritual science and which has led to the great triumphs of our era, must concern itself with what approaches human beings from the outside, and it must, in turn, consider this from its external aspect. Precisely because of this strength—for certain reasons that will become apparent to us this evening—it is not possible for natural science to truly penetrate into the inner nature of things. Spiritual science, by virtue of its very task and its very nature, must penetrate into the inner nature of things. And if one wishes to recall Goethe’s words on knowledge—which in turn tie in with the words of the great naturalist Haller—one could say that Goethe’s words actually lead us from the external observation of nature to the inner, Goethean mode of observation. The naturalist Haller had said:

Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist, Glückselig, wem sie nur die äußre Schale weist.

No creative spirit penetrates the depths of nature; Blessed is he to whom she reveals only her outer shell.

[ 5 ] Und Goethe, der auch in der Naturbetrachtung ganz von geistigen Untergründen ausging, ganz vom Geistigen durchdrungen war, sagte darauf:

[ 5 ] And Goethe, who also approached the observation of nature entirely from a spiritual perspective and was thoroughly imbued with the spiritual, replied:

Das hör ich sechzig Jahre wiederholen, Ich fluche drauf, aber verstohlen; Sage mir tausend tausendmal: Alles gibt sie reichlich und gern; Natur hat weder Kern Noch Schale, Alles ist sie mit einem Male. Dich prüfe du nur allermeist, Ob du Kern oder Schale seist.

I’ve heard this repeated for sixty years, I curse it, but only in secret; Tell me a thousand thousand times: She gives everything generously and gladly; Nature has neither core nor shell, She is everything all at once. Just examine yourself above all else, To see if you are core or shell.

[ 6 ] Gewiß hatte Goethe das hohe Recht, so zu sprechen. Aber man muß sagen, er leitete zugleich über von der äußeren Naturbetrachtung zur Geistesbetrachtung. Und wenn er sagt:

[ 6 ] Goethe certainly had every right to speak in this way. But it must be said that, at the same time, he shifted his focus from an external contemplation of nature to a contemplation of the spirit. And when he says:

Ort für Ort sind wir im Innern,

Place by place, we are within,

[ 7 ] so können wir doch so sagen: Wir sind nur dann im Innern der Natur, wenn wir in die Lage kommen, hinter allem Physischen den schöpferischen Geist zu erkennen, der sich birgt in ihrem Kern. Dann stehen wir im Innern der Natur. Die Frage ist dann nur: Wie ist im Sinne der Geisteswissenschaft dieses Eindringen ins Innere der Natur vorzustellen?

[ 7 ] So we can say this: We are only within nature when we are able to recognize, behind all that is physical, the creative spirit that lies hidden at its core. Then we stand within nature. The only question then is: How, in the sense of spiritual science, should we conceive of this penetration into the innermost being of nature?

[ 8 ] Mit der Erkenntnisart, mit der man im gewöhnlichen Leben die Dinge betrachtet und die man den gewöhnlichen Handlungen zugrundelegt, die auch in der Wissenschaft geltend sind, mit dieser Erkenntnisart kann man nicht in das geistige Innere der Dinge eindringen. Deshalb muß man sagen: diese Erkenntnisart gehört der äußeren Naturbetrachtung an.

[ 8 ] With the kind of knowledge we use to observe things in everyday life—and which forms the basis for everyday actions, even those relevant to science—we cannot penetrate to the spiritual inner nature of things. Therefore, we must say that this kind of knowledge belongs to the external observation of nature.

[ 9 ] Zur Geistbetrachtung ist eine Selbsterziehung der Seele notwendig, eine Heranerziehung der Seele zu einer anderen Erkenntnisart und zu einem völlig anderen Seelen- oder Bewußtseinszustand. Die Seele muß etwas anderes aus sich machen, als sie im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft ist, wenn sie die geistigen Untergründe erforschen will. Welche Entwicklung, welche Selbsterziehung hat die Seele durchzumachen, wenn sie sich diejenigen Kräfte aneignen will, die im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft nicht vorhanden sind und mit denen man in das Innere der Dinge eindringt?

[ 9 ] Spiritual contemplation requires self-education of the soul—a process of guiding the soul toward a different kind of knowledge and a completely different state of the soul or consciousness. The soul must transform itself into something different from what it is in ordinary life and in ordinary science if it wishes to explore the spiritual foundations. What development, what self-education must the soul undergo if it wishes to acquire those powers that are not present in ordinary life and in ordinary science, and with which one penetrates into the innermost essence of things?

[ 10 ] Damit wir uns verständigen, muß ich Sie bitten, mit mir eine Art vergleichsweise Betrachtung zu machen, die aber keineswegs als Vergleich gemeint ist, sondern die uns tatsächlich in das Innere unserer ganzen Anschauungsweise, wie sie entwickelt werden soll, hineinführt.

[ 10 ] In order for us to understand one another, I must ask you to join me in a kind of comparative analysis—which is by no means intended as a comparison, but which actually leads us into the very heart of our entire way of thinking, as it is to be developed.

[ 11 ] Gehen wir aus von einem großen Naturwandel, der uns jährlich entgegentritt, von dem großen Naturwandel des Sommers und des Winters. Wir sehen mit dem Frühling aus der Erde hervorsprießen ein blühendes Wachstum, sich allmählich entfaltend zur Grünheit, zur mannigfaltigsten Buntheit in der Sommerszeit, zur Fruchtentfaltung gegen den Herbst, wo dann das Blühende, Fruchtende wieder beginnt zu welken, bis es gegen den Winter zu erstirbt. Wir sehen, wie im Winter alles das in einem dunklen Erdenschoß ruht, was im Sommer unseren Blick entzückt, unser Herz erfreut, wenn wir die Augen auf das lenken, was die Erde hervorbingt im Frühling, was sie weiter gedeihen läßt im Sommer. Wir sehen das sprossende Leben im Sommer herausquellen aus der Erde. Wir sehen es aber nicht nur so herausquellen, als ob die Erde das bloß heraustriebe durch die in der Erde befindlichen Kräfte, sondern wir wissen, daß die Pflanzen dem Licht entgegenwachsen, aus den Kräften des Lichtes zum Wachsen kommen. Und wir wissen ganz gut, daß ohne das Sonnenlicht, ohne die Kräfte, die von außen der Pflanze zuströmen, die Erde diese Pflanzen nicht hervorbringen könnte. Wir sehen die Erde im Verhältnis zu dieser kosmischen Weltumgebung, wenn wir die Pflanze im Frühjahr hervorsprießen sehen. Im Herbst ziehen sich diejenigen Kräfte zurück, die die Pflanzen hervorlocken, sie werden unwirksam. Und wir sehen diese Weltenkräfte gleichsam abgeschlossen von dem Fleck Erde, wo Winter ist; wir sehen dann die Erde sich selber überlassen.

[ 11 ] Let us begin with a major natural change that we experience every year—the great natural transition from summer to winter. With the arrival of spring, we see blooming growth sprouting from the earth, gradually unfolding into greenery, into the most diverse array of colors during the summer, and into the ripening of fruit as fall approaches, when the blooming and fruiting plants begin to wither again until they die off as winter approaches. We see how, in winter, everything that delights our eyes and gladdens our hearts in summer rests in the dark bosom of the earth—when we turn our gaze to what the earth brings forth in spring and allows to flourish in summer. We see the sprouting life welling up from the earth in summer. But we do not merely see it welling up as if the earth were simply driving it forth through the forces within the earth; rather, we know that plants grow toward the light, deriving their growth from the forces of light. And we know full well that without sunlight—without the forces flowing into the plant from outside—the earth could not bring forth these plants. We perceive the Earth in relation to this cosmic environment when we see plants sprouting in the spring. In the fall, the forces that draw the plants forth withdraw; they become inactive. And we see these cosmic forces, as it were, cut off from the patch of earth where winter reigns; we then see the Earth left to its own devices.

[ 12 ] Nehmen wir nun an, ein Mensch wäre so organisiert, daß in dem Augenblick, in dem im Frühling das sprießende Leben aus der Erde hervorquillt, er durch irgend etwas betäubt würde und daß er in diesem Zustand, in einer Art Schlafzustand, den Frühling und den Sommer durchmachte, daß er dann im Herbst wieder aufwachte und nur das kennenlernen würde, was Herbst und Winter bieten. Nehmen wir an, das könnte irgendwie eintreten, und nehmen wir an, die Erde wäre nur von solchen Wesen bewohnt, die die Erde nur in ihrem leblosen Zustand schauen; sie würden die Erde nur schauen, wenn sie die Keime der Pflanzen in ihrem Innern birgt; und das, was außen ist, würde höchstens in den Dauergewächsen daran erinnern, daß es auch einen Frühling, einen Sommer gibt. Solche Wesen würden glauben, daß die Erde etwas ganz anderes sei für den Menschen, als sie ist. Sie würden sie nur nach ihrer Winterseite sehen und würden die Erde für das halten, was Unlebendiges, Verödetes hervorbringt. Man male sich einmal aus, wie das Bild der Erde wäre für solche Wesenheiten.

[ 12 ] Let us now suppose that a human being were organized in such a way that, at the very moment when sprouting life wells up from the earth in spring, he would be rendered unconscious by some force, and that in this state—a sort of sleep—he would pass through spring and summer, only to awaken again in the fall and experience only what autumn and winter have to offer. Let us suppose that this could somehow happen, and let us suppose that the Earth were inhabited only by beings who see the Earth solely in its lifeless state; they would see the Earth only when it harbors the seeds of plants within it; and what lies on the outside would, at most, be reminiscent—in the evergreen plants—of the fact that there is also a spring and a summer. Such beings would believe that the Earth is something entirely different for humans than it actually is. They would see it only from its winter side and would regard the Earth as that which produces the inanimate and desolate. Just imagine what the image of the Earth would be like for such beings.

[ 13 ] Wenn wir das Bild noch weiter ausdehnen, so könnten wir sagen, solche Wesenheiten würden herumwandern um die Erde, um auf der einen Hälfte der Erde und dann auf der anderen Hälfte der Erde den Winter durchzumachen, so daß sie nie den Sommer erleben. Dann brauchten sie nicht zu schlafen. Dann würden sie vielleicht den Blick immer abgewendet halten von dem, was Leben ist. Sie würden die Erde nur in erstorbenem Zustand kennenlernen. Wir lenken den Blick auf das, was verborgen wäre für solche Wesen. Alles das, was dem Menschen sich offenbart zur Sommerzeit, was die Erde zu einer Quelle des lebendigen Daseins macht, das wäre eine verborgene Welt für solche Wesenheiten.

[ 13 ] If we expand this image even further, we could say that such beings would wander around the Earth, spending the winter on one half of the Earth and then on the other half, so that they would never experience summer. Then they would not need to sleep. Then they might perhaps always keep their gaze turned away from what life is. They would come to know the Earth only in a state of death. We turn our gaze to what would be hidden from such beings. Everything that reveals itself to human beings in the summertime—everything that makes the Earth a source of living existence—would be a hidden world to such beings.

[ 14 ] Nun, nicht in bezug auf die Erde, aber in bezug auf etwas anderes gibt es diese Erscheinung auf der Erde, von der hier gesprochen worden ist, und zwar gibt es diese Erscheinung im Menschen selbst. Das Beobachtungsfeld ist allerdings nicht die Erde, sondern es ist der Mensch. Selbsterkenntnis des Menschen für das gewöhnliche Leben ist in einer gewissen Weise so geartet wie die Erdenerkenntnis geartet wäre für ein Wesen, wie es jetzt angeführt worden ist. Warum?

[ 14 ] Well, not in relation to the Earth, but in relation to something else—this phenomenon on Earth that has been discussed here does exist, and indeed, it exists within human beings themselves. The field of observation, however, is not the Earth, but rather human beings. Self-knowledge for ordinary life is, in a certain sense, of the same nature as knowledge of the Earth would be for a being such as has just been described. Why?

[ 15 ] Wenn wir den Menschen betrachten in seinem alltäglichen Leben, so wechselt dieses alltägliche Leben zwischen einem Schlaf- und einem Wachzustand. Und betrachten wir den Menschen, auch schon naturwissenschaftlich – denn die Naturwissenschaft ist jetzt daran, das auch äußerlich zu erkennen –, betrachten wir den Menschen, wie er sich uns darstellt im Schlafe. Da schweigen in ihm all die Erlebnisse, die innerlich seelisch vom Aufwachen bis zum Einschlafen in uns auf- und abwogen; Triebe, Leidenschaften, Ideale, Gefühle, alles das schweigt dann. Und betrachten wir dann das, was äußerlich sichtbar ist an dem schlafenden Menschen. Was haben wir da vor uns? Ein Wesen, das lebt – gewiß; es lebt im Schlafe, aber wir haben ein Wesen vor uns, das wir wohl vergleichen können mit einer Pflanze. Ein Wesen haben wir vor uns, das ganz den Wert einer Pflanze hat. Und ein solches Wesen, das ganz den Wert einer Pflanze hat, von dem müssen wir sagen, daß es seinen Lebensunterhalt in einer ähnlichen Weise hat wie die Pflanzendecke der Erde. Wie wir die Pflanzendecke der Erde, wenn sie sproßt und sprießt, nur begreifen können unter dem Eindruck der Weltenkräfte, der kosmischen Kräfte, so können wir auch diesen schlafenden Menschenleib nur begreifen, wenn wir ihn uns so vorstellen wie das Pflanzenwesen. Will man sich vorstellen, daß in dem Menschen das Leben sprießt und sproßt, so nimmt man gewöhnlich, wenn man auf diese Dinge zu sprechen kommt, einen ganz falschen Standpunkt ein: man vergleicht gewöhnlich das wache Leben des Menschen vom Morgen bis zum Abend mit dem sprießenden Pflanzenleben vom Frühjahr bis zum Herbst. Der Wirklichkeit entspricht es aber, sich vorzustellen, daß der Mensch im Schlafe in eine Art von Pflanzenzustand übergeht, das heißt, daß beim Einschlafen für den Menschen ein Frühling kommt und daß er in den Sommer hineingeht, je weiter wir in die Nacht hineinkommen. Wenn es auf das Aufwachen zugeht, ist im Menschen Herbsteszeit, und vom Aufwachen bis zum Einschlafen, also im wachen Tagesleben, haben wir im Menschen Winterszeit. Wie gesagt, sogar die Naturwissenschaft ist heute darauf gekommen, das zu verifizieren. Winterszeit haben wir beim wachenden Menschen aus dem Grunde, weil das Tagesleben zerstörend und ertötend wirkt – so wie der Winter für die Erde –, und durch alles, was sprießendes, sprossendes Leben ist, in der Nacht wiederhergestellt werden muß. So wie der Winter verödend hinzieht über die Erde, so zieht das wache Tagesleben sengend und lähmend über das Leben hin, und zur Seelensommerzeit, wo der Mensch im Pflanzenzustand ist, da wird in ihm das bewirkt, was wie das sprossende, sprießende Leben der Pflanzen der Erde zur Sommerzeit ist.

[ 15 ] When we observe human beings in their everyday lives, we see that this everyday life alternates between a state of sleep and a state of wakefulness. And if we observe human beings—even from a scientific perspective, since the natural sciences are now beginning to recognize this externally as well—we observe how they present themselves to us in sleep. All the experiences that have been ebbing and flowing within us, from waking to falling asleep—instincts, passions, ideals, feelings—all of that falls silent. And let us then observe what is outwardly visible in the sleeping person. What do we see before us? A being that lives—certainly; it lives in sleep, but we have before us a being that we can well compare to a plant. We have before us a being that possesses the full value of a plant. And of such a being, which possesses the full value of a plant, we must say that it sustains itself in a manner similar to that of the Earth’s plant cover. Just as we can only understand the Earth’s vegetation, as it sprouts and grows, in the light of the world forces, the cosmic forces, so too can we only understand this sleeping human body if we imagine it as a plant being. If one wants to imagine that life sprouts and flourishes within the human being, one usually adopts a completely wrong point of view when discussing these matters: one typically compares the waking life of the human being from morning to evening with the sprouting plant life from spring to fall. But it corresponds to reality to imagine that, in sleep, the human being transitions into a kind of plant-like state; that is to say, when falling asleep, spring arrives for the human being, and the further into the night we go, the more the human being enters summer. As waking approaches, it is autumn within the human being, and from waking until falling asleep—that is, during waking daily life—we have winter within the human being. As I said, even the natural sciences have now come to verify this. We have “winter” in the waking human being because daily life has a destructive and killing effect—just as winter does for the earth—and must be restored at night through everything that is sprouting and budding life. Just as winter sweeps desolately across the earth, so does waking daily life sweep scorching and paralyzing over life; and during the soul’s summertime, when the human being is in a plant-like state, what is brought about within them is akin to the sprouting, budding life of the earth’s plants in summertime.

[ 16 ] Wir können also sagen: Das, was der Mensch entfaltet in seinem wachen Zustand, das verhält sich zu seinem Gesamtwesen so, wie das, was die kosmischen Weltenkräfte, die auf die Erde wirken, während der Winterszeit auf dieser Erde tun. Daraus allein können wir verstehen, was eigentlich unser waches Vorstellungsleben vom Aufwachen bis zum Einschlafen ist, was dieses Leben ist, das sich entfaltet in unserem wachen Vorstellungsleben, in unseren Empfindungen, Gefühlen und so weiter. Es ist so wie das Leben auf der Erde zur Winterszeit. Es ist das wache Leben die Seelenwinterzeit. Das ist die reale Betrachtung des Menschenwesens.

[ 16 ] We can therefore say: What a person unfolds in their waking state relates to their entire being in the same way that the cosmic forces acting upon the Earth do so during the winter season. From this alone we can understand what our waking life of imagination actually is—from the moment we wake up until we fall asleep—and what this life is that unfolds in our waking life of imagination, in our sensations, feelings, and so on. It is like life on Earth during the winter season. Waking life is the winter of the soul. This is the true view of the human being.

[ 17 ] Und jetzt kommen wir zurück zu unserer ersten Vorstellung. Der Mensch macht eine Seelensommerzeit durch, und in dem Augenblick, wo er eintritt in diese Zeit, wo in ihm etwas sich entfaltet wie das sprießende, sprossende Pflanzenleben, da verfällt er in die Bewußtlosigkeit – , so wie ein Wesen, das im Frühling einschlafen würde, nie das Pflanzenwachstum sehen könnte und einer verborgenen Welt gegenüberstände in der Sommerzeit. Und wie die kosmischen, die Weltenkräfte im Winter nicht eingreifen in das Erdenleben, wie sie im Winter nicht geeignet sind, das hervorzuziehen, was sich im Pflanzenwachstum offenbart, so sind die Winterkräfte des Menschen, seine Gedanken, seine Empfindungen, sein bewußtes Leben, nicht imstande, Sommerzeit zu machen im Menschen.

[ 17 ] And now let’s return to our first idea. Human beings go through a “summer of the soul,” and at the very moment they enter this time—when something within them unfolds like the sprouting, budding life of plants—they fall into unconsciousness—just as a being that were to fall asleep in spring would never be able to see plant growth and would face a hidden world during the summer. And just as the cosmic, world forces do not intervene in earthly life during winter—just as they are not suited in winter to bring forth what is revealed in plant growth—so too are the human being’s winter forces—his thoughts, his feelings, his conscious life—incapable of creating a “summer” within him.

[ 18 ] Es ist nun die Frage, die sich daran schließen muß, die folgende: Liegt in dieser Seelensommerzeit des Menschen etwas verborgen, was sich vergleichen ließe mit dem, was unseren hypothetischen Wesen verborgen bleibt, die durch ihren Schlafzustand nicht das wahrnehmen können, was erst offenbar wird im Pflanzenwachstum der Erde? Diese Frage kann nur beantwortet werden, wenn die Möglichkeit da ist, jene Bewußtlosigkeit, in die der Mensch verfallen ist in seiner Seelensommerzeit, umzuwandeln in Bewußtheit, das heißt, wenn es möglich ist, in dem Menschen einen Zustand herbeizuführen, durch den er so wahrnehmen kann, daß vor ihm sich die Seelensommerzeit ausbreitet mit all ihren Wesen, also wenn die Seelensommerzeit bewußt gemacht werden kann. Kann sie das? – Und eine andere Frage: Haben wir ein Recht vorauszusetzen, daß, wenn der Mensch sich die Seelensommerzeit bewußt macht, sich ihm dann etwas enthüllt aus der Verborgenheit heraus, was sich nicht nur mit dem vergleichen läßt, was sich in der Pflanzendecke der Erde offenbart, sondern was sich mit Recht nennen läßt eine höhere Welt, gegenüber der des gewöhnlichen Lebens? Daß wir so etwas vermuten dürfen, geht aus der folgenden Betrachtung hervor.

[ 18 ] The question that must now follow is this: Is there something hidden in this “summer of the soul” of human beings that could be compared to what remains hidden from our hypothetical beings, who, because of their state of sleep, cannot perceive what first becomes apparent in the growth of the Earth’s plants? This question can only be answered if it is possible to transform the unconsciousness into which the human being has fallen during the soul’s summer into consciousness, that is, if it is possible to bring about a state within the human being through which he can perceive in such a way that the soul’s summer unfolds before him with all its beings—in other words, if the soul’s summer can be made conscious. Is this possible?—And another question: Do we have a right to assume that, when a person becomes conscious of the soul’s summertime, something will be revealed to them from the hidden realm—something that is not merely comparable to what is revealed in the Earth’s vegetation, but which can rightly be called a higher world, distinct from that of ordinary life? That we may assume such a thing is evident from the following consideration.

[ 19 ] Wenn wir die Welt betrachten, da finden wir, daß sie sich entfaltet in den verschiedenen Reichen der Natur, und in diese Reiche ist der Mensch hineingestellt. Es gehört wahrhaftig keine Überheblichkeit dazu, wenn der Mensch voraussetzt, daß zu seiner Schöpfung gewisse höhere Kräfte notwendig sind, höher als die Kräfte, die sich in den anderen Naturreichen entfalten, und auch nicht dazu einzusehen, dass, wenn wir während unseres Taglebens unsere Kräfte abnutzen und diese wiederhergestellt werden in der Nacht, während der Seelensommerzeit, dann sich zeigt, wie diese höheren Kräfte sind, um den Menschen wieder aufzubauen. Zwar können wir aus dem, was in der Nacht geschieht, nicht gleich wahrnehmen, wie die gesamten Bildekräfte des Menschen sind. Aber indem wir während des Tages menschliche Lebenskräfte abtragen und zur Nachtzeit wieder herstellen, finden wir doch darin herstellende Kräfte, die sich nur der Beobachtung verbergen. So haben wir zu vermuten, daß diese Bildekräfte, die Verlebendigungskräfte des Menschen, sich offenbaren, wenn wir bewußt eindringen können in die Seelensommerzeit. Und in die Seelensommerzeit muß derjenige bewußt eindringen, der ein Forscher auf dem Gebiete des Geisteslebens werden will.

[ 19 ] When we look at the world, we find that it unfolds in the various kingdoms of nature, and that human beings are placed within these kingdoms. It is truly no arrogance for human beings to assume that certain higher forces are necessary for their creation—forces higher than those that unfold in the other kingdoms of nature—nor is it arrogant to recognize that when we wear down our forces during the day and they are restored at night, during the soul’s summer, it becomes evident what these higher forces are like in rebuilding the human being. Admittedly, we cannot immediately perceive from what happens at night what the totality of the human formative forces is like. But as we expend human life forces during the day and restore them at night, we do find in this process restorative forces that are simply hidden from observation. Thus, we must assume that these formative forces—the vitalizing forces of the human being—reveal themselves when we are able to consciously enter the soul’s summertime. And anyone who wishes to become a researcher in the field of spiritual life must consciously enter the soul’s summertime.

[ 20 ] Was sind für den Geistesforscher diese Vorstellungen, Ideen und Begriffe, die er im wachen Zustand hat? Nun, es sind diejenigen inneren Wesenheiten des Menschen, die vorhanden sind zur Seelensommerzeit. Und es ist wiederum kein besonderer Vergleich, sondern die Realität: In seiner Seelensommerzeit, wenn in ihm alles blüht, dann hat er in dieser Zeit etwas, was sich in seinem Wesen so verhält wie die Keime, die im Winter im Schoße der Erde ruhen, zu den vollentwickelten Pflanzen des Sommers sich verhalten. Können wir das, was als waches Leben gleichsam die bildenden Winterkeime des Menschen sind, können wir diese in uns selbst zum Keimen, zum Sich-Entwickeln, zum Leben bringen, so tun wir in Wirklichkeit dasselbe, was mit der Erde geschieht, wenn sie gegen den Frühling zu das Leben, die Keime zur Entwicklung bringt.

[ 20 ] What are these images, ideas, and concepts that the spiritual researcher experiences while awake? Well, they are those inner essences of the human being that are present during the soul’s summer. And again, this is not a mere comparison, but reality: During the soul’s summer, when everything within him blossoms, he possesses something that relates to his being in the same way that the seeds resting in the earth’s bosom during winter relate to the fully developed plants of summer. If we can take what, in waking life, are, as it were, the formative winter seeds within us—and bring them to sprout, to develop, and to come to life—then we are in reality doing the very same thing that happens with the earth as it brings life and the seeds to development toward spring.

[ 21 ] Derjenige also, der bewußt eindringen will in die Seelensommerzeit, der müßte das, was wie die im Winter brachliegende Erde im Menschen ist – Gedanken, Empfindungen, Gefühle –, das alles müßte er zu einem lebendig sich regenden Dasein entfalten, wie sich im Frühling und im Sommer die Keime der Pflanzendecke der Erde entfalten. Was jetzt wie eine Forderung hingestellt wird, das kann wirklich geschehen. Wir können wirklich sozusagen unsere Gedanken, wie wir sie bewußt erleben, als die den Seelenwinter überdauernden Keime anschauen, und wir können etwas tun, um diese Keime zum Leben aufzurufen. Und das geschieht durch das, was man in der Geisteswissenschaft nennt: Konzentration, Kontemplation, Meditation.

[ 21 ] So whoever consciously wishes to enter the soul’s summertime must develop all that lies dormant within the human being—like the earth lying fallow in winter—thoughts, sensations, feelings—into a living, vibrant existence, just as the seeds of the earth’s vegetation unfold in spring and summer. What is now presented as a challenge can indeed be achieved. We can truly regard our thoughts—as we consciously experience them—as the seeds that have survived the winter of the soul, and we can take action to awaken these seeds to life. And this is achieved through what is known in spiritual science as concentration, contemplation, and meditation.

[ 22 ] Zunächst geht der Geistesforscher aus von den Gefühlen und Empfindungen, die er im gewöhnlichen Leben, also zur Seelenwinterzeit erlebt hat, und die zur Seelenwinterzeit daliegen wie Keime, die nichts von dem zeigen, wozu sie sich entfalten können. Der Mensch, der ein Geistesforscher werden will, muß diese Winterkeime seines Seelenseins zu einem energischeren Dasein aufrufen, als sie im gewöhnlichen Leben sind. Das geschieht durch Meditation, Konzentration, Kontemplation. Man macht dann die ganz besondere Entdeckung, wenn man die Begriffe, Empfindungen, Gefühle nicht so gebraucht, daß sie nur ein äußeres Dasein abbilden, sondern daß sie in unserer Seele leben, und zwar so, daß wir mit unserer Seele in ihnen leben, ganz darin aufgehen.

[ 22 ] First, the spiritual researcher takes as his starting point the feelings and sensations he has experienced in ordinary life—that is, during the soul’s winter—which lie dormant during this time like seeds that reveal nothing of what they are capable of unfolding into. The person who wishes to become a spiritual researcher must awaken these “winter seeds” of their soul life to a more vibrant existence than they have in ordinary life. This is achieved through meditation, concentration, and contemplation. One then makes a very special discovery when one uses concepts, sensations, and feelings not merely to reflect an external existence, but so that they live within our soul—and indeed, so that we live with our soul within them, becoming completely absorbed in them.

[ 23 ] Und damit die volle Kraft entwickelt werde, nehmen wir uns eine einfache Vorstellung heraus. Nicht auf den Inhalt dieser Vorstellung kommt es an. Während unsere Gedanken im gewöhnlichen Alltagsleben von Vorstellung zu Vorstellung gehen, wobei man nur vorübereilt, macht es der Geistesforscher so, daß er mit dem ganzen Seelenleben sich konzentriert auf eine Vorstellung, auf eine Empfindung, daß man durch einen Willensimpuls darauf ruht, und zwar eine gewisse Zeit lang. Dazu ist notwendig ein gewisses Abgezogensein von den äußeren Sinneseindrücken, auch von dem, was sonst unsere Seele denkt und vorstellt, woran sie sich erinnert, zum Beispiel Sorgen und dergleichen. Durch eine starke Willensentwicklung muß der Mensch dahin gelangen, einen Zustand herbeizuführen, der dem Einschlafen sehr ähnlich, und doch wiederum radikal davon verschieden ist. Der Zustand muß so sein, daß der Mensch sich nicht mehr seiner Leibesglieder bedient, daß er den Körper ruhen läßt wie im Schlafe, daß er nicht durch die Sinne wahrnimmt, daß man den Verstand, der ja schweigt im Schlafe, schlafen läßt, und daß man nur das eine durch starken Willensentschluß bewerkstelligt: in dieses sonst schweigende und ruhende Bewußtsein einer eben durch Willkür in das Bewußtsein hineinversetzten Vorstellung sich hinzugeben und darauf eine Weile zu ruhen, sie innerlich ganz und gar zu erleben. Ohne zu fragen, was es bedeutet, hat man nur darauf zu achten, was es bewirkt in der Seele, was es an Kraft gibt; man hat nur sich zu konzentrieren auf diese Vorstellung.

[ 23 ] And in order to develop this power to its fullest, let us take a simple image. The content of this image is not what matters. While our thoughts in ordinary everyday life move from one image to the next—merely skimming over them—the spiritual researcher concentrates his entire soul life on a single image, on a single sensation, resting upon it through an impulse of will for a certain period of time. This requires a certain detachment from external sensory impressions, as well as from what our soul otherwise thinks and imagines—what it remembers, such as worries and the like. Through the strong development of the will, a person must arrive at a state that is very similar to falling asleep, yet radically different from it. The state must be such that one no longer makes use of one’s limbs, that one allows the body to rest as in sleep, that one does not perceive through the senses, that one allows the intellect—which is silent during sleep—to sleep, and that one accomplishes only this one thing through a strong act of will: to surrender oneself to this otherwise silent and resting consciousness—to an idea that has just been brought into consciousness by an act of will—and to rest upon it for a while, experiencing it inwardly and completely. Without asking what it means, one must pay attention only to what effect it has on the soul, what power it possesses; one must concentrate solely on this idea.

[ 24 ] Das, was hier im Prinzip geschildert wird, das bildet den Inhalt einer Wissenschaft. Das Nähere darüber finden Sie in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und «Die Geheimwissenschaft im Umriß». Hier können die Dinge nur im Prinzip angedeutet werden. Das, worauf es ankommt, ist, daß die Seele sich einer einzelnen Vorstellung hingibt, aber eine gewisse Zeitdauer lang. Nicht lange Zeit braucht es zu sein, aber tief muß man sich versenken in die Vorstellung. Man muß verwachsen mit der Vorstellung, sich ganz konzentrieren auf diese Vorstellung. Es genügt aber nicht, so etwas wenige Male zu machen, sondern solche Übungen müssen lange, je nach der Begabung des Menschen jahrelang fortgesetzt werden. Dann, wenn die Seele, die ja jedes einzelne Mal nicht viel Zeit darauf zu verwenden braucht, sich immer wieder solchen Übungen hingibt, dann macht man die Entdeckung, daß wirklich die im gewöhnlichen Leben in unserer Seele vorhandenen Gefühle und Gedanken und Vorstellungen wie Keime sind, die sich entfalten können, die etwas Neues, etwas Besonderes aus sich heraustreiben. Und man kommt durch solch ein in starker Selbsterziehung herbeigeführtes inneres Leben dazu, seine Vorstellungen und Gefühle allmählich so zu gestalten, daß man innerlich eine Welt verwirklichen kann, die nicht, wie unsere gewöhnliche Vorstellungswelt, gebunden ist an die äußeren Sinne, sondern die hervorgezaubert ist als Keime, die die Seelenwinterzeit überdauern. Und wir erleben dann den Aufgang des Seelenfrühlings, der Seelensommerzeit. Der Geistesforscher muß das bewußt erleben. Er muß erleben, wie er, abgeschlossen von der äußeren Welt, in sich selbst eine Seelenfrühlingszeit, eine Seelensommerzeit erweckt, wie er eine andere Welt hineinstellt in die Welt, die er sonst hat, in die Seelenwinterzeit. Dann geht dem Menschen in der Tat eine neue Welt auf, eine Welt, die er vorher nicht gekannt hat.

[ 24 ] What is described here in principle constitutes the content of a science. You will find more details on this in my books *How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?* and *An Outline of Esoteric Science*. Here, these matters can only be touched upon in principle. What matters is that the soul devotes itself to a single mental image—but for a certain period of time. It need not be a long time, but one must immerse oneself deeply in the image. One must become one with the image, concentrating entirely on it. However, it is not enough to do this just a few times; such exercises must be continued for a long time—even for years, depending on the individual’s aptitude. Then, when the soul—which, after all, does not need to devote much time to it each individual time—devotes itself to such exercises again and again, one discovers that the feelings, thoughts, and ideas present in our soul in ordinary life are truly like seeds that can unfold, giving rise to something new, something special. And through such an inner life, brought about by rigorous self-discipline, one comes to gradually shape one’s ideas and feelings in such a way that one can realize an inner world that is not, like our ordinary world of imagination, bound to the external senses, but is conjured forth as seeds that survive the winter of the soul. And we then experience the dawn of the soul’s spring, the soul’s summer. The spiritual researcher must consciously experience this. He must experience how, withdrawn from the outer world, he awakens within himself a springtime of the soul, a summertime of the soul; how he places another world within the world he otherwise inhabits—the wintertime of the soul. Then a new world truly opens up to the human being—a world he did not know before.

[ 25 ] Nur eines ist notwendig: daß er lernt, gegenüber dieser Welt, die ihm jetzt aufgeht, sich so zu verhalten, wie er sich sonst verhält gegenüber der Welt der Seelenwinterzeit.

[ 25 ] Only one thing is necessary: that he learn to relate to this world, which is now opening up to him, in the same way he relates to the world of the winter of the soul.

[ 26 ] Ich sagte, diese innere Welt geht auf zur Seelensommerzeit. Aber zunächst hat diese Welt, die da aufgeht, äußerlich gewisse Ähnlichkeit mit einer anderen Welt, die uns zu unserem Leidwesen begegnet und die aus krankhaften Seelenzuständen herrührt. Die Ähnlichkeit ist nur eine äußerliche, denn das, was eben geschildert wurde, ist radikal verschieden von dem, was aus krankhaften Zuständen hervorgeht wie Halluzinationen, Wahnvorstellungen und dergleichen, weil es nur aus einem gesunden Seelenleben hervorgehen kann. Nur äußerlich sind sie einander dadurch ähnlich, daß beide aus der Seele aufsteigen.

[ 26 ] I said that this inner world opens up into the soul’s summertime. But at first, this world that is opening up bears a certain outward resemblance to another world that we encounter, much to our dismay, and that arises from pathological states of the soul. The resemblance is only superficial, for what has just been described is radically different from what arises from pathological states—such as hallucinations, delusions, and the like—because it can arise only from a healthy soul life. They are similar to one another only superficially, in that both arise from the soul.

[ 27 ] Nun haben aber diese Erscheinungen, die aus krankhaften Zuständen hervorgehen, eine bestimmte Eigentümlichkeit, die wir oft beklagen müssen. Sie wirken auf das menschliche Leben überwältigend, ja betörend. Denn das, was die Seele erlebt als Halluzination, das sieht sie nicht an als ein Spiegelbild ihres Wesens, sondern sie sieht es an als eine objektiv-wirkliche Welt. Und das ist ein großer Fehler! Wir wissen, wie stark dieser Fehler wirken kann. Jemand, der mit solchen Menschen lebt, weiß, daß man ihnen ihre Halluzinationen nie ausreden kann. Das ist aus dem Grunde so, weil in dem Augenblick, wo der Mensch über das normale Seelenleben hinausschreitet, wo er die ihm sonst gewohnte Seelenwinterzeit überschreitet, aus dieser noch stark etwas hervortritt, was sonst auch in ihm vorhanden ist. Wir kommen wieder zurück auf unseren Vergleich, der aber mehr ist als ein Vergleich.

[ 27 ] However, these phenomena, which arise from pathological conditions, have a certain peculiarity that we often have cause to lament. They have an overwhelming, even beguiling effect on human life. For what the soul experiences as a hallucination, it does not regard as a reflection of its own nature, but rather as an objectively real world. And that is a grave mistake! We know how powerful the effects of this mistake can be. Anyone who lives with such people knows that you can never talk them out of their hallucinations. This is because, the moment a person steps beyond normal soul life—the moment they transcend the “soul’s winter” to which they are otherwise accustomed—something that is otherwise present within them emerges with great force from that winter. We return once more to our comparison, which is, however, more than just a comparison.

[ 28 ] Wenn der Mensch herankommen fühlt Frühling und Sommer, und wenn er begabt ist für die Offenbarungen der Natur, dann möchte sein Herz aufjauchzen, dann hängt sein Herz an diesem sprossenden Leben; er ist ihm hingegeben. Es steigert sich die Hingabe an das, was uns entgegentritt, wenn wir übergehen von der schneebedeckten Erde zu dem sprießenden Leben des Frühlings und des Sommers. So ist es aber auch, wenn wir dem gegenübertreten, was in der Seele aus dieser selbst aufsteigt als eine Welt, die nicht die gewöhnliche Welt der Seelenwinterzeit ist. Wenn aufsteigen an dem Horizonte des kranken Seelenlebens Visionen, Halluzinationen, die im gewöhnlichen Leben im Seelenwinterleben nicht vorhanden sind, dann fühlt sich die Seele zunächst hingezogen und hingegeben an das, was da wie eine neue Welt hervorgeht. Und dennoch ist das nichts anderes als der Ausfluß der Seele selbst. Wenn der Mensch gegen den Frühling und den Sommer zu das äußere Treiben, das Sprießende, Sprossende liebt, so liebt er in dem, was aus der eigenen Seele hervorkommt, sich selbst. Das ist das Geheimnis. Aus diesem aus dem Innern hervorsprießenden Leben heraus blickt dem Menschen sein ihm sonst verborgenes Eigenleben entgegen. Er hängt deshalb an diesen Erscheinungen, kann sich nicht davon losreißen.

[ 28 ] When a person senses the approach of spring and summer, and if he is attuned to the revelations of nature, then his heart longs to rejoice; his heart is drawn to this burgeoning life; he is devoted to it. Our devotion to what we encounter deepens as we transition from the snow-covered earth to the burgeoning life of spring and summer. But it is the same when we encounter what rises within the soul from within itself—a world that is not the ordinary world of the soul’s winter. When visions and hallucinations—which are absent in ordinary life, in the winter of the soul—arise on the horizon of a sick soul life, the soul initially feels drawn to and devoted to what emerges there like a new world. And yet this is nothing other than the outpouring of the soul itself. When, as spring and summer approach, a person loves the outward bustle, the sprouting and budding, they are loving themselves in what emerges from their own soul. That is the secret. Out of this life sprouting from within, a person’s own life—otherwise hidden from them—looks back at them. They therefore cling to these phenomena and cannot tear themselves away from them.

[ 29 ] Man merkt erst auf diesem Gebiet, wie der Mensch stark selbstliebend, eigenliebend ist. Und man kann das begreifen, wenn man weiß, daß der Mensch [in seinen Visionen] sich selbst entgegentritt. Er müßte sozusagen sich selbst auslöschen, wenn er nicht an seine Visionen glaubte. Die gesteigerte Selbstliebe, die wie eine Naturkraft wirkt, die ist es, die den Visionär an seine Visionen so stark glauben läßt.

[ 29 ] It is only in this realm that one realizes how deeply self-loving, how deeply egotistical, human beings are. And one can understand this when one knows that [in his visions] a person confronts himself. He would, so to speak, have to annihilate himself if he did not believe in his visions. It is this heightened self-love, which acts like a force of nature, that causes the visionary to believe so strongly in his visions.

[ 30 ] Nicht darauf kommt es an, daß derjenige, der ein Geistesforscher wird, aus den den Seelenwinter überdauernden Gefühlen bloß neue Gefühle hervorruft, sondern daß er eine Willenskultivierung durchmacht. Denn das, was sich die kranke Seele nie sagt, was sich die Seele nur sagt, wenn sie wieder gesund ist, das muß sich der Geistesforscher sofort sagen, wenn die Welt, die eben geschildert worden ist, welche die Seelensommerzeit erfüllt, vor ihm auftritt. Besiegen muß er den erwachten, den zu großer Stärke gediehenen Selbsttrieb. Ausgelöscht muß dieser werden nicht nur in Gedanken, sondern ausgelöscht werden muß er durch einen starken Willen, den der Geistesforscher sich durch Schulung heranerzieht. Erst wenn ihm das gelingt, ist er in richtiger Weise vorbereitet für die Geisteswissenschaft.

[ 30 ] What matters is not that the person who becomes a spiritual researcher merely evokes new feelings from those that have survived the winter of the soul, but that he or she undergoes a process of cultivating the will. For what the sick soul never tells itself—what the soul tells itself only when it is healthy again—the spiritual researcher must tell himself immediately when the world just described, which fills the soul’s summertime, appears before him. He must overcome the awakened self-impulse that has grown too strong. This must be eradicated not only in thought, but it must be eradicated through a strong will that the spiritual researcher cultivates through training. Only when he succeeds in this is he properly prepared for spiritual science.

[ 31 ] Wie wäre ein Mensch, der als Geistesforscher nicht durch innere Willkür das auslöschen könnte, was sich da ausbreitet? Ein solcher Mensch wäre auf dem Gebiete des Geistes so wie ein Mensch, der auf dem Gebiete der Sinnenwelt einem Gegenstand gegenübersteht, ihn anschaut, aber nie wieder davon wegsehen könnte, als wäre er an diesen Gegenstand gefesselt. So wäre ein Geistesforscher, der das stehenlassen würde, was da herauftritt aus seiner Seelensommerzeit. Er muß alle einzelnen Bilder, die da heraufsteigen, auslöschen können. Und die richtige Schulung führt eben zu dem, was nur in einer vollständig gesunden Seele heranerzogen werden kann, in freier Handhabung alles das auszulöschen, was heraufkommt. Wie wir uns niemals richtig der Pflanzenwelt gegenüberstellen würden, wenn wir nicht frei das Auge hinlenken könnten von einem Punkt zum anderen, so würden wir nie herankommen an eine geistige Welt, wenn wir uns nicht abwenden könnten von dem, was eben geschildert wurde. Das ist eine notwendige Eigenschaft des echten Geistesforschers, daß er in solchem Grade durch Selbsterziehung die Selbstsucht besiegt haben muß, daß er imstande ist, mit starker innerer Kraft – denn eine solche ist notwendig – die Welt, die er hervorgezaubert hat, jederzeit auch wieder auszulöschen. Weil es seine eigene Seelenwelt ist, heißt das, sich selbst auszulöschen.

[ 31 ] What would a person be like who, as a spiritual researcher, could not—through inner willpower—eradicate what is spreading there? Such a person would be, in the realm of the spirit, like a person in the realm of the sensory world who stands before an object, looks at it, but could never look away again, as if bound to that object. Such would be a spiritual researcher who were to allow what arises from the “summertime” of his soul to remain. He must be able to erase every single image that arises. And proper training leads precisely to what can be cultivated only in a completely healthy soul: the free ability to erase everything that arises. Just as we would never truly engage with the plant world if we could not freely direct our gaze from one point to another, so too would we never gain access to a spiritual world if we could not turn away from what has just been described. This is a necessary quality of the genuine spiritual researcher: he must have overcome selfishness through self-discipline to such an extent that he is able, with strong inner power—for such power is necessary—to erase the world he has conjured up at any time. Because it is his own inner world, this means erasing himself.

[ 32 ] Selbstbesiegung ist das, was als erste Etappe zu gelten hat auf dem Wege des Hereinkommens in die geistige Welt.

[ 32 ] Self-conquest is what must be regarded as the first stage on the path to entering the spiritual world.

[ 33 ] Wenn dies eingetreten ist – und es ist ein großes Erlebnis, wenn die Menschenseele dazu gekommen ist, das Hervorgebrachte wieder auszulöschen –, wenn dies eingetreten ist, dann erlebt der Geistesforscher das, was man nennen kann eine objektive geistige Welt. Dann tritt in dem durch Auslöschen frei gewordenen Geistesfelde die objektive geistige Welt hervor. Hier ist der Abgrund, den die Seele überschreiten muß, wenn sie in die geistige Welt eintritt. Und wenn die Seele diesen Abgrund überschritten hat, wenn sie die Selbstliebe besiegt hat, dann kann ihr auch die Welt, die ihr entgegentritt, etwas geben.

[ 33 ] When this has occurred—and it is a profound experience when the human soul has reached the point of being able to erase what it has brought forth—when this has occurred, then the spiritual researcher experiences what can be called an objective spiritual world. Then, in the spiritual field that has been freed through this erasure, the objective spiritual world emerges. Here lies the abyss that the soul must cross when it enters the spiritual world. And once the soul has crossed this abyss, once it has overcome self-love, then the world that meets it can also offer it something.

[ 34 ] Man kann ja sagen, wenn man nur materialistische Vorstellungen und keine Fähigkeit hat, auf das einzugehen, was die Geistesforschung zu bieten vermag: Wie unterscheidest du denn das, was da in der Seele aufsteigt, von der äußeren Wirklichkeit?

[ 34 ] One might say, if one has only materialistic ideas and no ability to engage with what spiritual research has to offer: How do you distinguish what arises in the soul from external reality?

[ 35 ] Über solche Dinge entscheidet nur das Leben, wie auch im äußeren Leben nur das Leben selbst entscheidet, ob etwas Wahrnehmung ist oder Vorstellung. Man kann dies unterscheiden. Ich habe Schopenhauer immer voll anerkannt; ich habe ja selbst eine Einleitung zur Herausgabe seiner Werke geschrieben. Aber wenn Schopenhauer sagt, daß die Welt nur unsere Vorstellung sei, so läßt sich das leicht widerlegen durch etwas, was zwar trivial klingt, was aber eine volle Widerlegung ist. Wenn man vor sich ein Stück rotglühendes Eisen liegen hat, so kann man ja sagen: das ist nur meine Vorstellung. Wenn man es aber anfaßt, dann merkt man sehr gut, ob es nur eine Vorstellung ist oder eine Realität. Einen logischen Beweis für das eben Gesagte gibt es nicht; es gibt nur das Leben, das da entscheidet. Und die Geistesforschung führt uns dazu, auf geistigem Felde Wahrnehmung und Vorstellung, das heißt Wirklichkeit und Phantasie wohl zu unterscheiden. Wir müssen nur das Leben in seiner ganzen vollen Wirklichkeit nehmen und nicht beim halben Erleben stehenbleiben. Wir sehen, wodurch sich die Geistesforschung von der Naturforschung unterscheidet. Die Naturforschung bleibt bei den Erkenntniskräften stehen, die der Mensch mit ins Leben bringt und im Leben entwickelt. Die Geisteswissenschaft kommt nur dadurch zu etwas, daß der Mensch seine Seele weiterentwickelt, daß er die geschilderte Etappe durchmacht, das heißt, daß er seine Seele zu einem Entwicklungszustand bringt, der sich vergleichen läßt mit dem Zustand beim Kinde im dritten, vierten Lebensjahr, wenn es zum Selbstbewußtsein erwacht. Jeder kennt dieses Erwachen, wo das Bewußtsein des Kindes zum Selbstbewußtsein wird. Auf einer höheren Stufe tritt etwas Ähnliches ein beim Geistesforscher: er erwacht zu einem solchen höheren geistigen Leben, demgegenüber das gewöhnliche wache Tagesbewußtsein selbst eine Art von Schlafzustand ist.

[ 35 ] Only life itself decides such matters, just as in external life it is life itself that decides whether something is perception or representation. One can distinguish between the two. I have always held Schopenhauer in the highest regard; indeed, I myself wrote an introduction to the edition of his works. But when Schopenhauer says that the world is merely our idea, this can easily be refuted by something that, while it may sound trivial, is in fact a complete refutation. If you have a piece of red-hot iron lying in front of you, you might say: “That is merely my idea.” But when you touch it, you realize very clearly whether it is merely an idea or a reality. There is no logical proof for what has just been said; there is only life itself, which is the ultimate arbiter. And spiritual science leads us to make a clear distinction, in the spiritual realm, between perception and imagination—that is, between reality and fantasy. We need only take life in its full reality and not stop at a partial experience. We see how spiritual science differs from natural science. Natural science remains confined to the powers of cognition that a person brings into life and develops within it. Spiritual science achieves its results only when a person further develops their soul, when they pass through the stage described—that is, when they bring their soul to a state of development comparable to that of a child in their third or fourth year of life, when the child awakens to self-consciousness. Everyone is familiar with this awakening, when a child’s consciousness becomes self-consciousness. On a higher level, something similar occurs in the spiritual researcher: he awakens to a higher spiritual life, in comparison to which even ordinary waking consciousness is a kind of sleep state.

[ 36 ] Ein zweites Erwachen muß die Seele erleben, um einzudringen in eine neue Welt. Der Mensch ist, wenn er wirklich im Geistigen forscht, in demselben Zustand, in dem der Schlafende ist, nur ist er trotzdem in einer völlig entgegengesetzten Verfassung. Der Schlafende läßt seinen Leib völlig ruhen. Er läßt keine Sinneseindrücke in sich hereinkommen; er läßt nicht die Sinneswirklichkeit wirksam sein. Real ist derjenige, der im Geistigen forscht, in demselben Zustand, nur daß das, was beim Schlafenden bewußtlos ist, bei ihm bewußt ist und die geistige Welt wahrnimmt.

[ 36 ] The soul must experience a second awakening in order to enter a new world. When a person truly explores the spiritual realm, he is in the same state as a sleeping person, yet he is nevertheless in a completely opposite condition. The sleeper allows his body to rest completely. He does not allow sensory impressions to enter him; he does not allow sensory reality to take effect. In reality, the one who explores the spiritual realm is in the same state, except that what is unconscious in the sleeper is conscious in him, and he perceives the spiritual world.

[ 37 ] Wenn der Mensch so die geistige Welt wahrnimmt und kennenlernt, dann lernt er nicht etwa bloß das Geistige allein kennen, sondern er lernt auch einzelne Tatsachen und einzelne Wesenheiten kennen. Das verzeihen einem ja heute die Leute am wenigsten, daß man nicht nur von Seele und Geist spricht, sondern von einzelnen Wesenheiten. Der Materialismus ist heute im Abfluten, und die Menschen geben schon zu, daß man von Geist und Seele spricht. Man erlaubt schon, daß man von einzelnen Erscheinungen in der Natur spricht und nicht nur sagt Natur, Natur, Natur. Aber in bezug auf das Geistige erlaubt man heute noch nicht, daß die Geisteswissenschäft von einzelnen Wesenheiten spricht und nicht nur sagt, Geist, Geist und Seele, Seele. Der Geistesforscher dringt ein in eine konkret gestaltete, von Wesen erfüllte geistige Welt, in eine Welt also, die zu der äußeren Sinneswelt als eine neue Welt hinzukommt. Und da erfährt er, da sieht er die gestaltenden Kräfte der äußeren Welt, er sieht dasjenige, was der äußeren Welt als ihr Geistiges zugrundeliegt. Er dringt wirklich ein in das Innere der Natur – zunächst aber in das eigenes Innere. Er ist ja unmittelbar in seinem eigenen Innern darinnen.

[ 37 ] When a person perceives and comes to know the spiritual world in this way, they do not merely come to know the spiritual in general, but they also come to know individual facts and individual beings. That is, after all, what people today are least willing to forgive—that one speaks not only of the soul and the spirit, but of individual beings. Materialism is on the wane today, and people already admit that one speaks of spirit and soul. They already allow one to speak of individual phenomena in nature and not just say “nature, nature, nature.” But when it comes to the spiritual realm, people still do not allow spiritual science to speak of individual beings and not just say “spirit, spirit” and “soul, soul.” The spiritual researcher penetrates into a concretely formed spiritual world filled with beings—that is, into a world that is added to the outer sensory world as a new world. And there he experiences, there he sees the formative forces of the outer world; he sees that which underlies the outer world as its spiritual essence. He truly penetrates into the innermost being of nature—but first into his own inner being. For he is, after all, immediately present within his own inner being.

[ 38 ] Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie der Geistesforscher dazu kommen muß, das auszulöschen, was er erst hineingezaubert hat in seine Seelensommerzeit. Er kann das auslöschen, besser gesagt, er kann sich auslöschen in der für ihn neuerstandenen Welt. Aber etwas davon kann er nicht auslöschen. Ein Rest bleibt immer da. Und wenn der Geistesforscher in diesen Rest sich einlebt, dann lernt er ihn erkennen seiner inneren Wesenheit nach. Und das ist das tiefere, das geistigseelische Wesen, der eigentliche Wesenskern von ihm selbst. Wenn er die geschilderten Vorgänge durchmacht und dadurch zu einer realen Selbsterkenntnis gekommen ist, dann lernt er seinen Seelenkern etwa so kennen wie derjenige, der in einer Straßenschlammsubstanz gräbt und darin den Keim eines niederen Tieres findet. Wenn dann das niedere Tier entsteht, dann weiß der Betreffende, daß aus dem Keim das niedere Tier entstanden ist. Der Tierkeim muß erst dagewesen sein; er hat die Materie herangezogen, aber es wäre das niedere Tier nie entstanden, wenn nicht ein Keim vorhanden gewesen wäre.

[ 38 ] I have pointed out how the spiritual researcher must come to erase what he himself has conjured up into the summertime of his soul. He can erase it—or rather, he can erase himself—in the world that has been reborn for him. But there is one thing he cannot erase. A remnant always remains. And when the spiritual researcher becomes attuned to this remnant, he learns to recognize it according to its inner essence. And that is the deeper, spiritual-soul essence—the very core of his being. When he goes through the processes described and thereby arrives at a genuine self-knowledge, he comes to know the core of his soul much like someone who digs through muddy street sediment and finds within it the embryo of a lower animal. When the lower animal then emerges, the person in question knows that the lower animal arose from that embryo. The animal germ must have been there first; it drew the matter to itself, but the lower animal would never have come into being if a germ had not been present.

[ 39 ] So schaut der Mensch mit dem, was er auf dem Wege der Geistesforschung als Keim oder Kern des Geistig-Seelischen in sich selbst kennengelernt hat, nun wiederum in die objektive Welt. Er sieht darin etwa das folgende: Er sieht, wie ein Mensch in geheimnisvoller, wunderbarer Art von der ersten Stunde seines Daseins an sich immer weiter und weiter entwickelt. Die zunächst unbestimmten Gesichtszüge des Kindes werden immer bestimmter und bestimmter. Die Wissenschaft weiß, wie sich das Gehirn immer plastischer gestaltet. Von Jahr zu Jahr bildet sich der Körper des Menschen mehr aus. Dann schaut der Mensch auf Vater und Mutter, Großeltern, Urgroßeltern und so weiter, und er sagt sich: die Eigenschaften, die da heraufkommen, die finde ich bei meinen Eltern, Großeltern und so weiter, aber das, was diesen Eigenschaften zugrundeliegt, ist der geistig-seelische Kern, der auf dem Wege der Geistesforschung entdeckt worden ist. Und hier ist die Geistesforschung an einem Punkte, wo sie für die Gegenwart ein Ähnliches zu leisten hat, wie die Naturforschung im 17. Jahrhundert, als Francesco Redi, ein großer Naturforscher, sagte: Leben kann nicht entstehen aus Unlebendigem – nur aus Lebendigem kann Lebendiges entstehen. – Redi ist als Ketzer verfolgt worden. In einer ähnlichen Lage wie Francesco Redi ist heute wiederum die Geisteswissenschaft. Der Geistesforscher ist heute genötigt zu sagen: Die Erkenntnis dieses geistig-seelischen Wesenskerns des Menschen zeigt, daß er herrührt von einem geistigen Dasein, das der Mensch vor der Geburt durchgemacht hat, und daß er durchgegangen ist vor diesem geistigen Dasein durch frühere Erdenleben. Man sagt heute nicht mehr, das sei eine Ketzerei, sondern man sagt, es sei eine Verrücktheit. Auch heute versucht man, die Leute, die solche Dinge aussprechen, unschädlich zu machen. Man verbrennt sie zwar nicht – die Sitten sind etwas milder geworden, man spricht auch von Toleranz –, aber im Grunde genommen wird heute nur eine andere Methode angewendet für dasselbe. Im 17. Jahrhundert war es eine Ketzerei dieses Francesco Redi, was heute als naturwissenschaftliche Tatsache anerkannt wird. Und so gilt es heute noch als Phantasterei, wenn Geisteswissenschaft davon sprechen muß, daß der geistig-seelische Wesenskern des Menschen nicht auf die physische Vererbungslinie zurückführt, sondern zurückführt auf ein geistig-seelisches Erleben in früheren Erdenleben. Und dieses Erdenleben, in dem wir jetzt leben, ist der Anfang und die Aussaat für ein neues Erdenleben.

[ 39 ] Thus, with what he has come to recognize within himself—through spiritual research—as the seed or core of the spiritual-soul aspect, the human being now looks once more into the objective world. They see, for example, the following: They see how a human being, in a mysterious and wondrous way, develops further and further from the very first hour of their existence. The child’s initially indistinct facial features become more and more defined. Science knows how the brain becomes increasingly malleable. Year by year, the human body takes on more and more form. Then the person looks at their father and mother, grandparents, great-grandparents, and so on, and says to themselves: the characteristics that emerge here, I find them in my parents, grandparents, and so on, but what underlies these characteristics is the spiritual-soul core that has been discovered through spiritual science. And here spiritual science has reached a point where it must accomplish for the present day something similar to what natural science achieved in the 17th century, when Francesco Redi, a great natural scientist, said: Life cannot arise from the non-living—only from the living can the living arise. —Redi was persecuted as a heretic. Spiritual science today finds itself once again in a situation similar to that of Francesco Redi. Today, the spiritual scientist is compelled to say: The knowledge of this spiritual-soul core of the human being shows that it originates from a spiritual existence that the human being underwent before birth, and that prior to this spiritual existence, the human being passed through earlier earthly lives. Today, people no longer say this is heresy; instead, they say it is madness. Even today, attempts are made to neutralize people who speak of such things. They are not burned at the stake—manners have become somewhat milder, and people even speak of tolerance—but essentially, a different method is used today to achieve the same end. In the 17th century, what Francesco Redi proposed was considered heresy; today it is recognized as a scientific fact. And so it is still considered a flight of fancy today when spiritual science must speak of the fact that the spiritual-soul core of the human being does not trace back to the physical line of inheritance, but rather to a spiritual-soul experience in earlier earthly lives. And this earthly life in which we now live is the beginning and the seed for a new earthly life.

[ 40 ] Das, was der Geistesforscher als einen geistig-seelischen Wesenskern erkennt, was er nicht auslöschen kann, das ist nun ganz und gar verschieden von dem, was im wachen Tagesleben, zur Seelenwinterzeit, erlebt wird. Dieser geistig-seelische Wesenskern ist wie die aufgesprossene Pflanze gegenüber dem Keim der Pflanze. Er ist die wahre seelisch-geistige Realität, die im Menschen schafft und webt, welche das empfängt, was von Vater und Mutter gegeben wird, und sich innerlich an den Tag arbeitet, um zu einem physischen Dasein zu kommen, wie der Keim, der von einem vorhergehenden Wesen übrigblieb und nun wiederum sich entfaltet zu einem geistig-seelischen Wesen. Das, was da erkannt wird als geistig-seelischer Kern, das geht über Geburt und Tod hinaus.

[ 40 ] What the spiritual researcher recognizes as a spiritual-soul core—which he cannot eradicate—is entirely different from what is experienced in waking daily life, during the “winter of the soul.” This spiritual-soul core is like the sprouted plant in relation to the plant’s seed. It is the true spiritual-soul reality that creates and weaves within the human being, that receives what is given by father and mother, and works its way outward from within to come into physical existence—just as the seed, left over from a previous being, now unfolds once more into a spiritual-soul being. That which is recognized here as the spiritual-soul core transcends birth and death.

[ 41 ] Hier ist die Geistesforschung an einem ähnlichen Punkt wie in früheren Jahrhunderten die Naturforschung. Kopernikus, Giordano Bruno, sie konnten hinausschauen in die Weltenweiten und konnten sagen: Ja, was bis heute der Mensch geglaubt hat, daß der Himmel abschließt mit dem, was Menschenaugen sehen, das stimmt nicht mit der Wahrheit überein. Erweitert sah Giordano Bruno die Welt, und er sah, die Grenzen sind nur hingestellt durch ein schwaches menschliches Erkennen. Erweitert wurde durch ihn der Horizont des menschlichen Erkennens der physischen Welt. Und dasselbe hat der Geistesforscher heute wiederum zu leisten. Er hat der gegenwärtigen Menschheit die Erkenntnis zu bringen, daß der Mensch aus früheren Erdenleben stammt und daß er weitere Erdenleben zu durchleben hat. Geisteswissenschaft dehnt den Blick aus zu einer geistig-seelischen Unendlichkeit. Und wie Giordano Bruno unzählige Welten in die Raumesweiten eingefügt fand, so muß der Geistesforscher die Zeit erweitern, die zum Menschen gehört, in der er seinen geistig-seelischen Kern in vielen Leben nach vor- und rückwärts entfaltet.

[ 41 ] Here, spiritual research is at a similar point as natural science was in earlier centuries. Copernicus and Giordano Bruno were able to look out into the vastness of the universe and say: Yes, what humanity has believed until now—that the heavens end where the human eye can see—does not correspond to the truth. Giordano Bruno saw the world in a broader light, and he saw that the boundaries are set only by limited human understanding. Through him, the horizon of human understanding of the physical world was expanded. And the spiritual researcher today must accomplish the same thing. He must bring to present-day humanity the realization that human beings originate from previous earthly lives and that they have further earthly lives to live through. Spiritual science expands our vision to a spiritual-soul-filled infinity. And just as Giordano Bruno found countless worlds embedded in the vastness of space, so must the spiritual researcher expand the concept of time that pertains to the human being, within which the human being unfolds his spiritual and soul core across many lives, both past and future.

[ 42 ] So stellt sich heute die Geisteswissenschaft neben die Naturwissenschaft hin, nicht der Naturwissenschaft widersprechend, sondern sie voll anerkennend. Ja, gerade aus derselben Gesinnung, wie die Naturwissenschaft sie der Natur gegenüber hat, möchte die Geistesforschung zu einer Wissenschaft des Geistes kommen. Sie möchte so eindringen in die inneren Kräfte des Daseins, wie die Naturwissenschaft eindringt in die äußeren Kräfte des Daseins. Und zeigen wird sich, wenn einmal diese Geisteswissenschaft Platz greift im Geistesleben unserer Zeit, wie das volle Dasein, die volle Wirklichkeit nur dadurch erfaßt werden kann, daß man von zwei Seiten her sich dieser Wirklichkeit nähert, auf der einen Seite naturforscherisch, indem man die Welt von außen betrachtet, auf der anderen Seite geisteswissenschaftlich, indem man sie vom Geiste aus betrachtet, bis man von beiden Seiten kommend, [wie bei einem Tunnelbau,] in der richtigen Richtung bohrend, in der Mitte zusammentrifft. So findet man die wahre Wirklichkeit, indem man von der Natur und vom Geiste her in entgegengesetzter Linie zusammenarbeitet, bis die zwei Richtungen zusammenkommen.

[ 42 ] Thus, spiritual science today stands alongside natural science, not contradicting it, but fully acknowledging it. Indeed, it is precisely from the same attitude that the natural sciences adopt toward nature that spiritual research seeks to become a science of the spirit. It seeks to penetrate the inner forces of existence just as the natural sciences penetrate the outer forces of existence. And once this spiritual science takes root in the spiritual life of our time, it will become clear how full existence, full reality, can only be grasped by approaching this reality from two sides: on the one hand, through the natural sciences, by observing the world from the outside; on the other hand, through spiritual science, by observing it from the perspective of the spirit—until, coming from both sides, [as in the construction of a tunnel,] drilling in the right direction, meet in the middle. Thus one finds true reality by working together from nature and from the spirit along opposing lines until the two directions converge.

[ 43 ] Naturwissenschaft hatte ihre Morgenröte, als Kopernikus seine bedeutsame Weltanschauung in die Welt sandte. Geisteswissenschaft steht nun auf demselben Punkt und mit derselben Gesinnung dem Geiste gegenüber. Wenn man das äußere Leben naturwissenschaftlich erforscht, wenn man in der Physik, in der Chemie und so weiter das erforscht, was einem im äußeren Leben entgegentritt, und wenn man die mathematischen Gesetze erforscht, dann kommt man bis zu einem bestimmten Punkt. Gerade derjenige, der diese Dinge beurteilen kann, wird wissen, daß die Naturforschung mit ihrer Arbeit bis zu einem bestimmten Punkte kommt, zu dem Punkt, der mit dem Wort Leben zu bezeichnen ist. Wenn der Naturforscher die Pflanze untersucht, da will er sich immer mehr und mehr dem nähern, was das Leben ist. Leben ist etwas wie das große Ziel, dem man zustrebt in der Naturwissenschaft. Das Leben erforschen zu können, das ist das große Ideal der äußeren Naturwissenschaft. So gräbt sie in den Tunnel hinein.

[ 43 ] The natural sciences experienced their dawn when Copernicus introduced his momentous worldview to the world. The spiritual sciences now stand at the same point and face the spirit with the same mindset. When one investigates external life through the natural sciences—when one studies in physics, chemistry, and so on what one encounters in external life, and when one investigates mathematical laws—one reaches a certain point. Precisely those who are able to judge these matters will know that scientific research reaches a certain point in its work—the point that can be described by the word “life.” When the natural scientist examines a plant, he seeks to draw ever closer to what life is. Life is something like the great goal toward which one strives in the natural sciences. To be able to investigate life—that is the great ideal of external natural science. This is how it digs its way into the tunnel.

[ 44 ] Wenn der Geistesforscher die Saatkeime aufsprießen läßt, die dauern von der Seelenwinterzeit in die Seelensommerzeit hinein, und wenn er sich das zur bewußten Anschauung bringt, dann sieht er eine Welt vor sich. Und auch diese Welt hat einen solchen bestimmten Punkt, bis zu dem man kommt, den man gleichsam auch in der Ferne liegen sieht, so wie der Naturforscher das Leben in der Ferne liegen sieht. Und dieser Punkt, dem man sich nähert, wie der Naturforscher sich dem Leben nähert, dieser Punkt ist für den Geistesforscher der Tod.

[ 44 ] When the spiritual researcher allows the seed germs to sprout—germs that endure from the soul’s winter into the soul’s summer—and when he brings this to conscious perception, he sees a world before him. And this world, too, has a specific point that one reaches—a point that one sees, as it were, lying in the distance, just as the natural scientist sees life lying in the distance. And this point, toward which one approaches just as the natural scientist approaches life—this point is death for the spiritual researcher.

[ 45 ] Eine bestimmte Höhe muß der Geistesforscher erreichen, die Höhe, auf welcher er sich sagt: Bis zu einem gewissen Grade durchschaue ich das geistige Leben, durchschaue ich die Welt, die sich da vor mir ausbreitet. Aber dann steht etwas da, das man nicht berühren darf mit diesem innerlichen Erleben, dem man vielmehr das innerliche Erleben übergeben muß. – Man gelangt im Bewußtsein, im Erkennen zu allen möglichen Wesen und Tatsachen der übersinnlichen Welt, und man sieht, wie am Ende der Tod steht. Man sieht, wie das, was unser geistig-seelischer Wesenskern ist, durch den Tod gehen muß, wie er nach dem Tode durch die geistige Welt hindurchgehen muß, um in dieser geistigen Welt zu leben, und wie er dann wieder aufleben muß zu einem neuen Leben. Man sieht, wie Leben nach Leben sich entwickelt. Das gesamte Dasein setzt sich zusammen aus dem Leben in der geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und dem Leben in der physischen Welt zwischen Geburt und Tod.

[ 45 ] The spiritual researcher must reach a certain level—the level at which he says to himself: To a certain degree, I understand spiritual life; I understand the world that unfolds before me. But then there is something there that one must not touch with this inner experience; rather, one must surrender to it. — Through consciousness and knowledge, one arrives at all manner of beings and facts of the supersensible world, and one sees that death stands at the end. One sees how what is the core of our spiritual-soul being must pass through death, how after death it must pass through the spiritual world in order to live in that spiritual world, and how it must then come to life again in a new life. One sees how life unfolds from one life to the next. The entirety of existence consists of life in the spiritual world between death and a new birth, and life in the physical world between birth and death.

[ 46 ] Man bemeistert in der Geistesforschung den Tod ebensowenig, wie man in der Naturforschung das Leben bemeistert. Bis zum Leben erstreckt sich das Erkennen der Naturforschung, dem Tode nähert man sich lebendig erkennend im Geiste; er ist das große Ziel der Geistesforschung. So verhält sich die Geistesforschung dem Tode gegenüber. Das ist die andere Richtung, sie bohrt [den Tunnel] von der anderen Richtung her, und die beiden kommen sicherlich zusammen, denn die beiden müssen zusammenkommen.

[ 46 ] In spiritual research, one does not master death any more than one masters life in natural science. The understanding of natural science extends as far as life; one approaches death through living, conscious understanding in the spirit; death is the great goal of spiritual science. This is how spiritual science relates to death. This is the other direction; it drills [the tunnel] from the other direction, and the two will certainly meet, for the two must meet.

[ 47 ] Der Tod kann nicht anders da sein, als durch das Leben entstanden – und umgekehrt. Von zwei Seiten her wird nach demselben Ziele gestrebt. Das ist etwas, was sich als eine Gesinnung in das moderne Geistesleben hineinstellen muß, bei der die Naturwissenschaft und die Geisteswissenschaft in gleicher Art zu ihrem Rechte kommen.

[ 47 ] Death cannot exist except as a product of life—and vice versa. From both sides, the same goal is pursued. This is a mindset that must take root in modern intellectual life, one in which the natural sciences and the humanities are given equal standing.

[ 48 ] So wie die Naturwissenschaft die äußere Welt zu erkennen trachtet, so muß die Geisteswissenschaft das Schicksal zu erkennen trachten, und sie kann das Schicksal des Menschen nur so erkennen, indem sie die Ursache für ein nächstes Erdenleben zubereitet sieht in diesem Erdenleben. Das Schicksal, Glück und Unglück des Menschen, sie werden uns dadurch in ihren Ursachen verständlich. Das Leben selbst tritt uns als Umgestaltung des Todes entgegen. Und die Unsterblichkeit tritt uns so entgegen, daß wir wissen: Indem wir in den Tod gehen, tragen wir unseren geistig-seelischen Wesenskern in die geistige Welt hinein, um in einem neuen Leben uns neu zu betätigen.

[ 48 ] Just as the natural sciences seek to understand the external world, so must the spiritual sciences seek to understand destiny; and they can understand human destiny only by recognizing that the cause for a future earthly life is prepared in this earthly life. Human destiny—happiness and misfortune—thus becomes understandable to us in terms of its causes. Life itself appears to us as a transformation of death. And immortality appears to us in such a way that we know: as we pass into death, we carry the spiritual and soul core of our being into the spiritual world in order to begin anew in a new life.

[ 49 ] Nicht eine leere Unendlichkeit steht vor uns, sondern eine solche, in der sich Glied an Glied kettet, so daß wir wissen, warum der Mensch unsterblich sein muß. Er muß es sein, weil das Leben von der Geburt bis zum Tode in seinem geistig-seelischen Kern die Kräfte trägt, um immer neue Leben hervorzubringen, weil wir in einem Leben den Keim zu einem folgenden Leben gelegt sehen.

[ 49 ] It is not an empty infinity that lies before us, but one in which each link is chained to the next, so that we know why human beings must be immortal. Human beings must be immortal because life, from birth to death, carries within its spiritual and soul core the powers to bring forth ever new lives; because we see that in one life the seed for the next life is sown.

[ 50 ] So beantworten sich die großen Lebensrätsel, indem Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft Zusammenwirken. Wer da glaubt, stehenbleiben zu müssen auf dem Boden der Naturforschung und von diesem Boden aus eine Weltanschauung aufbauen will, der gleicht in einer gewissen Weise dem, der sagt: Ja, was da unten in einem Bergwerk vorhanden ist an Erzen, an Metallen, an all diesen Schätzen der Erde, das erscheint mir erst im wahren Lichte, wenn ich eine Höhlung mache und die Sonne hineinscheinen lasse. Gewiß, alles das wird beleuchtet, aber was die Sonne hervorbringt, erzeugt sie an der Oberfläche. Die Sonne kann zwar das beleuchten, was da drunten ruht in der Erde, aber hervorbringen kann sie es nicht.

[ 50 ] This is how the great mysteries of life are solved through the collaboration of the natural sciences and the humanities. Anyone who believes they must remain confined to the realm of natural science and seeks to build a worldview from that foundation is, in a certain sense, like someone who says: “Yes, the ores, metals, and all these treasures of the earth that lie down there in a mine only appear to me in their true light when I dig a hole and let the sun shine in.” Certainly, all of that is illuminated, but what the sun brings forth, it produces on the surface. The sun can indeed illuminate what lies down there in the earth, but it cannot bring it forth.

[ 51 ] So muß das, was des Menschen innerlichen Wesenskern an den Tag bringt, entzogen sein der bloß äußeren Wissenschaft. Sie kann dann kommen, es zu beleuchten; dann kann das, was der Geistesforscher erforscht, auch von dieser äußeren Wissenschaft begriffen werden.

[ 51 ] Thus, that which reveals the inner essence of the human being must be removed from the realm of purely external science. Only then can external science come to shed light on it; only then can what the spiritual researcher investigates also be understood by this external science.

[ 52 ] Und hier kommen wir an einen Punkt, wo eine Einwendung aus der Welt geschafft werden muß. Es kann gesagt werden: Ja, was du uns da erzählst, das sagt uns, daß die Geisteswissenschaft nur für den Geistesforscher selbst Bedeutung hat. Ich muß da hinweisen auf mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Sie finden darin näher ausgeführt, daß gesagt werden darf: Jeder Mensch ist heute so weit gelangt, daß er bis zu einem gewissen Grade Geistesforscher werden kann. Aber es ist mühsam; es ist nur mit viel Konzentration zu erreichen. Aber geradeso, wie die Erze und Metalle aus der Erde hervorgehen und dann von der Sonne beleuchtet werden, so kann da, was gefunden ist von dem Geistesforscher, beleuchtet werden von dem gewöhnlichen Begreifen des Menschen und kann dadurch auch verstanden werden. Es kann dann der Seele das geben, was sie braucht gegenüber den vor diese Seele hintretenden Lebensrätseln, was sie braucht zu ihrer Sicherheit, zu ihrem Halt. Der Geistesforscher hat auch nicht mehr, als was derjenige haben kann, der ihm zuhört und seine Schriften liest.

[ 52 ] And here we come to a point where an objection must be dispelled. One might say: “Yes, what you’re telling us here suggests that spiritual science is significant only for the spiritual researcher himself.” I must refer here to my book *How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?*. In it, you will find a more detailed explanation of the following: Every person today has reached a stage where they can, to a certain degree, become a spiritual researcher. But it is arduous; it can only be achieved with great concentration. But just as ores and metals emerge from the earth and are then illuminated by the sun, so too can what the spiritual researcher has discovered be illuminated by the ordinary human understanding and thereby also be comprehended. It can then provide the soul with what it needs in the face of the mysteries of life that stand before it—what it needs for its security and its stability. Nor does the spiritual researcher possess anything more than what is available to those who listen to him and read his writings.

[ 53 ] Der Geistesforscher schaut die geistige Welt an. Sie ist aber erst Wissenschaft der Seele, wenn sie in die gewöhnlichen Begriffe gebracht ist, die der gesunde Menschenverstand verstehen kann. Und er kann sie verstehen, so wie die Sonne auch das beleuchten kann, was sonst ihrem Lichte entzogen in den Tiefen der Erde wächst. Daher ist es auch ein Vorurteil, wenn man sagt, man könne nicht verstehen, was die Geistesforschung hervorbringt. Man kann es sehr wohl begreifen und ihre Ergebnisse durch den vorurteilslosen gesunden Menschenverstand prüfen. Wenn die Menschen meinen, durch Naturforschung werde die Geistesforschung widerlegt, so werfen sie sich selber Knüppel in die Räder.

[ 53 ] The spiritual researcher observes the spiritual world. However, it only becomes a science of the soul when it is expressed in ordinary terms that common sense can understand. And common sense can understand it, just as the sun can illuminate what would otherwise grow in the depths of the earth, deprived of its light. Therefore, it is also a prejudice to say that one cannot understand what spiritual research produces. One can very well comprehend it and examine its results using unbiased, sound common sense. When people believe that natural science refutes spiritual research, they are shooting themselves in the foot.

[ 54 ] Wenn die Menschen die Vererbung aufzeigen von Vater, Mutter, Großeltern und so weiter, so wird ihnen der Geistesforscher gewiß völlig recht geben. Es ist gar keine Rede davon, daß sie unrecht haben. Aber durch einen Vergleich soll klar gemacht werden, wie in der Tat Geistesforschung neben der Naturforschung stehen kann. Es ist wie bei zwei Menschen, die jeder etwas anderes zu sagen haben; der eine widerlegt nicht den anderen, eines ist ebenso wahr wie das andere. Wenn die Naturforschung sagt, der Mensch habe diese und jene Eigenschaften von seinen Ahnen, so sagt die Geisteswissenschaft, daß dies wahr ist. Aber ebenso wahr ist es, daß der Mensch diese Eigenschaften hat, weil er in einem früheren Leben die Ursachen dazu gelegt hat. Die Welt wird sich schon überzeugen, daß Naturwissenschaft ihre Stärke gerade darin sehen muß, daß sie sich auf ihre Gebiete beschränkt und daß sie voll bestehen kann neben der Geisteswissenschaft, die es mit dem Geistigen zu tun hat, in das wir mit Seele und Leib hineinverwoben sind. Wie in der Physik durch die SpektralAnalyse gezeigt werden kann, daß dieselben Substanzen hier auf der Erde wie auch im Weltenraum zu finden sind – wie da materiell der Blick erweitert wurde ins Unermeßliche des äußeren Raumes –, so gewahren wir, daß in der weiten Welt des Geistes überall die geistigen Wesenheiten und geistigen Tatsachen vorhanden sind, mit denen das geistig-seelische Wesen des Menschen wesensverwandt ist, aus denen es herausgestaltet ist. Und so wie der Mensch sich als lebend weiß in den materiellen Substanzen, die die ganze Welt erfüllen, so kann sich der Mensch geborgen wissen in dem allwaltenden, allwesenden Geistigen, das die Geisteswissenschaft ihm erkennbar macht. Das aber wird bewirken, daß so wie die Naturwissenschaft unser äußeres Dasein umgestaltet hat, wie sie Wunderbares geleistet hat, wie sie der Menschheit Kulturgüter geschenkt hat, ebenso die Geisteswissenschaft der Menschheit Seelengüter schenken wird, die die Menschheit immer mehr und mehr braucht.

[ 54 ] When people point to heredity from father, mother, grandparents, and so on, the spiritual researcher will certainly agree with them completely. There is no question at all that they are wrong. But a comparison is intended to make it clear how spiritual research can, in fact, stand alongside natural science. It is like two people, each of whom has something different to say; one does not refute the other—one statement is just as true as the other. When natural science says that a person has such and such characteristics from their ancestors, spiritual science says that this is true. But it is equally true that a person has these characteristics because they laid the groundwork for them in a previous life. The world will come to realize that natural science must see its strength precisely in the fact that it confines itself to its own domains and that it can fully coexist alongside spiritual science, which deals with the spiritual realm into which we are interwoven with soul and body. Just as spectral analysis in physics can demonstrate that the same substances are found here on Earth as in outer space—just as our material perspective has been expanded into the immeasurable vastness of outer space— so we perceive that throughout the vast world of the spirit, spiritual beings and spiritual realities are present everywhere—realities with which the spiritual-soul being of the human being is kindred in essence and from which it is formed. And just as human beings know themselves to be alive within the material substances that fill the entire world, so can they know themselves to be secure in the all-pervading, omnipresent spiritual realm that spiritual science makes known to them. This, however, will bring about the following: just as natural science has transformed our external existence, just as it has accomplished marvelous things, and just as it has bestowed cultural treasures upon humanity, so too will spiritual science bestow upon humanity spiritual treasures that humanity needs more and more each day.

[ 55 ] Wenn einmal die Erziehung ergriffen sein wird von der Geisteswissenschaft, so wird sie den Menschen schon so erziehen, daß er nicht nur abstrakt wissen wird, daß in ihm ein seelischer Kern ist, der durch den Tod hindurchgeht, sondern der Mensch wird dieses Wissen vom Geiste in innere Kraft verwandeln; er wird diese Kraft in sich lebendig fühlen. Er wird fühlen, wenn sein Haar bleicht, wenn seine Haut sich runzelt, wenn die Glieder schlaff werden, daß sich in ihm sein geistig-seelischer Wesenskern immer mehr und mehr ausbildet. Wie in der wachsenden Pflanze der Keim sich konzentriert, um zu einer neuen Pflanze zu werden, so konzentriert sich der geistig-seelische Wesenskern im Menschen immer mehr und mehr, je mehr wir dem Tode entgegengehen. Wir werden ihn immer kräftiger und kräftiger fühlen; wir werden erkennen, wie wir uns als Mensch entwickeln, trotzdem von uns die Glieder abfallen, wie das Laub abfällt von der Pflanze. Dieses Wissen wird dem Menschen Sicherheit und Halt geben, im Glück und im Unglück. Es wird ihn innerlich mit dem erfüllen, was er braucht, damit er zu seiner Arbeit Kraft hat, damit das ganze äußere Leben gedeihen kann. Geisteswissenschaft ist nicht bloß Wissenschaft; sie geht aus vom Erlebten und sie endet beim Erleben.

[ 55 ] Once education has been taken up by spiritual science, it will educate people in such a way that they will not only know abstractly that there is a soul core within them that passes through death, but they will transform this knowledge of the spirit into inner strength; they will feel this strength alive within themselves. He will feel, as his hair turns gray, as his skin wrinkles, and as his limbs grow limp, that his spiritual-soul core is developing more and more within him. Just as the seed in a growing plant concentrates itself to become a new plant, so the spiritual-soul core within the human being concentrates itself more and more the closer we come to death. We will feel it growing ever stronger; we will recognize how we develop as human beings, even as our limbs fall away from us, just as the leaves fall from a plant. This knowledge will give human beings security and stability, in good times and in bad. It will fill them inwardly with what they need so that they may have the strength for their work, so that their entire outer life may flourish. Spiritual science is not merely a science; it springs from experience and culminates in experience.

[ 56 ] Das sind die Dinge, die man heute vorbringen kann, wenn man skizzenhaft vortragen will den Beitrag, den Geisteswissenschaft und den Beitrag, den Naturwissenschaft zu bringen hat. Und es wird sich ja gezeigt haben durch die heutige Darstellung, wie die Art der Forschung auf geistigem Gebiet allerdings verschieden ist von der Art der Forschung auf äußerlich-sinnlichem Gebiet. Aber wenn man in Betracht zieht, daß durch die lange Gewöhnung an eine von Triumph zu Triumph eilende Naturwissenschaft bestimmte Denkgewohnheiten sich nun einmal ausgebildet haben, dann wird man sich nicht wundern, daß Geisteswissenschaft zunächst nicht mit großen Sympathien rechnen kann und daß gegen das, was sie zu sagen hat, Einwendungen gemacht werden. Über das Gegenteil müßte man sich wundern. Es ist wahr, daß gegenüber der Wahrheit der Schopenhauersche Satz gilt:

[ 56 ] These are the points one can raise today when seeking to outline, in broad strokes, the contribution that the humanities have to offer and the contribution that the natural sciences have to offer. And today’s presentation will surely have shown how the nature of research in the spiritual realm is indeed different from the nature of research in the realm of external, sensory phenomena. But when one considers that certain habits of thought have developed as a result of long-standing familiarity with natural science—which races from triumph to triumph—it is hardly surprising that the humanities cannot initially count on much sympathy and that objections are raised against what they have to say. One would be surprised if the opposite were the case. It is true that, when it comes to truth, Schopenhauer’s statement applies:

In allen Jahrhunderten hat die arme Wahrheit darüber erröten müssen, daß sie paradox war: und es ist doch nicht ihre Schuld. Sie kann nicht die Gestalt des thronenden allgemeinen Irrtums annehmen. Da sieht sie seufzend auf zu ihrem Schutzgott, der Zeit, welcher ihr Sieg und Ruhm zuwinkt, aber dessen Flügelschläge so groß und langsam sind, daß das Individuum darüber hinstirbt.

Throughout the centuries, poor Truth has had to blush at the fact that she was paradoxical—and yet it is not her fault. It cannot take on the form of the enthroned universal error. So it looks up with a sigh to its patron god, Time, who beckons with victory and glory, but whose wingbeats are so vast and slow that the individual dies before they arrive.

[ 57 ] Aber die Zeit und ihre Entwicklung sind so geartet, daß, wenn die Wahrheit auch noch so schwer erkannt wird, wenn die Felsspalte auch noch so eng ist, durch die sie sich zu zwängen hat, sie ringt und gräbt sich durch. Es ist noch immer das, was einmal paradox war, später als Wahrheit erkannt worden. Und so wird es auch mit der Geisteswissenschaft sein. Wenn heute noch Gegnerschaft, ja Feindschaft auftritt, dann möchte man sich an den Goethe-Satz erinnern, der so schön das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit ausdrückt:

[ 57 ] But time and its course are such that, no matter how difficult it may be to recognize the truth, no matter how narrow the crevice through which it must squeeze, it struggles and digs its way through. It has always been the case that what was once considered a paradox has later been recognized as truth. And so it will be with spiritual science as well. If opposition—even hostility—arises today, then one should recall Goethe’s words, which so beautifully express the relationship between human beings and truth:

Eine falsche Lehre läßt sich nicht widerlegen; denn sie beruht ja auf der Überzeugung, daß das Falsche wahr sei. Aber das Gegenteil kann, darf und muß man wiederholt aussprechen.

A false doctrine cannot be refuted; for it is based on the conviction that what is false is true. But the opposite can, may, and must be stated repeatedly.

[ 58 ] Und so muß es mit den Wahrheiten der Geistesforschung sein. Die falsche Lehre, daß der Geist nur ein Anhängsel des materiellen Daseins sei, sie läßt sich nicht widerlegen, denn sie beruht auf der Überzeugung, daß das Falsche, das bloß materielle Dasein, wahr sei. Aber das Gegenteil davon ist – daß dem materiellen Dasein das Geistige zugrundeliegt und daß der menschliche Wesenskern Teil dieses Geistigen ist, an seiner Wesenheit teilnimmt. Und das ist die Lehre, die nicht nur umfassender ist als die einseitige Lehre von der bloß materiellen Wahrheit, sondern das ist die Lehre, die dieser einseitigen Erkenntnis gegenüber die Wahrheit darstellt, die wahre Erkenntnis. Und so wird es kommen, daß diejenigen, die das erkannt haben, im geisteswissenschaftlichen Sinne gegen allen Widerspruch diese Wahrheit immer wieder und wieder aussprechen können und dürfen und müssen. Dann wird der Genius der Wahrheit seine Macht zeigen – die Zeit. Und wenn auch ihre Flügelschläge noch so weit und noch so langsam sind, endlich wird die Wahrheit sich durchringen. Und die Flügelschläge des Genius der Zeit, sie werden sich ausbreiten über die geist-erkannten Wahrheiten, über die Weltengründe und über die Lebensrätsel.

[ 58 ] And so it must be with the truths of spiritual research. The false doctrine that the spirit is merely an appendage of material existence cannot be refuted, for it is based on the conviction that what is false—mere material existence—is true. But the opposite of this is that the spiritual underlies material existence, and that the core of the human being is part of this spiritual realm and participates in its essence. And this is the teaching that is not only more comprehensive than the one-sided doctrine of purely material truth; rather, it is the teaching that, in contrast to this one-sided understanding, represents the truth—true knowledge. And so it will come to pass that those who have recognized this will, in the sense of spiritual science, be able, permitted, and obliged to proclaim this truth again and again in the face of all opposition. Then the genius of truth will reveal its power—time. And even if its wingbeats are still so far apart and so slow, truth will finally prevail. And the wingbeats of the genius of time will spread over the truths recognized by the spirit, over the foundations of the world, and over the mysteries of life.