Truths and Errors in Spiritual Research
GA 69a
3 March 1913, Frankfurt
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Truths and Errors in Spiritual Research, tr. SOL
10. Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft in ihrem Verhältnis zu den Lebensrätseln
10. The Humanities and the Natural Sciences in Their Relationship to the Mysteries of Life
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Wer in unserer gegenwärtigen Zeit von Geisteswissenschaft spricht in dem Sinne, wie es hier gemeint ist, der kann nicht schon irgendwie auf eine allgemeine Zustimmung rechnen, nicht einmal auf Zustimmung weiterer Kreise. Und dies darf gerade denjenigen, der in dieser Geisteswissenschaft darinnensteht, nicht etwa in besondere Verwunderung versetzen. Im Gegenteil, es müßte Verwunderung erregen, wenn diese Geisteswissenschaft schon in unserer Gegenwart, wo sie sozusagen kaum die ersten Blüten treibt, allgemeine Anerkennung, allgemeine Sympathie finden würde. Denn alle Denkgewohnheiten unserer Zeit, alle Vorstellungsarten unserer Zeit sind ja zunächst herausgewachsen aus einem anderen Grund und Boden, als es derjenige der Geisteswissenschaft ist.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! Anyone who speaks of spiritual science in our time in the sense intended here cannot simply expect general approval, not even from broader circles. And this should not come as any particular surprise, especially to those who are deeply immersed in this spiritual science. On the contrary, it would be surprising if this spiritual science were to find general recognition and sympathy even in our own time, when it is, so to speak, barely beginning to blossom. For all the habits of thought of our time, all the modes of conception of our time, have, after all, grown out of a different soil than that of spiritual science.
[ 2 ] Seit der Morgenröte der neueren Naturwissenschaft, also seit drei, vier Jahrhunderten, seitdem diese Naturwissenschaft von Triumph zu Triumph geeilt ist und unser ganzes äußeres Leben mit ihren gewaltigen Errungenschaften durchsetzt hat, beruht ja der wesentliche Fortschritt des menschlichen Geistes auf der Beobachtung der äußeren Welt und auf der Anwendung des Verstandes auf diese äußere Welt. Geisteswissenschaft kann durchaus keine Gegnerschaft hegen gegen die Naturwissenschaft und ihre Ergebnisse. Im Gegenteil, sie muß gerade diese Naturwissenschaft und ihre Erfolge voll anerkennen. Aber wir stehen heute wiederum in einer Zeit, in welcher der menschliche Geist und die menschliche Seele sich immer mehr und mehr sehnen nach einer Beantwortung auch jener Fragen, die über die sinnliche Anschauung hinausgehen und sich erheben zu den Untergründen des Daseins, zu den Schöpfermächten des Daseins, und diese im Geistigen suchen.
[ 2 ] Since the dawn of modern natural science—that is, for the past three or four centuries, ever since this science has raced from triumph to triumph and permeated our entire external life with its tremendous achievements—the essential progress of the human mind has been based on the observation of the external world and on the application of reason to that external world. Spiritual science can by no means harbor any hostility toward natural science and its findings. On the contrary, it must fully acknowledge precisely this natural science and its achievements. But today we once again find ourselves in an age in which the human spirit and the human soul long more and more for answers to those questions that go beyond sensory perception and rise to the foundations of existence, to the creative powers of existence, and seek these in the spiritual realm.
[ 3 ] Geisteswissenschaft beruht ja in der Tat nicht nur auf ganz anderen Voraussetzungen, sondern auf einer ganz anderen Art und Weise des Forschens, des Suchens als die Naturwissenschaft und damit alles desjenigen, was gerade die Größe unserer Zeit ausmacht. Deshalb braucht man aber durchaus nicht der Anschauung zu sein, daß diese Geisteswissenschaft in irgendeinem Sinne in Widerspruch kommen würde mit der Naturwissenschaft. Im Gegenteil. Wenn auch von ganz anderen Voraussetzungen, von ganz anderen Forschungsmethoden, einer ganz anderen Art des Suchens ausgehend, kommt die Geisteswissenschaft zu Ergebnissen, die, wenn sie richtig verstanden werden, mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen unserer Zeit in völliger Übereinstimmung gefunden werden können.
[ 3 ] The humanities are, in fact, based not only on entirely different premises but also on a completely different approach to research and inquiry than the natural sciences—and thus on everything that defines the greatness of our time. However, this does not mean that one need hold the view that the humanities are in any sense at odds with the natural sciences. On the contrary. Even though the humanities proceed from entirely different premises, entirely different research methods, and an entirely different approach to inquiry, they arrive at results which, when properly understood, can be found to be in complete harmony with the scientific findings of our time.
[ 4 ] Naturwissenschaft beruht auf der äußeren Anschauung. Sie hat Großes und immer Größeres geleistet, auch in der Ausgestaltung jener Werkzeuge, die den Menschen in den Stand setzen, in das physisch Kleinste hineinzuschauen. Aber gerade, wenn die Naturwissenschaft ihre Aufgabe verrichten will, muß sie sich auf das beschränken, was in äußerer Weise an den Menschen herantritt, was mit den Sinnen erfaßt und mit dem Verstand begriffen werden kann.
[ 4 ] Natural science is based on external observation. It has achieved great things—and ever greater ones—including in the development of those instruments that enable humans to peer into the physically smallest realms. But precisely when natural science seeks to fulfill its task, it must limit itself to what presents itself to human beings externally—that which can be perceived by the senses and grasped by the intellect.
[ 5 ] Geist-Erkenntnis kann sich nur aufbauen auf einer inneren Vertiefung der Menschenseele, auf einer solchen Vertiefung, durch welche die Seele in sich Erkenntnisfähigkeiten und Erkenntniskräfte entdeckt, die weder im gewöhnlichen Tagesleben noch auch in der äußeren Wissenschaft vorhanden sind, von denen man sagen muß, daß sie weder im gewöhnlichen Leben noch von der gewöhnlichen Wissenschaft gebraucht werden. Ja, wenn diese gewöhnliche Wissenschaft in mißverständlicher Weise von geisteswissenschaftlichen Methoden durchsetzt würde, so würde sie auf ihrem Boden durchaus nur zu unberechtigten Ergebnissen kommen. Dennoch wird man finden, wenn man tiefer in die Sache eindringt, daß dieselbe Art des Denkens, dieselbe Logik, auf der unsere Naturwissenschaft beruht, auch in der Geisteswissenschaft zur Anwendung kommt. Nur müssen wir uns klar darüber werden, daß das einzige Instrument, um in die übersinnliche Welt einzudringen, kein anderes sein kann als die menschliche Seele selbst, die menschliche Seele, die aber nicht bei dem stehenbleibt, was das Alltagsleben gibt, sondern die die Voraussetzung macht, daß sie von diesem Standpunkte des Alltagslebens ausgehend sich zu einem tieferen Eindringen in die Dinge erheben kann. Damit dies geschehen kann, damit der Mensch ein Geistesforscher werden kann, dazu ist notwendig, daß diese menschliche Seele sich anders verhält in ihrem ganzen inneren Leben, als sie das vor dem Eintritt in die Geistesforschung gewöhnt war.
[ 5 ] Spiritual knowledge can be built only upon an inner deepening of the human soul—a deepening through which the soul discovers within itself capacities and powers of cognition that are present neither in ordinary daily life nor in external science, and which, it must be said, are used neither in ordinary life nor by ordinary science. Indeed, if this ordinary science were to be misapplied by incorporating methods from spiritual science, it would inevitably arrive at entirely unfounded conclusions. Nevertheless, upon delving deeper into the matter, one will find that the same kind of thinking, the same logic upon which our natural science is based, is also applied in spiritual science. We must simply realize that the only instrument for penetrating the supersensible world can be none other than the human soul itself—the human soul that does not remain confined to what everyday life offers, but rather presupposes that, starting from this standpoint of everyday life, it can rise to a deeper understanding of things. For this to happen—for a person to become a spiritual researcher—it is necessary for this human soul to conduct itself differently in its entire inner life than it was accustomed to before entering the realm of spiritual research.
[ 6 ] Unser Seelenleben verläuft ja so, daß wir gewisse Dinge denken, gewisse Dinge fühlen, daß wir also Vorstellungen in unserer Seele hegen. Welchen Zweck und Sinn verbinden wir mit diesem Seelenleben? Wir verbinden damit zumeist den Zweck, die äußere Welt kennenzulernen und uns in dieser Sinneswelt zurechtzufinden. Für den Geistesforscher handelt es sich um etwas anderes. Er muß in der Mannigfaltigkeit der Vorstellungen, Empfindungen, Ideen, Impressionen gewisse einzelne aussuchen, die ihm für seine Zwecke dienlich sein können. Lassen Sie mich von einem Vergleich ausgehen. Nehmen wir an, wir vergleichen das gesamte Seelenleben des Menschen, das ja in mannigfaltigen Vorstellungen abläuft, die in jedem Augenblick wechseln, nehmen wir an, wir vergleichen diese vielen Vorstellungen, die während des Tages ablaufen, mit den vielen Getreidekörnern, die auf einem Felde in den Halmen vorhanden sind. Von diesen vielen Getreidekörnern wählt derjenige, dem das Feld gehört, einige aus. Und während er die anderen zu ihrem Ziele kommen läßt, als Nahrung zu dienen, wählt er einzelne aus, die ihm zur neuen Aussaat dienen und die aus sich selbst heraus neue Früchte erzeugen sollen.
[ 6 ] Our inner life unfolds in such a way that we think certain things, feel certain things—in other words, we harbor mental images in our soul. What purpose and meaning do we associate with this inner life? For the most part, we associate it with the purpose of getting to know the external world and finding our way in this sensory world. For the researcher of the spirit, however, the matter is different. He must select certain individual elements from the diversity of mental images, sensations, ideas, and impressions that may be useful to him for his purposes. Let me begin with a comparison. Let us suppose we compare the entire inner life of a human being—which, after all, unfolds in a multitude of mental images that change from moment to moment—let us suppose we compare these many mental images that occur throughout the day to the many grains of grain found in the stalks of a field. From these many grains of grain, the owner of the field selects a few. And while he allows the others to fulfill their purpose—to serve as food—he selects individual grains that will serve him for new sowing and that are intended to produce new fruit of their own accord.
[ 7 ] In einer ganz ähnlichen Weise muß der Geistesforscher mit seinem Seelenleben sich verhalten. Während sonst die Vorstellungen ablaufen, ohne daß man sie überblickt, muß er sich nun so verhalten, daß er einzelne von ihnen auswählt, die er zu etwas anderem verwendet als zum äußeren Erkennen der Welt. Und das, was der Geistesforscher mit diesen einzelnen Vorstellungen macht, das nennt man Konzentration, Meditation, Kontemplation. Welchen Sinn verbindet man mit diesen Worten? Wir wollen uns an dem Vorgang, den der Geistesforscher vollzieht, einmal darüber orientieren.
[ 7 ] The spiritual researcher must approach his inner life in a very similar way. Whereas thoughts usually flow by without one being aware of them, he must now act in such a way that he selects individual thoughts and uses them for something other than the external perception of the world. And what the spiritual researcher does with these individual images is called concentration, meditation, and contemplation. What meaning is associated with these words? Let us use the process that the spiritual researcher carries out as a guide to understanding this.
[ 8 ] Der Geistesforscher muß versuchen, gewisse Zeiten in seinem Leben herbeizuführen, in welchen er die Aufmerksamkeit völlig abwendet von aller Außenwelt, in welchen er auch alle Sorgen des Lebens, alle Triebe, Affekte und Begierden unterdrückt, er muß also einen Zustand in der Seele hervorrufen, den wir als leer bezeichnen können, als eine Art leeres Bewußtsein. Nur einzelne Vorstellungen, auf deren Inhalt es nicht ankommt, wählt er aus dem gesamten Umfang seines Seelenlebens oder aus den Vorstellungen der Geistesforschung aus und versenkt sich in diese Vorstellungen – nicht in ihren Inhalt, darauf kommt es nicht an. Sondern es verhält sich der Geistesforscher so, daß er eine Vorstellung, die ihn sehr erfüllen kann, die stark und kräftig in seiner Seele sich geltend machen kann, willkürlich in den Mittelpunkt seines Bewußtseins hereinrückt, und daß er – während sonst im Alltag das Seelenleben auf viele Vorstellungen verteilt wird – dann alle Seelenkräfte aufruft und diese eine Vorstellung, die er so in sein Seelenleben gestellt hat, klar festhält in seinem Bewußtsein, und zwar durch längere Zeit hindurch und mit aller inneren Anstrengung. Es kommt nur darauf an, daß die Seele eine Anstrengung macht, daß alles auf einen Punkt konzentriert wird. Wenn man irgendeine Arbeit zu verrichten hat, bei der man etwa immer seinen Arm anzustrengen hat, und wenn diese Arbeit ein Ziel hat, so muß man sich eben immerfort anstrengen, um den Sinn dieser Arbeit zu erfüllen. Wenn man aber seine Muskeln stärken will, dann kann es gerade darauf ankommen, nicht dieses oder jenes bestimmte Ziel zu erreichen, sondern die Kräfte frei hervorzurufen, welche die Muskeln zur Anstrengung bringen, damit sie sich ausbilden. So ist es auch bei Meditation und Konzentration mit den Seelenkräften, und zwar mit anderen Seelenkräften als denen, die man im gewöhnlichen Alltag anwendet. Wir strengen unsere Seelen sozusagen nie an in bezug auf die Kräfte, die hier in Betracht kommen, wenn wir im Alltag leben. Wir müssen, um uns auf eine Vorstellung konzentrieren zu können, tiefere Seelenkräfte aus den Untergründen des Bewußtseins heraufrufen, Seelenkräfte, die sonst völlig ungebraucht bleiben. Und darauf, daß wir die Seele so anspannen, daß wir auch den inneren Willen dazu haben, darauf kommt es an.
[ 8 ] The spiritual researcher must strive to bring about certain periods in his life during which he completely turns his attention away from the external world, and during which he also suppresses all of life’s worries, all impulses, emotions, and desires; he must, therefore, evoke a state in the soul that we can describe as empty—a kind of empty consciousness. From the entire scope of his inner life or from the ideas of spiritual research, he selects only individual images—the content of which is irrelevant—and immerses himself in these images—not in their content, for that is not what matters. Rather, the spiritual researcher proceeds in such a way that he arbitrarily brings a concept—one that can deeply fill him, one that can assert itself strongly and powerfully in his soul—into the center of his consciousness, and—whereas in everyday life the soul’s activity is otherwise distributed among many ideas—he then mobilizes all his soul’s powers and holds this one idea, which he has thus placed within his soul’s life, clearly fixed in his consciousness, and does so over a prolonged period and with all his inner effort. The only thing that matters is that the soul makes an effort, that everything is concentrated on a single point. If one has any work to do in which, for example, one must constantly exert one’s arm, and if this work has a goal, then one must simply keep exerting oneself in order to fulfill the purpose of this work. But if one wants to strengthen one’s muscles, then what may matter is not achieving this or that specific goal, but rather freely summoning the forces that cause the muscles to exert themselves so that they can develop. The same is true for meditation and concentration with the soul’s powers—specifically, with soul powers other than those one uses in ordinary daily life. We, so to speak, never exert our souls in relation to the powers under consideration here when we go about our daily lives. In order to concentrate on an idea, we must summon deeper soul forces from the depths of consciousness—soul forces that otherwise remain completely unused. And what matters is that we engage the soul in such a way that we also have the inner will to do so.
[ 9 ] Wenn wir eine Vorstellung bekommen dadurch, daß wir uns von außen anregen lassen, dann wird die Vorstellung ohne unser Zutun in unserer Seele hervorgerufen. Sie ist da – nicht wir haben sie her vor gerufen. Die Vorstellungen, die anknüpfen an Sorgen, an Triebe und Begierden, die stellen sich ja ein ohne Anstrengung. Diese Vorstellungen nützen uns nichts, wenn wir unsere Seele zum Instrument der höheren Welt machen wollen. Nicht darauf kommt es an, daß wir eine Vorstellung haben, sondern auf die Anstrengung, die Vorstellung in den Mittelpunkt [unseres Bewußtseins] zu rücken. Dann, wenn der Mensch in einer solchen Weise seine tiefsten Seelenkräfte in Geduld und Ausdauer aufruft, dann tritt für die Seele ein völlig Neues ein. Sie können das Nähere darüber finden in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Das ist etwas, was heute sehr viele Menschen nicht glauben wollen, daß für die Seele etwas völlig Neues eintreten kann. Wir können dieses Neue vergleichen mit einem Moment, der im menschlichen Seelenleben [an einem bestimmten Zeitpunkt] eintritt. Das kleine Kind verbringt sein Leben so bis zum zweiten, dritten Lebensjahr in einem Bewußtsein, aber nicht in einem Selbstbewußtsein. Man kann in einer gewissen Weise sagen, daß das Bewußtsein des Kindes schlafend ist, bevor im Kinde der Moment auftritt, wo es weiß: Ich bin ein Ich. Das ist eine Art Erwachen. Und eine Art Erwachen ist es auch, wenn auf die geschilderte Art die menschliche Seele auf eine andere Stufe des Daseins gehoben wird, wenn sie zu einem Instrument gemacht wird, um in die geistige Welt hineinzuschauen.
[ 9 ] When we form an idea by allowing ourselves to be stimulated from the outside, that idea arises in our soul without any effort on our part. It is simply there—we did not summon it. The ideas that stem from worries, instincts, and desires arise without any effort on our part. These ideas are of no use to us if we wish to make our soul an instrument of the higher world. What matters is not that we have an idea, but the effort we make to bring that idea into the center [of our consciousness]. Then, when a person mobilizes the deepest powers of their soul in this way—with patience and perseverance—something entirely new enters the soul. You can find more details on this in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. This is something that very many people today refuse to believe: that something entirely new can enter the soul. We can compare this new reality to a moment that occurs in human soul life [at a specific point in time]. Until the age of two or three, a small child spends its life in a state of consciousness, but not in self-consciousness. In a certain sense, one can say that the child’s consciousness is dormant until the moment arrives when the child knows: “I am an ‘I.’” This is a kind of awakening. And it is also a kind of awakening when, in the manner described, the human soul is raised to another level of existence, when it is made into an instrument for looking into the spiritual world.
[ 10 ] Das, was man erlebt, wenn man solche Übungen in seiner Seele vollzieht, das läßt sich vergleichen mit etwas, womit es einerseits ähnlich ist, und von dem es andererseits wiederum radikal verschieden ist: mit dem Übergehen des Menschen in den gewöhnlichen Schlafzustand. Wie tritt dieser gewöhnliche Schlafzustand an den Menschen heran? Es soll hier nicht auf die naturwissenschaftlichen Hypothesen über den Schlaf eingegangen werden. Ohne besondere Wissenschaftlichkeit soll hier nur von dem die Rede sein, was der Mensch im alltäglichen Leben erlebt, wenn er übergeht aus dem Wachzustand in den Schlafzustand.
[ 10 ] What one experiences when performing such exercises within one’s soul can be compared to something that is, on the one hand, similar to it, yet, on the other hand, radically different from it: the transition of the human being into the ordinary state of sleep. How does this ordinary state of sleep come about in the human being? We will not go into the scientific hypotheses about sleep here. Without getting too scientific, we will simply discuss what a person experiences in everyday life when they transition from the waking state to the sleeping state.
[ 11 ] Wir wissen, daß im Moment des Einschlafens die Sinne anfangen zu versagen, daß sie uns keine Eindrükke mehr überliefern. Der Verstand fängt an, sich zu verdunkeln. Der Mensch geht also in einen Zustand über, in dem sein Leib untätig ist. Zunächst muß die Geisteswissenschaft sagen – was die Logik schon bestätigt –, daß in dem schlafenden Menschen, den wir sichtbar im Bette vor uns haben, nicht etwa die ganze menschliche Wesenheit vorhanden ist, sondern daß das, was die eigentliche menschliche Wesenheit ist, im Schlafe heraustritt und leibfrei, entkörpert wird, daß der Mensch also außerhalb seines Leibes ist. Nun ist das zunächst eine Hypothese, aber diese Hypothese wird gerade durch die Geisteswissenschaft zu einer begründeten Wahrheit erhoben. Die Naturwissenschaft nähert sich im Grunde genommen immer mehr dem, was in diesem Punkte die Geisteswissenschaft zu sagen hat. Du Bois-Reymond sagt, daß Naturwissenschaft nur den Schlafenden, niemals den bewußt-wachenden Menschen verstehen könne.
[ 11 ] We know that at the moment we fall asleep, the senses begin to fail; they no longer convey impressions to us. The mind begins to grow dim. The human being thus enters a state in which the body is inactive. First of all, spiritual science must state—as logic already confirms—that the sleeping person we see lying visibly before us in bed does not contain the entire human being; rather, what constitutes the actual human being steps out of the body during sleep and becomes body-free, disembodied—that is, the person is outside of their body. Now, this is initially a hypothesis, but it is precisely spiritual science that elevates this hypothesis to a well-founded truth. Fundamental science is, in essence, increasingly aligning with what spiritual science has to say on this point. Du Bois-Reymond states that fundamental science can understand only the sleeping human being, never the consciously awake one.
[ 12 ] Will man nicht so unlogisch sein, um zu behaupten, daß allabendlich alles das verschwindet, was an Trieben, Leidenschaften und so weiter in uns lebt und morgens wieder aus dem Nichts entsteht, so muß man annehmen, daß es noch da sei. Aber innerhalb der Leiblichkeit ist es nicht vorhanden. Das bedeutet, daß der Mensch mit seiner inneren Wesenheit außerhalb seines Leibes ist. Diese innere Wesenheit ist aber übersinnlicher Natur, daher kann man sie nicht sehen.
[ 12 ] If one does not wish to be so illogical as to claim that every evening everything that lives within us—our drives, passions, and so on—disappears, only to arise again from nothing in the morning, then one must assume that it is still there. But it is not present within the physical body. This means that the human being, with his inner essence, exists outside his body. However, this inner essence is of a supersensible nature, and therefore cannot be seen.
[ 13 ] Es mag Menschen geben, die sagen: Ja, da gehen eben gewisse Dinge im Menschen vor, und andere Prozesse bewirken, daß das Seelenleben sich abspielt. – Wer so spricht, der ist in derselben Lage wie einer, der glauben würde, daß man aus der Lunge und ihrer Tätigkeit die Natur der Luft begreifen kann. Die Luft kann man begreifen, wenn man sie außerhalb des Leibes untersucht. Dann dringt sie in den menschlichen Leib ein; die Lunge ist da, um die Luft zu verwenden. Gerade das wird die Naturwissenschaft immer mehr und mehr entdecken, daß während des Schlafes die inneren Tätigkeiten des menschlichen Leibes solche sind, die sich vergleichen lassen mit der inneren Lungen- und Herztätigkeit. Es ist eine innere leibliche Arbeit. Aber ebensowenig wie die Lunge die Luft hervorbringt, ebensowenig ist das, was beim Aufwachen immer mehr und mehr als Seelenleben den Organismus durchdringt, ein Erzeugnis des Leibes; vielmehr dringt es in den Leib ein, und es ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen außerhalb dieses Leibes.
[ 13 ] There may be people who say: Yes, certain things simply take place within a person, and other processes cause the life of the soul to unfold. — Anyone who speaks this way is in the same position as someone who would believe that one can understand the nature of air from the lungs and their activity. One can understand air by examining it outside the body. Then it enters the human body; the lungs are there to utilize the air. This is precisely what natural science will discover more and more: that during sleep, the inner activities of the human body are comparable to the inner workings of the lungs and heart. It is an internal bodily process. But just as the lungs do not produce the air, so too what increasingly permeates the organism as soul life upon waking is not a product of the body; rather, it enters the body, and from the moment of falling asleep until waking, it exists outside this body.
[ 14 ] Vieles kann noch dagegen eingewendet werden. Ein wirkliches Begreifen dieser Dinge gibt es nur dann, wenn man durch die Tatsachen beweisen kann, daß das, von dem man vermutet, daß es aus dem menschlichen Leibe im Schlafe heraustritt, sich in der Tat leibfrei als etwas Wesenhaftes zeigt.
[ 14 ] Many objections can still be raised against this. A true understanding of these matters can only be achieved if one can prove, through the facts, that what is presumed to leave the human body during sleep does indeed manifest itself as an essential entity independent of the body.
[ 15 ] Und das tritt eben beim Geistesforscher ein, wenn er in jener Richtung Seelenübungen macht, wie ich es vorhin besprochen habe. Dadurch führt er gleichsam künstlich, wie durch seine Willkür, den leibfreien Zustand seiner Seele herbei. Indem der Geistesforscher absieht von dem, was sein Leib ihm vermittelt, bewirkt er, daß er, vollständig wach, den Leib unbenützt läßt. Während der psychischen Tätigkeit muß der Leib untätig sein wie im Schlafe. Die Sinne müssen schweigen; Sorgen und Leidenschaften, die vom äußeren Leben angeregt werden, müssen schweigen, wie sie sonst nur im Schlafe schweigen. Ein vollständig leeres Bewußtsein führt der Geistesforscher herbei. Dann aber stellt er in den Mittelpunkt des Seelenlebens, gleichsam wie eine Erinnerung, nur eine einzige Vorstellung. Und dazu braucht er Kräfte, die sonst in den Tiefen der Seele schlummern und die er jetzt durch Übungen innerlich erst zu der Stärke führt, daß sie vernehmbar sind.
[ 15 ] And this is precisely what happens to the spiritual researcher when he performs soul exercises in that direction, as I discussed earlier. In this way, he brings about the bodiless state of his soul, as it were, artificially, through his own volition. By setting aside what his body conveys to him, the spiritual researcher ensures that, while fully awake, he leaves the body unused. During psychic activity, the body must be inactive, as it is during sleep. The senses must be silent; worries and passions stirred by external life must be silent, just as they are otherwise silent only during sleep. The spiritual researcher brings about a completely empty consciousness. But then he places at the center of his soul life, as it were a memory, a single idea. And for this he needs powers that otherwise slumber in the depths of the soul and which he now, through exercises, develops internally to such strength that they become perceptible.
[ 16 ] Das, was der Geistesforscher dann erlebt, das muß eben erlebt werden, wenn es zugegeben werden soll in seiner Tatsächlichkeit. Es gleicht in den erwähnten Umständen dem Schlafe: Es ist nicht in Verbindung mit den Bewegungen des Leibes noch mit den äußeren Sinnen und dem Verstand. Während aber ein solcher Zustand sonst nur im Schlafe herbeigeführt wird, kommt der Geistesforscher durch seine Übungen, durch die er willkürlich gleichsam einen schlafähnlichen Zustand herbeigeführt hat, dazu, innerlich regsam seine Seele von einer neuen Seite kennenzulernen. Er weiß, es gibt ein innerliches Leben der Seele, auch wenn die Seele auf alles verzichtet, was vom Leibe kommt. Man kann noch so sehr durch irgendwelche äußeren Gründe beweisen, daß die Seele des Menschen nicht vom Leibe befreit leben kann – die Einsicht, daß sie es doch kann, entsteht nur, wenn die Tatsache des leibfreien Zustandes herbeigeführt ist. Dann weiß man, daß man ein Seelenleben führt, das in nichts ähnlich ist dem früheren Seelenleben, das durch den Leib herbeigeführt wurde. Man möchte sagen, das ist ein Grunderlebnis, zu dem des Geistesforschers Seele kommt, wenn er lange genug für seine Individualität solche Übungen gemacht hat, wenn er schon starke Kräfte aus seiner Seele hervorgezaubert hat. In meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» können Sie Näheres darüber nachlesen. Ich möchte hier das Typische dieses Erlebnisses schildern.
[ 16 ] What the spiritual researcher then experiences must indeed be experienced if its reality is to be acknowledged. Under the circumstances described, it resembles sleep: it is not connected to the body’s movements, nor to the external senses, nor to the intellect. But while such a state is otherwise brought about only in sleep, the spiritual researcher, through his exercises—by which he has, as it were, voluntarily induced a sleep-like state—comes to know his soul from a new perspective with inner vitality. He knows that there is an inner life of the soul, even when the soul renounces everything that comes from the body. No matter how much one may prove through external arguments that the human soul cannot live free from the body—the realization that it can, after all, arises only when the fact of the body-free state has been brought about. Then one knows that one is leading a soul life that is in no way similar to the previous soul life, which was brought about through the body. One might say that this is a fundamental experience to which the soul of the spiritual researcher comes when he has practiced such exercises long enough for his individuality, when he has already conjured up powerful forces from within his soul. You can read more about this in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. I would like to describe the typical nature of this experience here.
[ 17 ] Wenn man genügend lange die geschilderten Übungen vollzogen hat, dann tritt ein ganz bestimmtes inneres Erlebnis auf. Entweder erwacht man aus der Tiefe des Schlafes, oder aber man fühlt sich versucht, mitten im Tagesleben einzuhalten. Es ist eine Art bildhaftes Erlebnis, was dann eintritt. Es besteht darin, daß man das Gefühl hat, es geht etwas in einem vor, wie wenn der Blitz in einen eingeschlagen hätte. Was geht vor?
[ 17 ] If one has performed the exercises described for long enough, a very specific inner experience occurs. Either one awakens from a deep sleep, or one feels compelled to pause in the midst of daily life. What then occurs is a kind of vivid, visual experience. It consists of the feeling that something is happening within you, as if lightning had struck you. What is happening?
[ 18 ] So etwa denkt der Mensch: Du fühlst jetzt das, was du immer als deinen Leib gefühlt hast, wie von Naturelementen durchdrungen und dir genommen. – Und in der Tat: Man fühlt jetzt, wie starke Kräfte dazu gehören, um sich aufrecht zu erhalten gegenüber einer solchen Erfahrung. Man fühlt dasjenige, was man immer genannt hat das Herankommen an die Pforte des Todes. Man macht bildhaft Bekanntschaft mit dem, was im Tode beim Menschen auftritt, im Sterben, mit dem Hinsinken der Leiblichkeit. Gewiß, umgeänderte Gefühle und Vorstellungen treten jetzt in der Seele auf. Man weiß jetzt, was es ist, nicht mehr so zu sich selbst zu stehen, wie das früher der Fall war. Man fühlt jetzt die Seele verwandelt, man fühlt sie so, daß man weiß, sie ist nicht finster und stumm, sondern innerlich regsam, wenn man auf alle Mitwirkung der Leiblichkeit verzichtet.
[ 18 ] This is roughly how a person thinks: You now feel what you have always felt to be your body, as if it were permeated by natural elements and taken from you. — And indeed: You now feel how great a strength is required to maintain your composure in the face of such an experience. One feels what one has always called “approaching the gate of death.” One becomes vividly acquainted with what occurs in a person at the moment of death, during the dying process, with the fading away of physicality. Certainly, altered feelings and perceptions now arise in the soul. One now knows what it means to no longer stand in relation to oneself as one did before. One now feels the soul transformed; one feels it in such a way that one knows it is not dark and silent, but inwardly active, when one renounces all reliance on the physical body.
[ 19 ] Das Erlebnis ist ein sehr bedeutsames. Es ist ein dramatisches Erlebnis für die Seele. Es ist etwas, wovon die Seele sagt: Was ich auch bisher im Leben durchgemacht haben mag, was mir auch entgegengetreten ist – an Bedeutung mit diesem Erlebnis, das manchmal wie mit einem Schlage durch die Seele zieht, läßt es sich nicht vergleichen. Vieles von dem, was man bisher nur wie in den Hintergründen des Daseins schlummernd empfunden hat, von dem man glaubt, man könne es nur ahnen, das tritt einem so vor Augen, daß man jetzt weiß: Ja, der Mensch ist im innersten Wesenskern mit jener Welt verbunden, die hinter der Sinneswelt liegt und die eigentlich nur wie verschleiert ist durch die Sinneswelt.
[ 19 ] This is a very significant experience. It is a dramatic experience for the soul. It is something about which the soul says: Whatever I may have gone through in life so far, whatever I may have faced—nothing can compare in significance to this experience, which sometimes pierces the soul as if with a single blow. Much of what one has hitherto perceived only as slumbering in the background of existence—things one believed one could only intuit—now comes into such clear view that one knows: Yes, in the innermost core of one’s being, the human being is connected to that world which lies beyond the sensory world and which is, in fact, merely veiled by it.
[ 20 ] Aber auch noch etwas anderes weiß man. Man weiß, daß es notwendig war, solche Übungen zu machen, eine solche innere Verstärkung der Seele herbeizuführen. Man weiß dies deshalb, weil man sieht, daß zum Erleben des Geschilderten eine gewisse Stärke der Urteilskraft notwendig ist und daß auch notwendig ist ein gewisser innerer moralischer Mut, um sich aufrechtzuerhalten. Und die Seelenkräfte, die man, seine Seele verstärkend, hervorgeholt hat aus ihren Tiefen, die geben einem diesen Mut und diese Urteilskraft. Sie finden das Nähere dieses Weges wiederum beschrieben in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?».
[ 20 ] But there is something else we know as well. We know that it was necessary to engage in such exercises in order to bring about such an inner strengthening of the soul. We know this because we see that experiencing what has been described requires a certain strength of judgment, and that a certain inner moral courage is also necessary to sustain oneself. And the powers of the soul—which, by strengthening one’s soul, have been drawn forth from its depths—are what give one this courage and this power of judgment. You will find a more detailed description of this path in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*
[ 21 ] Denn wenn man bei diesem Punkte angelangt ist, dann weiß man eben: Hätte man sich nicht vorbereitet, hätte man nicht die Seelenkräfte verstärkt, dann würde man an dieses Ereignis herantreten mit zwei Eigenschaften des Menschen, welche im höchsten Grade bedenklich sind, wenn sie in Berührung mit diesen Erlebnissen auftreten, zwei Eigenschaften der Menschenseele, die man erst an diesem Punkte der Seelenentwicklung recht erkennen lernt: Eigenliebe, Eigen-sinn, besser gesagt Selbstsinn, und eine gewisse innere Furcht und Unsicherheit gegenüber denjenigen Regionen, welche hinter der Sinneswelt liegen. Selbstsinn und Eigenliebe spielen ja eine große Rolle im gewöhnlichen Leben, aber sie sind im gewöhnlichen Leben von der Art, daß sie durch die Seele auch immer bemeistert werden können. Wir wissen, daß wenn wir uns seelisch anstrengen, wir sie bemeistern können. Untugenden, Untüchtigkeiten treten in unserer Seele auf, und wir können sie ändern. Und wenn wir sie nicht ändern wollen, so können wir wenigstens fühlen, daß wir sie ändern könnten. Einer Naturkraft gegenüber, dem Blitz, dem Donner gegenüber haben wir nicht das Gefühl, daß wir sie ändern können. Würden wir ohne Vorbereitung in diesen Zustand, der eben geschildert worden ist, eintreten, wo einem gleichsam im Bild der Leib entschwindet, dann würde man sehen, daß man zwar seine Seelenkräfte verstärkt hat, daß man schlummernde Kräfte hervorgeholt hat, aber daß man mit ihnen auch etwas anderes hervorgeholt hat, nämlich eine verstärkte Eigenliebe. Und nur wenn die andere Seelenkraft auch verstärkt worden ist, ist man imstande, diesen Selbstsinn, der jetzt aufgetreten ist, abzudämpfen. Ebensowenig wie man imstande ist, dem Blitz und dem Donner Widerstand zu leisten, ebensowenig kann man dem, was im Selbstsinn auftritt wie eine Naturkraft, Widerstand leisten, es dem Seelenleben entreissen.
[ 21 ] For when one has reached this point, one simply knows: Had one not prepared oneself, had one not strengthened the powers of the soul, one would approach this event with two human traits that are highly problematic when they come into contact with these experiences—two traits of the human soul that one only truly learns to recognize at this stage of soul development: self-love, self-will—or rather, self-centeredness—and a certain inner fear and insecurity toward those realms that lie beyond the sensory world. Self-centeredness and self-love certainly play a major role in ordinary life, but in ordinary life they are of such a nature that the soul can always master them. We know that if we make a spiritual effort, we can master them. Vices and weaknesses arise in our soul, and we can change them. And even if we do not wish to change them, we can at least sense that we could change them. Faced with a force of nature—such as lightning or thunder—we do not have the feeling that we can change it. If we were to enter the state just described—where, as it were, the body vanishes from view—without preparation, we would see that, while we have indeed strengthened our soul forces and brought dormant powers to the fore, we have also brought something else to the fore: namely, an intensified sense of self-love. And only when the other soul force has also been strengthened is one able to temper this sense of self that has now arisen. Just as one is unable to resist lightning and thunder, so too is one unable to resist what arises in the sense of self like a force of nature, or to wrest it away from the life of the soul.
[ 22 ] Wenn man aber wirklich in der richtigen Weise die Seele zu einem Instrument gemacht hat für die geistige Welt, dann befähigt einen das Überschauen des Bildes dazu, diesen Selbstsinn in seiner wahren Gestalt zu erkennen. Denn dieses Bild zeigt einem noch etwas anderes, als man mit wenigen Worten schildern kann. Es zeigt uns alles, was wir bisher unser Ich, unsere Seele genannt haben, wie außer uns hingestellt. Es zeigt uns, was wir bisher gewollt haben, wofür man leidet, worüber man sich freut. Man weiß jetzt: Das alles mußt du von dir abschälen, wenn du das entwickeln willst, was aus dir heraus in die übersinnliche Welt hineinführen kann. – Man lernt sich auf diesem Punkt des Daseins erst selbst als Seele erkennen. Man weiß jetzt erst, was es heißt, sich selbst gegenüberzutreten in wahrer Selbsterkenntnis; man weiß, daß man von dem, was man bisher sein Selbst genannt hat, nichts für eine höhere Erkenntnis bewahrt – man muß es abschälen und wie etwas ganz Außeres behalten. Sich selbst objektiv gegenüberzutreten, sich aus sich herauszuschälen, sich so zu betrachten wie einen anderen Menschen oder wie einen Gegenstand, das ist eine Vorbereitung für das Eindringen in die geistige Welt. Das aber setzt voraus, daß man auch die starken Kräfte entwickelt hat, um den verstärkten Selbstsinn zu besiegen. Derjenige, der das nicht getan hat, würde unendlichen Schmerz darüber erleben, wenn er sieht: Um in die geistige Welt hinaufzuschauen, mußt du alles, was du gelitten hast, herausschälen und darauf verzichten. – Nichts von dem, was einem in der Welt dient, scheint geeignet, einen in eine höhere Welt hineinzuführen.
[ 22 ] But if one has truly made the soul an instrument for the spiritual world in the right way, then surveying the image enables one to recognize this sense of self in its true form. For this image reveals something else as well—something that cannot be described in just a few words. It shows us everything we have hitherto called our “I,” our soul, as if set apart from ourselves. It shows us what we have hitherto desired, what causes us to suffer, and what brings us joy. One now knows: You must peel all of this away from yourself if you wish to develop that which can lead from within you into the supersensible world. – It is only at this point in life that one learns to recognize oneself as a soul. Only now does one know what it means to face oneself in true self-knowledge; one knows that nothing of what one has hitherto called one’s self can be preserved for higher knowledge—one must peel it away and regard it as something entirely external. Facing oneself objectively, peeling oneself away from oneself, viewing oneself as one would another person or an object—this is a preparation for entering the spiritual world. But this presupposes that one has also developed the strong powers necessary to overcome the intensified sense of self. Anyone who has not done this would experience infinite pain upon realizing: To look up into the spiritual world, you must peel away everything you have suffered and renounce it. —Nothing that serves one in this world seems suitable for leading one into a higher world.
[ 23 ] So ist es notwendig, daß man den Selbstsinn besiegt. Und noch etwas anderes tritt auf. Wenn der Mensch diese Erfahrung macht, bemerkt er, daß seine ganze Lebenssicherheit in dem enthalten war, was er da aus sich herausstellen muß, worauf er jetzt nichts mehr zu geben hat. Da ergreift ihn Furcht, denn das, was ihm bisher Sicherheit gab, das muß er eine Weile zurücklassen. Nun ist es, als verlöre man den Boden unter den Füssen. Nur dann, wenn man andere Kräfte sich anerzogen hat, hat man nicht Furcht, sondern Mut, ins unbekannte Land des Geistes hineinzudringen. Das, was da in der Seele als Furcht lebt, das tritt einem noch ganz anders entgegen. Das Seelenleben ist etwas sehr Kompliziertes. Nur ein Teil davon ist bewußt; ein anderer Teil ruht immer unten in den Seelengründen, aus denen ihn dann der Geistesforscher mit seiner Kraft hervorzieht. Der Mensch weiß nur von einem Teil seines Seelenlebens; andere Teile wirken von den Untergründen herauf in das gewöhnliche Seelenleben hinein. Aber der Mensch weiß nichts davon. Ja, was der Mensch in seinem gewöhnlichen Seelenleben hat, das ist oft dazu da, um zu verdecken, zu umnebeln, was in den Untergünden des Seelenlebens ruht. Es ruht da in verborgenen Tiefen, über die der Mensch sich hinweghilft, indem er sich Täuschungen hingibt. Für den, der die Seele kennt, ist eine Erscheinung sehr interessant, die ja dem Menschen der Gegenwart paradox erscheinen wird, aber die doch wahr ist.
[ 23 ] Thus, it is necessary to overcome self-centeredness. And something else happens as well. When a person has this experience, he realizes that his entire sense of security in life was contained in what he must now set aside—something to which he can no longer cling. Fear then seizes them, for they must leave behind, for a time, that which had hitherto given them security. It is as if one were losing the ground beneath one’s feet. Only when one has cultivated other powers does one possess not fear but courage to venture into the unknown realm of the spirit. What lives in the soul as fear confronts one in an entirely different way. The life of the soul is a very complex thing. Only a part of it is conscious; another part always lies deep in the depths of the soul, from which the spiritual researcher then draws it forth with his power. A person is aware of only a part of his or her soul life; other parts work their way up from the depths into ordinary soul life. But the person knows nothing of this. Indeed, what a person experiences in their ordinary inner life is often there to conceal and obscure what lies in the depths of the soul. It rests there in hidden depths, which the person overcomes by indulging in delusions. For those who know the soul, there is a phenomenon that is very interesting—one that will seem paradoxical to people today, yet is nonetheless true.
[ 24 ] Wir sehen in der Gegenwart Leute, Materialisten oder, wie man es vornehmer ausdrückt: Monisten –, eine Verbindung derjenigen Menschen, die den Geist in seiner wahren Gestalt nicht suchen wollen auf dem Wege des geistigen Lebens. Warum wird man materialistischer Monist? Wenn man begreift, warum das so ist, wird man auf der einen Seite tolerant gegen den Materialisten, weil man einsieht, daß unter gewissen Bedingungen die Seele nicht anders sein kann, wenn sie nicht die Anregung empfängt, aus dem Materialismus herauszukommen. Denn derjenige, der die Seele des Materialisten untersucht und auf sie eingeht, der merkt, daß in ihren tiefsten Untergründen nichts anderes waltet als die Furcht, die Furcht vor der geistigen Welt.
[ 24 ] Today we see people—materialists, or, to put it more elegantly, monists—a group of individuals who do not wish to seek the spirit in its true form through the path of spiritual life. Why does one become a materialistic monist? Once one understands why this is so, one becomes, on the one hand, tolerant toward the materialist, because one realizes that under certain conditions the soul cannot be otherwise if it does not receive the impetus to emerge from materialism. For anyone who examines the materialist’s soul and engages with it will notice that, in its deepest recesses, nothing else reigns but fear—the fear of the spiritual world.
[ 25 ] Tatsächlich ist es so. Und wenn einem die materialistischen Monisten das auch sehr übel nehmen, es ist so. Sie fürchten sich, ohne daß sie es wissen, in den Untergründen ihres Seelenlebens; sie fürchten sich vor der geistigen Welt, weil sie eben in den Untergründen der Seele ein dunkles Gefühl davon haben, daß sie in dem Augenblick, wo sie den sicheren Boden des Verstandes verlassen, den Boden unter den Füßen verlieren. Davor fürchten sich die Seelen in den Untergründen, und deshalb verdeckt man die Furcht mit materialistischen Theorien, geradeso wie man sich betäubt gegen Angst und Furcht. Der materialistische Monismus ist nichts anderes als die Betäubung der in den Seelengründen lebenden Furcht. Das wird der wahre Psychologe immer erkennen können. In den materialistisch-monistischen Theorien ist nicht bloß das, was die Materialisten sagen, sondern man kann es aussprechen, daß für den Kenner der Sachlage immer zwischen den Zeilen die Furcht sichtbar ist. Diese Furcht muß durch die verstärkte Seelenkraft überwunden werden, dann wagt es der Mensch, über den Abgrund hinüber zu setzen und in das geistige Gebiet einzudringen.
[ 25 ] That is indeed the case. And even if the materialistic monists take great offense at this, it is true. Without realizing it, they are afraid in the depths of their inner lives; they fear the spiritual world because, deep down in their souls, they have a dark sense that the moment they leave the secure ground of reason, they will lose their footing. This is what the souls in the depths fear, and that is why they mask this fear with materialistic theories, just as one numbs oneself against anxiety and fear. Materialistic monism is nothing other than the numbing of the fear that dwells in the depths of the soul. A true psychologist will always be able to recognize this. Materialistic-monistic theories contain not merely what the materialists say; rather, one can state that, for those familiar with the situation, fear is always visible between the lines. This fear must be overcome through strengthened spiritual power; only then will a person dare to cross the abyss and enter the spiritual realm.
[ 26 ] Dann wird der Mensch gewahr werden, daß in der Tat sich sein Seelenleben für die Erfahrung der geistigen Welt in einer gewissen Weise spaltet. Was bedeutet diese Spaltung? Ausdrücklich soll hervorgehoben werden, daß der wahre Geistesforscher nicht etwa ein Träumer oder Schwärmer sein soll, der nun die sinnliche Welt ganz verlassen und dort leben will in der geistigen Welt. Er muß dahin kommen, das, wovon er weiß, daß er es ablegen muß für die geistige Welt, nun auch wieder an sich heranzuziehen. Dieses freie, im Gleichgewicht sich Hin- und Herbewegen zwischen dem Schauen der geistigen Welt und dem vollen Leben in der sinnlichen Welt muß der Geistesforscher zustandebringen, sonst ist er kein Geistesforscher, sondern für die äußere Welt ein Phantast. Das erreicht er, wenn er von einem wirklich gesunden Seelenleben ausgeht.
[ 26 ] Then the human being will become aware that, in fact, his or her soul life splits in a certain way in order to experience the spiritual world. What does this division mean? It must be explicitly emphasized that the true spiritual researcher is not to be a dreamer or a fantasist who now wishes to abandon the sensory world entirely and live in the spiritual world. He must come to the point where he can once again draw toward himself that which he knows he must set aside for the spiritual world. The spiritual researcher must achieve this free, balanced movement back and forth between perceiving the spiritual world and living fully in the physical world; otherwise, he is not a spiritual researcher but, to the outer world, a fantasist. He achieves this when he proceeds from a truly healthy soul life.
[ 27 ] Daher werden Sie sich überzeugen können, daß die wirklichen Geistesforscher immer im gewöhnlichen, alltäglichen Leben nüchtern darinnenstehen, weil sie sich bewußt sind – sie haben es ja objektiv, nicht nur subjektiv gesehen –, daß dieses von den Menschen fordert, alle Dinge recht nüchtern zu betrachten und keine Schwärmer zu sein. Sie stellen sich in das gewöhnliche Leben als richtige Lebenspraktiker hinein. Sie wissen das Gleichgewicht zu halten zwischen der gewöhnlichen Lebenspraxis und dem Darinnenstehen in der geistigen Welt. Es ist sehr wichtig, gerade auf diesen Punkt ganz besonderen Wert zu legen, weil sich eben das Seelenleben spalten muß, so wie abgespalten wird eine große Anzahl von Feldfrüchten von den wenigen, die nicht verzehrt werden, sondern wiederum in die Erde versenkt werden, damit neue Früchte aus ihnen hervorgehen.
[ 27 ] Therefore, you will be able to see for yourself that true spiritual researchers always maintain a sober perspective in ordinary, everyday life, because they are aware—and they see this objectively, not just subjectively—that this requires people to view all things with a sober eye and not to be dreamers. They engage in ordinary life as true practitioners of life. They know how to maintain a balance between the practicalities of everyday life and their connection to the spiritual world. It is very important to place particular emphasis on this point, because the life of the soul must be divided, just as a large portion of the harvest is set aside from the few that are not consumed but are instead returned to the earth so that new fruits may spring from them.
[ 28 ] So sieht der Mensch sein Seelenleben nicht ganz aus sich herausgestellt. Er sieht gleichsam einen Teil dieses gewöhnlichen Seelenlebens neben sich hingestellt, er fühlt es als etwas, was ihn nicht in die geistige Welt hineinstellen kann: die Frucht, die zur Nahrung dient. Der andere Teil aber, der überbrückt den Abgrund. Das ist der Teil, der aus der Konzentration sich entwickelt; es ist der Teil, der zur Aussaat verwendet wird für das Seelenleben, das in die geistige Welt hineingeht. Damit es sich aber gesund entwickelt, ist es notwendig, daß der Geistesforscher an diesem Punkt in der Lage ist, anders sich zu verhalten als derjenige, der durch ein krankes Seelenleben an diesem besonderen Punkt angelangt ist, den man als sehr leidvoll empfinden lernt.
[ 28 ] Thus, a person does not see his or her soul life as entirely separate from himself or herself. He or she sees, as it were, a part of this ordinary soul life set aside next to him or her; he or she feels it as something that cannot place him or her into the spiritual world: the fruit that serves as nourishment. The other part, however, bridges the chasm. This is the part that develops out of concentration; it is the part that is used as seed for the life of the soul that enters the spiritual world. However, for it to develop healthily, it is necessary that the spiritual researcher be able, at this point, to behave differently from the person who has arrived at this particular point—which one learns to perceive as very painful—through a diseased soul life.
[ 29 ] Das, was auf den Geistesforscher eindringt, wenn alle die Vorbedingungen erfüllt sind, das ist, daß er von einem gewissen Zeitpunkte an nicht mehr nötig hat, sich auf bestimmte Vorstellungen zu konzentrieren, sondern es treten aus seinem leeren Bewußtsein von selber Bilder hervor, die eine neue Welt bedeuten. Sein Bewußtsein füllt sich an mit einer neuen Welt. Für den äußeren Betrachter wird diese Welt sehr ähnlich sein den ungesunden Halluzinationen. Aber nur äußerlich sind sie sich ähnlich. Was zu Halluzinationen führt, das ist ein ungesundes Seelenleben. Was beim Geistesforscher zu der Welt von Bildern oder Imaginationen führt, das muß gerade das gesündeste Seelenleben sein! Wir sehen bei dem, der durch ein ungesundes Seelenleben eine Bilderwelt aufziehen sieht, daß er dabei mit einer inneren Kraft an ihre Wirklichkeit glaubt, daß er glaubt, daß seine Wahnvorstellungen wahr seien. Und viele von uns werden wissen, daß man einem Menschen, der in dieser Weise krank ist, oft das, was er mit den Augen sieht, ausreden kann, nicht aber die
[ 29 ] What becomes apparent to the spiritual researcher, once all the prerequisites have been met, is that from a certain point onward, he no longer needs to concentrate on specific ideas; instead, images emerge of their own accord from his empty consciousness, representing a new world. His consciousness fills with a new world. To an outside observer, this world will appear very similar to unhealthy hallucinations. But they are similar only on the surface. What leads to hallucinations is an unhealthy inner life. What leads the spiritual researcher to this world of images or imaginings must, on the contrary, be the healthiest inner life of all! We see that a person who, through an unhealthy inner life, conjures up a world of images believes in its reality with an inner force—that is, believes that his delusions are true. And many of us will know that while one can often dissuade a person who is ill in this way from what he sees with his eyes, one cannot dissuade him of the “reality” of his hallucinations. Why is that the case? Because in such an unhealthy inner life, as the powerful force that arises grows, so does the sense of self. The person is one with his ideas; he brings them forth from his soul; they are the shadows of his inner life, the condensed fantasies. Because he himself is all of this, he believes in it so firmly. For a person must absolutely believe in himself if he wants to stand firm in the world—and so he believes in his visionary ideas as if they were an objective world.
[ 30 ] Das ist das, was durch die Besiegung des Selbstsinnes der Geistesforscher erreichen muß: daß er jetzt die Bilderwelt, die so beseligend auf ihn wirken kann, wieder wegschaffen lernt aus eigener Willkür. Wenn jemand in der richtigen Weise die Übungen macht, von denen ich gesprochen habe, so erlangt er die Fähigkeit, diese Bilderwelt – die wirklich so auftritt wie eine geistige Welt, wie am Morgen die Sonne am Horizont erscheint – auch wieder auslöschen zu können. Die Übung muß in der besonderen Willensschulung bestehen, daß man nicht nur dazu kommt, diese Bilderwelt hervorzurufen, sondern sie auch wieder auslöschen zu können – darauf beruht alle Erkenntnis in der höheren Welt. Das ist der Unterschied gegenüber den Bildern des krankhaften Seelenlebens. Wenn die Übungen gemacht werden, erlangt nämlich der Mensch die eigentümliche Kraft, seinen Willen allmählich bewußt stärker werden zu lassen und dann wieder abfluten zu lassen. Diese Fähigkeit hat man im gewöhnlichen Leben nicht. Man kann Anstrengungen machen und sie unterlassen. Das hat man erst durch Schulung zu lernen, daß man den Willen so stark macht, wie ich es geschildert habe. Wenn die ganze Bilderwelt heraufgezogen ist, dann muß man bewußt den Willen immer schwächer werden lassen, der erst diese Welt heraufgezaubert hat, und so imstande sein, diese ganze Welt versinken zu lassen. Das kann man aber nur nach der Besiegung des Selbstsinnes.
[ 30 ] This is what the spiritual researcher must achieve by overcoming his sense of self: that he now learns, of his own free will, to dispel the world of images that can have such a blissful effect on him. If someone performs the exercises I have spoken of in the correct manner, they will acquire the ability to extinguish this world of images—which truly appears just like a spiritual world, just as the sun appears on the horizon in the morning—once again. The exercise must consist of a special training of the will, so that one not only comes to evoke this world of images but is also able to extinguish it again—all knowledge of the higher world is based on this. This is the difference from the images of a pathological mental life. For when the exercises are performed, a person acquires the unique power to gradually and consciously strengthen their will and then allow it to subside again. One does not possess this ability in ordinary life. One can make efforts or refrain from them. One must first learn through training to make the will as strong as I have described. Once the entire world of images has been summoned, one must consciously allow the will—which initially conjured up this world—to grow ever weaker, and thus be able to let this entire world subside. However, this is possible only after overcoming the ego.
[ 31 ] Bedenken Sie nur, was eigentlich da von unserer Seele gefordert wird. Es wird gefordert, daß wir erst alle Anstrengungen machen, um eine solche Welt hervorzurufen; dann aber müssen wir das, wofür wir die größten Anstrengungen gemacht haben, wieder auslöschen. Wir können uns nicht daran beseligen. Die ganze Welt, die wir so erst durch die äußeren Anstrengungen entwickelt haben, müssen wir in den Untergründen des Bewußtseins versinken sehen wie Vorstellungen, die wir vergessen haben. Wenn wir das erlangt haben, dann treten wir erst ein in eine Welt, welche die wahre geistige Welt ist, die Welt geistiger Wesenheiten und geistiger Tatsachen. Und der Geistesforscher weiß durch die vorangehenden Übungen, daß er jetzt in der geistigen Welt lebt. Würde er nicht sich diese Fähigkeit erworben haben, das alles wieder verschwinden zu lassen, so würde er kein freier Beobachter der geistigen Welt sein können. Es läßt sich damit vergleichen, wie wenn man ein Ding anschauen würde und sich nicht mehr abwenden könnte. Das, was dem Zuwenden und Abwenden der Aufmerksamkeit entspricht, das entspricht auf dem Gebiet der geistigen Beobachtung dem Heraufziehen der Eindrücke und dem Wieder-Verschwinden-Lassen. Das muß bei der Entwicklung des Seelenlebens erlernt werden. Wenn der Mensch an diesem Punkt angekommen ist, dann tritt für ihn nicht nur die Spaltung ein, die schon geschildert worden ist, sondern der Zeitpunkt, wo er etwas wie zwei getrennte Gebiete vor sich hat. Von dem einen Gebiet erlebt er, daß er es von sich losschälen muß; er fühlt, es ist das, was er bisher als sein einziges Eigentum geschätzt hat, von dem erkennt er auch, daß er es im Tode ablegt. Es gehört ein gewisser Mut dazu, das in wirklicher Erkenntnis zu ergreifen. Denn der Mensch erkennt, daß er lernen muß, etwas, woran er hängt und das ihm sonst erst im Tode entrissen wird, nunmehr aus freien Stücken zu entbehren.
[ 31 ] Just consider what is actually being demanded of our soul here. We are required first to make every effort to bring about such a world; but then we must erase what we have striven so hard to create. We cannot find joy in this. We must watch as the entire world—which we have only just developed through external efforts—sinks into the depths of consciousness like ideas we have forgotten. Only when we have achieved this do we enter a world that is the true spiritual world—the world of spiritual beings and spiritual realities. And the spiritual researcher knows, through the preceding exercises, that he now lives in the spiritual world. If he had not acquired this ability to make all of that disappear again, he would not be able to be a free observer of the spiritual world. It can be compared to looking at an object and being unable to look away. What corresponds to turning one’s attention toward or away from something corresponds, in the realm of spiritual observation, to bringing impressions to the surface and allowing them to fade away again. This must be learned in the development of the soul life. When a person has reached this point, not only does the division already described occur, but the moment arrives when they find themselves facing something like two separate realms. Regarding one of these realms, they experience the need to peel it away from themselves; they feel that it is what they have hitherto cherished as their sole possession, and they also recognize that they will lay it aside at death. It takes a certain courage to grasp this with true insight. For a person realizes that they must learn to voluntarily do without something to which they are attached—and which would otherwise only be torn from them at death.
[ 32 ] Dann lernt er erkennen, wie gleichsam die Frucht, die auserwählt wird zur weiteren Aussaat, der menschlichseelische Wesenskern ist, der nicht in der Leiblichkeit aufgeht, sondern ihr nur zugrundeliegt, der Wesenskern, der nicht von Vater und Mutter herrührt, sondern der aus der geistigen Welt herunterkommt, der das, was ihm die Eltern geben, verwendet im äußerlich-leiblichen Menschendasein. Diesen geistigen Wesenskern lernt man erkennen. Was Geisteswissenschaft da zu zeigen hat, ist unserer Gegenwart durchaus entsprechend, es entspricht durchaus einer naturwissenschaftlichen Errungenschaft.
[ 32 ] Then he learns to recognize how, just as the fruit that is chosen for further sowing, the core of the human soul is not absorbed into physicality but merely underlies it, the core of the being that does not originate from father and mother, but descends from the spiritual world, and which utilizes what the parents give it in the outer, physical human existence. One learns to recognize this spiritual core of the being. What spiritual science has to show here is entirely in keeping with our present age; it corresponds entirely to an achievement of the natural sciences.
[ 33 ] Die Geisteswissenschaft weist darauf hin, daß im Menschen wohl die Eigenschaften der Eltern und Großeltern leben, daß es aber eine ungenaue Betrachtung ist, wenn man sagt, daß der Mensch nur zusammengesetzt ist aus dem, was er von den Eltern ererbt hat. Physisch trägt der Mensch die Merkmale seiner physischen Vererbung, aber Geistes-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem stammen. Das, was in uns als GeistigSeelisches lebt, als geistig-seelischer Wesenskern, was man erkennen lernen kann auf die geschilderte Weise, das kommt aus dem Geistig-Seelischen. Und weil der Mensch eine innerlich geschlossene Individualität ist, hat man es nicht zu tun mit einem Gattungskeim, sondern mit einem Individuellen. Das heißt, was in uns auftritt als geistig-seelischer Keim, das führt auf das Individuelle des Menschen zurück. Damit aber tritt vor unserer Seele jene Lehre auf von den wiederholten Erdenleben.
[ 33 ] Spiritual science points out that while the characteristics of parents and grandparents certainly live on in a person, it is an inaccurate view to say that a person is composed solely of what he or she has inherited from his or her parents. Physically, a person bears the traits of their physical inheritance, but the spiritual-soul aspect can only originate from the spiritual-soul realm. That which lives within us as the spiritual-soul aspect—as the spiritual-soul core of our being, which we can learn to recognize in the manner described—comes from the spiritual-soul realm. And because the human being is an inwardly self-contained individuality, we are not dealing with a species germ, but with an individual. This means that what appears within us as a spiritual-soul germ can be traced back to the individuality of the human being. With this, however, the teaching of repeated earthly lives presents itself to our soul.
[ 34 ] Dieses Geistig-Seelische, das wir in uns tragen und das durch die Pforte des Todes hindurchschreitet, dieses Geistig-Seelische, das sich selbst den Leib auferbaut, das führt zurück auf ein früheres und auf noch frühere Erdenleben, bis man zu der Zeit kommt, wo es zum ersten Male gelebt hat. Und das, was in diesem Teil unseres Wesens ruht, das geht durch die Pforte des Todes und lebt dann in einem übersinnlichen Dasein. Von diesem aus tritt der Mensch, indem er in die Vererbungsströmung sich begibt, die ihm von der physischen Welt entgegenkommt, zu einem neuen irdischen Leben ins Dasein.
[ 34 ] This spiritual-soul aspect that we carry within us and that passes through the gate of death—this spiritual-soul aspect that builds its own body—leads back to an earlier and even earlier earthly life, until one reaches the time when it lived for the first time. And that which rests in this part of our being passes through the gate of death and then lives on in a supersensible existence. From there, by entering the stream of heredity that flows toward him from the physical world, the human being steps into a new earthly life.
[ 35 ] Sie sehen, die Logik ist ganz dieselbe wie in der Naturwissenschaft. Wer sie bekämpfen will, der weiß nur noch nicht, wovon er eigentlich redet. Denn wenn derjenige, der auf naturwissenschaftlichem Boden steht, sagen wollte: Ja, man kann es aber doch nachweisen, daß die Eigenschaften ererbt sind von den Eltern –, muß man ihm antworten: Insoweit es nachgewiesen werden kann von der Naturwissenschaft, kann man nur sagen: Es ist wahr! – Wenn aber der materialistische Monist daraus machen will: Weil man diese Eigenschaften ererbt hat von Eltern und Voreltern, könnten sie nicht von dem herrühren, was der Mensch in einem früheren Leben als Kräfte gestaltet hat, die in seinem jetzigen Leben wieder aufleben –, so ist ihm zu erwidern: Man kann ebensogut sagen, der Mensch ist naß, weil er ins Wasser gefallen ist. – Das eine ist wahr, weil das andere wahr ist. Wahr ist, daß der Mensch gewisse Eigenschaften von seinen Voreltern ererbt hat – wahr ist aber auch, daß er gerade zu diesen Eltern hingezogen wurde, weil er sich die Kräfte anzueignen hat, die gerade von diesen Eltern zu holen sind. Nur Geistiges verursacht Geistiges.
[ 35 ] As you can see, the logic is exactly the same as in the natural sciences. Anyone who wants to oppose it simply doesn’t yet know what they’re actually talking about. For if someone standing on the ground of natural science were to say, “Yes, but it can be proven that these characteristics are inherited from one’s parents”—one must reply: Insofar as it can be proven by natural science, one can only say: It is true! – But if the materialist monist wants to infer from this: “Since these characteristics are inherited from parents and ancestors, they cannot stem from what a person shaped as forces in a previous life, which are revived in his present life”—then one must reply: One might just as well say that a person is wet because he fell into water. – One thing is true because the other is true. It is true that a person has inherited certain characteristics from their ancestors—but it is also true that they were drawn specifically to these parents because they need to acquire the forces that can be obtained precisely from these parents. Only the spiritual gives rise to the spiritual.
[ 36 ] Wer richtig hinsehen will auf diese Sache, der wird anerkennen, daß heute die Geisteswissenschaft vorzugehen hat wie Francesco Redi, der als eine naturwissenschaftliche Wahrheit den Satz hinstellen mußte: Lebendiges kann nur von Lebendigem kommen. — Es wird ihr auch mit Bezug auf die Aufnahme der Wahrheit so gehen. Sie dürfen nicht glauben, daß man den Satz «Lebendiges kann nur von Lebendigem kommen» mit Wohlgefallen aufgenommen hat. Nur mit knapper Not ist Francesco Redi dem Schicksal Giordano Brunos entgangen. Heute redet man nicht mehr von Ketzerei, sondern heute nennt man die Menschen, die Neues zu verkündigen haben, Träumer und Phantasten, und man hat heute mildere Methoden gefunden als das Verbrennen, um dem zu begegnen, was in die Zeitkultur hineinkommen muß. Es wird aber so kommen, wie es immer in solchen Fällen gekommen ist. Was zuerst Phantasterei, ja Narretei genannt wurde, wird nachher zur Selbstverständlichkeit. Und es wird die Zeit kommen, wo der Satz «Geistig-Seelisches kann nur von Geistig-Seelischem kommen» als eine Selbstverständlichkeit gelten wird. Dann wird allerdings mancher sich so vertieft haben in die ganze Art dieses Satzes, ihn so haben wirken lassen auf sich, daß gewisse Einwendungen, die heute noch gemacht werden, dahinfallen.
[ 36 ] Anyone who wishes to examine this matter closely will recognize that today spiritual science must proceed as Francesco Redi did, who had to establish the following as a scientific truth: “Life can only come from life.” — The same will be true for it with regard to the acceptance of truth. Do not believe that the statement “Life can only come from life” was received with favor. Francesco Redi narrowly escaped the fate of Giordano Bruno. Today people no longer speak of heresy; instead, they call those who have something new to proclaim dreamers and fantasists, and they have found milder methods than burning at the stake to counter what must find its way into contemporary culture. But it will turn out as it always has in such cases. What was first called fantasy, even folly, will later become a matter of course. And the time will come when the statement “The spiritual-psychic can only come from the spiritual-psychic” will be regarded as self-evident. By then, however, many will have delved so deeply into the very nature of this statement and allowed it to take such a hold on them that certain objections still raised today will fall away.
[ 37 ] Ich habe schon gesagt: Man braucht sich nicht zu wundern über die Gegnerschaft gegen diese Lehre vom Geistigen. Die Sache ist so, daß nicht nur die, die sich wenig mit den Dingen befassen, sondern auch diejenigen, die mit gutem Willen hinein wollen in die geistige Welt, das noch nicht begreifen können, um was es sich hier handelt: um die Lehre von den wiederholten Erdenleben.
[ 37 ] As I have already said: One need not be surprised by the opposition to this teaching about the spiritual. The fact is that not only those who have little interest in such matters, but also those who, with good will, wish to enter the spiritual world, are not yet able to grasp what is at stake here: the doctrine of repeated earthly lives.
[ 38 ] Mit der Lehre von der Reinkarnation stehen wir der Unsterblichkeitsfrage in einer ganz anderen Weise gegenüber, als wenn man sie in bezug auf eine unendliche Zeit beurteilen wollte. Man steht dann der Unsterblichkeit so gegenüber, daß man sie Glied für Glied sich aufbauen sieht. Man spricht davon, daß die Seele fortlebt, weil man sieht, daß in dem einen Erdenleben der Keim enthalten ist, der mit derselben Sicherheit ein nächstes Erdenleben hervorbringt, wie in der Pflanze der Keim enthalten ist, der die nächste Pflanze hervorbringt. Und so, wie man das gesamte Pflanzenleben überblickt, indem man die Pflanze anschaut von der Wurzel bis zum Keim, dann später im Frühling den Keim wieder hervorkommen sieht, so wird eine fortlaufende Kette der Entwicklung der Seele überschaut. Da stellt sich dann heraus, daß man auch zu einer befriedigenden Lösung des Schicksalsrätsels kommen kann.
[ 38 ] The doctrine of reincarnation allows us to approach the question of immortality in a completely different way than if we were to consider it in terms of infinite time. We then view immortality as something that builds itself up step by step. We speak of the soul’s continued existence because we see that a single earthly life contains the seed that will bring forth the next earthly life with the same certainty as a plant contains the seed that will bring forth the next plant. And just as one surveys the entire life of a plant by looking at it from the root to the seed, and then later in spring seeing the seed sprout again, so too does one survey a continuous chain of the soul’s development. It then becomes clear that one can also arrive at a satisfactory solution to the riddle of fate.
[ 39 ] Wir sehen den einen Menschen heranwachsen von seiner frühesten Kindheit an in einer liebevollen und guten Umgebung, und wir sehen einen anderen Menschen aufwachsen in einer Umgebung, die nur in schlechtem Sinne auf ihn wirken kann. Warum ist das so? Da müssen wir das eine und das andere Leben verursacht sehen von einem früheren Erdenleben. Wenn es einerseits trostlos klingt, daß jedes Unglück auf diese Weise selbstverschuldet sei, so muß doch gesagt werden, daß es sich bei Glück und Unglück um etwas anderes handelt, wenn Glück und Unglück vom richtigen, vom einzig berechtigten Gesichtspunkte aus betrachtet werden. Was ich damit meine, möchte ich an einem Beispiel zeigen. Ein achtzehnjähriger junger Mann, dessen Vater sehr reich war, lebte wenig zur Freude seiner Umgebung. Er wollte nichts lernen, nur das Leben genießen, und war auf dem Wege, ein rechter Taugenichts zu werden. Da starb der Vater, und zugleich ging auch das Vermögen verloren. Dadurch wurde der junge Mann gezwungen, etwas zu lernen, zu arbeiten, und er wurde ein tüchtiger Mensch. Da mußte er sich sagen: Was ein Unglück zu sein schien, das war ein Glück für mich.
[ 39 ] We see one person growing up from early childhood in a loving and nurturing environment, and we see another person growing up in an environment that can only have a negative effect on him. Why is this so? We must view both of these lives as resulting from a previous earthly life. While it may sound disheartening that every misfortune is in this way self-inflicted, it must nevertheless be said that happiness and misfortune take on a different meaning when viewed from the correct—the only legitimate—perspective. I would like to illustrate what I mean with an example. An eighteen-year-old young man, whose father was very wealthy, lived in a way that brought little joy to those around him. He wanted to learn nothing, only to enjoy life, and was on his way to becoming a real good-for-nothing. Then his father died, and at the same time the fortune was lost. As a result, the young man was forced to learn something, to work, and he became a capable person. Then he had to tell himself: What seemed to be a misfortune was actually a blessing for me.
[ 40 ] So müssen wir uns im Unglück sagen: Wir haben uns aus einem früheren Leben heraus selbst zu dem Unglück bestimmt; wir haben selbst uns zu diesem Schicksal hingeleitet. Dann ist es unberechtigt, ein Unglück zu beurteilen, wenn wir darinnenstehen. Man muß es betrachten als die Folge einer früheren Unvollkommenheit. Wir müssen uns sagen können: Die gesamte Seele würde sich nicht entwickeln können, wenn sie nicht dieses Unglück erleben würde. Das Unglück kann eine Schule der Vollkommenheit bilden.
[ 40 ] Thus, in the face of misfortune, we must tell ourselves: We ourselves have brought this misfortune upon ourselves from a previous life; we ourselves have led ourselves to this fate. Therefore, it is unjustified to judge a misfortune while we are in the midst of it. One must view it as the consequence of a previous imperfection. We must be able to tell ourselves: The soul as a whole would not be able to develop if it did not experience this misfortune. Misfortune can serve as a school of perfection.
[ 41 ] Wenn jemand es hier schon zu einer Erkenntnis gebracht hat, die er im Leben erkämpft und errungen hat, und wir fragen ihn: Du hast Leid und Schmerz erfahren, Freude und Seligkeit – was würdest du lieber hergeben von diesen Erlebnissen? – Wenn der Mensch nachdenken würde über den wahren Sachverhalt, er würde antworten: Freude und Seligkeit nehme ich dankbar hin; wenn ich aber zu wählen hätte zwischen den Leiden und den Freuden, so gäbe ich lieber die Freuden hin, denn durch die Leiden habe ich gerade meine Erkenntnisse erhalten: ich wäre nie der geworden, der ich bin, wenn ich nicht durch die Schule des Leidens gegangen wäre. – Es gibt eine andere Beurteilung der Leiden, als die vom Standpunkt der gewöhnlichen Empfindungen aus. So darf man die Lehre von den wiederholten Erdenleben nicht trostlos nennen. Was wird uns durch diese Lehre gegeben? Die Unsterblichkeitsfrage und die Schicksalsfrage lösen sich! Die Unsterblichkeitsfrage löst sich dadurch, daß wir wissen, dieses Leben trägt den Keim zu einem folgenden Leben in sich. So fügt sich uns das ganze Leben zu einem unsterblichen zusammen in einer ganz wissenschaftlichen Weise. Und die Schicksalsfrage löst sich dadurch, daß das Schicksal zur Entwicklung notwendig ist. Den Tod und den Schmerz zu verstehen suchen, das ist im Grunde genommen: Interesse entwickeln für die großen Lebensrätsel.
[ 41 ] If someone here has already arrived at an insight that they have fought for and earned in life, and we ask them: “You have experienced suffering and pain, joy and bliss—which of these experiences would you rather give up?” – If that person were to reflect on the true state of affairs, they would answer: “I gratefully accept joy and bliss; but if I had to choose between suffering and joy, I would rather give up the joys, for it is precisely through suffering that I have gained my insights: I would never have become who I am if I had not gone through the school of suffering.” – There is another way of assessing suffering than from the standpoint of ordinary feelings. Thus, the doctrine of repeated earthly lives should not be called disheartening. What does this doctrine give us? The questions of immortality and destiny are resolved! The question of immortality is resolved by the fact that we know this life carries within it the seed of a subsequent life. In this way, our entire life comes together as an immortal whole in a thoroughly scientific manner. And the question of fate is resolved by the fact that fate is necessary for development. Seeking to understand death and pain is, in essence, developing an interest in the great mysteries of life.
[ 42 ] Ein großer Gelehrter, Charles Eliot, hat 1909 einen Vortrag gehalten über die Zukunft der Religion. Er hat darin zugegeben, daß der Mensch aus den Naturprozessen selbst zu der Annahme eines Geistes und der Seele kommen muß. Er hat aber auch gefordert, daß die Weltanschauung der Zukunft nicht von dem Tod und dem Leid ausgehen muß. Er sagte, die Weltanschauungen der Vergangenheit redeten von Schmerz und Leid. Die Leiden werden dem Menschen abgemildert durch die Freude. Eine Weltanschauung sollte nur von Freuden und von überwundenen Schmerzen reden. — Man möchte ihm recht geben, denn es wäre in der Tat wünschenswert, daß der Mensch auch materiell nur sprechen könnte von einem Leben voller Freude. Aber wenn der Mensch absehen will von Tod und Schmerz und sagt: Ich will nicht auf Leid und Schmerz eine Weltanschauuang auf bauen, ich will nur das Leben in Freuden gelten lassen –, dann muß man ihm erwidern: Magst du auch das Leben in Freude gelten lassen, Tod und Leid kommen von selbst, sie kommen an dich heran, sie treten in dein Leben ein. Nur eine solche Weltanschauung kann wirklich mit den Rätselfragen fertig werden, die, wie die Geisteswissenschaft, aus Leiden und Freuden sich zusammenschließt, weil beide eine Schule der Vervollkommnung sind. Und mit dem Tod kann eine Weltanschauung nur fertig werden, wenn sie versteht, daß der geistig-seelische Kern, diese Hülle, die er um sich hat, ebenso abwerfen muß, wie der Pflanzenkeim, der im nächsten Jahr eine Pflanze hervortreiben will, die welk werdenden Blätter und Blüten abwerfen muß. Wir müssen, um in ein neues Leben einzutreten, den geistig-seelischen Kern entwickeln, der aber mit derselben Sicherheit den Körper, den Leib abwerfen muß, durch den Tod gehen muß, um in ein nächstes Leben einzutreten.
[ 42 ] A great scholar, Charles Eliot, gave a lecture in 1909 on the future of religion. In it, he acknowledged that human beings must arrive at the concept of a spirit and a soul through natural processes themselves. But he also argued that the worldview of the future need not be based on death and suffering. He said that the worldviews of the past spoke of pain and suffering. Suffering is alleviated for human beings through joy. A worldview should speak only of joys and of pain that has been overcome. — One would like to agree with him, for it would indeed be desirable if human beings could speak—even in material terms—only of a life full of joy. But if a person wishes to turn a blind eye to death and pain and says, “I do not want to build a worldview on suffering and pain; I want to acknowledge only a life of joy”—then one must reply: Even if you choose to regard life as nothing but joy, death and suffering will come of their own accord; they will approach you; they will enter your life. Only such a worldview can truly come to terms with the enigmatic questions that, like spiritual science, arise from the interplay of suffering and joy, because both are a school of perfection. And a worldview can only come to terms with death if it understands that the spiritual-soul core—this shell that surrounds it—must shed itself just as the plant seed, which seeks to sprout into a plant the following year, must shed its withering leaves and blossoms. In order to enter a new life, we must develop the spiritual-soul core, which, however, must just as certainly shed the body, must pass through death, in order to enter the next life.
[ 43 ] Da wird man fertig mit dem Tod, denn da erkennt man in ihm das, was notwendigerweise eintreten muß: daß man durch ihn zu einem neuen Leben kommen kann. Man erkennt in dem Tod die Wurzel des unsterblichen Lebens. Nicht dadurch wird man fertig mit den Welträtseln Leid und Tod, daß man vor ihnen die Augen zumacht, wie Charles Eliot meint, sondern dadurch wird man mit ihnen fertig, daß man sie als notwendig erkennt, als ebenso berechtigt wie Glück und Leben.
[ 43 ] That is how one comes to terms with death, for there one recognizes in it what must necessarily come to pass: that through it one can attain a new life. One recognizes in death the root of immortal life. One does not come to terms with the world’s mysteries of suffering and death by closing one’s eyes to them, as Charles Eliot suggests, but rather by recognizing them as necessary—as just as legitimate as happiness and life.
[ 44 ] Ich sagte eben, daß in der Gegenwart noch nicht viel Vorbedingungen da sind, selbst bei den Besten, die nach Weltanschauung streben, um in diese Dinge einzudringen. Ein Beispiel möchte ich anführen, das gerade so vielsagend ist, weil es von einem Manne genommen worden ist, der sich in tiefer Weise in geistige Probleme einzuleben versuchte, der manches Wunderschöne, auch oftmals allerdings MystischVerschwommene geliefert hat, Maurice Maeterlinck. Er trat in der letzten Zeit auch an die Frage der Unsterblichkeit heran. Da begegnete ihm diese Lehre von den wiederholten Erdenleben, und von dem, wie das Schicksal sich zimmert. Und es ist wörtlich in der Übersetzung des neuesten Werkes von Maeterlinck zu lesen über das, was er für einen «Glauben» hält und als Glauben anspricht. Er hält also das, was als Geisteswissenschaft charakterisiert worden ist und das sich als Wissenschaft zeigt, für einen Glauben. Er sagt: «... Denn nie gab es einen Glauben, der schöner, gerechter, reiner, moralischer, fruchtbarer, tröstlicher und in einem gewissen Sinne wahrscheinlicher ist als der ihre.» – Er meint den «Glauben» der Theosophie. «Er allein gibt mit seiner Lehre von der allmählichen Sühne und Läuterung allen körperlichen und geistigen Ungleichheiten, allem sozialen Unrecht, allen empörenden Ungerechtigkeiten des Schicksals einen Sinn. Aber die Güte eines Glaubens ist kein Beweis für seine Wahrheit, obwohl sechshundert Millionen Menschen dieser Religion huldigen. Obwohl sie den in Dunkel gehüllten Ursprüngen am nächsten steht, obwohl sie die einzige nicht gehässige und von allen am wenigsten abgeschmackt ist, hätte sie das tun müssen, was die anderen nicht taten: uns unverwerfliche Zeugnisse zu bringen. Denn was sie uns bisher gab, ist nur der erste Schatten vom Anfang eines Beweises».
[ 44 ] I just said that at present there are not yet many prerequisites, even among the best of those who strive for a worldview, to delve into these matters. I would like to cite an example that is particularly telling because it comes from a man who sought to immerse himself deeply in spiritual problems, a man who produced many wonderful things—though often, admittedly, things that were mystically vague: Maurice Maeterlinck. In recent years, he also addressed the question of immortality. There he encountered this teaching about repeated earthly lives and how destiny is woven. And it can be read verbatim in the translation of Maeterlinck’s latest work regarding what he considers a “belief” and refers to as such. He therefore regards what has been characterized as spiritual science—and which presents itself as a science—as a belief. He says: “... For there has never been a belief more beautiful, more just, purer, more moral, more fruitful, more comforting, and, in a certain sense, more probable than theirs.” – He is referring to the “faith” of Theosophy. “It alone, with its doctrine of gradual atonement and purification, gives meaning to all physical and mental inequalities, all social injustice, and all the outrageous injustices of fate. But the goodness of a faith is no proof of its truth, even though six hundred million people adhere to this religion. Although it is closest to the origins shrouded in darkness, although it is the only one that is not hateful and the least insipid of them all, it should have done what the others did not: provide us with irrefutable evidence. For what it has given us so far is only the first shadow of the beginning of proof.”
[ 45 ] Da sehen Sie einen solchen Menschen, der herangekommen ist an die Geisteswissenschaft, der aber verstrickt ist in die Denkgewohnheiten der heutigen Zeit; er nennt die Anschauung von den wiederholten Erdenleben einen «Glauben», der schöner, gerechter, reiner, moralischer und so weiter ist als andere. So weit geht er. Aber er findet keine Möglichkeit, sich einen Beweis – was er einen Beweis nennt – zu beschaffen.
[ 45 ] Here you see a person who has come to know spiritual science but who is entangled in the patterns of thought of the present day; he calls the concept of repeated earthly lives a “belief” that is more beautiful, more just, purer, more moral, and so on than others. That is how far he goes. But he finds no way to obtain proof—what he calls proof.
[ 46 ] Dem gegenüber muß man erstens sagen: Wenn jemand keinen Beweis sieht für eine Anschauung, so braucht das nicht zu bedeuten, daß diese Anschauung nicht bewiesen werden kann, sondern es kann davon herrühren, daß diese Anschauung ihn eben nicht durchdrungen hat. Und es ist charakteristisch für die Gegenwart, daß die Menschen sich so schwer hinfinden können zu etwas, was einmal selbstverständlich sein wird.
[ 46 ] In response to this, one must first say: If someone sees no proof for a view, that does not necessarily mean that this view cannot be proven; rather, it may stem from the fact that this view has simply not taken hold of him. And it is characteristic of the present age that people find it so difficult to come to terms with something that will one day be self-evident.
[ 47 ] Zweitens muß man sagen: Wenn einem gerade eine solche Aussage entgegenkommt wie diese von dem genialen Maeterlinck und man sie tiefer durchschaut, dann drängt sich einem unwillkürlich der Gedanke auf: Bewiesen soll diese Anschauung von den wiederholten Erdenleben werden? Nun, so wie sie hier heute besprochen worden ist, wenn auch allerdings nur skizzenhaft, so ist das gegeben worden, was man ihre Begründung nennen kann. Aber es könnte sein, daß irgend jemand von einem Beweis etwas fordert, was gar nicht von einem Beweis gefordert werden kann.
[ 47 ] Second, it must be said: When one comes across a statement such as this one by the brilliant Maeterlinck and examines it more deeply, the thought inevitably arises: Is this view of repeated earthly lives supposed to be proven? Well, as it has been discussed here today—albeit only in outline form—what might be called its justification has been provided. But it could be that someone is demanding something from proof that cannot be demanded of proof at all.
[ 48 ] Ich möchte an etwas anderes erinnern, etwas scheinbar ganz Fernes. Es hat immer Leute gegeben, die sich befaßt haben mit der Quadratur des Kreises, das heißt mit der Ausrechnung, wie man den Kreis in ein flächengleiches Quadrat verwandeln kann. Und wahrhaftig, die Menschen, die immer wieder Beweise ersonnen haben, sie sind nach und nach zu einer wahren Landplage geworden bei den mathematischen Gesellschaften. Denn alle Jahre lief eine Anzahl von solchen Beweisen ein, die aber alle Unsinn waren. Man bildete sich aber immer ein, daß der Beweis einmal gefunden würde. Die Pariser Akademie hat zuletzt, weil so viele Antworten einliefen, sich nicht mehr zu retten gewußt und hat alle in den Papierkorb geworfen. Aber sie hat doch nicht den Glauben hegen dürfen, daß nicht der Beweis gefunden werden könne. Da hat man die Entschuldigung gefunden: unter hundert Zusendungen werden sicher neunundneunzig nichts taugen. Da muß man es schon riskieren, neunundneunzig Manuskripte mit dem einen zugleich in den Papierkorb zu werfen. Früher konnte man nachsinnen über die Quadratur des Kreises, jetzt nicht mehr, denn mittlerweile ist bewiesen worden, daß es diesen Beweis gar nicht gibt. Es ist also nicht möglich, diese Quadratur des Kreises zu finden, so wie man sich vorgestellt hatte, sie einmal beweisen zu können. Aber es gibt ein sehr einfaches Mittel, den Kreis doch in ein Quadrat zu verwandeln. Man nimmt ein Papier und macht daraus einen Kreis; dann schneidet man den Kreis auseinander und legt ihn in ein Quadrat. Dann hat man es nicht durch Rechnung, aber durch eine Tat gemacht. Man kann es nicht berechnen, aber man kann so vorgehen. Deshalb ist die Sache doch wahr und gut und begründet, aber man hat die Beweise in der falschen Weise gesucht. So macht es Maeterlinck. Er fordert etwas, was eine falsche Denkungsart voraussetzt.
[ 48 ] I would like to recall something else, something that seems quite distant. There have always been people who have grappled with the problem of squaring the circle—that is, calculating how to transform a circle into a square with the same area. And indeed, the people who kept coming up with proofs became, little by little, a veritable scourge to the mathematical societies. For every year, a number of such proofs would come in, but they were all nonsense. Yet people always imagined that the proof would one day be found. The Paris Academy, overwhelmed by the sheer number of submissions, eventually didn’t know what to do and threw them all in the trash. But it could not have truly believed that the proof could not be found. So they came up with this excuse: out of a hundred submissions, ninety-nine are sure to be worthless. So one must take the risk of throwing ninety-nine manuscripts into the wastebasket along with the one valid one. In the past, one could ponder the squaring of the circle; now one can no longer do so, for it has since been proven that such a proof does not exist at all. It is therefore impossible to find this squaring of the circle, just as one had once imagined it would be possible to prove. But there is a very simple way to turn the circle into a square after all. You take a piece of paper and make a circle out of it; then you cut the circle apart and arrange it into a square. Then you’ve done it not through calculation, but through action. You can’t calculate it, but you can proceed this way. That’s why the matter is still true and good and well-founded, but the proofs were sought in the wrong way. This is how Maeterlinck does it. He demands something that presupposes a flawed way of thinking.
[ 49 ] Wir sehen daraus, welche Schwierigkeiten heute noch bestehen für die Anerkennung der Geisteswissenschaft. Gerade an diesem neuesten Werk von Maeterlinck, das sich mit vielem aus der Geisteswissenschaft beschäftigt, sehen wir, wie auch ein solcher Mann schwer [mit diesen Gedanken] zurechtkommt; wir sehen daraus, daß die Geisteswissenschaft heute nur schwer eingeführt werden kann in die Menschheit.
[ 49 ] From this we can see the difficulties that still exist today regarding the recognition of the science of the spirit. It is precisely in this latest work by Maeterlinck, which deals extensively with spiritual science, that we see how even a man of his stature struggles [with these ideas]; we see from this that spiritual science can only be introduced to humanity with great difficulty today.
[ 50 ] Man kann nicht sagen: Nun ja, wenn die Sache so ist, wie du uns erzählt hast, dann können ja nur die Geistesforscher in die geistige Welt hereinkommen. So ist es nicht. Geistesforscher zu sein ist nur notwendig, um die Dinge in der geistigen Welt zu suchen. Hat man sie aber gefunden, dann hat man sie in das Gedankenbild zu bringen, wie ich es versuchte in meinem Buche «Die Geheimwissenschaft im Umriß». Wenn dann dieses Gedankenbild entworfen ist, dann muß es, wenn es richtig entworfen ist, dem gesunden Menschenverstand erklärlich sein – dann braucht es nicht bewiesen zu werden in der Art, wie es Maeterlinck meint. Jeder kann die Geisteswissenschaft verstehen und begreifen, der vorurteilslos das nimmt, was vom Geistesforscher in Gedankenbilder gebracht wurde. Wie man nicht Maler zu sein braucht, um ein Bild zu verstehen, so muß man nicht selbst Geistesforscher sein, um die geistigen Tatsachen zu verstehen, die der Geistesforscher aus der geistigen Welt herausgeholt hat. Das kann der gesunde Menschenverstand, wenn er nicht gebunden ist an Vorurteile. Aus diesem, was vom Geistesforscher in ein Bild gebracht wird, setzt sich das zusammen, was die Seele braucht zur inneren Sicherheit und Kraft. Und der Geistesforscher hat noch nichts von der geistigen Welt, wenn er bloß darin herumwandelt; er hat erst dann etwas, wenn er das, was er schaut, zu Gedankenbildern und Ideen macht.
[ 50 ] One cannot say: “Well, if things are as you have told us, then only spiritual researchers can enter the spiritual world.” That is not the case. Being a spiritual researcher is necessary only in order to seek out things in the spiritual world. But once they have been found, they must be rendered into a mental image, as I attempted to do in my book *An Outline of Esoteric Science*. Once this mental image has been sketched out, if it is correctly conceived, it must be understandable to sound common sense—then it need not be proven in the way Maeterlinck intends. Anyone can understand and grasp spiritual science if they accept without prejudice what the spiritual researcher has expressed in mental images. Just as one need not be a painter to understand a painting, so one need not be a spiritual researcher oneself to understand the spiritual facts that the spiritual researcher has brought forth from the spiritual world. Common sense can do this, provided it is not bound by prejudices. From what the spiritual researcher has rendered as a mental image, there emerges what the soul needs for inner security and strength. And the spiritual researcher has gained nothing from the spiritual world merely by wandering through it; he has gained something only when he transforms what he perceives into mental images and ideas.
[ 51 ] Obwohl in der heutigen Zeit durch die Entwicklung, welche die Menschenseele erlangen kann – wie ich es beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» –, jeder bis zu einem gewissen Grade ein Geistesforscher werden kann, so daß er sich unmittelbar von dem überzeugen kann, was heute gesagt worden ist, so braucht es aber nicht jeder zu sein. Es ist so wie bei einem Rätsel, das einem aufgegeben wurde: die Lösung braucht einem nicht bewiesen zu werden, wenn man selbst darauf kommt. Steht man der Geisteswissenschaft richtig gegenüber, so verbindet man sich mit ihr aus Verständnis, so wie man die Lösung eines Rätsels finden kann.
[ 51 ] Although in this day and age, through the development that the human soul can attain—as I have described in my book *How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?* —everyone can, to a certain degree, become a researcher of the spiritual realm, enabling them to verify for themselves what has been said today; yet not everyone needs to be one. It is like a riddle that has been posed to you: the solution need not be proven to you if you figure it out for yourself. If one approaches spiritual science in the right way, one connects with it through understanding, just as one can find the solution to a riddle.
[ 52 ] Wer sich in die Geisteswissenschaft vertieft, lebt sich in sie hinein. Und weil die Seele zur Wahrheit und nicht zum Irrtum bestimmt ist, so wissen wir, wenn wir eingedrungen sind in die geistige Welt durch die Mitteilungen des Geistesforschers: Wir haben es verstanden, wir haben es begriffen. – Wenn die Lösung eines Rätsels uns gesagt wird, so glauben wir nicht nur, daß es so ist, sondern wir wissen es. So ist es mit dem Verständnis für die Geisteswissenschaft. Sie kann nicht bloß auf Autorität hin angenommen werden, aber sobald sie uns mitgeteilt worden ist, stimmt sich unsere Seele so, daß wir sie auch verstehen. Und der Geistesforscher hat nur dann etwas mehr von diesem Verständnis, wenn er die geistigen Tatsachen und Wahrheiten in Gedankenbilder gebracht hat. Und dasselbe hat jeder Mensch für seine Seele, der an die Geisteswissenschaft herantritt; er hat ein neues Verhältnis zu den Lebensrätseln, zu der Todesfrage, ein Verständnis, das nicht nur Theorie ist, sondern als eine Lebenspraxis, als Lebenselixier durch das Leben gehen kann. Wenn ein Mensch so erzogen wird, daß die geisteswissenschaftlichen Begriffe in ihm leben, dann wird er auch gegen das Alter hin sich so fühlen, daß er das Goethesche Wort «Im Alter wird man Mystiker» wohl verstehen kann. Er sagt sich dann: Wenn meine Glieder anfangen, schwach zu werden, wenn mein Leib abwelkt, dann bin ich wie der Pflanzenkeim, dem die Blätter abwelken. In mir ersteht der geistig-seelische Kern. Und man wird nicht nur wissen von diesem Wesenskern, man wird ihn fühlen als eine Kraft, die durch die Pforte des Todes geht und durch eine geistige Welt hindurch, um dann wieder ein neues Leben zu zimmern. Das wird eine Lösung der Unsterblichkeitsfrage sein, die praktisch ist für das Leben. Man wird in sich das Unsterbliche erleben.
[ 52 ] Anyone who immerses themselves in spiritual science lives within it. And because the soul is destined for truth and not for error, we know—once we have entered the spiritual world through the communications of the spiritual researcher—that we have understood it; we have grasped it. – When the solution to a riddle is revealed to us, we do not merely believe that it is so, but we know it. So it is with our understanding of spiritual science. It cannot be accepted merely on authority, but as soon as it has been communicated to us, our soul attunes itself so that we also understand it. And the spiritual researcher has a deeper understanding only when he has transformed the spiritual facts and truths into mental images. And the same is true for every person who approaches spiritual science; they develop a new relationship to life’s mysteries and to the question of death—an understanding that is not merely theory, but can flow through life as a living practice, as an elixir of life. If a person is raised in such a way that the concepts of spiritual science live within them, then as they approach old age they will feel in such a way that they can truly understand Goethe’s words: “In old age, one becomes a mystic.” They will then say to themselves: When my limbs begin to grow weak, when my body withers, then I am like the plant seedling whose leaves are withering. Within me, the spiritual-soul core arises. And one will not only know of this core of being; one will feel it as a force that passes through the gate of death and through a spiritual world, only to then fashion a new life. This will be a solution to the question of immortality that is practical for life. One will experience the immortal within oneself.
[ 53 ] Auf diese Weise wird die Geisteswissenschaft ein Lebenselixier werden; Kraft und Sicherheit wird sie dem Menschen geben können. Wir wissen, das Leben ist heute infolge der Triumphe der Naturwissenschaft komplizierter als jemals. Wir sehen auch, daß die Seele manchmal den Halt braucht, den sie nicht haben kann an dem, was ihr geistig aus der Vergangenheit kommt. Die Naturwissenschaft wird auch weiter die Menschheit von Triumph zu Triumph führen. Der Mensch wird aber dabei immer weiter und weiter zerrissen werden. Da werden starke innere Triebe und Kräfte dasein müssen. Allein die Geisteswissenschaft wird die Menschen stark genug machen können, um sich nicht nervös machen zu lassen durch die Einwirkungen des modernen Lebens. Für das äußere Leben, dem wir entgegengehen, ist eine Erstarkung des inneren Lebens unerläßlich notwendig. Wenn aber jemand wirklich eindringt in die GeistesWissenschaft, dann wird er sich immer mehr und mehr zu jenen Gesichtspunkten erheben, zu denen sich der wahre Geistesforscher schon heute erhebt.
[ 53 ] In this way, spiritual science will become an elixir of life; it will be able to give people strength and security. We know that life today is more complicated than ever as a result of the triumphs of natural science. We also see that the soul sometimes needs a foothold that it cannot find in what comes to it spiritually from the past. Natural science will continue to lead humanity from triumph to triumph. But in the process, human beings will become increasingly torn apart. Strong inner impulses and forces will be necessary. Only spiritual science will be able to make people strong enough not to let the influences of modern life make them nervous. For the outer life that lies ahead of us, a strengthening of the inner life is absolutely essential. But if someone truly delves into spiritual science, they will rise more and more to those perspectives to which the true spiritual researcher already rises today.
