A New Experience of Christ
GA 69c
10 January 1914, Bremen
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A New Experience of Christ, tr. SOL
5. Der Christus des zwanzigsten Jahrhunderts
5. The Christ of the Twentieth Century
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Nachdem ich auch hier öfter habe sprechen dürfen über Geisteswissenschaft und ihre Ergebnisse, sei es am heutigen Abend gestattet, über ein besonderes Kapitel zu sprechen, das zweifellos vielen Seelen unendlich naheliegt: die Christus-Frage – nicht allein, weil in weiten Kreisen in unserer Zeit ein immer größeres Bedürfnis vorhanden ist, dieser Frage näherzutreten, sondern auch, weil gerade Geisteswissenschaft zu dieser Frage etwas zu sagen hat darüber, wie sich die Christus-Frage hineinzustellen hat in unsere Kultur. Geisteswissenschaft will nicht etwa ein Keim zu einer neuen Religion sein, sondern den Weg zeigen, wie man eindringen kann in Gebiete, die nicht den gewöhnlichen Sinnen, den modernen Wissenschaften zugänglich sind. Es wird nicht möglich sein, über dasjenige zu sprechen, was uns beschäftigen soll, ohne ganz kurz hinzuweisen auf die vielen Wandlungen, die die Menschenherzen durchgemacht haben in Bezug auf diese Frage. Dazu ist ein kurzer Rückblick nötig.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! Since I have often had the opportunity to speak here about spiritual science and its findings, please allow me this evening to address a particular topic that is undoubtedly very close to the hearts of many: the question of Christ—not only because there is an ever-growing need in wide circles today to approach this question more closely, but also because spiritual science, in particular, has something to say about how the question of Christ should be integrated into our culture. Spiritual science does not seek to be the seed of a new religion, but rather to show the way to penetrate realms that are inaccessible to the ordinary senses and to modern science. It will not be possible to speak about the subject at hand without briefly pointing out the many changes that human hearts have undergone in relation to this question. This requires a brief review.
[ 2 ] Wenn wir uns das In-die-Welt-Treten des Christentums einfach so vor Augen stellen, dann können wir zunächst sagen: Im Beginn unserer Zeitrechnung ist etwas geschehen, was eben der ganzen Menschheitsentwicklung einen neuen Antrieb, eine Wendung nach aufwärts gegeben hat. Auch der Ungläubige wird schon aus historischen Gründen zugeben müssen, dass der Impuls, der durch das Christentum gekommen ist, ein mächtiger war. Zu der Zeit, da der Christus-Impuls in die Welt trat, war die Menschenseele in einer ganz anderen Verfassung als heute, und eine Änderung dieser Verfassung wird in Zukunft schon dadurch wiederum eintreten müssen, dass neue Erkenntniskräfte in der Menschenseele erwachen werden. Eines tritt uns geschichtlich bedeutsam entgegen: Die erleuchtetsten Geister des Abendlandes, mit dem tiefsten Wissen ausgerüstet, mussten erkennen – unter höchster Anspannung der Erkenntniskräfte, durch das Größte, was sie haben aufbringen können an Geistesschärfe –, dass etwas Gewaltiges eingedrungen war in das Leben der Menschheit durch den Christus-Impuls. Betrachten wir zunächst die Auffassung der Gnostiker, die von berufensten, hervorragendsten Gelehrten der Gegenwart «religiöse Genies» genannt werden. Wir wollen gar nicht über den Erkenntniswert der Gnosis sprechen, sondern wir wollen fragen: Wie dachten die Gnostiker über den Christus? – Wir wollen die gnostische Stimmung gegenüber dem Christus zu charakterisieren suchen. Die Gnosis ist eine Entwicklungstheorie, die heute den Menschen als phantastisch erscheinen muss. Wenn man heute von [der menschlichen] Entwicklung spricht, so fragt man: Wie hat sich der menschliche Körper durch die verschiedenen Stufen entwickelt? – Der Gnostiker dagegen sagte: Bei unbefangenem Denken wird man nicht zu einem materiellen, sondern zu einem geistigen Ursprung zurückgeführt; fasst man den Punkt ins Auge, wo der Mensch aus dem Geistigen herunter in die Materie kam, so findet man, dass in den rein geistigen Höhen etwas zurückgeblieben ist, um später in die Menschheitsentwicklung einzudringen. Nur dadurch konnte der Mensch [zunächst] fortschreiten, dass er sich immer mehr in die Materie verstrickte. Hätte er das nicht getan, so wäre er niemals zur Entfaltung der Freiheit gekommen – entfremdet musste er werden dem Geistigen, um in der Materie seine Freiheitsmöglichkeit zu finden. Dann musste sich im Zeitpunkt, wo der Mensch am tiefsten verstrickt war in die Stofflichkeit, sich dasjenige in die Erdenentwicklung ergießen, was früher zurückgehalten worden war in der geistigen Welt beim Menschen-Ursprung, um den Menschen vor dem völligen Versinken in die Stofflichkeit zu bewahren. Das, was da aus den geistigen Welten heruntergeflossen ist, ist seitdem verbunden mit der Erde und der Christus lebt seitdem mit der Menschheitsentwicklung fort.
[ 2 ] If we simply consider the emergence of Christianity into the world, we can say, first of all, that at the beginning of our era, something happened that gave the entire course of human development a new impetus, an upward turn. Even non-believers will have to admit, for historical reasons alone, that the impulse brought about by Christianity was a powerful one. At the time the Christ impulse entered the world, the human soul was in a very different state than it is today, and a change in this state will inevitably occur in the future simply because new powers of knowledge will awaken within the human soul. One historically significant fact stands out: The most enlightened minds of the West, equipped with the deepest knowledge, had to recognize—under the utmost strain of their cognitive powers, through the greatest mental acuity they could muster—that something mighty had entered human life through the Christ impulse. Let us first consider the view of the Gnostics, whom the most distinguished and outstanding scholars of our time call “religious geniuses.” We do not wish to discuss the epistemological value of Gnosticism at all, but rather to ask: How did the Gnostics view Christ?—We shall attempt to characterize the Gnostic attitude toward Christ. Gnosticism is a theory of evolution that must seem fantastical to people today. When one speaks of [human] evolution today, one asks: How has the human body developed through the various stages? – The Gnostic, on the other hand, said: When one thinks with an open mind, one is led back not to a material but to a spiritual origin; if one considers the point at which humanity descended from the spiritual into matter, one finds that something was left behind in the purely spiritual realms, to later enter into human evolution. It was only by becoming increasingly entangled in matter that humanity could [initially] progress. Had it not done so, it would never have attained the unfolding of freedom—it had to become alienated from the spiritual in order to find the possibility of freedom within matter. Then, at the moment when humanity was most deeply entangled in materiality, that which had previously been held back in the spiritual world at the dawn of humanity had to pour into the Earth’s development in order to save humanity from sinking completely into materiality. That which flowed down from the spiritual worlds has been connected to the Earth ever since, and Christ has lived on ever since through the development of humanity.
[ 3 ] Fragen wir mit den Mitteln der Geisteswissenschaft, wie die Gnostiker zu solchen Ideen kommen, so sehen wir bei sorgfältiger Prüfung: Diese Ideen, die die Gnostiker aus der Anspannung tiefster Geisteskräfte hervorholten, stammen aus einer Epoche, wo noch ein unmittelbares Schauen da war, denn zu vorhergehenden Zeiten war die Menschenseele noch ganz anders gestimmt. Aus diesem ursprünglichen Erkennen entwickelten sich Ideen wie die gnostischen. Wie ein Erbstück alten Erkennens wirkt die Gnosis. Ein hoher Christus-Begriff tritt uns hier entgegen, was auch derjenige anerkennen muss, der die Gnosis phantastisch findet: Eine kühne, grandiose Idee ist die gnostische. Über die ersten Kirchenväter, die an der Festhaltung der [christlichen] Dogmen gearbeitet haben, können wir schnell hinweggehen. Von dem, was die Väter sich dazumal zutrauten, kamen die Menschen später gänzlich ab. In der Mitte des Mittelalters wurde diese Anschauung ganz fallen gelassen. Da sagte man: Zu den Höhen, in denen sich der Eintritt Christi in die Erdensphäre enthüllen könnte, reicht die menschliche Erkenntnis nicht. An die Stelle wirklicher Erkenntnis setzte man den Glauben. So sehen wir, wie die ChristusAuffassung im Laufe der Jahrhunderte wechselt, so wie der Charakter der Zeiten sich ändert mit der Kultur.
[ 3 ] If we ask, using the methods of spiritual science, how the Gnostics arrived at such ideas, we see upon careful examination: These ideas, which the Gnostics drew forth from the strain of their deepest spiritual powers, originate from an epoch when direct perception still existed, for in earlier times the human soul was attuned quite differently. Ideas such as the Gnostic ones developed out of this original knowledge. Gnosis appears as a legacy of ancient knowledge. A lofty concept of Christ confronts us here, which even those who find Gnosticism fanciful must acknowledge: the Gnostic idea is a bold, grandiose one. We can quickly move past the early Church Fathers, who worked to establish [Christian] dogmas. People later strayed entirely from what the Fathers had dared to believe at that time. By the middle of the Middle Ages, this view had been completely abandoned. It was said then: Human understanding does not reach the heights at which Christ’s entry into the earthly sphere might be revealed. Faith was substituted for true knowledge. Thus we see how the conception of Christ changes over the centuries, just as the character of the times changes with culture.
[ 4 ] Im sechzehnten Jahrhundert treten wir in das Zeitalter der großen Fortschritte in den Naturwissenschaften [ein]. Es musste dazu ein [neues] Wissen heraufkommen – eine [neue] Erkenntnisart, welche vor allem darauf bedacht war, die materielle Welt und ihre Gesetze zu erkennen. Sie ist heraufgekommen als ein wichtiger Entwicklungsfaktor, der das ganze [äußere] kommerzielle, industrielle Leben umgestaltet hat. Die mittelalterliche Menschheit hat sich noch voll dem Glauben hingegeben; das Mittelalter glaubte, was die Gnostiker einst erkannten. Die äußere Welt, die unsere physische Umgebung ist, gab der neuen Zeit das Gepräge. So gestaltete sich die ganze Christus-Auffassung um: Konnten die Gnostiker sprechen von einem göttlichen Wesen, das in einem Menschen nur Wohnung genommen hat, so wurde es in der neueren Zeit immer unmöglicher, sich einen fleischgewordenen Gott vorzustellen. Es wäre interessant zu zeigen, wie in den einzelnen Phasen die frühere Auffassung immer mehr zurücktritt zugunsten eines [äußerlich] greifbaren Christus. Durch ihre innere Seelenverfassung waren die Menschen gezwungen, abzusehen von dem ins Fleisch heruntergestiegenen Gott und dafür in ihm immer mehr den Menschen zu sehen, wenn auch einen Menschen hervorragendster Art. In einer Menschenseele, in dem Mann von Nazareth, sucht man heute den Ausgangspunkt des Christentums, statt in diesem Menschen nur das Tor zu sehen, durch das der Christus eingegangen ist [in die Erdensphäre].
[ 4 ] In the sixteenth century, we enter the age of great advances in the natural sciences. This required the emergence of [new] knowledge—a [new] way of understanding that was primarily concerned with comprehending the material world and its laws. It emerged as a major factor in development that transformed the entire [external] commercial and industrial life. Medieval humanity was still fully devoted to faith; the Middle Ages believed what the Gnostics had once recognized. The external world, which is our physical environment, shaped the new era. Thus the entire conception of Christ underwent a transformation: whereas the Gnostics could speak of a divine being who had merely taken up residence in a human being, in more recent times it became increasingly impossible to imagine a God incarnate. It would be interesting to show how, in the various phases, the earlier conception gave way more and more in favor of an [externally] tangible Christ. Due to their inner spiritual disposition, people were compelled to turn away from the God who had descended into the flesh and instead to see in him more and more the human being—albeit one of the most extraordinary kind. Today, people seek the starting point of Christianity in a human soul, in the man from Nazareth, rather than seeing in this man merely the gateway through which the Christ entered [the earthly sphere].
[ 5 ] Gerungen haben gerade erleuchtete Geister, abseits von aller Theologie, um eine Antwort auf die Frage: Wie kann man als moderner Mensch sich zu dem Christus-Ereignis stellen? – Immerhin ist es interessant, dass die drei Persönlichkeiten, die vor etwas mehr als hundert Jahren alle im gleichen Jahr geboren wurden, bemüht waren, sich mit diesem Christus-Ereignis auseinanderzusetzen. Otto Ludwig rang mit diesem Stoff, um ihn zu einem Drama zu gestalten; Friedrich Hebbel notierte sich den Plan zu einem Christus-Drama. Dem, was sie beide niederschrieben, sieht man an: Sie kamen mit dem Problem nicht zurecht, es war ihnen zu groß. Auch von Richard Wagner wissen wir, dass er an dieser Aufgabe arbeitete und nicht damit fertig wurde.
[ 5 ] Enlightened minds, setting aside all theology, have struggled to find an answer to the question: How can a modern person relate to the Christ event? – It is interesting, after all, that these three figures—all born in the same year a little over a hundred years ago—sought to grapple with this Christ event. Otto Ludwig grappled with this material in an effort to shape it into a drama; Friedrich Hebbel jotted down the outline for a Christ drama. It is evident from what they both wrote that they could not come to terms with the problem—it was too great for them. We also know that Richard Wagner worked on this task and was unable to complete it.
[ 6 ] Was nun diese materialistische Anschauung von dem bloßen Menschen Jesus betrifft, so muss man sagen: Sie ist nicht etwa unfruchtbar geblieben; die Jesus-Theologie hat auch schöne Blüten hervorgebracht. Es soll nur das kleine Schriftchen «Jesus» von Rittelmeyer erwähnt werden: Es ist etwas, was Herz und Gemüt tief ergreifen kann. Vieles in dieser Art hat die moderne Theologie hervorgebracht. Ein mit Recht beliebter Dichter der Gegenwart, Peter Rosegger, hat sich einen Jesus konstruiert. Denkt man sich Rosegger selbst, mit allen seinen schönen, sympathischen Eigenschaften aufs höchste idealisiert, so hat man dessen Vorstellung von dem Jesus von Nazareth.
[ 6 ] As for this materialistic view of Jesus as a mere human being, it must be said that it has not remained fruitless; the theology of Jesus has also produced some beautiful fruits. One need only mention Rittelmeyer’s little book *Jesus*: it is something that can deeply move the heart and soul. Modern theology has produced much of this kind. A contemporary poet who is rightly popular, Peter Rosegger, has constructed his own image of Jesus. If one imagines Rosegger himself, with all his fine, likable qualities idealized to the highest degree, one has his conception of Jesus of Nazareth.
[ 7 ] Da wurde trotz allem Gewaltigen, was die Theologie in letzter Zeit geleistet hat, eine merkwürdige Entdeckung gemacht: dass, wenn man die Evangelien unbefangen betrachtet, der Christus Jesus [eigentlich] gar kein Mensch gewesen sein kann. So hat dann Benjamin Smith behauptet, dass alle Auslegungen von dem Christus als dem schlichten Manne von Nazareth jeder Wissenschaftlichkeit ins Gesicht schlügen, dass das nicht gehe, dass es unvereinbar sei mit aller Überlieferung, wenn man nur einen Menschen, und sei es auch den idealsten, in dem Christus sehen wolle; man sieht also ein, dass der Christus Jesus ein Gott sein muss. Diese Erkenntnis fällt mitten in diese Zeit, wo die Menschheit gar keine Vorstellung mehr davon haben kann, was ein Gott ist. Und nun zieht man die Schlussfolgerung: Da es auf der Erde nur Menschen geben kann, der Christus aber ein Gott sein muss, so kann er auf Erden gar nicht existiert haben. — Unter solchen Umständen, aus solchen Voraussetzungen heraus, hat sich das vollzogen, was seit Jahren so viel Aufsehen macht: die Hinwegleugnung der Persönlichkeit des Jesus von Nazareth.
[ 7 ] Despite all the tremendous achievements of theology in recent times, a curious discovery was made: that if one examines the Gospels impartially, Jesus Christ [in fact] could not have been a human being at all. Thus, Benjamin Smith asserted that all interpretations of Christ as the simple man from Nazareth fly in the face of all scientific rigor, that this is untenable, that it is incompatible with all tradition to view Christ as merely a human being—even the most ideal one; one therefore realizes that Jesus Christ must be a god. This realization comes at a time when humanity can no longer even conceive of what a God is. And so the conclusion is drawn: Since there can only be human beings on earth, but Christ must be a God, he cannot have existed on earth at all. — Under such circumstances, based on such premises, what has been causing such a stir for years has come to pass: the outright denial of the personality of Jesus of Nazareth.
[ 8 ] Damit ist in kurzen Strichen der Gang der Christus-Auffassung durch die Jahrhunderte gekennzeichnet. Wie verhält sich nun die Geisteswissenschaft zu dem Christus-Ereignis? Wie kann sie sich zu dem wichtigsten Problem der Menschheitsentwicklung stellen? Die Geisteswissenschaft geht von der Voraussetzung aus, dass der Mensch nicht nur diejenige Erkenntnis hat, die auf der Beobachtung der äußeren Welt beruht, sondern dass er durch Entwicklung schlummernder Kräfte auch zu einer höheren Erkenntnis aufsteigen kann.
[ 8 ] This briefly outlines the development of the concept of Christ through the centuries. How, then, does spiritual science relate to the Christ event? How can it address the most important problem in human development? Spiritual science proceeds from the premise that human beings possess not only the knowledge based on observation of the external world, but that through the development of dormant powers they can also ascend to a higher level of knowledge.
[ 9 ] Wie der Chemiker, indem er Wasserstoff und Sauerstoff trennt, aus dem Wasser etwas ganz Neues macht, einen Stoff mit ganz anderen Eigenschaften aus ihm hervorholt, so kann aus dem Menschen durch geeignete Methoden etwas ganz Neues werden. So wie wir dem Wasser nicht ansehen, was in ihm ist, so sehen wir dem Menschen nicht an, was er an Kräften in sich hat. Durch eine Art geistiger Chemie kann mittels Übungen, die in meinen Büchern näher angegeben sind, im Menschen etwas Neues entwickelt werden; die Seele kann über den Körper hinaus wirken und sich [ihrer selbst] bewusst werden in der geistigen Welt. Das ist weiten Kreisen noch ganz fremd und wird sich erst allmählich einbürgern. Heute, am Ausgangspunkt einer Epoche, in welcher allmählich diese Erkenntnis Gemeingut werden wird, ist eine Erkenntnis der geistigen Welt möglich, [so wie es einst der Fall war mit der] kopernikanischen Weltanschauung, die auch zuerst verlacht wurde, sich aber doch eingebürgert hat. Heute verbrennt man die Ketzer nicht mehr, die von einer leibfreien Wahrnehmung der Seele sprechen, aber man höhnt sie aus, macht sie lächerlich.
[ 9 ] Just as the chemist, by separating hydrogen and oxygen, creates something entirely new from water—extracting from it a substance with entirely different properties—so, through appropriate methods, something entirely new can emerge from the human being. Just as we cannot tell by looking at water what is contained within it, so we cannot tell by looking at a person what powers lie within them. Through a kind of spiritual chemistry—using exercises described in detail in my books—something new can be developed within a person; the soul can act beyond the body and become conscious of itself in the spiritual world. This is still entirely foreign to wide circles and will only gradually become accepted. Today, at the dawn of an era in which this insight will gradually become common knowledge, an understanding of the spiritual world is possible, [just as was once the case with the] Copernican worldview, which was also initially ridiculed but has nevertheless become accepted. Today, heretics who speak of a perception of the soul independent of the body are no longer burned at the stake, but they are mocked and ridiculed.
[ 10 ] Wenn man sich von diesem Gesichtspunkte der Gnosis nähert, so stellt sich etwas heraus, das nicht nur eine Fortbildung und Aufwärmung der Gnosis ist: Man findet nämlich, dass die Menschenseele dasjenige, was in früheren Epochen geleistet worden ist, herüberträgt in spätere [Leben]. Macht man sich die Lehre von den wiederholten Erdenleben zu eigen, so kommt man zu einer genaueren Charakteristik der Erdenepochen selber. Der geschichtliche Fortgang muss mit geisteswissenschaftlichen Mitteln beobachtet werden. Dann zeigt sich, dass der Mensch so, wie er [auf eine natürliche Weise] zu Hunger und Durst kommt, er in alten Zeiten dazu gelangte, aus seiner Organisation heraus die inneren Geheimnisse des Daseins in Bildern und Visionen zu erkennen. Dann verlor die Menschenseele diese Fähigkeit; der Mensch musste sich dazu entwickeln, selbst Begriffe zu erzeugen. Diese Fähigkeit ist erst [später] entstanden – aufgrund von Vorstellungen [bildhaft-Jvisionärer Art. Nur aus Kurzsichtigkeit kann man leugnen, dass auch das begriffsmäßige Erkennen sich erst hat entwickelt müssen.
[ 10 ] When one approaches Gnosticism from this perspective, something emerges that is not merely a further development or revival of Gnosticism: one finds, in fact, that the human soul carries over into later [lives] what has been accomplished in earlier epochs. If one embraces the teaching of repeated earthly lives, one arrives at a more precise characterization of the earthly epochs themselves. The course of history must be observed using the methods of spiritual science. Then it becomes apparent that just as human beings [naturally] experience hunger and thirst, so in ancient times they were able to perceive the inner mysteries of existence in images and visions through their very constitution. Then the human soul lost this ability; human beings had to develop the capacity to form concepts on their own. This ability arose only [later]—on the basis of imaginings [of a pictorial and visionary nature]. Only short-sightedness can lead one to deny that conceptual understanding, too, had to develop over time.
[ 11 ] Die Epoche, in der die Menschenseele diese Wandlung erlebte, ist die Zeit, in der der Christus in die Entwicklung eintrat; dadurch ist die Menschenseele etwas anderes geworden, als sie war vor dem Christus-Ereignis. Zu alten Zeiten empfing der Mensch durch Bilder dasjenige, was sich hinter dem sinnlichen Dasein verbarg. Das ist das Charakteristische der alten Weltanschauung, dass der Mensch in [Form von] Bildvorstellungen die Erkenntnis erlangte, wie er mit dem Kosmos, mit den Göttern verknüpft war. Das ist noch die Anschauung der althebräischen Zeit, in der gleichsam durch die Propheten und Seher eine Verbindung bestand zwischen der geistigen und der sinnlichen Welt. Doch diese Verbindung wurde immer schwächer und schwächer empfunden, je näher der Zeitpunkt des Mysteriums von Golgatha heranrückte. Wenn in jener Zeit nicht ein besonderer Impuls in die Erdenentwicklung gekommen wäre, so hätte sich die Menschenseele mehr und mehr isoliert gefühlt, denn auf sich selbst gestellt, aber zugleich auch isoliert wurde der Mensch von jenem Zeitpunkt an. Es ist keine Phrase, [wenn man davon spricht], dass wir dem Zeitalter des Individualismus entgegengehen. Damit aber trat die Möglichkeit ein, etwas neu zu finden, was die Seelen in der vorchristlichen Zeit noch nicht haben finden können die Christuswesenheit. Seit der Entstehung des Christentums kann man das, was man früher in der Natur gefunden hat, im Geiste finden. [Vor dem Christus-Ereignis] konnte der Mensch den Zusammenhang mit den göttlichen Kräften, den er in alten Zeiten hatte, nicht mehr finden. Die bisherige Entwicklung des Christentums ist nur eine Vorbereitung [für das Christentum der Zukunft]; die Menschen werden sehen, dass sich schon nach [verhältnismäßig] kurzer Zeit die Weltenlage völlig ändern wird.
[ 11 ] The epoch in which the human soul underwent this transformation is the time when Christ entered into human evolution; as a result, the human soul has become something different from what it was before the Christ event. In ancient times, human beings perceived through images what lay hidden behind sensory existence. This is the defining characteristic of the ancient worldview: that human beings gained insight—in the form of images—into how they were connected to the cosmos and to the gods. This was still the perspective of the ancient Hebrew era, in which, as it were, a connection existed between the spiritual and the sensory worlds through the prophets and seers. Yet this connection was felt to grow weaker and weaker the closer the time of the Mystery of Golgotha drew near. If a special impulse had not entered into the development of the Earth at that time, the human soul would have felt increasingly isolated; for from that point on, humanity was left to its own devices, yet at the same time became isolated. It is no empty phrase [to say] that we are moving toward the age of individualism. But with this came the possibility of finding something new—something that souls in pre-Christian times had not yet been able to find: the Christ presence. Since the dawn of Christianity, what was once found in nature can now be found in the spirit. [Before the Christ event], human beings could no longer find the connection to the divine forces that they had possessed in ancient times. The development of Christianity to date is merely a preparation [for the Christianity of the future]; people will see that, even after a [relatively] short time, the state of the world will change completely.
[ 12 ] Es mag viele geben, die zufrieden sind mit dem, was durch Bibel und Tradition gegeben ist; das ist ein egoistischer Standpunkt. In rasender Schnelligkeit werden sich die Seelen so entwickeln, dass sie sich nicht mehr in der alten Weise dem Christus werden nähern können. Mit den [herkömmlichen] Begriffen und Ideen wird der Mensch immer mehr allein stehen. Der Mensch fühlte sich einst als Geist unter Geistern; der moderne Mensch kann sich nur als Körper unter Körpern fühlen. Doch die Seelen, die sich darnach sehnen, zum Unerklärlichen in sich selber zu kommen, sie werden sich fragen: Wie hänge ich, wie hängt mein Selbst zusammen mit einer geistigen Welt? Wenn wir diese Vorgänge seelenvoll und mit Verständnis betrachten, so drängt sich uns ein Vergleich auf: Wenn gewisse Tiere sich auf etwas Besonderes vorbereiten, so pflegen sie zu hungern. Dadurch spielen sich in ihrem Innern solche Vorgänge ab, dass die[jenigen] Kräfte des Organismus, [die dadurch frei werden], nach einer anderen Seite strömen. [Und wenn wir auf] die Menschen [schauen, so sehen wir, dass sie] sich immer mehr Begriffe angeeignet haben über den Stoff und seine Gesetze, aber geistig haben sie gehungert in Bezug auf Seelenkenntnis. Gleichzeitig hat sich vorbereitet die unmittelbare Wahrnehmung des Christus in der geistigen Welt. Die Menschenseele hat sich durch Jahrhunderte die geistige Nahrung entzogen und so durch Hungern diejenigen Organe ausgebildet, die sich in Zukunft entfalten werden.
[ 12 ] There may be many who are content with what is provided by the Bible and tradition; that is a selfish point of view. At a breakneck pace, souls will evolve to the point where they can no longer approach Christ in the old way. With [conventional] concepts and ideas, human beings will find themselves increasingly alone. Human beings once felt themselves to be spirits among spirits; modern human beings can feel only as bodies among bodies. Yet the souls who yearn to reach the inexplicable within themselves will ask: How am I, how is my self, connected to a spiritual world? If we observe these processes with a soulful eye and understanding, a comparison suggests itself: When certain animals prepare for something special, they tend to fast. As a result, processes take place within them such that the forces of the organism—which are thereby set free—flow in a different direction. [And when we look at] human beings, [we see that they] have acquired more and more concepts about matter and its laws, but spiritually they have starved in terms of knowledge of the soul. At the same time, the direct perception of Christ in the spiritual world has been preparing itself. Over the centuries, the human soul has deprived itself of spiritual nourishment and, through this starvation, has developed those faculties that will unfold in the future.
[ 13 ] Die Menschen gehen einem Entwicklungsziel entgegen, wo sie finden werden den Christus, wie sie [heute] ein Naturgesetz finden. Aber nicht als totes Gesetz werden sie ihn finden, sondern als [lebendige] Wesenheit, und sie werden wissen: Es ist seit dem Mysterium von Golgatha eine Wesenheit in die Erdenentwicklung [eingetreten], die vorher nicht da war. – Gesetze können nicht trösten, nicht über Schmerzen hinweghelfen, aber helfen kann die Verbindung mit dem Christus, die man in der Seele als Kraft fühlen wird. Nicht auf dogmatischen Wegen wird man den Christus finden können, auf ganz andere Weise wird man den Christus finden können; auf ganz andere Weise wird man die Wahrheit des Wortes finden: «Ich bin bei euch bis an das Ende der Erdentage.» Eine Zeit wird kommen, wo man es naturwissenschaftlich nicht [für] unmöglich halten wird, dass seit dem Mysterium von Golgatha der Christusgeist in der Erde, in der irdischen Menschheitsentwicklung lebt. Bisher hat man nur den als Christen anerkannt, der dies und jenes von dem Christus weiß. In Zukunft wird man wissen, dass der Christus nicht nur ins Erdenleben kam, um eine Lehre zu bringen, sondern um eine Tat zu vollziehen. Dann kann man auch [bei Nichtchristen], im Hindu, im Japaner, im Mohammedaner den Christuskeim finden.
[ 13 ] Humanity is moving toward a goal of development where they will find the Christ just as they [today] find a law of nature. But they will not find him as a dead law, but as a [living] being, and they will know: Since the Mystery of Golgotha, a being has [entered] the course of Earth’s evolution that was not there before. — Laws cannot comfort, nor can they help us overcome pain, but the connection with Christ—which one will feel as a force within the soul—can help. One will not be able to find Christ through dogmatic means; one will be able to find Christ in a completely different way; in a completely different way will one find the truth of the words: “I am with you until the end of the age.” A time will come when it will no longer be considered scientifically impossible that, since the Mystery of Golgotha, the Christ Spirit has been living on Earth, within the earthly development of humanity. Until now, only those who know this or that about the Christ have been recognized as Christians. In the future, people will know that the Christ came into earthly life not only to bring a teaching, but to accomplish a deed. Then one will also be able to find the Christ seed [in non-Christians]—in Hindus, in Japanese, and in Muslims.
[ 14 ] Ich bin mir voll bewusst, dass ich nicht von einem mittelalterlichen Standpunkt aus spreche, sondern von einem, der voll anerkennt alles, was die Wissenschaft geleistet hat. Aber so, wie man die Gesetze der Elektrizität, der Radioaktivität und so weiter erkennt, wird man erkennen, dass das Mysterium von Golgatha eine überphysische Angelegenheit ist. Damit der Christus von den Menschen gefunden werden kann, musste er Geburt, Taufe, Tod durchmachen, und dadurch, dass er den Tod überwunden hat, ist er ausgegossen in die Erdenentwicklung.
[ 14 ] I am fully aware that I am not speaking from a medieval perspective, but from one that fully acknowledges all that science has achieved. But just as one comes to understand the laws of electricity, radioactivity, and so on, one will come to recognize that the mystery of Golgotha is a superphysical matter. In order for Christ to be found by humankind, he had to undergo birth, baptism, and death; and by overcoming death, he has poured himself out into the development of the Earth.
[ 15 ] Eine vorbereitende Zeit, in der das Christentum [bloß] als Lehre genommen wurde, haben wir durchgemacht. Eine Zeit wird kommen, wo der Christus gefunden werden kann von denjenigen Seelen, die ihn suchen, weil er auf Erden ist. Er wirkte [immer] durch sein Dasein, und man wird sein Dasein finden als etwas, was die Menschheit wieder einen kann, denn er wird der Eine sein [für alle Menschen], für jeden [einzelnen] Menschen, da die Menschen sich immer mehr individualisieren. Das ist die Christus-Idee [in einer Zeit, in der] der Mensch einer Zukunft entgegengeht, die noch weit mehr entgöttert ist, als der Monismus sich träumen lässt.
[ 15 ] We have gone through a preparatory period in which Christianity was [merely] regarded as a doctrine. A time will come when Christ can be found by those souls who seek him, because he is on earth. He has [always] worked through his very existence, and people will come to see his existence as something that can reunite humanity, for he will be the One [for all people], for every [single] person, as people become increasingly individualized. This is the Christ-idea [at a time when] humanity is heading toward a future that is even more de-divinized than monism can even imagine.
[ 16 ] Wie wir mit den äußeren Stoffen in Beziehung stehen, durch die physische Nahrung, so mit dem Christusgeist durch unser Seelenleben. Ein großer Geist, ein auserlesener Denker der Gegenwart, Eliot, hat gesagt, die alte Religion sei eine traurige, schmerzliche; in Zukunft werde eine Religion entstehen, die Freude mache. Es ist nicht zu leugnen, dass Schmerz und Tod in der Welt sind, und weil diese an den Menschen herankommen, braucht er einen starken Impuls, um Schmerz und Tod zu überwinden – [den Christus-Impuls]. Daran krankt die moderne Philosophie, dass sie keinen Ausgleich findet für Schmerz und Tod. Und die Menschheit wird vorrücken von dem gelehrten Christus, dem Christus als Weltenlehrer, zu dem geschauten Christus. Man wird sich von Seiten der Geisteswissenschaft nicht fürchten, [damisch] geschimpft zu werden; nicht derjenige ist ein Monist, der den Geist ableugnet, sondern derjenige, der den Geist als den Ursprung des Seins erkennt, der das [Monon] im Geiste findet.
[ 16 ] Just as we relate to external substances through physical nourishment, so do we relate to the Spirit of Christ through our spiritual life. A great mind, a distinguished thinker of our time, Eliot, has said that the old religion is a sad and painful one; in the future, a religion will emerge that brings joy. It cannot be denied that pain and death exist in the world, and because they affect human beings, they need a powerful impulse to overcome pain and death—[the Christ impulse]. Modern philosophy suffers from the fact that it finds no balance for pain and death. And humanity will progress from the scholarly Christ, the Christ as World Teacher, to the Christ as a living reality. Those engaged in spiritual science will not fear being labeled [monists]; it is not the one who denies the spirit who is a monist, but the one who recognizes the spirit as the source of being, who finds the [monon] in the spirit.
[ 17 ] Geistig-seelisch ist der Mensch unsterblich. Die vorchristliche Zeit hat die Seele noch in Verbindung gewusst mit den Göttern der Natur. Erst das zwanzigste Jahrhundert wird sich der geistigen Verbindung der Seele mit der Geisteswelt, mit dem Christus bewusst werden. Es ist durchaus richtig, was Angelus Silesius sagt:
[ 17 ] Spiritually and psychologically, human beings are immortal. In pre-Christian times, the soul was still understood to be connected to the gods of nature. It was not until the twentieth century that people became aware of the soul’s spiritual connection to the spiritual world—to Christ. What Angelus Silesius says is absolutely correct:
[ 18 ] Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.
[ 18 ] Even if Christ were born a thousand times in Bethlehem and not within you, you would still remain lost forever.
[ 19 ] Der mystische Christus, [von dem Angelus Silesius spricht], ist aber erst möglich geworden durch den historischen Christus. [So wie Goethe sagt:] Wäre nicht das Auge sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken? –, [so kann man sagen:] Wäre nicht Christus da für unsere Seelen, wie könnten wir uns zu ihm erheben, wie könnte der Sinn für den Christus in unserer Seele entstehen? – So wirklich ist der historische Christus Jesus, wie da wirklich ist die Sonne im Weltenall. Ohne die [biblischen] Überlieferungen in den Wind zu schlagen, kann man nicht übersehen, dass Christus ein Gott ist. Bloß ein Glied in der Entwicklungskette der Lebewesen ist uns [dagegen] der Mensch nach der Entwicklungslehre der Darwinisten. Doch die Darwinisten haben einen großen Gegner, den großen Darwin selbst, der da schreibt, es sei unverkennbar, dass ein Gott den Wesen am Anfang das Leben eingegossen habe. Er schreibt nämlich:
[ 19 ] The mystical Christ, [of whom Angelus Silesius speaks], however, became possible only through the historical Christ. [As Goethe says:] If the eye were not like the sun, how could we see the light? — [So one might say:] If Christ were not there for our souls, how could we rise up to him, how could a sense of Christ arise in our souls?—The historical Christ Jesus is as real as the sun is in the universe. Without dismissing the [biblical] traditions, one cannot overlook the fact that Christ is a God. According to the Darwinists’ theory of evolution, however, human beings are merely a link in the chain of living beings’ development. Yet the Darwinists have a great adversary: the great Darwin himself, who writes that it is unmistakable that a God breathed life into beings at the beginning. He writes, in fact:
[ 20 ] Ich halte dafür, dass alle organischen Wesen, die je auf dieser Erde gelebt haben, von einer Urform abstammen, welcher das Leben vom Schöpfer eingehaucht wurde.
[ 20 ] I believe that all living beings that have ever lived on this Earth are descended from a primordial form into which the Creator breathed life.
[ 21 ] Das ist etwas, was der moderne Darwinist gern leugnen möchte – in der Tat fehlt dieser Satz in den deutschen Übersetzungen. Aber wer das behauptet hat, ist kein Geringerer als Charles Darwin.
[ 21 ] This is something that modern Darwinists would like to deny—in fact, this sentence is missing from the German translations. But the person who made this claim is none other than Charles Darwin.
[ 22 ] Wenn man auf diese Dinge hinblickt, kann man zu einer überraschenden Einsicht kommen: Die monistische Naturphilosophie musste ja eigentlich den Geist leugnen, weil [nach ihr] alles von Naturgesetzen abhängt. Doch dann hört im Grunde der Unterschied von Gut und Böse auf. Das müsste man ja eigentlich als Konsequenz ziehen, man macht es nur nicht. Doch wie man nun auch denken mag über das große Symbolum [der Versuchungsszene] in der Genesis, wo Luzifer zum Menschen spricht: «Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist», so ist doch etwas Bedeutungsvolles gesagt mit diesen Worten. Es kommt nicht darauf an, unsere Zeit als Übergangszeit zu bezeichnen – bedeutsam ist es nur, zu erkennen, wodurch sie eine Übergangszeit ist. Käme die Menschheit nicht zu der Erkenntnis, dass der Christus die bedeutsamste Kraft der Erdenentwicklung ist, so würde sie dazu kommen zu glauben, dass die menschlichen Seelenerlebnisse nur aufs höchste gesteigerte tierische Seelenkräfte sind. Damit würde für die Seele das Unterscheidungsvermögen von Gut und Böse aufhören, wenn man konsequent wäre. Noch ein anderer Versucher spricht in unserer Zeit, aber man hat nicht den Mut, ihn raunen zu hören: Ihr werdet sein aus den Tieren, und nicht mehr unterscheiden das Gute und das Böse.
[ 22 ] When one considers these things, one may arrive at a surprising insight: Monistic natural philosophy actually had to deny the mind, because [according to it] everything depends on the laws of nature. But then, essentially, the distinction between good and evil ceases to exist. One would actually have to draw that conclusion, but people simply do not. Yet whatever one may think of the great symbol [of the temptation scene] in Genesis, where Lucifer says to humankind, “You will be like God and know what is good and evil,” these words do convey something significant. It does not matter whether we describe our time as a transitional period—what is significant is recognizing what makes it a transitional period. If humanity did not come to the realization that Christ is the most significant force in Earth’s evolution, it would come to believe that human soul experiences are merely animal soul forces heightened to the highest degree. If one were to follow this logic to its conclusion, the soul’s ability to distinguish between good and evil would cease. Yet another tempter speaks in our time, but people lack the courage to hear his whisper: “You will become like animals and will no longer distinguish between good and evil.”
[ 23 ] Es gibt aber so etwas wie den Christus-Impuls, der lebt, um uns zu zeigen, dass wir aus der geistigen Welt sind und in Verbindung stehen mit den geistigen Wesenheiten, dass unsere moralische Weltordnung innig verbunden ist mit dem Christus dadurch, dass mit ihm das Prinzip der Liebe in die Erde gekommen ist. Und seine Stimme spricht: Nicht werdet ihr sein aus den Tieren, mit mir werdet ihr sein, mit mir das Gute und Böse unterscheiden.
[ 23 ] But there is such a thing as the Christ impulse, which lives to show us that we come from the spiritual world and are connected to spiritual beings, that our moral world order is intimately linked to Christ through the fact that, with him, the principle of love came to Earth. And his voice says: You shall not be like the animals; you shall be with me, and with me you shall distinguish between good and evil.
[ 24 ] Die Sohnschaft wird man wirksam empfinden. Dass der Sohn vom Vater kommt, ist naturwissenschaftlich begründet. Aber der Vater braucht den Sohn nicht [unbedingt] zu haben. Die moralische Welt verhält sich zu [der natürlichen Weltordnung] wie der Sohn zum Vater. Wie der Vater den Sohn nicht haben muss, so [folgt aus der Herrschaft der Naturgesetze nicht von alleine die Moralität]. Gerade mit dem Sohnesbegriff wird in wunderbarer Weise [die Verwandlung der natürlichen in eine moralische Weltordnung durch den Christus deutlich].
[ 24 ] One will effectively perceive the relationship of sonhood. The fact that the son comes from the father is scientifically grounded. But the father does not [necessarily] need to have the son. The moral world relates to [the natural order] as the son relates to the father. Just as the father does not have to have the son, so [morality does not automatically follow from the rule of natural laws]. It is precisely through the concept of the Son that [the transformation of the natural order into a moral one through Christ] becomes wonderfully clear.
[ 25 ] Geisteswissenschaft fühlt sich im Einklang mit dem, was die besten, führenden Geister der Menschheit erfüllt haben. Schiller, den man heutzutage nicht mehr so liebt wie früher, den man aber wieder lieben wird, hat einmal ausgesprochen:
[ 25 ] The humanities feel in harmony with what has inspired the finest, most prominent minds of humanity. Schiller, who is no longer as beloved today as he once was, but whom people will come to love again, once said:
Jetzt fiel der Tierheit dumpfe Schranke,
Und Menschheit trat auf die entwölkte Stirn!
Und der erhab’ne Fremdling, der Gedanke
Sprang aus dem staunenden Gehirn.
Now the dull barrier of animality fell,
And humanity stepped onto the cloudless brow!
And the sublime stranger, the thought
Leapt from the astonished mind.
[ 26 ] Der Gedanke wird den Weg finden zu demjenigen, der [hier] gemeint ist: zu dem Christus des zwanzigsten Jahrhunderts.
[ 26 ] The thought will find its way to the one referred to [here]: the Christ of the twentieth century.
