Neues Christus-Erleben
GA 69c
10 Januar 1914, Bremen
5. Der Christus des zwanzigsten Jahrhunderts
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Nachdem ich auch hier öfter habe sprechen dürfen über Geisteswissenschaft und ihre Ergebnisse, sei es am heutigen Abend gestattet, über ein besonderes Kapitel zu sprechen, das zweifellos vielen Seelen unendlich naheliegt: die Christus-Frage – nicht allein, weil in weiten Kreisen in unserer Zeit ein immer größeres Bedürfnis vorhanden ist, dieser Frage näherzutreten, sondern auch, weil gerade Geisteswissenschaft zu dieser Frage etwas zu sagen hat darüber, wie sich die Christus-Frage hineinzustellen hat in unsere Kultur. Geisteswissenschaft will nicht etwa ein Keim zu einer neuen Religion sein, sondern den Weg zeigen, wie man eindringen kann in Gebiete, die nicht den gewöhnlichen Sinnen, den modernen Wissenschaften zugänglich sind. Es wird nicht möglich sein, über dasjenige zu sprechen, was uns beschäftigen soll, ohne ganz kurz hinzuweisen auf die vielen Wandlungen, die die Menschenherzen durchgemacht haben in Bezug auf diese Frage. Dazu ist ein kurzer Rückblick nötig.
[ 2 ] Wenn wir uns das In-die-Welt-Treten des Christentums einfach so vor Augen stellen, dann können wir zunächst sagen: Im Beginn unserer Zeitrechnung ist etwas geschehen, was eben der ganzen Menschheitsentwicklung einen neuen Antrieb, eine Wendung nach aufwärts gegeben hat. Auch der Ungläubige wird schon aus historischen Gründen zugeben müssen, dass der Impuls, der durch das Christentum gekommen ist, ein mächtiger war. Zu der Zeit, da der Christus-Impuls in die Welt trat, war die Menschenseele in einer ganz anderen Verfassung als heute, und eine Änderung dieser Verfassung wird in Zukunft schon dadurch wiederum eintreten müssen, dass neue Erkenntniskräfte in der Menschenseele erwachen werden. Eines tritt uns geschichtlich bedeutsam entgegen: Die erleuchtetsten Geister des Abendlandes, mit dem tiefsten Wissen ausgerüstet, mussten erkennen – unter höchster Anspannung der Erkenntniskräfte, durch das Größte, was sie haben aufbringen können an Geistesschärfe –, dass etwas Gewaltiges eingedrungen war in das Leben der Menschheit durch den Christus-Impuls. Betrachten wir zunächst die Auffassung der Gnostiker, die von berufensten, hervorragendsten Gelehrten der Gegenwart «religiöse Genies» genannt werden. Wir wollen gar nicht über den Erkenntniswert der Gnosis sprechen, sondern wir wollen fragen: Wie dachten die Gnostiker über den Christus? – Wir wollen die gnostische Stimmung gegenüber dem Christus zu charakterisieren suchen. Die Gnosis ist eine Entwicklungstheorie, die heute den Menschen als phantastisch erscheinen muss. Wenn man heute von [der menschlichen] Entwicklung spricht, so fragt man: Wie hat sich der menschliche Körper durch die verschiedenen Stufen entwickelt? – Der Gnostiker dagegen sagte: Bei unbefangenem Denken wird man nicht zu einem materiellen, sondern zu einem geistigen Ursprung zurückgeführt; fasst man den Punkt ins Auge, wo der Mensch aus dem Geistigen herunter in die Materie kam, so findet man, dass in den rein geistigen Höhen etwas zurückgeblieben ist, um später in die Menschheitsentwicklung einzudringen. Nur dadurch konnte der Mensch [zunächst] fortschreiten, dass er sich immer mehr in die Materie verstrickte. Hätte er das nicht getan, so wäre er niemals zur Entfaltung der Freiheit gekommen – entfremdet musste er werden dem Geistigen, um in der Materie seine Freiheitsmöglichkeit zu finden. Dann musste sich im Zeitpunkt, wo der Mensch am tiefsten verstrickt war in die Stofflichkeit, sich dasjenige in die Erdenentwicklung ergießen, was früher zurückgehalten worden war in der geistigen Welt beim Menschen-Ursprung, um den Menschen vor dem völligen Versinken in die Stofflichkeit zu bewahren. Das, was da aus den geistigen Welten heruntergeflossen ist, ist seitdem verbunden mit der Erde und der Christus lebt seitdem mit der Menschheitsentwicklung fort.
[ 3 ] Fragen wir mit den Mitteln der Geisteswissenschaft, wie die Gnostiker zu solchen Ideen kommen, so sehen wir bei sorgfältiger Prüfung: Diese Ideen, die die Gnostiker aus der Anspannung tiefster Geisteskräfte hervorholten, stammen aus einer Epoche, wo noch ein unmittelbares Schauen da war, denn zu vorhergehenden Zeiten war die Menschenseele noch ganz anders gestimmt. Aus diesem ursprünglichen Erkennen entwickelten sich Ideen wie die gnostischen. Wie ein Erbstück alten Erkennens wirkt die Gnosis. Ein hoher Christus-Begriff tritt uns hier entgegen, was auch derjenige anerkennen muss, der die Gnosis phantastisch findet: Eine kühne, grandiose Idee ist die gnostische. Über die ersten Kirchenväter, die an der Festhaltung der [christlichen] Dogmen gearbeitet haben, können wir schnell hinweggehen. Von dem, was die Väter sich dazumal zutrauten, kamen die Menschen später gänzlich ab. In der Mitte des Mittelalters wurde diese Anschauung ganz fallen gelassen. Da sagte man: Zu den Höhen, in denen sich der Eintritt Christi in die Erdensphäre enthüllen könnte, reicht die menschliche Erkenntnis nicht. An die Stelle wirklicher Erkenntnis setzte man den Glauben. So sehen wir, wie die ChristusAuffassung im Laufe der Jahrhunderte wechselt, so wie der Charakter der Zeiten sich ändert mit der Kultur.
[ 4 ] Im sechzehnten Jahrhundert treten wir in das Zeitalter der großen Fortschritte in den Naturwissenschaften [ein]. Es musste dazu ein [neues] Wissen heraufkommen – eine [neue] Erkenntnisart, welche vor allem darauf bedacht war, die materielle Welt und ihre Gesetze zu erkennen. Sie ist heraufgekommen als ein wichtiger Entwicklungsfaktor, der das ganze [äußere] kommerzielle, industrielle Leben umgestaltet hat. Die mittelalterliche Menschheit hat sich noch voll dem Glauben hingegeben; das Mittelalter glaubte, was die Gnostiker einst erkannten. Die äußere Welt, die unsere physische Umgebung ist, gab der neuen Zeit das Gepräge. So gestaltete sich die ganze Christus-Auffassung um: Konnten die Gnostiker sprechen von einem göttlichen Wesen, das in einem Menschen nur Wohnung genommen hat, so wurde es in der neueren Zeit immer unmöglicher, sich einen fleischgewordenen Gott vorzustellen. Es wäre interessant zu zeigen, wie in den einzelnen Phasen die frühere Auffassung immer mehr zurücktritt zugunsten eines [äußerlich] greifbaren Christus. Durch ihre innere Seelenverfassung waren die Menschen gezwungen, abzusehen von dem ins Fleisch heruntergestiegenen Gott und dafür in ihm immer mehr den Menschen zu sehen, wenn auch einen Menschen hervorragendster Art. In einer Menschenseele, in dem Mann von Nazareth, sucht man heute den Ausgangspunkt des Christentums, statt in diesem Menschen nur das Tor zu sehen, durch das der Christus eingegangen ist [in die Erdensphäre].
[ 5 ] Gerungen haben gerade erleuchtete Geister, abseits von aller Theologie, um eine Antwort auf die Frage: Wie kann man als moderner Mensch sich zu dem Christus-Ereignis stellen? – Immerhin ist es interessant, dass die drei Persönlichkeiten, die vor etwas mehr als hundert Jahren alle im gleichen Jahr geboren wurden, bemüht waren, sich mit diesem Christus-Ereignis auseinanderzusetzen. Otto Ludwig rang mit diesem Stoff, um ihn zu einem Drama zu gestalten; Friedrich Hebbel notierte sich den Plan zu einem Christus-Drama. Dem, was sie beide niederschrieben, sieht man an: Sie kamen mit dem Problem nicht zurecht, es war ihnen zu groß. Auch von Richard Wagner wissen wir, dass er an dieser Aufgabe arbeitete und nicht damit fertig wurde.
[ 6 ] Was nun diese materialistische Anschauung von dem bloßen Menschen Jesus betrifft, so muss man sagen: Sie ist nicht etwa unfruchtbar geblieben; die Jesus-Theologie hat auch schöne Blüten hervorgebracht. Es soll nur das kleine Schriftchen «Jesus» von Rittelmeyer erwähnt werden: Es ist etwas, was Herz und Gemüt tief ergreifen kann. Vieles in dieser Art hat die moderne Theologie hervorgebracht. Ein mit Recht beliebter Dichter der Gegenwart, Peter Rosegger, hat sich einen Jesus konstruiert. Denkt man sich Rosegger selbst, mit allen seinen schönen, sympathischen Eigenschaften aufs höchste idealisiert, so hat man dessen Vorstellung von dem Jesus von Nazareth.
[ 7 ] Da wurde trotz allem Gewaltigen, was die Theologie in letzter Zeit geleistet hat, eine merkwürdige Entdeckung gemacht: dass, wenn man die Evangelien unbefangen betrachtet, der Christus Jesus [eigentlich] gar kein Mensch gewesen sein kann. So hat dann Benjamin Smith behauptet, dass alle Auslegungen von dem Christus als dem schlichten Manne von Nazareth jeder Wissenschaftlichkeit ins Gesicht schlügen, dass das nicht gehe, dass es unvereinbar sei mit aller Überlieferung, wenn man nur einen Menschen, und sei es auch den idealsten, in dem Christus sehen wolle; man sieht also ein, dass der Christus Jesus ein Gott sein muss. Diese Erkenntnis fällt mitten in diese Zeit, wo die Menschheit gar keine Vorstellung mehr davon haben kann, was ein Gott ist. Und nun zieht man die Schlussfolgerung: Da es auf der Erde nur Menschen geben kann, der Christus aber ein Gott sein muss, so kann er auf Erden gar nicht existiert haben. — Unter solchen Umständen, aus solchen Voraussetzungen heraus, hat sich das vollzogen, was seit Jahren so viel Aufsehen macht: die Hinwegleugnung der Persönlichkeit des Jesus von Nazareth.
[ 8 ] Damit ist in kurzen Strichen der Gang der Christus-Auffassung durch die Jahrhunderte gekennzeichnet. Wie verhält sich nun die Geisteswissenschaft zu dem Christus-Ereignis? Wie kann sie sich zu dem wichtigsten Problem der Menschheitsentwicklung stellen? Die Geisteswissenschaft geht von der Voraussetzung aus, dass der Mensch nicht nur diejenige Erkenntnis hat, die auf der Beobachtung der äußeren Welt beruht, sondern dass er durch Entwicklung schlummernder Kräfte auch zu einer höheren Erkenntnis aufsteigen kann.
[ 9 ] Wie der Chemiker, indem er Wasserstoff und Sauerstoff trennt, aus dem Wasser etwas ganz Neues macht, einen Stoff mit ganz anderen Eigenschaften aus ihm hervorholt, so kann aus dem Menschen durch geeignete Methoden etwas ganz Neues werden. So wie wir dem Wasser nicht ansehen, was in ihm ist, so sehen wir dem Menschen nicht an, was er an Kräften in sich hat. Durch eine Art geistiger Chemie kann mittels Übungen, die in meinen Büchern näher angegeben sind, im Menschen etwas Neues entwickelt werden; die Seele kann über den Körper hinaus wirken und sich [ihrer selbst] bewusst werden in der geistigen Welt. Das ist weiten Kreisen noch ganz fremd und wird sich erst allmählich einbürgern. Heute, am Ausgangspunkt einer Epoche, in welcher allmählich diese Erkenntnis Gemeingut werden wird, ist eine Erkenntnis der geistigen Welt möglich, [so wie es einst der Fall war mit der] kopernikanischen Weltanschauung, die auch zuerst verlacht wurde, sich aber doch eingebürgert hat. Heute verbrennt man die Ketzer nicht mehr, die von einer leibfreien Wahrnehmung der Seele sprechen, aber man höhnt sie aus, macht sie lächerlich.
[ 10 ] Wenn man sich von diesem Gesichtspunkte der Gnosis nähert, so stellt sich etwas heraus, das nicht nur eine Fortbildung und Aufwärmung der Gnosis ist: Man findet nämlich, dass die Menschenseele dasjenige, was in früheren Epochen geleistet worden ist, herüberträgt in spätere [Leben]. Macht man sich die Lehre von den wiederholten Erdenleben zu eigen, so kommt man zu einer genaueren Charakteristik der Erdenepochen selber. Der geschichtliche Fortgang muss mit geisteswissenschaftlichen Mitteln beobachtet werden. Dann zeigt sich, dass der Mensch so, wie er [auf eine natürliche Weise] zu Hunger und Durst kommt, er in alten Zeiten dazu gelangte, aus seiner Organisation heraus die inneren Geheimnisse des Daseins in Bildern und Visionen zu erkennen. Dann verlor die Menschenseele diese Fähigkeit; der Mensch musste sich dazu entwickeln, selbst Begriffe zu erzeugen. Diese Fähigkeit ist erst [später] entstanden – aufgrund von Vorstellungen [bildhaft-Jvisionärer Art. Nur aus Kurzsichtigkeit kann man leugnen, dass auch das begriffsmäßige Erkennen sich erst hat entwickelt müssen.
[ 11 ] Die Epoche, in der die Menschenseele diese Wandlung erlebte, ist die Zeit, in der der Christus in die Entwicklung eintrat; dadurch ist die Menschenseele etwas anderes geworden, als sie war vor dem Christus-Ereignis. Zu alten Zeiten empfing der Mensch durch Bilder dasjenige, was sich hinter dem sinnlichen Dasein verbarg. Das ist das Charakteristische der alten Weltanschauung, dass der Mensch in [Form von] Bildvorstellungen die Erkenntnis erlangte, wie er mit dem Kosmos, mit den Göttern verknüpft war. Das ist noch die Anschauung der althebräischen Zeit, in der gleichsam durch die Propheten und Seher eine Verbindung bestand zwischen der geistigen und der sinnlichen Welt. Doch diese Verbindung wurde immer schwächer und schwächer empfunden, je näher der Zeitpunkt des Mysteriums von Golgatha heranrückte. Wenn in jener Zeit nicht ein besonderer Impuls in die Erdenentwicklung gekommen wäre, so hätte sich die Menschenseele mehr und mehr isoliert gefühlt, denn auf sich selbst gestellt, aber zugleich auch isoliert wurde der Mensch von jenem Zeitpunkt an. Es ist keine Phrase, [wenn man davon spricht], dass wir dem Zeitalter des Individualismus entgegengehen. Damit aber trat die Möglichkeit ein, etwas neu zu finden, was die Seelen in der vorchristlichen Zeit noch nicht haben finden können die Christuswesenheit. Seit der Entstehung des Christentums kann man das, was man früher in der Natur gefunden hat, im Geiste finden. [Vor dem Christus-Ereignis] konnte der Mensch den Zusammenhang mit den göttlichen Kräften, den er in alten Zeiten hatte, nicht mehr finden. Die bisherige Entwicklung des Christentums ist nur eine Vorbereitung [für das Christentum der Zukunft]; die Menschen werden sehen, dass sich schon nach [verhältnismäßig] kurzer Zeit die Weltenlage völlig ändern wird.
[ 12 ] Es mag viele geben, die zufrieden sind mit dem, was durch Bibel und Tradition gegeben ist; das ist ein egoistischer Standpunkt. In rasender Schnelligkeit werden sich die Seelen so entwickeln, dass sie sich nicht mehr in der alten Weise dem Christus werden nähern können. Mit den [herkömmlichen] Begriffen und Ideen wird der Mensch immer mehr allein stehen. Der Mensch fühlte sich einst als Geist unter Geistern; der moderne Mensch kann sich nur als Körper unter Körpern fühlen. Doch die Seelen, die sich darnach sehnen, zum Unerklärlichen in sich selber zu kommen, sie werden sich fragen: Wie hänge ich, wie hängt mein Selbst zusammen mit einer geistigen Welt? Wenn wir diese Vorgänge seelenvoll und mit Verständnis betrachten, so drängt sich uns ein Vergleich auf: Wenn gewisse Tiere sich auf etwas Besonderes vorbereiten, so pflegen sie zu hungern. Dadurch spielen sich in ihrem Innern solche Vorgänge ab, dass die[jenigen] Kräfte des Organismus, [die dadurch frei werden], nach einer anderen Seite strömen. [Und wenn wir auf] die Menschen [schauen, so sehen wir, dass sie] sich immer mehr Begriffe angeeignet haben über den Stoff und seine Gesetze, aber geistig haben sie gehungert in Bezug auf Seelenkenntnis. Gleichzeitig hat sich vorbereitet die unmittelbare Wahrnehmung des Christus in der geistigen Welt. Die Menschenseele hat sich durch Jahrhunderte die geistige Nahrung entzogen und so durch Hungern diejenigen Organe ausgebildet, die sich in Zukunft entfalten werden.
[ 13 ] Die Menschen gehen einem Entwicklungsziel entgegen, wo sie finden werden den Christus, wie sie [heute] ein Naturgesetz finden. Aber nicht als totes Gesetz werden sie ihn finden, sondern als [lebendige] Wesenheit, und sie werden wissen: Es ist seit dem Mysterium von Golgatha eine Wesenheit in die Erdenentwicklung [eingetreten], die vorher nicht da war. – Gesetze können nicht trösten, nicht über Schmerzen hinweghelfen, aber helfen kann die Verbindung mit dem Christus, die man in der Seele als Kraft fühlen wird. Nicht auf dogmatischen Wegen wird man den Christus finden können, auf ganz andere Weise wird man den Christus finden können; auf ganz andere Weise wird man die Wahrheit des Wortes finden: «Ich bin bei euch bis an das Ende der Erdentage.» Eine Zeit wird kommen, wo man es naturwissenschaftlich nicht [für] unmöglich halten wird, dass seit dem Mysterium von Golgatha der Christusgeist in der Erde, in der irdischen Menschheitsentwicklung lebt. Bisher hat man nur den als Christen anerkannt, der dies und jenes von dem Christus weiß. In Zukunft wird man wissen, dass der Christus nicht nur ins Erdenleben kam, um eine Lehre zu bringen, sondern um eine Tat zu vollziehen. Dann kann man auch [bei Nichtchristen], im Hindu, im Japaner, im Mohammedaner den Christuskeim finden.
[ 14 ] Ich bin mir voll bewusst, dass ich nicht von einem mittelalterlichen Standpunkt aus spreche, sondern von einem, der voll anerkennt alles, was die Wissenschaft geleistet hat. Aber so, wie man die Gesetze der Elektrizität, der Radioaktivität und so weiter erkennt, wird man erkennen, dass das Mysterium von Golgatha eine überphysische Angelegenheit ist. Damit der Christus von den Menschen gefunden werden kann, musste er Geburt, Taufe, Tod durchmachen, und dadurch, dass er den Tod überwunden hat, ist er ausgegossen in die Erdenentwicklung.
[ 15 ] Eine vorbereitende Zeit, in der das Christentum [bloß] als Lehre genommen wurde, haben wir durchgemacht. Eine Zeit wird kommen, wo der Christus gefunden werden kann von denjenigen Seelen, die ihn suchen, weil er auf Erden ist. Er wirkte [immer] durch sein Dasein, und man wird sein Dasein finden als etwas, was die Menschheit wieder einen kann, denn er wird der Eine sein [für alle Menschen], für jeden [einzelnen] Menschen, da die Menschen sich immer mehr individualisieren. Das ist die Christus-Idee [in einer Zeit, in der] der Mensch einer Zukunft entgegengeht, die noch weit mehr entgöttert ist, als der Monismus sich träumen lässt.
[ 16 ] Wie wir mit den äußeren Stoffen in Beziehung stehen, durch die physische Nahrung, so mit dem Christusgeist durch unser Seelenleben. Ein großer Geist, ein auserlesener Denker der Gegenwart, Eliot, hat gesagt, die alte Religion sei eine traurige, schmerzliche; in Zukunft werde eine Religion entstehen, die Freude mache. Es ist nicht zu leugnen, dass Schmerz und Tod in der Welt sind, und weil diese an den Menschen herankommen, braucht er einen starken Impuls, um Schmerz und Tod zu überwinden – [den Christus-Impuls]. Daran krankt die moderne Philosophie, dass sie keinen Ausgleich findet für Schmerz und Tod. Und die Menschheit wird vorrücken von dem gelehrten Christus, dem Christus als Weltenlehrer, zu dem geschauten Christus. Man wird sich von Seiten der Geisteswissenschaft nicht fürchten, [damisch] geschimpft zu werden; nicht derjenige ist ein Monist, der den Geist ableugnet, sondern derjenige, der den Geist als den Ursprung des Seins erkennt, der das [Monon] im Geiste findet.
[ 17 ] Geistig-seelisch ist der Mensch unsterblich. Die vorchristliche Zeit hat die Seele noch in Verbindung gewusst mit den Göttern der Natur. Erst das zwanzigste Jahrhundert wird sich der geistigen Verbindung der Seele mit der Geisteswelt, mit dem Christus bewusst werden. Es ist durchaus richtig, was Angelus Silesius sagt:
[ 18 ] Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.
[ 19 ] Der mystische Christus, [von dem Angelus Silesius spricht], ist aber erst möglich geworden durch den historischen Christus. [So wie Goethe sagt:] Wäre nicht das Auge sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken? –, [so kann man sagen:] Wäre nicht Christus da für unsere Seelen, wie könnten wir uns zu ihm erheben, wie könnte der Sinn für den Christus in unserer Seele entstehen? – So wirklich ist der historische Christus Jesus, wie da wirklich ist die Sonne im Weltenall. Ohne die [biblischen] Überlieferungen in den Wind zu schlagen, kann man nicht übersehen, dass Christus ein Gott ist. Bloß ein Glied in der Entwicklungskette der Lebewesen ist uns [dagegen] der Mensch nach der Entwicklungslehre der Darwinisten. Doch die Darwinisten haben einen großen Gegner, den großen Darwin selbst, der da schreibt, es sei unverkennbar, dass ein Gott den Wesen am Anfang das Leben eingegossen habe. Er schreibt nämlich:
[ 20 ] Ich halte dafür, dass alle organischen Wesen, die je auf dieser Erde gelebt haben, von einer Urform abstammen, welcher das Leben vom Schöpfer eingehaucht wurde.
[ 21 ] Das ist etwas, was der moderne Darwinist gern leugnen möchte – in der Tat fehlt dieser Satz in den deutschen Übersetzungen. Aber wer das behauptet hat, ist kein Geringerer als Charles Darwin.
[ 22 ] Wenn man auf diese Dinge hinblickt, kann man zu einer überraschenden Einsicht kommen: Die monistische Naturphilosophie musste ja eigentlich den Geist leugnen, weil [nach ihr] alles von Naturgesetzen abhängt. Doch dann hört im Grunde der Unterschied von Gut und Böse auf. Das müsste man ja eigentlich als Konsequenz ziehen, man macht es nur nicht. Doch wie man nun auch denken mag über das große Symbolum [der Versuchungsszene] in der Genesis, wo Luzifer zum Menschen spricht: «Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist», so ist doch etwas Bedeutungsvolles gesagt mit diesen Worten. Es kommt nicht darauf an, unsere Zeit als Übergangszeit zu bezeichnen – bedeutsam ist es nur, zu erkennen, wodurch sie eine Übergangszeit ist. Käme die Menschheit nicht zu der Erkenntnis, dass der Christus die bedeutsamste Kraft der Erdenentwicklung ist, so würde sie dazu kommen zu glauben, dass die menschlichen Seelenerlebnisse nur aufs höchste gesteigerte tierische Seelenkräfte sind. Damit würde für die Seele das Unterscheidungsvermögen von Gut und Böse aufhören, wenn man konsequent wäre. Noch ein anderer Versucher spricht in unserer Zeit, aber man hat nicht den Mut, ihn raunen zu hören: Ihr werdet sein aus den Tieren, und nicht mehr unterscheiden das Gute und das Böse.
[ 23 ] Es gibt aber so etwas wie den Christus-Impuls, der lebt, um uns zu zeigen, dass wir aus der geistigen Welt sind und in Verbindung stehen mit den geistigen Wesenheiten, dass unsere moralische Weltordnung innig verbunden ist mit dem Christus dadurch, dass mit ihm das Prinzip der Liebe in die Erde gekommen ist. Und seine Stimme spricht: Nicht werdet ihr sein aus den Tieren, mit mir werdet ihr sein, mit mir das Gute und Böse unterscheiden.
[ 24 ] Die Sohnschaft wird man wirksam empfinden. Dass der Sohn vom Vater kommt, ist naturwissenschaftlich begründet. Aber der Vater braucht den Sohn nicht [unbedingt] zu haben. Die moralische Welt verhält sich zu [der natürlichen Weltordnung] wie der Sohn zum Vater. Wie der Vater den Sohn nicht haben muss, so [folgt aus der Herrschaft der Naturgesetze nicht von alleine die Moralität]. Gerade mit dem Sohnesbegriff wird in wunderbarer Weise [die Verwandlung der natürlichen in eine moralische Weltordnung durch den Christus deutlich].
[ 25 ] Geisteswissenschaft fühlt sich im Einklang mit dem, was die besten, führenden Geister der Menschheit erfüllt haben. Schiller, den man heutzutage nicht mehr so liebt wie früher, den man aber wieder lieben wird, hat einmal ausgesprochen:
Jetzt fiel der Tierheit dumpfe Schranke,
Und Menschheit trat auf die entwölkte Stirn!
Und der erhab’ne Fremdling, der Gedanke
Sprang aus dem staunenden Gehirn.
[ 26 ] Der Gedanke wird den Weg finden zu demjenigen, der [hier] gemeint ist: zu dem Christus des zwanzigsten Jahrhunderts.
