Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Neues Christus-Erleben
GA 69c

8 Februar 1914, Pforzheim

6. Christus im zwanzigsten Jahrhundert

Frage: Wenn in der Bibel sowohl von der «Himmelfahrt» wie von der «Niederfahrt Christi zur Hölle» die Rede ist: Wohin ist dann der Leib Christi gekommen?

[ 1 ] Rudolf Steiner: Es gibt vier [hauptsächliche] Standpunkte gegenüber der Bibel: Erstens [gibt es den Standpunkt des] gläubigen Gemüts. Da sagt man einfach: Genügt uns denn die Bibel nicht? – Zweitens [haben wir es mit dem Standpunkt der] Freigeister [zu tun]: Da wird man dann gescheiter als die Gläubigen. Drittens sehen wir das Aufrücken zu einem höheren Standpunkt: Da werden die Bibelerzählungen nicht mehr bloß kindlich betrachtet, sondern alles hat eine «symbolische Bedeutung», ist Mythe. Jeder kann dann die Bibel auslegen, wie er will mehr oder weniger geistreich. Viertens gibt es die Anschauung, welche auf die geistigen Tatsachen hinweist. [Wenn wir diesen Standpunkt einnehmen, so können wir sagen:] Es handelt sich um ein Erdbeben, das stattfand; ein Spalt öffnete sich, in den der Leib hineinfallen konnte und der sich dann wieder schloss. Die Kleider wurden durch den Sturm herumgerissen und lagen dann so, wie man es bei Johannes beschrieben findet. Diese Übereinstimmung zwischen dem geistigen Schauen und der Bibelerzählung wirkt ganz erschütternd. Mit dem «Niederfahren zur Hölle» ist ausgedrückt ein «Andersmachen» des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt durch den Christus.

Frage: Kann Arbeit allein schon Religion sein?

[ 2 ] Rudolf Steiner: Diese Frage kommt mir so vor, als ob man sagt: Kann man mit Äpfeln alles ernähren? Was ist denn Arbeit? Alles, was getan wird, ist Arbeit; die physischste Verrichtung und die feinste geistige Verrichtung sind beide Arbeit. Die Religion dagegen hat eine Beziehung zur Göttlichkeit und Unsterblichkeit. Es ist nicht viel anzufangen mit einer solchen Frage.

Frage: Was ist mit der «Himmelfahrt Christi» gemeint?

[ 3 ] Rudolf Steiner: Da haben die dem Christus Zunächststehenden angefangen zu sehen, dass Christus den Übergang in die Erdenatmosphäre gefunden hat. Das erscheint den hellseherischen Seelen seiner nächsten Bekenner als seine Himmelfahrt.

Frage: Wozu brauchen wir die Geisteswissenschaft? Genügt denn die Bibel nicht?

[ 4 ] Rudolf Steiner: Wer so redet, spricht aus einer Vorliebe heraus. Aus den Tatsachen heraus muss man sich dasjenige holen, was als Pflicht gegenüber der Menschheit erscheint. Nur Oberflächlinge werden heute glauben, sie «hätten» die Bibel. Man kann auch sagen: Den Einfachsten ist sie Nahrung, und den Weisesten ist sie nie voll verständlich, weil sie solche Tiefen in sich birgt.

Frage: Was heißt Beten im christlichen Sinne?

[ 5 ] Rudolf Steiner: Ein Sich-Einlassen mit dem Christus. Es ist nur bedenklich, wenn es im egoistischen Stile gehandhabt wird. Der eine bittet vielleicht um Regen, der andere um Sonnenschein, und beide beten zum [gleichen] Gott. [Ähnlich verhält es sich, wenn] zwei Heere sich gegenüberstehen, im Begriffe, Kugeln zu schießen, und beide um den Sieg beten. Dabei braucht es nicht einmal so zu sein, dass die Kugeln geweiht sind, was ja auch schon vorgekommen ist. «Aber nicht mein, sondern Dein Wille geschehe» — das ist der gute Ton, der zu jeder Gebetsstimmung dazugehört.

Frage: Ist der Buddha eine ähnliche Erscheinung wie der Christus?

[ 6 ] Rudolf Steiner: Der Buddha steht am Abschluss einer Epoche, Christus ist der Anfang einer Epoche. Buddhas Reden waren mehr zum Herzen sprechend: zum Beispiel jenes Gleichnis vom Wagen, [in welchem der Weise den König, der mit dem Wagen gekommen ist, fragt, was denn der Wagen sei: die Deichsel, die Räder? Und er belehrt ihn: der Wagen ist] nur Name und Form. Kann man – fragt Buddha – mit Deichsel, Rädern allein fahren? Kann man denn mit Namen und Form allein fahren? [So wie nun nur ein Name oder eine Form die einzelnen Teile zusammenhält — Räder, Deichsel, Wagenkasten und Sitz –, so hält auch die einzelnen Fähigkeiten, Gefühle, Gedanken und Empfindungen der Seele des Menschen nicht irgendetwas zusammen, das bezeichnet werden kann als eine besondere Realität, sondern ist auch nur ein Name oder eine Form.] – Da gilt das Goethe’sche Wort:

Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand
Fehlt leider! nur das geistige Band.

[ 7 ] Die christliche Denkweise gibt überall dieses geistige Band. Sechshundert Jahre vor Christus sprach der Buddha: Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden; sechshundert Jahre danach wurde der Kruzifixus, der tote Christus am Kreuz, das Symbolum des Lebens; so ändern sich die Zeiten.

Frage: Kann Musik geistiges Leben vermitteln?

[ 8 ] Rudolf Steiner: Sie kann eine Hilfe sein, aber man kann nicht behaupten, dass sie heute zur Heraushebung der Seele beiträgt.

Frage: [Hat Drews recht, wenn er den griechischen Logos als «verschwommen» bezeichnet?]

[ 9 ] Rudolf Steiner: Wir wollen gewiss nicht Drews zustimmen, [wenn er] den griechischen Logos als verschwommen [bezeichnet]. Der ist nicht verschwommen, aber [darüber] eine Debatte [zu führen] wäre [jetzt] unschicklich. Man darf eben die Zeitentwicklung nicht vergessen. Nehmen wir zum Beispiel die heutige Astronomie mit all ihrem Wissen: Man könnte Kopernikus [im Vergleich dazu] verschwommen nennen, das mag sein, aber er war — gerade für die heutige Astronomie — ein Ausgangspunkt.

Frage: Nach Ihrem Vortrag zu urteilen, wäre Jesus erst vom dreißigsten Lebensjahr an für den Christus zu halten: Hatte die Jesus-Wesenheit denn nicht schon vor der Jordantaufe die Göttlichkeit in sich?

[ 10 ] Rudolf Steiner: Das hatte sie eben nicht; [der Christus] musste erst aus göttlichen Welten heruntersteigen. Heute meint man [oft], Christus und Adonis seien dasselbe. Das ist so, als ob man einen Menschen, der vor zehn Jahren gewisse Kleider getragen hat, mit einem Menschen verwechseln würde, [der heute dieselben Kleider anhat wie jener vor zehn Jahren]. Ein berühmter Theologe in Berlin hat gesagt: Man zeige mir ein einzelnes Wort im Neuen Testament, das nicht schon vorher in der Bibel irgendwo zu finden wäre. [Es kommt darauf an, wer diese Worte ausspricht und in welchem Zusammenhang], denn wenn ein Schulbube dieselben Worte spricht wie der Schulmeister, so ist es doch nicht dasselbe. In den ChristusAussprüchen wird alles früher schon Gesagte etwas ganz anderes, etwas Neues. Robertson Smith glaubt, das Vaterunser als früheres, [vorchristliches] Gebet gefunden zu haben, weil die Wortlaute etwas ähnlich klingen. Nehmen wir an, ein Kind hat ein Gedicht von Goethe – es kann es nicht verstehen, weil es zu jung ist, trotzdem es vielleicht alle Worte aus dem Gedicht schon einmal gehört hat. Es tut einem weh, wenn immer wieder solche [oberflächlichen] Urteile gefällt werden, denn dadurch behindert man den Fortgang der Kultur. [Dass man solche Urteile ernst nimmt] rührt doch nur von dem Autoritätsglauben der Menschen: Die Wissenschaft hat es bewiesen.

Frage: Hat sich die Menschheit abwärts entwickelt seit dem Mysterium von Golgatha?

[ 11 ] Rudolf Steiner: Vor [dem Mysterium von Golgatha] hat sie sich abwärts entwickelt, dann, [nach dem Mysterium von Golgatha,] ging es wieder aufwärts.