Death and Immortality
in the Light of Spiritual Science
GA 69d
28 November 1910, Hamburg
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Tod und Unsterblichkeit im Lichte der Geisteswissenschaft
1. Leben und Tod
1. Leben und Tod
[ 1 ] Wenn die Menschen auf die Interessen ihrer Seele achten, dann ist gewiss die Frage, deren Beantwortung unsere heutige Betrachtung gewidmet sein soll – die Frage nach Leben und Tod –, eine anerkannt wichtige und bedeutungsvolle, und die Beantwortung dieser Frage muss treffen tiefe Bedürfnisse des menschlichen Seelenlebens. Dennoch ist es in unserer Gegenwart aber schwierig, über solche Dinge zu sprechen, da es schwierig ist, verwandte Saiten in der Seele anzuschlagen, denn die Begriffe, Anschauungen und Vorstellungen, die unsere Zeit aus scheinbar feststehenden naturwissenschaftlichen Begriffen gewonnen hat, widersprechen dem, was aus geisteswissenschaftlicher Forschung heraus gesagt werden muss; und es ist schwierig, diesen naturwissenschaftlichen Begriffen gegenüber eine unbefangene Betrachtungsweise zur Geltung zu bringen.
[ 1 ] Wenn die Menschen auf die Interessen ihrer Seele achten, dann ist gewiss die Frage, deren Beantwortung unsere heutige Betrachtung gewidmet sein soll – die Frage nach Leben und Tod –, eine anerkannt wichtige und bedeutungsvolle, und die Beantwortung dieser Frage muss treffen tiefe Bedürfnisse des menschlichen Seelenlebens. Dennoch ist es in unserer Gegenwart aber schwierig, über solche Dinge zu sprechen, da es schwierig ist, verwandte Saiten in der Seele anzuschlagen, denn die Begriffe, Anschauungen und Vorstellungen, die unsere Zeit aus scheinbar feststehenden naturwissenschaftlichen Begriffen gewonnen hat, widersprechen dem, was aus geisteswissenschaftlicher Forschung heraus gesagt werden muss; und es ist schwierig, diesen naturwissenschaftlichen Begriffen gegenüber eine unbefangene Betrachtungsweise zur Geltung zu bringen.
[ 2 ] Nun könnte es ja sein, dass denjenigen, die heute versuchen, diese Fragen zu beantworten, eine unbefangene Betrachtungsweise entgegengesetzt werden sollte, allein man braucht nur zu achten auf dasjenige, was sich uns darbietet aus der [zeitgenössischen wissenschaftlichen] Literatur, und man wird erkennen, wie wenig gesundes Denken, wie wenig gesunde Begriffe da sind und ein breites Publikum haben.
[ 2 ] Nun könnte es ja sein, dass denjenigen, die heute versuchen, diese Fragen zu beantworten, eine unbefangene Betrachtungsweise entgegengesetzt werden sollte, allein man braucht nur zu achten auf dasjenige, was sich uns darbietet aus der [zeitgenössischen wissenschaftlichen] Literatur, und man wird erkennen, wie wenig gesundes Denken, wie wenig gesunde Begriffe da sind und ein breites Publikum haben.
[ 3 ] Der Begriff «Leben» – nehmen wir die «Physiologie» eines der größten Naturforscher der neueren Zeit, Huxley: Da haben wir in Bezug auf [zeitgenössische] Wissenschaft ein mustergültiges Buch, und in diesem Buch finden wir eine Auseinandersetzung über den Begriff des Lebens. Zuerst spricht er vom Menschen, und es wird gesagt, dass Leben beim Menschen abhängig sei von Gehirn, Lunge und Herz, und wenn eines dieser Glieder nicht richtig funktioniere, dann sei das Leben gefährdet. Und dann wird ein kurioser Übergang gemacht. Es wird gesagt, wenn man sozusagen einen Menschen seines Gehirns berauben könne, aber auf künstliche Weise die Lunge und das Herz in Tätigkeit erhalte, so dauere das Leben fort. Von einem gewissen Standpunkt, den man heute so sehr liebt, hat das natürlich einen guten Sinn, aber vom Standpunkt einer auf den ganzen Menschen gehenden Weltbetrachtung hat es nicht den geringsten, denn man würde sich für ein Leben bedanken, das die Dinge, die man erlebt, nicht im Bewusstsein hat. – Der wahre Tod tritt da ein, wo dies Bewusstsein aufhört. So ist der größte Naturforscher der Gegenwart gar nicht imstande, den Begriff «Leben» in rechter Weise zu fassen.
[ 3 ] Der Begriff «Leben» – nehmen wir die «Physiologie» eines der größten Naturforscher der neueren Zeit, Huxley: Da haben wir in Bezug auf [zeitgenössische] Wissenschaft ein mustergültiges Buch, und in diesem Buch finden wir eine Auseinandersetzung über den Begriff des Lebens. Zuerst spricht er vom Menschen, und es wird gesagt, dass Leben beim Menschen abhängig sei von Gehirn, Lunge und Herz, und wenn eines dieser Glieder nicht richtig funktioniere, dann sei das Leben gefährdet. Und dann wird ein kurioser Übergang gemacht. Es wird gesagt, wenn man sozusagen einen Menschen seines Gehirns berauben könne, aber auf künstliche Weise die Lunge und das Herz in Tätigkeit erhalte, so dauere das Leben fort. Von einem gewissen Standpunkt, den man heute so sehr liebt, hat das natürlich einen guten Sinn, aber vom Standpunkt einer auf den ganzen Menschen gehenden Weltbetrachtung hat es nicht den geringsten, denn man würde sich für ein Leben bedanken, das die Dinge, die man erlebt, nicht im Bewusstsein hat. – Der wahre Tod tritt da ein, wo dies Bewusstsein aufhört. So ist der größte Naturforscher der Gegenwart gar nicht imstande, den Begriff «Leben» in rechter Weise zu fassen.
[ 4 ] [Man macht es sich in der heutigen Wissenschaft außerordentlich leicht mit der Definition des Lebens.] Man meint, dass Leben dasselbe sei bei Mensch, Tier und Pflanze – alles wird durcheinandergeworfen, während wir uns klar sein sollten darüber, dass wir ein jedes Wesen in Bezug auf diese Frage auf seiner [eigenen Stufe] zu betrachten haben. Über das Allerwesentlichste in der Weltbetrachtung sieht man hinweg, denn Huxley hat sich angewöhnt, dasjenige am Menschen zu betrachten, was für das menschliche Leben und Wesen das Gleichgültigste ist: den Stoff der Leiblichkeit. Und so zitiert er ganz im Ernst den Ausspruch Hamlets – und für Hamlet schickt es sich, in seiner melancholischen Gemütsstimmung einen solchen Ausspruch zu tun und, hinschauend auf den Stoff der Leiblichkeit, diesen Stoff zu verfolgen, nachdem der große Cäsar gestorben ist, und zu sagen:
[ 4 ] [Man macht es sich in der heutigen Wissenschaft außerordentlich leicht mit der Definition des Lebens.] Man meint, dass Leben dasselbe sei bei Mensch, Tier und Pflanze – alles wird durcheinandergeworfen, während wir uns klar sein sollten darüber, dass wir ein jedes Wesen in Bezug auf diese Frage auf seiner [eigenen Stufe] zu betrachten haben. Über das Allerwesentlichste in der Weltbetrachtung sieht man hinweg, denn Huxley hat sich angewöhnt, dasjenige am Menschen zu betrachten, was für das menschliche Leben und Wesen das Gleichgültigste ist: den Stoff der Leiblichkeit. Und so zitiert er ganz im Ernst den Ausspruch Hamlets – und für Hamlet schickt es sich, in seiner melancholischen Gemütsstimmung einen solchen Ausspruch zu tun und, hinschauend auf den Stoff der Leiblichkeit, diesen Stoff zu verfolgen, nachdem der große Cäsar gestorben ist, und zu sagen:
Der große Cäsar, tot und Lehm geworden.
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauen Norden;
O dass die Erde, der die Welt gebebt,
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt.
Der große Cäsar, tot und Lehm geworden.
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauen Norden;
O dass die Erde, der die Welt gebebt,
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt.
[ 5 ] Und Huxley weist hin auf einen [vorstellbaren] «Negersklaven Cäsar» oder einen «Kettenhund Cäsar» und sagt: Auch in diesem Sklaven oder in diesem Hund könnten die Atome des großen Cäsar sein. – So verfolgt man dasjenige, was für das Menschenleben das Gleichgültigste ist, und ist sich nicht bewusst, dass man dasjenige verfolgen sollte, was den Stoff so gestaltet, dass er sich der Menschlichkeit fügt. Diese Phantastereien über Atome wird die Physik bald fallen lassen – schon die Radiumforschung hat das Resultat gebracht, dass die Atome in den Händen des Menschen zerfallen.
[ 5 ] Und Huxley weist hin auf einen [vorstellbaren] «Negersklaven Cäsar» oder einen «Kettenhund Cäsar» und sagt: Auch in diesem Sklaven oder in diesem Hund könnten die Atome des großen Cäsar sein. – So verfolgt man dasjenige, was für das Menschenleben das Gleichgültigste ist, und ist sich nicht bewusst, dass man dasjenige verfolgen sollte, was den Stoff so gestaltet, dass er sich der Menschlichkeit fügt. Diese Phantastereien über Atome wird die Physik bald fallen lassen – schon die Radiumforschung hat das Resultat gebracht, dass die Atome in den Händen des Menschen zerfallen.
[ 6 ] So sehen Sie: Selbst auf des Wissens Höhen bildet man sich keine rechten Begriffe über dasjenige, was Leben und Tod ist. Aber die Naturwissenschaft ist heute an einem wichtigen Wendepunkte, und wer nicht aus Schlagworten heraus arbeitet, sondern den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Beobachtungen zu Leibe geht, der sieht, dass die Naturwissenschaft auch schon beginnt, den Geist [Lücke in der Mitschrift].
[ 6 ] So sehen Sie: Selbst auf des Wissens Höhen bildet man sich keine rechten Begriffe über dasjenige, was Leben und Tod ist. Aber die Naturwissenschaft ist heute an einem wichtigen Wendepunkte, und wer nicht aus Schlagworten heraus arbeitet, sondern den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Beobachtungen zu Leibe geht, der sieht, dass die Naturwissenschaft auch schon beginnt, den Geist [Lücke in der Mitschrift].
[ 7 ] Den Begriff kann sie nicht fassen, und dies vielleicht deshalb nicht, weil ihr kein ordentlicher Begriff des Lebens zur Verfügung steht. Der Biologe Weismann sagt: Nur die Erfahrung, dass der Tod eintritt, kann überzeugen von demselben; nicht aus dem Leben selbst könne man ihn fassen. Da redet man von einer Unsterblichkeit der einzelligen Lebewesen. Man sagt, ein solches spaltet sich in zwei, lebt als zwei weiter, und das geht dann immer weiter. Man spricht von einem Sich-Vermehren in der Zahl, und diese unzähligen Wesen stellen dasselbe dar wie das erste Wesen. Von Tod könne man da also nicht sprechen. – Das hat aber zu einer Kalamität geführt, dass Weismann in solcher Weise gesucht hat nach einer Definition des Todes, die charakteristisch ist für die Auffassungsweise der Gegenwart und die sonderbar ausgefallen ist. Er sagt, das Wesentliche vom Tode sei, dass ein Leichnam vorhanden sei. – Die Naturforschung der Gegenwart ist also nur imstande, von Leben zu sprechen, wenn es nicht mehr da ist, und will die Beziehung zwischen Leben und Tod erkennen an dem Toten, an der Leiche. Verworn, der Schüler Haeckels, sagt, die einzelnen Lebens-Individuen stürben zwar, aber das Leben erhalte sich. Zu allem Möglichen hat man seine Zuflucht genommen, um das Rätsel vom Leben und vom Tode zu lösen, aber die Verwirrung ist immer größer geworden.
[ 7 ] Den Begriff kann sie nicht fassen, und dies vielleicht deshalb nicht, weil ihr kein ordentlicher Begriff des Lebens zur Verfügung steht. Der Biologe Weismann sagt: Nur die Erfahrung, dass der Tod eintritt, kann überzeugen von demselben; nicht aus dem Leben selbst könne man ihn fassen. Da redet man von einer Unsterblichkeit der einzelligen Lebewesen. Man sagt, ein solches spaltet sich in zwei, lebt als zwei weiter, und das geht dann immer weiter. Man spricht von einem Sich-Vermehren in der Zahl, und diese unzähligen Wesen stellen dasselbe dar wie das erste Wesen. Von Tod könne man da also nicht sprechen. – Das hat aber zu einer Kalamität geführt, dass Weismann in solcher Weise gesucht hat nach einer Definition des Todes, die charakteristisch ist für die Auffassungsweise der Gegenwart und die sonderbar ausgefallen ist. Er sagt, das Wesentliche vom Tode sei, dass ein Leichnam vorhanden sei. – Die Naturforschung der Gegenwart ist also nur imstande, von Leben zu sprechen, wenn es nicht mehr da ist, und will die Beziehung zwischen Leben und Tod erkennen an dem Toten, an der Leiche. Verworn, der Schüler Haeckels, sagt, die einzelnen Lebens-Individuen stürben zwar, aber das Leben erhalte sich. Zu allem Möglichen hat man seine Zuflucht genommen, um das Rätsel vom Leben und vom Tode zu lösen, aber die Verwirrung ist immer größer geworden.
[ 8 ] Geisteswissenschaft hat es nicht so bequem, alles zusammenwerfen zu können – [Ende der Mitschrift; Fortsetzung nach zweiter Mitschrift].
[ 8 ] Geisteswissenschaft hat es nicht so bequem, alles zusammenwerfen zu können – [Ende der Mitschrift; Fortsetzung nach zweiter Mitschrift].
[ 9 ] Zunächst soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass der Tod bei der Pflanze, bei den Tieren etwas ganz anderes darstellt als beim Menschen. Bei vielen Pflanzen ist es eine charakteristische Erscheinung, dass die Pflanze stirbt, wenn sie ein neues Wesen hervorbringt; in den Momenten, wo die Befruchtung eingetreten ist, geht sie über in eine andere Daseinsform. Bis zu diesem Momente war sie durchzogen von dem Ätherleibe. – Es ist gar nicht schwer, sich über solche Dinge lustig zu machen; nur zeigt es sich immer wieder, dass, wer sich tief mit der Beobachtung der Lebenserscheinungen befasst, nicht zurechtkommen kann ohne die Annahme des Äther- oder Lebensleibes. Das Absterben, das Welken beruht darauf, dass die Pflanze den physischen und chemischen Gesetzen folgt. Durch den Ätherleib wird die Pflanze der Wirkung der physischen und chemischen Gesetze entzogen. Wo bleibt das, was der Pflanze genommen wird? Es geht über in die neue Pflanze; es ist der Strom des Lebendigen, der durch die Reihen der Pflanzen hindurchgeht. – In dem Tier lebt noch mehr als der Ätherleib: Damit in ihm Bewusstsein entstehen kann, wird es mit einem Astralleib versehen, welcher der Aufbauer der Bewusstseinsorgane ist. — Beim Menschen kommt noch das Ich hinzu.
[ 9 ] Zunächst soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass der Tod bei der Pflanze, bei den Tieren etwas ganz anderes darstellt als beim Menschen. Bei vielen Pflanzen ist es eine charakteristische Erscheinung, dass die Pflanze stirbt, wenn sie ein neues Wesen hervorbringt; in den Momenten, wo die Befruchtung eingetreten ist, geht sie über in eine andere Daseinsform. Bis zu diesem Momente war sie durchzogen von dem Ätherleibe. – Es ist gar nicht schwer, sich über solche Dinge lustig zu machen; nur zeigt es sich immer wieder, dass, wer sich tief mit der Beobachtung der Lebenserscheinungen befasst, nicht zurechtkommen kann ohne die Annahme des Äther- oder Lebensleibes. Das Absterben, das Welken beruht darauf, dass die Pflanze den physischen und chemischen Gesetzen folgt. Durch den Ätherleib wird die Pflanze der Wirkung der physischen und chemischen Gesetze entzogen. Wo bleibt das, was der Pflanze genommen wird? Es geht über in die neue Pflanze; es ist der Strom des Lebendigen, der durch die Reihen der Pflanzen hindurchgeht. – In dem Tier lebt noch mehr als der Ätherleib: Damit in ihm Bewusstsein entstehen kann, wird es mit einem Astralleib versehen, welcher der Aufbauer der Bewusstseinsorgane ist. — Beim Menschen kommt noch das Ich hinzu.
[ 10 ] Den Unterschied zwischen Tier und Mensch kann man leicht feststellen; man muss die Unterschiede nicht da suchen, wo sie nicht sind. Das Bedürfnis, den Unterschied ganz zu verwischen, wie es der materialistische Monismus jetzt tut, gab es im vorigen Jahrhundert noch nicht. Man betonte aber mit Pathos den Unterschied im Unterkiefer – [so] Kant. Goethe hat diese Art nicht gepasst, denn er verstand, spirituell zu denken. Er studierte in Jena Anatomie und Physiologie und bewies, dass es ein Unsinn sei, diesen Unterschied zu behaupten. Er wies das kleine Knöchelchen, [den Zwischenkieferknochen], auch beim Menschen nach und zeigte, dass es nur verwachsen sei. In dem demnächst erscheinenden Büchlein über Anthroposophie wird auf diese Dinge näher eingegangen. Man soll den Unterschied im Geistigen suchen. Beim Tier ist der Umkreis seiner Fähigkeiten an seine Organe gebunden und an das, was ihm durch die Geburt vererbt ist. Beim Menschen bleiben verschiedene Tätigkeiten offen, zu denen er sich die Fähigkeit erst erarbeiten muss. Den Tieren ist manches eingepflanzt, was der Mensch sich erst durch Geisteskräfte erwerben muss. Der Affe hat ein vorbestimmtes Gleichgewicht; der Mensch muss Gehen und Stehen erst lernen. Ihm ist das Gleichgewicht nicht eingeboren, erst der Geist arbeitet nach und nach daran. Goethe sagt:
[ 10 ] Den Unterschied zwischen Tier und Mensch kann man leicht feststellen; man muss die Unterschiede nicht da suchen, wo sie nicht sind. Das Bedürfnis, den Unterschied ganz zu verwischen, wie es der materialistische Monismus jetzt tut, gab es im vorigen Jahrhundert noch nicht. Man betonte aber mit Pathos den Unterschied im Unterkiefer – [so] Kant. Goethe hat diese Art nicht gepasst, denn er verstand, spirituell zu denken. Er studierte in Jena Anatomie und Physiologie und bewies, dass es ein Unsinn sei, diesen Unterschied zu behaupten. Er wies das kleine Knöchelchen, [den Zwischenkieferknochen], auch beim Menschen nach und zeigte, dass es nur verwachsen sei. In dem demnächst erscheinenden Büchlein über Anthroposophie wird auf diese Dinge näher eingegangen. Man soll den Unterschied im Geistigen suchen. Beim Tier ist der Umkreis seiner Fähigkeiten an seine Organe gebunden und an das, was ihm durch die Geburt vererbt ist. Beim Menschen bleiben verschiedene Tätigkeiten offen, zu denen er sich die Fähigkeit erst erarbeiten muss. Den Tieren ist manches eingepflanzt, was der Mensch sich erst durch Geisteskräfte erwerben muss. Der Affe hat ein vorbestimmtes Gleichgewicht; der Mensch muss Gehen und Stehen erst lernen. Ihm ist das Gleichgewicht nicht eingeboren, erst der Geist arbeitet nach und nach daran. Goethe sagt:
[ 11 ] Die Tiere werden durch ihre Organe belehrt, sagten die Alten; ich setze hinzu: die Menschen gleichfalls, sie haben jedoch den Vorzug, ihre Organe dagegen wieder zu belehren.
[ 11 ] Die Tiere werden durch ihre Organe belehrt, sagten die Alten; ich setze hinzu: die Menschen gleichfalls, sie haben jedoch den Vorzug, ihre Organe dagegen wieder zu belehren.
[ 12 ] Man müht sich heute, alle Anlagen des Menschen auf Vererbung zurückzuführen, und hilft sich dann mit der Hinzuziehung weit rückwärtiger Vorfahren. Aber das, was uns an dem einzelnen Menschen interessiert, was seine besondere Stellung, seine Aufgabe in der Welt bedingt, lässt sich nicht aus der Vorfahrenreihe erklären. Der unbefangene Erzieher kann sogar genau eine Grenze zwischen den vererbten Anlagen und jenen inneren Kräften des Menschen erkennen, welche aus früheren Lebensläufen herrühren. Dass man auch Tiere dressieren kann, ist für den, der auf das Wesentliche zu schauen vermag, kein stichhaltiger Einwand. Man hat da etwas zu unterscheiden; den Tieren schreiben wir eine Gruppen-, Art- oder Gattungsseele zu – es ist doch Tatsache, dass wir uns ebenso für den einzelnen Menschen interessieren wie für eine ganze Gattung bei Tieren. Beim Tier tritt die geistige Individualität nicht im einzelnen Wesen, sondern in der ganzen Art ins Dasein. Man kann die einzelnen Gefühle des Menschen vergleichen mit dem einzelnen Tier und den ganzen Menschen mit der Tier-Gattung. Das Tier lebt so lange, als die Gruppenseele nicht das Interesse verloren hat an dem einzelnen Exemplar. Weismann kann deshalb den Grund für den Tod beim Tier nicht finden, weil er dies übersieht. – Beim Menschen tritt durch die Geburt etwas ins Dasein, was sich weder beim Tier noch bei Pflanze und Mineral findet.
[ 12 ] Man müht sich heute, alle Anlagen des Menschen auf Vererbung zurückzuführen, und hilft sich dann mit der Hinzuziehung weit rückwärtiger Vorfahren. Aber das, was uns an dem einzelnen Menschen interessiert, was seine besondere Stellung, seine Aufgabe in der Welt bedingt, lässt sich nicht aus der Vorfahrenreihe erklären. Der unbefangene Erzieher kann sogar genau eine Grenze zwischen den vererbten Anlagen und jenen inneren Kräften des Menschen erkennen, welche aus früheren Lebensläufen herrühren. Dass man auch Tiere dressieren kann, ist für den, der auf das Wesentliche zu schauen vermag, kein stichhaltiger Einwand. Man hat da etwas zu unterscheiden; den Tieren schreiben wir eine Gruppen-, Art- oder Gattungsseele zu – es ist doch Tatsache, dass wir uns ebenso für den einzelnen Menschen interessieren wie für eine ganze Gattung bei Tieren. Beim Tier tritt die geistige Individualität nicht im einzelnen Wesen, sondern in der ganzen Art ins Dasein. Man kann die einzelnen Gefühle des Menschen vergleichen mit dem einzelnen Tier und den ganzen Menschen mit der Tier-Gattung. Das Tier lebt so lange, als die Gruppenseele nicht das Interesse verloren hat an dem einzelnen Exemplar. Weismann kann deshalb den Grund für den Tod beim Tier nicht finden, weil er dies übersieht. – Beim Menschen tritt durch die Geburt etwas ins Dasein, was sich weder beim Tier noch bei Pflanze und Mineral findet.
[ 13 ] Es gibt zwar Denker, welche die Meinung überwunden haben, dass der Mensch nur durch vererbte Kräfte zusammengefügt sei. Sie erkennen, dass eine Individualität dem leiblichen Dasein vorangeht und es gestaltet, finden aber doch nicht die Lösung durch die Annahme wiederholter Erdenleben; siehe Immanuel Hermann Fichte, «Anthropologie»:
[ 13 ] Es gibt zwar Denker, welche die Meinung überwunden haben, dass der Mensch nur durch vererbte Kräfte zusammengefügt sei. Sie erkennen, dass eine Individualität dem leiblichen Dasein vorangeht und es gestaltet, finden aber doch nicht die Lösung durch die Annahme wiederholter Erdenleben; siehe Immanuel Hermann Fichte, «Anthropologie»:
Die Eltern sind nicht die Erzeuger in vollständigem Sinne: Den organischen Stoff bieten sie dar, und nicht bloß diesen, sondern zugleich jenes Mittlere, Sinnlich-Gemütliche, welches sich in Temperament, in eigentümlicher Gemütsfärbung, in bestimmter Spezifikation der Triebe u. dgl. zeigt, als deren gemeinschaftliche Quelle die «Phantasie» in jenem weitern, von uns nachgewiesenen Sinne sich ergeben hat. In allen diesen Elementen der Persönlichkeit ist die Mischung und eigentümliche Verbindung der Elternseelen unverkennbar; diese daher für ein bloßes Produkt der Zeugung zu erklären, ist vollkommen begründet, noch dazu wenn, wofür wir uns entscheiden mussten, die Zeugung als wirklicher Seelenvorgang aufgefasst wird. Aber der eigentliche, schlieRende Mittelpunkt der Persönlichkeit fehlt hier gerade; denn bei tiefer eindringender Beobachtung ergibt sich, dass auch jene gemütlichen Eigentümlichkeiten nur eine Hülle und ein Werkzeugliches sind, um die eigentlich geistigen, idealen Anlagen des Menschen in sich zu fassen, geeignet, sie zu fördern in ihrer Entwickelung oder zu hernmen, keineswegs aber fähig, sie aus sich entstehen zu lassen. [...] Jeder präexistiert nach seiner geistigen Grundgestalt; denn geistig betrachtet gleicht kein Individuum dem andern, sowenig als die eine Tierspezies einer der übrigen.
Die Eltern sind nicht die Erzeuger in vollständigem Sinne: Den organischen Stoff bieten sie dar, und nicht bloß diesen, sondern zugleich jenes Mittlere, Sinnlich-Gemütliche, welches sich in Temperament, in eigentümlicher Gemütsfärbung, in bestimmter Spezifikation der Triebe u. dgl. zeigt, als deren gemeinschaftliche Quelle die «Phantasie» in jenem weitern, von uns nachgewiesenen Sinne sich ergeben hat. In allen diesen Elementen der Persönlichkeit ist die Mischung und eigentümliche Verbindung der Elternseelen unverkennbar; diese daher für ein bloßes Produkt der Zeugung zu erklären, ist vollkommen begründet, noch dazu wenn, wofür wir uns entscheiden mussten, die Zeugung als wirklicher Seelenvorgang aufgefasst wird. Aber der eigentliche, schlieRende Mittelpunkt der Persönlichkeit fehlt hier gerade; denn bei tiefer eindringender Beobachtung ergibt sich, dass auch jene gemütlichen Eigentümlichkeiten nur eine Hülle und ein Werkzeugliches sind, um die eigentlich geistigen, idealen Anlagen des Menschen in sich zu fassen, geeignet, sie zu fördern in ihrer Entwickelung oder zu hernmen, keineswegs aber fähig, sie aus sich entstehen zu lassen. [...] Jeder präexistiert nach seiner geistigen Grundgestalt; denn geistig betrachtet gleicht kein Individuum dem andern, sowenig als die eine Tierspezies einer der übrigen.
[ 14 ] Francesco Redi war der erste, der behauptete, dass Lebendiges immer nur aus Lebendigem entstehen kann. Nur eine ungenaue Beobachtung konnte in früheren Zeiten zu dem Glauben führen, dass aus verfaulten Ochsen Hornissen, aus Pferde-Kadavern Bienen und aus Eseln Wespen entstehen. Wie die heutige Naturwissenschaft gegen einen solchen Aberglauben protestiert, so muss der Geistesforscher dagegen protestieren, dass GeistigSeelisches durch die Vererbungslinie erklärt werden kann. Die menschliche Individualität weist auf sich selbst in früheren Erdenleben zurück.
[ 14 ] Francesco Redi war der erste, der behauptete, dass Lebendiges immer nur aus Lebendigem entstehen kann. Nur eine ungenaue Beobachtung konnte in früheren Zeiten zu dem Glauben führen, dass aus verfaulten Ochsen Hornissen, aus Pferde-Kadavern Bienen und aus Eseln Wespen entstehen. Wie die heutige Naturwissenschaft gegen einen solchen Aberglauben protestiert, so muss der Geistesforscher dagegen protestieren, dass GeistigSeelisches durch die Vererbungslinie erklärt werden kann. Die menschliche Individualität weist auf sich selbst in früheren Erdenleben zurück.
[ 15 ] Ein bekannter Einwand dagegen ist: Wenn sich der Mensch nicht erinnert, so haben die früheren Erfahrungen keinen Wert. – Es gibt aber auch zwischen Geburt und Tod eine Zeit, an die man sich nicht erinnert: die ersten Jahre nach der Geburt – und doch war man da; das Ichbewusstsein war nur noch nicht stark genug. Der Zeitpunkt, in dem zuerst das Ichbewusstsein auftritt, ist auch die Grenze für die Rückerinnerung. Also dieses Darin-Sein des Ichs bildet die Möglichkeit, sich zu erinnern. Wenn ein Mensch lernt, sich zu erinnern, so wird er sich eben erinnern. Es ist nicht leicht, dies zu erfassen; nur durch eine ganz bestimmte Empfindungsweise, absolutes Gleichmaß, Gleichmut, keinerlei Furcht vor dem Schicksal: Damit macht unser Ich einen Ruck nach vorwärts. – Die Vererbungstheorie hat sonderbare Blüten hervorgebracht, dass zum Beispiel ein Genie am Ende einer Vererbungslinie steht und nicht am Anfang. Das ist doch eigentlich nicht mehr verwunderlich, als dass ein ins Wasser Gefallener nass ist, wenn man ihn herauszieht. Wir alle kennen den Scherz Goethes:
[ 15 ] Ein bekannter Einwand dagegen ist: Wenn sich der Mensch nicht erinnert, so haben die früheren Erfahrungen keinen Wert. – Es gibt aber auch zwischen Geburt und Tod eine Zeit, an die man sich nicht erinnert: die ersten Jahre nach der Geburt – und doch war man da; das Ichbewusstsein war nur noch nicht stark genug. Der Zeitpunkt, in dem zuerst das Ichbewusstsein auftritt, ist auch die Grenze für die Rückerinnerung. Also dieses Darin-Sein des Ichs bildet die Möglichkeit, sich zu erinnern. Wenn ein Mensch lernt, sich zu erinnern, so wird er sich eben erinnern. Es ist nicht leicht, dies zu erfassen; nur durch eine ganz bestimmte Empfindungsweise, absolutes Gleichmaß, Gleichmut, keinerlei Furcht vor dem Schicksal: Damit macht unser Ich einen Ruck nach vorwärts. – Die Vererbungstheorie hat sonderbare Blüten hervorgebracht, dass zum Beispiel ein Genie am Ende einer Vererbungslinie steht und nicht am Anfang. Das ist doch eigentlich nicht mehr verwunderlich, als dass ein ins Wasser Gefallener nass ist, wenn man ihn herauszieht. Wir alle kennen den Scherz Goethes:
Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Von Mütterchen die Frohnatur,
Und Lust zu fabulieren.
[...]
Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?
Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Von Mütterchen die Frohnatur,
Und Lust zu fabulieren.
[...]
Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?
[ 16 ] Nun, was an dem «Wicht original» zu nennen ist, wird die Menschheit schon wissen. – Unser Leib ist aufgebaut aus den Kräften, die wir uns aus früherer Verkörperung angeeignet haben; was wir uns aber jetzt in dieser Verkörperung an seelischen Fähigkeiten hinzuerwerben, das schafft uns die Bedingungen für das nächste Leben. In diesem Körper hat sich eine Seele ausgebildet, die größere Fähigkeiten hat als im früheren Leben; und wir empfinden ein Gefühl der Dankbarkeit dafür, dass dieser Körper stirbt, denn wenn die Sinne stumpf werden, baut sich die Seele schon einen andern Leib auf und kann von sich werfen das, was der Weiterentwicklung der Seele nicht gewachsen ist. Die moderne Naturwissenschaft ist dieser Annahme schon sehr nahe. Man hat schon gefunden, dass wir nur ermüdet werden von den Tätigkeiten, die mit unserem Bewusstsein zusammenhängen; das ist doch schon etwas. Ein moderner Naturforscher, Thomson, sagt: Die Seele steht zum Körper ungefähr in dem Verhältnisse des Reiters zu seinem Pferde. Das ist der Gedanke, den die antike Kunst mit dem Kentauren ausdrückte. Es gibt allerdings Leute, die behaupten, dass den Alten die wilden Völker des Ostens, wie sie durch den Nebel dahergeritten kamen, wie mit ihren Pferden verwachsen erschienen seien, und das habe dann ihre Phantasie zu der Gestaltung des Kentauren angeregt.
[ 16 ] Nun, was an dem «Wicht original» zu nennen ist, wird die Menschheit schon wissen. – Unser Leib ist aufgebaut aus den Kräften, die wir uns aus früherer Verkörperung angeeignet haben; was wir uns aber jetzt in dieser Verkörperung an seelischen Fähigkeiten hinzuerwerben, das schafft uns die Bedingungen für das nächste Leben. In diesem Körper hat sich eine Seele ausgebildet, die größere Fähigkeiten hat als im früheren Leben; und wir empfinden ein Gefühl der Dankbarkeit dafür, dass dieser Körper stirbt, denn wenn die Sinne stumpf werden, baut sich die Seele schon einen andern Leib auf und kann von sich werfen das, was der Weiterentwicklung der Seele nicht gewachsen ist. Die moderne Naturwissenschaft ist dieser Annahme schon sehr nahe. Man hat schon gefunden, dass wir nur ermüdet werden von den Tätigkeiten, die mit unserem Bewusstsein zusammenhängen; das ist doch schon etwas. Ein moderner Naturforscher, Thomson, sagt: Die Seele steht zum Körper ungefähr in dem Verhältnisse des Reiters zu seinem Pferde. Das ist der Gedanke, den die antike Kunst mit dem Kentauren ausdrückte. Es gibt allerdings Leute, die behaupten, dass den Alten die wilden Völker des Ostens, wie sie durch den Nebel dahergeritten kamen, wie mit ihren Pferden verwachsen erschienen seien, und das habe dann ihre Phantasie zu der Gestaltung des Kentauren angeregt.
[ 17 ] Der Geistesforscher schaut nicht auf den Leichnam, sondern auf das, was den Leichnam zurücklässt:
[ 17 ] Der Geistesforscher schaut nicht auf den Leichnam, sondern auf das, was den Leichnam zurücklässt:
Der kleinste Erdenmensch
Ein Sohn der Ewigkeit,
Wird in neuem Leben
Den Tod besiegen.
Der kleinste Erdenmensch
Ein Sohn der Ewigkeit,
Wird in neuem Leben
Den Tod besiegen.
