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Death and Immortality
in the Light of Spiritual Science
GA 69d

28 November 1910, Hamburg

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Death and Immortality in the Light of Spiritual Science, tr. SOL
  1. Tod und Unsterblichkeit im Lichte der Geisteswissenschaft

1. Leben und Tod

1. Life and Death

[ 1 ] Wenn die Menschen auf die Interessen ihrer Seele achten, dann ist gewiss die Frage, deren Beantwortung unsere heutige Betrachtung gewidmet sein soll – die Frage nach Leben und Tod –, eine anerkannt wichtige und bedeutungsvolle, und die Beantwortung dieser Frage muss treffen tiefe Bedürfnisse des menschlichen Seelenlebens. Dennoch ist es in unserer Gegenwart aber schwierig, über solche Dinge zu sprechen, da es schwierig ist, verwandte Saiten in der Seele anzuschlagen, denn die Begriffe, Anschauungen und Vorstellungen, die unsere Zeit aus scheinbar feststehenden naturwissenschaftlichen Begriffen gewonnen hat, widersprechen dem, was aus geisteswissenschaftlicher Forschung heraus gesagt werden muss; und es ist schwierig, diesen naturwissenschaftlichen Begriffen gegenüber eine unbefangene Betrachtungsweise zur Geltung zu bringen.

[ 1 ] When people pay attention to the interests of their souls, then the question to which our present reflection is dedicated—the question of life and death—is certainly a recognized and significant one, and the answer to this question must address the deep needs of the human soul. Nevertheless, in our present age it is difficult to speak about such things, since it is difficult to strike a chord in the soul; for the concepts, views, and ideas that our time has derived from seemingly established scientific concepts contradict what must be said on the basis of spiritual scientific research; and it is difficult to bring an unbiased perspective to bear in contrast to these scientific concepts.

[ 2 ] Nun könnte es ja sein, dass denjenigen, die heute versuchen, diese Fragen zu beantworten, eine unbefangene Betrachtungsweise entgegengesetzt werden sollte, allein man braucht nur zu achten auf dasjenige, was sich uns darbietet aus der [zeitgenössischen wissenschaftlichen] Literatur, und man wird erkennen, wie wenig gesundes Denken, wie wenig gesunde Begriffe da sind und ein breites Publikum haben.

[ 2 ] Now, it may well be that those who are attempting to answer these questions today should be met with an unbiased perspective; however, one need only pay attention to what is presented to us in the [contemporary scientific] literature to recognize how little sound thinking and how few sound concepts there are—and how few of them reach a broad audience.

[ 3 ] Der Begriff «Leben» – nehmen wir die «Physiologie» eines der größten Naturforscher der neueren Zeit, Huxley: Da haben wir in Bezug auf [zeitgenössische] Wissenschaft ein mustergültiges Buch, und in diesem Buch finden wir eine Auseinandersetzung über den Begriff des Lebens. Zuerst spricht er vom Menschen, und es wird gesagt, dass Leben beim Menschen abhängig sei von Gehirn, Lunge und Herz, und wenn eines dieser Glieder nicht richtig funktioniere, dann sei das Leben gefährdet. Und dann wird ein kurioser Übergang gemacht. Es wird gesagt, wenn man sozusagen einen Menschen seines Gehirns berauben könne, aber auf künstliche Weise die Lunge und das Herz in Tätigkeit erhalte, so dauere das Leben fort. Von einem gewissen Standpunkt, den man heute so sehr liebt, hat das natürlich einen guten Sinn, aber vom Standpunkt einer auf den ganzen Menschen gehenden Weltbetrachtung hat es nicht den geringsten, denn man würde sich für ein Leben bedanken, das die Dinge, die man erlebt, nicht im Bewusstsein hat. – Der wahre Tod tritt da ein, wo dies Bewusstsein aufhört. So ist der größte Naturforscher der Gegenwart gar nicht imstande, den Begriff «Leben» in rechter Weise zu fassen.

[ 3 ] The concept of “life”—let’s take the “physiology” of one of the greatest naturalists of modern times, Huxley: Here we have an exemplary book on [contemporary] science, and in this book we find a discussion of the concept of life. First, he speaks of humans, and it is stated that life in humans depends on the brain, lungs, and heart, and that if one of these organs does not function properly, life is endangered. And then a curious transition is made. It is said that if one could, so to speak, deprive a human being of his brain, but artificially keep the lungs and heart functioning, life would continue. From a certain standpoint—one that is so highly valued today—this naturally makes good sense, but from the standpoint of a worldview that takes the whole human being into account, it makes not the slightest sense, for one would not want a life in which the things one experiences are not present in one’s consciousness. – True death occurs where this consciousness ceases. Thus, even the greatest natural scientist of our time is entirely incapable of grasping the concept of “life” in the proper way.

[ 4 ] [Man macht es sich in der heutigen Wissenschaft außerordentlich leicht mit der Definition des Lebens.] Man meint, dass Leben dasselbe sei bei Mensch, Tier und Pflanze – alles wird durcheinandergeworfen, während wir uns klar sein sollten darüber, dass wir ein jedes Wesen in Bezug auf diese Frage auf seiner [eigenen Stufe] zu betrachten haben. Über das Allerwesentlichste in der Weltbetrachtung sieht man hinweg, denn Huxley hat sich angewöhnt, dasjenige am Menschen zu betrachten, was für das menschliche Leben und Wesen das Gleichgültigste ist: den Stoff der Leiblichkeit. Und so zitiert er ganz im Ernst den Ausspruch Hamlets – und für Hamlet schickt es sich, in seiner melancholischen Gemütsstimmung einen solchen Ausspruch zu tun und, hinschauend auf den Stoff der Leiblichkeit, diesen Stoff zu verfolgen, nachdem der große Cäsar gestorben ist, und zu sagen:

[ 4 ] [In modern science, people take an extraordinarily simplistic approach to defining life.] It is believed that life is the same in humans, animals, and plants—everything is lumped together, whereas we should be clear that, when it comes to this question, we must consider each being at its [own level]. The most essential aspect of our view of the world is overlooked, for Huxley has grown accustomed to focusing on that aspect of human beings which is most irrelevant to human life and nature: the physical body. And so, in all seriousness, he quotes Hamlet’s line—and it is fitting for Hamlet, in his melancholic state of mind, to utter such a line and, gazing upon the substance of the body, to pursue this substance after the great Caesar has died, and to say:

Der große Cäsar, tot und Lehm geworden.
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauen Norden;
O dass die Erde, der die Welt gebebt,
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt.

The great Caesar, now dead and turned to clay.
May he plug a hole against the harsh north wind;
Oh, that the earth, which made the world tremble,
Might form a wall against wind and weather.

[ 5 ] Und Huxley weist hin auf einen [vorstellbaren] «Negersklaven Cäsar» oder einen «Kettenhund Cäsar» und sagt: Auch in diesem Sklaven oder in diesem Hund könnten die Atome des großen Cäsar sein. – So verfolgt man dasjenige, was für das Menschenleben das Gleichgültigste ist, und ist sich nicht bewusst, dass man dasjenige verfolgen sollte, was den Stoff so gestaltet, dass er sich der Menschlichkeit fügt. Diese Phantastereien über Atome wird die Physik bald fallen lassen – schon die Radiumforschung hat das Resultat gebracht, dass die Atome in den Händen des Menschen zerfallen.

[ 5 ] And Huxley points to a [conceivable] “Negro slave Caesar” or a “chained dog Caesar” and says: Even in this slave or in this dog, the atoms of the great Caesar might be found. – Thus, one pursues what is most irrelevant to human life, unaware that one should be pursuing what shapes matter in such a way that it conforms to humanity. Physics will soon abandon these fanciful notions about atoms—research on radium has already shown that atoms disintegrate in human hands.

[ 6 ] So sehen Sie: Selbst auf des Wissens Höhen bildet man sich keine rechten Begriffe über dasjenige, was Leben und Tod ist. Aber die Naturwissenschaft ist heute an einem wichtigen Wendepunkte, und wer nicht aus Schlagworten heraus arbeitet, sondern den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Beobachtungen zu Leibe geht, der sieht, dass die Naturwissenschaft auch schon beginnt, den Geist [Lücke in der Mitschrift].

[ 6 ] As you can see: Even from the heights of knowledge, one cannot form a true understanding of what life and death are. But natural science is at an important turning point today, and anyone who does not rely on catchphrases but instead grapples with scientific findings and observations will see that natural science is already beginning to address the spirit [gap in the transcript].

[ 7 ] Den Begriff kann sie nicht fassen, und dies vielleicht deshalb nicht, weil ihr kein ordentlicher Begriff des Lebens zur Verfügung steht. Der Biologe Weismann sagt: Nur die Erfahrung, dass der Tod eintritt, kann überzeugen von demselben; nicht aus dem Leben selbst könne man ihn fassen. Da redet man von einer Unsterblichkeit der einzelligen Lebewesen. Man sagt, ein solches spaltet sich in zwei, lebt als zwei weiter, und das geht dann immer weiter. Man spricht von einem Sich-Vermehren in der Zahl, und diese unzähligen Wesen stellen dasselbe dar wie das erste Wesen. Von Tod könne man da also nicht sprechen. – Das hat aber zu einer Kalamität geführt, dass Weismann in solcher Weise gesucht hat nach einer Definition des Todes, die charakteristisch ist für die Auffassungsweise der Gegenwart und die sonderbar ausgefallen ist. Er sagt, das Wesentliche vom Tode sei, dass ein Leichnam vorhanden sei. – Die Naturforschung der Gegenwart ist also nur imstande, von Leben zu sprechen, wenn es nicht mehr da ist, und will die Beziehung zwischen Leben und Tod erkennen an dem Toten, an der Leiche. Verworn, der Schüler Haeckels, sagt, die einzelnen Lebens-Individuen stürben zwar, aber das Leben erhalte sich. Zu allem Möglichen hat man seine Zuflucht genommen, um das Rätsel vom Leben und vom Tode zu lösen, aber die Verwirrung ist immer größer geworden.

[ 7 ] She cannot grasp the concept, and perhaps this is because she lacks a proper understanding of life. The biologist Weismann says: Only the experience of death occurring can convince one of its reality; it cannot be grasped from life itself. Here, people speak of the immortality of single-celled organisms. It is said that such an organism divides into two, continues to live as two, and this process goes on indefinitely. One speaks of a multiplication in number, and these countless beings represent the same thing as the first being. One cannot, therefore, speak of death in this context. – But this has led to a calamity: Weismann sought in this way a definition of death that is characteristic of the contemporary way of thinking and that has turned out to be rather peculiar. He says that the essential aspect of death is the presence of a corpse. – Contemporary natural science is thus only capable of speaking of life when it is no longer present, and seeks to understand the relationship between life and death through the dead, through the corpse. Verworn, a student of Haeckel, says that while individual living beings die, life itself is preserved. People have resorted to all manner of theories to solve the riddle of life and death, but the confusion has only grown greater.

[ 8 ] Geisteswissenschaft hat es nicht so bequem, alles zusammenwerfen zu können – [Ende der Mitschrift; Fortsetzung nach zweiter Mitschrift].

[ 8 ] The humanities don't have it so easy that they can just lump everything together – [end of transcript; continued in the second transcript].

[ 9 ] Zunächst soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass der Tod bei der Pflanze, bei den Tieren etwas ganz anderes darstellt als beim Menschen. Bei vielen Pflanzen ist es eine charakteristische Erscheinung, dass die Pflanze stirbt, wenn sie ein neues Wesen hervorbringt; in den Momenten, wo die Befruchtung eingetreten ist, geht sie über in eine andere Daseinsform. Bis zu diesem Momente war sie durchzogen von dem Ätherleibe. – Es ist gar nicht schwer, sich über solche Dinge lustig zu machen; nur zeigt es sich immer wieder, dass, wer sich tief mit der Beobachtung der Lebenserscheinungen befasst, nicht zurechtkommen kann ohne die Annahme des Äther- oder Lebensleibes. Das Absterben, das Welken beruht darauf, dass die Pflanze den physischen und chemischen Gesetzen folgt. Durch den Ätherleib wird die Pflanze der Wirkung der physischen und chemischen Gesetze entzogen. Wo bleibt das, was der Pflanze genommen wird? Es geht über in die neue Pflanze; es ist der Strom des Lebendigen, der durch die Reihen der Pflanzen hindurchgeht. – In dem Tier lebt noch mehr als der Ätherleib: Damit in ihm Bewusstsein entstehen kann, wird es mit einem Astralleib versehen, welcher der Aufbauer der Bewusstseinsorgane ist. — Beim Menschen kommt noch das Ich hinzu.

[ 9 ] First, it should be noted that death in plants and animals is something entirely different from death in humans. For many plants, it is a characteristic phenomenon that the plant dies when it brings forth a new being; at the moment fertilization occurs, it transitions into a different form of existence. Up until that moment, it was permeated by the etheric body. – It is not at all difficult to mock such things; but it becomes evident time and again that anyone who deeply engages in the observation of life phenomena cannot make sense of them without accepting the concept of the etheric or life body. The withering and dying of a plant are based on its adherence to physical and chemical laws. Through the etheric body, the plant is removed from the influence of these physical and chemical laws. Where does what is taken from the plant go? It passes into the new plant; it is the stream of life that flows through the ranks of plants. — In the animal, there is even more than the etheric body: so that consciousness can arise within it, the animal is endowed with an astral body, which is the builder of the organs of consciousness. — In the human being, the “I” is added as well.

[ 10 ] Den Unterschied zwischen Tier und Mensch kann man leicht feststellen; man muss die Unterschiede nicht da suchen, wo sie nicht sind. Das Bedürfnis, den Unterschied ganz zu verwischen, wie es der materialistische Monismus jetzt tut, gab es im vorigen Jahrhundert noch nicht. Man betonte aber mit Pathos den Unterschied im Unterkiefer – [so] Kant. Goethe hat diese Art nicht gepasst, denn er verstand, spirituell zu denken. Er studierte in Jena Anatomie und Physiologie und bewies, dass es ein Unsinn sei, diesen Unterschied zu behaupten. Er wies das kleine Knöchelchen, [den Zwischenkieferknochen], auch beim Menschen nach und zeigte, dass es nur verwachsen sei. In dem demnächst erscheinenden Büchlein über Anthroposophie wird auf diese Dinge näher eingegangen. Man soll den Unterschied im Geistigen suchen. Beim Tier ist der Umkreis seiner Fähigkeiten an seine Organe gebunden und an das, was ihm durch die Geburt vererbt ist. Beim Menschen bleiben verschiedene Tätigkeiten offen, zu denen er sich die Fähigkeit erst erarbeiten muss. Den Tieren ist manches eingepflanzt, was der Mensch sich erst durch Geisteskräfte erwerben muss. Der Affe hat ein vorbestimmtes Gleichgewicht; der Mensch muss Gehen und Stehen erst lernen. Ihm ist das Gleichgewicht nicht eingeboren, erst der Geist arbeitet nach und nach daran. Goethe sagt:

[ 10 ] The difference between animals and humans is easy to discern; one need not look for differences where there are none. The need to completely blur this distinction, as materialistic monism does today, did not yet exist in the previous century. However, the difference in the lower jaw was emphasized with great passion—[as] Kant did. This approach did not suit Goethe, for he understood how to think spiritually. He studied anatomy and physiology in Jena and proved that it was nonsense to assert this difference. He demonstrated the presence of the small bone—[the intermaxillary bone]—in humans as well and showed that it was merely fused. These matters are discussed in greater detail in the forthcoming booklet on anthroposophy. One should seek the difference in the spiritual realm. In animals, the scope of their abilities is bound to their organs and to what is inherited at birth. In humans, various activities remain open, for which they must first develop the ability. Many things are innate in animals that humans must first acquire through spiritual powers. The monkey has a predetermined sense of balance; humans must first learn to walk and stand. Balance is not innate in humans; it is the spirit that gradually works to develop it. Goethe says:

[ 11 ] Die Tiere werden durch ihre Organe belehrt, sagten die Alten; ich setze hinzu: die Menschen gleichfalls, sie haben jedoch den Vorzug, ihre Organe dagegen wieder zu belehren.

[ 11 ] “Animals are guided by their organs,” said the ancients; I would add: so are humans, but they have the advantage of being able to guide their organs in turn.

[ 12 ] Man müht sich heute, alle Anlagen des Menschen auf Vererbung zurückzuführen, und hilft sich dann mit der Hinzuziehung weit rückwärtiger Vorfahren. Aber das, was uns an dem einzelnen Menschen interessiert, was seine besondere Stellung, seine Aufgabe in der Welt bedingt, lässt sich nicht aus der Vorfahrenreihe erklären. Der unbefangene Erzieher kann sogar genau eine Grenze zwischen den vererbten Anlagen und jenen inneren Kräften des Menschen erkennen, welche aus früheren Lebensläufen herrühren. Dass man auch Tiere dressieren kann, ist für den, der auf das Wesentliche zu schauen vermag, kein stichhaltiger Einwand. Man hat da etwas zu unterscheiden; den Tieren schreiben wir eine Gruppen-, Art- oder Gattungsseele zu – es ist doch Tatsache, dass wir uns ebenso für den einzelnen Menschen interessieren wie für eine ganze Gattung bei Tieren. Beim Tier tritt die geistige Individualität nicht im einzelnen Wesen, sondern in der ganzen Art ins Dasein. Man kann die einzelnen Gefühle des Menschen vergleichen mit dem einzelnen Tier und den ganzen Menschen mit der Tier-Gattung. Das Tier lebt so lange, als die Gruppenseele nicht das Interesse verloren hat an dem einzelnen Exemplar. Weismann kann deshalb den Grund für den Tod beim Tier nicht finden, weil er dies übersieht. – Beim Menschen tritt durch die Geburt etwas ins Dasein, was sich weder beim Tier noch bei Pflanze und Mineral findet.

[ 12 ] Today, people strive to attribute all human dispositions to heredity, and to do so, they resort to invoking ancestors from the distant past. But what interests us about the individual human being—what determines his or her unique position and role in the world—cannot be explained by the line of ancestors. The unbiased educator can even discern a clear distinction between inherited dispositions and those inner forces within a person that stem from past lives. The fact that animals can also be trained is no valid objection for those who are able to look at the essence of the matter. A distinction must be made here: we attribute a group, species, or generic soul to animals—yet it is a fact that we are just as interested in the individual human being as we are in an entire species of animals. In animals, spiritual individuality does not manifest in the individual being but in the species as a whole. One can compare the individual feelings of a human being to those of an individual animal and the whole human being to the animal species. An animal lives as long as the group soul has not lost interest in the individual specimen. Weismann cannot find the reason for death in animals precisely because he overlooks this. — In human beings, something comes into being at birth that is found neither in animals nor in plants nor in minerals.

[ 13 ] Es gibt zwar Denker, welche die Meinung überwunden haben, dass der Mensch nur durch vererbte Kräfte zusammengefügt sei. Sie erkennen, dass eine Individualität dem leiblichen Dasein vorangeht und es gestaltet, finden aber doch nicht die Lösung durch die Annahme wiederholter Erdenleben; siehe Immanuel Hermann Fichte, «Anthropologie»:

[ 13 ] There are, however, thinkers who have moved beyond the view that human beings are composed solely of inherited faculties. They recognize that individuality precedes physical existence and shapes it, yet they do not find the solution in the assumption of repeated earthly lives; see Immanuel Hermann Fichte, “Anthropology”:

Die Eltern sind nicht die Erzeuger in vollständigem Sinne: Den organischen Stoff bieten sie dar, und nicht bloß diesen, sondern zugleich jenes Mittlere, Sinnlich-Gemütliche, welches sich in Temperament, in eigentümlicher Gemütsfärbung, in bestimmter Spezifikation der Triebe u. dgl. zeigt, als deren gemeinschaftliche Quelle die «Phantasie» in jenem weitern, von uns nachgewiesenen Sinne sich ergeben hat. In allen diesen Elementen der Persönlichkeit ist die Mischung und eigentümliche Verbindung der Elternseelen unverkennbar; diese daher für ein bloßes Produkt der Zeugung zu erklären, ist vollkommen begründet, noch dazu wenn, wofür wir uns entscheiden mussten, die Zeugung als wirklicher Seelenvorgang aufgefasst wird. Aber der eigentliche, schlieRende Mittelpunkt der Persönlichkeit fehlt hier gerade; denn bei tiefer eindringender Beobachtung ergibt sich, dass auch jene gemütlichen Eigentümlichkeiten nur eine Hülle und ein Werkzeugliches sind, um die eigentlich geistigen, idealen Anlagen des Menschen in sich zu fassen, geeignet, sie zu fördern in ihrer Entwickelung oder zu hernmen, keineswegs aber fähig, sie aus sich entstehen zu lassen. [...] Jeder präexistiert nach seiner geistigen Grundgestalt; denn geistig betrachtet gleicht kein Individuum dem andern, sowenig als die eine Tierspezies einer der übrigen.

Parents are not the creators in the full sense of the word: They provide the organic material, and not merely that, but also that intermediate, sensual-emotional element, which manifests itself in temperament, in a distinctive emotional coloring, in a specific configuration of the drives, and the like—the “imagination,” in that broader sense we have demonstrated, having emerged as their common source. In all these elements of personality, the mixture and distinctive combination of the parental souls is unmistakable; it is therefore entirely justified to regard them as mere products of procreation, especially if—as we were compelled to conclude—procreation is understood as a genuine process of the soul. But the actual, definitive center of the personality is precisely what is missing here; for upon deeper, more penetrating observation, it becomes clear that even those pleasant idiosyncrasies are merely a shell and an instrument for encompassing the truly spiritual, ideal dispositions of the human being—suitable for fostering or hindering their development, but by no means capable of bringing them into being on their own. [...] Each person preexists according to his or her fundamental spiritual form; for, viewed spiritually, no individual resembles another any more than one species of animal resembles another.

[ 14 ] Francesco Redi war der erste, der behauptete, dass Lebendiges immer nur aus Lebendigem entstehen kann. Nur eine ungenaue Beobachtung konnte in früheren Zeiten zu dem Glauben führen, dass aus verfaulten Ochsen Hornissen, aus Pferde-Kadavern Bienen und aus Eseln Wespen entstehen. Wie die heutige Naturwissenschaft gegen einen solchen Aberglauben protestiert, so muss der Geistesforscher dagegen protestieren, dass GeistigSeelisches durch die Vererbungslinie erklärt werden kann. Die menschliche Individualität weist auf sich selbst in früheren Erdenleben zurück.

[ 14 ] Francesco Redi was the first to assert that living things can only arise from other living things. Only imprecise observation in earlier times could have led to the belief that hornets arise from rotting oxen, bees from horse carcasses, and wasps from donkeys. Just as modern science protests against such superstition, so too must the researcher of the spiritual realm protest against the notion that spiritual-soul aspects can be explained by heredity. Human individuality points back to itself in previous earthly lives.

[ 15 ] Ein bekannter Einwand dagegen ist: Wenn sich der Mensch nicht erinnert, so haben die früheren Erfahrungen keinen Wert. – Es gibt aber auch zwischen Geburt und Tod eine Zeit, an die man sich nicht erinnert: die ersten Jahre nach der Geburt – und doch war man da; das Ichbewusstsein war nur noch nicht stark genug. Der Zeitpunkt, in dem zuerst das Ichbewusstsein auftritt, ist auch die Grenze für die Rückerinnerung. Also dieses Darin-Sein des Ichs bildet die Möglichkeit, sich zu erinnern. Wenn ein Mensch lernt, sich zu erinnern, so wird er sich eben erinnern. Es ist nicht leicht, dies zu erfassen; nur durch eine ganz bestimmte Empfindungsweise, absolutes Gleichmaß, Gleichmut, keinerlei Furcht vor dem Schicksal: Damit macht unser Ich einen Ruck nach vorwärts. – Die Vererbungstheorie hat sonderbare Blüten hervorgebracht, dass zum Beispiel ein Genie am Ende einer Vererbungslinie steht und nicht am Anfang. Das ist doch eigentlich nicht mehr verwunderlich, als dass ein ins Wasser Gefallener nass ist, wenn man ihn herauszieht. Wir alle kennen den Scherz Goethes:

[ 15 ] A common objection to this is: If a person does not remember, then those earlier experiences have no value. – Yet there is also a period between birth and death that one does not remember: the first years after birth—and yet one was there; self-awareness simply was not yet strong enough. The moment when self-awareness first emerges is also the boundary for recollection. Thus, this “being-in-it” of the self creates the possibility of remembering. When a person learns to remember, they will simply remember. It is not easy to grasp this; only through a very specific way of perceiving—absolute equanimity, serenity, and no fear of fate— This is what propels our “I” forward. — The theory of heredity has produced some strange notions, such as the idea that a genius stands at the end of a line of descent rather than at the beginning. This is really no more surprising than the fact that someone who has fallen into water is wet when pulled out. We are all familiar with Goethe’s joke:

Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Von Mütterchen die Frohnatur,
Und Lust zu fabulieren.
[...]
Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?

From my father I got my build,
A serious approach to life,
From my dear mother, her cheerful nature,
And a love of storytelling.
[...]
What, then, about this little fellow
Can truly be called original?

[ 16 ] Nun, was an dem «Wicht original» zu nennen ist, wird die Menschheit schon wissen. – Unser Leib ist aufgebaut aus den Kräften, die wir uns aus früherer Verkörperung angeeignet haben; was wir uns aber jetzt in dieser Verkörperung an seelischen Fähigkeiten hinzuerwerben, das schafft uns die Bedingungen für das nächste Leben. In diesem Körper hat sich eine Seele ausgebildet, die größere Fähigkeiten hat als im früheren Leben; und wir empfinden ein Gefühl der Dankbarkeit dafür, dass dieser Körper stirbt, denn wenn die Sinne stumpf werden, baut sich die Seele schon einen andern Leib auf und kann von sich werfen das, was der Weiterentwicklung der Seele nicht gewachsen ist. Die moderne Naturwissenschaft ist dieser Annahme schon sehr nahe. Man hat schon gefunden, dass wir nur ermüdet werden von den Tätigkeiten, die mit unserem Bewusstsein zusammenhängen; das ist doch schon etwas. Ein moderner Naturforscher, Thomson, sagt: Die Seele steht zum Körper ungefähr in dem Verhältnisse des Reiters zu seinem Pferde. Das ist der Gedanke, den die antike Kunst mit dem Kentauren ausdrückte. Es gibt allerdings Leute, die behaupten, dass den Alten die wilden Völker des Ostens, wie sie durch den Nebel dahergeritten kamen, wie mit ihren Pferden verwachsen erschienen seien, und das habe dann ihre Phantasie zu der Gestaltung des Kentauren angeregt.

[ 16 ] Well, humanity will surely know what can be called the “original being.” — Our body is composed of the forces we have acquired from a previous incarnation; but whatever spiritual abilities we acquire now in this incarnation will create the conditions for our next life. In this body, a soul has developed that possesses greater abilities than in the previous life; and we feel a sense of gratitude that this body dies, for when the senses grow dull, the soul is already building another body and can cast off what is not suited to the soul’s further development. Modern science is already very close to this assumption. It has already been discovered that we become fatigued only by activities connected with our consciousness; that is already something. A modern natural scientist, Thomson, says: “The soul stands to the body in roughly the same relationship as a rider to his horse.” This is the idea that ancient art expressed through the centaur. There are, however, people who claim that to the ancients, the wild peoples of the East—as they rode through the mist—appeared to be fused with their horses, and that this inspired their imagination to create the figure of the centaur.

[ 17 ] Der Geistesforscher schaut nicht auf den Leichnam, sondern auf das, was den Leichnam zurücklässt:

[ 17 ] The spiritual researcher does not look at the corpse, but at what the corpse leaves behind:

Der kleinste Erdenmensch
Ein Sohn der Ewigkeit,
Wird in neuem Leben
Den Tod besiegen.

The Smallest Human on Earth
A Son of Eternity,
Will, in new life,
Defeat death.