Death and Immortality
in the Light of Spiritual Science
GA 69d
5 March 1911, Hanover
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Death and Immortality in the Light of Spiritual Science, tr. SOL
2. Wie Erlangt Man Erkenntnis der Geistigen Welt?
2. How Does One Gain Insight into the Spiritual World?
[ 1 ] Schon öfter hatte ich Gelegenheit, vor Ihnen über Gegenstände der Geisteswissenschaft zu sprechen, oder, wie man gewohnt ist zu sagen, der Theosophie. Da kommt man natürlich zu der Frage: Welche Wege hat die Seele einzuschlagen, um zur Erkenntnis der geistigen Welt zu gelangen?
[ 1 ] I have often had the opportunity to speak to you about topics in the humanities, or, as it is customary to say, theosophy. This naturally leads to the question: What paths must the soul take to attain knowledge of the spiritual world?
[ 2 ] Diese Wege unterscheiden sich gar sehr von dem, was man gewohnt ist, wissenschaftlich zu nennen. Man kann da sehr leicht sagen: Ja, diese Methoden sind gar nicht wissenschaftlich zu nennen. Man versteht eben heute unter «wissenschaftlich» etwas ganz anderes. Deshalb ist es notwendig, erst einmal zu untersuchen, was «wissenschaftlich» ist.
[ 2 ] These approaches differ greatly from what we are accustomed to calling “scientific.” It would be very easy to say: Yes, these methods cannot be called scientific at all. Today, we understand ‘scientific’ to mean something entirely different. That is why it is necessary to first examine what “scientific” actually means.
[ 3 ] Was verlangt der Forscher heute von einer Methode, um sie als «wissenschaftlich» zu bezeichnen? Es hat sich, als Antwort auf diese Frage, dem heutigen Menschen die Einstellung ergeben: Was wissenschaftlich beweisbar sein soll, das müsse, erstens, in jedem Augenblick für jeden Menschen erforschbar sein und, zweitens, es müsse ganz unabhängig sein von dem, was man «subjektiv» nennt.
[ 3 ] What does a researcher today require of a method in order to call it “scientific”? In response to this question, people today have come to hold the view that whatever is to be scientifically provable must, first, be investigable by anyone at any time, and, second, be completely independent of what is called “subjective.”
[ 4 ] Diesen Anforderungen genügt das Experiment und zum größten Teil auch alles, was im Laboratorium angestellt wird. Das Experiment ist unabhängig von Sympathie und Antipathie und so weiter, kurz, von allem, was abhängt von dem, was subjektiv in uns vorgeht.
[ 4 ] The experiment meets these requirements, as does, for the most part, everything that is carried out in the laboratory. The experiment is independent of sympathy and antipathy and so on—in short, of everything that depends on our subjective inner processes.
[ 5 ] Anders ist es mit der Erforschung der geistigen Welt. Wir müssen geradezu den Weg nur wählen, der ganz unabhängig ist von der Sinnenwelt, also von dem, worauf die heutige Wissenschaft einzig und allein beruht. Gerade das brauchen wir, was ausgeschlossen werden soll von der heutigen Wissenschaft. Wenn wir zunächst bildlich sprechen von der Geisteswissenschaft, wollen wir ein Wort von Fichte anwenden. Er sagt: Was ich Ihnen zu sagen habe, kann man nicht erforschen mit dem gewöhnlichen Verstande, denn dazu ist ein besonderer, höherer Sinn nötig –, wie wenn einem Blindgeborenen plötzlich die Möglichkeit gegeben wird, Farben und Licht zu sehen, so wäre es, wenn man diesen besonderen Sinn erlangte, das «geistige Auge», wie Goethe sagt.
[ 5 ] The situation is different when it comes to the study of the spiritual world. We must choose precisely the path that is entirely independent of the sensory world—that is, of that upon which modern science is based solely and exclusively. We need precisely what modern science seeks to exclude. If we speak figuratively of spiritual science, let us borrow a phrase from Fichte. He says: What I have to tell you cannot be explored with ordinary reason, for this requires a special, higher sense—just as if a person born blind were suddenly given the ability to see colors and light; so it would be if one attained this special sense, the “spiritual eye,” as Goethe says.
[ 6 ] Wenn der Mensch erst einen neuen Sinn haben muss, um eine neue, andere Welt zu erkennen, so ist damit schon angegeben, dass dieses nicht an jedem Ort, zu jeder Zeit, von jedem Menschen und so weiter möglich ist, wie es die äußere Wissenschaft verlangt.
[ 6 ] If human beings must first acquire a new sense in order to perceive a new, different world, this already implies that this is not possible in every place, at every time, for every person, and so on, as external science demands.
[ 7 ] Wenn wir das gewöhnliche Menschenleben nehmen, so unterscheidet sich dieses innere Erleben bei dem einen Menschen von dem Erleben des anderen sehr. Dies soll aber bei der äußeren Wissenschaft gerade ausgeschlossen sein; in dem, was die Menschen in sich erleben über die geistige Welt, kann ja nichts Übereinstimmendes sein. Doch dieses Urteil ist ein sehr oberflächliches.
[ 7 ] If we consider ordinary human life, this inner experience differs greatly from one person to another. Yet this is precisely what external science seeks to rule out; after all, there can be no consistency in what people experience within themselves regarding the spiritual world. But this judgment is very superficial.
[ 8 ] Man kann das alles aber sehr leicht widerlegen. Eine Methode, wie man Theosophie widerlegt, habe ich angegeben in dem Nachtrag zu Seilings «Theosophie und Christentum». Aber diese leichte Widerlegung ist möglich nur so lange und nur insofern, als dies Seelenleben nicht mit der strengen Regelmäßigkeit verläuft, von der ich gleich sprechen werde. Solange das Seelenleben noch ungeregelt so dahinflutet, solange man dabei stehen bleibt, ist man kein Geistesforscher. Wenn dieses Seelenleben methodisch genug vorrückt, so stößt es schließlich innerlich an einen Punkt. Wenn wir nun absehen von allem, was in uns auflebt als Lust und Leid durch die Eindrücke der Außenwelt, was bleibt dann eigentlich im normalen Seelenleben noch zurück? Eine Tatsache gibt uns Aufschluss darüber: der Schlaf, bei dem alle äußeren Werkzeuge ermüdet und erschlafft sind und uns nichts, [keine Sinneseindrücke] mehr zuführen.
[ 8 ] However, all of this can be very easily refuted. I have outlined one method for refuting theosophy in the addendum to Seiling’s *Theosophy and Christianity*. But this easy refutation is possible only as long as—and only to the extent that—this inner life does not proceed with the strict regularity of which I will speak shortly. As long as inner life still flows along in an unregulated manner, and as long as one remains at that stage, one is not a spiritual researcher. When this inner life advances methodically enough, it eventually reaches an inner impasse. If we now set aside everything that stirs within us as pleasure and pain through the impressions of the external world, what actually remains in normal inner life? One fact sheds light on this: sleep, during which all external faculties are fatigued and relaxed and no longer convey anything—[no sensory impressions]—to us.
[ 9 ] Kein Mensch wird zugeben, dass der Mensch mit seinem inneren Wesen abends aufhört zu sein und morgens wieder neu anfängt. Aber dieser Wesenskern ist bewusstlos von dem Augenblicke an, wo das Erleben aufhört, wo es, bildlich gesprochen, erstirbt.
[ 9 ] No one would admit that a person, in his inner being, ceases to exist in the evening and begins anew in the morning. But this core of being is unconscious from the moment experience ceases—the moment, figuratively speaking, when it dies.
[ 10 ] Ist es nicht denkbar, dass die menschliche Seele aus sich selbst heraus etwas schaffen kann, [um das Bewusstsein zu halten], diese Seele, die beim gewöhnlichen Menschen zu schwach ist im Schlafe, wenn diese Seele stark gemacht wird? Denkbar ist das wohl, dass die Seele die Eindrücke von außen nicht mehr benötigt. Wir müssten unterscheiden lernen die Bewusstlosigkeit des Menschen beim Schlafe von einem willkürlichen Zurückziehen dieses Wesenskernes, wo aus der Seele selbst das Leben herausgeholt wird. Die Eindrücke des äußeren Lebens sind an die äußeren Sinnesorgane gebunden. Künstlich muss die Seele sich zurückziehen von diesen äußeren Sinneseindrücken. Ja, wie kann sie das? Leer stehen wir da, wenn wir die äußeren Sinneseindrücke nicht haben, da doch unser ganzes Seelenleben nur durch diese Eindrücke Nahrung erhält.
[ 10 ] Isn’t it conceivable that the human soul can create something out of itself [to maintain consciousness]—this soul, which is too weak in ordinary people during sleep—if it is made strong? It is certainly conceivable that the soul would no longer need external impressions. We would have to learn to distinguish between a person’s unconsciousness during sleep and a voluntary withdrawal of this core of being, from which life is drawn out of the soul itself. The impressions of external life are bound to the external sense organs. The soul must artificially withdraw from these external sensory impressions. Yes, how can it do that? We stand there empty when we lack external sensory impressions, since our entire soul life is nourished solely by these impressions.
[ 11 ] Wenn wir nur durch diese äußeren Eindrücke unser Innenleben fristen wollen, kommen wir nie zu einem weiteren Erleben. Wir dürfen, um dieses zu erleben, die äußeren Sinneseindrücke nicht nur gebrauchen, um Erkenntnisse der Umwelt damit zu erlangen, sondern so, dass wir sie als Sinnbilder ansehen lernen.
[ 11 ] If we seek to sustain our inner life solely through these external impressions, we will never attain a deeper experience. In order to experience this, we must not only use external sensory impressions to gain insights into the environment, but also learn to view them as symbols.
[ 12 ] Wir sehen zum Beispiel die Pflanze: Sie wurzelt im Boden, grüner Saft durchzieht sie, keusch, trieb- und instinktlos steht sie da. Und vergleichen wir mit ihr den Menschen: Er ist durchzogen von Trieben, Begierden, Instinkten; er ist durchzogen von dem Blut. Das rote Blut ist der Träger des Trieblebens. So kann uns auftauchen der grüne Saft als Symbol für das keusche Leben, das rote Blut als Symbol für das Instinkt- und Triebleben. Zu solch einem trieblosen Wesen, wie die Pflanze es ist, muss der Mensch werden. Sehen wir uns zum Beispiel die Rose an, die den keuschen grünen Saft umgewandelt hat zu der Farbe des triebvollen Blutes. Die Rose ist dann ein Symbol für den Menschen, der das Triebleben des Blutes zur Keuschheit umgewandelt hat. Ausgedrückt ist dies in dem Goethe’schen Wort:
[ 12 ] Take, for example, the plant: It is rooted in the ground, green sap flows through it, and it stands there chaste, devoid of drives and instincts. Let us compare it to the human being: He is permeated by drives, desires, and instincts; he is permeated by blood. Red blood is the carrier of the life of the drives. Thus, the green sap can appear to us as a symbol of the chaste life, and the red blood as a symbol of the life of instincts and drives. Human beings must become beings as free of drives as the plant is. Let us consider, for example, the rose, which has transformed the chaste green sap into the color of blood, full of life force. The rose is thus a symbol of the human being who has transformed the life force of the blood into chastity. This is expressed in Goethe’s words:
Und solang du das nicht hast
dieses: Stirb und Werde,
bist du nur ein trüber Gast
auf der dunklen Erde.
And as long as you do not have
this: Die and Be Born Again,
you are but a gloomy guest
on this dark earth.
[ 13 ] «Stirb und Werde» – das ist es, worauf es ankommt. Nicht asketisch sollen wir das erreichen wollen, sondern in voller Kraft. Weshalb können wir mit einem Hammer so darauflosschlagen? Weil wir ihm gegenüber objektiv sind. So soll uns unser Körper [ein kräftiges Werkzeug] werden, [welches wir in den Dienst der höheren Welten stellen]; sterben, [leidenschaftslos werden] soll für uns der Leib, das Triebleben. Das «Stirb und Werde» es muss ernst werden. Ein Symbol für das Goethe’sche «Stirb und Werde» ist das Rosenkreuz. Das «Stirb» haben wir in dem toten schwarzen Kreuz des Holzes, unser Blut, das abgestorben ist für Triebe und niedere Begierden, und in den Rosen haben wir das «Werde». Ja, der Mensch, er kann etwas «werden». Das Symbol dafür sind die sprießenden roten Rosen. Nun kann man sagen: Ja, das sind doch Vorstellungen, die der Sinneswelt entnommen sind. Aber aus dem schwarzen Holz wachsen niemals Rosen. — Das schwarze Holz und die roten Rosen sind wohl der Sinneswelt entnommen, aber die Zusammenstellung ist nur als Symbol für die Seele gebildet.
[ 13 ] “Die and be reborn”—that is what matters. We should not seek to achieve this through asceticism, but with full vigor. Why can we strike at it so fiercely with a hammer? Because we are objective toward it. Thus, our body is to become [a powerful tool], [which we place in the service of the higher worlds]; the body, the life of the instincts, is to die, [to become dispassionate] for us. “Die and Become”—this must be taken seriously. A symbol of Goethe’s “Die and Become” is the Rose Cross. We find the “Die” in the dead black cross of the wood—our blood, which has died to instincts and base desires—and in the roses we find the “Become.” Yes, human beings can “become” something. The symbol for this is the sprouting red roses. Now one might say: Yes, but these are merely ideas drawn from the sensory world. Yet roses never grow from black wood. — The black wood and the red roses are indeed drawn from the sensory world, but their combination is formed solely as a symbol for the soul.
[ 14 ] [Ein förderndes Symbol ist auch der Stab mit der Schlange. Wir können das Leben mit einem Stab vergleichen; das höhere Leben führt gerade hinauf, die Schlangenlinien sind die äußeren Eindrücke, durch die sich der Mensch hinaufwindet.]
[ 14 ] [Another auspicious symbol is the staff with the serpent. We can compare life to a staff; the higher life leads straight upward, and the serpentine curves represent the external impressions through which a person winds his way upward.]
[ 15 ] Kein Wissenschaftler wird solch ein Symbolum so aufstellen. Was die Wissenschaftler sagen, ist alles wahr, wie wenn man es überall im Raume sehen kann. Was hingegen der Geisteswissenschaftler als solche Symbole aufstellt, das ist willkürlich zusammengestellt.
[ 15 ] No scientist would present such a symbol in this way. Everything scientists say is true, as if it could be seen everywhere in space. What the spiritual scientist, on the other hand, presents as such symbols is put together arbitrarily.
[ 16 ] Aber diese Sinnbilder haben eine merkwürdige Wirkung auf unsere Seele. Denken wir, wir schlössen alle unsere Sinnesorgane und versenkten diese Sinnbilder tief, tief hinein in unsere Seele. Wahrheiten werden uns diese Sinnbilder zunächst nicht übermitteln, aber als lebendige Kraft wirken sie da in unserer Seele. Wenn der Mensch immer wieder solche Symbole auf sich wirken lässt, erlebt er dabei etwas. Aber es kommt darauf an, dass man sie immer wieder und wieder auf sich wirken lässt. Geduld muss man haben. Fünfzig Mal und wieder fünfzig Mal muss man eine solche Übung machen. Steter Tropfen höhlt den Stein, [es reichen] nicht ein, auch nicht fünfzig Regentropfen auf einem Stein, aber immer wieder und wieder müssen wir unseren Willen wachrufen, nicht nur äußere Eindrücke an uns herankommen lassen, sondern mit dem Willen solche Symbole leben lassen, in uns, immer wieder und wieder. Innerlich belebt werden wir dadurch, sodass wir sie schließlich willkürlich in uns aufleben lassen können. Wenn der Mensch in solchem Üben tätig war, dann wacht man schließlich morgens so auf, dass man [fühlt, wie man] sich hineinversenkt in den physischen Körper, sich wieder seiner Organe bedienen kann. Man erlebt, dass man außerhalb seines Leibes leben kann, tätig sein kann außerhalb seines physischen Leibes. Durch eine solche Übung lernt man erkennen, dass man sozusagen seinen Leib verlassen kann und tätig sein kann, geistig tätig. Dadurch unterscheidet sich dieser Zustand von dem Schlaf. Man kann denken, man kann fühlen ohne seinen Körper. Zu dieser Erkenntnis kommt man, nachdem man solche Übungen durchgemacht hat. Das ist ärgerlich für manche Menschen heute, aber es ist doch so.
[ 16 ] But these symbols have a strange effect on our soul. Let us imagine that we shut off all our senses and sink these symbols deep, deep into our soul. At first, these symbols will not convey truths to us, but as a living force they work there within our soul. When a person repeatedly allows such symbols to take effect upon them, they experience something in the process. But it is essential that one allows them to take effect again and again. One must have patience. One must perform such an exercise fifty times, and then another fifty times. Constant dripping wears away the stone; not one, nor even fifty raindrops on a stone are enough, but again and again we must summon our will—not merely to allow external impressions to reach us, but to let such symbols live within us through our will, again and again. This revives us inwardly, so that we can eventually bring them to life within ourselves at will. When a person has been engaged in such practice, they eventually wake up in the morning feeling as though they are sinking back into their physical body, able once again to make use of their organs. One experiences that one can live outside one’s body, that one can be active outside one’s physical body. Through such practice, one learns to recognize that one can, so to speak, leave one’s body and be active—mentally active. This is what distinguishes this state from sleep. One can think and feel without one’s body. One arrives at this realization after having undergone such exercises. This is troubling for some people today, but it is nevertheless true.
[ 17 ] Unsere Leiblichkeit wirkt wie ein Spiegel. Unser Bewusstsein ist das Spiegeln unseres Seelenlebens in unserem physischen Leib. Aber der [heutige Wissenschaftler] sagt, es müsse das Gehirn ganz intakt sein, damit unser Bewusstsein ein richtiges sei. — Ja, das ist ganz richtig. Ebenso sehen wir uns auch ganz anders, ob wir in einen glatten Spiegel oder in einen Hohlspiegel sehen. Solche Übungen haben unser Bewusstsein losgerissen von der gewöhnlichen äußeren Leibesspiegelung, und erst als ein solches geistiges Wesen nimmt der Mensch wahr, dass er erlebt, dass er mit anderen geistigen Wesen zusammenlebt.
[ 17 ] Our physical body acts like a mirror. Our consciousness is the reflection of our inner life in our physical body. But [today’s scientists] say that the brain must be completely intact for our consciousness to be genuine. — Yes, that is quite correct. Likewise, we see ourselves quite differently depending on whether we look into a flat mirror or a concave mirror. Such exercises have torn our consciousness away from the ordinary external reflection of the body, and only as such a spiritual being does a person perceive that he or she is experiencing life together with other spiritual beings.
[ 18 ] Diese erste Stufe ist die «imaginative Erkenntnis». Abhängig ist man da nur noch von diesen kombinierten Symbolen, kombiniert aus Bestandteilen, die der Sinneswelt entnommen sind. Diese müssen wir fortlassen, das Kreuz und die Rosen müssen wir fortlassen. Diese äußeren Eindrücke müssen wir fallen lassen, und nun denken wir: Wie war deine Tätigkeit bei diesem Zusammenstellen, als du den Schlangenstab, das Kreuz zusammengestellt hast? Was wir dann haben, das ist etwas, was gar nicht mehr angeregt ist von außen. Die Außenwelt regt niemanden an, Symbole zu bilden; aus den Tiefen der Seele heraus tut der Mensch das. Er besinnt sich da auf die innere Seelentätigkeit; unbeeinflusst, nicht einmal angeregt durch die Außenwelt, ganz rein geistig-seelisch ist dieser Vorgang. Meditation nennt man das. Da kommen wirkliche innere Kräfte herauf, die uns in Zusammenhang bringen mit den geistigen Welten. Solche geistige Erkenntnis nennen wir die «inspirierte Erkenntnis». Unabhängig vom Leiblichen gibt es eine Welt, das haben wir erfahren. Nun lernen wir diese Welt selbst kennen. Wie wenn man an eine Küste kommt, die am fernen Horizont auftaucht, und man diese allmählich kennenlernt, so ist es mit der Erkenntnis der geistigen Welten.
[ 18 ] This first stage is “imaginative insight.” Here, one is dependent only on these combined symbols, composed of elements drawn from the sensory world. We must set these aside; we must set aside the cross and the roses. We must let go of these external impressions, and now we think: What was your activity like in this process of composition, when you put together the serpent staff and the cross? What we then have is something that is no longer inspired by anything external at all. The external world does not inspire anyone to form symbols; a person does this from the depths of the soul. Here, one reflects on the inner activity of the soul; uninfluenced, not even inspired by the external world, this process is entirely spiritual and soul-based. This is called meditation. True inner forces arise here that connect us to the spiritual worlds. We call such spiritual insight “inspired insight.” We have experienced that there is a world independent of the physical. Now we are getting to know this world ourselves. Just as when one arrives at a coastline that appears on the distant horizon and gradually gets to know it, so it is with the knowledge of the spiritual worlds.
[ 19 ] Noch weiter müssen wir gehen nach dieser inspirierten Erkenntnis. Die Seelentätigkeit müssen wir auch noch fortlassen. Wie ein bewusstes Schlafen kann man es bezeichnen – das kann eintreten, kann ganz bewusst eintreten. Aber es kann auch eintreten, dass wir die geistige Welt so kennenlernen, dass wir eins werden mit ihr, in sie einfließen. Das nennt man die «Intuition». Nicht zu verwechseln ist das mit dem, was man heute «Intuition» nennt, wenn einem plötzlich etwas einfällt. Das ist etwas ganz anderes. Die stärkste Anstrengung der Seele ist nötig zur Intuition. Alles Subjektive soll da aus der Seele ausgeschaltet werden, gerade so, wie es die Wissenschaftler verlangen, dass es richtig wissenschaftlich ist. Ein Schauplatz ist die Seele in der intuitiven Welt. Alles Subjektive ist ausgemerzt, selbst die Tätigkeit, die uns hier hinaufgebracht hat. [Die Seele wird zum Schauplatz, wo die Dinge ihre Wesenheit aussprechen.]
[ 19 ] We must go even further based on this inspired insight. We must also let go of the activity of the soul. It can be described as a kind of conscious sleep—this can occur, and it can occur quite consciously. But it can also happen that we come to know the spiritual world in such a way that we become one with it, merging into it. This is called “intuition.” It must not be confused with what is called “intuition” today, when something suddenly occurs to one. That is something entirely different. Intuition requires the soul’s greatest effort. Everything subjective must be eliminated from the soul, just as scientists demand for true scientific rigor. The soul serves as a stage in the intuitive world. Everything subjective is eradicated, even the activity that has brought us up to this point. [The soul becomes the stage where things express their essence.]
[ 20 ] So, wie der Weg hier geschildert worden ist, nimmt er sich sehr abstrakt aus, aber das ist er in Wirklichkeit wahrlich nicht, sondern sehr, sehr schwere Kämpfe hat derjenige durchzumachen, der diesen Weg gehen will. Entsagung und Kämpfe sind auf diesem Wege. Unser inneres Seelenleben ergreift uns wie mit Fangarmen, wenn wir die äußeren Anregungen aufgegeben haben. Die moralischen und die unmoralischen Triebe, soweit sie in der Seele sind, kommen da herauf. Dann tritt uns vor die Seele, was wir eigentlich sind. Selbsterkenntnis tritt da auf. Die Mystiker haben davon geschrieben, von den moralischen Anfechtungen und Versuchungen, wenn sie gewahr werden, wenn sie hinuntersteigen wollen in die Seele: Du warst ein so und so gearteter Mensch, geregelt durch Konvention, Sitte, Herkommen, aber jetzt erst kommt das Wahre der Seele herauf. – Die Menschen schwören auf die entgegengesetztesten Weltanschauungen, sie haben alles moralisch geprüft. Der Monist nimmt seine Anschauung aus dem Gefühl heraus an, ebenso der Spiritualist. Jetzt erst erkennt der Mensch, aus welchem Grunde er diese oder jene Ansicht angenommen hat; jetzt sehen wir, was für Illusionen wir hatten, als wir meinten, logisch zu sein.
[ 20 ] As described here, this path seems very abstract, but in reality it is truly not so; rather, anyone who wishes to follow this path must endure very, very difficult struggles. Renunciation and struggles are part of this path. Our inner spiritual life seizes us as if with tentacles once we have renounced external stimuli. The moral and immoral impulses, insofar as they exist within the soul, rise up from within. Then what we truly are comes before our soul. Self-knowledge emerges at this point. The mystics have written about this—about the moral trials and temptations that arise when they become aware of them, when they seek to descend into the soul: “You were a person of such-and-such a nature, governed by convention, custom, and tradition, but only now does the true essence of the soul emerge.” – People swear by the most diametrically opposed worldviews; they have scrutinized everything morally. The monist adopts his view based on feeling, as does the spiritualist. Only now does a person recognize the reason why he has adopted this or that view; only now do we see what illusions we had when we thought we were being logical.
[ 21 ] Mit einer gewissen Ironie kann es einen da erfüllen, wenn die Menschen kommen und sagen, der Geisteswissenschaftler sei ein Phantast und so weiter, und solche Menschen wissen gar nicht, wie wenig sie selbst hinter die Kulissen der Phantasie und Illusion geschaut haben. Man kann nur das überwinden, was man in sich gehabt hat. Nicht ohne Schmerz ist das zu erreichen. Nicht nur mit seinen Gedanken, sondern auch mit seinem Glück hat man gehangen an dem, was man als Illusion versinken sieht, und nicht nur die Illusion, sondern die Quelle dieser Illusion, beides muss man mit heroischer Stärke aufgeben. Wenn der Mensch auch die Inspiration überwinden will, so geschieht es ihm, dass er sich sehr «leicht» findet. Logik hilft da nichts, mit Logik lässt sich Ohnmacht nicht bekämpfen. Da kann man gar nichts erreichen, auch die Hingabe des Glückes nützt nichts – man kommt dahin, so zu denken. In die Region des Zweifels, des Verzweifelns kommt man da, und alle Zweifel der äußeren Welt sind nichts, sind etwas Minderwertiges im Vergleich zu dem Zweifel auf dieser Stufe. Nur dadurch können wir dieses, können wir diese furchtbare Region des Eises überwinden, dass wir nicht unvorbereitet dahin gelangen, sondern wir müssen uns vorher die Kraft erringen.
[ 21 ] It can fill one with a certain irony when people come along and say that the spiritual scientist is a dreamer and so on, and such people have no idea how little they themselves have looked behind the scenes of fantasy and illusion. One can overcome only what one has carried within oneself. This cannot be achieved without pain. One has clung—not only with one’s thoughts but also with one’s happiness—to what one sees sinking into illusion, and one must renounce not only the illusion but also the source of that illusion; both must be relinquished with heroic strength. Even if a person wishes to overcome inspiration, they find themselves becoming very “light.” Logic is of no help here; powerlessness cannot be fought with logic. Nothing can be achieved that way, and even the surrender of happiness is of no use—one comes to think that way. One enters the realm of doubt and despair, and all the doubts of the external world are nothing, are inferior in comparison to the doubt at this stage. The only way we can overcome this—this dreadful realm of ice—is by not arriving there unprepared, but by first gaining the strength to do so.
[ 22 ] Schwer ist es, dahin zu gelangen, schr schwer. Skizziert ist es nur, aber es ist nicht unmöglich, und keiner sollte sich dadurch abhalten lassen. Es gibt Möglichkeiten, um die Schwierigkeiten zu überwinden. Zum Erforschen und Erleben der geistigen Welt ist ein Eindringen in die geistige Welt nötig, aber zum Verstehen ist die ungetrübte Logik nötig.
[ 22 ] It is difficult to get there—very, very difficult. It is only outlined here, but it is not impossible, and no one should let that deter them. There are ways to overcome the difficulties. To explore and experience the spiritual world, one must enter it; but to understand it, clear logic is necessary.
[ 23 ] Es ist allerdings heute schwierig, ungetrübte Logik walten zu lassen. Was bewiesen ist, wird deshalb doch nicht immer geglaubt. Es kommt darauf an, dass der Beweis geglaubt wird. Bewiesen kann alles werden, was die Geistesforscher sagen, aber oft nehmen die Menschen diese Beweise gar nicht an. Jeder kann Geistesforscher werden, vorher aber genügen gesunder Wahrheitssinn und ungetrübte Logik. Als die schönste Perspektive erscheint es uns, dass die geistige Nahrung immer mehr den Menschen gegeben wird, und der Mensch sie immer mehr dem physischen Leben übergibt. Und das ist die Mission der Geisteswissenschaft: dieses geistige Leben, diesen geistigen Saft, hinunterzuholen und einfließen zu lassen in das, was die Sinne übermitteln, und was sich da begegnet im ganzen, vollen Menschen, das können wir zusammenfassen in den Worten:
[ 23 ] Today, however, it is difficult to apply unclouded logic. What has been proven is therefore not always believed. What matters is that the proof is believed. Anything the spiritual researchers say can be proven, but people often do not accept this proof at all. Anyone can become a spiritual researcher, but first, a healthy sense of truth and unclouded logic are sufficient. The most beautiful prospect seems to us to be that spiritual nourishment is given to people more and more, and that people increasingly integrate it into their physical lives. And that is the mission of spiritual science: to bring down this spiritual life, this spiritual sap, and allow it to flow into what the senses convey—and into what is encountered there in the whole, complete human being—which we can summarize in the words:
Es drängt sich an die Menschenseele Aus Weltentiefen rätselvoll Des Stoffes reiche Fülle. Es strömt in Seelengründe Aus Weltenhöhen inhaltsvoll Des Geistes klärend Licht. Sie treffen sich im Menschen-Innern Zu weisheitsvoller Wirklichkeit.
It presses upon the human soul From the mysterious depths of the universe The rich abundance of matter. It flows into the depths of the soul From the heights of the universe, full of meaning The clarifying light of the spirit. They meet within the human being To form a reality of wisdom.
Fragenbeantwortung
Question and Answer
Frage: Ist es nicht Hochmut, in diesem Leben von geistigen Welten wissen zu wollen?
Question: Isn't it arrogance to want to know about spiritual worlds in this life?
[ 24 ] Rudolf Steiner: Im Gegenteil; es ist Demut, wenn man nicht so bleiben will, wie man ist. Hochmut ist es, wenn man die Kräfte, die in uns gelegt sind, nicht gebrauchen will. Man umgibt sich mit der Maske der Bequemlichkeit, die nicht hinaufwill in geistige Welten.
[ 24 ] Rudolf Steiner: On the contrary; it is humility not to want to remain as one is. It is pride not to want to use the powers that have been placed within us. One surrounds oneself with the mask of complacency, which does not aspire to spiritual realms.
