Spiritual Science
and the Future of Humanity
GA 69e
9 December 1910, Munich
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Spiritual Science and the Future of Humanity, tr. SOL
1. Die Geisteswissenschaft und die Zukunft der Menschheit
1. Spiritual Science and the Future of Humanity
[ 1 ] Der Dichter des Dänenprinzen Hamlet lässt diesen im Hinblick auf eine große, bedeutsame Persönlichkeit der Geschichte aus seinem verstimmten Grübeln heraus in der Totengräber-Szene über den Wert des toten Cäsar sprechen:
[ 1 ] The playwright of *Hamlet*, the Danish prince, has him—in reference to a great and significant historical figure—emerge from his gloomy brooding in the Gravedigger scene to speak of the worth of the dead Caesar:
Der große Cäsar, tot und Lehm geworden,
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauen Norden.
O, dass die Erde, der die Welt gebebt,
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt.
The great Caesar, now dead and turned to clay,
Plugs a hole, perhaps, against the harsh north wind.
Oh, that the earth, before which the world trembled,
Might form a wall against wind and weather.
[ 2 ] Es ist nicht verwunderlich, dass dem Hamlet diese Ideen in Erinnerung an den großen Cäsar kommen, wenn in seinem düsteren Gemüte der Gedanke gefasst werden konnte, dass von all dem Körper, dem Menschen, von alldem, was die Kraft des Willens ausübte, nichts weiter übrig bleibe als ein Häuflein äußeren Stoffes, der, in seine Atome zerfallen und aufgelöst, verwendet werden könne, um da oder dort «eine Wand zu verkleben»; aber dieser selbe Gedankengang ist recht bezeichnend für die Grundstimmung unserer heutigen Zeit. Es gibt über Physiologie, im Sinne unserer heutigen wissenschaftlichen Auffassung, ein ausgezeichnetes Handbuch von Huxley, das auch ins Deutsche übersetzt worden ist. Gleich auf einer der ersten Seiten finden Sie einen Hinweis auf die eben zu Ihnen gesprochenen Worte des Hamlet, aber so, dass in allem Ernst am Schlusse der «Ersten Vorlesung» gesagt wird:
[ 2 ] It is not surprising that these ideas come to Hamlet in memory of the great Caesar, when the thought could take root in his gloomy mind that of all the body, the human being, of all that which exercised the power of the will, nothing more would remain than a handful of external matter which, broken down into its atoms and dissolved, could be used here or there to “plaster a wall”; yet this very train of thought is quite indicative of the prevailing mood of our time. There is an excellent handbook on physiology—in the sense of our current scientific understanding—by Huxley, which has also been translated into German. Right on one of the first pages, you will find a reference to the words of Hamlet just mentioned to you, but presented in such a way that, in all seriousness, at the end of the “First Lecture,” it is stated:
Es ist unmöglich, mit irgendeinem Grade von Gewissheit diesen Wanderungen zu folgen, die wechselnder und ausgedehnter sind, als diejenigen waren, die von den alten Weisen, welche an die Doktrin der Seelenwanderung glaubten, ersonnen worden sind; aber die Wahrscheinlichkeit besteht, dass früher oder später einige, wenn nicht alle der zerstreuten Atome, zu neuen Lebensformen gesammelt werden. Die Sonnenstrahlen, die die Pflanzenwelt durchdringen, vereinigen einige der wandernden Atome von Kohlensäure, Wasser, Ammoniak und Salzen zu der Herstellung von Pflanzen. Die Pflanzen werden von den Tieren verschlungen, Tiere verschlingen einander, der Mensch verschlingt sowohl Pflanze als Tier; und so ist es leicht möglich, dass Atome, die einst einen wesentlichen Teil vom geschäftigen Gehirne des Julius Caesar ausmachten, jetzt in die Zusammensetzung von Caesar, dem Neger in Alabama, oder von Caesar, dem Haushunde irgendeines englischen Haushaltes, eingehen.
It is impossible to trace these migrations with any degree of certainty, as they are more varied and extensive than those conceived by the ancient sages who believed in the doctrine of the transmigration of souls; but it is likely that sooner or later some, if not all, of the scattered atoms will be gathered together to form new life forms. The sun’s rays, which penetrate the plant world, combine some of the wandering atoms of carbon dioxide, water, ammonia, and salts to produce plants. Plants are devoured by animals; animals devour one another; humans devour both plants and animals; and so it is quite possible that atoms that once constituted a substantial part of Julius Caesar’s active brain now form part of the composition of Caesar, the Black man in Alabama, or of Caesar, the pet dog of some English household.
[ 3 ] Wir wollen nicht so dogmatisch denken und nicht mit logischen Gründen rechten, sondern überlegen, wie aus seinen innersten Empfindungen heraus ein so ausgezeichneter Naturforscher des neunzehnten Jahrhunderts wie Huxley dazu kommen konnte, solche Auffassungen niederzuschreiben. Wir wollen nicht mehr fragen: Was wird aus den physischen Bestandteilen, wenn der Leib des Menschen in Staub zerfällt? –, sondern wir wollen unser Augenmerk auf den im Menschen verkörperten Willen, auf sein selbstbewusstes Ich richten, und darauf achten, welche Wege dieses Seelisch-Geistige geht, obgleich sich sonst der Mensch gedrängt fühlt, zu fragen, nicht welchen Weg der Geist, sondern welchen der äußere Stoff nimmt.
[ 3 ] Let us not think so dogmatically or argue with logical reasoning, but rather consider how a nineteenth-century naturalist as distinguished as Huxley could have come to write down such views based on his innermost feelings. Let us no longer ask: What becomes of the physical constituents when the human body turns to dust?—but rather, let us direct our attention to the will embodied in the human being, to his self-conscious “I,” and observe the paths taken by this soul-spiritual aspect, even though human beings otherwise feel compelled to ask not which path the spirit takes, but which the external matter takes.
[ 4 ] Wir werden gleich sehen, dass es im innigen Zusammenhang mit der Grundstimmung der Zeit steht, die Zustimmung, das Herz der Menschen zu gewinnen, wenn man ihnen sagt, sie können glücklich, mindestens aber gesund werden, wenn sie bestimmte Vorschriften befolgen, nur dieses oder jenes zu essen, in besonderer Art zu baden und sich reformgemäß zu kleiden und so weiter; weit schwieriger aber stellen sie sich [an], wenn man ihnen davon spricht, dass der geistige Inhalt von Ideen, Wahrheiten, Erkenntnissen, mit denen wir unsere Seele erfüllen, [dass diese] lebendige Kräfte werden, um unser Inneres, unser ganzes Leben zu harmonisieren, zu kräftigen, gegen alle möglichen Angriffe widerstandsfähig zu gestalten und uns zur Erfüllung unserer Lebensaufgaben zu stärken.
[ 4 ] We will soon see that it is closely connected to the prevailing spirit of the times—the willingness to win people’s hearts—when they are told that they can become happy, or at least healthy, if they follow certain rules: eating only this or that, bathing in a particular way, dressing according to the principles of health reform, and so on; but they become far more difficult [to win over] when we speak to them about how the spiritual content of ideas, truths, and insights with which we fill our souls [becomes] living forces that harmonize and strengthen our inner being and our entire lives, make us resilient against all possible attacks, and empower us to fulfill our life’s tasks.
[ 5 ] Zur Erläuterung möchte ich nur hinweisen darauf, wie bei Furcht und Angst die Menschen erblassen, beim Schamgefühle erröten, wie also das Seelische aufs Körperliche und außerdem noch weiter wirkt, als man gemeinhin annimmt. Wenn man aber weiterhin darauf hinweist, dass die Gedanken einer spirituellen Weltanschauung uns hinaufführen in geistige Höhen, dass [eine] richtige Denkweise dieser Art geistig und leiblich gesundend auf den Menschen wirkt, da finden wir einen starken Zweifel oder ausgesprochenen Unglauben bei der größten Mehrzahl unserer Zeitgenossen, und zwar vielfach nur deshalb, weil die Menschen unserer Zeit denkerisch zu bequem geworden sind, um die zur Durcharbeitung solcher Anschauungen nötige geistig-seelische Anstrengung aufzuwenden. Sowohl Huxleys Buch wie auch die überall im Leben zu machenden Erfahrungen zeigen in charakteristischer Weise, dass unser Zeitalter dazu übergegangen ist, nur an das äußerlich Materielle, Sinnenfällige zu glauben. Das neunzehnten Jahrhundert hat uns diese Verhältnisse gebracht.
[ 5 ] To illustrate this, I would simply like to point out how people turn pale when they feel fear and anxiety, and blush when they feel shame—showing how the psychological affects the physical, and indeed extends even further than is commonly assumed. But if one goes on to point out that the thoughts of a spiritual worldview lift us up to spiritual heights, that [a] proper way of thinking of this kind has a healing effect on people—both spiritually and physically— we encounter strong doubt or outright disbelief among the vast majority of our contemporaries—and in many cases simply because the people of our time have become too intellectually complacent to expend the mental and emotional effort required to work through such views. Both Huxley’s book and the experiences to be had in all areas of life demonstrate in a characteristic way that our age has come to believe only in what is outwardly material and perceptible to the senses. The nineteenth century has brought us these conditions.
[ 6 ] Die Geisteswissenschaft ist nun weit davon entfernt, die gewaltigen Errungenschaften der Naturwissenschaft abzulehnen, die uns dieses Jahrhundert nebst einer fast unübersehbaren Tatsachenfülle überliefert hat. Es ist aber notwendig, darauf hinzuweisen, dass sich gewisse Begriffe in die Herzen der Menschen eingeschlichen und eingenistet haben, sozusagen Mode geworden sind, sodass diese sich schwer dazu entschließen können, an Geistiges zu glauben, ohne dabei den Versuch zu machen, es sich materiell vorzustellen. Dadurch aber droht der Menschheit schon für die nächste Zukunft ein seelisches Chaos, eine Verirrung in Bezug auf die wichtigsten Dinge, von denen ich nur eines herausgreifen und deswegen noch einmal auf Huxleys «Physiologie» hinweisen will, nämlich den Begriff des Lebens, soweit dieser sinnenfällig und gewissermaßen selbstverständlich ist. So ist [dort] gesagt:
[ 6 ] The humanities are far from rejecting the tremendous achievements of the natural sciences, which this century has bequeathed to us along with an almost overwhelming wealth of facts. However, it is necessary to point out that certain concepts have crept into people’s hearts and taken root—they have, so to speak, become fashionable—so that people find it difficult to believe in the spiritual without attempting to imagine it in material terms. As a result, however, humanity faces the threat of spiritual chaos in the near future—a loss of direction regarding the most important matters. I wish to single out just one of these and, for that reason, refer once again to Huxley’s *Physiology*: namely, the concept of life, insofar as it is self-evident and, in a sense, goes without saying. As it is stated [there]:
Aber in Wirklichkeit ist die unmittelbare Todesursache immer das Aufhören der Tätigkeiten eines von drei Organen: des Hirnrückenmarknervenzentrums, der Lungen oder des Herzens.
So kann ein Mann augenblicklich getötet werden durch die Verletzung an einem Teile des Gehirns, welcher verlängertes Mark [...] heißt, wie sie durch Hängen oder Genickbrechen hervorgebracht werden kann. Oder der Tod kann die unmittelbare Folge von Erstickung durch Erwürgen, Erhängen oder Ertrinken sein, oder in anderen Worten durch die Hemmung der Atmungsvorgänge. Oder endlich erfolgt der Tod sogleich, wenn das Herz aufhört, das Blut im Kreise umzutreiben. Diese drei Organe, das Gehirn, die Lungen und das Herz, werden deshalb etwas phantastisch der Lebensdreifuß genannt.
Im letzten Grunde jedoch hat das Leben nur zwei Füße, auf denen es ruht, die Lungen und das Herz; denn der Tod durch das Gehirn ist immer erst die mittelbare Folge der Wirkung, welche die Verletzung dieses Organs auf die Lungen oder das Herz ausübt. Die Tätigkeiten des Gehirns hören auf, wenn entweder die Atmung oder der Kreislauf zu Ende sind. Aber wenn der Blutumlauf und die Atmung künstlich unterhalten werden, so kann man das Gehirn wegnehmen, ohne dadurch den Tod zu verursachen.
But in reality, the immediate cause of death is always the cessation of activity in one of three organs: the brain-spinal cord nerve center, the lungs, or the heart.
Thus, a man can be killed instantly by an injury to a part of the brain called the medulla oblongata [...], such as that caused by hanging or a broken neck. Or death can be the immediate result of suffocation caused by strangulation, hanging, or drowning—in other words, by the inhibition of respiratory functions. Or, finally, death occurs immediately when the heart ceases to circulate the blood. These three organs—the brain, the lungs, and the heart—are therefore somewhat fancifully called the “tripod of life.”
Ultimately, however, life rests on only two pillars: the lungs and the heart; for death caused by damage to the brain is always only the indirect consequence of the effect that injury to this organ has on the lungs or the heart. Brain activity ceases when either respiration or circulation stops. But if blood circulation and respiration are maintained artificially, the brain can be removed without causing death.
[ 7 ] Wenn also Huxley meint, er könne mit diesen Mitteln das Leben erhalten, so ist unter gewissen Einschränkungen dagegen nichts einzuwenden, aber ich möchte noch besonders die Frage aufwerfen, ob das denn tatsächlich auch noch Leben zu nennen ist. Es würde sich wahrscheinlich jeder der Anwesenden für ein solches Leben bedanken. Daher beweist ein derartiger Ausspruch in einem wissenschaftlichen Werke, das sich tief einlässt auf die wesentlichsten Begriffe, dass die heutige Zeit verlernt hat, in zutreffender Weise über Begriffe wie «das Leben» überhaupt zu denken.
[ 7 ] So if Huxley believes he can sustain life by these means, there is nothing objectionable to that—subject to certain limitations—but I would like to raise the specific question of whether such a state can truly still be called life. Probably everyone here would decline such a life. Therefore, a statement of this kind in a scientific work that delves deeply into the most fundamental concepts proves that our age has forgotten how to think accurately about concepts such as “life” at all.
[ 8 ] Wer aber das ins Auge fasst, wie es richtig ist, dass die Gedanken und Empfindungen, welche wir vorherrschend hegen, den Leib gesund oder krank machen können, der wird außerdem bald inne werden, wie schwierig es ist, Begriffe klarer Art in die Zukunft fortzupflanzen. Mit unzulänglichen Begriffen in unserer Seele über Leben und Tod, über Geist und Seele werden wir in eine Gesinnung versetzt, die bald an allem Möglichen in uns zweifeln macht, die seelischen Kräfte in uns lähmt und uns hindert, unsere Pflichten im Leben ausreichend zu erfüllen; mehr und mehr wird es öde in Seele und Geist des Menschen werden, ein solcher wird zuletzt in Kraftlosigkeit und Verzweiflung gestürzt. Der aufmerksame Beobachter sieht voraus, dass die Menschheit auf diesem Wege in eine schlimme Lage gebracht werden kann, er kann feststellen, dass die Anfänge dazu schon an manchen Stellen gemacht sind, besonders, wenn die fortgeschrittenste Wissenschaft vereinbar ist mit solchen Begriffen, die auf unser SeelischGeistiges und damit auch auf unseren Körper geradezu mordend einwirken.
[ 8 ] But anyone who considers—as is indeed true—that the thoughts and feelings we predominantly harbor can make the body healthy or sick will also soon realize how difficult it is to carry clear concepts forward into the future. With inadequate concepts in our minds about life and death, about spirit and soul, we are led into a state of mind that soon causes us to doubt everything within ourselves, paralyzes our inner spiritual powers, and prevents us from adequately fulfilling our duties in life; the human soul and spirit will become increasingly desolate, and such a person will ultimately be plunged into powerlessness and despair. The attentive observer foresees that humanity can be led into a dire situation by this path; he can see that the first steps toward this have already been taken in some places, especially when the most advanced science is compatible with concepts that have a downright destructive effect on our soul and spirit—and thus also on our body.
[ 9 ] Daneben geht etwas anderes her, nämlich ein Bedürfnis, das jedoch durch ein Chaos von Begriffen wieder unterdrückt wird, sich aber trotzdem immer von Neuem in der Seele regt und den Geist beschäftigt: Man spricht so viel von Entwicklung aus den unvollkommenen Lebenszuständen zu vollkommeneren, aber dort, wo es am nötigsten sein würde, von diesen Dingen zu reden, da will man nicht daran glauben, wenn es sich um die menschliche Seele handelt. Diese menschliche Seele aber hat von Epoche zu Epoche immer neue Bedürfnisse, will immer in fortgeschritteneren Verhältnissen leben; die Seele des zwölften Jahrhunderts ist noch eine andere als die im neunzehnten Jahrhundert. Nicht auf äußere Dinge, auf Schulbildung und Gelehrsamkeit, sondern auf die andere Art und Auffassung des Lebens kommt es an, die sich für die Seele von Epoche zu Epoche entwickelt.
[ 9 ] Alongside this, there is something else at work—namely, a need that is suppressed by a chaos of concepts, yet nevertheless stirs anew in the soul and preoccupies the mind: There is so much talk of development from imperfect states of life to more perfect ones, but precisely where it would be most necessary to speak of these things—when it comes to the human soul—people refuse to believe in it. Yet this human soul has ever-changing needs from one epoch to the next and always seeks to live in more advanced circumstances; the soul of the twelfth century is still different from that of the nineteenth. What matters is not external things, such as schooling and erudition, but rather the different way of life and perspective that develops for the soul from one era to the next.
[ 10 ] Es kann ja heute Abend auf das Leben nur kurz hingedeutet werden; es zeigt sich da bedeutend in der Seele fast eines jeden Menschen das Bedürfnis, in sich gewisse Dinge gefühls- und verstandesgemäß zu entwickeln, die in früheren Kulturepochen auf Treu und Glauben hingenommen wurden. Früher waren ganze Epochen weit mehr beherrscht von gewissen allgemeinen Urteilen, und alle Seelen waren im Allgemeinen von den gleichen Anschauungen eingenommen. Heute dagegen macht sich im steigenden Maße in den Seelen der Drang geltend, selbstständig zu sein, individuell in sich die Anhaltspunkte zu finden über Sittengebote, Urteile aller Art, in sich selbst Grund und Quell des Daseins zu erschließen.
[ 10 ] Tonight, we can only briefly touch upon the subject of life; it is evident that within the soul of nearly every human being there is a significant need to develop certain things within oneself—in accordance with both emotion and reason—that were accepted on good faith in earlier cultural epochs. In the past, entire eras were far more dominated by certain general judgments, and all souls were generally imbued with the same views. Today, however, there is a growing urge in people’s souls to be independent, to find within themselves the guiding principles regarding moral precepts and judgments of all kinds, and to discover within themselves the foundation and source of existence.
[ 11 ] Unsere Zeit krankt aber bei vielen Menschen daran, dass sie dieses Bedürfnis in mancher Hinsicht oder ganz und gar auf dem Boden der Seele ruhen lassen. Es kann nicht aufkommen, weil es mit dem Chaos des Lebenstreibens übertäubt wird; und solche Menschen gehen dann unter im Autoritätsglauben – der umso furchtbarer wirkt, weil er sich beruft auf das materiell nicht Greifbare –, indem sie immer wiederholen, «die Wissenschaft» habe dieses und jenes festgestellt, bewiesen. Die allermeisten Menschen können dem nicht nachgehen und für sich untersuchen, wie es festgestellt worden ist, und deshalb ist die Autorität der Wissenschaft zu einer furchtbaren allgemeinen Größe angewachsen.
[ 11 ] The problem with our times, however, is that many people allow this need to lie dormant in their souls—either in some respects or entirely. It cannot arise because it is drowned out by the chaos of the hustle and bustle of life; and such people then succumb to a belief in authority—which seems all the more terrifying because it appeals to what is materially intangible—by repeatedly asserting that “science” has established or proven this or that. The vast majority of people cannot follow this up and investigate for themselves how it was established, and that is why the authority of science has grown into a formidable, universal force.
[ 12 ] Diese beiden Geistesströmungen liegen miteinander im Kampf. Wenn sich nun die Geisteswissenschaft zu diesen beiden Mächten in ein richtiges Verhältnis stellen will, so muss sie das strenge Ziel verfolgen, es dem Menschen möglich zu machen, den in ihm erwachenden tiefen Bedürfnissen im eigentlichsten Sinne zu genügen. Da will ich nun zunächst darauf hinweisen, dass in den früheren Jahrzehnten die Fragen nach dem Schicksal der Seele, der Herkunft des Menschen, den Quellen allen geistigen Lebens ganz anders an den Menschen herangetreten sind als heute, indem ich Ihre Aufmerksamkeit lenke auf eine tonangebende Persönlichkeit, bei der sich das zeigt in ihrer eigenartigen Geisteskonstitution, in ihrem Fühlen und Empfinden. Goethe, den ich hierbei im Auge habe, hat sich darüber ohne besondere äußere Veranlassung wenig geäußert, aber gelegentlich des Begräbnisses des von ihm sehr verehrten Wieland sprach er sich zu einer ihm nahestehenden Persönlichkeit darüber aus, was er über das Schicksal der Seele nach dem Tode dachte. Goethe antwortete auf die an ihn gerichtete Frage:
[ 12 ] These two spiritual currents are in conflict with one another. If spiritual science is to establish the proper relationship to these two forces, it must pursue the rigorous goal of enabling human beings to satisfy, in the truest sense, the deep needs awakening within them. I would like to begin by pointing out that in earlier decades, questions concerning the fate of the soul, the origin of humankind, and the sources of all spiritual life were approached quite differently than they are today. To illustrate this, I would like to draw your attention to a leading figure whose unique spiritual constitution, feelings, and sensibilities reflect this. Goethe, whom I have in mind here, said little on the subject without any particular external prompting, but on the occasion of the funeral of Wieland—whom he greatly revered—he spoke to a close friend about his thoughts on the fate of the soul after death. Goethe replied to the question addressed to him:
[Wieland wird jetzt] nichts Kleines, nichts Unwürdiges [unternehmen], nichts mit der sittlichen Größe, die er sein ganzes Leben lang behauptete, Unverträgliches. [...] Von Untergang solcher hohen Seelenkräfte kann in der Natur niemals und unter keinen Umständen die Rede sein; so verschwenderisch behandelt sie ihre Kapitalien nie [...] Was nun die persönliche Fortdauer unserer Seele nach dem Tode betrifft, so ist es damit auf meinem Wege also beschaffen. Sie steht keineswegs mit den vieljährigen Beobachtungen, die ich über die Beschaffenheit unserer und aller Wesen in der Natur angestellt, im Widerspruch; im Gegenteil, sie geht sogar aus demselben mit neuer Beweiskraft hervor. Wie viel aber, oder wie wenig von dieser Persönlichkeit übrigens verdient, dass es fortdaure, ist eine andere Frage und ein Punkt, den wir Gott überlassen müssen.
[Wieland will now] undertake nothing small, nothing unworthy, nothing incompatible with the moral greatness he upheld throughout his entire life. [...] There can never, under any circumstances, be any question of the decline of such lofty spiritual powers; nature never treats its capital so wastefully [...] As for the personal survival of our soul after death, this is how I understand it. It in no way contradicts the many years of observations I have made regarding the nature of our own and all other beings in nature; on the contrary, it even emerges from them with renewed evidential force. How much—or how little—of this personality, incidentally, deserves to endure is another question and a matter we must leave to God.
[ 13 ] Goethe entwickelt dann eine gewisse Rangordnung der Seelen, die er hier Monaden nennt, die sie zu den verschiedenen Tätigkeiten geeignet macht; er hält dabei diese Monaden für unsterblich und in ihrer höheren Entwicklung mit tätig an der Entwicklung des Weltsystems und fährt dann fort:
[ 13 ] Goethe then develops a certain hierarchy of souls—which he calls “monads” here—that makes them suited to various activities; he considers these monads to be immortal and, in their higher stages of development, to play an active role in the evolution of the world system, and he continues:
Ich bin gewiss, wie Sie mich hier sehen, schon tausendmal da gewesen und hoffe, wohl noch tausendmal wiederzukommen. [...] Damit ist aber keineswegs gesagt, dass durch diese Beschränkung unserer Naturbetrachtungen auch dem Glauben Schranken gesetzt wären. Im Gegenteil kann, bei der Unmittelbarkeit göttlicher Gefühle in uns, der Fall gar leicht eintreten, dass das Wissen als Stückwerk besonders auf einem Planeten erscheinen muss, der, aus seinem ganzen Zusammenhange mit der Sonne herausgerissen, alle und jede Betrachtung unvollkommen lässt, die eben darum erst durch den Glauben ihre vollständige Ergänzung erhält. [...] Sobald man nur von dem Grundsatz ausgeht, dass Wissen und Glauben nicht dazu da sind, um einander aufzuheben, sondern um einander zu ergänzen, so wird schon überall das Rechte ausgemittelt werden.
I am certain that, as you see me here, I have been here a thousand times already, and I hope to return a thousand times more. [...] However, this by no means implies that this limitation of our observations of nature also imposes limits on faith. On the contrary, given the immediacy of divine feelings within us, it can very easily happen that knowledge must appear as a fragmentary whole, especially on a planet that, torn from its entire connection with the sun, renders every single observation incomplete—observations that, for that very reason, are only fully complemented by faith. [...] As soon as one proceeds from the principle that knowledge and faith are not meant to cancel each other out, but rather to complement one another, the right balance will be struck everywhere.
[ 14 ] Goethe hat tatsächlich die Naturwissenschaft seiner Zeit beherrscht; er hat sie außerdem bereichert durch eine im Geistigen lebende Denkweise. Darum ist es umso interessanter, zu erleben, wie sich alle diese Dinge in Goethes Auffassung widerspiegeln, wie sich auf allen seinen langen persönlichen und wissenschaftlichen Lebenserfahrungen das Leben der Seele nach dem Tode seinem Bedürfnis gemäß gestalten könnte, und zu sehen, wie Goethe, zufolge seiner spirituellen Weltanschauung, der sich immer mehr ausarbeitenden modernen materialistischen Weltanschauung fernstand. So kommt es auch für jeden anderen darauf an, sich durch seine ganze Geisteskonfiguration eine Idee von der geistigen Weltanschauung zu bilden.
[ 14 ] Goethe truly mastered the natural sciences of his time; he also enriched them with a way of thinking rooted in the spiritual. That is why it is all the more interesting to observe how all these things are reflected in Goethe’s perspective—how, based on all his extensive personal and scientific life experiences, the life of the soul after death might take shape in accordance with his needs—and to see how Goethe, in accordance with his spiritual worldview, stood apart from the modern materialistic worldview that was becoming increasingly established. Thus, it is also up to each individual to form an idea of the spiritual worldview through their entire mental makeup.
[ 15 ] Damals kannte man die heute stark verbreitete und wissenschaftlich geförderte Weltanschauung des «Monismus» noch nicht, man war noch nicht so ängstlich besorgt darum, dass sich ja keine Kluft auftue zwischen dem Menschen und den höheren Tieren [...], man glaubte vielmehr im physischen Sinne an diese Kluft, und wenn man diese aufrichten wollte, so dachte man tief materialistisch [...]. Die Menschen wollten etwas materiell Unterscheidbares haben, da sie sich nicht in den Gedanken finden konnten, dass sich ein Geistiges als Unterscheidendes finden könnte. Da suchte man denn im ganzen Körper, in den Weichteilen und dem Skelett, fand bei den Tieren im Oberkiefer einen besonderen Zwischenkieferknochen, den der Mensch anscheinend nicht besaß. Damit glaubte man denn, den lange gesuchten, erhabenen Unterschied zwischen Mensch und Tier entdeckt zu haben, und gutgläubige, materialistisch denkende Menschen waren geneigt, dies ohne Weiteres anzuerkennen. Goethe studierte diese Verhältnisse und fand, dass der Zwischenkieferknochen vor der Geburt vorhanden sei, also beim werdenden Menschen, aber bis zur Geburt allmählich mit den angrenzenden Teilen völlig verwachse. Wir finden das Nähere darüber in Goethes naturwissenschaftlichen Schriften, in denen er der Untersuchung des «ossis intermaxillaris» eine besondere Abhandlung mit eingehenden Abbildungen widmet und seine Entdeckung gegen Soemmerring 1785 und Camper in besonderen Briefen verteidigt, wobei er aber außerdem betont, dass der Unterschied zwischen Mensch und höherem Tier nicht im einzelnen Materiellen, sondern in dem das Tier gewaltig überragenden Geistigen zu suchen sei. Wenn wir dabei berücksichtigen, was Goethe – nach Johannes Falk – am Begräbnistage Wielands über Seele und Geist, deren Wandlungen und Schicksale nach dem Tode sagt: wie er nachgedacht habe während seines langen Lebens, und wenn er so nun dasjenige, was er so glaubt gefunden zu haben, vergleiche mit dem naturwissenschaftlich, sinnlich Beobachtbaren, so schließe sich beides ohne Widerspruch zusammen. — Das konnte man damals noch sagen als Gelehrter, als getreuer Naturforscher, ohne sich im Widerstreit zu finden mit den Anschauungen über das Leben der Seele auf ihrem besonderen Gebiete und dem der materiellen Seite des Lebens. Selbst in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war dieses noch der Fall bei einem besonders genannten, bahnbrechenden Naturforscher, der vor allen anderen viel getan hat für die Kenntnis der Umwandlung tierischer Lebensformen, der aber, indem er ihre Entwicklung zeigte, zu dem Ergebnis kam, zu sagen:
[ 15 ] At that time, the worldview of “monism”—which is now widespread and scientifically promoted—was not yet known; people were not yet so anxiously concerned that a gulf might open up between humans and higher animals [...], rather, people believed in this divide in a physical sense, and when they sought to establish it, they thought in deeply materialistic terms [...]. People wanted something materially distinguishable, since they could not reconcile themselves to the idea that something spiritual might serve as the distinguishing factor. So they searched throughout the entire body, in the soft tissues and the skeleton, and found in animals a special intermediate jawbone in the upper jaw that humans apparently did not possess. With this, they believed they had discovered the long-sought, sublime difference between humans and animals, and credulous, materialistically minded people were inclined to accept this without further question. Goethe studied these conditions and found that the intermaxillary bone was present before birth—that is, in the developing human—but that by the time of birth it had gradually fused completely with the adjacent structures. We find further details on this in Goethe’s scientific writings, in which he devotes and defends his discovery against Soemmerring in 1785 and Camper in separate letters, while also emphasizing that the difference between humans and higher animals is not to be found in individual physical characteristics, but in the spiritual aspect that vastly surpasses that of the animal. If we take into account what Goethe—according to Johannes Falk—said on the day of Wieland’s funeral about the soul and spirit, their transformations and fates after death: how he had reflected throughout his long life, and if he now compares what he believes he has found with what is scientifically and sensually observable, then the two merge without contradiction. — At that time, one could still say this as a scholar, as a faithful natural scientist, without finding oneself at odds with the views on the life of the soul in its own particular realm and those concerning the material side of life. Even in the middle of the nineteenth century, this was still the case for a particularly renowned, pioneering naturalist who, more than anyone else, contributed greatly to our understanding of the transformation of animal life forms; yet, in demonstrating their development, he came to the conclusion that:
Ich halte dafür, dass alle organischen Wesen, die je auf dieser Erde gelebt haben, von einer Urform abstammen, welcher das Leben vom Schöpfer eingehaucht wurde.
I believe that all living beings that have ever lived on this Earth are descended from a primordial form into which the Creator breathed life.
[ 16 ] Das war Charles Darwin. Auch dieser konnte ungehindert den Blick in die geistige Welt richten, ohne dass er mit den Ergebnissen der Forschungen in Widerspruch geriet. Dabei muss bemerkt werden, dass wohl das englische Original diese Worte enthält, nicht aber die erste deutsche Übersetzung und deren folgende Auflagen, man war also in so kurzer Zeit nicht mehr imstande, den Blick auf die geistige Welt zu verbinden mit dem schon viel schroffer aufgefassten Darwinismus. So hören und lesen wir es denn heute in allen sogenannt volkstümlichen Darstellungen, dass jeder ein Phantast und Tor sei, der noch festhält an der Einwirkung einer geistigen Welt, nachdem ja Darwin selbst gezeigt habe, dass alles Geistige eine Funktion des Physischen sei. Damit ist natürlich nichts leichter, als so die Geisteswissenschaft zu widerlegen, wenn man dies umsetzt in die Anschauung. Wenn dieser oder jener Teil des Gehirns erkrankt, so wird in gewisser analoger Beziehung die Seele krank; wenn sich allmählich das Gehirn abnützt, so wird dadurch auch die Seele abgetragen, also sei die Seele untrennbar als Ausdrucksform mit der Materie vereinigt zu denken. Darwin habe ja der geistigen Welt ohnedies den Garaus gemacht – obgleich dies nicht so ist.
[ 16 ] That was Charles Darwin. He, too, was able to turn his gaze unhindered toward the spiritual world without contradicting the findings of his research. It should be noted, however, that while the original English text contains these words, the first German translation and its subsequent editions do not; thus, within such a short time, it was no longer possible to reconcile a view of the spiritual world with Darwinism, which had already been interpreted in a much more radical manner. Thus, we hear and read today in all so-called popular accounts that anyone who still holds fast to the influence of a spiritual world is a fantasist and a fool, since Darwin himself had shown that everything spiritual is a function of the physical. Of course, nothing is easier than refuting spiritual science in this way once one applies this view to reality. If this or that part of the brain becomes diseased, the soul becomes diseased in a certain analogous way; if the brain gradually wears out, the soul is also worn away as a result—thus, the soul is to be conceived as inseparably united with matter as a form of expression. Darwin, after all, has already put an end to the spiritual world—even though this is not the case.
[ 17 ] Wir leben heute in einer Zeit, wo es schon ein ernstes Wahrheitsstreben ist, ein Geständnis zu machen, wie Goethe es tat, und sich doch mit der Wissenschaft abzufinden, wie Goethe, der die Seele als völlig zu Recht bestehend beibehalten konnte. Heute scheint es unmöglich zu sein, die äußere, materielle Wissenschaft und das Festhalten an der geistigen Welt miteinander zu vereinigen. Heute leben wir in einem Zeitalter, das fast eine unüberschaubare Menge von Erfahrungsergebnissen aufgehäuft hat, wo es unmöglich ist, dass sich der Einzelne in den immer mehr und weiter geteilten Wissenschaftsdisziplinen zurechtfinden kann, wo es ihm völlig benommen ist, sich genau darüber zu orientieren, was alles die Wissenschaft «festgestellt» hat, ebenso, wie das schwierig ist, selbst festzustellen, was ihm ein zutreffendes Urteil, eine gesunde allgemeine Anschauung über die Geisteswissenschaft gibt.
[ 17 ] We live today in an age when it is already a serious quest for truth to make a confession, as Goethe did, and yet to come to terms with science, like Goethe, who was able to maintain the soul as a wholly legitimate reality. Today it seems impossible to reconcile external, material science with a commitment to the spiritual world. Today we live in an age that has amassed an almost overwhelming amount of empirical findings, where it is impossible for the individual to find their way through the ever-more-numerous and increasingly specialized scientific disciplines, where they are completely at a loss to get a clear picture of everything that science has “established,” just as it is difficult to determine for oneself what constitutes an accurate judgment or a sound general perspective on spiritual science.
[ 18 ] Da kommt also diese Geisteswissenschaft und beruft sich darauf, dass sie dieselbe Denkweise und Logik besitzt und anwendet wie jede andere Wissenschaft von heute, die nicht nur davon ausgeht, dass in der Seele die normale Erkenntniskraft des alltäglichen und wissenschaftlichen Lebens lebe, die sozusagen ein jeder normale Mensch anwenden könne, sondern sie hält fest an der Überzeugung, dass in der Menschenseele Kräfte schlummern, die entwickelt werden können, sodass dem betreffenden Menschen das Leben in der geistigen Welt offenbar werden wird wie dem mit Augen und den übrigen Sinnen begabten Beobachter der äußeren, materiellen Umwelt.
[ 18 ] So here comes this spiritual science, claiming that it possesses and applies the same way of thinking and logic as any other science today—which does not merely assume that the soul contains the normal powers of cognition used in everyday and scientific life, which, so to speak, every normal person can apply, but also holds fast to the conviction that powers lie dormant in the human soul that can be developed, so that life in the spiritual world will become as evident to the individual as the external, material environment is to the observer endowed with eyes and the other senses.
[ 19 ] Es kann im Leben nicht ein jeder seine geistigen Augen und Ohren entwickeln und ein Geistesforscher werden, aber es kann auch nicht jeder im Laboratorium arbeiten, Astronom und so weiter sein, nicht jeder braucht in solcher Art als Forscher zu arbeiten. Nur wenige können es in genügendem Maße erreichen, aber sie können es den anderen verkünden, und jeder Mensch hat in seiner Seele etwas, was ihn davor bewahrt, sich all dem Mitgeteilten im blinden Glauben hinzugeben; das sind: Logik und gesunder Wahrheitssinn. Die ihm gewordenen Mitteilungen können den Menschen erleuchten; er kann sie am Leben messen, erproben und Erfahrungen darüber sammeln, ob sie dort und an sich selbst gesundend und fördernd wirken.
[ 19 ] Not everyone in life can develop their spiritual eyes and ears and become a spiritual researcher, but not everyone can work in a laboratory, be an astronomer, and so on—not everyone needs to work as a researcher in that way. Only a few can achieve this to a sufficient degree, but they can share it with others, and every person has something within their soul that prevents them from blindly accepting everything they are told; these are: logic and a sound sense of truth. The messages conveyed to him can enlighten a person; he can measure them against life, test them, and gather experience to determine whether they have a healing and uplifting effect there and within himself.
[ 20 ] So stellt sich die Geisteswissenschaft ins Leben. Es macht sich dabei der Mensch durch seine seelische Kraft selbst zum Instrument der geisteswissenschaftlichen Forschung. Die Forderung aber, dass hierbei alle Resultate für jeden selbst haarscharf und jederzeit bewiesen werden könnten, ist von der Geisteswissenschaft ebenso wenig zu leisten möglich wie von der äußeren materiellen Wissenschaft und ihren Forschern. Diese Letzteren sagen, ihre Wissenschaft verlange absolute Objektivität, nicht innerlich-seelische Dinge und Erlebnisse, wer aber so spricht, kennt die geisteswissenschaftliche Forschung in ihrem eigentlichen Wesen nicht.
[ 20 ] This is how spiritual science comes into being. In this process, human beings, through the power of their souls, make themselves the instruments of spiritual scientific research. However, the demand that all results be proven with absolute precision for each individual at any time is just as impossible for spiritual science to fulfill as it is for external, material science and its researchers. The latter claim that their science requires absolute objectivity and does not deal with inner, soul-related matters and experiences; but anyone who speaks this way does not understand the true nature of spiritual scientific research.
[ 21 ] Wenn sich jemand, abgesehen von äußeren Eindrücken, ins innere Seelenleben vertieft, so wird er zunächst die eigenen inneren Seelenerfahrungen antreffen, die bei jedem Einzelnen anders sind, aber in Wirklichkeit geht die Seele allmählich andere Wege. Der angehende Geistesforscher wird zunächst seinen Mitmenschen nichts bringen, was ihn allein angeht; er muss sich erst so weit entwickeln, bis er fühlt, dass er nun mit seinem Ich in ein Gebiet gekommen, das völlig neu ist und mit seiner Persönlichkeit als solcher nichts zu tun hat, dann zeigen seine Geisteserkenntnisse dieselbe Objektivität, wie zum Beispiel unser sinnliches Auge uns zeigt, dass die Rose vor uns nicht grün, sondern rot ist, wie sie auch andere gesunde Augen erblicken können. Dann also verwandelt sich das innere Seelenerlebnis zur völligen Objektivität, dann fühlt der Geistesforscher, dass seine Erlebnisse unabhängig sind von seinem subjektiven Gefühl, und er ist vorgedrungen zu einer Sicherheit in der Seherschaft, aus der heraus hier schon öfter die Ergebnisse geistiger Forschung verkündigt wurden.
[ 21 ] When someone, setting aside external impressions, delves into the inner life of the soul, they will first encounter their own inner soul experiences, which are different for each individual; but in reality, the soul gradually takes other paths. The budding spiritual researcher will at first offer his fellow human beings nothing that concerns him alone; he must first develop to the point where he feels that he has now entered, with his “I,” a realm that is entirely new and has nothing to do with his personality as such; only then will his spiritual insights display the same objectivity as, for example, our physical eyes show us that the rose before us is not green but red—just as other healthy eyes can also perceive it. Then, the inner soul experience transforms into complete objectivity; the spiritual researcher feels that his experiences are independent of his subjective feelings, and he has attained a certainty in his clairvoyance from which the results of spiritual research have already been proclaimed here on numerous occasions.
[ 22 ] Unsere Zeit fordert Objektivität. Das muss man respektieren, man muss aber zuerst auf deren Wirkung hinsichtlich des gesunden Wahrheitssinnes achten. Es redet ja auch der gesamte Bestand der äußeren Wissenschaft eine deutliche Sprache; jene fordert ja für unsere Zeit die Anerkennung derjenigen Resultate, die hervorgeholt werden durch Forschungsmethoden, wie sie im «Mysterium des Menschen» von Ludwig Deinhard dargelegt werden, worin gezeigt wird, dass die Wissenschaft, die sich mit ihren Methoden der geisteswissenschaftlichen einigermaßen annähert, doch auch eine Harmonie erzielt zwischen dem äußeren Forschen mit ihren Mitteln und dem inneren Erforschen durch die Methode der Geisteswissenschaft. Das Buch zeigt uns das Bedürfnis der Gegenwart, aus dem geisteswissenschaftlichen Gebiete sich das Erforderliche zu holen, was es dem Menschen möglich macht, sich auf den Platz mit Sicherheit hinzustellen, den er im Leben auszufüllen hat.
[ 22 ] Our times demand objectivity. We must respect that, but we must first consider its impact on a healthy sense of truth. After all, the entire body of external science speaks clearly; it demands, for our time, the recognition of those results that are obtained through research methods such as those outlined in Ludwig Deinhard’s *The Mystery of Man*, which demonstrates that science, when its methods come somewhat closer to those of spiritual science, does indeed achieve a harmony between external research using its own means and inner exploration through the method of spiritual science. The book shows us the need of our time to draw from the field of spiritual science what is necessary to enable human beings to stand securely in the place they are meant to occupy in life.
[ 23 ] Wir haben angedeutet, dass der Geist es ist, der dem Menschen Kraft gibt, nicht aber ein besonderer Aufenthaltsort oder ein besonderes Heilmittel, sondern auf die Dauer nur jene Weltanschauung, die hineinführt in das Zentrum des Geistes. Die vorhin kurz charakterisierte Wissenschaft fühlt sich gedrängt, die Rolle zu übernehmen, die früher die Naturwissenschaft für die Menschheit hatte.
[ 23 ] We have suggested that it is the spirit that gives people strength—not a particular place of residence or a specific remedy, but, in the long run, only that worldview that leads into the center of the spirit. The science briefly characterized earlier feels compelled to assume the role that the natural sciences once played for humanity.
[ 24 ] Die meisten der Anwesenden wissen, wie die Geisteswissenschaft zeigt, dass ein Begriff wahr ist, obgleich ein großer Teil der gebildeten Welt mitleidig die Achsel darüber zuckt, nämlich die Wiederverkörperung. Es möge daran erinnert werden, dass ein abfälliges Reden darüber das Schicksal haben wird, wie die Behauptung der früheren Naturwissenschaft, dass aus einem Pferdekadaver sich Hornissen entwickelten, ohne deren Eier, wie es ja im siebzehnten und teilweise noch im achtzehnten Jahrhundert gelehrte Bücher gab, in denen derartige Behauptungen systematisch vorgeführt wurden, so zum Beispiel des Weiteren, dass aus Eselskadavern Wespen und so weiter, aus Flussschlamm sich Würmer und sogar Fische unmittelbar entwickelten, bis Francesco Redi dem energisch widersprach und den Grundsatz aufstellte: Lebendiges kann nur von gleichartigem Lebendigen abstammen; eine Anschauung, die heute allgemein als selbstverständlich gilt, nicht nur für Du Bois-Reymond und Virchow, während Francesco Redi im siebzehnten Jahrhundert nur mit knapper Not dem Schicksale Giordano Brunos entging, denn man hielt ihn für einen argen Ketzer.
[ 24 ] Most of those present know—as spiritual science demonstrates—that a certain concept is true, even though a large portion of the educated world dismisses it with a pitying shrug: namely, reincarnation. It should be remembered that disparaging remarks about it will meet the same fate as the claim made by early natural science that hornets developed from a horse’s carcass without their eggs—as evidenced by scholarly books from the seventeenth and, to some extent, even the eighteenth century, in which such claims were systematically presented, for example, that wasps and so on developed directly from donkey carcasses, and that worms and even fish developed directly from river mud—until Francesco Redi vigorously contradicted this and established the principle: Living things can only descend from living things of the same kind; a view that is generally taken for granted today, not only by Du Bois-Reymond and Virchow, whereas in the seventeenth century Francesco Redi narrowly escaped the fate of Giordano Bruno, for he was considered a serious heretic.
[ 25 ] Heute ist man wissenschaftlich der Meinung: Wenn ein Mensch geboren wird, so steht er allein unter dem Einfluss der Vererbung aus seiner Ahnenreihe; das ist aber eine ungenaue Beobachtung. Die Geisteswissenschaft stellt die Anschauung auf, dass dasjenige, was als Geistig-Seelisches sich mit dem vereinigt, was Vater und Mutter ihm an physischer Körperlichkeit darbieten können, dieses erst weiter ausgestaltet und dazu im weiteren Verlaufe der Entwicklung sich die Mittel aus der Umgebung aneignet. Das Geistig-Seelische aber ist zurückzuführen auf frühere Verkörperungen; und wie Lebendiges nur aus Lebendigem kommen kann, so kann Geistig-Seelisches nur aus Geistig-Seelischem entstehen. Damit ist das jetzige Erdenleben eines jeden ebenso der Ausgangspunkt für spätere Erdenleben, und damit soll die Selbstständigkeit der menschlichen Seele vertreten werden. Es wird eine Zeit kommen, und sie ist nicht mehr fern, wo man die Fähigkeiten eines genialen Menschen nicht mehr zurückführt einzig auf seine leiblichen Vorfahren, wie das Goethe ausspricht, wenn er sagt:
[ 25 ] Today, the scientific view is that when a human being is born, he or she is influenced solely by heredity from his or her ancestral line; however, this is an inaccurate observation. Spiritual science posits the view that what unites as the spiritual-soul aspect with what the father and mother can offer in terms of physical form first develops this further and, in the course of further development, appropriates the necessary resources from the environment. The spiritual-soul aspect, however, can be traced back to earlier incarnations; and just as the living can come only from the living, so the spiritual-soul aspect can arise only from the spiritual-soul aspect. Thus, each person’s present earthly life is also the starting point for later earthly lives, and this is how the independence of the human soul is to be understood. A time will come—and it is not far off—when the abilities of a genius will no longer be attributed solely to his physical ancestors, as Goethe expresses it when he says: “/p”
Vom Vater hab ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.
Urahnherr war der Schönsten hold,
Das spukt so hin und wieder;
Urahnfrau liebte Schmuck und Gold,
Das zuckt wohl durch die Glieder.
Sind nun die Elemente nicht
Aus dem Komplex zu trennen,
Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?
From my father I inherited my stature,
A serious approach to life,
From my mother, a cheerful disposition
And a love of storytelling.
My forefather was enamored with the fairest of women,
which haunts me now and then;
My female ancestor loved jewelry and gold,
which surely runs through my veins.
If these elements cannot
be separated from the whole,
what part of this little fellow
can be called original?
[ 26 ] Da weist man heute gern hin auf den Satz, das Genie stehe nicht am Anfange, sondern am Ende einer Entwicklungsreihe, und das beweise, dass es sich vererbe. Das ist mir eine schöne Beweisführung! Umgekehrt müsste es sein, denn die Verhältnisse liegen durchaus nicht in diesem Zusammenhange. Die physischen Eigenschaften eignet sich natürlich der Mensch an ebenso, wie es selbstverständlich ist, dass er nass wird, wenn er ins Wasser fällt. Man sagt dann, die Eigenschaften zum Beispiel des Vaters seien latent geblieben, weil sie sich nicht wie jetzt beim Sohne gezeigt haben, damit diese seltsame Theorie gerettet werden kann. Ein vom Dach fallender Ziegelstein hat auch die latente Anlage, jemanden zu erschlagen; mit solch seltsamen Annahmen kann man alles beweisen, und so verhält es sich auch mit der Anlage, die beim Vorfahr nicht vorhanden war, aber beim Nachkommen sich gezeigt hat.
[ 26 ] People today like to point to the statement that genius does not stand at the beginning but at the end of a series of developments, and that this proves it is inherited. That’s quite a line of reasoning! It should be the other way around, for the circumstances do not at all fit this pattern. Of course, a person acquires physical characteristics just as it is only natural that he gets wet when he falls into water. People then say that the characteristics of, for example, the father remained latent because they did not manifest themselves as they now do in the son, so that this strange theory can be salvaged. A brick falling from a roof also has the latent potential to kill someone; with such strange assumptions, one can prove anything, and the same applies to a predisposition that was not present in the ancestor but has manifested itself in the descendant.
[ 27 ] Eine gesundere Forschung gibt es auf dem Gebiete der niederen Lebewesen. Da hat ein armer Schullehrer [Mönch] in Österreichisch-Schlesien [Brünn in Mähren] namens Mendel bei seinen Versuchen, Pflanzen-Bastardisierungen zu erzielen, gefunden, dass die zu erwartenden Eigenschaften sich nicht schon in der zunächst folgenden, sondern in der übernächsten Generation zeigten. So war man früher ebenso langmütig in Bezug auf wirkliche Vererbungen, wie man das jetzt ebenso allgemein außer Acht gelassen hat.
[ 27 ] More sound research has been conducted in the field of lower organisms. There, a poor schoolteacher [monk] in Austrian Silesia [Brno in Moravia] named Mendel, in his experiments to produce plant hybrids, discovered that the expected traits did not appear in the very next generation, but in the one after that. Thus, people used to be just as patient with regard to actual inheritance as they have now generally disregarded it.
[ 28 ] Der naturwissenschaftliche Materialismus nennt die Theosophen Phantasten und Dualisten, die nichts vom Monismus verstehen, wenn sie die Anschauung hegen, dass die Seele die im letzten Leben erlangten Kräfte benütze, um sich mit den ihr zur Verfügung stehenden materiellen Mitteln einen passenden Körper auszugestalten – eine Anschauung, die ebenfalls und reiner eine monistische, und zwar von der geistige Seite her, zu nennen ist. Verbrennen wird man zwar diese verdrehten Köpfe der Geisteswissenschaftler nicht mehr, dazu ist man zu human geworden, aber man versucht es, sie durch LustigMachen der Lächerlichkeit und Vernichtung preiszugeben. Einen Einwand pflegt man gegen die Wiederkehr der Seele zu erheben, nämlich den, man könne sich an ein verflossenes Leben nicht erinnern; man wisse überhaupt nichts davon. Ein vierjähriges Kind kann aber auch noch nicht rechnen; man überlasse es aber seiner Entwicklung, und nach Verlauf von zehn Jahren wird es schon rechnen können.
[ 28 ] Scientific materialism labels theosophists as fantasists and dualists who understand nothing of monism when they hold the view that the soul uses the powers acquired in its previous life to fashion a suitable body for itself with the material means at its disposal —a view that can also be described as monistic, and indeed a purer form of monism, specifically from the spiritual perspective. While people no longer burn these “twisted minds” of spiritual scientists—we have become too humane for that—they do attempt to expose them to ridicule and destruction by making fun of them. One objection is often raised against the return of the soul, namely, that one cannot remember a past life; one knows nothing about it at all. But a four-year-old child cannot yet do arithmetic either; yet if one leaves it to its development, after ten years it will already be able to do arithmetic.
[ 29 ] So ist es auch mit unserem Rückblick auf ein früheres Leben, wir stehen darin auch erst im Anfang unserer Entwicklung, auch darin ist, wie auf vielen anderen Gebieten, ein Fortschritt mindestens denkbar, bis dass eine jede Seele zu einem immer weiter rückwärts reichenden Einsehen in frühere Erdenleben kommt. Im gegenwärtigen Leben gibt es kurze Zeiten der Kindheit, an die man sich nicht erinnern kann, trotzdem war das jetzige Ich auch schon damals vorhanden. Dieses werden Sie weder ableugnen wollen oder können, obgleich Sie außerstande sind, sich dessen zu erinnern. So hat auch die Möglichkeit oder Unmöglichkeit Ihrer Rückerinnerung mit Ihrem früheren wirklichen Dasein und mit dem Vorleben Ihrer Seele im entscheidenden Sinne nichts zu tun.
[ 29 ] The same is true of our recollection of a past life; in this regard, too, we are still only at the beginning of our development. Here, as in many other areas, progress is at least conceivable, until every soul arrives at an understanding of past earthly lives that extends ever further back in time. In this present life, there are brief periods of childhood that one cannot remember; nevertheless, the present “I” already existed back then. You will neither want nor be able to deny this, even though you are unable to recall it. Thus, the possibility or impossibility of your recollection has, in a decisive sense, nothing to do with your actual past existence or with the previous life of your soul.
[ 30 ] Warum aber können wir uns an frühere Erdenleben nicht zurückerinnern? Unsere Rückerinnerung im jetzigen Leibe reicht zurück bis zu dem Entwicklungspunkte, wo das eigene Ich sich selbst erlebt. Es ist zu Anfang unseres Erdenlebens noch nicht ins Bewusstsein heraufgehoben, aber mit dem Moment, in dem das erfolgt, fällt auch der Beginn der Erinnerungsmöglichkeit zusammen. So bildet denn das Ich gewissermaßen die Außenwand; so weit das Ich-Bewusstsein vorhanden ist, so weit reicht Bewusstsein und Gedächtnis. Daraus ergibt sich aber auch die Möglichkeit, dieses Ich so zu behandeln, dass es aus dem Zustande, wie es in normaler Weise im Menschen ist, sich zu höheren Zustande umwandelt. Wir müssen also unser jetziges Ich-Bewusstsein überwinden; es ist das nicht leicht, und ich will als einen Fingerzeig nur eines anführen.
[ 30 ] But why can’t we remember our past lives on Earth? Our ability to recall events in this present body extends back to the point in development where the “I” becomes self-aware. At the beginning of our earthly life, it has not yet risen into consciousness, but the moment this occurs coincides with the beginning of our capacity for memory. Thus, the “I” forms, so to speak, the outer boundary; consciousness and memory extend only as far as “I”-consciousness is present. But this also gives us the opportunity to work with this “I” in such a way that it transforms from its normal human state into a higher state. We must therefore transcend our present sense of self; this is not easy, and I will cite just one example as a guide.
[ 31 ] Den Blick nach rückwärts können wir frei machen, wenn wir imstande sind, ihn auf die Zukunft frei zu machen. Zu dem Zwecke müssen wir alles dasjenige, was uns aus der Gegenwart entgegenströmt, gewohnheitsgemäß mit Gelassenheit und Ruhe, mit Gleichmut aufnehmen, sorgenlos die Welten-Vorsehung verehren. Es muss uns gleichmäßig berühren, ob uns Lob und Tadel, Freude und Schmerz trifft, es muss die Seele ruhig stehen, mit Gelassenheit alles erwarten, ob es Leben oder Sterben andeutet, ob Schmerz oder Lust, die Weisheit der Weltenlenkung verehrend. Wenn wir solche Perspektive tatsächlich in der Zukunft zu schauen vermögen, dann wird uns als Ergebnis ein Rückblick in die Vergangenheit werden, es erweitert sich dann der Blick zuerst in das letztvorhergehende und sodann in frühere Erdenleben.
[ 31 ] We can free our gaze to look backward only if we are able to free it to look toward the future. To that end, we must habitually accept everything that flows toward us from the present with serenity and calm, with equanimity, and worship the providence of the universe without worry. We must remain equally unmoved whether we encounter praise or blame, joy or pain; our soul must stand firm, awaiting everything with serenity—whether it portends life or death, pain or pleasure—while revering the wisdom of the universe’s guidance. If we are truly able to view the future from such a perspective, then the result will be a look back into the past; our vision will then expand first to the immediately preceding life and then to earlier earthly lives.
[ 32 ] Obwohl ein Wissender heute die angedeutete Wirkung solcher Übungen neben der sonst noch nötigen vielen, schwierigeren Arbeit bestätigen kann, so wird doch leicht auf der anderen Seite von bloßer Theorie hierüber geurteilt werden. Der Wissende aber, der aus eigener Erfahrung spricht, wird sich dadurch nicht beirren lassen, ob man ihn hören und seine Mitteilungen richtig beurteilen will, ebenso wenig es Francesco Redi beirrte, als man ihn einen Ketzer nannte, und wie es auch diejenigen, welche in gründlicher Art Geisteswissenschaft treiben, nicht stört, wenn man sie Phantasten und verdrehte Köpfe nennt.
[ 32 ] Although an expert today can confirm the suggested effect of such exercises—in addition to the much more difficult work that is otherwise required—it is nevertheless easy for others to judge this matter based on mere theory. The initiate, however, who speaks from his own experience, will not allow himself to be deterred by this—provided one is willing to listen to him and assess his statements correctly—just as Francesco Redi was not deterred when he was called a heretic, and just as those who pursue spiritual science in a thorough manner are not bothered when they are called fantasists and people with twisted minds.
[ 33 ] Bei weiterem Eindringen in die Eigenart der kulturellen Entwicklung wird man auch zu dem Punkte kommen, sich zu fragen: Wie stehe ich zu der großen Fortentwicklung der Menschheit, besonders zum Christentum? Vor Christus haben schon viele Jahrtausende lang Menschen gelebt; woran könnten denn diejenigen, die mit und nach ihm lebten, einen Vorzug begründen, den Christus-Impuls aufnehmen zu dürfen, und nicht auch diejenigen, welche vor Christus lebten? Heute ist die Menschheit so weit fortgeschritten, um sich derartige Fragen in ganzer Gemütstiefe zu stellen; gerade in unserer Zeit, in der man immer mehr wissenschaftlich-historisch denken lernt, müssen sich solche Fragen aufwerfen. Da kommt dann die Geisteswissenschaft und sagt: Dieselbe Seele hat die Ereignisse vor und nach dem Erscheinen des Christus durchlebt, einen solchen Einwand gibt es nicht für die geisteswissenschaftliche Weltanschauung. Dieselben Seelen sind es, die vor wie nach in die Schule des Lebens gehen. Diese Ideen, die uns teils auch Rückfälle zeigen, werden uns immer wieder Mut und Kräfte geben, uns stets von Neuem ins Leben zu stellen, in welchem wir in genügend langen Zeiträumen auch wieder Fortschritte erkennen können.
[ 33 ] As one delves deeper into the nature of cultural development, one will also come to ask oneself: What is my stance toward the great progress of humanity, especially toward Christianity? People had already been living for many millennia before Christ; on what grounds, then, could those who lived during and after his time claim a privilege to receive the Christ impulse, rather than those who lived before him? Today, humanity has advanced far enough to ask such questions with the full depth of its soul; precisely in our time, when we are learning to think more and more in scientific and historical terms, such questions must arise. This is where spiritual science steps in and says: The same soul has lived through the events before and after the coming of Christ; there is no such objection from the perspective of the spiritual-scientific worldview. It is these same souls that enter the school of life both before and after. These ideas—which in part also reveal our setbacks—will time and again give us courage and strength to face life anew, in which, over sufficiently long periods of time, we can once again recognize our progress.
[ 34 ] Diejenigen, welche mich öfter gehört haben, werden wissen, in welchem Sinne die Geisteswissenschaft sich erlauben kann, über alle Zweige der äußeren Wissenschaften zu sprechen und ihre Wege, Ziele und Fortschritte zu beurteilen. Goethe konnte von sich sagen, wenn er seine wissenschaftlichen Blicke hinaufsteigen lasse in hohe geistige Gebiete, so könne er dabei doch die Naturwissenschaften stets anerkennen. Die Geisteswissenschaft muss sich stets als Ferment fühlen und in diesem Sinne arbeiten, damit die Kluft zwischen der geistigen und [der] äußerlich-materialistischen Auffassung der Wissenschaft nicht zu groß werde, damit vielmehr allmählich Harmonie eintreten kann, welche imstande ist, der Seele Fröhlichkeit und Kraft zu geben, Kräfte, welche Aussicht auf Erfolg und Fortschritt bieten.
[ 34 ] Those who have heard me speak on this topic frequently will know in what sense the science of the spirit can take the liberty of speaking about all branches of the external sciences and of evaluating their methods, goals, and progress. Goethe could say of himself that when he let his scientific gaze ascend into lofty spiritual realms, he could still always acknowledge the natural sciences. Spiritual science must always see itself as a catalyst and work in this spirit, so that the gulf between the spiritual and [the] external-materialistic conception of science does not become too wide, but rather so that harmony may gradually emerge—a harmony capable of giving the soul joy and strength, forces that offer the prospect of success and progress.
[ 35 ] Wenn betont wird: In einem gesunden Leibe nur kann eine gesunde Seele wohnen –, so ist das dahin aufzufassen, dass die gesunde Seele allein imstande war, einen gesunden Leib als ihre Wohnung zuzubereiten, nicht aber umgekehrt. So schaltet die Geisteswissenschaft nicht nur in der Theorie Widersprüche aus, sondern vertreibt auch allen Kleinmut und [alle] seelische Schwachheit, sodass dann die Menschheit gesund und stark heranwachsen kann zur Erfüllung ihrer Aufgaben. Vom sozialen Zusammenwirken ausgehend, kann sich dann ein gesunder Aufstieg zur Höhe materieller und besonders geistiger Entwicklung anbahnen, wie dieser der Menschheit beschieden ist. Der Mensch wird dann immer mehr befähigt werden, die geistigen Geheimnisse aus den geistigen Welten herauszuholen und in die physische Welt zu übertragen, das Leben dort damit zu befruchten. Die Seele aber ist die Stätte, in der sich beide Welten berühren. Es kann dann die Menschheit stark und gesund werden und bleiben, wenn sie durch ihre geistigen und physischen Adern fließen lässt, was wir zusammenfassend in die Worte kleiden können: Es drängt sich in den Menschensinn Aus Weltenfernen rätselvoll
[ 35 ] When it is emphasized that “only a healthy soul can dwell in a healthy body,” this is to be understood to mean that the healthy soul alone was capable of preparing a healthy body as its dwelling place, but not the other way around. In this way, spiritual science not only eliminates contradictions in theory but also dispels all timidity and [all] spiritual weakness, so that humanity can then grow up healthy and strong to fulfill its tasks. Starting from social interaction, a healthy ascent toward the heights of material and, especially, spiritual development can then begin, as is destined for humanity. Humanity will then become increasingly capable of drawing spiritual mysteries from the spiritual worlds and transferring them into the physical world, thereby enriching life there. The soul, however, is the place where both worlds meet. Humanity can then become and remain strong and healthy if it allows what we can summarize in the following words to flow through its spiritual and physical veins: “It presses upon the human mind, mysteriously from worlds afar”
Des Stoffes reiche Fülle.
Es strömt in Seelengründe
Aus Weltenhöhen inhaltsvoll
Des Geistes klärend Licht.
Sie treffen sich im Menschen
Zu weisheitsvoller Wirklichkeit.
The abundant wealth of the substance.
It flows into the depths of the soul
From the heights of the universe, rich in meaning
The clarifying light of the spirit.
They come together within the human being
To form a reality of wisdom.
