The Human Soul, Fate and Death
GA 70a
18 June 1915, Cologne
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Menschenseele, Schicksal und Tod
18. Die verjüngenden Kräfte der Deutschen Volksseele im Lichte der Geisteswissenschaft und im Hinblick auf unsere schicksalstragende Zeit
18. Die verjüngenden Kräfte der Deutschen Volksseele im Lichte der Geisteswissenschaft und im Hinblick auf unsere schicksalstragende Zeit
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Seit langer Zeit schon durfte ich in jedem Jahr hier einen oder mehrere Vorträge halten aus dem Gebiete, das ich mir zu nennen erlaube das der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. Die Freunde unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung waren nun der Ansicht, dass auch in unserer schicksalsbewegten Zeit ein solcher Vortrag hier in dieser Stadt wiederum gehalten werden dürfe.
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Seit langer Zeit schon durfte ich in jedem Jahr hier einen oder mehrere Vorträge halten aus dem Gebiete, das ich mir zu nennen erlaube das der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. Die Freunde unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung waren nun der Ansicht, dass auch in unserer schicksalsbewegten Zeit ein solcher Vortrag hier in dieser Stadt wiederum gehalten werden dürfe.
[ 2 ] Sie werden es begreiflich finden, meine sehr verehrten Anwesenden, dass gerade vom Gesichtspunkte der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung aus eine Betrachtung in unserer Zeit hinlenken muss die Empfindungen, die Gefühle auf das, was uns ja eben in unserer unmittelbaren Gegenwart als deren so schicksalstragenden Inhalt bewegt. Wir sehen verschiedene Nationen der Erde miteinander im Kampf. Wir sehen vor allen Dingen Mitteleuropa, wie in einer großen, mächtigen Festung eingeschlossen, um die heiligsten Güter ringen. Da muss denn jede Menschenseele, auch wenn sie mit ihren Gedanken zu den wichtigsten, vielleicht zu den höchsten Rätselfragen des Daseins schweifen will, die Empfindungen mitnehmen, die von den Ereignissen kommen, die zweifellos ungeheuer Bedeutsames in ihrem Schoße tragen, die Zuversicht, Kraft, Hoffnung von uns verlangen, und die vor allen Dingen verlangen von uns, dass wir sehenden Auges die Tatsachen überblicken, dass wir sehenden Auges auch die Kräfte vor unsere Seele treten lassen, welche in der Gegenwart ins Spiel kommen.
[ 2 ] Sie werden es begreiflich finden, meine sehr verehrten Anwesenden, dass gerade vom Gesichtspunkte der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung aus eine Betrachtung in unserer Zeit hinlenken muss die Empfindungen, die Gefühle auf das, was uns ja eben in unserer unmittelbaren Gegenwart als deren so schicksalstragenden Inhalt bewegt. Wir sehen verschiedene Nationen der Erde miteinander im Kampf. Wir sehen vor allen Dingen Mitteleuropa, wie in einer großen, mächtigen Festung eingeschlossen, um die heiligsten Güter ringen. Da muss denn jede Menschenseele, auch wenn sie mit ihren Gedanken zu den wichtigsten, vielleicht zu den höchsten Rätselfragen des Daseins schweifen will, die Empfindungen mitnehmen, die von den Ereignissen kommen, die zweifellos ungeheuer Bedeutsames in ihrem Schoße tragen, die Zuversicht, Kraft, Hoffnung von uns verlangen, und die vor allen Dingen verlangen von uns, dass wir sehenden Auges die Tatsachen überblicken, dass wir sehenden Auges auch die Kräfte vor unsere Seele treten lassen, welche in der Gegenwart ins Spiel kommen.
[ 3 ] Nun ist es mir wahrhaftig nicht darum zu tun, die ja schon überflutende Literatur, die überflutend reichlich fließenden Vorträge über unsere gegenwärtigen Ereignisse auch noch um eine Betrachtung zu vermehren. Es wird sich am heutigen Abend um mancherlei anderes noch handeln, als oftmals in unserer Gegenwart besprochen worden ist. Man hat ja schon und nicht mit Unrecht, gesagt, dass man nicht den klaren und sicheren Blick auf dasjenige, was als miteinander kämpfende Interessen in der Gegenwart in Betracht kommt, dass man nicht den Blick für die Verhältnisse sich trüben lassen soll, umnebeln lassen soll durch allerlei Mystisches, allerlei Metaphysisches, dass man sich vor allen Dinge klar sein müsse, dass das gegenwärtige Ringen politischen Ursachen, sozialen Ursachen und den Interessen der Völker sein Dasein verdanke und dass man ja nicht sprechen solle davon, dass das geistige Leben irgendwie unter den Ursachen der gegenwärtigen Ereignisse fruchtbringend genannt werden könne.
[ 3 ] Nun ist es mir wahrhaftig nicht darum zu tun, die ja schon überflutende Literatur, die überflutend reichlich fließenden Vorträge über unsere gegenwärtigen Ereignisse auch noch um eine Betrachtung zu vermehren. Es wird sich am heutigen Abend um mancherlei anderes noch handeln, als oftmals in unserer Gegenwart besprochen worden ist. Man hat ja schon und nicht mit Unrecht, gesagt, dass man nicht den klaren und sicheren Blick auf dasjenige, was als miteinander kämpfende Interessen in der Gegenwart in Betracht kommt, dass man nicht den Blick für die Verhältnisse sich trüben lassen soll, umnebeln lassen soll durch allerlei Mystisches, allerlei Metaphysisches, dass man sich vor allen Dinge klar sein müsse, dass das gegenwärtige Ringen politischen Ursachen, sozialen Ursachen und den Interessen der Völker sein Dasein verdanke und dass man ja nicht sprechen solle davon, dass das geistige Leben irgendwie unter den Ursachen der gegenwärtigen Ereignisse fruchtbringend genannt werden könne.
[ 4 ] Nun gewiss, gerade der Geisteswissenschaftler hat alle Ursache, meine sehr verehrten Anwesenden, sich zu hüten davor, in allerlei Spekulationen zu verfallen darüber, wie etwa die Weltengeister selbst miteinander in Kampf gekommen seien oder dergleichen. Aber eines darf doch immer wiederum hervorgehoben werden: Auch in jenen alten Zeiten, im Beginne des Mittelalters, als unsere Vorfahren, unsere germanischen Vorfahren, die Bewohner Mitteleuropas, gegenüberstanden dem alten, seinem Ende entgegengehenden Römischen Reiche, da konnten auch damals die Menschen sagen: Es handelt sich nur um die Interessenssphären, auf der einen Seite der germanischen Völkerschaften Mitteleuropas, auf der anderen Seite der Völker Südeuropas, und man solle nicht durch allerlei Hinblicken auf geistige Strömungen oder dergleichen sich den klaren Blick trüben lassen auf das, um was es sich zunächst handele.
[ 4 ] Nun gewiss, gerade der Geisteswissenschaftler hat alle Ursache, meine sehr verehrten Anwesenden, sich zu hüten davor, in allerlei Spekulationen zu verfallen darüber, wie etwa die Weltengeister selbst miteinander in Kampf gekommen seien oder dergleichen. Aber eines darf doch immer wiederum hervorgehoben werden: Auch in jenen alten Zeiten, im Beginne des Mittelalters, als unsere Vorfahren, unsere germanischen Vorfahren, die Bewohner Mitteleuropas, gegenüberstanden dem alten, seinem Ende entgegengehenden Römischen Reiche, da konnten auch damals die Menschen sagen: Es handelt sich nur um die Interessenssphären, auf der einen Seite der germanischen Völkerschaften Mitteleuropas, auf der anderen Seite der Völker Südeuropas, und man solle nicht durch allerlei Hinblicken auf geistige Strömungen oder dergleichen sich den klaren Blick trüben lassen auf das, um was es sich zunächst handele.
[ 5 ] Gewiss, für die unmittelbare Gegenwart, für den Blick, der die unmittelbare Gegenwart nur betrachtet, ist es so, ist das voll berechtigt. Dennoch wird man vielleicht das Folgende bedenken können. Man wird sagen können: Ja, gewiss, so, wie heute richtig betrachtet englische und deutsche Interessen, politische Interessen, einander gegenüberstehen und zum Kriege geführt haben, so haben dazumal einander gegenübergestanden die mitteleuropäischen und die südeuropäischen Interessen; aber wenn man die ganze, auf jene Ereignisse folgende Geschichte betrachtet, so wird man doch sich sagen müssen: Ja, damals wurde Europa so gestaltet, wie es gestaltet werden musste, damit die ganze Kulturentwicklung mit all ihrem Inhalt, die seither Platz gegriffen hat, vor sich gehen konnte. Und alles dasjenige, was geistig hinterher geschehen ist, das lag dazumal schon im Schoße der Ereignisse. Die Art und Weise, wie das Christentum sich eingelebt hat in Europa, sie hing davon ab, welche Geltung sich die germanischen Völkerschaften damals haben verschaffen können. Alle folgende Kultur, in die wir erst hineinversetzt sind, sie hat sich gestaltet durch dasjenige, was sich damals abspielte.
[ 5 ] Gewiss, für die unmittelbare Gegenwart, für den Blick, der die unmittelbare Gegenwart nur betrachtet, ist es so, ist das voll berechtigt. Dennoch wird man vielleicht das Folgende bedenken können. Man wird sagen können: Ja, gewiss, so, wie heute richtig betrachtet englische und deutsche Interessen, politische Interessen, einander gegenüberstehen und zum Kriege geführt haben, so haben dazumal einander gegenübergestanden die mitteleuropäischen und die südeuropäischen Interessen; aber wenn man die ganze, auf jene Ereignisse folgende Geschichte betrachtet, so wird man doch sich sagen müssen: Ja, damals wurde Europa so gestaltet, wie es gestaltet werden musste, damit die ganze Kulturentwicklung mit all ihrem Inhalt, die seither Platz gegriffen hat, vor sich gehen konnte. Und alles dasjenige, was geistig hinterher geschehen ist, das lag dazumal schon im Schoße der Ereignisse. Die Art und Weise, wie das Christentum sich eingelebt hat in Europa, sie hing davon ab, welche Geltung sich die germanischen Völkerschaften damals haben verschaffen können. Alle folgende Kultur, in die wir erst hineinversetzt sind, sie hat sich gestaltet durch dasjenige, was sich damals abspielte.
[ 6 ] Dem Menschen der Gegenwart obliegt es, nicht in derselben Weise wie etwa ein Mensch der damaligen Zeit nur instinktiv hinzuleben. Die Zeiten sind vorwärtsgeschritten, und jetzt handelt es sich darum, dass man sehenden Auges, das heißt mit vollem Bewusstsein, das vor seine Seele treten lasse, was auch von einem gewissen höheren Gesichtspunkte aus — ich will nicht sagen den Ereignissen zugrunde liegt, ausdrücklich möchte ich das betonen —, was sich aber ausspricht in dem gewaltigen, noch niemals in der Menschheitsentwicklung da gewesenen Ringen.
[ 6 ] Dem Menschen der Gegenwart obliegt es, nicht in derselben Weise wie etwa ein Mensch der damaligen Zeit nur instinktiv hinzuleben. Die Zeiten sind vorwärtsgeschritten, und jetzt handelt es sich darum, dass man sehenden Auges, das heißt mit vollem Bewusstsein, das vor seine Seele treten lasse, was auch von einem gewissen höheren Gesichtspunkte aus — ich will nicht sagen den Ereignissen zugrunde liegt, ausdrücklich möchte ich das betonen —, was sich aber ausspricht in dem gewaltigen, noch niemals in der Menschheitsentwicklung da gewesenen Ringen.
[ 7 ] Dies ist das eine. Das andere aber, meine sehr verehrten Anwesenden, ist dieses, dass gerade demjenigen, der die geistigen Ereignisse der gegenwärtigen und der vergangenen Zeit, insoweit sich die Gegenwart aus dieser Vergangenheit heraus entwickelt hat, dass demjenigen, der diese Verhältnisse ins Auge fasst, sich allerdings zeigt, dass nicht nur gegenwärtig, sondern im Grunde lange schon auch ein Kampf, ein Ringen der Völker der Erde, der Menschen der Erde um geistige Güter stattfindet, ein Ringen, das man in seiner besonderen Eigenart oftmals, und vielleicht gerade in den letzten Jahrzehnten besonders, nicht sehr beachtet hat. Aber dasjenige, was heute geschieht, was heute aus Blut und Tod heraus erkämpft werden muss, das muss uns mahnen, den Blick auch einmal zu werfen auf dasjenige, was in den Seelen vorgeht und wie in demjenigen, was die Seelen erstreben und wollen, doch auch ein Kampffeld zu nennendes Feld auf unserer Erde auftritt.
[ 7 ] Dies ist das eine. Das andere aber, meine sehr verehrten Anwesenden, ist dieses, dass gerade demjenigen, der die geistigen Ereignisse der gegenwärtigen und der vergangenen Zeit, insoweit sich die Gegenwart aus dieser Vergangenheit heraus entwickelt hat, dass demjenigen, der diese Verhältnisse ins Auge fasst, sich allerdings zeigt, dass nicht nur gegenwärtig, sondern im Grunde lange schon auch ein Kampf, ein Ringen der Völker der Erde, der Menschen der Erde um geistige Güter stattfindet, ein Ringen, das man in seiner besonderen Eigenart oftmals, und vielleicht gerade in den letzten Jahrzehnten besonders, nicht sehr beachtet hat. Aber dasjenige, was heute geschieht, was heute aus Blut und Tod heraus erkämpft werden muss, das muss uns mahnen, den Blick auch einmal zu werfen auf dasjenige, was in den Seelen vorgeht und wie in demjenigen, was die Seelen erstreben und wollen, doch auch ein Kampffeld zu nennendes Feld auf unserer Erde auftritt.
[ 8 ] Auf politische Verhältnisse mich einzulassen, obliegt mir ganz und gar nicht. Aber das darf ich streifen, dass ganz gewiss in der Zukunft alle jene Deklamationen und Sophistereien, die heute gepflogen werden über die Ursachen des Krieges, über dasjenige, was der eine oder der andere getan hat, um den Krieg herbeizuführen, dass das sich gerade, wenn immer tiefer und tiefer in einer vielleicht gar nicht fernen Zukunft die Verhältnisse durchschaut werden, zu der Erkenntnis kristallisieren wird, dass es sich denn doch handelt um eine Verteidigung, welche die Völker Mitteleuropas, insbesondere das deutsche Volk gegen mächtige, es nicht aufkommen lassen wollende Völker zu führen hat. Es ist auch für den ganz objektiv Betrachtenden klar und wird immer klarer werden, dass das deutsche Volk einen Verteidigungskampf zu führen hat. Ich mache darauf aufmerksam aus dem Grunde, [da] das Wort Verteidigungskampf auch angewendet werden muss auf die geistigen Güter, die aus den Tiefen der deutschen Volksseele heraus der Welt gegeben werden sollen, die aber gegenüber den Angriffen, die sich nicht mehr als Angriffe geben, die aber dennoch sozusagen auf dem Schauplatze der Weltenereignisse in geistiger Art Angriffe sind, die gegenüber diesen Angriffen verteidigt werden müssen.
[ 8 ] Auf politische Verhältnisse mich einzulassen, obliegt mir ganz und gar nicht. Aber das darf ich streifen, dass ganz gewiss in der Zukunft alle jene Deklamationen und Sophistereien, die heute gepflogen werden über die Ursachen des Krieges, über dasjenige, was der eine oder der andere getan hat, um den Krieg herbeizuführen, dass das sich gerade, wenn immer tiefer und tiefer in einer vielleicht gar nicht fernen Zukunft die Verhältnisse durchschaut werden, zu der Erkenntnis kristallisieren wird, dass es sich denn doch handelt um eine Verteidigung, welche die Völker Mitteleuropas, insbesondere das deutsche Volk gegen mächtige, es nicht aufkommen lassen wollende Völker zu führen hat. Es ist auch für den ganz objektiv Betrachtenden klar und wird immer klarer werden, dass das deutsche Volk einen Verteidigungskampf zu führen hat. Ich mache darauf aufmerksam aus dem Grunde, [da] das Wort Verteidigungskampf auch angewendet werden muss auf die geistigen Güter, die aus den Tiefen der deutschen Volksseele heraus der Welt gegeben werden sollen, die aber gegenüber den Angriffen, die sich nicht mehr als Angriffe geben, die aber dennoch sozusagen auf dem Schauplatze der Weltenereignisse in geistiger Art Angriffe sind, die gegenüber diesen Angriffen verteidigt werden müssen.
[ 9 ] Um dasjenige zu kennzeichnen, was ich eigentlich meine, sei etwas scheinbar Fernliegendes, aber eben nur beispielsweise angeführt. Wir haben innerhalb unserer deutschen Geisteskultur seit reichlich mehr als einem Jahrhundert ein geistiges Gut auf einem gewissen Gebiete, von dem leider noch immer nicht voll erkannt ist, welches sein ungeheurer Wert ist. Heute und seit langer Zeit schon redet man, wenn man von einer gründlichen, der Gegenwart gemäßen Weltanschauung spricht, von dem Entwicklungsgedanken, von der Entwicklungsidee. Man redet davon, dass die Menschheit soweit vorwärtsgedrungen sei, einzusehen, wie nicht die einzelnen Formen des Lebens nebeneinanderstehen, sondern wie sich die einzelnen Formen nebeneinander entwickeln. Mit einer ungeheuren Größe — um diesen Ausdruck anzuwenden —, in einer geistgemäßen Art hat diesen Entwicklungsgedanken schon einmal Ende des achtzehnten Jahrhunderts aus der Tiefe deutschen Denkens, deutschen denkerischen Forschens heraus Goethe in die Weltentwicklung, in die Weltkultur hineingestellt. Und man darf sagen, die Art und Weise, wie Goethe den Entwicklungsgedanken hineingestellt hat in die geistige Weltkultur, das gehört zu dem Größten — selbst wenn man damit vergleicht alles dasjenige, was Goethe als Dichter geleistet hat —, das gehört zu dem Größten, was in der Menschheitsentwicklung wenigstens auf geistigem Gebiete aufgetreten ist.
[ 9 ] Um dasjenige zu kennzeichnen, was ich eigentlich meine, sei etwas scheinbar Fernliegendes, aber eben nur beispielsweise angeführt. Wir haben innerhalb unserer deutschen Geisteskultur seit reichlich mehr als einem Jahrhundert ein geistiges Gut auf einem gewissen Gebiete, von dem leider noch immer nicht voll erkannt ist, welches sein ungeheurer Wert ist. Heute und seit langer Zeit schon redet man, wenn man von einer gründlichen, der Gegenwart gemäßen Weltanschauung spricht, von dem Entwicklungsgedanken, von der Entwicklungsidee. Man redet davon, dass die Menschheit soweit vorwärtsgedrungen sei, einzusehen, wie nicht die einzelnen Formen des Lebens nebeneinanderstehen, sondern wie sich die einzelnen Formen nebeneinander entwickeln. Mit einer ungeheuren Größe — um diesen Ausdruck anzuwenden —, in einer geistgemäßen Art hat diesen Entwicklungsgedanken schon einmal Ende des achtzehnten Jahrhunderts aus der Tiefe deutschen Denkens, deutschen denkerischen Forschens heraus Goethe in die Weltentwicklung, in die Weltkultur hineingestellt. Und man darf sagen, die Art und Weise, wie Goethe den Entwicklungsgedanken hineingestellt hat in die geistige Weltkultur, das gehört zu dem Größten — selbst wenn man damit vergleicht alles dasjenige, was Goethe als Dichter geleistet hat —, das gehört zu dem Größten, was in der Menschheitsentwicklung wenigstens auf geistigem Gebiete aufgetreten ist.
[ 10 ] Nun muss man sagen: Nicht das, was Goethe da der Menschheit gegeben hat, ist unmittelbar eingeflossen in den großen Strom des geistigen Fortschrittes. Wenige haben im Grunde genommen bis jetzt den ganzen Wert der Goethe’sehen Geistestat erkannt. Dagegen ist der Entwicklungsgedanke, ich möchte sagen in einer rein äußerlichen, mehr materialistisch-utilistischen Form durch den Darwinismus aus einer außerdeutschen Volksart in die Weltkultur eingedrungen.
[ 10 ] Nun muss man sagen: Nicht das, was Goethe da der Menschheit gegeben hat, ist unmittelbar eingeflossen in den großen Strom des geistigen Fortschrittes. Wenige haben im Grunde genommen bis jetzt den ganzen Wert der Goethe’sehen Geistestat erkannt. Dagegen ist der Entwicklungsgedanke, ich möchte sagen in einer rein äußerlichen, mehr materialistisch-utilistischen Form durch den Darwinismus aus einer außerdeutschen Volksart in die Weltkultur eingedrungen.
[ 11 ] Gewiss, man kann nicht sagen, dass da etwas wie Kampf und Krieg vorliegt, wenn man die Dinge so äußerlich und oberflächlich betrachtet. Aber wenn man sie innerlich betrachtet, so liegt das doch vor, dass ein Größeres einfach zurückgedrängt worden ist durch die geistig-äußerliche Gewalt, die ein weniger bedeutsamer, der englisch gefärbte, darwinistische Gedanke hat. Das ist eines. Solche Beispiele könnten aber unzählige angeführt werden. Unzählige Dinge könnten angeführt werden — die tieferen Gründe brauchen uns hier nicht zu beschäftigen —, dass innerhalb der deutschen Kultur Impulse gegeben worden sind, die als solche bedrängt, ja bekriegt werden, die ersetzt werden sollen durch dasjenige, von dem sie ringsherum eingekreist sind. Die geistige Einkreisung, die hat seit Langem begonnen. Und es wird, man darf schon sagen ein Weltenglück — wenn das Wort nicht missverstanden wird —, es wird ein Weltenglück sein, wenn dasjenige, was wir jetzt in so harter Weise erleben, uns darauf aufmerksam macht, dass wir auch geistige Waffen brauchen. Die Zukunft wird das schon lehren, dass wir geistige Waffen brauchen, um Tieferes gegen weniger Tiefes zu schützen. Dasjenige, was sich heute vollzieht aus Blut und Tod heraus, ist für denjenigen, der die Dinge etwas tiefer ansieht, nur ein Anfang; ein Anfang zu einem Ringen, das sich auch auf geistigem Schauplatz abspielen wird.
[ 11 ] Gewiss, man kann nicht sagen, dass da etwas wie Kampf und Krieg vorliegt, wenn man die Dinge so äußerlich und oberflächlich betrachtet. Aber wenn man sie innerlich betrachtet, so liegt das doch vor, dass ein Größeres einfach zurückgedrängt worden ist durch die geistig-äußerliche Gewalt, die ein weniger bedeutsamer, der englisch gefärbte, darwinistische Gedanke hat. Das ist eines. Solche Beispiele könnten aber unzählige angeführt werden. Unzählige Dinge könnten angeführt werden — die tieferen Gründe brauchen uns hier nicht zu beschäftigen —, dass innerhalb der deutschen Kultur Impulse gegeben worden sind, die als solche bedrängt, ja bekriegt werden, die ersetzt werden sollen durch dasjenige, von dem sie ringsherum eingekreist sind. Die geistige Einkreisung, die hat seit Langem begonnen. Und es wird, man darf schon sagen ein Weltenglück — wenn das Wort nicht missverstanden wird —, es wird ein Weltenglück sein, wenn dasjenige, was wir jetzt in so harter Weise erleben, uns darauf aufmerksam macht, dass wir auch geistige Waffen brauchen. Die Zukunft wird das schon lehren, dass wir geistige Waffen brauchen, um Tieferes gegen weniger Tiefes zu schützen. Dasjenige, was sich heute vollzieht aus Blut und Tod heraus, ist für denjenigen, der die Dinge etwas tiefer ansieht, nur ein Anfang; ein Anfang zu einem Ringen, das sich auch auf geistigem Schauplatz abspielen wird.
[ 12 ] Nun kann so mancherlei dazu beitragen, den Weg zu finden in der Wirrnis, die im Grunde genommen doch in Bezug auf die geistigen Strömungen — das Wort ist selbstverständlich heute angefochten, aber es darf doch gebraucht werden, denn es trifft doch immerhin die Gegenwart am allerbesten — in unserer materialistischen Zeit eingetreten ist. Und auf diesen Weg soll eben gerade die heutige Betrachtung hinweisen.
[ 12 ] Nun kann so mancherlei dazu beitragen, den Weg zu finden in der Wirrnis, die im Grunde genommen doch in Bezug auf die geistigen Strömungen — das Wort ist selbstverständlich heute angefochten, aber es darf doch gebraucht werden, denn es trifft doch immerhin die Gegenwart am allerbesten — in unserer materialistischen Zeit eingetreten ist. Und auf diesen Weg soll eben gerade die heutige Betrachtung hinweisen.
[ 13 ] Geisteswissenschaft ist ja keineswegs etwas — so wie sie hier gemeint ist —, was in weiteren Kreisen heute schon anerkannt wird. Geisteswissenschaft ist vielmehr etwas, was in weiteren Kreisen gar als Torheit, als Phantasterei oder Träumerei angesehen wird. Allein der Geisteswissenschaftler lässt sich dadurch nicht beirren. Als Kopernikus die neue naturwissenschaftliche Weltanschauung in Bezug auf ihre ersten Gedanken vertreten hat, als Kopernikus, Galilei aufgetreten sind, da wurde auch dasjenige, was sie der Menschheit zu sagen hatten, als Phantasterei angesehen in den Augen derjenigen, die eben durchaus festhalten wollten an demjenigen, was ihren Denkgewohnheiten entsprach. Derjenige, der die Art und Weise betrachtet, wie die Wahrheit durch die Welt schreitet, der weiß, dass Geisteswissenschaft heute ganz in derselben Lage ist, wie die Naturwissenschaft vor einigen Jahrhunderten. Und er findet es begreiflich, ja selbstverständlich, dass sie von der weitaus größten Mehrzahl der Menschen heute noch als Phantasterei, als Träumerei oder Schlimmeres angesehen wird.
[ 13 ] Geisteswissenschaft ist ja keineswegs etwas — so wie sie hier gemeint ist —, was in weiteren Kreisen heute schon anerkannt wird. Geisteswissenschaft ist vielmehr etwas, was in weiteren Kreisen gar als Torheit, als Phantasterei oder Träumerei angesehen wird. Allein der Geisteswissenschaftler lässt sich dadurch nicht beirren. Als Kopernikus die neue naturwissenschaftliche Weltanschauung in Bezug auf ihre ersten Gedanken vertreten hat, als Kopernikus, Galilei aufgetreten sind, da wurde auch dasjenige, was sie der Menschheit zu sagen hatten, als Phantasterei angesehen in den Augen derjenigen, die eben durchaus festhalten wollten an demjenigen, was ihren Denkgewohnheiten entsprach. Derjenige, der die Art und Weise betrachtet, wie die Wahrheit durch die Welt schreitet, der weiß, dass Geisteswissenschaft heute ganz in derselben Lage ist, wie die Naturwissenschaft vor einigen Jahrhunderten. Und er findet es begreiflich, ja selbstverständlich, dass sie von der weitaus größten Mehrzahl der Menschen heute noch als Phantasterei, als Träumerei oder Schlimmeres angesehen wird.
[ 14 ] Nun habe ich in früheren Vorträgen mancherlei hier vorzutragen gehabt aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft, wie der Blick auf anderes gerichtet werden soll. Ich kann heute nur in Bezug auf einige Grundideen, die uns gerade heute interessieren können, die geisteswissenschaftlichen Anschauungen, nicht etwa beweisend, sondern nur andeutend, vorführen.
[ 14 ] Nun habe ich in früheren Vorträgen mancherlei hier vorzutragen gehabt aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft, wie der Blick auf anderes gerichtet werden soll. Ich kann heute nur in Bezug auf einige Grundideen, die uns gerade heute interessieren können, die geisteswissenschaftlichen Anschauungen, nicht etwa beweisend, sondern nur andeutend, vorführen.
[ 15 ] Man spricht manchmal von der Volksseele. Die Volksseele ist aber ein Begriff, welcher, wie zu hoffen ist, durch die Geisteswissenschaft in ein neues Licht gerückt werden kann. Was ist die Volksseele in unserer mehr oder weniger materialistisch denkenden Zeit? Nun, wenn man sich zu dem Begriff der Volksseele überhaupt hinauferheben will, so sagt man: Man betrachtet die Eigenschaften, die immer in einer Volksgemeinschaft hervortreten, also dasjenige, was eben eine Gruppe von Menschen, die man ein Volk nennt, gemeinsam hat, und man kommt dann zu einem abstrakten Begriff und denkt nicht an irgendetwas Weiteres, an irgendetwas Reales, wenn man von der Volksseele spricht.
[ 15 ] Man spricht manchmal von der Volksseele. Die Volksseele ist aber ein Begriff, welcher, wie zu hoffen ist, durch die Geisteswissenschaft in ein neues Licht gerückt werden kann. Was ist die Volksseele in unserer mehr oder weniger materialistisch denkenden Zeit? Nun, wenn man sich zu dem Begriff der Volksseele überhaupt hinauferheben will, so sagt man: Man betrachtet die Eigenschaften, die immer in einer Volksgemeinschaft hervortreten, also dasjenige, was eben eine Gruppe von Menschen, die man ein Volk nennt, gemeinsam hat, und man kommt dann zu einem abstrakten Begriff und denkt nicht an irgendetwas Weiteres, an irgendetwas Reales, wenn man von der Volksseele spricht.
[ 16 ] Der Geisteswissenschaftler aber spricht von der Volksseele als von etwas ganz Realem, als von etwas, man kann sagen Persönlich-Realem, von etwas Persönlich-Wirklichem. Der Geisteswissenschaftler spricht aus seinen geisteswissenschaftlichen Forschungen heraus davon, dass wir eben, so wie wir umgeben sind in der physischen Welt von dem Reiche der Mineralien, der Pflanzen, der Tiere und der Menschen, wir umgeben sind in Bezug auf Geistig-Seelisches von Reichen höherer Art, von Wesenheiten einer übersinnlichen Welt. Er spricht von diesen Wesen einer übersinnlichen Welt nicht wie von abstrakten Begriffen, sondern er spricht von diesen Wesenheiten als von wirklichen Realitäten. Geradeso wie derjenige, der in älteren Zeiten keine Ahnung hatte von dem Wesen der Atmosphäre, glauben konnte, da, wo wir leben, da ist ringsherum nichts, während der neuere Mensch weiß, selbstverständlich, dass er umgeben ist von Luft, so weiß derjenige, der Geisteswissenschaft kennt, dass wir in Bezug auf unser Geistig-Seelisches allüberall umgeben sind von Geistigem. Aber nicht von Geistigem im Sinne des Pantheismus, sondern im Sinne einer geistigen Welt, die überall von geistigen Wesen bevölkert ist. Und zu solchen geistigen Wesenheiten rechnen wir auch die Volksseele, rechnen wir die einzelnen Volksseelen der verschiedenen Völker. Wir sprechen von realen und individuellen Wesenheiten, wenn wir von den Volksseelen der einzelnen Völker sprechen. Ich kann das heute nur so kurz andeuten, weil die Zeit bemessen ist.
[ 16 ] Der Geisteswissenschaftler aber spricht von der Volksseele als von etwas ganz Realem, als von etwas, man kann sagen Persönlich-Realem, von etwas Persönlich-Wirklichem. Der Geisteswissenschaftler spricht aus seinen geisteswissenschaftlichen Forschungen heraus davon, dass wir eben, so wie wir umgeben sind in der physischen Welt von dem Reiche der Mineralien, der Pflanzen, der Tiere und der Menschen, wir umgeben sind in Bezug auf Geistig-Seelisches von Reichen höherer Art, von Wesenheiten einer übersinnlichen Welt. Er spricht von diesen Wesen einer übersinnlichen Welt nicht wie von abstrakten Begriffen, sondern er spricht von diesen Wesenheiten als von wirklichen Realitäten. Geradeso wie derjenige, der in älteren Zeiten keine Ahnung hatte von dem Wesen der Atmosphäre, glauben konnte, da, wo wir leben, da ist ringsherum nichts, während der neuere Mensch weiß, selbstverständlich, dass er umgeben ist von Luft, so weiß derjenige, der Geisteswissenschaft kennt, dass wir in Bezug auf unser Geistig-Seelisches allüberall umgeben sind von Geistigem. Aber nicht von Geistigem im Sinne des Pantheismus, sondern im Sinne einer geistigen Welt, die überall von geistigen Wesen bevölkert ist. Und zu solchen geistigen Wesenheiten rechnen wir auch die Volksseele, rechnen wir die einzelnen Volksseelen der verschiedenen Völker. Wir sprechen von realen und individuellen Wesenheiten, wenn wir von den Volksseelen der einzelnen Völker sprechen. Ich kann das heute nur so kurz andeuten, weil die Zeit bemessen ist.
[ 17 ] Aber dasjenige, was nun die Volksseele als Wesenheit hat, man kann es nur einsehen, wenn man das Verhältnis dieser Volksseele zur Einzelseele, die in einem solchen Volke steht, in Betracht zieht. Und da kommen wir gleich auf ein Gebiet, wo die gesamte heutige Seelenkunde, die Psychologie, durchaus gegenüber der Geistesforschung nicht ausreicht. Mit dieser Betrachtung, gerade mit Bezug auf die Seelenbetrachtung, steht man mit der Geisteswissenschaft am Anfang einer ganz neuen Betrachtungsart. Derjenige, der heute in der gebräuchlichen Seelenwissenschaft von Seele redet, der redet von der Seele so wie von einem Einfachen, in dem da drinnen auf- und abwogt Wille, Fühlen und Denken und so weiter. Das ist für den Geistesforscher gerade so, wie wenn man von Farbe im Allgemeinen sprechen würde oder vom Licht im Allgemeinen sprechen würde. Derjenige, der ein wenig von Physik gehört hat, der weiß, dass man hinter die Natur des Lichtes kommt, indem man das Regenbogenband des gesamten Spektrums betrachtet, indem man betrachtet, wie sich das Licht im Zusammenhang mit den Erscheinungen der Welt äußert, sagen wir in einer siebenfachen oder der Einfachheit halber in einer dreifachen Weise. Das Licht äußert sich im Spektrum auf der einen Seite so, dass wir sozusagen das Rötlich-Gelbe außerhalb haben, in der Mitte das Grün, an der anderen Seite das Blau-Violett. Und gerade dadurch kommen wir hinter die Art und Weise, wie das Licht wirkt. Dadurch kommen wir dazu, dass wir das Licht nach seiner Wirkungsart betrachten und wissen: Das Licht lebt wirklich in den sieben Farben des Spektrums.
[ 17 ] Aber dasjenige, was nun die Volksseele als Wesenheit hat, man kann es nur einsehen, wenn man das Verhältnis dieser Volksseele zur Einzelseele, die in einem solchen Volke steht, in Betracht zieht. Und da kommen wir gleich auf ein Gebiet, wo die gesamte heutige Seelenkunde, die Psychologie, durchaus gegenüber der Geistesforschung nicht ausreicht. Mit dieser Betrachtung, gerade mit Bezug auf die Seelenbetrachtung, steht man mit der Geisteswissenschaft am Anfang einer ganz neuen Betrachtungsart. Derjenige, der heute in der gebräuchlichen Seelenwissenschaft von Seele redet, der redet von der Seele so wie von einem Einfachen, in dem da drinnen auf- und abwogt Wille, Fühlen und Denken und so weiter. Das ist für den Geistesforscher gerade so, wie wenn man von Farbe im Allgemeinen sprechen würde oder vom Licht im Allgemeinen sprechen würde. Derjenige, der ein wenig von Physik gehört hat, der weiß, dass man hinter die Natur des Lichtes kommt, indem man das Regenbogenband des gesamten Spektrums betrachtet, indem man betrachtet, wie sich das Licht im Zusammenhang mit den Erscheinungen der Welt äußert, sagen wir in einer siebenfachen oder der Einfachheit halber in einer dreifachen Weise. Das Licht äußert sich im Spektrum auf der einen Seite so, dass wir sozusagen das Rötlich-Gelbe außerhalb haben, in der Mitte das Grün, an der anderen Seite das Blau-Violett. Und gerade dadurch kommen wir hinter die Art und Weise, wie das Licht wirkt. Dadurch kommen wir dazu, dass wir das Licht nach seiner Wirkungsart betrachten und wissen: Das Licht lebt wirklich in den sieben Farben des Spektrums.
[ 18 ] So wie der Physiker das heute als eine Selbstverständlichkeit ansieht, so wird einstmals die Seelenlehre es als eine Selbstverständlichkeit, aber auch als eine wissenschaftliche Notwendigkeit ansehen, eine dreifache Wirkungsweise des Seelischen zu betrachten. Und da nennen wir auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft dasjenige, was gleichsam sich so äußert in dem Seelischen, wie sich in dem Licht das Rötlich-Gelbe äußert, wir nennen das in der Geisteswissenschaft in Bezug auf das Seelische die Empfindungsseele. Und wir nennen dasjenige, was gleichsam die Mitte des Seelischen, wie das Grün die Mitte des Farbenbandes, ausmacht, die Verstandes- oder Gemütsseele. Und wir nennen dasjenige, was gleichsam auf der anderen Seite als die Offenbarung des Seelischen vorkommt, wie im Farbband das Blau-Violett vorkommt, die Bewusstseinsseele. Und die Geisteswissenschaft muss auf dem Standpunkte stehen, dass man das Seelische aus dieser Gliederung heraus ebenso erkennt, wie man aus dem Farbenband die Wirkungsweise des Lichtes erkennt. Und so, wie überall, in jedem Glied, in jeder Nuance des Farbenbandes sich äußert das Licht, so äußert sich gleichsam durch das, was wir unser Selbst nennen, unser eigentliches Ich nennen, die dreifache Wirkung des Seelischen. Wahrhaftig, es wird einmal eine Seelenwissenschaft geben, so wissenschaftlich wie die heutige Physik ist, da wird man gleichsam das Spektrum des Seelischen als die Empfindungsseele, als die Verstandes- oder Gemütsseele, als die Bewusstseinsseele charakterisieren.
[ 18 ] So wie der Physiker das heute als eine Selbstverständlichkeit ansieht, so wird einstmals die Seelenlehre es als eine Selbstverständlichkeit, aber auch als eine wissenschaftliche Notwendigkeit ansehen, eine dreifache Wirkungsweise des Seelischen zu betrachten. Und da nennen wir auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft dasjenige, was gleichsam sich so äußert in dem Seelischen, wie sich in dem Licht das Rötlich-Gelbe äußert, wir nennen das in der Geisteswissenschaft in Bezug auf das Seelische die Empfindungsseele. Und wir nennen dasjenige, was gleichsam die Mitte des Seelischen, wie das Grün die Mitte des Farbenbandes, ausmacht, die Verstandes- oder Gemütsseele. Und wir nennen dasjenige, was gleichsam auf der anderen Seite als die Offenbarung des Seelischen vorkommt, wie im Farbband das Blau-Violett vorkommt, die Bewusstseinsseele. Und die Geisteswissenschaft muss auf dem Standpunkte stehen, dass man das Seelische aus dieser Gliederung heraus ebenso erkennt, wie man aus dem Farbenband die Wirkungsweise des Lichtes erkennt. Und so, wie überall, in jedem Glied, in jeder Nuance des Farbenbandes sich äußert das Licht, so äußert sich gleichsam durch das, was wir unser Selbst nennen, unser eigentliches Ich nennen, die dreifache Wirkung des Seelischen. Wahrhaftig, es wird einmal eine Seelenwissenschaft geben, so wissenschaftlich wie die heutige Physik ist, da wird man gleichsam das Spektrum des Seelischen als die Empfindungsseele, als die Verstandes- oder Gemütsseele, als die Bewusstseinsseele charakterisieren.
[ 19 ] Und wenn wir nun die einzelnen Völkerschaften Europas betrachten, so finden wir: Dasjenige, was sie charakterisiert — aber jetzt real charakterisiert, nicht so abstrakt charakterisiert, wie es durch die bisherige Völkerkunde geschieht —, dasjenige, was diese Völkerschaften charakterisiert, das ist dasjenige, wie die Volksseele, die wirkliche, reale Volksseele in Beziehung steht zu der einzelnen Seele, der Seele des einzelnen Menschen, der der Völkergemeinschaft angehört.
[ 19 ] Und wenn wir nun die einzelnen Völkerschaften Europas betrachten, so finden wir: Dasjenige, was sie charakterisiert — aber jetzt real charakterisiert, nicht so abstrakt charakterisiert, wie es durch die bisherige Völkerkunde geschieht —, dasjenige, was diese Völkerschaften charakterisiert, das ist dasjenige, wie die Volksseele, die wirkliche, reale Volksseele in Beziehung steht zu der einzelnen Seele, der Seele des einzelnen Menschen, der der Völkergemeinschaft angehört.
[ 20 ] Und da finden wir zunächst, dass das ganze Wesen des italienischen Volkes dadurch in lichtvoller Weise zu begreifen ist — ich kann das jetzt nicht näher ausführen, aber würde man es schildern bis in alle Einzelheiten hinein, man würde sehen, wie das, was bisher Völkerkunde war, lichtvoll vor die Anschauung treten würde —, das italienische Volk ist dadurch charakterisiert, dass die Volksseele mit der einzelnen Seele des italienischen Volkes, soweit sie seinem Volkstum angehört, so verkehrt, so in dieselbe hineinwirkt, dass diese Hineinwirkung geschieht vorzugsweise in die Empfindungsseele. Alles dasjenige, was als italienische Kultur zutage getreten ist, ist — vergleichsweise gesprochen — der Ausdruck eines Wechselgespräches zwischen der italienischen Volksseele und der Empfindungsseele der einzelnen Angehörigen des italienischen Volkes. Und alle Einseitigkeit, aber auch alle Größe der italienischen Entwicklung beruht darauf, dass das Glied des Seelenlebens, die Nuance des Seelenlebens, die wir als Empfindungsseele bezeichnen, eben in einseitiger Weise inspiriert, impulsiert wird von den Kräften der italienischen Volksseele.
[ 20 ] Und da finden wir zunächst, dass das ganze Wesen des italienischen Volkes dadurch in lichtvoller Weise zu begreifen ist — ich kann das jetzt nicht näher ausführen, aber würde man es schildern bis in alle Einzelheiten hinein, man würde sehen, wie das, was bisher Völkerkunde war, lichtvoll vor die Anschauung treten würde —, das italienische Volk ist dadurch charakterisiert, dass die Volksseele mit der einzelnen Seele des italienischen Volkes, soweit sie seinem Volkstum angehört, so verkehrt, so in dieselbe hineinwirkt, dass diese Hineinwirkung geschieht vorzugsweise in die Empfindungsseele. Alles dasjenige, was als italienische Kultur zutage getreten ist, ist — vergleichsweise gesprochen — der Ausdruck eines Wechselgespräches zwischen der italienischen Volksseele und der Empfindungsseele der einzelnen Angehörigen des italienischen Volkes. Und alle Einseitigkeit, aber auch alle Größe der italienischen Entwicklung beruht darauf, dass das Glied des Seelenlebens, die Nuance des Seelenlebens, die wir als Empfindungsseele bezeichnen, eben in einseitiger Weise inspiriert, impulsiert wird von den Kräften der italienischen Volksseele.
[ 21 ] Nun könnte man denken, ich erzähle mit all diesen Dingen nur von abstrakten Begriffen. Das ist durchaus nicht der Fall. Denn die Geisteswissenschaft zeigt uns des Weiteren, dass wirklich diese drei Glieder des seelischen Lebens, die aufgezählt worden sind, zusammenhängen mit dem ganzen Wesen, dem umfassenden Wesen der Menschenseele. Und sagen kann man aus den Forschungen der Geisteswissenschaft heraus, dass dasjenige, was wir die Empfindungsseele nennen, zunächst ja die Äußerung bildet aller Leidenschaften, alles Impulsiven der Menschennatur; dass sie die Äußerung ist der Empfindungen, die aus dem Zentrum der Menschenseele herausquellen. Aber es ist auch zugleich der Teil der Menschenseele, der, so elementar er ist, so sehr er sozusagen auf einer kindlichen Stufe zunächst steht, so doch zusammenhängt mit demjenigen, was von der Menschenseele durch Geburten und Tode geht, was von der Menschenseele dem Ewigen angehört, was durch die Pforte des Todes geht und nach dem Tode in die geistige Welt eintritt. Viel mehr als die anderen Glieder des Seelenlebens ist dasjenige, was sich in der Empfindungsseele entfaltet, das, was in der Seele dem Ewigen angehört.
[ 21 ] Nun könnte man denken, ich erzähle mit all diesen Dingen nur von abstrakten Begriffen. Das ist durchaus nicht der Fall. Denn die Geisteswissenschaft zeigt uns des Weiteren, dass wirklich diese drei Glieder des seelischen Lebens, die aufgezählt worden sind, zusammenhängen mit dem ganzen Wesen, dem umfassenden Wesen der Menschenseele. Und sagen kann man aus den Forschungen der Geisteswissenschaft heraus, dass dasjenige, was wir die Empfindungsseele nennen, zunächst ja die Äußerung bildet aller Leidenschaften, alles Impulsiven der Menschennatur; dass sie die Äußerung ist der Empfindungen, die aus dem Zentrum der Menschenseele herausquellen. Aber es ist auch zugleich der Teil der Menschenseele, der, so elementar er ist, so sehr er sozusagen auf einer kindlichen Stufe zunächst steht, so doch zusammenhängt mit demjenigen, was von der Menschenseele durch Geburten und Tode geht, was von der Menschenseele dem Ewigen angehört, was durch die Pforte des Todes geht und nach dem Tode in die geistige Welt eintritt. Viel mehr als die anderen Glieder des Seelenlebens ist dasjenige, was sich in der Empfindungsseele entfaltet, das, was in der Seele dem Ewigen angehört.
[ 22 ] Aber es gehört dem Ewigen ebenso an, dass die Empfindungsseele nur alles das eben enthält, was sich im Zeitlichen vom Ewigen anknüpft, sodass der Mensch unmittelbar als elementares Leben dieses Ewige auslebt. Wenn ich dieses weiter ausführen könnte, wozu aber viele Stunden notwendig wären, so würde es uns hinweisen darauf, wie gerade durch dieses Wechselgespräch und diese Wechselwirkungen zwischen der italienischen Volksseele und der einzelnen Seele als Empfindungsseele entstanden ist die große italienische Malerei, entstanden ist die Dichtung Dantes, der, sagen wir, ein Bild des Ewigen in seiner «Göttlichen Komödie» gegeben hat. Sie alle, diese Träger der italienischen Kultur, sie haben diese Dinge so gegeben, dass man sagen muss: Was sie gegeben haben, es ist das Ergebnis des Wechselspiels der Volksseele mit der Empfindungsseele des einzelnen Menschen, durch alles das, was mit der Empfindungsseele der einzelnen Seele zugänglich ist. Es werden diese Dinge noch näher charakterisiert werden, wenn wir zu anderen Völkerschaften übergehen und deren Eigenschaften mit den Eigenschaften des italienischen Volkes vergleichen können.
[ 22 ] Aber es gehört dem Ewigen ebenso an, dass die Empfindungsseele nur alles das eben enthält, was sich im Zeitlichen vom Ewigen anknüpft, sodass der Mensch unmittelbar als elementares Leben dieses Ewige auslebt. Wenn ich dieses weiter ausführen könnte, wozu aber viele Stunden notwendig wären, so würde es uns hinweisen darauf, wie gerade durch dieses Wechselgespräch und diese Wechselwirkungen zwischen der italienischen Volksseele und der einzelnen Seele als Empfindungsseele entstanden ist die große italienische Malerei, entstanden ist die Dichtung Dantes, der, sagen wir, ein Bild des Ewigen in seiner «Göttlichen Komödie» gegeben hat. Sie alle, diese Träger der italienischen Kultur, sie haben diese Dinge so gegeben, dass man sagen muss: Was sie gegeben haben, es ist das Ergebnis des Wechselspiels der Volksseele mit der Empfindungsseele des einzelnen Menschen, durch alles das, was mit der Empfindungsseele der einzelnen Seele zugänglich ist. Es werden diese Dinge noch näher charakterisiert werden, wenn wir zu anderen Völkerschaften übergehen und deren Eigenschaften mit den Eigenschaften des italienischen Volkes vergleichen können.
[ 23 ] Nun ist aber etwas sehr Eigentümliches. Außer dem, dass diese allgemeinen Tatsachen geltend sind, die ich eben angeführt habe, müssen wir im Laufe der Zeitenentwicklung auch noch beachten, dass jedem Zeitalter, jeder Geschichtsepoche gewissermaßen zugeteilt ist als besondere Mission die Wirkung auf ein besonderes Seelenglied des Menschen. Man kann nicht sagen, dass immer zu allen Zeiten die Weisheit, die in der Weltenentwicklung waltet, so ist, dass die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele, die Bewusstseinsseele in gleicher Art und Weise wirken können. Es muss dasjenige, was aus der Menschenseele kommt, den Anforderungen in der Weltkultur entgegenkommen. Und nun zeigt sich durch eine tiefere Betrachtung des Geistigen der Entwicklung der neueren Völker und namentlich Europas, dass das Wirken der Empfindungsseele im Wesentlichen mit der Mitte oder dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts abgeschlossen war, dass daher die Größe eines Volkes, die auf der Empfindungsseele beruht, abgeschlossen sein muss mit dem sechzehnten Jahrhundert. Das erklärt wiederum, warum alles dasjenige, was seit jener Zeit innerhalb der italienischen Kultur bis heute sich gebildet hat, den Eindruck des Abgelebten macht, das kann ganz objektiv gesagt werden. Wenn wir unsere Seele erfrischen — und das ist ja für jeden von tiefer Befriedigung — an dem Wesen Südeuropas, wie es so viele Künstler, wie es Goethe und andere gemacht haben, so ist es an der Größe des italienischen Volksgeistes, die aber ihren Abschluss bilden musste im sechzehnten Jahrhundert; das andere sind alles Nachwirkungen, und es könnte leicht gezeigt werden, wie es in den Tiefen der geschichtlichen Impulse vorbereitet ist, dass dasjenige, was seither als italienische Größe geltend gemacht wird, so hohl und leer klingen muss. Diese Dinge können jetzt nur, wie gesagt, angedeutet werden.
[ 23 ] Nun ist aber etwas sehr Eigentümliches. Außer dem, dass diese allgemeinen Tatsachen geltend sind, die ich eben angeführt habe, müssen wir im Laufe der Zeitenentwicklung auch noch beachten, dass jedem Zeitalter, jeder Geschichtsepoche gewissermaßen zugeteilt ist als besondere Mission die Wirkung auf ein besonderes Seelenglied des Menschen. Man kann nicht sagen, dass immer zu allen Zeiten die Weisheit, die in der Weltenentwicklung waltet, so ist, dass die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele, die Bewusstseinsseele in gleicher Art und Weise wirken können. Es muss dasjenige, was aus der Menschenseele kommt, den Anforderungen in der Weltkultur entgegenkommen. Und nun zeigt sich durch eine tiefere Betrachtung des Geistigen der Entwicklung der neueren Völker und namentlich Europas, dass das Wirken der Empfindungsseele im Wesentlichen mit der Mitte oder dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts abgeschlossen war, dass daher die Größe eines Volkes, die auf der Empfindungsseele beruht, abgeschlossen sein muss mit dem sechzehnten Jahrhundert. Das erklärt wiederum, warum alles dasjenige, was seit jener Zeit innerhalb der italienischen Kultur bis heute sich gebildet hat, den Eindruck des Abgelebten macht, das kann ganz objektiv gesagt werden. Wenn wir unsere Seele erfrischen — und das ist ja für jeden von tiefer Befriedigung — an dem Wesen Südeuropas, wie es so viele Künstler, wie es Goethe und andere gemacht haben, so ist es an der Größe des italienischen Volksgeistes, die aber ihren Abschluss bilden musste im sechzehnten Jahrhundert; das andere sind alles Nachwirkungen, und es könnte leicht gezeigt werden, wie es in den Tiefen der geschichtlichen Impulse vorbereitet ist, dass dasjenige, was seither als italienische Größe geltend gemacht wird, so hohl und leer klingen muss. Diese Dinge können jetzt nur, wie gesagt, angedeutet werden.
[ 24 ] Manches muss, weil es ja kurz angedeutet werden muss, etwas radikal ausgesprochen werden; allein, wenn man die Gedankengänge weiter verfolgt, die da vorgebracht werden, so wird man sehen, wie viel leichter sie hineindringen können in das Verständnis, das man ja suchen muss in der Gegenwart, das Verständnis über die Wechselverhältnisse der europäischen Völkerschaften miteinander.
[ 24 ] Manches muss, weil es ja kurz angedeutet werden muss, etwas radikal ausgesprochen werden; allein, wenn man die Gedankengänge weiter verfolgt, die da vorgebracht werden, so wird man sehen, wie viel leichter sie hineindringen können in das Verständnis, das man ja suchen muss in der Gegenwart, das Verständnis über die Wechselverhältnisse der europäischen Völkerschaften miteinander.
[ 25 ] Wenn wir nun die französische Volksseele betrachten, so haben wir hier die wesentlichen Eigentümlichkeiten darin zu suchen, dass bei ihr stattfindet eine Wechselwirkung zwischen der ganz realen Volksseele und der Verstandes- oder Gemütsseele.
[ 25 ] Wenn wir nun die französische Volksseele betrachten, so haben wir hier die wesentlichen Eigentümlichkeiten darin zu suchen, dass bei ihr stattfindet eine Wechselwirkung zwischen der ganz realen Volksseele und der Verstandes- oder Gemütsseele.
[ 26 ] Und alles dasjenige, was jemals die französische Kultur geleistet hat, ist auf diese eigentümliche Wechselwirkung zwischen der Volksseele und der Verstandes- oder Gemütsseele der Einzelnen, die dem französischen Volke angehören, zu erklären. Daraus erklärt sich auch, dass das französische Volk vor allen Dingen veranlagt ist zum Kombinieren, zum Zusammenstellen von Tatsachen, dass es veranlagt ist, selbst tiefere Begriffe nur in einer für diese Welt bequemen Weise anzuwenden. Daraus erklärt sich, dass sich selbst in der Dichtung des französischen Volkes auch da, wo sie sich zur klassischen Höhe erhebt, immer noch das Bestreben zeigt — sagen wir im Drama zum Beispiel —, möglichst systematisch zu konstruieren, möglichst nach bestimmten Regeln vorzugehen, das ist die Eigentümlichkeit der Verstandesseele. Diese Verstandes- oder Gemütsseele, sie bringt dasjenige zur Offenbarung in der Seele, was sozusagen zur Hälfte weist nach dem Ewigen der Seele, was zur anderen Hälfte aber weist nach dem ganz vorübergehenden Zeitlichen, das die Seele nur in der physischen Welt, in Verbindung mit dem Leiblichen zwischen Geburt und Tod erlebt.
[ 26 ] Und alles dasjenige, was jemals die französische Kultur geleistet hat, ist auf diese eigentümliche Wechselwirkung zwischen der Volksseele und der Verstandes- oder Gemütsseele der Einzelnen, die dem französischen Volke angehören, zu erklären. Daraus erklärt sich auch, dass das französische Volk vor allen Dingen veranlagt ist zum Kombinieren, zum Zusammenstellen von Tatsachen, dass es veranlagt ist, selbst tiefere Begriffe nur in einer für diese Welt bequemen Weise anzuwenden. Daraus erklärt sich, dass sich selbst in der Dichtung des französischen Volkes auch da, wo sie sich zur klassischen Höhe erhebt, immer noch das Bestreben zeigt — sagen wir im Drama zum Beispiel —, möglichst systematisch zu konstruieren, möglichst nach bestimmten Regeln vorzugehen, das ist die Eigentümlichkeit der Verstandesseele. Diese Verstandes- oder Gemütsseele, sie bringt dasjenige zur Offenbarung in der Seele, was sozusagen zur Hälfte weist nach dem Ewigen der Seele, was zur anderen Hälfte aber weist nach dem ganz vorübergehenden Zeitlichen, das die Seele nur in der physischen Welt, in Verbindung mit dem Leiblichen zwischen Geburt und Tod erlebt.
[ 27 ] Man hat auch in der letzten Zeit in manchen psychologischen Gesellschaften wiederum einmal darüber nachgedacht, warum gerade der französische Geist so materialistisch angelegt ist, warum, sagen wir, selbst der größte Philosoph des französischen Volkes, Descartes — oder Cartesius — eine Philosophie ganz nach dem Vorbild der Mathematik aufgestellt hat. Das ist aus eben keinem anderen Grund heraus als aus diesem, dass die ganze Kultur des französischen Geistes herrührt von der Wechselwirkung zwischen der Volksseele und der Verstandes- oder Gemütsseele. Wie ist es uns Deutschen oftmals ganz eigentümlich, wenn wir versuchen, den Einklang herzustellen zwischen Sinn und Form in der Dichtung, wenn wir vor allen Dingen versuchen, den Inhalt so ausfließen zu lassen in die Form, dass der Inhalt sich seine Form schafft, wie ist es uns eigentümlich, wenn wir nun auf dasjenige hinblicken, das auch in Bezug auf die Kunstprodukte der Verstandes- oder Gemütsseele bei den Franzosen zu finden ist, wo es besonders darauf ankommt, vor allen Dingen in systematischer Weise Rhythmus und Reim aufzubauen. Mit einem ganz anderen Gefühl steht der Franzose dem Rhythmus und dem Reim gegenüber als wir Deutschen. Wir Deutschen sind durchaus imstande — und Goethe hat das durch manches Drama hindurch gezeigt —, reimlose Rhythmen zu machen. Die Franzosen, die gerade im besten Sinne französische Dichter sein wollen, die finden das ganz unmöglich. Alles das gerade, was das eigentümlich Charakteristische der französischen Dichtkunst ausmacht, was die Eigentümlichkeit französischer Charaktere ausmacht, das rührt von der eben angegebenen Wechselwirkung der französischen Volksseele mit der Verstandes- oder Gemütsseele der Einzelnen her.
[ 27 ] Man hat auch in der letzten Zeit in manchen psychologischen Gesellschaften wiederum einmal darüber nachgedacht, warum gerade der französische Geist so materialistisch angelegt ist, warum, sagen wir, selbst der größte Philosoph des französischen Volkes, Descartes — oder Cartesius — eine Philosophie ganz nach dem Vorbild der Mathematik aufgestellt hat. Das ist aus eben keinem anderen Grund heraus als aus diesem, dass die ganze Kultur des französischen Geistes herrührt von der Wechselwirkung zwischen der Volksseele und der Verstandes- oder Gemütsseele. Wie ist es uns Deutschen oftmals ganz eigentümlich, wenn wir versuchen, den Einklang herzustellen zwischen Sinn und Form in der Dichtung, wenn wir vor allen Dingen versuchen, den Inhalt so ausfließen zu lassen in die Form, dass der Inhalt sich seine Form schafft, wie ist es uns eigentümlich, wenn wir nun auf dasjenige hinblicken, das auch in Bezug auf die Kunstprodukte der Verstandes- oder Gemütsseele bei den Franzosen zu finden ist, wo es besonders darauf ankommt, vor allen Dingen in systematischer Weise Rhythmus und Reim aufzubauen. Mit einem ganz anderen Gefühl steht der Franzose dem Rhythmus und dem Reim gegenüber als wir Deutschen. Wir Deutschen sind durchaus imstande — und Goethe hat das durch manches Drama hindurch gezeigt —, reimlose Rhythmen zu machen. Die Franzosen, die gerade im besten Sinne französische Dichter sein wollen, die finden das ganz unmöglich. Alles das gerade, was das eigentümlich Charakteristische der französischen Dichtkunst ausmacht, was die Eigentümlichkeit französischer Charaktere ausmacht, das rührt von der eben angegebenen Wechselwirkung der französischen Volksseele mit der Verstandes- oder Gemütsseele der Einzelnen her.
[ 28 ] Betrachten wir nun das englische Volk, dann finden wir, dass der einzelne Brite, der in seinem Volkstum seinen Zusammenhang sucht mit der Volksseele, vor allen Dingen einer Wechselwirkung unterliegt zwischen dieser Volksseele und der Bewusstseinsseele. Nun ist diese Bewusstseinsseele dasjenige, was zwar in Bezug auf den äußeren Menschen, in Bezug auf alles dasjenige, wie der Mensch im Verkehr mit der Sinneswelt ist, das höchstentwickelte Glied der Seele ist. Aber es ist zugleich dasjenige, was einzig und allein beschränkt ist auf die Welt, die wir durchmachen zwischen Geburt und Tod. Wir können sozusagen bis zu den erhabensten Äußerungen des britischen Geistes hinaufschauen, wir werden überall finden, dass seine Äußerungen kommen von der Wechselwirkung der britischen Volksseele mit der Bewusstseinsseele des einzelnen Briten, die sozusagen mit ihren besten Kräften in die physische Welt herein gerichtet ist.
[ 28 ] Betrachten wir nun das englische Volk, dann finden wir, dass der einzelne Brite, der in seinem Volkstum seinen Zusammenhang sucht mit der Volksseele, vor allen Dingen einer Wechselwirkung unterliegt zwischen dieser Volksseele und der Bewusstseinsseele. Nun ist diese Bewusstseinsseele dasjenige, was zwar in Bezug auf den äußeren Menschen, in Bezug auf alles dasjenige, wie der Mensch im Verkehr mit der Sinneswelt ist, das höchstentwickelte Glied der Seele ist. Aber es ist zugleich dasjenige, was einzig und allein beschränkt ist auf die Welt, die wir durchmachen zwischen Geburt und Tod. Wir können sozusagen bis zu den erhabensten Äußerungen des britischen Geistes hinaufschauen, wir werden überall finden, dass seine Äußerungen kommen von der Wechselwirkung der britischen Volksseele mit der Bewusstseinsseele des einzelnen Briten, die sozusagen mit ihren besten Kräften in die physische Welt herein gerichtet ist.
[ 29 ] Es wird uns gerade auch diese Eigentümlichkeit des britischen Wesens besser vor Augen treten, wenn wir nun gleich erwähnen, welches die Eigentümlichkeit der Wechselwirkung der deutschen Volksseele mit der deutschen Einzelseele ist. Da zeigt sich — und wir werden das später durch einzelne Äußerungen des deutschen Wesens zu verstehen haben —, da zeigt sich, dass so, wie sich das Licht äußert in allen Farbennuancen, so, wie das RötlichGelbe, das Grüne, das Blauviolette alles Äußerungen des Lichtes sind, so ist die gesamte Seele die Äußerung des Selbstes, des Ich. Und dasjenige, was ausmacht des deutschen Volkes Substanz, das wurzelt ganz und gar im Ich, im Selbst. Und der Wechselverkehr zwischen dem, was wir die deutsche Volksseele nennen und den einzelnen Deutschen, insofern er innerhalb seines Volkstums steht, ist die Wechselwirkung zwischen der Volksseele und dem Ich. Daher jene Eigentümlichkeit der deutschen Seele, dass sie nicht einseitig auf die Offenbarungen der Empfindungsseele, der Verstandes- oder Gemütsseele oder der Bewusstseinsseele eingestellt ist, sondern dass sie sich äußert bald nach dieser, bald nach jener Seite; dass sie nach Allseitigkeit, nach dem Umfassenden strebt und dass sie zu gleicher Zeit nach der inneren Tiefe strebt, immer tiefer mit allen verschiedenen Nuancen des Seelenlebens lebendig erleben will. Man kann sagen: So wie das Ich, das Selbst, das Tiefste im Wesen des Menschen ist, und die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele, die Bewusstseinsseele seine Äußerungen sind, so ist es beim Deutschen so, insofern er seinem Volkstum angehört, dass in Bezug auf das Intimste seines Gemütes, in Bezug auf die Tiefen der Seele er, wenn er sich gerade zu dem Besten, was aus dem deutschen Wesen erfließen kann, erhebt, er ein Wechselgespräch hält mit seiner tiefsten Seele mit dem Geiste seines Volkes. Dadurch hat er auch ein Gefühl, manchmal nur einen Instinkt, aber auf den Höhen der Menschheit auch ein deutliches Bewusstsein von diesem Gegenüberstehen den Geistesmächten der Welt.
[ 29 ] Es wird uns gerade auch diese Eigentümlichkeit des britischen Wesens besser vor Augen treten, wenn wir nun gleich erwähnen, welches die Eigentümlichkeit der Wechselwirkung der deutschen Volksseele mit der deutschen Einzelseele ist. Da zeigt sich — und wir werden das später durch einzelne Äußerungen des deutschen Wesens zu verstehen haben —, da zeigt sich, dass so, wie sich das Licht äußert in allen Farbennuancen, so, wie das RötlichGelbe, das Grüne, das Blauviolette alles Äußerungen des Lichtes sind, so ist die gesamte Seele die Äußerung des Selbstes, des Ich. Und dasjenige, was ausmacht des deutschen Volkes Substanz, das wurzelt ganz und gar im Ich, im Selbst. Und der Wechselverkehr zwischen dem, was wir die deutsche Volksseele nennen und den einzelnen Deutschen, insofern er innerhalb seines Volkstums steht, ist die Wechselwirkung zwischen der Volksseele und dem Ich. Daher jene Eigentümlichkeit der deutschen Seele, dass sie nicht einseitig auf die Offenbarungen der Empfindungsseele, der Verstandes- oder Gemütsseele oder der Bewusstseinsseele eingestellt ist, sondern dass sie sich äußert bald nach dieser, bald nach jener Seite; dass sie nach Allseitigkeit, nach dem Umfassenden strebt und dass sie zu gleicher Zeit nach der inneren Tiefe strebt, immer tiefer mit allen verschiedenen Nuancen des Seelenlebens lebendig erleben will. Man kann sagen: So wie das Ich, das Selbst, das Tiefste im Wesen des Menschen ist, und die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele, die Bewusstseinsseele seine Äußerungen sind, so ist es beim Deutschen so, insofern er seinem Volkstum angehört, dass in Bezug auf das Intimste seines Gemütes, in Bezug auf die Tiefen der Seele er, wenn er sich gerade zu dem Besten, was aus dem deutschen Wesen erfließen kann, erhebt, er ein Wechselgespräch hält mit seiner tiefsten Seele mit dem Geiste seines Volkes. Dadurch hat er auch ein Gefühl, manchmal nur einen Instinkt, aber auf den Höhen der Menschheit auch ein deutliches Bewusstsein von diesem Gegenüberstehen den Geistesmächten der Welt.
[ 30 ] Wenn wir nun wieder zurückblicken auf die Eigentümlichkeiten des britischen Volkes, da zeigt sich uns — und ich möchte gleich ein Beispiel anführen, das Größe hat, denn kein Mensch wird mir zumuten, dass ich, etwa um zu verunglimpfen, Shakespeare anführen werde, und ich würde selbstverständlich wie jeden anderen mich für einen Tollen, einen Narren halten, wenn ich irgendwie auch nur im Geringsten die Größe Shakespeares anzweifeln wollte; selbstverständlich zähle ich Shakespeare zu den besten Dichtern der Welt —, aber etwas anderes ist die Eigentümlichkeit, aus den Fundamenten der Weltenwirksamkeit heraus zu erkennen, etwas anderes ist, Werturteile sich zu bilden.
[ 30 ] Wenn wir nun wieder zurückblicken auf die Eigentümlichkeiten des britischen Volkes, da zeigt sich uns — und ich möchte gleich ein Beispiel anführen, das Größe hat, denn kein Mensch wird mir zumuten, dass ich, etwa um zu verunglimpfen, Shakespeare anführen werde, und ich würde selbstverständlich wie jeden anderen mich für einen Tollen, einen Narren halten, wenn ich irgendwie auch nur im Geringsten die Größe Shakespeares anzweifeln wollte; selbstverständlich zähle ich Shakespeare zu den besten Dichtern der Welt —, aber etwas anderes ist die Eigentümlichkeit, aus den Fundamenten der Weltenwirksamkeit heraus zu erkennen, etwas anderes ist, Werturteile sich zu bilden.
[ 31 ] Betrachten wir gleich eines der charakteristischsten Werke Shakespeares, das Werk, wo uns sozusagen Shakespeares Denken und Fühlen so ganz vor die Seele treten kann, betrachten wir seinen «Hamlet». Schauen wir uns an, wie uns in Hamlet wirkliche Weltenrätsel, Menschheitsrätsel vor die Seele geführt werden. «Sein oder Nicht-Sein, das ist hier die Frage.» Der Geist von Hamlets Vater erscheint, man möchte sagen, die Toten spielen in die Welt der Lebenden herein. Aber haben wir auf der einen Seite die Größe Shakespeares gerade darin zu erkennen, dass er imstande ist, in so wunderbar scharf umrissener Weise, in einer typischen und ganz individuellen Charakterisierung seine Menschen hinzustellen, das zeigt uns gerade, dass der Teil in seiner Seele groß ist, den man die Bewusstseinsseele nennt, der auf das ÄußerlichGeschichtliche hin gerichtet ist. Das, was von dem Menschen auf den zwei Beinen fest steht in der Welt und so sich offenbart durch den Menschen, das charakterisiert Shakespeare aus der Bewusstseinsseele heraus mit einer wunderbar scharfen Konturierung. Das ist das Eigentümliche, dass er einer der Größten geworden ist, dass er aus der Bewusstseinsseele heraus eine Welt, so wie sie vor uns steht, charakterisieren konnte. Das ist das Charakteristische.
[ 31 ] Betrachten wir gleich eines der charakteristischsten Werke Shakespeares, das Werk, wo uns sozusagen Shakespeares Denken und Fühlen so ganz vor die Seele treten kann, betrachten wir seinen «Hamlet». Schauen wir uns an, wie uns in Hamlet wirkliche Weltenrätsel, Menschheitsrätsel vor die Seele geführt werden. «Sein oder Nicht-Sein, das ist hier die Frage.» Der Geist von Hamlets Vater erscheint, man möchte sagen, die Toten spielen in die Welt der Lebenden herein. Aber haben wir auf der einen Seite die Größe Shakespeares gerade darin zu erkennen, dass er imstande ist, in so wunderbar scharf umrissener Weise, in einer typischen und ganz individuellen Charakterisierung seine Menschen hinzustellen, das zeigt uns gerade, dass der Teil in seiner Seele groß ist, den man die Bewusstseinsseele nennt, der auf das ÄußerlichGeschichtliche hin gerichtet ist. Das, was von dem Menschen auf den zwei Beinen fest steht in der Welt und so sich offenbart durch den Menschen, das charakterisiert Shakespeare aus der Bewusstseinsseele heraus mit einer wunderbar scharfen Konturierung. Das ist das Eigentümliche, dass er einer der Größten geworden ist, dass er aus der Bewusstseinsseele heraus eine Welt, so wie sie vor uns steht, charakterisieren konnte. Das ist das Charakteristische.
[ 32 ] Aber schauen wir ihn gerade da an, wo er berühren will die Grenze, die über die sinnliche Welt hinüber in das Übersinnliche hineinführt. Er will sie berühren. Er will hinaus über diese Grenze. Hamlets Seele zeigt, wie es dem Menschen wird, der hinauswill über diese Grenze. Die Frage wird aufgerichtet: Sein oder Nichtsein? Auf das jenseitige Land wird hingeschaut, aber wie weit kommt Hamlet? Er kommt nur bis zur Schwelle, er blickt in jenes Land, aus dem noch kein Wanderer zurückgekehrt sei.
[ 32 ] Aber schauen wir ihn gerade da an, wo er berühren will die Grenze, die über die sinnliche Welt hinüber in das Übersinnliche hineinführt. Er will sie berühren. Er will hinaus über diese Grenze. Hamlets Seele zeigt, wie es dem Menschen wird, der hinauswill über diese Grenze. Die Frage wird aufgerichtet: Sein oder Nichtsein? Auf das jenseitige Land wird hingeschaut, aber wie weit kommt Hamlet? Er kommt nur bis zur Schwelle, er blickt in jenes Land, aus dem noch kein Wanderer zurückgekehrt sei.
[ 33 ] Da haben wir die ganze Wirkungsweise der Bewusstseinsseele darin, dass der Dichter groß ist in der Charakterisierung dessen, was in der physischen Welt steht; aber die Unsicherheit befällt sogleich die Seele, wenn sie aus der physischen Welt herauswill. Gerade Shakespeare zeigt uns so recht, wie er auch aus der Wechselwirkung der Volksseele mit der Bewusstseinsseele hervorgegangen ist.
[ 33 ] Da haben wir die ganze Wirkungsweise der Bewusstseinsseele darin, dass der Dichter groß ist in der Charakterisierung dessen, was in der physischen Welt steht; aber die Unsicherheit befällt sogleich die Seele, wenn sie aus der physischen Welt herauswill. Gerade Shakespeare zeigt uns so recht, wie er auch aus der Wechselwirkung der Volksseele mit der Bewusstseinsseele hervorgegangen ist.
[ 34 ] Vergleichen wir nun hiermit eine Episode in dem größten Weltgedicht, das zugleich eben das größte deutsche Gedicht ist, die größte deutsche Geistesleistung ist, lassen wir jene Szene im zweiten Teil von Goethes «Faust» vor unsere Seele treten, wo auch das «Sein oder Nichtsein», die geistige Welt und die sinnlich-materielle Welt voll bedeutsam vor die menschliche Seele tritt. Mephisto steht da, er hat den Schlüssel zur geistigen Welt, allein er ist der Repräsentant der materialistischen Anschauung, er ist der Repräsenant derjenigen Wesen, die aus dem Geiste heraus nur das Materielle, das Vergängliche sehen. Den Schlüssel hat er, so wie die Naturwissenschaft den Schlüssel hat zu den höheren Geheimnissen, aber, wenn sie nur mit Materialismus angefüllt ist, nicht in diese Geheimnisse hineinkann. Goethe schildert Mephisto sogar, wie er sich zu den höheren Geheimnissen stellen muss. Und Mephisto richtet die Frage an Faust, die sich so nahe mit der Hamlet-Frage berührt: Du wirst ins Unbestimmte treten, du wirst ins Nichts kommen. Da wirft sich auf dasjenige, was im «Faust» als Geist geltend sein soll. Und Faust erwidert dem Mephisto: «In deinem Nichts hoff’ ich das All zu finden.»
[ 34 ] Vergleichen wir nun hiermit eine Episode in dem größten Weltgedicht, das zugleich eben das größte deutsche Gedicht ist, die größte deutsche Geistesleistung ist, lassen wir jene Szene im zweiten Teil von Goethes «Faust» vor unsere Seele treten, wo auch das «Sein oder Nichtsein», die geistige Welt und die sinnlich-materielle Welt voll bedeutsam vor die menschliche Seele tritt. Mephisto steht da, er hat den Schlüssel zur geistigen Welt, allein er ist der Repräsentant der materialistischen Anschauung, er ist der Repräsenant derjenigen Wesen, die aus dem Geiste heraus nur das Materielle, das Vergängliche sehen. Den Schlüssel hat er, so wie die Naturwissenschaft den Schlüssel hat zu den höheren Geheimnissen, aber, wenn sie nur mit Materialismus angefüllt ist, nicht in diese Geheimnisse hineinkann. Goethe schildert Mephisto sogar, wie er sich zu den höheren Geheimnissen stellen muss. Und Mephisto richtet die Frage an Faust, die sich so nahe mit der Hamlet-Frage berührt: Du wirst ins Unbestimmte treten, du wirst ins Nichts kommen. Da wirft sich auf dasjenige, was im «Faust» als Geist geltend sein soll. Und Faust erwidert dem Mephisto: «In deinem Nichts hoff’ ich das All zu finden.»
[ 35 ] Sehen Sie, das ist die Antwort, die gegeben wird aus der Tiefe des Ich heraus, jenes Ich, das mit dem Weltgeist sich verbunden weiß, jenes Ich, das unmittelbar gestärkt ist dadurch, dass es das deutsche Ich ist, das die Wechselwirkung erlebt zwischen der Volksseele und dem, was als das Selbst in der Seele lebt. In die Einseitigkeit der Bewusstseinsseele kommt nur der Zweifel hinein, der Hamlet-Zweifel, eben dasjenige, was als das Tiefste wirklich erlebt wird. Da tritt die Gewissheit herein, die sich sagt: Weil ich das Göttliche, das durch die Welt wallt und west, in meinem eigenen Inneren erlebe, daher weiß ich, dass ich in deinem [Nichts] das All finden muss. Das ist das Bedeutsame, dass auch in der größten deutschen Geistesleistung gerade diese Natur des deutschen Wesens zum Ausdruck gekommen ist. Und dasjenige, was ich an dieser einen Faustszene erörtert habe, es geht ja, wie der Geist des Faust, durch den ganzen «Faust» hindurch. Das ist das Bedeutsame, dass an dieser Stelle zum Ausdruck kommt dieses Hereinwirken der Volksseele in die Tiefen des Gemütes durch alle Seelennuancen durch.
[ 35 ] Sehen Sie, das ist die Antwort, die gegeben wird aus der Tiefe des Ich heraus, jenes Ich, das mit dem Weltgeist sich verbunden weiß, jenes Ich, das unmittelbar gestärkt ist dadurch, dass es das deutsche Ich ist, das die Wechselwirkung erlebt zwischen der Volksseele und dem, was als das Selbst in der Seele lebt. In die Einseitigkeit der Bewusstseinsseele kommt nur der Zweifel hinein, der Hamlet-Zweifel, eben dasjenige, was als das Tiefste wirklich erlebt wird. Da tritt die Gewissheit herein, die sich sagt: Weil ich das Göttliche, das durch die Welt wallt und west, in meinem eigenen Inneren erlebe, daher weiß ich, dass ich in deinem [Nichts] das All finden muss. Das ist das Bedeutsame, dass auch in der größten deutschen Geistesleistung gerade diese Natur des deutschen Wesens zum Ausdruck gekommen ist. Und dasjenige, was ich an dieser einen Faustszene erörtert habe, es geht ja, wie der Geist des Faust, durch den ganzen «Faust» hindurch. Das ist das Bedeutsame, dass an dieser Stelle zum Ausdruck kommt dieses Hereinwirken der Volksseele in die Tiefen des Gemütes durch alle Seelennuancen durch.
[ 36 ] Das ist aber auch dasjenige, was von den anderen Europäern so schwer verstanden werden kann. Das ist dasjenige, was den anderen Europäern als ein Rätsel erscheint. Und Rätsel, die man nicht lösen kann, die schafft man sich am besten durch solche Mittel von der Seele, wie sie jetzt angewendet werden in den sophistischen und verleumderischen Deklamationen, welche von allen Seiten aus Hass gegenüber dem, was man nicht verstehen kann, heraus dem deutschen Volksgemüt entgegengebracht werden.
[ 36 ] Das ist aber auch dasjenige, was von den anderen Europäern so schwer verstanden werden kann. Das ist dasjenige, was den anderen Europäern als ein Rätsel erscheint. Und Rätsel, die man nicht lösen kann, die schafft man sich am besten durch solche Mittel von der Seele, wie sie jetzt angewendet werden in den sophistischen und verleumderischen Deklamationen, welche von allen Seiten aus Hass gegenüber dem, was man nicht verstehen kann, heraus dem deutschen Volksgemüt entgegengebracht werden.
[ 37 ] Aber aus diesem Zusammenwirken der Volksseele mit der einzelnen Seele des Menschen, insofern dieser Mensch in seinem Volkstum drinnensteht, folgt dasjenige, was ich nennen möchte die sich stets verjüngende Kraft des deutschen Geistes, der deutschen Volksseele. Denn dadurch, dass der Deutsche mit seinem innersten Wesen Umgang pflegt, Zwiesprache halten kann mit der Volksseele, dadurch nähert er sich immer wiederum dieser Volksseele. Und wenn irgendeine Kulturperiode abgelaufen ist, wenn eine Kulturperiode greisenhaft geworden ist und abstirbt, dann kommt eben immer wieder ein neues Zusammenwirken des deutschen Volksgemütes mit dem Volksgeist, eine Verjüngung des ganzen Wesens. Dadurch aber, durch dieses unmittelbare Umgehen mit der Volksseele, verjüngt das deutsche Wesen nicht nur das, was innerhalb des deutschen Geistes selbst lebt, sondern auch das, was in aller Welt als Geisteskultur auch in das deutsche Wesen hereinströmen muss.
[ 37 ] Aber aus diesem Zusammenwirken der Volksseele mit der einzelnen Seele des Menschen, insofern dieser Mensch in seinem Volkstum drinnensteht, folgt dasjenige, was ich nennen möchte die sich stets verjüngende Kraft des deutschen Geistes, der deutschen Volksseele. Denn dadurch, dass der Deutsche mit seinem innersten Wesen Umgang pflegt, Zwiesprache halten kann mit der Volksseele, dadurch nähert er sich immer wiederum dieser Volksseele. Und wenn irgendeine Kulturperiode abgelaufen ist, wenn eine Kulturperiode greisenhaft geworden ist und abstirbt, dann kommt eben immer wieder ein neues Zusammenwirken des deutschen Volksgemütes mit dem Volksgeist, eine Verjüngung des ganzen Wesens. Dadurch aber, durch dieses unmittelbare Umgehen mit der Volksseele, verjüngt das deutsche Wesen nicht nur das, was innerhalb des deutschen Geistes selbst lebt, sondern auch das, was in aller Welt als Geisteskultur auch in das deutsche Wesen hereinströmen muss.
[ 38 ] Sehen wir doch, wie in die alten abgelebten Kulturen am Ausgang der alten Zeiten das Christentum eingeströmt ist. Oh, man kann das beobachten, wie dieses Christentum alte Formen, greisenhafte Formen von Religionen annahm in der griechischen, in der römischen Volkheit. Wie da dasjenige, was griechische Philosophie war, wie ein Religiöses sich überlegte, hinüberlegte über dasjenige, was als ein lebendiger Impuls in die Menschheitsentwicklung hineingetragen wurde als die Tat des lebendigen Christus.
[ 38 ] Sehen wir doch, wie in die alten abgelebten Kulturen am Ausgang der alten Zeiten das Christentum eingeströmt ist. Oh, man kann das beobachten, wie dieses Christentum alte Formen, greisenhafte Formen von Religionen annahm in der griechischen, in der römischen Volkheit. Wie da dasjenige, was griechische Philosophie war, wie ein Religiöses sich überlegte, hinüberlegte über dasjenige, was als ein lebendiger Impuls in die Menschheitsentwicklung hineingetragen wurde als die Tat des lebendigen Christus.
[ 39 ] Und dann sehen wir, wie das Christentum hineintritt in das sich selbst stets erfrischende und verjüngende Gemüt des deutschen Wesens. Man kann das an einzelnen Erscheinungen beobachten. Sehen wir zum Beispiel, wie im neunten Jahrhundert der «Heliand» geschrieben worden ist, eine deutsche Art, die Ereignisse von Palästina, die sich um den Christus Jesus gruppieren, darzustellen. Wenn wir diese sonderbare Dichtung des neunten Jahrhunderts auf uns wirken lassen, so zeigt sie uns vor allen Dingen die Eigentümlichkeit, dass hier aus deutschem Geiste heraus die Ereignisse um den Christus Jesus geschildert werden, der den Christus Jesus in sein eigenes Gemüt ganz aufgenommen hat, der eine Sehnsucht, ein Ideal darin sieht, in seinem eigenen Seelenleben so zu leben, dass die Kräfte des Christus dieses eigene Seelenleben durchziehen. Alles das, was deutsche Seele ist, soll durchchristet werden. Davon rührt es aber her, dass man, wenn man den «Heliand» liest und auf sich wirken lässt, das Gefühl hat: Das alles ist uns verwandt, es wird uns geschildert das Ewige des Christus so, dass es nicht so erscheint wie erneuernd, wie verjüngend eine alt gewordene Kultur, sondern dass es so erscheint, dass die Christuskraft selbst in ihrer jugendfrischen Leistung aufgeht und unmittelbar anwesend ist, sich selbst wie verjüngend.
[ 39 ] Und dann sehen wir, wie das Christentum hineintritt in das sich selbst stets erfrischende und verjüngende Gemüt des deutschen Wesens. Man kann das an einzelnen Erscheinungen beobachten. Sehen wir zum Beispiel, wie im neunten Jahrhundert der «Heliand» geschrieben worden ist, eine deutsche Art, die Ereignisse von Palästina, die sich um den Christus Jesus gruppieren, darzustellen. Wenn wir diese sonderbare Dichtung des neunten Jahrhunderts auf uns wirken lassen, so zeigt sie uns vor allen Dingen die Eigentümlichkeit, dass hier aus deutschem Geiste heraus die Ereignisse um den Christus Jesus geschildert werden, der den Christus Jesus in sein eigenes Gemüt ganz aufgenommen hat, der eine Sehnsucht, ein Ideal darin sieht, in seinem eigenen Seelenleben so zu leben, dass die Kräfte des Christus dieses eigene Seelenleben durchziehen. Alles das, was deutsche Seele ist, soll durchchristet werden. Davon rührt es aber her, dass man, wenn man den «Heliand» liest und auf sich wirken lässt, das Gefühl hat: Das alles ist uns verwandt, es wird uns geschildert das Ewige des Christus so, dass es nicht so erscheint wie erneuernd, wie verjüngend eine alt gewordene Kultur, sondern dass es so erscheint, dass die Christuskraft selbst in ihrer jugendfrischen Leistung aufgeht und unmittelbar anwesend ist, sich selbst wie verjüngend.
[ 40 ] Und sehen wir dann, wie zum Beispiel eine so tiefe Dichtung, die ja nicht unmittelbar auf deutschem Boden in ihrer ersten Gestalt entstanden ist, wie Parzifal — und noch andere könnte ich nennen —, wie solche Dichtungen ergriffen worden sind vom deutschen Wesen, wie sie vertieft worden sind, wie die äußerlich abenteuerliche Natur, wie sie früher um Parzifal war, uns dann auftritt bei Wolfram von Eschenbach und später bei anderen mit Bezug auf Parzifal, wie es uns entgegentritt, dass wir den Parzifal sehen als den Repräsentanten der strebenden Menschenseele überhaupt. Wir sehen in ihm etwas, was sich so darlebt, dass sein Streben im Innersten verbunden ist mit den Kräften in der Menschenseele, die da streben nach dem Höchsten, nach dem Wege zum Geistigen. Und sehen wir, wie zum Beispiel mittelalterliches religiöses Geistesleben gerade so unendlich tief erfasst wird von der Kraft dessen, was ich eben ausgeführt habe. Da sehen wir zum Beispiel bei dem Meister Eckhart, bei diesem tiefsinnigen deutschen Mystiker, wie er immerzu davon spricht, dass das Göttliche in der Seele selbst aufgehen muss, dass die Seele fühlen könne, wie der Gott in ihr lebt. Ja, dass alles dasjenige, was die Seele durchlebt als Denken, Fühlen und Wollen, sich so erleben lasse, wie wenn der Gott selber in ihr denke, fühle und wolle. Gott ganz in sich walten lassen, das wird das Ideal der deutschen Mystik, das Ideal des Meister Eckhart und anderer.
[ 40 ] Und sehen wir dann, wie zum Beispiel eine so tiefe Dichtung, die ja nicht unmittelbar auf deutschem Boden in ihrer ersten Gestalt entstanden ist, wie Parzifal — und noch andere könnte ich nennen —, wie solche Dichtungen ergriffen worden sind vom deutschen Wesen, wie sie vertieft worden sind, wie die äußerlich abenteuerliche Natur, wie sie früher um Parzifal war, uns dann auftritt bei Wolfram von Eschenbach und später bei anderen mit Bezug auf Parzifal, wie es uns entgegentritt, dass wir den Parzifal sehen als den Repräsentanten der strebenden Menschenseele überhaupt. Wir sehen in ihm etwas, was sich so darlebt, dass sein Streben im Innersten verbunden ist mit den Kräften in der Menschenseele, die da streben nach dem Höchsten, nach dem Wege zum Geistigen. Und sehen wir, wie zum Beispiel mittelalterliches religiöses Geistesleben gerade so unendlich tief erfasst wird von der Kraft dessen, was ich eben ausgeführt habe. Da sehen wir zum Beispiel bei dem Meister Eckhart, bei diesem tiefsinnigen deutschen Mystiker, wie er immerzu davon spricht, dass das Göttliche in der Seele selbst aufgehen muss, dass die Seele fühlen könne, wie der Gott in ihr lebt. Ja, dass alles dasjenige, was die Seele durchlebt als Denken, Fühlen und Wollen, sich so erleben lasse, wie wenn der Gott selber in ihr denke, fühle und wolle. Gott ganz in sich walten lassen, das wird das Ideal der deutschen Mystik, das Ideal des Meister Eckhart und anderer.
[ 41 ] Und verfolgen wir dann den Gang gerade dieser geistigen Strömung, sagen wir bis hinauf zu dem urdeutschen Angelus Silesius, da finden wir zahlreiche Äußerungen bei ihm, die uns die gleiche Geistesart zeigen. Eine seiner Äußerungen, ich möchte sie jetzt nur vor Ihre Seele führen aus dem Grunde, weil sie so außerordentlich charakteristisch diese Geistesart zeigen kann. Das ist ein Spruch von Angelus Silesius:
[ 41 ] Und verfolgen wir dann den Gang gerade dieser geistigen Strömung, sagen wir bis hinauf zu dem urdeutschen Angelus Silesius, da finden wir zahlreiche Äußerungen bei ihm, die uns die gleiche Geistesart zeigen. Eine seiner Äußerungen, ich möchte sie jetzt nur vor Ihre Seele führen aus dem Grunde, weil sie so außerordentlich charakteristisch diese Geistesart zeigen kann. Das ist ein Spruch von Angelus Silesius:
Ich sterb’ und leb’ auch nicht. Gott selber stirbt in mir,
Und was ich leben soll, lebt er auch für und für.
Ich sterb’ und leb’ auch nicht. Gott selber stirbt in mir,
Und was ich leben soll, lebt er auch für und für.
[ 42 ] Da haben wir einen unmittelbaren Beweis von dem intimen Zusammensein der einzelnen menschlichen Seele mit dem umfassenden Geiste der Welt. Und sehen wir darin nicht eine unendlich tiefe Unsterblichkeitsidee ausgeprägt, eine Unsterblichkeitsidee, die uns sozusagen in gigantischer Größe entgegentreten kann? Da sagt Angelus Silesius: Ich sterbe und lebe auch nicht, Gott selber stirbt in mir. Wenn aber Gott selber in mir stirbt, so heißt das: Das Ereignis des Todes erlebt der Gott, der in mir lebt; dann kann der Tod nur ein Schein sein, denn Gott kann nicht sterben in mir! Man sieht, dieser tiefe deutsche Mystiker ergreift selbst den Todesgedanken im Zusammenhang mit dem göttlichen, lebendigen Durchwalten der Welt, und er kommt zu der Gewissheit der Unsterblichkeit aus dem Erleben der göttlichen Welt in sich selbst. Das rührt davon her, dass der Deutsche nicht stehen bleiben kann bei einer alt gewordenen Erkenntnis, sondern dass er, wie das im «Faust» so großartig zum Ausdruck kommt, immer strebt nach den Quellen des Lebens. Und habe er auch alles, wie Faust selbst, studiert, er strebt über alles das hinaus, er strebt nach dem unmittelbaren Umgang mit dem Geiste der Welt. Denn das ist die eigentümliche Natur, das ist das Wesentliche, dass das Selbst die Wechselwirkung mit der Volksseele sucht im deutschen Geistesleben. Daher fühlt sich auch aus dieser Natur seines Wesens heraus das wahre deutsche Gemüt im Einklang mit den ewigen Kräften der Welt, die über den Tod hinaus liegen.
[ 42 ] Da haben wir einen unmittelbaren Beweis von dem intimen Zusammensein der einzelnen menschlichen Seele mit dem umfassenden Geiste der Welt. Und sehen wir darin nicht eine unendlich tiefe Unsterblichkeitsidee ausgeprägt, eine Unsterblichkeitsidee, die uns sozusagen in gigantischer Größe entgegentreten kann? Da sagt Angelus Silesius: Ich sterbe und lebe auch nicht, Gott selber stirbt in mir. Wenn aber Gott selber in mir stirbt, so heißt das: Das Ereignis des Todes erlebt der Gott, der in mir lebt; dann kann der Tod nur ein Schein sein, denn Gott kann nicht sterben in mir! Man sieht, dieser tiefe deutsche Mystiker ergreift selbst den Todesgedanken im Zusammenhang mit dem göttlichen, lebendigen Durchwalten der Welt, und er kommt zu der Gewissheit der Unsterblichkeit aus dem Erleben der göttlichen Welt in sich selbst. Das rührt davon her, dass der Deutsche nicht stehen bleiben kann bei einer alt gewordenen Erkenntnis, sondern dass er, wie das im «Faust» so großartig zum Ausdruck kommt, immer strebt nach den Quellen des Lebens. Und habe er auch alles, wie Faust selbst, studiert, er strebt über alles das hinaus, er strebt nach dem unmittelbaren Umgang mit dem Geiste der Welt. Denn das ist die eigentümliche Natur, das ist das Wesentliche, dass das Selbst die Wechselwirkung mit der Volksseele sucht im deutschen Geistesleben. Daher fühlt sich auch aus dieser Natur seines Wesens heraus das wahre deutsche Gemüt im Einklang mit den ewigen Kräften der Welt, die über den Tod hinaus liegen.
[ 43 ] Daher finden wir solche tiefen Worte bei Jakob Böhme und später bei Fichte, bei beiden auf verschiedene Art, beide aber strebend nach einer Richtung hin, sie sagten: Derjenige, der aus den Tiefen der Menschenseele heraus das Wesen des Todes erfasst, der erfasst eigentlich dasjenige, was schon innerhalb der sterblichen Menschennatur unsterblich ist. Dasjenige, was wir durch den Tod tragen, das ist das Selbst, was wir in uns haben, schon während wir hier auf Erden zwischen Geburt und Tod leben. Als Höchstes sieht daher Jakob Böhme, und auch später Fichte in Jakob Böhmes Art, dasjenige an, gewahrzuwerden, was durch die Pforte des Todes geht, was als Ewiges im Menschen lebt, gewahr zu werden schon im irdischen Leben, damit das, was als das voll entwickelte Ewige erkannt werden kann, hindurchgetragen werden kann durch die Pforte des Todes, hinaus aus dem sterblichen Leib. Und da spricht in einer wunderbaren Weise Jakob Böhme das Wort, das so charakteristisch ist für die geschilderte Eigentümlichkeit des deutschen Volkswesens. Er sagt:
[ 43 ] Daher finden wir solche tiefen Worte bei Jakob Böhme und später bei Fichte, bei beiden auf verschiedene Art, beide aber strebend nach einer Richtung hin, sie sagten: Derjenige, der aus den Tiefen der Menschenseele heraus das Wesen des Todes erfasst, der erfasst eigentlich dasjenige, was schon innerhalb der sterblichen Menschennatur unsterblich ist. Dasjenige, was wir durch den Tod tragen, das ist das Selbst, was wir in uns haben, schon während wir hier auf Erden zwischen Geburt und Tod leben. Als Höchstes sieht daher Jakob Böhme, und auch später Fichte in Jakob Böhmes Art, dasjenige an, gewahrzuwerden, was durch die Pforte des Todes geht, was als Ewiges im Menschen lebt, gewahr zu werden schon im irdischen Leben, damit das, was als das voll entwickelte Ewige erkannt werden kann, hindurchgetragen werden kann durch die Pforte des Todes, hinaus aus dem sterblichen Leib. Und da spricht in einer wunderbaren Weise Jakob Böhme das Wort, das so charakteristisch ist für die geschilderte Eigentümlichkeit des deutschen Volkswesens. Er sagt:
Wer nicht stirbt, bevor er stirbt,
Der verdirbt, wenn er stirbt.
Wer nicht stirbt, bevor er stirbt,
Der verdirbt, wenn er stirbt.
[ 44 ] Ein tiefes Wort! Denn heißen soll es: Wer nicht vermag, sich zu verbinden während seines Lebens auf Erden im Leibe schon mit dem Unsterblichen, der kann nach dem Tode nicht in regelrechter Weise erreichen das Bewusstsein seiner Zusammengehörigkeit mit dem vom Leibe befreiten Geist.
[ 44 ] Ein tiefes Wort! Denn heißen soll es: Wer nicht vermag, sich zu verbinden während seines Lebens auf Erden im Leibe schon mit dem Unsterblichen, der kann nach dem Tode nicht in regelrechter Weise erreichen das Bewusstsein seiner Zusammengehörigkeit mit dem vom Leibe befreiten Geist.
Wer nicht stirbt, bevor er stirbt,
Der verdirbt, wenn er stirbt.
Wer nicht stirbt, bevor er stirbt,
Der verdirbt, wenn er stirbt.
[ 45 ] Ein Wort, das so ganz auf den Tiefen einer Seele heraus gesprochen ist, die da will ihre besten Kräfte dadurch entfalten, dass sie hereinweben lässt in ihre eigenen Tiefen dasjenige, was ihr Volksgeist, ihre Volksseele ihr geben will.
[ 45 ] Ein Wort, das so ganz auf den Tiefen einer Seele heraus gesprochen ist, die da will ihre besten Kräfte dadurch entfalten, dass sie hereinweben lässt in ihre eigenen Tiefen dasjenige, was ihr Volksgeist, ihre Volksseele ihr geben will.
[ 46 ] In dieser Beziehung steht verständnislos, recht verständnislos gegenüber gerade dem, was die tiefste Eigenart der deutschen Volksseele ist, der russische Volksgeist — dieser russische Volksgeist, dessen charakteristische Eigentümlichkeit es ist, so sonderbar es vielleicht manchen erscheinen mag, aber es müssen, da ich eben vieles nur ganz kurz charakterisieren kann, manchmal radikale Worte gebraucht werden —, dieser russische Volksgeist, dessen Eigentümlichkeit gegenüber der westeuropäischen und vor allen Dingen der mitteleuropäischen Geisteskultur die Überhebung, der Hochmut ist. Wenn oftmals von einer Bescheidenheit des russischen Volksgeistes gesprochen wird, so beruht das gegenüber dem, was als das Charakteristische uns entgegentritt, auf einer vollständigen Verkennung gerade der innersten Impulse dieses russischen Volksgeistes. Konnte man bei dem italienischen Volke sehen, wie eine Wechselwirkung stattfindet zwischen der Volksseele und der Empfindungsseele des Einzelnen; konnte man bei dem französischen Volke sehen, wie eine Wechselwirkung stattfindet zwischen der Volksseele und der Verstandes- oder Gemütsseele; beim britischen Volke, wie eine Wechselwirkung besteht zwischen der Volksseele und der Bewusstseinsseele des Einzelnen; bei dem deutschen Wesen ein unmittelbares Erleben der Volksseele im Selbst des Einzelnen, so muss man sagen: Das russische Wesen, es lebt sich heute noch so dar, trotz aller Kräfte, die es in sich trägt, dass die russische Volksseele noch nicht den Weg gefunden hat zur einzelnen Seele. Daher kommt es, dass derjenige, der ganz drinnensteht im russischen Volkstum, als Philosoph drinnensteht oder als Künstler, dass der gar nicht jenes intime Zusammenleben kennt, das der Deutsche gerade durch die charakterisierten Eigenschaften im Innern seines Wesens sucht.
[ 46 ] In dieser Beziehung steht verständnislos, recht verständnislos gegenüber gerade dem, was die tiefste Eigenart der deutschen Volksseele ist, der russische Volksgeist — dieser russische Volksgeist, dessen charakteristische Eigentümlichkeit es ist, so sonderbar es vielleicht manchen erscheinen mag, aber es müssen, da ich eben vieles nur ganz kurz charakterisieren kann, manchmal radikale Worte gebraucht werden —, dieser russische Volksgeist, dessen Eigentümlichkeit gegenüber der westeuropäischen und vor allen Dingen der mitteleuropäischen Geisteskultur die Überhebung, der Hochmut ist. Wenn oftmals von einer Bescheidenheit des russischen Volksgeistes gesprochen wird, so beruht das gegenüber dem, was als das Charakteristische uns entgegentritt, auf einer vollständigen Verkennung gerade der innersten Impulse dieses russischen Volksgeistes. Konnte man bei dem italienischen Volke sehen, wie eine Wechselwirkung stattfindet zwischen der Volksseele und der Empfindungsseele des Einzelnen; konnte man bei dem französischen Volke sehen, wie eine Wechselwirkung stattfindet zwischen der Volksseele und der Verstandes- oder Gemütsseele; beim britischen Volke, wie eine Wechselwirkung besteht zwischen der Volksseele und der Bewusstseinsseele des Einzelnen; bei dem deutschen Wesen ein unmittelbares Erleben der Volksseele im Selbst des Einzelnen, so muss man sagen: Das russische Wesen, es lebt sich heute noch so dar, trotz aller Kräfte, die es in sich trägt, dass die russische Volksseele noch nicht den Weg gefunden hat zur einzelnen Seele. Daher kommt es, dass derjenige, der ganz drinnensteht im russischen Volkstum, als Philosoph drinnensteht oder als Künstler, dass der gar nicht jenes intime Zusammenleben kennt, das der Deutsche gerade durch die charakterisierten Eigenschaften im Innern seines Wesens sucht.
[ 47 ] Der russische Mensch kennt gar nicht dieses Hereinfließen der Kräfte der Volksseele in die eigene Seele, in die Einzelseele. Der russische Mensch sieht in der Volksseele etwas, was über den einzelnen Seelen wie nebelhaft schwebt. Der russische Mensch, selbst ein so tiefer Philosoph wie Solowjow, der der größte philosophische Geist des russischen Volkes ist, er spricht nicht so, wie etwa der Deutsche spricht, indem er, dieser Deutsche sagt: Ich habe mein Vertrauen zu dem tiefsten Seelenkern, der in mir ist, er kann sich mit dem Göttlichen, das durch die Welt wallt und webt, verbinden. — Und so ist er gewiss des wahren, geistigen Menschheitsfortschrittes, weil er die Kraft fühlt in sich, durch die Gott in ihm waltet, die ihren Ausdruck findet in den großen Schöpfungen des deutschen Geistes.
[ 47 ] Der russische Mensch kennt gar nicht dieses Hereinfließen der Kräfte der Volksseele in die eigene Seele, in die Einzelseele. Der russische Mensch sieht in der Volksseele etwas, was über den einzelnen Seelen wie nebelhaft schwebt. Der russische Mensch, selbst ein so tiefer Philosoph wie Solowjow, der der größte philosophische Geist des russischen Volkes ist, er spricht nicht so, wie etwa der Deutsche spricht, indem er, dieser Deutsche sagt: Ich habe mein Vertrauen zu dem tiefsten Seelenkern, der in mir ist, er kann sich mit dem Göttlichen, das durch die Welt wallt und webt, verbinden. — Und so ist er gewiss des wahren, geistigen Menschheitsfortschrittes, weil er die Kraft fühlt in sich, durch die Gott in ihm waltet, die ihren Ausdruck findet in den großen Schöpfungen des deutschen Geistes.
[ 48 ] Jenes Gespräch, das jeder Deutsche, der einfachste, ursprünglichste Deutsche instinktiv fühlt, es ist selbst einem philosophischen russischen Menschen im Grunde genommen ganz unbekannt. Und so sehen wir gerade bei dem hervorragendsten Geiste des russischen Volkes, des russischen Weltanschauungsstrebens, bei Solowjow, der im Jahre 1900 verstorben ist, wir sehen bei diesem großen Philosophen: Wenn wir seine Werke durchnehmen, dann muss man — verzeihen Sie den Ausdruck — wie aus seiner westeuropäischen Haut herausfahren, um sich hineinzuleben in dasjenige, was einem da entgegentritt. Es hat Größe — das soll nicht geleugnet werden, die Größe soll überall zugegeben werden, wo sie in der Welt da ist —, aber es hat Größe so, dass Solowjow, da, wo er zum Beispiel spricht von dem, was durch die russische Kultur geschehen soll, so spricht, dass der Impuls zu dem, was geschehen soll, wie aus Nebelhöhen als eine Speise gleichsam, als etwas, was durch Gnade heruntergespritzt werden soll zu einer bestimmten Zeit in die Taten des russischen Volkes kommen muss. Auf ein Wunder wartet er. Wenn Gott selbst aus jenseitigen Höhen hineinwirkt in die Menschen, dann werden die Menschen vorwärtskommen.
[ 48 ] Jenes Gespräch, das jeder Deutsche, der einfachste, ursprünglichste Deutsche instinktiv fühlt, es ist selbst einem philosophischen russischen Menschen im Grunde genommen ganz unbekannt. Und so sehen wir gerade bei dem hervorragendsten Geiste des russischen Volkes, des russischen Weltanschauungsstrebens, bei Solowjow, der im Jahre 1900 verstorben ist, wir sehen bei diesem großen Philosophen: Wenn wir seine Werke durchnehmen, dann muss man — verzeihen Sie den Ausdruck — wie aus seiner westeuropäischen Haut herausfahren, um sich hineinzuleben in dasjenige, was einem da entgegentritt. Es hat Größe — das soll nicht geleugnet werden, die Größe soll überall zugegeben werden, wo sie in der Welt da ist —, aber es hat Größe so, dass Solowjow, da, wo er zum Beispiel spricht von dem, was durch die russische Kultur geschehen soll, so spricht, dass der Impuls zu dem, was geschehen soll, wie aus Nebelhöhen als eine Speise gleichsam, als etwas, was durch Gnade heruntergespritzt werden soll zu einer bestimmten Zeit in die Taten des russischen Volkes kommen muss. Auf ein Wunder wartet er. Wenn Gott selbst aus jenseitigen Höhen hineinwirkt in die Menschen, dann werden die Menschen vorwärtskommen.
[ 49 ] Der russische Mensch sieht den Volksgeist über den einzelnen Seelen; er sieht ihn nicht in die drei charakterisierten Seelenkräfte hineinwirken, geschweige denn, dass ihm wirklich aufgehen könnte jenes intime Erleben des Geistes in der einzelnen Seele selbst, was gerade das Charakteristische des mitteleuropäischen Volksstrebens ist. Daher finden wir auch bei dem großen Philosophen die Eigentümlichkeit, da die Volksseele nicht ergreift mit ihren Kräften weder die Empfindungsseele noch die Verstandes- oder Gemütsseele noch die Bewusstseinsseele —, wir finden bei Solowjow die Eigentümlichkeit, dass diese einzelnen Seelenkräfte bei ihm wirken. Wir sehen, wie sie nach Regeln, die wir in Mitteleuropa niemals als Logik, als innere Notwendigkeit empfinden können, die eine Idee, die eine Empfindung an die andere heranreihen. Wir sehen gleichsam wie in luftigen Höhen den von dem russischen Volke verehrten Volksgeist schweben. Und wir sehen: Da können die Seelen mit ihren chaotisch durcheinanderwirbelnden Seelenkräften tätig sein. Dass das gerade an einem der größten Geister der russischen Welt klargemacht werden kann, das ist das Eigentümliche.
[ 49 ] Der russische Mensch sieht den Volksgeist über den einzelnen Seelen; er sieht ihn nicht in die drei charakterisierten Seelenkräfte hineinwirken, geschweige denn, dass ihm wirklich aufgehen könnte jenes intime Erleben des Geistes in der einzelnen Seele selbst, was gerade das Charakteristische des mitteleuropäischen Volksstrebens ist. Daher finden wir auch bei dem großen Philosophen die Eigentümlichkeit, da die Volksseele nicht ergreift mit ihren Kräften weder die Empfindungsseele noch die Verstandes- oder Gemütsseele noch die Bewusstseinsseele —, wir finden bei Solowjow die Eigentümlichkeit, dass diese einzelnen Seelenkräfte bei ihm wirken. Wir sehen, wie sie nach Regeln, die wir in Mitteleuropa niemals als Logik, als innere Notwendigkeit empfinden können, die eine Idee, die eine Empfindung an die andere heranreihen. Wir sehen gleichsam wie in luftigen Höhen den von dem russischen Volke verehrten Volksgeist schweben. Und wir sehen: Da können die Seelen mit ihren chaotisch durcheinanderwirbelnden Seelenkräften tätig sein. Dass das gerade an einem der größten Geister der russischen Welt klargemacht werden kann, das ist das Eigentümliche.
[ 50 ] Und immer wiederum muss man daran erinnern, wie zum Beispiel Lessing in seinem Testament ein bedeutsames Wort gesprochen hat. Oh, dieses Testament Lessings, das da heißt «Die Erziehung des Menschengeschlechts»! Er führt da aus, Lessing, wie die ganze Entwicklung der Menschheit ein großer Zusammenhang ist. Und eine Idee führt er aus, welche durch die Geisteswissenschaft zum Range einer wissenschaftlichen Wahrheit erhoben werden wird, die Idee von den wiederholten Erdenleben des Menschen. Es gibt heute ganz gescheite Leute, die sagen: Nun ja, Lessing hat Großes geschaffen, aber dann ist er alt geworden. Man braucht nicht so viel Wert auf das zu legen, dass er auf die Idee kam, dass die Seele immer wieder und wiederum hinüberträgt in eine spätere Epoche dasjenige, was von einer früheren Epoche in einer späteren Epoche fruchtbar gemacht werden kann. Aber Lessing war wahrhaftig nicht greisenhaft und alt geworden, schwachköpfig gleichsam geworden, wie die ganz gescheiten Leute sagen, wenn sie es auch nicht gerade in Bezug auf diese «Erziehung des Menschengeschlechts» sagen. Sondern Lessing hat gerade da im tiefsten Sinne das erfasst, was die Menschenseele erlebt, wenn sie das Walten des Weltengeistes in sich selbst als das Charakteristische ihres tiefsten Erlebens erfahren kann. Aus diesem Bewusstsein sprach Lessing wie ein Testament das gewichtige Wort: Ich fühle als Menschenseele durch deren eigenen Inhalt, durch deren eigene Wesenheit; auch ich wallte von Zeit zu Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Durch das, was ich bin, bin ich unsterblich. Und nun schließt er: «Ist denn nicht die ganze Ewigkeit mein?»
[ 50 ] Und immer wiederum muss man daran erinnern, wie zum Beispiel Lessing in seinem Testament ein bedeutsames Wort gesprochen hat. Oh, dieses Testament Lessings, das da heißt «Die Erziehung des Menschengeschlechts»! Er führt da aus, Lessing, wie die ganze Entwicklung der Menschheit ein großer Zusammenhang ist. Und eine Idee führt er aus, welche durch die Geisteswissenschaft zum Range einer wissenschaftlichen Wahrheit erhoben werden wird, die Idee von den wiederholten Erdenleben des Menschen. Es gibt heute ganz gescheite Leute, die sagen: Nun ja, Lessing hat Großes geschaffen, aber dann ist er alt geworden. Man braucht nicht so viel Wert auf das zu legen, dass er auf die Idee kam, dass die Seele immer wieder und wiederum hinüberträgt in eine spätere Epoche dasjenige, was von einer früheren Epoche in einer späteren Epoche fruchtbar gemacht werden kann. Aber Lessing war wahrhaftig nicht greisenhaft und alt geworden, schwachköpfig gleichsam geworden, wie die ganz gescheiten Leute sagen, wenn sie es auch nicht gerade in Bezug auf diese «Erziehung des Menschengeschlechts» sagen. Sondern Lessing hat gerade da im tiefsten Sinne das erfasst, was die Menschenseele erlebt, wenn sie das Walten des Weltengeistes in sich selbst als das Charakteristische ihres tiefsten Erlebens erfahren kann. Aus diesem Bewusstsein sprach Lessing wie ein Testament das gewichtige Wort: Ich fühle als Menschenseele durch deren eigenen Inhalt, durch deren eigene Wesenheit; auch ich wallte von Zeit zu Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Durch das, was ich bin, bin ich unsterblich. Und nun schließt er: «Ist denn nicht die ganze Ewigkeit mein?»
[ 51 ] Da ist eine Geistauffassung, eine Kulturauffassung, die unmittelbar die Folge ist dieser stets verjüngenden Kraft der deutschen Volksseele.
[ 51 ] Da ist eine Geistauffassung, eine Kulturauffassung, die unmittelbar die Folge ist dieser stets verjüngenden Kraft der deutschen Volksseele.
[ 52 ] Vergleichen wir damit den Glauben des bedeutsamen russischen Philosophen, den Glauben Solowjows, dass dasjenige, was der Mensch leisten kann, nur geleistet werden kann dadurch, dass ein Wunder dem russischen Menschen selber seine Mission gibt. Vergleicht man das, dann hat man alle Gründe, warum dasjenige, was russisches Wesen ist, so gar nicht verstehen kann dasjenige, was westeuropäisches, was mitteleuropäisches, besonders was deutsches Wesen ist. Und darin liegt der ganze Hochmut, die ganze Überhebung der russischen Intellektuellen begründet, dieser russischen Intellektuellen, die seit langer Zeit schon davon sprechen, wie dasjenige, was der Westen an Kultur geleistet habe, eigentlich faul ist, zum Untergang reif ist, und dass er abgelöst werden müsse von dem, was aus den Kräften des russischen Wesens heraus in die Weltkultur übergehen könne. Man hat das in den Zeiten, die nicht so kriegerisch durchwühlt waren wie unsere gegenwärtige, schicksalstragende Zeit nicht so berücksichtigt, aber das ist seit Langem immer schon der Grundton der russischen Intelligenz gewesen, dass die Kultur des Westens faul ist.
[ 52 ] Vergleichen wir damit den Glauben des bedeutsamen russischen Philosophen, den Glauben Solowjows, dass dasjenige, was der Mensch leisten kann, nur geleistet werden kann dadurch, dass ein Wunder dem russischen Menschen selber seine Mission gibt. Vergleicht man das, dann hat man alle Gründe, warum dasjenige, was russisches Wesen ist, so gar nicht verstehen kann dasjenige, was westeuropäisches, was mitteleuropäisches, besonders was deutsches Wesen ist. Und darin liegt der ganze Hochmut, die ganze Überhebung der russischen Intellektuellen begründet, dieser russischen Intellektuellen, die seit langer Zeit schon davon sprechen, wie dasjenige, was der Westen an Kultur geleistet habe, eigentlich faul ist, zum Untergang reif ist, und dass er abgelöst werden müsse von dem, was aus den Kräften des russischen Wesens heraus in die Weltkultur übergehen könne. Man hat das in den Zeiten, die nicht so kriegerisch durchwühlt waren wie unsere gegenwärtige, schicksalstragende Zeit nicht so berücksichtigt, aber das ist seit Langem immer schon der Grundton der russischen Intelligenz gewesen, dass die Kultur des Westens faul ist.
[ 53 ] Wir haben die verschiedensten Geister, Chomjakow, Katkow, Aksakow und so weiter, in dem russischen Geistesleben des neunzehnten Jahrhunderts auftreten sehen. Immer findet man bei ihnen wiederholt: Untergehen muss dasjenige, was westeuropäischer Intellektualismus ist. Einer dieser Geister hat sich sogar aufgeschwungen, zu sagen: In dieser westeuropäischen Kultur wurde durch die Kunstimpulse alles zu jenem menschlich-selbstsüchtigen, zu jenem egoistischen Individualismus geführt, der die Menschen auseinanderführt und der alles, was begründet werden soll, auf Gewalttätigkeit, auf Knechtschaft und Hass begründet.
[ 53 ] Wir haben die verschiedensten Geister, Chomjakow, Katkow, Aksakow und so weiter, in dem russischen Geistesleben des neunzehnten Jahrhunderts auftreten sehen. Immer findet man bei ihnen wiederholt: Untergehen muss dasjenige, was westeuropäischer Intellektualismus ist. Einer dieser Geister hat sich sogar aufgeschwungen, zu sagen: In dieser westeuropäischen Kultur wurde durch die Kunstimpulse alles zu jenem menschlich-selbstsüchtigen, zu jenem egoistischen Individualismus geführt, der die Menschen auseinanderführt und der alles, was begründet werden soll, auf Gewalttätigkeit, auf Knechtschaft und Hass begründet.
[ 54 ] Das sollen nach bedeutenden russischen Geistern des neunzehnten Jahrhunderts die Eigenschaften der westeuropäischen Kultur sein: «Gewalttätigkeit, Knechtschaft und Hass». Während nach denselben Geistern man die russische Kultur begründet haben soll auf «Freiheit, Eintracht und Liebe».
[ 54 ] Das sollen nach bedeutenden russischen Geistern des neunzehnten Jahrhunderts die Eigenschaften der westeuropäischen Kultur sein: «Gewalttätigkeit, Knechtschaft und Hass». Während nach denselben Geistern man die russische Kultur begründet haben soll auf «Freiheit, Eintracht und Liebe».
[ 55 ] Nun, Solowjow war ein bedeutender Kopf, ein bedeutender Geist. Und gerade dadurch, dass er so bedeutend war, ist aus der Empfindung, die sich ihm bilden musste aus seinem intimen Zusammenhang mit dem russischen Wesen heraus, dasjenige entsprungen, dass er sagt: Die Volksseele schwebt noch über uns. Wir haben mit ihr noch keinen Zusammenhang in den einzelnen Seelen. Gott muss ein Wunder tun, muss herunterstrahlen auf uns dasjenige, was uns als Mission zukommen soll.
[ 55 ] Nun, Solowjow war ein bedeutender Kopf, ein bedeutender Geist. Und gerade dadurch, dass er so bedeutend war, ist aus der Empfindung, die sich ihm bilden musste aus seinem intimen Zusammenhang mit dem russischen Wesen heraus, dasjenige entsprungen, dass er sagt: Die Volksseele schwebt noch über uns. Wir haben mit ihr noch keinen Zusammenhang in den einzelnen Seelen. Gott muss ein Wunder tun, muss herunterstrahlen auf uns dasjenige, was uns als Mission zukommen soll.
[ 56 ] Aber davon war er überzeugt, dass es an dem russischen Volke liegt, dass die Welt erlöst werde, weil die westeuropäische Kultur an ihrem Tode angelangt sei, weil sie greisenhaft geworden sei. So sagt er, Solowjow, ferner: Vernichten wollen wir sie nicht, diese westeuropäische Kultur, sondern wir wollen sie heilen.
[ 56 ] Aber davon war er überzeugt, dass es an dem russischen Volke liegt, dass die Welt erlöst werde, weil die westeuropäische Kultur an ihrem Tode angelangt sei, weil sie greisenhaft geworden sei. So sagt er, Solowjow, ferner: Vernichten wollen wir sie nicht, diese westeuropäische Kultur, sondern wir wollen sie heilen.
[ 57 ] Man darf dasjenige, was jetzt gesagt worden ist über die russische Kultur, keineswegs nur als einen besonderen Impuls innerhalb der Geistigkeit des russischen Volkes ansehen. Denn gerade in Russland ist dasjenige, was erwähnt werden soll, überall zu den Symptomen zu zählen, die hervorquellen aus den Instinkten des Volkstums. Daher sehen wir bei Solowjow ebenso wie bei seinen slawophilen Vorgängern — wenn er sie auch bekämpft hat —, wir sehen bei ihnen allen einen Zusammenhang zwischen dem, was sie aus ihrem Hochmut heraus charakterisieren als die Sendung des russischen Volkes; wir sehen, wie sie da heraus den ganzen Gang der zukünftigen Politik ableiten. Wir sehen sie aus diesen Impulsen heraus fordern, dass Russland immer weiter und weiter gegen den Westen sich ausdehne, dass Konstantinopel eine russische Stadt werde, dass das Marmarameer ein russischer See werde und so weiter. Alles dasjenige, was wir heute erleben, alles dasjenige, was zugrunde liegt dem Angriffe, den auch politisch das russische Wesen gegen das mitteleuropäische, das deutsche Wesen unternimmt, alles das ist ganz durchsetzt in Bezug auf Empfindungen und Gefühle gerade bei den besten Russen von demjenigen, was eben charakterisiert worden ist, von der hochmütigen Überzeugung, dass Russland allein die europäische Kultur, überhaupt die Weltkultur retten könne.
[ 57 ] Man darf dasjenige, was jetzt gesagt worden ist über die russische Kultur, keineswegs nur als einen besonderen Impuls innerhalb der Geistigkeit des russischen Volkes ansehen. Denn gerade in Russland ist dasjenige, was erwähnt werden soll, überall zu den Symptomen zu zählen, die hervorquellen aus den Instinkten des Volkstums. Daher sehen wir bei Solowjow ebenso wie bei seinen slawophilen Vorgängern — wenn er sie auch bekämpft hat —, wir sehen bei ihnen allen einen Zusammenhang zwischen dem, was sie aus ihrem Hochmut heraus charakterisieren als die Sendung des russischen Volkes; wir sehen, wie sie da heraus den ganzen Gang der zukünftigen Politik ableiten. Wir sehen sie aus diesen Impulsen heraus fordern, dass Russland immer weiter und weiter gegen den Westen sich ausdehne, dass Konstantinopel eine russische Stadt werde, dass das Marmarameer ein russischer See werde und so weiter. Alles dasjenige, was wir heute erleben, alles dasjenige, was zugrunde liegt dem Angriffe, den auch politisch das russische Wesen gegen das mitteleuropäische, das deutsche Wesen unternimmt, alles das ist ganz durchsetzt in Bezug auf Empfindungen und Gefühle gerade bei den besten Russen von demjenigen, was eben charakterisiert worden ist, von der hochmütigen Überzeugung, dass Russland allein die europäische Kultur, überhaupt die Weltkultur retten könne.
[ 58 ] Gerade [an] dem Gegensatz zwischen dem deutschen und dem russischen Wesen ist es möglich, [sich Verständnis zu erwerben] über dasjenige, was die bewegenden Kräfte unserer gegenwärtigen Weltkultur sind und in welche Kämpfe das deutsche Wesen hineinversponnen werden wird in der Zukunft, die ganz gewiss kommen wird.
[ 58 ] Gerade [an] dem Gegensatz zwischen dem deutschen und dem russischen Wesen ist es möglich, [sich Verständnis zu erwerben] über dasjenige, was die bewegenden Kräfte unserer gegenwärtigen Weltkultur sind und in welche Kämpfe das deutsche Wesen hineinversponnen werden wird in der Zukunft, die ganz gewiss kommen wird.
[ 59 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, man kann da wiederum auf Goethes «Faust» hinweisen, wenn man gerade zeigen will, was hier die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele genannt wird, was als solche charakterisiert worden ist. sehen wir denn nicht Faust da stehen — Goethe hat diese Szene in den Siebzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts geschrieben, sie sind fast trivial geworden, die Worte, die man so oft gehört und die wohl jeder selber schon deklamiert hat —, wir sehen Faust dastehen, wie er alledem, was er aus den Kräften der Vergangenheit aufgenommen hat, entfliehen will, weil er sich unmittelbar verbinden will in seiner Seele mit dem lebendigen Wissen, wir hören seine Worte:
[ 59 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, man kann da wiederum auf Goethes «Faust» hinweisen, wenn man gerade zeigen will, was hier die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele genannt wird, was als solche charakterisiert worden ist. sehen wir denn nicht Faust da stehen — Goethe hat diese Szene in den Siebzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts geschrieben, sie sind fast trivial geworden, die Worte, die man so oft gehört und die wohl jeder selber schon deklamiert hat —, wir sehen Faust dastehen, wie er alledem, was er aus den Kräften der Vergangenheit aufgenommen hat, entfliehen will, weil er sich unmittelbar verbinden will in seiner Seele mit dem lebendigen Wissen, wir hören seine Worte:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh’ ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor!
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh’ ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor!
[ 60 ] Das hat Goethe aus seinem eigenen Bewusstsein, aus demjenigen, was er selbst empfunden hat in den Siebzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts, hingeschrieben.
[ 60 ] Das hat Goethe aus seinem eigenen Bewusstsein, aus demjenigen, was er selbst empfunden hat in den Siebzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts, hingeschrieben.
[ 61 ] Dann ist gekommen etwas, was man im wahren Sinne des Wortes nennen kann «eine Verjüngung des deutschen Geistes» durch den deutschen Idealismus. Goethe selber hat, wie Faust, danach gestrebt, die Quellen des Lebens mit seinem Denken, Fühlen und Wollen in seine Seele aufzunehmen. Dann kam die große deutsche idealistische Philosophie, die gerade durch die Invasion der französischen und auch der russischen Weltanschauung zurückgedrängt worden ist, auch selbst in Mitteleuropa. Dann kam das, was man schon als eine Errungenschaft bezeichnen muss, dass durch diese Kämpfe wieder die Möglichkeit gebracht wurde, dass in weiteren Kreisen über die Größe dieses philosophischen Idealismus der Deutschen auch gesprochen wird.
[ 61 ] Dann ist gekommen etwas, was man im wahren Sinne des Wortes nennen kann «eine Verjüngung des deutschen Geistes» durch den deutschen Idealismus. Goethe selber hat, wie Faust, danach gestrebt, die Quellen des Lebens mit seinem Denken, Fühlen und Wollen in seine Seele aufzunehmen. Dann kam die große deutsche idealistische Philosophie, die gerade durch die Invasion der französischen und auch der russischen Weltanschauung zurückgedrängt worden ist, auch selbst in Mitteleuropa. Dann kam das, was man schon als eine Errungenschaft bezeichnen muss, dass durch diese Kämpfe wieder die Möglichkeit gebracht wurde, dass in weiteren Kreisen über die Größe dieses philosophischen Idealismus der Deutschen auch gesprochen wird.
[ 62 ] Da kamen sie, Fichte, Schelling, Hegel, welche versuchten, Juristerei und Medizin in einer verjüngten Weise vor das deutsche Volk hinzustellen. Und nicht nur Philosophen waren sie, denn Schelling hat geschrieben ein Jahrbuch für Medizin; Fichte hat eine Staatslehre geschrieben. Und Theologen wollten sie alle sein. Ungeheuer waren die deutschen Geisteskräfte, die aus dem Innern des deutschen Wesens hervorgequollen sind, nachdem Goethe diese Faust-Worte hingeschrieben hat.
[ 62 ] Da kamen sie, Fichte, Schelling, Hegel, welche versuchten, Juristerei und Medizin in einer verjüngten Weise vor das deutsche Volk hinzustellen. Und nicht nur Philosophen waren sie, denn Schelling hat geschrieben ein Jahrbuch für Medizin; Fichte hat eine Staatslehre geschrieben. Und Theologen wollten sie alle sein. Ungeheuer waren die deutschen Geisteskräfte, die aus dem Innern des deutschen Wesens hervorgequollen sind, nachdem Goethe diese Faust-Worte hingeschrieben hat.
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
[ 63 ] Aber nehmen wir nun an, Goethe hätte diese angeführten Worte des Faust nicht 1772, sondern erst 1840 ungefähr geschrieben, nachdem eine neue Philosophie, eine neue Jurisprudenz, eine neue Theologie durch die deutsche Seele gezogen war. Glauben Sie etwa, Goethe hätte [1840], wenn er da erst aus der Faust-Stimmung heraus den Anfang des «Faust» geschrieben hätte, er hätte da vielleicht die Worte so geschrieben:
[ 63 ] Aber nehmen wir nun an, Goethe hätte diese angeführten Worte des Faust nicht 1772, sondern erst 1840 ungefähr geschrieben, nachdem eine neue Philosophie, eine neue Jurisprudenz, eine neue Theologie durch die deutsche Seele gezogen war. Glauben Sie etwa, Goethe hätte [1840], wenn er da erst aus der Faust-Stimmung heraus den Anfang des «Faust» geschrieben hätte, er hätte da vielleicht die Worte so geschrieben:
Habe nun, Gott sei Dank,
studiert bei Fichte, Schelling, Hegel;
da steh ich nun, ich weiser Mann,
und brauche nicht mehr so dumm zu sein wie zuvor?
Habe nun, Gott sei Dank,
studiert bei Fichte, Schelling, Hegel;
da steh ich nun, ich weiser Mann,
und brauche nicht mehr so dumm zu sein wie zuvor?
[ 64 ] Ganz gewiss würde Goethe auch in den Vierzigerjahren, trotzdem all diese Größe durch die deutsche Kultur geflossen ist, gesagt haben:
[ 64 ] Ganz gewiss würde Goethe auch in den Vierzigerjahren, trotzdem all diese Größe durch die deutsche Kultur geflossen ist, gesagt haben:
Habe nun, ach! Philosophie,
Jaristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Habe nun, ach! Philosophie,
Jaristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
[ 65 ] Und wiederum würde, geradeso wie früher, Faust nach den Quellen des Lebens verlangt haben und bei dem lebendigen Geiste, der ihm erscheinen sollte, seine Zuflucht gesucht haben. Der Deutsche verlangt nicht nach alt gewordenem Wissen; jenes Wissen, das aus dem Innern der Seele geflossen ist, an die offenbare Außenwelt getreten ist, verlangt er immer wiederum. Er verlangt nach der verjüngenden Kraft des deutschen Geistes selber, wie sie in dem Wechselverhältnis zwischen der deutschen Volksseele und der deutschen Seele des einzelnen Menschen lebt.
[ 65 ] Und wiederum würde, geradeso wie früher, Faust nach den Quellen des Lebens verlangt haben und bei dem lebendigen Geiste, der ihm erscheinen sollte, seine Zuflucht gesucht haben. Der Deutsche verlangt nicht nach alt gewordenem Wissen; jenes Wissen, das aus dem Innern der Seele geflossen ist, an die offenbare Außenwelt getreten ist, verlangt er immer wiederum. Er verlangt nach der verjüngenden Kraft des deutschen Geistes selber, wie sie in dem Wechselverhältnis zwischen der deutschen Volksseele und der deutschen Seele des einzelnen Menschen lebt.
[ 66 ] Das ist dasjenige, was man empfinden muss, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man diesen Grundcharakter des deutschen Wesens sich vor Augen führen will. Und man darf sagen: Es ist ja eigentlich auch empfunden worden, selbst von denen empfunden worden, die jetzt in den verschiedensten Sprachen das Verleumderischste und Hasserfüllteste und Giftigste gegen die Eigentümlichkeit des deutschen Wesens zu sagen sich erkühnen.
[ 66 ] Das ist dasjenige, was man empfinden muss, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man diesen Grundcharakter des deutschen Wesens sich vor Augen führen will. Und man darf sagen: Es ist ja eigentlich auch empfunden worden, selbst von denen empfunden worden, die jetzt in den verschiedensten Sprachen das Verleumderischste und Hasserfüllteste und Giftigste gegen die Eigentümlichkeit des deutschen Wesens zu sagen sich erkühnen.
[ 67 ] Sehen wir zum Beispiel einmal nach dem Westen hinüber. sehr merkwürdig: Wenn wir zunächst nach dem weiten Westen hinübergehen, da finden wir einen ausgezeichneten Geist des neunzehnten Jahrhunderts, Ralph Waldo Emerson. Emerson nennt, wie es einem englisch schreibenden Schriftsteller natürlich ist, die Engländer das erste Volk der Welt. Doch an zahlreichen Stellen seiner Schriften zeigt er uns, dass er die Deutschen höher schätzt als die Engländer. Und gerade einiges, was Emerson geschrieben hat, dürfen wir uns heute — weil es uns ja unangenehm sein würde, eine Charakteristik des eigenen Wesens mit eigenen Worten zu geben —, wir dürfen uns einiges von dem, was dieser englisch schreibende Schriftsteller sagt, vor die Seele führen. Da hat Emerson, gerade indem er etwas empfand von der verjüngenden Kraft der deutschen Volksseele, gesagt über Goethe:
[ 67 ] Sehen wir zum Beispiel einmal nach dem Westen hinüber. sehr merkwürdig: Wenn wir zunächst nach dem weiten Westen hinübergehen, da finden wir einen ausgezeichneten Geist des neunzehnten Jahrhunderts, Ralph Waldo Emerson. Emerson nennt, wie es einem englisch schreibenden Schriftsteller natürlich ist, die Engländer das erste Volk der Welt. Doch an zahlreichen Stellen seiner Schriften zeigt er uns, dass er die Deutschen höher schätzt als die Engländer. Und gerade einiges, was Emerson geschrieben hat, dürfen wir uns heute — weil es uns ja unangenehm sein würde, eine Charakteristik des eigenen Wesens mit eigenen Worten zu geben —, wir dürfen uns einiges von dem, was dieser englisch schreibende Schriftsteller sagt, vor die Seele führen. Da hat Emerson, gerade indem er etwas empfand von der verjüngenden Kraft der deutschen Volksseele, gesagt über Goethe:
Eine [Eigenschaft] vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung:
Eine [Eigenschaft] vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung:
[ 68 ] — wohlgemerkt im neunzehnten Jahrhundert in englischer Sprache gesprochen —,
[ 68 ] — wohlgemerkt im neunzehnten Jahrhundert in englischer Sprache gesprochen —,
dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert.
dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert.
[ 69 ] Nun, da möchte ich doch sagen: Was will man mehr? Da hört man in englischer Sprache, dass Goethe der Repräsentant des Deutschtums ist, dass er etwas zum Ausdruck bringt, was er mit der ganzen Nation gemeinsam hat: «dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert».
[ 69 ] Nun, da möchte ich doch sagen: Was will man mehr? Da hört man in englischer Sprache, dass Goethe der Repräsentant des Deutschtums ist, dass er etwas zum Ausdruck bringt, was er mit der ganzen Nation gemeinsam hat: «dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert».
In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei, wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden. Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit. Allein, was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: «Wo will das hin? Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden, wohlan: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? — Woher hat er all diese Gedanken?
Die Engländer [...] sehen nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.
Die Deutschen denken für Europa.
Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht.
In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei, wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden. Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit. Allein, was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: «Wo will das hin? Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden, wohlan: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? — Woher hat er all diese Gedanken?
Die Engländer [...] sehen nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.
Die Deutschen denken für Europa.
Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht.
[ 70 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, durch die ganze Art dieser Darstellung geht ja das hervor, was ich ihnen heute aus der Geisteswissenschaft heraus zu charakterisieren versuchte. Emerson fühlt etwas von diesem intimen Umgang des Selbstes des einzelnen Deutschen mit dem, was durch die Welt als der Geist der Wahrheit geht, als ein Ideal schwebt das in der Tat der deutschen Entwicklung vor. Das hat auch Emerson gefühlt, indem er die folgenden Worte sagt:
[ 70 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, durch die ganze Art dieser Darstellung geht ja das hervor, was ich ihnen heute aus der Geisteswissenschaft heraus zu charakterisieren versuchte. Emerson fühlt etwas von diesem intimen Umgang des Selbstes des einzelnen Deutschen mit dem, was durch die Welt als der Geist der Wahrheit geht, als ein Ideal schwebt das in der Tat der deutschen Entwicklung vor. Das hat auch Emerson gefühlt, indem er die folgenden Worte sagt:
Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansch’n und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe, das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im ‚Auge dabei, das noch besser ist. [...] Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.
Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansch’n und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe, das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im ‚Auge dabei, das noch besser ist. [...] Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.
[ 71 ] Aus vielen Hassesworten, die wir heute zu hören haben, meine sehr verehrte Anwesenden, kann man, wenn man für solche Töne Empfindung hat, dasjenige heraushören, was Emerson nennt «die furchterweckende Unabhängigkeit, die aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt». Jene Unabhängigkeit, die so unerträglich ist denjenigen, die kein Verständnis für solche Dinge aufbringen können. Man braucht wahrhaftig nicht chauvinistisch zu werden, um diese Dinge auszusprechen. Sie ergeben sich nicht bloß objektiv dem Betrachter, der mitten drinnensteht im geistigen Wesen, sie ergeben sich auch demjenigen, der sich erheben kann über die Eigentümlichkeiten seiner Nation.
[ 71 ] Aus vielen Hassesworten, die wir heute zu hören haben, meine sehr verehrte Anwesenden, kann man, wenn man für solche Töne Empfindung hat, dasjenige heraushören, was Emerson nennt «die furchterweckende Unabhängigkeit, die aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt». Jene Unabhängigkeit, die so unerträglich ist denjenigen, die kein Verständnis für solche Dinge aufbringen können. Man braucht wahrhaftig nicht chauvinistisch zu werden, um diese Dinge auszusprechen. Sie ergeben sich nicht bloß objektiv dem Betrachter, der mitten drinnensteht im geistigen Wesen, sie ergeben sich auch demjenigen, der sich erheben kann über die Eigentümlichkeiten seiner Nation.
[ 72 ] Aber auch an anderer Stelle hat man solches Empfinden, und ich möchte, um einigermaßen zu illustrieren dasjenige, was ich aus geisteswissenschaftlichen Forschungen heraus erörtert habe, auch noch Folgendes vorbringen: Sie wissen ja vielleicht, dass einer derjenigen, die am brutalsten hasserfüllte, giftige Worte gegen die deutschen «Barbaren» gesprochen haben, der belgisch-französische Dichter Maeterlinck ist, Maeterlinck, der ja selbst so viel Anerkennung innerhalb des deutschen Wesens gefunden hat. Man möchte aufmerksam machen auf einen eigentümlichen Landsmann von Maeterlinck. Und von diesem Landsmann möchte ich Ihnen in aller Kürze ein klein wenig erzählen. Also um einen Landsmann von Maeterlinck handelt es sich, auch um einen belgisch-französischen Dichter. Bei der Gelegenheit, wo er spricht über den Einfluss, den ein urdeutscher Geist, eine urdeutsche Seele auf ihn gemacht hat, wo er spricht über den Einfluss, den Novalis auf ihn hatte, da sagt dieser belgisch-französische Dichter eigentümliche, bedeutsame Worte. Es ist ja schon einige Zeit her, aber es ist doch charakteristisch, wie sich ein Belgier, der französisch schreibt, ausspricht darüber, was ihm die Seele des Novalis geworden ist. Dieser Belgier sagt: Ist denn nicht Novalis aus seiner deutschen Eigenart heraus ein Geist, der etwas geschaffen hat, was man gar nicht einmal aussprechen kann, was sich gar nicht auf das Irdische beschränkt!
[ 72 ] Aber auch an anderer Stelle hat man solches Empfinden, und ich möchte, um einigermaßen zu illustrieren dasjenige, was ich aus geisteswissenschaftlichen Forschungen heraus erörtert habe, auch noch Folgendes vorbringen: Sie wissen ja vielleicht, dass einer derjenigen, die am brutalsten hasserfüllte, giftige Worte gegen die deutschen «Barbaren» gesprochen haben, der belgisch-französische Dichter Maeterlinck ist, Maeterlinck, der ja selbst so viel Anerkennung innerhalb des deutschen Wesens gefunden hat. Man möchte aufmerksam machen auf einen eigentümlichen Landsmann von Maeterlinck. Und von diesem Landsmann möchte ich Ihnen in aller Kürze ein klein wenig erzählen. Also um einen Landsmann von Maeterlinck handelt es sich, auch um einen belgisch-französischen Dichter. Bei der Gelegenheit, wo er spricht über den Einfluss, den ein urdeutscher Geist, eine urdeutsche Seele auf ihn gemacht hat, wo er spricht über den Einfluss, den Novalis auf ihn hatte, da sagt dieser belgisch-französische Dichter eigentümliche, bedeutsame Worte. Es ist ja schon einige Zeit her, aber es ist doch charakteristisch, wie sich ein Belgier, der französisch schreibt, ausspricht darüber, was ihm die Seele des Novalis geworden ist. Dieser Belgier sagt: Ist denn nicht Novalis aus seiner deutschen Eigenart heraus ein Geist, der etwas geschaffen hat, was man gar nicht einmal aussprechen kann, was sich gar nicht auf das Irdische beschränkt!
[ 73 ] Und da denkt dieser belgische Schriftsteller sich etwas Besonderes aus, um den rein geistigen Einfluss, den tiefen Eindruck, den Novalis auf ihn macht, zu schildern. Er denkt sich aus und sagt: Wenn man Schiller, wenn man Shakespeare liest, da findet man alles das, was da dichterisch bei Schiller und bei Shakespeare dargestellt ist, es hat Interesse nur für dasjenige, was von Erdenmenschen erlebt wird. Will man aber das charakterisieren, was die Seele des Novalis geschrieben hat, da müsste man annehmen, dass Geister aus den geistigen Höhen, Geister anderer Planeten sich dafür interessieren würden. Was Schiller und was Shakespeare gesagt haben, das habe nur Interesse für Erdenmenschen; was Novalis geschrieben habe, das müsse auch Engel interessieren, das müsse auch Wesen interessieren, die niemals von der Erde gehört haben. So bedeutsam, so tief hänge das, was Novalis geschrieben hat, zusammen mit den geistigen Kräften der deutschen Volksseele. Sehr eigentümlich charakterisiert er die Art des Einflusses, den der Urdeutsche, Novalis, auf ihn gemacht hat, und er sagt:
[ 73 ] Und da denkt dieser belgische Schriftsteller sich etwas Besonderes aus, um den rein geistigen Einfluss, den tiefen Eindruck, den Novalis auf ihn macht, zu schildern. Er denkt sich aus und sagt: Wenn man Schiller, wenn man Shakespeare liest, da findet man alles das, was da dichterisch bei Schiller und bei Shakespeare dargestellt ist, es hat Interesse nur für dasjenige, was von Erdenmenschen erlebt wird. Will man aber das charakterisieren, was die Seele des Novalis geschrieben hat, da müsste man annehmen, dass Geister aus den geistigen Höhen, Geister anderer Planeten sich dafür interessieren würden. Was Schiller und was Shakespeare gesagt haben, das habe nur Interesse für Erdenmenschen; was Novalis geschrieben habe, das müsse auch Engel interessieren, das müsse auch Wesen interessieren, die niemals von der Erde gehört haben. So bedeutsam, so tief hänge das, was Novalis geschrieben hat, zusammen mit den geistigen Kräften der deutschen Volksseele. Sehr eigentümlich charakterisiert er die Art des Einflusses, den der Urdeutsche, Novalis, auf ihn gemacht hat, und er sagt:
Wenn er aber anderer Beweise bedürfte, so würde sie ihn unter die führen, deren Werke fast ans Schweigen rühren. Sie würde die Pforte des Reiches öffnen, wo einige sie um ihrer selbst willen liebten, ohne sich um die kleinen Gebärden ihres Körpers zu bekümmern. Sie würden zusammen auf die einsamen Hochflächen steigen, wo das Bewusstsein sich [um eine Stufe erhebt] und wo alle, welche die Unruhe über sich selbst [erfüllt], aufmerksam den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt mit unseren höheren Welten verknüpft. Sie würde mit ihm zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, wo der Mensch zu enden scheint, fängt er wahrscheinlich [erst] an, und seine wesentlichsten und unerschöpflichsten Teile befinden sich [nur] im Unsichtbaren, wo er unaufhörlich auf seiner Hut sein muss. Auf diesen Höhen allein gibt es Gedanken, welche die Seele billigen kann, und Vorstellungen, [die ihr ähneln und die] so gebieterisch sind wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde im Geisterreiche ankündigen. Ihr Widerschein hat fürwahr die Farbe unserer Seele. Wir empfinden, dass die Leidenschaften des Geistes und des Körpers in den Augen einer [fremden] Vernunft Klagen von Glocken gleichen würden; aber [die Menschen, von denen ich rede, sind in ihren Werken] aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht zu der irdischen Gemeinde [zählen].
Wenn er aber anderer Beweise bedürfte, so würde sie ihn unter die führen, deren Werke fast ans Schweigen rühren. Sie würde die Pforte des Reiches öffnen, wo einige sie um ihrer selbst willen liebten, ohne sich um die kleinen Gebärden ihres Körpers zu bekümmern. Sie würden zusammen auf die einsamen Hochflächen steigen, wo das Bewusstsein sich [um eine Stufe erhebt] und wo alle, welche die Unruhe über sich selbst [erfüllt], aufmerksam den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt mit unseren höheren Welten verknüpft. Sie würde mit ihm zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, wo der Mensch zu enden scheint, fängt er wahrscheinlich [erst] an, und seine wesentlichsten und unerschöpflichsten Teile befinden sich [nur] im Unsichtbaren, wo er unaufhörlich auf seiner Hut sein muss. Auf diesen Höhen allein gibt es Gedanken, welche die Seele billigen kann, und Vorstellungen, [die ihr ähneln und die] so gebieterisch sind wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde im Geisterreiche ankündigen. Ihr Widerschein hat fürwahr die Farbe unserer Seele. Wir empfinden, dass die Leidenschaften des Geistes und des Körpers in den Augen einer [fremden] Vernunft Klagen von Glocken gleichen würden; aber [die Menschen, von denen ich rede, sind in ihren Werken] aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht zu der irdischen Gemeinde [zählen].
[ 74 ] So fühlt sich dieser französisch schreibende Belgier von Novalis beeindruckt. So fühlt er den Zauberhauch des deutschen Geistes, insofern er aus Novalis strömt zu ihm. Müsste man nicht eigentlich glauben, wenn dieser Belgier gehört hat, was Maeterlinck — sein Landsmann — nach dem Ausbruch des Krieges über den deutschen «Barbarismus» gesprochen hat, müsste man nicht glauben, dass dieser Belgier gesagt hätte: Ach, diese unnützen Schreier, welche nur zu Phrasen ihre Zuflucht nehmen, sie sollten schweigen, wenn es sich um Angelegenheiten des Geistes handelt!
[ 74 ] So fühlt sich dieser französisch schreibende Belgier von Novalis beeindruckt. So fühlt er den Zauberhauch des deutschen Geistes, insofern er aus Novalis strömt zu ihm. Müsste man nicht eigentlich glauben, wenn dieser Belgier gehört hat, was Maeterlinck — sein Landsmann — nach dem Ausbruch des Krieges über den deutschen «Barbarismus» gesprochen hat, müsste man nicht glauben, dass dieser Belgier gesagt hätte: Ach, diese unnützen Schreier, welche nur zu Phrasen ihre Zuflucht nehmen, sie sollten schweigen, wenn es sich um Angelegenheiten des Geistes handelt!
In Wahrheit ist es schwer, seine Seele zu befragen und ihre schwache Kinderstimme inmitten der unnützen Schreier zu vernehmen, die sie umgeben.
In Wahrheit ist es schwer, seine Seele zu befragen und ihre schwache Kinderstimme inmitten der unnützen Schreier zu vernehmen, die sie umgeben.
[ 75 ] Ja nun, meine sehr verehrten Anwesenden, der französisch schreibende Belgier, den ich hier zitiert habe, hat das schon gesprochen, aber ich habe sie etwas mystifiziert. Das ist nämlich derselbe, der das gesagt hat, was ich vorgelesen habe, über Novalis; das ist Maeterlinck selbst. Nur hat er so in den gesunden Tagen seiner Seele gesprochen. Man kann nur glauben, wenn man das liest, dass es eine ganz andere Persönlichkeit gesagt habe. Das ist aus denjenigen geworden, die doch einmal auch etwas gefühlt haben von dem Zauberhauch der deutschen Seele. Maeterlinck selbst hat über Novalis so geschrieben.
[ 75 ] Ja nun, meine sehr verehrten Anwesenden, der französisch schreibende Belgier, den ich hier zitiert habe, hat das schon gesprochen, aber ich habe sie etwas mystifiziert. Das ist nämlich derselbe, der das gesagt hat, was ich vorgelesen habe, über Novalis; das ist Maeterlinck selbst. Nur hat er so in den gesunden Tagen seiner Seele gesprochen. Man kann nur glauben, wenn man das liest, dass es eine ganz andere Persönlichkeit gesagt habe. Das ist aus denjenigen geworden, die doch einmal auch etwas gefühlt haben von dem Zauberhauch der deutschen Seele. Maeterlinck selbst hat über Novalis so geschrieben.
[ 76 ] Daraus können wir sehen, was alles notwendig sein wird gegenüber der Verkennung der Ureigenheit der deutschen Seele, diese deutsche Seele mit den Waffen, die wir ihr selbst entnehmen müssen als ihr angehörig, zu verteidigen. Und diese Verteidigung wird wahrhaftig immer mehr und mehr notwendig werden. Was hilft es denn alles, dass diese deutsche Seele, indem sie auch in die äußere Kultur sich eingelebt hat, schon verstanden worden ist! Dasjenige, was sie trennt von denen, die ihre Feinde geworden sind, das wird viel lauter und immer lauter sprechen, wenn es nicht vom deutschen Wesen selbst verteidigt wird. Und dasjenige, was wir heute vernehmen, man wird sich schon überzeugen müssen, wie [das, was wir gehört haben] es in gewisser Beziehung gerade mit Bezug auf die tieferen Strömungen des Menschenlebens nur ein Anfang ist.
[ 76 ] Daraus können wir sehen, was alles notwendig sein wird gegenüber der Verkennung der Ureigenheit der deutschen Seele, diese deutsche Seele mit den Waffen, die wir ihr selbst entnehmen müssen als ihr angehörig, zu verteidigen. Und diese Verteidigung wird wahrhaftig immer mehr und mehr notwendig werden. Was hilft es denn alles, dass diese deutsche Seele, indem sie auch in die äußere Kultur sich eingelebt hat, schon verstanden worden ist! Dasjenige, was sie trennt von denen, die ihre Feinde geworden sind, das wird viel lauter und immer lauter sprechen, wenn es nicht vom deutschen Wesen selbst verteidigt wird. Und dasjenige, was wir heute vernehmen, man wird sich schon überzeugen müssen, wie [das, was wir gehört haben] es in gewisser Beziehung gerade mit Bezug auf die tieferen Strömungen des Menschenlebens nur ein Anfang ist.
[ 77 ] Ein Beispiel möchte ich noch anführen. Ganz kurz vor dem Ausbruch dieses Krieges hat eine Engländerin ein Buch geschrieben über Deutschland. Ja, sehen Sie, eine Engländerin, die sich dadurch unterscheidet von vielen ihrer Landesgenossen, dass sie das deutsche Wesen wirklich kennengelernt hat. Denn sie war acht Jahre in Deutschland. Sie hat kennengelernt Universitäten, Kliniken, Krankenanstalten, Erziehungsanstalten, alles Mögliche. Aber sie hat auch kennengelernt das deutsche Wesen, wie es als ein Ausfluss der deutschen Seele ja doch in jeder Seele liegen muss, wenn es sich auch im gewöhnlichen Leben maskiert und verbirgt. Es ist das Buch kurz vor dem Kriege geschrieben. Wie gesagt, nicht in Berlin, nicht in Köln oder Leipzig, sondern in England und in englischer Sprache ist das Folgende über Deutschland gesagt worden:
[ 77 ] Ein Beispiel möchte ich noch anführen. Ganz kurz vor dem Ausbruch dieses Krieges hat eine Engländerin ein Buch geschrieben über Deutschland. Ja, sehen Sie, eine Engländerin, die sich dadurch unterscheidet von vielen ihrer Landesgenossen, dass sie das deutsche Wesen wirklich kennengelernt hat. Denn sie war acht Jahre in Deutschland. Sie hat kennengelernt Universitäten, Kliniken, Krankenanstalten, Erziehungsanstalten, alles Mögliche. Aber sie hat auch kennengelernt das deutsche Wesen, wie es als ein Ausfluss der deutschen Seele ja doch in jeder Seele liegen muss, wenn es sich auch im gewöhnlichen Leben maskiert und verbirgt. Es ist das Buch kurz vor dem Kriege geschrieben. Wie gesagt, nicht in Berlin, nicht in Köln oder Leipzig, sondern in England und in englischer Sprache ist das Folgende über Deutschland gesagt worden:
Wir lesen viel [...] vom neuen Deutschland und seinem neu‚en Geiste. Aber es gibt kein neues Deutschland und keinen neuen Geist. Das Bestehende ist das gereifte Werk der Generationen, das von jeher war. Geblendet durch den plötzlichen Glanz von Deutschlands Wohlstand sind wir geneigt, zu vergessen, dass es selten, außer eben an Wohlstand, einen anderen als einen der allervordersten Plätze unter den Nationen eingenommen hat. In Religion und Philosophie hat Deutschland geleuchtet zu einer Zeit, wo ringsum alles dunkel war; in der Literatur hat es einen epochemachenden Impuls gegeben; in der Musik hat es von jeher dominiert. [...]
Wir lesen viel [...] vom neuen Deutschland und seinem neu‚en Geiste. Aber es gibt kein neues Deutschland und keinen neuen Geist. Das Bestehende ist das gereifte Werk der Generationen, das von jeher war. Geblendet durch den plötzlichen Glanz von Deutschlands Wohlstand sind wir geneigt, zu vergessen, dass es selten, außer eben an Wohlstand, einen anderen als einen der allervordersten Plätze unter den Nationen eingenommen hat. In Religion und Philosophie hat Deutschland geleuchtet zu einer Zeit, wo ringsum alles dunkel war; in der Literatur hat es einen epochemachenden Impuls gegeben; in der Musik hat es von jeher dominiert. [...]
[ 78 ] Deutsche Literatur, deutsche Religion, deutsche Philosophie sind uns Bücher mit sieben Siegeln. Was wir wissen, ist, wie viele Dreadnaughts Deutschland besitzt, und um wie viel sein Handel gestiegen ist. Was wirklich wichtig ist, ist nicht der Dreadnaught, sondern das Hirn seines Erbauers, Mut und Begabung seines Kommandeurs. Was wirklich wichtig ist, ist nicht das Mehr an Umsatz, sondern die menschlichen Eigenschaften, die es veranlassten. [...]
[ 78 ] Deutsche Literatur, deutsche Religion, deutsche Philosophie sind uns Bücher mit sieben Siegeln. Was wir wissen, ist, wie viele Dreadnaughts Deutschland besitzt, und um wie viel sein Handel gestiegen ist. Was wirklich wichtig ist, ist nicht der Dreadnaught, sondern das Hirn seines Erbauers, Mut und Begabung seines Kommandeurs. Was wirklich wichtig ist, ist nicht das Mehr an Umsatz, sondern die menschlichen Eigenschaften, die es veranlassten. [...]
[ 79 ] Vor vierzig Jahren kämpfte Deutschland um seine Existenz, und es kämpft noch heute darum. Es ist völlig falsch, zu glauben, Deutschland [sei] schon auf seinem Höhepunkt. Es kämpft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mächtige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Generationen gewonnen wurde. [...]
[ 79 ] Vor vierzig Jahren kämpfte Deutschland um seine Existenz, und es kämpft noch heute darum. Es ist völlig falsch, zu glauben, Deutschland [sei] schon auf seinem Höhepunkt. Es kämpft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mächtige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Generationen gewonnen wurde. [...]
[ 80 ] An jeder Grenze und über dem Wasser sitzen die Gegner, kommerziell und politisch und warten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig nachlässt, um darüber herzufallen und es unterzukriegen. Deutschland weiß das [auch] ganz genau.
[ 80 ] An jeder Grenze und über dem Wasser sitzen die Gegner, kommerziell und politisch und warten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig nachlässt, um darüber herzufallen und es unterzukriegen. Deutschland weiß das [auch] ganz genau.
[ 81 ] Es könnte gut sein, wenn auch [auf solche, von denen gehört würde], die jetzt über die Ursache des Krieges nachdenken, wenn auch auf solche gehört würde, die sagen, was an Stimmung innerhalb Deutschlands sein müsste gegenüber denjenigen, die da lauerten in der Zeit, die diesem Kriege vorangegangen ist.
[ 81 ] Es könnte gut sein, wenn auch [auf solche, von denen gehört würde], die jetzt über die Ursache des Krieges nachdenken, wenn auch auf solche gehört würde, die sagen, was an Stimmung innerhalb Deutschlands sein müsste gegenüber denjenigen, die da lauerten in der Zeit, die diesem Kriege vorangegangen ist.
[ 82 ] Und wenn wir fragen, meine sehr verehrten Anwesenden: Wie versteht man denn eigentlich da, wo man mit mehr oder weniger Hochmut oder aus anderen Gesichtspunkten heraus am liebsten dieser deutschen Kultur den Garaus machen möchte, wie versteht man denn diese deutsche Kultur? Auch darüber zum Schluss noch einiges zur Charakteristik. Da ist zum Beispiel ein richtiger russischer Intellektueller der Gegenwart. Man wird, gerade wenn man sein letztes Buch in die Hand nimmt, ein wenig geführt aus den letzten Worten, die er über Goethe sagt, den Glauben bekommen können, dass er Goethe unter die Größten der Menschheitsentwicklung rechnet. Wir wissen, wie Goethe zusammenhängt mit dem, was man die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele nennen muss. Wir wissen, dass sein «Faust», wenn auch vielleicht nicht in künstlerischer Beziehung, so doch in dem, was an Kräften in der Menschheitscharakterisierung möglich ist, über alle anderen Werke der Weltliteratur hinausragt. Wir wissen, wie unsinnig es sein würde, wenn man Goethe charakterisieren wollte, nicht zunächst den großen Geist der neueren Zeit zu sehen, der in Goethe waltet, aus dem sein «Faust» hervorgehen konnte. Mereschkowski, der russische Intellektuelle, der ganz gewiss «Faust» und die deutsche Kultur kennt, soweit er sie kennen kann, er beurteilt Goethe aus dem heraus, was ich vorhin den charakteristischen Hochmut des russischen Intellektuellen genannt habe. Er beurteilt denselben Goethe, über den Emerson so spricht, wie ich es vorhin vorgelesen habe, indem er die folgenden Worte zu sagen wagt:
[ 82 ] Und wenn wir fragen, meine sehr verehrten Anwesenden: Wie versteht man denn eigentlich da, wo man mit mehr oder weniger Hochmut oder aus anderen Gesichtspunkten heraus am liebsten dieser deutschen Kultur den Garaus machen möchte, wie versteht man denn diese deutsche Kultur? Auch darüber zum Schluss noch einiges zur Charakteristik. Da ist zum Beispiel ein richtiger russischer Intellektueller der Gegenwart. Man wird, gerade wenn man sein letztes Buch in die Hand nimmt, ein wenig geführt aus den letzten Worten, die er über Goethe sagt, den Glauben bekommen können, dass er Goethe unter die Größten der Menschheitsentwicklung rechnet. Wir wissen, wie Goethe zusammenhängt mit dem, was man die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele nennen muss. Wir wissen, dass sein «Faust», wenn auch vielleicht nicht in künstlerischer Beziehung, so doch in dem, was an Kräften in der Menschheitscharakterisierung möglich ist, über alle anderen Werke der Weltliteratur hinausragt. Wir wissen, wie unsinnig es sein würde, wenn man Goethe charakterisieren wollte, nicht zunächst den großen Geist der neueren Zeit zu sehen, der in Goethe waltet, aus dem sein «Faust» hervorgehen konnte. Mereschkowski, der russische Intellektuelle, der ganz gewiss «Faust» und die deutsche Kultur kennt, soweit er sie kennen kann, er beurteilt Goethe aus dem heraus, was ich vorhin den charakteristischen Hochmut des russischen Intellektuellen genannt habe. Er beurteilt denselben Goethe, über den Emerson so spricht, wie ich es vorhin vorgelesen habe, indem er die folgenden Worte zu sagen wagt:
Wenn Goethe [von der] französischen Revolution spricht, so beugt er sich plötzlich zur Erde, wie wohl durch einen bösen Zauber ein Riese erdrückt werden und zum Zwerge zusammenschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe», zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.
Wenn Goethe [von der] französischen Revolution spricht, so beugt er sich plötzlich zur Erde, wie wohl durch einen bösen Zauber ein Riese erdrückt werden und zum Zwerge zusammenschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe», zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.
[ 83 ] Es kommt bei gewissen Menschen nicht darauf an, dass solche Worte auch einmal, wenn man ein Pedant ist, stimmen mögen, sondern es kommt darauf an, ob derjenige etwas versteht von der Größe Goethes, der überhaupt es am Platze findet, solche Worte über Goethe zu sprechen. Manchmal kommt es nicht darauf an, was man sagt, sondern ob man überhaupt imstande ist, etwas Bestimmtes zu sagen mit Bezug auf einen bestimmten Gegenstand oder eine bestimmte Person.
[ 83 ] Es kommt bei gewissen Menschen nicht darauf an, dass solche Worte auch einmal, wenn man ein Pedant ist, stimmen mögen, sondern es kommt darauf an, ob derjenige etwas versteht von der Größe Goethes, der überhaupt es am Platze findet, solche Worte über Goethe zu sprechen. Manchmal kommt es nicht darauf an, was man sagt, sondern ob man überhaupt imstande ist, etwas Bestimmtes zu sagen mit Bezug auf einen bestimmten Gegenstand oder eine bestimmte Person.
[ 84 ] Ich sagte: Den russischen Volksgeist muss man suchen wie schwebend über der russischen Einzelseele. Dadurch aber kommt es, dass diese einzelne russische Seele, sagen wir, wie «da unten» leicht leben kann ohne berührt zu sein von ihrem Volksgeist, ohne auch jene Zuversicht und Sicherheit zu haben, die aus der Art des Umganges mit dem Volksgeist entspringt, wie wir es bei der deutschen Volksseele charakterisieren konnten. Daher konnte, durchdringend dichterische Werte, aber dennoch wie eine Weltanschauung dasjenige entstehen, was Mereschkowski als eine neueste Art russischer Weltanschauung die «Barfüßer-Weltanschauung» nennt. Nun, wir wissen ja, wie diese Barfüßer-Weltanschauung im Grunde hervorgeht gerade aus der Stimmung, die kommen muss, wenn man sich so ganz auf die Erde gestellt fühlt und nicht den Zusammenhang mit der Volksseele finden kann, im Innern des Geistes zu sehen gewissermaßen auf dasjenige, was der Mensch ist außerhalb des Geistigen. Der Materialismus hat damit noch nicht ganz Ernst gemacht, aber das ist das Charakteristische, dass dieser russische einzelne Geist in der Weltanschauung damit Ernst gemacht hat. Und so verleugnet er denn alles Geistige und kommt zu dem, was ein bedeutender russischer Dichter als eine Charakteristik des Menschen anspricht. Ich würde das wahrhaftig nicht anführen, wenn es nur hier und da einmal auftreten würde. Aber es ist etwas, wozu der Geist des Ostens kommt, was charakterisiert die Impulse, die da leben.
[ 84 ] Ich sagte: Den russischen Volksgeist muss man suchen wie schwebend über der russischen Einzelseele. Dadurch aber kommt es, dass diese einzelne russische Seele, sagen wir, wie «da unten» leicht leben kann ohne berührt zu sein von ihrem Volksgeist, ohne auch jene Zuversicht und Sicherheit zu haben, die aus der Art des Umganges mit dem Volksgeist entspringt, wie wir es bei der deutschen Volksseele charakterisieren konnten. Daher konnte, durchdringend dichterische Werte, aber dennoch wie eine Weltanschauung dasjenige entstehen, was Mereschkowski als eine neueste Art russischer Weltanschauung die «Barfüßer-Weltanschauung» nennt. Nun, wir wissen ja, wie diese Barfüßer-Weltanschauung im Grunde hervorgeht gerade aus der Stimmung, die kommen muss, wenn man sich so ganz auf die Erde gestellt fühlt und nicht den Zusammenhang mit der Volksseele finden kann, im Innern des Geistes zu sehen gewissermaßen auf dasjenige, was der Mensch ist außerhalb des Geistigen. Der Materialismus hat damit noch nicht ganz Ernst gemacht, aber das ist das Charakteristische, dass dieser russische einzelne Geist in der Weltanschauung damit Ernst gemacht hat. Und so verleugnet er denn alles Geistige und kommt zu dem, was ein bedeutender russischer Dichter als eine Charakteristik des Menschen anspricht. Ich würde das wahrhaftig nicht anführen, wenn es nur hier und da einmal auftreten würde. Aber es ist etwas, wozu der Geist des Ostens kommt, was charakterisiert die Impulse, die da leben.
Ja, was ist er dir denn, dieser Mensch? Verstehst du? Er nimmt dich am Kragen und zerdrückt dich unter dem Nagel wie einen Floh! Dann mag dir ja leid um ihn sein! ... Jawohl! Dann magst du ihm ja deine ganze Dummheit offenbaren. Er wird dich für dein Erbarmen auf sieben Foltern spannen. Deine Eingeweide wird er sich über die Hand wickeln und dir alle Adern aus dem Leibe zerren, einen Zoll pro Stunde. ... Ach du ... Erbarmen! Bete zu Gott, dass man dich ‚ohne alles Erbarmen [bloß] einfach durchprügeln möge, und Schluss! ... Erbarmen! ... Pfui!
Ja, was ist er dir denn, dieser Mensch? Verstehst du? Er nimmt dich am Kragen und zerdrückt dich unter dem Nagel wie einen Floh! Dann mag dir ja leid um ihn sein! ... Jawohl! Dann magst du ihm ja deine ganze Dummheit offenbaren. Er wird dich für dein Erbarmen auf sieben Foltern spannen. Deine Eingeweide wird er sich über die Hand wickeln und dir alle Adern aus dem Leibe zerren, einen Zoll pro Stunde. ... Ach du ... Erbarmen! Bete zu Gott, dass man dich ‚ohne alles Erbarmen [bloß] einfach durchprügeln möge, und Schluss! ... Erbarmen! ... Pfui!
[ 85 ] Und Maxim Gorki sagt, dass diese Worte ihm ganz aus der Seele gesprochen seien, denn so stelle sich ihm dar dasjenige, was der Mensch finden könne als seinen Wert, wenn er sich betrachtet nach dem, was er eigentlich ist.
[ 85 ] Und Maxim Gorki sagt, dass diese Worte ihm ganz aus der Seele gesprochen seien, denn so stelle sich ihm dar dasjenige, was der Mensch finden könne als seinen Wert, wenn er sich betrachtet nach dem, was er eigentlich ist.
[ 86 ] Man muss schon solche Dinge zusammenstellen mit mancherlei, was immer gerade vom Osten aus jenem Hochmut und aus jener Überhebung des russischen Intellektualismus im Laufe der letzten Zeiten einem entgegengetreten ist und dessen Ausfluss jene Stimmung ist, die heute aus Blut und Tod spricht.
[ 86 ] Man muss schon solche Dinge zusammenstellen mit mancherlei, was immer gerade vom Osten aus jenem Hochmut und aus jener Überhebung des russischen Intellektualismus im Laufe der letzten Zeiten einem entgegengetreten ist und dessen Ausfluss jene Stimmung ist, die heute aus Blut und Tod spricht.
[ 87 ] Zu jenen geistigen Menschen Russlands, die ich vorhin erwähnt habe, müssen wir auch Jushakow nennen, der Bücher geschrieben hat, die kein großes Publikum gefunden haben, aber die doch zeigen, was in zahlreichen Seelen gerade der Intellektuellen in Russland gelebt hat. Dieser Jushakow hat folgende Ideen über den Gang der Weltkultur. In aller Kürze möchte ich Ihnen diese Ideen noch darstellen. Er sagt: Dieser Westen, alles dasjenige, was dieser Westen Europas an Kultur geleistet hat, mit dem ist es vorbei. Wenn man nach dem Osten hinüberschaut, findet man, dass da eigentlich noch etwas drinnen ist von Verjüngung, von Keimen, aus denen sich etwas entwickeln kann. Aber der Westen kann das nicht ausbilden. Dieser Westen hat immer gezeigt /Lücke im Text].
[ 87 ] Zu jenen geistigen Menschen Russlands, die ich vorhin erwähnt habe, müssen wir auch Jushakow nennen, der Bücher geschrieben hat, die kein großes Publikum gefunden haben, aber die doch zeigen, was in zahlreichen Seelen gerade der Intellektuellen in Russland gelebt hat. Dieser Jushakow hat folgende Ideen über den Gang der Weltkultur. In aller Kürze möchte ich Ihnen diese Ideen noch darstellen. Er sagt: Dieser Westen, alles dasjenige, was dieser Westen Europas an Kultur geleistet hat, mit dem ist es vorbei. Wenn man nach dem Osten hinüberschaut, findet man, dass da eigentlich noch etwas drinnen ist von Verjüngung, von Keimen, aus denen sich etwas entwickeln kann. Aber der Westen kann das nicht ausbilden. Dieser Westen hat immer gezeigt /Lücke im Text].
[ 88 ] [Dagegen schreibt Jushakow am Ende des neunzehnten Jahrhunderts über die russisch-englische Frage in Asien: Was die Mission Russlands in Asien betrifft, was die Engländer da tun ist durch und durch verfault. Was Russland da tut ist unendlich viel geistiger.
[ 88 ] [Dagegen schreibt Jushakow am Ende des neunzehnten Jahrhunderts über die russisch-englische Frage in Asien: Was die Mission Russlands in Asien betrifft, was die Engländer da tun ist durch und durch verfault. Was Russland da tut ist unendlich viel geistiger.
[ 89 ] Die Engländer — sagt Jushakow — haben sich Asien gegenüber so benommen, als ob sie der Ansicht wären, dass die asiatischen Völker nur dazu da wären, dass sie «sich in englische Gewebe kleiden, untereinander sich mit englischen Waffen bekämpfen, mit englischen Werkzeug arbeiten, aus englischen Gefäßen essen und mit englischem Flitter spielen».
[ 89 ] Die Engländer — sagt Jushakow — haben sich Asien gegenüber so benommen, als ob sie der Ansicht wären, dass die asiatischen Völker nur dazu da wären, dass sie «sich in englische Gewebe kleiden, untereinander sich mit englischen Waffen bekämpfen, mit englischen Werkzeug arbeiten, aus englischen Gefäßen essen und mit englischem Flitter spielen».
[ 90 ] Russland allein — meint Jushakow — sei imstande, weil es erfassen kann das menschliche Innere noch nicht so, dass es vom Ich erkrankt und greisenhaft gemacht worden ist, wie der europäische Westen Russland allein, kann sich verwandt fühlen mit diesem Asien, das aber jetzt darniederliegt, das seufzt unter der Vergewaltigung von Europa.
[ 90 ] Russland allein — meint Jushakow — sei imstande, weil es erfassen kann das menschliche Innere noch nicht so, dass es vom Ich erkrankt und greisenhaft gemacht worden ist, wie der europäische Westen Russland allein, kann sich verwandt fühlen mit diesem Asien, das aber jetzt darniederliegt, das seufzt unter der Vergewaltigung von Europa.
[ 91 ] Es ist ein interessantes Buch, 1885 schon erschienen über die Beziehungen von England und Russland. Da tritt hervor die Überlegenheit und Überhebung des Russentums über das Engländertum. 1885, Jushakow hat folgende Idee:
[ 91 ] Es ist ein interessantes Buch, 1885 schon erschienen über die Beziehungen von England und Russland. Da tritt hervor die Überlegenheit und Überhebung des Russentums über das Engländertum. 1885, Jushakow hat folgende Idee:
[ 92 ] Dieser Westen, mit ihm ist es vorbei. Schaut man nach dem Osten, da ist noch etwas, was ausgebildet werden kann, der Westen, besonders England, haben die Verdunkelung Indiens, Persiens verschuldet.]
[ 92 ] Dieser Westen, mit ihm ist es vorbei. Schaut man nach dem Osten, da ist noch etwas, was ausgebildet werden kann, der Westen, besonders England, haben die Verdunkelung Indiens, Persiens verschuldet.]
[ 93 ] Was haben die Engländer getan in Asien drüben? Sie haben alles das sich angemaßt, was einmal in Asien durch die Größe des Ahriman begründet worden ist. Sie haben sich eingeschlichen in alles das, was Ormuzd gewirkt hat. Sie haben überall, wo Licht war, sich hineingesetzt, um die Früchte des Lichtes zu genießen. Was haben aber die Russen getan? Die Russen sind überall dahin gegangen, wo Asien verarmt ist, wo Asien bedroht und verelendet war, wo die Menschen heruntergekommen waren, wo die Menschen gepresst waren, bedrückt waren, wo die Menschen in Armut und Finsternis getaucht waren. Dieser Menschen hat sich Russland angenommen. Daher habe Russland seine Mission in Asien. Daher muss der Weltenkampf zwischen Russland und England in Asien entbrennen. Es muss Russland in die Rechte des Ormuzd gegen Ahriman wiedereingesetzt werden, nachdem es sich so verhalten hat, während die Engländer sich nur hineingesetzt haben in das, was an Fruchtbarem, an Größe, an Schönem begründet worden ist in Asien, und das ausgenützt haben.
[ 93 ] Was haben die Engländer getan in Asien drüben? Sie haben alles das sich angemaßt, was einmal in Asien durch die Größe des Ahriman begründet worden ist. Sie haben sich eingeschlichen in alles das, was Ormuzd gewirkt hat. Sie haben überall, wo Licht war, sich hineingesetzt, um die Früchte des Lichtes zu genießen. Was haben aber die Russen getan? Die Russen sind überall dahin gegangen, wo Asien verarmt ist, wo Asien bedroht und verelendet war, wo die Menschen heruntergekommen waren, wo die Menschen gepresst waren, bedrückt waren, wo die Menschen in Armut und Finsternis getaucht waren. Dieser Menschen hat sich Russland angenommen. Daher habe Russland seine Mission in Asien. Daher muss der Weltenkampf zwischen Russland und England in Asien entbrennen. Es muss Russland in die Rechte des Ormuzd gegen Ahriman wiedereingesetzt werden, nachdem es sich so verhalten hat, während die Engländer sich nur hineingesetzt haben in das, was an Fruchtbarem, an Größe, an Schönem begründet worden ist in Asien, und das ausgenützt haben.
[ 94 ] So spricht dieser Russe über England. Und er sagt: England beutet Millionen von Hindus aus. Seine Größe und Macht hängt ab von den Menschen dort. Ich wünsche meinem Vaterland nichts Ähnliches. Ich kann mich nur freuen, dass es von diesem traurigen Zustand hinreichend weit entfernt ist.
[ 94 ] So spricht dieser Russe über England. Und er sagt: England beutet Millionen von Hindus aus. Seine Größe und Macht hängt ab von den Menschen dort. Ich wünsche meinem Vaterland nichts Ähnliches. Ich kann mich nur freuen, dass es von diesem traurigen Zustand hinreichend weit entfernt ist.
[ 95 ] Könnte man nicht eigentlich wünschen, dass sich ein wenig die den Engländer bewundernden Russen der Gegenwart vertiefen würden in dieses ja erst 1885 erschienene Buch von Jushakow über die Beziehungen zwischen Russland und England? Es könnte überhaupt manchmal interessant werden, wenn die Menschen etwas kennenlernen würden von dem, was an treibenden Kräften gewirkt hat und was fortwirken wird an Kräften, die zu dem geführt haben, was jetzt in unserer Umgebung ist, was an unsere Seele herandringt.
[ 95 ] Könnte man nicht eigentlich wünschen, dass sich ein wenig die den Engländer bewundernden Russen der Gegenwart vertiefen würden in dieses ja erst 1885 erschienene Buch von Jushakow über die Beziehungen zwischen Russland und England? Es könnte überhaupt manchmal interessant werden, wenn die Menschen etwas kennenlernen würden von dem, was an treibenden Kräften gewirkt hat und was fortwirken wird an Kräften, die zu dem geführt haben, was jetzt in unserer Umgebung ist, was an unsere Seele herandringt.
[ 96 ] Ich glaube, meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was ich ausgesprochen habe, aus den geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus über die Natur des deutschen Wesens, es lässt sich erhärten, auch wenn man es so illustriert durch dieses oder jenes. Und ich könnte lange, lange Ähnliches zum Beweise dessen anführen, was ich gesagt habe. Solange könnte man solche Dinge anführen, dass ganz gewiss niemand hier im Saale mehr zuhören würde.
[ 96 ] Ich glaube, meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was ich ausgesprochen habe, aus den geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus über die Natur des deutschen Wesens, es lässt sich erhärten, auch wenn man es so illustriert durch dieses oder jenes. Und ich könnte lange, lange Ähnliches zum Beweise dessen anführen, was ich gesagt habe. Solange könnte man solche Dinge anführen, dass ganz gewiss niemand hier im Saale mehr zuhören würde.
[ 97 ] Alles das aber würde die eine Wahrheit beleuchten, die jetzt so wichtig ist, wenn wir erst die Waffen zu schmieden haben zur Verteidigung dessen, was auch geistig angegriffen wird und was immer mehr und mehr eingekreist werden wird, alles das würde uns hinführen zu der einen großen Wahrheit, mit der man sich zu durchdringen hat, zu der Wahrheit, dass der Deutsche durch seine unmittelbare Volksanlage sehen könnte die unmittelbare Beziehung, die erlebte Beziehung der einzelnen Seele mit dem Volksgeiste.
[ 97 ] Alles das aber würde die eine Wahrheit beleuchten, die jetzt so wichtig ist, wenn wir erst die Waffen zu schmieden haben zur Verteidigung dessen, was auch geistig angegriffen wird und was immer mehr und mehr eingekreist werden wird, alles das würde uns hinführen zu der einen großen Wahrheit, mit der man sich zu durchdringen hat, zu der Wahrheit, dass der Deutsche durch seine unmittelbare Volksanlage sehen könnte die unmittelbare Beziehung, die erlebte Beziehung der einzelnen Seele mit dem Volksgeiste.
[ 98 ] Und wenn wir sehen, wie immer dieser deutsche Idealismus wirkte in der ganzen Stimmung des deutschen Volkes und seiner großen Repräsentanten gerade in derjenigen Zeit, die wir die große Epoche des deutschen Geistes nennen können, wie da Keime liegen, und wenn wir sehen, was in diesen Keimen alles drinnensteckt, dann dürfen wir uns sagen: Wir können vertrauen auch auf die innere Kraft des deutschen Wesens, so wie wir vertrauen auf die Keime, die sich in der Natur zu Blüten und Früchten entfalten müssen; wir dürfen Vertrauen haben zum deutschen Geistesleben. Und wir wissen, dass es in vieler Beziehung erst noch die Keime enthält, und dass es die Kraft einer immerwährenden Verjüngung enthält, dass ihm diese Kraft eigen ist. Und wir wissen daraus, was diejenigen verteidigen, die unter Riesenopfern im Osten und im Westen dasjenige zu verteidigen haben, was wie in einer großen Festung in Mitteleuropa eingeschlossen ist.
[ 98 ] Und wenn wir sehen, wie immer dieser deutsche Idealismus wirkte in der ganzen Stimmung des deutschen Volkes und seiner großen Repräsentanten gerade in derjenigen Zeit, die wir die große Epoche des deutschen Geistes nennen können, wie da Keime liegen, und wenn wir sehen, was in diesen Keimen alles drinnensteckt, dann dürfen wir uns sagen: Wir können vertrauen auch auf die innere Kraft des deutschen Wesens, so wie wir vertrauen auf die Keime, die sich in der Natur zu Blüten und Früchten entfalten müssen; wir dürfen Vertrauen haben zum deutschen Geistesleben. Und wir wissen, dass es in vieler Beziehung erst noch die Keime enthält, und dass es die Kraft einer immerwährenden Verjüngung enthält, dass ihm diese Kraft eigen ist. Und wir wissen daraus, was diejenigen verteidigen, die unter Riesenopfern im Osten und im Westen dasjenige zu verteidigen haben, was wie in einer großen Festung in Mitteleuropa eingeschlossen ist.
[ 99 ] Aber es gibt auch eine Möglichkeit, auf die inneren Kräfte der Geistwirksamkeit in der Welt das Seelenauge zu lenken. Dann schaut man dieses deutsche Volk nicht so an, wie es vielleicht heute von den Feinden des deutschen Wesens angeschaut wird, sondern so, dass man sich sagt: Der deutsche Geist hat noch nicht vollendet. Er hat Kräfte in sich, die erst Keimeskräfte sind, die erst in der Zukunft sich voll entwickeln müssen. Daher geht aus solchen Betrachtungen, wenn sie auch noch so unvollkommen angestellt werden, wie sie eben in der kurzen Zeit in einem Vortrag nur angestellt werden konnten, doch dasjenige hervor, was sich in gewisse Empfindungen zusammenfassen lässt, in Empfindungen, die der deutschen Seele Zuversicht und Mut und Hoffnung geben, gerade auch aus dem Innern dieses Wesens heraus.
[ 99 ] Aber es gibt auch eine Möglichkeit, auf die inneren Kräfte der Geistwirksamkeit in der Welt das Seelenauge zu lenken. Dann schaut man dieses deutsche Volk nicht so an, wie es vielleicht heute von den Feinden des deutschen Wesens angeschaut wird, sondern so, dass man sich sagt: Der deutsche Geist hat noch nicht vollendet. Er hat Kräfte in sich, die erst Keimeskräfte sind, die erst in der Zukunft sich voll entwickeln müssen. Daher geht aus solchen Betrachtungen, wenn sie auch noch so unvollkommen angestellt werden, wie sie eben in der kurzen Zeit in einem Vortrag nur angestellt werden konnten, doch dasjenige hervor, was sich in gewisse Empfindungen zusammenfassen lässt, in Empfindungen, die der deutschen Seele Zuversicht und Mut und Hoffnung geben, gerade auch aus dem Innern dieses Wesens heraus.
[ 100 ] Sind wir auf der einen Seite heute ganz davon überzeugt, dass wir nicht nötig haben, aus sicherem, echtem Wissen und Erkennen her, Mut und Zuversicht denen zuzusprechen, die mit Leid und Blut einzutreten haben für die großen Ereignisse der Zeit — dass das nicht nötig ist, zeigt der ganze Verlauf der Ereignisse innerhalb des Gebietes des deutschen Wesens, des mitteleuropäischen Wesens, das zeigt, wie die Deutschen in den Krieg gegangen sind, wie sie diesen Krieg zu führen gewusst haben —, nein, nicht um darüber zu sprechen, sondern zu sprechen davon, was im Innersten des deutschen Wesens, des deutschen Seelenwesens selbst waltet und wirkt, sodass es uns [und den im Felde Stehenden] Zukunftsicherheit gibt und uns mit Hoffnungen erfüllt. Um darauf hinzuweisen, wurden die heutigen Betrachtungen angestellt. Und deshalb möchte ich zusammenfassen, weil die Empfindungen das Wichtigste sind, die Empfindungen, die den einzelnen Worten des heutigen Abends zugrunde liegen. Ich möchte in einige Empfindungen zusammendrängen dasjenige, was, wie ich glaube, für deutsches Empfinden und Fühlen hervorgehen kann gerade aus der Betrachtung des deutschen Wesens und seines Zusammenhangs mit dem deutschen Volksgeist:
[ 100 ] Sind wir auf der einen Seite heute ganz davon überzeugt, dass wir nicht nötig haben, aus sicherem, echtem Wissen und Erkennen her, Mut und Zuversicht denen zuzusprechen, die mit Leid und Blut einzutreten haben für die großen Ereignisse der Zeit — dass das nicht nötig ist, zeigt der ganze Verlauf der Ereignisse innerhalb des Gebietes des deutschen Wesens, des mitteleuropäischen Wesens, das zeigt, wie die Deutschen in den Krieg gegangen sind, wie sie diesen Krieg zu führen gewusst haben —, nein, nicht um darüber zu sprechen, sondern zu sprechen davon, was im Innersten des deutschen Wesens, des deutschen Seelenwesens selbst waltet und wirkt, sodass es uns [und den im Felde Stehenden] Zukunftsicherheit gibt und uns mit Hoffnungen erfüllt. Um darauf hinzuweisen, wurden die heutigen Betrachtungen angestellt. Und deshalb möchte ich zusammenfassen, weil die Empfindungen das Wichtigste sind, die Empfindungen, die den einzelnen Worten des heutigen Abends zugrunde liegen. Ich möchte in einige Empfindungen zusammendrängen dasjenige, was, wie ich glaube, für deutsches Empfinden und Fühlen hervorgehen kann gerade aus der Betrachtung des deutschen Wesens und seines Zusammenhangs mit dem deutschen Volksgeist:
Der deutsche Geist, noch hat er nicht vollendet,
Was er der Welt erbringen soll.
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig
Verborg’nes, das noch reifend wirken muss.
Wie darf in Feindesmacht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben,
So lang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält?
Der deutsche Geist, noch hat er nicht vollendet,
Was er der Welt erbringen soll.
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig
Verborg’nes, das noch reifend wirken muss.
Wie darf in Feindesmacht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben,
So lang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält?
