The Human Soul, Fate and Death
GA 70a
18 June 1915, Cologne
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The Human Soul, Fate and Death, tr. SOL
18. Die verjüngenden Kräfte der Deutschen Volksseele im Lichte der Geisteswissenschaft und im Hinblick auf unsere schicksalstragende Zeit
18. The Rejuvenating Forces of the German National Soul in the Light of Spiritual Science and in View of Our Fateful Times
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Seit langer Zeit schon durfte ich in jedem Jahr hier einen oder mehrere Vorträge halten aus dem Gebiete, das ich mir zu nennen erlaube das der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. Die Freunde unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung waren nun der Ansicht, dass auch in unserer schicksalsbewegten Zeit ein solcher Vortrag hier in dieser Stadt wiederum gehalten werden dürfe.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! For quite some time now, I have had the privilege of delivering one or more lectures here each year on the subject I take the liberty of calling the spiritual-scientific worldview. The friends of our spiritual-scientific worldview were of the opinion that, even in these turbulent times, such a lecture should once again be held here in this city.
[ 2 ] Sie werden es begreiflich finden, meine sehr verehrten Anwesenden, dass gerade vom Gesichtspunkte der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung aus eine Betrachtung in unserer Zeit hinlenken muss die Empfindungen, die Gefühle auf das, was uns ja eben in unserer unmittelbaren Gegenwart als deren so schicksalstragenden Inhalt bewegt. Wir sehen verschiedene Nationen der Erde miteinander im Kampf. Wir sehen vor allen Dingen Mitteleuropa, wie in einer großen, mächtigen Festung eingeschlossen, um die heiligsten Güter ringen. Da muss denn jede Menschenseele, auch wenn sie mit ihren Gedanken zu den wichtigsten, vielleicht zu den höchsten Rätselfragen des Daseins schweifen will, die Empfindungen mitnehmen, die von den Ereignissen kommen, die zweifellos ungeheuer Bedeutsames in ihrem Schoße tragen, die Zuversicht, Kraft, Hoffnung von uns verlangen, und die vor allen Dingen verlangen von uns, dass wir sehenden Auges die Tatsachen überblicken, dass wir sehenden Auges auch die Kräfte vor unsere Seele treten lassen, welche in der Gegenwart ins Spiel kommen.
[ 2 ] You will find it understandable, my esteemed audience, that—precisely from the perspective of a spiritual-scientific worldview—contemplation in our time must direct our sensibilities and feelings toward that which moves us in our immediate present as its fateful content. We see various nations of the earth engaged in conflict with one another. Above all, we see Central Europe, as if enclosed within a great, mighty fortress, struggling for its most sacred values. Therefore, every human soul—even if its thoughts wander toward the most important, perhaps the highest, mysteries of existence—must take with it the feelings arising from these events, which undoubtedly harbor something immensely significant within them; they demand from us confidence, strength, and hope from us—and which, above all, demand that we survey the facts with open eyes, that we also allow the forces coming into play in the present to step before our souls with open eyes.
[ 3 ] Nun ist es mir wahrhaftig nicht darum zu tun, die ja schon überflutende Literatur, die überflutend reichlich fließenden Vorträge über unsere gegenwärtigen Ereignisse auch noch um eine Betrachtung zu vermehren. Es wird sich am heutigen Abend um mancherlei anderes noch handeln, als oftmals in unserer Gegenwart besprochen worden ist. Man hat ja schon und nicht mit Unrecht, gesagt, dass man nicht den klaren und sicheren Blick auf dasjenige, was als miteinander kämpfende Interessen in der Gegenwart in Betracht kommt, dass man nicht den Blick für die Verhältnisse sich trüben lassen soll, umnebeln lassen soll durch allerlei Mystisches, allerlei Metaphysisches, dass man sich vor allen Dinge klar sein müsse, dass das gegenwärtige Ringen politischen Ursachen, sozialen Ursachen und den Interessen der Völker sein Dasein verdanke und dass man ja nicht sprechen solle davon, dass das geistige Leben irgendwie unter den Ursachen der gegenwärtigen Ereignisse fruchtbringend genannt werden könne.
[ 3 ] Now, I truly have no intention of adding yet another perspective to the already overwhelming body of literature and the endless stream of lectures on our current events. This evening, we will discuss many other matters besides those that have been frequently addressed in our time. It has already been said—and not without good reason—that one should not allow one’s clear and certain view of the conflicting interests at play in the present, nor one’s perspective on the circumstances, to be clouded or obscured by all manner of mystical, all manner of metaphysical notions; that one must, above all, be clear that the current struggle owes its existence to political causes, social causes, and the interests of peoples; and that one should certainly not speak of spiritual life as if it could in any way be fruitfully cited among the causes of current events.
[ 4 ] Nun gewiss, gerade der Geisteswissenschaftler hat alle Ursache, meine sehr verehrten Anwesenden, sich zu hüten davor, in allerlei Spekulationen zu verfallen darüber, wie etwa die Weltengeister selbst miteinander in Kampf gekommen seien oder dergleichen. Aber eines darf doch immer wiederum hervorgehoben werden: Auch in jenen alten Zeiten, im Beginne des Mittelalters, als unsere Vorfahren, unsere germanischen Vorfahren, die Bewohner Mitteleuropas, gegenüberstanden dem alten, seinem Ende entgegengehenden Römischen Reiche, da konnten auch damals die Menschen sagen: Es handelt sich nur um die Interessenssphären, auf der einen Seite der germanischen Völkerschaften Mitteleuropas, auf der anderen Seite der Völker Südeuropas, und man solle nicht durch allerlei Hinblicken auf geistige Strömungen oder dergleichen sich den klaren Blick trüben lassen auf das, um was es sich zunächst handele.
[ 4 ] Now, certainly, my esteemed audience, it is precisely the scholar of the humanities who has every reason to guard against falling into all sorts of speculations about how, for example, the world spirits themselves might have come into conflict with one another, or the like. But one thing must always be emphasized again and again: Even in those ancient times, at the beginning of the Middle Ages, when our ancestors—our Germanic ancestors, the inhabitants of Central Europe—faced the old Roman Empire as it was drawing to a close, even then people could say: “This is merely a matter of spheres of interest—on the one hand, those of the Germanic peoples of Central Europe, and on the other, those of the peoples of Southern Europe—and one should not allow all sorts of references to spiritual currents or the like to cloud one’s clear view of what is at stake in the first place.”
[ 5 ] Gewiss, für die unmittelbare Gegenwart, für den Blick, der die unmittelbare Gegenwart nur betrachtet, ist es so, ist das voll berechtigt. Dennoch wird man vielleicht das Folgende bedenken können. Man wird sagen können: Ja, gewiss, so, wie heute richtig betrachtet englische und deutsche Interessen, politische Interessen, einander gegenüberstehen und zum Kriege geführt haben, so haben dazumal einander gegenübergestanden die mitteleuropäischen und die südeuropäischen Interessen; aber wenn man die ganze, auf jene Ereignisse folgende Geschichte betrachtet, so wird man doch sich sagen müssen: Ja, damals wurde Europa so gestaltet, wie es gestaltet werden musste, damit die ganze Kulturentwicklung mit all ihrem Inhalt, die seither Platz gegriffen hat, vor sich gehen konnte. Und alles dasjenige, was geistig hinterher geschehen ist, das lag dazumal schon im Schoße der Ereignisse. Die Art und Weise, wie das Christentum sich eingelebt hat in Europa, sie hing davon ab, welche Geltung sich die germanischen Völkerschaften damals haben verschaffen können. Alle folgende Kultur, in die wir erst hineinversetzt sind, sie hat sich gestaltet durch dasjenige, was sich damals abspielte.
[ 5 ] Certainly, for the immediate present—for the perspective that considers only the immediate present—this is the case; it is entirely justified. Nevertheless, one might consider the following. One might say: Yes, certainly, just as English and German interests—political interests—are today, when viewed correctly, in opposition to one another and have led to war, so too were the interests of Central Europe and Southern Europe in opposition to one another at that time; but if one considers the entire history that followed those events, one must still admit: Yes, at that time Europe was shaped as it had to be shaped so that the entire cultural development, with all its content, that has taken place since then could unfold. And everything that happened spiritually afterward was already lying in the womb of those events at the time. The manner in which Christianity took root in Europe depended on the influence the Germanic peoples were able to establish at that time. All the subsequent culture into which we have now been immersed was shaped by what took place back then.
[ 6 ] Dem Menschen der Gegenwart obliegt es, nicht in derselben Weise wie etwa ein Mensch der damaligen Zeit nur instinktiv hinzuleben. Die Zeiten sind vorwärtsgeschritten, und jetzt handelt es sich darum, dass man sehenden Auges, das heißt mit vollem Bewusstsein, das vor seine Seele treten lasse, was auch von einem gewissen höheren Gesichtspunkte aus — ich will nicht sagen den Ereignissen zugrunde liegt, ausdrücklich möchte ich das betonen —, was sich aber ausspricht in dem gewaltigen, noch niemals in der Menschheitsentwicklung da gewesenen Ringen.
[ 6 ] It is up to people today not to simply live on instinctively, as, for example, people of that time did. Times have moved on, and now it is a matter of allowing, with open eyes—that is, with full consciousness—that which, from a certain higher perspective—I do not mean to say that it underlies events; I wish to emphasize this explicitly—but which finds expression in the tremendous struggle, the like of which has never before been seen in the course of human development.
[ 7 ] Dies ist das eine. Das andere aber, meine sehr verehrten Anwesenden, ist dieses, dass gerade demjenigen, der die geistigen Ereignisse der gegenwärtigen und der vergangenen Zeit, insoweit sich die Gegenwart aus dieser Vergangenheit heraus entwickelt hat, dass demjenigen, der diese Verhältnisse ins Auge fasst, sich allerdings zeigt, dass nicht nur gegenwärtig, sondern im Grunde lange schon auch ein Kampf, ein Ringen der Völker der Erde, der Menschen der Erde um geistige Güter stattfindet, ein Ringen, das man in seiner besonderen Eigenart oftmals, und vielleicht gerade in den letzten Jahrzehnten besonders, nicht sehr beachtet hat. Aber dasjenige, was heute geschieht, was heute aus Blut und Tod heraus erkämpft werden muss, das muss uns mahnen, den Blick auch einmal zu werfen auf dasjenige, was in den Seelen vorgeht und wie in demjenigen, was die Seelen erstreben und wollen, doch auch ein Kampffeld zu nennendes Feld auf unserer Erde auftritt.
[ 7 ] That is one thing. The other, however, my esteemed audience, is this: that precisely to those who consider the intellectual events of the present and the past—insofar as the present has developed out of this past—to those who take these circumstances into account, it becomes clear that not only at present, but in fact for a long time now, there has been a struggle, a contest among the peoples of the earth, and among the people of the earth for spiritual goods—a struggle that, in its particular nature, has often been overlooked, and perhaps especially so in recent decades. But what is happening today—what must be fought for today amidst blood and death—must serve as a reminder for us to turn our gaze, for once, to what is taking place within the souls and to how, in what the souls strive for and desire, a field that can indeed be called a battlefield is emerging on our Earth.
[ 8 ] Auf politische Verhältnisse mich einzulassen, obliegt mir ganz und gar nicht. Aber das darf ich streifen, dass ganz gewiss in der Zukunft alle jene Deklamationen und Sophistereien, die heute gepflogen werden über die Ursachen des Krieges, über dasjenige, was der eine oder der andere getan hat, um den Krieg herbeizuführen, dass das sich gerade, wenn immer tiefer und tiefer in einer vielleicht gar nicht fernen Zukunft die Verhältnisse durchschaut werden, zu der Erkenntnis kristallisieren wird, dass es sich denn doch handelt um eine Verteidigung, welche die Völker Mitteleuropas, insbesondere das deutsche Volk gegen mächtige, es nicht aufkommen lassen wollende Völker zu führen hat. Es ist auch für den ganz objektiv Betrachtenden klar und wird immer klarer werden, dass das deutsche Volk einen Verteidigungskampf zu führen hat. Ich mache darauf aufmerksam aus dem Grunde, [da] das Wort Verteidigungskampf auch angewendet werden muss auf die geistigen Güter, die aus den Tiefen der deutschen Volksseele heraus der Welt gegeben werden sollen, die aber gegenüber den Angriffen, die sich nicht mehr als Angriffe geben, die aber dennoch sozusagen auf dem Schauplatze der Weltenereignisse in geistiger Art Angriffe sind, die gegenüber diesen Angriffen verteidigt werden müssen.
[ 8 ] It is by no means my place to get involved in political matters. But I may touch upon the fact that, in the future, all those grand speeches and sophistries that are currently being bandied about regarding the causes of the war, about what one party or another did to bring about the war—will, as the situation is understood more and more deeply in a future that may not be far off, crystallize into the realization that this is, after all, a defensive struggle that the peoples of Central Europe—especially the German people—must wage against powerful nations that do not wish to see them succeed. It is also clear to the entirely objective observer—and will become ever clearer—that the German people must wage a defensive struggle. I draw attention to this for the reason that the term “defensive struggle” must also be applied to the spiritual treasures that are to be given to the world from the depths of the German national soul—treasures that must be defended against attacks that no longer present themselves as such, yet are, so to speak, spiritual attacks on the stage of world events.
[ 9 ] Um dasjenige zu kennzeichnen, was ich eigentlich meine, sei etwas scheinbar Fernliegendes, aber eben nur beispielsweise angeführt. Wir haben innerhalb unserer deutschen Geisteskultur seit reichlich mehr als einem Jahrhundert ein geistiges Gut auf einem gewissen Gebiete, von dem leider noch immer nicht voll erkannt ist, welches sein ungeheurer Wert ist. Heute und seit langer Zeit schon redet man, wenn man von einer gründlichen, der Gegenwart gemäßen Weltanschauung spricht, von dem Entwicklungsgedanken, von der Entwicklungsidee. Man redet davon, dass die Menschheit soweit vorwärtsgedrungen sei, einzusehen, wie nicht die einzelnen Formen des Lebens nebeneinanderstehen, sondern wie sich die einzelnen Formen nebeneinander entwickeln. Mit einer ungeheuren Größe — um diesen Ausdruck anzuwenden —, in einer geistgemäßen Art hat diesen Entwicklungsgedanken schon einmal Ende des achtzehnten Jahrhunderts aus der Tiefe deutschen Denkens, deutschen denkerischen Forschens heraus Goethe in die Weltentwicklung, in die Weltkultur hineingestellt. Und man darf sagen, die Art und Weise, wie Goethe den Entwicklungsgedanken hineingestellt hat in die geistige Weltkultur, das gehört zu dem Größten — selbst wenn man damit vergleicht alles dasjenige, was Goethe als Dichter geleistet hat —, das gehört zu dem Größten, was in der Menschheitsentwicklung wenigstens auf geistigem Gebiete aufgetreten ist.
[ 9 ] To illustrate what I actually mean, let me cite something that may seem unrelated, but which is merely an example. For well over a century, German intellectual culture has possessed an intellectual asset in a certain field, the immense value of which, unfortunately, has still not been fully recognized. Today—and for a long time now—when people speak of a thorough worldview appropriate to the present, they refer to the concept of development, to the idea of development. They speak of how humanity has advanced to the point of recognizing not that the individual forms of life exist side by side, but rather that they develop alongside one another. With immense grandeur—to use that expression—and in a manner befitting the spirit, Goethe had already, at the end of the eighteenth century, drawn this concept of development from the depths of German thought and German intellectual inquiry and introduced it into the development of the world and into world culture. And one may say that the way in which Goethe incorporated the idea of evolution into spiritual world culture ranks among the greatest achievements—even when compared to all that Goethe accomplished as a poet—it ranks among the greatest things that have occurred in human development, at least in the spiritual realm.
[ 10 ] Nun muss man sagen: Nicht das, was Goethe da der Menschheit gegeben hat, ist unmittelbar eingeflossen in den großen Strom des geistigen Fortschrittes. Wenige haben im Grunde genommen bis jetzt den ganzen Wert der Goethe’sehen Geistestat erkannt. Dagegen ist der Entwicklungsgedanke, ich möchte sagen in einer rein äußerlichen, mehr materialistisch-utilistischen Form durch den Darwinismus aus einer außerdeutschen Volksart in die Weltkultur eingedrungen.
[ 10 ] Now it must be said: It is not what Goethe gave to humanity that has directly flowed into the great current of intellectual progress. Few have, in essence, recognized the full value of Goethe’s spiritual legacy to this day. In contrast, the idea of evolution—I would say in a purely external, more materialistic and utilitarian form—has penetrated world culture through Darwinism, originating from a non-German people.
[ 11 ] Gewiss, man kann nicht sagen, dass da etwas wie Kampf und Krieg vorliegt, wenn man die Dinge so äußerlich und oberflächlich betrachtet. Aber wenn man sie innerlich betrachtet, so liegt das doch vor, dass ein Größeres einfach zurückgedrängt worden ist durch die geistig-äußerliche Gewalt, die ein weniger bedeutsamer, der englisch gefärbte, darwinistische Gedanke hat. Das ist eines. Solche Beispiele könnten aber unzählige angeführt werden. Unzählige Dinge könnten angeführt werden — die tieferen Gründe brauchen uns hier nicht zu beschäftigen —, dass innerhalb der deutschen Kultur Impulse gegeben worden sind, die als solche bedrängt, ja bekriegt werden, die ersetzt werden sollen durch dasjenige, von dem sie ringsherum eingekreist sind. Die geistige Einkreisung, die hat seit Langem begonnen. Und es wird, man darf schon sagen ein Weltenglück — wenn das Wort nicht missverstanden wird —, es wird ein Weltenglück sein, wenn dasjenige, was wir jetzt in so harter Weise erleben, uns darauf aufmerksam macht, dass wir auch geistige Waffen brauchen. Die Zukunft wird das schon lehren, dass wir geistige Waffen brauchen, um Tieferes gegen weniger Tiefes zu schützen. Dasjenige, was sich heute vollzieht aus Blut und Tod heraus, ist für denjenigen, der die Dinge etwas tiefer ansieht, nur ein Anfang; ein Anfang zu einem Ringen, das sich auch auf geistigem Schauplatz abspielen wird.
[ 11 ] Certainly, one cannot say that there is anything like a struggle or a war going on if one views things so outwardly and superficially. But if one looks at them from within, it is clear that something greater has simply been suppressed by the intellectual and external force exerted by a less significant, English-influenced, Darwinist idea. That is one example. Countless others could be cited. Countless examples could be cited—we need not concern ourselves here with the deeper reasons—that within German culture, impulses have been generated which, as such, are being suppressed, even waged war against, and are intended to be replaced by that which has encircled them on all sides. This spiritual encirclement began long ago. And it will be—one may well say a blessing for the world, if the word is not misunderstood—it will be a blessing for the world if what we are now experiencing so harshly makes us realize that we also need spiritual weapons. The future will surely teach us that we need spiritual weapons to protect what is deeper from what is less deep. What is unfolding today amid blood and death is, for those who look at things a little more deeply, only a beginning—a beginning to a struggle that will also play out on the spiritual stage.
[ 12 ] Nun kann so mancherlei dazu beitragen, den Weg zu finden in der Wirrnis, die im Grunde genommen doch in Bezug auf die geistigen Strömungen — das Wort ist selbstverständlich heute angefochten, aber es darf doch gebraucht werden, denn es trifft doch immerhin die Gegenwart am allerbesten — in unserer materialistischen Zeit eingetreten ist. Und auf diesen Weg soll eben gerade die heutige Betrachtung hinweisen.
[ 12 ] Now, many things can help us find our way through the confusion that has, in essence, arisen in our materialistic age with regard to spiritual currents—the term is, of course, contested today, but it may still be used, for it does, after all, best describe the present. And today’s reflection is intended precisely to point the way toward this.
[ 13 ] Geisteswissenschaft ist ja keineswegs etwas — so wie sie hier gemeint ist —, was in weiteren Kreisen heute schon anerkannt wird. Geisteswissenschaft ist vielmehr etwas, was in weiteren Kreisen gar als Torheit, als Phantasterei oder Träumerei angesehen wird. Allein der Geisteswissenschaftler lässt sich dadurch nicht beirren. Als Kopernikus die neue naturwissenschaftliche Weltanschauung in Bezug auf ihre ersten Gedanken vertreten hat, als Kopernikus, Galilei aufgetreten sind, da wurde auch dasjenige, was sie der Menschheit zu sagen hatten, als Phantasterei angesehen in den Augen derjenigen, die eben durchaus festhalten wollten an demjenigen, was ihren Denkgewohnheiten entsprach. Derjenige, der die Art und Weise betrachtet, wie die Wahrheit durch die Welt schreitet, der weiß, dass Geisteswissenschaft heute ganz in derselben Lage ist, wie die Naturwissenschaft vor einigen Jahrhunderten. Und er findet es begreiflich, ja selbstverständlich, dass sie von der weitaus größten Mehrzahl der Menschen heute noch als Phantasterei, als Träumerei oder Schlimmeres angesehen wird.
[ 13 ] Spiritual science—as it is understood here—is by no means something that is already recognized in wider circles today. Rather, spiritual science is something that is even regarded in wider circles as folly, as fantasy, or as daydreaming. But the spiritual scientist does not allow himself to be deterred by this. When Copernicus first put forward the new scientific worldview, when Copernicus and Galileo appeared on the scene, what they had to say to humanity was also regarded as fantasy in the eyes of those who simply wanted to cling to what corresponded to their established ways of thinking. Anyone who observes the way in which truth makes its way through the world knows that spiritual science today is in exactly the same position as natural science was a few centuries ago. And they find it understandable—indeed, self-evident—that it is still regarded by the vast majority of people today as fantasy, as daydreaming, or worse.
[ 14 ] Nun habe ich in früheren Vorträgen mancherlei hier vorzutragen gehabt aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft, wie der Blick auf anderes gerichtet werden soll. Ich kann heute nur in Bezug auf einige Grundideen, die uns gerade heute interessieren können, die geisteswissenschaftlichen Anschauungen, nicht etwa beweisend, sondern nur andeutend, vorführen.
[ 14 ] In earlier lectures, I have had various things to present here from the field of spiritual science—such as how one’s gaze should be directed toward other things. Today I can only present the spiritual scientific views—not by proving them, but merely by hinting at them—in relation to a few fundamental ideas that may be of particular interest to us right now.
[ 15 ] Man spricht manchmal von der Volksseele. Die Volksseele ist aber ein Begriff, welcher, wie zu hoffen ist, durch die Geisteswissenschaft in ein neues Licht gerückt werden kann. Was ist die Volksseele in unserer mehr oder weniger materialistisch denkenden Zeit? Nun, wenn man sich zu dem Begriff der Volksseele überhaupt hinauferheben will, so sagt man: Man betrachtet die Eigenschaften, die immer in einer Volksgemeinschaft hervortreten, also dasjenige, was eben eine Gruppe von Menschen, die man ein Volk nennt, gemeinsam hat, und man kommt dann zu einem abstrakten Begriff und denkt nicht an irgendetwas Weiteres, an irgendetwas Reales, wenn man von der Volksseele spricht.
[ 15 ] People sometimes speak of the “national soul.” The national soul, however, is a concept that, it is to be hoped, can be shed new light upon through spiritual science. What is the national soul in our more or less materialistically minded age? Well, if one wishes to rise to the concept of the national soul at all, one might say: One considers the characteristics that always emerge in a national community—that is, what a group of people, called a nation, has in common—and one then arrives at an abstract concept and does not think of anything further, of anything real, when speaking of the national soul.
[ 16 ] Der Geisteswissenschaftler aber spricht von der Volksseele als von etwas ganz Realem, als von etwas, man kann sagen Persönlich-Realem, von etwas Persönlich-Wirklichem. Der Geisteswissenschaftler spricht aus seinen geisteswissenschaftlichen Forschungen heraus davon, dass wir eben, so wie wir umgeben sind in der physischen Welt von dem Reiche der Mineralien, der Pflanzen, der Tiere und der Menschen, wir umgeben sind in Bezug auf Geistig-Seelisches von Reichen höherer Art, von Wesenheiten einer übersinnlichen Welt. Er spricht von diesen Wesen einer übersinnlichen Welt nicht wie von abstrakten Begriffen, sondern er spricht von diesen Wesenheiten als von wirklichen Realitäten. Geradeso wie derjenige, der in älteren Zeiten keine Ahnung hatte von dem Wesen der Atmosphäre, glauben konnte, da, wo wir leben, da ist ringsherum nichts, während der neuere Mensch weiß, selbstverständlich, dass er umgeben ist von Luft, so weiß derjenige, der Geisteswissenschaft kennt, dass wir in Bezug auf unser Geistig-Seelisches allüberall umgeben sind von Geistigem. Aber nicht von Geistigem im Sinne des Pantheismus, sondern im Sinne einer geistigen Welt, die überall von geistigen Wesen bevölkert ist. Und zu solchen geistigen Wesenheiten rechnen wir auch die Volksseele, rechnen wir die einzelnen Volksseelen der verschiedenen Völker. Wir sprechen von realen und individuellen Wesenheiten, wenn wir von den Volksseelen der einzelnen Völker sprechen. Ich kann das heute nur so kurz andeuten, weil die Zeit bemessen ist.
[ 16 ] The humanities scholar, however, speaks of the national soul as something entirely real—as something that could be called personally real, something personally actual. Based on his research in spiritual science, the spiritual scientist speaks of the fact that just as we are surrounded in the physical world by the realms of minerals, plants, animals, and human beings, we are also surrounded—in terms of the spiritual and soul—by realms of a higher order, by beings of a supersensible world. He does not speak of these beings of a supersensible world as abstract concepts, but rather as actual realities. Just as someone in earlier times, having no idea of the nature of the atmosphere, might have believed that there was nothing all around us where we live, whereas modern people know, of course, that they are surrounded by air—so too does anyone familiar with spiritual science know that, in terms of our spiritual and soul life, we are surrounded everywhere by the spiritual. But not by the spiritual in the sense of pantheism, but in the sense of a spiritual world that is everywhere populated by spiritual beings. And among such spiritual beings we also count the national soul; we count the individual national souls of the various peoples. We speak of real and individual beings when we speak of the national souls of the individual peoples. I can only briefly touch on this today because time is limited.
[ 17 ] Aber dasjenige, was nun die Volksseele als Wesenheit hat, man kann es nur einsehen, wenn man das Verhältnis dieser Volksseele zur Einzelseele, die in einem solchen Volke steht, in Betracht zieht. Und da kommen wir gleich auf ein Gebiet, wo die gesamte heutige Seelenkunde, die Psychologie, durchaus gegenüber der Geistesforschung nicht ausreicht. Mit dieser Betrachtung, gerade mit Bezug auf die Seelenbetrachtung, steht man mit der Geisteswissenschaft am Anfang einer ganz neuen Betrachtungsart. Derjenige, der heute in der gebräuchlichen Seelenwissenschaft von Seele redet, der redet von der Seele so wie von einem Einfachen, in dem da drinnen auf- und abwogt Wille, Fühlen und Denken und so weiter. Das ist für den Geistesforscher gerade so, wie wenn man von Farbe im Allgemeinen sprechen würde oder vom Licht im Allgemeinen sprechen würde. Derjenige, der ein wenig von Physik gehört hat, der weiß, dass man hinter die Natur des Lichtes kommt, indem man das Regenbogenband des gesamten Spektrums betrachtet, indem man betrachtet, wie sich das Licht im Zusammenhang mit den Erscheinungen der Welt äußert, sagen wir in einer siebenfachen oder der Einfachheit halber in einer dreifachen Weise. Das Licht äußert sich im Spektrum auf der einen Seite so, dass wir sozusagen das Rötlich-Gelbe außerhalb haben, in der Mitte das Grün, an der anderen Seite das Blau-Violett. Und gerade dadurch kommen wir hinter die Art und Weise, wie das Licht wirkt. Dadurch kommen wir dazu, dass wir das Licht nach seiner Wirkungsart betrachten und wissen: Das Licht lebt wirklich in den sieben Farben des Spektrums.
[ 17 ] But what the national soul actually is as an entity can only be understood by considering the relationship between this national soul and the individual soul within such a people. And this brings us immediately to a field where contemporary psychology, in its entirety, falls far short of spiritual science. With this perspective—particularly with regard to the study of the soul—spiritual science stands at the beginning of an entirely new way of looking at things. Anyone who speaks of the soul today within the framework of conventional psychology speaks of the soul as if it were a simple entity within which will, feeling, thinking, and so on ebb and flow. For the spiritual researcher, this is just as if one were speaking of color in general or of light in general. Anyone who has heard a little about physics knows that one gains insight into the nature of light by observing the rainbow band of the entire spectrum, by observing how light manifests itself in connection with the phenomena of the world—let us say in a sevenfold way, or, for the sake of simplicity, in a threefold way. Light manifests itself in the spectrum, on the one hand, such that we have, so to speak, the reddish-yellow on the outside, green in the middle, and blue-violet on the other side. And it is precisely through this that we come to understand the way light works. This leads us to view light according to its mode of action and to know: Light truly lives in the seven colors of the spectrum.
[ 18 ] So wie der Physiker das heute als eine Selbstverständlichkeit ansieht, so wird einstmals die Seelenlehre es als eine Selbstverständlichkeit, aber auch als eine wissenschaftliche Notwendigkeit ansehen, eine dreifache Wirkungsweise des Seelischen zu betrachten. Und da nennen wir auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft dasjenige, was gleichsam sich so äußert in dem Seelischen, wie sich in dem Licht das Rötlich-Gelbe äußert, wir nennen das in der Geisteswissenschaft in Bezug auf das Seelische die Empfindungsseele. Und wir nennen dasjenige, was gleichsam die Mitte des Seelischen, wie das Grün die Mitte des Farbenbandes, ausmacht, die Verstandes- oder Gemütsseele. Und wir nennen dasjenige, was gleichsam auf der anderen Seite als die Offenbarung des Seelischen vorkommt, wie im Farbband das Blau-Violett vorkommt, die Bewusstseinsseele. Und die Geisteswissenschaft muss auf dem Standpunkte stehen, dass man das Seelische aus dieser Gliederung heraus ebenso erkennt, wie man aus dem Farbenband die Wirkungsweise des Lichtes erkennt. Und so, wie überall, in jedem Glied, in jeder Nuance des Farbenbandes sich äußert das Licht, so äußert sich gleichsam durch das, was wir unser Selbst nennen, unser eigentliches Ich nennen, die dreifache Wirkung des Seelischen. Wahrhaftig, es wird einmal eine Seelenwissenschaft geben, so wissenschaftlich wie die heutige Physik ist, da wird man gleichsam das Spektrum des Seelischen als die Empfindungsseele, als die Verstandes- oder Gemütsseele, als die Bewusstseinsseele charakterisieren.
[ 18 ] Just as physicists today regard it as self-evident, so too will the science of the soul one day regard it as self-evident—and indeed as a scientific necessity—to consider the threefold mode of action of the soul. And in the field of spiritual science, we call that which manifests itself in the soul, so to speak, in the same way that reddish-yellow manifests itself in light—we call this, in spiritual science as it relates to the soul, the sensory soul. And we call that which, as it were, constitutes the middle of the soul—just as green constitutes the middle of the color spectrum—the intellectual or emotional soul. And we call that which, as it were, appears on the other side as the manifestation of the soul—just as blue-violet appears in the color spectrum—the conscious soul. And spiritual science must take the standpoint that one recognizes the soul through this structure just as one recognizes the mode of action of light through the spectrum of colors. And just as light manifests itself everywhere—in every element, in every nuance of the spectrum—so, as it were, the threefold effect of the soul manifests itself through what we call our self, our true “I.” Truly, there will one day be a science of the soul as scientific as today’s physics, in which the spectrum of the soul will be characterized, so to speak, as the sensory soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul.
[ 19 ] Und wenn wir nun die einzelnen Völkerschaften Europas betrachten, so finden wir: Dasjenige, was sie charakterisiert — aber jetzt real charakterisiert, nicht so abstrakt charakterisiert, wie es durch die bisherige Völkerkunde geschieht —, dasjenige, was diese Völkerschaften charakterisiert, das ist dasjenige, wie die Volksseele, die wirkliche, reale Volksseele in Beziehung steht zu der einzelnen Seele, der Seele des einzelnen Menschen, der der Völkergemeinschaft angehört.
[ 19 ] And when we now consider the individual peoples of Europe, we find: What characterizes them—but characterizes them in reality, not in the abstract way that has been the case in ethnology to date—what characterizes these peoples is the relationship between the national soul, the true, real national soul, and the individual soul, the soul of the individual human being who belongs to the community of nations.
[ 20 ] Und da finden wir zunächst, dass das ganze Wesen des italienischen Volkes dadurch in lichtvoller Weise zu begreifen ist — ich kann das jetzt nicht näher ausführen, aber würde man es schildern bis in alle Einzelheiten hinein, man würde sehen, wie das, was bisher Völkerkunde war, lichtvoll vor die Anschauung treten würde —, das italienische Volk ist dadurch charakterisiert, dass die Volksseele mit der einzelnen Seele des italienischen Volkes, soweit sie seinem Volkstum angehört, so verkehrt, so in dieselbe hineinwirkt, dass diese Hineinwirkung geschieht vorzugsweise in die Empfindungsseele. Alles dasjenige, was als italienische Kultur zutage getreten ist, ist — vergleichsweise gesprochen — der Ausdruck eines Wechselgespräches zwischen der italienischen Volksseele und der Empfindungsseele der einzelnen Angehörigen des italienischen Volkes. Und alle Einseitigkeit, aber auch alle Größe der italienischen Entwicklung beruht darauf, dass das Glied des Seelenlebens, die Nuance des Seelenlebens, die wir als Empfindungsseele bezeichnen, eben in einseitiger Weise inspiriert, impulsiert wird von den Kräften der italienischen Volksseele.
[ 20 ] And there we find, first of all, that the entire nature of the Italian people can be understood in a most illuminating way through this—I cannot go into further detail now, but if one were to describe it down to the finest details, one would see how what has hitherto been considered ethnology would come into clear view—the Italian people are characterized by the fact that the national soul interacts with the individual soul of the Italian people—insofar as it belongs to their national character—in such a way, and influences it so deeply, that this influence is directed primarily toward the feeling soul. Everything that has emerged as Italian culture is—relatively speaking—the expression of a dialogue between the Italian national soul and the feeling soul of the individual members of the Italian people. And all the one-sidedness, but also all the greatness, of Italian development rests on the fact that the aspect of soul life, the nuance of soul life, which we call the feeling soul, is inspired and impelled in a one-sided manner by the forces of the Italian national soul.
[ 21 ] Nun könnte man denken, ich erzähle mit all diesen Dingen nur von abstrakten Begriffen. Das ist durchaus nicht der Fall. Denn die Geisteswissenschaft zeigt uns des Weiteren, dass wirklich diese drei Glieder des seelischen Lebens, die aufgezählt worden sind, zusammenhängen mit dem ganzen Wesen, dem umfassenden Wesen der Menschenseele. Und sagen kann man aus den Forschungen der Geisteswissenschaft heraus, dass dasjenige, was wir die Empfindungsseele nennen, zunächst ja die Äußerung bildet aller Leidenschaften, alles Impulsiven der Menschennatur; dass sie die Äußerung ist der Empfindungen, die aus dem Zentrum der Menschenseele herausquellen. Aber es ist auch zugleich der Teil der Menschenseele, der, so elementar er ist, so sehr er sozusagen auf einer kindlichen Stufe zunächst steht, so doch zusammenhängt mit demjenigen, was von der Menschenseele durch Geburten und Tode geht, was von der Menschenseele dem Ewigen angehört, was durch die Pforte des Todes geht und nach dem Tode in die geistige Welt eintritt. Viel mehr als die anderen Glieder des Seelenlebens ist dasjenige, was sich in der Empfindungsseele entfaltet, das, was in der Seele dem Ewigen angehört.
[ 21 ] Now one might think that, in discussing all these things, I am merely speaking of abstract concepts. That is by no means the case. For spiritual science further shows us that these three aspects of soul life, which have been listed, are indeed connected to the whole being—the comprehensive being—of the human soul. And based on the research of spiritual science, we can say that what we call the feeling soul is, first and foremost, the expression of all the passions and all the impulsive aspects of human nature; that it is the expression of the feelings that well up from the center of the human soul. But it is also, at the same time, the part of the human soul that—however elementary it may be, however much it may initially stand, so to speak, at a childlike stage—is nonetheless connected to that which passes through the human soul through births and deaths, to that which belongs to the eternal in the human soul, to that which passes through the gate of death and enters the spiritual world after death. Far more than the other aspects of soul life, what unfolds in the feeling soul is that which belongs to the eternal within the soul.
[ 22 ] Aber es gehört dem Ewigen ebenso an, dass die Empfindungsseele nur alles das eben enthält, was sich im Zeitlichen vom Ewigen anknüpft, sodass der Mensch unmittelbar als elementares Leben dieses Ewige auslebt. Wenn ich dieses weiter ausführen könnte, wozu aber viele Stunden notwendig wären, so würde es uns hinweisen darauf, wie gerade durch dieses Wechselgespräch und diese Wechselwirkungen zwischen der italienischen Volksseele und der einzelnen Seele als Empfindungsseele entstanden ist die große italienische Malerei, entstanden ist die Dichtung Dantes, der, sagen wir, ein Bild des Ewigen in seiner «Göttlichen Komödie» gegeben hat. Sie alle, diese Träger der italienischen Kultur, sie haben diese Dinge so gegeben, dass man sagen muss: Was sie gegeben haben, es ist das Ergebnis des Wechselspiels der Volksseele mit der Empfindungsseele des einzelnen Menschen, durch alles das, was mit der Empfindungsseele der einzelnen Seele zugänglich ist. Es werden diese Dinge noch näher charakterisiert werden, wenn wir zu anderen Völkerschaften übergehen und deren Eigenschaften mit den Eigenschaften des italienischen Volkes vergleichen können.
[ 22 ] But it is also a characteristic of the Eternal that the sentient soul contains only that which, in the temporal realm, is connected to the Eternal, so that human beings directly experience this Eternal as elemental life. If I could elaborate on this further—which, however, would require many hours—it would show us how, precisely through this dialogue and these interactions between the Italian national soul and the individual soul as the feeling soul, great Italian painting came into being, as did the poetry of Dante, who, let us say, presented an image of the Eternal in his *Divine Comedy*. All of them—these bearers of Italian culture—have presented these things in such a way that one must say: What they have given is the result of the interplay between the national soul and the feeling soul of the individual human being, through everything that is accessible to the feeling soul of the individual. These aspects will be characterized in greater detail when we turn to other peoples and are able to compare their characteristics with those of the Italian people.
[ 23 ] Nun ist aber etwas sehr Eigentümliches. Außer dem, dass diese allgemeinen Tatsachen geltend sind, die ich eben angeführt habe, müssen wir im Laufe der Zeitenentwicklung auch noch beachten, dass jedem Zeitalter, jeder Geschichtsepoche gewissermaßen zugeteilt ist als besondere Mission die Wirkung auf ein besonderes Seelenglied des Menschen. Man kann nicht sagen, dass immer zu allen Zeiten die Weisheit, die in der Weltenentwicklung waltet, so ist, dass die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele, die Bewusstseinsseele in gleicher Art und Weise wirken können. Es muss dasjenige, was aus der Menschenseele kommt, den Anforderungen in der Weltkultur entgegenkommen. Und nun zeigt sich durch eine tiefere Betrachtung des Geistigen der Entwicklung der neueren Völker und namentlich Europas, dass das Wirken der Empfindungsseele im Wesentlichen mit der Mitte oder dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts abgeschlossen war, dass daher die Größe eines Volkes, die auf der Empfindungsseele beruht, abgeschlossen sein muss mit dem sechzehnten Jahrhundert. Das erklärt wiederum, warum alles dasjenige, was seit jener Zeit innerhalb der italienischen Kultur bis heute sich gebildet hat, den Eindruck des Abgelebten macht, das kann ganz objektiv gesagt werden. Wenn wir unsere Seele erfrischen — und das ist ja für jeden von tiefer Befriedigung — an dem Wesen Südeuropas, wie es so viele Künstler, wie es Goethe und andere gemacht haben, so ist es an der Größe des italienischen Volksgeistes, die aber ihren Abschluss bilden musste im sechzehnten Jahrhundert; das andere sind alles Nachwirkungen, und es könnte leicht gezeigt werden, wie es in den Tiefen der geschichtlichen Impulse vorbereitet ist, dass dasjenige, was seither als italienische Größe geltend gemacht wird, so hohl und leer klingen muss. Diese Dinge können jetzt nur, wie gesagt, angedeutet werden.
[ 23 ] Now, however, there is something very peculiar. Aside from the fact that the general principles I have just mentioned apply, we must also take into account, in the course of the development of time, that every age, every historical epoch, is, so to speak, assigned a special mission: to influence a particular aspect of the human soul. One cannot say that, at all times, the wisdom governing the development of the world is such that the feeling soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul can all act in the same way. What arises from the human soul must meet the demands of world culture. And now, a deeper contemplation of the spiritual aspects of the development of modern peoples—and particularly of Europe—reveals that the activity of the feeling soul was essentially brought to a close by the middle or end of the sixteenth century; therefore, the greatness of a people based on the feeling soul must also have come to an end with the sixteenth century. This, in turn, explains why everything that has developed within Italian culture from that time until today gives the impression of being a thing of the past—and this can be stated quite objectively. When we refresh our souls—and this is, after all, a source of deep satisfaction for everyone—through the essence of Southern Europe, as so many artists, including Goethe and others, have done, it is through the greatness of the Italian national spirit, which, however, had to come to an end in the sixteenth century; the rest are all aftereffects, and it could easily be shown how it is foreshadowed in the depths of historical impulses that what has since been claimed as Italian greatness must sound so hollow and empty. These things can now, as I said, only be hinted at.
[ 24 ] Manches muss, weil es ja kurz angedeutet werden muss, etwas radikal ausgesprochen werden; allein, wenn man die Gedankengänge weiter verfolgt, die da vorgebracht werden, so wird man sehen, wie viel leichter sie hineindringen können in das Verständnis, das man ja suchen muss in der Gegenwart, das Verständnis über die Wechselverhältnisse der europäischen Völkerschaften miteinander.
[ 24 ] Some things must be stated rather radically, simply because they need to be briefly touched upon; however, if one follows the lines of thought presented here, one will see how much more easily they can penetrate the understanding that we must seek in the present—an understanding of the interrelationships among the European peoples.
[ 25 ] Wenn wir nun die französische Volksseele betrachten, so haben wir hier die wesentlichen Eigentümlichkeiten darin zu suchen, dass bei ihr stattfindet eine Wechselwirkung zwischen der ganz realen Volksseele und der Verstandes- oder Gemütsseele.
[ 25 ] If we now consider the French national soul, we must look for its essential characteristics in the interaction that takes place between the very real national soul and the intellectual or emotional soul.
[ 26 ] Und alles dasjenige, was jemals die französische Kultur geleistet hat, ist auf diese eigentümliche Wechselwirkung zwischen der Volksseele und der Verstandes- oder Gemütsseele der Einzelnen, die dem französischen Volke angehören, zu erklären. Daraus erklärt sich auch, dass das französische Volk vor allen Dingen veranlagt ist zum Kombinieren, zum Zusammenstellen von Tatsachen, dass es veranlagt ist, selbst tiefere Begriffe nur in einer für diese Welt bequemen Weise anzuwenden. Daraus erklärt sich, dass sich selbst in der Dichtung des französischen Volkes auch da, wo sie sich zur klassischen Höhe erhebt, immer noch das Bestreben zeigt — sagen wir im Drama zum Beispiel —, möglichst systematisch zu konstruieren, möglichst nach bestimmten Regeln vorzugehen, das ist die Eigentümlichkeit der Verstandesseele. Diese Verstandes- oder Gemütsseele, sie bringt dasjenige zur Offenbarung in der Seele, was sozusagen zur Hälfte weist nach dem Ewigen der Seele, was zur anderen Hälfte aber weist nach dem ganz vorübergehenden Zeitlichen, das die Seele nur in der physischen Welt, in Verbindung mit dem Leiblichen zwischen Geburt und Tod erlebt.
[ 26 ] And everything that French culture has ever achieved can be explained by this unique interaction between the national spirit and the intellectual or emotional spirit of the individuals who belong to the French people. This also explains why the French people are, above all, predisposed to combining and synthesizing facts, and why they are inclined to apply even the most profound concepts only in a way that is convenient for this world. This explains why, even in the literature of the French people—even where it rises to classical heights—there is still evident the striving—in drama, for example—to construct as systematically as possible, to proceed as much as possible according to specific rules; this is the distinctive characteristic of the intellectual soul. This intellectual or emotional soul brings to light within the soul that which, so to speak, points for half to the eternal aspect of the soul, but for the other half points to the entirely transitory, temporal aspect that the soul experiences only in the physical world, in connection with the bodily between birth and death.
[ 27 ] Man hat auch in der letzten Zeit in manchen psychologischen Gesellschaften wiederum einmal darüber nachgedacht, warum gerade der französische Geist so materialistisch angelegt ist, warum, sagen wir, selbst der größte Philosoph des französischen Volkes, Descartes — oder Cartesius — eine Philosophie ganz nach dem Vorbild der Mathematik aufgestellt hat. Das ist aus eben keinem anderen Grund heraus als aus diesem, dass die ganze Kultur des französischen Geistes herrührt von der Wechselwirkung zwischen der Volksseele und der Verstandes- oder Gemütsseele. Wie ist es uns Deutschen oftmals ganz eigentümlich, wenn wir versuchen, den Einklang herzustellen zwischen Sinn und Form in der Dichtung, wenn wir vor allen Dingen versuchen, den Inhalt so ausfließen zu lassen in die Form, dass der Inhalt sich seine Form schafft, wie ist es uns eigentümlich, wenn wir nun auf dasjenige hinblicken, das auch in Bezug auf die Kunstprodukte der Verstandes- oder Gemütsseele bei den Franzosen zu finden ist, wo es besonders darauf ankommt, vor allen Dingen in systematischer Weise Rhythmus und Reim aufzubauen. Mit einem ganz anderen Gefühl steht der Franzose dem Rhythmus und dem Reim gegenüber als wir Deutschen. Wir Deutschen sind durchaus imstande — und Goethe hat das durch manches Drama hindurch gezeigt —, reimlose Rhythmen zu machen. Die Franzosen, die gerade im besten Sinne französische Dichter sein wollen, die finden das ganz unmöglich. Alles das gerade, was das eigentümlich Charakteristische der französischen Dichtkunst ausmacht, was die Eigentümlichkeit französischer Charaktere ausmacht, das rührt von der eben angegebenen Wechselwirkung der französischen Volksseele mit der Verstandes- oder Gemütsseele der Einzelnen her.
[ 27 ] Recently, some psychological societies have once again been pondering why the French mind, in particular, is so materialistic in nature, and why, let us say, even the greatest philosopher of the French people, Descartes—or Cartesius—developed a philosophy modeled entirely on mathematics. This is for no other reason than that the entire culture of the French mind stems from the interaction between the national soul and the intellectual or emotional soul. How peculiar it often is to us Germans when we try to establish harmony between meaning and form in poetry, when we strive above all to let the content flow into the form in such a way that the content creates its own form—how peculiar it is to us, when we now turn our attention to what is also found in the artistic products of the intellectual or emotional soul among the French—where the primary concern is to construct rhythm and rhyme in a systematic manner. The French have a very different sensibility toward rhythm and rhyme than we Germans do. We Germans are perfectly capable—and Goethe has demonstrated this throughout many of his dramas—of creating rhythms without rhyme. The French, who wish to be French poets in the very best sense of the word, find this utterly impossible. Everything that constitutes the distinctive character of French poetry—and the distinctiveness of French characters—stems from the interaction, as just described, between the French national soul and the intellectual or emotional soul of the individual.
[ 28 ] Betrachten wir nun das englische Volk, dann finden wir, dass der einzelne Brite, der in seinem Volkstum seinen Zusammenhang sucht mit der Volksseele, vor allen Dingen einer Wechselwirkung unterliegt zwischen dieser Volksseele und der Bewusstseinsseele. Nun ist diese Bewusstseinsseele dasjenige, was zwar in Bezug auf den äußeren Menschen, in Bezug auf alles dasjenige, wie der Mensch im Verkehr mit der Sinneswelt ist, das höchstentwickelte Glied der Seele ist. Aber es ist zugleich dasjenige, was einzig und allein beschränkt ist auf die Welt, die wir durchmachen zwischen Geburt und Tod. Wir können sozusagen bis zu den erhabensten Äußerungen des britischen Geistes hinaufschauen, wir werden überall finden, dass seine Äußerungen kommen von der Wechselwirkung der britischen Volksseele mit der Bewusstseinsseele des einzelnen Briten, die sozusagen mit ihren besten Kräften in die physische Welt herein gerichtet ist.
[ 28 ] If we now consider the English people, we find that the individual Briton, who seeks his connection to the national soul in his national character, is subject above all to an interplay between this national soul and the soul of consciousness. Now, this soul of consciousness is, in relation to the outer human being—that is, in relation to everything concerning how the human being interacts with the sensory world—the most highly developed part of the soul. But it is also the part that is solely and exclusively limited to the world we experience between birth and death. We can, so to speak, look up to the most sublime expressions of the British spirit; everywhere we will find that these expressions arise from the interaction between the British national soul and the consciousness soul of the individual Briton, which is, so to speak, directed with its best powers toward the physical world.
[ 29 ] Es wird uns gerade auch diese Eigentümlichkeit des britischen Wesens besser vor Augen treten, wenn wir nun gleich erwähnen, welches die Eigentümlichkeit der Wechselwirkung der deutschen Volksseele mit der deutschen Einzelseele ist. Da zeigt sich — und wir werden das später durch einzelne Äußerungen des deutschen Wesens zu verstehen haben —, da zeigt sich, dass so, wie sich das Licht äußert in allen Farbennuancen, so, wie das RötlichGelbe, das Grüne, das Blauviolette alles Äußerungen des Lichtes sind, so ist die gesamte Seele die Äußerung des Selbstes, des Ich. Und dasjenige, was ausmacht des deutschen Volkes Substanz, das wurzelt ganz und gar im Ich, im Selbst. Und der Wechselverkehr zwischen dem, was wir die deutsche Volksseele nennen und den einzelnen Deutschen, insofern er innerhalb seines Volkstums steht, ist die Wechselwirkung zwischen der Volksseele und dem Ich. Daher jene Eigentümlichkeit der deutschen Seele, dass sie nicht einseitig auf die Offenbarungen der Empfindungsseele, der Verstandes- oder Gemütsseele oder der Bewusstseinsseele eingestellt ist, sondern dass sie sich äußert bald nach dieser, bald nach jener Seite; dass sie nach Allseitigkeit, nach dem Umfassenden strebt und dass sie zu gleicher Zeit nach der inneren Tiefe strebt, immer tiefer mit allen verschiedenen Nuancen des Seelenlebens lebendig erleben will. Man kann sagen: So wie das Ich, das Selbst, das Tiefste im Wesen des Menschen ist, und die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele, die Bewusstseinsseele seine Äußerungen sind, so ist es beim Deutschen so, insofern er seinem Volkstum angehört, dass in Bezug auf das Intimste seines Gemütes, in Bezug auf die Tiefen der Seele er, wenn er sich gerade zu dem Besten, was aus dem deutschen Wesen erfließen kann, erhebt, er ein Wechselgespräch hält mit seiner tiefsten Seele mit dem Geiste seines Volkes. Dadurch hat er auch ein Gefühl, manchmal nur einen Instinkt, aber auf den Höhen der Menschheit auch ein deutliches Bewusstsein von diesem Gegenüberstehen den Geistesmächten der Welt.
[ 29 ] This particular characteristic of the British nature will become even clearer to us if we now mention what the distinctive feature of the interaction between the German national soul and the individual German soul is. Here it becomes apparent—and we will come to understand this later through specific manifestations of the German essence—that just as light manifests itself in all shades of color, just as reddish-yellow, green, and blue-violet are all manifestations of light, so too is the entire soul the manifestation of the Self, of the “I.” And that which constitutes the substance of the German people is rooted entirely in the “I,” in the Self. And the interplay between what we call the German national soul and the individual Germans—insofar as it takes place within the context of their national character—is the interaction between the national soul and the “I.” Hence that peculiarity of the German soul: it is not one-sidedly attuned to the manifestations of the feeling soul, the intellectual or emotional soul, or the conscious soul, but rather expresses itself now in one direction, now in another; that it strives for comprehensiveness, for the all-encompassing, and that at the same time it strives for inner depth, seeking to experience all the various nuances of soul life more and more deeply. One might say: Just as the “I,” the Self, is the deepest aspect of the human being, and the soul of feeling, the soul of understanding or the soul of emotion, and the soul of consciousness are its expressions, so it is with the German, insofar as he belongs to his national heritage, that with regard to the most intimate aspects of his mind, with regard to the depths of the soul, when he rises to the very best that can flow from the German essence, he engages in a dialogue with his deepest soul—with the spirit of his people. Through this, he also has a feeling—sometimes merely an instinct, but at the heights of humanity also a clear awareness—of this encounter with the spiritual powers of the world.
[ 30 ] Wenn wir nun wieder zurückblicken auf die Eigentümlichkeiten des britischen Volkes, da zeigt sich uns — und ich möchte gleich ein Beispiel anführen, das Größe hat, denn kein Mensch wird mir zumuten, dass ich, etwa um zu verunglimpfen, Shakespeare anführen werde, und ich würde selbstverständlich wie jeden anderen mich für einen Tollen, einen Narren halten, wenn ich irgendwie auch nur im Geringsten die Größe Shakespeares anzweifeln wollte; selbstverständlich zähle ich Shakespeare zu den besten Dichtern der Welt —, aber etwas anderes ist die Eigentümlichkeit, aus den Fundamenten der Weltenwirksamkeit heraus zu erkennen, etwas anderes ist, Werturteile sich zu bilden.
[ 30 ] If we now look back at the peculiarities of the British people, it becomes clear to us—and I would like to cite an example right away that is truly great, for no one would expect me to quote, say, to disparage, —and of course, like anyone else, I would consider myself a madman, a fool, if I were to doubt Shakespeare’s greatness even in the slightest; naturally, I count Shakespeare among the world’s greatest poets—but it is one thing to recognize the peculiarity that arises from the very foundations of the world’s effectiveness, and quite another to form value judgments.
[ 31 ] Betrachten wir gleich eines der charakteristischsten Werke Shakespeares, das Werk, wo uns sozusagen Shakespeares Denken und Fühlen so ganz vor die Seele treten kann, betrachten wir seinen «Hamlet». Schauen wir uns an, wie uns in Hamlet wirkliche Weltenrätsel, Menschheitsrätsel vor die Seele geführt werden. «Sein oder Nicht-Sein, das ist hier die Frage.» Der Geist von Hamlets Vater erscheint, man möchte sagen, die Toten spielen in die Welt der Lebenden herein. Aber haben wir auf der einen Seite die Größe Shakespeares gerade darin zu erkennen, dass er imstande ist, in so wunderbar scharf umrissener Weise, in einer typischen und ganz individuellen Charakterisierung seine Menschen hinzustellen, das zeigt uns gerade, dass der Teil in seiner Seele groß ist, den man die Bewusstseinsseele nennt, der auf das ÄußerlichGeschichtliche hin gerichtet ist. Das, was von dem Menschen auf den zwei Beinen fest steht in der Welt und so sich offenbart durch den Menschen, das charakterisiert Shakespeare aus der Bewusstseinsseele heraus mit einer wunderbar scharfen Konturierung. Das ist das Eigentümliche, dass er einer der Größten geworden ist, dass er aus der Bewusstseinsseele heraus eine Welt, so wie sie vor uns steht, charakterisieren konnte. Das ist das Charakteristische.
[ 31 ] Let us now consider one of Shakespeare’s most characteristic works—the work in which, so to speak, Shakespeare’s thoughts and feelings can truly speak to our souls—namely, his *Hamlet*. Let us see how *Hamlet* presents us with the true mysteries of the world and of humanity. “To be or not to be, that is the question.” The ghost of Hamlet’s father appears—one might say that the dead play their part in the world of the living. But if, on the one hand, we recognize Shakespeare’s greatness precisely in his ability to portray his characters in such a wonderfully sharply defined manner—through typical yet entirely individual characterizations—this shows us precisely that the part of his soul known as the “conscious soul,” which is directed toward the external and historical, is vast. That which is firmly established in the world through the human being standing on two legs—and thus reveals itself through the human being—Shakespeare characterizes from the perspective of the consciousness soul with wonderfully sharp definition. This is what is unique about him: that he has become one of the greatest, that he was able to characterize the world as it stands before us from the perspective of the consciousness soul. That is what is characteristic of him.
[ 32 ] Aber schauen wir ihn gerade da an, wo er berühren will die Grenze, die über die sinnliche Welt hinüber in das Übersinnliche hineinführt. Er will sie berühren. Er will hinaus über diese Grenze. Hamlets Seele zeigt, wie es dem Menschen wird, der hinauswill über diese Grenze. Die Frage wird aufgerichtet: Sein oder Nichtsein? Auf das jenseitige Land wird hingeschaut, aber wie weit kommt Hamlet? Er kommt nur bis zur Schwelle, er blickt in jenes Land, aus dem noch kein Wanderer zurückgekehrt sei.
[ 32 ] But let us look at him precisely at the moment when he seeks to touch the boundary that leads beyond the sensory world and into the supersensory. He wants to touch it. He wants to go beyond this boundary. Hamlet’s soul reveals what happens to a person who wants to go beyond this boundary. The question is posed: To be or not to be? He gazes toward the land beyond, but how far does Hamlet get? He reaches only as far as the threshold; he gazes into that land from which no traveler has yet returned.
[ 33 ] Da haben wir die ganze Wirkungsweise der Bewusstseinsseele darin, dass der Dichter groß ist in der Charakterisierung dessen, was in der physischen Welt steht; aber die Unsicherheit befällt sogleich die Seele, wenn sie aus der physischen Welt herauswill. Gerade Shakespeare zeigt uns so recht, wie er auch aus der Wechselwirkung der Volksseele mit der Bewusstseinsseele hervorgegangen ist.
[ 33 ] Here we see the entire mode of operation of the soul of consciousness: the poet excels at characterizing what exists in the physical world; but uncertainty immediately overtakes the soul when it seeks to move beyond the physical world. Shakespeare, in particular, shows us so clearly how he, too, emerged from the interaction between the folk soul and the consciousness soul.
[ 34 ] Vergleichen wir nun hiermit eine Episode in dem größten Weltgedicht, das zugleich eben das größte deutsche Gedicht ist, die größte deutsche Geistesleistung ist, lassen wir jene Szene im zweiten Teil von Goethes «Faust» vor unsere Seele treten, wo auch das «Sein oder Nichtsein», die geistige Welt und die sinnlich-materielle Welt voll bedeutsam vor die menschliche Seele tritt. Mephisto steht da, er hat den Schlüssel zur geistigen Welt, allein er ist der Repräsentant der materialistischen Anschauung, er ist der Repräsenant derjenigen Wesen, die aus dem Geiste heraus nur das Materielle, das Vergängliche sehen. Den Schlüssel hat er, so wie die Naturwissenschaft den Schlüssel hat zu den höheren Geheimnissen, aber, wenn sie nur mit Materialismus angefüllt ist, nicht in diese Geheimnisse hineinkann. Goethe schildert Mephisto sogar, wie er sich zu den höheren Geheimnissen stellen muss. Und Mephisto richtet die Frage an Faust, die sich so nahe mit der Hamlet-Frage berührt: Du wirst ins Unbestimmte treten, du wirst ins Nichts kommen. Da wirft sich auf dasjenige, was im «Faust» als Geist geltend sein soll. Und Faust erwidert dem Mephisto: «In deinem Nichts hoff’ ich das All zu finden.»
[ 34 ] Let us now compare this with an episode from the greatest poem in the world, which is also the greatest German poem and the greatest achievement of the German spirit; let us bring to mind that scene in the second part of Goethe’s *Faust*, where “To be or not to be,” the spiritual world, and the sensory-material world all appear before the human soul with profound significance. Mephisto stands there; he holds the key to the spiritual world, yet he is the representative of the materialistic worldview; he is the representative of those beings who, from within the spirit, see only the material, the transitory. He has the key, just as natural science has the key to the higher mysteries; yet, if it is filled only with materialism, it cannot penetrate these mysteries. Goethe even describes to Mephisto how he must approach the higher mysteries. And Mephisto poses the question to Faust that is so closely related to the question in *Hamlet*: “You will step into the indeterminate; you will arrive at nothingness.” This challenges what is supposed to be the essence of the “spirit” in *Faust*. And Faust replies to Mephisto: “In your nothingness I hope to find the universe.”
[ 35 ] Sehen Sie, das ist die Antwort, die gegeben wird aus der Tiefe des Ich heraus, jenes Ich, das mit dem Weltgeist sich verbunden weiß, jenes Ich, das unmittelbar gestärkt ist dadurch, dass es das deutsche Ich ist, das die Wechselwirkung erlebt zwischen der Volksseele und dem, was als das Selbst in der Seele lebt. In die Einseitigkeit der Bewusstseinsseele kommt nur der Zweifel hinein, der Hamlet-Zweifel, eben dasjenige, was als das Tiefste wirklich erlebt wird. Da tritt die Gewissheit herein, die sich sagt: Weil ich das Göttliche, das durch die Welt wallt und west, in meinem eigenen Inneren erlebe, daher weiß ich, dass ich in deinem [Nichts] das All finden muss. Das ist das Bedeutsame, dass auch in der größten deutschen Geistesleistung gerade diese Natur des deutschen Wesens zum Ausdruck gekommen ist. Und dasjenige, was ich an dieser einen Faustszene erörtert habe, es geht ja, wie der Geist des Faust, durch den ganzen «Faust» hindurch. Das ist das Bedeutsame, dass an dieser Stelle zum Ausdruck kommt dieses Hereinwirken der Volksseele in die Tiefen des Gemütes durch alle Seelennuancen durch.
[ 35 ] You see, this is the answer that comes from the depths of the “I”—that “I” which knows itself to be connected to the World Spirit, that “I” which is directly strengthened by the fact that it is the German “I,” the one that experiences the interplay between the national soul and what lives in the soul as the “Self.” The only doubt that enters the one-sidedness of the conscious soul is the Hamlet-like doubt—precisely that which is truly experienced as the deepest reality. Then certainty steps in, saying to itself: Because I experience the divine, which surges and flows through the world, within my own inner being, I therefore know that I must find the universe in your [nothingness]. What is significant is that even in the greatest achievement of the German spirit, it is precisely this nature of the German essence that has found expression. And what I have discussed in this one scene from *Faust* runs, like the spirit of Faust, throughout the entire *Faust*. What is significant is that what is expressed here is this influence of the national soul penetrating into the depths of the mind through all the nuances of the soul.
[ 36 ] Das ist aber auch dasjenige, was von den anderen Europäern so schwer verstanden werden kann. Das ist dasjenige, was den anderen Europäern als ein Rätsel erscheint. Und Rätsel, die man nicht lösen kann, die schafft man sich am besten durch solche Mittel von der Seele, wie sie jetzt angewendet werden in den sophistischen und verleumderischen Deklamationen, welche von allen Seiten aus Hass gegenüber dem, was man nicht verstehen kann, heraus dem deutschen Volksgemüt entgegengebracht werden.
[ 36 ] But that is also what is so difficult for other Europeans to understand. That is what appears to other Europeans as a mystery. And mysteries that cannot be solved are best banished from the soul by the very means now being employed in the sophistical and slanderous tirades directed at the German national spirit from all sides, born of hatred toward that which cannot be understood.
[ 37 ] Aber aus diesem Zusammenwirken der Volksseele mit der einzelnen Seele des Menschen, insofern dieser Mensch in seinem Volkstum drinnensteht, folgt dasjenige, was ich nennen möchte die sich stets verjüngende Kraft des deutschen Geistes, der deutschen Volksseele. Denn dadurch, dass der Deutsche mit seinem innersten Wesen Umgang pflegt, Zwiesprache halten kann mit der Volksseele, dadurch nähert er sich immer wiederum dieser Volksseele. Und wenn irgendeine Kulturperiode abgelaufen ist, wenn eine Kulturperiode greisenhaft geworden ist und abstirbt, dann kommt eben immer wieder ein neues Zusammenwirken des deutschen Volksgemütes mit dem Volksgeist, eine Verjüngung des ganzen Wesens. Dadurch aber, durch dieses unmittelbare Umgehen mit der Volksseele, verjüngt das deutsche Wesen nicht nur das, was innerhalb des deutschen Geistes selbst lebt, sondern auch das, was in aller Welt als Geisteskultur auch in das deutsche Wesen hereinströmen muss.
[ 37 ] But from this interaction between the national soul and the individual human soul—insofar as that person is deeply rooted in their national identity—arises what I would like to call the ever-renewing power of the German spirit, the German national soul. For by cultivating a relationship with his innermost being and engaging in dialogue with the national soul, the German person continually draws closer to this national soul. And when a cultural period has run its course, when a cultural period has grown senile and is dying out, then a new interaction between the German national spirit and the national soul always arises—a rejuvenation of the entire being. Through this, however—through this direct engagement with the national soul—the German essence rejuvenates not only what lives within the German spirit itself, but also what, as spiritual culture throughout the world, must flow into the German essence as well.
[ 38 ] Sehen wir doch, wie in die alten abgelebten Kulturen am Ausgang der alten Zeiten das Christentum eingeströmt ist. Oh, man kann das beobachten, wie dieses Christentum alte Formen, greisenhafte Formen von Religionen annahm in der griechischen, in der römischen Volkheit. Wie da dasjenige, was griechische Philosophie war, wie ein Religiöses sich überlegte, hinüberlegte über dasjenige, was als ein lebendiger Impuls in die Menschheitsentwicklung hineingetragen wurde als die Tat des lebendigen Christus.
[ 38 ] Let us see how Christianity flowed into the old, dying cultures at the end of ancient times. Oh, one can observe how this Christianity took on old forms—senile forms—of religion among the Greek and Roman peoples. How what was Greek philosophy, as a religious concept, was superimposed upon what was carried into human development as a living impulse—the deed of the living Christ.
[ 39 ] Und dann sehen wir, wie das Christentum hineintritt in das sich selbst stets erfrischende und verjüngende Gemüt des deutschen Wesens. Man kann das an einzelnen Erscheinungen beobachten. Sehen wir zum Beispiel, wie im neunten Jahrhundert der «Heliand» geschrieben worden ist, eine deutsche Art, die Ereignisse von Palästina, die sich um den Christus Jesus gruppieren, darzustellen. Wenn wir diese sonderbare Dichtung des neunten Jahrhunderts auf uns wirken lassen, so zeigt sie uns vor allen Dingen die Eigentümlichkeit, dass hier aus deutschem Geiste heraus die Ereignisse um den Christus Jesus geschildert werden, der den Christus Jesus in sein eigenes Gemüt ganz aufgenommen hat, der eine Sehnsucht, ein Ideal darin sieht, in seinem eigenen Seelenleben so zu leben, dass die Kräfte des Christus dieses eigene Seelenleben durchziehen. Alles das, was deutsche Seele ist, soll durchchristet werden. Davon rührt es aber her, dass man, wenn man den «Heliand» liest und auf sich wirken lässt, das Gefühl hat: Das alles ist uns verwandt, es wird uns geschildert das Ewige des Christus so, dass es nicht so erscheint wie erneuernd, wie verjüngend eine alt gewordene Kultur, sondern dass es so erscheint, dass die Christuskraft selbst in ihrer jugendfrischen Leistung aufgeht und unmittelbar anwesend ist, sich selbst wie verjüngend.
[ 39 ] And then we see how Christianity enters into the ever-renewing and rejuvenating spirit of the German character. This can be observed in individual examples. Let us consider, for example, how the *Heliand* was written in the ninth century—a German way of depicting the events in Palestine centered on Jesus Christ. When we allow this peculiar work of ninth-century poetry to take effect upon us, it reveals to us above all the distinctive feature that here, from within the German spirit, the events surrounding Christ Jesus are depicted—a spirit that has fully absorbed Christ Jesus into its own soul, that sees in this a longing, an ideal: to live one’s own inner life in such a way that the powers of Christ permeate it. Everything that constitutes the German soul is to be permeated by Christ. But this is why, when one reads the *Heliand* and allows it to take effect, one has the feeling: All of this is familiar to us; the eternal nature of Christ is portrayed to us not as something that renews or rejuvenates a culture that has grown old, but rather as the Christ force itself, which blossoms in its youthful vigor and is immediately present, rejuvenating itself.
[ 40 ] Und sehen wir dann, wie zum Beispiel eine so tiefe Dichtung, die ja nicht unmittelbar auf deutschem Boden in ihrer ersten Gestalt entstanden ist, wie Parzifal — und noch andere könnte ich nennen —, wie solche Dichtungen ergriffen worden sind vom deutschen Wesen, wie sie vertieft worden sind, wie die äußerlich abenteuerliche Natur, wie sie früher um Parzifal war, uns dann auftritt bei Wolfram von Eschenbach und später bei anderen mit Bezug auf Parzifal, wie es uns entgegentritt, dass wir den Parzifal sehen als den Repräsentanten der strebenden Menschenseele überhaupt. Wir sehen in ihm etwas, was sich so darlebt, dass sein Streben im Innersten verbunden ist mit den Kräften in der Menschenseele, die da streben nach dem Höchsten, nach dem Wege zum Geistigen. Und sehen wir, wie zum Beispiel mittelalterliches religiöses Geistesleben gerade so unendlich tief erfasst wird von der Kraft dessen, was ich eben ausgeführt habe. Da sehen wir zum Beispiel bei dem Meister Eckhart, bei diesem tiefsinnigen deutschen Mystiker, wie er immerzu davon spricht, dass das Göttliche in der Seele selbst aufgehen muss, dass die Seele fühlen könne, wie der Gott in ihr lebt. Ja, dass alles dasjenige, was die Seele durchlebt als Denken, Fühlen und Wollen, sich so erleben lasse, wie wenn der Gott selber in ihr denke, fühle und wolle. Gott ganz in sich walten lassen, das wird das Ideal der deutschen Mystik, das Ideal des Meister Eckhart und anderer.
[ 40 ] And let us then see how, for example, such profound poetry—which, in its earliest form, did not originate directly on German soil, such as *Parzival* (and I could name others)— how such works of poetry have been embraced by the German spirit, how they have been deepened, how the outwardly adventurous nature that once surrounded *Parzifal* then appears to us in Wolfram von Eschenbach and later in others in reference to *Parzifal*, how it becomes evident to us that we see *Parzifal* as the representative of the striving human soul in general. We see in him something that lives in such a way that his striving is intimately connected with the forces within the human soul that strive toward the highest, toward the path to the spiritual. And we see, for example, how medieval religious spiritual life is so infinitely deeply permeated by the power of what I have just described. There we see, for example, in Meister Eckhart—this profound German mystic—how he constantly speaks of the divine having to arise within the soul itself, so that the soul may feel how God lives within it. Indeed, that everything the soul experiences—thinking, feeling, and willing—can be experienced as if God Himself were thinking, feeling, and willing within it. Allowing God to reign completely within oneself—this becomes the ideal of German mysticism, the ideal of Meister Eckhart and others.
[ 41 ] Und verfolgen wir dann den Gang gerade dieser geistigen Strömung, sagen wir bis hinauf zu dem urdeutschen Angelus Silesius, da finden wir zahlreiche Äußerungen bei ihm, die uns die gleiche Geistesart zeigen. Eine seiner Äußerungen, ich möchte sie jetzt nur vor Ihre Seele führen aus dem Grunde, weil sie so außerordentlich charakteristisch diese Geistesart zeigen kann. Das ist ein Spruch von Angelus Silesius:
[ 41 ] And if we then trace the course of this very spiritual current—let us say, all the way back to the proto-German Angelus Silesius—we find numerous statements in his writings that reveal the same spirit to us. One of his statements—I would like to bring it to your attention now precisely because it so extraordinarily characterizes this mindset. This is a saying by Angelus Silesius:
Ich sterb’ und leb’ auch nicht. Gott selber stirbt in mir,
Und was ich leben soll, lebt er auch für und für.
I am dying, yet I do not live. God Himself dies within me,
And what I am to live, He also lives forever and ever.
[ 42 ] Da haben wir einen unmittelbaren Beweis von dem intimen Zusammensein der einzelnen menschlichen Seele mit dem umfassenden Geiste der Welt. Und sehen wir darin nicht eine unendlich tiefe Unsterblichkeitsidee ausgeprägt, eine Unsterblichkeitsidee, die uns sozusagen in gigantischer Größe entgegentreten kann? Da sagt Angelus Silesius: Ich sterbe und lebe auch nicht, Gott selber stirbt in mir. Wenn aber Gott selber in mir stirbt, so heißt das: Das Ereignis des Todes erlebt der Gott, der in mir lebt; dann kann der Tod nur ein Schein sein, denn Gott kann nicht sterben in mir! Man sieht, dieser tiefe deutsche Mystiker ergreift selbst den Todesgedanken im Zusammenhang mit dem göttlichen, lebendigen Durchwalten der Welt, und er kommt zu der Gewissheit der Unsterblichkeit aus dem Erleben der göttlichen Welt in sich selbst. Das rührt davon her, dass der Deutsche nicht stehen bleiben kann bei einer alt gewordenen Erkenntnis, sondern dass er, wie das im «Faust» so großartig zum Ausdruck kommt, immer strebt nach den Quellen des Lebens. Und habe er auch alles, wie Faust selbst, studiert, er strebt über alles das hinaus, er strebt nach dem unmittelbaren Umgang mit dem Geiste der Welt. Denn das ist die eigentümliche Natur, das ist das Wesentliche, dass das Selbst die Wechselwirkung mit der Volksseele sucht im deutschen Geistesleben. Daher fühlt sich auch aus dieser Natur seines Wesens heraus das wahre deutsche Gemüt im Einklang mit den ewigen Kräften der Welt, die über den Tod hinaus liegen.
[ 42 ] Here we have direct proof of the intimate connection between the individual human soul and the all-encompassing spirit of the world. And do we not see in this the expression of an infinitely profound idea of immortality—an idea of immortality that can, so to speak, confront us on a gigantic scale? Angelus Silesius says: “I die and do not live; God Himself dies within me.” But if God Himself dies within me, this means that the event of death is experienced by the God who lives within me; then death can only be an illusion, for God cannot die within me! One sees that this profound German mystic himself grasps the idea of death in connection with the divine, living force that surges through the world, and he arrives at the certainty of immortality through the experience of the divine world within himself. This stems from the fact that the German cannot remain fixed on a notion that has grown outdated, but rather—as is so magnificently expressed in *Faust*—always strives toward the sources of life. And even if he has studied everything, like Faust himself, he strives beyond all that; he strives for direct communion with the spirit of the world. For this is the distinctive nature, this is the essence: that the self seeks interaction with the national soul in German intellectual life. Hence, by virtue of this very nature of its being, the true German spirit feels itself in harmony with the eternal forces of the world that lie beyond death.
[ 43 ] Daher finden wir solche tiefen Worte bei Jakob Böhme und später bei Fichte, bei beiden auf verschiedene Art, beide aber strebend nach einer Richtung hin, sie sagten: Derjenige, der aus den Tiefen der Menschenseele heraus das Wesen des Todes erfasst, der erfasst eigentlich dasjenige, was schon innerhalb der sterblichen Menschennatur unsterblich ist. Dasjenige, was wir durch den Tod tragen, das ist das Selbst, was wir in uns haben, schon während wir hier auf Erden zwischen Geburt und Tod leben. Als Höchstes sieht daher Jakob Böhme, und auch später Fichte in Jakob Böhmes Art, dasjenige an, gewahrzuwerden, was durch die Pforte des Todes geht, was als Ewiges im Menschen lebt, gewahr zu werden schon im irdischen Leben, damit das, was als das voll entwickelte Ewige erkannt werden kann, hindurchgetragen werden kann durch die Pforte des Todes, hinaus aus dem sterblichen Leib. Und da spricht in einer wunderbaren Weise Jakob Böhme das Wort, das so charakteristisch ist für die geschilderte Eigentümlichkeit des deutschen Volkswesens. Er sagt:
[ 43 ] That is why we find such profound words in Jakob Böhme and later in Fichte—expressed differently by each, yet both striving toward the same direction. They said: Whoever grasps the essence of death from the depths of the human soul actually grasps that which is already immortal within mortal human nature. That which we carry through death is the self that we possess within us even while we live here on earth between birth and death. Jakob Böhme, therefore—and later Fichte in the manner of Jakob Böhme—regards as the highest the act of becoming aware of what passes through the gate of death, of what lives as the eternal within the human being; of becoming aware of this already in earthly life, so that what can be recognized as the fully developed eternal may be carried through the gate of death, out of the mortal body. And here, in a wondrous way, Jakob Böhme utters the words that are so characteristic of the distinctive nature of the German people described above. He says:
Wer nicht stirbt, bevor er stirbt,
Der verdirbt, wenn er stirbt.
Whoever does not die before he dies,
Will perish when he dies.
[ 44 ] Ein tiefes Wort! Denn heißen soll es: Wer nicht vermag, sich zu verbinden während seines Lebens auf Erden im Leibe schon mit dem Unsterblichen, der kann nach dem Tode nicht in regelrechter Weise erreichen das Bewusstsein seiner Zusammengehörigkeit mit dem vom Leibe befreiten Geist.
[ 44 ] A profound statement! For it is said: Whoever is unable to connect with the immortal while still in the body during his life on earth cannot, after death, truly attain the awareness of his oneness with the spirit freed from the body.
Wer nicht stirbt, bevor er stirbt,
Der verdirbt, wenn er stirbt.
Whoever does not die before he dies,
Will perish when he dies.
[ 45 ] Ein Wort, das so ganz auf den Tiefen einer Seele heraus gesprochen ist, die da will ihre besten Kräfte dadurch entfalten, dass sie hereinweben lässt in ihre eigenen Tiefen dasjenige, was ihr Volksgeist, ihre Volksseele ihr geben will.
[ 45 ] A word spoken from the very depths of a soul that seeks to unfold its greatest potential by allowing what its national spirit and national soul wish to give it to weave its way into its own depths.
[ 46 ] In dieser Beziehung steht verständnislos, recht verständnislos gegenüber gerade dem, was die tiefste Eigenart der deutschen Volksseele ist, der russische Volksgeist — dieser russische Volksgeist, dessen charakteristische Eigentümlichkeit es ist, so sonderbar es vielleicht manchen erscheinen mag, aber es müssen, da ich eben vieles nur ganz kurz charakterisieren kann, manchmal radikale Worte gebraucht werden —, dieser russische Volksgeist, dessen Eigentümlichkeit gegenüber der westeuropäischen und vor allen Dingen der mitteleuropäischen Geisteskultur die Überhebung, der Hochmut ist. Wenn oftmals von einer Bescheidenheit des russischen Volksgeistes gesprochen wird, so beruht das gegenüber dem, was als das Charakteristische uns entgegentritt, auf einer vollständigen Verkennung gerade der innersten Impulse dieses russischen Volksgeistes. Konnte man bei dem italienischen Volke sehen, wie eine Wechselwirkung stattfindet zwischen der Volksseele und der Empfindungsseele des Einzelnen; konnte man bei dem französischen Volke sehen, wie eine Wechselwirkung stattfindet zwischen der Volksseele und der Verstandes- oder Gemütsseele; beim britischen Volke, wie eine Wechselwirkung besteht zwischen der Volksseele und der Bewusstseinsseele des Einzelnen; bei dem deutschen Wesen ein unmittelbares Erleben der Volksseele im Selbst des Einzelnen, so muss man sagen: Das russische Wesen, es lebt sich heute noch so dar, trotz aller Kräfte, die es in sich trägt, dass die russische Volksseele noch nicht den Weg gefunden hat zur einzelnen Seele. Daher kommt es, dass derjenige, der ganz drinnensteht im russischen Volkstum, als Philosoph drinnensteht oder als Künstler, dass der gar nicht jenes intime Zusammenleben kennt, das der Deutsche gerade durch die charakterisierten Eigenschaften im Innern seines Wesens sucht.
[ 46 ] In this regard, the Russian national spirit stands in utter bewilderment—utter bewilderment, in fact—toward precisely what constitutes the deepest characteristic of the German national soul—this Russian national spirit, whose defining trait is, strange as it may seem to some, but since I can only characterize many things very briefly, sometimes radical words must be used—this Russian national spirit, whose defining characteristic in contrast to Western European and, above all, Central European spiritual culture is arrogance, haughtiness. When people often speak of a modesty in the Russian national spirit, this is based—in light of what appears to us as its defining characteristic—on a complete misunderstanding of precisely the innermost impulses of this Russian national spirit. Whereas in the Italian people one could see how an interaction takes place between the national soul and the feeling soul of the individual; and with the French people, one could see how an interaction takes place between the national soul and the soul of the intellect or the emotional soul; with the British people, how an interaction exists between the national soul and the soul of consciousness in the individual; and with the German character, a direct experience of the national soul within the self of the individual—then one must say: The Russian nature, despite all the forces it possesses, still manifests itself today in such a way that the Russian national soul has not yet found its way to the individual soul. This is why those who are deeply immersed in Russian culture—whether as philosophers or as artists—are entirely unfamiliar with that intimate coexistence that the German seeks precisely through the characteristics inherent in the innermost core of his being.
[ 47 ] Der russische Mensch kennt gar nicht dieses Hereinfließen der Kräfte der Volksseele in die eigene Seele, in die Einzelseele. Der russische Mensch sieht in der Volksseele etwas, was über den einzelnen Seelen wie nebelhaft schwebt. Der russische Mensch, selbst ein so tiefer Philosoph wie Solowjow, der der größte philosophische Geist des russischen Volkes ist, er spricht nicht so, wie etwa der Deutsche spricht, indem er, dieser Deutsche sagt: Ich habe mein Vertrauen zu dem tiefsten Seelenkern, der in mir ist, er kann sich mit dem Göttlichen, das durch die Welt wallt und webt, verbinden. — Und so ist er gewiss des wahren, geistigen Menschheitsfortschrittes, weil er die Kraft fühlt in sich, durch die Gott in ihm waltet, die ihren Ausdruck findet in den großen Schöpfungen des deutschen Geistes.
[ 47 ] The Russian person is completely unaware of this inflow of the forces of the national soul into one’s own soul, into the individual soul. The Russian person sees in the national soul something that hovers like a mist above the individual souls. The Russian person—even a philosopher as profound as Soloviev, who is the greatest philosophical mind of the Russian people—does not speak as, say, a German does, for this German says: “I have faith in the deepest core of my soul; it can connect with the Divine that surges and weaves through the world.” — And so he is certain of true, spiritual human progress, because he feels within himself the power through which God reigns in him, a power that finds its expression in the great creations of the German spirit.
[ 48 ] Jenes Gespräch, das jeder Deutsche, der einfachste, ursprünglichste Deutsche instinktiv fühlt, es ist selbst einem philosophischen russischen Menschen im Grunde genommen ganz unbekannt. Und so sehen wir gerade bei dem hervorragendsten Geiste des russischen Volkes, des russischen Weltanschauungsstrebens, bei Solowjow, der im Jahre 1900 verstorben ist, wir sehen bei diesem großen Philosophen: Wenn wir seine Werke durchnehmen, dann muss man — verzeihen Sie den Ausdruck — wie aus seiner westeuropäischen Haut herausfahren, um sich hineinzuleben in dasjenige, was einem da entgegentritt. Es hat Größe — das soll nicht geleugnet werden, die Größe soll überall zugegeben werden, wo sie in der Welt da ist —, aber es hat Größe so, dass Solowjow, da, wo er zum Beispiel spricht von dem, was durch die russische Kultur geschehen soll, so spricht, dass der Impuls zu dem, was geschehen soll, wie aus Nebelhöhen als eine Speise gleichsam, als etwas, was durch Gnade heruntergespritzt werden soll zu einer bestimmten Zeit in die Taten des russischen Volkes kommen muss. Auf ein Wunder wartet er. Wenn Gott selbst aus jenseitigen Höhen hineinwirkt in die Menschen, dann werden die Menschen vorwärtskommen.
[ 48 ] That inner dialogue which every German—even the simplest, most unspoiled German—instinctively feels is, at its core, entirely unknown even to a philosophical Russian. And so we see, precisely in the most outstanding mind of the Russian people—the embodiment of the Russian quest for a worldview—in Solovyov, who died in 1900; we see in this great philosopher: When we work our way through his works, one must—forgive the expression—step out of one’s Western European skin, so to speak, in order to immerse oneself in what confronts one there. It possesses greatness—this should not be denied; greatness should be acknowledged wherever it exists in the world— but it is a greatness such that when Soloviev, for example, speaks of what is to come about through Russian culture, he speaks in such a way that the impulse toward what is to come must descend—as it were, from misty heights—like nourishment, as something to be poured down by grace at a specific time into the actions of the Russian people. He is waiting for a miracle. When God Himself works into people from otherworldly heights, then people will move forward.
[ 49 ] Der russische Mensch sieht den Volksgeist über den einzelnen Seelen; er sieht ihn nicht in die drei charakterisierten Seelenkräfte hineinwirken, geschweige denn, dass ihm wirklich aufgehen könnte jenes intime Erleben des Geistes in der einzelnen Seele selbst, was gerade das Charakteristische des mitteleuropäischen Volksstrebens ist. Daher finden wir auch bei dem großen Philosophen die Eigentümlichkeit, da die Volksseele nicht ergreift mit ihren Kräften weder die Empfindungsseele noch die Verstandes- oder Gemütsseele noch die Bewusstseinsseele —, wir finden bei Solowjow die Eigentümlichkeit, dass diese einzelnen Seelenkräfte bei ihm wirken. Wir sehen, wie sie nach Regeln, die wir in Mitteleuropa niemals als Logik, als innere Notwendigkeit empfinden können, die eine Idee, die eine Empfindung an die andere heranreihen. Wir sehen gleichsam wie in luftigen Höhen den von dem russischen Volke verehrten Volksgeist schweben. Und wir sehen: Da können die Seelen mit ihren chaotisch durcheinanderwirbelnden Seelenkräften tätig sein. Dass das gerade an einem der größten Geister der russischen Welt klargemacht werden kann, das ist das Eigentümliche.
[ 49 ] The Russian person perceives the national spirit as transcending individual souls; he does not see it at work within the three characterized soul forces, much less could he truly grasp that intimate experience of the spirit within the individual soul itself, which is precisely what characterizes the national striving of Central Europe. That is why we also find this peculiarity in the great philosopher—since the national soul, with its forces, does not encompass the soul of feeling, nor the soul of understanding or the soul of mood, nor the soul of consciousness—we find in Soloviev the peculiarity that these individual soul forces are at work in him. We see how, according to rules that we in Central Europe can never perceive as logic or as an inner necessity, they string one idea, one sensation, after another. We see, as it were, the national spirit revered by the Russian people soaring in lofty heights. And we see: there, the souls can be active with their chaotic, swirling soul forces. The fact that this can be made clear precisely in one of the greatest minds of the Russian world is what makes it so distinctive.
[ 50 ] Und immer wiederum muss man daran erinnern, wie zum Beispiel Lessing in seinem Testament ein bedeutsames Wort gesprochen hat. Oh, dieses Testament Lessings, das da heißt «Die Erziehung des Menschengeschlechts»! Er führt da aus, Lessing, wie die ganze Entwicklung der Menschheit ein großer Zusammenhang ist. Und eine Idee führt er aus, welche durch die Geisteswissenschaft zum Range einer wissenschaftlichen Wahrheit erhoben werden wird, die Idee von den wiederholten Erdenleben des Menschen. Es gibt heute ganz gescheite Leute, die sagen: Nun ja, Lessing hat Großes geschaffen, aber dann ist er alt geworden. Man braucht nicht so viel Wert auf das zu legen, dass er auf die Idee kam, dass die Seele immer wieder und wiederum hinüberträgt in eine spätere Epoche dasjenige, was von einer früheren Epoche in einer späteren Epoche fruchtbar gemacht werden kann. Aber Lessing war wahrhaftig nicht greisenhaft und alt geworden, schwachköpfig gleichsam geworden, wie die ganz gescheiten Leute sagen, wenn sie es auch nicht gerade in Bezug auf diese «Erziehung des Menschengeschlechts» sagen. Sondern Lessing hat gerade da im tiefsten Sinne das erfasst, was die Menschenseele erlebt, wenn sie das Walten des Weltengeistes in sich selbst als das Charakteristische ihres tiefsten Erlebens erfahren kann. Aus diesem Bewusstsein sprach Lessing wie ein Testament das gewichtige Wort: Ich fühle als Menschenseele durch deren eigenen Inhalt, durch deren eigene Wesenheit; auch ich wallte von Zeit zu Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Durch das, was ich bin, bin ich unsterblich. Und nun schließt er: «Ist denn nicht die ganze Ewigkeit mein?»
[ 50 ] And time and again, one must recall how, for example, Lessing spoke a significant word in his will. Oh, Lessing’s will—that is, *The Education of the Human Race*! In it, Lessing explains how the entire development of humanity forms a grand interconnected whole. And he expounds on an idea that spiritual science will elevate to the status of a scientific truth: the idea of the human being’s repeated earthly lives. There are quite intelligent people today who say: Well, Lessing achieved great things, but then he grew old. One need not attach so much importance to the fact that he came up with the idea that the soul carries over, again and again, into a later epoch that which can be made fruitful in a later epoch from an earlier one. But Lessing had truly not grown senile or old, had not become feeble-minded, so to speak, as these very intelligent people say—even if they do not say it specifically in reference to this *Education of the Human Race*. Rather, Lessing grasped, in the deepest sense, precisely what the human soul experiences when it can perceive the working of the World Spirit within itself as the defining feature of its deepest experience. From this awareness, Lessing spoke the weighty words like a testament: I feel as a human soul through its own content, through its own essence; I, too, flow from time to time, from eternity to eternity. Through what I am, I am immortal. And now he concludes: “Is not all eternity mine?”
[ 51 ] Da ist eine Geistauffassung, eine Kulturauffassung, die unmittelbar die Folge ist dieser stets verjüngenden Kraft der deutschen Volksseele.
[ 51 ] There is a conception of the spirit, a conception of culture, that is the direct result of this ever-rejuvenating power of the German national soul.
[ 52 ] Vergleichen wir damit den Glauben des bedeutsamen russischen Philosophen, den Glauben Solowjows, dass dasjenige, was der Mensch leisten kann, nur geleistet werden kann dadurch, dass ein Wunder dem russischen Menschen selber seine Mission gibt. Vergleicht man das, dann hat man alle Gründe, warum dasjenige, was russisches Wesen ist, so gar nicht verstehen kann dasjenige, was westeuropäisches, was mitteleuropäisches, besonders was deutsches Wesen ist. Und darin liegt der ganze Hochmut, die ganze Überhebung der russischen Intellektuellen begründet, dieser russischen Intellektuellen, die seit langer Zeit schon davon sprechen, wie dasjenige, was der Westen an Kultur geleistet habe, eigentlich faul ist, zum Untergang reif ist, und dass er abgelöst werden müsse von dem, was aus den Kräften des russischen Wesens heraus in die Weltkultur übergehen könne. Man hat das in den Zeiten, die nicht so kriegerisch durchwühlt waren wie unsere gegenwärtige, schicksalstragende Zeit nicht so berücksichtigt, aber das ist seit Langem immer schon der Grundton der russischen Intelligenz gewesen, dass die Kultur des Westens faul ist.
[ 52 ] Let us compare this with the belief of the eminent Russian philosopher, Soloviev, that what a human being is capable of achieving can only be accomplished when a miracle bestows a mission upon the Russian people themselves. If one compares this, one has every reason to understand why the Russian spirit is so utterly incapable of comprehending the Western European, the Central European, and especially the German spirit. And therein lies the root of all the arrogance, all the haughtiness of the Russian intellectuals—those Russian intellectuals who have long been speaking of how the cultural achievements of the West are in fact decayed, ripe for decline, and must be superseded by what can flow from the forces of the Russian spirit into world culture. In times that were not as ravaged by war as our present, fateful era, this was not given much consideration, but it has long been the underlying tone of the Russian intelligentsia that Western culture is decayed.
[ 53 ] Wir haben die verschiedensten Geister, Chomjakow, Katkow, Aksakow und so weiter, in dem russischen Geistesleben des neunzehnten Jahrhunderts auftreten sehen. Immer findet man bei ihnen wiederholt: Untergehen muss dasjenige, was westeuropäischer Intellektualismus ist. Einer dieser Geister hat sich sogar aufgeschwungen, zu sagen: In dieser westeuropäischen Kultur wurde durch die Kunstimpulse alles zu jenem menschlich-selbstsüchtigen, zu jenem egoistischen Individualismus geführt, der die Menschen auseinanderführt und der alles, was begründet werden soll, auf Gewalttätigkeit, auf Knechtschaft und Hass begründet.
[ 53 ] We have seen a wide variety of thinkers—Chomjakov, Katkov, Aksakov, and so on—emerge in nineteenth-century Russian intellectual life. A recurring theme among them is that Western European intellectualism must come to an end. One of these thinkers even went so far as to say: In this Western European culture, artistic impulses have led everything toward that self-centered, egoistic individualism that drives people apart and bases everything that is to be founded on violence, servitude, and hatred.
[ 54 ] Das sollen nach bedeutenden russischen Geistern des neunzehnten Jahrhunderts die Eigenschaften der westeuropäischen Kultur sein: «Gewalttätigkeit, Knechtschaft und Hass». Während nach denselben Geistern man die russische Kultur begründet haben soll auf «Freiheit, Eintracht und Liebe».
[ 54 ] According to prominent Russian thinkers of the nineteenth century, these are said to be the characteristics of Western European culture: “violence, servitude, and hatred.” Meanwhile, according to the same thinkers, Russian culture is said to be founded on “freedom, harmony, and love.”
[ 55 ] Nun, Solowjow war ein bedeutender Kopf, ein bedeutender Geist. Und gerade dadurch, dass er so bedeutend war, ist aus der Empfindung, die sich ihm bilden musste aus seinem intimen Zusammenhang mit dem russischen Wesen heraus, dasjenige entsprungen, dass er sagt: Die Volksseele schwebt noch über uns. Wir haben mit ihr noch keinen Zusammenhang in den einzelnen Seelen. Gott muss ein Wunder tun, muss herunterstrahlen auf uns dasjenige, was uns als Mission zukommen soll.
[ 55 ] Well, Soloviev was a great mind, a great spirit. And precisely because he was so great, the feeling that must have formed within him from his intimate connection with the Russian essence gave rise to his statement: “The soul of the people still hovers above us.” We have not yet established a connection with it within our individual souls. God must perform a miracle; He must shine down upon us that which is to be our mission.
[ 56 ] Aber davon war er überzeugt, dass es an dem russischen Volke liegt, dass die Welt erlöst werde, weil die westeuropäische Kultur an ihrem Tode angelangt sei, weil sie greisenhaft geworden sei. So sagt er, Solowjow, ferner: Vernichten wollen wir sie nicht, diese westeuropäische Kultur, sondern wir wollen sie heilen.
[ 56 ] But he was convinced that it was up to the Russian people to redeem the world, because Western European culture had reached its end, because it had grown senile. Soloviev goes on to say: “We do not want to destroy this Western European culture, but rather to heal it.”
[ 57 ] Man darf dasjenige, was jetzt gesagt worden ist über die russische Kultur, keineswegs nur als einen besonderen Impuls innerhalb der Geistigkeit des russischen Volkes ansehen. Denn gerade in Russland ist dasjenige, was erwähnt werden soll, überall zu den Symptomen zu zählen, die hervorquellen aus den Instinkten des Volkstums. Daher sehen wir bei Solowjow ebenso wie bei seinen slawophilen Vorgängern — wenn er sie auch bekämpft hat —, wir sehen bei ihnen allen einen Zusammenhang zwischen dem, was sie aus ihrem Hochmut heraus charakterisieren als die Sendung des russischen Volkes; wir sehen, wie sie da heraus den ganzen Gang der zukünftigen Politik ableiten. Wir sehen sie aus diesen Impulsen heraus fordern, dass Russland immer weiter und weiter gegen den Westen sich ausdehne, dass Konstantinopel eine russische Stadt werde, dass das Marmarameer ein russischer See werde und so weiter. Alles dasjenige, was wir heute erleben, alles dasjenige, was zugrunde liegt dem Angriffe, den auch politisch das russische Wesen gegen das mitteleuropäische, das deutsche Wesen unternimmt, alles das ist ganz durchsetzt in Bezug auf Empfindungen und Gefühle gerade bei den besten Russen von demjenigen, was eben charakterisiert worden ist, von der hochmütigen Überzeugung, dass Russland allein die europäische Kultur, überhaupt die Weltkultur retten könne.
[ 57 ] What has just been said about Russian culture should by no means be regarded merely as a particular impulse within the spiritual life of the Russian people. For in Russia, of all places, what is to be mentioned here must be counted among the symptoms that spring from the instincts of the people. Therefore, in Soloviev, just as in his Slavophile predecessors—even though he opposed them—we see in all of them a connection between what they, out of their arrogance, characterize as the mission of the Russian people; we see how they derive the entire course of future politics from this. We see them demanding, driven by these impulses, that Russia expand farther and farther toward the West, that Constantinople become a Russian city, that the Sea of Marmara become a Russian sea, and so on. Everything we are witnessing today, everything that underlies the attack—including the political one—that the Russian spirit is waging against the Central European, the German spirit—all of this is thoroughly permeated, in terms of sentiments and feelings, even among the finest Russians, by what has just been characterized: the arrogant conviction that Russia alone can save European culture, indeed world culture as a whole.
[ 58 ] Gerade [an] dem Gegensatz zwischen dem deutschen und dem russischen Wesen ist es möglich, [sich Verständnis zu erwerben] über dasjenige, was die bewegenden Kräfte unserer gegenwärtigen Weltkultur sind und in welche Kämpfe das deutsche Wesen hineinversponnen werden wird in der Zukunft, die ganz gewiss kommen wird.
[ 58 ] It is precisely [through] the contrast between the German and Russian natures that it is possible to [gain an understanding] of what the driving forces of our present-day world culture are and into what struggles the German nature will be entangled in the future, which will most certainly come.
[ 59 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, man kann da wiederum auf Goethes «Faust» hinweisen, wenn man gerade zeigen will, was hier die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele genannt wird, was als solche charakterisiert worden ist. sehen wir denn nicht Faust da stehen — Goethe hat diese Szene in den Siebzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts geschrieben, sie sind fast trivial geworden, die Worte, die man so oft gehört und die wohl jeder selber schon deklamiert hat —, wir sehen Faust dastehen, wie er alledem, was er aus den Kräften der Vergangenheit aufgenommen hat, entfliehen will, weil er sich unmittelbar verbinden will in seiner Seele mit dem lebendigen Wissen, wir hören seine Worte:
[ 59 ] Ladies and gentlemen, one can again refer to Goethe’s *Faust* when one wishes to illustrate what is here called the rejuvenating forces of the German national soul—what has been characterized as such. Do we not see Faust standing there—Goethe wrote this scene in the 1770s; the words have almost become trite, words we have heard so often and that everyone has probably recited themselves— we see Faust standing there, seeking to escape everything he has absorbed from the forces of the past, because he wants to connect directly in his soul with living knowledge; we hear his words:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh’ ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor!
Alas! I have now studied philosophy,
law, and medicine, and, unfortunately, theology as well. I have studied them all thoroughly, with great effort. And here I stand, poor fool that I am, just as wise as I was before!
[ 60 ] Das hat Goethe aus seinem eigenen Bewusstsein, aus demjenigen, was er selbst empfunden hat in den Siebzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts, hingeschrieben.
[ 60 ] Goethe wrote this based on his own experiences—on what he himself had felt in the 1770s.
[ 61 ] Dann ist gekommen etwas, was man im wahren Sinne des Wortes nennen kann «eine Verjüngung des deutschen Geistes» durch den deutschen Idealismus. Goethe selber hat, wie Faust, danach gestrebt, die Quellen des Lebens mit seinem Denken, Fühlen und Wollen in seine Seele aufzunehmen. Dann kam die große deutsche idealistische Philosophie, die gerade durch die Invasion der französischen und auch der russischen Weltanschauung zurückgedrängt worden ist, auch selbst in Mitteleuropa. Dann kam das, was man schon als eine Errungenschaft bezeichnen muss, dass durch diese Kämpfe wieder die Möglichkeit gebracht wurde, dass in weiteren Kreisen über die Größe dieses philosophischen Idealismus der Deutschen auch gesprochen wird.
[ 61 ] Then came what can be called, in the true sense of the word, “a rejuvenation of the German spirit” through German idealism. Goethe himself, like Faust, strove to absorb the sources of life into his soul through his thinking, feeling, and willing. Then came the great German idealist philosophy, which had been pushed back precisely by the invasion of the French and also the Russian worldviews, even in Central Europe itself. Then came what must already be described as an achievement: that through these struggles, the possibility was restored for the greatness of this German philosophical idealism to be discussed in wider circles.
[ 62 ] Da kamen sie, Fichte, Schelling, Hegel, welche versuchten, Juristerei und Medizin in einer verjüngten Weise vor das deutsche Volk hinzustellen. Und nicht nur Philosophen waren sie, denn Schelling hat geschrieben ein Jahrbuch für Medizin; Fichte hat eine Staatslehre geschrieben. Und Theologen wollten sie alle sein. Ungeheuer waren die deutschen Geisteskräfte, die aus dem Innern des deutschen Wesens hervorgequollen sind, nachdem Goethe diese Faust-Worte hingeschrieben hat.
[ 62 ] Then came Fichte, Schelling, and Hegel, who sought to present jurisprudence and medicine to the German people in a revitalized way. And they were not merely philosophers, for Schelling wrote a yearbook on medicine; Fichte wrote a treatise on political theory. And they all aspired to be theologians. The German intellectual powers that welled up from the very core of the German spirit were immense, after Goethe had written down these words from *Faust*.
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Alas! I have now studied philosophy,
law, and medicine,
and, unfortunately, theology as well,
with great effort.
So here I stand, poor fool that I am,
and I am just as wise as before!
[ 63 ] Aber nehmen wir nun an, Goethe hätte diese angeführten Worte des Faust nicht 1772, sondern erst 1840 ungefähr geschrieben, nachdem eine neue Philosophie, eine neue Jurisprudenz, eine neue Theologie durch die deutsche Seele gezogen war. Glauben Sie etwa, Goethe hätte [1840], wenn er da erst aus der Faust-Stimmung heraus den Anfang des «Faust» geschrieben hätte, er hätte da vielleicht die Worte so geschrieben:
[ 63 ] But let us now suppose that Goethe had written these words from *Faust* not in 1772, but only around 1840, after a new philosophy, a new jurisprudence, and a new theology had taken root in the German soul. Do you really think that Goethe, had he written the beginning of *Faust* in [1840]—only then emerging from the *Faust* mood—might have written the words like this:
Habe nun, Gott sei Dank,
studiert bei Fichte, Schelling, Hegel;
da steh ich nun, ich weiser Mann,
und brauche nicht mehr so dumm zu sein wie zuvor?
Thank God, I have now
studied Fichte, Schelling, and Hegel;
so here I stand, a wise man,
and no longer need to be as foolish as before?
[ 64 ] Ganz gewiss würde Goethe auch in den Vierzigerjahren, trotzdem all diese Größe durch die deutsche Kultur geflossen ist, gesagt haben:
[ 64 ] Even in the 1840s, despite all the greatness that had flowed through German culture, Goethe would certainly have said:
Habe nun, ach! Philosophie,
Jaristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Alas! I have now studied philosophy,
jurisprudence, and medicine,
and, alas, theology as well
with the utmost diligence.
And here I stand, poor fool that I am,
just as wise as I was before!
[ 65 ] Und wiederum würde, geradeso wie früher, Faust nach den Quellen des Lebens verlangt haben und bei dem lebendigen Geiste, der ihm erscheinen sollte, seine Zuflucht gesucht haben. Der Deutsche verlangt nicht nach alt gewordenem Wissen; jenes Wissen, das aus dem Innern der Seele geflossen ist, an die offenbare Außenwelt getreten ist, verlangt er immer wiederum. Er verlangt nach der verjüngenden Kraft des deutschen Geistes selber, wie sie in dem Wechselverhältnis zwischen der deutschen Volksseele und der deutschen Seele des einzelnen Menschen lebt.
[ 65 ] And once again, just as before, Faust would have yearned for the sources of life and sought refuge in the living spirit that was to appear to him. The German does not yearn for knowledge that has grown old; rather, he always yearns anew for that knowledge which has flowed from the innermost depths of the soul and emerged into the manifest outer world. He yearns for the rejuvenating power of the German spirit itself, as it lives in the interplay between the German national soul and the German soul of the individual.
[ 66 ] Das ist dasjenige, was man empfinden muss, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man diesen Grundcharakter des deutschen Wesens sich vor Augen führen will. Und man darf sagen: Es ist ja eigentlich auch empfunden worden, selbst von denen empfunden worden, die jetzt in den verschiedensten Sprachen das Verleumderischste und Hasserfüllteste und Giftigste gegen die Eigentümlichkeit des deutschen Wesens zu sagen sich erkühnen.
[ 66 ] This is what one must feel, my esteemed audience, if one wishes to keep this fundamental character of the German spirit in mind. And one may say: It has, in fact, been felt—even by those who now dare to utter the most slanderous, hateful, and venomous remarks against the distinctiveness of the German spirit in a wide variety of languages.
[ 67 ] Sehen wir zum Beispiel einmal nach dem Westen hinüber. sehr merkwürdig: Wenn wir zunächst nach dem weiten Westen hinübergehen, da finden wir einen ausgezeichneten Geist des neunzehnten Jahrhunderts, Ralph Waldo Emerson. Emerson nennt, wie es einem englisch schreibenden Schriftsteller natürlich ist, die Engländer das erste Volk der Welt. Doch an zahlreichen Stellen seiner Schriften zeigt er uns, dass er die Deutschen höher schätzt als die Engländer. Und gerade einiges, was Emerson geschrieben hat, dürfen wir uns heute — weil es uns ja unangenehm sein würde, eine Charakteristik des eigenen Wesens mit eigenen Worten zu geben —, wir dürfen uns einiges von dem, was dieser englisch schreibende Schriftsteller sagt, vor die Seele führen. Da hat Emerson, gerade indem er etwas empfand von der verjüngenden Kraft der deutschen Volksseele, gesagt über Goethe:
[ 67 ] Let’s look, for example, to the West. It’s very curious: when we first turn our gaze to the far West, we find an outstanding figure of the nineteenth century, Ralph Waldo Emerson. Emerson, as is natural for an English-writing author, calls the English the foremost people in the world. Yet in numerous passages of his writings, he shows us that he holds the Germans in higher esteem than the English. And there are certain things that Emerson has written which we may take to heart today—since it would, after all, be uncomfortable for us to characterize our own nature in our own words—we may take to heart some of what this English-writing author says. It was precisely because Emerson sensed something of the rejuvenating power of the German national spirit that he said of Goethe:
Eine [Eigenschaft] vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung:
One [quality] in particular, which Goethe shares with his entire nation, makes him an outstanding figure in the eyes of both French and English audiences:
[ 68 ] — wohlgemerkt im neunzehnten Jahrhundert in englischer Sprache gesprochen —,
[ 68 ] — spoken in English, mind you, in the nineteenth century —,
dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert.
that everything for him is based solely on inner truth.
[ 69 ] Nun, da möchte ich doch sagen: Was will man mehr? Da hört man in englischer Sprache, dass Goethe der Repräsentant des Deutschtums ist, dass er etwas zum Ausdruck bringt, was er mit der ganzen Nation gemeinsam hat: «dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert».
[ 69 ] Well, I’d like to say: What more could one want? Here one hears, in English, that Goethe is the representative of Germanness, that he expresses something he shares with the entire nation: “that everything in him is based solely on inner truth.”
In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei, wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden. Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit. Allein, was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: «Wo will das hin? Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden, wohlan: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? — Woher hat er all diese Gedanken?
Die Engländer [...] sehen nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.
Die Deutschen denken für Europa.
Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht.
In England and America, talent is respected, but people are satisfied only when it works for or against a party in line with their convictions. In France, people are delighted simply to see brilliant ideas, no matter where they lead. In all these countries, however, talented men write to the best of their ability. If what they present stimulates the discerning reader and contains nothing that offends good taste, it is considered sufficient. So many columns, so many hours spent pleasantly and usefully. The German spirit possesses neither the French vivacity nor the English understanding, which is sharply focused on practical matters, nor, finally, the American spirit of adventure. Yet what it does possess is a certain integrity that never stops at the outward appearance of things, but always returns to the central question: “Where is this leading?” The German public demands that a writer rise above things and simply express his views on them. Intellectual vivacity is present—very well: What does it stand for? What is the man’s opinion? Where from? — Where does he get all these thoughts?
The English [...] see only the particular; they do not know how to conceive of humanity as a whole according to higher laws.
The Germans think for Europe.
The English do not fathom the depth of the German genius.
[ 70 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, durch die ganze Art dieser Darstellung geht ja das hervor, was ich ihnen heute aus der Geisteswissenschaft heraus zu charakterisieren versuchte. Emerson fühlt etwas von diesem intimen Umgang des Selbstes des einzelnen Deutschen mit dem, was durch die Welt als der Geist der Wahrheit geht, als ein Ideal schwebt das in der Tat der deutschen Entwicklung vor. Das hat auch Emerson gefühlt, indem er die folgenden Worte sagt:
[ 70 ] Ladies and gentlemen, the very nature of this presentation reveals what I have attempted to characterize for you today from the perspective of spiritual science. Emerson senses something of this intimate relationship between the self of the individual German and that which passes through the world as the Spirit of Truth—an ideal that indeed hovers before German development. Emerson also sensed this when he spoke the following words:
Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansch’n und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe, das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im ‚Auge dabei, das noch besser ist. [...] Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.
For this reason, the terms of distinction commonly used in high-level conversation are all of German origin. While the English and French—who are celebrated for their acumen and erudition—view their studies and their perspective with a certain superficiality, and their personal character is not deeply connected to what they have grasped and the way they express themselves is not deeply connected; Goethe, the head and the essence of the German nation, speaks not because he has talent, but because truth concentrates its rays in his soul and shines forth from it. He is wise to the highest degree, even if his wisdom is often veiled by his talent. How excellent is what he says; yet he has something in mind that is even better. [...] He possesses that awe-inspiring independence that springs from communion with the truth.
[ 71 ] Aus vielen Hassesworten, die wir heute zu hören haben, meine sehr verehrte Anwesenden, kann man, wenn man für solche Töne Empfindung hat, dasjenige heraushören, was Emerson nennt «die furchterweckende Unabhängigkeit, die aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt». Jene Unabhängigkeit, die so unerträglich ist denjenigen, die kein Verständnis für solche Dinge aufbringen können. Man braucht wahrhaftig nicht chauvinistisch zu werden, um diese Dinge auszusprechen. Sie ergeben sich nicht bloß objektiv dem Betrachter, der mitten drinnensteht im geistigen Wesen, sie ergeben sich auch demjenigen, der sich erheben kann über die Eigentümlichkeiten seiner Nation.
[ 71 ] From the many hateful words we hear today, my esteemed audience, one can discern—if one is sensitive to such tones—what Emerson calls “the terrifying independence that springs from communion with the truth.” That independence is so unbearable to those who cannot muster any understanding for such things. One truly need not become chauvinistic to speak these truths. They reveal themselves not only objectively to the observer who stands at the very heart of the intellectual essence, but also to those who can rise above the peculiarities of their own nation.
[ 72 ] Aber auch an anderer Stelle hat man solches Empfinden, und ich möchte, um einigermaßen zu illustrieren dasjenige, was ich aus geisteswissenschaftlichen Forschungen heraus erörtert habe, auch noch Folgendes vorbringen: Sie wissen ja vielleicht, dass einer derjenigen, die am brutalsten hasserfüllte, giftige Worte gegen die deutschen «Barbaren» gesprochen haben, der belgisch-französische Dichter Maeterlinck ist, Maeterlinck, der ja selbst so viel Anerkennung innerhalb des deutschen Wesens gefunden hat. Man möchte aufmerksam machen auf einen eigentümlichen Landsmann von Maeterlinck. Und von diesem Landsmann möchte ich Ihnen in aller Kürze ein klein wenig erzählen. Also um einen Landsmann von Maeterlinck handelt es sich, auch um einen belgisch-französischen Dichter. Bei der Gelegenheit, wo er spricht über den Einfluss, den ein urdeutscher Geist, eine urdeutsche Seele auf ihn gemacht hat, wo er spricht über den Einfluss, den Novalis auf ihn hatte, da sagt dieser belgisch-französische Dichter eigentümliche, bedeutsame Worte. Es ist ja schon einige Zeit her, aber es ist doch charakteristisch, wie sich ein Belgier, der französisch schreibt, ausspricht darüber, was ihm die Seele des Novalis geworden ist. Dieser Belgier sagt: Ist denn nicht Novalis aus seiner deutschen Eigenart heraus ein Geist, der etwas geschaffen hat, was man gar nicht einmal aussprechen kann, was sich gar nicht auf das Irdische beschränkt!
[ 72 ] But this sentiment is also evident elsewhere, and in order to illustrate to some extent what I have discussed based on research in the humanities, I would also like to add the following: You may know that one of those who spoke the most brutally hateful, venomous words against the German “barbarians” is the Belgian-French poet Maeterlinck—Maeterlinck, who himself found so much recognition within the German spirit. I would like to draw your attention to a peculiar compatriot of Maeterlinck’s. And I would like to tell you very briefly a little bit about this compatriot. So, this is a compatriot of Maeterlinck’s, also a Belgian-French poet. On the occasion when he speaks of the influence that a quintessentially German spirit, a quintessentially German soul, has had on him—when he speaks of the influence Novalis had on him—this Belgian-French poet utters peculiar yet significant words. It has been some time now, but it is nonetheless characteristic how a Belgian who writes in French expresses himself about what Novalis’s soul has come to mean to him. This Belgian says: “Is Novalis not, by virtue of his German character, a spirit who has created something that cannot even be put into words, something that is by no means limited to the earthly realm!”
[ 73 ] Und da denkt dieser belgische Schriftsteller sich etwas Besonderes aus, um den rein geistigen Einfluss, den tiefen Eindruck, den Novalis auf ihn macht, zu schildern. Er denkt sich aus und sagt: Wenn man Schiller, wenn man Shakespeare liest, da findet man alles das, was da dichterisch bei Schiller und bei Shakespeare dargestellt ist, es hat Interesse nur für dasjenige, was von Erdenmenschen erlebt wird. Will man aber das charakterisieren, was die Seele des Novalis geschrieben hat, da müsste man annehmen, dass Geister aus den geistigen Höhen, Geister anderer Planeten sich dafür interessieren würden. Was Schiller und was Shakespeare gesagt haben, das habe nur Interesse für Erdenmenschen; was Novalis geschrieben habe, das müsse auch Engel interessieren, das müsse auch Wesen interessieren, die niemals von der Erde gehört haben. So bedeutsam, so tief hänge das, was Novalis geschrieben hat, zusammen mit den geistigen Kräften der deutschen Volksseele. Sehr eigentümlich charakterisiert er die Art des Einflusses, den der Urdeutsche, Novalis, auf ihn gemacht hat, und er sagt:
[ 73 ] And so this Belgian writer comes up with something special to describe the purely intellectual influence—the profound impression—that Novalis makes on him. He comes up with this idea and says: When one reads Schiller, when one reads Shakespeare, one finds that everything depicted poetically by Schiller and Shakespeare is of interest only to what is experienced by earthly human beings. But if one were to characterize what the soul of Novalis has written, one would have to assume that spirits from the spiritual heights, spirits from other planets, would take an interest in it. What Schiller and Shakespeare said is of interest only to earthly human beings; what Novalis wrote, however, must also interest angels, and it must also interest beings who have never even heard of Earth. That is how significant, how deeply connected what Novalis wrote is to the spiritual forces of the German national soul. He characterizes in a very peculiar way the nature of the influence that Novalis, the “original German,” had on him, and he says:
Wenn er aber anderer Beweise bedürfte, so würde sie ihn unter die führen, deren Werke fast ans Schweigen rühren. Sie würde die Pforte des Reiches öffnen, wo einige sie um ihrer selbst willen liebten, ohne sich um die kleinen Gebärden ihres Körpers zu bekümmern. Sie würden zusammen auf die einsamen Hochflächen steigen, wo das Bewusstsein sich [um eine Stufe erhebt] und wo alle, welche die Unruhe über sich selbst [erfüllt], aufmerksam den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt mit unseren höheren Welten verknüpft. Sie würde mit ihm zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, wo der Mensch zu enden scheint, fängt er wahrscheinlich [erst] an, und seine wesentlichsten und unerschöpflichsten Teile befinden sich [nur] im Unsichtbaren, wo er unaufhörlich auf seiner Hut sein muss. Auf diesen Höhen allein gibt es Gedanken, welche die Seele billigen kann, und Vorstellungen, [die ihr ähneln und die] so gebieterisch sind wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde im Geisterreiche ankündigen. Ihr Widerschein hat fürwahr die Farbe unserer Seele. Wir empfinden, dass die Leidenschaften des Geistes und des Körpers in den Augen einer [fremden] Vernunft Klagen von Glocken gleichen würden; aber [die Menschen, von denen ich rede, sind in ihren Werken] aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht zu der irdischen Gemeinde [zählen].
But if he needed further proof, she would lead him to those whose works border on silence. She would open the gate to the realm where some loved her for her own sake, without concerning themselves with the subtle gestures of her body. Together they would ascend to the lonely plateaus, where consciousness [rises to a higher level] and where all those [filled with] restlessness about themselves attentively survey the immense ring that links the phenomenal world with our higher worlds. She would go with him to the boundaries of humanity; for at the point where man seems to end, he probably [only] begins, and his most essential and inexhaustible parts are [only] found in the invisible realm, where he must be constantly on guard. Only at these heights are there thoughts that the soul can approve of, and ideas [that resemble it and are] as commanding as the soul itself. There, humanity reigned for a moment, and these dimly lit peaks are perhaps the only lights that herald the Earth in the spiritual realm. Their reflection truly bears the color of our soul. We sense that the passions of the mind and the body would seem like the tolling of bells in the eyes of a [strange] reason; but [the people of whom I speak have, in their works] emerged from the small village of the passions and have spoken words that are of value even to those who do not belong to the earthly community.
[ 74 ] So fühlt sich dieser französisch schreibende Belgier von Novalis beeindruckt. So fühlt er den Zauberhauch des deutschen Geistes, insofern er aus Novalis strömt zu ihm. Müsste man nicht eigentlich glauben, wenn dieser Belgier gehört hat, was Maeterlinck — sein Landsmann — nach dem Ausbruch des Krieges über den deutschen «Barbarismus» gesprochen hat, müsste man nicht glauben, dass dieser Belgier gesagt hätte: Ach, diese unnützen Schreier, welche nur zu Phrasen ihre Zuflucht nehmen, sie sollten schweigen, wenn es sich um Angelegenheiten des Geistes handelt!
[ 74 ] This French-writing Belgian feels impressed by Novalis. He senses the magical breath of the German spirit as it flows from Novalis to him. Wouldn’t one actually think—if this Belgian had heard what Maeterlinck, his compatriot, said about German “barbarism” after the outbreak of the war—wouldn’t one think that this Belgian would have said: “Oh, these useless loudmouths who take refuge only in empty phrases—they should keep quiet when it comes to matters of the spirit!”
In Wahrheit ist es schwer, seine Seele zu befragen und ihre schwache Kinderstimme inmitten der unnützen Schreier zu vernehmen, die sie umgeben.
In truth, it is difficult to listen to one’s soul and hear its faint, childlike voice amid the useless clamor that surrounds it.
[ 75 ] Ja nun, meine sehr verehrten Anwesenden, der französisch schreibende Belgier, den ich hier zitiert habe, hat das schon gesprochen, aber ich habe sie etwas mystifiziert. Das ist nämlich derselbe, der das gesagt hat, was ich vorgelesen habe, über Novalis; das ist Maeterlinck selbst. Nur hat er so in den gesunden Tagen seiner Seele gesprochen. Man kann nur glauben, wenn man das liest, dass es eine ganz andere Persönlichkeit gesagt habe. Das ist aus denjenigen geworden, die doch einmal auch etwas gefühlt haben von dem Zauberhauch der deutschen Seele. Maeterlinck selbst hat über Novalis so geschrieben.
[ 75 ] Well then, my esteemed audience, the French-writing Belgian whom I have quoted here did indeed say that, but I have misled you a bit. For it is, in fact, the very same person who said what I just read aloud about Novalis; it is Maeterlinck himself. Only he spoke that way during the healthy days of his soul. When one reads this, one can only believe that it was said by a completely different person. This is what has become of those who once felt something of the magical breath of the German soul. Maeterlinck himself wrote this about Novalis.
[ 76 ] Daraus können wir sehen, was alles notwendig sein wird gegenüber der Verkennung der Ureigenheit der deutschen Seele, diese deutsche Seele mit den Waffen, die wir ihr selbst entnehmen müssen als ihr angehörig, zu verteidigen. Und diese Verteidigung wird wahrhaftig immer mehr und mehr notwendig werden. Was hilft es denn alles, dass diese deutsche Seele, indem sie auch in die äußere Kultur sich eingelebt hat, schon verstanden worden ist! Dasjenige, was sie trennt von denen, die ihre Feinde geworden sind, das wird viel lauter und immer lauter sprechen, wenn es nicht vom deutschen Wesen selbst verteidigt wird. Und dasjenige, was wir heute vernehmen, man wird sich schon überzeugen müssen, wie [das, was wir gehört haben] es in gewisser Beziehung gerade mit Bezug auf die tieferen Strömungen des Menschenlebens nur ein Anfang ist.
[ 76 ] From this we can see what will be necessary in the face of the misunderstanding of the German soul’s essential nature: to defend this German soul with the weapons that we ourselves must draw from it as belonging to it. And this defense will truly become more and more necessary. What good does it do, after all, that this German soul—having become acclimated to external culture—has already been understood! That which separates it from those who have become its enemies will speak much louder and ever louder if it is not defended by the German essence itself. And as for what we hear today—one will have to come to realize that [what we have heard] is, in a certain sense, merely a beginning, particularly with regard to the deeper currents of human life.
[ 77 ] Ein Beispiel möchte ich noch anführen. Ganz kurz vor dem Ausbruch dieses Krieges hat eine Engländerin ein Buch geschrieben über Deutschland. Ja, sehen Sie, eine Engländerin, die sich dadurch unterscheidet von vielen ihrer Landesgenossen, dass sie das deutsche Wesen wirklich kennengelernt hat. Denn sie war acht Jahre in Deutschland. Sie hat kennengelernt Universitäten, Kliniken, Krankenanstalten, Erziehungsanstalten, alles Mögliche. Aber sie hat auch kennengelernt das deutsche Wesen, wie es als ein Ausfluss der deutschen Seele ja doch in jeder Seele liegen muss, wenn es sich auch im gewöhnlichen Leben maskiert und verbirgt. Es ist das Buch kurz vor dem Kriege geschrieben. Wie gesagt, nicht in Berlin, nicht in Köln oder Leipzig, sondern in England und in englischer Sprache ist das Folgende über Deutschland gesagt worden:
[ 77 ] I’d like to cite one more example. Very shortly before the outbreak of this war, an Englishwoman wrote a book about Germany. Yes, you see, an Englishwoman who differs from many of her compatriots in that she has truly come to know the German character. For she spent eight years in Germany. She got to know universities, clinics, hospitals, educational institutions—all sorts of things. But she also came to know the German character—which, as an outflow of the German soul, must surely lie within every soul, even if it is masked and concealed in everyday life. The book was written shortly before the war. As I said, not in Berlin, not in Cologne or Leipzig, but in England and in the English language, the following was said about Germany:
Wir lesen viel [...] vom neuen Deutschland und seinem neu‚en Geiste. Aber es gibt kein neues Deutschland und keinen neuen Geist. Das Bestehende ist das gereifte Werk der Generationen, das von jeher war. Geblendet durch den plötzlichen Glanz von Deutschlands Wohlstand sind wir geneigt, zu vergessen, dass es selten, außer eben an Wohlstand, einen anderen als einen der allervordersten Plätze unter den Nationen eingenommen hat. In Religion und Philosophie hat Deutschland geleuchtet zu einer Zeit, wo ringsum alles dunkel war; in der Literatur hat es einen epochemachenden Impuls gegeben; in der Musik hat es von jeher dominiert. [...]
We read a great deal [...] about the new Germany and its “new spirit.” But there is no new Germany and no new spirit. What exists is the matured work of generations, which has always been there. Blinded by the sudden splendor of Germany’s prosperity, we are inclined to forget that, except in prosperity, it has rarely occupied anything other than one of the very foremost places among the nations. In religion and philosophy, Germany shone at a time when everything around it was dark; in literature, it provided an epoch-making impulse; in music, it has always dominated. [...]
[ 78 ] Deutsche Literatur, deutsche Religion, deutsche Philosophie sind uns Bücher mit sieben Siegeln. Was wir wissen, ist, wie viele Dreadnaughts Deutschland besitzt, und um wie viel sein Handel gestiegen ist. Was wirklich wichtig ist, ist nicht der Dreadnaught, sondern das Hirn seines Erbauers, Mut und Begabung seines Kommandeurs. Was wirklich wichtig ist, ist nicht das Mehr an Umsatz, sondern die menschlichen Eigenschaften, die es veranlassten. [...]
[ 78 ] German literature, German religion, and German philosophy are a complete mystery to us. What we do know is how many dreadnoughts Germany possesses and by how much its trade has increased. What is truly important is not the dreadnought, but the mind of its builder and the courage and talent of its commander. What is truly important is not the increase in sales, but the human qualities that brought it about. [...]
[ 79 ] Vor vierzig Jahren kämpfte Deutschland um seine Existenz, und es kämpft noch heute darum. Es ist völlig falsch, zu glauben, Deutschland [sei] schon auf seinem Höhepunkt. Es kämpft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mächtige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Generationen gewonnen wurde. [...]
[ 79 ] Forty years ago, Germany was fighting for its very existence, and it continues to do so today. It is completely wrong to believe that Germany has already reached its peak. It is waging a quiet but determined struggle against powerful rivals whose power and experience were established generations ago. [...]
[ 80 ] An jeder Grenze und über dem Wasser sitzen die Gegner, kommerziell und politisch und warten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig nachlässt, um darüber herzufallen und es unterzukriegen. Deutschland weiß das [auch] ganz genau.
[ 80 ] At every border and across the water, Germany’s adversaries—both commercial and political—sit in wait, eagerly anticipating the moment when Germany shows even the slightest sign of weakness so they can pounce and bring it down. Germany knows this [as well] all too well.
[ 81 ] Es könnte gut sein, wenn auch [auf solche, von denen gehört würde], die jetzt über die Ursache des Krieges nachdenken, wenn auch auf solche gehört würde, die sagen, was an Stimmung innerhalb Deutschlands sein müsste gegenüber denjenigen, die da lauerten in der Zeit, die diesem Kriege vorangegangen ist.
[ 81 ] It might well be—if only [those whose views are heard] were to reflect on the cause of the war, and if only those were heard who speak of what the mood within Germany must have been toward those who were lying in wait during the period leading up to this war.
[ 82 ] Und wenn wir fragen, meine sehr verehrten Anwesenden: Wie versteht man denn eigentlich da, wo man mit mehr oder weniger Hochmut oder aus anderen Gesichtspunkten heraus am liebsten dieser deutschen Kultur den Garaus machen möchte, wie versteht man denn diese deutsche Kultur? Auch darüber zum Schluss noch einiges zur Charakteristik. Da ist zum Beispiel ein richtiger russischer Intellektueller der Gegenwart. Man wird, gerade wenn man sein letztes Buch in die Hand nimmt, ein wenig geführt aus den letzten Worten, die er über Goethe sagt, den Glauben bekommen können, dass er Goethe unter die Größten der Menschheitsentwicklung rechnet. Wir wissen, wie Goethe zusammenhängt mit dem, was man die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele nennen muss. Wir wissen, dass sein «Faust», wenn auch vielleicht nicht in künstlerischer Beziehung, so doch in dem, was an Kräften in der Menschheitscharakterisierung möglich ist, über alle anderen Werke der Weltliteratur hinausragt. Wir wissen, wie unsinnig es sein würde, wenn man Goethe charakterisieren wollte, nicht zunächst den großen Geist der neueren Zeit zu sehen, der in Goethe waltet, aus dem sein «Faust» hervorgehen konnte. Mereschkowski, der russische Intellektuelle, der ganz gewiss «Faust» und die deutsche Kultur kennt, soweit er sie kennen kann, er beurteilt Goethe aus dem heraus, was ich vorhin den charakteristischen Hochmut des russischen Intellektuellen genannt habe. Er beurteilt denselben Goethe, über den Emerson so spricht, wie ich es vorhin vorgelesen habe, indem er die folgenden Worte zu sagen wagt:
[ 82 ] And if we ask, my esteemed audience: How does one actually understand this German culture—especially in a context where, with more or less arrogance or from other perspectives, some would prefer to put an end to it? How does one understand this German culture? To conclude, a few more remarks on its characteristics. Take, for example, a true contemporary Russian intellectual. Especially when one picks up his latest book, one might be led, by the final words he says about Goethe, to believe that he counts Goethe among the greatest figures in human development. We know how Goethe is connected to what one must call the rejuvenating forces of the German national soul. We know that his *Faust*, if perhaps not in an artistic sense, then certainly in terms of the potential it holds for characterizing humanity, towers above all other works of world literature. We know how absurd it would be, if one were to characterize Goethe, not to first recognize the great spirit of modern times that reigns within him—the very spirit from which his *Faust* could emerge. Mereschkowski, the Russian intellectual who is certainly familiar with *Faust* and German culture—as far as he can be—judges Goethe based on what I earlier called the characteristic arrogance of the Russian intellectual. He judges the very same Goethe of whom Emerson speaks as I read aloud earlier, daring to say the following words:
Wenn Goethe [von der] französischen Revolution spricht, so beugt er sich plötzlich zur Erde, wie wohl durch einen bösen Zauber ein Riese erdrückt werden und zum Zwerge zusammenschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe», zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.
When Goethe speaks of the French Revolution, he suddenly bends down to the ground, just as a giant might be crushed by an evil spell and shrivel into a dwarf; from a Hellenic demigod, he becomes a German citizen and—may the shadow of the Olympian be merciful to me—a German philistine, “Mr. von Goethe,” Privy Councilor to the Duke of Weimar, and the respectable son of a respectable Frankfurt shopkeeper.
[ 83 ] Es kommt bei gewissen Menschen nicht darauf an, dass solche Worte auch einmal, wenn man ein Pedant ist, stimmen mögen, sondern es kommt darauf an, ob derjenige etwas versteht von der Größe Goethes, der überhaupt es am Platze findet, solche Worte über Goethe zu sprechen. Manchmal kommt es nicht darauf an, was man sagt, sondern ob man überhaupt imstande ist, etwas Bestimmtes zu sagen mit Bezug auf einen bestimmten Gegenstand oder eine bestimmte Person.
[ 83 ] For certain people, it does not matter whether such words might, on occasion—if one is a pedant—be true; what matters is whether the person who even deems it appropriate to speak such words about Goethe understands anything of Goethe’s greatness. Sometimes it is not a matter of what one says, but whether one is even capable of saying anything specific with regard to a particular subject or person.
[ 84 ] Ich sagte: Den russischen Volksgeist muss man suchen wie schwebend über der russischen Einzelseele. Dadurch aber kommt es, dass diese einzelne russische Seele, sagen wir, wie «da unten» leicht leben kann ohne berührt zu sein von ihrem Volksgeist, ohne auch jene Zuversicht und Sicherheit zu haben, die aus der Art des Umganges mit dem Volksgeist entspringt, wie wir es bei der deutschen Volksseele charakterisieren konnten. Daher konnte, durchdringend dichterische Werte, aber dennoch wie eine Weltanschauung dasjenige entstehen, was Mereschkowski als eine neueste Art russischer Weltanschauung die «Barfüßer-Weltanschauung» nennt. Nun, wir wissen ja, wie diese Barfüßer-Weltanschauung im Grunde hervorgeht gerade aus der Stimmung, die kommen muss, wenn man sich so ganz auf die Erde gestellt fühlt und nicht den Zusammenhang mit der Volksseele finden kann, im Innern des Geistes zu sehen gewissermaßen auf dasjenige, was der Mensch ist außerhalb des Geistigen. Der Materialismus hat damit noch nicht ganz Ernst gemacht, aber das ist das Charakteristische, dass dieser russische einzelne Geist in der Weltanschauung damit Ernst gemacht hat. Und so verleugnet er denn alles Geistige und kommt zu dem, was ein bedeutender russischer Dichter als eine Charakteristik des Menschen anspricht. Ich würde das wahrhaftig nicht anführen, wenn es nur hier und da einmal auftreten würde. Aber es ist etwas, wozu der Geist des Ostens kommt, was charakterisiert die Impulse, die da leben.
[ 84 ] I said: One must seek the Russian national spirit as if it were hovering above the individual Russian soul. But this is precisely why this individual Russian soul can, let us say, live “down there” quite easily without being touched by its national spirit, and without possessing that confidence and security that arise from the way one engages with the national spirit, as we were able to characterize it in the case of the German national soul. Hence, permeated by poetic values yet functioning as a worldview, what Mereschkowski calls the “Barefoot Worldview”—a newest form of Russian worldview—was able to emerge. Now, we know, of course, how this “barefoot worldview” essentially arises precisely from the mood that must arise when one feels so completely grounded in the earth and cannot find a connection to the national soul—seeing, as it were, within the spirit that which the human being is outside the spiritual realm. Materialism has not yet taken this entirely seriously, but what is characteristic is that this particular Russian spirit has taken it seriously in its worldview. And so it denies everything spiritual and arrives at what a significant Russian poet describes as a defining characteristic of the human being. I truly would not mention this if it occurred only here and there. But it is something to which the spirit of the East arrives, something that characterizes the impulses that live there.
Ja, was ist er dir denn, dieser Mensch? Verstehst du? Er nimmt dich am Kragen und zerdrückt dich unter dem Nagel wie einen Floh! Dann mag dir ja leid um ihn sein! ... Jawohl! Dann magst du ihm ja deine ganze Dummheit offenbaren. Er wird dich für dein Erbarmen auf sieben Foltern spannen. Deine Eingeweide wird er sich über die Hand wickeln und dir alle Adern aus dem Leibe zerren, einen Zoll pro Stunde. ... Ach du ... Erbarmen! Bete zu Gott, dass man dich ‚ohne alles Erbarmen [bloß] einfach durchprügeln möge, und Schluss! ... Erbarmen! ... Pfui!
Yeah, what is he to you, this person? Do you understand? He’ll grab you by the collar and crush you under his fingernail like a flea! Then maybe you’ll feel sorry for him! ... That’s right! Then maybe you’ll reveal all your stupidity to him. He’ll subject you to seven torments for your mercy. He’ll wrap your entrails around his hand and tear every vein out of your body, an inch at a time. ... Oh, you... Mercy! Pray to God that they’ll ‘just beat you to a pulp without any mercy at all, and that’s it! ... Mercy! ... Ugh!
[ 85 ] Und Maxim Gorki sagt, dass diese Worte ihm ganz aus der Seele gesprochen seien, denn so stelle sich ihm dar dasjenige, was der Mensch finden könne als seinen Wert, wenn er sich betrachtet nach dem, was er eigentlich ist.
[ 85 ] And Maxim Gorky says that these words speak directly from his soul, for this is how he envisions what a person can find to be his true worth when he looks at himself for what he truly is.
[ 86 ] Man muss schon solche Dinge zusammenstellen mit mancherlei, was immer gerade vom Osten aus jenem Hochmut und aus jener Überhebung des russischen Intellektualismus im Laufe der letzten Zeiten einem entgegengetreten ist und dessen Ausfluss jene Stimmung ist, die heute aus Blut und Tod spricht.
[ 86 ] One must indeed consider such things in conjunction with the various manifestations of that arrogance and haughtiness of Russian intellectualism that have confronted us from the East in recent times—and whose outcome is the mood that today speaks of blood and death.
[ 87 ] Zu jenen geistigen Menschen Russlands, die ich vorhin erwähnt habe, müssen wir auch Jushakow nennen, der Bücher geschrieben hat, die kein großes Publikum gefunden haben, aber die doch zeigen, was in zahlreichen Seelen gerade der Intellektuellen in Russland gelebt hat. Dieser Jushakow hat folgende Ideen über den Gang der Weltkultur. In aller Kürze möchte ich Ihnen diese Ideen noch darstellen. Er sagt: Dieser Westen, alles dasjenige, was dieser Westen Europas an Kultur geleistet hat, mit dem ist es vorbei. Wenn man nach dem Osten hinüberschaut, findet man, dass da eigentlich noch etwas drinnen ist von Verjüngung, von Keimen, aus denen sich etwas entwickeln kann. Aber der Westen kann das nicht ausbilden. Dieser Westen hat immer gezeigt /Lücke im Text].
[ 87 ] Among those intellectual figures in Russia whom I mentioned earlier, we must also include Yushakov, who wrote books that did not find a wide audience but which nonetheless reveal what was alive in the souls of many, particularly among Russia’s intellectuals. This Yushakov has the following ideas about the course of world culture. I would like to briefly present these ideas to you. He says: The West—everything that Western Europe has achieved in terms of culture—is a thing of the past. If one looks toward the East, one finds that there is actually still something there in the way of renewal, of seeds from which something can develop. But the West cannot bring this to fruition. This West has always shown [gap in the text].
[ 88 ] [Dagegen schreibt Jushakow am Ende des neunzehnten Jahrhunderts über die russisch-englische Frage in Asien: Was die Mission Russlands in Asien betrifft, was die Engländer da tun ist durch und durch verfault. Was Russland da tut ist unendlich viel geistiger.
[ 88 ] [In contrast, at the end of the nineteenth century, Yushakov wrote about the Russian-British issue in Asia: “As far as Russia’s mission in Asia is concerned, what the British are doing there is thoroughly corrupt. What Russia is doing there is infinitely more spiritual.”
[ 89 ] Die Engländer — sagt Jushakow — haben sich Asien gegenüber so benommen, als ob sie der Ansicht wären, dass die asiatischen Völker nur dazu da wären, dass sie «sich in englische Gewebe kleiden, untereinander sich mit englischen Waffen bekämpfen, mit englischen Werkzeug arbeiten, aus englischen Gefäßen essen und mit englischem Flitter spielen».
[ 89 ] “The English,” says Yushakov, “have behaved toward Asia as if they believed that the Asian peoples existed solely to ‘dress themselves in English cloth, fight one another with English weapons, work with English tools, eat from English dishes, and play with English trinkets.’”
[ 90 ] Russland allein — meint Jushakow — sei imstande, weil es erfassen kann das menschliche Innere noch nicht so, dass es vom Ich erkrankt und greisenhaft gemacht worden ist, wie der europäische Westen Russland allein, kann sich verwandt fühlen mit diesem Asien, das aber jetzt darniederliegt, das seufzt unter der Vergewaltigung von Europa.
[ 90 ] Russia alone—says Yushakov—is capable of this, because it can still grasp the human inner self in a way that has not yet been corrupted and aged by the ego, as is the case in Western Europe. Russia alone can feel a kinship with this Asia, which now lies prostrate, sighing under the oppression of Europe.
[ 91 ] Es ist ein interessantes Buch, 1885 schon erschienen über die Beziehungen von England und Russland. Da tritt hervor die Überlegenheit und Überhebung des Russentums über das Engländertum. 1885, Jushakow hat folgende Idee:
[ 91 ] It is an interesting book, published as early as 1885, about the relations between England and Russia. It highlights the superiority and arrogance of Russian culture over English culture. In 1885, Yushakov put forward the following idea:
[ 92 ] Dieser Westen, mit ihm ist es vorbei. Schaut man nach dem Osten, da ist noch etwas, was ausgebildet werden kann, der Westen, besonders England, haben die Verdunkelung Indiens, Persiens verschuldet.]
[ 92 ] This West—it’s all over for it. If you look to the East, there is still something there that can be developed; the West, especially England, is to blame for the decline of India and Persia.]
[ 93 ] Was haben die Engländer getan in Asien drüben? Sie haben alles das sich angemaßt, was einmal in Asien durch die Größe des Ahriman begründet worden ist. Sie haben sich eingeschlichen in alles das, was Ormuzd gewirkt hat. Sie haben überall, wo Licht war, sich hineingesetzt, um die Früchte des Lichtes zu genießen. Was haben aber die Russen getan? Die Russen sind überall dahin gegangen, wo Asien verarmt ist, wo Asien bedroht und verelendet war, wo die Menschen heruntergekommen waren, wo die Menschen gepresst waren, bedrückt waren, wo die Menschen in Armut und Finsternis getaucht waren. Dieser Menschen hat sich Russland angenommen. Daher habe Russland seine Mission in Asien. Daher muss der Weltenkampf zwischen Russland und England in Asien entbrennen. Es muss Russland in die Rechte des Ormuzd gegen Ahriman wiedereingesetzt werden, nachdem es sich so verhalten hat, während die Engländer sich nur hineingesetzt haben in das, was an Fruchtbarem, an Größe, an Schönem begründet worden ist in Asien, und das ausgenützt haben.
[ 93 ] What have the English done over in Asia? They have appropriated for themselves everything that was once established in Asia through the power of Ahriman. They have insinuated themselves into everything that Ormuzd has wrought. Wherever there was light, they have settled in to enjoy the fruits of that light. But what have the Russians done? The Russians have gone wherever Asia was impoverished, wherever Asia was threatened and reduced to destitution, wherever people had fallen into ruin, wherever people were oppressed and crushed, wherever people were plunged into poverty and darkness. Russia has taken these people under its wing. That is why Russia has its mission in Asia. That is why the world struggle between Russia and England must flare up in Asia. Russia must be restored to Ormuzd’s rights against Ahriman, having acted as it has, while the English have merely settled into what has been established in Asia in terms of fertility, grandeur, and beauty, and have exploited it.
[ 94 ] So spricht dieser Russe über England. Und er sagt: England beutet Millionen von Hindus aus. Seine Größe und Macht hängt ab von den Menschen dort. Ich wünsche meinem Vaterland nichts Ähnliches. Ich kann mich nur freuen, dass es von diesem traurigen Zustand hinreichend weit entfernt ist.
[ 94 ] This is what this Russian says about England. And he says: England exploits millions of Hindus. Its greatness and power depend on the people there. I do not wish anything like that upon my homeland. I can only be glad that it is sufficiently far removed from this sad state of affairs.
[ 95 ] Könnte man nicht eigentlich wünschen, dass sich ein wenig die den Engländer bewundernden Russen der Gegenwart vertiefen würden in dieses ja erst 1885 erschienene Buch von Jushakow über die Beziehungen zwischen Russland und England? Es könnte überhaupt manchmal interessant werden, wenn die Menschen etwas kennenlernen würden von dem, was an treibenden Kräften gewirkt hat und was fortwirken wird an Kräften, die zu dem geführt haben, was jetzt in unserer Umgebung ist, was an unsere Seele herandringt.
[ 95 ] Wouldn’t it actually be desirable for today’s Russians, who admire the English, to delve a little deeper into this book by Yushakov—which, after all, was only published in 1885—on the relations between Russia and England? It might, in fact, sometimes be interesting if people were to learn something about the driving forces that have been at work—and will continue to be at work—that have led to what now surrounds us, to what touches our souls.
[ 96 ] Ich glaube, meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was ich ausgesprochen habe, aus den geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus über die Natur des deutschen Wesens, es lässt sich erhärten, auch wenn man es so illustriert durch dieses oder jenes. Und ich könnte lange, lange Ähnliches zum Beweise dessen anführen, was ich gesagt habe. Solange könnte man solche Dinge anführen, dass ganz gewiss niemand hier im Saale mehr zuhören würde.
[ 96 ] I believe, ladies and gentlemen, that what I have said—based on the foundations of the humanities regarding the nature of the German spirit—can be substantiated, even if it is illustrated by this or that example. And I could go on and on citing similar examples to prove what I have said. One could cite such examples for so long that, quite certainly, no one here in this hall would be listening anymore.
[ 97 ] Alles das aber würde die eine Wahrheit beleuchten, die jetzt so wichtig ist, wenn wir erst die Waffen zu schmieden haben zur Verteidigung dessen, was auch geistig angegriffen wird und was immer mehr und mehr eingekreist werden wird, alles das würde uns hinführen zu der einen großen Wahrheit, mit der man sich zu durchdringen hat, zu der Wahrheit, dass der Deutsche durch seine unmittelbare Volksanlage sehen könnte die unmittelbare Beziehung, die erlebte Beziehung der einzelnen Seele mit dem Volksgeiste.
[ 97 ] All of this, however, would shed light on the one truth that is so important now, when we must first forge the weapons to defend what is also under spiritual attack and what will be increasingly encircled, all of this would lead us to the one great truth that we must come to grasp—the truth that the German, through his innate national character, could perceive the direct relationship, the lived relationship, between the individual soul and the national spirit.
[ 98 ] Und wenn wir sehen, wie immer dieser deutsche Idealismus wirkte in der ganzen Stimmung des deutschen Volkes und seiner großen Repräsentanten gerade in derjenigen Zeit, die wir die große Epoche des deutschen Geistes nennen können, wie da Keime liegen, und wenn wir sehen, was in diesen Keimen alles drinnensteckt, dann dürfen wir uns sagen: Wir können vertrauen auch auf die innere Kraft des deutschen Wesens, so wie wir vertrauen auf die Keime, die sich in der Natur zu Blüten und Früchten entfalten müssen; wir dürfen Vertrauen haben zum deutschen Geistesleben. Und wir wissen, dass es in vieler Beziehung erst noch die Keime enthält, und dass es die Kraft einer immerwährenden Verjüngung enthält, dass ihm diese Kraft eigen ist. Und wir wissen daraus, was diejenigen verteidigen, die unter Riesenopfern im Osten und im Westen dasjenige zu verteidigen haben, was wie in einer großen Festung in Mitteleuropa eingeschlossen ist.
[ 98 ] And when we see how this German idealism has always influenced the entire spirit of the German people and its great representatives, especially during the period we might call the great epoch of the German spirit—how the seeds lie there—and when we see all that is contained within these seeds, then we may say to ourselves: We can trust in the inner strength of the German spirit, just as we trust in the seeds that are bound to unfold into blossoms and fruit in nature; we may have confidence in German intellectual life. And we know that in many respects it still contains these seeds, and that it possesses the power of ever-renewal—that this power is inherent in it. And from this we understand what those are defending who, at immense cost in the East and in the West, must defend that which is enclosed, as in a great fortress, in Central Europe.
[ 99 ] Aber es gibt auch eine Möglichkeit, auf die inneren Kräfte der Geistwirksamkeit in der Welt das Seelenauge zu lenken. Dann schaut man dieses deutsche Volk nicht so an, wie es vielleicht heute von den Feinden des deutschen Wesens angeschaut wird, sondern so, dass man sich sagt: Der deutsche Geist hat noch nicht vollendet. Er hat Kräfte in sich, die erst Keimeskräfte sind, die erst in der Zukunft sich voll entwickeln müssen. Daher geht aus solchen Betrachtungen, wenn sie auch noch so unvollkommen angestellt werden, wie sie eben in der kurzen Zeit in einem Vortrag nur angestellt werden konnten, doch dasjenige hervor, was sich in gewisse Empfindungen zusammenfassen lässt, in Empfindungen, die der deutschen Seele Zuversicht und Mut und Hoffnung geben, gerade auch aus dem Innern dieses Wesens heraus.
[ 99 ] But there is also a way to turn the eye of the soul toward the inner forces of spiritual activity in the world. Then one does not view the German people as they might be viewed today by the enemies of the German spirit, but rather in such a way that one says to oneself: The German spirit has not yet reached its full completion. It possesses forces within itself that are still in their embryonic stage, forces that must only fully develop in the future. Therefore, even when such reflections are made imperfectly—as they inevitably are in the brief time available for a lecture—they nevertheless give rise to certain feelings that can be summed up as giving the German soul confidence, courage, and hope, precisely from within the very core of this essence.
[ 100 ] Sind wir auf der einen Seite heute ganz davon überzeugt, dass wir nicht nötig haben, aus sicherem, echtem Wissen und Erkennen her, Mut und Zuversicht denen zuzusprechen, die mit Leid und Blut einzutreten haben für die großen Ereignisse der Zeit — dass das nicht nötig ist, zeigt der ganze Verlauf der Ereignisse innerhalb des Gebietes des deutschen Wesens, des mitteleuropäischen Wesens, das zeigt, wie die Deutschen in den Krieg gegangen sind, wie sie diesen Krieg zu führen gewusst haben —, nein, nicht um darüber zu sprechen, sondern zu sprechen davon, was im Innersten des deutschen Wesens, des deutschen Seelenwesens selbst waltet und wirkt, sodass es uns [und den im Felde Stehenden] Zukunftsicherheit gibt und uns mit Hoffnungen erfüllt. Um darauf hinzuweisen, wurden die heutigen Betrachtungen angestellt. Und deshalb möchte ich zusammenfassen, weil die Empfindungen das Wichtigste sind, die Empfindungen, die den einzelnen Worten des heutigen Abends zugrunde liegen. Ich möchte in einige Empfindungen zusammendrängen dasjenige, was, wie ich glaube, für deutsches Empfinden und Fühlen hervorgehen kann gerade aus der Betrachtung des deutschen Wesens und seines Zusammenhangs mit dem deutschen Volksgeist:
[ 100 ] On the one hand, are we today fully convinced that we do not need—based on sound, genuine knowledge and insight—to offer courage and confidence to those who must face suffering and bloodshed in the great events of our time —that this is not necessary is demonstrated by the entire course of events within the realm of the German spirit, the Central European spirit; this shows how the Germans entered the war, how they knew how to wage this war—no, not to speak of that, but to speak of what reigns and works in the very depths of the German spirit, of the German soul itself, so that it [and those on the battlefield] a sense of security for the future and fills us with hope. Today’s reflections were offered to point this out. And that is why I would like to summarize—because the feelings are what matter most, the feelings that underlie the individual words spoken this evening. I would like to condense into a few sentiments what, I believe, can emerge for German sensibility and feeling precisely from the contemplation of the German essence and its connection to the German national spirit:
Der deutsche Geist, noch hat er nicht vollendet,
Was er der Welt erbringen soll.
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig
Verborg’nes, das noch reifend wirken muss.
Wie darf in Feindesmacht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben,
So lang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält?
The German spirit has not yet fulfilled
What it is meant to bring to the world.
It lives in hopeful concern for the future,
It hopes for future deeds full of life; —
In the depths of its being, it feels powerfully
Something hidden that must still ripen and take effect.
How can the desire for its end,
In the enemy’s power, devoid of understanding,
Come to life,
As long as life reveals itself to it,
Which sustains it creatively at the roots of its being?
