Ways to a Knowledge of the
Eternal Forces of the Human Soul
GA 70b
25 November 1915, Stuttgart
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Ways to a Knowledge of the Eternal Forces of the Human Soul, tr. SOL
1. Das Weltbild des Deutschen Idealismus eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit
1. The Worldview of German Idealism: A Reflection in Light of Our Fateful Times
Sehr verehrte Anwesende!
Ladies and gentlemen!
[ 1 ] In einem gewaltig ernsten Ringen steht das deutsche Volk. In einem Ringen, das uns alle durchbebt und durchpulst. In einem Ringen, in welchem sich eine neue Welle des Schicksals unseres Volkes bilden soll aus Blut und aus den Waffentaten heraus.
[ 1 ] The German people are engaged in a tremendously serious struggle. A struggle that shakes us all to the core and pulses through our veins. A struggle in which a new wave of our people’s destiny is to take shape out of blood and the deeds of arms.
[ 2 ] Es ist eine Zeit, in der, möchte man sagen, die äußersten Enden menschlichen Empfindens, menschlichen Fühlens und menschlichen Vorstellens zusammenstoßen, unsere Herzen durchfließend. Tiefes Leid, das sich ausbreitet über zahllose Verluste, Schmerz und Trauer, Blut — das alles gibt gewissermaßen einen Boden, über den sich aber erhebt eine Atmosphäre der Begeisterung, eine Atmosphäre der Beseligung über dasjenige, was die Angehörigen des deutschen Volkes tun dürfen, um in der ehernen, ihnen aufgedrängten Notwendigkeit zu wahren und zu sichern jene Stellung im Weltenlaufe, jene Stellung innerhalb der europäischen Kultur, die sie übernommen haben als ein teures Vermächtnis der Väter, als ein teures Vermächtnis der geschichtlichen Entwicklung Europas selber. In einer solchen Zeit, in welcher sich aus Blut und Waffentaten heraus ein neues Schicksal bildet: Es sprechen allerdings über die allerwichtigsten Dinge der Gegenwart, einer solchen Gegenwart, andere Worte als diejenigen sind, die in einer solchen Betrachtung gesprochen werden können, wie sie die des heutigen Abends ist. Es sprechen, selbstverständlich im figürlichen Sinne, die Waffen. Es spricht der Mut, es spricht die Tapferkeit derjenigen, welche hinausgestellt sind auf die großen historischen Felder unseres gegenwärtigen Geschehens.
[ 2 ] It is a time in which, one might say, the very extremes of human sensation, human feeling, and human imagination collide, flowing through our hearts. Deep sorrow, spreading over countless losses, pain, and grief, blood—all of this, in a sense, provides a foundation, but rising above it is an atmosphere of enthusiasm, an atmosphere of elation over what the members of the German people are permitted to do in order to preserve and secure—amid the iron necessity forced upon them—that position in the course of world history, that position within European culture, which they have inherited as a precious legacy from their forefathers, as a precious legacy of the historical development of Europe itself. In such a time, in which a new destiny is taking shape out of blood and military exploits: Indeed, when it comes to the most important matters of the present—of such a present—other words speak than those that can be spoken in a reflection such as the one we are having this evening. It is, of course in a figurative sense, the weapons that speak. Courage speaks; the bravery of those who have taken their stand on the great historical battlefields of our present events speaks.
[ 3 ] Aber naheliegen muss uns alles dasjenige gerade in einer solchen Zeit, was zusammenhängt mit der ganzen Stellung, mit allen Aufgaben, mit dem ganzen Fühlen und Wollen des deutschen Volkes. Daher darf es uns wohl auch naheliegen, eine Stunde der Betrachtung zu widmen demjenigen, was sich in unsere Seele hineinbilden kann, wenn wir deren Blick richten auf etwas, was allerdings nicht innerhalb der Waffentapferkeit, nicht innerhalb des Schauplatzes der äußeren Ereignisse sich ausgebildet hat, sondern tief im Innersten des seelischen Wesens selber. Aber wir fühlen, ja mehr vielleicht als sonst, gerade in einer solchen Zeit, wie — gerade so, wie das Blut alle Teile des menschlichen Organismus durchfließt, ein Blut Sie durchfließt —, so eine Kraft, so eine Wesenheit alle Lebensäußerungen des Volkes [durchfließt]. Deshalb sei auch wie ein Symptom, wie eines der Symptome deutschen Wesens in der heutigen Abendbetrachtung hingestellt dasjenige, was ich nennen möchte: Das Weltbild des Deutschen Idealismus.
[ 3 ] But especially in times like these, we must keep in mind everything that relates to the overall situation, to all the tasks at hand, and to the entire range of feelings and aspirations of the German people. Therefore, it is surely appropriate for us to devote a moment of reflection to what can take shape within our souls when we turn our gaze toward something that has not, however, taken form within military valor or within the arena of external events, but rather deep within the innermost core of our spiritual being itself. But we feel—perhaps even more so than usual, especially in a time such as this—just as blood flows through every part of the human organism, so a certain force, a certain essence, flows through all the expressions of life of the people. Therefore, let what I would like to call “the worldview of German idealism” be presented in tonight’s evening reflection as a symptom—as one of the symptoms—of the German spirit.
[ 4 ] So möchte ich es hinstellen, wie es sich hineingestellt hat in die verschiedenen Weltbilder der europäischen Völker. Die Völker, die miteinander kämpfen in unserer Gegenwart, sie haben in ihren Wechselverhältnissen sich auch berührt durch dasjenige, was der Inhalt ihrer Weltanschauung, ihrer Lebensauffassung ist. Und in diesem Ringen der Welt- und Lebensauffassungen hat sich herausgebildet dasjenige, was eben das Weltbild des Deutschen Idealismus genannt werden kann. Nicht möchte ich, sehr verehrte Anwesende, in den Ton verfallen, in den in unserer Gegenwart Deutschlands Feinde verfallen, wenn sie sich bemühen, deutsches Denken, deutsches Fühlen heute vor ihren Angehörigen zu schildern. Ich denke, es entspricht deutschem Wesen noch vielmehr, die Tatsachen ruhig sprechen zu lassen. Gerade sie auf diesem Gebiet ruhig sprechen zu lassen, wo es sich um innerste, heiligste Güter der menschlichen Seele handelt. Das Urteil über die Bedeutung des deutschen Volkes innerhalb der Menschheitsentwicklung, es darf sich bilden aus einer ruhigen, ernsten, objektiven Betrachtung der Tatsachen der geistigen Menschheitsentwicklung selber.
[ 4 ] I would like to present it as it has found its way into the various worldviews of the European peoples. The peoples who are fighting one another in our time have, in their interactions, also come into contact with one another through the very content of their worldviews and their conceptions of life. And in this struggle between worldviews and conceptions of life, what has emerged is precisely what can be called the worldview of German Idealism. I do not wish, esteemed audience, to fall into the same tone as Germany’s enemies do in our time when they endeavor to describe German thought and German sentiment to their own people. I believe it is even more in keeping with the German spirit to let the facts speak for themselves calmly—especially in this realm, where the innermost and most sacred treasures of the human soul are at stake. The judgment regarding the significance of the German people within the development of humanity must be formed through a calm, serious, and objective examination of the facts of humanity’s intellectual development itself.
[ 5 ] Wenn man nun die Wechselbeziehungen derjenigen Völker, mit welchen im Verlaufe seines neueren Weltanschauungsringens das deutsche Volk in ein Verhältnis gekommen ist, wenn man diese betrachtet, dann ergibt sich ein Leitfaden gerade von demjenigen Gesichtspunkte aus, der nun in diesen Vorträgen schon seit Jahren auch in dieser Stadt, von diesem Orte aus hier genommen werden durfte, von dem Standpunkte der Geisteswissenschaft, von dem aus ich eben schon jeden Winter jahrelang auch in dieser Stadt vortragen durfte.
[ 5 ] If one now considers the interrelationships of those peoples with whom the German people have come into contact in the course of their recent ideological struggles, if one examines these, then a guiding thread emerges precisely from the very perspective that has been adopted in these lectures for years now, even in this city, from this very place—the perspective of spiritual science, from which I have been privileged to lecture every winter for many years, including here in this city.
[ 6 ] Will man hineinblicken in die Seele eines Volkes, dann ist es notwendig, zuerst einmal hinzuschauen auf die Wesenheit der einzelnen menschlichen Seelen. Ich kann diejenigen Gedanken, die ich über diese einzelne menschliche Seele öfter hier ausgeführt habe, heute nicht in aller Ausführlichkeit besprechen; ich will sie nur berühren von dem Gesichtspunkte aus, der zu unserer heutigen Betrachtung führen soll. Einzelnes, was heute nur angeführt werden soll, es wird ja gerade die Aufgabe des morgigen Vortrages sein, es weiter auszuführen. Aber indem ich hinweise auf manches, was ich im Lauf der Jahre hier sagen durfte, auch erweisend aus den Grundlagen der Geisteswissenschaft heraus sagen durfte, so sei es zunächst das, dass sich vor dem Blick der Geistesforschung diese menschliche Seele darstellt nicht als das unbestimmte Gewoge inneren Lebens, als welches es sich so oftmals der heutigen, mehr von einer positivistischen — wie man sagt —, Anschauung angehauchten Seelenlehre darstellt. Der Geisteswissenschaft erscheint dieses Durcheinanderwerfen aller einzelnen Äußerungen und Gliederungen des Seelenlebens — wie da oftmals zu finden ist in der äußeren Seelenwissenschaft von heute — ebenso unwissenschaftlich und ebenso unfruchtbar für eine wahre Lebensbetrachtung, wie ihr erscheinen würde, das Wasser etwa nicht in der wissenschaftlichen Betrachtung zu zerlegen in Wasserstoff und Sauerstoff, wenn man es in seinem Zusammenhang mit den Weltenerscheinungen ins Auge fassen will. Ich habe es öfter ausgeführt, wie hier gerade so, wie der Chemiker zerlegt das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff, um es in seinem Zusammenhang im Naturdasein betrachten zu können, so muss der Geistesbeobachter das menschliche Seelenwesen in seiner Gliederung erforschen, in seiner Gliederung, die nicht eine willkürliche Abstraktion ist, die nicht einem bloßen äußeren Urteil entspricht, sondern einem wirklichen Erleben desjenigen, was den ganzen Umfang des menschlichen Seelenlebens ausmacht.
[ 6 ] If one wishes to look into the soul of a people, it is necessary first of all to examine the nature of individual human souls. I cannot discuss in full detail today the thoughts I have often expressed here regarding the individual human soul; I wish only to touch upon them from the perspective that will lead to our consideration today. Certain points that I will merely mention today will, after all, be the subject of tomorrow’s lecture, in which I will elaborate on them further. But as I point to some of what I have been allowed to say here over the years—and to say, moreover, on the basis of the foundations of spiritual science—let it be noted first of all that, in the eyes of spiritual research, this human soul does not present itself as the indeterminate turmoil of inner life, as it so often appears in today’s more—as one might say—positivist worldview. To spiritual science, this jumbling together of all the individual manifestations and structures of soul life—as is so often found in today’s external psychology—appears just as unscientific and just as unproductive for a true contemplation of life as it would seem to be, failing to decompose water into hydrogen and oxygen in scientific inquiry, for example, when one wishes to consider it in its connection with world phenomena. I have often explained, just as I am doing here, that just as the chemist decomposes water into hydrogen and oxygen in order to be able to consider it in its context within natural existence, so too must the spiritual observer investigate the structure of the human soul—a structure that is not an arbitrary abstraction, that does not correspond to a mere external judgment, but rather to a genuine experience of that which constitutes the entire scope of human soul life.
[ 7 ] Der Geistesforscher muss gliedern dieses menschliche Seelenleben zunächst in eine Summe derjenigen Vorgänge, die er mit dem Ausdruck Empfindungsseele bezeichnet. Diese Empfindungsseele, sie steht im Zusammenhang mit den elementarischen Wirkungen der menschlichen Seele, mit demjenigen, was sich — ich möchte sagen — in unmittelbarer Weise losringt noch aus dem Physischen, dem Körperlichen heraus. Mit dem steht die Empfindungsseele in Zusammenhang; mit dem, was zum Teile noch in unserem Blute liegt; mit demjenigen, was sich aus unseren inneren Empfindungen losringt zu Impulsen unseres Wesens, ohne dass wir es völlig mit dem Lichte unseres Bewusstseins durchstrahlen können. Seelisch ist die Empfindungsseele, aber sie ist dasjenige Glied der menschlichen Seele, was am innigsten von allen menschlichen Seelengliedern an den Leib noch gebunden ist. Sie ist aber auch dasjenige Seelenglied, welches bewirkt, dass der Mensch sein Seelisches nach außen richtet. Sie ist dasjenige Seelenglied, das die Sinne durchseelt: die Augen, wenn sie hinausschauen in die Welt, die zu beobachten ist für den Menschen; die anderen Sinne, wenn sie in ihre Berührung kommen mit der umliegenden Welt.
[ 7 ] The researcher of the spirit must first divide this human soul life into a sum of those processes that he designates by the term “sensory soul.” This sensory soul is connected to the elemental effects of the human soul—to that which, I might say, struggles free in a direct way from the physical, from the bodily realm. The sensory soul is connected to this; with that which still lies, in part, within our blood; with that which breaks free from our inner sensations to become impulses of our being, without our being able to fully illuminate it with the light of our consciousness. The sensory soul is a soul element, but it is the part of the human soul that is most intimately bound to the body of all the human soul elements. Yet it is also the aspect of the soul that causes the human being to direct his or her inner life outward. It is the aspect of the soul that animates the senses: the eyes, when they look out into the world that is to be observed by human beings; the other senses, when they come into contact with the surrounding world.
[ 8 ] Ein Seelenglied, das sich dann schon mehr losringt, das schon mehr durchsetzt ist von dem menschlichen Bewusstsein, von der inneren Absichtlichkeit des menschlichen Seelenwesens, das weniger gebunden ist an das elementarische der menschlichen physischen Natur, ist die Verstandes- oder Gemütsseele. Gewiss, auf der einen Seite, sehr verehrte Anwesende, ist diese Verstandes- oder Gemütsseele freier von der äußeren physischen Natur als die Empfindungsseele, aber sie ist dafür auch ärmer. Der ganze Reichtum, der in unser Seelenleben gegossen wird dadurch, dass die elementaren Impulse unserer ganzen Menschennatur gerade in die Empfindungsseele hinein ergossen werden, der ist nicht mehr in der Verstandes- oder Gemütsseele. Als Gemütsseele ist sie innerlich, aber sie hängt loser zusammen mit dem ganzen Umfang des äußeren Naturlebens.
[ 8 ] A component of the soul that has already broken free to a greater extent, that is already more permeated by human consciousness—by the inner intentionality of the human soul—and that is less bound to the elemental aspects of human physical nature is the intellectual or emotional soul. Certainly, on the one hand, esteemed audience, this intellectual or emotional soul is freer from external physical nature than the sensory soul, but it is also poorer as a result. All the richness that is poured into our soul life by the fact that the elemental impulses of our entire human nature are poured precisely into the sensory soul is no longer present in the intellectual or emotional soul. As the emotional soul, it is inner, but it is more loosely connected to the entire scope of external natural life.
[ 9 ] Dasjenige Seelenglied, wo der Mensch am meisten — ich möchte sagen — seiner gegenwärtigen Zeitaufgabe durch die ihm innewohnende Tätigkeit genügen kann, ist dann die Bewusstseinsseele. Es ist diejenige Seele, durch welche sich der Mensch am meisten als eine Persönlichkeit erfasst, am meisten seiner selbst als einer Individualität im Weltenwesen gewahr wird. Es ist dasjenige, wodurch der Mensch — ich möchte sagen — den höchsten Grad seines Bewusstseins in sich entwickeln kann, wodurch er sich als ein Selbst wissen kann. Aber es ist dasjenige Seelenglied, welches, weil es am innerlichsten ist, am wenigsten zeigt, wie der Mensch mit all den Tiefen des äußeren Daseins zusammenhängt. Es ist dasjenige Seelenglied, welches, weil es mit dem menschlichen Gewissen, mit dem, was des Menschen Persönlichstes ist, am innigsten zusammenhängt, zugleich am meisten hingerichtet ist zu dem, was der Mensch als seine nützlichen, am äußeren Dasein befriedigten Zwecke bezeichnet und bezeichnen muss.
[ 9 ] The aspect of the soul through which a human being can most fully—I would say—fulfill his or her present-day task by virtue of the activity inherent in it is the conscious soul. It is the soul through which a human being most fully perceives himself as a personality, most fully becomes aware of himself as an individual within the fabric of the world. It is that through which a human being—I might say—can develop the highest degree of consciousness within themselves, through which they can know themselves as a self. But it is that aspect of the soul which, because it is the innermost, reveals the least about how a human being is connected to all the depths of external existence. It is the aspect of the soul which, because it is most intimately connected with human conscience—with what is most personal to a human being—is at the same time most oriented toward what a human being designates and must designate as his useful purposes, fulfilled in external existence.
[ 10 ] Gerade so, um auch noch diesen anderen Vergleich zu brauchen, welcher zeigt, wie Geisteswissenschaft ganz im Sinne der Naturwissenschaft denkt, gerade so, wie im Regenbogen sieben, aber wir können sie auf drei zurückführen —, wie im Regenbogen drei Farbennuancen sind, und die Betrachtung dieser drei Nuancen nicht irgendeinem Dilettantismus entspricht, sondern wirklicher Wissenschaft — die rotgelbe Nuance, die grünliche Nuance, die blau-violette Nuance —, so ist im Seelenleben die Dreiheit dieser Nuancen vorhanden: die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele und die Bewusstseinsseele. Und so, wie sich ausspricht durch die Nuancen des Regenbogens das einheitliche Licht, so spricht sich aus durch die Seelennuancen, durch die drei, ich könnte auch sagen Betätigungsweisen des menschlichen Seelenwesens, dasjenige, was wir gerade als das eigentliche Ich, als die Realität des menschlichen Inneren bezeichnen. Wie das Licht durch das Gelb-Rötliche, durch das Grüne, durch das Blau-Violette erscheint, so erscheint das Ich durch die Empfindungsseele, durch die Verstandes- oder Gemütsseele, durch die Bewusstseinsseele.
[ 10 ] Just to use this other comparison as well, which shows how spiritual science thinks entirely in the spirit of natural science—just as there are seven colors in the rainbow, though we can reduce them to three—just as there are three color nuances in the rainbow, and the study of these three shades is not mere dilettantism but true science—the reddish-yellow shade, the greenish shade, the blue-violet shade—so too is the triad of these shades present in the life of the soul: the feeling soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul. And just as the unified light is expressed through the shades of the rainbow, so too is that which we designate as the true “I,” as the reality of the human inner being, expressed through the shades of the soul—through the three, or I might also say, modes of activity of the human soul. Just as light appears through the yellow-reddish, the green, and the blue-violet, so does the “I” appear through the soul of sensation, the soul of understanding or emotion, and the soul of consciousness.
[ 11 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, gerade so, wie wir in der einzelnen menschlichen Seele diese eben angedeutete Gliederung finden können — wie gesagt, ich kann das heute nur anführen —, so können wir die Seelen der Völker nur wirklich kennenlernen, wenn wir sie beleuchten von dem Gesichtspunkte aus, den wir gewinnen aus dieser Anschauung über die menschliche Seele selbst. Wir gewinnen dann den Einblick, dass — insoferne sich Volksseelen äußern in der ganzen menschlichen Entwicklung — diese Volksseelen selber nuanciert sind, so, dass die eine Volksseele mehr zum Ausdruck bringt den Empfindungsseelen-Charakter, die andere mehr den Verstandes- oder Gemütsseelen-Charakter, die andere Volksseele mehr den Charakter der Bewusstseinsseele. Es ist wirklich keine willkürliche Betrachtungsweise. Es ist nicht eine — ich möchte sagen — Zwangsabstraktion, wenn man die westeuropäischen Völker, das westliche und das südwestliche europäische Volk, seinem Volksseelencharakter nach in dieser Art betrachtet. Im Gegenteil: Die unbefangene Vertiefung in die Art und Weise, wie sich die Volksseele äußert, führt zu einer solchen Auffassung.
[ 11 ] Well, ladies and gentlemen, just as we can find this structure—which I have just outlined—in the individual human soul—as I said, I can only mention this today—so, too, we can only truly come to know the souls of peoples if we examine them from the perspective we gain from this view of the human soul itself. We then gain the insight that—insofar as national souls express themselves throughout human development—these national souls themselves are nuanced, such that one national soul expresses more of the character of the feeling soul, another more of the character of the intellectual or emotional soul, and yet another more of the character of the conscious soul. This is truly not an arbitrary way of looking at things. It is not—I would say—a forced abstraction to view the Western European peoples, the Western and Southwestern European peoples, in this way according to the character of their national souls. On the contrary: an unbiased immersion in the way the national soul expresses itself leads to such an understanding.
[ 12 ] Wir betrachten von diesem Gesichtspunkte aus, sagen wir, die Seelennatur des italienischen Volkes. Selbstverständlich, sehr verehrte Anwesende, der einzelne Mensch, er hebt sich heraus aus seinem Volke, wenn er dieses [Herausheben] anstrebt. Aber deshalb gibt es doch einen Volkscharakter, welcher die Nuance der Volksseele trägt. Man braucht nicht willkürlich zu konstruieren, sondern nur auf das einzugehen, was sich — wenn man eben nur einen Leitfaden hat aus der Erkenntnis der menschlichen Seele — wie selbstverständlich aus der Natur des Volksseelenwesens ergibt. Dann kann man die folgende Betrachtung als durchaus nicht unfruchtbar, wie mir scheint, bezeichnen.
[ 12 ] From this perspective, let us consider, for example, the spiritual nature of the Italian people. Of course, distinguished guests, the individual stands out from his people if he strives for this [distinction]. But that is precisely why there is a national character that bears the nuance of the national soul. There is no need to construct anything arbitrarily; one need only address what—provided one has a guiding principle derived from an understanding of the human soul—arises quite naturally from the nature of the national soul. Then, it seems to me, the following consideration can be described as by no means fruitless.
[ 13 ] Diejenige Nuance der Menschenseelennatur kommt in der italienischen Seele zum Ausdruck, die als die Empfindungsseelennatur bezeichnet werden kann. Und wenn wir, sehr verehrte Anwesende, unseren Blick, unseren Seelenblick nur wenden über dasjenige hin, was sich über die europäischen Völker an Kulturentwicklung ausgegossen hat seit der Morgenröte der neueren Kulturrichtung, seit dem sechzehnten, siebzehnten Jahrhundert, so finden wir gerade darin die Möglichkeit, unbefangen die verschiedenen Seelennuancen und ihre gegenseitigen Verhältnisse und ihre gegenseitigen Wirkungskräfte, möchte ich sagen, kennenzulernen. Wir finden in einer eigentümlichen Art im sechzehnten Jahrhundert heraufkommen dasjenige, wovon man sagen kann: Es ist die Aufgabe, die gerade die italienische Volksseele hatte vermöge ihres Empfindungsseelencharakters. Ja, gerade das Größte, das von dieser Seite her kam, es bezeugt uns sowohl von dieser Zeit an, wie auch durch dasjenige, was dieser Zeit schon voranging, unmittelbar voranging, dass es diesen Charakter hat.
[ 13 ] That aspect of the nature of the human soul which can be described as the nature of the feeling soul finds expression in the Italian soul. And if we, esteemed audience, turn our gaze—the gaze of our souls—even briefly toward the cultural development that has unfolded among the European peoples since the dawn of the modern cultural era, since the sixteenth and seventeenth centuries, we find precisely in this the opportunity to get to know, without preconceptions, the various nuances of the soul and their mutual relationships and their mutual forces of influence, so to speak. We find emerging in a unique way in the sixteenth century that which one can say: It is the task that the Italian national soul in particular had by virtue of its character as a soul of feeling. Indeed, the very greatest achievements that came from this direction—as evidenced both from this period onward and through what immediately preceded it—bear witness to this very character.
[ 14 ] Nehmen wir einmal diejenige Persönlichkeit, auf die hingeschaut wird so oftmals, wenn von der Morgenröte der neueren Weltanschauung gesprochen wird. Nehmen wir Giordano Bruno; er, welcher dem Fanatismus der ihm gegenteiligen Weltanschauung des sechzehnten Jahrhunderts zum Opfer gefallen ist. Wenn wir die eigentümliche Weltanschauung dieses Mannes auf uns wirken lassen — wir fühlen in dieser Persönlichkeit nachklingen und nachtönen dasjenige, was uns entgegenkommt aus Dante. Wir fühlen in ihr, in der Giordano Bruno’schen Weltanschauung, wiederklingen dasjenige, was uns in Farben, in Formenreichtum aus der Malerei eines Raffael, eines Michelangelo entgegenkommt. Was finden wir in alledem? Gerade wenn man sich vertieft in die Art und Weise, wie sich Giordano Bruno zur Welt stellt, wie er sich in die Welt stellt — sich hineinstellt, das ganze Weltall überblickend, durchbrechend dasjenige, was die mittelalterliche Weltanschauung noch gesehen hat wie eine äußere Grenze —, wie die Firmamentgrenze des Weltalls durchbrechend und in den unendlichen Raum hinauszeigend, so wie er es konnte durch seine von innerer Empfindung beseelte Sinneswirksamkeit, so können wir uns sagen: Er hat dieses Weltenbild, das ebenso ein wissenschaftliches wie ein künstlerisches ist, aus der unmittelbaren Empfindung herausgezaubert, aus derselben inneren Seelentätigkeit, durch welche Dante dasjenige, was er vermöge seiner Empfindungen gefühlt hat, zu den einzelnen Angehörigen seines Volkes hineingezaubert hat in das gewaltige Bild, das er entworfen hat von den geistigen Welten, in welche die Seele durch die Todespforte nach seiner Anschauung gehe. Das Wesentliche — es kann das heute nur berührt werden —, an Giordano Brunos Weltanschauung, auch an derjenigen Weltanschauung, die sein Vorgänger — von dem er vieles übernommen hat, die Telesius hatte, auch in derjenigen Weltanschauung, die Galilei in sein Weltbild hineinverwebte, wir sehen überall, dass hauptsächlich betont wird, das Augenmerk des Menschen darauf zu richten, was die äußeren Wahrnehmungen[, was] die Sinnenwelt gibt. Diese Sinnenwelt so zu erforschen, dass man auch alle Kräfte des Verstandes, also Kräfte der Verstandes- oder Gemütsseele, Kräfte der Bewusstseinsseele dazu verwendet, um das sinnliche Bild in Vollkommenheit zu erlangen. Das sehen wir als eine Aufgabe, die sich uns auf diesem Gebiet der Volksseelenkultur eröffnet.
[ 14 ] Let us consider the figure to whom attention is so often directed when speaking of the dawn of the modern worldview. Let us consider Giordano Bruno—he who fell victim to the fanaticism of the sixteenth-century worldview that opposed his own. When we allow this man’s unique worldview to sink in—we sense in this figure the lingering echoes of what comes to us from Dante. We sense in it—in Giordano Bruno’s worldview—the resonance of what meets us in the colors and richness of form found in the paintings of Raphael and Michelangelo. What do we find in all of this? Precisely when we delve into the way Giordano Bruno relates to the world—how he positions himself within it, surveying the entire cosmos, breaking through what the medieval worldview still perceived as an outer boundary— as he breaks through the firmament’s boundary and points out into infinite space—as he was able to do through his sensory perception animated by inner feeling—we can say to ourselves: He conjured up this worldview, which is as much scientific as it is artistic, out of immediate feeling, from the same inner activity of the soul through which Dante conjured up—into the mighty image he conceived of the spiritual worlds into which, according to his view, the soul passes through the gate of death—what he had felt through his own sensibilities, for the individual members of his people. The essential aspect—which can only be touched upon today—of Giordano Bruno’s worldview, as well as of the worldview held by his predecessor—from whom he adopted much—Telesius, and also of the worldview that Galileo wove into his own, we see everywhere that the main emphasis is on directing human attention to what external perceptions—what the sensory world—provides. To explore this sensory world in such a way that one also employs all the powers of the intellect—that is, the powers of the intellectual or emotional soul, the powers of the conscious soul—to attain the sensory image in its fullness. We see this as a task that opens up to us in this realm of national soul culture.
[ 15 ] So sehen wir ein Weltenbild in Europas Südwesten aufgehen, das vorzugsweise dadurch seine Größe hat, dass es auf die äußere Sinnlichkeit hingerichtet ist, und alle übrigen Seelenkräfte, die nicht die Sinnlichkeit sind, dazu verwendet, diese Sinnlichkeit in einer reinen Weise zu erregen. Aus den elementarischen Kräften der Empfindungsseele geht dieses Weltenbild hervor.
[ 15 ] Thus we see a worldview emerging in southwestern Europe that derives its greatness primarily from its focus on external sensuality, and which employs all other powers of the soul—those that are not sensuality itself—to arouse this sensuality in a pure manner. This worldview arises from the elemental forces of the feeling soul.
[ 16 ] Und steigen wir herauf zu Europas Westvolk. Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus die französische Kultur, wir finden in ihr ausgedrückt — ich kann diese Dinge heute nur symptomatisch bezeichnen, indem ich für besondere, charakteristische Eigentümlichkeiten der entsprechenden Kulturrichtung einzelne Persönlichkeiten wie die lebendigen Symptome der Geschichtsentwicklung vor Sie hinstelle —, betrachten wir diese Kultur, so finden wir einen Mann wie Cartesius, wie Descartes, im Beginn des siebzehnten Jahrhunderts — ich möchte sagen — gerade das Ureigentümliche dieser Kultur zu einem Weltbilde formen. Und wenn wir uns auf dieses Weltbild einlassen, wenn wir uns fragen: Welche Kräfte in der menschlichen Seele sind es, die dieses Weltenbild formen, im Gegensatz zu den Kräften der Empfindungsseele, die gerade für das italienische Weltenbild angeführt worden sind? So finden wir: Es sind die Kräfte der Verstandesoder Gemütsseele. Wie da — ich möchte sagen — durch die anderen Seelenkräfte rein hingestellte Sinnlichkeit durch das italienische Weltenbild hingestellt werden soll vor die menschliche Seele, so soll dasjenige, was der wissenschaftliche Verstand, das — wir dürfen hier den Ausdruck gebrauchen — rein rationalistische Urteilen über die Welt zu sagen hat, das soll hier ein Weltenbild bilden. Der Verstand, der eben gerade dadurch, dass er in den endlichen Menschen hineingestellt ist, so sehr auf das Endliche der menschlichen Weltauffassung gerichtet ist, dieser menschliche Verstand wird gepflegt von Cartesius: Welches sind die Quellen deiner Gewissheit? Wodurch kannst du etwas Sicheres sagen über dasjenige, was wahr ist, was wahrhaftig, wirklich ist? — Und weil er aus den Quellen des Gedankens herausschöpft, aus der Rationalität der Menschen herausschöpft, bildet Cartesius, bildet Descartes den Rationalismus heraus als — ich möchte sagen — den charakteristischen Ausdruck der französischen Volksseelenwesenheit. Dieser Verstand, er heftet sich zunächst an dasjenige an, was ihm unmittelbar vorliegt: an das menschliche Selbst selber, an die innere Persönlichkeit. Er versucht, aus dieser innerlichen Persönlichkeit heraus, aus derjenigen Kraft, die am innigsten wiederum mit dieser Persönlichkeit verknüpft ist, Lebens- und Weltengewissheit zu erlangen. «Ich denke, also bin ich!», der weltberühmte Ausspruch des Descartes. Der Mensch vergewissert sich von seinem Sein dadurch, dass er gewahr wird seinen in ihm wirkenden Verstand. Er kann nicht an seinem Verstand zweifeln. Daher kann er in seinem Verstand die Quellen der Gewissheit finden, die ihm gegeben sein können.
[ 16 ] And let us turn now to the peoples of Western Europe. If we consider French culture from this perspective, we find expressed within it—I can only describe these things today in a symptomatic way, by presenting individual personalities as the living symptoms of historical development, representing the specific, characteristic traits of the corresponding cultural movement— if we consider this culture, we find a man like Cartesius, like Descartes, at the beginning of the seventeenth century—I might say—shaping precisely the quintessential characteristic of this culture into a worldview. And when we engage with this worldview, when we ask ourselves: What forces within the human soul are it that shape this worldview, in contrast to the forces of the feeling soul that have just been cited in connection with the Italian worldview? Then we find: It is the forces of the intellectual or rational soul. Just as—I would say—sensuality, presented purely through the other soul forces, is to be set before the human soul by the Italian worldview, so too what the scientific intellect—we may use the term here—has to say about the world through purely rationalistic judgments is to form a worldview here. The intellect—which, precisely because it is situated within finite human beings, is so strongly directed toward the finitude of the human conception of the world—this human intellect is cultivated by Descartes: What are the sources of your certainty? By what means can you say anything certain about what is true, what is genuinely real? — And because he draws from the sources of thought, from human rationality, Descartes develops rationalism as—I would say—the characteristic expression of the French national character. This mind first attaches itself to what lies immediately before it: to the human self itself, to the inner personality. It attempts, from within this inner personality—from that power which is most intimately linked to this personality—to attain certainty about life and the world. “I think, therefore I am!”—Descartes’ world-famous maxim. Human beings confirm their existence by becoming aware of the mind at work within them. They cannot doubt their own mind. Therefore, they can find in their mind the sources of certainty that can be given to them.
[ 17 ] Allein ein Weltenbild geht daraus hervor, sehr verehrte Anwesende, über welches eben auch die ganze Natur des Verstandes ausgegossen ist. Der Verstand hat das Eigentümliche, dass er gewissermaßen eine in sich selbst und auch auf seinen Schauplatz in der menschlichen Persönlichkeit beschlossene Wesenheit ist. Er kommt nicht über die Grenze der menschlichen Persönlichkeit hinaus. Ich möchte sagen: Descartes bleibt auch in gewissem Sinne im Denken. Er regt nicht an in sich die anderen Seelenkräfte, jene Seelenkräfte, durch die wir das ganze menschliche Wesen hineinfließen lassen können in die Natur und ihre Geheimnisse, um diese Natur zu erfühlen und zu empfinden und mit ihr selbst zu leben. Descartes bleibt im Denken, bleibt in der Ratio. Das gibt seinem ganzen Weltenbild das Gepräge. Das Gepräge, das insbesondere dadurch sich charakterisiert, sehr verehrte Anwesende, dass Cartesius, indem er nur auf die Selbstgewissheit ausgeht — auf das, was ihm das eigene Denken als gewiss verbürgt —, dazu kommt, zu glauben, die Tiere seien nur lebendige Maschinen. Sie seien nicht beseelt wie der Mensch. Das Denken, das sich in der eigenen Persönlichkeit — ich möchte sagen — festgelegt hat, findet nicht den Weg aus sich selber heraus, um unterzutauchen liebevoll in die äußere Natur. Es kommt nicht einmal bis zu der Seele für die Tierwelt. Seelenlose Maschinen, Mechanismen, bewegte Maschinen sind die Tiere. [Noch weniger dringt er zum Wesen der anderen Natur vor. Um zur Gewissheit zu kommen, entzieht sich der Realismus das Mittel, mit dem er zum Seelenhaften der ganzen übrigen Natur vordringen könnte.] Man möchte sagen: Sichern wollte diese Weltanschauung die menschliche Wahrheit; und in dieser Weise hat sie sie gesichert, dass sie verzichtet hat auf ein Sicheinleben in die Natur.
[ 17 ] What emerges from this, ladies and gentlemen, is a worldview over which the very nature of the intellect is poured out. The intellect has the distinctive characteristic of being, in a sense, an entity confined within itself and also to its sphere within the human personality. It does not extend beyond the boundaries of the human personality. I would say: Descartes, too, remains, in a certain sense, within thought. He does not stir within himself the other powers of the soul—those powers through which we can allow our entire human being to flow into nature and its mysteries, in order to sense and feel this nature and to live in harmony with it. Descartes remains within thought; he remains within reason. This shapes his entire worldview. A worldview characterized, in particular, my esteemed audience, by the fact that Descartes, by relying solely on self-certainty—on what his own thinking guarantees as certain—comes to believe that animals are merely living machines. They are not endowed with a soul like human beings. Thought, which has—I might say—become fixed within one’s own personality, does not find a way out of itself to immerse itself lovingly in external nature. It does not even reach the level of a soul for the animal world. Animals are soulless machines, mechanisms, moving machines. [Even less does it penetrate to the essence of the rest of nature. In order to arrive at certainty, realism deprives itself of the very means by which it could penetrate to the soulful aspect of the rest of nature.] One might say: This worldview sought to secure human truth; and it secured it by renouncing a true immersion in nature.
[ 18 ] So sehen wir ein Weltenbild, über das sich ausbreitet — ich möchte sagen — dasjenige, was der Mensch durch sein Denken in sich selber findet. Dieses Weltenbild, es hat gewirkt dann durch die ganze französische Weltanschauungsentwicklung. Wir finden es heute noch in einem gewissen Sinne bei Bergson, bei Boutroux. Wir finden überall, wie gebaut wird auf dasjenige, was nur aus dem menschlichen Denken folgen soll. Wir sehen es insbesondere charakteristisch hervortreten am Ende des achtzehnten Jahrhunderts, [...] wo es sich auslebt in dem Materialismus des Franzosentums als Weltanschauung, der im Grunde genommen der Vater alles theoretischen Materialismus ist, [ja] aller materialistischen Weltbilder der neuesten Zeit; vor der Goethe einstmals gestanden hat, indem er [dem Materialismus] entgegengetreten ist — [und] damit in derjenigen Persönlichkeit, in welcher das Weltbild des Deutschen Idealismus am lebendigsten anwesend war —, vor welcher Goethe gestanden hat, indem er sagte: Da wird uns die Welt bewegter Atome vorgebildet. Wenn wir wenigstens irgendeinen Grund sehen könnten, warum sich diese Atome bewegen, und wenn wir sehen könnten, warum aus diesen bewegten Atomen unsere ganze schöne mannigfaltige und herrliche Welt mit all ihren Wundern entsteht.
[ 18 ] Thus we see a worldview over which spreads—I would say—that which human beings find within themselves through their thinking. This worldview has influenced the entire development of the French worldview. We still find it today, in a certain sense, in Bergson and in Boutroux. Everywhere we see how people build upon what is supposed to follow solely from human thought. We see it emerge particularly distinctly at the end of the eighteenth century, [...] where it finds full expression in the materialism of French thought as a worldview—which is, in essence, the father of all theoretical materialism, [indeed] of all materialistic worldviews of modern times; a worldview that Goethe once confronted by opposing [materialism]— [and] thus in the very personality in whom the worldview of German Idealism was most vividly present—a worldview that Goethe confronted when he said: “There we are presented with a world of moving atoms.” If only we could see at least some reason why these atoms move, and if we could see why our entire beautiful, diverse, and magnificent world, with all its wonders, arises from these moving atoms.
[ 19 ] Aber der Materialismus — so meint Goethe — lebt [...] nur in einigen Begriffen von bewegten Atomen, und zeigt im Weiteren nicht — indem er gar kein Bedürfnis dazu hat, es zu zeigen —, wie zusammengehängt dasjenige, was er so als hinter den Erscheinungen vermutet mit der großen Mannigfaltigkeit und Schönheit der Welterscheinungen! Auflehnen sehen wir einen der deutschesten Deutschen, Goethe, gerade gegen dieses Weltbild des Materialismus. [Dieses Weltbild] drückt aus den ganzen Charakter der Verstandes- oder Gemütsseele.
[ 19 ] But materialism—so Goethe believes—exists [...] only in certain concepts of moving atoms, and furthermore does not show—since it has no need whatsoever to do so—how closely connected is that which it thus supposes to lie behind phenomena with the great diversity and beauty of worldly phenomena! We see one of the most German of Germans, Goethe, rebelling precisely against this materialist worldview. [This worldview] expresses the entire character of the intellectual or emotional soul.
[ 20 ] Und blicken wir von da aus nach der britischen Kultur, so finden wir, dass diese britische Kultur, wie sie in der neueren Zeit einsetzt, unmittelbar die menschliche Seelenkraft hinlenkt auf dasjenige, was außen ausgebreitet ist vor der menschlichen Beobachtung. Wir sehen, wie in Bacon von Verulam auftritt — eine Persönlichkeit, die auf die einschneidendste Weise fordert von der menschlichen Seele, dass sie all dasjenige, [was sie hinwegführt von dem, was sie beobachten kann, indem sie in der Welt steht, was sie beobachten kann mit ihren Sinnen — mit dem Bewusstsein, das uns als Mensch nun einmal eigen ist —, dass sie all dasjenige reinige!] Reinigen das Weltbild von alledem wollte Bacon, was der Mensch hineinbringen kann durch sein bloßes Denken, durch eine Vertiefung in sein Inneres.
[ 20 ] And if we look from there toward British culture, we find that this British culture, as it begins in more recent times, directs the power of the human soul directly toward that which is spread out externally before human observation. We see this emerge in Bacon of Verulam—a figure who, in the most radical way, demands that the human soul purify all that [which leads it away from what it can observe while standing in the world, what it can perceive with its senses—with the consciousness that is inherent to us as human beings—that it purify all of that!] Bacon wanted to purify the worldview of everything that human beings can introduce into it through mere thought, through a deepening into their inner selves.
[ 21 ] So wie der Sensualismus das dem italienischen Volkswesen entsprechende Weltbild ist; wie der Rationalismus das dem französischen Volkswesen entsprechende Weltbild ist, so ist der sogenannte Empirismus, die Hinlenkung auf die äußere Wirklichkeit, die ja zunächst nur eine Bedeutung hat für die menschliche Bewusstseinsseele, für dasjenige, in was sich der Mensch mit seinen bewussten Zwecken hier als Erdenwesen hineinstellen will. Diese äußere Wirklichkeit, das, wie man sagt, in der Empirie Gegebene, das ist der Gegenstand der äußeren Bewusstseinsseele. Das ist das, woraus man gewinnen will, wenn man es seinen charakteristischen Eigenschaften nach betrachtet, das britische Weltbild, dasjenige, was es überhaupt an Inhalt in sich haben kann. Und von dem Aufgang des neueren Geisteslebens bis hinauf zu Darwin und Spencer, bis hinauf zu dem gegenwärtigen englischen Weltbilde, überall finden wir diesen Grundzug. Nur sehen wir, dass er in der neusten Zeit sich merkwürdigerweise vereinigt mit demjenigen, was so recht in der Bewusstseinsseele lebt. Die Bewusstseinsseele, ich sagte es schon vorhin, sie geht darauf aus, den Menschen kennenzulehren diejenigen Zwecke, die er als äußeres Erdenwesen verfolgt in der unmittelbar sinnlichen Umgebung. Auf die Zwecke geht die Bewusstseinsseele. Auf das dem Menschen Nützliche. Sehen wir zurück zum Beispiel zu Darwin. Und wir sehen an der Form, welche Darwin der Entwicklungslehre des Organischen gegeben hat, wie hineingedacht wird schon in das Werden der Wesen das Nützlichkeitsprinzip. Die Wesen entstehen und vervollkommnen sich im Kampfe ums Dasein. Wodurch im Kampfe ums Dasein? Weil dasjenige Wesen, was so organisiert ist, dass es sich selber am meisten nützlich ist, die andern verdrängt.
[ 21 ] Just as sensualism is the worldview corresponding to the Italian national character, and just as rationalism is the worldview corresponding to the French national character, so too is so-called empiricism—the orientation toward external reality, which, after all, initially has significance only for the human conscious soul, for that into which human beings, with their conscious purposes, wish to place themselves here as earthly beings. This external reality—what is, as they say, “given” in empiricism—is the object of the external soul of consciousness. This is what one seeks to gain, when considering it in terms of its characteristic properties: the British worldview, that which it can possess as content in and of itself. And from the dawn of modern intellectual life all the way up to Darwin and Spencer, all the way up to the current English worldview, we find this fundamental trait everywhere. Yet we see that, in recent times, it has, curiously enough, united with that which truly lives within the soul of consciousness. The conscious soul, as I mentioned earlier, is directed toward teaching human beings the purposes they pursue as external earthly beings within their immediate sensory environment. The conscious soul is directed toward these purposes—toward what is useful to human beings. Let us look back, for example, at Darwin. And we see in the form that Darwin gave to the theory of organic evolution how the principle of utility is already incorporated into the very process of the beings’ development. Beings arise and perfect themselves in the struggle for existence. Why in the struggle for existence? Because the being that is organized in such a way as to be most useful to itself displaces the others.
[ 22 ] Charakteristisch ist das Zutagetreten desselben dadurch, dass der sogenannte Pragmatismus — diesen Namen hat man in England dafür geprägt und in Amerika neuerdings —, dass der sogenannte Pragmatismus die neueste Form des dort herrschenden Weltbildes ist. Was ist dieser Pragmatismus? Da wird gefragt: Ja, inwiefern kann der Mensch zu einer Wahrheit gelangen, der er sich in Gedanken nähern will? Da fühlte man ganz intensiv, dass man eigentlich mit seinen Seelenkräften sich nicht bilden kann an bloßen Gedanken. Ja, was sind denn bloße Gedanken? Was sind Gedanken, die der Mensch sich bilden kann, wenn er die Erscheinungen betrachtet? Gibt es denn eine Welt der Gedanken, von der man sagen könnte, sie wären wirklich? Der Mensch geht durch die Welt, so sagt man, er schaut die Dinge an. Er macht sich Gedanken darüber. Gibt es irgendwie eine Macht, welche die Wahrheit in dem Menschen formt? So fragt der Pragmatismus. — Nein, eine solche äußere Macht kann der Mensch nicht auffinden. Der Mensch bildet sich aber Begriffe, die kann er dann haben. Wie kann er sie haben? So, dass sie ihm möglich machen, die Erscheinungen der Welt zweckentsprechend zusammenzufassen. Nicht irgendeinen Hintergrund eines Wahrheitsquelles sucht dieser Pragmatismus, sondern er sucht nach der Formung solcher Vorstellung, die zweckmäßig ist, damit man die Vielheit der Erscheinungen zusammenfassen kann, dadurch am besten zweckentsprechend die Vielheit der Erscheinungen zusammenfassen kann. Das ist ein Begriff, den man ja auch wahrnehmen kann, weil er einem dient zum Zusammenfassen der Erscheinungen. Einen anderen Quell der Wahrheit hat es nicht.
[ 22 ] A characteristic feature of its emergence is that so-called pragmatism—a term coined in England and, more recently, in America—is the latest form of the worldview prevailing there. What is this pragmatism? The question is asked: To what extent can a person arrive at a truth that they seek to approach in thought? There was a very intense sense that one cannot actually develop one’s spiritual faculties through mere thoughts. Indeed, what are mere thoughts? What are the thoughts that a person can form when observing phenomena? Is there a world of thoughts of which one could say they are real? A person walks through the world, as they say, looking at things. They reflect on them. Is there somehow a power that shapes the truth within a person? This is what pragmatism asks. — No, a person cannot find such an external power. But a person forms concepts, which they can then possess. How can they possess them? In such a way that these concepts enable them to summarize the phenomena of the world in a purposeful manner. This pragmatism does not seek some sort of background in a source of truth, but rather seeks the formation of such concepts that are purposeful, so that one can summarize the multiplicity of phenomena—and thereby summarize it in the most appropriate way. This is a concept that one can indeed perceive, because it serves to summarize phenomena. There is no other source of truth.
[ 23 ] Wenn wir zum Beispiel sprechen von einer Einheit der menschlichen Seelenerscheinung — aus dem Gesagten können wir diese Einheit annehmen —, dann können wir in zweckmäßiger Weise die einzelnen Äußerungen der menschlichen Seele zusammenfassen.
[ 23 ] If, for example, we speak of a unity of the manifestation of the human soul—which we can assume based on what has been said—then we can appropriately summarize the individual manifestations of the human soul.
[ 24 ] Einen inneren Wahrheitscharakter hat es nicht, wenn wir von Schwerkraft reden. Nichts drängt uns sonst, von Schwerkraft zu reden, wenn wir uns den Begriff der Schwerkraft bilden, als dass er dem Zweck entspricht, viele Erscheinungen, die uns in der Welt entgegentreten, unter einen Einheitsbegriff eben zusammenzufassen. Die Nützlichkeit gießt sich aus über das ganze menschliche Weltanschauungsstreben innerhalb des Pragmatismus.
[ 24 ] There is no intrinsic truth to the concept of gravity when we speak of it. When we form the concept of gravity, nothing compels us to speak of it other than the fact that it serves the purpose of summarizing, under a single concept, the many phenomena we encounter in the world. This usefulness permeates the entire human quest for a worldview within pragmatism.
[ 25 ] Ich habe nicht in irgendeiner Weise versucht, die Tatsachen zu charakterisieren von irgendeinem Standpunkte der Sympathie oder der Antipathie aus, sondern ich versuchte, den leitenden Faden der Weltbilder der drei Nationalitäten entsprechend der Nuance der Seele, die sich in dem entsprechenden Volk, in der entsprechenden Kultur zum Ausdruck bringt, zu kennzeichnen. Man kann sehen, [dass dasjenige, was ich kurz charakterisiert habe] — und dadurch kann es nur willkürlich erscheinen, [aber] gerade wenn man tiefer eingehen würde, würde alles Willkürliche schwinden, es könnte durch den ganzen Umfang der Weltanschauungsentwicklung der betreffenden Völker verfolgt werden —, [uns bezeugt]: Die italienische Kultur hat insbesondere herausgestaltet den Empfindungsseelencharakter; die französische Kultur den rationalistischen Verstandes- oder Gemütsseelencharakter; die britische Kultur den Bewusstseinsseelencharakter.
[ 25 ] I have not in any way attempted to characterize the facts from any standpoint of sympathy or antipathy, but rather I have sought to identify the guiding thread of the worldviews of the three nationalities in accordance with the nuance of the soul that finds expression in the respective people and culture. One can see [that what I have briefly characterized]—and thus it may appear arbitrary, [but] precisely if one were to delve deeper, all arbitrariness would vanish, and it could be traced through the entire scope of the development of the worldviews of the peoples in question—[testifies to us]: Italian culture has particularly developed the character of the feeling soul; French culture, the character of the rationalistic intellectual or emotional soul; and British culture, the character of the conscious soul.
[ 26 ] Nun wenden wir den Blick auf Europas Mitte. Versuchen wir auch da, diesen Seelenblick zunächst über diejenigen Erscheinungen flüchtig schweifen zu lassen, die sich uns auch darbieten innerhalb des letzten Zeitraumes der Menschheitsentwicklung. Er kündigt sich schon eigentümlich an, dieser neue Zeitraum. Da sehen wir allerdings, wie — ich möchte sagen — in trunkener Sinnlichkeit ein Weltbild der Schönheit Giordano Bruno entwirft aus einem geläuterten Sensualismus heraus. Da sehen wir aber zugleich, wie im sechzehnten Jahrhundert in das siebzehnte hinein in Frankreich Montaigne aus der Verstandes- oder Gemütsseele heraus bildet ein Weltbild des reinen Zweifels. Da sehen wir, wie gerade bei Montaigne — ich möchte sagen —, in einer anderen Art, weniger genial, weniger philosophisch wie bei Descartes, aber wie gerade bei ihm eines der bedeutsamsten Zeichen dieser Kultur zum Ausdruck kommt. Wir sehen, wie er eingeengt ist in dem allein, was der Mensch zu denken vermag, was mit seinem Denken zusammenhängt; wie er aber zu gleicher Zeit spürt, dass dieses Denken in seiner Wahrheitsgeltung ja beschränkt ist dadurch, dass es eben nur in uns wohnt. Das gibt ihm den Zweifel über die äußere Sinnenwelt. Deshalb sagt Montaigne: Ja, die äußeren Sinne liefern uns ein gewisses Bild der äußeren Welt. Braucht es aber wahr zu sein? Wir haben kein Mittel, denn wir können nur dem Verstand glauben. Aber wir haben in ihm kein Mittel, zu beweisen, dass nicht irgendetwas sich zeigt, was etwas ganz anderes ist, als was wir hinter den Sinnenerscheinungen vermuten können. Die Sinneserscheinungen können Täuschung sein. Aber auch das, was wir in der Vernunft haben, kann uns denn das die Wahrheit sagen? Wir sehen, wir wollen in unserer Vernunft etwas beweisen. Bald kommen wir aber darauf, [wie dieser Vernunftschluss] in uns Täuschung war. Jetzt müssen wir das, was wir bewiesen haben, erst recht wieder beweisen. Und das stellt sich uns sogleich hin, wie von diesem oder jenem Gesichtspunkt aus [Lücke in der Mitschrift]. Es ist aber fraglich. Wir fangen an zu fordern einen Beweis des Beweises des Beweises. Der wahre Weise, sagt Montaigne, ist einzig und allein der, der an allem zweifelt, der mit einer Seele, die den Zweifel ertragen kann, durch die Welt geht.
[ 26 ] Now let us turn our gaze to the heart of Europe. Let us try there, too, to let this spiritual gaze wander briefly over the phenomena that have presented themselves to us within the most recent period of human development. This new period is already announcing itself in a peculiar way. There we see, however, how—I might say—in an intoxicating sensuality, Giordano Bruno sketches a worldview of beauty out of a purified sensualism. At the same time, however, we see how, in France from the sixteenth into the seventeenth century, Montaigne, drawing from the intellectual or emotional soul, forms a worldview of pure doubt. We see how, particularly in Montaigne—I might say—in a different way, less brilliant, less philosophical than in Descartes, yet precisely in him, one of the most significant signs of this culture finds expression. We see how he is confined to what human beings are capable of thinking, to what is connected with their thinking; yet at the same time, he senses that the validity of this thinking as truth is limited precisely because it resides only within us. This gives rise to his doubt about the external sensory world. That is why Montaigne says: Yes, the external senses provide us with a certain image of the external world. But does it have to be true? We have no means of knowing, for we can only trust reason. Yet even within reason, we have no means of proving that what appears is not something entirely different from what we might surmise lies behind the sensory phenomena. Sensory phenomena may be deceptive. But can what we possess in reason truly tell us the truth? We see that we want to prove something through our reason. But soon we realize that [this rational conclusion] was itself a delusion within us. Now we must prove once again what we have already proven. And this immediately presents itself to us from one perspective or another [gap in the transcript]. But it is questionable. We begin to demand proof of the proof of the proof. The true sage, says Montaigne, is solely and exclusively the one who doubts everything, who goes through the world with a soul capable of enduring doubt.
[ 27 ] Und der Zeitgenosse des Italieners, des Franzosen, ist eben Bacon auf dem Weltanschauungsfeld, der verweisen will die menschliche Seele, wie ich charakterisiert habe, auf dasjenige, was rein der Gegenstand der äußeren Nützlichkeit ist. Der Zeitgenosse, man mag sonst gegen ihn einwenden, was man will, man mag sich auf welchen Standpunkt stellen, als man will: Charakteristisch für die Entwicklung Mitteleuropas, charakteristisch für die Entwicklung der deutschen Volkskultur ist sie, diese Persönlichkeit — der Zeitgenosse des — ich möchte sagen — sinnlichkeitstrunkenen Giordano Bruno, des Zweiflers Montaigne, des auf die bloße äußere Empirie verweisenden Bacon — ist Jakob Böhme, der tiefsinnige deutsche Mystiker. Er — der, während Giordano Bruno den trunkenen Sinn verbinden will mit der ganzen Welt, der äußeren sinnlichen Welten-Unendlichkeit, der, während Montaigne den Menschen allein weise finden will, wenn er an allem zu zweifeln vermag, der Zeitgenosse des Bacon — ist Jakob Böhme, [der Zeitgenosse gerade jenes Bacon], der, wenn er den Menschen auf ein Wahres weisen will, ihn hinausweist aus alledem, was er in seinem Inneren etwa sich ausdenken, sich ausbilden könnte, und ihn hinweist auf die bloße verstandes- und begriffsmäßige Zusammenfassung der Erscheinungen der Bewusstseinsseele. Der Zeitgenosse dieser drei, die alle drei den Menschen nach außen weisen, ist Jakob Böhme, der in derselben Zeit seinen innerlichen Weg nach jenen Gefilden wandte, welche die menschliche Seele betreten kann, wenn sie ihrer selbst in ihrer tiefsten Innerlichkeit voll bewusst wird.
[ 27 ] And the contemporary of the Italian and the Frenchman is none other than Bacon in the realm of worldview, who seeks to reduce the human soul—as I have characterized it—to that which is purely the object of external utility. This contemporary—whatever objections one may raise against him, whatever standpoint one may take— This figure—the contemporary of, I might say, the sensually intoxicated Giordano Bruno, the skeptic Montaigne, and Bacon, who reduces everything to mere external empiricism—is characteristic of the development of Central Europe and of German folk culture: Jakob Böhme, the profound German mystic. He—who, while Giordano Bruno seeks to unite the intoxicated senses with the entire world, with the outer, sensory infinity of the universe; who, while Montaigne considers a person wise only if he is capable of doubting everything; who is a contemporary of Bacon—is Jakob Böhme, [the contemporary of that very Bacon], who, when he seeks to point humans toward the Truth, directs them away from everything they might conceive or construct within themselves, and points them toward the mere intellectual and conceptual synthesis of the phenomena of the conscious soul. The contemporary of these three—all of whom direct people outward—is Jakob Böhme, who, at the same time, turned his inner path toward those realms which the human soul can enter when it becomes fully conscious of itself in its deepest innermost being.
[ 28 ] Und schlagen wir uns auf dieses wunderbare Weltenbild des Jakob Böhme. Da sehen wir, wie der Zeitgenosse des größten neuzeitlichen Zweiflers Montaigne sich innerlich von den tiefsten Seelenfähigkeiten getragene Gewissheiten sucht in einer rein geistigen übersinnlichen Welt, in einer Welt menschlicher Innerlichkeit, von der er zu gleicher Zeit weiß, weil sie die menschliche Innerlichkeit ist, dass sie ist die Innerlichkeit desjenigen, was in der äußerlichen Welt, was im äußeren Dasein uns entgegentritt. Die große Verwandtschaft desjenigen, was der Mensch findet, wenn er am tiefsten hineingreift in sein Inneres, mit demjenigen, was der Mensch findet, wenn er am weitesten hinausschweift in den ganzen Umfang des äußeren Daseins, das will Jakob Böhme aufzeigen aus dem deutschen Gemüt heraus.
[ 28 ] And let us turn to this wonderful worldview of Jakob Böhme. There we see how this contemporary of Montaigne—the greatest modern skeptic—seeks certainties, inwardly sustained by the deepest faculties of the soul, in a purely spiritual, supernatural world, in a world of human inner life—a world of which he knows, precisely because it is human inner life, that it is the inner life of that which confronts us in the outer world, in external existence. Jakob Böhme seeks to demonstrate, from the perspective of the German spirit, the profound kinship between what a person finds when delving deepest into their inner self and what a person finds when venturing farthest out into the entire expanse of external existence.
[ 29 ] Der größte Gewissheitssucher — der Zeitgenosse des größten Zweiflers. Der größte Gläubige an die menschliche Innerlichkeit neben dem größten Ablehner desjenigen, was die menschliche Innerlichkeit über irgendeine Welterscheinung an Gewissheit sagen möchte. Auftauchen sehen wir da in der Morgenröte der neueren Weltentwicklung ein Gemüt aus der deutschen Volkskultur heraus, das sich in den Mittelpunkt des Seelenwesens hineinbegeben will, und das durchleuchten will von der Betätigung dieses Mittelpunktes aus all dasjenige, was in der Empfindungsseele, in der Verstandes- oder Gemütsseele, in der Bewusstseinsseele lebt, wie das Licht in den Farbennuancen, die äußerlich geteilt erscheinen im Rot-Gelblichen, im Grünlichen, im Blau-Violetten. Ich-Kultur, eine Kultur, welche den Weg in das menschliche Innere findet, sucht, weil sie sich klar ist darüber, dass — wenn man nur tiefgründig genug hinuntertaucht in dieses menschliche Innere — man in diesen Tiefen, in dem Abgrund des menschlichen Inneren die Pforte findet zu dem, was noch hinter dem ist, was die trunkene Sinneswissenschaft des Giordano Bruno als Äußeres findet. Das Innere dieses Äußeren weiß Jakob Böhme für sich, nach seiner Gesinnung, nach der Gesinnung seines Weltbildes zu finden — das Innere dieses Äußeren — dadurch, dass er in sein eigenes Innere hinuntersteigt. So finden wir in Europas Mitte schon in der Morgenröte der neueren Menschheitsentwicklung ein Weltenbild der Mystik empfindungsmäßig charakterisiert.
[ 29 ] The greatest seeker of certainty—the contemporary of the greatest skeptic. The greatest believer in human inner life alongside the greatest rejecter of whatever human inner life might claim to know with certainty about any phenomenon in the world. There, in the dawn of recent world development, we see emerging a spirit from German folk culture that seeks to enter into the very center of the soul, and which, from the activity of this center, seeks to illuminate all that lives in the feeling soul, in the intellectual or emotional soul, and in the conscious soul—just as light illuminates the nuances of color that outwardly appear divided into reddish-yellow, greenish, and bluish-violet. “I-Culture”—a culture that finds and seeks the path into the human interior—does so because it is fully aware that—if one only dives deeply enough into this human interior—one will find in these depths, in the abyss of the human interior, the gateway to that which lies even beyond what Giordano Bruno’s intoxicated sensory science perceives as the external. Jakob Böhme knows how to find the inner essence of this outer world—in accordance with his own disposition and the disposition of his worldview—by descending into his own inner self. Thus, right in the heart of Europe, even at the dawn of modern human development, we find a worldview of mysticism characterized by intuition.
[ 30 ] Mögen wir es immerhin von unserem heutigen Standpunkte aus für unvollkommen halten, ... wir finden damit einen Ton in der Weltanschauungsentwicklung angegeben, der uns zeigt — wie gesagt, es soll nicht irgendwelche dogmatische Weltanschauung hingestellt, nur die Entwicklung charakterisiert werden —, wie das deutsche Weltbild strebt, die Kräfte — die es formen soll in dem menschlichen Ich, das sich bewusst ist, in den Weitengeist einzutauchen, wenn es sich nur genügend vertieft —, in dem menschlichen Ich, in dem Intimen, in dem Innersten der menschlichen Seelennatur selber zu suchen. Und diesen Charakter, wir finden ihn festgehalten, sehr verehrte Anwesende, durch die neuere Entwicklung hindurch.
[ 30 ] Even if we consider it imperfect from our present standpoint, ... we find in it a tone set in the development of worldview that shows us—as I said, the aim is not to present any dogmatic worldview, but merely to characterize its development—how the German worldview strives to seek out the forces—which it is meant to shape within the human “I,” which is conscious of its ability to immerse itself in the spirit of the vast, provided it deepens sufficiently—within the human “I,” in the innermost, most intimate core of human soul nature itself. And this character, esteemed audience, we find it preserved throughout the more recent development.
[ 31 ] Viel missverstanden wird derjenige, der gewissermaßen wie der erste Eckstein dieser neueren mitteleuropäischen, dieser neueren geistigen Weltanschauungsentwicklung dasteht: Kant. Als ob Kant eine Weltanschauung des Zweifels, eine Weltanschauung der Ungewissheit hätte hinstellen wollen, so kommt es oftmals den Menschen vor. Aber in anderer Weise ist auch aus der Tiefe der IchNatur des Menschen heraus dasjenige gebildet, was Kant gewollt hat. Und da tritt uns nun etwas ganz Eigentümliches in der neueren Entwicklung auf. Wie gesagt, ich will nur die Tatsachen hervorheben, will die Entwicklungen sich charakterisieren lassen durch eine wenigstens angestrebte — ich weiß nicht wie weit ich es erreiche, aber wenigstens angestrebte — Unbefangenheit gegenüber den Tatsachen. Eines tritt uns da entgegen, so recht charakteristisch für diese deutsche Entwicklung. Dasjenige wird in das Blickfeld der Seele gestellt, was den Menschen im Innersten beseelen muss, trotzdem es nicht unmittelbar wirklich ist: die Idee, das Ideal.
[ 31 ] Kant, who stands, as it were, as the first cornerstone of this newer Central European development of intellectual worldview, is often misunderstood. It often seems to people as though Kant had wanted to present a worldview of doubt, a worldview of uncertainty. But what Kant intended was also formed in a different way, arising from the depths of the human ego-nature. And here we encounter something quite peculiar in this recent development. As I said, I merely wish to highlight the facts; I wish to characterize these developments through an impartiality toward the facts—at least an aspiration toward it; I do not know how far I succeed, but at least an aspiration toward it. One thing stands out here, something truly characteristic of this German development. That which must animate human beings in their innermost being is brought into the soul’s field of vision, even though it is not immediately real: the idea, the ideal.
[ 32 ] Das Allerfremdeste wäre der Zeit, in der Kant lebte, und der Kultur, aus der Kant hervorgegangen ist, die britische Anschauung etwa von heute, wie sie sich in dem britischen Weltbilde ausdrückt: dass die Wahrheit keinen anderen Quell haben sollte, [als die Zweckmäßigkeit, für die die äußeren Erscheinungen zusammenzufassen sind]. Denn absolut wertvoll, sodass kein Zweifel, gar nichts, was irgendwie Gewissheit ihm nehmen könnte, an es herantreten sollte, absolut sicher ist dasjenige, was wertvoll das menschliche Leben macht, trotzdem es nicht ein äußerlich Sinnlich-Wirkliches ist, das ist die Idee, das ist das Ideal. Von der Idee, von dem Ideal fühlte diese Weltanschauung, dass sie hereinragen in die menschliche Seele und der menschlichen Seele den höchsten Wert geben. Mag sie, diese menschliche Seele, aus der Natur oder irgendwo anders her noch einen so hohen Wert erlangen, den höchsten Wert erlangt die Menschenseele dadurch, dass in ihr die Ideen anwesend sein können. Und nun lebte mehr oder weniger unbewusst in Kant schon der Impuls, aus dem Wege zu schaffen alles dasjenige, was den Ideen ihre absolute, ihre unbedingte Gültigkeit, ihren höchsten Wert für das menschliche Seelenleben nicht zuerkennen wollte. Da fand er denn: Eine Wissenschaft ist heraufgebildet worden, ein Weltbild ist entstanden, das nach der Sinnenwelt hingerichtet ist. Aber der Mensch kann mit den Kräften — so sagt sich Kant —, die da aus seiner Seele kommen, dieses sinnliche Weltenbild nicht so erfassen, dass er an seine unmittelbaren Quellen — wenn ich das pedantische Wort gebrauchen darf, aber es ist von Kant selber —, [dass er an] das «Ding an Sich» kommen kann. Also suchte Kant dazu zu kommen, diese Sinnlichkeit, diese äußere Wirklichkeit, wie sie sich den menschlichen Sinnen darbietet, zur Klarheit zu bringen. Er untersucht in seiner Art das menschliche Seelenleben. Er findet: Das, was sich da als Sinnenwelt ausbreitet, das ist nicht die unmittelbare Wirklichkeit. Und die menschliche Seele vermag überhaupt nicht mit den Kräften, die sie hat, in die unmittelbare Wirklichkeit einzudringen. Einzig und allein mit denjenigen Kräften vermag sie in sich ein unmittelbar Wirkliches zu erleben, die die Kräfte der Idee, die Kräfte der Ideale sind. Und so sehen wir bei Kant das Merkwürdige, dass er eben nicht, wie man oftmals glaubt, eine Weltanschauung des Zweifels, der Haltlosigkeit, des Nichterkennens hinstellen will, sondern dass er gerade eine Weltanschauung suchte, welche allen Zweifel hinwegschafft dadurch, dass sie klarmacht: Über die Sinnlichkeit kann man nichts wissen, aber weil man nichts wissen kann, so kann man umso mehr darauf geben, dass dasjenige, was in unser Seelenleben hereinragt als Idee, als Ideal, einen unbedingten Wert hat. Die Sinnlichkeit darf uns nicht durch die Gewissheit, die sie hat, stören in dem Anschauen des absolut Wertvollen, der Idee, des Ideals. Nicht eine Weltanschauung des Zweifels stellt Kant hin, sondern eine Weltanschauung, die den Zweifel gerade aus der Welt schaffen will. Allerdings kommt er dazu, sagen zu müssen, er müsse das Wissen bekämpfen. Kant sagt es, um für den Glauben Platz zu bekommen. Er glaubt zunächst nur, dass für dasjenige, was in ideenmäßiger Weise in die Menschenseele hereinragt, eine Art Glaube sich entfalten kann; aber das gerade ist das Charakteristische, dass ihm das Ideal, die Idee so wertvoll ist, dass er selbst um seinetwillen das Wissen entthront, um diesem Ideal den richtigen Thron, die richtige Weltengeltung zu verschaffen.
[ 32 ] The most alien concept to the era in which Kant lived and the culture from which he emerged would be, for example, the contemporary British view, as expressed in the British worldview: that truth should have no other source [than the expediency for which external phenomena are to be summarized]. For that which is absolutely valuable—so that no doubt, nor anything that could in any way deprive it of certainty, should come near it—is absolutely certain; that which makes human life valuable, even though it is not an externally sensory reality—that is the idea, that is the ideal. This worldview sensed that the idea and the ideal penetrate the human soul and bestow upon it the highest value. No matter how great a value the human soul may derive from nature or from anywhere else, it attains its highest value through the fact that ideas can be present within it. And now, more or less unconsciously, the impulse was already alive within Kant to do away with everything that refused to acknowledge the absolute, unconditional validity of the ideas and their highest value for the life of the human soul. He then found that a science had been developed, a worldview had emerged that was oriented toward the sensory world. But human beings, Kant tells himself, cannot—with the powers that arise from their soul—grasp this sensory worldview in such a way as to reach its immediate sources—if I may use this pedantic term, though it is Kant’s own—[that is, to reach] the “thing-in-itself.” So Kant sought to clarify this sensibility, this external reality, as it presents itself to the human senses. In his own way, he examines the life of the human soul. He finds that what unfolds there as the sensory world is not immediate reality. And the human soul is utterly incapable, with the faculties it possesses, of penetrating into immediate reality. It is capable of experiencing something immediately real within itself solely through those faculties that are the faculties of the idea, the faculties of the ideal. And so we see in Kant the remarkable fact that he does not, as is often believed, seek to present a worldview of doubt, of instability, or of ignorance, but rather that he sought precisely a worldview that dispels all doubt by making it clear: We can know nothing about sensibility, but precisely because we can know nothing about it, we can all the more rely on the fact that what enters our inner life as an idea, as an ideal, has an unconditional value. Sensibility must not, through the certainty it possesses, disturb us in our contemplation of what is absolutely valuable—the idea, the ideal. Kant does not present a worldview of doubt, but rather a worldview that seeks precisely to eliminate doubt. However, he is led to say that he must combat knowledge. Kant says this in order to make room for faith. At first, he believes only that a kind of faith can develop for that which enters the human soul in the form of an idea; but what is characteristic is precisely that the ideal, the idea, is so valuable to him that he himself dethrones knowledge for its sake, in order to secure for this ideal the proper throne, the proper universal validity.
[ 33 ] Und nun sehen wir, wie folgen die einzelnen Helden des Weltbildes des Deutschen Idealismus. Wir sehen, wie unmittelbar ergreift der — ich möchte sagen — ureigene Nationalphilosoph der Deutschen, wie ergreift Johann Gottlieb Fichte dieses Kant’sche Weltenbild. Blicken wir zurück zu dem Rationalismus, zu dem rein verstandesmäßigen Weltbild des Descartes, das die Urform des Weltbildes der französischen Volkskultur darstellt: «Ich denke, also bin ich». In dem Denken wird etwas gesehen, worauf man als auf einen Gewissheitsquell vertrauen kann. Aber von diesem Denken muss man schließen — doch ich will mich nicht auf philosophische Spintisierereien jetzt einlassen oder muss auf irgendeinem anderen Wege als durch Schlussfolgerung darauf kommen —, dass diesem Denken ein Sein zugrunde liegt, ein erstes Sein, das man erkennen kann durch das Denken, auf das man schauen kann, weil das beweist, dass es da sein muss, weil man denkt. Es ist da, da man doch denkt, da doch das Denken aus ihm hervorgeht. Das alles ist, wenn man so recht hinschaut, auf diese merkwürdige großartige — ich möchte sagen — heldenhafte, im Weltanschauungssinne heldenhafte Seele Fichtes, das alles ist dieser Fichte-Seele so ganz und gar fremd. Eine ganz andere Anschauung über das menschliche Innere, über das tiefste Seelische schafft Fichte. Eine sogar bis heute noch im äußersten Maße schwer verständliche. Denn Fichte will nicht auf das Seelische, auf das Ich, dadurch kommen, dass er es in seinem Sein erfasst. Sondern Fichte will das Sein erfassen [in seinem Erzeugtwerden] als in einer Tathandlung, das heißt: Damit ich [mJein Ich als Ich erlebe, muss ich mich fortwährend schaffend erzeugen. In dem Augenblick, wo ich die Schöpferkräfte in mir verliere, wo ich nicht aus unbekannten Tiefen heraus mich in ein unmittelbares Dasein versetzen kann für mein Inneres, bin ich kein Ich. Damit wird der Gedanke, das «Ich denke» hinuntergetaucht in den Willen. Und die untrennbare Einheit von Wille und Gedanke wird zur Grundlage der menschlichen Ichwesenheit gemacht. Zu gleicher Zeit wird auf etwas Bezug genommen bei der Charakteristik des Ich, was in einem fortwährenden Schaffen, in einer fortwährenden Tätigkeit ist. Du bist nur bei dir, wenn du dieses Bei-dir-Sein in jedem Augenblick selber bewirkst. Insofern du dich schaffen kannst und schaffst, in jedem Augenblick deines sinnlich-physischen und verstandesmäßigen Daseins bist du ein Ich.
[ 33 ] And now we see how the individual heroes of the worldview of German Idealism follow this path. We see how immediately—I would say—the Germans’ very own national philosopher, Johann Gottlieb Fichte, embraces this Kantian worldview. Let us look back at rationalism, at Descartes’ purely intellectual worldview, which represents the archetype of the worldview of French popular culture: “I think, therefore I am.” In this line of thought, something is seen upon which one can rely as a source of certainty. But from this thinking one must conclude—though I do not wish to engage in philosophical speculations at this moment, nor must one arrive at this conclusion by any means other than through reasoning—that this thinking is grounded in a being, a first being that can be recognized through thinking, that one can look upon, because it proves that it must exist, since one thinks. It is there, since one does think, since thinking does arise from it. All of this, if one looks closely, is entirely foreign to this strange, magnificent—I would say—heroic, in the sense of a worldview, heroic soul of Fichte; all of this is utterly alien to this Fichtean soul. Fichte creates an entirely different conception of the human inner world, of the deepest aspects of the soul. One that remains, even to this day, extremely difficult to understand. For Fichte does not seek to arrive at the soul, at the “I,” by grasping it in its being. Rather, Fichte seeks to grasp being [in its act of coming into being] as an act of creation; that is to say: in order for me to experience my “I” as “I,” I must continually create myself. At the moment when I lose the creative powers within me, when I can no longer project myself from unknown depths into an immediate existence for my inner self, I am no longer an “I.” Thus, the thought, “I think,” is submerged into the will. And the inseparable unity of will and thought is made the foundation of human selfhood. At the same time, the characterization of the “I” refers to something that is in a state of constant creation, of constant activity. You are only with yourself when you yourself bring about this “being with yourself” in every moment. To the extent that you can and do create yourself, in every moment of your sensory-physical and intellectual existence, you are an “I.”
[ 34 ] Was will Fichte, dieser nationalste Philosoph der Deutschen? Er will den Mittelpunkt der menschlichen Wesenheit ergreifen, und er will ihn so ergreifen, dass er [nicht] in ihm entwickelt ein Bleibendes, ein eigentlich Dauerndes, [dass er ein] sich nicht änderndes Sein sucht, sondern ein fortwährend Tätiges, ein nie Rastendes. Der Mensch, der dann seiner selbst Geschöpf ist. Das Wunderbarste an Kraft, an Menschenfähigkeit in den Mittelpunkt des Seelenlichtes gelegt, das erscheint uns zugleich als der Mittelpunkt des Fichte’schen Weltbildes. Und hier in diesem Mittelpunkt will Fichte erfassen das sich selbst hervorbringende Ich, das Ich, das nicht nur ausgestattet ist mit der Fähigkeit, über sein Sein zu denken, sondern mit der Fähigkeit, sich fortwährend zu wollen. Hier will er zugleich erfassen, nun nicht in einem Sein, das man hinter den Erscheinungen, das man da oder dort durch irgendwelche sonstige Wissenschaft suchen will, sondern in dem Wollen, das das Ich selbst erzeugt, will Fichte suchen, was im Innern, in dieses Menschen Wollen, in dieses Menschen innerer Tätigkeit lebt, durch welche das Ich sich fortwährend selbst erzeugt: die Idee, das Ideal. Das Ich erzeugt sich, und in dieses Strömen des Icherzeugens ergießt sich hinein die Idee, das Ideal. In dieses Strömen des Icherzeugens ergießt sich damit unmittelbar hinein das intimste Zusammenleben des göttlich hohen Ideals, der göttlich reinen Idee, mit dem, was der Mensch sein intimstes inneres Erleben nennt.
[ 34 ] What does Fichte, this most national of German philosophers, want? He seeks to grasp the center of human existence, and he seeks to grasp it in such a way that he [does not] develop within it something permanent, something truly enduring, [that he does not seek] an unchanging being, but rather something perpetually active, something that never rests. Man, who is then a creature of himself. The most wondrous aspect of power, of human capacity, placed at the center of the light of the soul—this appears to us at the same time as the center of Fichte’s worldview. And here, at this center, Fichte seeks to grasp the self-generating “I”—the “I” that is endowed not only with the ability to think about its own being, but with the ability to will itself continuously. Here, too, he seeks—not in a being that one might seek behind appearances, here or there through some other science, but in the willing that the “I” itself generates—to discover what lives within, in this human willing, in this inner human activity through which the “I” continually generates itself: the idea, the ideal. The “I” generates itself, and into this flow of self-generation pours the idea, the ideal. Thus, the most intimate coexistence of the divinely exalted ideal, the divinely pure idea, with what human beings call their most intimate inner experience pours directly into this flow of self-generation.
[ 35 ] Und nun kommt — ich möchte sagen —, indem Fichte weiterschreitet, der vielleicht kühnste — es hat natürlich auch viel Bezweifelbares, aber dennoch: kühnste — Gedanke, zu dem sich eine denkende Weltanschauung, eine bloß denkende Weltanschauung jemals erhoben hat. Indem Fichte auf dieses sich selbst schaffende Ich hinblickt, auf dieses Ich, das in dem einen Augenblick ist, weil es sich schafft, aber nicht dieses Sein bloß jetzt durcherhält bis zum nächsten Augenblick, sondern seine Taten durchlebt auch wiederum im nächsten Augenblick, und im nächsten Augenblick wiederum, das nie rastet, indem es sich immer schafft — auf dieses Ich blickt Fichte hin, und darin findet er nun sein Wirkliches. Wahre Wirklichkeit muss an dem Maßstabe dieser Wirklichkeit gemessen werden. Was ragt herein, wie wir eben gesehen haben, in dieses Ich? Indem dieses Ich schafft, fließen in seine Schöpferkräfte die Ideen, die Ideale. Sie sind das absolut Wertvolle.
[ 35 ] And now—I would say—as Fichte proceeds, we encounter what is perhaps the boldest—it certainly contains much that is open to doubt, but nevertheless: the boldest—idea to which a thinking worldview, a purely thinking worldview, has ever risen. As Fichte looks upon this self-creating “I”—this “I” that exists in a single moment because it creates itself, but does not merely sustain this existence until the next moment, rather, it also lives out its actions in the next moment, and in the moment after that, never resting as it continually creates itself—Fichte looks upon this “I,” and in it he now finds his reality. True reality must be measured by the standard of this reality. What, as we have just seen, enters into this “I”? As this “I” creates, ideas and ideals flow into its creative powers. They are what is absolutely valuable.
[ 36 ] Nun tritt aber dieses Ich mithilfe der Leibesorganisation der äußeren Sinneswelt gegenüber. Diese äußere Sinnenwelt ist ein Dauerndes, ist ein solches, das sich nicht schaffen kann, folglich ein nicht so Wirkliches, wie das sich immer fortwährend schaffende Ich, ein weniger Wirkliches. Warum tritt dann das Ich, dieses absolut schöpferische Ich, in das hereinfließt das göttlich Ideal, warum tritt es in die weniger wirkliche Sinnenwelt? Weil dieses Ich mit den Ideen, den Idealen, mit der moralischen Pflicht — die in den Ideen, den Idealen, in dieses Ich hereinfließt —, ein Betätigungsfeld braucht, um sich auszuleben. Die Sinnenwelt ist nicht da für Fichte um ihrer selbst willen, sondern, wie er sagt, als versinnlichtes Materielles für die Aufnahme der Pflicht, das heißt der Ideen und der Ideale. Für Fichte ist die Welt da, weil gebietend im geistigen Leben die Pflichten, die Ideen, die Ideale stehen, und weil diese Ideen, diese Ideale brauchen eine Sinnenwelt, um sich zu betätigen. So muss die Sinnenwelt als die Konsequenz der Ideen und Ideale da sein. Wir brauchen heute nicht auf dasjenige einzugehen, was wir auf der Seele haben vielleicht gegen den Geltungsbereich oder den Grundwahrheitscharakter einer solchen Weltanschauung, wir wollen nur eingehen auf die Art und Weise des Volksstrebens. Wir wollen eingehen auf dasjenige, was innerhalb der Seelenkraft des Volkes strebt, um die Wahrheit zu erkennen. Wir wollen den Charakter dieses Volksstrebens verfolgen in jener Zeit, die vorangegangen ist derjenigen, in der das deutsche Volk sich seinen Staat, das äußere Gefüge seiner Betätigung geschaffen hat, für die es jetzt mit Blut und Waffentaten eintreten muss, den es sich aber geschaffen hat, weil es denn doch die Kraft dazu entnommen hat demjenigen, was diesem Staat vorangegangen ist, was aber wurzelt in der tiefsten Eigentümlichkeit der deutschen Volksseele. Und von diesem Gesichtspunkte aus wollen wir auch unsern Seelenblick richten über den Mann, der nun Fichte fortgesetzt hat in einer gewissen Weise, der neben Fichte, nach Fichte gewirkt hat, den vielangefochtenen Schelling.
[ 36 ] Now, however, this “I” confronts the external sensory world through the body’s organization. This external sensory world is something enduring; it is something that cannot create itself and is therefore not as real as the “I,” which is constantly creating itself—it is less real. Why, then, does the “I”—this absolutely creative “I” into which the divine ideal flows—enter the less real sensory world? Because this “I,” with the ideas, the ideals, and the moral duty—which flows into this “I” through the ideas and ideals—needs a field of activity in which to fulfill itself. For Fichte, the sensory world does not exist for its own sake, but, as he says, as sensed matter for the reception of duty—that is, of ideas and ideals. For Fichte, the world exists because duties, ideas, and ideals stand as imperatives in spiritual life, and because these ideas and ideals require a sensory world in which to act. Thus, the sensory world must exist as a consequence of ideas and ideals. We need not go into today what we may have on our minds regarding the scope or the fundamental truth of such a worldview; we wish only to address the nature of the people’s striving. We wish to address that which strives within the soul’s power of the people to recognize the truth. We wish to trace the character of this national striving during the period that preceded the one in which the German people created their state, the external framework of its activity—for which it must now stand up with blood and arms, but which it created because it drew the strength to do so from what preceded this state, a strength rooted in the deepest essence of the German national soul. And from this perspective, let us also turn our inner gaze toward the man who, in a certain sense, continued Fichte’s work—who worked alongside Fichte and after Fichte—the much-contested Schelling.
[ 37 ] Dasjenige, was Fichtes Grundwesen bildet, den Blick hinzurichten auf ein Weltbild, über das vor allen Dingen ausgebreitet sind die Ideen und Ideale, die in den Menschen hereinfließen und die bedingen, dass die äußere Sinnlichkeit da sein muss, weil die Ideen und Ideale — um das Weltbild auszufüllen — einen Gegenstand brauchen, innerhalb dessen sie sich betätigen können, aufbauend auf dieser Fichte’schen Voraussetzung versenkte sich auch Schelling in diesen Mittelpunkt, in das menschliche Ich. Jenen Mittelpunkt, wo nach der Anschauung, nach dem Sinne Fichtes dieses Denken mit der Weltseele verknüpft ist. Aber Schelling, er empfindet anders als Fichte. Ihm erscheint es nüchtern, ihm erscheint es abstrakt, zu nennen die ganze Natur mit all ihrer Mannigfaltigkeit, mit alledem, was unsere Sinne entzückt, mit alledem, was unsere Wohlfahrt, unser Glück fördert, mit alledem, worin sich das Gemüt so gern, so willig versenkt, woraus es so viel schöpft — das, was sich ausbreitet im weiten, sichtbaren Naturell —, das nur von dem Gesichtspunkte zu betrachten, dass es da sei, um der Pflicht, um dem Geistigen im Weltenbilde, das in das Ich hereinfließt, ein versinnlichendes Material zu geben; das erscheint Schelling unmöglich gegenüber seiner Gesinnung. Er hat — ich möchte sagen — zu viel deutsches Gemüt in sich.
[ 37 ] That which constitutes Fichte’s fundamental essence—directing one’s gaze toward a worldview over which, above all else, are spread the ideas and ideals that flow into human beings and which necessitate the existence of external sensibility, because the ideas and ideals — in order to fill out the worldview — require an object within which they can operate; building upon this Fichtean premise, Schelling, too, immersed himself in this center, in the human “I.” That center where, according to Fichte’s conception and understanding, this thinking is linked to the world soul. But Schelling perceives things differently than Fichte. To him, it seems prosaic, it seems abstract, to name all of nature with all its diversity, with all that delights our senses, with all that promotes our well-being and happiness, with all that in which the mind so gladly and willingly immerses itself, from which it draws so much — that which unfolds in the vast, visible natural world — to view it solely from the standpoint that it exists merely to provide sensuous material for duty, for the spiritual aspect of the worldview that flows into the self; this seems impossible to Schelling given his disposition. He has—I might say—too much of the German spirit within him.
[ 38 ] Fichtes Größe ist die deutsche Willenskraft. Schellings Größe ist das deutsche Gemüt, das liebevoll eingehen will auf die kleinste und auf die größte Erscheinung der Natur, auf dasjenige, was herrlich durch den Raum sich ergießt, was sich in der Zeit ausbreitet. Aber indem er mit einem liebevollen Gemüt in alles Einzelne eindringen will, ist er sich doch dessen zugleich klar: Gewissheit, Sicherheit, wahre Wirklichkeit kannst du nur da finden, wo du in dich selber untertauchst, wo du eben in deinem Ich den Zusammenschluss der Menschenseele mit der Weltseele finden kannst. Was du da suchst und [...] findest, deshalb, weil du es unmittelbar erlebst, weil du es so erlebst, dass du, indem du bist, [es] zugleich bei dir [ist] ... als dasjenige, was als wahre Wirklichkeit das Leben durchpulst —, was du bei dir finden kannst, das findest du in der äußeren Natur nie und nimmer. Daher erfülle dich mit dem in deinem Innern, was dir Widerglanz sein kann desjenigen, was das Tiefste ist auch in dieser äußeren Natur. Und so wächst für Schelling dasjenige, was er im Innern erlebt hat, fast bis zu einem solchen Grade, dass er in der Naturbetrachtung eben verfließt mit dem äußeren Naturdasein zusammen. So wird ihm die Natur selber seelen-, selber geisterhaft. So schaut Schelling hinein in die [menschliche] Natur und sagt sich: Da drinnen ruht der menschlichen Seele Wesenheit. Blicke ich aber in die Natur hinaus, das ist dieselbe Wesenheit. Ich schaue den Stein an: Er hat etwas, hängt mit etwas zusammen, was wie dieses Wesen der menschlichen Seele ist; er hat es nur in der Form, in der äußeren Natur verzaubert; er hat es in Formen gebracht. Und so die Pflanzenwelt in aller ihrer Mannigfaltigkeit. Und so die Tierwelt. Und so auch die äußere physische Menschenwelt. Wenn ich mich bildlich ausdrücken will: Es wird für Schelling so, wie wenn — bevor die menschliche Seele in dieses physische Dasein getreten ist — eine der menschlichen Seele tief verwandte Weltgeistseele ... dasjenige, was die menschliche Seele nur seelenhaft in sich fühlt und empfindet, in Formen zuerst vor sich ausgebreitet hätte, sodass die menschliche Seele sich hier zweimal sehen kann ..., und ihr Wesen ausgegossen, magisch ausgegossen im Raume und in der Zeit, wie es draußen in der Natur lebt.
[ 38 ] Fichte’s greatness lies in German willpower. Schelling’s greatness lies in the German spirit, which seeks to respond with love to the smallest and the greatest manifestations of nature—to that which pours magnificently through space and unfolds over time. But even as he seeks to penetrate every detail with a loving spirit, he is at the same time fully aware of this: certainty, security, and true reality can only be found where you immerse yourself within yourself, where you can find, precisely within your “I,” the union of the human soul with the world soul. What you seek there and [...] find—because you experience it directly, because you experience it in such a way that, by virtue of your very being, [it] is simultaneously within you... as that which pulses through life as true reality—what you can find within yourself, you will never, ever find in external nature. Therefore, fill yourself with that which lies within you—that which can serve as a reflection of what is deepest even in this external nature. And so, for Schelling, what he has experienced inwardly grows almost to such a degree that, in his contemplation of nature, he merges with external natural existence. Thus, nature itself becomes soulful—spiritual—to him. Thus Schelling looks inward into [human] nature and says to himself: Therein lies the essence of the human soul. But when I look out into nature, it is the same essence. I look at the stone: It has something, is connected to something, that is like this essence of the human soul; it merely possesses it in a form enchanted within external nature; it has cast it into forms. And so it is with the plant world in all its diversity. And so it is with the animal world. And so it is also with the outer, physical world of human beings. To put it figuratively: For Schelling, it is as if—before the human soul entered this physical existence—a world-spirit soul deeply related to the human soul... ...had first spread out before itself, in forms, that which the human soul feels and perceives within itself only as a soul, so that the human soul can see itself here twice..., and its essence poured out, magically poured out in space and time, just as it lives out there in nature.
[ 39 ] Dann aber sagt sich Schelling, wenn das so ist, wenn diese Natur ein verzaubertes Seelenwesen ist, dann muss ich finden — wenn ich die Natur erlebe, indem ich mich in jedes einzelne Wesen, in jedes einzelne Formleben voll hineinversetzte —, sich ausleben den Geist der Natur allüberall. Ich finde ihn aber nicht, indem ich die Natur stumpf anschaue. Ich muss ihn schaffen. Meine Seele muss aus meiner Seele heraus dasjenige, was als Tiefstes in Tier, Pflanze und Stein lebt, schaffen. Meine Seele muss sich hineinversetzen und es dadurch schaffen. Daher Schellings kühner Ausdruck: Die Natur begreifen, heißt, die Natur schaffen.
[ 39 ] But then Schelling tells himself: if that is the case, if nature is an enchanted spiritual being, then I must find—when I experience nature by fully immersing myself in every single being, in every single form of life—the spirit of nature living out its fullness everywhere. But I do not find it by merely gazing blankly at nature. I must create it. My soul must create, from within my own soul, that which lives as the deepest essence in animals, plants, and stones. My soul must immerse itself in it and thereby create it. Hence Schelling’s bold statement: To comprehend nature is to create nature.
[ 40 ] Und als Dritten sehen wir denjenigen, der am geschlossensten, allerdings nur in abstrakten Gedanken, die manchen schwer zugänglich sind, dieses Weltbild des Deutschen Idealismus ausgebildet hat, sehen wir den — wir sind von dem Hegel-Haus hier nicht weit entfernt, es ist vis-à-vis von diesem Hause, in derselben Gasse hier - wir sehen Hegel, den Stuttgarter, den tiefsinnigen, den tiefsinnigsten der drei. Können wir nennen Fichte den Kraftvollsten, den Mann des deutschen Willens, Schelling den Mann des deutschen Gemütes, wir können nennen Hegel den Mann der deutschen Vernunft selber. Wenn Schelling sich versenkt in die Natur, aber nur so, dass er die Schöpferkraft des Ich mitnimmt, um die Natur nicht bloß zu begreifen, um betrachtend die Natur zu schaffen aus der menschlichen Seele heraus, so will Hegel gleichsam zurückgehen von der Seele, von dem, was sie unmittelbar ist, von dem All, was sie sich selber erschafft gemäß des Fichte’schen Ichwesens, von dem will er dringen in dasjenige, was die Seele ist mit den tiefsten Weltgedanken zusammen. Vom Einzelgeiste, vom Einzel-Ich will Hegel gehen zum Weltgeiste, der an einem Punkte mit dem Einzelgeiste des Menschen zusammenhängt.
[ 40 ] And third, we see the one who developed this worldview of German Idealism most coherently—albeit only in abstract thoughts that are difficult for some to grasp—we see the one—we are not far from the Hegel House here, it’s right across from this house, on the same street here—we see Hegel, the man from Stuttgart, the profound one, the most profound of the three. If we can call Fichte the most powerful, the man of the German will, and Schelling the man of the German spirit, we can call Hegel the man of German reason itself. When Schelling immerses himself in nature—but only in such a way that he brings along the creative power of the “I”—not merely to comprehend nature, but to create nature through contemplation from within the human soul, Hegel, so to speak, wishes to proceed from the soul—from what it is in itself, from the totality that it creates for itself in accordance with Fichte’s concept of the “I”—and from there to penetrate into that which the soul is in conjunction with the deepest ideas of the world. From the individual spirit, from the individual “I,” Hegel wishes to proceed to the World Spirit, which is connected at a single point with the individual spirit of man.
[ 41 ] Von dem Ich des Menschen zum Welten-Ich suchte Fichte eine Menschenwesenheit, die in sich die Kraft hat, sich fortwährend zu erzeugen und so sich zu entwickeln, so sich fortzubilden. Sucht Schelling in der Menschenwesenheit die Kraft, welche dasjenige, was der Natur inne ist, im idealen Weltbilde schaffen kann, so sucht Hegel in der Menschenseele dasjenige, wo diese Menschenseele in sich selber den göttlichen Weltengeist in sich empfangen kann, wo sie Zwiesprache halten kann mit diesem göttlichen Weltengeist. Will Schelling ausgießen die ganze menschliche Seele in das Seelenhafte der Natur, so will Hegel einsenken dieses ganze menschliche Seelenhafte in das Wesen des Weltengeistes, in das Wesen der Weltenseele. Und er ist sich klar darüber: Wenn die Seele hinwegsieht über dasjenige, was sich äußerlich ausbreitet, wenn sie ganz mit sich lebt, dann hält sie Zwiesprache mit dem Weltengeist. Dann ist dasjenige, was in ihr als Begriff, als Idee lebt, als Ideal lebt, dasjenige, was der Weltengeist in sie einfließen lässt. Und indem die Seele von Idee zu Idee geht, den ganzen Ideen-Organismus ausbildet, den sie ausbilden kann, folgt sie nicht sich selber bloß, nein, sie ist sich bewusst, wenn sie so sich zurückzieht von aller Äußerlichkeit, dann vereint sie sich mit dem Weltengeist. Sie denkt nicht selber, der Weltengeist selbst denkt seine Gedanken in ihr. Ich überlasse mich dem Denken des Weltengeistes, dem Walten der Weltenvernunft. Dadurch breitet sich aus in der Seele der ganze Organismus der Weltenidee — das Weltbild des Deutschen Idealismus.
[ 41 ] From the human “I” to the “world-I,” Fichte sought a human being that possesses within itself the power to continually generate itself and thus to develop and evolve. While Schelling seeks within the human being the power that can create, within the ideal world picture, that which is inherent in nature, Hegel seeks within the human soul that which enables this human soul to receive within itself the divine world spirit and to engage in dialogue with this divine world spirit. While Schelling seeks to pour the entire human soul into the soulful aspect of nature, Hegel seeks to immerse this entire human soulfulness into the essence of the World Spirit, into the essence of the World Soul. And he is clear about this: When the soul looks beyond what extends outwardly, when it lives entirely within itself, then it enters into dialogue with the World Spirit. Then what lives within it as a concept, as an idea, as an ideal, is precisely what the World Spirit allows to flow into it. And as the soul moves from idea to idea, forming the entire organism of ideas that it is capable of forming, it does not merely follow itself; no, it is conscious that when it withdraws in this way from all externality, it unites itself with the World Spirit. It does not think for itself; the World Spirit itself thinks its thoughts within it. I surrender myself to the thinking of the World Spirit, to the working of the World Reason. Through this, the entire organism of the World Idea—the worldview of German Idealism—spreads out within the soul.
[ 42 ] Wir können gewiss sagen, sehr verehrte Anwesende, Fichte suchte das menschliche Ich in seiner Kraft, in seiner selbstschöpferischen Tätigkeit, aber er blieb — und weil in kühner Weise ein Größtes erstrebt ist, so hat dieses Größte — ich möchte sagen — selber die Fehler seiner Tugend, es hat seine Einseitigkeit —, Fichte blieb bei diesem Selbstschöpferischen des Ich bei etwas stehen, sodass man sagen muss, bei dem, bei dem er stehen blieb, da schafft eigentlich sich die menschliche Seele bloß als Wissendes. Charakteristisch ist daher das, dass Fichte das, was er als Philosophie, als Weltanschauung geschaffen, Wissenschaftslehre nennt. So wie Fichte dieses selbstschöpferische Ich erfasst, so ist es eigentlich nur der wissende Mensch. Aber uns kommt es auf den Weg an, nicht auf ein Dogma, nicht auf ein absolut Richtiges, sondern auf das Suchen der deutschen Volksseele. Man möchte sagen: All dasjenige, was in dieser Menschennatur ausgebreitet dadurch ist, dass sie die ganze Fülle der Empfindungswelt erlebt, das sich in ihr die ganze äußere Natur spiegelt, all dasjenige, was sich in der Gesamtheit des menschlichen inneren Seelenlebens, mit seinem tiefen Schmerze, seiner hohen Beseligung und tiefem Leid ausgestaltet, es ist nicht unmittelbar zu erklären auf dem Wege, auf dem das selbstschöpferische Ich bei Fichte tätig ist. Da ist nur zu erklären — ich möchte sagen — das wissende Ich. Wenn der Mensch in der Welt dastehen würde als ein Wissender, als ein bloß Erkennender, wenn Wissen zu haben des Menschen einzige Weltaufgabe wäre, dann wäre das so, wie Fichte sich gedacht hat. Aber wir sehen gerade darin eine wunderbare Kraftentwicklung, dass nach einer Seite hin alles Denken, alles Forschen, alles Sinnen aufgewendet wird, um diesen einen Impuls in das Weltbild des Deutschen Idealismus hineinzustellen. Hat Fichte auch geglaubt, er beantworte alle Weltenrätsel, so hat er, wenn er diese auch nicht in ihrem ganzen Umfange beantwortet hat, das eine aufgezeigt: Wie steht der Mensch als ein Erkennender, als ein Wissender, als ein solcher, der über die Welt nachforscht, vor sich selbst da? Und wie hängt er als wissender Mensch mit den Quellen des Daseins zusammen? Diese Nuance in das Weltbild des Deutschen Idealismus hineinzustellen, das war ja Johann Gottlieb Fichtes Aufgabe.
[ 42 ] We can certainly say, esteemed audience, that Fichte sought the human “I” in its power, in its self-creative activity, but he remained—and because he boldly strove for the greatest possible, this greatest—I might say—has, in itself, the flaws of its virtue; it has its one-sidedness— Fichte stopped at a certain point in this self-creative aspect of the “I,” so that one must say: at the point where he stopped, the human soul actually creates itself merely as a knowing entity. It is therefore characteristic that Fichte calls what he created as philosophy, as a worldview, the “Science of Knowledge.” Just as Fichte conceives of this self-creating “I,” it is actually nothing more than the knowing human being. But what matters to us is the path—not a dogma, not an absolute truth, but the search for the German national soul. One might say: Everything that is unfolded in human nature through the experience of the full richness of the world of sensation—in which the entire external nature is reflected—and everything that takes shape in the totality of human inner spiritual life, with its deep pain, its sublime bliss, and profound suffering, cannot be explained directly through the process by which the self-creating “I” operates in Fichte. There, only the “knowing I”—I would say—can be explained. If human beings were to stand in the world as knowers, as mere cognizers, if the acquisition of knowledge were humanity’s sole task in the world, then it would be as Fichte had conceived it. But we see a marvelous unfolding of power precisely in the fact that, on the one hand, all thinking, all inquiry, all reflection is directed toward incorporating this one impulse into the worldview of German Idealism. Even if Fichte believed he was answering all the world’s mysteries, he has—even if he did not answer them in their entirety—revealed this one thing: How does the human being, as one who cognizes, as one who knows, as one who investigates the world, stand before himself? And how is he, as a knowing human being, connected to the sources of existence? To incorporate this nuance into the worldview of German Idealism—that was, after all, Johann Gottlieb Fichte’s task.
[ 43 ] Bei Schelling finden wir, wie ihm die ganze äußere Natur etwas wird — ich möchte sagen —, was so vor seiner Seele steht, wie die Physiognomie des Menschen vor unserer Seele steht. Wir nehmen sie nicht bloß hin, indem wir einzelne Linien beschreiben, indem wir ihren Ausdruck charakterisieren, sondern wir nehmen sie so, dass wir die durch sie hindurch sprechende Seele in ihr wahrnehmen, in ihrer Innerlichkeit auf uns wirken lassen, was als das Seelenhafte hinter der Physiognomie ist. So wird das, was in der Natur, in ihrer wunderbar tiefen Geschlossenheit vor dem Menschen ausgebreitet ist, die große Physiognomie der Weltseele, die Schelling zu entziffern versuchte. Allein weil er im strengsten Sinne des Wortes darauf ausgeht, überall zu schaffen: Indem er die Natur genießt, und beobachtet, kann er eben nur so viel schaffen, als nach dem Charakter seiner Zeit — ich möchte sagen — von der Natur schon enthüllt war. Diesen allgemeinen Charakter des menschlichen Seelenschaffens, insofern das Seelenhafte ein Abbild des Naturschaffens ist, den enthüllt Schelling. Aber während der Mensch zur Natur so steht, dass all seine Vertiefung seines Seelenlebens ihm nicht ersetzen kann das unmittelbare Erleben, das liebevolle Eingehen auf die Erscheinungen, sofern man sie beobachten kann, glaubt Schelling, aus dem Innern heraus mehr schaffen zu können über die Natur als die bloße Anlage für die Beobachtung. Wiederum erfasst er in Einseitigkeit mit dem Fehler einer großen SeelenTugend eine Nuance des Weltbildes des Deutschen Idealismus!
[ 43 ] In Schelling, we find how the whole of external nature becomes—I might say—something that stands before his soul just as a person’s physiognomy stands before our soul. We do not merely accept it by describing individual features or characterizing its expression; rather, we perceive the soul speaking through it, allowing its inner essence—that which is the soul behind the physiognomy—to affect us. Thus, what is spread out before humanity in nature, in its wonderfully profound unity, becomes the great physiognomy of the world soul that Schelling sought to decipher. Solely because he sets out, in the strictest sense of the word, to create everywhere: by enjoying and observing nature, he can create only as much as had already been revealed by nature—I might say—in accordance with the character of his time. Schelling reveals this general character of human soul-creation, insofar as the soul-like is a reflection of nature’s creation. But while man’s relationship to nature is such that all the depth of his spiritual life cannot replace the immediate experience, the loving engagement with phenomena—insofar as they can be observed—Schelling believes that, from within, he can create more about nature than the mere predisposition for observation. Once again, in a one-sided manner and with the error of a great spiritual virtue, he captures a nuance of the worldview of German Idealism!
[ 44 ] Hegel sucht den waltenden Weltengeist selber in der menschlichen Seele zu erleben. Er sucht in der Seele solche Gedanken, eine solche sich entwickelnde Vernunft zu haben, wie wenn der Weltengeist selber in der Seele zum Sprechen gebracht würde. Aber Hegel bleibt wiederum einseitig. Dieser Weltengeist erscheint nicht als derjenige bei ihm, [der in aller Tätigkeit einmal die Wesensart der Tätigkeit des einen Wesens mitteilt und ein anderes Mal in einer anderen Tätigkeit eine andere Wesensart offenbart.] Dieser Weltgeist erscheint bei Hegel wie der große Logiker, der die Einzelheiten der Weltenvernunft allein ausbreitet, und die Weltenvernunft wird das einzig Allseiende. Um aber dieses Einzige in seiner Charakteristik vor die Welt hinzustellen, um diese Nuance dem Weltbild des Deutschen Idealismus einzugliedern, dazu war wiederum dieser Fehler einer großen Tugend, diese Einseitigkeit notwendig, um einmal den Gedanken in seinem höchsten Grade zu erfassen: Der Mensch kann, wenn er sich in sein Inneres versenkt, von seinem Ich abkommen, dass er in seinem Ich so stark tätig ist, dass er dieses Ich selber auslöscht, damit der Weltengeist in ihm aufleuchten kann! Um diesen Gedanken mit höchster Intensität zu erfassen, musste er einmal in dieser Einseitigkeit erfasst werden. Denn auf die Kraft des Erfassens kommt es uns bei dem Suchen nach der Wahrheit zunächst an, und nicht darauf, dass er, der Weltengeist selber, wie ein bloßer Logiker aufgefasst wird.
[ 44 ] Hegel seeks to experience the reigning World Spirit itself within the human soul. He seeks to have within the soul such thoughts, such an unfolding reason, as if the World Spirit itself were made to speak within the soul. But Hegel, in turn, remains one-sided. This World Spirit does not appear in his work as the one [who, in all activity, at one time communicates the essence of the activity of the one Being and at another time reveals a different essence in a different activity]. This World Spirit appears in Hegel as the great logician who expounds the details of World Reason alone, and World Reason becomes the sole All-Existent. But in order to present this One in its characteristic form to the world, to incorporate this nuance into the worldview of German Idealism—for this, this flaw was, in turn, a great virtue; this one-sidedness was necessary in order to grasp the idea in its highest degree: When a person immerses himself in his inner self, he can detach himself from his “I”—he is so intensely active within his “I” that he extinguishes this “I” itself, so that the World Spirit may shine forth within him! In order to grasp this idea with the utmost intensity, it had to be grasped, for a time, in this one-sidedness. For in the search for truth, what matters to us first and foremost is the power of comprehension, and not that the World Spirit itself be understood as a mere logician.
[ 45 ] Aber wir sehen ja auch, wir wissen es ja, sehr verehrte Anwesende, wie diese drei Nuancen im Weltbild des Deutschen Idealismus innig zusammenhängen mit dem ganzen Geistesstreben des deutschen Volkes. Denn als eine Persönlichkeit heraus erschaffen wollte aus dieser Weltentwicklung des deutschen Volkes dasjenige, was tiefstes, innerstes und zu gleicher Zeit umfassendstes und lebendigstes Menschheitsstreben und geistiges Weltstreben dieses Volkes ist, als Goethe dies darstellen wollte, da stellte er dar — ich möchte sagen — die Zusammenfassung desjenigen, was mit stärkster Betonung der Einseitigkeit in Fichte, Schelling, Hegel zutage getreten ist, er stellt es in Zusammenfassung dar. Aber zu gleicher Zeit, indem er — ich möchte sagen — Gedanken aufbaut mit aller Innerlichkeit menschlichen Seelenwesens und mit allen Kräften des natürlichen Daseins — durchlebt in dem Bilde der menschlich strebenden Persönlichkeit selber — in dem Faust, [indem er diesen so charakterisiert, dass — so wie Goethe es] darstellt — die Allseitigkeit des menschlichen Seelenlichtstrebens nur hervorgehen konnte in der neueren Zeit aus [jener] Volkskultur, die im Mittelpunkt des Seelenlebens das Licht [sucht], während die anderen neueren Kulturen die einzelnen Farbennuancen der Seele suchen. Wir sehen, aber eben ins unmittelbar Lebendige, ins ganz Persönliche, ins Intimste und zu gleicher Zeit — ich möchte sagen — in das Alltäglichste umgesetzt die Ich-Natur des Menschen, wie sie selbstschöpferisch immer tätig ist, wie sie in jedem folgenden Augenblick eingreifen muss, um ihr Sein neuerdings zu schaffen, um sich umzuschaffen. Wir sehen das ausgeprägt —, nur in ganzer breiter Lebendigkeit und in voller Fülle — ich möchte sagen — das bloß Ideelle im Menschlichen verkörpert im Faust, in jenem Faust, dessen Wahlspruch ja ist: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen!» In jenem Faust, der in der Tat uns so vorgeführt wird, dass er im Konkreten, im unmittelbar Elementarischen seiend das anstrebt, was Fichte als Theorie hinstellt. Sodass sich dieses Faust-Ich durch die ganze Fausthandlung hindurch fortwährend schafft, um im Schaffen immer mehr und mehr sein Ich nacheinander einzufügen anderen Sphären, anderen Feldern des Weltendaseins, um verwandt zu werden mit anderen Sphären, mit anderen Feldern des Weltendaseins.
[ 45 ] But we also see—and indeed we know, esteemed audience—how these three nuances in the worldview of German Idealism are intimately connected with the entire spiritual striving of the German people. For when Goethe sought to distill from this historical development of the German people that which constitutes this people’s deepest, most intimate, and at the same time most comprehensive and vibrant human aspiration and spiritual quest for the world—when he sought to portray this—he presented, I might say, a synthesis of what had emerged with the strongest emphasis on one-sidedness in Fichte, Schelling, Hegel—he presents it in summary form. But at the same time, by—I would say — builds up thoughts with all the inwardness of the human soul and with all the forces of natural existence—lived through in the image of the humanly striving personality itself—in Faust, [by characterizing him in such a way that—as Goethe] depicts it—the all-encompassing nature of the human soul’s striving toward light could only emerge in modern times from [that] folk culture, which [seeks] the light at the center of the soul’s life, while the other modern cultures seek the individual shades of color in the soul. We see—but transposed directly into the living, into the wholly personal, into the most intimate, and at the same time—I would say—into the most everyday—the “I”-nature of the human being, how it is always self-creatively active, how it must intervene in every successive moment to create its being anew, to remake itself. We see this distinctly—only in its full, broad vitality and in its full abundance—I would say—the purely ideal in the human embodied in Faust, in that Faust whose motto is, after all: “Whoever strives with all his might, we can redeem!” In that Faust, who is in fact presented to us in such a way that, existing in the concrete, in the immediately elemental, he strives for what Fichte sets forth as theory. So that this Faustian “I” continually creates itself throughout the entire Faust narrative, in order, through this creative process, to successively insert its “I” more and more into other spheres, other realms of worldly existence, so as to become connected with other spheres, with other realms of worldly existence.
[ 46 ] Und wir sehen, wie Schelling als Nuance, Schellings Anschauung als Nuance im «Faust» lebt. Schelling steht vor der Natur, wie vor der großen Magierin, und erlebt: Wenn das auch eine Illusion ist —, es ist eine Illusion, um ein großes Streben zu entfachen; ich sage nicht darzustellen, sondern zu entfachen. Dieser Schelling steht vor der Natur so, als ob er aus seinem Innern heraus, indem er die Natur begreifen will, sie schaffen könnte. Die Natur begreifen, heißt, die Natur schaffen —, wiederum ins Lebendige, in die ganze Fülle des menschlichen Daseins-Strebens umgesetzt sehen wir Faust. Faust, wie er «alle Lebenskraft und Samen» erreichen will. Wie er nach Kräften lechzt, die selber magische Kräfte sind, um dasjenige, was in der Natur schafft und lebt, um das zu erfassen, [um das] mit sich zu vereinigen, um sich mit dem Naturgeist zu vereinigen. So will er, dass der Geist, der Lebensgeist, der «in Lebensfluten, im Tatensturm auf- und abwallt», vor ihm stehe. Er sucht nicht die Natur zu schaffen, er suchte zu verstehen, er sucht das, was in der Natur schafft, als den Welt- und Tatengenius.
[ 46 ] And we see how Schelling lives on as a nuance, Schelling’s conception as a nuance, in *Faust*. Schelling stands before nature as before the great sorceress, and experiences: Even if this is an illusion—it is an illusion meant to kindle a great aspiration; I do not say to represent it, but to kindle it. This Schelling stands before Nature as if, from within himself, by seeking to comprehend Nature, he could create it. To comprehend Nature means to create Nature—and we see Faust, in turn, transformed into the living, into the full richness of human existence and striving. Faust, as he seeks to attain “all life force and seed.” How he yearns with all his might—a might that is itself a magical force—to grasp that which creates and lives in nature, to unite it with himself, to unite himself with the spirit of nature. Thus he wants the spirit—the spirit of life, which “surges up and down in torrents of life, in a storm of deeds”—to stand before him. He does not seek to create nature; he sought to understand; he seeks that which creates in nature as the genius of the world and of action.
[ 47 ] Schelling suchte in abstrakter Weise in seiner Seele das Schaffende in der Natur. Faust suchte den Mittelpunkt in der Natur, wo das Wesen zu finden ist, das als das Schaffende dem Geschaffenen gegenübersteht. Wie Schelling will ein Lebendiges erreichen, das so schafft, wie die Natur schafft, so strebt Faust nach Enthüllung eines solchen Wesens, was von Einzelwesen zu Einzelwesen in der Natur flutet und wallt und nicht bloß das Verzauberte, das Geschaffene uns weist, sondern das, was in allem Geschaffenen als Schaffendes lebt.
[ 47 ] Schelling sought, in an abstract way, within his own soul the creative force present in nature. Faust sought the center of nature where the being can be found that, as the creative force, stands opposed to the created. Just as Schelling seeks to attain a living being that creates as nature creates, so Faust strives to uncover such a being—one that flows and surges from individual being to individual being in nature, revealing not merely the enchanted, the created, but that which lives in all created things as the creative force.
[ 48 ] Und wie Hegel als Philosoph seine Vernunftnuance, die das Gespräch des Weltengeistes selber sein soll in der menschlichen Einzelseele, in das Weltbild des Deutschen Idealismus einfügte, so sehen wir — und das wiederum in das Lebendige umgesetzt so verehrungswürdig in dem ganzen Streben des Faust —, wie als Zielpunkt uns erscheint dasjenige, was der Mensch in seinem Tiefsten erleben kann, wenn er immer strebend sich bemüht hat, wenn er verwandt geworden ist all den selbstschöpferischen Kräften, die das Ich fortwährend schaffen und ergründen, aber damit fortwährend entwickeln, unaufhörlich entwickeln. Indem der Mensch dies durchgemacht hat, indem er geklopft an diejenigen Tore, durch welche die Natur aufschließt ihr Schaffendes, nachdem er gefunden hat den Geist, den er anspricht als «Erhabner Geist, du gabst mir alles, alles» — mit anderen Worten, den Geist, der als der Schaffende gegenüber dem Geschaffenen steht —, da kommt er durch alle möglichen Stadien der menschlichen Entwicklung zu demjenigen, wo er in der Lage ist, als sich schon die Augen ihm schließen, als er erblindet, als er unmittelbar vor dem Tode steht, sich zu vereinigen mit dem Weltengeist. Allerdings rührt Goethe da an ein inneres Erlebnis der Vereinigung der menschlichen Seele mit dem Weltengeist, das unendlich an Fülle und an Erlebnisgehalt überragt die bloße Abstraktion der Hegel’schen logisierenden Weltenvernunft. Aber die Gesinnung, sie ist in beiden Fällen dieselbe.
[ 48 ] And just as Hegel, as a philosopher, incorporated into the worldview of German Idealism his “nuance of reason”—which is supposed to be the very dialogue of the World Spirit within the individual human soul—so we see—and this, in turn, is so admirably embodied in the living reality of Faust’s entire striving— how what appears to us as the ultimate goal is that which a human being can experience in his deepest being, when he has striven ceaselessly, when he has become one with all those self-creative forces that the “I” continually creates and fathoms, but thereby continually develops—ceaselessly develops. As a human being has gone through this, as he has knocked on those gates through which nature opens up its creative forces, after he has found the Spirit whom he addresses as “Sublime Spirit, you gave me everything, everything” — in other words, the Spirit who stands as the Creator opposite the created —, he passes through all possible stages of human development to reach the point where, just as his eyes are closing, just as he is going blind, just as he stands on the very threshold of death, he is able to unite with the World Spirit. Admittedly, Goethe touches here upon an inner experience of the union of the human soul with the World Spirit, one that infinitely surpasses, in richness and depth of experience, the mere abstraction of Hegel’s logical World Reason. But the attitude is the same in both cases.
[ 49 ] Wir könnten vieles anführen, und wir würden überall sehen, wie es deutsche Art ist, zu suchen die Grundlagen, die Quellen, die den Ideen, den Idealen zugrunde liegen, um die Welt nicht bloß als Sinnbild vor den äußeren Sinnen zu haben, sondern als webendes, wogendes Weltenbild der Ideen und Ideale. Und wie dieses Weltbild des Deutschen Idealismus fordert eine solche Ausgestaltung dieser Erkenntnis, dass sie sich sagen kann: Ja, alle äußere Sinnlichkeit ist so, dass eingreifen kann dasjenige, was als Wertvollstes für das Seelenleben da steht: die aus göttlichen Weltenquellen stammenden Ideen und Ideale —, so stellt sich wirklich im Sinne des menschlichen Strebens innerhalb der deutschen Kultur dasjenige, was zu dem Weltbild des Deutschen Idealismus hinstrebt, hinein in die anderen Weltanschauungen. Und ich glaube, der Deutsche darf das eben ganz objektiv als sein Streben bezeichnen, was da charakterisiert worden ist, ohne dass er selber vermeinen könnte, die verleumderischen Anklagen, die jetzt seine Feinde erheben, hätten einen Wert. Er darf sagen: Er suche nicht nach den einzelnen Farbennuancen der Seele; er suche nach dem, was — wie das Licht die einzelnen Farbennuancen durchscheint — so als das Innerste, als das Beste der menschlichen Seele diese einzelnen Farbennuancen durchscheint und durchfließt.
[ 49 ] We could cite many examples, and we would see everywhere how it is the German way to seek out the foundations and sources underlying ideas and ideals—so that the world is not merely a symbol perceived by the external senses, but a vibrant, undulating worldview of ideas and ideals. And just as this worldview of German Idealism demands that such an understanding be shaped in such a way that it can declare: Yes, all external sensibility is such that what stands as the most valuable for the life of the soul—the ideas and ideals originating from divine cosmic sources—can intervene; thus, in the spirit of human striving within German culture, that which aspires toward the worldview of German Idealism truly establishes itself within other worldviews. And I believe that the German may quite objectively describe what has been characterized here as his own striving, without himself believing that the slanderous accusations now leveled by his enemies have any merit. He may say: He does not seek the individual shades of color in the soul; he seeks that which—just as light shines through the individual shades of color—shines through and flows through these individual shades of color as the innermost essence, as the best of the human soul.
[ 50 ] Und man kann allerdings sagen, sehr verehrte Anwesende, wenn man auf dieses Weltbild des Deutschen Idealismus hinweist, so zeigt man etwas auf, was nicht in jeder Seele leben kann. Gewiss, so erscheint es auch; aber es muss Zweierlei betont werden. Ich kann dieses Zweierlei nur andeuten, aber es könnte auch weiter ausgeführt werden, wenn man auf die Erscheinungen weiter eingeht, auf die eben hingedeutet werden sollte. So groß, so gewaltig war das Wollen in diesem Streben nach dem Weltbild des Deutschen Idealismus, in der Zeit Deutschlands, die die bedeutendste Zeit des idealistischen Ringens war — wie unsere gegenwärtige Zeit zweifellos als die bedeutsamste einstmals erscheinen wird des realen Ringens —, so scheint dieses Weltbild des Deutschen Idealismus in Deutschlands idealster Zeit vor unsere Seele sich hinzustellen, dass wir sagen können: Was die Menschen, die um die Weltanschauungen und die verschiedensten Aufgaben im neunzehnten Jahrhundert und bis heute innerhalb unserer Kultur sich bemüht haben, was sie getan haben, es war, dass sie versuchten, von verschiedenen Punkten aus einzudringen, um diese einzelnen Vertreter des Weltbildes des Deutschen Idealismus genauer zu begreifen. Selbst die Gegner, sie waren immer irgendwie beschäftigt, da oder dort einzudringen, wenigstens um sich herumzuschlagen, um sich kämpfend herumzuschlagen mit diesem Weltbild des Deutschen Idealismus. Und dasjenige, was sich seither an Weltanschauungen und Lebensanschauungen entwickelt hat, wir fühlen selbst bei den gegnerischen Gesichtspunkten überall den Pulsschlag dieses Weltbildes des Deutschen Idealismus. Wir fühlen ihn bis heute in unsere Tage herein. Wir fühlen ihn als etwas, was zum Besten des deutschen Wesens, desjenigen gehört, was sich in diesem deutschen Wesen auslebt. Wir fühlen ihn als einen der charakteristischsten Ausdrücke des deutschen Wesens. Wir fühlen ihn als dasjenige, was symptomatisch bezeichnet die Größe und Kraft der deutschen Sendung, und was als solches bezeichnet werden darf, weil wirklich in solcher Bezeichnung ein Streben liegt, das nicht diese Bezeichnung als Größenwahn erscheinen lassen kann, sondern dass die vollste Bescheidenheit bei dieser Charakteristik mit dieser Charakteristik verbunden ist.
[ 50 ] And one can certainly say, ladies and gentlemen, that when one points to this worldview of German Idealism, one is pointing to something that cannot live in every soul. Certainly, that is how it appears; but two things must be emphasized. I can only hint at these two points, but they could also be elaborated upon if one were to delve further into the phenomena to which I have just alluded. So great, so powerful was the will in this striving for the worldview of German Idealism, during that period in Germany’s history that was the most significant era of idealistic struggle—just as our present time will undoubtedly one day appear as the most significant era of real struggle—that this worldview of German Idealism, from Germany’s most idealistic era, seems to stand before our souls in such a way that we can say: Whatever the people who have striven for worldviews and the most diverse tasks within our culture—from the nineteenth century to the present day—have done, it was that they attempted, from various vantage points, to gain a deeper understanding of these individual representatives of the worldview of German Idealism. Even its opponents were always, in one way or another, engaged in delving into it here or there—or at least in grappling with it, struggling to come to terms with this worldview of German Idealism. And in whatever worldviews and philosophies of life have developed since then, we sense the pulse of this worldview of German Idealism everywhere, even within opposing perspectives. We feel it resonating right into our own time. We perceive it as something that belongs to the very essence of the German spirit—that which finds its full expression in this German spirit. We perceive it as one of the most characteristic expressions of the German essence. We perceive it as that which symptomatically signifies the greatness and power of the German mission—and which may be described as such because there truly lies within such a description an aspiration that does not allow this description to appear as megalomania, but rather ensures that the utmost modesty is associated with this characterization.
[ 51 ] So sehen wir, dass wir noch immer drinnen stehen — und inwiefern wir drinnen stehen, das werde ich morgen in dem Vortrage weiter auszuführen haben —, so sehen wir, wie wir drinnen stehen mit unserem ganzen Streben in der vollen Offenbarung desjenigen, was dazumal angeschlagen worden ist, was durch Einzelne angeschlagen worden ist. Das ist das Eine, was ich betonen will: die Größe des Weltbildes des Deutschen Idealismus. Das schließt sich vor allen Dingen dem an, was es bis heute zu tun gegeben hat denjenigen, die nach Welt- und Lebensauffassung strebten, und das es noch lange in diesem Sinne für solche zu tun geben wird.
[ 51 ] Thus we see that we are still standing within it—and to what extent we are standing within it, I will have to elaborate further tomorrow in my lecture—thus we see how we stand within it with all our striving in the full revelation of that which was established back then, which was established by individuals. That is the one thing I wish to emphasize: the grandeur of the worldview of German Idealism. Above all, this ties in with what has been the task to this day for those who have sought a worldview and a conception of life, and what will continue to be their task in this sense for a long time to come.
[ 52 ] Das Andere, was ich betonen will, ist, dass ja jeder Weltanschauungsimpuls, der in die Weltanschauung hereintritt, zuerst bei wenigen auftritt. Und die Gestalt, wie er auftritt, ist nicht maßgebend für die Art und Weise, wie er wirkt. Aber wenn man sich — wie gesagt, ich kann das heute nicht weiter ausführen — nicht verstandesmäßig, aber empfindungs- und gefühlsmäßig, nicht in das Dogmatische, sondern in das Wollen, in die besondere Gesinnungsrichtung, die dem Weltbild des Deutschen Idealismus besonders zugrunde liegt, vertieft, dann findet man, dass da drinnen etwas steckt, was sich noch ausleben, was sich noch entwickeln kann, von dem man sagen kann: Es kann aus ihm erwas entstehen, was gar keine Ähnlichkeit hat mit den schwer verständlichen Auseinandersetzungen Fichtes, Schellings, Hegels, was sich so entwickeln kann, dass es leicht verstanden werden kann von dem einfachsten Gemüt auch.
[ 52 ] The other point I want to emphasize is that every ideological impulse that enters a worldview first appears among only a few people. And the form in which it appears is not decisive for the way it takes effect. But if one—as I said, I cannot elaborate further on this today—if one delves not intellectually, but through sensation and feeling; not into dogmatism, but into the will, into the particular orientation of mind that underlies the worldview of German Idealism, then one finds that there is something within it that can still unfold, that can still develop, about which one can say: Something can emerge from it that bears no resemblance whatsoever to the difficult-to-understand debates of Fichte, Schelling, and Hegel—something that can develop in such a way that even the simplest mind can easily understand it.
[ 53 ] Sehr verehrte Anwesende! Ich bin durch jahrelanges Einleben gerade in dieses Weltbild des Deutschen Idealismus zur vollen Überzeugung gekommen, dass in ihm etwas steckt, was von Kindheit auf sich in die Menschennatur einpflanzen kann, dass es eine Dreiheit gibt, zu der der Mensch erzogen werden kann, zu einem Empfinden des Selbstschöpferischen im Ich, das unmittelbar den Menschen — ich möchte sagen — in all seinem Streben einen religiösen Zug gibt, wie es bei Fichte der Fall war. Nicht Fichtes Philosophie, aber die Kräfte, die in der Fichte’schen Philosophie lebten, auf sich wirken lassen, und sie übertragen auf die allgemeine Kultur, in den einfachen Mann, in jeden Einzelnen, das wird einmal möglich sein. — Gewahr zu werden, dass etwas in der menschlichen Seele lebt, das intim verwandt ist mit der Natur, mit demjenigen, was im Innersten der Natur lebt, diese besondere Gesinnung gegenüber der Natur, dieses Leben mit dem Gemüt gegenüber der Natur, dieses SichEmpfinden im Schaffen der Natur drinnen —, es braucht wiederum nicht dasjenige, was Schelling als Philosophie gegeben hat, irgendwie populär zu werden, aber die Gesinnung, aus der dieses Weltbild hervorgegangen ist, das kann sich einleben in das einfachste menschliche Gemüt. — Die Tendenz Hegels, dass der Mensch in seine Seele so tief hinuntersteigen kann, dass er da drinnen Zwiesprache halten kann mit der Weltseele selber, dass er, wenn er frei wird von dem Leben in der äußeren natürlichen und sinnlichen Welt, seinen Zusammenklang mit dem Weltengeiste in sich geistig ertönen hören kann, diese Gesinnung gegenüber dem göttlich wirkenden, waltenden Weltengeiste, das wird, ohne dass das Hegel’sche Weltbild mit dem logischen Charakter vielleicht auch nur gewusst wird, von dem, auf den man das, was ich meine, übertragen will —, das wird als Gesinnung angeregt werden können in der einfachsten Seele.
[ 53 ] Ladies and gentlemen! Through years of immersing myself in this particular worldview of German Idealism, I have come to the firm conviction that it contains something capable of taking root in human nature from childhood onward—that there is a trinity toward which a person can be educated: a sense of the self-creative power within the “I,” which— — I would like to say — a religious quality in all their endeavors, as was the case with Fichte. Not Fichte’s philosophy, but allowing the forces that lived within Fichte’s philosophy to take effect, and transmitting them to general culture, to the common man, to every individual—that will one day be possible. — To become aware that something lives in the human soul that is intimately connected with nature, with that which lives at the very core of nature—this particular attitude toward nature, this living with the soul in relation to nature, this sense of being immersed in the workings of nature— it does not, however, require what Schelling presented as philosophy to become popular in any way; rather, the mindset from which this worldview arose can take root in the simplest human heart. — Hegel’s idea that human beings can descend so deeply into their own souls that they can converse there with the World Soul itself, that when they are freed from life in the external, natural, and sensory world, they can hear the harmony with the World Spirit resound spiritually within themselves—this attitude toward the divinely active, reigning World Spirit, — even without any knowledge of the logical character of Hegel’s worldview — can be evoked as a disposition in the simplest soul.
[ 54 ] Das Weltbild des Deutschen Idealismus, nicht wie es dogmatisch ist, sondern wie es als Strebensziel, als Seelenimpuls gelebt hat, das kann populär werden. Und so paradox, so sonderbar es auch klingen mag: Dasjenige, was dieses Weltbild des Deutschen Idealismus in einer Menschenseele anrichten kann, in einer Menschenseele auslösen kann, wie es diese Menschenseele geistig, naturfühlend, arbeitend, schaffend im alltäglichen Leben religiös-geistig stimmen kann, das ist ebenso möglich wie dass der tiefere Sinn der Grimm’schen Märchen sich einlebt in die menschliche Seele. Nicht schwieriger ist es, sich intim zusammenzuleben mit dem Sinne der Grimm’schen Märchen, mit dem Sinne des deutschen Volksmärchens, der deutschen Volkssagen, als mit dem Sinne desjenigen, was in dem Weltbild des Deutschen Idealismus lebt. Das aber weist uns auf eine Entwicklung desjenigen, wozu dieses Weltbild des Deutschen Idealismus die Wurzel ist, in weite, ferne Zukünfte hinein. Und was sich entwickeln soll, es wird sich entwickeln, wie zahlreich auch diejenigen, die Deutschland umkreisen, das deutsche Volk umkreisen, die diesem deutschen Volk die Existenz bekämpfen wollen. Das große Vertrauen, das der Deutsche zu seiner Zukunft haben kann, kann hervorgehen aus der Einsicht in das, woran er sein Heiligstes, gerade nationales Fühlen geknüpft hat.
[ 54 ] The worldview of German Idealism—not as it is dogmatically defined, but as it was lived as a goal to strive for, as an impulse of the soul—can become popular. And as paradoxical, as strange as it may sound: What this worldview of German Idealism can accomplish in a human soul, what it can trigger within a human soul—how it can attune that soul, in its intellectual, nature-loving, working, and creative daily life, to a religious-spiritual state—is just as possible as the deeper meaning of the Grimm fairy tales taking root in the human soul. It is no more difficult to live in intimate harmony with the spirit of the Grimm fairy tales, with the spirit of German folk tales and German folk legends, than it is with the spirit of that which lives in the worldview of German Idealism. But this points us toward a development of that which this worldview of German Idealism is the root of, into a distant future. And what is meant to develop will develop, no matter how numerous are those who surround Germany, who surround the German people, and who seek to destroy the very existence of this German people. The great confidence that Germans can have in their future can arise from an understanding of that to which they have bound their most sacred, specifically national sentiments.
[ 55 ] Und so kann aus dem Gefühl, das man aufnehmen kann aus dem Weltbild des Deutschen Idealismus, aus dem, was erstrebt worden ist, und aus dem Umstande, dass diese Kräfte, die solches erstreben konnten, im deutschen Volkstum sind —, so kann aus alledem hervorgehen das große Vertrauen, welches der Deutsche zu seiner Fortentwicklung hat, das er kleiden mag in die Zuversicht, die er haben darf in all den schweren Kämpfen und dem furchtbaren Ringen, in dem er drinnen steht, und etwa noch drinnen stehen könnte. So kann man, ohne mit Sympathie und Antipathie, vor allen Dingen ohne dass man mit Antipathien, mit vorgefassten Meinungen, mit Hass auf dasjenige, was andere Volksseelen zu gestalten haben, hinweist —, so kann man den eigentümlichen Charakter des deutschen Volksstrebens, wie er sich ausdrückt in einer seiner Blüten, in dem Weltbild des Deutschen Idealismus, hinstellen, und man kann sagen: Diejenigen, die so etwas verstehen können, die werden verstehen, ob das deutsche Volk eine ihm eigentümliche Sendung hat, an der es hängen muss, welcher Nationalität sie auch angehören mögen. Ob schon viel Verständnis ist in unserer heutigen Zeit für dieses Weltbild des Deutschen Idealismus, namentlich bei unseren Feinden, das ist eine andere Frage. Und wieder: Indem der Deutsche über dieses Weltbild des Deutschen Idealismus spricht, kann er zugleich zeigen, dass er anders sprechen kann, sprechen kann aus den geistigen Tatsachen heraus, und dass das anders ist, als heute vielfach diejenigen sprechen, die dem Deutschen sein Dasein streitig machen wollen, die ihm die Notwendigkeit eines heißen Ringens um dieses Daseins auferlegt haben.
[ 55 ] And so, from the sentiment that can be gleaned from the worldview of German Idealism, from what has been strived for, and from the fact that these forces—capable of such striving—are present in the German national character— from all of this can arise the great confidence that Germans have in their continued development—a confidence they may express through the optimism they are entitled to feel amid all the arduous struggles and terrible trials in which they are currently embroiled, and in which they may yet find themselves embroiled. Thus, without resorting to sympathy or antipathy—and above all without pointing to antipathies, preconceived notions, or hatred toward what other national souls are called upon to shape— one can present the distinctive character of the German national striving, as it is expressed in one of its manifestations—the worldview of German Idealism—and one can say: Those who are capable of understanding such a thing will understand whether the German people have a mission unique to them, to which they must remain committed, regardless of their nationality. Whether there is much understanding in our present age for this worldview of German Idealism—particularly among our enemies—is another question. And again: By speaking about this worldview of German Idealism, the German can at the same time demonstrate that he is capable of speaking differently—speaking from a foundation of spiritual realities—and that this is different from the way many speak today who seek to deny the German his very existence, who have imposed upon him the necessity of a fierce struggle for that existence.
[ 56 ] Ich denke, sehr verehrte Anwesende, der Deutsche braucht bloß in solcher Weise dasjenige herauszustellen, was das Tiefste ist seines Weltanschauungsstrebens — und in nichts zerfallen diejenigen Verleumdungen, die auch Deutschland, die das deutsche Volk einkreisen. Sehen wir doch, wie anders gesprochen werden muss im Umkreis des deutschen Wesens. Es ist auch eine einfache Tatsache. Sehr verehrte Anwesende! Was mussten denn zum Beispiel die Bewohner Britanniens erfinden, um dasjenige zu rechtfertigen, was in dem jetzigen Ringen für sie zum Ausdrucke kommt? Wie der Deutsche bloß hinzuweisen braucht darauf, dass ihm die Notwendigkeit seines Daseinskampfes aufgedrängt ist, worauf mussten die Bewohner Britanniens hinweisen? Hinweisen mussten sie auf etwas, was man nicht anders bezeichnen kann denn eine Maske. Konnten sie hinweisen auf dasjenige, wovon etwa der Deutsche sagen kann: Er musste in den letzten Jahrzehnten den deutschen Staat schaffen, nachdem der Deutsche aus seinem Wesen heraus, nach seiner Entwicklung, bis zu diesem Staate gearbeitet hat? Konnten die Bewohner Britanniens etwa in derselben Weise die Notwendigkeit ihres Daseins in der Art und Weise, wie sie es geschaffen haben durch den Burenkrieg, rechtfertigen, wie der Deutsche rechtfertigen kann dasjenige, was der Deutsche heute tut als die Konsequenz des Krieges von 1870/71? Die wahren Gründe mussten dort mit Masken umhüllt werden. Dass die Erkämpfung von Freiheit anderer Völker nicht das Ideal dort ist, man braucht bloß auf die Geschichte Britanniens hinzuweisen.
[ 56 ] I believe, distinguished guests, that Germans need only highlight in this way what lies at the very heart of their worldview—and the slanders that beset Germany and the German people will crumble to nothing. Let us see, after all, how differently one must speak when dealing with the German essence. It is also a simple fact. Ladies and gentlemen! What, for example, did the inhabitants of Britain have to invent in order to justify what is being expressed for them in the current struggle? Whereas the German need only point out that the necessity of his struggle for existence has been forced upon him, what did the inhabitants of Britain have to point to? They had to point to something that can be described as nothing other than a mask. Could they point to what a German, for example, might say: “In recent decades, he had to create the German state, after the German, by virtue of his very nature and in accordance with his development, had worked toward this state”? Could the inhabitants of Britain, for example, justify the necessity of their existence—in the manner in which they brought it about through the Boer War—in the same way that the German can justify what the German is doing today as a consequence of the war of 1870–71? The true reasons there had to be cloaked in pretense. That the struggle for the freedom of other peoples is not the ideal there—one need only point to the history of Britain.
[ 57 ] Die Franzosen mussten — und das ist wiederum nicht etwas, was aus irgendeinem Hass entspringt, sondern aus der bloßen Charakterisierung, aus der bloßen objektiven Charakterisierung der Tatsachen — eine neue Sophistik erfinden durch die Geister Bergson und Boutroux, die die deutsche Weltanschauung charakterisieren, indem sie schließen wollen nach dem innersten Charakter — wie das Boutroux wollte in einem Vortrag, den er seinen Franzosen gehalten hat aus dieser deutschen Weltanschauung heraus —, dass sie durch ihren ganzen Charakter eine Weltanschauung ist, die sich alles in der Welt erobern will, die alles kriegerisch zusammenstoßen will.
[ 57 ] The French were forced—and this, again, is not something that stems from any kind of hatred, but from the mere characterization, from the mere objective characterization of the facts—to invent a new form of sophistry through the minds of Bergson and Boutroux, who characterize the German worldview by seeking to infer, based on its innermost character — as Boutroux sought to do in a lecture he gave to his fellow Frenchmen based on this German worldview — that, by its very nature, it is a worldview that seeks to conquer everything in the world, that seeks to bring everything into conflict through war.
[ 58 ] Bergson muss eine eigene philosophische Sophistik erfinden, um zeigen zu können, wie der Kampf Frankreichs gegenüber dem deutschen Wesen ein Kampf des Geistes gegenüber der Materie sei, ein Kampf der Zivilisation gegenüber der Barbarei. Wir sehen da eine ganz neue Sophistik erblühen.
[ 58 ] Bergson must invent his own philosophical sophistry in order to demonstrate how France’s struggle against the German spirit is a struggle of mind against matter, a struggle of civilization against barbarism. We see an entirely new form of sophistry blossoming here.
[ 59 ] Russland hat sich wohl vorbereitet dasjenige, was es gebraucht hat, um das, was jetzt von dorther dem deutschen Wesen droht, um das in der entsprechenden Weise vorzubereiten. Russland braucht einen neuen Ausdruck für seinen alten Wahn, um nicht wie der Deutsche in selbstverständlicher Weise auf seine Sendung hinzudeuten, sondern auf etwas hinzudeuten, was eben als ein Wahn lebt. Nun, wiederum soll nicht hier Charakteristik von außen her gemacht werden, sondern ich möchte — weil ich selbstverständlich nicht die Zeit habe, um in ausführlicher Weise zu charakterisieren, inwiefern das Streben, das uns von Osten bedroht, ein Wahn ist —, ich möchte einen anderen als Kronzeugen anführen, einen Geist, der das wissen muss, einen Geist, der am tiefsten in dem russischen Geistesleben wurzelt in der neueren Zeit, den großen Solowjow, der in das neunzehnte Jahrhundert hineingestellt ist, und der — ich möchte sagen — das ganze russische Geistesleben wie in einem philosophischen Brennpunkt zur Widerspiegelung bringt. Er spricht davon, wie ein anderer Geist Russlands die weltgeschichtliche Mission Russlands zusammenfasst in die Worte: Warum liebt uns Europa nicht, warum fürchtet uns Europa? — Danilewski stellt diese Frage auf. Und er sagt:
[ 59 ] Russia has evidently prepared what it needed to properly prepare for the threat that now emanates from there against the German spirit. Russia needs a new expression for its old delusion, so as not to point to its mission in the matter-of-fact way that the Germans do, but rather to point to something that exists precisely as a delusion. Now, once again, I do not intend to offer an external characterization here; rather, I would like—since I naturally do not have the time to characterize in detail the extent to which the aspiration threatening us from the East is a delusion— I would like to cite another as a key witness, a thinker who must know this, a thinker who is most deeply rooted in modern Russian intellectual life: the great Soloviev, who belongs to the nineteenth century and who—I would say—reflects the entirety of Russian intellectual life as if in a philosophical focal point. He speaks of how another Russian thinker summarizes Russia’s mission in world history in the words: “Why does Europe not love us? Why does Europe fear us?”—Danilevsky poses this question. And he says:
«Europa fürchtet uns als den neuen und höheren Kultur typus, welcher berufen ist, die Greisenhaftigkeit der romanisch-germanischen Zivilisation zu ersetzen.»
“Europe fears us as the new and superior cultural type, destined to replace the senility of Roman-Germanic civilization.”
[ 60 ] In diesen Worten drückt sich der ganze Wahn des Ostens aus. Nicht soll in Abrede gestellt werden, dass in dem, was im Osten keimt, großartige, gewaltige Samen für eine Menschheitszukunft liegen. In der Art, wie sie sich jetzt ausleben, ich will es charakterisieren dadurch, dass ich Solowjows, des großen Russen Antwort verlese auf diese Charakteristik des Danilewski:
[ 60 ] These words express the full extent of the East’s delusion. It is not to be denied that what is sprouting in the East contains magnificent, powerful seeds for the future of humanity. As for the way they are now playing out, I will characterize them by quoting Solovyov, the great Russian’s, response to Danilevsky’s characterization:
«Dennoch führen sowohl der Inhalt des Buches Danilewskis wie auch seine späteren Zugeständnisse und diejenigen seines gleichgesinnten Freundes»
“Nevertheless, both the content of Danilevsky’s book and his later concessions, as well as those of his like-minded friend”
[ 61 ] — gemeint ist ein gewisser Strachow —
[ 61 ] — this refers to a certain Strachow —
«auf eine andere Antwort: Europa blickt gegnerisch und mit Befürchtung auf uns, weil im russischen Volke dunkle und unklare elementarische Gewalten leben, weil dessen geistige und Kulturkräfte ärmlich und ungenügend sind, dafür aber seine Ansprüche offenbar und scharf bestimmt zutage treten. Gewaltig tönen nach Europa hinaus die Rufe von dem, was das russische Volk als Nation wol le, dass es die Türkei und Österreich vernichten wolle, Deutschland schlagen, Konstantinopel und, wenn möglich, auch Indien an sich reißen wolle.»
“Another response: Europe views us with hostility and fear because dark and obscure elemental forces dwell within the Russian people, because their intellectual and cultural powers are meager and inadequate, while their claims, on the other hand, are clearly and sharply defined. The cries of what the Russian people desire as a nation resound powerfully throughout Europe—that they wish to destroy Turkey and Austria, defeat Germany, and seize Constantinople and, if possible, India as well.”
[ 62 ] Der große Russe Solowjow charakterisiert den umfassenden Russenwahn lange bevor er sich in einer neuen Weise geboren hat, lange bevor er sich geboren hat in dem, was uns gegenwärtig von Osten droht. Und dann sagt er weiter:
[ 62 ] The great Russian Soloviev describes the pervasive Russian delusion long before it reemerged in a new form, long before it manifested itself in what currently threatens us from the East. And then he goes on to say:
«Und wenn man uns fragt, womit wir anstelle des an uns Gerissenen und Zerstörten die Menschheit beglücken wollen, welche geistige und Kulturverjüngung wir in die Weltentwickelung bringen wollen, dann müssen wir entweder schweigen oder sinnlose Phrasen schwätzen.»
“And when we are asked what we intend to offer humanity in place of what has been snatched from us and destroyed, what spiritual and cultural renewal we intend to bring to the development of the world, then we must either remain silent or spout meaningless platitudes.”
[ 63 ] Nicht ich will das sagen; einer der größten der russischen Geister charakterisiert dasjenige, was als russischer Wahn aus dem Osten erscheint, also.
[ 63 ] It is not I who say this; one of the greatest Russian minds characterizes what appears to be a Russian delusion from the East as follows:
«Und»,
“And,”
[ 64 ] so sagt er weiter,
[ 64 ] he goes on to say,
«wenn das bittere Geständnis Danilewskis gerecht ist, dass Russland krank zu werden beginnt»
“If Danilevsky’s bitter confession is true, that Russia is beginning to fall ill”
[ 65 ] in den 80er-Jahren des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben
[ 65 ] written in the 1880s
«dann müssten wir uns, statt mit der Frage: Warum liebt uns Europa nicht?, vielmehr mit einer anderen beschäftigen, einer uns näher liegenden und uns wichtigeren Frage: Warum und weshalb sind wir krank? Physisch ist Russland noch ziemlich stark, wie es sich in dem letzten russischen Kriege gezeigt hat; also ist unser Leiden ein sittliches. Auf uns lasten, dem Worte eines alten Schriftstellers gemäß, die im Volkscharakter verborgenen und uns nicht zum Bewusstsein kommenden Sünden — und so ist es vor allem nötig, diese in das Licht des hellen Bewusstseins heraufzubringen.»
“Then, instead of asking, ‘Why doesn’t Europe love us?,’ we would have to concern ourselves with another question—one closer to home and more important to us: Why and for what reason are we sick? Physically, Russia is still quite strong, as was demonstrated in the last Russian war; thus, our affliction is a moral one. In the words of an ancient writer, we are burdened by sins hidden in the national character and of which we are unaware—and so it is above all necessary to bring these into the light of clear consciousness.”
[ 66 ] In den 80er-Jahren des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben!
[ 66 ] Written in the 1880s!
«Solange wir geistig gebunden und paralysiert sind, müssen uns alle unsere elementarischen Instinkte nur zum Schaden gereichen. Die wesentliche, ja die einzig wesentliche Frage für den wahren Patriotismus ist nicht die Frage über die Kraft und über die Berufung, sondern über die Sünden Russlands.»
“As long as we are mentally bound and paralyzed, all our elemental instincts can only do us harm. The essential—indeed, the only essential—question for true patriotism is not the question of strength and calling, but of Russia’s sins.”
[ 67 ] Die Frage kann entstehen: Ist das der russische Patriot, der den jetzigen Krieg mit den Idealen des Wahnes, die hier Solowjow zurückweist, entfacht hat, oder ist es Solowjow, der in dieser Weise energisch hinweist auf dasjenige, was Russland nötig ist, und was ganz gewiss nicht hätte zu diesem Kriege führen können?
[ 67 ] The question may arise: Is it the Russian patriot who ignited the current war with the delusional ideals that Soloviev rejects here, or is it Soloviev who so forcefully points out what Russia needs—and what certainly could not have led to this war?
[ 68 ] Italien, um zu rechtfertigen, was es aus seinem Welteroberungsplan heraus entwickelt hat als seine jetzigen Taten — es würde viel zu ausführlich sein müssen, man würde zu viel zu großer Ausführlichkeit kommen, wenn man die merkwürdigen Worte des d’Annunzio irgendwie etwa charakterisieren wollte, aber ich denke, man wird die ganze Eigentümlichkeit desjenigen, was als Rechtfertigung uns von da herauftönt, man wird die ganze Eigentümlichkeit dieses — zu der englischen Maske, zu dem russischen Wahn, zu der französischen Sophistik — zu der Rechtfertigung der gegnerischen Staaten hinzufügen können, wenn man bloß auf das eine hinweist: Da sah sich um die italienische Volksseele nach einer Rechtfertigung ihres heutigen Handelns, da wurden allerdings viele, viele Worte gesprochen; aber bei einem blieb man immer stehen, das ja darauf hinweist: Die Franzosen brauchen eine neue Sophistik, die Engländer brauchen eine neue Maske, die Russen brauchen ihren alten Wahn, und die Italiener brauchen — einen neuen Heiligen. Durch ganz profane Mittel ist der Egoismus heiliggesprochen worden! Denn das Wort vom «heiligen Egoismus» als dem rechtfertigenden Wesen desjenigen, das da von unten heraufsteigt, das tönt uns immer wieder von Neuem entgegen.
[ 68 ] Italy, in order to justify what it has developed from its plan for world conquest—namely, its current actions—it would have to be far too detailed; one would end up going into far too much detail if one were to attempt to characterize d’Annunzio’s peculiar words in any way, but I think one can grasp the entire peculiarity of what is presented to us from there as a justification, one will be able to add the entire peculiarity of this—to the English mask, to the Russian delusion, to the French sophistry—to the justifications of the opposing states, if one merely points to this one thing: The Italian national soul sought a justification for its present actions, and indeed many, many words were spoken; but they always settled on one, which points precisely to this: The French need a new sophistry, the English need a new mask, the Russians need their old delusion, and the Italians need—a new saint. Through entirely profane means, egoism has been canonized! For the phrase “holy egoism”—as the justifying essence of that which rises up from below—resounds anew to us time and again.
[ 69 ] Einer objektiven Beurteilung kann man es überlassen, ob das — wie man darf sprechen von dem Innersten des Deutschen, wie im Sinne des Weltbildes des Deutschen Idealismus —, ob das mehr objektiv rechtfertigt des deutschen Volkes Sendung oder die Sophistik, die Maske, der Wahn dort und gar der neue Heilige dort.
[ 69 ] One can leave it to an objective assessment to determine whether—as one might say, the very essence of the German spirit, in the sense of the worldview of German Idealism—this more objectively justifies the German people’s mission, or whether it is mere sophistry, a mask, delusion, and even a new form of sanctity.
[ 70 ] Hinblickend auf das Weltbild des Deutschen Idealismus, sehr verehrte Anwesende, wie auf eine der Nuancen in der Wesenheit der deutschen Volksseele, an die sich so innig anschließen möchte der Deutsche und [anschließen] muss heute, hinblickend unter dem vielen, was an Nuance in dieser Volksseele ist, auch eben auf diese Nuance des Deutschen Idealismus, des Weltbildes des Deutschen Idealismus, darf man auch darin dasjenige erkennen, was ich glaube, dass in voller Bescheidenheit — ohne sich schuldig zu machen desjenigen, was in so verleumderischer Weise von allen Seiten dem Deutschen heute entgegengeredet wird —, es darf in aller Bescheidenheit der Deutsche sagen, er erkenne auf dreifache Art dasjenige, was seine heutige Pflicht ist. Er fühlt auf dreifache Art dasjenige, was ihm heute obliegt. Er fühlt sich auf diese dreifache Art gerechtfertigt vor dem Innersten seines Gewissens, seines Menschheits- und Geschichtsgewissens, indem er weiß, er hat nicht zu reden in sophistischer Weise über andere niedere Volksgeister, über deren barbarische Gewohnheiten. Er braucht bloß an das Heiligste seines eigenen Strebens sich zu erinnern und braucht zu erkennen dieses Heiligste seines eigenen inneren Strebens als das teure, heilige Vermächtnis der deutschen Vorzeit. Dann darf er als das eine, wodurch er sich kraftvoll hinzustellen weiß — und in der rechten Art sich hineinzustellen weiß — in die deutsche Gegenwart, dann darf er als das eine erste erfühlen: die Liebe zur deutschen Vergangenheit und zu alledem, was aus dieser deutschen Vergangenheit als Vermächtnis dem Deutschen der Gegenwart übergeben ist, an das er sich zu halten hat, für das er eben in Liebe, weil er es in seinem Grunde erkennt, eintritt, das ihn beseligt, das ihn begeistert, das ihn über Schmerz und Leid hinweghebt. Es ist die Liebe zur Vergangenheit.
[ 70 ] Looking at the worldview of German Idealism, ladies and gentlemen, as one of the nuances in the essence of the German national soul—to which the German people so deeply wish to connect and must connect today—and looking, among the many nuances in this national soul, specifically at this nuance of German Idealism, of the worldview of German Idealism, one may also recognize in it that which I believe—in all modesty, without being guilty of what is so slanderously spoken against the German from all sides today—the German may say, in all modesty, that he recognizes in three ways what his duty is today. He feels in three ways what is incumbent upon him today. He feels justified in these three ways before the innermost depths of his conscience—his conscience of humanity and history—knowing that he need not speak in a sophistical manner about other inferior national spirits or their barbaric customs. He need only recall the most sacred aspect of his own striving and recognize this most sacred aspect of his own inner striving as the precious, sacred legacy of Germany’s past. Then he may feel, as the one thing through which he knows how to stand firmly—and how to position himself correctly—in the German present, then he may feel, above all else: love for the German past and for all that has been handed down from this German past as a legacy to the Germans of the present—a legacy to which he must hold fast, for which he stands up in love precisely because he recognizes it in his heart, a legacy that brings him joy, that inspires him, that lifts him above pain and suffering. It is love for the past.
[ 71 ] Und was ihn trägt durch die schweren Pflichten der Gegenwart, es ist der Glaube an die Gegenwart des deutschen Wesens, an die Kraft, die in dieser Gegenwart aus diesem deutschen Wesen fließt, und die dasjenige bringen muss, was dieses deutsche Wesen in seiner Stellung fest erhält, so wie es übernommen worden ist von der lichten Vorzeit. Die Liebe zur Vergangenheit, der Glaube an die Gegenwart, sie gesellen sich zum Dritten, das aus den beiden anderen fließt, und das in die Seele Kraft und Zuversicht gießt, die aus den anderen beiden lebendig folgen —, sie gesellen sich, die beiden ersten, die Liebe, der Glaube, zur begründeten, aus der innersten Natur der Deutschheit — um dieses Fichtewort zu gebrauchen fließenden Hoffnung auf die zukünftige Erfüllung desjenigen, was die Vergangenheit angeregt hat für den Deutschen, wofür die deutsche Gegenwart sich bemüht. Liebe zur Vergangenheit, Glaube an die Gegenwart, Hoffnung auf die Zukunft, das hält uns in unserer harten, aber uns auch beseligenden Gegenwart im Leibe, in der Seele, im Geiste zusammen.
[ 71 ] And what sustains him through the heavy duties of the present is his faith in the presence of the German spirit, in the power that flows from this German spirit in the present, and which must bring about that which firmly maintains this German spirit in its position, just as it was inherited from the glorious past. Love for the past and faith in the present join together to form a third element, which flows from the other two and pours strength and confidence into the soul—qualities that spring vividly from the other two— they join together—the first two, love and faith—with the well-founded hope, flowing from the innermost nature of Germanness—to use Fichte’s words—for the future fulfillment of that which the past has inspired for the German people, and for which the German present strives. Love for the past, faith in the present, hope for the future—this is what holds us together in body, soul, and spirit in our harsh yet also blissful present.
