The Human Being as a
Spirit and Soul Being
GA 71b
11 February 1918, Nuremberg
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The Human Being as a Spirit and Soul Being, tr. SOL
1. Leib, Seele und Geist des Menschen. Ergebnisse aus den Forschungen der Geisteswissenschaft
1. The Human Body, Soul, and Spirit: Findings from Research in Spiritual Science
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Zwei Vorträge werde ich mir gestatten, hier zu halten, die in einer gewissen Beziehung einen zusammengehörigen Inhalt haben, sodass manches, was heute gesagt wird, morgen noch eine besondere Ergänzung erfahren wird. Doch möchte ich um der verehrten Zuhörer willen mich bestreben, jeden Vortrag für sich als ein abgeschlossenes Ganzes, was für sich gehört werden kann, zu gestalten.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! I will take the liberty of delivering two lectures here, which are related in content to a certain extent, so that some of what is said today will be further elaborated upon tomorrow. However, for the sake of my esteemed audience, I will strive to structure each lecture as a self-contained whole that can be listened to on its own.
[ 2 ] Wenn man heute in dem Sinne von Geisteswissenschaft spricht, wie es hier geschehen soll, so findet man vorläufig noch, und zwar ganz selbstverständlich, möchte man sagen, den stärksten Widerstand, die schärfsten Missverständnisse. Insbesondere werden dieser Widerstand und diese Missverständnisse ausgehen von denjenigen, welche mit Bezug auf alle weiterreichenden Weltanschauungsfragen glauben, von dem sogenannten ganz sicheren, festen Boden der einzig wahren Wissenschaftlichkeit, der Naturwissenschaft, auszugehen.
[ 2 ] When one speaks today of “spiritual science” in the sense intended here, one still encounters—for the time being, and quite naturally, one might say—the strongest resistance and the most severe misunderstandings. In particular, this resistance and these misunderstandings stem from those who, with regard to all far-reaching questions of worldview, believe they are proceeding from the so-called completely secure, firm ground of the only true science—natural science.
[ 3 ] Nun muss demgegenüber gleich von vornherein gesagt werden, dass jene Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, nicht im Geringsten in irgendeinem Widerspruch steht mit den allermodernsten Anforderungen und Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft; ja, dass sie geradezu sein will eine notwendige Ergänzung und eine notwendige Folgerung aus dieser modernen Naturwissenschaft. Wenn man bloß Naturwissenschaft kennt, so wird man sehr leicht zu einem Gegner und Ablehner dieser Geisteswissenschaft werden. Kennt man Naturwissenschaft gerade in ihren wichtigsten, umfassendsten Ergebnissen der Gegenwart, und kennt man zugleich die Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, dann ist man, sehr verehrte Anwesende, eben durchaus kein Gegner der Naturwissenschaft.
[ 3 ] Now, in contrast, it must be stated from the outset that the humanities referred to here are in no way at all in conflict with the very latest demands and achievements of modern natural science; indeed, they are intended to be a necessary complement to and a necessary consequence of this modern natural science. If one is familiar only with natural science, one will very easily become an opponent and rejecter of this human science. If one is familiar with natural science—specifically with its most important and comprehensive contemporary findings—and at the same time is familiar with the human science referred to here, then, ladies and gentlemen, one is by no means an opponent of natural science.
[ 4 ] Dass naturwissenschaftliche Bildung — wie man es ja wohl nennt — heute gegenüber dieser Geisteswissenschaft so ablehnend ist, das ist vor allen Dingen auf einen sehr merkwürdigen Umstand zurückzuführen. Und es muss schon einleitungsweise über solche Dinge gesprochen werden, weil sehr leicht derjenige, der solche Auseinandersetzungen, wie sie hier gepflogen werden, zum ersten Male hört, auf den Gedanken kommen könnte, das, was hier gesagt wird, stünde in der Luft; widerspreche einer wirklich wahrhaftigen naturwissenschaftlichen Anforderung. Ich darf — wenn ich diese persönliche Bemerkung vorausschicken darf — wohl sagen, dass ich selbst durchaus überall, wo Naturwissenschaft in berechtigter Weise gegenwärtig auftritt, mit dieser Naturwissenschaft gegen alle dilettantischen oder oberflächlichen Bestrebungen auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft gehe, dass ich aber gerade deshalb Geisteswissenschaft in der Gestalt, wie ich von ihr sprechen muss, zu vertreten habe.
[ 4 ] The fact that science education—as it is commonly called—is so hostile today toward the humanities can be attributed above all to a very peculiar circumstance. And it is necessary to address such matters right at the outset, because anyone hearing such debates—as are being conducted here—for the first time might very easily be led to think that what is being said here is unfounded; that it contradicts a truly scientific requirement. If I may preface this with a personal remark, I can certainly say that wherever natural science is legitimately present, I align myself with it against all dilettantish or superficial endeavors in the field of the humanities; yet it is precisely for this reason that I must advocate for the humanities in the form in which I am compelled to speak of them.
[ 5 ] Man darf ja sagen: Dasjenige, was gerade heute auf dem Gebiete der naturwissenschaftlichen Denkweise, der naturwissenschaftlichen Forschungsart geleistet wird, das hat sich gerade in den letzten Jahren zu einer großen Vorurteilslosigkeit hindurchgerungen gegenüber dem ganz oberflächlichen Materialismus von der Mitte, dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Man hat ja heute schon gegenüber, wie ich sagen möchte, dem naturwissenschaftlichen Romantizismus von früher, man hat heute schon so ausgezeichnet Objektives, so Eindringliches, wie zum Beispiel das jüngst erschienene groRe Werk, das in dieser Beziehung ganz mustergültig ist, das Werk von Oscar Hertwig «Über das Wesen der Organismen. Eine Widerlegung der Darwin’schen Zufallstheorie». Und man könnte viel, viel Ähnliches anführen, wenn man wollte gerade zum Lobe der Naturwissenschaft in der unmittelbaren Gegenwart sprechen.
[ 5 ] One might well say: What is currently being accomplished in the realm of scientific thinking and scientific research has, especially in recent years, forged its way toward a great lack of prejudice toward the very superficial materialism of the mid- to late nineteenth century. Today, in contrast to—as I would put it—the scientific romanticism of the past, we already have such outstanding examples of objectivity and such compelling works as, for example, the recently published major work that is entirely exemplary in this regard: Oscar Hertwig’s On the Nature of Organisms. A Refutation of Darwin’s Theory of Chance. And one could cite many, many similar examples if one wished to speak specifically in praise of the natural sciences in the immediate present.
[ 6 ] Sieht man hin auf die Gesinnung, auf die Denk- und Vorstellungsart, die bei den besonnenen Naturforschern der Gegenwart herrscht, so sind diese Gesinnungen, so ist diese Vorstellungsart ähnlich der des größten Biologen aus der Haeckel-Schule, Oscar Hertwig, der da sagt, Naturwissenschaft habe sich nur auf die Sinneswelt zu verlegen, habe nur zu erforschen das Endliche, habe nicht sich zu ergehen über das Unendliche; dieses müsse überlassen bleiben — so sagt ein tonangebender Naturforscher der Gegenwart —, dieses Übersinnliche, dieses Geistige müsse überlassen bleiben der Metaphysik, der Erkenntnistheorie und so weiter. — Wiederum ein Ausspruch, zu dem sich Hunderte und Hunderte besonnene Naturforscher-Aussprüche der Gegenwart hinzufügen ließen. Und man könnte glauben, dass solche Gesinnungen, von solcher Seite kommend, durchaus die Bahn frei machten für eine unbefangene Auffassung einer geisteswissenschaftlichen Forschung. Und dennoch ist es nicht der Fall. Denn wenn solches auch gesagt wird, so wird doch auf der anderen Seite wiederum begreiflich zu machen versucht, gerade von dieser Seite, dass wahre Wissenschaft, echte Wissenschaft doch nur diejenige sein könne, die sich hübsch auf den Boden der bloß äußeren sinnlichen Tatsachen stellt. Und so wird auf der einen Seite nur erforscht dieser Boden sinnlicher Tatsachen, so wird ausgeschlossen das Übersinnliche, das Geistige, aber es wird zu gleicher Zeit darauf hingewiesen, wenn auch recht verdeckt, darauf hingewiesen, dass all dasjenige, was über den Geist, über das Übersinnliche gesagt wird, doch eigentlich nicht wahrhaft wissenschaftlich sein könne, denn man lässt eben durchblicken, dass strenge, ernste wissenschaftliche Methoden nur auf dem Boden der Sinnesbeobachtung, des Endlichen erwachsen können.
[ 6 ] If one considers the mindset, the way of thinking and conceiving that prevails among the level-headed natural scientists of the present day, these attitudes and this way of conceiving are similar to those of the greatest biologist from the Haeckel school, Oscar Hertwig, who states that natural science must confine itself solely to the sensory world, must investigate only the finite, and must not concern itself with the infinite; this, says a leading natural scientist of our time, must be left—this supersensory, this spiritual realm must be left to metaphysics, epistemology, and so on. — Yet another statement to which hundreds and hundreds of level-headed statements by contemporary natural scientists could be added. And one might believe that such attitudes, coming from that quarter, would certainly clear the way for an unbiased view of research in the humanities. And yet this is not the case. For even if such things are said, attempts are made on the other hand—precisely from this very quarter—to make it clear that true science, genuine science, can only be that which stands firmly on the ground of purely external, sensory facts. And so, on the one hand, research is confined solely to this realm of sensory facts, thereby excluding the supersensory and the spiritual; yet at the same time—albeit in a rather veiled manner—it is implied that everything said about the spirit and the supersensory cannot actually be truly scientific, for it is implied that rigorous, serious scientific methods can arise only on the basis of sensory observation, of the finite.
[ 7 ] Man muss sagen: Allerdings, so wie man diese Aussprüche, diese Gedanken charakterisiert, so finden sie sich in den engeren Kreisen der Naturforscher oder derjenigen, die auf dem Boden der Naturforschung irgendeine Weltanschauung aufbauen, und man könnte glauben, das ginge ja die große Menge der Gebildeten nichts Besonderes an. So ist es aber heute nicht. Man muss sich nur klar darüber sein, dass heute durch tausend und abertausend Kanäle unser vielverzweigtes Bildungs- und Denkleben genährt, befriedigt wird und dass solche Vorstellungen, die an ihrem Ursprungsort nur derjenige kennt, der sich mit der naturwissenschaftlichen Literatur bekannt macht, dass solche Aussprüche in populärster Weise sich einnisten und einführen in die Denkweise des breitesten Publikums. Daher kommt das so sehr verbreitete Vorurteil, das gewohnheitsmäßig in den Seelen vorhanden ist, ohne dass man es weiß, das Vorurteil, wer über das Geistige, das Übersinnliche spricht, könne kein wahrer Wissenschafter sein.
[ 7 ] It must be said: However, the way these statements and ideas are characterized, they are found primarily in the narrower circles of natural scientists or those who build some kind of worldview on the foundation of natural science, and one might think that this is of no particular concern to the vast majority of educated people. But that is not the case today. One need only be aware that today our multifaceted educational and intellectual life is nourished and satisfied through thousands upon thousands of channels, and that such ideas—which, at their source, are known only to those familiar with scientific literature—take root and find their way into the thinking of the broadest public in the most popular ways. Hence the widespread prejudice that is habitually present in people’s minds without their realizing it—the prejudice that anyone who speaks of the spiritual or the supersensible cannot be a true scientist.
[ 8 ] Demgegenüber muss das Folgende bemerkt werden: Gerade wenn man ein rechter, aber verständiger Bewunderer der modernen naturwissenschaftlichen Vorstellungsart ist, dann lernt man erkennen, aufgrund welcher Methoden, aufgrund welcher Ideen diese naturwissenschaftliche Vorstellungsart ihre großen Errungenschaften erlangt hat. Dann lernt man aber auch erkennen, dass diese naturwissenschaftlichen Begriffe, Ideen und Vorstellungen gerade dann für die Betrachtung der Natur im höchsten Grade geeignet sind, gerade dann auf dem Boden der Naturwissenschaft ihre glänzenden Erfolge erzielen müssen, wenn sie ganz ungeeignet sind, irgendetwas auszusagen über Wahrheiten, die sich auf das Geistige oder das Seelenleben des Menschen beziehen. Es haben sich allmählich gerade auf dem Boden der Naturwissenschaft solche Forschungsarten herausgebildet, die nicht anwendbar sind auf das Geistige. Daher kommt es, dass, gerade weil die Naturwissenschaft so glänzende, so eindringliche Vorstellungen hat, weil sie so glänzende Erfolge erzielen kann mit diesen Vorstellungen, es um ihretwillen notwendig ist, dass von einer ganz anderen Seite her der Naturwissenschaft eine Geisteswissenschaft an die Seite gestellt wird.
[ 8 ] In contrast, the following must be noted: It is precisely when one is a true, yet discerning admirer of the modern scientific way of thinking that one comes to recognize the methods and ideas on which this scientific way of thinking has based its great achievements. But one also comes to recognize that these scientific concepts, ideas, and notions are best suited for the study of nature—and are bound to achieve their brilliant successes on the foundation of natural science—precisely when they are entirely unsuitable for making any statements about truths relating to the spiritual realm or the inner life of the human being. Gradually, precisely on the foundation of natural science, certain types of research have emerged that are not applicable to the spiritual realm. This is why—precisely because natural science possesses such brilliant, such vivid concepts, and because it can achieve such brilliant successes with these concepts—it is necessary, for its own sake, that a spiritual science be placed alongside natural science from an entirely different perspective.
[ 9 ] In früheren Zeiten hat der Mensch, indem er die Natur beobachtet hat, mit den naturwissenschaftlichen Begriffen nach seiner Überzeugung noch allerlei Geistiges aus dem Umkreis der Natur selber empfangen. Wer ältere naturwissenschaftliche Vorstellungen kennt, der weiß, dass man mit Begriffen, die man sich früher gebildet hat, durchaus zugleich überzeugend aufgenommen hat, dass überall die Natur durchgeistigt ist. Die Naturwissenschaft hat solche Begriffe ausgemerzt — mit Recht — auf ihrem Boden. Sie hat lauter Begriffe ausgebildet, welche nur geeignet sind, das äußere natürliche Dasein ohne irgendwelches Geistige zu betrachten. Daher taucht gerade in der Gegenwart die Notwendigkeit auf, den Geist von einer anderen Seite her zu erforschen. Daher folgt aus dem Charakter der Naturwissenschaft der Gegenwart gerade das, dass es eine Geisteswissenschaft neben dieser Naturwissenschaft geben müsse, wenn der Mensch nicht vollständig verlieren soll den Erkenntniszusammenhang mit den größten Fragen, die seiner Seele Sehnsucht erfüllen müsse, mit den Fragen zum Beispiel nach der menschlichen Freiheit, namentlich mit der Frage nach der ewigen Natur der Menschenseele, nach dem Charakter, der Wesenheit der Menschenseele; alle diese Fragen, die da gipfeln in der Unsterblichkeitsfrage.
[ 9 ] In earlier times, by observing nature, human beings—in accordance with their convictions and using scientific concepts—received all manner of spiritual insights from the realm of nature itself. Anyone familiar with older scientific ideas knows that, using concepts formed in the past, people genuinely and convincingly accepted that nature is imbued with spirit everywhere. Natural science has—rightly so—eradicated such concepts from its own domain. It has developed concepts that are suited only to viewing external natural existence without any spiritual element. Therefore, the need to explore the spirit from a different perspective arises precisely in the present. Consequently, it follows from the very nature of contemporary natural science that there must be a spiritual science alongside it, if humanity is not to completely lose the cognitive connection to the greatest questions that must fulfill the soul’s longing—questions such as those concerning human freedom, specifically the question of the eternal nature of the human soul, its character, and its essence; all these questions, which culminate in the question of immortality.
[ 10 ] Nun habe ich den heutigen Vortrag im Besonderen betitelt: «Leib, Seele und Geist des Menschen». Dies hat eine gewisse innere Berechtigung, aus dem Grunde, sehr verehrte Anwesende, weil — ich kann mich auf die Einzelheiten dabei nicht einlassen — weil seit dem neunten Jahrhundert es sich allmählich eingebürgert hat, wenn man von dem Menschen spricht und seiner Wesenheit, nicht von Leib, Seele und Geist zu sprechen, sondern nur zu sprechen von Leib und Seele. Wer die Tatsachen auf diesem Gebiet durchschaut, der weiß, dass gerade das Außerachtlassen des Geistes die Unaufmerksamkeit gegenüber dem Geistigen bewirkt hat, dass im Grunde genommen sich die Erkenntnis des Wesens des Menschen in den letzten Jahrhunderten vollständig verdunkelt hat, dass sie erst vor allen Dingen wiederum aufgehellt werden muss. Es ist, wenn ich den Vergleich gebrauchen darf, gegenüber der menschlichen Wesenheit wirklich heute so, auch wenn man alles, was auf dem Gebiete der Philosophie geschrieben wird, kennt, wie wenn ein Chemiker einen zusammengesetzten Stoff hat, und er geht immer von dem Vorurteil aus, da müssten sich zwei Bestandteile finden. Er setzt gar nicht voraus, dass sich ein Drittes darin finden muss. Daher muss er, wenn er nun herumexperimentiert, fortwährend zu falschen Begriffen kommen.
[ 10 ] I have titled today’s lecture specifically: “The Body, Soul, and Spirit of the Human Being.” There is a certain inner justification for this, dear audience, because—though I cannot go into the details here—since the ninth century it has gradually become customary, when speaking of the human being and his nature, not to speak of body, soul, and spirit, but only of body and soul. Anyone who sees through the facts in this area knows that it is precisely the neglect of the spirit that has led to inattention toward the spiritual; that, fundamentally speaking, the understanding of the essence of the human being has been completely obscured in recent centuries; and that it must first and foremost be illuminated once again. It is—if I may use the comparison—truly the case today with regard to the human being, even if one is familiar with everything that has been written in the field of philosophy, as if a chemist were dealing with a compound and always proceeded from the prejudice that it must contain two components. He does not even assume that a third component must be present. Consequently, when he experiments, he continually arrives at false conclusions.
[ 11 ] So ungefähr sind die Betrachtungen, die angestellt werden heute vom philosophischen Standpunkte aus über das Wesen des Menschen, namentlich über die ewige Natur des Menschen. Man setzt voraus, man dürfe nur von Leib und Seele des Menschen sprechen, Man geht unter dem Vorurteil zu Werke, dass das Dritte, der Geist, irgendwie in dem Seelischen schon drinnenstecken müsse, und man muss daher fehlgehen. Um dieses Letztere zu erhärten, um namentlich vorläufig darauf hinzuweisen, wie man mit Recht zu sprechen hat von Leib, Seele und Geist, lassen Sie uns die folgende Betrachtung anstellen.
[ 11 ] This is roughly the line of thought currently being pursued from a philosophical standpoint regarding the nature of the human being, specifically regarding the eternal nature of the human being. It is assumed that one may speak only of the human body and soul; one proceeds under the prejudice that the third element—the spirit—must somehow already be contained within the soul, and one is therefore bound to err. To substantiate this latter point—and, in particular, to point out for the time being how one is justified in speaking of body, soul, and spirit—let us consider the following.
[ 12 ] Diejenigen inneren Seelenerlebnisse, welche am meisten, am innigsten mit Leibesverhältnissen zusammenhängen, sie geben dennoch über dasjenige, was im Leibe des Menschen vor sich geht, keinen eigentlichen Aufschluss. Ich meine solche inneren Erlebnisse — man sieht sie gar nicht als Seelenerlebnisse an, sie sind aber seelisch erlebt —, solche Erlebnisse wie Hunger und Durst oder anderes, was wir wahrnehmen. Derjenige, der nur betrachten wollte fortwährend, wie man hungrig wird, wie man gesättigt wird, der würde nicht können auf dasjenige kommen, was die äußere Naturwissenschaft erhärtet: dass, während wir im Zustande des Hungers oder des Gesättigtseins sind, in unserem Leibe chemische Veränderungen des Blutes oder sonst etwas chemisch oder physikalisch vor sich geht.
[ 12 ] Those inner soul experiences that are most closely, most intimately connected with physical conditions nevertheless provide no real insight into what is taking place within the human body. I am referring to such inner experiences—which are not even regarded as experiences of the soul, yet are experienced as such—such as hunger and thirst or other things we perceive. Someone who were to observe continuously only how one becomes hungry or how one becomes satiated would not be able to arrive at what external natural science confirms: that while we are in a state of hunger or satiety, chemical changes in the blood or other chemical or physical processes are taking place within our bodies.
[ 13 ] Aber man muss sagen: Das gewöhnliche Bewusstsein des Menschen weiß nichts von dem, was im Leibe sich abspielt, während der Mensch Hunger und Durst empfindet. Es muss durch besondere wissenschaftliche Methoden, die sich auf die Untersuchung des Menschenleibes beziehen, festgestellt werden, was vorgeht, wenn man Hunger, Sättigung, Durst oder dergleichen empfindet. Dasjenige, was man im Bewusstsein hat, das, was man durch das alltägliche Bewusstsein erlebt, hinter dem steht etwas, wovon dieses alltägliche Bewusstsein nichts weiß, sondern erst die physische Wissenschaft Aufschluss geben kann.
[ 13 ] But it must be said: A person’s ordinary consciousness is unaware of what is taking place within the body while the person feels hunger and thirst. It must be determined through specific scientific methods related to the study of the human body what happens when one feels hunger, satiety, thirst, or the like. Behind what one is aware of—what one experiences through everyday consciousness—lies something of which this everyday consciousness is unaware, but which only physical science can shed light on.
[ 14 ] Denken Sie einmal nach, sehr verehrte Anwesende, wie viel der Mensch im gewöhnlichen Alltagsleben weiß von seinem Leibe. Er kennt dessen äußere Gestalt, kennt dasjenige, was ihm nach außen hin zugeneigt ist. Er kennt — wenn Sie das Verhältnis sich vergegenwärtigen dessen, was man so kennt vom Leibe —, er kennt nur sehr Weniges. Das aber wird erweitert, ergänzt durch das, was die äußere physische Wissenschaft, was Anatomie, was Physiologie bietet. Man kann sagen: Unbewusst bleibt zunächst dasjenige, was also Anatomie, Physiologie, Biologie hinzufügen von der Leibesseite her zu dem, was man innerlich erlebt, empfindet.
[ 14 ] Just think for a moment, ladies and gentlemen, about how much a person knows about their own body in ordinary everyday life. They know its outward appearance; they know what is visible to the outside world. They know—if you consider the extent of what one generally knows about the body— they know very little indeed. But this knowledge is expanded and supplemented by what external physical science—anatomy and physiology—has to offer. One might say: What remains unconscious at first is precisely what anatomy, physiology, and biology add, from the physical perspective, to what one experiences and feels inwardly.
[ 15 ] Der Geistesforscher zeigt nun, wie wir gleich sehen werden, wodurch auf der anderen Seite des Menschen Seele andere Erlebnisse hat. Diese anderen Erlebnisse, diese Denkenserlebnisse, Gefühlserlebnisse, Willenserlebnisse, von denen wir zunächst schon ein oberflächliches Bewusstsein haben, dass sie weniger nach der Leibesseite geneigt sind wie Hunger und Durst, diese anderen Erlebnisse — an sie richtet sich vor allen Dingen zunächst der Geistesforscher, wenn er nun mit seiner Wissenschaft geradeso von der Seele nach der anderen Seite hin zum Geiste kommen will, wie der physische Forscher auf die eben beschriebene Weise von der Seele aus zum Leibe kommt. Das ist der Unterschied zwischen dem physischen Forscher, welcher das, was der Mensch erlebt seelisch, verfolgt nach der Leibesseite hin, und dem Geistesforscher, der das, was der Mensch seelisch erlebt, von der Seele aus verfolgt nach dem Geiste hin. Ebenso wenig, wie man von dem Leibeswesen etwas erfahren kann, wenn man nur Hunger, Durst oder dergleichen allgemeine Leibesstimmungen verfolgt, wie man dadurch nichts vom Leibe wissen kann, sondern durch besondere wissenschaftliche Methoden in den Leib selber eindringen muss, so ist dies auch nach der geistigen Seite hin notwendig und kann geschehen.
[ 15 ] The spiritual researcher now shows—as we shall soon see—how the soul has different experiences on the other side of the human being. These other experiences—these experiences of thought, feeling, and will, of which we already have a superficial awareness that they are less inclined toward the physical side than hunger and thirst—these other experiences — are what the spiritual researcher focuses on first and foremost when he wishes to proceed with his science from the soul to the spirit, just as the physical researcher proceeds from the soul to the body in the manner just described. This is the difference between the physical researcher, who traces what a person experiences in the soul back toward the physical realm, and the spiritual researcher, who traces what a person experiences in the soul from the soul toward the spirit. Just as one cannot learn anything about the physical being by merely observing hunger, thirst, or similar general physical states—since this reveals nothing about the body itself, but rather requires penetrating into the body itself through specific scientific methods—so too is this necessary on the spiritual side and can be achieved.
[ 16 ] Man glaubt sehr häufig, dass man das Geistige durch das erlangen kann, was man so im gewöhnlichen Sinne «innere Versenkung» nennt. Man spricht von allerlei Mystik auf diesem Gebiet. Man glaubt, wenn sich der Mensch so recht in sein seelisches Leben vertieft, müsse er auch über das, was der Seele als Geistiges zugrunde liegt, einen Aufschluss erlangen.
[ 16 ] It is very commonly believed that one can attain the spiritual through what is commonly referred to as “inner contemplation.” People speak of all kinds of mysticism in this area. It is believed that when a person truly immerses themselves in their inner life, they must also gain insight into what underlies the soul as the spiritual.
[ 17 ] Ohne eine besondere Geisteswissenschaft erlangt man auf diesem Wege ebenso wenig einen Aufschluss, wie man nach der Leibesseite hin einen Aufschluss erlangen würde, wenn man immer nur Hunger und Durst innerlich beobachtete und sich in dieselben versenkte. Bloße Mystik, bloße innere Versenkung ist durchaus zu vergleichen mit einem Hineinbrüten in Hunger und Durst und Atembedürfnisse und so weiter. So, wie man diese Erscheinungen seelisch verfolgen muss, dann aber mit den wissenschaftlichen Methoden der physischen Forschung nach dem Leibe hin sich ausdehnen muss, so muss man dasjenige, was man allerdings durch eine gewisse Vertiefung des Seelenlebens erfährt, im Vorstellen, Fühlen und Denken nach dem Geiste hin verfolgen können.
[ 17 ] Without a specific spiritual science, one gains no more insight in this way than one would gain insight into the physical realm by merely observing hunger and thirst within oneself and immersing oneself in them. Mere mysticism, mere inner contemplation, is entirely comparable to brooding over hunger, thirst, the need to breathe, and so on. Just as one must pursue these phenomena in the soul but then expand one’s inquiry toward the body using the scientific methods of physical research, so too must one be able to pursue in imagination, feeling, and thought—toward the spirit—that which one does indeed experience through a certain deepening of the soul life.
[ 18 ] Nun darf wohl gesagt werden: Über die Forschungsart, wie man von der Seele geradeso zum Geiste kommt, wie man auf der anderen Seite zum Leibe kommt, über diese Forschungsart macht man sich heute noch sehr wenig zutreffende Vorstellungen. Man kann sehr leicht glauben, sehr verehrte Anwesende, Chemie, Physiologie, physiologische Chemie sind ernste Wissenschaften, sie haben gute Methoden ausgebildet. Das wird selbstverständlich jeder Geistesforscher zugeben. Aber gegenüber demjenigen, was scheinbar recht einfach aussieht, wie zur Erforschung des geistigen Lebens gekommen werden muss, nimmt sich alles das, was Physiologie, was Chemie, was Anatomie ausgebildet haben, so aus, dass man sagen muss: Es ist von wesentlich leichterer Art, denn es lässt sich leichter aneignen alles, was Forschungsart der physischen Wissenschaft ist. Denn keine äußeren Hantierungen, nichts, was irgendwie seine Anhaltspunkte hat äußerlich im Raume, kann zur Erkenntnis des Geistes führen. Es handelt sich darum, dass dasjenige, was man zunächst, obwohl mit Unrecht eigentlich nur, inneres Leben nennt, eben doch erweitert, wenn ich den pedantischen Ausdruck gebrauchen darf, systematisch erweitert werde, dass wirklich die Fäden gezogen werden hin nach dem Geiste.
[ 18 ] Now it can certainly be said: Regarding the nature of research—how one arrives at the spirit from the soul just as one arrives at the body from the other side—we still have very few accurate ideas about this kind of research today. It is very easy to believe, esteemed audience, that chemistry, physiology, and physiological chemistry are serious sciences; they have developed sound methods. Every researcher of the spirit will, of course, admit this. But when compared to what appears to be quite simple—namely, how one must approach the study of spiritual life—everything that physiology, chemistry, and anatomy have developed seems so straightforward that one must say: It is of a much simpler nature, for everything that constitutes the research methods of the physical sciences is easier to master. For no external manipulations, nothing that has any external points of reference in space, can lead to knowledge of the spirit. The point is that what one initially calls—albeit wrongly, in fact—inner life must, if I may use the pedantic term, be systematically expanded, so that the threads are truly drawn out toward the spirit.
[ 19 ] Nun kann ich die Art der Forschung, die da notwendig ist, nur in den Grundzügen charakterisieren. Sie finden Genaueres darüber in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», im zweiten Teile der «Geheimwissenschaft», «Vom Menschenrätsel» und im letzten Buche, das vor wenigen Wochen erschienen ist, «Von Seelenrätseln», und so weiter. Aber was in diesen Büchern ausführlich als der Weg in die geistigen Welten beschrieben ist, ich will es wenigstens dem Prinzip nach hier charakterisieren.
[ 19 ] Now, I can only outline the basic characteristics of the kind of research that is necessary here. You will find more detailed information on this in my books How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?, in the second part of Occult Science, The Riddle of Man, and in my latest book, which was published a few weeks ago, The Riddles of the Soul, and so on. But I would like to at least outline here, in principle, what is described in detail in these books as the path to the spiritual worlds.
[ 20 ] Es handelt sich darum, dass man, wenn man im gewöhnlichen Bewusstsein bleibt, überhaupt über das, was dem Menschen als Geistiges zugrunde liegt, nichts wissen kann, und dass man eigentlich bei oberflächlicher Betrachtungsweise ganz recht hat, wenn man an diesem Punkte eine Erkenntnisgrenze statuiert. Wenn man bei dem stehen bleiben will, was das gewöhnliche Bewusstsein gibt, so kann man nichts anderes sagen, als dass dem Menschen das geistige Gebiet einfach verschlossen sei. In Wahrheit ist es das aber allerdings nicht. Gewiss, für das gewöhnliche Bewusstsein liegt die Sache so, dass man ja dasjenige, was wahrhaft Seele und Geist ist, gar nicht kennt, dass sich das zunächst verbirgt und dass man erst durch ganz bestimmte Forschungswege zur wahrhaftigen Seele und zum wahrhaftigen Geiste vordringen kann, Dasjenige, was man erlebt vom Geiste, ist eigentlich auch nicht viel mehr, als was man vom Leibe erlebt durch die gewöhnliche äußere Betrachtungsweise ohne Wissenschaft. Das, was man vom Leibe sieht im alltäglichen Leben, das ist ein Teil, sagten wir, desjenigen, was das Wesen des menschlichen Leibes ausmacht.
[ 20 ] The point is that, if one remains within ordinary consciousness, one cannot know anything at all about what underlies human existence as the spiritual realm, and that, from a superficial perspective, one is actually quite correct in establishing a limit to knowledge at this point. If one wishes to limit oneself to what ordinary consciousness provides, one can say nothing other than that the spiritual realm is simply closed off to human beings. In truth, however, this is certainly not the case. Certainly, for ordinary consciousness, the situation is such that one does not know at all what is truly the soul and the spirit; these remain hidden at first, and one can only penetrate to the true soul and the true spirit through very specific paths of inquiry. What one experiences of the spirit is actually not much more than what one experiences of the body through ordinary external observation without scientific knowledge. What one sees of the body in everyday life, we said, is a part of what constitutes the essence of the human body.
[ 21 ] Der Geist kehrt uns allerdings für das gewöhnliche Bewusstsein auch in gewisser Beziehung seine Außenseite zu, aber dieses gewöhnliche Bewusstsein weiß auch nicht mehr vom Geiste, als dieses gewöhnliche Bewusstsein weiß vom Leibe, wenn es ihn nur äußerlich betrachtet. Dasjenige, was das gewöhnliche Bewusstsein vom Geiste weiß, birgt sich eigentlich vollständig in dem einfachen, kurzen Wörtchen «Ich». Wenn man dieses Wörtchen «Ich» ausspricht und dabei dasjenige empfindet und durchdenkt, was mit dieser Ich-Vorstellung zusammenhängt, dann hat man einen Teil desjenigen, was dem Menschen als Geistiges zugrunde liegt, aber man hat nicht viel mehr, als man von der gewöhnlichen oberflächlichen Betrachtungsweise vom Leibe hat, ohne Wissenschaft.
[ 21 ] To ordinary consciousness, the spirit does indeed present its outer aspect in a certain sense; but this ordinary consciousness knows no more about the spirit than it does about the body when it considers it only from the outside. What ordinary consciousness knows about the spirit is actually contained entirely in the simple, short word “I.” If one utters this little word “I” while feeling and reflecting on what is connected with this concept of the “I,” then one has grasped a part of what underlies the human being as a spiritual entity; yet one has not much more than one has from the ordinary, superficial view of the body, without scientific knowledge.
[ 22 ] Es handelt sich darum, dass, während man, wenn man von der Seele, von ihren Erlebnissen, Hunger, Durst, Atmungsbedürfnis, zum Leibe hingeht, so kann man das nicht anders, als dass man eigentlich — sei es in der Betrachtungsweise, sei es wirklich — dasjenige, was die Seele erlebt, ertötet, ablähmt. Dadurch lernt man erkennen dasjenige, was dem seelischen Erlebnis zugrunde liegt. In der Regel ist es so, dass man über den Leib etwas erfährt, wenn man das Seelische aus dem Leibe vertreibt. Bei der Geistesforschung ist es umgekehrt. Da handelt es sich darum, dass man das, was man seelisch erlebt, auch das, was man mit dem vielgerühmten mystischen Erleben durchmachen kann, nun nicht ablähmt, sondern gerade verstärkt. Und ich will zunächst hinweisen auf zwei innere Tätigkeiten, die verstärkt werden müssen.
[ 22 ] The point is that when one moves from the soul—from its experiences, hunger, thirst, and the need to breathe—to the body, one cannot help but—whether in one’s perspective or in reality—kill or dull what the soul is experiencing. Through this, one learns to recognize what underlies the soul’s experience. As a rule, one learns something about the body by driving the soul out of it. In spiritual research, it is the opposite. There, the aim is not to dull what one experiences in the soul—including what one may undergo through the much-vaunted mystical experience—but rather to intensify it. And I would like to begin by pointing out two inner activities that must be intensified.
[ 23 ] Prinzipiell kann man die Sache so charakterisieren: Sieht man nach dem Willen des Menschen, so, wie der Wille im gewöhnlichen Bewusstsein lebt, so spiegelt er sich zwar im Vorstellungsleben, aber was einem Willensimpuls zugrunde liegt, darüber weiß der Mensch eigentlich gar nichts. Darüber können Sie gesprochen finden in einem so ausgezeichneten Buch wie der «Physiologischen Psychologie» von Theodor Zichen, der ja deshalb den Willen überhaupt ausschaltet aus der psychologischen Betrachtungsweise, weil dieser Wille nach seiner Ansicht in alledem nicht da ist, was die äußere Betrachtungsweise finden kann. Was da vorgeht außer dem Menschen, was eigentlich vorgeht, wenn der Mensch irgendeinen Willensentschluss ausführt, was da geschieht, wenn ich nur eine Hand heben will, bis zu dem wirklichen Heben der Hand, das bleibt ebenso unbewusst, wie zum Beispiel die Erlebnisse vom Einschlafen bis zum Aufwachen unbewusst bleiben. Wir haben Vorstellungen, die als Motive dem Willen zugrunde liegen, aber wir haben im gewöhnlichen Bewusstsein keine Vorstellung von dem Willensvorgang selber. Das ist das eine, sehr verehrte Anwesende, dass der Geistesforscher dazu kommt, dem Willensvorgang als solchem im Vorstellen gegenüber, dem Willensvorgang gegenüber sich so zu verhalten in der Lage ist, wie man sonst der äußeren Natur gegenüber sich zu verhalten in der Lage ist.
[ 23 ] In principle, one can characterize the matter as follows: If one looks at human will—as it exists in ordinary consciousness—it is indeed reflected in the life of the imagination, but people actually know nothing at all about what underlies a volitional impulse. You can find this discussed in such an excellent book as Theodor Zichen’s Physiological Psychology; he excludes the will entirely from psychological consideration precisely because, in his view, this will is not present in anything that can be observed from an external perspective. What takes place outside of the human being—what actually happens when a person carries out any volitional decision, what occurs from the moment I merely intend to raise a hand until the actual raising of the hand—remains just as unconscious as, for example, the experiences from falling asleep to waking up remain unconscious. We have mental images that serve as motives underlying the will, but in ordinary consciousness we have no concept of the volitional process itself. This is the point, esteemed audience: that the researcher of the spirit is able to approach the process of the will as such in his imagination—to relate to the process of the will in the same way that one is otherwise able to relate to external nature.
[ 24 ] Ich möchte an einem Beispiel aussprechen, was ich meine. Wenn wir sprechen, ist das ein besonderer Willensvorgang. Dass wir da Vorstellungen produzieren, das ändert nicht das, was ich gesagt habe. Wenn wir ein Gedicht aufsagen, das wir auswendig gelernt haben, ist das eine fortlaufende Folge von Willensimpulsen, die nach und nach gewohnheitsmäßig werden. Nun weiß jeder Mensch, dass, wenn er versucht, ein Gedicht aufzusagen, und gleichzeitig Anstrengungen dazu macht, sein eigenes Aufsagen des Gedichtes so zu beobachten, wie man einen äußeren Naturvorgang beobachtet, dann opfert man das Aufsagen.
[ 24 ] I’d like to use an example to explain what I mean. When we speak, it is a specific act of volition. The fact that we produce mental images in the process does not change what I have said. When we recite a poem that we have memorized, it is a continuous sequence of volitional impulses that gradually become habitual. Now, everyone knows that if they try to recite a poem while simultaneously making an effort to observe their own recitation of the poem as one would observe an external natural phenomenon, they sacrifice the recitation.
[ 25 ] Gerade an einem solchen Beispiel können Sie sich klarmachen, sehr verehrte Anwesende, wie unmöglich es dem gewöhnlichen Bewusstsein ist, sich selbst zu beobachten. Selbstbeobachtung in einem höheren Sinne, als das gewöhnlich gemeint ist, Selbstbeobachtung — das ist dasjenige, was angestrebt werden muss. Es genügt nicht für die Geisteswissenschaft, wenn man bloß konstatiert: Es ist geradezu unmöglich, ein Gedicht aufzusagen oder innerlich in Gedanken sich herzusagen und sich dabei zu beobachten. Gewiss, für das gewöhnliche Bewusstsein ist das durchaus unmöglich; der Geistesforscher aber muss das lernen. Er muss, ebenso wie der Chemiker seine Methoden anwendet, auch seine Methoden anwenden; er muss alles Mögliche tun — Sie finden das Nähere beschrieben in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» —, der Geistesforscher muss alles Mögliche tun, um auf der einen Seite durch seinen Willen tätig sein zu können und auf der anderen Seite zu gleicher Zeit dasjenige, was er mit seinem Willen ausführt, so zu beobachten, wie man einen äußeren Naturvorgang beobachtet.
[ 25 ] It is precisely through such an example, ladies and gentlemen, that you can realize how impossible it is for ordinary consciousness to observe itself. Self-observation in a higher sense than is usually meant—that is what we must strive for. It is not enough for spiritual science merely to state: It is virtually impossible to recite a poem—or to recite it inwardly in one’s thoughts—while observing oneself in the process. Certainly, for ordinary consciousness this is entirely impossible; but the spiritual researcher must learn to do it. Just as the chemist applies his methods, so too must the spiritual researcher apply his own; he must do everything possible—you will find a more detailed description in How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?—the spiritual researcher must do everything possible so that, on the one hand, he can act through his will and, on the other hand, at the same time observe what he is doing with his will in the same way one observes an external natural process.
[ 26 ] Dies gehört schon zu dem, wovon man sagen kann: Es nimmt sich leicht aus; es wirklich durchzuführen, das erfordert eine weitaus größere Anstrengung, als sich anzueignen die Methoden der Chemie, der Physik, der Astronomie oder einer physiologischen Wissenschaft. Es genügt natürlich nicht, dass man in einem solchen Falle sich selbst beobachtet, sondern dass man überhaupt erkennen lernt jene innerliche Haltung der Seele, wodurch man gleichzeitig eine Willensverrichtung vollbringen kann und auf der anderen Seite sich selber beobachtend gegenüberstehen kann.
[ 26 ] This is one of those things about which one can say: It sounds easy; actually carrying it out, however, requires far greater effort than mastering the methods of chemistry, physics, astronomy, or any physiological science. Of course, in such a case, it is not enough simply to observe oneself; rather, one must learn to recognize that inner attitude of the soul through which one can simultaneously perform an act of the will and, on the other hand, stand before oneself in a state of self-observation.
[ 27 ] Erst dadurch, dass man in die Lage kommt, in dieser Weise Selbstbeobachtung zu pflegen, erst dadurch kommt man allmählich dahin, zu trennen dasjenige, was das gewöhnliche Seelenleben ist, von dem wahren Seelenleben. Denn erlangt man eine innere Praxis auf dem Wege, der angedeutet worden ist, in dieser Selbstbeobachtung, dann kommt man allmählich zu einer ganz anderen Art des Denkens. Solche Gedanken, wie man sie im gewöhnlichen Bewusstsein hat, solche Gedanken erblühen einem nicht auf diesem Wege, sondern Gedanken, welche eine viel größere, innere, inhaltsvolle Kraft haben, Gedanken, welche viel mehr das haben, was man nennen kann einen bildhaften Inhalt, der aber zu gleicher Zeit auf eine Realität hinweist. Man lernt, wenn man sich so beobachten lernt, etwas kennen, was sich im ganzen gewöhnlichen Leben verbirgt, etwas, was drinnen steckt in diesem gewöhnlichen Leben, was aber in diesem gewöhnlichen Leben durchaus im Unbewussten, im Unterbewussten bleibt; aus dem gewöhnlichen Seelenleben hebt sich jetzt heraus etwas, was man vorher nicht gekannt hat.
[ 27 ] Only by becoming capable of practicing self-observation in this way—only then—does one gradually come to distinguish between what constitutes ordinary spiritual life and true spiritual life. For if one develops an inner practice along the path that has been outlined—in this self-observation—one gradually arrives at an entirely different way of thinking. Thoughts such as those one has in ordinary consciousness do not arise on this path; rather, thoughts emerge that possess a much greater, inner, meaningful power—thoughts that have much more of what one might call a pictorial content, yet which at the same time point to a reality. When one learns to observe oneself in this way, one comes to know something that is hidden in ordinary life as a whole—something that lies within this ordinary life but remains entirely in the unconscious, in the subconscious; something now emerges from ordinary soul life that one did not know before.
[ 28 ] Zunächst ersieht man an den inneren Folgen, wie sich die Sache eigentlich verhält. Man lernt nämlich erst, wenn man so allmählich unterscheiden lernt das gewöhnliche Seelenleben von dem wahren Seelenleben, man lernt immer mehr und mehr sich hinauffinden zu dem Begriffe, der dann ein Leitbegriff werden kann für die Betrachtung des eigentlichen Menschenwesens. Man lernt erkennen, dass das, was man gewöhnliches Seelenleben nennt, sich zu dem wahren Seelenleben, das man so erst entdeckt, so verhält wie das Spiegelbild zu dem wirklichen Menschen, der vor diesem Spiegelbilde steht. Das Wichtige ist, dass man die große Erkenntnis sich erwirbt mit Bezug auf das Seelenleben: dass das äußere, dem gewöhnlichen Bewusstsein vorliegende bekannte Seelenleben das Spiegelbild ist des für das gewöhnliche Seelenleben unbekannten, wahren inneren Seelenlebens.
[ 28 ] First of all, one can see from the inner consequences how things actually stand. For it is only when one gradually learns to distinguish ordinary soul life from true soul life that one begins to grasp, more and more, the concept that can then serve as a guiding principle for contemplating the true nature of the human being. One learns to recognize that what is called ordinary soul life relates to true soul life—which one is only now discovering—in the same way that a mirror image relates to the real human being standing before that mirror image. The important thing is that one acquires this great insight with regard to the life of the soul: that the outer, familiar life of the soul—as it appears to ordinary consciousness—is the reflection of the true inner life of the soul, which is unknown to the ordinary life of the soul.
[ 29 ] Die Folge ist dann diese, dass man eigentlich jetzt erst einen Aufschluss darüber erhält, wie es sich mit dem menschlichen Leibe eigentlich verhält. Man kann, bevor man Erkenntnisse auf diesem Wege sucht, über den menschlichen Leib eigentlich gar nicht das Richtige wissen. Ich will nur auf einen Umstand hinweisen: Derjenige, welcher im Sinne der bloß äußeren Naturwissenschaft, deren Methoden voll anerkannt werden für die [Geistes-]Wissenschaft, auch, wenn sie in hervorragender Weise angewendet werden, wie zum Beispiel durch Oscar Hertwig, welcher so das äußere Leibesleben des Menschen betrachtet, der verfolgt unter anderem zum Beispiel, wie das Leibesleben eines Menschen zurückführt auf das Leibesleben der Eltern, der Großeltern und so weiter, Man spricht von der Vererbung gewisser Eigenschaften. Man hat immer, wenn man auf dem Gebiete der Naturwissenschaft heute von Vererbung spricht, man hat immer die Anschauung, dass man da irgendetwas ererbt, aber dass in dem, was man da als Leib ererbt, auch die Keime drinnen liegen zum Beispiel zur Ausgestaltung des Ich. Man spricht davon, dass, indem sich das Ich hineinentwickelt, auf Grundlage der ererbten Eigenschaften sich im Laufe des Lebens einstelle das Selbstbewusstsein, das Ich. Es ist ganz unmöglich, dass, solange man auf dem Boden der bloßen Naturwissenschaft bleibt, eine andere Ansicht über die Sache sich bildet.
[ 29 ] The result is that it is only now that we actually gain insight into the true nature of the human body. Before seeking knowledge in this way, one cannot truly know the facts about the human body. I would like to point out just one fact: Anyone who, in the spirit of purely external natural science—whose methods are fully recognized by the [spiritual] sciences, even when applied in an outstanding manner, as, for example, by Oscar Hertwig—examines the external physical life of human beings, and who, among other things, traces how a person’s physical life can be traced back to that of their parents, grandparents, and so on, One speaks of the inheritance of certain characteristics. Whenever one speaks of inheritance in the field of natural science today, one always holds the view that something is inherited, but that within what is inherited as the body lie the seeds, for example, for the development of the “I.” It is said that as the “I” develops within this body, self-consciousness—the “I”—emerges over the course of life on the basis of inherited characteristics. It is entirely impossible, as long as one remains within the realm of pure natural science, for a different view of the matter to take shape.
[ 30 ] Allein für denjenigen, welcher auf die geschilderte Weise die wahre Seele von ihrem Spiegelbilde, dem gewöhnlichen Seelenleben, unterscheiden lernt, ist eine solche Betrachtung, wie sie die Naturwissenschaft heute bietet, so, wie wenn jemand erklären wollte: Der Mensch steht durch seine Lunge mit der Luft in Beziehung, und in der Lunge wäre der Ursprung der Luft, die der Mensch aus- und einatmet, die Luft käme aus der Lunge und ginge dahin zurück. — Ein solcher Mensch gäbe sich der Täuschung hin, als ob das, was Luft ist, mit der Lunge selbst in irgendeinem wesenhaften Zusammenhange steht, während doch die Luft in unserer Umgebung ist, während sie doch gesucht werden muss außerhalb des Menschen. Ist man in der Lage, diese Verhältnisse richtig zu durchschauen, so wird man selbstverständlich nicht in der Lunge den Ursprung der Luft suchen. Man kommt aber, wenn man den geistigen Weg durchmacht, dazu, auf seelisch-geistigem Gebiete zu erkennen, dass der Glaube, aus dem Leibe des Kindes heraus, wie es sich nach den vererbten Merkmalen von den Eltern her entwickelt, komme auch das Ich, das Selbst, dass dieses genau entspricht dem, wenn man glaubt, in der Lunge sei der Ursprung der Luft zu finden.
[ 30 ] Only for those who, in the manner described, learn to distinguish the true soul from its mirror image—the ordinary life of the soul—does the kind of observation offered by natural science today seem as if someone were trying to explain: “Human beings are connected to the air through their lungs, and the origin of the air that human beings breathe in and out lies within the lungs; the air comes from the lungs and returns there.” — Such a person would be succumbing to the delusion that what constitutes air is somehow intrinsically connected to the lungs themselves, whereas in fact air is in our surroundings and must be sought outside the human being. If one is able to perceive these relationships correctly, one will naturally not seek the origin of air in the lungs. However, when one follows the spiritual path, one comes to recognize in the soul-spiritual realm that the belief that the “I,” the self, also arises from the child’s body—as it develops according to the inherited characteristics from the parents—is exactly the same as believing that the origin of air is to be found in the lungs.
[ 31 ] Man lernt nämlich erkennen durch geisteswissenschaftliche Methoden, dass das Ich nichts ist, das aus dem Leibe entstehen kann, sondern man lernt erkennen die Selbstständigkeit des Ich, lernt erkennen das Hinzukommen des Ich zu dem, was von Vater und Mutter stammt. Diese Dinge müssen heute im Besonderen scharf hervorgehoben werden, aus dem Grunde, weil die entgegengesetzte Vorstellung so tief in den Denkgewohnheiten und Erkenntnisgewohnheiten der Gegenwart liegt, dass das, was man vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus sagen muss, manchem ganz absurd erscheint. Dennoch kann und muss es gesagt werden, wenn man den Ausgangspunkt wählt nicht vom dilettantischen Innenbeobachten, sondern von einer geisteswissenschaftlichen Beobachtung aus. Da lernt man erkennen, dass ebenso, wie die Luft von außen in die Lunge geht, dieses Ich aus einer geistigen Welt in das hineinfährt, was von Vater und Mutter stammt, was physisch ererbt ist. Ebenso, wie die Luft aus der Lunge herausgeht und nicht weg ist, wenn sie aus der Lunge herausgekommen ist, so geht wiederum durch die Pforte des Todes dieses Ich durch, das ebenso wenig mit dem Leibesleben zu tun hat und ebenso viel mit dem Leibesleben zu tun hat, wie die Lunge mit der Luft.
[ 31 ] Through the methods of spiritual science, one comes to recognize that the “I” is not something that can arise from the body; rather, one comes to recognize the independence of the “I” and the fact that the “I” is added to what originates from the father and mother. These points must be particularly emphasized today, because the opposite view is so deeply ingrained in contemporary habits of thought and perception that what must be said from the perspective of spiritual science seems entirely absurd to many. Nevertheless, it can and must be said if one takes as one’s starting point not amateurish self-observation but an observation grounded in spiritual science. There one learns to recognize that, just as air enters the lungs from the outside, this “I” enters from a spiritual world into what originates from the father and mother—what is physically inherited. Just as air leaves the lungs and is not gone once it has left the lungs, so, too, this “I” passes through the gate of death—a “I” that has just as little to do with physical life as the lungs have to do with air, and just as much to do with it.
[ 32 ] Verfolgt man dann den Weg weiter, dann kommt man in der Tat, gerade mit Bezug auf den berührten Punkt, über das Leibesleben zu ganz bestimmten, jetzt wirklich wissenschaftlichen Begriffen, denen gegenüber sogar die voll gewürdigten Ergebnisse der Naturwissenschaft dilettantisch sind. Man kommt dazu, indem man unterscheiden lernt dasjenige, was innerlich geistiges Ich ist, von dem, was ererbt ist. Man kommt dazu, sich wirkliche Vorstellungen zu bilden über das, was man eigentlich von den Voreltern ererbt. Diese Dinge können heute nur berührt werden; ich will Sie ja nur anregen und kann nichts Erschöpfendes geben. Das, was wir ererben, ist im tiefsten Sinne unsere Leibesgestalt selber. Wer da weiß, wie das, was wir im gewissen Sinne im gewöhnlichen Seelenleben verrichten, von der Physiognomie des Leibes — darunter verstehe ich das innere Gefüge des Leibes — abhängt, der wird sich schon vorstellen können, dass der Mensch sich in den ererbten Gestaltungen des Leibes auslebt im Leben, aber die Grundlage ist immer die ererbte Gestalt. Diese ererbte Gestalt, welche wiederum aus ihren Strukturkräften heraus den Stoff gestalten kann aus dem, was wir im Leben aufnehmen bis zur Geschlechtsreife, sodass diesem Stoff, der wiederum auf die Nachkommen hin die Vererbung leitet, nun innewohnt die Gestaltung. Dieser Satz, den die Geisteswissenschaft der Wissenschaft hinzuzufügen hat: dass von den Voreltern ererbt wird [nur] die Gestalt auf die Nachkommen, vererbt wird die Gestalt durch den Stoff, der gibt eine Ergänzung der Naturwissenschaft. Er wird in Bezug auf eine gewisse Sache sehr Aufschluss gebend sein über die Beziehung zu den höheren Wesensgliedern des Menschen.
[ 32 ] If one then continues along this path, one does in fact—precisely with regard to the point just mentioned—arrive, through physical life, at very specific, truly scientific concepts, in comparison to which even the fully appreciated findings of natural science appear amateurish. One arrives at this by learning to distinguish between what is the inner, spiritual “I” and what is inherited. One comes to form real concepts of what one actually inherits from one’s ancestors. These matters can only be touched upon today; I merely wish to stimulate your thinking and cannot provide an exhaustive account. What we inherit is, in the deepest sense, our physical form itself. Anyone who understands how what we do, in a certain sense, in our ordinary soul life depends on the physiognomy of the body—by which I mean the body’s inner structure—will be able to imagine that a person lives out their life within the inherited forms of the body, but the foundation is always the inherited form. This inherited form, which in turn—through its structural forces—can shape the substance we take in during life up to sexual maturity, so that this substance, which in turn directs heredity toward the offspring, now possesses the form. This statement, which spiritual science must add to scientific knowledge—that [only] the form is inherited from the ancestors and passed on to the descendants, and that the form is transmitted through the substance—provides a complement to natural science. With regard to a certain matter, it will be very illuminating concerning the relationship to the higher constituents of the human being.
[ 33 ] Ich habe fortzuschreiten in der Betrachtung des Forschungsweges in die geistigen Welten. Ich habe zunächst geschildert, wie zu den Willensimpulsen Vorstellungen hinzukommen müssen, wie Selbstbeobachtung in einem höheren Sinne eintreten muss. Wenn man die Wesenheit des Menschen, die geistige Wesenheit des Menschen kennenlernen will, so muss nicht nur diese Selbstbeobachtung eintreten können, sondern noch etwas anderes: Man muss dasjenige in seiner Seele ausführen, was nach einer anderen Seite hin eine Verstärkung des seelischen Lebens ergibt, was man mit einem technischen Ausdruck «Meditation» nennen kann. Das Genauere darüber finden Sie in den erwähnten Büchern; ich kann hier nur das Prinzipielle anführen.
[ 33 ] I must continue my examination of the path of research into the spiritual worlds. I have first described how ideas must be added to the impulses of the will, and how self-observation in a higher sense must take place. If one wishes to come to know the essence of the human being—the spiritual essence of the human being—then not only must this self-observation take place, but something else as well: one must carry out within one’s soul that which, in another sense, results in a strengthening of the soul life—what can be called, in technical terms, “meditation.” You will find more detailed information on this in the books mentioned; I can only outline the basic principles here.
[ 34 ] Wie wir gesehen haben, dass in den Willen und seine Impulse die Vorstellungen hingeführt werden müssen zur Selbstbeobachtung, so muss auf der anderen Seite in das Vorstellungsleben der Wille hineingeführt werden. Das ist noch schwieriger. Und gerade das Hineinführen des Willens in die Vorstellungen, während wir die Vorstellungen sonst ablaufen lassen nach den sinnlichen Vorgängen oder träumerisch ablaufen lassen etwa im Nachsinnen über das, was man erlebt hat —, wer den Willen einführen will in diese Vorstellungswelt, der braucht, um zu wirklichen Resultaten zu kommen, oft Jahre und Jahre. Die Sache ist durchaus keine einfache. Jahre und Jahre werden gebraucht, wenn wirklich auf dem Gebiet des geistigen Lebens geforscht werden soll.
[ 34 ] Just as we have seen that ideas must be directed toward self-observation within the will and its impulses, so too, on the other hand, the will must be introduced into the life of the imagination. This is even more difficult. And it is precisely this introduction of the will into the images—while we would otherwise let the images unfold according to sensory processes or allow them to drift dreamlike, for example, in reflection on what we have experienced—that whoever wishes to introduce the will into this world of images often needs years and years to achieve real results. The matter is by no means simple. Years and years are required if one is to truly engage in research in the realm of spiritual life.
[ 35 ] Dasjenige, um was es sich handelt, ist, dass man einführt in das Vorstellungsleben den Willen, sodass man lernt auf der einen Seite die Vorstellungen lenken, wie man die Hände lenkt. Der Wille muss in die Vorstellungen eingeführt werden. Man erlangt das am besten, wenn man versucht, vom gewöhnlichen Vorstellungsleben sich auszusondern, und nur über dasjenige nachsinnt, was man selbst in das Bewusstsein einführt durch die Willkür. Daher soll man möglichst nicht solche Vorstellungen einführen, die einem von der äußeren Sinneswelt her oder von der gewöhnlichen sinnlichen Welt gegeben sind; sondern selbst gemachte Vorstellungen oder Vorstellungen, die einem geraten worden sind; die sollen das Vorstellungsleben dirigieren, lenken. Da ist es die Willkür, durch die das Vorstellungsleben gelenkt wird. Aber dabei darf es nicht bleiben, denn dann käme man nicht zur Geistesforschung, sondern zur Träumerei. Auf der einen Seite also — es klingt das geradezu paradox —, auf der einen Seite muss der Wille, die Willkür in das Vorstellungsleben hineingeführt werden; auf der anderen Seite muss dieser Wille wiederum ausgeschlossen werden, weil man sonst in phantastisches Denken hineinkommen würde, was nicht sein darf.
[ 35 ] The point is to introduce the will into the life of the imagination, so that one learns, on the one hand, to direct one’s imaginations just as one directs one’s hands. The will must be introduced into the life of imagination. This is best achieved by trying to detach oneself from ordinary imaginative life and reflecting only on what one introduces into consciousness through one’s own volition. Therefore, one should, as far as possible, not introduce images that are provided by the external sensory world or by the ordinary sensory world; rather, self-created images or images that have been suggested to one—these are what should direct and guide the life of imagination. It is volition through which the life of imagination is guided. But it must not stop there, for then one would not arrive at spiritual research but at daydreaming. On the one hand, then—and this sounds downright paradoxical—on the one hand, the will, the act of will, must be introduced into the life of the imagination; on the other hand, this will must in turn be excluded, because otherwise one would slip into fanciful thinking, which must not be allowed.
[ 36 ] Setzt man aber das meditative Leben in Geduld und Energie fort, versucht man immer wieder und wiederum solche Vorstellungen, die man sich selber zusammengestellt hat, seien es symbolische oder ähnliche Vorstellungen, fortzusetzen, bringt man also in sein Bewusstsein immer wieder und wiederum solchen Vorstellungsinhalt hinein, so eignet man sich eine innere Handhabung dieses Vorstellungslebens an. Man gelangt dazu, etwas kennenzulernen, was man vorher überhaupt nicht kennenlernen konnte, man lernt allmählich kennen, dass man dahin gelangen kann, eine Vorstellung an die andere, auch wenn nichts in diesen Vorstellungen von der äußeren Sinneswahrnehmung aufgenommen ist, durch bloße Willkür zu setzen. Das willkürliche Vorstellen ist nur das Probieren, nur der Weg, aber es entwickelt sich allmählich wie ein selbstverständlicher innerer Lebensprozess das, dass man merkt, so wie man sonst, wenn man die äußeren Vorstellungen beobachtet, auch nicht in beliebiger Weise die eine Vorstellung an die andere setzt, so merkt man jetzt, dass man sich jetzt richten muss nach etwas, was in die Vorstellungen selber einströmt; sodass man nach und nach, trotzdem man nun innerlich den Vorstellungsverlauf verfolgt, nicht anders kann, als genau ebenso regelmäßig, nicht willkürlich, eine Vorstellung aus der anderen zu entwickeln, eine Vorstellung auf die andere folgen lässt, wie man das tut, wenn man sich nach der äußeren Sinnenbeobachtung richtet. Wie man da der Notwendigkeit unterliegt, so unterliegt man allmählich einer rein geistigen, inneren Notwendigkeit. Wie in den äußeren Vorstellungen die äußere Sinneswelt waltet, so waltet allmählich in dem Vorstellen, das man sich so herangebildet hat, eine innere Geistigkeit.
[ 36 ] But if one continues the meditative life with patience and energy, if one tries again and again to sustain such mental images that one has formed oneself—whether symbolic or similar—that is, if one repeatedly brings such mental content into one’s consciousness, then one acquires an inner mastery of this life of imagination. One comes to know something that one could not have known at all before; one gradually learns that one can move from one image to the next—even if nothing in these images is derived from external sensory perception—by sheer will. Arbitrary imagination is merely an experiment, merely the path; but it gradually develops—like a natural inner life process—into the realization that, just as one does not arbitrarily link one image to another when observing external images, one now realizes that one must orient oneself toward something that flows into the images themselves; so that little by little—even though one is now following the course of representation inwardly—one cannot help but develop one representation from another, allowing one representation to follow another, just as regularly and not arbitrarily as one does when guided by external sensory observation. Just as one is subject to necessity there, so one gradually becomes subject to a purely spiritual, inner necessity. Just as the external sensory world reigns in external representations, so an inner spiritual quality gradually comes to reign in the process of representation that one has thus cultivated.
[ 37 ] Wie man durch die andere Methode, die ich geschildert habe, von der äußeren Seele zur wahren Seele aufsteigt, so steigt man auf diese Weise vom Vorstellen auf zum Geiste, indem man den Geist entdeckt ebenso als etwas Objektives, wie die äußere Sinnenwelt objektiv ist. Man weiß ganz genau, ob man bloß traumhaft Vorstellungen aneinanderreiht oder ... /Lücken in der Mitschrift]. Und man weiß als Geistesforscher ganz genau, ob man ... oder ob man den innerlichen Vorgang, der ... die nicht willkürlich eine Vorstellung an die andere reiht, sondern die eine Vorstellung aus der anderen so entwickelt, wie der Geist diese Vorstellungsfolge fordert. Dadurch steigt man auf durch meditatives Leben zu einem wirklichen Beobachten des Geistes.
[ 37 ] Just as one ascends from the external soul to the true soul through the other method I have described, so one ascends in this way from imagination to the spirit, by discovering the spirit as something objective, just as the external sensory world is objective. One knows quite precisely whether one is merely stringing together dreamlike representations or ... /gaps in the transcript]. And as a researcher of the spirit, one knows quite precisely whether one is … or whether one is observing the inner process that … does not arbitrarily string one image after another, but rather develops one image from the other in the way that the spirit demands this sequence of images. Through this, one ascends through a life of meditation to a true observation of the spirit.
[ 38 ] Wiederum, will man dies in seiner Strenge durchführen, so ist es eine durch Jahre hindurch dauernde Arbeit, die durchaus viel mehr Hingabe und Opferwilligkeit fordert als astronomische oder chemische Arbeit, die aber in ebenso strenger Weise zur inneren Beobachtung des Geistes führt wie astronomische, chemische, physiologische Methoden zur Beobachtung der äußeren Gesetze führen.
[ 38 ] Again, if one wishes to carry this out with strict rigor, it is a task that lasts for years and demands far more dedication and willingness to make sacrifices than astronomical or chemical work; yet it leads just as rigorously to the inner observation of the spirit as astronomical, chemical, and physiological methods lead to the observation of external laws.
[ 39 ] Derjenige, der in zahllosen Fällen als Geistesforscher erlebt hat, wie man anfängt oftmals einen Forschungsweg nach bestimmten Gebieten des geistigen Lebens hin, und der dann gesehen hat, wie dieser Forschungsweg durch eine ebensolche geistige Notwendigkeit führt wie sonst durch sinnliche Notwendigkeit, derjenige, der so erfahren hat, wie das, was man von einem gewissen Ausgangspunkte verfolgt hat, anders sich einstellt, als man eigentlich erwartet hat, ganz anders als dasjenige ist, das man vorausgesetzt hat, der darf wohl von einer inneren Notwendigkeit des inneren geistigen Ganges sprechen. Da waltet keine Willkür. Man erfährt es, wenn man wirklich Geistesforscher ist, nur allzu deutlich, dass man, bevor man anfängt zu forschen, falsche Vorstellungen hat, dass die innere Notwendigkeit des Ganges einem Vorstellungen bringt, zu denen man nicht durch Sinnesbeobachtung hat kommen können. Man darf sagen: Wenn man wirklich vorschreitet auf dem Wege der Geistesforschung — es kommt in der Regel ganz anders, als man erwartet. Und will man sich nicht willkürliche Vorstellungen bilden in dem Sinne auf dem Gebiet des Erforschens der geistigen Welt — man erwartet etwas ganz anderes und es kommt etwas ganz anderes. Und man ist darüber so überrascht wie über ein nicht erwartetes Erlebnis in der äußeren Welt.
[ 39 ] Anyone who, as a spiritual researcher, has experienced in countless instances how one often begins a path of research into specific areas of spiritual life, and who has then seen how this path of research is guided by a spiritual necessity just as much as it is otherwise guided by sensory necessity—anyone who has thus experienced how what one has pursued from a certain starting point turns out differently than one actually expected, quite different from what one had assumed—may well speak of an inner necessity governing the inner spiritual journey. There is no arbitrariness here. If one is truly a researcher of the spirit, one experiences all too clearly that, before one begins to investigate, one has false ideas; that the inner necessity of the process brings one to insights that one could not have arrived at through sensory observation. One may say: When one truly advances along the path of spiritual research—things generally turn out quite differently than one expects. And if one does not wish to form arbitrary notions in this sense when exploring the spiritual world—one expects something entirely different, and something entirely different occurs. And one is just as surprised by this as by an unexpected experience in the outer world.
[ 40 ] Diese Dinge werden nicht aus dem Grunde auseinandergesetzt, weil die Zumutung gestellt werden soll, dass jeder diese Dinge durchmachen soll — obwohl sehr zu wünschen wäre, dass bis zu dem Grade, als man den geistesforscherischen Weg verfolgen kann nach meinen Büchern, möglichst viele Menschen in der Gegenwart diesen Weg durchmachen würden, damit sie aus eigener Erfahrung Zeugnis dafür ablegen können, dass der Geist und des Menschen Anteil an dem Geiste eine Wirklichkeit ist. Aber von dem Einleben der Geisteswissenschaft in die Kultur, von dem Aufnehmen desjenigen, was die Geistesforschung zutage bringt, hängt das nicht ab, dass man selber Geistesforscher ist. Dasjenige, was erforscht werden soll im Geiste, es muss durch diejenigen inneren Wege — in Wahrheit sind es äußere Wege — erforscht werden, die Sie in meinen Büchern beschrieben finden; sind die Dinge aber einmal erforscht, so kann sie jeder mit dem gewöhnlichen Menschenverstand bestätigt finden.
[ 40 ] These matters are not discussed in order to impose the expectation that everyone should go through them—although it would be highly desirable that, to the extent that one can follow the path of spiritual research as outlined in my books, as many people as possible in the present day would undertake this path, so that they may bear witness from their own experience that the spirit—and the human being’s share in the spirit—is a reality. But the integration of spiritual science into culture, and the acceptance of what spiritual research brings to light, do not depend on one’s being a spiritual researcher oneself. That which is to be explored in the spirit must be explored through those inner paths—which are, in truth, outer paths—that you will find described in my books; but once these things have been explored, anyone can confirm them using ordinary human reason.
[ 41 ] Ich möchte sagen: Obwohl heute bis zu einem gewissen Grade jeder ein Seher werden kann — man braucht nicht ein Seher zu sein, um die Geistesforschung als solche anzuerkennen, sondern da verhält es sich so, dass man das, was die Geistesforschung zutage fördert, in den Dienst des Lebens setzen kann, wie man das, was Chemie und Physik hervorbringen, in den Dienst des Lebens setzen kann, ohne selber Chemiker oder Physiker zu sein. Ich möchte einen Vergleich brauchen, um zu charakterisieren, was da charakterisiert werden soll: Nicht jeder kann ein Uhrmacher sein, aber die meisten Menschen werden die Uhr anerkennen. — Nicht jeder kann ein Seher sein; für das Leben eines jeden Menschen ist aber von Wichtigkeit dasjenige, was die seherische Wissenschaft über das Wesen des Menschen erforschen kann. Wenn einer in eine Uhrmacherwerkstatt geht, so sieht er, dass die Uhr nicht durch Zufall zusammengekommen ist. Der Uhr sieht man das an. Wenn der Seher die geistigen Kräfte und Wesenheiten zeigt, aus denen das Leben und seine Tatsachen, seine Wesenheiten fließen, so liegt das Leben und die Tatsache des Lebens jedem Menschen vor. Und wie man, ohne den Uhrmacher bei seiner Arbeit gesehen zu haben, sagen kann, aus der Art, wie die Uhr beschaffen ist, dass sie durch den Uhrmacher zusammengesetzt ist, so kann man, nachdem der Seher sagt, dass das Leben aus dem Geiste geworden ist, beurteilen, ob das richtig oder unrichtig ist, was der Scher sagt. Außerdem handelt es sich nicht darum, dass die seherische Entwicklung vor die Menschheit tritt, ohne zu sagen, wie sie zu ihren Resultaten kommt. Denn das kann jeder beobachten, ob das vernünftig ist, was der Scher zu sagen hat, wie er zu seinen Resultaten kommt. Und dasjenige, was so gefunden wird auf dem geistesforscherischen Wege, es wird sich allmählich einleben müssen in unsere Kultur aus dem Grunde, weil gerade die fortgeschrittene Naturwissenschaft eben ganz und gar nicht die Methoden hat, um selber zum Geiste zu kommen, weil auf der anderen Seite dies also notwendig macht eine andere Weise, zum Geiste zu kommen. Und wenn auch heute noch viele Vorurteile vorhanden sind gegen die Geisteswissenschaft, sie werden weggeräumt werden dadurch, dass man immer mehr und mehr einsehen wird, wie sich im Leben das bestätigt, was der Geistesforscher zu sagen hat.
[ 41 ] I would like to say: Although today, to a certain extent, anyone can become a seer—one does not need to be a seer to recognize spiritual research as such—the fact is that one can put what spiritual research brings to light in the service of life, just as one can put what chemistry and physics produce in the service of life without being a chemist or physicist oneself. I would like to use a comparison to characterize what needs to be characterized: Not everyone can be a watchmaker, but most people will appreciate a watch. — Not everyone can be a seer; yet what the science of clairvoyance can uncover about the nature of the human being is of importance for every person’s life. When someone enters a watchmaker’s workshop, they see that the watch did not come together by chance. You can tell that just by looking at the watch. When the seer reveals the spiritual forces and beings from which life and its realities, its essences, flow, then life and the reality of life are evident to every person. And just as one can tell—without having seen the watchmaker at work—from the way the watch is constructed that it was assembled by the watchmaker, so too, after the seer states that life has come into being from the spirit, one can judge whether what the seer says is true or false. Moreover, it is not a matter of clairvoyant development presenting itself to humanity without explaining how it arrives at its results. For anyone can observe whether what the seer has to say is reasonable and how he arrives at his results. And what is discovered in this way through spiritual research will gradually have to become part of our culture, for the very reason that advanced natural science, in fact, lacks the methods to reach the spirit on its own; consequently, this necessitates a different approach to reaching the spirit. And even though there are still many prejudices against spiritual science today, they will be dispelled as people come to realize more and more how what the spiritual researcher has to say is confirmed in life.
[ 42 ] Ich möchte wenigstens auf einen Punkt kurz hinweisen: Es hat in der letzten Zeit eine Persönlichkeit, die hier in dieser Stadt hinlänglich bekannt ist, Dr. Rittelmeyer, in einer Anzahl schöner Artikel in der «Christlichen Welt» auch auf die religiöse Bedeutung der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, hingewiesen, hat überhaupt gerade die Natur dieses geistigen Übens, um zum Geiste zu kommen, eindringlich und sachgemäß charakterisiert. Von einer anderen, auch vielfach geschätzter Seite sind in der letzten Zeit Einwände gemacht worden gegen diese Ausführungen in der «Christlichen Welt». Ich will diese Einwände nicht weiter berühren, ich will nur auf sie hinweisen. Da wird gesagt, dass ja ein Hauptfehler dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft der sei, dass man sich nicht auf die bloße Gnade verlasse, dass der Geist gewissermaßen an einen herankäme, dass man begnadet wäre, wie man mit einem Talent, mit Genie begabt ist, sondern dass diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geradezu durch willkürliche Übungen die Seele in die geistige Welt, das geistige Land hineinzuführen versuchen würde. Das wird als ein besonderer Abweg charakterisiert; es zeigt das nichts anderes, als dass diese schr geschätzte Seite, die sich gegen Pfarrer Rittelmeyer auflehnt, einfach nicht begreift, worauf es ankommt.
[ 42 ] I would like to briefly mention at least one point: Recently, a figure well known here in this city, Dr. Rittelmeyer, has, in a number of fine articles in the Christliche Welt, also pointed out the religious significance of spiritual science, as it is understood here, and has, in general, vividly and accurately characterized the very nature of this spiritual practice aimed at attaining the spirit. Recently, objections to these writings in the Christliche Welt have been raised from another quarter, one that is also widely respected. I do not wish to address these objections further; I merely wish to point them out. It is said that a major flaw of this anthroposophically oriented spiritual science is that it does not rely on mere grace—that the Spirit would, as it were, come to one, that one would be graced in the same way one is gifted with talent or genius—but rather that this anthroposophically oriented spiritual science attempts, through arbitrary exercises, to lead the soul into the spiritual world, into the spiritual realm. This is characterized as a particular aberration; it shows nothing other than that this so-called esteemed group, which is rebelling against Pastor Rittelmeyer, simply does not understand what is at stake.
[ 43 ] Dringt man von der Seele zum Geiste vor, ja, dringt man nur von dem gewöhnlichen Seelenerlebnis zur wahren Seele vor, dann kommt man in lauter Tätigkeit hinein, und gerade das wäre das Falsche, wenn man sich passiv verhalten wollte zum Geiste. Denn alles das, was im passiven Verhalten an einen herankommt, bringt einen in Abhängigkeit vom Leibe. Unabhängig sich in den Geist hineinzuleben muss eine freie Tat sein, eine Tat, die ganz und gar aus der Willkür des Menschen hervorgeht. Ohne durch freien Entschluss in die geistige Welt einzutreten, kann man nicht in sie eintreten. Wer von dem Geiste spricht als von etwas, was erlangt werden kann ohne dieses freie Hineingehen in die geistige Welt, der weiß nicht, was Geist ist, der kennt nur dasjenige Seelenleben, das in einer mehr oder weniger feinen, raffinierten Weise doch vom Leibe abhängig ist.
[ 43 ] If one advances from the soul to the spirit—indeed, if one merely advances from the ordinary experience of the soul to the true soul—then one enters into pure activity, and that would be precisely the wrong approach if one were to adopt a passive attitude toward the spirit. For everything that comes to one through a passive attitude leads one into dependence on the body. To enter into the spirit independently must be a free act, an act that arises entirely from the human will. Without entering the spiritual world through a free decision, one cannot enter it. Anyone who speaks of the spirit as something that can be attained without this free entry into the spiritual world does not know what spirit is; such a person knows only that aspect of the soul life which, in a more or less subtle, refined way, is nevertheless dependent on the body.
[ 44 ] So sieht man, wie heute in weitesten Kreisen, auch in einflussreichen Kreisen, nicht die geringste Vorstellung von dem vorhanden ist, was wirklich Geist ist, dieser wirkliche Geist, der ein Tätiges ist, der nichts ist, womit man sich verbinden kann bloß passiv. Man kommt höchstens aus der Wesenheit des Geistes heraus, man verleugnet einen Geist, wenn man nur das entwickelt, was sich passiv verhält. Darin gerade liegt die Schwierigkeit, in das geistige Gebiet hineinzukommen, dass man auf der einen Seite willkürlich hineintritt, aber das doch nur ein Probieren sein darf, dass man auf andere Notwendigkeiten kommt, dass alles ganz anders kommt, als man cs erwartet hat. Man entwickelt den Willen in das Vorstellungsleben hinein, aber man weiß zuletzt, dass man diesen Willen nur so entwickeln kann, wie wenn man die Augen wendet von einem Punkte zum anderen. Aber der Wille muss in allem walten, was in den Geist wirklich hineinkommen soll. Das ist das Wesentliche.
[ 44 ] Thus we see how, even today, in the broadest circles—including influential ones—there is not the slightest conception of what the spirit truly is: this real spirit, which is an active force, and which is not something with which one can connect merely passively. At best, one moves away from the essence of the spirit; one denies the spirit when one develops only that which behaves passively. This is precisely where the difficulty lies in entering the spiritual realm: on the one hand, one enters it arbitrarily, but this can only be an attempt; on the other hand, one encounters other necessities, and everything turns out quite differently than one had expected. One develops the will within the life of the imagination, but one ultimately realizes that one can develop this will only in the same way as when one turns one’s eyes from one point to another. Yet the will must prevail in everything that is truly to enter the spirit. That is the essential point.
[ 45 ] Und lernt man nun durch unmittelbare Anschauung erkennen, was die wahre Seele ist gegenüber dem Spiegelbild dieser wahren Seele, dann lernt man eben dasjenige von der Seele kennen — ich habe vorhin gezeigt, wie man das Ich als etwas, was der Leib aufnimmt, erkennt — man lernt die wahre Seele kennen gegenüber demjenigen, was nur die gewöhnlichen Seelenerlebnisse sind. Diese wahre Seele kennenlernen, zu der Anschauung dieser wahren Seele zu kommen, das führt zu gleicher Zeit dahin, zu wissen, dass dieses wahre Seelenwesen nicht eingeschlossen ist in den Grenzen zwischen Geburt und Tod. Man lernt vor allen Dingen erkennen, wie dieses wahre Seelenwesen eigentlich durch das Leibesleben ausgelöscht ist, wie es in seiner wahren Gestalt angeschaut werden kann durch das Bewusstsein, das also erweitert ist, wie ich es charakterisiert habe, angeschaut werden kann vor der Geburt oder der Empfängnis und nachdem der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist. Man lernt erkennen, dass es sich mit dem äußeren Erdenleben gar nicht so verhält, wie man es im gewöhnlichen Leben meint.
[ 45 ] And when one comes to recognize through direct perception what the true soul is in contrast to the reflection of this true soul, then one comes to know precisely that aspect of the soul—I showed earlier how one recognizes the “I” as something that the body takes in—one comes to know the true soul in contrast to what are merely ordinary soul experiences. Coming to know this true soul, attaining a direct perception of this true soul, leads at the same time to the realization that this true soul-being is not confined within the boundaries between birth and death. Above all, one learns to recognize how this true soul-being is actually obliterated by physical life, how it can be perceived in its true form through consciousness—which is thus expanded, as I have characterized it—and how it can be perceived before birth or conception and after a person has passed through the gate of death. One learns to recognize that the outer earthly life is not at all what one assumes it to be in ordinary life.
[ 46 ] Im gewöhnlichen Leben hat man ja die Vorstellung: Nun ja, das, was man erlebt zwischen Geburt und Tod, das kommt so an einen heran. Der Zufall bringt das eine, bringt das andere; das Leben konfiguriert sich bloß aus der sinnlichen Außenwelt herein. — Es kann auch nicht anders sein, als dass man diese Vorstellung im gewöhnlichen Leben hat. Allein diese Vorstellung bringt einen in eine gewisse Kalamität, wenn man das seelische Leben ins Auge fassen kann. Hat man diesen Sinn, dann weiß man, dass man eigentlich dieses seelische Leben selber auslöschen würde, wenn man die äußeren Erlebnisse auslöscht. Das Wort «Seele», der abstrakte Begriff «Seele», darauf kommt es nicht an; das wirkliche inhaltsvolle Seelenleben, darauf kommt es an.
[ 46 ] In everyday life, one tends to think: Well, whatever one experiences between birth and death simply comes one’s way. Chance brings one thing, then another; life is shaped solely by the external sensory world. — It cannot be otherwise than that one has this notion in ordinary life. Yet this very notion leads one into a certain predicament when one is able to contemplate the life of the soul. If one has this insight, then one knows that one would actually extinguish this life of the soul itself if one were to extinguish the external experiences. The word “soul,” the abstract concept of “soul”—that is not what matters; what matters is the real, meaningful inner life.
[ 47 ] Fragen Sie sich aber, wenn Sie 40 Jahre alt geworden sind, was dieser wirklich konkrete wahre Inhalt des Seelenlebens eigentlich ist. Er ist eigentlich das, was Ihre Erlebnisse sind, Sie können nicht die Erlebnisse trennen von Ihrem Seelenleben. Das, was Sie in der Seele drin haben — denken Sie, wie es anders wäre, wenn Sie anderes durchgemacht hätten. Sie sind es ja selbst, und diese Erlebnisse sind Sie geworden. Sprechen Sie davon, dass die Erlebnisse herankommen, wie es trifft, dann sagen Sie von Ihrer Seele, dass sie eigentlich an Sie herangekommen ist, wie es trifft. Die Beobachtung der wahren Seele zeigt, dass das nicht der Fall ist; sie führt uns, wie das Teleskop im Raume in Weiten hinausführt, sie führt uns hinaus über Geburt und Tod. Wir sehen in Welten hinein, in denen wir sind vor der Geburt oder Empfängnis, in denen wir sein werden nach dem Tode. Wir sehen in diese Welten hinein und wir wissen: Was wir hier erleben von dem Zeitpunkte an, wo wir zum Bewusstsein kommen, bis zum Tode, wo wir das Erdenbewusstsein verlieren, um ein anderes zu bekommen, was an uns herantritt, das tritt deshalb an uns heran, weil es nicht zufällig ist, dadurch, dass wir, sagen wir, leben vom Jahre 1872 bis 1925, sondern weil wir vorher lebten in einer geistigen Welt und uns mit dem, was wir als Leib ererbt haben, aus der geistigen Welt vereinigen und uns aus der geistigen Welt durch innere Seelensehnsucht hinuntergeführt haben, um die Reihe der Erlebnisse zu durchleben, die an dem Orte und [in] der Zeit durchlebt werden können, in die wir geboren sind. Was äußere Erlebnisse des Lebens sind, was als Sehnsucht an uns herantritt, als Wille, das zu erleben, es ist vorhanden in uns vor diesem Leben.
[ 47 ] But when you turn 40, ask yourself what this truly concrete, genuine substance of your inner life actually is. It is, in fact, your experiences; you cannot separate your experiences from your inner life. What you have within your soul—think about how things would be different if you had gone through something else. It is you yourself, after all, and these experiences have become who you are. When you speak of experiences coming to you as they do, you are saying that your soul has actually come to you as it does. Observation of the true soul reveals that this is not the case; it leads us—just as a telescope leads us out into the vastness of space—it leads us beyond birth and death. We look into worlds where we exist before birth or conception, and where we will exist after death. We look into these worlds and we know: What we experience here from the moment we become conscious until death, when we lose our earthly consciousness to gain another—whatever comes to us, does so not by chance because we, let us say, lived from 1872 to 1925, but because we previously lived in a spiritual world and united ourselves with what we inherited as a body from the spiritual world, and allowed ourselves to be led down from the spiritual world through an inner longing of the soul in order to live through the series of experiences that can be lived through in the place and [at] the time into which we were born. What constitutes the outer experiences of life—what approaches us as a longing, as a will to experience them—is already present within us before this life.
[ 48 ] Diese äußeren Erlebnisse, sie hängen durchaus zusammen mit dem, was wir im geistigen Lande durchlebt haben, bevor wir zur Empfängnis oder Geburt geschritten sind. Und dasjenige, was wir als innerliche Seelenerlebnisse erleben: Wir wachsen ja innerlich seelisch mit den äußeren Erlebnissen, wir erringen diese oder jene Gewohnheiten, wir eignen uns das Leben dirigierende Vorstellungen an und so weiter. Dieses innere Erleben zwischen Geburt und Tod, man kann wirklich fragen: Was hat es für eine Bedeutung für die Welt außer uns? Man kann so fragen. Und ein Philosoph der Gegenwart, der es ganz merkwürdig abgesehen hat auf das Schimpfen über die Philosophie — er sagt: Der Mensch hat nicht mehr Philosophie als ein Tier, und unterscheidet sich von dem Tier nur dadurch ... [Lücke] —, der ein Professor der Philosophie an der Universität ist, der betrachtet das innere Menschenleben und sagt: Das Naturleben, das Leben in der großen Welt, läuft eigentlich ab, ohne sich zu kümmern um das innere Leben. Und er braucht den Ausdruck, dieser Philosoph: Die Natur ist groß und bewunderungswürdig, und wir halten Maulaffen feil!
[ 48 ] These external experiences are certainly connected to what we experienced in the spiritual realm before we proceeded to conception or birth. And as for what we experience as inner soul experiences: We do, after all, grow inwardly and spiritually through our external experiences; we acquire this or that habit; we adopt ideas that guide our lives, and so on. Regarding this inner experience between birth and death, one might truly ask: What significance does it have for the world outside of us? One might ask that. And a contemporary philosopher, who has a peculiar penchant for railing against philosophy—he says: Human beings have no more philosophy than an animal, and differ from the animal only in that... [gap] —, who is a professor of philosophy at the university, observes inner human life and says: Natural life—life in the wider world—actually unfolds without paying any attention to inner life. And this philosopher uses the expression: “Nature is vast and admirable, and we peddle nonsense!”
[ 49 ] Man könnte auf diesen Gedanken leicht kommen, wenn man eben keinen Zusammenhang mit der geistigen Welt hat. Man könnte sich fragen: Warum geht denn außer den Ereignissen, die sich im Kosmos vollziehen, noch etwas vor, was sich ausnimmt wie ein Abbild des Kosmos? Die Wahrheit ist diese: Während die äußeren Seelenerlebnisse ersehnt sind aus unserem Geistesdasein vor der Geburt, sind die inneren Erlebnisse, das allmähliche Werden der Seele, das, was in uns heranwächst als Lebensempfindung — das ist das, was wir durch den Tod hinübertragen in die geistige Welt; das ist der Keim dieses inneren Erlebens zu dem, was wir nach dem Tode erleben.
[ 49 ] One might easily come to this conclusion if one had no connection to the spiritual world. One might ask: Why, apart from the events that take place in the cosmos, is there anything else going on that appears to be a reflection of the cosmos? The truth is this: While our outer soul experiences are longed for from our spiritual existence before birth, our inner experiences—the gradual development of the soul, that which grows within us as a sense of life—are what we carry over into the spiritual world through death; this is the seed of these inner experiences that blossoms into what we experience after death.
[ 50 ] So werden wir über Geburt und Tod hinausgeführt in eine geistige Welt nicht durch Spekulation, sondern dadurch, dass die Beobachtung, durch die man das Ewige ins geistige Auge fassen kann, erst gesucht wird. Sie entwickelt die Perspektive in jene Welt hinein, in der wir wirklich sind. Zur Anschauung der geistigen Welt führt uns die Geisteswissenschaft, zur Heranziehung desjenigen, was in einem erweiterten Sinne mit Goethe genannt werden kann «Geistesaugen», «Geistesohren».
[ 50 ] Thus we are led beyond birth and death into a spiritual world—not through speculation, but by first seeking the kind of observation through which the eternal can be perceived by the spiritual eye. It develops the perspective into that world in which we truly exist. Spiritual science leads us to the perception of the spiritual world, to the use of what, in a broader sense, can be called—in Goethe’s terms—“spiritual eyes” and “spiritual ears.”
[ 51 ] Und wiederum das Schicksal des Menschen, um aus der Fülle der Sache Einzelnes herauszuholen, wenn Sie bedenken, was wir selbst sind und was unsere Schicksale sind — und dennoch, das gewöhnliche Bewusstsein ist wiederum der Ansicht: Es trifft, wie es trifft, dieses Schicksal; es ist auf der einen Seite eine Summe von Zufällen, die sich zu einem Ganzen gruppieren, auf der anderen Seite die Tatsache, dass wir dieses Schicksal, wenn wir wirklich nicht nur abstrakte Begriffe ins Auge fassen — dass wir es doch selber sind. Wenn man das ins Auge fasst, dann kommt man wiederum zu einer Disharmonie zwischen dem, was das gewöhnliche Bewusstsein in dem Schicksal sieht, und dem, was das Schicksal für das, was wir als Menschen wesenhaft sind, eigentlich ist.
[ 51 ] And once again, the fate of human beings is to extract individual elements from the abundance of reality, when you consider what we ourselves are and what our fates are—and yet, ordinary consciousness is again of the opinion: This fate befalls us as it does; on the one hand, it is a sum of coincidences that coalesce into a whole; on the other hand, the fact that—if we truly look beyond abstract concepts—we are, after all, that very fate ourselves. When one considers this, one again arrives at a disharmony between what ordinary consciousness sees in fate and what fate actually is for what we, as human beings, essentially are.
[ 52 ] Wenn der Mensch aufsteigt dadurch, dass er die innere Notwendigkeit, wie ich es geschildert habe, in seinem Vorstellungswesen erlebt, dadurch, dass er den Geist beobachten kann, lernt er erkennen, dass der Leib ein Spiegelbild des Geistes ist, wie die gewöhnliche Seele ein Spiegelbild der wahren Seele ist. Aber auch, was wir als Schicksal erleben, ist in gewisser Beziehung ein Spiegelbild des Geistes, nur wirkt etwas in unserem Leben, was verborgen ist dem gewöhnlichen Bewusstsein. Es wirkt herein, wenn wir unser Schicksal an uns herankommen sehen — die geistige Beobachtung ergibt das — es wirkt herein in unser jetziges Leben das, was als Kräfte herüberstrahlt aus früheren Erdenleben. Das ist das Rätsel des Willens, das Rätsel davon, dass der Wille, ohne dass wir es wissen — denn es ist im Unbewussten —, dass dieser Wille, wie der Hunger sich zur Nahrung hingezogen fühlt, sich hingezogen fühlt zu dem, was dann sein Schicksal trägt. Dass wir von diesem Willen im gegenwärtigen Leben so wenig wissen, das rührt davon her, dass das, was jetzt als Wille das Schicksal zimmernd wirkt, überhaupt nicht im gewöhnlichen Leben wirkt. So, wie das, was an äußeren Seelenerlebnissen vorgeht, in seinem Keime in dem vorgeburtlichen Leben liegt, so liegt der Wille, der unser Schicksal zimmert, in früheren Erdenleben. Und das, was Lebensweisheit im Innern der Seele ausbildet, was sich verbirgt in der Altersschwäche, das geht mit uns durch die Pforte des Todes, das wächst von der Vorstellung bis zum Willen für das nächste Erdenleben hinein.
[ 52 ] When a person ascends by experiencing the inner necessity—as I have described it—within their imaginative life, and by being able to observe the spirit, they come to recognize that the body is a reflection of the spirit, just as the ordinary soul is a reflection of the true soul. But what we experience as fate is also, in a certain sense, a reflection of the spirit; it is just that something is at work in our lives that is hidden from ordinary consciousness. It comes into play when we see our fate approaching us—spiritual observation reveals this—what radiates as forces from earlier earthly lives comes into play in our present life. This is the mystery of the will, the mystery of the fact that the will—without our knowing it, for it lies in the unconscious—is drawn, just as hunger is drawn to food, to that which ultimately shapes its destiny. The fact that we know so little about this will in our present life stems from the fact that what now works as will, shaping our destiny, does not operate at all in ordinary life. Just as the seeds of our outer soul experiences lie in our prenatal life, so too does the will that shapes our destiny lie in previous earthly lives. And that which develops as wisdom of life within the soul—that which is hidden in the frailty of old age—passes with us through the gate of death; it grows from the level of imagination into the will for the next earthly life.
[ 53 ] Nicht nur wird, wenn man seine Vorstellungen auszudehnen vermag, indem man von dem Seelenleben die Fäden zieht nach dem geistigen Leben, nicht nur wird das wahrhaft Seelische durchschaut, sondern es wird durchschaut der ganze Gang des menschlichen Ewigen durch Geburten und Tode. Wir lernen zuerst erfahren durch die ersten Grade der Selbstbeobachtung, dass das Ich etwas ist, was sich mit dem ererbten Leibe verbindet. Wir lernen erfahren, dass unsere seelischen Erlebnisse herauserkraftet werden aus der geistigen Welt, die wir vor der Geburt durchschreiten. Wir lernen erkennen, dass das Schicksal, die Lebensweisheit dasjenige ist, was zu wiederholten und wiederholten Erdenleben führt.
[ 53 ] Not only, when one is able to expand one’s perceptions by tracing the threads from the life of the soul to the spiritual life, not only is the truly spiritual understood, but the entire course of the human eternal being through births and deaths is also understood. We first come to realize, through the initial stages of self-observation, that the “I” is something that unites with the inherited body. We come to realize that our soul experiences are drawn from the spiritual world through which we pass before birth. We come to recognize that destiny—the wisdom of life—is what leads to repeated and repeated earthly lives.
[ 54 ] Ich konnte Ihnen nur Andeutungen machen heute, das Weitere können Sie in meinen Büchern nachlesen. Einiges Besondere werde ich noch morgen auszuführen haben. Die Andeutungen, die ich gemacht habe, sollten vor allen Dingen das charakterisieren, dass Geisteswissenschaft nicht es zu tun hat mit irgendeinem Träumen, mit einem Aufstellen von Weltanschauungsbegriffen, sondern dass Geisteswissenschaft beruht auf echter, wahrer Forschung, auf einer solchen Forschung, die ebenso innerlich streng ist, wie die äußere Naturwissenschaft streng ist auf ihrem Gebiete — ja, noch strenger. Derjenige, der den geisteswissenschaftlichen Weg verfolgt hat, kann das schon sagen. Und dass diese Geisteswissenschaft auch auf naturwissenschaftliche Gebiete Licht werfen kann, das können Sie ersehen aus dem letzten Kapitel meines Buches «Von Seelenrätseln».
[ 54 ] I could only give you some hints today; you can read more in my books. I will have some specific points to elaborate on tomorrow. The hints I have given were intended, above all, to characterize the fact that spiritual science has nothing to do with mere daydreaming or with the formulation of worldview concepts, but rather that spiritual science is based on genuine, true research—research that is just as internally rigorous as the external natural sciences are in their own fields—indeed, even more rigorous. Anyone who has followed the path of spiritual science can already attest to this. And you can see from the last chapter of my book On the Riddles of the Soul that this spiritual science can also shed light on areas of natural science.
[ 55 ] Man darf sagen, sehr verehrte Anwesende: Dasjenige, was als Geist erforscht wird, das wirft eigentlich erst auf dasjenige, was uns als Natur umgibt, Licht. Naturwissenschaft wird dadurch nicht entkräftet, aber sie nimmt sich der Geisteswissenschaft gegenüber so aus wie die Anschauung, die jemand hat, der in einem finsteren Zimmer die Gegenstände abtastet, zu dem, der ein Licht anzündet und die Gegenstände beleuchtet. Allerdings, wenn man die Gegenstände im Dunkel abtastet, den einen, einen zweiten, einen dritten — man tastet immer dasselbe. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das bloß abgetastete Zimmer von allen gleich beschrieben ist. Weil Naturwissenschaft in geistigem Dunkel forscht, sind die Begriffe von selbst immer die gleichen, weil, wenn man ein Licht anzündet, man da und dort hinleuchten kann, wird die Konfiguration von den verschiedenen Punkten aus verschieden sein. Daher der leicht auffindbare, aber durchaus nicht treffende Einwand, den man gewöhnlich macht, dass der eine Geistesforscher dieses, der andere jenes spricht. Das ist der Fall, aber es ist der Fall aus dem Grunde, weil der Geistesforscher zunächst auch geistig von einem bestimmten Gesichtspunkte aus das Licht entzündet.
[ 55 ] It may be said, esteemed audience: That which is investigated as the spirit is actually what first sheds light on that which surrounds us as nature. This does not invalidate the natural sciences, but in relation to the spiritual sciences, they appear much like the difference between the perception of someone who feels their way around objects in a dark room and that of someone who turns on a light and illuminates the objects. However, when one feels one object after another in the dark—the first, the second, the third—one always feels the same thing. It is therefore not surprising that the room, which is merely felt by touch, is described in the same way by everyone. Because natural science conducts its research in spiritual darkness, the concepts are, by their very nature, always the same; but because, when one turns on a light, one can shine it here and there, the configuration will differ depending on the various vantage points. Hence the easily raised—but by no means accurate—objection that is commonly made: that one researcher of the spirit says this, while another says that. This is the case, but it is so because the researcher of the spirit initially kindles the light, spiritually speaking, from a particular point of view.
[ 56 ] Aber es gibt einen Ausweg. Und gerade die Richtung, die ich selber vertrete, sucht diesen Ausweg. Die Menschen scheuen sich vor der inneren Seelendramatik, vor der Erkenntnisdramatik, die man durchmachen muss, weil sie fürchten, in das Subjektive hineinzukommen. Das ist ein Übergang, aber dann kommt man in ein Gebiet, wo der Geist das Objektive ist, wo der Geist von allen Seiten gleich beschrieben werden kann, wie die Sinneswelt beschrieben werden kann. Wenn man in einem Zimmer ein Licht anzündet, hat man allerdings nur einen gewissen Aspekt von dem Zimmer. Dreht man das Licht herum, dann widersprechen sich die Eindrücke; von jedem Orte sieht das Zimmer anders aus, aber man bekommt so allmählich einen objektiven Überblick über das ganze Zimmer.
[ 56 ] But there is a way out. And the very approach I advocate is seeking this way out. People shy away from the inner drama of the soul, from the drama of insight that one must go through, because they fear entering into the subjective realm. This is a transition, but then one enters a realm where the spirit is the objective, where the spirit can be described equally from all sides, just as the sensory world can be described. When you turn on a light in a room, however, you only perceive a certain aspect of the room. If you turn the light around, the impressions contradict one another; the room looks different from every vantage point, but in this way you gradually gain an objective overview of the entire room.
[ 57 ] So sucht insbesondere jene geisteswissenschaftliche Richtung, die von mir angestrebt wird, zwar die geistesforscherischen Methoden anzuwenden und alles mit dem Lichte des Geistes zu beleuchten, aber es wird versucht, das von verschiedenen Gesichtspunkten aus zu tun. Dadurch kommt eine andere Misere heraus, aber das ist nicht weiter schlimm, dass, während man sonst sagt, dass man bei einem Geistesforscher, der die verschiedenen Standpunkte einnimmt, sagt, er widerspreche sich selber. Er widerspricht sich selber, aber er tut es, um allmählich zu charakterisieren. Das liegt den neuerdings so beliebt gewordenen Kritiken meiner Weltanschauung zugrunde, wo Widersprüche aufgesucht werden. Diese Widersprüche sind nicht mehr wert als vier Fotografien von vier Seiten eines Raumes. Der Geistesforscher muss sich in einer gewissen Weise widersprechen, indem er das Leben von verschiedenen Standpunkten aus charakterisiert. Mögen dann nur unverständige Leute kommen — gerade durch das Vorhandensein verschiedener Bilder, die der Geistesforscher gibt, will er seine Objektivität zeigen.
[ 57 ] In particular, the branch of spiritual science that I am striving toward seeks to apply spiritual research methods and to illuminate everything in the light of the spirit, but it attempts to do so from various perspectives. This results in a different kind of predicament, but it is not a serious problem—even though it is otherwise said that a spiritual researcher who adopts different viewpoints is contradicting himself. He does contradict himself, but he does so in order to gradually characterize reality. This underlies the critiques of my worldview that have recently become so popular, in which contradictions are sought out. These contradictions are no more significant than four photographs taken from four different sides of a room. The spiritual researcher must, in a certain sense, contradict himself by characterizing life from different perspectives. Let only those who lack understanding come forward—it is precisely through the existence of the various images the spiritual researcher provides that he seeks to demonstrate his objectivity.
[ 58 ] In der gewöhnlichen physischen Sinneswelt ist es ja so, dass man dem nicht ausgesetzt zu sein braucht, wenn man bloß äußerliche Tatsachen beschreibt. Aber es kommt anders bei dem Geistigen. Der Geist ist ein Lebendiges, und das Lebendige hat seine Widersprüche. Überhaupt ist es auch sonst so, dass derjenige, der die Geisteswissenschaft kennt, dann sorgfältig und gewissenhaft in die Denkungsart der Naturwissenschaft sich hineinvertieft, wie sie in der Gegenwart ausgebildet ist, der findet, dass die Naturwissenschaft bis in alle Einzelheiten hinein nicht nur nicht in Widerspruche steht mit der Geisteswissenschaft, sondern vollständig eine Bestätigung ist alles desjenigen, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat.
[ 58 ] In the ordinary physical world of the senses, it is true that one need not be exposed to this if one merely describes external facts. But the situation is different when it comes to the spiritual realm. The spirit is a living entity, and living entities have their contradictions. In general, it is also the case that anyone who is familiar with spiritual science and then carefully and conscientiously immerses themselves in the mode of thinking of natural science, as it is currently developed, will find that natural science, down to the very details, not only does not contradict spiritual science but is a complete confirmation of everything that spiritual science has to say.
[ 59 ] Deshalb möchte ich sagen: Der Geistesforscher scheut durchaus nicht davor zurück, prüfen zu lassen seinen Standpunkt, ja, streng prüfen zu lassen seinen Standpunkt von den verschiedensten geistigen Richtungen, die sonst vorhanden sind. Prüfe man nur dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat, an der wahren Naturwissenschaft, nicht an der oberflächlichen Naturwissenschaft. Der Monismus vertritt ja nach 30 Jahren noch das, was die Naturwissenschaft überwunden hat. Prüfe man dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat, an der wahren Naturwissenschaft, man wird es bestätigt finden. Der Geistesforscher schreckt nicht zurück vor wirklich wissenschaftlicher Prüfung. So werde ich niemals jemand, der sich hingezogen fühlt zu dem, was ich die Geisteswissenschaft nenne, irgendwie den Rat geben, er solle sich einspinnen, er solle nicht prüfen, er solle in Autoritätsglauben aufgehen. Nein, niemand soll glauben das, was gesagt wird, niemand soll auf Autorität hin etwas annehmen. Aber er würde es umso mehr einsehen, je gewissenhafter er es gerade an dem natürlichen Leben der Gegenwart prüft.
[ 59 ] That is why I would like to say: The spiritual researcher by no means shies away from having his point of view examined—indeed, from having it rigorously examined—by the most diverse spiritual traditions that otherwise exist. Let us examine what the spiritual researcher has to say in light of true natural science—not superficial natural science. After all, even after 30 years, monism still espouses what natural science has long since overcome. Let us examine what the spiritual researcher has to say in light of true natural science, and we will find it confirmed. The spiritual researcher does not shy away from truly scientific scrutiny. Thus, I would never in any way advise someone who feels drawn to what I call spiritual science to shut themselves off from the world, to refrain from examining things, or to lose themselves in blind faith in authority. No, no one should believe what is said; no one should accept anything on the basis of authority. But the more conscientiously they examine it in light of the natural reality of the present, the more they will come to understand it.
[ 60 ] Ebenso kann es geprüft werden an dem religiösen Leben. Klar ist demjenigen, der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, dass das religiöse Leben — Dr. Rittelmeyer zeigt das — eine feste Stütze, eine Sicherheit gewinnt durch dasjenige, was man aus der Geisteswissenschaft erfahren kann, eine Stütze, die heute gebraucht wird. Geisteswissenschaft — diesem Missverständnis darf man sich nicht hingeben —, Geisteswissenschaft steht nicht im Gegensatz zum religiösen Leben. Sie sagt nicht: Geht nicht in die Kirche! Nein, Religion soll nicht ersetzt werden durch Geisteswissenschaft, und Geisteswissenschaft soll nicht eine neue Religion sein, sondern sie will sein etwas, was sich als wissenschaftliche Forschung neben die naturwissenschaftliche Forschung hinstellt, was aber dem, der nun geisteswissenschaftlich an das religiöse Leben herantritt, dieses religiöse Leben reicher und fester begründet. Geisteswissenschaft sagt nicht: Geht zur Geisteswissenschaft und geht nicht zur Kirche!, sondern: Geht zur Geisteswissenschaft und ihr werdet dasjenige, was das religiöse Leben zu sagen hat, noch in einem neuen Lichte sehen.
[ 60 ] It can also be examined in the context of religious life. It is clear to anyone grounded in spiritual science that religious life—as Dr. Rittelmeyer demonstrates—gains a firm foundation and a sense of security through what can be learned from spiritual science, a foundation that is needed today. Spiritual science—and we must not succumb to this misunderstanding—is not in opposition to religious life. It does not say: Do not go to church! No, religion is not to be replaced by spiritual science, nor is spiritual science meant to be a new religion; rather, it seeks to be a form of scientific inquiry that stands alongside natural scientific research, yet which, for those who approach religious life from the perspective of spiritual science, enriches that religious life and provides it with a firmer foundation. Spiritual science does not say: “Go to spiritual science and do not go to church!” but rather: “Go to spiritual science, and you will see what religious life has to say in a new light.”
[ 61 ] Und das Leben selbst, das soziale Leben, das ethische Leben, das juristische Leben, das gesamte Leben, auch die unmittelbare Lebenspraxis, sie alle können ihre Befruchtung erfahren durch die Geisteswissenschaft dadurch, dass derjenige, der nicht selber Scher wird, seine Vorstellungen so bekommt, dass sie sich besser der Wirklichkeit anschmiegen, dass man nicht glaubt, ein praktischer Mensch zu sein, und dabei ein Phantast ist, sondern wirklichkeit[s]durchdrungene Vorstellungen, ein Empfinden, das innere Sicherheit hat, ein Wille, der sich orientieren kann im Leben, der die Wege durch das Leben finden kann, das ist das, was die Menschen finden können aus der Geistesforschung.
[ 61 ] And life itself—social life, ethical life, legal life, life as a whole, even the immediate practice of living—all of these can be enriched by spiritual science in that those who do not become deluded themselves come to form their ideas in such a way that they better conform to reality, so that one does not believe oneself to be a practical person while actually being a dreamer, but rather ideas imbued with reality, a sense of inner security, a will that can find its bearings in life and navigate its paths—that is what people can gain from spiritual research.
[ 62 ] Die Geistesforschung soll nicht etwas sein, was als Theorie begriffen wird, sondern was wie eine Essenz durch das Leben geht, was den Menschen brauchbar und stark für das Leben macht. Man kann also gehen zur Naturwissenschaft, man kann gehen zur Religion, zum Leben selber — Geisteswissenschaft wird niemand davon abhalten. Sie wird gerade froh sein, wenn man sie prüft an Wissenschaft, an Religion, an dem Leben. Denn derjenige, der in ihrem Boden begründet ist, der weiß, dass diese Prüfungen sie nicht widerlegen werden, sondern dass diese Prüfungen, wenn sie ernsthaft ausgeführt werden, sie immer bestätigen werden.
[ 62 ] Spiritual science should not be something understood as a theory, but rather something that permeates life like an essence, something that makes people capable and strong for life. So one can turn to the natural sciences, one can turn to religion, to life itself—spiritual science will not prevent anyone from doing so. It will, in fact, be glad if it is tested against science, against religion, against life. For whoever is grounded in its foundation knows that these tests will not refute it, but that these tests, if carried out seriously, will always confirm it.
[ 63 ] Nicht als ob man nicht irren könnte auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft, aber der Irrtum ist auf jedem Gebiete möglich. Darauf kommt es nicht an. Der Geistesforscher fordert keinen Autoritätsglauben. Er sagt: Man gehe und prüfe Geisteswissenschaft, sie wird nur gewinnen an Wissenschaft, an Religion, an dem Leben. Man gehe meinetwillen sogar und prüfe Geisteswissenschaft an der Weltanschauung von Johannes Müller; und diese Geisteswissenschaft hat auch keine Sorge, dass sie dadurch irgendetwas verlieren könnte. Ich werde nicht irgendwie Johannes Müller den Vorwurf entgegenschleudern, den er mir entgegengeschleudert hat auf die Artikel von Pfarrer Rittelmeyer hin: dass Geisteswissenschaft etwas Versucherisches sei, dass sie eine neue Versuchung für die Menschen darstelle. Das würde Kleinmütigkeit sein, dann mögen sich die Menschen versuchen lassen, wenn die anthroposophische Weltanschauung eine Versuchung sein sollte — sie werden schon von selbst erkennen, wenn ihnen nicht suggeriert wird, sie würden versucht, sondern wenn man ihnen sagen wird: Geht zur Wissenschaft, geht zur Religion, geht zum Leben, geht sogar zu Johannes Müller — ihr werdet dadurch Geisteswissenschaft wahrhaftig nicht widerlegt finden, sondern durch Wissenschaft, durch Religion, durch das Leben und sogar durch Johannes Müller bestätigt finden. Denn diese Geisteswissenschaft ist, wie ich skizzenhaft ausführen konnte — morgen will ich über die Verhältnisse in der geistigen Welt selber etwas mitteilen —, diese Geisteswissenschaft will wirkliche Wissenschaft, will gewissenhaft errungene Erkenntnisse. Und sie hat vor allen Dingen in das Kulturleben sich einzuführen dadurch, dass sie dem Anprall, der vonseiten der Naturwissenschaft herkommt, gewachsen ist.
[ 63 ] It’s not as if one couldn’t be mistaken in the field of spiritual science, but error is possible in any field. That is not the point. The spiritual scientist does not demand blind faith in authority. He says: Go and examine spiritual science; it will only gain in science, in religion, and in life. For my sake, go ahead and even test spiritual science against Johannes Müller’s worldview; and this spiritual science has no fear that it might lose anything as a result. I will not in any way hurl back at Johannes Müller the accusation he hurled at me in response to Pastor Rittelmeyer’s articles: that spiritual science is something tempting, that it represents a new temptation for people. That would be cowardice; let people be tempted, if the anthroposophical worldview is to be a temptation—they will recognize it for themselves, not when it is suggested to them that they are being tempted, but when they are told: Go to science, go to religion, go to life, go even to Johannes Müller—you will truly find that spiritual science is not refuted by these, but rather confirmed by science, by religion, by life, and even by Johannes Müller. For this spiritual science is, as I have been able to outline briefly—tomorrow I intend to speak a little about the conditions in the spiritual world itself—this spiritual science seeks true science, seeks knowledge gained through conscientious effort. And above all, it must establish itself in cultural life by being able to withstand the onslaught coming from the natural sciences.
[ 64 ] Du Bois-Reymond, ein von mir hochgeehrter Physiologe, hat in seinen berühmten Untersuchungen über die tierische Elektrizität und in anderen glänzenden Reden vieles ausgeführt, was die neuere Naturwissenschaft charakterisieren muss. Aber er hat zu gleicher Zeit gesagt: Diese Naturwissenschaft kann sich nur über die Sinneswelt erstrecken, denn darüber hinaus muss Wissenschaft aufhören. Das war ein Machtspruch. Und heute steht ein weiter Kreis der Menschheit unter diesem Einfluss. Dasjenige aber, was dieser Machtspruch meint ich möchte es durch einen Vergleich ausdrücken: Jemand sieht einen Baum, der wächst aus dem Boden heraus. Wie er im Boden wurzelt, da kann man nicht hineinschauen; das stört einen. Der Baum wächst und wächst: Das, was im Boden ist, hat etwas damit zu tun. Man will nun den Baum anschauen mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen, man gräbt ihn aus; man setzt seine Wurzeln in die Luft. Er stirbt ab, er wird ertötet, weil er entwurzelt ist. — Man hat versucht in der neueren Zeit, weil man nicht gehen wollte von dem menschlichen Wissen aus über die äußere Sinneswelt zu dem, was Wurzel eines jeglichen Wissens in der geistigen Welt ist. Man hat versucht, das Wissen über die Natur zu entwurzeln, wie man den Baum entwurzelt. Wie der Baum abstirbt, so stirbt auch die Erkenntnis ab, wenn sie dem Boden, dem geistigen Boden entrissen wird.
[ 64 ] Du Bois-Reymond, a physiologist whom I hold in high esteem, has set forth in his famous studies on animal electricity and in other brilliant speeches much of what must characterize modern natural science. But at the same time, he said: This natural science can extend only as far as the sensory world, for beyond that, science must cease. That was a definitive statement. And today, a broad segment of humanity stands under this influence. But what this definitive statement means—I would like to express it through a comparison: Someone sees a tree growing out of the ground. One cannot see how it is rooted in the ground; that troubles one. The tree grows and grows: what lies in the ground has something to do with it. Now one wants to examine the tree using the means at one’s disposal; one digs it up; one exposes its roots to the air. It withers away; it is killed because it has been uprooted. — In more recent times, people have tried—because they did not want to proceed from human knowledge of the external sensory world to what is the root of all knowledge in the spiritual world—to uproot knowledge of nature, just as one uproots a tree. Just as the tree withers away, so too does knowledge wither away when it is torn from the ground, the spiritual ground.
[ 65 ] Geisteswissenschaft soll den Beweis liefern, in der Zukunft immer mehr und mehr, dass wir aus dem Boden des geistigen Lebens herausgerissen, bloß mechanische, bloß materialistische Wissenschaft entwickeln können, und anstelle des du Bois-Reymond’schen Machtspruches «Wir suchen Wissenschaft, aber wo das übersinnliche Leben beginnt, hört Wissenschaft auf» — an die Stelle dieses Machtspruches muss der einsichtige Spruch, muss die Gesinnung treten: Wenn Erkenntnis, wenn Wissenschaft herausgerissen wird aus dem Boden des wahrhaftig geistigen Lebens, dann stirbt Wissenschaft ab; nicht dass, wo die übersinnliche Welt anfängt, Wissenschaft aufhören müsse, sondern wo Wissenschaft gesucht wird außerhalb der übersinnlichen Welt, da stirbt ab echte Wissenschaft, da wird sie entwurzelt, da wird sie ertötet. Das wird eine Überzeugung sein, die den Menschen gesinnungsgemäß mit der geistigen Welt verbindet, und diese Überzeugung — [das] möchte Geisteswissenschaft — soll werden die Überzeugung möglichst vieler Menschen in die Zukunft hinein.
[ 65 ] Spiritual science is to provide proof—increasingly so in the future—that we can develop purely mechanical, purely materialistic science, torn from the very foundations of spiritual life; and in place of du Bois-Reymond’s dogmatic statement, “We seek science, but where supernatural life begins, science ends,” — in place of this dogmatic statement, the insightful maxim, the attitude, must take its place: When knowledge, when science is torn away from the foundation of truly spiritual life, then science dies; not that science must cease where the supersensible world begins, but where science is sought outside the supersensible world, there true science dies, there it is uprooted, there it is killed. This will be a conviction that connects human beings to the spiritual world in accordance with their inner disposition, and this conviction—[this] is what spiritual science aims for—should become the conviction of as many people as possible in the future.
