Der Mensch als Geist- und Seelenwesen
GA 71b
11 February 1918, Nürnberg
1. Leib, Seele und Geist des Menschen. Ergebnisse aus den Forschungen der Geisteswissenschaft
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Zwei Vorträge werde ich mir gestatten, hier zu halten, die in einer gewissen Beziehung einen zusammengehörigen Inhalt haben, sodass manches, was heute gesagt wird, morgen noch eine besondere Ergänzung erfahren wird. Doch möchte ich um der verehrten Zuhörer willen mich bestreben, jeden Vortrag für sich als ein abgeschlossenes Ganzes, was für sich gehört werden kann, zu gestalten.
[ 2 ] Wenn man heute in dem Sinne von Geisteswissenschaft spricht, wie es hier geschehen soll, so findet man vorläufig noch, und zwar ganz selbstverständlich, möchte man sagen, den stärksten Widerstand, die schärfsten Missverständnisse. Insbesondere werden dieser Widerstand und diese Missverständnisse ausgehen von denjenigen, welche mit Bezug auf alle weiterreichenden Weltanschauungsfragen glauben, von dem sogenannten ganz sicheren, festen Boden der einzig wahren Wissenschaftlichkeit, der Naturwissenschaft, auszugehen.
[ 3 ] Nun muss demgegenüber gleich von vornherein gesagt werden, dass jene Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, nicht im Geringsten in irgendeinem Widerspruch steht mit den allermodernsten Anforderungen und Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft; ja, dass sie geradezu sein will eine notwendige Ergänzung und eine notwendige Folgerung aus dieser modernen Naturwissenschaft. Wenn man bloß Naturwissenschaft kennt, so wird man sehr leicht zu einem Gegner und Ablehner dieser Geisteswissenschaft werden. Kennt man Naturwissenschaft gerade in ihren wichtigsten, umfassendsten Ergebnissen der Gegenwart, und kennt man zugleich die Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, dann ist man, sehr verehrte Anwesende, eben durchaus kein Gegner der Naturwissenschaft.
[ 4 ] Dass naturwissenschaftliche Bildung — wie man es ja wohl nennt — heute gegenüber dieser Geisteswissenschaft so ablehnend ist, das ist vor allen Dingen auf einen sehr merkwürdigen Umstand zurückzuführen. Und es muss schon einleitungsweise über solche Dinge gesprochen werden, weil sehr leicht derjenige, der solche Auseinandersetzungen, wie sie hier gepflogen werden, zum ersten Male hört, auf den Gedanken kommen könnte, das, was hier gesagt wird, stünde in der Luft; widerspreche einer wirklich wahrhaftigen naturwissenschaftlichen Anforderung. Ich darf — wenn ich diese persönliche Bemerkung vorausschicken darf — wohl sagen, dass ich selbst durchaus überall, wo Naturwissenschaft in berechtigter Weise gegenwärtig auftritt, mit dieser Naturwissenschaft gegen alle dilettantischen oder oberflächlichen Bestrebungen auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft gehe, dass ich aber gerade deshalb Geisteswissenschaft in der Gestalt, wie ich von ihr sprechen muss, zu vertreten habe.
[ 5 ] Man darf ja sagen: Dasjenige, was gerade heute auf dem Gebiete der naturwissenschaftlichen Denkweise, der naturwissenschaftlichen Forschungsart geleistet wird, das hat sich gerade in den letzten Jahren zu einer großen Vorurteilslosigkeit hindurchgerungen gegenüber dem ganz oberflächlichen Materialismus von der Mitte, dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Man hat ja heute schon gegenüber, wie ich sagen möchte, dem naturwissenschaftlichen Romantizismus von früher, man hat heute schon so ausgezeichnet Objektives, so Eindringliches, wie zum Beispiel das jüngst erschienene groRe Werk, das in dieser Beziehung ganz mustergültig ist, das Werk von Oscar Hertwig «Über das Wesen der Organismen. Eine Widerlegung der Darwin’schen Zufallstheorie». Und man könnte viel, viel Ähnliches anführen, wenn man wollte gerade zum Lobe der Naturwissenschaft in der unmittelbaren Gegenwart sprechen.
[ 6 ] Sieht man hin auf die Gesinnung, auf die Denk- und Vorstellungsart, die bei den besonnenen Naturforschern der Gegenwart herrscht, so sind diese Gesinnungen, so ist diese Vorstellungsart ähnlich der des größten Biologen aus der Haeckel-Schule, Oscar Hertwig, der da sagt, Naturwissenschaft habe sich nur auf die Sinneswelt zu verlegen, habe nur zu erforschen das Endliche, habe nicht sich zu ergehen über das Unendliche; dieses müsse überlassen bleiben — so sagt ein tonangebender Naturforscher der Gegenwart —, dieses Übersinnliche, dieses Geistige müsse überlassen bleiben der Metaphysik, der Erkenntnistheorie und so weiter. — Wiederum ein Ausspruch, zu dem sich Hunderte und Hunderte besonnene Naturforscher-Aussprüche der Gegenwart hinzufügen ließen. Und man könnte glauben, dass solche Gesinnungen, von solcher Seite kommend, durchaus die Bahn frei machten für eine unbefangene Auffassung einer geisteswissenschaftlichen Forschung. Und dennoch ist es nicht der Fall. Denn wenn solches auch gesagt wird, so wird doch auf der anderen Seite wiederum begreiflich zu machen versucht, gerade von dieser Seite, dass wahre Wissenschaft, echte Wissenschaft doch nur diejenige sein könne, die sich hübsch auf den Boden der bloß äußeren sinnlichen Tatsachen stellt. Und so wird auf der einen Seite nur erforscht dieser Boden sinnlicher Tatsachen, so wird ausgeschlossen das Übersinnliche, das Geistige, aber es wird zu gleicher Zeit darauf hingewiesen, wenn auch recht verdeckt, darauf hingewiesen, dass all dasjenige, was über den Geist, über das Übersinnliche gesagt wird, doch eigentlich nicht wahrhaft wissenschaftlich sein könne, denn man lässt eben durchblicken, dass strenge, ernste wissenschaftliche Methoden nur auf dem Boden der Sinnesbeobachtung, des Endlichen erwachsen können.
[ 7 ] Man muss sagen: Allerdings, so wie man diese Aussprüche, diese Gedanken charakterisiert, so finden sie sich in den engeren Kreisen der Naturforscher oder derjenigen, die auf dem Boden der Naturforschung irgendeine Weltanschauung aufbauen, und man könnte glauben, das ginge ja die große Menge der Gebildeten nichts Besonderes an. So ist es aber heute nicht. Man muss sich nur klar darüber sein, dass heute durch tausend und abertausend Kanäle unser vielverzweigtes Bildungs- und Denkleben genährt, befriedigt wird und dass solche Vorstellungen, die an ihrem Ursprungsort nur derjenige kennt, der sich mit der naturwissenschaftlichen Literatur bekannt macht, dass solche Aussprüche in populärster Weise sich einnisten und einführen in die Denkweise des breitesten Publikums. Daher kommt das so sehr verbreitete Vorurteil, das gewohnheitsmäßig in den Seelen vorhanden ist, ohne dass man es weiß, das Vorurteil, wer über das Geistige, das Übersinnliche spricht, könne kein wahrer Wissenschafter sein.
[ 8 ] Demgegenüber muss das Folgende bemerkt werden: Gerade wenn man ein rechter, aber verständiger Bewunderer der modernen naturwissenschaftlichen Vorstellungsart ist, dann lernt man erkennen, aufgrund welcher Methoden, aufgrund welcher Ideen diese naturwissenschaftliche Vorstellungsart ihre großen Errungenschaften erlangt hat. Dann lernt man aber auch erkennen, dass diese naturwissenschaftlichen Begriffe, Ideen und Vorstellungen gerade dann für die Betrachtung der Natur im höchsten Grade geeignet sind, gerade dann auf dem Boden der Naturwissenschaft ihre glänzenden Erfolge erzielen müssen, wenn sie ganz ungeeignet sind, irgendetwas auszusagen über Wahrheiten, die sich auf das Geistige oder das Seelenleben des Menschen beziehen. Es haben sich allmählich gerade auf dem Boden der Naturwissenschaft solche Forschungsarten herausgebildet, die nicht anwendbar sind auf das Geistige. Daher kommt es, dass, gerade weil die Naturwissenschaft so glänzende, so eindringliche Vorstellungen hat, weil sie so glänzende Erfolge erzielen kann mit diesen Vorstellungen, es um ihretwillen notwendig ist, dass von einer ganz anderen Seite her der Naturwissenschaft eine Geisteswissenschaft an die Seite gestellt wird.
[ 9 ] In früheren Zeiten hat der Mensch, indem er die Natur beobachtet hat, mit den naturwissenschaftlichen Begriffen nach seiner Überzeugung noch allerlei Geistiges aus dem Umkreis der Natur selber empfangen. Wer ältere naturwissenschaftliche Vorstellungen kennt, der weiß, dass man mit Begriffen, die man sich früher gebildet hat, durchaus zugleich überzeugend aufgenommen hat, dass überall die Natur durchgeistigt ist. Die Naturwissenschaft hat solche Begriffe ausgemerzt — mit Recht — auf ihrem Boden. Sie hat lauter Begriffe ausgebildet, welche nur geeignet sind, das äußere natürliche Dasein ohne irgendwelches Geistige zu betrachten. Daher taucht gerade in der Gegenwart die Notwendigkeit auf, den Geist von einer anderen Seite her zu erforschen. Daher folgt aus dem Charakter der Naturwissenschaft der Gegenwart gerade das, dass es eine Geisteswissenschaft neben dieser Naturwissenschaft geben müsse, wenn der Mensch nicht vollständig verlieren soll den Erkenntniszusammenhang mit den größten Fragen, die seiner Seele Sehnsucht erfüllen müsse, mit den Fragen zum Beispiel nach der menschlichen Freiheit, namentlich mit der Frage nach der ewigen Natur der Menschenseele, nach dem Charakter, der Wesenheit der Menschenseele; alle diese Fragen, die da gipfeln in der Unsterblichkeitsfrage.
[ 10 ] Nun habe ich den heutigen Vortrag im Besonderen betitelt: «Leib, Seele und Geist des Menschen». Dies hat eine gewisse innere Berechtigung, aus dem Grunde, sehr verehrte Anwesende, weil — ich kann mich auf die Einzelheiten dabei nicht einlassen — weil seit dem neunten Jahrhundert es sich allmählich eingebürgert hat, wenn man von dem Menschen spricht und seiner Wesenheit, nicht von Leib, Seele und Geist zu sprechen, sondern nur zu sprechen von Leib und Seele. Wer die Tatsachen auf diesem Gebiet durchschaut, der weiß, dass gerade das Außerachtlassen des Geistes die Unaufmerksamkeit gegenüber dem Geistigen bewirkt hat, dass im Grunde genommen sich die Erkenntnis des Wesens des Menschen in den letzten Jahrhunderten vollständig verdunkelt hat, dass sie erst vor allen Dingen wiederum aufgehellt werden muss. Es ist, wenn ich den Vergleich gebrauchen darf, gegenüber der menschlichen Wesenheit wirklich heute so, auch wenn man alles, was auf dem Gebiete der Philosophie geschrieben wird, kennt, wie wenn ein Chemiker einen zusammengesetzten Stoff hat, und er geht immer von dem Vorurteil aus, da müssten sich zwei Bestandteile finden. Er setzt gar nicht voraus, dass sich ein Drittes darin finden muss. Daher muss er, wenn er nun herumexperimentiert, fortwährend zu falschen Begriffen kommen.
[ 11 ] So ungefähr sind die Betrachtungen, die angestellt werden heute vom philosophischen Standpunkte aus über das Wesen des Menschen, namentlich über die ewige Natur des Menschen. Man setzt voraus, man dürfe nur von Leib und Seele des Menschen sprechen, Man geht unter dem Vorurteil zu Werke, dass das Dritte, der Geist, irgendwie in dem Seelischen schon drinnenstecken müsse, und man muss daher fehlgehen. Um dieses Letztere zu erhärten, um namentlich vorläufig darauf hinzuweisen, wie man mit Recht zu sprechen hat von Leib, Seele und Geist, lassen Sie uns die folgende Betrachtung anstellen.
[ 12 ] Diejenigen inneren Seelenerlebnisse, welche am meisten, am innigsten mit Leibesverhältnissen zusammenhängen, sie geben dennoch über dasjenige, was im Leibe des Menschen vor sich geht, keinen eigentlichen Aufschluss. Ich meine solche inneren Erlebnisse — man sieht sie gar nicht als Seelenerlebnisse an, sie sind aber seelisch erlebt —, solche Erlebnisse wie Hunger und Durst oder anderes, was wir wahrnehmen. Derjenige, der nur betrachten wollte fortwährend, wie man hungrig wird, wie man gesättigt wird, der würde nicht können auf dasjenige kommen, was die äußere Naturwissenschaft erhärtet: dass, während wir im Zustande des Hungers oder des Gesättigtseins sind, in unserem Leibe chemische Veränderungen des Blutes oder sonst etwas chemisch oder physikalisch vor sich geht.
[ 13 ] Aber man muss sagen: Das gewöhnliche Bewusstsein des Menschen weiß nichts von dem, was im Leibe sich abspielt, während der Mensch Hunger und Durst empfindet. Es muss durch besondere wissenschaftliche Methoden, die sich auf die Untersuchung des Menschenleibes beziehen, festgestellt werden, was vorgeht, wenn man Hunger, Sättigung, Durst oder dergleichen empfindet. Dasjenige, was man im Bewusstsein hat, das, was man durch das alltägliche Bewusstsein erlebt, hinter dem steht etwas, wovon dieses alltägliche Bewusstsein nichts weiß, sondern erst die physische Wissenschaft Aufschluss geben kann.
[ 14 ] Denken Sie einmal nach, sehr verehrte Anwesende, wie viel der Mensch im gewöhnlichen Alltagsleben weiß von seinem Leibe. Er kennt dessen äußere Gestalt, kennt dasjenige, was ihm nach außen hin zugeneigt ist. Er kennt — wenn Sie das Verhältnis sich vergegenwärtigen dessen, was man so kennt vom Leibe —, er kennt nur sehr Weniges. Das aber wird erweitert, ergänzt durch das, was die äußere physische Wissenschaft, was Anatomie, was Physiologie bietet. Man kann sagen: Unbewusst bleibt zunächst dasjenige, was also Anatomie, Physiologie, Biologie hinzufügen von der Leibesseite her zu dem, was man innerlich erlebt, empfindet.
[ 15 ] Der Geistesforscher zeigt nun, wie wir gleich sehen werden, wodurch auf der anderen Seite des Menschen Seele andere Erlebnisse hat. Diese anderen Erlebnisse, diese Denkenserlebnisse, Gefühlserlebnisse, Willenserlebnisse, von denen wir zunächst schon ein oberflächliches Bewusstsein haben, dass sie weniger nach der Leibesseite geneigt sind wie Hunger und Durst, diese anderen Erlebnisse — an sie richtet sich vor allen Dingen zunächst der Geistesforscher, wenn er nun mit seiner Wissenschaft geradeso von der Seele nach der anderen Seite hin zum Geiste kommen will, wie der physische Forscher auf die eben beschriebene Weise von der Seele aus zum Leibe kommt. Das ist der Unterschied zwischen dem physischen Forscher, welcher das, was der Mensch erlebt seelisch, verfolgt nach der Leibesseite hin, und dem Geistesforscher, der das, was der Mensch seelisch erlebt, von der Seele aus verfolgt nach dem Geiste hin. Ebenso wenig, wie man von dem Leibeswesen etwas erfahren kann, wenn man nur Hunger, Durst oder dergleichen allgemeine Leibesstimmungen verfolgt, wie man dadurch nichts vom Leibe wissen kann, sondern durch besondere wissenschaftliche Methoden in den Leib selber eindringen muss, so ist dies auch nach der geistigen Seite hin notwendig und kann geschehen.
[ 16 ] Man glaubt sehr häufig, dass man das Geistige durch das erlangen kann, was man so im gewöhnlichen Sinne «innere Versenkung» nennt. Man spricht von allerlei Mystik auf diesem Gebiet. Man glaubt, wenn sich der Mensch so recht in sein seelisches Leben vertieft, müsse er auch über das, was der Seele als Geistiges zugrunde liegt, einen Aufschluss erlangen.
[ 17 ] Ohne eine besondere Geisteswissenschaft erlangt man auf diesem Wege ebenso wenig einen Aufschluss, wie man nach der Leibesseite hin einen Aufschluss erlangen würde, wenn man immer nur Hunger und Durst innerlich beobachtete und sich in dieselben versenkte. Bloße Mystik, bloße innere Versenkung ist durchaus zu vergleichen mit einem Hineinbrüten in Hunger und Durst und Atembedürfnisse und so weiter. So, wie man diese Erscheinungen seelisch verfolgen muss, dann aber mit den wissenschaftlichen Methoden der physischen Forschung nach dem Leibe hin sich ausdehnen muss, so muss man dasjenige, was man allerdings durch eine gewisse Vertiefung des Seelenlebens erfährt, im Vorstellen, Fühlen und Denken nach dem Geiste hin verfolgen können.
[ 18 ] Nun darf wohl gesagt werden: Über die Forschungsart, wie man von der Seele geradeso zum Geiste kommt, wie man auf der anderen Seite zum Leibe kommt, über diese Forschungsart macht man sich heute noch sehr wenig zutreffende Vorstellungen. Man kann sehr leicht glauben, sehr verehrte Anwesende, Chemie, Physiologie, physiologische Chemie sind ernste Wissenschaften, sie haben gute Methoden ausgebildet. Das wird selbstverständlich jeder Geistesforscher zugeben. Aber gegenüber demjenigen, was scheinbar recht einfach aussieht, wie zur Erforschung des geistigen Lebens gekommen werden muss, nimmt sich alles das, was Physiologie, was Chemie, was Anatomie ausgebildet haben, so aus, dass man sagen muss: Es ist von wesentlich leichterer Art, denn es lässt sich leichter aneignen alles, was Forschungsart der physischen Wissenschaft ist. Denn keine äußeren Hantierungen, nichts, was irgendwie seine Anhaltspunkte hat äußerlich im Raume, kann zur Erkenntnis des Geistes führen. Es handelt sich darum, dass dasjenige, was man zunächst, obwohl mit Unrecht eigentlich nur, inneres Leben nennt, eben doch erweitert, wenn ich den pedantischen Ausdruck gebrauchen darf, systematisch erweitert werde, dass wirklich die Fäden gezogen werden hin nach dem Geiste.
[ 19 ] Nun kann ich die Art der Forschung, die da notwendig ist, nur in den Grundzügen charakterisieren. Sie finden Genaueres darüber in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», im zweiten Teile der «Geheimwissenschaft», «Vom Menschenrätsel» und im letzten Buche, das vor wenigen Wochen erschienen ist, «Von Seelenrätseln», und so weiter. Aber was in diesen Büchern ausführlich als der Weg in die geistigen Welten beschrieben ist, ich will es wenigstens dem Prinzip nach hier charakterisieren.
[ 20 ] Es handelt sich darum, dass man, wenn man im gewöhnlichen Bewusstsein bleibt, überhaupt über das, was dem Menschen als Geistiges zugrunde liegt, nichts wissen kann, und dass man eigentlich bei oberflächlicher Betrachtungsweise ganz recht hat, wenn man an diesem Punkte eine Erkenntnisgrenze statuiert. Wenn man bei dem stehen bleiben will, was das gewöhnliche Bewusstsein gibt, so kann man nichts anderes sagen, als dass dem Menschen das geistige Gebiet einfach verschlossen sei. In Wahrheit ist es das aber allerdings nicht. Gewiss, für das gewöhnliche Bewusstsein liegt die Sache so, dass man ja dasjenige, was wahrhaft Seele und Geist ist, gar nicht kennt, dass sich das zunächst verbirgt und dass man erst durch ganz bestimmte Forschungswege zur wahrhaftigen Seele und zum wahrhaftigen Geiste vordringen kann, Dasjenige, was man erlebt vom Geiste, ist eigentlich auch nicht viel mehr, als was man vom Leibe erlebt durch die gewöhnliche äußere Betrachtungsweise ohne Wissenschaft. Das, was man vom Leibe sieht im alltäglichen Leben, das ist ein Teil, sagten wir, desjenigen, was das Wesen des menschlichen Leibes ausmacht.
[ 21 ] Der Geist kehrt uns allerdings für das gewöhnliche Bewusstsein auch in gewisser Beziehung seine Außenseite zu, aber dieses gewöhnliche Bewusstsein weiß auch nicht mehr vom Geiste, als dieses gewöhnliche Bewusstsein weiß vom Leibe, wenn es ihn nur äußerlich betrachtet. Dasjenige, was das gewöhnliche Bewusstsein vom Geiste weiß, birgt sich eigentlich vollständig in dem einfachen, kurzen Wörtchen «Ich». Wenn man dieses Wörtchen «Ich» ausspricht und dabei dasjenige empfindet und durchdenkt, was mit dieser Ich-Vorstellung zusammenhängt, dann hat man einen Teil desjenigen, was dem Menschen als Geistiges zugrunde liegt, aber man hat nicht viel mehr, als man von der gewöhnlichen oberflächlichen Betrachtungsweise vom Leibe hat, ohne Wissenschaft.
[ 22 ] Es handelt sich darum, dass, während man, wenn man von der Seele, von ihren Erlebnissen, Hunger, Durst, Atmungsbedürfnis, zum Leibe hingeht, so kann man das nicht anders, als dass man eigentlich — sei es in der Betrachtungsweise, sei es wirklich — dasjenige, was die Seele erlebt, ertötet, ablähmt. Dadurch lernt man erkennen dasjenige, was dem seelischen Erlebnis zugrunde liegt. In der Regel ist es so, dass man über den Leib etwas erfährt, wenn man das Seelische aus dem Leibe vertreibt. Bei der Geistesforschung ist es umgekehrt. Da handelt es sich darum, dass man das, was man seelisch erlebt, auch das, was man mit dem vielgerühmten mystischen Erleben durchmachen kann, nun nicht ablähmt, sondern gerade verstärkt. Und ich will zunächst hinweisen auf zwei innere Tätigkeiten, die verstärkt werden müssen.
[ 23 ] Prinzipiell kann man die Sache so charakterisieren: Sieht man nach dem Willen des Menschen, so, wie der Wille im gewöhnlichen Bewusstsein lebt, so spiegelt er sich zwar im Vorstellungsleben, aber was einem Willensimpuls zugrunde liegt, darüber weiß der Mensch eigentlich gar nichts. Darüber können Sie gesprochen finden in einem so ausgezeichneten Buch wie der «Physiologischen Psychologie» von Theodor Zichen, der ja deshalb den Willen überhaupt ausschaltet aus der psychologischen Betrachtungsweise, weil dieser Wille nach seiner Ansicht in alledem nicht da ist, was die äußere Betrachtungsweise finden kann. Was da vorgeht außer dem Menschen, was eigentlich vorgeht, wenn der Mensch irgendeinen Willensentschluss ausführt, was da geschieht, wenn ich nur eine Hand heben will, bis zu dem wirklichen Heben der Hand, das bleibt ebenso unbewusst, wie zum Beispiel die Erlebnisse vom Einschlafen bis zum Aufwachen unbewusst bleiben. Wir haben Vorstellungen, die als Motive dem Willen zugrunde liegen, aber wir haben im gewöhnlichen Bewusstsein keine Vorstellung von dem Willensvorgang selber. Das ist das eine, sehr verehrte Anwesende, dass der Geistesforscher dazu kommt, dem Willensvorgang als solchem im Vorstellen gegenüber, dem Willensvorgang gegenüber sich so zu verhalten in der Lage ist, wie man sonst der äußeren Natur gegenüber sich zu verhalten in der Lage ist.
[ 24 ] Ich möchte an einem Beispiel aussprechen, was ich meine. Wenn wir sprechen, ist das ein besonderer Willensvorgang. Dass wir da Vorstellungen produzieren, das ändert nicht das, was ich gesagt habe. Wenn wir ein Gedicht aufsagen, das wir auswendig gelernt haben, ist das eine fortlaufende Folge von Willensimpulsen, die nach und nach gewohnheitsmäßig werden. Nun weiß jeder Mensch, dass, wenn er versucht, ein Gedicht aufzusagen, und gleichzeitig Anstrengungen dazu macht, sein eigenes Aufsagen des Gedichtes so zu beobachten, wie man einen äußeren Naturvorgang beobachtet, dann opfert man das Aufsagen.
[ 25 ] Gerade an einem solchen Beispiel können Sie sich klarmachen, sehr verehrte Anwesende, wie unmöglich es dem gewöhnlichen Bewusstsein ist, sich selbst zu beobachten. Selbstbeobachtung in einem höheren Sinne, als das gewöhnlich gemeint ist, Selbstbeobachtung — das ist dasjenige, was angestrebt werden muss. Es genügt nicht für die Geisteswissenschaft, wenn man bloß konstatiert: Es ist geradezu unmöglich, ein Gedicht aufzusagen oder innerlich in Gedanken sich herzusagen und sich dabei zu beobachten. Gewiss, für das gewöhnliche Bewusstsein ist das durchaus unmöglich; der Geistesforscher aber muss das lernen. Er muss, ebenso wie der Chemiker seine Methoden anwendet, auch seine Methoden anwenden; er muss alles Mögliche tun — Sie finden das Nähere beschrieben in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» —, der Geistesforscher muss alles Mögliche tun, um auf der einen Seite durch seinen Willen tätig sein zu können und auf der anderen Seite zu gleicher Zeit dasjenige, was er mit seinem Willen ausführt, so zu beobachten, wie man einen äußeren Naturvorgang beobachtet.
[ 26 ] Dies gehört schon zu dem, wovon man sagen kann: Es nimmt sich leicht aus; es wirklich durchzuführen, das erfordert eine weitaus größere Anstrengung, als sich anzueignen die Methoden der Chemie, der Physik, der Astronomie oder einer physiologischen Wissenschaft. Es genügt natürlich nicht, dass man in einem solchen Falle sich selbst beobachtet, sondern dass man überhaupt erkennen lernt jene innerliche Haltung der Seele, wodurch man gleichzeitig eine Willensverrichtung vollbringen kann und auf der anderen Seite sich selber beobachtend gegenüberstehen kann.
[ 27 ] Erst dadurch, dass man in die Lage kommt, in dieser Weise Selbstbeobachtung zu pflegen, erst dadurch kommt man allmählich dahin, zu trennen dasjenige, was das gewöhnliche Seelenleben ist, von dem wahren Seelenleben. Denn erlangt man eine innere Praxis auf dem Wege, der angedeutet worden ist, in dieser Selbstbeobachtung, dann kommt man allmählich zu einer ganz anderen Art des Denkens. Solche Gedanken, wie man sie im gewöhnlichen Bewusstsein hat, solche Gedanken erblühen einem nicht auf diesem Wege, sondern Gedanken, welche eine viel größere, innere, inhaltsvolle Kraft haben, Gedanken, welche viel mehr das haben, was man nennen kann einen bildhaften Inhalt, der aber zu gleicher Zeit auf eine Realität hinweist. Man lernt, wenn man sich so beobachten lernt, etwas kennen, was sich im ganzen gewöhnlichen Leben verbirgt, etwas, was drinnen steckt in diesem gewöhnlichen Leben, was aber in diesem gewöhnlichen Leben durchaus im Unbewussten, im Unterbewussten bleibt; aus dem gewöhnlichen Seelenleben hebt sich jetzt heraus etwas, was man vorher nicht gekannt hat.
[ 28 ] Zunächst ersieht man an den inneren Folgen, wie sich die Sache eigentlich verhält. Man lernt nämlich erst, wenn man so allmählich unterscheiden lernt das gewöhnliche Seelenleben von dem wahren Seelenleben, man lernt immer mehr und mehr sich hinauffinden zu dem Begriffe, der dann ein Leitbegriff werden kann für die Betrachtung des eigentlichen Menschenwesens. Man lernt erkennen, dass das, was man gewöhnliches Seelenleben nennt, sich zu dem wahren Seelenleben, das man so erst entdeckt, so verhält wie das Spiegelbild zu dem wirklichen Menschen, der vor diesem Spiegelbilde steht. Das Wichtige ist, dass man die große Erkenntnis sich erwirbt mit Bezug auf das Seelenleben: dass das äußere, dem gewöhnlichen Bewusstsein vorliegende bekannte Seelenleben das Spiegelbild ist des für das gewöhnliche Seelenleben unbekannten, wahren inneren Seelenlebens.
[ 29 ] Die Folge ist dann diese, dass man eigentlich jetzt erst einen Aufschluss darüber erhält, wie es sich mit dem menschlichen Leibe eigentlich verhält. Man kann, bevor man Erkenntnisse auf diesem Wege sucht, über den menschlichen Leib eigentlich gar nicht das Richtige wissen. Ich will nur auf einen Umstand hinweisen: Derjenige, welcher im Sinne der bloß äußeren Naturwissenschaft, deren Methoden voll anerkannt werden für die [Geistes-]Wissenschaft, auch, wenn sie in hervorragender Weise angewendet werden, wie zum Beispiel durch Oscar Hertwig, welcher so das äußere Leibesleben des Menschen betrachtet, der verfolgt unter anderem zum Beispiel, wie das Leibesleben eines Menschen zurückführt auf das Leibesleben der Eltern, der Großeltern und so weiter, Man spricht von der Vererbung gewisser Eigenschaften. Man hat immer, wenn man auf dem Gebiete der Naturwissenschaft heute von Vererbung spricht, man hat immer die Anschauung, dass man da irgendetwas ererbt, aber dass in dem, was man da als Leib ererbt, auch die Keime drinnen liegen zum Beispiel zur Ausgestaltung des Ich. Man spricht davon, dass, indem sich das Ich hineinentwickelt, auf Grundlage der ererbten Eigenschaften sich im Laufe des Lebens einstelle das Selbstbewusstsein, das Ich. Es ist ganz unmöglich, dass, solange man auf dem Boden der bloßen Naturwissenschaft bleibt, eine andere Ansicht über die Sache sich bildet.
[ 30 ] Allein für denjenigen, welcher auf die geschilderte Weise die wahre Seele von ihrem Spiegelbilde, dem gewöhnlichen Seelenleben, unterscheiden lernt, ist eine solche Betrachtung, wie sie die Naturwissenschaft heute bietet, so, wie wenn jemand erklären wollte: Der Mensch steht durch seine Lunge mit der Luft in Beziehung, und in der Lunge wäre der Ursprung der Luft, die der Mensch aus- und einatmet, die Luft käme aus der Lunge und ginge dahin zurück. — Ein solcher Mensch gäbe sich der Täuschung hin, als ob das, was Luft ist, mit der Lunge selbst in irgendeinem wesenhaften Zusammenhange steht, während doch die Luft in unserer Umgebung ist, während sie doch gesucht werden muss außerhalb des Menschen. Ist man in der Lage, diese Verhältnisse richtig zu durchschauen, so wird man selbstverständlich nicht in der Lunge den Ursprung der Luft suchen. Man kommt aber, wenn man den geistigen Weg durchmacht, dazu, auf seelisch-geistigem Gebiete zu erkennen, dass der Glaube, aus dem Leibe des Kindes heraus, wie es sich nach den vererbten Merkmalen von den Eltern her entwickelt, komme auch das Ich, das Selbst, dass dieses genau entspricht dem, wenn man glaubt, in der Lunge sei der Ursprung der Luft zu finden.
[ 31 ] Man lernt nämlich erkennen durch geisteswissenschaftliche Methoden, dass das Ich nichts ist, das aus dem Leibe entstehen kann, sondern man lernt erkennen die Selbstständigkeit des Ich, lernt erkennen das Hinzukommen des Ich zu dem, was von Vater und Mutter stammt. Diese Dinge müssen heute im Besonderen scharf hervorgehoben werden, aus dem Grunde, weil die entgegengesetzte Vorstellung so tief in den Denkgewohnheiten und Erkenntnisgewohnheiten der Gegenwart liegt, dass das, was man vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus sagen muss, manchem ganz absurd erscheint. Dennoch kann und muss es gesagt werden, wenn man den Ausgangspunkt wählt nicht vom dilettantischen Innenbeobachten, sondern von einer geisteswissenschaftlichen Beobachtung aus. Da lernt man erkennen, dass ebenso, wie die Luft von außen in die Lunge geht, dieses Ich aus einer geistigen Welt in das hineinfährt, was von Vater und Mutter stammt, was physisch ererbt ist. Ebenso, wie die Luft aus der Lunge herausgeht und nicht weg ist, wenn sie aus der Lunge herausgekommen ist, so geht wiederum durch die Pforte des Todes dieses Ich durch, das ebenso wenig mit dem Leibesleben zu tun hat und ebenso viel mit dem Leibesleben zu tun hat, wie die Lunge mit der Luft.
[ 32 ] Verfolgt man dann den Weg weiter, dann kommt man in der Tat, gerade mit Bezug auf den berührten Punkt, über das Leibesleben zu ganz bestimmten, jetzt wirklich wissenschaftlichen Begriffen, denen gegenüber sogar die voll gewürdigten Ergebnisse der Naturwissenschaft dilettantisch sind. Man kommt dazu, indem man unterscheiden lernt dasjenige, was innerlich geistiges Ich ist, von dem, was ererbt ist. Man kommt dazu, sich wirkliche Vorstellungen zu bilden über das, was man eigentlich von den Voreltern ererbt. Diese Dinge können heute nur berührt werden; ich will Sie ja nur anregen und kann nichts Erschöpfendes geben. Das, was wir ererben, ist im tiefsten Sinne unsere Leibesgestalt selber. Wer da weiß, wie das, was wir im gewissen Sinne im gewöhnlichen Seelenleben verrichten, von der Physiognomie des Leibes — darunter verstehe ich das innere Gefüge des Leibes — abhängt, der wird sich schon vorstellen können, dass der Mensch sich in den ererbten Gestaltungen des Leibes auslebt im Leben, aber die Grundlage ist immer die ererbte Gestalt. Diese ererbte Gestalt, welche wiederum aus ihren Strukturkräften heraus den Stoff gestalten kann aus dem, was wir im Leben aufnehmen bis zur Geschlechtsreife, sodass diesem Stoff, der wiederum auf die Nachkommen hin die Vererbung leitet, nun innewohnt die Gestaltung. Dieser Satz, den die Geisteswissenschaft der Wissenschaft hinzuzufügen hat: dass von den Voreltern ererbt wird [nur] die Gestalt auf die Nachkommen, vererbt wird die Gestalt durch den Stoff, der gibt eine Ergänzung der Naturwissenschaft. Er wird in Bezug auf eine gewisse Sache sehr Aufschluss gebend sein über die Beziehung zu den höheren Wesensgliedern des Menschen.
[ 33 ] Ich habe fortzuschreiten in der Betrachtung des Forschungsweges in die geistigen Welten. Ich habe zunächst geschildert, wie zu den Willensimpulsen Vorstellungen hinzukommen müssen, wie Selbstbeobachtung in einem höheren Sinne eintreten muss. Wenn man die Wesenheit des Menschen, die geistige Wesenheit des Menschen kennenlernen will, so muss nicht nur diese Selbstbeobachtung eintreten können, sondern noch etwas anderes: Man muss dasjenige in seiner Seele ausführen, was nach einer anderen Seite hin eine Verstärkung des seelischen Lebens ergibt, was man mit einem technischen Ausdruck «Meditation» nennen kann. Das Genauere darüber finden Sie in den erwähnten Büchern; ich kann hier nur das Prinzipielle anführen.
[ 34 ] Wie wir gesehen haben, dass in den Willen und seine Impulse die Vorstellungen hingeführt werden müssen zur Selbstbeobachtung, so muss auf der anderen Seite in das Vorstellungsleben der Wille hineingeführt werden. Das ist noch schwieriger. Und gerade das Hineinführen des Willens in die Vorstellungen, während wir die Vorstellungen sonst ablaufen lassen nach den sinnlichen Vorgängen oder träumerisch ablaufen lassen etwa im Nachsinnen über das, was man erlebt hat —, wer den Willen einführen will in diese Vorstellungswelt, der braucht, um zu wirklichen Resultaten zu kommen, oft Jahre und Jahre. Die Sache ist durchaus keine einfache. Jahre und Jahre werden gebraucht, wenn wirklich auf dem Gebiet des geistigen Lebens geforscht werden soll.
[ 35 ] Dasjenige, um was es sich handelt, ist, dass man einführt in das Vorstellungsleben den Willen, sodass man lernt auf der einen Seite die Vorstellungen lenken, wie man die Hände lenkt. Der Wille muss in die Vorstellungen eingeführt werden. Man erlangt das am besten, wenn man versucht, vom gewöhnlichen Vorstellungsleben sich auszusondern, und nur über dasjenige nachsinnt, was man selbst in das Bewusstsein einführt durch die Willkür. Daher soll man möglichst nicht solche Vorstellungen einführen, die einem von der äußeren Sinneswelt her oder von der gewöhnlichen sinnlichen Welt gegeben sind; sondern selbst gemachte Vorstellungen oder Vorstellungen, die einem geraten worden sind; die sollen das Vorstellungsleben dirigieren, lenken. Da ist es die Willkür, durch die das Vorstellungsleben gelenkt wird. Aber dabei darf es nicht bleiben, denn dann käme man nicht zur Geistesforschung, sondern zur Träumerei. Auf der einen Seite also — es klingt das geradezu paradox —, auf der einen Seite muss der Wille, die Willkür in das Vorstellungsleben hineingeführt werden; auf der anderen Seite muss dieser Wille wiederum ausgeschlossen werden, weil man sonst in phantastisches Denken hineinkommen würde, was nicht sein darf.
[ 36 ] Setzt man aber das meditative Leben in Geduld und Energie fort, versucht man immer wieder und wiederum solche Vorstellungen, die man sich selber zusammengestellt hat, seien es symbolische oder ähnliche Vorstellungen, fortzusetzen, bringt man also in sein Bewusstsein immer wieder und wiederum solchen Vorstellungsinhalt hinein, so eignet man sich eine innere Handhabung dieses Vorstellungslebens an. Man gelangt dazu, etwas kennenzulernen, was man vorher überhaupt nicht kennenlernen konnte, man lernt allmählich kennen, dass man dahin gelangen kann, eine Vorstellung an die andere, auch wenn nichts in diesen Vorstellungen von der äußeren Sinneswahrnehmung aufgenommen ist, durch bloße Willkür zu setzen. Das willkürliche Vorstellen ist nur das Probieren, nur der Weg, aber es entwickelt sich allmählich wie ein selbstverständlicher innerer Lebensprozess das, dass man merkt, so wie man sonst, wenn man die äußeren Vorstellungen beobachtet, auch nicht in beliebiger Weise die eine Vorstellung an die andere setzt, so merkt man jetzt, dass man sich jetzt richten muss nach etwas, was in die Vorstellungen selber einströmt; sodass man nach und nach, trotzdem man nun innerlich den Vorstellungsverlauf verfolgt, nicht anders kann, als genau ebenso regelmäßig, nicht willkürlich, eine Vorstellung aus der anderen zu entwickeln, eine Vorstellung auf die andere folgen lässt, wie man das tut, wenn man sich nach der äußeren Sinnenbeobachtung richtet. Wie man da der Notwendigkeit unterliegt, so unterliegt man allmählich einer rein geistigen, inneren Notwendigkeit. Wie in den äußeren Vorstellungen die äußere Sinneswelt waltet, so waltet allmählich in dem Vorstellen, das man sich so herangebildet hat, eine innere Geistigkeit.
[ 37 ] Wie man durch die andere Methode, die ich geschildert habe, von der äußeren Seele zur wahren Seele aufsteigt, so steigt man auf diese Weise vom Vorstellen auf zum Geiste, indem man den Geist entdeckt ebenso als etwas Objektives, wie die äußere Sinnenwelt objektiv ist. Man weiß ganz genau, ob man bloß traumhaft Vorstellungen aneinanderreiht oder ... /Lücken in der Mitschrift]. Und man weiß als Geistesforscher ganz genau, ob man ... oder ob man den innerlichen Vorgang, der ... die nicht willkürlich eine Vorstellung an die andere reiht, sondern die eine Vorstellung aus der anderen so entwickelt, wie der Geist diese Vorstellungsfolge fordert. Dadurch steigt man auf durch meditatives Leben zu einem wirklichen Beobachten des Geistes.
[ 38 ] Wiederum, will man dies in seiner Strenge durchführen, so ist es eine durch Jahre hindurch dauernde Arbeit, die durchaus viel mehr Hingabe und Opferwilligkeit fordert als astronomische oder chemische Arbeit, die aber in ebenso strenger Weise zur inneren Beobachtung des Geistes führt wie astronomische, chemische, physiologische Methoden zur Beobachtung der äußeren Gesetze führen.
[ 39 ] Derjenige, der in zahllosen Fällen als Geistesforscher erlebt hat, wie man anfängt oftmals einen Forschungsweg nach bestimmten Gebieten des geistigen Lebens hin, und der dann gesehen hat, wie dieser Forschungsweg durch eine ebensolche geistige Notwendigkeit führt wie sonst durch sinnliche Notwendigkeit, derjenige, der so erfahren hat, wie das, was man von einem gewissen Ausgangspunkte verfolgt hat, anders sich einstellt, als man eigentlich erwartet hat, ganz anders als dasjenige ist, das man vorausgesetzt hat, der darf wohl von einer inneren Notwendigkeit des inneren geistigen Ganges sprechen. Da waltet keine Willkür. Man erfährt es, wenn man wirklich Geistesforscher ist, nur allzu deutlich, dass man, bevor man anfängt zu forschen, falsche Vorstellungen hat, dass die innere Notwendigkeit des Ganges einem Vorstellungen bringt, zu denen man nicht durch Sinnesbeobachtung hat kommen können. Man darf sagen: Wenn man wirklich vorschreitet auf dem Wege der Geistesforschung — es kommt in der Regel ganz anders, als man erwartet. Und will man sich nicht willkürliche Vorstellungen bilden in dem Sinne auf dem Gebiet des Erforschens der geistigen Welt — man erwartet etwas ganz anderes und es kommt etwas ganz anderes. Und man ist darüber so überrascht wie über ein nicht erwartetes Erlebnis in der äußeren Welt.
[ 40 ] Diese Dinge werden nicht aus dem Grunde auseinandergesetzt, weil die Zumutung gestellt werden soll, dass jeder diese Dinge durchmachen soll — obwohl sehr zu wünschen wäre, dass bis zu dem Grade, als man den geistesforscherischen Weg verfolgen kann nach meinen Büchern, möglichst viele Menschen in der Gegenwart diesen Weg durchmachen würden, damit sie aus eigener Erfahrung Zeugnis dafür ablegen können, dass der Geist und des Menschen Anteil an dem Geiste eine Wirklichkeit ist. Aber von dem Einleben der Geisteswissenschaft in die Kultur, von dem Aufnehmen desjenigen, was die Geistesforschung zutage bringt, hängt das nicht ab, dass man selber Geistesforscher ist. Dasjenige, was erforscht werden soll im Geiste, es muss durch diejenigen inneren Wege — in Wahrheit sind es äußere Wege — erforscht werden, die Sie in meinen Büchern beschrieben finden; sind die Dinge aber einmal erforscht, so kann sie jeder mit dem gewöhnlichen Menschenverstand bestätigt finden.
[ 41 ] Ich möchte sagen: Obwohl heute bis zu einem gewissen Grade jeder ein Seher werden kann — man braucht nicht ein Seher zu sein, um die Geistesforschung als solche anzuerkennen, sondern da verhält es sich so, dass man das, was die Geistesforschung zutage fördert, in den Dienst des Lebens setzen kann, wie man das, was Chemie und Physik hervorbringen, in den Dienst des Lebens setzen kann, ohne selber Chemiker oder Physiker zu sein. Ich möchte einen Vergleich brauchen, um zu charakterisieren, was da charakterisiert werden soll: Nicht jeder kann ein Uhrmacher sein, aber die meisten Menschen werden die Uhr anerkennen. — Nicht jeder kann ein Seher sein; für das Leben eines jeden Menschen ist aber von Wichtigkeit dasjenige, was die seherische Wissenschaft über das Wesen des Menschen erforschen kann. Wenn einer in eine Uhrmacherwerkstatt geht, so sieht er, dass die Uhr nicht durch Zufall zusammengekommen ist. Der Uhr sieht man das an. Wenn der Seher die geistigen Kräfte und Wesenheiten zeigt, aus denen das Leben und seine Tatsachen, seine Wesenheiten fließen, so liegt das Leben und die Tatsache des Lebens jedem Menschen vor. Und wie man, ohne den Uhrmacher bei seiner Arbeit gesehen zu haben, sagen kann, aus der Art, wie die Uhr beschaffen ist, dass sie durch den Uhrmacher zusammengesetzt ist, so kann man, nachdem der Seher sagt, dass das Leben aus dem Geiste geworden ist, beurteilen, ob das richtig oder unrichtig ist, was der Scher sagt. Außerdem handelt es sich nicht darum, dass die seherische Entwicklung vor die Menschheit tritt, ohne zu sagen, wie sie zu ihren Resultaten kommt. Denn das kann jeder beobachten, ob das vernünftig ist, was der Scher zu sagen hat, wie er zu seinen Resultaten kommt. Und dasjenige, was so gefunden wird auf dem geistesforscherischen Wege, es wird sich allmählich einleben müssen in unsere Kultur aus dem Grunde, weil gerade die fortgeschrittene Naturwissenschaft eben ganz und gar nicht die Methoden hat, um selber zum Geiste zu kommen, weil auf der anderen Seite dies also notwendig macht eine andere Weise, zum Geiste zu kommen. Und wenn auch heute noch viele Vorurteile vorhanden sind gegen die Geisteswissenschaft, sie werden weggeräumt werden dadurch, dass man immer mehr und mehr einsehen wird, wie sich im Leben das bestätigt, was der Geistesforscher zu sagen hat.
[ 42 ] Ich möchte wenigstens auf einen Punkt kurz hinweisen: Es hat in der letzten Zeit eine Persönlichkeit, die hier in dieser Stadt hinlänglich bekannt ist, Dr. Rittelmeyer, in einer Anzahl schöner Artikel in der «Christlichen Welt» auch auf die religiöse Bedeutung der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, hingewiesen, hat überhaupt gerade die Natur dieses geistigen Übens, um zum Geiste zu kommen, eindringlich und sachgemäß charakterisiert. Von einer anderen, auch vielfach geschätzter Seite sind in der letzten Zeit Einwände gemacht worden gegen diese Ausführungen in der «Christlichen Welt». Ich will diese Einwände nicht weiter berühren, ich will nur auf sie hinweisen. Da wird gesagt, dass ja ein Hauptfehler dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft der sei, dass man sich nicht auf die bloße Gnade verlasse, dass der Geist gewissermaßen an einen herankäme, dass man begnadet wäre, wie man mit einem Talent, mit Genie begabt ist, sondern dass diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geradezu durch willkürliche Übungen die Seele in die geistige Welt, das geistige Land hineinzuführen versuchen würde. Das wird als ein besonderer Abweg charakterisiert; es zeigt das nichts anderes, als dass diese schr geschätzte Seite, die sich gegen Pfarrer Rittelmeyer auflehnt, einfach nicht begreift, worauf es ankommt.
[ 43 ] Dringt man von der Seele zum Geiste vor, ja, dringt man nur von dem gewöhnlichen Seelenerlebnis zur wahren Seele vor, dann kommt man in lauter Tätigkeit hinein, und gerade das wäre das Falsche, wenn man sich passiv verhalten wollte zum Geiste. Denn alles das, was im passiven Verhalten an einen herankommt, bringt einen in Abhängigkeit vom Leibe. Unabhängig sich in den Geist hineinzuleben muss eine freie Tat sein, eine Tat, die ganz und gar aus der Willkür des Menschen hervorgeht. Ohne durch freien Entschluss in die geistige Welt einzutreten, kann man nicht in sie eintreten. Wer von dem Geiste spricht als von etwas, was erlangt werden kann ohne dieses freie Hineingehen in die geistige Welt, der weiß nicht, was Geist ist, der kennt nur dasjenige Seelenleben, das in einer mehr oder weniger feinen, raffinierten Weise doch vom Leibe abhängig ist.
[ 44 ] So sieht man, wie heute in weitesten Kreisen, auch in einflussreichen Kreisen, nicht die geringste Vorstellung von dem vorhanden ist, was wirklich Geist ist, dieser wirkliche Geist, der ein Tätiges ist, der nichts ist, womit man sich verbinden kann bloß passiv. Man kommt höchstens aus der Wesenheit des Geistes heraus, man verleugnet einen Geist, wenn man nur das entwickelt, was sich passiv verhält. Darin gerade liegt die Schwierigkeit, in das geistige Gebiet hineinzukommen, dass man auf der einen Seite willkürlich hineintritt, aber das doch nur ein Probieren sein darf, dass man auf andere Notwendigkeiten kommt, dass alles ganz anders kommt, als man cs erwartet hat. Man entwickelt den Willen in das Vorstellungsleben hinein, aber man weiß zuletzt, dass man diesen Willen nur so entwickeln kann, wie wenn man die Augen wendet von einem Punkte zum anderen. Aber der Wille muss in allem walten, was in den Geist wirklich hineinkommen soll. Das ist das Wesentliche.
[ 45 ] Und lernt man nun durch unmittelbare Anschauung erkennen, was die wahre Seele ist gegenüber dem Spiegelbild dieser wahren Seele, dann lernt man eben dasjenige von der Seele kennen — ich habe vorhin gezeigt, wie man das Ich als etwas, was der Leib aufnimmt, erkennt — man lernt die wahre Seele kennen gegenüber demjenigen, was nur die gewöhnlichen Seelenerlebnisse sind. Diese wahre Seele kennenlernen, zu der Anschauung dieser wahren Seele zu kommen, das führt zu gleicher Zeit dahin, zu wissen, dass dieses wahre Seelenwesen nicht eingeschlossen ist in den Grenzen zwischen Geburt und Tod. Man lernt vor allen Dingen erkennen, wie dieses wahre Seelenwesen eigentlich durch das Leibesleben ausgelöscht ist, wie es in seiner wahren Gestalt angeschaut werden kann durch das Bewusstsein, das also erweitert ist, wie ich es charakterisiert habe, angeschaut werden kann vor der Geburt oder der Empfängnis und nachdem der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist. Man lernt erkennen, dass es sich mit dem äußeren Erdenleben gar nicht so verhält, wie man es im gewöhnlichen Leben meint.
[ 46 ] Im gewöhnlichen Leben hat man ja die Vorstellung: Nun ja, das, was man erlebt zwischen Geburt und Tod, das kommt so an einen heran. Der Zufall bringt das eine, bringt das andere; das Leben konfiguriert sich bloß aus der sinnlichen Außenwelt herein. — Es kann auch nicht anders sein, als dass man diese Vorstellung im gewöhnlichen Leben hat. Allein diese Vorstellung bringt einen in eine gewisse Kalamität, wenn man das seelische Leben ins Auge fassen kann. Hat man diesen Sinn, dann weiß man, dass man eigentlich dieses seelische Leben selber auslöschen würde, wenn man die äußeren Erlebnisse auslöscht. Das Wort «Seele», der abstrakte Begriff «Seele», darauf kommt es nicht an; das wirkliche inhaltsvolle Seelenleben, darauf kommt es an.
[ 47 ] Fragen Sie sich aber, wenn Sie 40 Jahre alt geworden sind, was dieser wirklich konkrete wahre Inhalt des Seelenlebens eigentlich ist. Er ist eigentlich das, was Ihre Erlebnisse sind, Sie können nicht die Erlebnisse trennen von Ihrem Seelenleben. Das, was Sie in der Seele drin haben — denken Sie, wie es anders wäre, wenn Sie anderes durchgemacht hätten. Sie sind es ja selbst, und diese Erlebnisse sind Sie geworden. Sprechen Sie davon, dass die Erlebnisse herankommen, wie es trifft, dann sagen Sie von Ihrer Seele, dass sie eigentlich an Sie herangekommen ist, wie es trifft. Die Beobachtung der wahren Seele zeigt, dass das nicht der Fall ist; sie führt uns, wie das Teleskop im Raume in Weiten hinausführt, sie führt uns hinaus über Geburt und Tod. Wir sehen in Welten hinein, in denen wir sind vor der Geburt oder Empfängnis, in denen wir sein werden nach dem Tode. Wir sehen in diese Welten hinein und wir wissen: Was wir hier erleben von dem Zeitpunkte an, wo wir zum Bewusstsein kommen, bis zum Tode, wo wir das Erdenbewusstsein verlieren, um ein anderes zu bekommen, was an uns herantritt, das tritt deshalb an uns heran, weil es nicht zufällig ist, dadurch, dass wir, sagen wir, leben vom Jahre 1872 bis 1925, sondern weil wir vorher lebten in einer geistigen Welt und uns mit dem, was wir als Leib ererbt haben, aus der geistigen Welt vereinigen und uns aus der geistigen Welt durch innere Seelensehnsucht hinuntergeführt haben, um die Reihe der Erlebnisse zu durchleben, die an dem Orte und [in] der Zeit durchlebt werden können, in die wir geboren sind. Was äußere Erlebnisse des Lebens sind, was als Sehnsucht an uns herantritt, als Wille, das zu erleben, es ist vorhanden in uns vor diesem Leben.
[ 48 ] Diese äußeren Erlebnisse, sie hängen durchaus zusammen mit dem, was wir im geistigen Lande durchlebt haben, bevor wir zur Empfängnis oder Geburt geschritten sind. Und dasjenige, was wir als innerliche Seelenerlebnisse erleben: Wir wachsen ja innerlich seelisch mit den äußeren Erlebnissen, wir erringen diese oder jene Gewohnheiten, wir eignen uns das Leben dirigierende Vorstellungen an und so weiter. Dieses innere Erleben zwischen Geburt und Tod, man kann wirklich fragen: Was hat es für eine Bedeutung für die Welt außer uns? Man kann so fragen. Und ein Philosoph der Gegenwart, der es ganz merkwürdig abgesehen hat auf das Schimpfen über die Philosophie — er sagt: Der Mensch hat nicht mehr Philosophie als ein Tier, und unterscheidet sich von dem Tier nur dadurch ... [Lücke] —, der ein Professor der Philosophie an der Universität ist, der betrachtet das innere Menschenleben und sagt: Das Naturleben, das Leben in der großen Welt, läuft eigentlich ab, ohne sich zu kümmern um das innere Leben. Und er braucht den Ausdruck, dieser Philosoph: Die Natur ist groß und bewunderungswürdig, und wir halten Maulaffen feil!
[ 49 ] Man könnte auf diesen Gedanken leicht kommen, wenn man eben keinen Zusammenhang mit der geistigen Welt hat. Man könnte sich fragen: Warum geht denn außer den Ereignissen, die sich im Kosmos vollziehen, noch etwas vor, was sich ausnimmt wie ein Abbild des Kosmos? Die Wahrheit ist diese: Während die äußeren Seelenerlebnisse ersehnt sind aus unserem Geistesdasein vor der Geburt, sind die inneren Erlebnisse, das allmähliche Werden der Seele, das, was in uns heranwächst als Lebensempfindung — das ist das, was wir durch den Tod hinübertragen in die geistige Welt; das ist der Keim dieses inneren Erlebens zu dem, was wir nach dem Tode erleben.
[ 50 ] So werden wir über Geburt und Tod hinausgeführt in eine geistige Welt nicht durch Spekulation, sondern dadurch, dass die Beobachtung, durch die man das Ewige ins geistige Auge fassen kann, erst gesucht wird. Sie entwickelt die Perspektive in jene Welt hinein, in der wir wirklich sind. Zur Anschauung der geistigen Welt führt uns die Geisteswissenschaft, zur Heranziehung desjenigen, was in einem erweiterten Sinne mit Goethe genannt werden kann «Geistesaugen», «Geistesohren».
[ 51 ] Und wiederum das Schicksal des Menschen, um aus der Fülle der Sache Einzelnes herauszuholen, wenn Sie bedenken, was wir selbst sind und was unsere Schicksale sind — und dennoch, das gewöhnliche Bewusstsein ist wiederum der Ansicht: Es trifft, wie es trifft, dieses Schicksal; es ist auf der einen Seite eine Summe von Zufällen, die sich zu einem Ganzen gruppieren, auf der anderen Seite die Tatsache, dass wir dieses Schicksal, wenn wir wirklich nicht nur abstrakte Begriffe ins Auge fassen — dass wir es doch selber sind. Wenn man das ins Auge fasst, dann kommt man wiederum zu einer Disharmonie zwischen dem, was das gewöhnliche Bewusstsein in dem Schicksal sieht, und dem, was das Schicksal für das, was wir als Menschen wesenhaft sind, eigentlich ist.
[ 52 ] Wenn der Mensch aufsteigt dadurch, dass er die innere Notwendigkeit, wie ich es geschildert habe, in seinem Vorstellungswesen erlebt, dadurch, dass er den Geist beobachten kann, lernt er erkennen, dass der Leib ein Spiegelbild des Geistes ist, wie die gewöhnliche Seele ein Spiegelbild der wahren Seele ist. Aber auch, was wir als Schicksal erleben, ist in gewisser Beziehung ein Spiegelbild des Geistes, nur wirkt etwas in unserem Leben, was verborgen ist dem gewöhnlichen Bewusstsein. Es wirkt herein, wenn wir unser Schicksal an uns herankommen sehen — die geistige Beobachtung ergibt das — es wirkt herein in unser jetziges Leben das, was als Kräfte herüberstrahlt aus früheren Erdenleben. Das ist das Rätsel des Willens, das Rätsel davon, dass der Wille, ohne dass wir es wissen — denn es ist im Unbewussten —, dass dieser Wille, wie der Hunger sich zur Nahrung hingezogen fühlt, sich hingezogen fühlt zu dem, was dann sein Schicksal trägt. Dass wir von diesem Willen im gegenwärtigen Leben so wenig wissen, das rührt davon her, dass das, was jetzt als Wille das Schicksal zimmernd wirkt, überhaupt nicht im gewöhnlichen Leben wirkt. So, wie das, was an äußeren Seelenerlebnissen vorgeht, in seinem Keime in dem vorgeburtlichen Leben liegt, so liegt der Wille, der unser Schicksal zimmert, in früheren Erdenleben. Und das, was Lebensweisheit im Innern der Seele ausbildet, was sich verbirgt in der Altersschwäche, das geht mit uns durch die Pforte des Todes, das wächst von der Vorstellung bis zum Willen für das nächste Erdenleben hinein.
[ 53 ] Nicht nur wird, wenn man seine Vorstellungen auszudehnen vermag, indem man von dem Seelenleben die Fäden zieht nach dem geistigen Leben, nicht nur wird das wahrhaft Seelische durchschaut, sondern es wird durchschaut der ganze Gang des menschlichen Ewigen durch Geburten und Tode. Wir lernen zuerst erfahren durch die ersten Grade der Selbstbeobachtung, dass das Ich etwas ist, was sich mit dem ererbten Leibe verbindet. Wir lernen erfahren, dass unsere seelischen Erlebnisse herauserkraftet werden aus der geistigen Welt, die wir vor der Geburt durchschreiten. Wir lernen erkennen, dass das Schicksal, die Lebensweisheit dasjenige ist, was zu wiederholten und wiederholten Erdenleben führt.
[ 54 ] Ich konnte Ihnen nur Andeutungen machen heute, das Weitere können Sie in meinen Büchern nachlesen. Einiges Besondere werde ich noch morgen auszuführen haben. Die Andeutungen, die ich gemacht habe, sollten vor allen Dingen das charakterisieren, dass Geisteswissenschaft nicht es zu tun hat mit irgendeinem Träumen, mit einem Aufstellen von Weltanschauungsbegriffen, sondern dass Geisteswissenschaft beruht auf echter, wahrer Forschung, auf einer solchen Forschung, die ebenso innerlich streng ist, wie die äußere Naturwissenschaft streng ist auf ihrem Gebiete — ja, noch strenger. Derjenige, der den geisteswissenschaftlichen Weg verfolgt hat, kann das schon sagen. Und dass diese Geisteswissenschaft auch auf naturwissenschaftliche Gebiete Licht werfen kann, das können Sie ersehen aus dem letzten Kapitel meines Buches «Von Seelenrätseln».
[ 55 ] Man darf sagen, sehr verehrte Anwesende: Dasjenige, was als Geist erforscht wird, das wirft eigentlich erst auf dasjenige, was uns als Natur umgibt, Licht. Naturwissenschaft wird dadurch nicht entkräftet, aber sie nimmt sich der Geisteswissenschaft gegenüber so aus wie die Anschauung, die jemand hat, der in einem finsteren Zimmer die Gegenstände abtastet, zu dem, der ein Licht anzündet und die Gegenstände beleuchtet. Allerdings, wenn man die Gegenstände im Dunkel abtastet, den einen, einen zweiten, einen dritten — man tastet immer dasselbe. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das bloß abgetastete Zimmer von allen gleich beschrieben ist. Weil Naturwissenschaft in geistigem Dunkel forscht, sind die Begriffe von selbst immer die gleichen, weil, wenn man ein Licht anzündet, man da und dort hinleuchten kann, wird die Konfiguration von den verschiedenen Punkten aus verschieden sein. Daher der leicht auffindbare, aber durchaus nicht treffende Einwand, den man gewöhnlich macht, dass der eine Geistesforscher dieses, der andere jenes spricht. Das ist der Fall, aber es ist der Fall aus dem Grunde, weil der Geistesforscher zunächst auch geistig von einem bestimmten Gesichtspunkte aus das Licht entzündet.
[ 56 ] Aber es gibt einen Ausweg. Und gerade die Richtung, die ich selber vertrete, sucht diesen Ausweg. Die Menschen scheuen sich vor der inneren Seelendramatik, vor der Erkenntnisdramatik, die man durchmachen muss, weil sie fürchten, in das Subjektive hineinzukommen. Das ist ein Übergang, aber dann kommt man in ein Gebiet, wo der Geist das Objektive ist, wo der Geist von allen Seiten gleich beschrieben werden kann, wie die Sinneswelt beschrieben werden kann. Wenn man in einem Zimmer ein Licht anzündet, hat man allerdings nur einen gewissen Aspekt von dem Zimmer. Dreht man das Licht herum, dann widersprechen sich die Eindrücke; von jedem Orte sieht das Zimmer anders aus, aber man bekommt so allmählich einen objektiven Überblick über das ganze Zimmer.
[ 57 ] So sucht insbesondere jene geisteswissenschaftliche Richtung, die von mir angestrebt wird, zwar die geistesforscherischen Methoden anzuwenden und alles mit dem Lichte des Geistes zu beleuchten, aber es wird versucht, das von verschiedenen Gesichtspunkten aus zu tun. Dadurch kommt eine andere Misere heraus, aber das ist nicht weiter schlimm, dass, während man sonst sagt, dass man bei einem Geistesforscher, der die verschiedenen Standpunkte einnimmt, sagt, er widerspreche sich selber. Er widerspricht sich selber, aber er tut es, um allmählich zu charakterisieren. Das liegt den neuerdings so beliebt gewordenen Kritiken meiner Weltanschauung zugrunde, wo Widersprüche aufgesucht werden. Diese Widersprüche sind nicht mehr wert als vier Fotografien von vier Seiten eines Raumes. Der Geistesforscher muss sich in einer gewissen Weise widersprechen, indem er das Leben von verschiedenen Standpunkten aus charakterisiert. Mögen dann nur unverständige Leute kommen — gerade durch das Vorhandensein verschiedener Bilder, die der Geistesforscher gibt, will er seine Objektivität zeigen.
[ 58 ] In der gewöhnlichen physischen Sinneswelt ist es ja so, dass man dem nicht ausgesetzt zu sein braucht, wenn man bloß äußerliche Tatsachen beschreibt. Aber es kommt anders bei dem Geistigen. Der Geist ist ein Lebendiges, und das Lebendige hat seine Widersprüche. Überhaupt ist es auch sonst so, dass derjenige, der die Geisteswissenschaft kennt, dann sorgfältig und gewissenhaft in die Denkungsart der Naturwissenschaft sich hineinvertieft, wie sie in der Gegenwart ausgebildet ist, der findet, dass die Naturwissenschaft bis in alle Einzelheiten hinein nicht nur nicht in Widerspruche steht mit der Geisteswissenschaft, sondern vollständig eine Bestätigung ist alles desjenigen, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat.
[ 59 ] Deshalb möchte ich sagen: Der Geistesforscher scheut durchaus nicht davor zurück, prüfen zu lassen seinen Standpunkt, ja, streng prüfen zu lassen seinen Standpunkt von den verschiedensten geistigen Richtungen, die sonst vorhanden sind. Prüfe man nur dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat, an der wahren Naturwissenschaft, nicht an der oberflächlichen Naturwissenschaft. Der Monismus vertritt ja nach 30 Jahren noch das, was die Naturwissenschaft überwunden hat. Prüfe man dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat, an der wahren Naturwissenschaft, man wird es bestätigt finden. Der Geistesforscher schreckt nicht zurück vor wirklich wissenschaftlicher Prüfung. So werde ich niemals jemand, der sich hingezogen fühlt zu dem, was ich die Geisteswissenschaft nenne, irgendwie den Rat geben, er solle sich einspinnen, er solle nicht prüfen, er solle in Autoritätsglauben aufgehen. Nein, niemand soll glauben das, was gesagt wird, niemand soll auf Autorität hin etwas annehmen. Aber er würde es umso mehr einsehen, je gewissenhafter er es gerade an dem natürlichen Leben der Gegenwart prüft.
[ 60 ] Ebenso kann es geprüft werden an dem religiösen Leben. Klar ist demjenigen, der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, dass das religiöse Leben — Dr. Rittelmeyer zeigt das — eine feste Stütze, eine Sicherheit gewinnt durch dasjenige, was man aus der Geisteswissenschaft erfahren kann, eine Stütze, die heute gebraucht wird. Geisteswissenschaft — diesem Missverständnis darf man sich nicht hingeben —, Geisteswissenschaft steht nicht im Gegensatz zum religiösen Leben. Sie sagt nicht: Geht nicht in die Kirche! Nein, Religion soll nicht ersetzt werden durch Geisteswissenschaft, und Geisteswissenschaft soll nicht eine neue Religion sein, sondern sie will sein etwas, was sich als wissenschaftliche Forschung neben die naturwissenschaftliche Forschung hinstellt, was aber dem, der nun geisteswissenschaftlich an das religiöse Leben herantritt, dieses religiöse Leben reicher und fester begründet. Geisteswissenschaft sagt nicht: Geht zur Geisteswissenschaft und geht nicht zur Kirche!, sondern: Geht zur Geisteswissenschaft und ihr werdet dasjenige, was das religiöse Leben zu sagen hat, noch in einem neuen Lichte sehen.
[ 61 ] Und das Leben selbst, das soziale Leben, das ethische Leben, das juristische Leben, das gesamte Leben, auch die unmittelbare Lebenspraxis, sie alle können ihre Befruchtung erfahren durch die Geisteswissenschaft dadurch, dass derjenige, der nicht selber Scher wird, seine Vorstellungen so bekommt, dass sie sich besser der Wirklichkeit anschmiegen, dass man nicht glaubt, ein praktischer Mensch zu sein, und dabei ein Phantast ist, sondern wirklichkeit[s]durchdrungene Vorstellungen, ein Empfinden, das innere Sicherheit hat, ein Wille, der sich orientieren kann im Leben, der die Wege durch das Leben finden kann, das ist das, was die Menschen finden können aus der Geistesforschung.
[ 62 ] Die Geistesforschung soll nicht etwas sein, was als Theorie begriffen wird, sondern was wie eine Essenz durch das Leben geht, was den Menschen brauchbar und stark für das Leben macht. Man kann also gehen zur Naturwissenschaft, man kann gehen zur Religion, zum Leben selber — Geisteswissenschaft wird niemand davon abhalten. Sie wird gerade froh sein, wenn man sie prüft an Wissenschaft, an Religion, an dem Leben. Denn derjenige, der in ihrem Boden begründet ist, der weiß, dass diese Prüfungen sie nicht widerlegen werden, sondern dass diese Prüfungen, wenn sie ernsthaft ausgeführt werden, sie immer bestätigen werden.
[ 63 ] Nicht als ob man nicht irren könnte auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft, aber der Irrtum ist auf jedem Gebiete möglich. Darauf kommt es nicht an. Der Geistesforscher fordert keinen Autoritätsglauben. Er sagt: Man gehe und prüfe Geisteswissenschaft, sie wird nur gewinnen an Wissenschaft, an Religion, an dem Leben. Man gehe meinetwillen sogar und prüfe Geisteswissenschaft an der Weltanschauung von Johannes Müller; und diese Geisteswissenschaft hat auch keine Sorge, dass sie dadurch irgendetwas verlieren könnte. Ich werde nicht irgendwie Johannes Müller den Vorwurf entgegenschleudern, den er mir entgegengeschleudert hat auf die Artikel von Pfarrer Rittelmeyer hin: dass Geisteswissenschaft etwas Versucherisches sei, dass sie eine neue Versuchung für die Menschen darstelle. Das würde Kleinmütigkeit sein, dann mögen sich die Menschen versuchen lassen, wenn die anthroposophische Weltanschauung eine Versuchung sein sollte — sie werden schon von selbst erkennen, wenn ihnen nicht suggeriert wird, sie würden versucht, sondern wenn man ihnen sagen wird: Geht zur Wissenschaft, geht zur Religion, geht zum Leben, geht sogar zu Johannes Müller — ihr werdet dadurch Geisteswissenschaft wahrhaftig nicht widerlegt finden, sondern durch Wissenschaft, durch Religion, durch das Leben und sogar durch Johannes Müller bestätigt finden. Denn diese Geisteswissenschaft ist, wie ich skizzenhaft ausführen konnte — morgen will ich über die Verhältnisse in der geistigen Welt selber etwas mitteilen —, diese Geisteswissenschaft will wirkliche Wissenschaft, will gewissenhaft errungene Erkenntnisse. Und sie hat vor allen Dingen in das Kulturleben sich einzuführen dadurch, dass sie dem Anprall, der vonseiten der Naturwissenschaft herkommt, gewachsen ist.
[ 64 ] Du Bois-Reymond, ein von mir hochgeehrter Physiologe, hat in seinen berühmten Untersuchungen über die tierische Elektrizität und in anderen glänzenden Reden vieles ausgeführt, was die neuere Naturwissenschaft charakterisieren muss. Aber er hat zu gleicher Zeit gesagt: Diese Naturwissenschaft kann sich nur über die Sinneswelt erstrecken, denn darüber hinaus muss Wissenschaft aufhören. Das war ein Machtspruch. Und heute steht ein weiter Kreis der Menschheit unter diesem Einfluss. Dasjenige aber, was dieser Machtspruch meint ich möchte es durch einen Vergleich ausdrücken: Jemand sieht einen Baum, der wächst aus dem Boden heraus. Wie er im Boden wurzelt, da kann man nicht hineinschauen; das stört einen. Der Baum wächst und wächst: Das, was im Boden ist, hat etwas damit zu tun. Man will nun den Baum anschauen mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen, man gräbt ihn aus; man setzt seine Wurzeln in die Luft. Er stirbt ab, er wird ertötet, weil er entwurzelt ist. — Man hat versucht in der neueren Zeit, weil man nicht gehen wollte von dem menschlichen Wissen aus über die äußere Sinneswelt zu dem, was Wurzel eines jeglichen Wissens in der geistigen Welt ist. Man hat versucht, das Wissen über die Natur zu entwurzeln, wie man den Baum entwurzelt. Wie der Baum abstirbt, so stirbt auch die Erkenntnis ab, wenn sie dem Boden, dem geistigen Boden entrissen wird.
[ 65 ] Geisteswissenschaft soll den Beweis liefern, in der Zukunft immer mehr und mehr, dass wir aus dem Boden des geistigen Lebens herausgerissen, bloß mechanische, bloß materialistische Wissenschaft entwickeln können, und anstelle des du Bois-Reymond’schen Machtspruches «Wir suchen Wissenschaft, aber wo das übersinnliche Leben beginnt, hört Wissenschaft auf» — an die Stelle dieses Machtspruches muss der einsichtige Spruch, muss die Gesinnung treten: Wenn Erkenntnis, wenn Wissenschaft herausgerissen wird aus dem Boden des wahrhaftig geistigen Lebens, dann stirbt Wissenschaft ab; nicht dass, wo die übersinnliche Welt anfängt, Wissenschaft aufhören müsse, sondern wo Wissenschaft gesucht wird außerhalb der übersinnlichen Welt, da stirbt ab echte Wissenschaft, da wird sie entwurzelt, da wird sie ertötet. Das wird eine Überzeugung sein, die den Menschen gesinnungsgemäß mit der geistigen Welt verbindet, und diese Überzeugung — [das] möchte Geisteswissenschaft — soll werden die Überzeugung möglichst vieler Menschen in die Zukunft hinein.
