Der Mensch als Geist- und Seelenwesen
GA 71b
12 February 1918, Norrköping
2. Die Offenbarungen des Unbewussten im Seelenleben vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! In dem gestrigen Vortrag, in dem ich mir erlaubte, das Wesen der Geisteswissenschaft, wie sie in diesen Betrachtungen gemeint ist, zu charakterisieren, machte ich darauf aufmerksam, wie diese Geisteswissenschaft nicht aus einer Willkür eines Einzelnen oder ein paar Menschen hervorgegangen ist in der Gegenwart, sondern wie sie gerade durch das Heraufkommen der so große Erfolge aufzeigenden Naturwissenschaft eine Notwendigkeit geworden ist; wie sie sich neben diese Naturwissenschaft hinstellen muss, weil diese Naturwissenschaft gerade darin, um ihrerseits zu ihren glänzenden Resultaten zu kommen, genötigt war und genötigt ist, solche Methoden, solche Forschungsarten, solch eine Anschauungsweise auszubilden, welche eigentlich nur brauchbar sind, wenn man das Feld der äußeren Natur überschauen und erkennen will, welche aber ungeeignet sich erweisen, wenn man kennenlernen will das Gebiet des geistigen Lebens in seiner wahren Gestalt, in der es dem Menschen zugänglich sein kann.
[ 2 ] Ich habe dann weiter gestern schon darauf hingedeutet, wie aber diese naturwissenschaftliche Richtung ihrerseits gewissermaßen zwischen den Zeilen ihres Wirkens geltend macht, dass nur der auf die Sinneswelt gerichtete menschliche Erkenntnistrieb zu einer wahren Wissenschaft kommen könne, und wie damit diese naturwissenschaftliche Richtung von vorneherein verurteilt dasjenige, was aus anderen, wenn auch nicht weniger strengen Quellen des Erkennens zu einer Wissenschaft über den Geist kommen will.
[ 3 ] Nun kann man sagen, sehr verehrte Anwesende, dass Naturwissenschaft nicht nur in dieser Beziehung der Geisteswissenschaft das Dasein, das Entstehen — kann man ja heute noch sagen — erschwert nicht nur, sondern dass auch durch die besondere naturwissenschaftliche Gesinnung, die auf diesem Gebiete erzeugt wird, sich Denkgewohnheiten, Empfindungsweisen herausbilden, die abgeneigt sind der eigentlichen geistigen Forschung. Dennoch, dasjenige, was geistige Forschung will, ist ein nicht zurückzudrängendes, im Ernst, nicht zurückzudrängendes Ziel der menschlichen Seele. Daher muss gerade in einer Zeit, in welcher durch die anerkannte Wissenschaft auf der einen Seite abgewiesen wird Geistesforschung, auf der anderen Seite Denkgewohnheiten und Empfindungsweisen herausgebildet werden, welche diese Geistesforschung antipathisch machen — es muss gerade in einer solchen Zeit, wo man wegen der allgemeinen Bildungsvorurteile sich an die Wissenschaft wenden will —, in einer solchen Zeit muss das Bedürfnis, über den Geist etwas zu wissen, erst recht erwachen.
[ 4 ] Und es erwacht selbst in den Kreisen der Naturforscher. Aber da ist man gewohnt, sich einem solchen Denken, einem solchen Forschen hinzugeben, das verläuft an der Hand desjenigen, was die äußere sinnenfällige Natur an Tatsachen, an Wesenheiten, an Ereignissen darbietet, was man ihr durch Experimente abgewinnen kann. Man ist gewohnt, [auf] das zu sehen, wo das forschende Seelenleben gelenkt und geleitet wird durch das Äußere. Und so will man auch gerade da, wo selbst unter naturwissenschaftlich denkenden Menschen das Bedürfnis erwacht ist, über das Ewige, das Unsterbliche der menschlichen Natur etwas zu erfahren, so will man auch dieses Gebiet so erforschen, wie man das Gebiet der Natur selbst erforscht.
[ 5 ] Da kann man sich nur an ganz bestimmte Erscheinungen dann halten, an Erscheinungen, die gewissermaßen nicht nötig machen, dass man die Seele selbst so zubereitet durch allerlei Übungen, wie ich sie gestern auseinandergesetzt [habe], damit sie forschen könne auf einem gewissen Gebiet. Es entsteht eine gewisse Abneigung, dasjenige zu erforschen, das man sich gewissermaßen heraufrufen muss erst, weil es sich dem gewöhnlichen Bewusstsein verbirgt. Man möchte da auch das Seelische erforschen dadurch, dass man an etwas herangeht, was sich äußerlich so darbietet, wie sich die Naturerscheinungen selber darbieten.
[ 6 ] Deshalb ist ein gewisses Gebiet, das sozusagen hereinragt in das gewöhnliche Bewusstsein des Menschen, das geheimnisvoll hereinragt in dieses Bewusstsein, ein gewisses Gebiet des Daseins ist in der letzten Zeit immer wieder ins Auge gefasst worden: das weite Gebiet dessen, was man heute zusammenfasst mit dem möglichst weitherzigen, man könnte auch sagen, wenig sagenden Ausdruck des «Unbewussten». Und da Geisteswissenschaft verwechselt wird mit manchem Gebiet, das man so in das Unbewusste hereinbringt, in die Kategorie des Unbewussten hereinbringt, so ist Geisteswissenschaft selbst genötigt, von sich aus mit ihrer Forschungsweise über dieses Gebiet des sogenannten Unbewussten ins Klare zu kommen. Und ich habe daher mir erlaubt, als zweiten Vortrag anzukündigen eine Betrachtung, welche vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte her gerade die Offenbarungen des sogenannten Unbewussten ins Auge fasst.
[ 7 ] Natürlich kann ich, da es sich um ein weites Gebiet handelt, nur gewisse Gruppen desjenigen vor Ihnen betrachten, was man in das Gebiet des Unbewussten hineinzählt. Und da soll betrachtet werden heute die Erscheinung eines weiten, wunderbaren Gebietes, das zunächst in seiner Erscheinungsweise jedem Menschen wohlbekannt ist, die Erscheinung des Traumlebens. Dann sollen betrachtet werden, sehr verehrte Anwesende, jene anderen Erscheinungen, bei denen so viele heute suchen, Aufschluss zu gewinnen über etwas, was als Seelisches, als Geistiges der Menschenwesenheit zugrunde liegt, betrachtet werden sollen die Erscheinungen, die man zusammenfasst unter dem Ausdruck des Somnambulismus, zu denen dann zu rechnen ist alles das, was auch heute von vielen Menschen mit solchen Erkenntnishoffnungen betrachtet wird: die Erscheinungen des Mediumismus und dergleichen.
[ 8 ] Dann aber gehört in das Gebiet des Unbewussten ein menschliches Betätigungsfeld, welches wiederum jeder kennt, welches sozusagen eines jeden Menschen Lebensgefährte ist, bei dem man sich aber gerade zuweilen scheut, es zu betrachten, weil man glaubt, durch die Betrachtung gerade den Zauber von diesem Gebiete wegzunehmen: Ich meine das Gebiet des künstlerischen Schaffens, von dem ja jeder durch eine äußerliche Betrachtung überzeugt sein kann, dass es bis zu einem gewissen Grade in das Gebiet des nicht verständigen, nicht voll bewussten menschlichen Wirkens gehört, sondern aus einer gewissen unbewussten oder unterbewussten Quelle der menschlichen Natur herausfließt.
[ 9 ] Und endlich gehört zu diesen Gebieten des Unbewussten diejenige Geistesbetätigung selbst, von der ich gestern als der Methode der Geistesforschung gesprochen habe — es gehört diejenige Geistesberätigung, zu der der Geistesforscher seine Seele geeignet machen will, in das Gebiet des Geistigen so hineinzuschauen, dass man wirklich das Geistige, das den Menschen umgibt, zu dem der Mensch gehört, erkennen kann. Diese Gruppen von unbewussten Erscheinungen möchte ich heute vor Ihnen einer Art von Betrachtung unterziehen, wobei ich mich beschränken muss auf die streng geisteswissenschaftliche Betrachtung.
[ 10 ] Das Gebiet des Traumes — jeder kennt es, und dennoch, wiederum für denjenigen, der beginnt, sich mit dem Gebiete des Traumlebens intimer zu befassen, wird es gewissermaßen immer wunderbarer und wunderbarer. Das Traumleben des Menschen ist ein Gebiet, an dem man eigentlich nur dann ohne Erstaunen vorübergeht, wenn man es oberflächlich betrachtet. Man ahnt, je intimer man es betrachtet, dass in diesem Traumleben doch etwas steckt von dem, was sich als die höhere Natur in der menschlichen Seele ankündigt, wenn es sich vielleicht auch im Traumleben chaotisch ankündigt. Selbstverständlich bringen wir in jedes Gebiet, auch in dieses Gebiet des Traumlebens, unsere persönlichen, unsere egoistischen Interessen hinein, und so kam es, dass sich gerade an das Traumleben die abergläubischsten, die unwissenschaftlichsten Deutungen anknüpften, die selbstverständlich dann ausgeschlossen sein müssten, wenn es sich um eine wirklich erkenntnisgemäße Deutung dieses Traumlebens handelt.
[ 11 ] Derjenige, welcher glaubt, solche Erfahrungen aus dem Traumleben wissenschaftlich betrachtet zu sehen, die sich beziehen auf allerlei abergläubische Hoffnungen, der wird gegenüber einer wissenschaftlichen Betrachtung des Traumlebens nicht zu seinem Rechte kommen können. Aber auf der anderen Seite, man braucht es nur anzusehen, dieses Traumleben, und man wird finden, dass die auf- und abwogenden Träume des menschlichen Schlafes oder Halbschlafes in einer merkwürdigen Art sich in das Dasein des Menschen, des gesamten Menschenlebens hineinstellen. Auf der einen Seite sehen wir, wie der Traum angesehen werden kann durch halb wirkende Sinnesreize. Jeder kennt ja so etwas wie das, sagen wir, dass er einschläft in der Nähe eines Lichtes. Würde er wach sein, so würde er in der Nähe des Lichtes das Licht sehen. Er schläft ein. Das Licht macht einen Eindruck auf sein Auge, welcher nicht in der gewöhnlichen Weise verarbeitet wird, und er träumt vielleicht, anschließend an den nicht voll sich auswirkenden Eindruck des Lichtes, von einer Feuersbrunst, an die er dann anknüpft alle möglichen Traumesvorstellungen! Eine ganze innere Dramatik kann er an diese Sinnesreize anknüpfen. Und man könnte viel erzählen, wenn man erzählen wollte alle Arten von Träumen, die sich an Sinnesreize anschließen.
[ 12 ] Auf der anderen Seite haben wir diejenigen Träume, die mehr aufsteigen aus der menschlichen Leibesstimmung, aus dem gesamten Fühlen des Menschen, ob der Mensch in irgendeiner Gesamtstimmung ist, zum Beispiel einer Gesamtstimmung, die ihm als ein laues Bad erscheint, in dem er sich wohl befindet, während er im Bett liegt und in Behaglichkeit träumt. Oder wenn er von einem kochenden Ofen träumt und aufwacht mit pochendem Herzen, sodass das Herz sich im Traume symbolisiert hat im Ofen. Wir haben es da zu tun mit dem, was sich in dem Traume herauslebt aus inneren Reizen des Organismus.
[ 13 ] Und wir haben wiederum das andere weite Gebiet des Traumes, das sich anschließt an Erinnerungsvorstellungen, an das, was in unserm Gedächtnisschatze liegt, aus dessen Bereich dann hervorgeholt wird durch Vorstellungen der letzten Tage irgendein besonderes Gebiet, dass sich mit innerer Dramatik wiederum im Traume vor uns hinstellt. Durch solche, ich möchte sagen, pedantische Einteilung wird aber vor jedermann hervorgerufen dasjenige, was er über die wunderbare Welt des Traumlebens ja genug kennt. Einige Eigentümlichkeiten des Traumlebens, die ja auch allgemeiner bekannt sind, sind schon geeignet, in dasjenige hineinzuführen, was wir dann über den Traum seiner Wesenheit nach betrachten wollen.
[ 14 ] Es kennt ja auch das jedermann, dass man eigentlich im 'Traume ein ganz anderer Mensch ist als im wachen Leben. Die Traumbilder zaubern einem zum Beispiel vor, wie man selbst ein Verbrechen begehen kann, das man im gewöhnlichen Leben niemals begehen würde. Die Traumbilder zeigen einen in einer moralischen Verfassung, die man streng verurteilen würde, in die man niemals kommen könnte im gewöhnlichen Leben. Die Traumbilder zeigen in ihrer Aufeinanderfolge, dass sie das nicht enthalten, was man die Ausübung der gewöhnlichen Logik nennt. Logisches Aneinandergliedern der Traumbilder ist etwas, was in diesen Traumbildern nur selten der Fall ist, und wenn es der Fall ist, so ist die Logik des Traumes wiederum nur eine erträumte; wir erinnern uns traumgemäß an irgendetwas, was wir logisch schon durchgedacht haben, und das Logische erscheint uns nur wie aus der Erinnerung kommend. Aber es zeigt sich dem, der das Traumleben betrachten kann, dass er nicht in der Lage ist, während des Traumes selbst Logik anzuwenden auf den Traum.
[ 15 ] Eine Eigentümlichkeit — ich will nur die Dinge hervorheben, die uns dazu bringen können, das Wesen des Traumes vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus zu verstehen —, eine besondere Eigentümlichkeit des Traumlebens ist eigentlich auch von denjenigen, die sich philosophisch in der Wissenschaft oder sonst wie damit befassen, viel zu wenig gewürdigt, und wir werden sehen, dass wir sie erst recht würdigen können, wenn wir andere Erscheinungen des Lebens, die dem unbewussten Gebiet des Lebens angehören, ins Auge fassen. Es ist die Tatsache, dass wir im Traume eigentlich nicht aus der gesamten Verfassung, in der wir während des Schlafens sind, der Außenwelt und dem eignen Leibe gegenüber, heraustreten. Ich habe allerdings angedeutet, dass Träume vorkommen, die auf äußere Sinnesreize hin entstehen, da scheint es, als ob wir uns zu der Außenwelt im Traume verhalten würden, während wir nichts davon wissen im Traume.
[ 16 ] Das ist nur scheinbar. Wir nehmen die Sinneseindrücke nicht so wahr wie im Wachen, sondern in symbolisch umgestalteter Art. Es muss mit ihnen erst etwas vorgehen, sie müssen in ein Bild verwandelt werden. Den Sinneseindruck selbst können wir nicht aufnehmen. Wir stehen zu der Außenwelt in keinem Verhältnis, wenn wir träumen; wir stehen mit unseren Sinnen in keinem Verhältnis zur Außenwelt, wir sind von der Außenwelt abgeschlossen im Traume, trotzdem die Träume auf- und abwogen, wie wir im traumlosen Schlaf von der Außenwelt abgeschlossen sind.
[ 17 ] Und wiederum das andere Gebiet des Lebens in der Sinneswelt, das Gebiet des Handelns, das Gebiet der Leibesbewegung, der Betätigung durch Leibesbewegung, ist aus dem normalen Traume ausgeschlossen. Es ist ja schon ein abnormer Traum, wenn jemand übergeht von dem Träumen zum Nachtwandeln oder dergleichen. Der normale Traum verläuft so, dass wir im Bilde haben, als ob wir dies oder jenes täten. Aber dieses Im-Bilde-sich-Vollziehen einer Handlung, einer Betätigung, das setzen wir nicht fort durch unsern Bewegungsapparat; wir begründen nicht irgendein Verhältnis zur Außenwelt. Es bleibt das alles in uns beschlossen, so wie wir selber in uns beschlossen sind, wenn wir im Traumesleben schlafend sind. Also auch zu unserem eignen Leibe, nicht zu den Sinnesorganen, nicht zu unserem Bewegungsapparat stehen wir in einer wirklichen Beziehung, wenn wir träumen. Der normale Traum ist etwas, was sich in das Schlafesleben hineinzieht, was das Schlafesleben durchströmt, aber es bringt gegenüber der Außenwelt den Träumer in kein anderes Verhältnis, in keine andere Verfassung, als er ist im traumlosen Schlaf.
[ 18 ] Dieses Gebiet, das so umgrenzt werden kann, wie ich es jetzt umgrenzt habe, dieses Gebiet des Traumlebens, man muss es wohl unterscheiden — und wir werden gerade auf die wichtigen Unterschiede bei der wesenhaften Betrachtung des Traumlebens dann eingehen — von alledem, was sonst im menschlichen Leben so auftritt, dass gewissermaßen Unbewusstes, nicht dem menschlichen Bewusstsein Angehöriges, in dieses Menschenleben eintritt. Es gibt gute Forscher, die glauben, dass das Traumbild als solches, das Bild des normalen Traumes, gleich zu achten wäre einer Halluzination. Die Halluzination ist auch etwas, was wie die Visionen und dergleichen aus dem Unterbewussten in das menschliche Bewusstsein hinaufsteigt; die Halluzination ist auch ein Bild.
[ 19 ] Aber, sehr verehrte Anwesende, derjenige, der die Halluzination vergleicht mit dem Traumbild, der geht gar sehr in die Irre. Da muss vor allen Dingen das hervorgehoben werden, dass der Mensch, welcher träumt, durch das Träumen nicht in einen Zustand verfällt, dem gegenüber er mit seinem Wachbewusstsein machtlos ist. Die Halluzination muss dadurch charakterisiert werden, dass der Mensch ihr gegenüber mit seinem Wachbewusstsein machtlos ist. Die Halluzination ragt hinein in das gewöhnliche Bewusstsein, und man muss gewahr werden, dass der Grund, warum das so ist, eine Veränderung, wenn auch eine verborgene Veränderung des menschlichen Leibes selber ist; irgendein Teil des menschlichen Leibes ist es, der Veranlassung gibt zu einem Aufsteigen der Halluzinationen.
[ 20 ] Dem Verändern im menschlichen Leibe gegenüber ist das Seelische, das Geistige des Menschen zunächst ohnmächtig. Nur aus dem Leibe kann aufsteigen dasjenige, dem der Mensch ohnmächtig gegenübersteht. Der Traum tritt hinein in das menschliche Leben und lässt die Leibeskonstitution, die Leibesstruktur unangefochten, sodass der Mensch, wenn er zurückkehrt ins Wachleben, sich in der normalen Leibeskonstitution befindet. Und er wird dann dem Traum gegenüber, ich möchte sagen, die rechte Bewusstseinsverfassung haben können, wenn er ihn nicht hineinstellt in das gewöhnliche Leben, was der Halluzinierende mit dieser Halluzination tut.
[ 21 ] Schon die Beobachtung der Halluzination zeigt deutlich, dass man es mit etwas zu tun hat, was sich von dem Traumbild sehr unterscheidet und was gebunden ist an den menschlichen Leib. Dann kann man aber auch der Halluzination durchaus ansehen, den Zwangsvorstellungen und dergleichen, dass sie heraufsteigen ohne Veranlassung aus der äußeren Welt, dass sie heraufsteigen, wenn auch aus der Leibesnatur, so doch aus der inneren Natur des Menschen; und das haben die Halluzinationen als Eigentümliches, das haben die Visionen als Eigentümliches, die Zwangsvorstellungen als Eigentümliches, dass diese Leibesnatur des Menschen wirkt, ohne dass in der Art, wie es sonst der Fall ist im Wachleben, mitwirken bei der Erzeugung der Halluzination, der Vision, der Zwangsvorstellung, ohne dass mitwirken diejenigen Organe, die den Menschen in einen Zusammenhang bringen mit der äußeren Welt der Wirklichkeit, dem, was in der sinnenfälligen Welt der Wirklichkeit darinnen ist. Das ist nicht mehr der Fall, wenn jener Zustand eintritt in der menschlichen Natur, den man mit dem Worte «Somnambulismus» bezeichnet.
[ 22 ] Man kann sagen: Durch den Somnambulismus, durch den Mediumismus wird die menschliche Natur dazu aufgestachelt, die unregelmäßige Leibeskonstitution, die beim Gesunden durch Innenwahrnehmung erlebt wird, zu übertragen auf das Verhältnis des Menschen zur Außenwelt. Die Sinne, und auch in gewissem Sinne der Bewegungsapparat des Menschen, sie werden angesteckt von der inneren Unregelmäßigkeit der Leibesorganisation, wenn der Mensch als Somnambuler, als Medium auftritt. Daher kann es kommen, dass der somnambule Mensch zwar nicht in normaler, regelmäßiger Weise das, was in der Welt erlebt wird, wahrnimmt, sondern dass er, weil er seine Sinne nicht so betätigt, wie sie an der Welt gebildet werden, sondern sie von der Leibesnatur ansteckt, sodass er die Umwelt wahrnimmt in einer solchen Weise, wie er sie bei der gewöhnlichen Sinnesbetätigung nicht wahrnimmt.
[ 23 ] Da betritt man ein Gebiet, das auf die Menschen sensationell wirkt und das ein gefährliches Gebiet ist, ein verführerisches Gebiet. Es verführt die Menschen, allerlei Geheimnisvolles aufzusuchen, um Aufschluss zu finden über irgendetwas, was sie wissen wollen und was sich im normalen Leben nicht darbieten will. Wir können sehen, dass selbst gut naturwissenschaftlich denkende Menschen aus der naturwissenschaftlichen Weltenbetrachtung heraus immer wieder und wiederum zu einer inneren Unbefriedigung kommen, dass sie zu einer höheren Erkenntnissehnsucht gegenüber dem Geistigen kommen und dass sie dann irgendwie versuchen, diese Erkenntnissehnsucht gerade auf dem Gebiet zu befriedigen, von dem jetzt die Rede ist. Man kann sehen, dass große Naturforscher ganz und gar eingenommen werden können von dem, was ihnen als «wunderbare Offenbarungen» auf diesem Gebiete entgegentritt. Viele Beispiele könnte man aus der Geschichte und aus dem gegenwärtigen Leben erwähnen, wo Naturforscher, die auf ihrem eigenen Gebiete außerordentlich bedeutend sind, wenn sie das Geistige erforschen wollen, immer wieder und wiederum darauf verfallen, die mit dem Somnambulismus verwandten Erscheinungen ins Auge zu fassen, um dadurch zu erfahren, es werde ihnen etwas kundgetan über ein geistiges Gebiet.
[ 24 ] Unter den vielen Fällen will ich nur einen der neuesten erwähnen, der passiert ist mit dem englischen Philosophen und Naturforscher Sir Oliver Lodge. Sir Oliver Lodge hat seinen Sohn verloren an der französischen Front. Schon als sein Sohn eingezogen wurde nach der Front, hatte ihm eine befreundete Persönlichkeit von Amerika aus geschrieben, dass irgendetwas vorgehen werde mit diesem Sohn, dass dann, wenn das vorgehe, an der Seite dieses Sohnes aber stehen werde die Seele einer Persönlichkeit, die schon durch die Pforte des Todes gegangen ist, die seit Langem verstorben ist, die ihm helfen würde. Zunächst war natürlich diese freundschaftliche Andeutung in einem recht vagen Sinne gehalten. Man konnte denken, der Sohn werde im Kriege in Gefahr kommen und diese Seele der längst verstorbenen Persönlichkeit werde helfend eingreifen aus der geistigen Welt, um den Sohn zu bewahren. Man konnte auch ganz anderes denken. Kurz, der Sohn fiel auf dem Schlachtfeld.
[ 25 ] Jetzt dachte derjenige, der von Amerika aus an Sir Oliver Lodge geschrieben hatte, er könne natürlich die Sache so wenden, dass, da der Sohn gefallen ist, seine Seele nun in der geistigen Welt sein werde und dass diese Seele in der geistigen Welt von der schon lange dort befindlichen Freundesseele geholt werde. Gleichzeitig — ich darf das schon sagen nach einem genauen Studium dieses Falles —, gleichzeitig spielte man sozusagen in die Umgebung des Sir Oliver Lodge hinein mediumistische Personen. Und Sir Oliver Lodge, der über die ganzen Verhältnisse ein ausführliches Buch geschrieben hat, das wirklich so vor einen hintritt wie ein streng naturwissenschaftlich geschriebenes Buch, wie ein Buch, das einer geschrieben hat, der vertraut ist nicht nur mit der naturwissenschaftlichen Denkweise, sondern vertraut ist mit aller Gewissenhaftigkeit, die einem naturwissenschaftlichen Forscher eigentümlich sein muss —, man hat Sir Oliver Lodge in seine Umgebung Medien gespielt. Sorgfältig verzeichnet er das, was diese Medien als Kundgebung der Seele des Sohnes aus dem Jenseits von sich gegeben haben, geoffenbart haben.
[ 26 ] Der ganze Verlauf der Erscheinungen war so, dass Sir Oliver Lodge bei der Beobachtung desjenigen, was da vorging, ich möchte sagen, wie ein Chemiker verfuhr, mit derselben Gewissenhaftigkeit verfuhr. Nun wird vieles aufgezählt. Maßgebend war für Sir Oliver Lodge und für andere — denn dieser Fall ist viel besprochen worden, hat viel Aufsehen gemacht, hat Journalisten überzeugt, die von vorneherein durch ihre Gesinnung ziemlich unzugänglich sind für solche Sachen —, maßgebend war das Folgende: Durch eines der Medien kam eine Kundgebung von dem Sohne, angeblich aus der geistigen Welt. Diese Kundgebung besagte, dass sich der Sohn auf dem Schlachtfeld, wo er gefallen ist, habe fotografieren lassen mit einer Gruppe von anderen Kameraden. Es wurde auch gesagt: Es sind mehrere Aufnahmen gemacht worden, wie das eben gewöhnlich geschieht. Es wurde beschrieben, welche Handlage bei der einen Aufnahme und bei der anderen Aufnahme, wo sie etwas verändert war, welche Handlage der Sohn beim Fotografieren gezeigt hatte. Die Fotografien waren eine Sache, von der die ganze Gesellschaft nichts wusste in London, die Fotografien waren einfach nicht da.
[ 27 ] Und siehe da: Nach zwei oder drei Wochen — die Post braucht ja jetzt sehr lange — kamen die Fotografien selbst an, zwei oder drei Wochen nachdem die Versuche gemacht worden sind, und es stellte sich heraus, dass die Beschreibungen, die durch das Medium gemacht worden sind, richtig waren. Das war frappierend für Sir Oliver Lodge. Das war das, was man in der Naturforschung ein «experimentum crucis» nennt. Das Medium und alle Personen, die dabei waren, die konnten also auch nichts durch Gedankenübertragung erhalten. Sie wussten nichts von diesen Fotografien, die erst später angekommen sind. Dennoch sind die Fotografien durch die Kundgebungen des Mediums richtig beschrieben worden. Das hat nun Sir Oliver Lodge in dem besonderen Fall, der ihm ja durch den Tod des Sohnes gewiss nahe lag, verführt, solche Sache mit gewissem Vorurteil zu betrachten; auf der anderen Seite aber durch ein vielsagendes Experiment gewissermaßen den Kreuzbeweis geliefert zu bekommen, dass da ohne ein Wissen auf dem irdischen Gebiete irgendetwas aus der geistigen Welt durch eine somnambule Person herausgekommen ist.
[ 28 ] Ich führe diesen Fall, den ich ebenso beurteile wie das andere, was ich heute behandeln will, aus dem Grunde an, weil er zeigt, wie gerade bei ernsten, großen und bedeutenden Naturforschern die Sehnsucht auftritt, das Geistige zu erkennen, wie aber selbst bei einem solchen Manne wie Sir Oliver Lodge, der weit davon entfernt sein würde, den Weg gelten zu lassen, der hier eben als der wahre Weg der Geistesforschung beschrieben wird, wie bei einem solchen Menschen das Bedürfnis auftritt, in gewissen abnormen Erscheinungen des menschlichen Lebens wie in Somnambulismus und Mediumismus irgendetwas zu suchen, was Aufschluss gibt über die Welt des Geistigen.
[ 29 ] Es ist bei somnambulen Personen, bei Medien, die Sache so, dass ja gewisse Erscheinungen, die im Zusammenhang mit ihnen auftreten, schon an den Traum erinnern. Aber, sehr verehrte Anwesende, es findet vor allen Dingen bei der somnambulen Persönlichkeit auch das statt, dass die Ansteckung, von der ich gesprochen habe, die vom Innern des Leibes auf die Sinne hingeht, auch auf den Bewegungsapparat hinübergehen kann. Dann treten insbesondere leicht rhythmische Bewegungen ein, Bewegungen, die schwer kontrolliert werden können und [durch] die allerlei scheinbar geistige Zusammenhänge Darstellendes durch das Medium ausgeführt wird, wie Tischrücken und so weiter. Ich kann eben nur mit einigen Strichen dasjenige andeuten, was ich heute hier behandeln will.
[ 30 ] Als das dritte Gebiet ist das Ihnen wohl bekannte, das, was aus dem künstlerischen Schaffen fließt, dasjenige Gebiet, das wir gerade deshalb so hochschätzen wie eine Kundgebung aus der anderen Welt, weil wir wissen, dass der Mensch, wenn er sich abstrakten Begriffen, abstrakten Vorstellungen hingibt, sein künstlerisches Schaffen und auch das künstlerische Genießen geradezu stört. Ein Unbestimmtes fließt herein, sowohl in das Schaffen wie in das Genießen beim Künstlertum. Und für viele, die sonst mit dem Geistigen nicht zurechtkommen, wird immerhin die Art, wie das Schaffen beim Künstler auftritt, etwas sein, was ihnen die Überzeugung beibringt, dass in das menschliche Leben ein Geistiges hineinragt. Denn es wird schon ein ganz verstockter, materialistischer Sinn dazu gehören, dass man wie Ingersoll, der berühmte Materialist, den Ausspruch tut: Hamlet, Shakespeares Hamlet, der ist eigentlich das Produkt des Stoffwechsels in Shakespeare. — Dieser Ausspruch ist ja bekannt. Aber man wird wirklich nicht viel brauchen, um sich sagen zu können: Dasjenige, was durch das Künstlertum in das menschliche Leben hineinragt, ist ein solches, dass weder aus dem Leibe heraus unmittelbar erklärt werden kann, noch auch, weil es gerade dadurch gestört wird, aus dem gewöhnlichen Bewusstsein heraus hergeleitet werden könne.
[ 31 ] Und ein viertes Gebiet, sehr verehrte Anwesende, das insbesondere für diese Betrachtung wichtig ist, ist das Gebiet, das ich gestern selber charakterisiert habe als den Weg, als führend zu dem Wege, der im Sinne der hier gemeinten Geisteswissenschaft in die geistige Welt hineinführt. Ich habe gestern schon angedeutet, und Sie können es in den auch gestern erwähnten Büchern nachlesen, dass der Mensch nur dadurch, dass er gewissermaßen sein Seelenleben in eine gewisse Richtung bewusst, tätig, willentlich bringt, dass er nur dadurch dieses Seelenleben so hinaufheben kann in eine Sphäre, dass dieses Seelenleben selber als ein Geistiges den geistigen Erscheinungen der Welt gegenübertritt.
[ 32 ] Ich kann selbstverständlich das gestern Angedeutete heute nicht wiederholen, aber sagen will ich, dass es sich besonders darum handelt, dass man auf der einen Seite durch die Vorstellungswelt, [durch] die man sonst gewohnt ist, dem Verlauf der äußeren Erscheinungen zu folgen, und sich dadurch dirigieren lässt, dass man dahinein das Element des Willens einführt, sodass die Denkkraft, das Innere des Denkens durchzogen wird vom Willen. Und ich habe charakterisiert, dass dadurch der Mensch in eine Seelenverfassung kommt, durch die er sich heraushebt aus dem gewöhnlichen Leibesleben, dass er dadurch entgegentritt einer geistigen Welt so, wie er sonst entgegentritt der physischen Welt. Ich habe gezeigt, dass gefördert wird das Hinaustreten aus dem Leibe dadurch, dass man Selbstbeobachtung verstehen lernt auszubilden, dass man lernt auszubilden, nicht nur irgendetwas seelisch als Betätigung zu entwickeln, sondern dass man zu gleicher Zeit sein Zuschauer wird.
[ 33 ] Durch alle diese Übungen, die Sie in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», «Geheimwissenschaft» und «Vom Menschenrätsel» nachlesen können, durch alle diese Übungen gelangt die menschliche Seele dahin, gewisse in ihr schlummernde Kräfte so hinaufzuheben, dass diese Seele selber zu etwas ganz anderem wird, dass ihr gegenübertritt eine geistige Welt, so wie den Sinnen gegenübertritt eine sinnliche Welt. So paradox es für viele Menschen erscheint, in jeder Menschenseele liegen solche Kräfte, und aus jeder Menschenseele können sie hervorgeholt werden, wenn das Hervorholen auch eine geduldige, energische Arbeit erfordert.
[ 34 ] Ich möchte von diesem Gebiete, das ich das Gebiet des schauenden Bewusstseins aus dem Grunde nenne, weil, wenn man es Hellsehen nennt, wie es in Wirklichkeit, wenn der Ausdruck nicht missbraucht würde, genannt werden müsste; es wird aber sehr leicht verwechselt mit dem, was aus Somnambulismus und Ähnlichem hervorgeht, und es ist von großer Wichtigkeit, um Missverständnisse zu beseitigen, dass wahre Geisteswissenschaft nicht damit verwechselt wird, ich möchte es daher statt «Hellsehen» das «schauende Bewusstsein» nennen, wie ich es genannt habe in meinem Buche «Vom Menschenrätsel», in dem ich es auch charakterisiert habe, das Gebiet dieses schauenden Bewusstseins, wo die Seele den Geist in sich gefunden hat, sodass der Mensch als Geist-Seele dem Geistig-Seelischen der Außenwelt gegenübersteht und dieses Geistig-Seelische zu beobachten in die Lage kommt.
[ 35 ] Wie gesagt, bezüglich der Ausbildung des schauenden Bewusstseins, der Ausbildung desjenigen, was ich in einer gewissen übertragenen Bedeutung mit den Goethe’schen Worten nennen möchte die Heranbildung von «Geistesaugen», von «Geistesohren», die besondere Beschreibung, wie man dazu kommt, das muss ich dem Nachlesen meiner Bücher überlassen, aber ich möchte jetzt, bevor ich Traum, Somnambulismus, künstlerisches Schaffen und künstlerisches Genießen als unbewusste menschliche Lebenserscheinungen hier charakterisiere, ich möchte vorher dieses Gebiet des wahren Hellsehens, dieses Gebiet des schauenden Bewusstseins selber ein wenig charakterisieren. Denn, sehr verehrte Anwesende, diejenigen Erscheinungen, die wir jetzt in gewisse Gruppen zusammengefasst haben, sie können doch nur wahrhaft betrachtet werden von dem Gesichtspunkte der Geistesforschung aus. Daher muss ich vorausschicken dasjenige, was die Eigentümlichkeit des Erkenntnisvermögens des Geistesforschers selber ist.
[ 36 ] Ich habe gestern gesagt: Das, was der Geistesforscher erforschen kann, das stellt sich, indem der Geistesforscher den Weg in die geistige Welt hinein zurücklegt, in vieler Beziehung anders dar, als man erwartet hat. Gerade dadurch zeigt sich die Objektivität, zeigt sich die Wirklichkeit, dass man nicht phantastisch ein Vorurteil in sich gelten lässt, sondern dass man sich einer geistigen Wirklichkeit gegenüberstellt. Aber dass die Sachen anders kommen, das zeigt sich nicht nur bei dem, was man erforscht in den geistigen Welten, sondern sogar bei dem schon, was man als vorher verborgene Erkenntniskräfte, als die Kräfte des schauenden Bewusstseins in seiner Seele ausbildet. Die Art, wie sich die schauende Menschenseele dem Geiste gegenüber verhält, ist eine ganz andere, als man eigentlich zunächst erwartet. Wenn man beschreibt die Art, wie sich die schauende Menschenseele zur geistigen Welt erkennend verhält, so gleicht es dem, was der Menschenseele aus der Sinneswelt bekannt ist.
[ 37 ] Das klingt zunächst paradox! Da muss vor allen Dingen eines gesagt werden: Ein durchgreifendes Moment in allem Leben in der physischen Welt ist das, dass man gewissen Ereignissen des Lebens gegenübertritt, dass man sie durchlebt, sie in die Seele aufnimmt und dass man sich im wachenden Bewusstsein später an die Ereignisse erinnert. Die Ereignisse können aus dem Vorstellungsleben, aus dem Gedächtnis wieder herausgeholt werden. Das Sonderbare ist nun dieses, dass, wenn die Seele, die das schauende Bewusstsein in sich entwickelt hat, in die Lage kommt, eine geistige Tatsache, eine geistige Wesenheit zu schauen, sie zu beobachten, so kann er, trotzdem das nur gewöhnlich aufgefasst wird als inneres Seelenerlebnis, dann kann er nicht sich ohne Weiteres an dieses Seelenerlebnis erinnern. Es geht vorüber. Das erzeugt keine Erinnerungen in dem gewöhnlichen Sinne.
[ 38 ] Dadurch unterscheiden sich wirklich geistige Beobachtungen, die ja auch scheinbar nur im Vorstellungsleben vorhanden sind, von den Erscheinungen des gewöhnlichen Vorstellungslebens, dass man an die Letzteren in normaler Weise sich erinnern kann, an das geistige Erlebnis aber nicht. Sie gehen vorüber. Nun werden Sie sagen: Ja, wenn sie vorübergehen und man sich nicht an sie erinnern kann im späteren Leben, dann kann man ja eigentlich über sie gar nichts wissen! — Wenn man [nicht] in der Lage ist, das, was man geistig erlebt hat, so wie man eine äußere Sinneserscheinung oder ein Sinneswesen angeschaut hat, in die Vorstellung aufnimmt, wenn man nicht in der Lage ist, das, was man beobachtet hat, selber nun in eine Vorstellung zu verwandeln, in eine gewöhnliche Vorstellung zu verwandeln, wie man sie auf dem physischen Plane hat, [dann] kann man sich nicht erinnern.
[ 39 ] Daher gehört eines dazu, um in der geistigen Welt zu forschen: dass man in die Lage kommt, das, was man geistig erlebt, nicht nur zu erleben, sondern es in gewöhnliche Vorstellungen umzusetzen; dann kann man sich an die Vorstellung erinnern. Nicht an das geistige Erlebnis, sondern an die Vorstellung, in die man umgesetzt hat das geistige Erlebnis, kann man sich erinnern. Das geistige Erlebnis hat in dieser Beziehung ganz genau dieselbe Eigentümlichkeit wie ein sinnliches Erlebnis. An die Vorstellung kann man sich erinnern, die man sich von dem sinnlichen Erlebnis gebildet hat. Aber wenn ich an einem Baume vorübergegangen bin und ihn nicht mehr vor mir habe, kann ich ihn nicht sehen in Realität; ich muss wieder hingehen, um ihn zu sehen. So muss ich wiederum dem geistigen Erlebnis gegenübertreten, wenn ich es ein zweites Mal haben will. Gerade dadurch aber ist seine Realität verbürgt. Man gewöhnt sich an, wenn man Geistesforscher wird, so der geistigen Wirklichkeit gegenüberzutreten, wie man der sinnlichen Wirklichkeit gegenübertritt.
[ 40 ] Das ist die eine Eigentümlichkeit, dass das geistige Erlebnis als solches keine Erinnerung hervorruft. Es ist ein Vorüberhuschendes. Und ein anderes, was als Eigentümlichkeit auftritt im geistigen Erlebnis, das ist das, dass die Art, wie das geistige Erlebnis wirkt, anders ist als die Art, wie die Ereignisse, die Betätigungen des gewöhnlichen Lebens auf den Menschen wirken. Wenn wir irgendeine Verrichtung pflegen und immer wieder und wiederum pflegen, dann werden wir an diese Verrichtung gewöhnt; wir machen sie immer besser und besser. Wir würden ja sonst nichts lernen können, keine Geschicklichkeit uns aneignen können, wenn das nicht so wäre, dass [wir] dasjenige, was wir zuerst mit Mühe tun, dann gewohnheitsmäßig tun würden.
[ 41 ] Das ist nicht so bei dem geistigen Erlebnis. Geistige Erlebnisse treten auf, wenn sie wiederholt gesucht werden. Dann ist es so, dass sie immer schwächer und schwächer auftreten, dass man sie immer weniger und weniger vor die Seele rufen kann. Man erlangt nicht eine Gewohnheit ohne Weiteres dadurch, dass man ein Erlebnis wiederholt, sondern indem man es wiederholt, wird man immer weniger geeignet, es zu erlangen. Davon müssen sich manche, die da suchen den Weg in die geistige Welt, zu ihrer Überraschung überzeugen.
[ 42 ] Dadurch, dass man solche Übungen macht, gelangen manche Menschen verhältnismäßig bald dazu, gewisse Erlebnisse, die rein geistig sind, zu haben. Sie treten auf, nachdem der Mensch nur kurz solche Übungen gemacht hat. Aber nachdem sie kaum zwei- oder dreimal, vielleicht auch nur einmal aufgetreten sind, verliert der Mensch die Fähigkeit, sie wieder zu schauen. Er ist dann unglücklich. Der wahre Geistesforscher muss lernen, muss wiederum durch sorgfältige Übungen lernen, neue Bedingungen herzustellen, damit er das Erlebnis wieder in erneuter Gestalt haben kann. Durch bloßes Hervorrufen in der alten Weise kann es nicht erreicht werden. Dadurch unterscheidet sich wiederum das schauende Bewusstsein von dem gewöhnlichen Erleben des gewöhnlichen Bewusstseins, dass nichts gewohnheitsmäßig erzeugt wird, sondern im Gegenteil, dass wir immer ungewohnter werden, das Erlebnis zu haben, je öfter wir es haben.
[ 43 ] Und ein Drittes, das bei diesem schauenden Bewusstsein auftritt, das ist das, dass der Mensch sich aneignen muss die Fähigkeit, ein Ereignis — ich spreche natürlich von geistigen Ereignissen — schnell aufzufassen. Denn das, was verhindert, dass man in die geistige Welt hineinschaut, ist das, dass man eigentlich meistens, wenn man beobachtet, mit der Beobachtung selbst so langsam bei der Hand ist, dass das Ereignis schon vorüber ist, wenn man es beobachten will. Ich möchte sagen, die Expositionszeit, die Zeit, während welcher das Ereignis vor uns auftritt, ist eine so kurze, dass man das haben muss, um zu beobachten, was man Geistesgegenwart nennen kann. Man bereitet sich daher gut vor, wenn man schon im physischen Leben danach trachtet, Geistesgegenwart zu entwickeln, wenn man versucht, das, was der Menschennatur so eigen ist, zu überwinden: dass man herumwurstelt, bis man sich zu etwas entschließen kann.
[ 44 ] Wenn man die Eigenschaft heranbildet, wenn man einer Sache gegenübertritt, rasch einen Entschluss zu fassen, der der Sache angemessen ist; kurz, Geistesgegenwart zu entwickeln, wenn man das allmählich zu einer inneren Eigenschaft ausbildet, dann führt das dazu, dass man wirklich auch in der Seele jene Geistesgegenwart entwickeln kann, welche notwendig ist, um der geistigen Welt in ihren Erscheinungen wirklich gegenüberzutreten. Der Geistesforscher hat durchaus nötig, mit derselben Blitzesschnelligkeit eine Beobachtung machen zu können, wie gewisse für das äußere Leben untergeordnete Erscheinungen auftreten. Wenn sich Ihnen eine Fliege aufs Auge setzen will, so schließen Sie schnell — wie man sagt, durch Reflexbewegung — das Auge, ohne dass Sie erst überlegen. Wenn jemand so lange überlegen müsste, um das Auge zu schließen, wie er sonst überlegt, so würde er schon der Fliege zum Opfer gefallen sein, bevor das Auge geschlossen ist. Der Geistesforscher muss etwas ausbilden, was dieser unwillkürlich, gewissermaßen unbewusst verlaufenden Betätigung möglichst nahekommt. Man kehrt zurück zu gewissen primitiven Betätigungen des Lebens, nur in einer geistigen Weise.
[ 45 ] Eine weitere Eigentümlichkeit dieses geistigen Erfassens ist die, dass in solchen Vorstellungen, wie man sie gewöhnt ist, in der physischen Welt anzuwenden, die geistige Welt zunächst vor der forschenden Seele nicht auftreten kann, sondern sie tritt auf in bildhaften Vorstellungen. Und wenn man beschreibt die geistige Welt, so ist das, wodurch man sie ausdrückt, ein Umsetzen in die gewöhnliche Sprache. Wenn Sie mein Buch «Die Geheimwissenschaft» lesen, so müssen Sie nicht glauben, dass die Art und Weise, wie die Dinge ausgesprochen sind, unmittelbar eine Wiedergabe ist des Schauens selber, sondern es ist umgesetzt in die gewöhnliche Sprache und muss umgesetzt werden in die gewöhnliche Sprache. Denn dasjenige, was unmittelbar dem Geistesforscher sich darbietet, ist zwar dasselbe, was er in Worte, in Begriffe, in Vorstellungen fasst, aber es tritt in bildhafter Weise auf. Daher kann man auch sagen: Das Bewusstsein ist nicht das gewöhnliche logische, das rationelle, sondern es ist ein imaginatives, das da zunächst auftritt. — Viele Eigenschaften des schauenden Bewusstseins könnte ich noch hervorholen. Vor allen Dingen aber muss ich die anderen Erscheinungen, die ich in Gruppen angeführt habe, gerade vom Standpunkt dieses schauenden Bewusstseins aus besprechen.
[ 46 ] Man kann dahinterkommen, was Traum ist, was Somnambulismus ist, was die anderen Erscheinungen sind, man kann dahinterkommen von dem Momente ab, wenn man sie vom Gesichtspunkte des schauenden Bewusstseins aus betrachtet. Denn gerade wenn man in intimem Schauen den Traum betrachtet, dann wird man finden, dass er einem immer wunderbarer wird. Vor allen Dingen aus dem Grunde immer wunderbarer wird, weil man ja nicht in der Lage ist, dasjenige, was einem im Traum entgegentritt, mit irgendwelchen anderen Erlebnissen zu vergleichen. Der Traum stellt sich hinein in das Bewusstseinsleben als irgendetwas, was ganz aus diesem Bewusstseinsleben und alledem, was man verstehen kann gegenüber dem Bewusstseinsleben, herausfällt. Man denke nur, dass so was auftritt beim wachen Bewusstsein, wie der Traum ist! Es würde das ganze Bewusstsein durchbrechen. Man würde, wenn man sich an den Traum erinnern müsste, man würde sich wahnsinnig vorkommen müssen. Man kann den Traum mit nichts vergleichen, wovon das wache Bewusstsein etwas versteht.
[ 47 ] Das schauende Bewusstsein kennt vor allen Dingen das bildhafte Erleben des Menschen. Und daher kann das schauende Bewusstsein den Traum vergleichen mit dem, was in der Seele auftritt, wenn man durch das schauende Bewusstsein als Geist der geistigen Welt gegenübertritt. Man kann vergleichen die bildhafte Natur der Traumeswelt mit der Welt, die man im imaginativen Bewusstsein erfassen kann. Dann wird man finden, dass die Traumwelt zwar zunächst phantastisch ist, dass das imaginative Bewusstsein einen in die geistige Wirklichkeit hineinführt, dass sie sich also unterscheidet wie Dichtung von der Wahrheit, von der imaginativen Welt, dass man aber auf der anderen Seite doch eine Vergleichungsmöglichkeit hat. Weil man dies hat, so kommt man durch die Beobachtung des 'Traumes darauf, was eigentlich dieser Traum ist.
[ 48 ] Man kann nicht, sehr verehrte Anwesende, irgendetwas aussagen über den Traum forscherisch, wenn man dem Traume nicht beobachtend mit dem schauenden Bewusstsein gegenüberstehen kann. Steht man dem Traume aber mit dem schauenden Bewusstsein gegenüber, dann weiß man seine Natur und seine Wesenheit eben durch das schauende Bewusstsein anzugeben. Dann weiß man vor allen Dingen über den Traum zu sagen, wer in Wirklichkeit der Träumer ist, wer eigentlich träumt. Das weiß man im gewöhnlichen Wachbewusstsein nicht, wer eigentlich träumt, dann hat man Bilder vor sich. Aber in diesen Bildern so leben, wie man sonst als Mensch in den Erfahrungen des Tages lebt — das weiß man im gewöhnlichen Wachbewusstsein nicht. Man lernt es wissen, wenn man vergleichen kann die Bilder der Traumeswelt mit demjenigen, was man im schauenden Bewusstsein erlebt. Dann erfährt man, dass dasjenige, was eigentlich träumt in uns, wirklich die geisterfüllte menschliche Seele ist; dass der Leib als solcher mit dem Traumvorgang in subjektiver Beziehung, in Bezug auf die Betätigung nichts zu tun hat; dass derjenige, der träumt, nicht der menschliche Leib ist, sondern der Träumer selbst ist wirklich das Geistig-Seelische des Menschen.
[ 49 ] Lernt man erkennen durch das schauende Bewusstsein, was das Geistig-Seelische ist, so kann man auch wissen durch Vergleichung, dass man im Traume sich betätigt als derselbe, als der man sich betätigt im schauenden Bewusstsein. Hier ist wieder ein wichtiger Unterschied. Mit dem schauenden Bewusstsein sieht man in eine geistige Welt hinein, die nichts zu tun hat mit der gewöhnlichen physischen Welt. Mit dem schauenden Bewusstsein sieht man mit dem Ewigen, das in einem selber ist, in das Ewige der Welt hinein.
[ 50 ] Das Ewige schaut das Ewige. Das ist im Traume anders. Beim Traume ist es derselbe geistig-seelische Mensch, der da träumt. Das aber, was er anschaut, was er anschauen kann, ist nicht die geistige Welt, die jenseits der physischen Erlebnisse liegt, sondern es sind Stücke, Teile, Glieder seines eigenen, persönlichen Lebenslaufes. Es schaut als das Ewige in ihm hinunter auf das Zeitliche in ihm. Er schaut als seinen Gegenstand dasjenige an, was er zwischen Geburt und Tod in irgendeiner Weise innerlich erleben kann. Aber er schaut es nicht so an, wie er sonst gewohnt ist, mit seinem Leibe die Außenwelt anzuschauen, sondern gewissermaßen schaut er vom geistig-seelischen Standpunkte aus auf seine vergängliche Menschennatur.
[ 51 ] Das ist das Wesentliche des Traumes, das ist auch das Aufklärende des Traumes. Man schaut im Traume als der ewige Mensch. Und es ist wirklich so, dass in der Traumeswelt der ewige Mensch, der durch Geburten und Tode geht, sich in die gewöhnliche menschliche Wirklichkeit hineinstellt, dass aber der Mensch nur nicht gewahr wird die ewige Welt selber, sondern dass er zurückschaut auf seine zeitliche Welt; vom ewigen Gesichtspunkte die zeitlichen Gegenstände anschaut. Die Traumeswelt, richtig betrachtet, gibt gerade die Gewissheit, dass der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen mit seiner eigentlichen Wesenheit außerhalb seines physischen Leibes ist, außerhalb seiner Leiblichkeit überhaupt ist. Nur dasjenige, was im Leibe vorgeht, was mit den gewöhnlichen Sinnen in der gewöhnlichen Leibesverfassung überhaupt nicht gesehen werden kann, dasjenige, was tiefer liegt, was im Gedächtnis verborgen ist, was sich ausprägt nicht in den Sinnesreizen, sondern in die sinnlich-übersinnliche Individualität, die sich mehr hineingezogen hat in das Leibliche, das ist das, was der Mensch im Traume beobachtet.
[ 52 ] Nun weiß der Geistesforscher, indem er einfach in der Lage ist, in die geistige Welt hineinzublicken, aus dem Verweilen in der geistigen Welt, aus der Erkenntnis der geistigen Welt weiß der Geistesforscher, dass es vollständig falsch ist, wenn man sagt etwa: Der Mensch ist ein geistig-seelisches Wesen, und das irdische Leben ist das Leben in einem Jammertal, das Leben in einem Gefangensein vielleicht, zu dem man verurteilt ist, während man zu einem höheren geistigen Leben in Wahrheit berufen ist. Gewiss ist man das, aber in dem Weltenprozess steht jegliches an seinem Platz, und gerade der Geistesforscher lernt erkennen, indem er das übersinnliche Leben kennenlernt, dass das sinnliche Leben seine gute Bedeutung hat. Würde der Mensch nur in der geistig-seelischen Welt leben, würde er als Mensch — bei anderen Wesen ist es nicht so wie bei Menschen —, würde der Mensch nicht durch die Geburt oder die Empfängnis in die Sinneswelt hineingeführt werden, dann würde der Mensch seinem Wesen dasjenige nicht einverleiben können, was er als Mensch nur in der sinnlichen Welt diesem Wesen einverleiben kann.
[ 53 ] Das sind vor allen Dingen zwei Dinge: Erstens, so sonderbar es klingt, so sonderbar es allen möglichen philosophischen Weltanschauungen widerspricht — diese philosophischen Weltanschauungen wissen nichts über diese geistige Welt —, logisches Denken, die Fähigkeit, seine Gedanken in logischer, bewusster Weise zu verknüpfen, erlangt der Mensch nur dadurch, dass er zu seinen Sinnen in die Lehre geht. Das logische Denken ist in diesem Sinne das wenigst Geistige. Es ist dasjenige, was wir abstrahieren aus der Sinneswelt. Die Sinne sind die Lehrer unseres logischen Denkens, und würden wir nicht in einer Sinnenwelt sein, so würden wir nicht lernen können das logische Denken. Das ist das eine.
[ 54 ] Das andere ist, dass wir dadurch, dass wir uns in der Sinneswelt betätigen, Handlungen ausführen und mit unserm Menschenwesen bei diesen Handlungen dabei sind, dass wir uns durch das Leben in der Sinneswelt aneignen dasjenige, was dem Gebiete des Moralischen angehört, dem Gebiete der moralischen Beurteilung der Welt. Der Mensch muss in die Sinneswelt versetzt werden, wenn er seinem Wesen einpflanzen will, was moralische Auffassung des Lebens ist. Anderes, das zum Menschenwesen gehört, verleibt sich der Mensch oder verseelt sich der Mensch ein — wenn ich den Ausdruck prägen darf — in der geistig-seelischen Welt, wenn er durch die Pforte des Todes geht, in der geistigen Welt. Dieses Leben aber in der physischen Welt hat seine gute Bedeutung. Der Mensch, wenn er als Geistesforscher in der physischen Welt steht, lernt gerade das große Gewicht der physischen Welt kennen; er lernt kennen, dass ihn sozusagen die weise Weltenordnung in diese Welt versetzt hat, damit er zu den anderen Eigenschaften seines Wesens sich das Logische und das Moralische aneignen könne.
[ 55 ] Indem der Geistesforscher das Wesen des Traumes erkennt, indem er weiß, dass es dieselbe Wesenheit ist, die träumt und die er ist, indem er in die geistige Welt hineinschaut, lernt er auch erkennen jene Eigenschaften des Traumes, die ich aufgezählt habe; dass wir im Traume nicht logisch denken und dass wir im Traume allerlei ausführen, was wir selber moralisch verurteilen. Weil wir herausgehoben sind im Traume aus der physisch-sinnlichen Welt, in der wir das Logische und das Moralische uns aneignen, deshalb können wir im Traume nicht Logik, deshalb können wir nicht Moral entwickeln.
[ 56 ] So enthüllen sich Dinge, die Rätsel werden müssen, wenn wir nur die Erscheinungen betrachten, wenn wir nicht imstande sind, diese Erscheinungen zu beobachten vom Gesichtspunkte der Geistesforschung aus, wenn wir den richtigen Einblick in sie gewinnen. Rein naturwissenschaftlich, indem man allerlei unter der Hirnrinde liegende Partien des Gehirns nummeriert, lernt man das Wesen dieser Dinge nicht kennen. Jetzt wird auch eins begreiflich: Weil im Traume nur ergriffen wird das Seelische, weil der Mensch entrückt ist dem Leibe, hat er im Traume keine Beziehungen zu der äußeren Sinneswelt, wie zu den Handlungen des Leibes. Wäre der Leib beteiligt so müsste sich das zeigen.
[ 57 ] Aber man darf nicht Hypothesen aufstellen. Man muss sozusagen als Rätsel empfinden, warum der Mensch der Außenwelt gegenüber keine Sinneswahrnehmungen hat und warum er keine Bewegungen hat im Traume. Man erfährt dann durch das schauende Bewusstsein, dass der Mensch als Träumender wirklich in der geistigen Welt ist, das heißt: der Sinneswelt, auch dem eignen sinnlichen Leibe entrückt ist, dass er im Geistigen, im Übersinnlichen steht. Daher kann er nicht eine Sinneswelt wahrnehmen, kann auch nicht Handlungen darin ausführen. So steht der Mensch vollständig im Seelischen drinnen, wenn er träumt, und berührt mit den Traumesereignissen sein Physisches als solches nicht. Nur dadurch, dass er, ich möchte sagen, an dieses Physische und auch an dasjenige, was im physischen Leibe höher ist als das Physische, heranstößt, dadurch bietet sich ihm ein Widerstand, dadurch wird seine Betätigung als geistig-seelisches Wesen aufgerufen, und dadurch beobachtet er von dem Gesichtspunkte des Ewigen aus das, was zeitlich in ihm ist.
[ 58 ] Ganz anders wird die Sache bei Somnambulen. Geistesforschung muss natürlich auch fragen: Was betätigt sich denn im somnambulen Menschen? Was geschieht mit diesem Menschen? So muss der Geistesforscher auch fragen: Wer ist es, der die Handlungen des Somnambulen eigentlich ausführt? Da muss man sagen: Wenn man erkennen lernt, was es in uns ist, wenn man die geistige Welt erforscht, so kann man das vergleichen mit demjenigen, was wirkt auf die somnambule Persönlichkeit, die das gewöhnliche Bewusstsein herabgestimmt hat. Da muss man sagen: In gewissem Sinne ist es auch das Geistige, das sich im somnambulen Wesen betätigt. Aber dieses Geistige greift unmittelbar nicht in die Seele ein, wie es beim Traume der Fall ist, sondern greift gerade so, wie es bei der Halluzination der Fall ist, wie es bei der Vision der Fall ist, unmittelbar in den Leib ein.
[ 59 ] Nun besteht das wirkliche volle Menschenleben darin, dass der Geist beim Menschen, auch der eigene Geist nicht eingreift in das Leibliche, ohne dass dieses Eingreifen durch das Seelische, dasjenige, was ich gestern das wahre Seelische genannt habe, vermittelt wird. Das ist das Eigentümliche beim Somnambulismus, dass ein geistiges Wesen unmittelbar eingreift in das Leibliche. Die Seele wird ausgeschaltet. Der Somnambule wird dadurch zu einem leiblich-seelischen Automaten, und als ein solcher tritt er auf. Dadurch hat er dasjenige in sich ausgeschaltet, was zwar an den Leib gebunden ist zwischen Geburt und Tod, was aber mit den Kräften, die es aus dem Leibe herauszieht — die Vermittlung mit der wahren geistigen Welt, aus der der Mensch stammt, in der er wurzelt mit dem eigenen ewigen Wesen, diese Verbindung hat der Mensch unterbrochen, wenn er somnambul wird, und er hat nur eine geistige Verbindung mit dem, was als Geistiges vorhanden ist in der gewöhnlichen physischen Welt; diese ist ja auch vom Geiste gelenkt. Der Mensch ist zwar ein geistig-seelischer, aber doch ein Automat. Das Geistige, das in ihm zum Vorschein kommen kann, ist ein beschränktes Geistiges, ist vor allen Dingen nicht das Geistige, in dem der Mensch seinem eigenen Wesen nach wurzelt. Es bleibt das eigene ewige Wesen, trotzdem es sich betätigt an dem somnambulen Leib, völlig im Dämmerdunkel des Unbewussten, auch wenn der Somnambule sich betätigt. Die Folge davon ist, sehr verehrte Anwesende, dass der Somnambule nicht in ein seelisches Verhältnis treten kann zu einer geistigen Welt.
[ 60 ] Der wahre Vermittler für den menschlichen Leib in die geistige Welt ist die Seele. Weil aber die wahre Seele ausgeschaltet ist und nur die seelische Wirkung des Leibes auftritt in dem geistig-seelischen Automaten, kommt der Mensch nur mit einer beschränkten geistigen Welt als Persönlichkeit in Berührung. Die Folge davon ist, dass das, was der Somnambule darlebt durch diese oder jene Offenbarung, durch automatisches Sprechen, automatisches Schreiben oder dergleichen, nur Fragmente, Brocken aus dem sind, was geistig in der physischen Welt selbst herumschwirrend ist, was da geistig wirkend ist, dass aber der Somnambule aus der wirklichen geistigen Welt keinerlei Offenbarungen herunterbringen kann. Alles, was von Somnambulen im weitesten Sinne kommt, auch was von Medien kommt, kann niemals aus der wirklichen geistigen Welt stammen, in der der Mensch sich befindet, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, oder aus der er heraustritt, wenn er durch die Pforte der Geburt oder der Empfängnis in das physische Leben eintritt.
[ 61 ] Solange man das nicht durchschaut, kann man der größte Naturforscher sein, kann man gewissenhafter Wissenschafter sein, kann man die größte Sehnsucht nach dem Ewigen, nach dem Übersinnlichen haben, man wird betrogen werden können durch die Tatsachen selbst. Charakteristisch ist ja, wie der große Naturforscher Sir Oliver Lodge betrogen worden ist durch die Tatsachen selbst. Er hatte es mit einem Medium zu tun. Er wollte durch das Medium Kundgebungen aus der geistigen Welt erlangen. Was hat er erlangt? Er hat ein Kreuzexperiment erlangt. Großes Aufsehen hat das in ganz England gemacht, gerade in dieser Kriegszeit, wo so viele aus äußeren Ereignissen heraus Sehnsucht haben nach Erkenntnis der geistigen Welt, in dieser Kriegszeit, wo so viele unserer Teuren dahingehen. Was konnte verführerischer sein, als dass durch das Medium eine Kundgebung kommt, welche etwas gibt, was ganz unbekannt ist der ganzen Gesellschaft, wo es sich also nicht um Gedankenübertragung handeln konnte, die man ja sonst auch annehmen könnte?
[ 62 ] Um was hat es sich denn da gehandelt? Nun, jeder, der die einschlägige Welt des Somnambulismus kennt, der weiß, um was es sich gehandelt hat. Und es ist nur wunderbar, dass sich ein gewissenhafter Naturforscher einlässt auf diese Dinge und nicht selbst versucht, das kennenzulernen, was man auf diesem Gebiete kennen kann. Derjenige, der die Dinge kennt, weiß ganz gut, dass durch die Ansteckung, die ich geschildert habe, wenn unmittelbar der Geist so auf das Leibliche wirkt, dass er den Menschen zu einem geistig-seelischen Automaten macht, dass der Mensch wirkt unter dem Einfluss der Welt rings herum, wie die Uhr nach geistigen Gesetzen wirkt, die ihr der Uhrmacher eingepflanzt hat, jeder weiß, dass da die Sinne angesteckt werden, dass man da Dinge wahrnehmen kann, die die äußeren Sinne nicht wahrnehmen; dass man Dinge so wahrnehmen kann, dass diese Wahrnehmungen nicht an die gewöhnlichen Gesetze der räumlichen und zeitlichen Wahrnehmungen gebunden sind, jeder weiß, dass, ohne dass man in eine geistige Welt hineinblickt, man dennoch in gewissem Grade sehen kann, wenn die Sinne angesteckt sind von dem geistig-seelischen Automaten — dass man sehen kann dasjenige, was nicht gegenwärtig, sondern zukünftig ist.
[ 63 ] Man sieht nicht in eine geistige Welt hinein, sondern man sieht einfach nach anderen Gesetzen durch verfeinerte Sinne, als diejenigen sind, nach denen das gewöhnliche Sinnesleben verläuft. Und das Medium hat in dem Falle von Sir Oliver Lodge genau in derselben Weise gehandelt wie in einem anderen Falle ein Somnambuler, der gesehen, hat wie er in drei Wochen einmal reiten wird und vom Pferde fallen wird; der also gegen die gewöhnlichen Gesetze der zeitlichen Aufeinanderfolge ein zukünftiges Ereignis gesehen hat, aber nichts als das.
[ 64 ] So hat das Medium in dem Falle von Sir Oliver Lodge nichts anderes gesehen als dasjenige, was sich als Zukunft zugetragen hat, nämlich, dass vor die Augen der Gesellschaft, der Familie die Fotografie getreten ist, die später ankam und damals noch nicht da war. Und man hat nicht in einem solchen Falle irgendeinen Beweis geliefert, dass durch das Medium eine Kundgebung aus der Welt gekommen wäre, in welcher die Seele des Sohnes war. Gewiss, es ist insbesondere im naturwissenschaftlichen Sinne außerordentlich nützlich, dass man auch solche absonderlichen Erscheinungen kennenlernt, und es wäre gut, gerade um sich über das wirklich Geistige aufzuklären, wenn man diese Erscheinungen gut durchforschen würde.
[ 65 ] Aber man muss sich auch klar sein: Nicht dadurch, dass man die Seele unbetätigt lässt und den Menschen zu einem leiblich-seelischen Automaten macht, gibt sich das Übersinnliche kund, sondern es spricht herein in die Menschenseele, die in sich selber die schlummernden Kräfte erweckt hat, durch die man eben in Zusammenhang mit der geistigen Welt kommen kann. Einen anderen Weg von den sogenannten Lebenden zu den sogenannten Toten, die durch die Pforte des Todes gegangen sind und in der Zeit leben, die man zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verbringt, einen anderen Weg gibt es nicht als den der Korrespondenz zwischen dem Innern der Seele selbst, im schweigsamen Innern, das aber innerlich redend wird, und der Seele, die keinen Leib mehr trägt. In die Seele selbst herein kann dasjenige, was aus der konkreten geistigen Welt kommt, schon sprechen, aber nicht auf dem Umwege durch irgendeinen leiblich-seelischen Automaten. Das, sehr verehrte Anwesende, muss in Bezug auf Somnambulismus und Mediumismus hervorgehoben werden, weil gerade durch das Erkennen dieses reine, wahre Geistige in das rechte Licht gesetzt wird.
[ 66 ] Und auf der anderen Seite: Somnambulismus führt auch aus Handlungen. Er führt sie aus aus seinem geistig-seelischen Automaten heraus. Dasjenige, wozu Logik gebraucht werden sollte, was durch den Leib geschehen sollte, in dem die Seele wohnt, das pflegt der Leib des Somnambulen eben auf automatische Weise. Wenn er sich betätigt, der somnambule Mensch, was geschieht denn dann? Dann führt er Handlungen aus, sei es Sprechen, sei es etwas anderes. Er führt Handlungen aus, die regelmäRigerweise nach den Gesetzen des Weltendaseins nur ausgeführt werden sollten durch den in der Sinneswelt befindlichen Menschenleib. Denn wir haben gesehen, dass uns Geistesforschung zeigt, dass der Mensch sein sinnliches Dasein nicht wegen nichts hat. Da eignet er sich das moralische Gewissen, das moralische Urteil an. Dasjenige, was durch den sinnlichen Leib vermittelt werden sollte, das wird mit Ausschluss der Seele verwirklicht.
[ 67 ] Damit ist der Somnambule in derselben Lage, in der einer ist, dem übergeben wird Stoff, den er unter Menschenmassen verteilen sollte; er verteilt diesen Stoff nicht, sondern er behält ihn für sich zum Schmuck seines eigenen Daseins. So handelt der Somnambule. Dasjenige, was sich nur vollziehen sollte in sozialer Umgebung mit anderen Menschen, von Menschenleib zu Menschenleib, was der Mensch nur im menschlichen Gemeinwesen entwickeln sollte, die Betätigung hier in der physischen Welt, das nimmt für sich in Anspruch als eine nur vom eigenen Wesen ausgehende Betätigung der Somnambule. Er entzieht gewissermaßen dasjenige, was der Gemeinsamkeit der Menschen gehört, dieser Gemeinsamkeit.
[ 68 ] So sonderbar das klingt, das ist dasjenige, welches auch die Veranlassung ist — weil der Somnambule auf einem Gebiet, wo Moral zu gelten hat, aus dem Geiste heraus automatisch sich betätigt und nicht das Gebiet betritt, wo der Mensch die Moral sich aneignen sollte —, dass der Somnambule, wenn er gewohnheitsmäßig sich dem Somnambulismus hingibt, sehr leicht auf moralische Abwege kommen kann und dass es im Grunde genommen recht selten ist, dass Medien nicht auf den Abweg des Betruges kommen. Es ist sehr interessant, sich zu beschäftigen mit den Erscheinungen, die herrühren davon, dass der Mensch ein seelisch-leiblicher Automat wird, aber es muss zu gleicher Zeit klar sein, dass das Geistige nur auf geistige Weise gesucht und gefunden werden kann, dass es nicht auf diesem äußeren, der Natur ähnlichen Wege gefunden werden kann.
[ 69 ] Das dritte Gebiet, das den Menschen wie ein treuer Lebensgefährte begleitet, ist das künstlerische Schaffen, das künstlerische Empfinden, das künstlerische Genießen. Dieses künstlerische Schaffen, künstlerische Genießen — wir wissen, aus dem Unbewussten strömt es in einem gewissen Sinne heraus. Wir wissen auch, dass dieses künstlerische Empfinden, das künstlerische Genießen und Schaffen durchaus aus der Seele stammt. Man weiß auch, dass einsichtige Menschen schon nach dem Vorgang des großen Philosophen Plato die dichterische Kraft des Menschen, das dichterische Genießen, überhaupt den ganzen künstlerischen Prozess dem Traum verwandt gehalten haben — und mit Recht. Warum? Aus dem Grunde, weil der Traum bildhaft ist, weil der Traum stammt aus dem Geistig-Seelischen.
[ 70 ] Nun ist aber der Träumer gerichtet, wie ich sagte, mit seinem ganzen Wesen, trotzdem er im Ewigen drinnen steht, auf das Zeitliche, auf seine persönlichen zeitlichen Erlebnisse und Erlebensmöglichkeiten. Ich möchte sagen, der Künstler, der wahre Künstler wendet sich mit seinem Seelischen nach der anderen Seite. Der Träumer steht im Geistig-Seelischen, ist aber der Leibesseite zugewendet; der Künstler steht im Leiblichen, sieht aber in die geistige Welt hinein. Aber dasjenige, was er nun erlebt in der geistigen Welt, kommt ihm nicht unmittelbar zum Bewusstsein. Hineinschauen kann er nicht so in die geistige Welt, dass er den Vorgang sieht, der sich abspielt in seiner geistigen Umgebung, während sein Geistig-Seelisches dieser geistigen Umgebung gegenübersteht. Der Vorgang muss schon vorüber sein, dann tritt in das gewöhnliche wache Tagesbewusstsein das Ergebnis des geistigen Erlebens herein.
[ 71 ] Daher macht dasjenige, was der wahre Künstler darbietet, sogar das künstlerische Genießen, das auf ähnlichen Grundlagen beruht, mit Recht den Eindruck des Unbewussten. Unbewusst wird es erlebt; aus dem Unbewussten, nachdem es geschehen ist, tritt es herein in das, was der Mensch wissen kann, was der Mensch erleben kann. Daher erscheinen demjenigen, der eine Empfindung für solche Dinge hat, die Kundgebungen der wahren Kunst allerdings wie Kundgebungen aus der geistigen Welt. Daher erscheinen ihm auch mit Recht Schaffensarten der Künstler beeinträchtigt, wenn der Künstler das gewöhnliche Vorstellen, die gewöhnliche bewusste Logik, das gewöhnliche Beobachten der physischen Welt hereinmischt in dasjenige, was eigentlich Botschaft aus einer geistigen Welt sein soll. Damit, dass wahres Künstlertum solchen Ursprung hat, hängt alles das zusammen, was man als ein gültiges Urteil haben kann über wirkliche, echte Kunst.
[ 72 ] Dass eine materialistische Zeit durch den sogenannten künstlerischen Naturalismus auf Abwege gekommen ist und wohl alles andere heute eher als Botschaften aus der geistigen Welt bringen will, das wird im Urteil erst dann zurechtgerückt werden, wenn man durch Geisteswissenschaft anerkennen wird, was wahre Künstlerschaft ist. Wahre Künstlerschaft ist also das Hereintreten eines Geisterlebnisses in das Bewusstsein, das aber als Geisterlebnis selbst im Unbewussten erlebt wird. Wahres Künstlertum ist im wahren Sinne des Wortes eine Offenbarung des Unbewussten. Jedes Mal, wenn sich das gewöhnliche bewusste Leben in das künstlerische Schaffen hereindrängt, wird die Kunst in einer gewissen Weise zerstört. Daher vergleicht Goethe, der in dieser Richtung ein wahrer Künstler war, sein Schaffen so oftmals mit einem Träumen, weil er in das gewöhnliche Bewusstsein das nicht hereinbringen konnte, was er in seinem Unbewussten schon erlebt hatte, als er es eben in seinem gewöhnlichen Bewusstsein hatte, das Erleben selber der geistigen Welt.
[ 73 ] Wenn Sie überblicken, was wir so betrachtet haben, so werden Sie sich sagen: Wahre Hellsichtigkeit, wahres Hineinschauen in die geistige Welt, was ich mir zu nennen erlaubte «das schauende Bewusstsein», blickt auf dasjenige hin, in dem der Mensch mit seinem eigenen Ewigen dem Ewigen, mit seinem Geistig-Seelischen dem äußeren Geistig-Seelischen gegenübersteht. Und der Geistesforscher bringt nicht irgendetwas anderes aus dem großen Bereich des Unbewussten in die bewusste Welt herein, als was in jedem Menschen lebt. In jedem Menschen, der auf der Erde nur herumwandelt, geht im Gebiet des Unbewussten das vor sich, was der Geistesforscher nur mit dem Lichte der Geistesschau zu erleuchten versucht. Während der Künstler noch verhältnismäßig ein individuelles Erlebnis, nachdem er es in der geistigen Welt erlebt hat, in das Bewusstsein hineinträgt, das nicht jeder erleben kann, bringt derjenige, der ein Geistesforscher ist, aus der geistigen Welt das herein, was eigentlich jede Seele in Wahrheit erlebt, es aber nur im Unbewussten lässt.
[ 74 ] Daher ist wahrhaftige Geistesschau eine wahrhaftige Offenbarung eines Unbewussten, das in jeder Menschenseele wirklich lebt, wirklich sich betätigt. Immer wieder und wiederum muss gesagt werden, was ich auch hier schon in früheren Jahren gesagt habe: Darauf kommt es an, dass man nicht glaubt, nur ein allgemein verschwommenes Geistiges erblicke die Geistesschau, wenn sie durch geistige Augen und geistige Ohren in die geistige Welt hineinschaut und hineinhört, wie man durch physische Augen und physische Ohren in die physische Welt hineinschaut und hineinhört, sondern eine konkrete geistige Welt erblickt die Geistesschau.
[ 75 ] Wenn man das sagt, stößt man auf Vorurteile. In der physischen Welt unterscheiden wir vier Reiche, und niemand wird es einfallen in der physischen Welt, zu sagen: Ach was, Quarz, Amethyst und so weiter, alles ist Natur! Dem Geiste gegenüber aber finden die Menschen es bequemer, in verschwommener Weise von Pantheismus zu sprechen, pantheistisch den allgemeinen Geist anzuschauen, so, wie wenn man nicht einzelne Mineralien und Pflanzen und Tiere anschauen würde und nur immer sagen würde: Natur, Natur, Natur. Wirkliche geistige Forschung sieht hinein in die Reiche des Geistig-Seelischen, geistige Forschung schaut hin auf jene Wesenheiten, die ebenso wie wir hier als Menschen in Leib, Seele und Geist gegliedert sind, die nicht in die leiblichen Körper heruntersteigen, sondern geistig-seelisch bleiben, aber übergeordneten Reichen angehören, wie angehören Tiere, Pflanzen, Mineralien untergeordneten sinnlich-physischen Reichen.
[ 76 ] Bekannt werden kann man, sehr verehrte Anwesende, durch wirkliche Geistesschau mit denjenigen Wesenheiten, die zunächst, ebenso, wie uns die tierische Natur hier vermittelt, dass wir leiblich leben können in der physischen Welt, die uns vermitteln diejenige Natur, die wir uns aneignen können, wenn wir durch die Pforte des Todes eintreten in eine geistige Welt. So, wie wir uns hier aneignen müssen die tierische Natur, so müssen wir uns dort aneignen eine wesenhafte geistige Natur, und ebenso, wie als untergeordnete Wesen uns hier die tierischen Wesen umgeben, so leben in der geistigen Welt solche Wesenheiten, die so über den Menschen stehen, wie die Tiere unter den Menschen stehen. Wie wir durch die Geburt betreten die Welt der Tiere, Pflanzen, Mineralien, so betreten wir in der geistigen Welt das Gebiet derjenigen Wesen, mit denen wir verwandt sind, wenn wir durch die Pforte des Todes treten.
[ 77 ] Wir betreten das Gebiet jener Wesenheiten des Reiches, dem wir angehören dadurch, dass wir eine vegetative Natur in uns haben; aber auch die mineralische Natur haben wir in uns. Wir betreten die Reiche konkreter geistiger Wesenheiten. Und während wir hier zwischen Geburt und Tod mit den uns umgebenden Wesenheiten zusammen sind des Tierreiches, des Pflanzenreiches, des Mineralreiches, sind wir dort zusammen mit den Wesenheiten, mit denen wir verwandt sind, und erleben mit ihnen das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in jener Welt, durch die das, was das ewige Ich ist, so durchgeht, wie es hier durch die physische Welt durchgeht.
[ 78 ] Dann aber, wenn wir so kennenlernen dasjenige, was konkrete wirkliche geistige Welt ist — ich scheue mich nicht, es zu sagen, denn ich möchte Ihnen wirkliche Ergebnisse der Geistesforschung angeben und nicht nur so herumreden —, dann wird uns auch die äußere Natur ebenso als der äußere Leib einer Geistigkeit erscheinen, wie uns der eigene Leib als Ausdruck einer Geistigkeit erscheint. Wie wir durch unsern Leib, durch seine gesetzmäßig verlaufenden Prozesse hindurchsehen in das Geistig-Seelische, das sich offenbart durch den Leib, so lernen wir sehen durch die Naturerscheinungen hindurch auf eine geistige Welt. Damit wird durch Geistesforschung die geistige Welt dem Menschen wirklich erschlossen, sein Erfahrungsgebiet erweitert. Der Mensch wird hinausgehoben über die Möglichkeit, die ihm sonst leider gesetzt ist, die äußere Welt nur als ein Materielles anzusehen, was dann zur Folge hat, dass er sich selber so betrachten muss, wie wenn er nur als Materielles aus einer materiellen Welt aufsteige.
[ 79 ] Dass durch Jahrhunderte hindurch die Menschheit sich immer mehr angenähert hat einem Zustand, durch den sie den Geist nicht sieht, das hat herbeigeführt, dass wiederum Menschen eine wahre, echte Sehnsucht nach dem Geiste, eine wahre, echte Erkenntnissehnsucht nach dem Geiste haben — die auch eine Ahnung davon haben, dass die äußere Natur nicht bloß Leib ist, sondern dass sie der Leib ist einer geistigen Welt —, dass solche Menschen nicht ihr Genüge finden konnten an dem, was sich gerade als scheinbar wahre Wissenschaft in den letzten Jahrhunderten immer mehr und mehr heraufgebildet hat.
[ 80 ] Wie hat sich denn diese Wissenschaft ausgebildet? Es ist bekannt — ich habe es schon öfter hier hervorgehoben in früheren Jahren auch —, es ist bekannt, was man die Kant-Laplace’sche Theorie nennt: Unser ganzes Erdenall soll sich herausentwickelt haben aus bloß materiellem Nebel, der sich dann zusammengeballt hat zu alledem, was uns als Menschen, was den Tieren, den Pflanzen eigen ist; aus dem Materiellen allein soll das Materielle entstanden sein. Es wäre so, als wenn wir glauben würden, dass wir [uns] als materielle Menschen aus der materiellen Umgebung entwickelt hätten, dass nicht dabei mitgearbeitet hätte ein Geistiges aus der geistigen Welt.
[ 81 ] Ebenso, wie unser Wesen aus einer geistigen Welt heruntersteigt, so steigt herunter das ganze Weltenall aus dem Geiste. Wie bildet sich so etwas wie die KantLaplace’sche Theorie aus? Man hat gerechnet, wie sich die Erdenwesen verändern durch die Zeiten hindurch. So kann man berechnen, wie sie sich vor 1000, vor 2000, vor Millionen von Jahren gestaltet haben die Wesen der Erde. Da bekommt man eine errechnete Vorstellung, eine wirklich richtig errechnete Vorstellung, wie die Erde vor Jahrmillionen gestaltet war. Das ist so, wie wenn wir aus der Veränderung des Herzens, des Magens [er]rechneten, wie diese Veränderungen, [diese Organe] vor zwei, vor sechs, vor zehn Jahren waren, und dann einen Schluss ziehen, wie diese Veränderungen ein Zustand bewirkt hat vor 200 Jahren. Das ist genau ebenso wissenschaftlich wie die Kant-Laplace’sche Theorie. Oder die sogenannten geologischen Veränderungen der Erde kann man errechnen auf diese Weise. Man kann herausbekommen, wie der menschliche Leib nach den beobachteten Veränderungen war vor 300 Jahren, nur hat der [betreffende] Mensch da noch nicht gelebt. Denselben Fehler macht man, wenn man die Kant-Laplace’sche Theorie ausbildet, wenn man geologische Hypothesen aufstellt, die heute gang und gäbe sind. Man kommt zurück zu dem Zustand, der sich errechnen lässt — nur hat die Erde dazumal noch nicht bestanden, sondern sie ging viel später aus einem geistigen Zustande in den jetzigen Zustand hinein.
[ 82 ] Geistige Wissenschaft führt uns auch in Bezug auf den Kosmos wiederum zu einer geistigen Betrachtung zurück. Und Menschen, die aus ihrer Erkenntnisempfindung heraus immer empfunden haben das Ungenügende einer bloß materialistischen Betrachtungsweise, die konnten so sprechen, wie ein hervorragender Mann des neunzehnten Jahrhunderts gesprochen hat über diese Kant-Laplace’sche Theorie. Hermann Grimm sagt über diese Theorie:
Längst hatte, in seinen — Goethes — Jugendzeiten schon, die große Laplace-Kant’sche Phantasie von der Entstehung und dem einstigen Untergange der Erdkugel Platz gegriffen. Aus dem in sich rotierenden Weltnebel — die Kinder bringen es bereits aus der Schule mit — formt sich der zentrale Gastropfen, aus dem hernach die Erde wird, und macht, als erstarrende Kugel, in unfassbaren Zeiträumen alle Phasen, die Episode der Bewohnung durch das Menschengeschlecht mit einbegriffen, durch, um endlich als ausgebrannte Schlacke in die Sonne zurückzustürzen: ein langer, aber dem heutigen Publikum völlig begreiflicher Prozess, für dessen Zustandekommen es nun weiter keines äußeren Eingreifens mehr bedürfe als die Bemühung irgendeiner außenstehenden Kraft, die Sonne in gleicher Heiztemperatur zu erhalten. — Es kann keine fruchtlosere Perspektive für die Zukunft gedacht werden als die, welche uns in dieser Erwartung als wissenschaftlich notwendig heute aufgedrängt werden soll. Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg machte, wäre ein erfrischendes, appetitliches Stück im Vergleiche zu diesem letzten Schöpfungsexkrement, als welches unsere Erde schließlich der Sonne wieder anheimfiele, und es ist die Wissbegier, mit der unsere Generation dergleichen aufnimmt und zu glauben vermeint, ein Zeichen kranker Phantasie, die als ein historisches Zeitphänomen zu erklären die Gelehrten zukünftiger Epochen einmal viel Scharfsinn aufwenden werden. Niemals hat Goethe solchen Trostlosigkeiten Einlass gewährt.
[ 83 ] So empfindet eine gesunde Seele gegenüber dem, was den Geist verleugnen muss. Wahrhaft geistige Wissenschaft wird die Menschheit nach dem, was sie gerade in der Gegenwart ersehnen muss, zurückführen: nach der Erkenntnis des Geistes. Und wie dasjenige, was als Geisteswissenschaft vorgetragen ist als Ganzes, von den auf der Höhe menschlicher Bildung stehenden Menschen geahnt worden ist, wenn auch Geisteswissenschaft heute erst entstehen kann, so sind auch die einzelnen Teile, die einzelnen Glieder, vor allem geisteswissenschaftliche Gesinnung, immer geahnt worden. Und von einem solchen Geiste wie Goethe ist auch die Stimmung der Menschenseele erkannt worden, die sich wie eine Erfüllung der [Sehnsucht] immer ankündigen muss, indem Goethe gesagt hat in seiner schönen Schrift über Winkelmann:
[ 84 ] Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.
[ 85 ] Goethe hat sich ja ahnend ausgesprochen, wie erahnend die Stimmung der Geisteswissenschaft. Denn dasjenige, was Goethe erahnt hat, es ist in jeder Menschenseele eine Wirklichkeit. Das Weltenall jauchzt im Unterbewussten auf in der Menschenseele, indem in den Tiefen der Menschenseele das Weltenall als Geistiges dem Ewig-Geistigen im Menschen selbst entgegentritt, das Weltenall als Geist dem Geiste des Menschen gegenübersteht, der dieses Weltenall als aus seinem eignen Wesen und Weben heraus geistig zu betrachten vermag. Dasjenige, was Goethe wie ein Aufjauchzen des Weltenalls an seinem Ziele in der Menschenseele als etwas Bewundernswürdiges dargestellt hat, das erkennt die Geisteswissenschaft wirklich als das größte Unbewusste in den Untergründen der menschlichen Seele. Und Geisteswissenschaft ist dazu da, um dieses mit dem Menschenwesen, mit dem Ewigen in der menschlichen Natur unmittelbar Zusammenhängende aus dem Gebiet des Unbewussten heraufzuholen in das Gebiet des Bewussten. Geisteswissenschaft will sein die Offenbarung dieses geistig unbewussten größten Geheimnisses in der Menschennatur.
