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Freedom, Immortality and Social Life
On the Relationship Between the Soul and Spirit and the Physical Aspect of the Human Being
GA 72

18 October 1917, Basel

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Freedom, Immortality and Social Life, tr. SOL
  1. Freiheit, Unsterblichkeit, Soziales Leben

1. Die Menschenseele im Reiche des Übersinnlichen und ihr Verhältnis zum Leib

1. The Human Soul in the Realm of the Supernatural and Its Relationship to the Body

[ 1 ] Sie werden immer wieder und wieder hören, wenn von Anthroposophie die Rede ist — in dem Sinne, wie sie hier auch wiederum in diesem Vortrag als Erkenntnis des geistigen Lebens des Menschen gemeint ist —, daß sie entspringe aus den träumerischen, den phantastischen Einfällen einzelner Persönlichkeiten. So wenigstens urteilen viele Menschen, welche sich für kompetent zu einem solchen Urteile halten. Nun muß man aber allerdings von vornherein sagen, daß sich diese anthroposophische Geisteserkenntnis erstrecken will über ein Forschungsfeld, das die tiefsten, die bedeutungsvollsten Interessen des menschlichen inneren Lebens überhaupt enthält. Daher sind allerdings auch zu allen Zeiten, auch in der neueren Zeit, in der solche Bestrebungen von den glänzenden Fortschritten der Naturwissenschaft verdunkelt worden sind, immer wieder und wiederum Versuche gemacht worden, vereinzelte — können wir fast sagen — Versuche gemacht worden, dieses Feld zu bebauen. Aber gesagt werden muß, daß es zumeist gerade in der neueren Zeit nur Lichtblitze waren, welche auf dieses Feld geworfen worden sind bei dieser oder jener hervorragenden Persönlichkeit, die sich mit Nachdenken über das menschliche Geistesleben befaßte, Lichtblitze, von denen man immer die Empfindung hat, sie kommen aus ganz anderen Quellen des menschlichen Wesens heraus als die Erkenntnisse, die sich auf die äußere Natur, auf das Feld der äußeren sinnlichen Wahrnehmung beziehen.

[ 1 ] Time and again, whenever anthroposophy is discussed—in the sense in which it is meant here in this lecture as an understanding of the spiritual life of the human being—you will hear that it springs from the dreamy, fanciful ideas of individual personalities. At least, that is the judgment of many people who consider themselves competent to make such a judgment. However, it must be said from the outset that this anthroposophical understanding of the spirit seeks to encompass a field of research that includes the deepest and most significant aspects of human inner life. For this reason, attempts have indeed been made time and again—even in more recent times, when such endeavors have been overshadowed by the dazzling advances of the natural sciences—to cultivate this field, albeit in isolated instances, as we might almost say. But it must be said that, especially in recent times, these have for the most part been only flashes of light cast upon this field by this or that outstanding individual who engaged in reflection on human spiritual life—flashes of light that always give one the impression they spring from sources of the human being entirely different from the insights that relate to external nature, to the realm of external sensory perception.

[ 2 ] Zu verwundern ist es nicht, daß etwas wie ein unbewußter Erkenntnisinstinkt die Menschen immer wieder und wiederum dazu zwingt, dieses Feld durch solche Lichtblitze zu erhellen, denn auf diesem Felde liegen die bedeutungsvollsten Seelenfragen, Seelenrätsel, jene Seelenrätsel, denen sich der Mensch immer wieder und wiederum gegenübergestellt sehen muß mit seinem ganzen Empfindungs-, mit seinem ganzen Gefühls-, auch Vorstellungs- und Willensleben. Und fühlen muß der Mensch: Wenn er keine Stellung zu diesen Fragen gewinnt, dann hat das eine Wirkung auf seine Seele, die man vergleichen kann auf dem leiblichen Gebiete mit einer Art Erkrankung. Das Seelenleben verödet; es fühlt sich von allerlei — man möchte das alte gute Wort «Sucht» gebrauchen —, von allerlei Suchten durchweht, wenn die Zweifel, die Ungewißheiten auftauchen, die auftauchen können gegenüber diesen Fragen.

[ 2 ] It is not surprising that something like an unconscious instinct for insight compels people time and again to illuminate this field with such flashes of light, for it is in this field that the most significant questions of the soul, the mysteries of the soul, those mysteries of the soul that human beings must face time and again with their entire sensory life, their entire emotional life, as well as their imaginative and volitional lives. And human beings must realize: If they fail to take a stance on these questions, it has an effect on their soul that can be compared, in the physical realm, to a kind of illness. The life of the soul becomes desolate; it feels permeated by all manner of—one might use the good old word “addiction”—all manner of addictions when the doubts and uncertainties arise that can arise in relation to these questions.

[ 3 ] In der neueren Zeit allerdings — man hat es ja gesehen durch viele Jahre hindurch — haben die Menschen wenig Stillung des Erkenntnishungers, der aus solchen Impulsen hervorgeht, gesucht durch das, was man geistige Nahrung nennen könnte. Wer kennt ihn nicht, jenen Zug derjenigen, die Geld genug dazu hatten, nach den verschiedensten Sanatorien der Welt — die traurige Zeit der Gegenwart hat vielen die Gelegenheit dazu allerdings genommen-, jenen Zug nach den Sanatorien, wo eigentlich doch für viele, viele, allzu viele, nichts anderes gelöscht werden sollte als jene Erkenntnissehnsucht, über die man sich eigentlich im gewöhnlichen Leben der Gegenwart so gerne hinwegbetäuben möchte, die man gar so gerne durch etwas ganz anderes als geistige Mittel befriedigen möchte. Was die Menschen in Sanatorien und ähnlichen Anstalten gesucht haben, waren ja doch im Grunde genommen nur Anregungen, bei denen sie sozusagen mit ihrer Seele nicht dabeizusein brauchten und die entgegenkommen sollten jenen geheimnisvollen Sehnsuchten, von denen ich eben gesprochen habe und die man nicht geneigt ist, auf geistige Weise zu befriedigen.

[ 3 ] In more recent times, however—as we have seen over many years—people have sought little satisfaction for the thirst for knowledge that arises from such impulses through what might be called spiritual nourishment. Who is not familiar with that tendency among those who had enough money to travel to the most diverse sanatoriums around the world—though the sad times of the present have, admittedly, deprived many of that opportunity—that tendency to seek out sanatoriums, where, for many, many—all too many—nothing else was meant to be quenched but that thirst for knowledge, which one would so gladly numb in the ordinary life of the present, and which one would so readily satisfy through means other than spiritual ones. What people sought in sanatoriums and similar institutions was, after all, essentially nothing more than stimuli in which they did not, so to speak, have to be present with their souls, and which were intended to cater to those mysterious longings I have just spoken of—longings one is not inclined to satisfy through intellectual means.

[ 4 ] Immer wieder und wiederum taucht, wenn ich über solche Fragen nachdenken muß, jenes Bild vor meiner Seele auf, das sich einmal vor mich hinstellte vor Jahren, als ich — wirklich nicht zur Erholung oder Gesundung, sondern um jemanden zu besuchen — in einem Sanatorium war gerade zu einer Zeit, wo man sozusagen Revue passieren lassen konnte die verschiedenen Insassen und wo ich nachher durch das Gespräch mit einzelnen, das Ansehen einzelner darauf kam, daß derjenige, der am meisten Auffrischung und Gesundung seines Nervensystems gebraucht hätte, eigentlich der dirigierende Arzt war. Die anderen alle hätten viel weniger Auffrischung ihres Nervensystems gebraucht als der dirigierende Arzt.

[ 4 ] Time and again, whenever I have to reflect on such questions, that image surfaces in my mind—the one that first appeared before me years ago, when I—truly not for rest or recovery, but to visit someone — was staying at a sanatorium at a time when one could, so to speak, take stock of the various residents, and where I subsequently came to the conclusion—through conversations with individuals and based on my observations of them—that the person who most needed rest and recuperation for his nervous system was actually the attending physician. All the others would have needed far less rest for their nervous systems than the attending physician.

[ 5 ] Auf dieses Feld nun, auf das hiermit gedeutet wird, haben einzelne Menschen, die sich intensiver befaßten mit Fragen des geistigen Lebens, wie ich sagte, einzelne Lichtblitze fallen lassen, die ihnen aufgegangen sind aus den Tiefen ihrer Seelen. Dabei hat sich immer eines herausgestellt, das, ich möchte sagen, wie ein roter Faden sich auch heute durch die Betrachtungen dieses Abends ziehen wird; es hat sich herausgestellt, daß in dem Menschen, wie er so mit seinem gewöhnlichen Leben heute durch die Welt geht, eigentlich ein anderer Mensch schläft, in Wirklichkeit schläft und ruht, ein Mensch, der durch die Verhältnisse des gewöhnlichen Lebens eigentlich nicht wahrgenommen wird, weil er leiser in dem gewöhnlichen Menschen schläft, als Traumesvorstellungen in ihm vorhanden sind, die auch kommen und verschwinden.

[ 5 ] In this field—to which I am now referring—certain individuals who have engaged more deeply with questions of spiritual life, as I said, have shed flashes of insight that arose from the depths of their souls. In doing so, one thing has always emerged—a thread, I might say, that will run through this evening’s reflections even today; it has become clear that within the human being, as he goes through the world today with his ordinary life, there actually lies dormant another human being—one who truly sleeps and rests—a human being who is not actually perceived by the circumstances of ordinary life because he sleeps more quietly within the ordinary person than the dream images that come and go.

[ 6 ] Aber eines ist gerade geistvollen Menschen immer aufgefallen, wenn sie darauf gekommen sind, wie ein solcher, im Grunde schlafender zweiter Mensch im gewöhnlichen Menschen ruht: Sie konnten den Gedanken dieses schlafenden Menschen, dieses unbemerkten zweiten Menschen, nicht fassen, ohne ihn in irgendeiner Weise zusammenzubringen mit dem, was wir innerhalb der Verhältnisse unseres Lebens den Tod nennen müssen. Und wirklich mehr oder weniger instinktiv ging es der einen oder anderen Persönlichkeit auf, daß ebenso, wie die Erscheinungen des äußeren sinnenfälligen Naturlebens zusammenhängen mit den Gesetzen des Daseins, die man finden kann durch die Beobachtung des Wachstums, der Geburt, des Hervorgehens von Wesen aus anderen und so weiter, daß ebenso dieser zweite, im ersten schlafende Mensch innig zusammenhängt mit dem, was man den Tod nennen muß im Verhältnisse unseres Lebens, mit dem Vergehen. Und man merkt, daß es für Erkenntnismenschen ein großer, bedeutungsvoller Augenblick ist, wenn sie gewissermaßen den höheren Menschen im Menschen nicht mit dem Wachsenden, Gedeihenden in Zusammenhang denken müssen, sondern gerade mit den Kräften, die sich nach dem Tode zu bewegen.

[ 6 ] But one thing has always struck particularly insightful people when they realized how such a second human being—essentially dormant—rests within the ordinary human being: They could not grasp the concept of this dormant human being, this unnoticed second human being, without in some way connecting it to what, within the context of our lives, we must call death. And indeed, more or less instinctively, it dawned on one or another individual that just as the phenomena of external, sensory natural life are connected to the laws of existence—which can be discovered through the observation of growth, birth, the emergence of beings from others, and so on, so too is this second human—sleeping within the first—intimately connected with what we must call death within the context of our lives, with passing away. And one realizes that it is a great and significant moment for people of insight when they no longer have to think of the higher human being within the human being in connection with what grows and flourishes, so to speak, but rather precisely with the forces that move toward death.

[ 7 ] Eine derjenigen Persönlichkeiten, denen dieser Zusammenhang, ich möchte sagen, in besonders erhellendem Licht vor die Seele getreten ist, ist der Philosoph und Psychologe Fortlage. Ich will ausgehen von einer bedeutungsvollen Äußerung, die er 1869 getan hat im Verlaufe von acht psychologischen Vorträgen, Vorträgen über Seelenkunde, die er gehalten hat. In diesen Vorträgen findet sich die folgende, ganz bedeutungsvolle Stelle:

[ 7 ] One of the figures to whom this connection—I would say—appeared in a particularly illuminating light is the philosopher and psychologist Fortlage. I would like to begin with a significant statement he made in 1869 during a series of eight lectures on psychology—lectures on the study of the soul—that he delivered. The following, highly significant passage can be found in these lectures:

[ 8 ] «Wenn wir uns lebendige Wesen nennen und so uns eine Eigenschaft beilegen, die wir mit Tieren und Pflanzen teilen, so verstehen wir unter dem lebendigen Zustand notwendig etwas, das uns nie verläßt und sowohl im Schlaf als im Wachen stets in uns fortdauert. Dies ist das vegetative Leben der Ernährung unseres Organismus, ein unbewußtes Leben, ein Leben des Schlafs. Das Gehirn macht hier dadurch eine Ausnahme, daß dieses Leben der Ernährung, dieses Schlafleben, bei ihm in den Pausen des Wachens überwogen wird von dem Leben der Verzehrung. In diesen Pausen steht das Gehirn einer überwiegenden Verzehrung preisgegeben und gerät folglich in einen Zustand, welcher, wenn er sich auf die übrigen Organe mit erstreckte, die absolute Entkräftung des Leibes oder den Tod zuwege bringen würde.»

[ 8 ] “When we call ourselves living beings and thus attribute to ourselves a characteristic that we share with animals and plants, we necessarily understand the state of being alive to mean something that never leaves us and that persists within us at all times, whether we are asleep or awake. This is the vegetative life of our organism’s nourishment—an unconscious life, a life of sleep. The brain is an exception in this regard, in that this life of nourishment, this life of sleep, is superseded in it—during the intervals of wakefulness—by the life of consumption. During these intervals, the brain is subjected to predominant consumption and consequently enters a state which, if it were to extend to the other organs, would result in the absolute exhaustion of the body or death.”

[ 9 ] Und dann, nachdem Fortlage zu dieser merkwürdigen Äußerung gekommen ist, setzt er diese Betrachtung fort in den folgenden, ich möchte sagen, tiefgründigen Worten:

[ 9 ] And then, after Fortlage has arrived at this curious statement, he continues this reflection with the following—I would say—profound words:

[ 10 ] «Das Bewußtsein ist ein kleiner und partieller Tod, der Tod ist ein großes und totales Bewußtsein, ein Erwachen des ganzen Wesens in seinen innersten Tiefen.»

[ 10 ] “Consciousness is a small and partial death; death is a great and total consciousness, an awakening of the whole being in its innermost depths.”

[ 11 ] Man sieht, durch einen solchen Lichtblitz, aus den Tiefen der menschlichen Seele kommend, erhellt sich für Fortlage der Zusammenhang zwischen dem, was man Tod nennen kann, und dem, was unser Bewußtsein ist, was uns während unseres wachen Lebens immer begleitet und im Grunde genommen eigentlich zum Menschen macht. Fortlage kommt zu einer Idee von der Verwandtschaft des Todes und des Bewußtseins, indem er sich klarmacht, daß das, was auf einmal im Augenblicke des Todes den Menschen ergreift, das, was auf einmal im Tode verzehrend für die menschliche Leiblichkeit wirkt, im Kleinen, in fortwährenden kleinen Mengen, könnte man sagen, dann wirkt, wenn wir diese Blüte unseres seelischen Daseins, das Bewußtsein während unseres wachen Lebens, entfalten. Jeder bewußte Akt ist im Kleinen dasselbe, was wie eine große Summe der Tod ist. So daß für Fortlage der wirkliche Tod, wenn er eintritt, das Auftauchen eines umfassenden Bewußtseins ist, das den Menschen hineinversetzt in eine übersinnliche Welt, während er, wenn er als Seele zwischen Geburt und Tod den physischen Leib zu seinem Leben braucht, in die sinnliche Welt hineinversetzt ist.

[ 11 ] One sees that, through such a flash of light—coming from the depths of the human soul—the connection between what one might call death and what constitutes our consciousness—which always accompanies us during our waking life and, in essence, is what actually makes us human—becomes clear to Fortlage. Fortlage arrives at an idea of the kinship between death and consciousness by realizing that what suddenly seizes a person at the moment of death—what suddenly acts in a consuming way upon the human body in death—could be said to when we unfold this blossom of our spiritual existence—consciousness during our waking life. Every conscious act is, on a small scale, the same as what death is in its totality. Thus, in the long run, true death, when it occurs, is the emergence of a comprehensive consciousness that transports the human being into a supersensible world, whereas, when the human being, as a soul between birth and death, needs the physical body for life, he is transported into the sensory world.

[ 12 ] Fortlage hat viel über Seelenkunde geschrieben, viele Bände; solche Lichtblitze, sie tauchen nur ab und zu in seinen Schriften auf. Der übrige Inhalt seiner Schriften beschäftigt sich auch nur mit dem, was man so gewöhnlich heute in den Seelenkunden der Psychologie findet: mit der Vergesellschaftung der Vorstellungen, dem Ablauf der Vorstellungen, dem Auftauchen von Trieben und so weiter, kurz, mit all denjenigen Fragen, an die man sich heute einzig und allein in der Seelenkunde heranwagt und die weit abstehen von dem, was eigentlich den Menschen, den vollen, ganzen Menschen interessiert an der Seelenkunde, weit abliegen von den zwei Hauptfragen: von der Frage nach der menschlichen Freiheit und der Frage nach der menschlichen Unsterblichkeit.

[ 12 ] Fortlage has written extensively on the study of the soul—many volumes; such flashes of insight appear only now and then in his writings. The rest of his writings deal only with what one usually finds today in the psychology of the soul: the socialization of ideas, the flow of ideas, the emergence of drives, and so on, in short, with all those questions that psychology today dares to address in the study of the soul—questions that are far removed from what actually interests human beings—the full, whole human being—in the study of the soul, and far removed from the two main questions: the question of human freedom and the question of human immortality.

[ 13 ] Mit der letzteren Frage werden es hauptsächlich die Betrachtungen des heutigen Abends zu tun haben, während in einigen Wochen hier von mir ein Vortrag gehalten werden soll, der dann auf die Frage der Freiheit von demselben Gesichtspunkte aus eingehen wird.

[ 13 ] Tonight’s discussion will focus primarily on the latter question, while in a few weeks I am scheduled to give a lecture here that will address the question of freedom from the same perspective.

[ 14 ] Wenn nun auch Fortlage in dem breiten Umfang seiner psychologischen Forschung, seiner Seelenkunde, sich nur mit den untergeordneten Fragen befaßt, und so, daß ihn diese Art der Betätigung nicht zu den höchsten Fragen führen kann, immerhin finden sich bei ihm solche Lichtblitze. Aber auch dafür wurde er getadelt. Eduard von Hartmann — diejenigen verehrten Zuhörer, die frühere Vorträge von mir gehört haben, wissen, daß ich diesen Philosophen durchaus nicht unterschätze —, Eduard von Hartmann hat Fortlage scharf getadelt, daß er die Bahn der Wissenschaft verlassen habe in einem Moment, wo er einen solchen Zusammenhang in die strenge Wissenschaft hineinbringt, wie der ist zwischen dem menschlichen Bewußtsein und dem Tode.

[ 14 ] Even though Fortlage, within the broad scope of his psychological research—his study of the soul—deals only with secondary questions, and in such a way that this line of inquiry cannot lead him to the highest questions, he nonetheless offers flashes of insight. But he was criticized for this as well. Eduard von Hartmann—those esteemed listeners who have heard my earlier lectures know that I by no means underestimate this philosopher—Eduard von Hartmann sharply criticized Fortlage for having strayed from the path of science at a moment when he introduced into rigorous science a connection such as that between human consciousness and death.

[ 15 ] Nun kann man sagen: Nicht allein Fortlage — derjenige weiß es, der sich in einem größeren Umfange mit der geisteswissenschaftlichen Literatur bekanntgemacht hat —, nicht allein Fortlage, viele Persönlichkeiten haben in einzelnen solchen Lichtblitzen etwas von Erkenntnis herausgebracht aus ihrer Seele, das sich bezieht auf diesen charakterisierten zweiten, im sinnlichen Menschen schlafenden Menschen. Aber es sind — gerade in der neueren Zeit — vereinzelte Lichtblitze geblieben.

[ 15 ] Now one might say: It is not only Fortlage—as anyone who has become familiar with the literature of the spiritual sciences to a greater extent knows—it is not only Fortlage; many individuals have, in isolated flashes of insight, brought forth from their souls a certain insight that relates to this characterized second human being, who lies dormant within the sensory human being. But these have remained—especially in more recent times—isolated flashes of insight.

[ 16 ] Anthroposophie hat nun keine andere Aufgabe, als dasjenige, was sonst wie instinktiv in einzelnen Lichtblitzen wie eine Offenbarung höherer Erkenntnis aus den Tiefen der menschlichen Seele heraufgeklungen ist, ich möchte sagen, zu systematisieren, zu regeln, methodisch zu machen, so daß dasjenige, was dadurch entsteht, sich als eine vollgültige Wissenschaft neben die so herrliche Naturwissenschaft der neueren Zeit hinstellen kann. Dazu ist allerdings notwendig, daß derjenige, welcher sich ein Urteil bilden will über diese Anthroposophie oder Geisteswissenschaft, mancherlei Vorurteile abstreift, Vorurteile, von denen man nicht einmal sagen kann, daß viele Menschen, die sie haben, deshalb zu tadeln sind, Vorurteile, die aus gewissen Vorzügen der Wissenschaft der Gegenwart heraus gerade leicht erklärlich sind.

[ 16 ] Anthroposophy has no other task than to—I would say—systematize, organize, and make methodical that which has otherwise, as if instinctively, welled up in individual flashes of insight like a revelation of higher knowledge from the depths of the human soul, so that what emerges from this may stand as a fully valid science alongside the magnificent natural sciences of modern times. To this end, however, it is necessary that anyone who wishes to form an opinion about this anthroposophy or spiritual science cast aside certain prejudices—prejudices for which one cannot even say that many people who hold them are to be blamed, prejudices that are easily explained precisely by certain advantages of contemporary science.

[ 17 ] Ich mußte ja sagen: Der Mensch, um den es sich eigentlich handelt, wenn Betrachtungen der Geisteswissenschaft in Betracht kommen, ist etwas wie Schlafendes in dem gewöhnlich wachenden Menschen. Daraus aber ist erklärlich, daß alles, was sich auf diesen zweiten, den im wachenden Menschen schlafenden Menschen bezieht, zunächst überhaupt so verläuft, daß man es nicht merkt, verläuft wie ein unter den Strömen des gewöhnlichen Bewußtseins verlaufender anderer Strom, der aber übertönt, überleuchtet wird von dem, womit man das Bewußtsein ausfüllt nach der Sinneserfahrung, nach den Bedürfnissen des persönlichen Lebens. Und wenn in diesem gewöhnlichen Leben ab und zu solche Lichtblitze herauftauchen, dann verschwinden sie schneller als ein Traum. Kein Wunder daher, daß die meisten Menschen schon einmal nach dem durchaus berechtigten Urteil der heutigen Zeit sich sagen: Ja, was da heraufkommt aus der Seele und Aufschluß geben will, eine Offenbarung bilden will über diesen leise klingenden, leise leuchtenden schlafenden Menschen, das macht, wenn es auftritt bei denen, die sich Geistesforscher nennen, den Eindruck des Traumhaften, des Phantastischen, es macht den Eindruck von Phantasiegebilden, was an Vorstellungen über diesen Menschen vorgebracht wird. Und auf solche Phantasiegebilde will sich ja die Gegenwart nicht einlassen. Da ist sie gleich fertig mit dem Urteil: Ach was, das ist etwas, was aus der Phantasie des einzelnen entsprungen ist, was ein Träumer geprägt hat!

[ 17 ] I had to say: The human being who is actually at the heart of the matter when spiritual science is considered is something like a sleeping entity within the human being who is ordinarily awake. But this explains why everything relating to this second human being—the one who sleeps within the waking human being—initially proceeds in such a way that one does not notice it; it flows like a separate stream running beneath the currents of ordinary consciousness, yet is drowned out and is outshone by what fills one’s consciousness based on sensory experience and the needs of personal life. And when such flashes of light occasionally surface in this ordinary life, they vanish faster than a dream. No wonder, then, that most people—in accordance with the entirely justified judgment of our time—say to themselves: “Yes, what emerges from the soul and seeks to provide insight, to offer a revelation about this softly sounding, softly glowing, sleeping human being—when it appears among those who call themselves spiritual researchers—gives the impression of something dreamlike, fantastical; it gives the impression of figments of the imagination, whatever ideas are put forward about this human being.” And the present age, of course, does not want to engage with such figments of the imagination. It is quick to pass judgment: “Oh, come on, that’s just something that sprang from the imagination of an individual—something a dreamer has concocted!”

[ 18 ] Ja, etwas anderes könnte aber richtig sein. Wie wäre es, wenn es richtig wäre, daß man über das, was im Menschenwesen über Geburt und Tod hinaus lebt, was gegenüber dem Vergänglichen das Ewige der Menschennatur ist, wenn man über dieses zunächst nur so schwache Vorstellungen, so, ich möchte sagen, abgetönte Vorstellungen bekommen könnte, wie sie im 'Iraum vorhanden sind? Wenn das so wäre, dann müßte man entweder auf jede Erkenntnis des Ewigen im Menschen verzichten, wenn man nicht zu Vorstellungen seine Zuflucht nehmen wollte, die mit dem Charakter auftreten, mit dem sonst die Phantasie oder der Traum auftreten, oder man muß schon einmal das, was man gewöhnt ist, an logischer Disziplin, an methodischem Forschungssinn in den Vorstellungen zu haben, die auf die Sinneswelt gehen, hineintragen in diese Welt, die einem sonst traumhaft vorkommt. Und man muß durch gewisse Mittel, innere Seelenmittel, durch Erregung gewisser innerer Seelenkräfte die Vorstellungen heraufheben, damit sie nicht bloß traumhaft vorbeihuschen, sondern die Deutlichkeit, die Eindrucksfähigkeit erhalten, welche die Vorstellungen des gewöhnlichen Lebens, des gewöhnlichen Wachlebens, des gewöhnlichen Bewußtseins haben.

[ 18 ] Yes, but something else might be true. What if it were true that regarding what lives on in the human being beyond birth and death—that which, in contrast to the transitory, is the eternal aspect of human nature—one could initially form only such faint ideas, or, I would say, subdued ideas, as those that exist in the “inner space”? If that were the case, then one would either have to forgo any knowledge of the eternal in human beings—unless one were to take refuge in ideas that appear with the same character as that otherwise associated with fantasy or dreams— or one must carry into this world—which otherwise seems dreamlike—the very logical discipline and methodical spirit of inquiry that one is accustomed to applying to concepts pertaining to the sensory world. And one must, through certain means—inner spiritual means—by arousing certain inner spiritual powers, elevate these images so that they do not merely flit by like a dream, but retain the clarity and receptivity to impressions that the images of ordinary life, of ordinary waking life, and of ordinary consciousness possess.

[ 19 ] Kann man dieses? Es ist heute schwer, einem Menschen klarzumachen, daß man es sogar in echt wissenschaftlichem Sinne kann, weil heute Naturwissenschaft als die einzige Wissenschaft gilt, die eine streng begründete Methodik hat. Und wenn man andere Wissenschaften unterscheidet, so läßt man sie eigentlich nur insoferne gelten, als sie nach dem Muster der Naturwissenschaft methodisch begründet sind. Man hat für gewisse Gebiete durchaus Recht, und man muß sogar noch mehr sagen. Man muß sagen: Was die Naturwissenschaft in der neueren Zeit heraufgebracht hat an Vorstellungen, zeigte, daß sie so sein müssen, wenn sie das Gebiet beherrschen wollen, das ihnen zugewiesen ist. Man muß aber auch sagen, daß man mit ihnen sich dem ewigen Leben des Menschen nicht nähern kann. Diese Vorstellungen können gar nicht gleich geeignet sein, die Rätsel der Natur zu lösen und die Rätsel der menschlichen Seele zu lösen. Zu dem letzteren muß etwas ganz anderes eintreten. Wie vielerlei Wege, wie vielerlei Mittel angewendet werden müssen, um die Seele so stark zu machen, so innerlich zu erkraften, daß sie Vorstellungen, die sonst wie schlafend unten im Bewußtsein ruhen, heraufholen kann und auf sie die strenge Disziplin und Methodik des Denkens anwenden kann, ich habe darüber in den verschiedenen Schriften, namentlich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gesprochen. Heute will ich wiederum, wie ich es in früheren Vorträgen hier getan habe, einige Gesichtspunkte aus diesen Schriften herausheben. Den ausführlichen Weg, den die Menschenseele einzuschlagen hat, um durch innerliche Erkraftung wirklich dahin zu kommen, hineinzusehen in die geistige Welt, wie man mit sinnlichen Augen hineinsieht in die physische Welt, diesen ausführlichen Weg muß man in den genannten Schriften suchen; allein ich will heute einige Gesichtspunkte besonders hervorheben.

[ 19 ] Is this possible? Today, it is difficult to make people understand that it is indeed possible—even in a truly scientific sense—because natural science is currently regarded as the only science that has a strictly grounded methodology. And when one distinguishes other sciences, one actually only recognizes them to the extent that they are methodologically grounded according to the model of the natural sciences. One is certainly correct regarding certain fields, and one must even go further. One must say: The ideas that natural science has produced in recent times have shown that they must be this way if they are to master the field assigned to them. But one must also say that these ideas cannot bring us any closer to the eternal life of the human being. These ideas cannot possibly be equally suited to solving the mysteries of nature and the mysteries of the human soul. For the latter, something entirely different must come into play. How many different paths, how many different means must be employed to strengthen the soul and empower it inwardly to the point where it can bring forth concepts that otherwise lie dormant deep within consciousness and apply to them the strict discipline and methodology of thought— I have spoken about this in various writings, notably in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?. Today I would like once again, as I have done in earlier lectures here, to highlight a few points from these writings. The detailed path that the human soul must follow in order to truly attain, through inner development, the ability to look into the spiritual world just as one looks into the physical world with the physical eyes—this detailed path must be sought in the aforementioned writings; however, today I wish to emphasize a few points in particular.

[ 20 ] Man bekommt keine Vorstellung von dem, wie eigentlich der Geistesforscher vorgehen muß, was er eigentlich tun muß, um mit seiner Seele hineinzuschauen in die geistige Welt, wenn man sich nicht klarmacht, was man erleben kann als voller, ganzer Mensch, mit den entsprechenden Erkenntnissehnsuchten und Erkenntnisbedürfnissen ausgestattet, an gewissen Grenzorten des Erkennens, zu denen einen gerade die moderne Naturwissenschaft führt.

[ 20 ] One cannot begin to imagine how a spiritual researcher must actually proceed—what he must actually do to look into the spiritual world with his soul—unless one realizes what one can experience as a complete, whole human being, endowed with the corresponding thirst for and need for knowledge, at certain frontiers of knowledge to which modern natural science itself leads us.

[ 21 ] Diese moderne Naturwissenschaft gibt dem, der sich ihr widmet, nicht nur Aufschlüsse, die niemand mehr bewundern kann als der Geistesforscher selbst, über den äußeren Naturverlauf, über mancherlei, was auch einzuschlagen hat in das praktische Leben, sondern diese Naturwissenschaft gibt dem, der sich ihr von gewissen Gesichtspunkten aus hingebungsvoll widmet, eine innere Erziehung des menschlichen Seelenlebens. Und mehr als man dazu in früheren Stadien naturwissenschaftlichen Erkennens in der Lage war, ist man heute erkenntnismäßig eigentlich gerade durch die Naturwissenschaft zur Geistesforschung vorbereitet. Man soll sich nur nicht einengen lassen durch das, was die Naturwissenschaft auf ihrem eigenen Gebiete über die Außenwelt zu sagen hat. Man soll sich vielmehr aufschwingen können zu einer inneren Disziplinierung, zu einer inneren Zucht des seelischen Lebens durch die Art und Weise, wie man an der Natur forscht. Die Vorstellungen, die die Naturwissenschaft selbst liefert, können nur Aufschluß geben über die äußere Natur; ihrem Inhalte nach werden sie nichts sagen über das geistige Leben. Aber indem man sie gebraucht, indem man sie gerade hingebungsvoll gebraucht bei der Naturforschung, bei der Naturerkenntnis, erziehen sie, ich möchte sagen, nebenbei in demjenigen Menschen, der in der Lage ist achtzugeben auf das, was in ihm da vorgeht, gewisse innere Lebensverhältnisse, die ihn dahin bringen, einen Begriff, ein inneres Erlebnis zu erhalten von dem, was es heißt: mit seiner Seele außerhalb des Leibes leben.

[ 21 ] This modern natural science not only provides those who devote themselves to it with insights—which no one can admire more than the spiritual researcher himself—into the external course of nature and into various matters that also have an impact on practical life; rather, this natural science provides those who devote themselves to it wholeheartedly from certain perspectives with an inner education of the human soul life. And more than was possible in earlier stages of scientific knowledge, we are today, in terms of understanding, actually prepared for spiritual research precisely through the natural sciences. One must simply not allow oneself to be restricted by what the natural sciences have to say about the external world within their own domain. Rather, one should be able to rise to a state of inner discipline, to an inner cultivation of the soul’s life, through the very way one conducts research into nature. The concepts provided by natural science itself can only shed light on external nature; in terms of their content, they say nothing about spiritual life. But by using them—by using them with dedication in the study of nature and in gaining knowledge of nature—they cultivate, I might say, incidentally, in the person who is able to pay attention to what is going on within them, certain inner conditions of life that lead them to gain a concept, an inner experience, of what it means to live with one’s soul outside the body.

[ 22 ] Ich weiß sehr wohl, daß dieser Begriff — mit seiner Seele außerhalb des Leibes leben — heute für viele der Gipfel des Unsinns ist. Doch das macht nichts. Jeder kann sich überzeugen, daß die innere Erfahrung ihm die gewisse Einsicht in das Leben außerhalb des Leibes gibt, wenn er solche Übungen des Seelenlebens durchmacht, wie sie in meinen Schriften angedeutet sind oder wie ich sie im Prinzip hier aussprechen will.

[ 22 ] I am well aware that this concept—living with one’s soul outside the body—is, for many today, the height of nonsense. But that doesn’t matter. Anyone can see for themselves that inner experience gives them a certain insight into life outside the body if they undergo the kinds of exercises in spiritual life that are hinted at in my writings or that I intend to describe here in principle.

[ 23 ] Besonders Bedeutungsvolles kann man durchmachen, wenn man eben an jenen Grenzort des Erkenntnislebens kommt, an den einen die Naturwissenschaft so vielfach führt. Grenzort! Sehen Sie, von den großen Grenzfragen des Erkennens sprechen ja viele Leute. Man spricht davon, daß die menschliche Seele an eine Grenze kommt, wenn sie darüber forschen will, ob die Welt, räumlich oder zeitlich, unendlich oder endlich ist, wenn die Seele forschen will, ob sie einem unwiderstehlichen Zwang in allen ihren Handlungen unterliegt oder ob sie frei ist. Gewiß, das sind höchste Grenzfragen. Du Bois-Reymond hat in seiner berühmten Rede über die Grenzen des Naturerkennens, über die sieben Welträtsel, andere solche Grenzfragen hingestellt. Tiefsten Eindruck kann auf einen machen, wenn man so recht, ich möchte sagen, aus dem Erkenntnisschmerze eines Erkenntnismenschen heraus fühlt, wie ein solcher Mensch an einem solchen Grenzorte steht.

[ 23 ] One can undergo something particularly significant when one reaches precisely that threshold of the life of knowledge to which the natural sciences so often lead us. A threshold! You see, many people speak of the great boundary questions of knowledge. It is said that the human soul reaches a boundary when it seeks to investigate whether the world—in space or time—is infinite or finite, or when the soul seeks to determine whether it is subject to an irresistible compulsion in all its actions or whether it is free. Certainly, these are the highest boundary questions. In his famous speech on the limits of scientific knowledge—on the seven mysteries of the world—Du Bois-Reymond posed other such boundary questions. It can make a profound impression on one when one truly feels—I would say—from the pain of knowledge experienced by a person of knowledge, how such a person stands at such a boundary.

[ 24 ] Ich könnte viele Beispiele anführen für die Tatsache, daß wahre Erkenntnismenschen an solche Grenzorte gestellt werden. Ein solches Beispiel ist das, welches uns vorliegt in den Schriften des berühmten Ästhetikers und Philosophen Friedrich Theodor Vischer, des sogenannten V-Vischer, weil er sich mit V schreibt. Wenn man seine Schriften durchliest: man muß oftmals haltmachen an dem, was seine Seele an solchen Grenzorten des Erkennens erlebt. Er hat eine schöne Abhandlung geschrieben über ein Buch, das der ja auch einmal in Basel hier wirkende Philosoph Volkelt geschrieben hat über die TraumPhantasie. In dieser Abhandlung, die allerdings V-Vischer den Vorwurf zugezogen hat — man sollte es nicht glauben, denn V-Vischer war von dem, was diesen Vorwurf betrifft, so weit als möglich entfernt; aber selbst dieses war möglich —, er sei unter die Spiritisten gegangen, da führt V-Vischer eine solche Stelle an, wo er zeigt, was er an den Grenzorten des Erkennens erlebte. Er sagte: Daß die menschliche Seele nicht im Leibe sein kann, das ist ganz gewiß, daß sie aber auch nicht außer dem Leibe sein kann, das ist ebenso gewiß. Hier haben wir eine solche Grenzfrage, eine solche Grenzfrage, die deshalb paradox ist, weil sie einen vollständigen Widerspruch in sich schließt, einen Widerspruch, wie diejenigen sind, auf die man eben immer gerade dann kommt, wenn man sich hingebungsvoll in strenge Naturwissenschaft vertieft, in das Leben überhaupt vertieft. Es ist ein Widerspruch, auf den man geführt wird: Die Seele kann nicht im Leibe sein, sie kann aber auch nicht außerhalb des Leibes sein! — Warum wird man zu solchem Widerspruch geführt?

[ 24 ] I could cite many examples of how true seekers of knowledge are placed at such frontiers. One such example is found in the writings of the famous aesthetician and philosopher Friedrich Theodor Vischer, known as “V-Vischer” because he spells his name with a “V.” When reading through his writings, one is often compelled to pause and reflect on what his soul experiences at such frontiers of knowledge. He wrote a beautiful essay on a book about dream imagination written by the philosopher Volkelt, who also once worked here in Basel. In this essay—which, admittedly, earned V-Vischer the accusation (though one should not believe it, for V-Vischer was as far removed as possible from what this accusation concerns; yet even this was possible)—that he had joined the spiritualists, V-Vischer cites a passage in which he reveals what he experienced at the frontiers of knowledge. He said: “That the human soul cannot be within the body is quite certain; but that it cannot be outside the body either is just as certain.” Here we have such a borderline question—a question that is paradoxical precisely because it contains a complete contradiction within itself, the kind of contradiction one always encounters when one devotes oneself wholeheartedly to rigorous natural science, to life itself. It is a contradiction to which one is led: The soul cannot be within the body, yet it cannot be outside the body either! — Why is one led to such a contradiction?

[ 25 ] An solchen Grenzorten, an denen solche Widersprüche auftreten, da hilft einem das naturwissenschaftliche Erkennen nichts, und am meisten störend ist es, wenn man den Glauben haben kann, daß einem dasselbe etwas hilft. Die meisten Menschen sind allerdings dann in der heutigen Zeit bald fertig mit ihrem Urteil. Sie sagen in einem solchen Falle einfach: Nun ja, bis hierher führt eben die menschliche Erkenntnis, weiter können wir nicht. — So ist es aber nicht. Weil Vischer in dem Vorurteile der neueren Zeit steckte, hat er gewissermaßen nur den Widerspruch erlebt. Aber er hat nicht erlebt, was man tun kann, um mit seiner Seele weiterzukommen an solchen Grenzorten. Hier muß das gewöhnliche Erkennen aufhören und ein ganz besonderes Erleben der Seele beginnen. Hier muß man gewissermaßen vergessen können, was einem die Vorstellungen aus dem gewöhnlichen Leben sind, weil sie einen eben nur bis zu diesem Grenzorte tragen. Das muß man hier erleben können. Hier muß man ringen können als Seele mit dem, was einem entgegentritt, wenn man sich einläßt in das, was da, ich möchte sagen, wirbelt in einem solchen Widerspruche, wie die Luft wirbelt, in die wir uns mit unserer Lunge hineinbegeben müssen. Solche Widersprüche wollen erlebt sein, wollen erlebt sein mit der ganzen Seele. Dann tritt dieser ganzen Seele wie aus grauer Geistestiefe etwas Neues entgegen, was sie ohne dieses Erleben mit solchen Widersprüchen eben nicht erfahren kann.

[ 25 ] In such borderline situations, where such contradictions arise, scientific knowledge is of no help, and what is most troubling is when one might believe that it actually does help. Most people today, however, are quick to pass judgment in such cases. They simply say: Well, this is as far as human understanding goes; we can’t go any further. — But that is not the case. Because Vischer was caught up in the prejudices of modern times, he experienced, so to speak, only the contradiction. But he did not experience what one can do to make further progress with one’s soul at such thresholds. Here, ordinary cognition must come to an end, and a very special experience of the soul must begin. Here, one must, in a sense, be able to forget the concepts of ordinary life, because they carry one only as far as this boundary. One must be able to experience this here. Here, one must be able to wrestle as a soul with what confronts one when one enters into what is there— I would say, swirls in such a contradiction as the air swirls, into which we must enter with our lungs. Such contradictions demand to be experienced—they demand to be experienced with one’s whole soul. Then, as if from the depths of the gray spirit, something new confronts this whole soul—something it simply cannot experience without this encounter with such contradictions.

[ 26 ] Man hat sich Vorstellungen gebildet über die Art und Weise, wie etwa niedere Tiere, niedere Organismen, die noch keine Sinne haben, die Sinne im Verkehre mit der Außenwelt entwickeln. Ein inneres Leben bestand; dieses innere Leben stößt an die äußere Welt, paßt sich der äußeren Welt an, erfährt die Impulse der äußeren Welt. Und während vorher das Leben gewissermaßen in dem Organismus pulsiert und dann überall anstößt an das äußerlich Sinnliche, an das Räumliche, bildet sich aus diesem Anstoßen, aus diesem Verkehr mit der Außenwelt, sagen wir, ein Tastsinn heraus. Erst ist es ein inneres Wühlen, dann ein Stoßen an die Grenzen des äußerlich Räumlichen. Aber das Wesen lernt im Verkehr mit der Außenwelt, sich anzupassen; aus den Rückwirkungen gegen die Stöße nach außen, die Drücke, bildet sich, was eine Art Abbildung der Außenwelt durch den Tastsinn ergibt; durch das Anprallen an die Grenze entwickelt sich dieser Tastsinn. Mit dieser Vorstellung — wir wollen jetzt nicht untersuchen, inwieweit sie gilt — von dem, was da in den niederen Organismen zur Bildung äußerer Sinne wirkt, kann man vergleichen, was die Seele erlebt, wenn sie an solche Grenzorte des Erkennens wie die bezeichneten kommt. Da ist es im Seelenleben wirklich so, wie wenn man zuerst im dunkeln Inneren an irgend etwas stoßen würde, was man zunächst äußerlich hat. Dann spezifiziert sich, differenziert sich, was man da in solchen widerspruchsvollen Vorstellungen erlebt, die man sich an Erkenntnis-Grenzorten bildet. Und so, wie sich aus dem Undifferenzierten heraus das Tastorgan als physischer Sinn ergibt, so ergibt sich aus dem Seelischen heraus, indem die Seele anschlägt an die Grenze der geistigen Welt, ein geistiges Dasein. Man stößt wirklich an die geistige Welt an. Aber man paßt sich ihr auch an. Und man erlebt das Bedeutsame, daß man gewissermaßen zuerst die Seele wie einen unentwickelten Seelenorganismus hat, dem die Geistwelt draußen, das Übersinnliche, gegenübersteht, dann aber, daß diese Seele gewissermaßen geistige Tastorgane und im weiteren, tieferen Prozeß auch Geistesaugen, Geistesohren, um diese Goetheschen Ausdrücke zu gebrauchen, entwickelt, um das, an das sie erst nur stößt, wirklich wahrzunehmen.

[ 26 ] Concepts have been formed regarding the way in which, for example, lower animals and lower organisms—which do not yet possess senses—develop their senses through interaction with the external world. An inner life existed; this inner life comes into contact with the external world, adapts to the external world, and experiences the impulses of the external world. And while previously life pulsated, so to speak, within the organism and then came into contact everywhere with the external sensory realm, with the spatial realm, a sense of touch, so to speak, emerges from this contact, from this interaction with the external world. At first it is an inner stirring, then a bumping against the boundaries of the external spatial realm. But the being learns to adapt through its interaction with the outside world; from the reactions to the outward impulses—the pressures—there emerges what amounts to a kind of representation of the outside world through the sense of touch; this sense of touch develops through the collision with the boundary. With this conception—we will not now examine to what extent it holds true—of what is at work in lower organisms in the formation of external senses, one can draw a comparison with what the soul experiences when it reaches such boundaries of cognition as those described. In the life of the soul, it is truly as if one were first to encounter, in the dark interior, something that one initially possesses externally. Then what one experiences in such contradictory perceptions—formed at the boundaries of cognition—becomes more specific and differentiated. And just as the sense of touch emerges as a physical sense from the undifferentiated, so too does a spiritual existence emerge from the soul as the soul encounters the boundary of the spiritual world. One truly comes into contact with the spiritual world. But one also adapts to it. And one experiences the significant fact that, in a sense, one first has the soul as an undeveloped soul organism, which is confronted by the spiritual world outside, the supersensible, but then—to use Goethe’s terms—this soul develops, as it were, spiritual tactile organs and, in a further, deeper process, also spiritual eyes and spiritual ears, in order to truly perceive that which it initially merely encounters.

[ 27 ] Ich glaube gern, daß heute die Menschen, die schon einmal vielleicht aus irgendwelchen unbestimmten inneren Instinkten heraus den Drang haben, etwas von der geistigen Welt zu erfahren, es mehr lieben würden, wenn man ihnen die Fähigkeit, die geistige Welt wahrzunehmen, dadurch beibringen könnte, daß man ihnen mystisch die Hände auflegt oder dergleichen. Das glauben ja manche Menschen. Aber so ist es nicht. Was uns die geistige Welt erschließt, ist innere, seelische Arbeit. Diese innere, seelische Arbeit führt wirklich zu dem, was ich angedeutet habe. Der Mensch, der seine Seele zu einer organisierten Seele umwandelt, der darauf kommt, daß er eine solche organisierte Seele in sich haben kann, der weiß, daß er in dem Moment, wo das Anstoßen an das Geistige zum Wahrnehmen des Geistes wird, mit seinem Seelischen frei vom Leiblichen lebt.

[ 27 ] I am willing to believe that today, people who—perhaps driven by some vague inner instinct—feel the urge to learn something about the spiritual world would prefer it if they could be taught to perceive the spiritual world through a mystical laying on of hands or something similar. Some people do believe that. But that is not the case. What opens up the spiritual world to us is inner, soul-based work. This inner, soul-based work truly leads to what I have hinted at. The person who transforms his or her soul into an organized soul—who comes to realize that he or she can possess such an organized soul within—knows that the moment in which the encounter with the spiritual becomes the perception of the spirit, he or she lives with his or her soul free from the physical body.

[ 28 ] Dieses Frei-vom-Leiblichen-Leben ist durchaus ein Ergebnis innerer Wahrnehmung. Denn auch das, was ich eben jetzt auseinandergesetzt habe, tritt bei wirklichen Erkenntnismenschen immer wieder und wiederum auf. Es ist merkwürdig, wie genau der Gang, den ich Ihnen aus dem geistigen Forschungsweg heraus geschildert habe, sich bei denjenigen ausbildet, die die Schmerzen, die Sehnsuchten der Erkenntnis durchgemacht haben. Lassen Sie mich Ihnen noch einmal ein Beispiel gerade von diesem V-Vischer anführen, das Beispiel eines Ausspruches von ihm, durch den er zeigt, wie er sich immer wieder und wiederum an jene Grenzorte des Erkennens hingestellt fühlte, wo man nicht anders kann als voller, ganzer Mensch, denn Widersprüche wahrzunehmen, Widersprüche zu empfinden, aber Widersprüche, die sich nicht dadurch lösen, daß man sie logisch löst, sondern Widersprüche, die sich dadurch lösen, daß man sich in sie einlebt und seine Geistorgane entwickelt.

[ 28 ] This life free from the physical is entirely the result of inner perception. For even what I have just explained occurs time and again among those who have attained true insight. It is remarkable how precisely the path I have described to you, based on the path of spiritual research, develops in those who have endured the pains and longings of spiritual knowledge. Let me give you one more example from V-Vischer himself—the example of a statement he made in which he shows how he felt, time and again, drawn to those frontiers of knowledge where one cannot help but, as a full, whole human being, perceive contradictions, feel contradictions, but contradictions that are not resolved by logical analysis, rather contradictions that are resolved by immersing oneself in them and developing one’s faculties of the mind.

[ 29 ] Insbesondere trat für V-Vischer immer wieder und wieder der Widerspruch auf: Das Gehirn soll das Organ der Seele sein, soll gewissermaßen Vorstellungen hervorbringen; aber vertieft man sich in das Wesen der Vorstellungen, so kann man sie nicht als Gehirnprodukte ansehen. Das ist solch ein Grenzort des Erkennens; V-Vischer sagt mit Bezug darauf:

[ 29 ] In particular, V-Vischer repeatedly encountered the following contradiction: The brain is said to be the organ of the soul, and is supposed, in a sense, to produce ideas; but if one delves into the nature of these ideas, one cannot regard them as products of the brain. This is one of those boundaries of cognition; V-Vischer says in this regard:

[ 30 ] «Kein Geist, wo kein Nervenzentrum, wo kein Gehirn, sagen die Gegner.» Vischer sagt es ja selbst nicht! «Kein Nervenzentrum, kein Gehirn, sagen wir, wenn es nicht von unten auf unzähligen Stufen vorbereitet wäre; es ist leicht, spöttlich von einem Umrumoren des Geistes in Granit und Kalk zu reden — nicht schwerer, als es uns wäre, spottweise zu fragen, wie sich das Eiweiß im Gehirn zu Ideen aufschwinge. Der menschlichen Erkenntnis schwindet die Messung der Stufenunterschiede. Es wird Geheimnis bleiben, wie es kommt und zugeht, daß die Natur, unter welcher doch der Geist schlummern muß, als so vollkommener Gegenschlag des Geistes dasteht, daß wir uns Beulen daran stoßen; es ist eine Diremtion von solchem Scheine der Absolutheit, daß mit Hegels Anderssein und Außersichsein, so geistreich die Formel, doch so gut wie nichts gesagt, die Schroffheit der scheinbaren Scheidewand einfach verdeckt ist. Die richtige Anerkennung der Schneide und des Stoßes in diesem Gegenschlag findet man bei Fichte, aber keine Erklärung dafür.»

[ 30 ] “No mind where there is no nerve center, where there is no brain, say the opponents.” Vischer himself does not say this! “No nerve center, no brain,” we say, “if it were not prepared from below through countless stages; it is easy to speak mockingly of a murmur of the mind within granite and limestone—no harder than it would be for us to ask mockingly how the protein in the brain soars into ideas. Human understanding loses the ability to measure these gradations. It will remain a mystery how it comes to be that nature—under which the mind must surely slumber—stands as such a perfect counterpoint to the mind that we bump our heads against it; it is a distinction of such an appearance of absoluteness that, with Hegel’s “otherness” and “being outside oneself”—however ingenious the formula—virtually nothing is said; the harshness of the apparent dividing wall is simply concealed. The proper recognition of the edge and the impact in this counter-blow is found in Fichte, but no explanation for it.”

[ 31 ] Sehr merkwürdig, diese Schilderung! Friedrich Theodor Vischer sieht sich an eine solche Erkenntnisgrenze gestellt; er schildert sein Erlebnis. Wie muß er es schildern? Er kommt zu dem Ausdruck: «Wir stoßen uns Beulen daran.» Er kommt zu dem Ausdruck: «Schneide und Stoß im Gegenschlag.» — Man sieht die Seele, die sich differenzieren will, um innere Geistorgane zu entwickeln, durch die sie die übersinnliche Außenwelt erleben kann, in der sie drinnensteht.

[ 31 ] What a strange description! Friedrich Theodor Vischer finds himself confronted with such a limit to knowledge; he describes his experience. How must he describe it? He puts it this way: “We bump our heads against it.” He puts it this way: “A cut and a blow in return.” — One sees the soul striving to differentiate itself in order to develop inner spiritual organs through which it can experience the supersensible outer world in which it is immersed.

[ 32 ] Eine lange Zeit in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit war ein Hindernis, in der richtigen Art und Weise sich aufzuschwingen zu dem, was ich hier Geistorgane nenne, durch die man eine geistige Welt wahrnimmt, genau so, wie man durch die sinnlichen Organe eine sinnliche Welt wahrnimmt — eine lange Zeit war ein Hindernis, daß man glaubte, gewisse Fragen, gerade die Fragen über Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, könnten nur gelöst werden durch das menschliche Denken, durch das Denken, das von den sinnenfälligen Eindrücken ausgeht. Nun ist das Denken wichtig, denn im Grunde genommen besteht ein großer Teil jener Übungen, die man machen muß, um zu Geistorganen zu kommen, in einer Entwikkelung des Denkens, in einer höheren Entwickelung des Denkens, als das Denken ist, das man zur gewöhnlichen Naturwissenschaft braucht. Aber wenn man sich dem Denken nur überläßt, das man im gewöhnlichen Leben braucht, so ist es ein Denken, das aus dem gewöhnlichen Menschen kommt, nicht aus jenem zweiten, in ihm schlafenden Menschen. Dieses Denken führt nicht in die geistige Welt hinein; dieses Denken kann sich nur von sich klarmachen, daß es in der geistigen Welt steht. Das wird allerdings kein vorurteilsloser Mensch zugeben, daß Gedanken etwas sind, was in der sinnlichen Welt lebt; aber enthalten können diese Gedanken nichts anderes als Eindrücke der sinnlichen Welt, wenn sie aus der gewöhnlichen Menschennatur heraus genommen sind. Tiefere — ich möchte sagen, wenn der Ausdruck erlaubt ist — Erleber des menschlichen Innenlebens haben es auch wiederum wie in Geistesblitzen immer gefühlt, wohin das menschliche Denken führt, wenn es sich, emanzipiert von der äußeren sinnlichen Wahrnehmung, sich selbst überläßt.

[ 32 ] For a long time in the history of human development, there was an obstacle to properly elevating oneself to what I call here “spiritual organs”—through which one perceives a spiritual world, just as one perceives a sensory world through the sensory organs. For a long time, the obstacle was the belief that certain questions—specifically those concerning God, freedom, and immortality—could only be resolved through human thinking, through the kind of thinking that arises from sensory impressions. Now, thinking is important, for fundamentally, a large part of the exercises one must perform to attain spiritual organs consists in the development of thinking—in a higher development of thinking than that required for ordinary natural science. But if one relies solely on the thinking required in ordinary life, it is a form of thinking that arises from the ordinary human being, not from that second human being lying dormant within. This thinking does not lead into the spiritual world; this thinking can only convince itself that it is situated within the spiritual world. Admittedly, no open-minded person would concede that thoughts are something that exist within the sensory world; but these thoughts can contain nothing other than impressions of the sensory world if they are taken out of ordinary human nature. Deeper—I might say, if the expression is permissible—experiencers of human inner life have, in flashes of insight, always sensed where human thinking leads when, emancipated from external sensory perception, it is left to its own devices.

[ 33 ] Man kann wiederum, wenn man Erfahrung hat in der geisteswissenschaftlichen Literatur, bei zahlreichen, in ihrer Forschung über den Geist tiefgehenden Persönlichkeiten solche Lichtblitze, die manchmal allerdings Finsternisblitze sind, finden. Bei ihnen muß man wiederum stillstehen und beobachten, zu welchen Klippen das menschliche Erkenntnisleben führt, wenn dieses Leben aufrichtig und wahr und ehrlich mit sich selber ist und sich nicht allerlei Vorurteile vormacht, allerlei von anderen, sichergestellten Gebieten hergenommene Methoden auch auf das Seelenleben selber anwenden will. Wiederum ein Beispiel für viele:

[ 33 ] On the other hand, if one is familiar with the literature of the humanities, one can find such flashes of insight—which are, however, sometimes flashes of darkness—in the works of numerous thinkers who have delved deeply into the nature of the spirit. With them, one must pause and observe the pitfalls to which the human life of cognition leads when this life is sincere, true, and honest with itself—and does not delude itself with all sorts of prejudices or attempt to apply all manner of methods, borrowed from other, established fields, to the life of the soul itself. Here is yet another example among many:

[ 34 ] Ein Mann, der wirklich mit Erkenntnisproblemen und Erkenntnisrätseln gerungen hat, ist Gideon Spicker, der bis vor wenigen Jahren an der Universität in Münster Philosophie vorgetragen hat. Gideon Spicker ist ausgegangen von der Erziehung zum Geistigen. Aus der Theologie heraus haben sich die tiefsten Erkenntnisfragen in seiner Seele festgelegt. Vor einigen Jahren hat er ein schönes Büchelchen geschrieben: «Philosophisches Bekenntnis eines ehemaligen Kapuziners», zwei Bändchen; das eine gibt sein Leben, das andere gibt seine Erkenntnissehnsucht. An einer Stelle muß man besonders haltmachen, wo dieser ehemalige Kapuziner, der dann Philosophie-Professor geworden ist, sich über das Erlebnis ausspricht, das er mit dem Denken hatte, das er zwar losgebracht hat von der sinnlichen Erfahrung, das er aber, weil er in die Geisteswissenschaft hineinzugehen doch nicht den Mut hatte, nicht bis dahin ausbildete, wo die Kraft der Gedanken selber Geistorgane erweckt, so daß man einer geistigen Welt gegenübersteht, mit seiner Seele sich im Bereich des Übersinnlichen fühlt. Weil er an einem solchen Grenzorte war, an dem er mit dem Denken etwas erlebte, sprach er sich also aus:

[ 34 ] One man who has truly grappled with problems and mysteries of knowledge is Gideon Spicker, who taught philosophy at the University of Münster until a few years ago. Gideon Spicker began with an education in the spiritual realm. It was through theology that the deepest questions of knowledge took root in his soul. A few years ago, he wrote a lovely little book: Philosophical Confession of a Former Capuchin, in two volumes; one recounts his life, the other his longing for knowledge. There is one passage in particular that deserves special attention, where this former Capuchin—who later became a professor of philosophy—speaks about the experience he had with thinking: although he had detached it from sensory experience, he did not develop it to the point where the power of thought itself awakens spiritual organs— so that one stands before a spiritual world, feeling with one’s soul that one is in the realm of the supersensible. Because he was at such a threshold where he experienced something through thinking, he expressed himself thus:

[ 35 ] «Zu welcher Philosophie man sich bekenne: ob zur dogmatischen oder skeptischen, empirischen oder transzendentalen, kritischen oder eklektischen: alle ohne Ausnahme gehen von einem unbewiesenen und unbeweisbaren Satz aus, nämlich von der Notwendigkeit des Denkens. Hinter diese Notwendigkeit kommt keine Untersuchung, so tief sie auch schürfen mag, jemals zurück. Sie muß unbedingt angenommen werden und läßt sich durch nichts begründen» — er meint die Notwendigkeit des Denkens —, «jeder Versuch, ihre Richtigkeit beweisen zu wollen, setzt sie immer schon voraus. Unter ihr gähnt ein bodenloser Abgrund, eine schauerliche, von keinem Lichtstrahl erhellte Finsternis. Wir wissen also nicht, woher sie kommt, noch wohin sie führt. Ob ein gnädiger Gott oder ein böser Dämon sie in die Vernunft gelegt, beides ist ungewiß.»

[ 35 ] “Whatever philosophy one professes—whether dogmatic or skeptical, empirical or transcendental, critical or eclectic—all, without exception, proceed from an unproven and unprovable proposition, namely, the necessity of thought. No investigation, no matter how deeply it may delve, ever returns from behind this necessity. It must be accepted unconditionally and cannot be justified by anything”—he means the necessity of thought—“any attempt to prove its validity always presupposes it. Beneath it yawns a bottomless abyss, a terrifying darkness illuminated by no ray of light. We therefore do not know where it comes from, nor where it leads. Whether a merciful God or an evil demon has implanted it in reason, both remain uncertain.”

[ 36 ] So spricht allerdings kein Mensch, der nur ein bißchen etwas gelernt hat, vielleicht auch recht viel gelernt hat und dann aus den gelernten Begriffen heraus allerlei Philosophien aufstellt, allerlei monistische oder dualistische Weltanschauungen zusammenzimmert; so spricht ein Mensch, der durchgemacht hat, was der Erkenntnisringer und Erkenntnisforscher durchmachen kann, wenn er mit den Kräften seiner Seele nur tief genug in jene Untergründe des inneren Erlebens eintaucht, in die man eintauchen kann, in jene Untergründe, wo man an die Klippen, an die Scheidewände stößt, die man nur durchdringt, wenn die geistigen Organe wirklich erwachen, wenn sie Bewußtsein werden.

[ 36 ] However, this is not how someone speaks who has learned only a little—or perhaps even quite a lot—and then uses the concepts they have learned to construct all sorts of philosophies, cobbling together all sorts of monistic or dualistic worldviews; that is how a person speaks who has gone through what the seeker and explorer of knowledge can go through when, with the powers of his soul, he plunges deeply enough into those depths of inner experience—into which one can plunge— into those depths where one encounters the cliffs, the dividing walls, which one can penetrate only when the spiritual organs truly awaken, when they become consciousness.

[ 37 ] Ich habe eine Reihe solcher Menschen, die, wie Gideon Spicker, nach Erkenntnis ringen, kennengelernt im Leben, und ich habe versucht, solche Erkenntnis-Charaktere wiederzugeben in dem Bilde einer Persönlichkeit in meinen Mysterien-Dramen, in dem Bilde des Strader. Ich habe allerdings dabei erleben müssen, daß ich gerade von denen, die sich oftmals Anhänger der Geistesrichtung, die ich vertrete, nennen, am allertiefsten mißverstanden worden bin. Während die Persönlichkeiten, die in diesen Dramen, in diesen, ich möchte sagen, Erkenntnisdramen dargestellt sind, aus dem wirklichen, weit umfassenden Leben herausgenommen sind, aus jenem Leben, das gerade die Notwendigkeit und die Begründetheit der Geisteswissenschaft aus den anderen Gebieten des heutigen Daseins heraus zeigen soll, haben sich sonderbare Menschen gefunden, die geglaubt haben, ich wolle solche Rollen denen, die sie darstellen sollten, auf den Leib schreiben, während ich selbstverständlich von nichts weiter entfernt war als gerade von diesem.

[ 37 ] I have met a number of such people in my life who, like Gideon Spicker, are striving for insight, and I have tried to portray such seekers of insight in the character of Strader in my Mystery Dramas. However, I have had to experience that I have been most profoundly misunderstood precisely by those who often call themselves followers of the spiritual movement I represent. While the characters portrayed in these dramas—in these, I might say, “dramas of insight”—are drawn from real, far-reaching life, from the very life that is meant to demonstrate the necessity and validity of spiritual science in relation to other areas of contemporary existence, there have been strange people who believed that I intended to tailor such roles specifically to those who were to portray them, whereas I was, of course, nothing further removed from that than from this very notion.

[ 38 ] Man könnte durch einen Vergleich darstellen, was ein solcher Mensch erlebt, der nicht bis zur Geisterkenntnis, wohl aber bis zur Einsicht in die Notwendigkeit des Denkens kommt. Wer bis zur Geisterkenntnis kommt, der weiß, daß, wenn man das Denken nicht bloß bedenken will, sondern erlebt — so wie der niedere Organismus es erlebt, wenn sich aus einer unbestimmten Lebenssubstanz die Organe herausbilden —, der erlebt allerdings jenseits des Denkens nicht, was Gideon Spicker schildert, den bodenlosen Abgrund, die schauerliche, von keinem Lichtstrahl erhellte Finsternis, sondern er erlebt jenseits dieses Denkens die geistige Welt, welche die sinnliche Wirklichkeit trägt. Er erlebt sich mit seiner Seele in diesem übersinnlichen Bereich. Er erlebt es auch, daß es keine Ungewißheit bleibt, ob ein gnädiger Gott oder ein böser Dämon in die Vernunft gelegt ist, sondern er erlebt das Geistige, das in die Vernunft hereinstrahlt, dann durch geistige Erfahrung, geistige Beobachtung, wie die sinnliche Welt in die sinnliche Beobachtung hereinstrahlt.

[ 38 ] One could use a comparison to illustrate what a person experiences who does not attain knowledge of the spirit, but does come to understand the necessity of thinking. Those who attain knowledge of the spirit know that if one does not merely reflect on thinking, but experiences it — just as the lower organism experiences it when organs form from an indeterminate life substance — certainly does not experience beyond thinking what Gideon Spicker describes: the bottomless abyss, the terrifying darkness illuminated by no ray of light; rather, beyond this thinking, they experience the spiritual world that sustains sensory reality. He experiences himself with his soul in this supersensible realm. He also experiences that there remains no uncertainty as to whether a merciful God or an evil demon is embedded in reason; rather, he experiences the spiritual that shines into reason—through spiritual experience and spiritual observation—just as the sensory world shines into sensory observation.

[ 39 ] Aber man muß allerdings sagen, daß das Denken, wenn es nur sich selbst überlassen ist, wenn es bloß gedacht, nicht erlebt wird, daß dann eine solche Entwickelung des Seelenlebens sich vergleichen läßt — verzeihen Sie den etwas sonderbaren Vergleich, aber ich muß ihn machen, weil er eigentlich aus der Natur der Sache selbst folgt mit einem hungrigen Organismus. Und wenn man glaubt, durch bloßes Denken über die höchsten Fragen — Gott, Freiheit, Unsterblichkeit — etwas ausmachen zu können, dann gleicht man einem Menschen, der dem Hunger nicht dadurch abhelfen will, daß von außen Nahrung zugeführt wird, sondern daß der Hunger sich selber entwickelt, auf sich selbst gebaut entwickelt. So wenig man nämlich einen hungrigen Organismus zur Entwickelung bringen kann, so daß er in sich selbst wiederum seine Bedürfnisse ausgleicht, ebensowenig kann man, wenn man sich bloß dem Denken überläßt, es zu irgendeiner Erfüllung der Seele mit einem geistigen Gehalt bringen, zu irgendeiner Lösung der Fragen über Gott, Freiheit, Unsterblichkeit. Wie man, wenn man nicht ißt, nur immer weiter hungern kann, der Hunger niemals sich durch sich selbst stillt, so kann man zur geistigen Entwickelung nicht gelangen, wenn man nur immer weiter denkt.

[ 39 ] But it must be said, however, that when thought is left to its own devices—when it is merely thought and not experienced—such a development of the inner life can be compared—forgive me for this somewhat strange comparison, but I must make it because it actually follows from the very nature of the matter—to a starving organism. And if one believes that one can achieve something simply by thinking about the highest questions—God, freedom, immortality—then one resembles a person who does not seek to alleviate hunger by taking in food from the outside, but rather by allowing the hunger to develop on its own, to develop by relying on itself. For just as one cannot bring a hungry organism to a state of development where it satisfies its own needs from within, so too, if one devotes oneself solely to thinking, one cannot achieve any spiritual fulfillment of the soul or any resolution of the questions concerning God, freedom, and immortality. Just as, if one does not eat, one can only continue to hunger—for hunger never satisfies itself on its own—so too can one not attain spiritual development by merely continuing to think.

[ 40 ] Das hat vielfach die ältere philosophische Metaphysik gewollt. Und so hart es ist, wahr ist es doch: Diese veraltete Metaphysik, die allerdings für manche Menschen der Gegenwart etwas Neues ist — man will sie sogar ab und zu wiederum auffrischen und betrachtet es als eine große Errungenschaft, wiederum diese Fragen der Metaphysik aufzufrischen —, sie ist nichts anderes als eine Wissenschaft, welche an Unterernährung, an seelischer Unterernährung, leidet. Philosophische Metaphysik ist verhungerte Wissenschaft, seelisch.

[ 40 ] This is what traditional philosophical metaphysics has often sought. And as harsh as it may be, it is nonetheless true: This outdated metaphysics—which, admittedly, is something new to some people today—people even want to revive it from time to time and regard it as a great achievement to revisit these questions of metaphysics—is nothing other than a science that suffers from malnutrition, from spiritual malnutrition. Philosophical metaphysics is a science starved of the soul.

[ 41 ] Aber es genügt nicht, wenn man nur diese Erkenntnis erringt, um das innere Erleben wirklich richtig zu verstehen. Wie man verstehen muß, daß bloßes Denken zur Verhungerungsmetaphysik führt, wenn dieses Denken sich nicht aufkraftet zu innerlichem Erleben, so muß man auch verstehen, daß noch so viele Erkenntnisse der äußeren sinnenfälligen Wirklichkeit, die sich auf den Menschen beziehen, noch so viele Ergebnisse der Sinnesbeobachtung und der Verarbeitung dieser Sinnesbeobachtung durch den Verstand der Menschen, durch methodische Forschung, zu keiner Seelenerkenntnis führen können. Sie werden sich ja überzeugen können, wenn Sie heute gebräuchliche Lehrbücher oder sonstige Bücher über Seelenwissenschaft in die Hand nehmen; begonnen wird gewöhnlich damit, daß über das Nervensystem gesprochen wird. Was sonst über den menschlichen Organismus gesprochen wird, was dann aufgebaut wird, das ist oftmals sogar nur erflossen aus dem, was über den menschlichen Organismus aus der Physiologie, aus der Naturwissenschaft entlehnt ist.

[ 41 ] But it is not enough merely to arrive at this insight in order to truly understand inner experience. Just as one must understand that mere thinking leads to a “metaphysics of starvation” if that thinking does not rise to the level of inner experience, one must also understand that no matter how many insights into external, sensory reality pertaining to human beings there may be, no matter how many findings from sensory observation and the processing of these observations by the human mind through methodological research, none of these can lead to an understanding of the soul. You will be able to see this for yourselves if you pick up textbooks or other books on the science of the soul that are in common use today; they usually begin by discussing the nervous system. Whatever else is said about the human organism, whatever is then elaborated upon, often stems solely from what has been borrowed about the human organism from physiology and the natural sciences.

[ 42 ] Nun muß man immer wieder und wieder betonen, um nicht mißverstanden zu werden, daß es der Geisteswissenschaft so fern als möglich liegt, die Naturwissenschaft zu verkennen; dem, was die Naturwissenschaft auch in der neueren Zeit über die Geheimnisse des Nervenlebens, über die Geheimnisse des menschlichen Organismus überhaupt gebracht hat, dem soll sein Wert nicht genommen werden. Aber der Wert liegt auf einem anderen Gebiete als auf dem der Seelenerkenntnis. Man kann das bloße Denken sich überlassen, dann verhungert man, ist einem Verhungernden ähnlich; aber zur Erkenntnis des Seelenlebens sich bloß der äußeren Beobachtung zu überlassen, welche die Naturwissenschaft, die Anatomie, die Physiologie, die Biologie gibt, das gleicht von der anderen Seite dem Hineinführen in den menschlichen Organismus nicht von brauchbaren Nahrungsmitteln, sondern von allerlei Zeug, das unverdaulich ist. Wenn man sich den Magen anfüllt mit unverdaulichen Steinen oder mit dergleichen, so ist eben der menschliche Organismus nicht imstande, aus diesem unverdaulichen Zeug etwas zu machen. So kann man, wenn man die naturwissenschaftlichen Ergebnisse einfach so nimmt, wie sie sind, sie seelisch nicht verarbeitet, auch nicht annehmen, daß daraus irgendeine Aufklärung über die geistige Welt, über das Leben der Seele im Bereich des Übersinnlichen entsteht. Man hat sich in der neueren Zeit den verschiedensten Vorstellungen überlassen, die erklären sollen, wie eigentlich die Seele zum Leibe steht. Nicht nur, daß da die sonderbarsten Märchen herumschwirren in dem, was man oftmals Wissenschaft nennt. Märchen, Aberglaube, man will ihn ja aus dem äußeren Leben ausmerzen, in der Wissenschaft floriert er oftmals so stark, wie er nur jemals im Leben floriert hat, nur bemerkt man ihn in der Wissenschaft ebensowenig, wie man ihn damals im äußeren Leben bemerkte. So das Märchen von den Telegraphendrähten: daß die Nerven selber Telegraphendrähte wären nach der Seele hin, welche die äußeren Sinneseindrücke weiterleiten, dann wiederum andere Nerven, welche die Willensimpulse nach der Peripherie des Leibes lenken. Von diesem Märchen, von diesem immer wieder und wiederkehrenden Vergleiche möchte man schon gar nicht reden, denn was mit diesem Vergleich gemeint wird, ist ganz fern von dem wirklichen Tatbestand und entspringt nur einem eben nicht bemerkten wissenschaftlichen Aberglauben.

[ 42 ] It must be emphasized again and again, lest there be any misunderstanding, that spiritual science is as far removed as possible from misrepresenting the natural sciences; the achievements of the natural sciences—even in recent times—regarding the mysteries of nervous life and the mysteries of the human organism in general should not be devalued. But that value lies in a different realm than that of the understanding of the soul. One can rely solely on mere thinking, but then one starves—one becomes like a starving person; but to rely solely on external observation—as provided by natural science, anatomy, physiology, and biology—for an understanding of the life of the soul is, from the other side, akin to feeding the human organism not with useful nourishment, but with all sorts of indigestible matter. If one fills one’s stomach with indigestible stones or the like, the human organism is simply unable to make anything of this indigestible stuff. Thus, if one simply takes the findings of natural science at face value, without processing them spiritually, one cannot expect them to yield any insight into the spiritual world or into the life of the soul in the supersensible realm. In recent times, people have indulged in the most diverse notions intended to explain the actual relationship between the soul and the body. Not only are the strangest fairy tales circulating in what is often called science. Fairy tales and superstition—which people seek to eradicate from everyday life—often flourish in science as vigorously as they ever have in life, yet they go just as unnoticed in science as they did in everyday life back then. Take, for example, the fairy tale of the telegraph wires: that the nerves themselves are telegraph wires leading to the soul, which transmit external sensory impressions, and then in turn other nerves that direct the impulses of the will to the periphery of the body. One would rather not speak of this fairy tale, of this ever-recurring comparison, for what is meant by this comparison is far removed from the actual facts and stems solely from a scientific superstition that has gone entirely unnoticed.

[ 43 ] Aber zwei Vorstellungen möchte man doch hervorheben, welche auch heute sehr verbreitet sind bei denjenigen, die über das Verhältnis des Leibes zur Seele nachdachten. Die einen glauben, sie müssen den Leib — vorzugsweise reden sie ja dann von dem Nervensystem — wie eine Art Werkzeug der Seele behandeln, wie wenn also die Seele so eine Art Akteur wäre, ein Wesen, welches sich des Leibes wie eines Werkzeuges bedient. Die anderen, die nicht einsehen können, wie ein seelisch-geistiges Wesen — als was ihnen ja die Seele gilt — einen Angriffspunkt finden soll, um auf etwas Materielles wie den Leib zu wirken, die sind gar darauf gekommen — sehr viele heutige Seelenforscher sind darauf gekommen —, die sonderbare Vorstellung auszubilden, die man nennt den seelisch-leiblichen Parallelismus. Da sollen die Vorgänge des Leibes für sich ablaufen, alle möglichen leiblichen Vorgänge. Ohne daß die Seele auf den Leib wirkt wie eine Ursache oder der Leib zurück auf die Seele wirkt, soll das Seelenleben parallel mit den leiblichen Vorgängen ablaufen, so nebeneinander zwei Parallelströmungen. Eins begleitet immer das andere, nur wirkt das eine nicht auf das andere. Wundt, Ebbinghaus, eine ganze Anzahl von Psychologen, Paulsen — ich müßte viele anführen - geben sich dieser sonderbaren Parallelismustheorie hin.

[ 43 ] However, there are two ideas worth highlighting that remain very widespread even today among those who have reflected on the relationship between the body and the soul. Some believe they must treat the body—and they tend to speak specifically of the nervous system—as a kind of tool of the soul, as if the soul were a sort of actor, a being that makes use of the body as a tool. Others, who cannot see how a spiritual-soul being—which is what the soul is to them—could find a point of contact to act upon something material like the body, have even come to develop—and many contemporary researchers of the soul have come to this conclusion—the peculiar notion known as psychophysical parallelism. According to this view, bodily processes are supposed to proceed on their own—all manner of bodily processes. Without the soul acting upon the body as a cause, or the body acting back upon the soul, the life of the soul is supposed to run parallel to bodily processes, like two parallel currents flowing side by side. One always accompanies the other, yet one does not influence the other. Wundt, Ebbinghaus, a whole host of psychologists, Paulsen—I could name many others—have embraced this peculiar theory of parallelism.

[ 44 ] Alle diese Theorien leiden daran, daß sie eben durchaus nicht darauf kommen, worinnen der Zusammenhang der Seele mit dem Leib eigentlich beruht. Dieser Zusammenhang läßt sich nämlich weder dadurch ausdrücken, daß man sagt: Der Leib ist das Werkzeug der Seele —, noch läßt er sich dadurch ausdrücken, daß man sagt: Die Seelenerscheinungen, die Seelenvorgänge laufen parallel mit den Leibeserscheinungen ab.

[ 44 ] All of these theories suffer from the fact that they fail entirely to identify the actual basis of the connection between the soul and the body. This connection cannot be expressed by saying, “The body is the instrument of the soul,” nor can it be expressed by saying, “The phenomena and processes of the soul run parallel to those of the body.”

[ 45 ] Ich kann allerdings dasjenige, was auf diesem Gebiete zu sagen ist, was ein weites Feld umspannt, nur vorbringen — wie ich ja auch angekündigt habe — als Ergebnis und Beobachtung der Anthroposophie; die weiteren Begründungen kann jeder in den verschiedenen Schriften von mir finden. Aber ich möchte das Wesentliche, wozu gerade die angeregten Fragen die anthroposophische Forschung führen, denn doch heute hier in Kürze entwickeln.

[ 45 ] However, I can only present what needs to be said in this field—which covers a wide range of topics—as I have already announced, as a result and observation of anthroposophy; everyone can find further explanations in my various writings. But I would like to briefly outline here today the essential points to which the questions raised lead anthroposophical research.

[ 46 ] Will man das Verhältnis der Seele zum Leib in der richtigen Art ausdrücken, so muß man sagen: Insofern der Mensch in Betracht kommt, erweist sich für eine wirkliche Beobachtung — für eine solche Beobachtung, die dazu vordringt, Geistiges zu schauen auf dem Wege, den ich angedeutet habe — alles Leibliche, was am Menschen ist, weder als Werkzeug noch als nebenherlaufender Vorgang, sondern als Schöpfung des Seelischen, im Kleinen und im Großen als Schöpfung des Seelischen. Und es ist nichts Leibliches am Menschen, das nicht eine Schöpfung des Seelischen wäre. Man muß allerdings manches Vorurteil abstreifen, man muß manche neuen Begriffe aufnehmen aus der Geisteswissenschaft, wenn man diese weittragende Idee, daß alles Leibliche eine Schöpfung des Seelischen ist, ins Auge fassen will.

[ 46 ] If one wishes to express the relationship of the soul to the body correctly, one must say: Insofar as the human being is concerned, true observation—the kind of observation that penetrates to the point of perceiving the spiritual in the way I have indicated—reveals that everything physical in the human being is neither a tool nor a secondary process, but rather a creation of the soul, on both a small and a large scale, a creation of the soul. And there is nothing physical in the human being that is not a creation of the soul. One must, however, cast aside certain prejudices and adopt certain new concepts from spiritual science if one wishes to grasp this far-reaching idea that everything physical is a creation of the soul.

[ 47 ] Schon im Kleinen ist das so, wenn wir irgendeine Vorstellung uns bilden, wenn ein Gefühl auftritt in uns. Ja, nur weil man nicht gelernt hat, wirklich geist-leiblich zu beobachten, glaubt man, da wirke etwas Äußerliches auf einen fertigen Leib; die äußerliche Wirkung übertrage sich durch das Auge oder Ohr auf den fertigen Leib, dann gehe die Wirkung im Innern weiter. Sehen Sie sich einmal wirklich vorurteilslos die entsprechenden Theorien, die so sprechen, an; Sie werden überall finden: Auf wirkliche Beobachtung sind sie gar nicht gebaut, sondern sie sind eigentlich alle auf Vorurteile gebaut. Denn was wirklich vorgeht, wenn wir eine Wahrnehmung machen, wenn wir etwas hören, das ist in dem Moment eigentlich in seinem wesentlichsten Teile schon vollzogen, wenn uns die Sache zum Bewußtsein kommt, und ist immer im Grunde genommen ein Bildungsvorgang im Leibe. Ein Lichtstrahl trifft uns; der Lichtstrahl bewirkt etwas. Er ist in derselben Welt, in der auch unser Leib eingeschaltet ist. In unserem Leib geht etwas vor. Was darinnen vorgeht, das ist von ganz derselben Art, nur im Kleinen, ich möchte sagen im Atomistischen, wie das ist, wenn aus Kräften im Großen unser Gesamtorganismus gebildet wird. Wie unser Gesamtorganismus gebildet wird aus den Kräften des Wachstums und aus anderen Kräften heraus, so wird etwas gebildet in uns, wenn ein Lichtstrahl uns trifft, wenn ein Tonstrahl uns trifft und so weiter. Was da gebildet wird, was Neubildung ist in uns, was entstanden ist in uns, was geradeso als etwas Feines, Atomistisches in uns ist, wie wenn uns ein neuer Finger gewachsen wäre — das wäre nur deutlicher —, das spiegelt sich dann zurück in die Seele, die nicht im Leibe ist, sondern immer im Bereich des Übersinnlichen. Und das Spiegelbild, das kommt uns zum Bewußtsein. Der Vorgang aber, der sich da vollziehen muß für das wache Bewußtsein, muß ein Verzehrungsvorgang, ein Abbauvorgang, wirklich ein kleiner Tod sein.

[ 47 ] This is true even on a small scale, when we form any kind of mental image, when a feeling arises within us. Indeed, it is only because we have not learned to observe truly in a mind-body context that we believe something external is acting upon a fully formed body; that the external influence is transmitted through the eye or ear to the fully formed body, and then the effect continues within. Take a truly unbiased look at the relevant theories that make such claims; you will find everywhere that they are not based on actual observation at all, but are in fact all built on prejudices. For what really happens when we perceive something, when we hear something, is in fact already accomplished in its most essential parts at the very moment the object enters our consciousness, and is always, fundamentally speaking, a formative process within the body. A ray of light strikes us; the ray of light brings about something. It is in the same world in which our body is also situated. Something is happening within our body. What takes place within it is of exactly the same nature—only on a smaller scale, I might say on an atomic scale—as what occurs when our entire organism is formed from forces on a larger scale. Just as our entire organism is formed from the forces of growth and other forces, so too is something formed within us when a ray of light strikes us, when a sound wave strikes us, and so on. What is formed there—what is new formation within us, what has arisen within us, what exists within us as something subtle and atomistic, just as if a new finger had grown on us—only more clearly—is then reflected back into the soul, which is not in the body but always in the realm of the supersensible. And this reflection comes into our consciousness. But the process that must take place there for the waking consciousness must be a process of consumption, a process of decomposition—truly a little death.

[ 48 ] Wir können an den gewöhnlichen Bewußtseinsvorgängen, an dem, was wir als Vorstellung, Fühlen und Wollen im gewöhnlichen Leben haben, im Grunde genommen uns nicht völlig überzeugen durch leiblich-geistige Beobachtung, wie es sich eigentlich mit dem Bewußtsein und mit dem Seelenwesen verhält. Aber wenn wir auf etwas anderes eingehen, wenn wir eingehen auf das, was auch unser gewöhnliches Wachleben begleitet, auf die Bildung der Erinnerungsvorstellungen, auf das Gedächtnis, da kommen wir dem schon näher, was eben gesagt worden ist. Wer zu beobachten versteht, was im Menschen vorgeht, der weiß: Was eigentlich eine Vorstellung uns bewußt macht, was macht, daß ich einen Gegenstand sehe, höre, fühle, das führt nicht sogleich zu Erinnerungen. Nein, sondern es muß immer etwas nebenherlaufen, ein anderer Vorgang nebenherlaufen. Haben Sie Sinn für Beobachtung, so sehen Sie sich an einen Schüler, der so recht ochst; was er alles für Nebenübungen machen muß, damit das, was er aufnimmt, auch gedächtnismäßig wird, damit es in die Erinnerung übergeht. Es muß nämlich immer ein unterbewußter Vorgang, ein unbewußter Begleitvorgang vor sich gehen. Das, was wir wissen, das bleibt uns nicht, sondern was neben dem Bewußtsein im Unterbewußtsein hergeht. Das aber, was da geschieht in unserem Organismus durch diese Nebenströmung des Bewußtseins, das ist noch sehr ähnlich den Vorgängen, die vor sich gehen, wenn wir wachsen, wenn wir von klein auf wachsen, wenn wir uns bilden. Das Entstehen von Bewußtseinsvorstellungen ist wirklich ein atomistischer Wachstumsvorgang im Kleinen. Es wächst etwas in uns, wenn es auch nur etwas Minuziöses ist. Sonst wachsen wir wie mit Riesenkräften im Verhältnis zu dem kleinen Wachstumsvorgang, der sich in uns vollzieht, unbemerkt für das gewöhnliche Leben, wenn Erinnerung sich bildet. Unter der Oberfläche des Stromes der bewußten Vorstellungen fließt, während wir vorstellend erleben, ein Geschehen, das die Erinnerungen trägt; und das ist sehr ähnlich den Wachstumsvorgängen. Fragen Sie, warum man gerade in der Jugend das Gedächtnis gut ausbilden kann? Weil man da noch eben jene Kräfte, die Wachstumskräfte sind, frisch in sich hat, weil sie noch nicht abgestorben, abgewelkt sind. Aber ich kann immer nur solche einzelnen Belege geben; man kann, was ich gesagt habe, durch Hunderte und Hunderte von einzelnen Beobachtungen belegen.

[ 48 ] Basically, we cannot fully convince ourselves through physical-spiritual observation of the ordinary processes of consciousness—that is, what we experience as perception, feeling, and volition in everyday life—as to what consciousness and the nature of the soul are actually like. But when we turn our attention to something else—to what also accompanies our ordinary waking life, to the formation of memory images, to memory—then we come closer to what has just been said. Anyone who knows how to observe what goes on within a human being knows this: What actually brings a mental image to our consciousness—what causes me to see, hear, or feel an object—does not immediately lead to memories. No, rather, something must always be happening alongside it; another process must be taking place in parallel. If you have a keen sense of observation, look at a student who is really struggling; see all the supplementary exercises they must do so that what they take in is also retained in memory, so that it passes into memory. For there must always be a subconscious process—an unconscious accompanying process—taking place. What we know does not remain with us; rather, it is what proceeds alongside consciousness in the subconscious. But what happens there in our organism through this secondary current of consciousness is still very similar to the processes that take place when we grow—when we grow from a young age, when we develop. The emergence of conscious perceptions is truly an atomistic growth process on a small scale. Something grows within us, even if it is only something minute. Otherwise, we grow—as if with immense forces in comparison to the small growth process taking place within us—unnoticed in ordinary life, as memories form. Beneath the surface of the stream of conscious perceptions, while we experience through imagination, there flows a process that carries the memories; and this is very similar to the processes of growth. You may ask, why is it that one can train the memory so well precisely during youth? Because at that time one still possesses within oneself those very forces—the forces of growth—fresh and alive, because they have not yet died or withered away. But I can only ever provide such individual examples; what I have said can be substantiated by hundreds and hundreds of individual observations.

[ 49 ] Dasjenige aber, was unser gewöhnliches Vorstellen ist, das auch, was unser Fühlen, was unser Wollen ist, was überhaupt der Verlauf unseres Seelenlebens ist, das greift nun schon so ein, daß es nicht nur sich spiegelt und dadurch das, was eigentlich geschieht, zum Bewußtsein bringt; sondern so, wie behufs der Erinnerung eine Unterströmung da ist zu unserem bewußten Leben, so gibt es auch eine Oberströmung. Und wie man die Unterströmung nicht bemerkt — man bemerkt sie höchstens, wenn der Schüler ochst und Bewegungen macht und sein Gehirn anstößt, um irgend etwas zu tun, diese Unterströmung zu fördern —, die Oberströmung bemerkt man erst recht nicht. Diese Oberströmung gehört aber vor allen Dingen dem an, was ich vorhin den zweiten Menschen genannt habe, der da schläft in dem gewöhnlichen Menschen, während wir denken, fühlen, wollen und auf diese Weise die Blüten unseres gewöhnlichen Lebens zustande bringen, das zwischen Geburt und Tod, oder sagen wir zwischen Empfängnis und Tod verläuft.

[ 49 ] But what constitutes our ordinary imagination—as well as our feeling, our volition, and indeed the entire course of our inner life—already intervenes in such a way that it does not merely reflect itself and thereby bring what is actually happening to consciousness; rather, just as there is an undercurrent to our conscious life for the sake of memory, so there is also an overt current. And just as one does not notice the undercurrent—one notices it, at most, when a student groans and stirs, jostling his brain to do something to stimulate this undercurrent—one certainly does not notice the overcurrent. This upper current, however, belongs above all to what I called earlier the “second human being,” who sleeps within the ordinary human being while we think, feel, and will, and in this way bring forth the blossoms of our ordinary life, which unfolds between birth and death—or, let us say, between conception and death.

[ 50 ] Ebenso wie die Erinnerungsströmung unter dem Bewußtsein, so verläuft über dem Bewußtsein etwas rein Seelisches, etwas, was nun gar nicht irgendwie im gewöhnlichen Erleben in den Leib eingreift. Und weil dieses bewußte Seelenleben ein solches, ich möchte sagen, Übererleben hat, deshalb reichen für dieses bewußte Seelenleben, ja für das vollständige Seelenleben die Kräfte gar nicht aus, die der Mensch als Wachstumskräfte hat. Die Kräfte, die den Menschen zur Geburt führen, reichen nicht aus. Diese Kräfte könnten am Menschen nur hervorrufen, was wir am schlafenden Organismus wahrnehmen. In dem Augenblicke, wo in den Organismus das Bewußtsein mit seinen bezeichneten Überströmungen eingreift, müssen in den Organismus diejenigen Kräfte eingreifen, die dann in ihrer Gesamtsumme als Tod diesen Organismus auch zerstören. Diese Kräfte sind Abbaukräfte, sind solche Kräfte, die immer mehr und mehr abbauend eingreifen, so daß die Kräfte des Wachstums ausgleichend im Schlafe wirken müssen. Erst dann versteht man das übersinnliche Leben der Seele, wenn man weiß, wie weit untersinnlich das rein Organische reicht.

[ 50 ] Just as the stream of memories flows beneath consciousness, so too does something purely spiritual flow above consciousness—something that does not in any way intervene in the body through ordinary experience. And because this conscious soul life has, so to speak, a “super-life,” the forces that human beings possess as forces of growth are by no means sufficient for this conscious soul life—indeed, for the entire soul life. The forces that lead a human being to birth are not sufficient. These forces could only bring about in a human being what we perceive in a sleeping organism. At the moment when consciousness, with its characteristic overflowing forces, intervenes in the organism, those forces must also intervene in the organism which, in their totality, will ultimately destroy this organism—that is, bring about death. These are forces of decay—forces that intervene with ever-increasing destructive power, so that the forces of growth must act as a counterbalance during sleep. Only then can one understand the supersensible life of the soul when one knows how far below the sensible realm the purely organic extends.

[ 51 ] Ich spreche nicht gern — die verehrten Zuhörer, die öfter mich hier gehört haben, wissen das — von rein persönlichen Erlebnissen; allein, was ich jetzt von rein persönlichen Erlebnissen sagen will, hängt ja wesentlich mit dem zusammen, was ich überhaupt vorzubringen habe.

[ 51 ] I do not like to speak—as my esteemed audience, who have heard me speak here on numerous occasions, knows—about purely personal experiences; however, what I now wish to say about purely personal experiences is, after all, closely related to the main point I have to make.

[ 52 ] Ich darf wohl gestehen, daß ich durch innere Arbeit die Probleme, von denen ich auch heute spreche, von denen ich in meinen Schriften spreche, seit weit mehr als dreißig Jahren intensiv verfolge, verfolge auf allen Wegen, die sich ergeben können. Diese Wege sollen die Seele hineinführen in das Gebiet des geistigen Lebens und in den Zusammenhang dieses geistig-seelischen Lebens mit dem leiblichen Leben. Ich habe gefunden, daß man, wenn man heute in Gemäßheit der wissenschaftlichen Errungenschaften unserer Zeit ehrlich und aufrichtig zu Werke geht, wirklich unendlich vieles und Fruchtbares gerade gewinnen kann, indem man sich naturwissenschaftlich diszipliniert, indem man sich naturwissenschaftlich schult. Man findet auf diesem Wege dann auch — gerade wenn man durch die Naturwissenschaft geht — genau diejenigen Fragen, diejenigen Probleme, zu deren Lösung die gewöhnliche Naturwissenschaft nicht ausreicht. Ja, gerade aus naturwissenschaftlichem Denken heraus bekommt man andere Ergebnisse, andere Beobachtungsresultate über das, was in der Naturwissenschaft eigentlich vorliegt.

[ 52 ] I must confess that, through inner work, I have been intensively exploring the problems I am speaking about today—and which I discuss in my writings—for well over thirty years, pursuing them in every way possible. These paths are meant to lead the soul into the realm of spiritual life and into the connection between this spiritual-soul life and physical life. I have found that if one sets to work today honestly and sincerely in accordance with the scientific achievements of our time, one can truly gain an infinite amount of fruitful insight precisely by disciplining oneself scientifically and by training oneself in the natural sciences. In this way—precisely when one engages with the natural sciences—one also encounters exactly those questions and problems for which conventional natural science is insufficient to provide a solution. Indeed, it is precisely through scientific thinking that one arrives at different conclusions and different observational findings regarding what actually exists in the natural sciences.

[ 53 ] Ich muß sagen: Zu den größten Rätseln auf naturwissenschaftlich-geisteswissenschaftlichem Gebiete gehörte für mich durch Jahrzehnte die Frage nach dem Wesen des Nervensystems, dieses Nervensystems, das naturwissenschaftliche Psychologen, psychologische Naturwissenschafter der Gegenwart eben für das Organ der Seele halten, von dem sie sich vorstellen, daß in den Nerven eine innere Tätigkeit vor sich geht, die so ähnlich ist wie andere Organtätigkeiten. Nun ja, es gehen auch solche Tätigkeiten in den Nerven vor sich, aber sie dienen eben nicht der Bildung von Vorstellungen, von Gefühlen und vom Willen. Die Vorgänge, die im Nervensystem vor sich gehen, dienen der Ernährung der Nerven, dienen der Herstellung der Nervensubstanz, wenn sie verbraucht ist. Sie dienen eben durchaus nicht dem seelischen Leben; sie müssen aber da sein, damit das seelische Leben stattfinden kann. Ich darf einen Vergleich gebrauchen, den ich hier schon einmal gebraucht habe.

[ 53 ] I must say: For decades, one of the greatest mysteries in the fields of natural science and the humanities has been, for me, the question of the nature of the nervous system—this nervous system that contemporary scientific psychologists and psychological natural scientists regard as the organ of the soul, imagining that an inner activity takes place within the nerves that is similar to the activities of other organs. Well, yes, such activities do take place in the nerves, but they do not serve to form perceptions, feelings, or the will. The processes that take place in the nervous system serve to nourish the nerves and to regenerate nerve tissue when it is depleted. They certainly do not serve the life of the soul; yet they must be present so that the life of the soul can take place. Allow me to use a comparison that I have already employed here before.

[ 54 ] Wenn man das Nervensystem ansieht und es betrachtet als etwas, was da sein muß zum Seelenleben, so hat man eben so etwas, wie wenn man sagt: Der Boden muß da sein, damit ich nicht in die Tiefe falle, wenn ich gehen will. Aber wenn ich gehe, der Boden ist weich, und ich lasse Spuren zurück, dann wird derjenige ganz fehlgehen, der nun den Boden untersucht und die Kräfte darinnen sucht, in dem Boden, die da meine Fußspuren gemacht haben, von innen heraus. So wenig wie diese Kräfte von innen heraus, ebensowenig machen irgendwelche inneren Kräfte des Gehirns und Nervensystems die Spuren, die durch Vorstellen, Wollen und Fühlen entstehen. Da wirkt das Seelische, das im übersinnlichen Gebiet waltet. Sowenig ich, wenn ich gehe, etwas zu tun habe mit dem Fußboden — trotzdem er mir notwendig ist —, sowenig hat die Seele etwas zu tun mit den Nerven, trotzdem gewiß dieses Nervensystem so notwendig ist wie mir der Fußboden.

[ 54 ] If one looks at the nervous system and regards it as something that must be present for spiritual life, it is just as if one were to say: The ground must be there so that I do not fall into the abyss when I want to walk. But when I walk, the ground is soft, and I leave footprints behind; then anyone who now examines the ground and searches for the forces within it—in the ground where my footprints were made—from the inside out will be completely mistaken. Just as these forces do not originate from within, neither do any inner forces of the brain and nervous system produce the traces that arise through imagination, will, and feeling. Here the soul is at work, reigning in the supersensible realm. Just as I, when I walk, have nothing to do with the ground—even though I need it—so, too, the soul has nothing to do with the nerves, even though this nervous system is certainly as necessary to me as the ground is.

[ 55 ] Ehe man das nicht einsieht, ehe man das nicht als wirkliche Beobachtung erlebt, eher kann man überhaupt zu keinem Verständnis des wahren Wesens der Seele kommen. Was dem seelischen Leben wirklich zugrunde liegt im Nervenleben, sind nicht die Ernährungsvorgänge, sind nicht organische Vorgänge des Nervensystems — die führen, wie gesagt, zu einer anderen Richtung hin —, das ist dasjenige, was ich nun näher bezeichnen möchte. Ich habe das vorhergehende Persönliche angeführt, damit Sie sehen, daß ich nicht leichtsinnig ein so Gewichtiges ausspreche, was ich jetzt aussprechen will, daß es schwer errungen ist, was ich über das Nervenleben sage: Indem der Mensch in seine Nervenverästelungen sich hineinlebt, indem organische Kräfte in die Nervenverästelungen hineingehen, geht er über aus dem Leben in den Tod. In die Nervenverästelungen hinein stirbt der Mensch fortwährend, wenn er diese Nervenverästelungen zum Denken, Fühlen oder Wollen gebraucht. Das organische Leben geht nicht etwa wie die Wachstumsverhältnisse fort, sondern es erstirbt, indem es sich in die Nerven hinein verästelt. Und indem es erstirbt, indem es Leichnam wird, abhungert, sich ablähmt, bereitet es die Möglichkeit eines Bodens für die geistige Entwickelung, für das rein übersinnliche Seelische. Genau ebenso, wie wenn ich unter dem Rezipienten einer Luftpumpe die Luft wegschaffe, die darinnen ist, luftleeren Raum schaffe, dann die Luft ganz von selber einströmt und sich drinnen geltend macht, so strömt, wenn der Organismus in das Nervensystem hinein fortwährend den partiellen Tod sendet, fortwährend sich abgestorben macht, in den abgestorbenen Teil seelisches Leben ein.

[ 55 ] Until one recognizes this, until one experiences it as a genuine observation, one cannot even begin to grasp the true nature of the soul. What truly underlies spiritual life in nervous activity is not the processes of nutrition, nor are they organic processes of the nervous system—which, as I said, lead in a different direction—but rather that which I would now like to describe in more detail. I have cited the preceding personal account so that you may see that I am not speaking lightly about something as weighty as what I am about to say, that what I am saying about nervous life has been hard-won: As a person immerses themselves in their nervous ramifications, as organic forces enter into these nervous ramifications, they pass from life into death. A person is continually dying into the nerve networks whenever they use these networks for thinking, feeling, or willing. Organic life does not continue in the same way as growth processes, but rather it dies off as it branches out into the nerves. And as it dies off, as it becomes a corpse, starves itself, and weakens itself, it prepares the ground for spiritual development, for the purely supersensible soul. Just as when I remove the air from the receptacle of an air pump—creating a vacuum—and the air then flows in of its own accord and asserts itself within, so too, when the organism continually sends partial death into the nervous system, continually causing itself to die off, spiritual life flows into the dead part.

[ 56 ] Daher ist der Tod, der partielle Tod die Grundlage des Bewußtseins. Lernt man erkennen, daß der Mensch nicht ein Hineinergießen seiner organischen Kräfte in seinen Leib braucht, um diesen Leib zum Sitz der Seele zu machen, sondern daß der Mensch in die Notwendigkeit versetzt ist, seinem organischen Erleben gerade Grenzen zu setzen, seinem organischen Weben der Kräfte immerfort den Tod zu schaffen, immerfort zurückzuziehen dieses organische Leben aus den Stellen, zu denen die Nerven Gelegenheit geben, dann merkt man, wie das übersinnliche Seelenleben in dem sinnlichen Leib darinnen sich entfalten kann, nachdem es sich allerdings diesen sinnlichen Leib zuerst aufgebaut hat. Denn dieselbe Seele ist es, die in der Zeit von der Geburt, oder sagen wir der Empfängnis bis zum Tode denkt, fühlt und will, dieselbe Seele ist es, die auch vorher da ist. Die geistige Welt — ich habe es hier auch schon öfter ausgesprochen — ist nicht irgendwie in einem Wolkenkuckucksheim, sie ist überall da, wo die sinnliche auch ist; sie durchdringt, durchsetzt sie; und überall, wo sinnliche Wirkungen sind, gehen sie heraus aus übersinnlichen, aus geistigen Wirkungen. Diese Seele, die während des Lebens, weil sie sich den Leib fertig gebildet hat, weil sie sich ihn umgebildet hat zum Spiegelungsapparat, der ihr zurückstrahlt die Vorgänge, die ihr zum Bewußtsein kommen können, dieselbe Seele, die also sich bewußt gestaltet, weil sie gewissermaßen den Leib verfestigt hat, dieselbe Seele lebt in der übersinnlichen Welt, bevor sie zur Geburt, oder sagen wir Empfängnis kam, sie lebt in der übersinnlichen Welt, und in diesem Leben hängt sie mit der übersinnlichen Welt zusammen. Diese Seele ist vorhanden, nicht Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte, bevor sie durch die Empfängnis zum sinnlichen Dasein schreitet.

[ 56 ] Therefore, death—partial death—is the foundation of consciousness. Once one comes to recognize that a human being does not need to pour his or her organic forces into the body in order to make this body the seat of the soul, but rather that a human being is compelled to set precise limits on his or her organic experience, to constantly bring about the death of the organic interplay of forces, to constantly withdraw this organic life from the places to which the nerves provide access, then one realizes how the supersensory life of the soul can unfold within the physical body, after it has, of course, first built up this physical body for itself. For it is the same soul that thinks, feels, and wills during the period from birth—or, let us say, from conception—until death; it is the same soul that is also present beforehand. The spiritual world—as I have often stated here—is not somehow up in some cloud-cuckoo-land; it is present wherever the physical world is; it permeates and interweaves with it; and wherever there are physical effects, they arise from supersensible, from spiritual effects. This soul, which during life—because it has fully formed the body, because it has transformed it into a mirroring apparatus that reflects back to it the processes that can come to its consciousness—this same soul, which thus consciously shapes itself because it has, so to speak, solidified the body, this same soul lives in the supersensible world before it came into being through birth, or let us say conception, it lives in the supersensible world, and in this life it is connected to the supersensible world. This soul exists—not for decades, but for centuries—before it steps into sensory existence through conception.

[ 57 ] Und so, wie während des Lebens zwischen Geburt und Tod diese Seele im Leibe sich ihr Abbild geschaffen hat und durch dieses Abbild des Leibes ihr Leben entfaltet, so entfaltet das Leben der Seele von der anderen Seite, von der übersinnlichen Welt her, durch ihr Strahlen und Strömen die Kräfte, welche durch Generationen Eltern, Vater und Mutter, wiederum Vater und Mutter eine weitere Generation hinauf und so weiter, zusammenführen, so führen sie die Menschen zusammen, daß sich durch die Generationen hindurch jene Kräfte ausbilden, die dann als Vererbungskräfte auftreten.

[ 57 ] And just as, during the life between birth and death, this soul has created its image within the body and unfolds its life through this image of the body, so, from the other side—from the supersensible world—the life of the soul, through its radiance and flow, unfolds the forces that bring together parents—father and mother—generation after generation, and so on; these forces bring human beings together in such a way that, throughout the generations, those forces develop which then manifest as hereditary forces.

[ 58 ] Es ist richtig — und keineswegs soll die naturwissenschaftliche Lehre von der Vererbung etwa angefochten werden von der Geisteswissenschaft —, daß, was wir vererben, in der sinnlichen Generationenreihe entsteht. Aber in diese sinnliche Generationenreihe wirkt schon unsere Seele hinein. Wir legen in unsere Vorfahren durch die Wirkungen unserer Seele die Kräfte, die wir dann vererbt erhalten. So bilden wir, wie wir in der Erinnerung im kleinen Wachstum etwas bilden, unseren Gesamtorganismus aus der geistigen Welt heraus; und nur die Unterlage, die Gelegenheit dazu wird gegeben durch das, was in der sinnlichen Vererbungsströmung, in der Generationenfolge ist. Der Leib ist durchaus Geschöpf des Seelisch-Geistigen. So wie das einzelne Erlebnis zwischen Geburt und Tod auf einer Schöpfung des geistigen Wirkens beruht, so beruht auch das Gesamtleibliche des Menschen auf der Schöpfung dieses Leiblichen aus dem Geistig-Seelischen heraus. Aber aufgenommen wird in diese ganze Entwickelungsströmung nicht nur, was Wachstumskräfte sind, nicht nur, was vorwärtsschreitende Kräfte sind, sondern auch was die Kräfte sind, die sich dann in der Gesamtsumme als Tod zeigen, der nur die Außenseite für die Unsterblichkeit ist.

[ 58 ] It is true—and spiritual science in no way intends to challenge the scientific theory of heredity—that what we bequeath arises within the physical line of generations. But our soul already exerts an influence within this physical line of generations. Through the effects of our soul, we imbue our ancestors with the forces that we then receive as an inheritance. Thus, just as we form something in our memory during our early development, we shape our entire organism out of the spiritual world; and only the foundation, the opportunity for this, is provided by what exists in the physical stream of heredity, in the succession of generations. The body is entirely a creation of the soul-spiritual. Just as the individual experience between birth and death is based on a creation of spiritual activity, so too does the entirety of the human physical body rest upon the creation of this physical body from the spiritual-soul realm. But this entire stream of development incorporates not only the forces of growth, not only the forces that propel us forward, but also the forces that, in their totality, manifest as death—which is merely the outer aspect of immortality.

[ 59 ] Denn indem das Seelisch-Geistige gewissermaßen den Leib in die Welt hineinstellt, an ihm sich spiegelt, erlebt es sein eigenes Leben im Bereich des Übersinnlichen. Dadurch aber, daß die Ihnen vorhin geschilderte Oberströmung sich entwickelt, dadurch zerstört es zugleich den Leib, dadurch trägt es den Tod hinein. Und so, wie jedes Bewußtsein auf einem partiellen Tod beruht, so ist der gesamte Tod nichts anderes als das Zurücknehmen des Seelischen vom Leiblichen, das der Beginn eines andersartigen Erlebens des Seelischen ist. Wir wissen: So, wie wir für die Zeit zwischen Geburt und Tod die Erinnerungsvorstellungen ausbilden, so bilden wir in der angedeuteten übersinnlichen Strömung, in der überbewußten Strömung, den inneren Menschen aus, der durch Geburten und Tode geht, der ewig ist.

[ 59 ] For insofar as the soul-spiritual, as it were, places the body into the world and reflects itself in it, it experiences its own life in the supersensible realm. But through the development of the overcurrent I described to you earlier, it simultaneously destroys the body and thereby brings death into it. And just as every form of consciousness is based on a partial death, so total death is nothing other than the withdrawal of the soul from the body—which is the beginning of a different kind of experience of the soul. We know: Just as we form our memories for the period between birth and death, so do we form, within the supersensible current described above—the superconscious current—the inner human being who passes through births and deaths, who is eternal.

[ 60 ] Was ich angedeutet habe als das Erleben der Seele, das Sich-selbst-Erleben der Seele im Übersinnlichen, das ist nun nicht etwa etwas, was der Geistesforscher erzeugt, das ist etwas, was als der charakterisierte zweite Mensch, der sonst aber nur verschlafen wird, immer in dem Menschen ist. Geistesforschung ist nichts anderes als das Zum-Bewußtsein-Bringen desjenigen, was im Menschen fortwährend ist, was auch ewig ist im Menschen, so daß es durch den Tod hindurchgehen kann. Dann, wenn man auf die angedeutete Weise in die Lage kommt, sich mit seinem Seelischen im Geistigen zu bewegen, geradeso, wie man sich mit seinen Sinnen im Physisch-Sinnlichen bewegt, dann weiß man, daß man als Mensch, als geistig-seelischer Mensch, ebenso in einer Geisteswelt lebt, wie man durch die Sinne in einer physischen Welt lebt. Und wie man, hinschauend auf die physische Welt, Reiche unterscheidet — das Mineralreich, das Pflanzenreich, das Tierreich —, so unterscheidet man in der geistigen Welt Reiche voller Wesen, die, hinaufgehend, immer geistiger und geistiger werden, denen der Mensch durch seine Seele ebenso angehört, wie er durch seinen Leib dem mineralischen, dem pflanzlichen, dem tierischen Reich angehört. Kurz, die Seele tritt bewußt ein in das Gebiet des Geistigen.

[ 60 ] What I have referred to as the soul’s experience—the soul’s experience of itself in the supersensible realm—is not something that the spiritual researcher creates; rather, it is something that is always present within the human being as the “characterized second human,” who is otherwise simply overlooked. Spiritual research is nothing other than bringing to consciousness that which is constantly present in the human being—that which is also eternal within the human being, so that it can pass through death. Then, when one is able, in the manner described, to move with one’s soul in the spiritual realm—just as one moves with one’s senses in the physical-sensory realm—one knows that as a human being, as a spiritual-soul being, one lives in a spiritual world just as one lives in a physical world through the senses. And just as one distinguishes realms in the physical world—the mineral realm, the plant realm, the animal realm—so too does one distinguish realms in the spiritual world, filled with beings that, as they ascend, become ever more spiritual; to these realms the human being belongs through his soul, just as he belongs to the mineral, plant, and animal realms through his body. In short, the soul consciously enters the realm of the spiritual.

[ 61 ] Ich möchte diese Weltanschauung, welche auf die Art wissenschaftlich entsteht, wie ich es angedeutet habe, am liebsten nennen nach den Quellen — wenn man nicht mißverstanden werden würde, würde ich es auch immer so nennen —, nach den Quellen, aus denen sie für mich selber stammt; ich würde diese Weltanschauung am liebsten Goetheanismus nennen, so wie ich, wenn dadurch nicht Mißverständnisse über Mißverständnisse sich ergeben würden, den Bau in Dornach draußen, der dieser Weltanschauung gewidmet ist, am liebsten Goetheanum nennen würde. Denn nicht auf irgendwelchen Träumereien, nicht auf irgendwelchen willkürlichen Einfällen, sondern auf der gesunden Voraussetzung, auf welcher die Goethesche Weltanschauung beruht, beruht auch dasjenige, was von mir als Anthroposophie gemeint ist. Goethe unterschied sich in seiner Auffassung der Naturdinge gerade durch solche Voraussetzungen von demjenigen, was nachher als Naturwissenschaft — zwar mit einem gewissen Recht, denn man kommt mit Begriffen nur dann vorwärts, wenn man sie reinlich gebraucht — entstanden ist. Goethe aber bildete solche naturwissenschaftliche Begriffe aus, daß diese Begriffe wirklich nicht der Seele wie Steine im Magen liegen, sondern umgebildet werden können, so daß man heraufkommt mit diesen naturwissenschaftlichen Begriffen in das Gebiet des Seelischen. Goethe selbst hat noch nicht Geisteswissenschaft begründet; er ist nicht dazu gekommen. Aber er hat seine Metamorphosenlehre so ausgebildet, daß man nur konsequent das innere Erleben aus den Prinzipien heraus weiter auszugestalten braucht, aus denen die Goethesche Metamorphosenlehre geflossen ist, dann kommt man auch zu einer Erfassung des seelisch-geistigen Erlebens.

[ 61 ] I would most like to name this worldview—which arises scientifically in the way I have indicated—after the sources—if I were not to be misunderstood, I would always call it that—after the sources from which it originates for me personally; I would most like to call this worldview “Goetheanism,” just as—if this did not lead to misunderstandings upon misunderstandings—I would most like to call the building in Dornach, which is dedicated to this worldview, the “Goetheanum.” For what I mean by “anthroposophy” is based not on mere daydreams or arbitrary whims, but on the sound foundation upon which Goethe’s worldview is based. Goethe differed in his conception of natural phenomena precisely because of such premises from what later emerged as natural science—albeit with a certain justification, for one can only make progress with concepts if one uses them correctly. Goethe, however, formulated these scientific concepts in such a way that they do not lie heavy in the soul like stones in the stomach, but can be transformed so that one can ascend with these scientific concepts into the realm of the soul. Goethe himself did not yet establish spiritual science; he did not get that far. But he developed his theory of metamorphosis in such a way that one need only consistently elaborate inner experience further from the principles from which Goethe’s theory of metamorphosis flowed; then one also arrives at an understanding of soul-spiritual experience.

[ 62 ] Wozu kommt denn eigentlich die landläufige Psychologie? Ein sehr, sehr bedeutender, wie ich glaube, der bedeutendste Philosoph der Gegenwart, der in diesem Frühling in Zürich verstorbene Franz Brentano, er hat ein reiches Erkenntnisleben hinter sich, er war ein Kämpfer auf diesem Gebiet; zuletzt hat er ein Asyl gefunden, während der Zeit dieses Krieges, in Zürich; im Frühling dieses Jahres starb er. Er hat sein ganzes Leben hindurch, neben seinen anderen tiefgründigen Forschungen auf dem Gebiet des Seelenlebens, versucht, zurechtzukommen mit dem, was man nennt: Denken oder Vorstellen, Fühlen und Wollen. Es spielen ja diese drei Begriffe in der Seelenwissenschaft eine ganz besondere Rolle. Nun, auch Franz Brentano ist nicht weitergekommen als eigentlich nur zu einer Einteilung, ist nicht bis dahin gekommen, wo im Grunde genommen gerade im Seelischen erst gesehen werden kann, was da lebt als Seelisches, wo das Seelische selbst erst als ein Lebendiges erfaßt werden kann. Wenn man so einfach mechanisch gruppiert: Vorstellen, Fühlen, Wollen — hat man drei Klassen. Um das Seelische, in dem ja Denken, Fühlen und Wollen leben, als Lebendiges zu erfassen, muß man das Seelische, jetzt allerdings GeistigSeelische, in dem Sinne erfassen, wie Goethe die äußeren Naturdinge zu erfassen suchte in seiner Metamorphosenlehre, wie Goethe versuchte — man mag ihm darinnen nun mehr oder weniger Recht geben, darauf kommt es jetzt nicht an; im einzelnen mag er gefehlt haben, auf das Prinzipielle, auf das Methodische kommt es an-, wie Goethe versucht hat, in dem Blütenblatt, ja noch in den Fruchtorganen umgewandelte grüne Stengelblätter zu sehen. Wie er alle Organe durch eine metamorphosische Umwandlung ineinander sich zu erklären versuchte, so muß man nicht bloß stehenlassen nebeneinander Denken, Fühlen und Wollen, sondern den lebendigen Übergang von ihnen gewinnen.

[ 62 ] What, then, is the purpose of popular psychology? A very, very significant—indeed, I believe, the most significant—philosopher of our time, Franz Brentano, who passed away this spring in Zurich, had a rich intellectual life behind him; he was a pioneer in this field; he ultimately found refuge in Zurich during the war; he died this past spring. Throughout his entire life, alongside his other profound research into the realm of the soul, he sought to come to terms with what we call thinking or imagination, feeling, and volition. These three concepts, after all, play a very special role in the science of the soul. Well, even Franz Brentano did not get any further than merely a classification; he did not reach the point where, fundamentally, one can first perceive within the soul itself what lives there as a soul-life—where the soul itself can first be grasped as a living entity. If one simply groups them mechanically—imagination, feeling, and volition—one has three categories. To grasp the soul—in which thinking, feeling, and willing are alive—as a living entity, one must grasp the soul—now, however, the spiritual-soul—in the same sense that Goethe sought to grasp the external phenomena of nature in his theory of metamorphosis, as Goethe attempted—whether one agrees with him more or less on this point is irrelevant for now; he may have erred in the details, but what matters is the principle and the method—just as Goethe sought to see green stem leaves transformed into petals, and even into the fruiting organs. Just as he sought to explain all organs through a metamorphic transformation into one another, so too must we not merely leave thinking, feeling, and willing standing side by side, but rather grasp the living transition between them.

[ 63 ] Da kann ich wiederum nur durch Jahrzehnte gereifte Forschungsergebnisse der Anthroposophie anführen: Was wir im gewöhnlichen Leben Wollen, was wir unseren Willen nennen, ist nicht bloß so äußerlich neben das Fühlen und neben das Vorstellen hingestellt, sondern das Fühlen ist einfach durch eine Metamorphose aus dem Wollen entstanden, bildet sich aus dem Wollen heraus, so, wie sich das Blütenblatt aus dem Stengelblatt bildet; und das Vorstellen bildet sich wiederum aus dem Fühlen heraus. Der Anthroposoph kommt am Schluß zu dem Ergebnis: Was wir als ein Wollen erkennen, ist im Grunde ein junges, ein noch kindliches Wesen, das, wenn es alt wird, älter wird, zum Fühlen sich verwandelt, metamorphosiert, und wenn es noch älter wird, zum Gedanken, zur Vorstellung sich hinmetamorphosiert.

[ 63 ] Here, once again, I can only cite the findings of anthroposophical research that have matured over decades: What we call “will” in ordinary life—that which we refer to as our will—is not merely placed externally alongside feeling and imagination; rather, feeling has simply arisen from the will through a metamorphosis, forming out of the will just as a petal forms from a stem leaf; and imagination, in turn, forms out of feeling. The anthroposophist ultimately arrives at the conclusion: What we recognize as “will” is essentially a young, still childlike being that, as it grows older, transforms into feeling—undergoing a metamorphosis—and, as it grows even older, metamorphoses into thought and imagination.

[ 64 ] In dem, was wir als Vorstellen erleben, ist immer in geheimnisvoller Weise dasselbe wesenhaft drinnen, das auch im Fühlen und Wollen drinnen ist. Nur erleben wir nicht — weil wir im gewöhnlichen Leben das erleben, was die Seele mit Hilfe des Leibes, mit Hilfe des Abbildes, des Geschöpfes, das sie sich selbst gemacht hat, erlebt —, wir erleben nicht, wie alles Vorstellen aus dem Fühlen hervorgeht. Wenn aber die Seele sich ihre Geistorgane ausgebildet hat, dann erlebt sie in allen Vorstellungen ein geheimnisvolles Fühlen, nur nicht ein Fühlen, das an unseren Leib gebunden ist, sondern ein Fühlen, das uns auf dem Umwege durch die Vorstellung hinausführt in die Weiten der geistigen Welt. Man erlebt dann, wenn man durch das Fühlen nicht hineingeführt wird in sein Leibliches, sondern umgekehrt, hinausgeführt wird in die Weiten der geistigen Welt, dasjenige Übersinnliche, in dem wir sind zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, in dem die Seele lebt, bevor sie zur Geburt schreitet und nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist. Und man erlebt dann in höherem Wissen, als die gewöhnlichen Vorstellungen sind, in geistig-seelischem Wissen, die übersinnliche Welt.

[ 64 ] In what we experience as imagination, the same essence is always mysteriously present as is present in feeling and willing. However, we do not experience—because in ordinary life we experience what the soul experiences with the help of the body, with the help of the image, the creature it has made for itself—we do not experience how all imagination arises from feeling. But when the soul has developed its spiritual organs, it experiences a mysterious feeling in all acts of imagination—not a feeling bound to our body, but a feeling that leads us, by a roundabout path through imagination, out into the expanses of the spiritual world. One then experiences—when one is not led inward through feeling into one’s physical body, but rather, conversely, is led outward into the vastness of the spiritual world—that supersensible realm in which we exist between death and a new birth, in which the soul lives before it proceeds to birth and after it has passed through the gate of death. And one then experiences the supersensible world through a higher form of knowledge than ordinary concepts can provide—through spiritual-soul knowledge.

[ 65 ] Die meisten Menschen möchten allerdings diese übersinnliche Welt so nach den Methoden, nach dem Vorbilde der sinnlichen erleben. Sie sind nicht zufrieden damit, sie bloß im Bilde — wie ich in meinen Schriften angedeutet habe —, in Imaginationen zu erleben. Sie möchten sie so derb erleben wie die Sinnlichkeit. Allein, wie der Leib erst sterben muß, um reiner Geist zu werden, so muß das, was sinnliche Erkenntnis ist, erst aus sich abstreifen, was sich mit dem Materiellen, mit dem Stofflichen verbindet, und es muß die Erkenntnis Imagination, imaginativ werden, damit im imaginativen Erleben, das so fein ist wie das Phantasieleben, aber nicht so willkürlich, sondern innerlich methodisch geregelt, damit in diesem übersinnlichen Erleben, das jetzt kein Traum ist, abgestreift wird das Sinnlich-Stoffliche, das der sinnlichen Wahrnehmung angehört, und ein Bild schon zwischen Geburt und Tod gewonnen wird von dem, was Wirklichkeit ist, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes in die übersinnliche Welt eintritt. Alles, was vom Leib kommt, ist stofflich in der Erkenntnis; das muß abgestreift werden von der Erkenntnis, wenn man diese Erkenntnis zum Übersinnlichen führen will.

[ 65 ] Most people, however, would like to experience this supersensible world in the same way as the sensory world—using the same methods and following the same model. They are not content to experience it merely in images—as I have indicated in my writings—or through the imagination. They would like to experience it as tangibly as the sensory world. Yet, just as the body must first die in order to become pure spirit, so too must sensory knowledge first shed what is connected to the material and the physical, and this knowledge must become imagination—imaginative—so that in this imaginative experience, which is as subtle as the life of the imagination, but not in an arbitrary way, rather governed by an inner method, so that in this supersensible experience—which is now no longer a dream—the sensuous-material, which belongs to sensuous perception, is shed, and an image is already gained between birth and death of what reality is when the human being enters the supersensible world through the gate of death. Everything that comes from the body is material in knowledge; this must be stripped away from knowledge if one wishes to lead this knowledge to the supersensible.

[ 66 ] Daher kann niemand hoffen, das Übersinnliche wirklich zu erkennen, der es so derb in die Sinneswelt hereinstellen will wie die Spiritisten, die Stimmen oder sonstige materielle Wirkungen haben möchten, während sie eigentlich, in einer sonderbaren Selbsttäuschung befangen, im Grunde auf das Übersinnliche losgehen wollen und sich ein Sinnliches hingestellt haben. Jenes feingeistige Erleben, jenes wirklich auch der stofflichen Erkenntnis entkleidete Erleben, das eintreten muß, wenn man den ewigen, den unvergänglichen Menschen erleben will, mit dem begnügen sich eben viele Leute in unseren Tagen nicht. Aber dieses übersinnliche Erleben ist es allein, was uns zu einer wirklichen Erkenntnis des Seelenwesens im Bereich des Übersinnlichen führen kann, wie ich gezeigt habe — ich konnte es nur skizzenhaft zeigen —, welches uns zu einer wahren Anschauung über das Verhältnis des Leibes zur Seele und der Seele zum Leibe führt.

[ 66 ] Therefore, no one can hope to truly perceive the supersensible who seeks to introduce it so crudely into the sensory world as the spiritualists do—who wish to hear voices or observe other material effects—while in reality, caught up in a peculiar self-deception, they are essentially trying to attack the supersensible and have set up a sensory substitute for it. That subtle spiritual experience—that experience truly stripped of all material knowledge—which must occur if one wishes to experience the eternal, imperishable human being—is precisely what many people today are not content with. But it is this supersensible experience alone that can lead us to a true understanding of the soul’s nature in the realm of the supersensible, as I have shown—though I could only sketch it out—and which leads us to a true insight into the relationship of the body to the soul and of the soul to the body.

[ 67 ] Wie das Fühlen sich umwandelt zu dem Vorstellen, so auch das Wollen. Und wie man geheimnisvoll in jeder Vorstellung ein Gefühl finden kann, so entdeckt man auch ein Wollen, aber ein Wollen, das einen nicht hineinführt in die menschlichen Gliederbewegungen, in das menschliche sinnliche Handeln, sondern das einen hinausführt aus dem Vorstellungsleben in den Bereich der übersinnlichen Welt. Entdeckt man in dem altgewordenen Seelenwesen des Vorstellens das junge Seelenwesen des Wollens, dann entdeckt man in diesem Wollen, das rein geistig erlebt wird, diejenigen Kräfte, die herüberspielen in dieses Erdenleben aus vorhergehenden Erdenleben, die der Mensch durchlebt hat. Und dann werden die wiederholten Erdenleben, dann wird der Durchgang der Seele als übersinnliches Wesen durch wiederholte Erdenleben, mit dazwischenliegenden Leben in der rein übersinnlichen Welt, ein wirkliches Beobachtungsobjekt; dann tritt der Mensch ein in die wirkliche übersinnliche Erkenntnis.

[ 67 ] Just as feeling transforms into imagination, so too does volition. And just as one can mysteriously find a feeling within every image, so too does one discover a will—but a will that does not lead one into human limb movements or human sensory action, but rather leads one out of the life of the imagination into the realm of the supersensible world. If one discovers, within the aged soul-being of imagination, the young soul-being of volition, then one discovers in this volition—which is experienced purely spiritually—those forces that flow over into this earthly life from previous earthly lives that the human being has lived through. And then the repeated earthly lives—the soul’s passage as a supersensible being through repeated earthly lives, with intervening lives in the purely supersensible world—become a genuine object of observation; then the human being enters into true supersensible knowledge.

[ 68 ] Diese wirkliche übersinnliche Erkenntnis — man könnte meinen, sie sei nur zur Befriedigung des menschlichen Erkenntnisbedürfnisses da. Lassen Sie mich ganz kurz, zum Schlusse, nur mit wenigen Worten noch andeuten, daß dies nicht der Fall ist.

[ 68 ] This true supersensible knowledge—one might think it exists solely to satisfy the human need for knowledge. Let me just briefly suggest, in closing, with just a few words, that this is not the case.

[ 69 ] Wovon man glauben könnte, daß nur der menschliche Erkenntnishunger, das Wissensbedürfnis befriedigt werden könnte, das hat seine tiefe praktische Bedeutung. Gewiß, man hat es ja in der Entwickelung der Menschheit mit einem Fortschritt zu tun. Die kopernikanische Weltanschauung, die moderne Naturwissenschaft sind erst gekommen, nachdem die Menschheit andere Stufen voraus durchgemacht hatte. So wird anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, erst entstehen, wenn, so wie dazumal am Ende des Mittelalters der Drang entstanden ist, in anderer Weise als im Mittelalter das Weltengebäude anzuschauen, wenn der Drang, das Übersinnliche zu erkennen, in den Menschen stark genug sein wird. Viele Menschen, die wissen, daß es eine übersinnliche Welt gibt, glauben noch, die Menschen seien heute nicht reif, jene freien Erkenntniskräfte zu entwickeln, den schlafenden Menschen zu entfalten. Das Gegenteil ist der Fall! Der Mensch dürstet heute in seinen Seelentiefen nach einem Wissen des Übersinnlichen. Er betäubt sich nur, wie ich es ja in dem Eingang des Vortrages gesagt habe.

[ 69 ] What one might believe could satisfy only the human thirst for knowledge—the need for knowledge—has profound practical significance. Certainly, the development of humanity involves progress. The Copernican worldview and modern natural science emerged only after humanity had passed through other stages beforehand. Thus, anthroposophically oriented spiritual science, as intended here, will only emerge when—just as the urge arose at the end of the Middle Ages to view the structure of the world in a different way than in the Middle Ages—the urge to recognize the supersensible becomes strong enough in human beings. Many people who know that a supersensible world exists still believe that human beings today are not yet mature enough to develop those free powers of cognition, to awaken the sleeping human being. The opposite is true! Today, human beings thirst in the depths of their souls for knowledge of the supersensible. They merely numb themselves, as I mentioned at the beginning of this lecture.

[ 70 ] Aber auch aus anderen Gründen wird seine Betäubung nicht mehr lange standhalten können. Man kann die Natur erkennen, ohne daß man zu Gesetzen aufsteigt, die das Seelenleben erklärlich machen, ja man kann sogar sagen: Man wird die Natur um so reiner erkennen, je mehr man sich bei der Ausbildung der Naturgesetze fernhält von allem Einmischen eines Seelisch-Geistigen. Die Naturgesetze werden um so geeigneter sein für ihr Feld, je weniger sie beirrt werden von Gesetzen, die sich nur auf das Seelisch-Geistige beziehen. Das muß man schon sagen. Aber sobald es sich darum handelt, das Menschenleben in seiner Gänze zu verstehen, so zu verstehen, daß unser Verständnis eingreifen kann in die Entwickelung dieses Menschenlebens, sobald es sich darum handelt, das soziale, das politische, das gesellschaftliche Zusammenleben zu verstehen, sobald es sich nur darum handelt, überhaupt ein richtiges Verhältnis von Mensch zu Mensch zu finden, dann ist ein anderes notwendig, dann reichen die Denkformen nicht aus, die nur an dem Muster der Naturwissenschaft gebildet sind.

[ 70 ] But there are other reasons as well why his numbness will not last much longer. One can understand nature without resorting to laws that explain the life of the soul; indeed, one might even say: The more one refrains from any spiritual-psychological interference when formulating the laws of nature, the more purely one will understand nature. The laws of nature will be all the more suitable for their domain the less they are led astray by laws that relate solely to the soul and spirit. That much must be said. But as soon as it comes to understanding human life in its entirety, to understand it in such a way that our understanding can influence the development of human life; as soon as it comes to understanding social, political, and communal life; as soon as it is simply a matter of finding a proper relationship between human beings, then something else is necessary—the forms of thought modeled solely on the natural sciences are insufficient.

[ 71 ] O, die Menschheit hat sich nur zu sehr gewöhnt, alles Leben nach solchen Denkformen zu denken, nach denen natürliche Vorgänge, naturgemäße Vorgänge, gedacht werden. Und so hat man sich auch, ich möchte sagen, instinktiv hineingefunden, das soziale Leben, das politische Zusammenleben der Menschen so zu denken und auch so zu gestalten, wie der Geist gestaltet, der sich eben nur gewöhnt, Naturgesetze zu denken. Immer mehr und mehr hat sich das durch die letzten vier Jahrhunderte bis in unsere Zeit herein ausgebildet. Wie es für die Naturwissenschaft gerade recht ist, den Geist auszuschließen, um ihr Feld rein zu bekommen, so ist es völlig ungenügend für das menschliche Zusammenleben, für alles das, was mit Gesellschaft, mit sozialer Wissenschaft zusammenhängt, Denkformen auszubilden, die nur aus der Naturwissenschaft herausgezogen sind. Man wird nicht fertig mit der Art und Weise, wie die Menschen über die Erde hin zusammenleben müssen, wenn man dieses Zusammenleben nach politischen, nach sozialen, nach gesellschaftlichen Idealen gestalten will, die nach dem Muster naturwissenschaftlicher Gesetze gemacht sind.

[ 71 ] Oh, humanity has simply become all too accustomed to conceiving of all life according to modes of thought that apply to natural processes, to processes in accordance with nature. And so, I would say, people have instinctively come to conceive of social life—the political coexistence of human beings—and to shape it in the same way as the mind that has simply become accustomed to thinking in terms of natural laws. This has developed more and more over the last four centuries right up to our own time. Just as it is entirely appropriate for the natural sciences to exclude the spirit in order to keep their field pure, so it is completely inadequate for human coexistence—for everything related to society and the social sciences—to develop modes of thought derived solely from the natural sciences. We will never come to terms with the way in which people must live together across the globe if we seek to shape this coexistence according to political, social, and societal ideals modeled on the laws of natural science.

[ 72 ] Ein Beispiel für viele: Als dieser tragische Krieg entstanden ist, da konnte man von vielen Seiten her hören, gerade von Leuten, die sich zugute taten, Erfahrungen zu haben in bezug auf die Gesetze des menschlichen Zusammenlebens — nun ja, man hat es vielfach gehört —: Dieser Krieg kann nicht länger als höchstens vier bis fünf Monate dauern. — Ganz im Ernste, in vollem Ernste haben das die Menschen gesagt aus ihrem Denken, das sie sich herausgebildet haben aus der Zucht naturwissenschaftlicher Schulung, die auch bei demjenigen, der nicht Naturwissenschafter ist, vorhanden ist. Gerade die «Kundigsten» waren es, die so gesprochen haben. Wie hat in trauriger Weise die Wirklichkeit diese Vorstellungen widerlegt! Niemand, der geisteswissenschaftlich die Welt durchschaut, kann sich solchen Irrtümern hingeben, aus dem einfachen Grunde nicht, weil er weiß, was für ein Unterschied besteht zwischen wirklichkeitsfernen Vorstellungen und wirklichkeitsnahen, die Wirklichkeit durchdringenden Vorstellungen.

[ 72 ] One example among many: When this tragic war broke out, one heard from many quarters—especially from people who prided themselves on having experience with the laws of human coexistence—well, one heard it said time and again—that this war could not last longer than four to five months at most. — In all seriousness, with the utmost seriousness, people said this based on the way of thinking they had developed through their training in the natural sciences—a mindset that exists even in those who are not natural scientists. It was precisely the “most knowledgeable” who spoke this way. How sadly reality has refuted these notions! No one who perceives the world through the lens of the humanities can succumb to such errors, for the simple reason that they know the difference between notions that are far removed from reality and those that are grounded in reality and penetrate it.

[ 73 ] Was als Geisteswissenschaft, als Anthroposophie unsere Seelen erfüllt, das bringt uns zusammen mit der Wirklichkeit, das stellt uns in die ganze, volle Wirklichkeit hinein. Eine Sozialwissenschaft, eine Wissenschaft über das menschliche Zusammenleben, die wirklich gewachsen ist diesem Zusammenleben der Menschen über die ganze Erde hin, die nicht Instinkte, Impulse in die Menschen hineinbringen soll, die sich so entladen, wie sich die heutigen furchtbaren, katastrophalen Ereignisse entladen — eine solche Sozialwissenschaft, eine solche Gesellschaftswissenschaft kann nur erwachsen aus den Voraussetzungen heraus, die die Geisteswissenschaft, die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, gibt. Denn die allein hat es nicht mit einem Lebensteil, sondern mit dem ganzen vollen Leben zu tun; die allein kann daher der Wirklichkeit gewachsene Vorstellungen und Begriffe erzeugen.

[ 73 ] What fills our souls as a spiritual science, as anthroposophy, brings us into contact with reality; it places us within the whole, full reality. A social science—a science of human coexistence—that has truly grown out of this coexistence of people across the entire Earth, that is not meant to instill instincts, impulses into people that discharge themselves in the same way as today’s terrible, catastrophic events—such a social science, such a science of society, can only arise from the foundations provided by spiritual science, by anthroposophically oriented spiritual science. For it alone is concerned not with a single aspect of life, but with life in its entirety; it alone can therefore produce concepts and ideas that are truly suited to reality.

[ 74 ] Und wenn sich die Menschen nicht bequemen werden, ihr soziales Denken auf dem Boden anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft aufzubauen — das ist meine innigste Überzeugung —, so wird die Menschheit aus den Kalamitäten, die sich heute so furchtbar entladen, nicht herauskommen. Ich weiß zu würdigen, was ausgeht von den Leuten, die sich heute pazifistisch oder ähnlich nennen, die für allerlei Friedensbewegungen enthusiasmiert sind. Allein, solche Dinge lassen sich nicht durch bloße Gebote entscheiden, lassen sich nicht dadurch entscheiden, daß man dekretiert: das oder jenes müsse sein. Man kann durchaus einverstanden sein mit dem, was sein muß. Wenn man aber nur die Gebote, nur die Gesetze bringt aus dem gewöhnlichen Denken heraus, so ist das so, als wenn man zu dem Ofen, der da steht, sagen würde: Lieber Ofen, es ist deine Ofenpflicht, das Zimmer zu heizen; also heize das Zimmer hübsch. — Er wird das Zimmer nicht heizen, ohne daß man Holz hineintut und Feuer anmacht, obwohl es heutzutage ganz angenehm wäre. Aber es kann eben nicht sein, sondern man muß den Ofen mit Holz beladen und Feuer anmachen. Ebensowenig reichen alle gewöhnlichen regulären Vorstellungen über Friedenserhaltung und so weiter aus. Um was es sich handelt, das ist, daß man nicht bloß spricht: Menschen, liebet einander —, sondern daß man, vergleichsweise gesprochen, in die Menschenseelen Heizmaterial hereinbringt. Dieses aber sind Begriffe, die aus dem lebendigen Erfassen des Geisteslebens hervorgehen. Denn die menschliche Seele gehört nicht allein dem materiellen, sie gehört dem geistigen Leben an. Und vielfach versteht man heute noch gar nicht, was es heißt, daß diese menschliche Seele dem Bereich des Übersinnlichen angehört. Man glaubt eben gewöhnlich, daß man mit den Gesetzen, die man heute entwickelt, schon im Bereich des Übersinnlichen stehe. Das tut man nicht.

[ 74 ] And if people are not willing to base their social thinking on anthroposophically oriented spiritual science—this is my deepest conviction—then humanity will not be able to emerge from the calamities that are unfolding so terribly today. I appreciate what comes from people who today call themselves pacifists or something similar, who are enthusiastic about all kinds of peace movements. However, such matters cannot be decided by mere commands; they cannot be decided by decreeing that this or that must be. One can certainly agree with what must be done. But if one merely issues commands or laws based on ordinary thinking, it is as if one were to say to the stove standing there: “Dear stove, it is your duty as a stove to heat the room; so please heat the room nicely.” — It will not heat the room unless you put wood in it and light a fire, even though that would be quite pleasant these days. But that simply cannot happen; instead, you must load the stove with wood and light a fire. Similarly, all the ordinary, conventional ideas about maintaining peace and so on are not enough. What is at stake is not merely saying, “People, love one another,” but—to use a metaphor—bringing fuel into people’s souls. These, however, are concepts that arise from a living grasp of spiritual life. For the human soul does not belong solely to the material world; it belongs to the spiritual life. And in many cases today, people still do not understand at all what it means that this human soul belongs to the realm of the supersensible. People generally believe that the laws they develop today already place them within the realm of the supersensible. That is not the case.

[ 75 ] Gerade auf den Gebieten der ernsten Wissenschaft fängt man vielfach an, heute schon einzusehen, daß es auch eine Bedeutung hat, nicht bloß dasjenige, was naturwissenschaftliches Vorurteil in den letzten Jahrzehnten vorgezeichnet hat, auf das menschliche Erleben hin zu prüfen, sondern daß da andere Begriffe, andere Vorstellungen nötig sind.

[ 75 ] Especially in the fields of serious scholarship, people are increasingly beginning to realize that it is important not only to test against human experience what scientific prejudice has dictated in recent decades, but also that other concepts and other ideas are necessary.

[ 76 ] Haben wir doch das merkwürdige Schauspiel erlebt in der letzten Zeit, daß einer der treuesten Schüler Haeckels, Oscar Hertwig, der berühmte Physiologe, Biologe, ein Buch geschrieben hat, in dem er, trotzdem er einer der treuesten Schüler Haeckels war, Abschied nimmt von der ganzen Äußerlichkeit der darwinschen Theorie, von jener Theorie, die nur durch eine Summe von Zufälligkeiten, von Zufällen das Werden erklären will, die nicht will, daß Kräfte eingreifen in dieses Werden, die nicht durch bloße äußere Beobachtung erkannt werden können. So hat man das Merkwürdige erlebt, daß Oscar Hertwig in der letzten Zeit ein bedeutsames Buch geschrieben hat: «Das Werden der Organismen. Eine Widerlegung von Darwins Zufallstheorie». Und in diesem Buche, in dem die ernste Wissenschaft selber herauszukommen sucht aus dem Hängen an dem bloß Materiellen, aufzusteigen sucht in das Geistige, schließt Oscar Hertwig aus diesen Erwägungen heraus — und das ist das Bezeichnende, das Sie mir gestatten, zum Schlusse anzuführen — seine Ausführungen in der folgenden Weise:

[ 76 ] We have, after all, witnessed the curious spectacle in recent times that one of Haeckel’s most faithful disciples, Oscar Hertwig—the famous physiologist and biologist—has written a book in which, despite having been one of Haeckel’s most faithful disciples, bids farewell to the entire outward form of Darwin’s theory—that theory which seeks to explain evolution solely through a series of coincidences and chance events, which refuses to acknowledge that forces—unrecognizable through mere external observation—intervene in this process of evolution. Thus we have witnessed the remarkable fact that Oscar Hertwig has recently written a significant book: The Development of Organisms: A Refutation of Darwin’s Theory of Chance. And in this book, in which serious science itself seeks to break free from its fixation on the merely material and to ascend to the spiritual, Oscar Hertwig concludes his arguments—and this is the key point I would like to mention in closing—in the following manner:

[ 77 ] «Die Auslegung der Lehre Darwins, die mit ihren Unbestimmtheiten so vieldeutig ist, gestattete auch eine sehr vielseitige Verwendung auf anderen Gebieten des wirtschaftlichen, des sozialen und des politischen Lebens. Aus ihr konnte jeder, wie aus einem delphischen Orakelspruch, je nachdem es ihm erwünscht war, seine Nutzanwendungen auf soziale, politische, hygienische, medizinische und andere Fragen ziehen und sich zur Bekräftigung seiner Behauptungen auf die Wissenschaft der darwinistisch umgeprägten Biologie mit ihren unabänderlichen Naturgesetzen berufen. Wenn nun aber diese vermeintlichen Gesetze keine solchen sind» — was Oscar Hertwig glaubt bewiesen zu haben —, «sollten da bei ihrer vielseitigen Nutzanwendung auf andere Gebiete nicht auch soziale Gefahren bestehen können? Man glaube doch nicht, daß die menschliche Gesellschaft ein halbes Jahrhundert lang Redewendungen wie unerbittlicher Kampf ums Dasein, Auslese des Passenden, des Nützlichen, des Zweckmäßigen, Vervollkommnung durch Zuchtwahl etc. in ihrer Übertragung auf die verschiedensten Gebiete, wie tägliches Brot, gebrauchen kann, ohne in der ganzen Richtung ihrer Ideenbildung tiefer und nachhaltiger beeinflußt zu werden! Der Nachweis für die Behauptung würde sich nicht schwer aus vielen Erscheinungen der Neuzeit gewinnen lassen. Eben darum greift die Entscheidung über Wahrheit und Irrtum des Darwinismus auch weit über den Rahmen der biologischen Wissenschaft hinaus.»

[ 77 ] “The interpretation of Darwin’s theory, which is so ambiguous due to its vagueness, also allowed for a wide range of applications in other areas of economic, social, and political life. From it, just as from a Delphic oracle, anyone could, depending on what suited them, derive applications to social, political, hygienic, medical, and other issues and, to reinforce their assertions, invoke the science of Darwinian biology with its immutable laws of nature. But if these supposed laws are not laws at all”—which Oscar Hertwig believes he has proven—“might there not also be social dangers inherent in their versatile application to other fields? Surely one cannot believe that human society can use phrases such as “relentless struggle for existence,” “selection of the fit, the useful, and the expedient,” “perfection through selective breeding,” etc.—applied to the most diverse areas of life, such as daily bread—for half a century without being deeply and lastingly influenced in the very direction of its thought processes! Evidence for this claim could easily be gleaned from many phenomena of modern times. Precisely for this reason, the question of whether Darwinism is true or false extends far beyond the realm of biological science.”

[ 78 ] Da sieht man, wie ein Naturforscher einsieht: Was die Menschen denken und was von ihren Gedanken in ihre Impulse übergeht, das bereitet vor und gestaltet aus, was dann in der äußeren Wirklichkeit sich entladet; auch auf sozialem Gebiete ist Geistiges der Schöpfer des Materiellen. Und wenn das Materielle in solcher Gestalt auftritt wie gegenwärtig, dann, dann muß nach anderen Gründen im Geistigen gesucht werden, als sie von dem gesucht werden, der mit seinen Begriffen über das Soziale sich nur nach dem Muster der Naturwissenschaft erzieht. Eine Geisteswissenschaft, die auf Okkultismus gegründet ist, wird anders auf das soziale Leben wirken können; sie wird nicht bloß sprechen von einem unerbittlichen «Kampf ums Dasein», sondern sie wird durchschauen, was sich hineinstellt als Geistiges in das, was im Natürlichen nur als Kampf ums Dasein auftritt; sie wird nicht bloß das Dasein nach dem Äußeren anschauen, sondern nach dem, was der Geist hineingegossen hat, wird nicht bloß nach dem Zweckmäßigen den Verlauf der Entwickelung beurteilen, sondern auch nach dem, was als ethisch Wertvolles in den Verlauf der Zweckmäßigkeit hineingestellt wird; sie wird nicht bloß von Vervollkommnung durch Zuchtwahl sprechen, sondern von dem schöpferischen Geist, der in die Entwickelungsströmung einströmt und sich die Zuchtwahl nur schafft, so wie die Seele sich ihren Leib schafft. Sie wird im Übersinnlichen vor allem die Grundlagen für die sozialen Gesetze suchen.

[ 78 ] Here we see how a natural scientist understands it: What people think, and what of their thoughts is transformed into their impulses, prepares the way for and shapes what is then manifested in external reality; in the social realm, too, the spiritual is the creator of the material. And when the material world appears in the form it does today, then—then we must seek other causes in the spiritual realm than those sought by those who form their concepts of the social world solely according to the model of the natural sciences. A spiritual science founded on occultism will be able to influence social life differently; it will not merely speak of a relentless “struggle for existence,” but will see through to what appears as the spiritual in what, in the natural realm, appears only as a struggle for existence; it will not merely view existence from the outside, but in terms of what the spirit has infused into it; it will not merely judge the course of evolution according to expediency, but also according to what is placed within the course of expediency as ethically valuable; it will not merely speak of perfection through selective breeding, but of the creative spirit that flows into the current of evolution and creates selective breeding for itself, just as the soul creates its body. It will seek, above all, the foundations for social laws in the supersensible realm.

[ 79 ] Da können wir schon sehen, daß Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, nicht etwas zur bloßen Erkenntnisbefriedigung ist, sondern etwas ist, was mit dem praktischen Bedürfnis, mit dem ganzen Verlauf des Lebens innig zusammenhängt. Und die Zukunft wird jene Grundlagen des Denkens gerade für das praktische Leben fordern, die nur aus Geisteswissenschaft fließen können.

[ 79 ] Here we can already see that spiritual science—anthroposophically oriented spiritual science—is not merely a means of satisfying intellectual curiosity, but rather something that is intimately connected with practical needs and with the entire course of life. And the future will demand precisely those foundations of thought for practical life that can flow only from spiritual science.

[ 80 ] Warum sträuben sich die Menschen heute noch so vielfach dagegen, Geisteswissenschaft in ihre Seelen aufzunehmen? Gerade aus dem heute abend Gesagten kann man sich eine Antwort bilden in bezug auf diese Frage. Es hat uns heute abend vorzugsweise beschäftigt, wie Geisteswissenschaft dem Rätsel der Unsterblichkeit nachgeht. Allein es trennt uns von dieser Unsterblichkeit der Tod. Und wir haben ja gesehen: Gerade im Verlaufe des Lebens müssen wir das fortwährende Hereingreifen des Todes anerkennen. In alten Zeiten, in denen man in anderer Art, aber doch gesprochen hat von der Erkenntnis der geistigen Welt, hat man immer gesagt: Derjenige, der eintritt in die geistige Welt, muß symbolisch den Tod erleben. — Nun ist das vielleicht eine radikale Ausdrucksweise, aber wahr ist es. Zwischen unserer Welt der Sinne und des Verstandes, der die Sinnesbeobachtungen zergliedert, und der Welt, in der Unsterblichkeit west, liegt nicht eine Welt des Wachsens, nicht eine Welt des Blühens, nicht eine Welt des Gedeihens, sondern dazwischen liegt der Tod. Und man muß dem "Tod, man muß den Abbaukräften, man muß den Kräften ins Auge schauen, die den Kräften, die gerade die Naturwissenschaft betrachtet, den Kräften der Geburt, des Wachstums, entgegenwirken. Das bringt auf dem Gebiete der Erkenntnis etwas Ähnliches hervor, wie es auf dem Gebiet des äußeren Lebens die Todesfurcht ist. Man kann schon sprechen von einer Erkenntnis-Todesfurcht, davon, daß die Menschen nicht den Mut haben, durch dasjenige Gebiet durchzudringen, durch das durchgegangen werden muß, wenn man ins Übersinnliche eintreten will. Die Menschen schrecken zurück. Sie wissen es nicht. Sie machen sich allerlei vor an Theorien und Vorurteilen über «Erkenntnisgrenzen», über irgendeine nur materielle Bedeutung des Lebens. Lieber machen sie sich das vor, als daß sie kühn hineintreten durch jenes Tor, durch das man allein aus der sinnlichen in die übersinnliche Welt kommen kann. Das Tor ist aber dasjenige, durch das man das Wesen des Todes und alles dessen, was todverwandt ist, erkennen muß. Denn es ist wahr: Befriedigende innere Seelenharmonie, der Mensch wird sie nur finden, wenn er aufnehmen kann in sein Seeleninneres die Geheimnisse der Unsterblichkeit.

[ 80 ] Why are people still so reluctant today to take spiritual science into their souls? One can form an answer to this question precisely from what has been said this evening. Our primary focus this evening has been on how spiritual science explores the mystery of immortality. Yet it is death that separates us from this immortality. And as we have seen, it is precisely in the course of life that we must acknowledge the constant encroachment of death. In ancient times, when people spoke—albeit in a different way—of knowledge of the spiritual world, it was always said: whoever enters the spiritual world must symbolically experience death. — Now, that may be a radical way of putting it, but it is true. Between our world of the senses and of the intellect—which analyzes sensory observations—and the world in which immortality dwells, there lies not a world of growth, not a world of blossoming, not a world of flourishing; rather, death lies between them. And one must look death in the eye—one must look the forces of decay in the eye—one must look the forces in the eye that counteract the forces of birth and growth, the very forces that natural science studies. This produces something similar in the realm of knowledge to what the fear of death is in the realm of external life. One can indeed speak of a “fear of death” in the realm of knowledge—of the fact that people lack the courage to penetrate the very realm that must be traversed if one wishes to enter the supersensible. People shrink back. They do not know this. They delude themselves with all manner of theories and prejudices about “limits of knowledge” and about some purely material meaning of life. They would rather delude themselves in this way than boldly step through that gate through which alone one can pass from the sensory into the supersensory world. But this gate is the very one through which one must come to know the essence of death and all that is related to it. For it is true: a human being will find satisfying inner harmony of the soul only when he can take into the innermost depths of his soul the mysteries of immortality.

[ 81 ] Aber zu der Erkenntnisfrucht, die sich als Unsterblichkeit genießen läßt, zu der dringt man nur, indem man umackert den Boden des Todes und des Tod-Verwandten. Davor aber darf man sich nicht fürchten. In dem Maße, als die Menschen auf dem Gebiete des Erkennens diese Erkenntnis-Todesfurcht überwinden, wird eine Wissenschaft des Unsterblichen, eine Wissenschaft des Übersinnlichen, entstehen.

[ 81 ] But the fruit of knowledge—which can be savored as immortality—can only be attained by tilling the soil of death and all that is akin to death. Yet one must not fear this. To the extent that people overcome this fear of death through knowledge in the realm of cognition, a science of the immortal, a science of the supersensible, will emerge.

[ 82 ] Morgen werde ich darüber sprechen, wie diese Wissenschaft des Übersinnlichen, diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, niemanden in seinem religiösen Bekenntnisse stört.

[ 82 ] Tomorrow I will speak about how this science of the supernatural—this anthroposophically oriented spiritual science—does not interfere with anyone’s religious beliefs.

[ 83 ] Ich hoffe, daß ich Sie morgen nicht so lange aufhalte; aber der heutige grundlegende Vortrag ließ sich nicht kürzer machen.

[ 83 ] I hope I won't keep you so long tomorrow; but today's introductory lecture simply couldn't be made any shorter.