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Freedom, Immortality and Social Life
On the Relationship Between the Soul and Spirit and the Physical Aspect of the Human Being
GA 72

19 October 1917, Basel

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Freedom, Immortality and Social Life, tr. SOL
  1. Freiheit, Unsterblichkeit, Soziales Leben

2. Anthroposophie stört niemandes religiöses Bekenntnis

2. Anthroposophy does not interfere with anyone’s religious beliefs

[ 1 ] Wenn religiöses Empfinden und Erleben seine Aufgabe gegenüber den Anforderungen der heutigen Zeit recht verstehen will und dann von einem so gewonnenen Gesichtspunkte aus mit vollem Verständnisse dem entgegentreten würde, was die hier gemeinte Anthroposophie anstrebt, so würde das religiöse Empfinden und Bekennen in Anthroposophie gerade heute einen sehr willkommenen Bundesgenossen sehen können. Allein man macht es sich ja in der Gegenwart nicht immer zur Aufgabe, die Dinge, über die man glaubt, ein geeignetes, ein kompetentes Urteil abzugeben, auch wirklich in ihrer Eigenart kennenzulernen. Dies trifft insbesondere nun gegenüber dem, was hier als Anthroposophie gemeint ist, man kann schon sagen, in ausreichendstem Maße zu. Man beurteilt, was einem da entgegentritt, indem man es mit irgendeiner von außen her genommenen Etikette versieht, oftmals eine wahre Karikatur dessen entwirft, um was es sich in Wirklichkeit handelt; und dann beurteilt man nicht diese Wirklichkeit, sondern das selbstgemachte Bild, oftmals die selbstgemachte Karikatur.

[ 1 ] If religious sentiment and experience were to correctly understand their role in relation to the demands of the present age, and were then, from a perspective gained in this way, to confront with full understanding what anthroposophy—as understood here—strives for, then religious sentiment and confession would be able to see in anthroposophy a most welcome ally, especially today. However, people today do not always make it their task to truly get to know the nature of the things about which they believe they can offer a suitable, competent judgment. This is particularly true—one might even say to a very great extent—with regard to what is meant here by anthroposophy. People judge what they encounter by affixing some label taken from outside, often creating a true caricature of what it is really about; and then they judge not this reality, but the image they have created themselves—often the caricature they have created themselves.

[ 2 ] Würde man auf Anthroposophie eingehen, würde man ihre Aufgabe gegenüber den Zeiträtseln und Zeitproblemen wirklich ins Auge fassen, so würde man vor allen Dingen auf eines hingelenkt werden, das aus dem ganzen Geiste, aus dem ganzen Sinn anthroposophischer Forschung herausleuchtet. Das ist: Anthroposophie unterscheidet sich, man kann sagen, von allen übrigen Meinungen und Anschauungen, die sich über Welt und Mensch und so weiter ergeben, dadurch, daß diese Anthroposophie lebendig durchdrungen ist — wie aus ihren Erkenntnissen heraus es so sein muß — von dem, was im umfassendsten Sinne im Entwickelungsgedanken liegt.

[ 2 ] If one were to delve into anthroposophy and truly consider its role in addressing the mysteries and problems of our time, one would, above all, be drawn to something that shines forth from the very spirit and essence of anthroposophical research. That is: Anthroposophy differs, one might say, from all other opinions and views concerning the world, humanity, and so on, in that it is vividly imbued—as its insights necessarily require—with what, in the broadest sense, lies at the heart of the idea of evolution.

[ 3 ] Menschliche Meinungen, namentlich dann, wenn sie Weltanschauungsmeinungen sein wollen, fühlen sich nur dann befriedigt, wenn sie, in gewissem Sinne und in gewissen Grenzen wenigstens, sich sagen können: Ich habe Gedanken, die gelten; die sind in sich absolut gültig; die habe ich gefunden oder die hat die Wissenschaft oder die Religion oder irgend etwas anderes gefunden; aber sie gelten, sie gelten absolut in sich. — So steht es um Anthroposophie nun nicht. Anthroposophie weiß, daß die Gedanken herausgeboren sein müssen in jeder Zeit aus dem, was man in einem tieferen Sinne den Geist der Zeit nennen kann. Und der Geist der Menschheit ist in fortdauernder Entwickelung. So daß dasjenige, was als Meinung über die Welt in einem Zeitalter auftritt, eine andere Form haben muß als dasjenige, was in solcher Art in einem anderen Zeitalter auftritt. Indem Anthroposophie heute vor die Welt hintritt, weiß sie, daß nach Jahrhunderten dasjenige, was sie heute sagt, in ganz anderer Form für ganz andere Menschheitsbedürfnisse und ganz andere Menschheitsinteressen wird gesagt werden müssen, daß sie nicht «absolute Wahrheiten» anstreben kann, sondern daß sie in lebendiger Entwickelung ist.

[ 3 ] Human opinions—especially when they aspire to be worldviews—are satisfied only when they can say, in a certain sense and at least within certain limits: I have thoughts that are valid; they are absolutely valid in and of themselves; I have discovered them, or science or religion or something else has discovered them; but they are valid—they are absolutely valid in and of themselves. — This is not the case with anthroposophy. Anthroposophy knows that ideas must be born in every age out of what, in a deeper sense, can be called the spirit of the age. And the spirit of humanity is in constant development. Thus, what emerges as a view of the world in one age must take a different form than what emerges in a similar way in another age. As anthroposophy presents itself to the world today, it knows that centuries from now, what it says today will have to be expressed in a completely different form to meet entirely different human needs and interests; that it cannot strive for “absolute truths,” but rather that it is in a state of living evolution.

[ 4 ] Aus solchen Voraussetzungen heraus folgt eine gewisse Gesinnung. Und von dieser Gesinnung hängt wiederum die Beurteilung ab, die Anthroposophie haben muß von anderen geistigen Bestrebungen und geistigen Strömungen, hängt das Verhältnis ab, in das sie sich zu setzen hat zu anderen geistigen Strömungen, anderen Meinungen, anderen Anschauungen. Für unsere Zeit sollte vor allen Dingen ins Auge gefaßt werden, daß diese Anthroposophie durchaus nicht so entstanden ist, wie viele Menschen meinen, und daß sie sich durchaus nicht so in das Gewebe zeitgenössischer Meinungen und Anschauungen hineinstellen kann, wie ein heute noch sehr häufig herrschender Glaube ist. Man denkt nämlich, indem man so äußerlich, oberflächlich von Anthroposophie Kunde erhält, indem man einmal einen Vortrag gehört hat über sie oder ein paar Seiten irgendeines Buches gelesen hat über sie, eine Broschüre oder auch vielleicht noch nicht einmal dieses, sondern sich von irgend jemandem hat sagen lassen, was Anthroposophie will, der es nur in sehr zweifelhafter Art weiß; man denkt, Anthroposophie stelle sich als eine Glaubensanschauung, als eine Art neuer religiöser Anschauung anderen religiösen Bekenntnissen gegenüber. Man hat eben im Laufe der Zeit die Empfindung aufgenommen: Was sich an Gedanken, an Ideen über die Welt geltend macht, das ist eine Glaubensanschauung neben anderen. — Und so meint man: Diese Anthroposophie ist halt auch so eine Sekte, wie in der Welt viele Sekten auftauchen, stellt sich als eine solche Sekte neben andere hin.

[ 4 ] A certain mindset arises from such premises. And this mindset, in turn, determines the assessment that anthroposophy must make of other spiritual endeavors and spiritual currents; it determines the relationship it must establish with other spiritual currents, other opinions, and other worldviews. For our time, it should be borne in mind above all that anthroposophy did not arise at all as many people believe, and that it cannot be placed within the fabric of contemporary opinions and views in the way that is still very commonly believed today. People tend to think—based on a superficial, external understanding of anthroposophy, gained perhaps by hearing a single lecture on the subject or reading a few pages of some book about it, a pamphlet, or perhaps not even that, but simply by being told by someone else what anthroposophy is all about, even though that person’s knowledge is highly questionable— one thinks that anthroposophy presents itself as a system of belief, as a kind of new religious view standing in opposition to other religious denominations. Over time, people have simply come to feel that whatever thoughts or ideas about the world are put forward are simply one belief system among many. — And so they think: This anthroposophy is just another sect, like the many sects that pop up in the world, presenting itself as one such sect alongside the others.

[ 5 ] Nun muß demgegenüber betont werden: Erstens ist gerade das charakteristisch an der hier gemeinten Anthroposophie, daß sie nicht irgendwie neben oder im Gegensatz zu irgendeinem Glaubensbekenntnisse in die Welt getreten ist. Warum sie in die Welt getreten ist, davon liegen die Gründe nicht in diesem oder jenem Glaubensbekenntnisse, zu dem sie Stellung zu nehmen hat, sondern warum sie gerade in der Gegenwart in die Welt getreten ist, davon liegen die Gründe in der naturwissenschaftlichen Entwickelung der letzten Jahrhunderte und der neueren Zeit, in jener naturwissenschaftlichen Entwickelung, die den Meinungen, den Anschauungen der Menschen der Gegenwart ihr Gepräge gegeben hat. Eine Ergänzung, eine Erweiterung, eine Vervollkommnung dessen will Anthroposophie sein, was durch die Naturwissenschaft in die Welt hineingekommen ist. Dieser Ausgangspunkt muß durchaus berücksichtigt werden. Lernt man nämlich die naturwissenschaftlichen Errungenschaften kennen — und ich will hier vorzugsweise ins Auge fassen jetzt nicht die Errungenschaften der Fachgelehrsamkeit, sondern dasjenige, was von der Naturwissenschaft in das öffentliche Bewußtsein übergeht, was von der Naturwissenschaft selbst Meinung über die Weltanschauung wird, was Empfindung über die Weltanschauung wird —, sieht man sich dies alles an, was Naturwissenschaft den Menschen zu geben hat, so muß man sagen: Diese Naturwissenschaft hat sich herausgearbeitet, und sie wird sich noch mehr im Laufe der Zeit herausarbeiten in glänzender Weise zu einer Interpretin desjenigen, was eben äußerlich sinnenfälliges Dasein ist, und was mit dem Verstande begriffen werden kann von diesem sinnenfälligen Dasein. Gerade — ich habe es schon gestern erwähnt — wenn man sich einlassen kann, tief einlassen kann auf das, was die moderne Naturwissenschaft geleistet hat, dann bekommt man nicht nur die höchste Achtung vor ihr, hegt nicht nur die allergrößten Erwartungen noch für die Zukunft, sondern man weiß auch, daß diese Naturwissenschaft gerade dadurch ihre Vollkommenheit erreicht, daß sie Gesetze ausbildet, Methoden ausbildet, welche im eminentesten Sinne geeignet sind, das äußerlich natürliche, sinnenfällige Dasein zu begreifen, welche aber ungeeignet sind, wenn sie so gelassen werden, wie sie eben in der Naturwissenschaft selbst herrschend sind, das Geistige zu erfassen. Will man gerade mit derselben Strenge, mit derselben naturwissenschaftlichen Gültigkeit das Geistige erfassen wie das Natürliche im Sinne der neueren Naturwissenschaft, dann muß man aus der Naturwissenschaft heraus, aus der Denkweise und Gesinnung der Naturwissenschaft heraus sich in die geistige Welt in der gestern geschilderten Weise hineinarbeiten.

[ 5 ] Now, in contrast to this, it must be emphasized: First, what is particularly characteristic of the anthroposophy referred to here is that it did not enter the world in some way alongside or in opposition to any creed. Why it entered the world, the reasons do not lie in this or that creed, on which it must take a stand, but rather the reasons why it entered the world precisely in the present day lie in the development of the natural sciences over the last few centuries and in more recent times—in that very development of the natural sciences that has shaped the opinions and views of people today. Anthroposophy aims to be a supplement, an extension, and a perfection of what has entered the world through the natural sciences. This starting point must certainly be taken into account. For when one becomes acquainted with the achievements of natural science—and here I wish to focus primarily not on the achievements of specialized scholarship, but on that which passes from natural science into the public consciousness, that which becomes, through natural science itself, an opinion about the worldview, that which becomes a feeling about the worldview— when one looks at all that natural science has to offer humanity, one must say: This natural science has developed—and will continue to develop even more brilliantly over time—into an interpreter of that which is outwardly sensible existence, and of what can be grasped by the intellect from this sensible existence. Precisely—as I already mentioned yesterday—when one is able to engage with, to engage deeply with, what modern natural science has accomplished, then one not only gains the highest respect for it and harbors the greatest expectations for the future, but one also knows that this natural science achieves its perfection precisely by formulating laws and develops methods that are, in the most eminent sense, suited to grasping external, natural, sensory existence—but which, if left as they are, as they currently prevail in scientific research itself, are unsuited to grasping the spiritual. If one wishes to grasp the spiritual with precisely the same rigor and the same scientific validity as one grasps the natural in the sense of modern natural science, then one must, starting from natural science—from the way of thinking and the mindset of natural science—work one’s way into the spiritual world in the manner described yesterday.

[ 6 ] Da allerdings türmen sich ja für manche Menschen der Gegenwart große Schwierigkeiten auf. Man kann sagen: Gerade durch die glänzendsten Fortschritte der Naturwissenschaft, durch die man hineingesehen hat auch in die geistigen Grenzgebiete, ist es gekommen, daß man ein natürliches Weltbild ausgebildet hat, in dem eigentlich der Geist keinen Platz hat. Das muß so sein. Eben gerade damit die naturwissenschaftlichen Methoden für das natürliche Dasein passend sind, müssen sie so sein, daß sie in einer gewissen Weise den Geist von ihrem eigenen Forschungsfeld ausschließen. Wenn man auf den Menschen selbst Rücksicht nimmt, so muß man sagen: Anatomie, Physiologie, Biologie, wie sie den Menschen betrachten in bezug auf sein leiblich-körperhaftes Dasein, können das nur studieren, nach allen Seiten durchdringen, wenn sie zeigen, daß mit ihrer eigenen Methode, mit ihrer eigenen Forschungsweise der Geist gewissermaßen ausgeschlossen wird.

[ 6 ] However, this presents major difficulties for some people today. One could say: It is precisely through the most brilliant advances in the natural sciences—which have allowed us to peer even into the frontier regions of the spiritual—that we have developed a natural worldview in which there is actually no place for the spirit. This must be so. Precisely because the methods of the natural sciences are suited to natural existence, they must be such that, in a certain sense, they exclude the spirit from their own field of inquiry. If we consider human beings themselves, we must say: anatomy, physiology, and biology—as they examine human beings in relation to their physical existence—can only study and penetrate this subject from all angles if they demonstrate that, through their own methods and their own approach to research, the spirit is, in a sense, excluded.

[ 7 ] Läßt man sich nun aber auf die Art und Weise ein, wie die Naturwissenschaft vorgeht, lebt man sich ein in diese Art und Weise, dann kann man die Naturwissenschaft so fortsetzen, wie ich das gestern charakterisiert habe. Und man gelangt durch gewisse Methoden, die die menschliche Seele auf sich selber anwendet, gerade vom natürlichen Dasein heraus in das Gebiet der geistigen Welt hinein. Die geistige Welt wird eine solche Wirklichkeit vor dem geistigen Auge, vor dem geistigen Ohr — um diese Goetheschen Ausdrücke in veränderter Weise zu gebrauchen —, wie die sinnliche Wirklichkeit der mineralischen, pflanzlichen, der Luft- und Sternenwelt eine Wirklichkeit ist eben für die äußeren Sinne. Man arbeitet sich in das Geistige hinein.

[ 7 ] But if one embraces the way in which the natural sciences proceed—if one immerses oneself in this approach—then one can continue the natural sciences in the manner I described yesterday. And through certain methods that the human soul applies to itself, one enters the realm of the spiritual world directly from natural existence. The spiritual world becomes a reality before the spiritual eye and the spiritual ear—to use these expressions of Goethe’s in a modified way—just as the sensory reality of the mineral, plant, air, and stellar worlds is a reality for the outer senses. One works one’s way into the spiritual realm.

[ 8 ] Eine Schwierigkeit ergibt sich da für sehr viele Menschen. Sie werden es hören, wenn man so spricht von dem Verhältnis der Naturwissenschaft zur anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, daß die Menschen sagen: Ja, darinnen hat er ja vielleicht ganz recht, was er über die Naturwissenschaft sagt; man kann mit den naturwissenschaftlichen Methoden den Geist nicht einfangen, man kann über den Geist nichts ausmachen; da sind eben Grenzen, da liegen eben jenseits der Naturwissenschaft Gebiete, über die wir nichts wissen können. — Aber gerade aus dem gestrigen Vortrage, aus seinem ganzen Sinn und Geist wird hervorgegangen sein, daß dies die Meinung von Anthroposophie nicht ist. Das Gegenteil ist Erfahrung der Anthroposophie: Daß man wirklich hineindringen kann in den Geist, daß es nicht sich bloß darum handelt, zu sagen, es gebe unbekannte Gebiete, auf die man verweisen müsse, sondern daß man in diese unbekannten Gebiete durch gewisse Geist-Methoden wirklich eindringen kann.

[ 8 ] This poses a difficulty for a great many people. You will hear, when people speak in this way about the relationship between natural science and anthroposophically oriented spiritual science, that people say: Yes, he may well be quite right in what he says about natural science; one cannot capture the spirit using the methods of natural science; one cannot determine anything about the spirit; there are simply limits, and there are simply realms beyond natural science about which we cannot know anything.” — But it will have become clear from yesterday’s lecture, from its entire meaning and spirit, that this is not the view of anthroposophy. The opposite is the experience of anthroposophy: that one can truly penetrate the spirit, that it is not merely a matter of saying there are unknown realms to which one must refer, but that one can truly penetrate these unknown realms through certain spiritual methods.

[ 9 ] Es ist ja für manche Menschen schwierig, sich zu sagen: Es gibt noch ein Gebiet, über das man vielleicht etwas erfahren kann, wenn man sich auf gewisse Ideen und Forschungen einläßt. — Es ist viel bequemer für diese Menschen, sich zu sagen: Das ist ein Gebiet, von dem alle Menschen nichts wissen — weil sie selbst noch nichts davon wissen. Allein, daß man von irgend etwas selbst nichts weiß, das ist ja kein Beweis, daß man davon nichts wissen kann, obwohl diese Schlußfolgerung merkwürdig oft gezogen wird. Darum also handelt es sich gerade, wenn Anthroposophie geltend gemacht wird, daß man eintreten kann als Mensch durch die Anwendung derjenigen Methoden, auf die gestern hingedeutet worden ist und die Sie in meinen Schriften, namentlich in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft», finden können, daß man eintreten kann in eine geistige Welt, in der in Wahrheit der Mensch mit seiner Seele drinnen ist, in der in Wahrheit der Mensch das erlebt, was man Unsterblichkeit und Freiheit nennen kann, die eigentlichen Impulse seines übersinnlichen Daseins.

[ 9 ] It is, after all, difficult for some people to tell themselves: There is still a field about which one might learn something if one were open to certain ideas and research. — It is much more comfortable for these people to tell themselves: This is a field that no one knows anything about — because they themselves do not yet know anything about it. However, the mere fact that one does not know anything about something oneself is no proof that one cannot know anything about it, even though this conclusion is drawn with surprising frequency. This is precisely what is at stake when anthroposophy asserts that one can enter, as a human being, through the application of those methods alluded to yesterday and which you can find in my writings, notably in my work How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? and in my Occult Science, that one can enter a spiritual world in which, in truth, the human being is present with his or her soul, in which, in truth, the human being experiences what can be called immortality and freedom—the very impulses of his or her supersensible existence.

[ 10 ] Und weil in den letzten Jahrhunderten und bis in unsere Zeit herein die Naturwissenschaft gerade so geartet sein mußte, daß sie sich richtet auf das Vergängliche, auf das, was durch den Tod abgeschlossen wird, gerade deshalb mußte ihr gegenübertreten etwas, was ebenso wie sie auf Wissenschaftlichkeit Anspruch machen kann und was in das Geistgebiet hineingeht.

[ 10 ] And because, over the past few centuries and right up to the present day, the natural sciences have necessarily been of such a nature that they focus on the transitory—on that which is brought to an end by death—it is precisely for this reason that something had to emerge in opposition to them: something that, like the natural sciences, can lay claim to scientific rigor and that enters the realm of the spirit.

[ 11 ] In älteren Zeiten, in denen den religiösen Strömungen, den religiösen Bekenntnissen, welche den Menschen auf die geistige Welt verwiesen, noch nicht gegenüberstand eine Naturwissenschaft, welche gerade durch ihre Methoden eine gewisse Hinneigung für die sinnliche Welt einzig und allein ausbildet, war es nicht notwendig, daß eine besondere Geistwissenschaft hervortrat; denn es war auch nicht eine besondere Naturwissenschaft da, welche den Glauben für sich in Anspruch genommen hat, die einzig richtige Methode zu haben, und aus diesem Glauben heraus zu der Anschauung kommt, die man heute «monistisch» nennt, weil man den Ausdruck «materialistisch» nicht mehr salonfähig findet. Es war noch nicht eine solche Naturwissenschaft da, die zu dem Glauben verführen konnte, die einzige Wirklichkeit sei die äußere sinnliche Wirklichkeit, sei das, was mit dem Verstande aus dieser sinnlichen Wirklichkeit als Wissenschaft begriffen werden kann. Erst in der Zeit, als eine solche Wissenschaft und damit auch ein solcher Glaube auftreten konnte, mußte eine Geistwissenschaft kommen, welche das andere geltend macht, welche neben die Wissenschaft von der Natur die Wissenschaft vom Geiste hinstellt. Das liegt einfach in der Entwickelung der Zeit.

[ 11 ] In earlier times, when the religious movements and creeds that directed people toward the spiritual world were not yet countered by a natural science that, precisely through its methods, fosters a certain inclination toward the sensory world alone, it was not necessary for a specific spiritual science to emerge; for there was also no specific natural science that claimed to possess the only correct method and, based on this belief, arrived at the view that is today called “monistic,” since the term “materialistic” is no longer considered socially acceptable. There was not yet such a natural science that could lead one to believe that the only reality was external sensory reality—that is, what can be grasped by the intellect from this sensory reality as science. It was only when such a science—and with it such a belief—could emerge that a science of the spirit had to arise, one that asserts the opposite, one that places the science of the spirit alongside the science of nature. This is simply a matter of historical development.

[ 12 ] Daher kann man das Auftreten von Anthroposophie nur im richtigen Sinne begreifen, wenn man dieses ihr Hervorgehen aus der Naturwissenschaft versteht, wenn man diese ihre Notwendigkeit neben der Naturwissenschaft versteht. Naturwissenschaft würde, wenn sie nur aus sich heraus eine Art Bekenntnisglaube in den Menschen erzeugen würde, nach und nach durch das Verführerische, das in ihren streng wissenschaftlichen Methoden liegt, den Menschen ganz abbringen von der Anschauung, daß man wissenschaftlich, durch Erkenntnis in die geistige Welt hineindringen könne; sie würde es dahin bringen, daß die Menschen glauben würden im weitesten Umfang: Nun ja, wissen kann man von der sinnlichen Welt; alles übrige, was über der sinnlichen Welt ist, unterliegt dem Glauben, der niemals zu einer Gewißheit, sondern nur zu einer subjektiven Gefühlsmäßigkeit übersinnlich führen kann.

[ 12 ] Therefore, one can only truly understand the emergence of anthroposophy if one understands its origins in the natural sciences and its necessity alongside them. If natural science were to generate in people a kind of dogmatic faith solely from within itself, it would gradually—through the seductive nature of its strictly scientific methods—completely dissuade people from the view that one can penetrate the spiritual world scientifically, through knowledge; it would lead people to believe, to the greatest extent possible: “Well, one can know the sensory world; everything else that lies beyond the sensory world is subject to faith, which can never lead to certainty in the supersensible realm, but only to a subjective emotional state.”

[ 13 ] Hier liegt der Punkt, der am schwersten zunächst von den Zeitgenossen verstanden wird, weil es eine gewisse Überwindung kostet, die Seele denjenigen Erlebnissen zu unterwerfen, durch die sie hinauswächst über das gewöhnliche Dasein, durch die sie zu den sinnlichen Organen Geistorgane hinzu sich erwirbt, um einzudringen in die wirkliche geistige Welt. Und es wird noch lange dauern, bis die Vorurteile schwinden, die in dieser Beziehung herrschen, bis bei einer genügend großen Anzahl von Menschen die Einsicht entsteht, daß man wirklich in wissenschaftlicher Art genauso wie in die Natur nun in die Geisteswelt eindringen kann.

[ 13 ] This is the point that is initially most difficult for contemporaries to understand, because it takes a certain effort to subject the soul to those experiences through which it transcends ordinary existence, through which it acquires spiritual organs in addition to its sensory organs in order to penetrate the true spiritual world. And it will be a long time before the prevailing prejudices in this regard fade away, before a sufficiently large number of people come to realize that one can now penetrate the spiritual world in a scientific manner, just as one does nature.

[ 14 ] Nun ist, damit diese anthroposophisch orientierte Geistwissenschaft nach und nach sich einleben kann in unser Kulturleben, notwendig — als selbstverständlich sollte man das eigentlich ansehen —, daß sich Menschen zusammenschließen, die den Willen und das Bedürfnis haben, solche Geisteswissenschaft zu treiben. Aus diesem Bedürfnis nach Zusammenschluß zur Erarbeitung solcher Geisteswissenschaft ist ja alles auch entstanden, was sich im Dornacher Bau und um ihn herum ausgestaltet und weiter ausgestalten wird. Zusammenschluß einzelner Menschen; das führt aber sogleich wiederum zu der irrtümlichen Meinung: Nun ja, da hat man es ja mit einer Sekte zu tun, da schließen sich Menschen zusammen, die irgendeinen neuen Kirchenglauben unter sich kultivieren wollen. Das Zusammenschließen auf diesem Gebiete hat aber einen anderen Sinn als das Zusammenschließen in Sekten. Das Zusammenschließen auf anthroposophischem Gebiete hat den Sinn, daß Anthroposophie nicht errungen werden kann durch einen einzelnen Vortrag, durch die einzelne Lektüre einer Broschüre, sondern daß Anthroposophie etwas ist, was für den, der es wirklich in einer gewissen Ausdehnung kennen will, nach und nach erarbeitet sein will, was also Menschen erarbeiten müssen. Das muß ja auch in den Schulen, in den Universitäten geschehen; und wenn man das Zusammenschließen einer Hörerschaft in den Universitäten als eine «Sekte» bezeichnen will, dann kann man auch das Zusammenschließen derer, die Anthroposophie betreiben, als eine «Sekte» bezeichnen, sonst nicht. Wenn zu gewissen Vorträgen, zu gewissen Veranstaltungen nur eine Anzahl von Menschen erscheinen können, die anderes schon in sich aufgenommen haben, so erscheint das ganz natürlich; denn auch bei allem übrigen Aufnehmen von irgendwelcher Kenntnis ist es so. In die modernste Einrichtung, nicht in das sektiererische Wesen, will sich Anthroposophie hineinstellen. Rechnen will sie gerade mit den modernen Einrichtungen. Und nicht irgendein besonders Geheimnisvolles liegt zugrunde, wenn sich Menschen zusammenschließen und Veranstaltungen nur für sich haben, sondern einzig und allein das, daß sie gesucht haben die Vorbereitung dazu, wie man zu den Universitätsvorlesungen Vorbereitung sucht, bevor man sie besuchen kann, weil sonst der Besuch zwecklos ist. Alles übrige, was man sich als Ansicht bildet über solchen Zusammenschluß, ist auf diesem Gebiete vom Übel, denn es trifft nicht die Sache.

[ 14 ] Now, in order for this anthroposophically oriented spiritual science to gradually take root in our cultural life, it is necessary—and this should really be taken for granted—that people who have the will and the need to pursue such spiritual science come together. It is precisely out of this need to come together to develop such spiritual science that everything has arisen—and continues to take shape—in and around the Dornach building. The coming together of individual people, however, immediately gives rise to the mistaken notion: “Well, this must be a sect; here, people are banding together to cultivate some new religious belief among themselves.” But coming together in this field has a different purpose than coming together in sects. Coming together in the field of anthroposophy means that anthroposophy cannot be attained through a single lecture or by reading a single pamphlet; rather, it is something that, for those who truly wish to know it to a certain extent, must be worked out step by step—something that people must therefore work out for themselves. This must also take place in schools and universities; and if one wishes to describe the coming together of a student body at universities as a “sect,” then one can also describe the coming together of those who practice anthroposophy as a “sect”—and in no other way. If only a certain number of people—those who have already absorbed other knowledge—can attend certain lectures or events, this seems entirely natural; for the same is true of the acquisition of any other kind of knowledge. Anthroposophy seeks to fit into the most modern institutions, not into sectarian structures. It intends to engage precisely with modern institutions. And there is nothing particularly mysterious underlying the fact that people come together and hold events exclusively for themselves; rather, it is solely because they have sought to prepare themselves for these events, just as one seeks to prepare for university lectures before attending them, because otherwise attendance would be pointless. Any other opinion one might form about such a gathering is misguided in this regard, for it misses the point.

[ 15 ] Nun allerdings muß man sagen: Solcher Zusammenschluß gerade auf diesem Gebiete muß notwendigerweise in gewisser Beziehung ein anderes Gepräge tragen als der Zusammenschluß einer Studentenschaft an einer Hochschule zum Beispiel. Die Erkenntnisse, die an einer Hochschule übermittelt werden, beziehen sich ja zumeist auf das äußere Leben, mit Ausnahme von ganz geringen, man möchte sagen, Enklaven; sie beziehen sich gerade unter der heutigen naturwissenschaftlichen Strömung, nach der Richtung, die sie angenommen haben, auf das, was Verstand und Vernunft auf Grundlage der Sinnesbeobachtung begreifen. Das aber richtet sich mehr an das bloße Denken, das richtet sich mehr, man möchte sagen, an ein Glied der menschlichen Wesenheit: Es richtet sich an das bloße Kopf-Begreifen. Nicht als ob Anthroposophie sich nicht an das Kopf-Begreifen richte! — Leute, die kompetent zu sein glauben, beurteilen manchmal Anthroposophie eben nach ihren Vorurteilen; da stimmt ihnen manches nicht; da finden sie diese Anthroposophie dilettantisch. Wenn diese Leute näher eingingen darauf, so würden sie allerdings finden, daß das Denken, das man zu der äußeren Wissenschaft braucht, die Logik, die man zu der äußeren Wissenschaft braucht, nicht nur in Anthroposophie auch vorhanden sein muß, sondern daß eine viel feinere, höhere Logik zum wirklichen Begreifen später, in den fortgeschrittenen Teilen von Anthroposophie, notwendig ist. Aber was von Anthroposophie gesagt werden muß, was aus den Forschungen über die geistige Welt aus Anthroposophie enthüllt werden muß, das ergreift nicht nur den Kopf des Menschen, nicht bloß das Denkverständnis, sondern es ergreift den ganzen Menschen, es ergreift den Menschen in seiner ganzen Seelenhaftigkeit: Alles Fühlen, alles Denken, alles Wollen, alle Innenimpulse werden davon ergriffen. Dadurch tritt allerdings, ich möchte sagen, der Mensch, indem er an Anthroposophie herantritt, in ein innigeres Verhältnis zu dem, was ihm an Erkenntnis überliefert wird, als etwa beim bloßen Universitätsstudium.

[ 15 ] Now, however, it must be said: Such an association, particularly in this field, must necessarily take on a somewhat different character than, for example, an association of students at a university. The knowledge imparted at a university relates, for the most part, to external life—with the exception of very few, one might say, enclaves; particularly under the current trend in the natural sciences, given the direction it has taken, it relates to what the intellect and reason grasp on the basis of sensory observation. But this is directed more toward mere thinking; it is directed more, one might say, toward one aspect of the human being: it is directed toward mere intellectual understanding. Not that anthroposophy does not address intellectual understanding! — People who believe themselves to be competent sometimes judge anthroposophy precisely on the basis of their prejudices; there are things that do not sit right with them; they find this anthroposophy amateurish. If these people were to examine it more closely, they would indeed find that the thinking required for external science—the logic required for external science—must not only be present in anthroposophy, but that a much finer, higher logic is necessary for true understanding later on, in the more advanced parts of anthroposophy. But what must be said about anthroposophy—what must be revealed through anthroposophy’s research into the spiritual world—does not merely engage the human mind, nor merely intellectual understanding; rather, it engages the whole human being, it engages the human being in the fullness of their soul: all feeling, all thinking, all willing, and all inner impulses are encompassed by it. As a result, however—and I would say this—when a person approaches anthroposophy, they enter into a more intimate relationship with the knowledge that is imparted to them than, for example, through mere university study.

[ 16 ] Nun darf ich vielleicht, um mich über diesen Punkt vollständig verständlich zu machen, anknüpfen daran, daß ja Anthroposophie nur eben im Sinne der menschlichen Entwickelung für die heutige Zeit als Ergänzung der Naturwissenschaft Wichtigkeit hat, daß sie auftritt eben im Sinne des heutigen Zeitgeistes, daß aber dasjenige, was durch Anthroposophie angestrebt wird, was der Mensch erreichen will an Erkenntnissen, daß es in der Art, wie es für frühere Zeitalter dienlich war, wie es den Bedürfnissen und Interessen früherer Zeitalter entsprochen hat, eigentlich immer da war. Aber man hat andere Ansichten gehabt über den Betrieb, über die Erarbeitung der entsprechenden Erkenntnisse. Man muß sprechen, wenn man in ältere Zeiten zurückblickt nach den analogen Dingen, die heute der Anthroposophie entsprechen, von Mysterien, man muß sogar sprechen von Geheimgesellschaften, in denen im Laufe der Menschheitsentwickelung getrieben worden ist, was heute in einer ganz anderen Form eben, die der Gegenwart entspricht, in Anthroposophie getrieben werden muß. Diejenigen, die in früheren Zeiten solche Forschungen getrieben haben, solche Veranstaltungen gepflegt haben, durch welche die höheren Erkenntnisse der geistigen Welt an den Menschen herangetreten sind, die hatten über diesen Betrieb die Ansicht, daß man sich gerade mit diesem Betrieb abschließen muß in einem Kreise von Menschen, der sehr gut für solchen Betrieb vorbereitet ist, bei dem man sich vergewissert hat, daß er wirklich diejenige Gesinnung und auch diejenige Erkenntnisvorbereitung, Charaktervorbereitung hat, die notwendig ist, um etwas zu empfangen, was den ganzen Menschen in seiner ganzen Seele ergreift. Und so hat man das Wissen streng geheimgehalten, das man in solchen Mysterien, in solchen Geheimgesellschaften gepflegt hat. Man kann heute noch einsehen, daß außer Nebenrücksichten, die ja auch gegolten haben, über die ich mich nicht zu verbreiten brauche, gute Gründe vorhanden waren, um dieses höhere Wissen vor den allgemeinen Blikken, möchte man sagen, vor der Entweihung durch die Allgemeinheit zu beschützen. Es haben gute Gründe vorgelegen. Und mehr im Hinblick auf die heutige Erarbeitung der Geisteswissenschaft möchte ich etwas von diesen Gründen andeuten.

[ 16 ] Now, perhaps, in order to make myself fully understood on this point, I may add that anthroposophy is indeed significant for the present day—in the context of human development—as a complement to the natural sciences; that it arises precisely in the spirit of the times; but that what anthroposophy strives for—the insights that human beings seek to attain—has, in the way it served earlier ages—in the way it corresponded to the needs and interests of those times—has actually always been there. But people have held different views regarding the process, regarding the development of the corresponding insights. When looking back to earlier times at the analogous phenomena that correspond to anthroposophy today, one must speak of mysteries; one must even speak of secret societies in which, in the course of human development, what must now be pursued in anthroposophy—albeit in a completely different form appropriate to the present—was once carried out. Those who, in earlier times, engaged in such research and cultivated such practices through which the higher insights of the spiritual world were brought to humanity held the view regarding this work that it must be confined precisely to a circle of people who are very well prepared for such work—people in whom it has been ascertained that they truly possess the right disposition and also the necessary preparation of the mind, and character necessary to receive something that grips the whole human being in the depths of their soul. And so the knowledge cultivated in such mysteries and secret societies was kept strictly confidential. Even today one can see that, aside from secondary considerations—which certainly also applied, but which I need not elaborate on—there were good reasons to protect this higher knowledge from public scrutiny, one might say, from desecration by the general public. There were good reasons for this. And with a view to the development of spiritual science today, I would like to hint at some of these reasons.

[ 17 ] Tritt man nämlich ein in der Weise, wie es gestern geschildert wurde, aus der sinnlichen in die geistige Welt, so hat man es vor allen Dingen damit zu tun, daß man ein gewisses Grenzgebiet zu überschreiten hat. Man kann sich dabei ganz gut eines Ausdruckes bedienen, dessen sich viele, die von solchen Sachen etwas verstanden, bedient haben: Man hat zu überschreiten die Schwelle, wie man immer sagte, nach der geistigen Welt. Dieser Ausdruck bedeutet etwas. Es ist nicht ein bloß bildlicher Ausdruck. Er bedeutet insoferne etwas, als die Wissenschaft des Geistigen, die Erkenntnis des Geistigen, wenn sie wirklich im Ernste an den Menschen herantritt und der Mensch sich im Ernst mit ihr verbindet, Begriffe, Ideen, Vorstellungen, Anschauungen in den Menschen hereinbringt, die nun wirklich ganz anders sind als die Vorstellungen, die Anschauungen, die man über die äußere Sinneswelt hat. Man kann schon sagen: Derjenige, der so recht versessen ist, nur das zunächst gewohnheitsmäßig gelten zu lassen, was in bezug auf die äußere Sinneswelt die Wahrheit ist, der wird finden, daß, wenn Wahrheiten aus der geistigen Welt mitgeteilt werden, diese zunächst paradox klingen; sie klingen so verschieden von den Wahrheiten über die Sinneswelt, daß sie paradox, daß sie, wie mancher mit einem landläufigen Ausdruck sagen wird, phantastisch, verworren, ja vielleicht verrückt erscheinen könnten. Das rührt eben davon her, daß man ganz fehlgeht, wenn man glaubt, die geistige Welt, die unserer sinnlichen zugrunde liegt, sei nur so eine Art Fortsetzung dieser Sinneswelt; sie nehme sich im Grunde genommen geradeso aus, nur sei sie etwas nebuloser, etwas nebelhafter, etwas feiner, etwas dünner als die Sinneswelt.

[ 17 ] For when one enters the spiritual world from the sensory world in the manner described yesterday, one is faced, above all, with the task of crossing a certain boundary. One can quite aptly use an expression that many who understood such matters have employed: one must cross the threshold, as it has always been said, into the spiritual world. This expression has meaning. It is not merely a figurative expression. It has meaning insofar as the science of the spiritual—the knowledge of the spiritual—when it truly approaches human beings in earnest and human beings seriously engage with it, brings into them concepts, ideas, images, and perspectives that are truly quite different from the images and perspectives one has of the external sensory world. One might even say: Anyone who is so fixated on initially accepting, out of habit, only what is true with regard to the external sensory world will find that when truths from the spiritual world are communicated, they sound paradoxical at first; they sound so different from the truths about the sensory world that they might seem paradoxical—or, as some might say using a common expression, fantastical, confused, or perhaps even crazy. This stems precisely from the fact that one is entirely mistaken if one believes that the spiritual world, which underlies our sensory world, is merely a kind of continuation of that sensory world; that it is essentially the same, only somewhat more nebulous, somewhat more ethereal, somewhat finer, and somewhat more subtle than the sensory world.

[ 18 ] Nein, man muß sich schon damit bekannt machen, daß man Neues, in der Sinneswelt Unerhörtes, für die Sinneswelt Paradoxes als Wahrheit erfahren muß, wenn man sich einlassen will in die wirkliche geistige Welt. Daher hat das Sich-Einlassen in die wirkliche geistige Welt nicht nur etwas Frappierendes, sondern es ruft bei dem Menschen oftmals Gefühle hervor, welche, namentlich wenn er eben an der Grenze zwischen sinnlicher und geistiger Welt steht, der Furcht, der Scheu ähnlich sind, die immer vorhanden sind, wenn der Mensch in ein unbekanntes Gebiet eintritt. Denn für denjenigen, der seine Erfahrungen nur in der sinnlichen Welt gemacht hat, ist die geistige Welt ein unbekanntes Gebiet. Und so geschieht es, daß an der Schwelle zur geistigen Welt für die menschlichen Auffassungen zweierlei ineinanderfließen kann: Auf der einen Seite steht das, was man noch als Wahrheit anerkennen muß in bezug auf die sinnliche Welt, was man da als die Tatsachenfolge, als den gesetzlichen Verlauf anerkennen muß; dann aber schlägt einem gleichsam von der anderen Seite der Welt, von der geistigen Seite, etwas entgegen, was anderen Gesetzen unterworfen ist, was in ganz anderer Weise verläuft, was einen paradoxen Eindruck macht. Das kann zunächst ineinanderschlagen.

[ 18 ] No, one must come to terms with the fact that one must experience as truth things that are new, unheard of in the sensory world, and paradoxical to the sensory world, if one wishes to engage with the true spiritual world. Therefore, entering into the true spiritual world is not only startling, but it often evokes feelings in a person—especially when standing at the threshold between the sensory and spiritual worlds—that resemble the fear and hesitation always present when a person enters uncharted territory. For those who have gained their experience solely in the physical world, the spiritual world is uncharted territory. And so it happens that, on the threshold of the spiritual world, two things can merge in human perception: on the one hand, there is what one must still recognize as truth with regard to the physical world—the sequence of facts and the lawful course of events; but then, as it were, something strikes one from the other side of the world—from the spiritual side—that is subject to different laws, that unfolds in an entirely different way, and that makes a paradoxical impression. At first, these two perspectives may clash.

[ 19 ] Dadurch aber kommt das Denken, dadurch kommt das Seelenauffassen in eine Lage, die hohe Ansprüche stellt an den gesunden Menschenverstand, die hohe Ansprüche stellt an eine gesunde Beurteilungsfähigkeit der ganzen Sachlage. Man muß gut vorbereitet sein im gesunden Menschenverstand, gut vorbereitet sein in Urteilsfähigkeit, wenn man an dem Grenzgebiet unterscheiden will Illusion, Phantasterei von geistiger Wirklichkeit. Wer die gestern und heute von mir genannten Bücher wirklich studiert, der wird sehen, daß dasjenige, was da als Methode mitgeteilt wird, um in die geistige Welt hineinzudringen, durchaus so gehalten ist, daß der Mensch in entsprechender Weise die Gesundheit seiner Sinne, seines Verstandes, seiner Vernunft nicht etwa in irgendeiner Weise beeinträchtigt oder herablähmt, sondern sie im Gegenteil erhöht, fördert. Alles, was nebuloses Mystizieren ist, alles, was verbunden ist mit einem traumhaften, hypnotisierten Hineindringen in die geistige Welt, ist das gerade Gegenteil von dem, was gesunde Geistesforschung anstrebt.

[ 19 ] But this places thinking—and the soul’s perception—in a situation that places high demands on common sense and on a sound ability to assess the entire situation. One must be well-prepared in terms of common sense and sound judgment if one wishes to distinguish, in this borderland, between illusion and fantasy on the one hand, and spiritual reality on the other. Anyone who truly studies the books I mentioned yesterday and today will see that the method described there for penetrating the spiritual world is designed in such a way that it does not in any way impair or dull the health of one’s senses, intellect, or reason, but rather enhances and fosters them. Everything that is nebulous mysticism, everything associated with a dreamlike, hypnotized penetration into the spiritual world, is the very opposite of what sound spiritual research strives for.

[ 20 ] Das hindert allerdings nicht, daß immer wieder und wiederum übelwollende Leute — es sind eben nur übelwollende Leute — kommen und erklären: Geisteswissenschaftliche Methode hypnotisiere die Menschen, suggeriere ihnen allerlei Dinge —, während nichts so entschieden dazu beitragen kann, den Menschen zu bewahren vor allen hypnotischen Einschlägen, vor aller Suggestion, vor allem unerlaubten Einfluß eines Menschen auf den anderen, als das, was die wahren geisteswissenschaftlichen Methoden, die den Menschen frei machen, die den Menschen auf sich selbst stellen, ihm geben können. Immer wieder und wiederum wird in der geisteswissenschaftlichen Methode so gearbeitet, daß darin der folgende Grundsatz, das folgende Prinzip ist:

[ 20 ] However, this does not prevent malicious people—and they are simply malicious people—from coming forward time and again to declare: that the spiritual scientific method hypnotizes people and suggests all sorts of things to them—while nothing can contribute more decisively to protecting people from all hypnotic influences, from all suggestion, and from all unwarranted influence of one person over another than what the true spiritual scientific methods—which set people free and enable them to stand on their own—can offer them. Time and again, the spiritual scientific method operates in such a way that it is based on the following fundamental principle:

[ 21 ] Ich habe in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» darauf hingewiesen, daß man sagen kann: So wie der Mensch aus dem Schlafe, in dem er nur ein ganz dumpfes Bewußtsein hat, aufwacht zu dem gewöhnlichen Wachbewußtsein, so kann er aufwachen aus diesem gewöhnlichen Bewußtsein, in dem er im gewöhnlichen Leben sich befindet, zu dem geistigen Schauen. Es ist wie ein Aufwachen in eine geistige Welt hinein, was man sich erwirbt durch die geisteswissenschaftliche Methode. Aber so, wie das gewöhnliche Leben des Tages niemals gesund sein kann, wenn man nicht Vorkehrungen trifft, daß der Schlaf ein gesunder ist, so kann das Eintreten in die geistige Welt nicht gesund sein, wenn man nicht erst ein gesundes, auf dem Boden echter Wirklichkeit, praktischer Lebensweisheit stehendes Alltagsleben entwickeln kann, wenn man sich nicht erst so in Zucht genommen hat, daß man auf dem äußeren Lebensgebiet ein Mensch ist, der der Wirklichkeit gewachsen ist. Das Aufwachen zum Schauen kann nur aus einem gesunden Tagesleben heraus erfolgen, so wie das Aufwachen zum gesunden Tagesleben nur aus dem gesunden, nicht aus dem krankheitsgestörten Schlaf hervorgehen kann. Alles, was irgendwelche Vorkehrungen im gewöhnlichen Leben sind, durch die der Mensch sich diesem Leben entfremdet, durch die er der Wirklichkeit fremd wird, alles, was die Menschen so sehr suchen aus Torheit heraus, aus Vorurteilen heraus, in einer falschen Askese, in einer falschen Abkehrung vom Leben, in einem mystischen Halbdunkel oder auch wohl mystischen Ganzdunkel, alles das muß Geisteswissenschaft aus ihren Veranstaltungen verbannen. Gerade das richtige Drinnenstehen im Leben, das Auge-in-Auge-Gegenüberstehen der praktischen Wirklichkeit, das ist die beste Vorbereitung, um in die geistige Welt einzutreten.

[ 21 ] In my book The Riddle of Man, I pointed out that one can say: Just as a person awakens from sleep—in which they have only a very dull consciousness—to ordinary waking consciousness, so too can they awaken from this ordinary consciousness, in which they find themselves in everyday life, to spiritual vision. It is like awakening into a spiritual world, which one attains through the method of spiritual science. But just as ordinary daily life can never be healthy unless one takes precautions to ensure that one’s sleep is healthy, so entering the spiritual world cannot be healthy unless one first develops a healthy everyday life grounded in genuine reality and practical wisdom, unless one has first disciplined oneself to such an extent that, in the external sphere of life, one is a person who is a match for reality. Awakening to perception can only arise from a healthy daily life, just as awakening to a healthy daily life can only arise from healthy sleep, not from sleep disturbed by illness. Everything that constitutes any kind of artificial construct in ordinary life—through which a person becomes alienated from this life, through which they become estranged from reality—everything that people seek so earnestly out of folly, out of prejudice, in a false asceticism, in a false turning away from life, in a mystical twilight or even, indeed, in mystical total darkness, all of that must be banished from the activities of spiritual science. It is precisely this standing firmly within life, this face-to-face encounter with practical reality, that is the best preparation for entering the spiritual world.

[ 22 ] Dann aber, wenn man sich einen gesunden Sinn für die äußere Wirklichkeit erworben hat, wenn man in dieser äußeren Wirklichkeit kein Träumer, kein Phantast ist, kein für das Leben unbrauchbarer Mensch, wenn man, mit anderen Worten, gesunden Menschenverstand und gesunde Urteilskraft entwickelt hat, dann kann man auch an den Grenzgebieten zwischen sinnlicher und geistiger Welt, da, wo die Schwelle ist zwischen den beiden Welten, Illusionen von Wirklichkeit unterscheiden. Daher hat man sich in früheren Zeiten, auf die ich eben hingedeutet habe, streng davon überzeugt, ob Menschen, die sich solchen, nach einem höheren Wissen strebenden Vereinigungen anschlossen, ob sie vorher wirklich in der Art vorbereitet waren, daß sie den stärkeren Kampf, den der gesunde Menschenverstand aufzunehmen hatte an der Grenzschwelle zwischen sinnlicher und geistiger Welt, wirklich bestehen konnten. Denn wer diesen gesunden Menschenverstand nicht hat, der wird gerade von dem scheinbar Paradoxen, von dem, was ihm ganz anders entgegentritt als alles, was in der Sinneswelt ist, er wird davon beirrt, abgestoßen; er läßt das Ganze bald liegen, wie man eine glühende Kohle liegen läßt, wenn man sich daran verbrannt hat, und er fühlt sich enttäuscht und wird vielleicht, während er gesucht hat, in die geistige Welt hineinzukommen, immer mehr und mehr ein Gegner alles geistigen Strebens. Ihrer Menschen wollten diese älteren Vereinigungen sicher sein.

[ 22 ] But once one has acquired a healthy sense of external reality—once one is no dreamer in this external reality, a fantasist, or a person unfit for life—in other words, once one has developed common sense and sound judgment—then one can also distinguish between illusion and reality in the borderlands between the sensory and spiritual worlds, where the threshold between the two worlds lies. That is why, in earlier times—to which I have just alluded—people took great care to ascertain whether those who joined such societies striving for higher knowledge had truly been prepared in such a way that they could actually withstand the intense struggle that common sense must face at the threshold between the sensory and spiritual worlds. For whoever lacks this common sense will be led astray and repelled precisely by what appears paradoxical—by what confronts them in a way entirely different from anything in the sensory world; they soon abandon the whole thing, just as one would put down a glowing coal after being burned by it, and they feel disappointed and—while seeking to enter the spiritual world—may become more and more opposed to all spiritual striving. These older associations wanted to be certain of their members.

[ 23 ] Solche Vereinigungen haben bis in unsere Zeit hinein ihre Arbeit forterstreckt; es gibt solche noch. Anthroposophie gehört nicht zu ihnen; Anthroposophie rechnet damit, daß in der neueren Zeit in einem ganz anderen Umfange, als das in früheren Zeitaltern der Fall war, alles, was an den Menschen herantritt, der Öffentlichkeit unterliegen muß. Wir hören doch mit einem gewissen Recht, daß man danach strebt, sogar die Geheimdiplomatie durch eine öffentliche zu ersetzen. Der Geist der Zeit geht nach Öffentlichkeit. Gerade mit diesem Geist der Zeit lebt aber Anthroposophie. Und nur insoferne, als, ich möchte sagen, aus den früher erörterten Gründen, weil gewisse Vorbereitungen notwendig sind, wenn man Späteres begreifen will, nur aus solchen Voraussetzungen heraus hat manches noch den Schein der alten Einrichtungen, strebt aber doch, vollständig, restlos sich in die Öffentlichkeit hineinzustellen. Denn nur das kann Anthroposophie zu einem Glied, zu einem Element des modernen Geisteslebens machen, wozu es kommen muß, wenn sich Anthroposophie also in die Öffentlichkeit hineinstellt.

[ 23 ] Such associations have continued their work right up to the present day; they still exist. Anthroposophy does not belong among them; Anthroposophy recognizes that in modern times, to a far greater extent than was the case in earlier eras, everything that concerns human beings must be subject to public scrutiny. After all, we hear—and with some justification—that there is a movement to replace even secret diplomacy with public diplomacy. The spirit of the times is moving toward public openness. But it is precisely this spirit of the times that animates anthroposophy. And only to the extent that—I would say, for the reasons discussed earlier, because certain preparations are necessary if one is to understand what lies ahead—only on such grounds do some aspects still retain the appearance of the old institutions; yet they strive to place themselves completely and utterly within the public sphere. For only this can make anthroposophy a link, an element of modern spiritual life—which is what must come to pass if anthroposophy is to place itself in the public sphere.

[ 24 ] Nicht nur das aber ist eine Eigentümlichkeit der Anthroposophie, was ich eben angedeutet habe, sondern dieses innere Seelenerleben selber, dasjenige, was einen befähigt, in der geistigen Welt so zu schauen, wie man mit den physischen Sinnen in der physischen Welt schaut. Das erfordert, daß man sich überhaupt zu Begriffen, zu Anschauungen, zu Vorstellungen, zu all dem, was die Seele ausfüllt, etwas anders verhalten könne, als man sich gegenüber der äußeren Wirklichkeit verhält. Und auch auf diesem Gebiete hat die Naturwissenschaft Begriffsgebilde erzeugt, welche in dieser Art, wie sie durch die Naturwissenschaft auch populär geworden sind, in der Geisteswissenschaft unbrauchbar sind. Sie sind unbrauchbar, weil der Geistesforscher sehr bald auf folgendes kommt: Ein Begriff, eine Idee, eine Vorstellung ist eigentlich, sobald man an die geistigen Tatsachen und geistigen Wesenheiten herantritt, niemals anders als ein Abbild, eine Fotografie, die man in der physischen Welt, sagen wir, von einem Baum macht. Wenn man ein Abbild eines Baumes von einer Seite nimmt und ein Abbild von einer anderen Seite, ein Abbild von der dritten Seite — diese Abbilder sehen alle verschieden aus. Sie sind alle von ein und demselben Baume, sie sehen aber alle verschieden aus. Und nur dadurch, daß man von den verschiedensten Seiten her diese Abbildungen nimmt, kann man, indem man sie zusammenhält, gerade eine Vorstellung, ein Erleben der Wirklichkeit gewinnen. Das liebt man aber heute nicht. Man liebt heute eingeschränkte Begriffe. Man liebt: Wenn man einen Begriff hat, so «hat» man ihn eben! Dann will man bei ihm bleiben. Das kann Geisteswissenschaft nicht. Geisteswissenschaft schildert die Sache von den verschiedensten Seiten her; sie schildert einmal von der einen Seite und weiß, daß sie damit nur ein einseitiges Bild, gewissermaßen eine Fotografie von einem gewissen Gesichtspunkte aus gibt; sie schildert dann von einer anderen Seite, schildert von einer dritten Seite, von einem dritten Gesichtspunkte aus.

[ 24 ] But it is not only what I have just alluded to that is a distinctive feature of anthroposophy, but this inner spiritual experience itself—that which enables one to perceive the spiritual world in the same way that one perceives the physical world with the physical senses. This requires that one be able to relate to concepts, intuitions, images—to everything that fills the soul—in a somewhat different way than one relates to external reality. And in this realm, too, natural science has produced conceptual constructs which, in the form in which they have become popular through natural science, are unusable in spiritual science. They are unusable because the spiritual researcher very soon comes to the following realization: A concept, an idea, or a mental image is, in fact, as soon as one approaches spiritual facts and spiritual beings, never anything other than a reflection, a photograph, taken in the physical world—let us say, of a tree. If one takes an image of a tree from one side, an image from another side, and an image from a third side—these images all look different. They are all of one and the same tree, yet they all look different. And it is only by taking these images from the most diverse angles that one can, by holding them together, gain a true conception, an experience of reality. But people today do not appreciate this. Today, people prefer limited concepts. They prefer: Once you have a concept, you simply “have” it! Then you want to stick with it. Spiritual science cannot do that. Spiritual science describes the matter from the most diverse angles; it describes it from one angle and knows that in doing so it is providing only a one-sided picture—a photograph, so to speak, from a certain point of view; it then describes it from another angle, from a third angle, from a third point of view.

[ 25 ] Ja, was noch mehr frappiert, das ist das Folgende. Man muß, wenn man wirklich Geisteswissenschafter werden will, sehr durchdrungen sein von dem so schön von Goethe angedeuteten Satze: Zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen liegt das Problem mitten inne. — Man muß nicht nur kennen, wenn man die Wahrheit über ein geistiges Wesen oder eine geistige Tatsache wissen will, was sich für sie sagen läßt, sondern auch, was sich gegen sie sagen läßt.

[ 25 ] Yes, what is even more striking is the following. If one truly wishes to become a scholar of the humanities, one must be deeply imbued with the maxim so beautifully expressed by Goethe: “The problem lies right in the middle between two opposing opinions.” — If one wishes to know the truth about a spiritual being or a spiritual fact, one must know not only what can be said in its favor, but also what can be said against it.

[ 26 ] Diejenigen der verehrten Anwesenden, die öfter Vorträge von mir gehört haben, werden wissen, daß es aus der geisteswissenschaftlichen Gesinnung heraus meine Gewohnheit ist, wenn dies oder jenes gerade in Frage kommt, nicht nur zu sagen, was für eine Sache spricht, sondern auch zu sagen, was gegen sie spricht. Und insbesondere in intimeren Vorträgen über höhere Gebiete der Anthroposophie pflege ich das immer zu tun. So daß derjenige, der meine Schriften durchgeht, in diesen Schriften nicht nur findet, womit man gewisse geistige Tatsachen, geistige Wesenheiten begründen kann, sondern auch, womit man die Dinge widerlegen kann. Nur dadurch erhält man ein wahrheitsgemäßes Erlebnis.

[ 26 ] Those of you here today who have heard me speak on several occasions will know that, in keeping with the spirit of spiritual science, it is my habit—whenever this or that topic comes up—not only to point out the arguments in favor of a matter but also to point out the arguments against it. And I always make a point of doing this, especially in more intimate lectures on the higher realms of anthroposophy. Thus, anyone who reads through my writings will find in them not only the grounds for certain spiritual facts and spiritual beings, but also the arguments that can be used to refute them. Only in this way can one gain a true experience.

[ 27 ] Das allerdings hat ja gerade auf diesem anthroposophischen Gebiete zu merkwürdigen Dingen geführt, zu Dingen, die man eigentlich nur auf diesem Gebiete unter den heutigen Zeitverhältnissen erleben kann. Gerade aus den Reihen der Anhänger sind Menschen, die sich in diese Reihe gestellt haben, die ihre Rechnung darinnen nicht gefunden haben, die nicht Arbeit in geisteswissenschaftlicher Beziehung gesucht haben, sondern persönliche Interessen. Sie sind abgefallen, sie wurden dann Gegner. Sie brauchten nur abzuschreiben, was in meinen Schriften selbst steht, was in meinen Vorträgen selbst vorkommt, dann konnten sie in der schönsten Weise Anthroposophie widerlegen. Gerade auf diesem Gebiet hat man die beste Gelegenheit, zu «widerlegen». Man braucht nämlich nicht einmal eigene Widerlegungen zu erfinden, man braucht nur die gebotenen Widerlegungen abzuschreiben! Das ist in der Tat in der neuesten Zeit im umfänglichsten Sinne geschehen. Wie überhaupt das, was als Gegnerschaft von solchen, die auch Anhänger waren, gegen Anthroposophie vielfach auftritt, merkwürdige Eigenschaften zeigt, gerade die Eigenschaft zeigt, daß es selten auf das Sachliche geht, sondern daß es immer auf das geht, was vom Sachlichen abführt, auf das Persönliche, und Formen annimmt — ich sage das nur wie in Parenthese —, gegenüber denen das Widerlegen eigentlich eine ziemlich überflüssige Sache aus dem Grunde ist, weil diejenigen, die die Dinge vorbringen, selbst am besten wissen, daß sie Dinge sagen, die nicht wahr sind.

[ 27 ] That, however, has led to some strange developments precisely in this anthroposophical field—developments that, under today’s circumstances, one can really only experience in this particular field. Precisely from among the ranks of the followers are people who have joined these ranks, who did not find what they were looking for there, who were not seeking work in the field of spiritual science but rather personal interests. They fell away; they then became opponents. All they had to do was copy down what is written in my own writings, what appears in my own lectures, and then they were able to refute anthroposophy in the most splendid way. It is precisely in this field that one has the best opportunity to “refute.” One does not even need to invent one’s own refutations; one need only copy the refutations that are readily available! This has, in fact, happened on a massive scale in recent times. In general, what often appears as opposition to anthroposophy from those who were once followers themselves exhibits peculiar characteristics—specifically, the characteristic that it rarely addresses the factual, but always turns to what distracts from the factual, to the personal, and takes on certain forms—I say this only as an aside— against which refutation is actually quite superfluous, for the very reason that those who put forward these arguments know best of all that they are saying things that are not true.

[ 28 ] Dies aber, was ich eben angedeutet habe, ist eine durchgreifende Eigentümlichkeit anthroposophischer Forschung: die Dinge von den verschiedensten Seiten her zu beleuchten. Dadurch allein erwirbt man sich jene innere Disziplinierung der Seele, die notwendig ist, wenn man nicht bloß in abstrakten Begriffen leben, sondern sich mit geistigen Wirklichkeiten verbinden will. In dieser Beziehung ist eine innere Disziplinierung der Seele notwendig, von der derjenige gar keine Vorstellung hat, welcher sich nur an der äußeren Natur mit Naturwissenschaft allein heranbildet. Er hat deshalb keine Vorstellung, weil er denkt, er könne gewisse Begriffe, gewisse Vorstellungen, die an der äußeren Natur gewonnen sind, einfach übertragen auf das geistige Gebiet; denn sie gelten ihm für allgemein gültig. Das kann man aber nicht.

[ 28 ] But what I have just alluded to is a fundamental characteristic of anthroposophical research: to examine things from a wide variety of perspectives. Only in this way does one acquire that inner discipline of the soul which is necessary if one wishes not merely to live in abstract concepts, but to connect with spiritual realities. In this regard, an inner discipline of the soul is necessary—one of which those who educate themselves solely through the study of external nature via the natural sciences have absolutely no conception. They have no conception of it because they think they can simply transfer certain concepts and ideas derived from external nature to the spiritual realm, since they regard these as universally valid. But that is not possible.

[ 29 ] Ich möchte mich durch folgendes verdeutlichen. Allerdings beginnen damit gleich die paradoxen Begriffe, aber «paradox» nur in bezug auf manches, was als Vorurteil der Gegenwart, wenn auch stark geglaubt, herrscht. Ich gedenke zum Beispiel eines Vortrags, der im Anfange dieses Jahrhunderts von Professor Dewar in London gehalten worden ist. Der Professor Dewar hat in einer ähnlichen Weise, wie es die Geologen machen, wie es die Geognosten machen für den Anfang des Erdenwerdens, versucht, Vorstellungen zu bilden aus der Physik, aus der Chemie heraus über das mögliche Erdenende. Diese Vorstellungen sind durchaus im Sinne echter Naturwissenschaft gehalten, außerordentlich geistvoll. Wenn man verfolgt, wie die Erde sich nach und nach abkühlt, wie sich mit der Abkühlung der Erde die Verhältnisse der einzelnen Stoffe auf der Erde ändern, kommt man da zu gewissen Einsichten, die gültig sind für die Grenze, innerhalb welcher man beobachtet. Dann dehnt man sie aus, dann sagt man: Wie wird das alles sein, wenn Jahrmillionen vergangen sind? — Nun, man kann ein recht geistreicher Physiker, recht geistreicher Chemiker sein, da bekommt man die Vorstellung: Es ist so kalt, ja, so kalt, daß eigentlich kein Mensch mehr mit seiner jetzigen Konstitution auf der Erde leben kann; aber dennoch, man rechnet das aus als einen Erdenzustand; man rechnet, wie dann, sagen wir, zum Beispiel die Milch aussieht. Die Milch wird dann fest sein, sie kann nicht flüssig sein zu der Zeit, sie wird eine ganz andere Farbe haben. Man kann gewisse Stoffe, wie etwa Eiweiß, finden, mit denen man dann die Wände bestreicht, so daß die Wände leuchtend werden, daß man dabei Zeitungen lesen kann. Dies alles hat der Professor aus Physik und Chemie als eine schöne Vorstellung herausgezogen. Aber derjenige, der auf Grundlage geisteswissenschaftlicher Methoden sich geschult hat, der muß sich durch innere Seelendisziplin solche Vorstellungen versagen, der kann zu ihnen nicht kommen. Denn wie werden sie denn eigentlich gewonnen?

[ 29 ] I would like to clarify my point with the following. Admittedly, this immediately introduces paradoxical concepts, but “paradoxical” only in relation to certain things that are widely held as contemporary prejudices, even if they are strongly believed. I am thinking, for example, of a lecture given in London at the beginning of this century by Professor Dewar. Professor Dewar, in a manner similar to that used by geologists and geognosts regarding the beginning of the Earth’s formation, attempted to develop concepts based on physics and chemistry concerning the possible end of the Earth. These concepts are entirely in keeping with genuine natural science and are extraordinarily insightful. When one traces how the Earth gradually cools and how the proportions of the various substances on Earth change as it cools, one arrives at certain insights that are valid within the limits of one’s observations. Then one extends these insights and asks: What will all this be like when millions of years have passed? — Well, one can be a truly ingenious physicist or chemist, and one arrives at the idea: It will be so cold—yes, so cold—that, in fact, no human being with their current constitution will be able to live on Earth; yet, one calculates this as a possible state of the Earth; one calculates, for example, what milk will look like. Milk will then be solid—it cannot be liquid at that time—and it will have a completely different color. One might find certain substances, such as egg white, with which one could then coat the walls, so that the walls become luminous, allowing one to read newspapers by their light. The professor of physics and chemistry has drawn all this from a beautiful conception. But anyone who has trained themselves on the basis of spiritual scientific methods must, through inner spiritual discipline, refrain from such conceptions; they cannot arrive at them. For how are they actually arrived at?

[ 30 ] Nun, jetzt komme ich eben auf das, was paradox gegenüber den gangbaren Vorstellungen ist: Wenn man beobachtet, wie bei einem Kinde sich die Lebensfunktionen, sagen wir, vom siebten, achten zum neunten Jahr hin ändern, so bekommt man ein entsprechendes Bild. Man kann dann weiterrechnen, wie unter diesem Einfluß der Änderung nun die Organe ausschauen müssen in 150 Jahren. Das ist genau dieselbe Methode, nach welcher der Professor Dewar den Endzustand der Erde berechnete. Nur, wenn man sie auf den Menschen anwendet, so merkt man: Dieser Organismus ist nicht mehr da in 150 Jahren! Und man bedenkt dann nicht, daß, was auf den Menschen nicht anwendbar ist, nicht anwendbar ist auf den großen Makrokosmos der Erde, und daß die Erde ebenso vorher stirbt, bevor der Zustand eintritt, den man auf sehr geistreiche Weise aus der Physik heraus errechnete. Ebenso könnte man errechnen aus den Veränderungen vom siebten bis neunten Jahre, wie das Kind vor 180 Jahren war — aber es war noch nicht da! Für die Erde machen das die Geologen; sie rechnen aus, wie die Erde ausgesehen hat vor soundso viel Jahrmillionen. Aber — die Erde war damals noch nicht geboren.

[ 30 ] Well, now I’ll turn to what is paradoxical in light of conventional ideas: If one observes how a child’s vital functions change, say, from the seventh or eighth to the ninth year, one gets a corresponding picture. One can then extrapolate to determine what the organs must look like in 150 years under the influence of this change. This is exactly the same method Professor Dewar used to calculate the Earth’s final state. However, when one applies it to human beings, one realizes: This organism will no longer exist in 150 years! And one fails to consider that what does not apply to human beings does not apply to the great macrocosm of the Earth either, and that the Earth will likewise perish before the state—which was very ingeniously calculated from physics—can come to pass. Similarly, one could calculate from the changes between the seventh and ninth years what the child was like 180 years ago—but it wasn’t even there yet! Geologists do this for the Earth; they calculate what the Earth looked like so many millions of years ago. But—the Earth hadn’t even been born yet.

[ 31 ] Das klingt paradox, und man muß als Geistesforscher in die heutige Zeit Begriffe hineinwerfen, die schon paradox klingen, die vielleicht schon von manchem als verrückt angesehen werden. Aber was geisteswissenschaftlich erfahren wird, ist eben etwas, was Seelendisziplinierung geben kann. Und um sich hineinleben zu können in das Geistige, gehört eben eine Seelendisziplin, die sich auch gewisse Begriffe versagen kann, die nicht eine Kalkulation nach demselben Muster macht, nach dem man sich richten würde, wenn man sagen würde: Der Mensch, der heute vor mir steht, der war als der nämliche Mensch vor 200 Jahren vorhanden. — Die Kalkulierung würde ganz nach demselben Muster sein.

[ 31 ] This sounds paradoxical, and as a researcher in the humanities, one must introduce concepts into the present day that already sound paradoxical—concepts that some might even consider crazy. But what is experienced through the humanities is precisely something that can provide discipline for the soul. And in order to be able to immerse oneself in the spiritual realm, one needs a discipline of the soul that can also reject certain concepts—a discipline that does not make calculations according to the same pattern one would follow if one were to say: “The person standing before me today existed as the very same person 200 years ago.” — The calculation would follow exactly the same pattern.

[ 32 ] Ich weiß sehr gut, wie paradox das ist, was ich damit sage. Aber wenn man nicht auf solches Paradoxe hinweist, so kann man eben nicht aufmerksam machen auf dasjenige, was für manchen so bestürzend ist. Wenn man die Schwelle der geistigen Welt überschreitet, kann man nicht genug aufmerksam darauf machen, wie sehr der gesunde Menschenverstand wirken muß beim Übertritt aus der physischen in die geistige Welt. Eignet man sich aber eine solche Seelendisziplin an, kommt man dazu, in dieser Weise sich mit der Wirklichkeit zu verbinden, dann wird, weil solche Dinge den ganzen Menschen ergreifen, dasjenige, was die Seele davon hat, zu einer Errungenschaft der ganzen Seele; es wird Gesinnung, es wird Grundcharakter, es wird Wesenhaftiges der Seele.

[ 32 ] I am well aware of how paradoxical what I am saying is. But if one does not point out such paradoxes, one simply cannot draw attention to what is so unsettling for some. When one crosses the threshold into the spiritual world, one cannot emphasize enough how much common sense must be at work in the transition from the physical to the spiritual world. But if one acquires such spiritual discipline and comes to connect with reality in this way, then—because such things affect the whole person—what the soul gains from this becomes an achievement of the whole soul; it becomes a disposition, it becomes a fundamental character trait, it becomes an essential aspect of the soul.

[ 33 ] Dann aber wird die Seele fähig, zu beurteilen, wie sich ihre Auffassung, wie dasjenige, was sie sich als Meinung, als Vorstellung, als Weltanschauung zu bilden hat, sich zu anderen Auffassungen, zu anderen Weltanschauungen verhält. Dann wird die Seele geneigt, zu begreifen, wie das Verhältnis ihrer eigenen Weltanschauung zu anderen Auffassungsweisen der Welt ist. Dann kommt man dazu, zu verfolgen, was an anderen Gedanken- und Empfindungs- und Erlebnisströmungen vorhanden ist, um es vor allen Dingen nicht bloß kritisieren zu wollen, sondern sich hineinleben zu wollen. Solch ein Verhalten, das dehnt sich dann aus als eine Beurteilungsmöglichkeit allen geschichtlichen und allen zeitgenössischen Werdens in bezug auf das menschliche Geistesleben.

[ 33 ] But then the soul becomes capable of assessing how its own view—that is, what it must form as an opinion, a conception, or a worldview—relates to other views and other worldviews. Then the soul becomes inclined to understand the relationship between its own worldview and other ways of perceiving the world. One then comes to explore the various currents of thought, feeling, and experience that exist, not primarily to criticize them, but to immerse oneself in them. Such an attitude then expands into a capacity to evaluate all historical and contemporary developments in relation to human spiritual life.

[ 34 ] Und nur wenn man die Gesinnung, dieses Wesenhafte in der Menschenseele, ergreift aus den tiefsten Impulsen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft heraus, kann man das Verhältnis dieser Geisteswissenschaft zu den religiösen Bekenntnissen beurteilen. Diese religiösen Bekenntnisse werden vor allen Dingen von Anthroposophie zu verstehen gesucht. Es wird versucht, sich in sie einzuleben nicht mit kritischem Geiste, sondern so, daß man sie nimmt, wie sie sich darleben, um ihre Lebensberechtigung, ihren Daseinswert zu verstehen. Daher kommt Anthroposophie dazu, auch dem gegenüber, was vergangene Geistesströmungen sind, in ganz anderem Sinne ein gerechtes Urteil fällen zu können, als andere Gedankenrichtungen oftmals fällen.

[ 34 ] And only by grasping the disposition—this essential quality of the human soul—from the deepest impulses of anthroposophically oriented spiritual science can one assess the relationship between this spiritual science and religious creeds. Above all, anthroposophy seeks to understand these religious beliefs. The aim is to immerse oneself in them—not with a critical spirit, but by accepting them as they present themselves—in order to understand their right to exist and their intrinsic value. This is why anthroposophy is able to pass a fair judgment—even on past spiritual movements—in a completely different sense than other schools of thought often do.

[ 35 ] Nehmen wir zunächst auf einem mehr abstrakten Gebiete im Mittelalter das, was man die Philosophie des 'Thomismus nennt, oder nehmen wir in Griechenland die Philosophie des Aristoteles. Derjenige, der heute nach dem Muster der landläufigen Begriffe Philosoph ist, Wissenschafter überhaupt ist, der sagt: Nun ja, der Aristoteles ist ein alter abgetaner Mensch; die Thomistik, die Philosophie des Thomas von Aquino, die gehört dem Mittelalter an. — Anthroposophie weiß, daß aus den Bedingungen und Impulsen des heutigen Zeitgeistes etwas Besonderes hervorgehen muß; sie will nicht, was für eine frühere Epoche das Richtige war, in die heutige Epoche hereinsetzen. Aber sie versteht aus den Bedingungen jener Epochen heraus dasjenige, was nur jene Epochen gewähren konnten. Und sie versteht das nicht bloß äußerlich, sie versteht es innerlich wesenhaft; sie versteht es so wesenhaft, daß sie sich sagt: In der thomistischen Philosophie, die im wesentlichen eine Dienerin, eine Gefährtin des damaligen Christentums war, liegt etwas vor, was nur aus dem Geiste jener Zeit hervorgehen konnte. Man muß, wenn man tüchtig werden will, hineinfinden in das, was nur aus dem Geiste jener Zeit, nicht aus dem Geiste unserer Zeit hervorgehen kann. Anthroposophie betrachtet es daher nicht als ein bloß historisches Studium, sich einzulassen auf den Thomismus, sondern sie betrachtet das, was man durch den Thomismus bekommt, als etwas, das man nur durch ihn bekommen kann. Das ist sehr wichtig. Denn das bringt nicht jene verwaschene, nebulose Toleranz hervor, von der man heute so vielfach spricht, sondern es bringt jene innere, verständnisvolle Toleranz hervor, welche zwar ganz auf dem Boden der Entwickelung steht, aber dasjenige, was sich einmal entwickelt hat, nicht als etwas Abgetanes betrachtet, sondern es gelten läßt an seiner Stelle, es auch in seiner sich fortentwickelnden Wirklichkeit gelten läßt. Manche Dinge müssen in der Natur, manche Dinge müssen im geistigen Leben sich so entwickeln wie Pflanzen, die nur ein einjähriges Dasein haben: Sie entwickeln dieses einjährige Dasein, entwickeln dann ein anderes einjähriges Dasein. Andere Pflanzen aber entwickeln fort von einem Jahr in das andere hinein, was als Holz da ist; sie sind Dauerpflanzen. So auch ist es in der geistigen Kultur. Manches muß in der geistigen Kultur weiterlaufen, muß in der späteren Zeit aufgegriffen werden von denen, die sich wirklich solidarisch fühlen wollen mit der Gesamtentwickelung der Menschheit. So aber kann man auch eine Vorstellung bekommen von dem Verhältnis der Anthroposophie zu den religiösen Bekenntnissen, zu diesen religiösen Bekenntnissen, welche glauben, aber nur aus Mißverständnis heraus glauben, daß Anthroposophie ihnen entgegentrete, dem religiösen Leben überhaupt entgegentrete als irgend etwas, was eine andere Religion sei.

[ 35 ] Let us first consider, in a more abstract realm, what is known as “Thomism” in the Middle Ages, or, in Greece, the philosophy of Aristotle. Anyone who today fits the common definition of a philosopher—or of a scientist in general—would say: Well, Aristotle is an old, outdated figure; Thomism—the philosophy of Thomas Aquinas—belongs to the Middle Ages.” —Anthroposophy knows that something special must emerge from the conditions and impulses of today’s zeitgeist; it does not seek to transplant what was right for an earlier epoch into the present one. But it understands, from within the conditions of those epochs, that which only those epochs could provide. And it understands this not merely externally, but internally and essentially; it understands it so essentially that it says to itself: In Thomistic philosophy, which was essentially a servant, a companion of Christianity at that time, there is something that could only have emerged from the spirit of that era. If one wishes to become competent, one must find one’s way into that which can arise only from the spirit of that time, not from the spirit of our own time. Anthroposophy therefore does not regard engaging with Thomism as a merely historical study, but rather regards what one gains through Thomism as something that can be gained only through it. This is very important. For it does not produce that vague, nebulous tolerance of which so much is spoken today, but rather it produces that inner, understanding tolerance which, while firmly grounded in the process of development, does not regard what has once developed as something to be discarded, but allows it to remain in its proper place, allowing it to stand in its own right within its ever-evolving reality. Some things in nature, and some things in spiritual life, must develop like plants that have only a one-year existence: they live out this one-year existence, and then develop another one-year existence. Other plants, however, continue to develop from one year into the next through their woody structure; they are perennial plants. So it is in spiritual culture as well. Much in spiritual culture must continue; it must be taken up in later times by those who truly wish to feel a sense of solidarity with the overall development of humanity. In this way, one can also gain an understanding of the relationship between anthroposophy and religious denominations—those religious denominations that believe, though only out of misunderstanding, that anthroposophy stands in opposition to them, that it stands in opposition to religious life in general as if it were some other religion.

[ 36 ] Nein, so ist es nicht. Anthroposophie weiß nämlich ganz gut, daß sie niemals eine Religion werden kann, weil sie im konkreten Werdegang die Zeitentwickelung versteht, weil sie weiß, daß ebensowenig, wie man mit 60 Jahren wieder ein Kind werden kann, ebensowenig die Menschheit in dem Zeitalter, in dem sie jetzt ist und in dem sie in der Zukunft sein wird, Religionen aus sich heraus wird bilden können. Zum Bilden von Religionen gehörten andere Zeitalter. Neue Religionen entstehen nicht mehr. Daher ist Anthroposophie gerade geeignet, den absoluten Wert, die absolute Beständigkeit der Religionsbekenntnisse zu durchschauen, die sich gebildet haben, in ihrem Zeitalter sich gebildet haben. Anthroposophie würde sich selber schlecht verstehen, wenn sie glauben würde, ein neues Religionsbekenntnis begründen zu können. Aber die Religionsbekenntnisse entstanden, weil Menschen, die noch nicht jene Impulse, jene Kräfte in sich hatten, die zur Anthroposophie hindrängen — was die Menschen der Gegenwart viel mehr haben, als sie glauben —, weil Menschen, die das noch nicht hatten, Kundgebungen, Eindrücke aus der geistigen Welt erhalten sollten, so entstanden die Religionen, die ihren Wert behalten, und die gerade verstanden werden können von der Anthroposophie, die nun auch auf ihre Art in die geistige Welt sich hinaufarbeitet.

[ 36 ] No, that is not the case. Anthroposophy knows full well that it can never become a religion, because it understands the course of time as it unfolds in concrete history, and because it knows that just as one cannot become a child again at the age of 60, so too humanity, in the age in which it now lives and in which it will live in the future, will not be able to form religions out of itself. Other eras belonged to the formation of religions. New religions no longer arise. Therefore, anthroposophy is particularly suited to discerning the absolute value and the absolute permanence of the religious creeds that have taken shape—that have taken shape in their own era. Anthroposophy would misunderstand itself if it believed it could establish a new religious creed. But religious creeds arose because people who did not yet possess within themselves those impulses, those forces that impel them toward anthroposophy—which people of the present possess far more of than they realize—because people who did not yet possess these were meant to receive manifestations, impressions from the spiritual world; thus the religions arose, which retain their value and can be understood precisely by anthroposophy, which is now also working its way up into the spiritual world in its own way.

[ 37 ] So kommt es, daß, richtig verstanden, Religion und Anthroposophie sich begegnen können. Anthroposophie arbeitet vom Menschen aus, durch Entwickelung von menschlichen Kräften, in den Geist hinein, in jenes Gebiet, in das die Religion ihre Offenbarungen hineinstellt. Kann man eigentlich ein so wenig religiöser Mensch sein, daß man glauben kann, man habe die Religion als eine Wahrheit aus göttlichen Höhen empfangen und man müsse für sie fürchten, wenn der Mensch sich nun bemüht, mit den Kräften, die ihm doch jedenfalls auch im religiösen Sinne von der Gottheit kommen müssen, sich hinaufzuarbeiten zur Wahrheit der geistigen Welt? Scheint es nicht von vornherein nur in wirklichem Sinne religiös zu sein, keine Furcht zu haben, wenn man weiß, man hat in der Religion Offenbarungen der Wahrheit, keine Furcht zu haben, daß die Wahrheit schon übereinstimmen wird mit derjenigen Wahrheit, die der Mensch selber mit seinen geistgegebenen, geistgeschenkten Kräften findet?

[ 37 ] Thus, when properly understood, religion and anthroposophy can meet. Anthroposophy works from the human being outward, through the development of human powers, into the spirit—into that realm where religion places its revelations. Can one really be so unreligious as to believe that one has received religion as a truth from divine heights and that one must fear for it when a person strives—using the powers that, in any case, must also come from the Divine in a religious sense—to work their way up to the truth of the spiritual world? Does it not seem, from the very outset, to be truly religious to have no fear—knowing that religion contains revelations of the truth—and to have no fear that this truth will already be in harmony with the truth that a person finds for themselves through their spirit-given, spirit-bestowed powers?

[ 38 ] Das ist es, was man im tiefsten Sinne bedenken sollte, wenn man recht beurteilen will das Verhältnis von Religion und Anthroposophie. In älteren Zeiten war der Mensch nicht so veranlagt, nicht so geartet, daß er neben dem religiösen Weg in die geistige Welt hinauf noch einen anderen Weg brauchte. Geradeso, wie der Mensch des Mittelalters das kopernikanische Weltanschauungssystem nicht brauchte, brauchte er keine Anthroposophie. Heute braucht er sie, weil die Menschheit in Entwickelung ist. Aber was einmal der Menschheit gegeben ist, was aus gewissen Kräften, die nur in gewissen Zeitaltern vorhanden waren, in die Menschheit eintrat, das behält seinen Wert.

[ 38 ] This is what one should bear in mind in the deepest sense if one wishes to correctly assess the relationship between religion and anthroposophy. In earlier times, human beings were not so predisposed, nor of such a nature, that they needed any path other than the religious path leading up into the spiritual world. Just as people in the Middle Ages had no need for the Copernican worldview, they had no need for anthroposophy. Today they need it because humanity is evolving. But what has once been given to humanity—what entered into humanity through certain forces that existed only in certain eras—retains its value.

[ 39 ] In dieser Beziehung herrscht allerdings ein völliger Gegensatz gerade zwischen Anthroposophie und der modernen Geistesströmung, die ich vorhin als die naturwissenschaftliche bezeichnet habe, von der ich ja sagen mußte: Sie verdankt ihre glänzendsten Resultate, ihren Wert, gerade dem Umstande, daß ihre Methoden nicht geeignet sind, zum Geistigen zu führen. — Was hat man aber gesehen gerade auf naturwissenschaftlichem Gebiet? Gewisse naturwissenschaftlich denkende Menschen haben sich gefunden, welche, ich möchte sagen, sich haben überfluten lassen von dem tiefen suggestiven Eindruck, den die glänzenden naturwissenschaftlichen Methoden für die äußere Natur geben, und ein Bekenntnis darauf aufgebaut haben. Sehen wir denn nicht, wie ein glänzend naturwissenschaftlich denkender Mann, David Friedrich Strauß, aus der Naturwissenschaft selber eine Religion hat zimmern wollen? Sehen wir nicht, wie selbst Eduard von Hartmann von einer «Selbstzerrüttung des Christentums» spricht und eine Religion der Zukunft begründen will, rein aus der Vernunft, rein aus der Vernunft der Philosophie heraus?

[ 39 ] In this regard, however, there is a complete contrast precisely between anthroposophy and the modern intellectual movement that I referred to earlier as the scientific one—about which I had to say: It owes its most brilliant results, its value, precisely to the fact that its methods are not suited to leading to the spiritual. — But what have we seen specifically in the realm of natural science? Certain people with a scientific mindset have emerged who, I would say, have allowed themselves to be swept away by the profound, suggestive impression that brilliant scientific methods make regarding external nature, and have built a creed upon it. Do we not see how a brilliant man of scientific thought, David Friedrich Strauss, sought to construct a religion out of natural science itself? Do we not see how even Eduard von Hartmann speaks of a “self-destruction of Christianity” and seeks to establish a religion of the future, purely out of reason, purely out of the reason of philosophy?

[ 40 ] Zu solchen Irrtümern konnte Anthroposophie nicht kommen, weil ganz andere Kräfte zur Anthroposophie führen und weil sie den Versuch, eine Religion zu begründen, gleichbedeutend mit dem halten würde, daß man in einem bestimmten Alter, sagen wir mit 50 Jahren, dasselbe tun wollte, was ein Kind tut. Wobei durchaus bei dem, was das Kind tut, nichts wertloser zu sein braucht als das, was der alte Mensch tut. Anthroposophie weiß, daß die Zeit des Bildens von Religionen vorbei ist. Daher wird sie gerade ihre Kräfte dazu verwenden, die Religionen zu verstehen, tiefer und tiefer den Menschen in das Verständnis der Religionen hineinzuführen.

[ 40 ] Anthroposophy could not fall into such errors because entirely different forces lead to anthroposophy, and because it would regard the attempt to found a religion as tantamount to wanting, at a certain age—say, 50—to do the same thing a child does. Although what a child does need not be any less valuable than what an older person does. Anthroposophy knows that the time for creating religions is over. Therefore, it will devote its energies precisely to understanding religions and guiding people ever more deeply into an understanding of them.

[ 41 ] Nun muß man sagen: So, wie die Seele anthroposophisch in die geistige Welt hineinstrebt von ihren eigenen Kräften aus, namentlich von den Erkenntniskräften — aber nicht bloß von den Erkenntniskräften des Kopfes, sondern von den Erkenntniskräften der ganzen Seele aus —, so strebten die Religionen nicht hinein. Sie strebten so hinein, daß man sagen kann: Während Anthroposophie vom Menschen ausgeht und hinaufstrebt in die geisuge Welt, gingen die Religionen davon aus, dasjenige entgegenzunehmen, was ihnen wie durch gnadenvolle Offenbarung geworden ist. Das aber wirkt anders in der menschlichen Seele; das erfüllt die menschliche Seele anders als das, was aus den eigenen Kräften heraus geschaffen wird. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist eine Wissenschaft. Dasjenige aber, was da wirkt als Glaubenswahrheit, das ergreift die Seele noch anders als eine Erkenntniswahrheit, wie es auch die anthroposophische sein muß. Man kann nicht die Anthroposophie unmittelbar zu einer Religion machen. Aber aus wirklich verstandener Anthroposophie wird auch ein wirklich echtes, wahres, ungeheucheltes religiöses Bedürfnis entstehen. Denn die menschliche Seele ist nicht etwas Einförmiges, sondern die menschliche Seele ist etwas Vielförmiges. Die menschliche Seele braucht verschiedene Wege, um auf der Bahn zu ihrem Ziele heraufzusteigen. Die menschliche Seele braucht nicht nur den Weg durch die Erkenntniskräfte, die menschliche Seele braucht auch das Durchglüht- und Durchwärmtsein mit jener Art, sich zur geistigen Welt zu stellen, wie es in dem religiösen Bekenntnis, in wirklich religiösem Empfinden vorliegt.

[ 41 ] Now it must be said: Just as, in anthroposophy, the soul strives into the spiritual world out of its own powers—namely, out of its powers of cognition—but not merely out of the cognitive powers of the head, but out of the cognitive powers of the whole soul—so the religions did not strive in this way. They strove toward it in such a way that one can say: While anthroposophy proceeds from the human being and strives upward into the spiritual world, the religions proceeded from the premise of receiving that which came to them as if through a gracious revelation. But this has a different effect on the human soul; it fills the human soul differently than that which is created out of one’s own powers. Anthroposophically oriented spiritual science is a science. But what acts there as a truth of faith grips the soul in a different way than a truth of knowledge—as anthroposophical truth must also be. One cannot immediately turn anthroposophy into a religion. But from a truly understood anthroposophy, a genuinely authentic, true, and sincere religious need will also arise. For the human soul is not monolithic; rather, the human soul is multifaceted. The human soul needs various paths to ascend toward its goal. The human soul needs not only the path through the powers of cognition; the human soul also needs to be imbued and warmed by that way of relating to the spiritual world as it is found in religious confession and in truly religious feeling.

[ 42 ] Merkwürdig war immer eines. Ich habe im Laufe der Jahre viele Briefe hier aus der Schweiz erhalten, die immer einen ganz bestimmten Grundton hatten. In diesen Briefen stand etwa das Folgende: Ich kann ja ganz gut verstehen, was Sie mit ihrer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft wollen, ich kann auch das Berechtigte einsehen, auf diese Art in die geistige Welt hineinzukommen — nicht jeder schreibt so, doch es gibt solche, die dies schreiben —, aber ich vermisse eines bei dieser Geisteswissenschaft: Ich vermisse, daß sie auf so innerliche Weise, wie — und nun wird diese oder jene sektiererische Richtung angeführt — in die christlichen Erlebnisse hineinführt.

[ 42 ] One thing has always been strange. Over the years, I have received many letters here from Switzerland that always had a very specific tone. These letters said something like this: I can certainly understand what you’re aiming for with your anthroposophically oriented spiritual science, and I can also see the merit in entering the spiritual world in this way—not everyone writes this way, but there are those who do—but I find one thing missing in this spiritual science: I miss the fact that it leads one into Christian experiences in such an intimate way as—and here this or that sectarian movement is cited—

[ 43 ] Ja, man will einen Mangel dieser Geisteswissenschaft, dieser Anthroposophie, ausdrücken auf diese Art. In meinen Augen ist der Ausdruck dieses Mangels immer der Ausdruck eines besonderen Vorzuges. Denn man verlangt von der Anthroposophie etwas, was sie durch ihr ganzes Wesen eben gerade nicht sein will. Sie will aber durch ihr ganzes Wesen dem anderen auch das Recht geben. Er nimmt es einem übel, wenn man ihm gerade einen anderen Weg noch offen läßt. Das ist das Eigentümliche. Und so nehmen es einem Pastoren, Pfarrer, heute übel, wenn man ihnen einen Weg offenläßt, auf dem Anthroposophie selber gar nicht gehen will. Da kommen Widerlegungen von jener Seite, die da sagen: Du sagst ja etwas ganz anderes über den Christus, als wir sagen — man sagt nichts anderes; man sagt nur etwas Ausführlicheres — ich kann jetzt nicht näher darauf eingehen, der Kürze der Zeit wegen —, also bist du nicht auf dem richtigen Weg; man muß dich widerlegen. — Ja, wenn die Sache aber so stünde, daß man eben gerade dasjenige sagt, was er nicht sagt, und ihm sein gutes Recht läßt, das zu sagen, was er wissen kann, was auf seinem Wege liegt. Er greift einen gerade um dessentwillen an, um dessentwillen man ihn so recht gelten lassen will, um dessentwillen man alles tut, damit er erst auf seinem Platze stehen könne. Es wird einem auf der einen Seite übelgenommen, daß man die Aufgabe des anderen nicht löst, weil man sie ihm überläßt. Würde man etwas anderes sagen, würde es einem auch übelgenommen. Und so tritt das Paradoxe auf, die ganz sonderbare Sache tritt auf, daß man mit dem widerlegt wird, was gerade der innerste Nerv ist, was gerade der andere als eine Wohltat empfinden müßte! Weil Anthroposophie nicht in das Urspezielle der Religionsbekenntnisse hineinreden will, weil sie diesen das Recht gibt, auf ihrer Stätte zu wirken von sich aus, deshalb sagt sie eben etwas anderes, was an dieser Stätte nicht gesagt wird. Sie tut das, was sie tut, um die Berechtigung der Religionsbekenntnisse darzutun. Sie kann offenbar nicht mehr tun, um die Religionsbekenntnisse auf ihrer Stätte gelten zu lassen. Und gerade deshalb wird sie angegriffen. Man verlangt von ihr, sie soll die Aufgabe der Religion übernehmen. Auf diesem Gebiete müßte eigentlich eine ganze Summe von klaren Vorstellungen an die Stelle von unklaren Vorstellungen treten.

[ 43 ] Yes, people want to express a shortcoming of this spiritual science, this anthroposophy, in this way. In my view, the expression of this shortcoming is always the expression of a particular virtue. For people demand of anthroposophy something that, by its very nature, it does not wish to be. But by its very nature, it seeks to grant others their due as well. People take offense when one leaves another path open for them. That is what is peculiar about it. And so pastors and ministers today take offense when one leaves open a path that anthroposophy itself does not wish to take. Then come refutations from that side, which say: “You’re saying something completely different about Christ than we are”—one isn’t saying anything different; one is merely saying something in greater detail—I can’t go into this in more detail now, due to time constraints—so you’re not on the right path; you must be refuted. — Yes, but what if the situation were such that one were to say precisely what he does not say, and allow him his full right to say what he can know, what lies on his path. He attacks one precisely for that very reason—the very reason one wants to give him due credit, the very reason one does everything so that he may first take his rightful place. On the one hand, one is resented for not solving the other’s task, because one leaves it to him. If one were to say something else, one would also be resented. And so the paradox arises—this very strange situation arises—where one is refuted precisely on the point that is the innermost nerve, the very thing the other should perceive as a blessing! Because anthroposophy does not wish to interfere with the unique nature of religious denominations—because it grants them the right to act of their own accord within their own sphere—it therefore says something else, something that is not said in that sphere. It does what it does to demonstrate the legitimacy of religious denominations. It evidently cannot do more to allow religious denominations to hold their own ground. And that is precisely why it is attacked. It is demanded that it take on the task of religion. In this realm, a whole body of clear ideas ought actually to replace vague notions.

[ 44 ] Man kann sagen: Ein gewisser Anfang ist gemacht worden, ein ganz schöner Anfang, in dem vorzüglichen Werke, welches Ricarda Huch über «Luthers Glaube» geschrieben hat. Neben manchem anderen Ausgezeichneten, das man aus diesem Buche gewinnen kann, bekommt man daraus auch eine Vorstellung von dieser ganz anderen Färbung des Gemütsweges, den das religiöse Bekenntnis geht, als der Erkenntnisweg selber ist. Die Art der Glaubenswahrheit, das ist etwas, was aus jeder Seite dieses Buches neben anderem Vorzüglichen spricht. Nun allerdings, in unserer Gegenwart werden, gerade wenn tiefere Wahrheiten gesagt werden, diese in der Regel recht trivialisiert, denn ein jeder glaubt, er habe nicht viel nötig, um sich in die Tiefen dieser oder jener Sache einzulassen, er sei schon ein Fertiger. Ricarda Huch hat eigentlich ein schönes Wort gesprochen im Zusammenhang mit der Art und Weise, wie Nietzsche-Anhänger vor einigen Jahren überall entstanden sind, weil man das Zeug in sich zu haben glaubte, ein solcher zu sein, wie er von dem oder jenem geschildert wird. Man will sich nicht heraufranken, man will sich nicht hinaufringen, sondern man will vor allen Dingen, wenn einer einen Übermenschen schildert, ein Übermensch gleich sein! Und so sah man denn die «Übermenschen» herumlaufen, zahlreich herumlaufen überall: Die nicht einmal die Anlage zu einem respektablen Meerschweinchen hatten, sie liefen als «blonde Bestien» im Sinne Nietzsches herum.

[ 44 ] One might say: A certain start has been made—a very good one—in the excellent work that Ricarda Huch has written on “Luther’s Faith.” In addition to many other excellent insights one can gain from this book, it also provides a sense of the very different character of the path of the heart that religious confession takes, as distinct from the path of knowledge itself. The nature of the truth of faith is something that shines through on every page of this book, alongside other excellent insights. Now, however, in our present age, precisely when deeper truths are spoken, they are generally trivialized, for everyone believes they don’t need much to delve into the depths of this or that matter—they already consider themselves experts. Ricarda Huch actually made a beautiful observation regarding the way in which Nietzsche followers sprang up everywhere a few years ago, because people believed they had what it took to be just like him, as he is portrayed by this or that writer. People do not want to work their way up; they do not want to struggle their way up; rather, above all else, when someone describes a “superman,” they want to be a superman right away! And so one saw these “supermen” running around, running around in large numbers everywhere: those who did not even have the makings of a respectable guinea pig; they ran around as “blond beasts” in Nietzsche’s sense.

[ 45 ] Ein Weg, wie er von der Gegenwart gefordert wird, hinauf in die geistige Welt, der zu Hilfe kommt den Bestrebungen der religiösen Bekenntnisse, des religiösen Erlebens überhaupt, das ist Anthroposophie. Man beurteilt auch den äußeren Verlauf der Geschichte viel zu oberflächlich. Man denkt, in weiteren Kreisen habe die Religion nicht mehr jenen Einfluß, den sie in früheren Zeiten gehabt habe, da müsse man die Religion, so wie sie nun einmal war in alten Zeiten, wiederum hintragen. Man glaubt, auch der Religion einen Gefallen zu tun, wenn man das, was man für ihre Gegner hält, bekämpft. Man geht nicht auf das Tiefe ein. Wenn man auf die wirklich tieferen Gründe eingeht und studiert, warum zum Beispiel — im Jahre 1873 wurde es konstatiert — nur ein Drittel der Bevölkerung von Frankreich, Land- und Stadtbevölkerung zusammengenommen, im kirchlichen Sinne gläubig war, nur ein Drittel, zwei Drittel ungläubig; wenn man die Sache streng nähme, wenn man diese Dinge studierte, so würde man sich sagen: Nicht aus diesen oberflächlichen Gründen, sondern aus tiefen Seelenimpulsen heraus ist eine Interesselosigkeit nicht nur gegenüber den einzelnen Religionen, sondern gegenüber der geistigen Wirklichkeit überhaupt, eingetreten. Ein materialistisches Zeitalter ist heraufgezogen.

[ 45 ] Anthroposophy is a path—as demanded by the present age—upward into the spiritual world, one that supports the aspirations of religious denominations and religious experience in general. People also judge the outward course of history far too superficially. They think that, in broader circles, religion no longer has the influence it once had in earlier times, and that religion must therefore be restored to the form it took in ancient times. They believe they are doing religion a favor by fighting what they consider to be its opponents. They do not delve into the deeper aspects. If one were to examine the truly deeper reasons and study why, for example—as was noted in 1873—only one-third of the population of France, rural and urban combined, was religious in the ecclesiastical sense—only one-third, while two-thirds were non-believers—if one were to take the matter seriously and study these things, one would say to oneself: It is not for these superficial reasons, but rather out of deep spiritual impulses, that a lack of interest has arisen—not only toward individual religions, but toward spiritual reality in general. A materialistic age has dawned.

[ 46 ] Nun weiß Anthroposophie über den Entwickelungsgang der Menschheit das Folgende: Während irgendeine Entwickelungsströmung abläuft, läuft im Untergrunde, mehr unsichtbar, unbemerkbar, eine andere ab. Während abläuft zum Beispiel die Tendenz zum Materialismus, zur Geistlosigkeit, zur Geistesleugnung, entwickelten sich in dem Unterbewußten — die Menschen wußten eben nichts davon —, entwickelten sich in den unterbewußten Untergründen der Menschenseelen Bedürfnisse, tiefe Interessen, einen Weg in die geistige Welt zu finden. Und so konnte der Mensch mit seinem Kopf ein David Friedrich Strauß sein, ein Gottes- und Geistleugner; und in seiner schlafenden Seele, in der Seele, von der er nichts wußte, entwickelten sich die Kräfte, die aber dann nur durch einen direkten Weg, einen direkten Erkenntnisweg, eben den anthroposophischen Weg, entwickelt werden können, nur wenn man den findet. Dann aber findet man auf diesem Umweg wiederum den Anschluß an das religiöse Bekenntnis, während man das religiöse Bekenntnis verläßt, wenn man sich bloß an die glänzenden Fortschritte der Naturwissenschaft hält.

[ 46 ] Anthroposophy teaches the following about the course of human evolution: While one evolutionary current is unfolding, another is unfolding in the background—more invisible, more imperceptible. For example, while the tendency toward materialism, spiritual emptiness, and the denial of the spirit was unfolding, needs and deep interests—to find a path into the spiritual world—were developing in the subconscious—people were simply unaware of this—in the subconscious depths of human souls. And so a person could, in his intellect, be a David Friedrich Strauss, a denier of God and the spirit; yet in his sleeping soul—the soul of which he knew nothing—forces were developing that can only be cultivated through a direct path, a direct path of knowledge—namely, the anthroposophical path—provided one finds it. But then, through this detour, one finds one’s way back to religious faith, whereas one abandons religious faith when one clings solely to the dazzling advances of natural science.

[ 47 ] Diejenigen wissenschaftlichen Richtungen, welche, ich möchte sagen, nur unter der Zucht der Naturwissenschaft sich entwickelt haben, wie haben sie sich denn eigentlich zur religiösen Entwickelung gestellt? Ganz anders als Anthroposophie. Anthroposophie sucht die religiösen Bekenntnisse zu verstehen. Weil religiöse Bekenntnisse vom Geist sprechen und Anthroposophie als ihre Forschungsergebnisse geistige Tatsachen und geistige Wesenheiten kennt, begegnet sie sich mit den religiösen Bekenntnissen. Andere Richtungen sprechen anders. Ich will das Beispiel des Psychologen Ebbinghaus anführen: Er untersucht, wie Religion entstanden ist; von seinem in Naturwissenschaft heranerzogenen Geist, von seiner Beurteilungsfähigkeit aus untersucht er, wie Religion entstanden ist. Nun, ich will in Kürze andeuten, was er sagt: Da haben die Menschen gefunden, in älteren Zeiten, in denen sie noch nicht das erleuchtete Denken der Gegenwart hatten, daß sie Gefahren ausgesetzt sind in der äußeren Welt von Regen, Gewittern und dergleichen; da haben sie gefunden, daß feindliche Mächte da sind. Sie haben sich dazu dämonische Geisteswesen erfunden, aus der Furcht heraus. Wiederum haben sie gefunden, daß sie jene Mächte anders nicht überwinden können, weil sie zu schwach sind. Aus der Not heraus haben sie sich Götter erfunden, die ihnen helfen sollen.

[ 47 ] How, then, have those scientific schools of thought—which, I would say, have developed solely under the influence of the natural sciences—actually related to religious development? Quite differently from anthroposophy. Anthroposophy seeks to understand religious creeds. Because religious creeds speak of the spirit, and anthroposophy, based on the results of its research, recognizes spiritual facts and spiritual beings, it finds common ground with religious creeds. Other schools of thought take a different approach. I would like to cite the example of the psychologist Ebbinghaus: He investigates how religion arose; drawing on his mind, which was trained in the natural sciences, and on his capacity for judgment, he investigates how religion arose. Well, I will briefly summarize what he says: In earlier times, when people did not yet possess the enlightened thinking of the present, they found themselves exposed to dangers in the outer world—such as rain, thunderstorms, and the like; they found that hostile forces were at work. Out of fear, they invented demonic spiritual beings to explain these phenomena. Furthermore, they realized that they could not overcome these forces in any other way because they were too weak. Out of necessity, they invented gods to help them.

[ 48 ] Nun, solche Dinge klingen recht schön, und derjenige Mensch, der an die heutigen landläufigen Vorstellungen gewöhnt ist, sieht diese Dinge so leicht ein. Aber man geht von einer ganz falschen Vorstellung aus, wenn man immer wieder und wieder sagt, der Naturmensch sei wie das Kind geneigt, Tischecken zu personifizieren, zu beseelen; wenn es sich daran stößt, so schlägt es die Tischecke. Es beseelt gar nicht die Tischecke, sondern es kennt noch nicht den Unterschied von Totem und Lebendigem, und aus einem inneren Triebe heraus schlägt es auf das Tote hin; es beseelt gar nichts. So beseelt auch der Naturmensch nichts, sondern er folgt seinen Trieben; und es ist nicht wahr, daß er immer das, was ihm feindlich oder abträglich entgegentritt, irgendwie durch Erfindung eines Dämons zu erklären sucht. Ich möchte einmal wissen: wenn ein nichtsnutziger Junge einem wilden Menschen irgendwie gefährlich wird, — ich glaube gar nicht, daß der gleich einen Dämon erfindet, mit dem er sich dann gegen den Jungen wehrt, sondern er haut ihn durch.

[ 48 ] Well, such things sound quite nice, and anyone accustomed to today’s common notions finds it easy to accept them. But one is proceeding from a completely false notion when one says over and over again that the primitive man, like a child, is inclined to personify table corners, to endow them with a soul; when he bumps into one, he strikes the table corner. He does not at all endow the table corner with a soul, but rather he does not yet know the difference between the inanimate and the living, and out of an inner impulse he strikes at the inanimate; it does not ascribe a soul to anything at all. Likewise, the primitive man does not ascribe a soul to anything, but follows his instincts; and it is not true that he always seeks to explain whatever stands in his way as hostile or harmful by inventing a demon. I’d like to know this: if a good-for-nothing boy somehow becomes a danger to a wild man—I don’t believe at all that he’d immediately invent a demon with which to defend himself against the boy, but rather he’d simply beat him to death.

[ 49 ] Diese Dinge nehmen sich wieder paradox aus. Aber sie können nur in der richtigen Weise beurteilt werden von der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Geisteswissenschaft weiß die Tatsachen in der richtigen Weise zu erfassen, daß das Kind ja eigentlich noch gar nicht zur Religion veranlagt ist, ebensowenig wie es der wilde Mensch ist. Man sieht in der Religion etwas Kindliches. Gerade das Kind aber ist nicht veranlagt zur Religion, sondern es muß erst zur Religion erzogen werden oder heranerzogen werden. So ist auch im Laufe der Menschheitsentwickelung der Mensch heranerzogen worden. Ein Ausspruch von Ebbinghaus lautet so, daß er erstens sagt: Furcht und Not sind die Mütter der Religion. — Dann sagt er: «Die Kirchen füllen sich und die Wallfahrten mehren sich in Kriegszeiten und bei verheerenden Epidemien.» Ich möchte wissen, ob die Kirchen auch bei denjenigen, die von vornherein ganz materialistisch geneigt sind, sich füllen bei Epidemien und bei Kriegszeiten. Nur bei denen füllen sie sich doch, die irgendwie etwas schon von religiöser Veranlagung haben. Das kommt aber nicht aus Furcht und Not, das kommt davon, weil der Mensch in seiner Seele das Geistige erlebt. In alter Zeit hat er es mehr instinktiv erlebt. Heute kann er es mehr bewußt erleben. Weil der Mensch sich nach und nach entwickelt zum Erleben des Geistigen, sieht er in dem, was sinnlich ist, ein Abbild des Geistigen.

[ 49 ] These things seem paradoxical again. But they can only be properly assessed by spiritual science or anthroposophy. Spiritual science knows how to grasp the facts correctly: that the child is actually not yet predisposed to religion, any more than the savage is. People see something childlike in religion. Yet it is precisely the child who is not predisposed to religion; rather, the child must first be educated or brought up in the faith. This is also how human beings have been brought up in the course of human evolution. A saying by Ebbinghaus goes like this: first, he says, “Fear and need are the mothers of religion.” — Then he says: “Churches fill up and pilgrimages increase in times of war and during devastating epidemics.” I would like to know whether churches also fill up during epidemics and times of war among those who are, from the outset, entirely materialistically inclined. They fill up only among those who already possess, in some way, a religious disposition. But this does not stem from fear and distress; it stems from the fact that human beings experience the spiritual in their souls. In ancient times, they experienced it more instinctively. Today, they can experience it more consciously. Because human beings are gradually developing the capacity to experience the spiritual, they see in the sensory world a reflection of the spiritual.

[ 50 ] Wenn man die Verbindung, die die Menschenseele mit der Umwelt hat, dann, wenn sie mit Geistorganen dem Geiste gegenübertritt, bezeichnen will, aber nur durch ein Analogon bezeichnen will, so kann man sagen: Es ist eine Art Mitgefühl. Das Mitgefühl kennt man vom moralischen Sinn aus; es ist eine Art Liebe. Das Verbundensein mit der geistigen Welt läßt sich vergleichen mit dem Gefühl der Liebe. Und so kann Anthroposophie sagen: Wenn auch primitive Religionen aus Not und Sorge heraus entstanden sind, sie haben sich erfüllt mit geistigen Inhalten, mit Begriffen und Vorstellungen und Ideen von der geistigen Welt, weil der Mensch in einer solchen lebt. Vollkommene Religionen, vor allen Dingen diejenige Religion, die die Synthese, der Zusammenschluß der übrigen Religionen ist, die hat sich nicht aus Furcht und Not herausentwickelt, die hat sich aus dem entwickelt, was man vergeistigte Liebe nennen kann, Zusammenwachsen mit der geistigen Welt. Nicht Furcht und Not, die Liebe erzeugt eigentlich die vollkommenen Religionsbekenntnisse.

[ 50 ] If one wishes to describe the connection that the human soul has with its environment—that is, when it encounters the spiritual realm through its spiritual organs—but wishes to do so only by means of an analogy, one might say: It is a kind of compassion. We know compassion from our moral sense; it is a kind of love. This connection with the spiritual world can be compared to the feeling of love. And so anthroposophy can say: Even though primitive religions arose out of need and anxiety, they became filled with spiritual content—with concepts, images, and ideas of the spiritual world—because human beings live within such a world. Perfect religions—above all, the religion that is the synthesis, the unification of the other religions—did not develop out of fear and distress; they developed out of what one might call spiritualized love, a growing together with the spiritual world. It is not fear and distress, but love that actually gives rise to perfect religious creeds.

[ 51 ] So muß man sagen: Diejenigen, die sich nur von materialistisch-naturwissenschaftlichen Vorstellungen beherrschen lassen, verkennen das ganze Verhältnis zwischen Religion und Erkenntniswahrheit. Immer wieder und wiederum darf es wiederholt werden: Steht man fest auf dem Boden einer religiösen Wahrheit, dann darf man voraussetzen, wenn der Mensch von einer anderen Seite her sich der geistigen Welt nähert, daß Verständnis, ja sogar Unterstützung möglich ist. Und so wird man es immer mehr und mehr erleben — wenn auch die Menschen das heute nicht zugeben wollen —, daß, während sich unter dem Einflusse der menschlichen Impulse, die sich in der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung ausleben, die Religionen geschwächt fühlten, die Religionsbekenntnisse sich gelähmt fühlten, sie gerade wiederum in ihrem Wert, in ihrer Würde, in ihrem Gewicht für die Menschheit werden erkannt werden, wenn der Mensch auf geisteswissenschaftlichem Wege dem Geiste sich zu nähern vermag. Freunde der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft sollten gerade die Religionsvertreter sein.

[ 51 ] Thus, it must be said: Those who allow themselves to be guided solely by materialistic and scientific concepts fail to understand the entire relationship between religion and truth as known through knowledge. It bears repeating time and again: If one stands firmly on the ground of religious truth, then one may assume that when a person approaches the spiritual world from another perspective, understanding—and even support—is possible. And so one will experience this more and more—even if people are unwilling to admit it today—that while, under the influence of the human impulses that find their expression in the modern scientific worldview, religions felt weakened and religious convictions felt paralyzed, they will, in turn, be recognized for their value, their dignity, and their significance for humanity precisely when people are able to approach the spirit through the path of spiritual science. It is precisely the representatives of religion who should be friends of anthroposophically oriented spiritual science.

[ 52 ] Sie werden es auch werden. Denn der Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft entsteht ja nicht aus gewissen religiösen Voraussetzungen heraus. Dieser Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft ist dadurch entstanden, daß im Grunde genommen die Vertreter der religiösen Bekenntnisse in älteren Zeiten zugleich mit die Wissenschaft vertreten haben. Man muß diese Tatsache durchaus anerkennen. Man braucht ja gar nicht zu weit in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit zurückzugehen und man wird finden: Jene, die die Vertreter der Religion waren, waren zugleich diejenigen, die die Menschen die weltlichen Wissenschaften gelehrt haben. Sie waren verbunden mit diesen weltlichen Wissenschaften. Erst im Laufe der Zeit haben sich die äußeren, nach der Naturwissenschaft gehenden Wissenschaften von dem Religiösen emanzipiert. Diese Emanzipation wirkt mit auf das geistige Weltgeschehen.

[ 52 ] They will become so as well. For the conflict between religion and science does not arise from certain religious premises. This conflict between religion and science arose because, essentially, the representatives of religious denominations in earlier times were also the representatives of science. One must certainly acknowledge this fact. One need not go very far back in the history of human development to find that those who were the representatives of religion were at the same time the ones who taught people the secular sciences. They were connected to these secular sciences. Only over the course of time did the external sciences—those based on natural science—emancipate themselves from religion. This emancipation has an impact on intellectual developments worldwide.

[ 53 ] Es liegt nur in der menschlichen Natur, daß das Verständnis für solche Dinge nachhinkt. 1822 sind ja erst die Dekrete aufgehoben worden von der katholischen Kirche, welche die Lehre des Kopernikus, des Galilei verdammt haben. Von da ab ist es erst einem Katholiken erlaubt worden, an die kopernikanische Weltanschauung zu glauben. Vielleicht wird man Jahrhunderte brauchen, wenn es dazu kommen sollte, dem Katholiken zu verbieten, an wiederholte Erdenleben zu glauben, daß solch ein Dekret, solch eine Meinung aufgehoben wird. Aber kommen wird diese Aufhebung. Denn was wirklich menschliches religiöses Erleben ist, wird nicht in Konflikte geraten mit den wiederholten Erdenleben, ebensowenig wie mit der kopernikanischen Weltanschauung.

[ 53 ] It is only human nature that understanding of such matters lags behind. It was not until 1822 that the Catholic Church repealed the decrees condemning the teachings of Copernicus and Galileo. Only then were Catholics permitted to believe in the Copernican worldview. Perhaps it will take centuries—if it ever comes to that—for such a decree, such a view, to be repealed, prohibiting Catholics from believing in repeated earthly lives. But this repeal will come. For what is truly human religious experience will not conflict with the belief in repeated earthly lives, any more than it does with the Copernican worldview.

[ 54 ] Immer wieder und wieder muß ich bei dieser Gelegenheit erinnern an jenen Priester, der zugleich Universitätsprofessor war und der, als er das Rektorat an der Universität Wien übernommen hat, als katholischer Priester in einer Rede über Galilei gesagt hat: Eine richtig verstandene Religion wird sich nicht auflehnen gegen naturwissenschaftlichen Fortschritt, sondern die religiöse Wahrheit wird im Gegenteil fest sich gestützt fühlen dadurch, daß sie sich sagen kann: Wenn die Astronomie hinausweist in die Weite der Sternenwelt und ihre Gesetze entdeckt, dann geschieht das auch aus der Herrlichkeit und aus der Kraft des göttlichen Wesens und des göttlichen Seins heraus. Ein Kopernikus hat nicht zur Untergrabung der Religion beigetragen, sondern durch seine Tätigkeit beigetragen zur Herrlichkeit der Offenbarung des göttlichen Wesens. — Das sind ganz andere Priesterworte als diejenigen, die immer wieder und wiederum aus Mißverständnis heraus entstehen und die sich gegen dasjenige wenden, was eben in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit auftreten muß.

[ 54 ] Time and time again, I must take this opportunity to recall that priest who was also a university professor and who, upon assuming the rectorship at the University of Vienna, said in a speech about Galileo as a Catholic priest: A religion that is properly understood will not rebel against scientific progress; on the contrary, religious truth will feel firmly supported by the fact that it can say: When astronomy reaches out into the vastness of the starry world and discovers its laws, this too arises from the glory and power of the divine essence and divine being. A Copernicus did not contribute to the undermining of religion, but through his work contributed to the glory of the revelation of the divine essence. — These are words from a priest that are quite different from those that arise time and again out of misunderstanding and that are directed against precisely what must occur in the history of human development.

[ 55 ] Ich habe schon darauf hingedeutet, wie merkwürdig es ist, daß verlangt wird, man soll nicht nur dasjenige über Christus Jesus zum Beispiel gelten lassen als Christentum, was der eine oder der andere Vertreter dieser oder jener Konfession sagt, sondern man soll etwas anderes nicht sagen. Der Anthroposophie kann ja wahrhaftig — das zeigt die Erfahrung — nicht vorgeworfen werden, daß sie irgendein religiöses Bekenntnis stört. Aber sie muß gerade über jenen wichtigen, wichtigsten Einschnitt in der Entwickelungsgeschichte des Erdendaseins, der bezeichnet wird durch den Christus Jesus, etwas erkennen, was für das ganze Weltall wahre Bedeutung hat. Sie weiß noch ganz andere Dinge zu sagen über den ChristusImpuls, als was bisher gesagt werden konnte. Man nimmt es ihr übel, daß sie noch mehr beitragen will zur Begründung und zum Verständnis des Christentums, als die offiziellen Vertreter beitragen. Man mache sich nur einmal klar, wie sonderbar solch ein Kampf eigentlich ist. Man mache sich nur einmal klar, wie wenig man den Aufgaben der Zeit gewachsen ist, wenn man so wenig verstehen will, daß Anthroposophie das wahrhafte religiöse Bekenntnis niemals stören kann, sondern nur vertiefen kann. Dann braucht man allerdings eine Gesinnung, wie sie der Bischof Ireland geäußert hat mit den Worten: Die Religion bedarf neuer Formen und Auffassungsweisen, um mit der Neuzeit Fühlung zu bekommen. Wir brauchen Apostel des Gedankens und der Tat.

[ 55 ] I have already pointed out how strange it is that people are required not only to accept as Christianity, for example, whatever one or another representative of this or that denomination says about Christ Jesus, but also to refrain from saying anything else. Experience shows that anthroposophy truly cannot be accused of disrupting any religious creed. But it must recognize, precisely in connection with that important—indeed, the most important—turning point in the history of the Earth’s development, which is marked by Christ Jesus, something that has true significance for the entire universe. It has entirely different things to say about the Christ impulse than what has been said so far. People hold it against it that it seeks to contribute even more to the foundation and understanding of Christianity than the official representatives do. One need only realize just how strange such a struggle actually is. One need only realize how ill-equipped one is to meet the challenges of the times if one is so unwilling to understand that anthroposophy can never undermine true religious faith, but can only deepen it. Then, indeed, one needs an attitude such as that expressed by Bishop Ireland in these words: “Religion requires new forms and ways of understanding in order to connect with the modern age.” We need apostles of thought and action.

[ 56 ] Ja, es gibt auch innerhalb der religiösen Bekenntnisse diejenigen, welche die Zeichen der Zeit zu fühlen, zu empfinden vermögen. Die verlangen dann sogar, daß ihnen ein anderer Weg entgegenkomme. Denn sie verstehen, daß, wenn die Menschheit das Interesse an dem Geist verliert, dann ja auch das Interesse an dem Religiösen sich verlieren muß. Wenn aber die Menschheit in irgend etwas Interesse für das Geistige gewinnt in der Weise, wie es ihrer heutigen Entwickelung gemäß ist, dann müssen auch wiederum die religiösen Bekenntnisse zum richtigen Verständnis kommen. Daher kann man immer die Erfahrung machen: Während in der neueren Zeit vielfach durch die einseitig ausgebildete Naturwissenschaft die Menschen abgebracht worden sind von ihrem Erleben in diesem oder jenem Religionsbekenntnisse, werden sie wiederum zu ihm hingeführt dadurch, daß der Geist durchdrungen wird von anthroposophischer Geisteswissenschaft.

[ 56 ] Yes, even within religious denominations there are those who are able to sense and perceive the signs of the times. They even demand that a different path be offered to them. For they understand that if humanity loses interest in the spirit, then interest in religion must also be lost. But if humanity gains an interest in the spiritual in a way that is in keeping with its present stage of development, then the religious denominations, too, must arrive at the correct understanding. Hence, one can always observe the following: While in recent times people have often been led away from their experience of this or that religious denomination by one-sidedly developed natural science, they are once again being led back to it as the spirit is permeated by anthroposophical spiritual science.

[ 57 ] Würde man die Art wirklich ernsthaftig verstehen wollen, wie das Walten des Geistes in den einzelnen Religionsbekenntnissen von Anthroposophie verstanden werden kann, wie von ihr verstanden werden kann, daß aus diesen Bedingungen heraus das eine Religionsbekenntnis, daß aus jenen Bedingungen heraus das andere Religionsbekenntnis entstanden ist, wie sie mit ihren Mitteln den Wert der einzelnen Religionsbekenntnisse zu beurteilen vermag — man würde gerade von dieser Seite aus Anthroposophie niemals bekämpfen wollen.

[ 57 ] If one were to truly and seriously seek to understand how anthroposophy interprets the workings of the Spirit in the various religious creeds, how it can be understood that one religious tradition arose from these conditions and another from those conditions, and how anthroposophy is able to assess the value of the individual religious traditions using its own methods—one would never want to oppose anthroposophy from this very perspective.

[ 58 ] Man bleibt heute gern bei Abstraktionen stehen. Man sagt, Anthroposophie wolle in allen Religionen den Wahrheitskern suchen, sie mache eigentlich dann alle Religionen gleich. Damit würde sie nicht eine wahre Entwickelungsgeschichte sein; damit würde sie gleichen dem, was man in der äußeren Wirklichkeit niemals unternehmen könnte, wenn man auf dem Tische hat Salz, Pfeffer, Zucker und man sagt: Das alles sind Speisezutaten, die sind alle dem Wesen nach ganz gleich —, nun, da nimmt man Pfeffer in den Kaffee statt Zucker. So ist es nicht; das ist eine äußere Beurteilung, wenn man sagt, Anthroposophie wolle den Wahrheitskern in allen Religionen ungefähr gleich anerkennen. Sondern sie sucht, wie eine Religion aus der anderen heraus sich entwickelt hat. Sie sucht zu begreifen, wie wesenhaft dasjenige Religionsbekenntnis, welches alle Menschen über die Erde hin in dem einen Geist zufrieden machen will, wie das die Synthese, der zusammenfassende Zusammenhang der verschiedenen, auf die einzelnen Völker verteilten Religionsbekenntnisse ist. Sie weiß mit Frobenius zu sprechen von ethnischen Religionen und von der Menschheitsreligion.

[ 58 ] People today tend to dwell on abstractions. They say that anthroposophy seeks the core of truth in all religions, and that it thereby essentially makes all religions the same. If that were the case, it would not be a true history of development; it would be akin to something one could never do in external reality—if one has salt, pepper, and sugar on the table and says, “These are all food ingredients; they are all essentially the same”—well, then one might put pepper in one’s coffee instead of sugar. That is not the case; it is an external judgment to say that anthroposophy seeks to recognize the core of truth in all religions as roughly the same. Rather, it seeks to understand how one religion has developed out of another. It seeks to understand how essential is that religious creed which aims to satisfy all people across the earth in the one Spirit—how this constitutes the synthesis, the unifying connection of the various religious creeds distributed among the individual peoples. It speaks, along with Frobenius, of ethnic religions and of the religion of humanity.

[ 59 ] Ich müßte noch viel sprechen, wollte ich alles, was sich an Mißverständnis und Mißverständnis immer mehr und mehr aus Oberflächlichkeit, aus bösem Willen manchmal, manchmal auch aus gutem Willen anhäuft, um gerade von seiten der religiösen Bekenntnisse her Anthroposophie zu verdammen, zu bekämpfen; ich müßte viel anführen, wenn ich das alles in seiner Mißverständlichkeit aufweisen wollte. Das Verhältnis des religiösen Lebens zur Anthroposophie kann also nur dann klar werden, wenn man erfaßt, wie Anthroposophie den Menschen ergreift, wie Anthroposophie den Menschen erweckt für die geistige Welt und wie er dadurch gerade fähig wird, dasjenige wiederum zu empfinden, was er in Gemeinschaft, in der religiösen Gemeinschaft, erleben kann. Wird Anthroposophie von den Religionen bekämpft, dann muß sie sich wehren. Verfolgen Sie, wo Anthroposophie polemisch wird, Sie werden immer sehen: in der Abwehr. Aggressiv, angreifend wird Anthroposophie in den seltensten Fällen; nur da, wo durch etwas Mißverstandenes etwas da ist, was weggeschafft werden muß, als ein Mißverständnis weggeschafft werden muß. Sonst aber wird Anthroposophie nie aggressiv; sie wird es nur, wenn sie sich zu verteidigen hat. Sie hat sich allerdings sehr oft zu verteidigen: Dann etwa, wenn man, wie ich schon im Eingang meiner heutigen Ausführungen gesagt habe, immer wieder damit kommt, nicht auf das einzugehen, was Anthroposophie selber ist, was man in ihr finden kann, wenn man sich nicht ernsthaftig, ehrlich und aufrichtig mit ihr bekanntmacht, sondern wenn man eine Karikatur entwirft und dann sein eigenes karikiertes Bild bekämpft, womit man eigentlich wahrhaftig nicht den trifft, der seine anthroposophische Forschung aus seiner innersten Überzeugung heraus geltend macht!

[ 59 ] I would have much more to say if I wanted to address all the misunderstandings—which are piling up more and more, sometimes out of superficiality, sometimes out of malice, and sometimes even out of good intentions—aimed specifically at condemning and combating anthroposophy from the perspective of religious denominations; I would have to cite much if I wanted to demonstrate the nature of these misunderstandings. The relationship between religious life and anthroposophy can therefore only become clear when one grasps how anthroposophy takes hold of a person, how anthroposophy awakens a person to the spiritual world, and how, through this, the person becomes capable of once again sensing what they can experience in community—in religious community. If anthroposophy is opposed by the religions, then it must defend itself. Observe where anthroposophy becomes polemical, and you will always see: it is in self-defense. Anthroposophy becomes aggressive or offensive only in the rarest of cases; only where a misunderstanding has given rise to something that must be removed—removed as a misunderstanding. Otherwise, however, anthroposophy never becomes aggressive; it does so only when it has to defend itself. It does, in fact, have to defend itself very often: for example, when—as I already mentioned at the beginning of my remarks today—people repeatedly refuse to engage with what anthroposophy actually is, with what can be found within it, when they do not seriously, honestly, and sincerely familiarize oneself with it, but instead creates a caricature and then attacks that caricatured image—which, in truth, does not truly target those who assert their anthroposophical research out of their innermost conviction!

[ 60 ] Nicht durch Einzelheiten wollte ich das Verhältnis der Anthroposophie zu den religiösen Bekenntnissen auseinandersetzen, sondern aus dem ganzen, totalen Geist der anthroposophischen Weltanschauung heraus. Ich wollte zeigen, daß für den, der Anthroposophie versteht, keine Rede davon sein kann, daß irgendein religiöses Erleben durch diese Anthroposophie gestört werde. Auch in dieser Beziehung gilt, was ich schon gestern sagte: Ich möchte am liebsten diejenige Weltanschauung, die sich mir ergeben hat als die anthroposophische aus den Goetheschen gesunden Weltvorstellungen heraus, ich möchte sie am liebsten Goetheanismus nennen, und ich möchte, wenn es nur von mir abhinge, den Dornacher Bau am liebsten Goetheanum nennen.

[ 60 ] I did not intend to examine the relationship between anthroposophy and religious denominations through specific details, but rather from the perspective of the whole, comprehensive spirit of the anthroposophical worldview. I wanted to show that for anyone who understands anthroposophy, there can be no question of any religious experience being disrupted by this anthroposophy. In this regard, too, what I said yesterday still applies: I would most like to call the worldview that has emerged for me—the anthroposophical one, which grew out of Goethe’s sound conceptions of the world—Goetheanism, and if it were up to me alone, I would most like to call the building in Dornach the Goetheanum.

[ 61 ] Es führt alles, was man auf dem Boden der Anthroposophie finden kann, eigentlich immer dahin, sich sagen zu müssen: Du setzest nur fort, was dieser einzigartige Geist in die Menschheitsentwickelung hineingeworfen hat. Er ist in vieler Beziehung bei den elementaren Vorstellungen stehengeblieben. Aber nicht dann ist man im rechten Sinne ein Bekenner des Goetheanismus, Bekenner derjenigen Weltanschauung, die durch Goethe geworden ist, die Goethe erkraftet hat, wenn man historisch oder äußerlich biographisch das betrachtet, was Goethe selber hingeschrieben hat; sondern dann ist man im rechten Sinne ein Bekenner der Goetheschen Weltanschauung, wenn man lebendig sich in diese Weltanschauung hineinzuversetzen und weiter und weiter sie fortzusetzen vermag.

[ 61 ] Everything one can find within the realm of anthroposophy actually always leads one to the realization: You are merely continuing what this unique spirit has brought into the development of humanity. In many respects, he remained at the level of elemental concepts. But one is not, in the true sense, a follower of Goetheanism—a follower of the worldview that came into being through Goethe, that Goethe brought to life—if one considers, from a historical or superficially biographical perspective, what Goethe himself wrote down; but one is a true adherent of the Goethean worldview only when one is able to immerse oneself vividly in this worldview and carry it forward further and further.

[ 62 ] Goethe war ein Goetheaner bis zum Jahre 1832 hier in der physischen Welt. Er selber würde sich heute ganz anders aussprechen, als er sich in seiner Zeit ausgesprochen hat. Aber wenn etwas gesund ist, bleiben gewisse Grundimpulse, gewisse Grundkräfte, welche auch eine Weltanschauung von einer Epoche in die andere hinübertragen. Wenn, ich möchte sagen, in neuer Blüte und neuer Frucht das, was im Keime da war, wiederum aufgeht, dann darf es hinweisen auf diese Solidarität der ganzen Menschheitsentwickelung, ja, daß es gewisse Grundimpulse aufgreift. Und so darf ich auch schließen diese heutigen Betrachtungen damit, daß ich, ich möchte sagen, das Bekenntnis Goethes hierbei, das ja bekannt genug ist, das ich auch öfter ausgesprochen habe, an den Schluß stelle.

[ 62 ] Goethe was a follower of Goethe until 1832, here in the physical world. He himself would express himself quite differently today than he did in his own time. But when something is healthy, certain fundamental impulses and forces remain, which carry a worldview from one epoch into the next. When—I would say—what was there in its infancy blossoms anew and bears fresh fruit, then this may point to the solidarity of humanity’s entire development—indeed, to the fact that it takes up certain fundamental impulses. And so I may also conclude today’s reflections by, I might say, bringing to the fore Goethe’s well-known profession of faith—one that I, too, have often expressed.

[ 63 ] Goethe, anschauend, was Kunst, was Religion Menschen sein kann, was aber auch durch Wissenschaft aus dem Menschen gemacht wird, betrachtet den Menschen, der nicht eine Scheinwissenschaft, nicht eine falsche Religion, nicht eine falsche Kunst auf sich wirken läßt, sondern wahre Kunst, wahre Wissenschaft, wahre Religion, er betrachtet den Menschen und sagt sich dann das tief bedeutsame Wort:

[ 63 ] Goethe, observing what art and religion can be to human beings—but also what science makes of human beings—considers the person who does not allow a pseudo-science, a false religion, or a false art to influence them, but rather true art, true science, and true religion; he considers this person and then utters these profoundly meaningful words:

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
Hat auch Religion.
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion.

Whoever possesses science and art,
Also possesses religion.
Whoever does not possess those two,
Let him have religion.

[ 64 ] Auf den Fall der Anthroposophie angewendet, darf ich vielleicht dieses Goethesche Wort im Sinne der heutigen Zeit so fortsetzen:

[ 64 ] Applied to the case of anthroposophy, I might perhaps continue this quote from Goethe in a way that is relevant to our times:

[ 65 ] Wer Anthroposophie besitzt, Geisteswissenschaft, wie sie aus ihr erblüht, der hat auch Religion. Ich fürchte nur, daß diejenigen, die nicht Anthroposophie oder wenigstens ihren Geist und ihren Sinn besitzen wollen, in der Zukunft nicht mehr Religion haben werden.

[ 65 ] Whoever possesses anthroposophy—and the spiritual science that blossoms from it—also possesses religion. My only fear is that those who do not wish to possess anthroposophy, or at least its spirit and meaning, will no longer have religion in the future.