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Freedom, Immortality and Social Life
On the Relationship Between the Soul and Spirit and the Physical Aspect of the Human Being
GA 72

23 November 1917, Basel

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Freedom, Immortality and Social Life, tr. SOL
  1. Freiheit, Unsterblichkeit, Soziales Leben

3. Geisteswissenschaftliche (Anthroposophische) Forschungsergebnisse über das Ewige in der Menschenseele und über das Wesen der Freiheit

3. Results of Research in the Spiritual Sciences (Anthroposophy) on the Eternal in the Human Soul and on the Nature of Freedom

[ 1 ] Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, von der hier wieder die Rede sein soll, wie in den Vorträgen vor einigen Wochen von ihr die Rede war, diese Geisteswissenschaft wird von vielen Menschen in unserer Zeit noch aufgefaßt, wie man etwa — man könnte den Vergleich schon machen — einen uneingeladenen Gast innerhalb einer Gesellschaft auffaßt. Man verhält sich zunächst, selbstverständlich, gegenüber einem uneingeladenen Gaste, wenn man ihn so ansehen muß, recht ablehnend. Andere wissenschaftliche Strömungen, andere wissenschaftliche Zweige sind durch die schon erkannten Bedürfnisse der Menschen durchaus eben, ich möchte sagen, geladene Gäste im geistigen Streben der Menschheit der Gegenwart. Allein, wenn man gegenüber einem ungeladenen Gaste dann die Wahrnehmung macht, daß er einem etwas zu bringen hat, das man verloren hatte und das einem doch in einer gewissen Beziehung sehr, sehr wertvoll sein kann, dann beginnt man, auch den ungeladenen Gast etwas anders zu behandeln als vorher. Und in dieser Lage ist im Grunde die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Sie hat zu sprechen von geistig-seelischen Gütern der Menschheit, die in einer gewissen Beziehung in ganz begreiflicher Art der neueren Kulturmenschheit verlorengegangen sind und die wiederum gebracht werden müssen. Verlorengegangen sind sie dadurch, daß während Jahrhunderten, Jahrtausenden geschichtlicher Entwickelung die Menschheit für dasjenige, was da in Betracht kommt, ein gewisses instinktives Erkennen hatte; dieses instinktive Erkennen kann die Menschheit sich nicht fernerhin in derselben Art bewahren, hat es sogar bis zu einem gewissen Grade schon verloren.

[ 1 ] Anthroposophically oriented spiritual science—which we will discuss again here, just as we did in the lectures a few weeks ago—is still viewed by many people today much as one might view—to draw a comparison—an uninvited guest at a social gathering. At first, of course, one tends to be quite dismissive of an uninvited guest—if one must view him that way. Other scientific movements and other branches of science, in response to the needs of humanity that have already been recognized, are—I would say—invited guests in the spiritual striving of contemporary humanity. However, when one comes to realize that an uninvited guest has something to offer that one had lost—and that, in a certain sense, can be very, very valuable—then one begins to treat even the uninvited guest somewhat differently than before. And this is essentially the situation in which anthroposophically oriented spiritual science finds itself. It speaks of the spiritual and psychological assets of humanity that, in a certain sense, have been lost in a quite understandable way to modern cultural humanity and that must be restored. They have been lost because, over centuries and millennia of historical development, humanity possessed a certain instinctive recognition of what is at stake here; humanity can no longer preserve this instinctive recognition in the same way and has, to a certain extent, already lost it.

[ 2 ] Geradesowenig, wie die Menschheit bleiben konnte bei der mittelalterlichen Weltanschauung vom Stillstehen der Erde, den Drehestellungen des Himmels und der Sonne, so wenig konnte die Menschheit bei den alten instinktiven Erkenntnissen über das Wesen des Seelischen und damit über das eigentliche Kernwesen des Menschen bleiben. Und in den Vorträgen, die ich vor Wochen hier gehalten habe, war es insbesondere meine Aufgabe, auszuführen, wie in begreiflicher und gerechtfertigter Weise naturwissenschaftliche Art des Denkens von den Seelen der Menschen Besitz ergriffen hat, wie dieses naturwissenschaftliche Vorstellen sich immer mehr und mehr verbreitet, immer mehr und mehr auf die gesamte Kulturentwickelung der Menschheit Einfluß gewinnen muß. Aber dieses naturwissenschaftliche Erkennen ist auf der anderen Seite, so einleuchtend, so anschaulich es ist, nicht geeignet, dem Menschen die Geheimnisse seines eigenen seelischen Wesens zu enthüllen, gerade wenn es stark und kräftig bleiben will auf dem Gebiete, das ihm zugewiesen ist. Und dieses naturwissenschaftliche Vorstellen hat die Eigentümlichkeit, daß es die alten instinktiven Erkenntnisse über das Seelische nicht mehr gelten lassen kann, daß es sie gewissermaßen vernichtet.

[ 2 ] Just as humanity could not remain stuck in the medieval worldview of a stationary Earth and the rotating positions of the heavens and the sun, so too could humanity not remain stuck in the ancient, instinctive insights into the nature of the soul and, with it, into the very essence of the human being. And in the lectures I gave here weeks ago, it was my particular task to explain how, in a comprehensible and justified way, the scientific mode of thinking has taken hold of people’s souls, how this scientific way of thinking is spreading more and more, and how it is bound to exert ever greater influence on the entire cultural development of humanity. But on the other hand, this scientific understanding—as clear and vivid as it is—is not suited to revealing to human beings the mysteries of their own soul life, especially if it is to remain strong and vigorous in the realm assigned to it. And this scientific conception has the peculiarity that it can no longer accept the old instinctive insights into the soul; in a sense, it destroys them.

[ 3 ] Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, will, in derselben Art wie die Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete, durch geregeltes Erkennen in das geistige Gebiet bewußterweise hineinleuchten und damit dem Menschen in bewußter Art wieder bringen, was er als eine instinktive Erkenntnis verloren hat.

[ 3 ] The humanities, as understood here, seek—in the same way that the natural sciences do in their own field—to shed conscious light on the spiritual realm through systematic inquiry, thereby consciously restoring to humanity what it has lost as instinctive knowledge.

[ 4 ] Ganz gewiß, die Menschen, die heute noch diese Anthroposophie als einen ungebetenen, ungeladenen Gastempfinden, sie werden ihn gerade deshalb als einen sehr willkommenen Gast ansehen — so ist die Hoffnung desjenigen, der drinnensteht in diesem geisteswissenschaftlichen Streben —, wenn sie eingesehen haben, daß er die Kunde, die Erkenntnis eines verlorenen Lebensgutes bringt.

[ 4 ] Certainly, those who today still regard this anthroposophy as an uninvited, unwelcome guest will, for that very reason, come to see it as a most welcome guest—such is the hope of those deeply involved in this spiritual-scientific endeavor—once they have come to realize that it brings the message and the knowledge of a lost spiritual treasure.

[ 5 ] Wenn wir Umschau halten in den verschiedenen Darstellungen über die menschliche Seele und ihr Wesen, wie sie aufgetreten sind in der Zeit, in welcher die naturwissenschaftliche Denkart schon ihren tiefen Einfluß geübt hat, und bis in die Gegenwart herein, so sehen wir, daß zwei der allerwichtigsten Fragen, welche der alten Seelenwissenschaft eigen waren, geradezu aus dieser neueren, naturwissenschaftlich angehauchten Seelenwissenschaft verschwunden sind. Allerdings gliedern sich mit diesen zwei Hauptfragen eine ganze Reihe anderer zusammen; aber diese anderen sind gewissermaßen mitgegeben, wenn man die Aufmerksamkeit auf diese zwei Hauptfragen richtet: auf die Frage nach dem Ewigen in der Menschenseele, die sogenannte Unsterblichkeitsfrage, und auf die Frage nach der menschlichen Freiheit. Inwiefern die Frage nach dem Ewigen immer mehr und mehr aus dem Gesichtskreise der neueren Betrachtungen verschwinden mußte, soweit von Wissenschaft die Rede ist, davon habe ich in den letzten Vorträgen gesprochen, und ich habe dazumal schon die Bemerkung gemacht, daß es heute meine Aufgabe sein soll, so gut das in einem Vortrage geht, die Seelenfrage zu behandeln von dem Gesichtspunkte einer wenigstens skizzenhaften Betrachtung der menschlichen Freiheit.

[ 5 ] When we survey the various descriptions of the human soul and its nature—as they have appeared from the time when the scientific way of thinking was already exerting its profound influence, right up to the present day— we see that two of the most important questions that were central to the ancient science of the soul have virtually disappeared from this newer, scientifically influenced science of the soul. Admittedly, a whole series of other questions are linked to these two main ones; but these others are, so to speak, included when one focuses one’s attention on these two main questions: the question of the eternal in the human soul—the so-called question of immortality—and the question of human freedom. To what extent the question of the eternal has had to disappear more and more from the field of vision of more recent considerations, insofar as science is concerned, is something I have spoken about in recent lectures, and I remarked at that time that my task today would be, as best as is possible in a single lecture, to address the question of the soul from the perspective of at least a sketchy consideration of human freedom.

[ 6 ] Wenn Naturwissenschaft ihre Denkweise ausdehnt auf das Seelische, muß sie zunächst ihr Hauptaugenmerk darauf richten, inwiefern dieses Seelische seine Grundlage in dem Leiblichen des Menschen hat. Nun ist aber diese naturwissenschaftliche Betrachtungsart ganz und gar darauf angewiesen, den Verlauf der äußeren Vorgänge, auch den Verlauf der seelischen Vorgänge, wie sie sich ergeben in der Zeit, ursächlich zu betrachten. Die naturwissenschaftliche Denkart kann, wenn sie Seelenlehre wird, das Seelische nur im engsten Zusammenhange mit dem Leibe betrachten. Der Leib aber gehört ganz und gar dem materiellen, dem stofflichen Zusammenhang der äußeren Welt an. Für diesen Zusammenhang findet naturwissenschaftliche Denkungsweise in einer großartigen Form gesetzmäßige Zusammenhänge. Aber diese gesetzmäßigen Zusammenhänge führen geradezu weg, nicht hin, von einer Betrachtung der beiden angedeuteten Hauptfragen über das menschliche Seelenleben.

[ 6 ] When the natural sciences extend their mode of thinking to the psychological realm, they must first focus their attention on the extent to which this psychological realm is grounded in the physical aspects of the human being. Now, however, this scientific approach is entirely dependent on viewing the course of external processes—including the course of psychological processes—as they unfold over time, from a causal perspective. When the scientific way of thinking becomes a theory of the soul, it can only view the psychological realm in the closest connection with the body. The body, however, belongs entirely to the material, physical context of the external world. Within this context, the scientific mode of thinking finds regular, law-like relationships in a magnificent form. But these law-like relationships lead us away from—rather than toward—an examination of the two main questions outlined above regarding human spiritual life.

[ 7 ] Um nur ein Beispiel anzuführen: Indem die Naturwissenschaft immer mehr und mehr, ich möchte sagen, Besitz ergriff von der Betrachtung des Seelenlebens, versuchte sie auch, ihre auf ihrem eigenen Gebiete so fruchtbaren Gesetze anzuwenden auf die Betrachtung dieses Seelischen. Da kann sie nicht anders als darauf hinsehen, wie eine menschliche Handlung, wie ein menschlicher Willensimpuls, wie alles dasjenige, was der Mensch von seiner Seele aus unternimmt, herausfließt aus dem leiblichen Erleben. Sie muß in ihrer Art Versuche anstellen, wie sie es gewöhnt ist auf ihrem naturwissenschaftlichen Gebiete, und sie fühlt sich, gewissermaßen mit Recht, tief befriedigt, wenn sie in ihren Versuchen findet, daß auch das seelische Leben in keiner Art durchbricht, was naturwissenschaftlich für das äußere natürliche Leben festgestellt ist. Man braucht nur solch einer Sache zu gedenken wie, daß Physiologen, Biologen Versuche darüber angestellt haben, welches die Kraftmenge ist, die der Mensch, die das Tier durch ihre Nahrung aufnehmen; dann wiederum, welches die Kraftmenge ist, welche der Mensch, das Tier entwickeln, wenn sie seelische Äußerungen in der Welt unternehmen. Rubner, der Biologe, der ausgezeichnete Forscher, hat Versuche angestellt mit Tieren, in denen er gezeigt hat, wie alles, was sich in der Bewegung, im Handeln der Tiere als Kraft äußert, nichts anderes ist als berechenbar umgesetzte Nahrungsenergie, die aufgenommen wird. Und Atwater hat Versuche angestellt, welche zeigen, wie dieses Gesetz auch für den Menschen gilt, wie alles, was wir aufbringen an Bewegungsarbeit und dergleichen, sich zahlenmäßig berechnen läßt als Umsatzprodukt desjenigen, was wir stofflich mit der Nahrung als Kraft aufnehmen und dann in Wärme und dergleichen in uns verwandeln.

[ 7 ] To cite just one example: As the natural sciences increasingly—I would say—took hold of the study of the life of the soul, they also attempted to apply the laws that had proven so fruitful in their own field to the study of this spiritual realm. In doing so, it cannot help but observe how a human action, how an impulse of the will, how everything that a person undertakes from within their soul, flows out of physical experience. It must conduct experiments in its own way, as it is accustomed to doing in the realm of natural science, and it feels—in a sense, quite rightly—deeply satisfied when it discovers in its experiments that even the life of the soul in no way contradicts what has been established by natural science regarding external, natural life. One need only recall, for example, that physiologists and biologists have conducted experiments to determine the amount of energy that humans and animals absorb through their food; and, conversely, the amount of energy that humans and animals expend when they engage in soul-related activities in the world. Rubner, the biologist and outstanding researcher, conducted experiments with animals in which he demonstrated that everything that manifests as energy in the animals’ movements and actions is nothing other than the ingested food energy converted in a calculable manner. And Atwater has conducted experiments that show how this law also applies to humans, how everything we expend in the form of kinetic energy and the like can be calculated numerically as the product of what we take in as energy through our food and then transform within ourselves into heat and the like.

[ 8 ] So führt Naturwissenschaft aus ihrer Denkweise heraus auch das seelische Leben auf das sogenannte Gesetz von der Erhaltung der Kraft zurück. Sie kann nicht anders als von ihrem Gesichtspunkte aus sagen: Wo sollte ein Seelisches von sich aus in das Getriebe des menschlichen Wesens eingreifen, gewissermaßen wie durch ein Wunder etwas Neues schaffen, wenn man beweisen kann, daß alles, was gewissermaßen vom Menschen nach außen sich betätigt, nur Umwandlungsprodukt desjenigen ist, was der Mensch wiederum aus der Welt aufnimmt? Wenn die menschliche Äußerung dasjenige ist, was der Leib in sich aufgenommen hat, dann ist das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, dieses seit Julius Robert Mayer, Helmholtz und so weiter so bedeutungsvoll in die Naturwissenschaft eingetretene Gesetz, erfüllt. Nirgends tritt eine neue Kraft auf; alles, was an Kraftäußerungen auftritt, ist nur umgewandeltes schon Vorhandenes. Man kann also nicht sagen, wenn der Mensch eine sogenannte freie, willkürliche Handlung vollbringt, so komme diese aus seiner Seele heraus, denn dann würde sich zu den Kräften, die schon da sind, eine neue gleichsam aus dem Nichts heraus gesellen.

[ 8 ] Thus, based on its mode of thinking, natural science also traces spiritual life back to the so-called law of conservation of energy. From its own perspective, it cannot help but say: How could anything psychological intervene of its own accord in the workings of the human being—creating something new, as it were, by a miracle—if it can be proven that everything that, so to speak, manifests outwardly from the human being is merely a transformed product of what the human being, in turn, takes in from the world? If human expression is what the body has taken in, then the law of conservation of energy—this law that has played such a significant role in the natural sciences since Julius Robert Mayer, Helmholtz, and others—is fulfilled. Nowhere does a new force appear; everything that manifests as an expression of force is merely a transformed form of what already exists. One cannot, therefore, say that when a person performs a so-called free, voluntary act, it comes from within their soul, for then a new force would join those that are already there, as it were, out of nowhere.

[ 9 ] Wer sich in naturwissenschaftliche Vorstellungen eingelebt hat, empfindet selbstverständlich so etwas als einen ganz geschlossenen Gedankengang. Und weil dieses so ist, weil Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete so Großes, so Eindrückliches leistet, hat selbstverständlich Anthroposophie, die wissenschaftliche Strenge auf das Geistgebiet ausdehnen will, in ganz begreiflicher Weise einen schweren Stand. Aber nicht in einigen abstrakten Sätzen, sondern, ich möchte sagen, durch den ganzen Geist dessen, was ich in diesen Vorträgen vorzubringen habe, soll sich ergeben, daß diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft durchaus nicht nur in keinen Widerspruch kommt mit der Naturwissenschaft, sondern daß sie im Gegenteil diese Naturwissenschaft voll fortsetzt, ausbildet, trotzdem sie den Pfad, den Weg einschlägt aus dem Gebiete der Sinnenbetrachtung heraus in die Betrachtung des geistigen Lebens hinein.

[ 9 ] Anyone who has become accustomed to scientific concepts naturally perceives this as a completely coherent line of thought. And because this is the case—because natural science achieves such great and impressive things in its own field—it is only natural that anthroposophy, which seeks to extend scientific rigor to the spiritual realm, faces a difficult challenge. But not in a few abstract statements; rather, I would say, through the very spirit of what I have to present in these lectures, it should become clear that this anthroposophically oriented spiritual science is by no means in contradiction with natural science; on the contrary, it fully continues and develops natural science, even though it takes a path leading from the realm of sensory observation into the observation of spiritual life.

[ 10 ] Da allerdings begegnet sie unzähligen Vorurteilen. Wer in der Anthroposophie drinnen lebt, weiß am allerbesten, wie berückend Vorurteile wirken und der Anthroposophie eine Gegnerschaft erwecken müssen. Man kann sagen: Schon gegen die Art und Weise, wie auf dem Gebiete der Anthroposophie geforscht werden soll, liegen genügend Gründe vor — wenn man nur vorurteilsvoll genug sein will, sie anzuerkennen —, Einwände zu machen, Gegnerschaften zu erheben. Denn «Beweise», wie man sie in der gewöhnlichen Wissenschaft und im gewöhnlichen Leben kennt, sie sind durchaus innerhalb der Anthroposophie vorhanden; aber sie werden in einer gewissen Weise anders gehalten sein und anders aufgefaßt werden müssen, als was man «Beweise» in der gewöhnlichen Wissenschaft und im gewöhnlichen Leben nennt.

[ 10 ] There, however, it encounters countless prejudices. Anyone who is deeply immersed in anthroposophy knows better than anyone else how captivating these prejudices can be and how they are bound to stir up opposition to anthroposophy. One could say: There are already sufficient reasons—if one is only prejudiced enough to acknowledge them—to raise objections and foster opposition to the very way in which research is to be conducted in the field of anthroposophy. For “evidence,” as it is understood in conventional science and everyday life, certainly exists within anthroposophy; but it must be regarded and interpreted in a somewhat different way than what is called “evidence” in conventional science and everyday life.

[ 11 ] Vor allen Dingen handelt es sich in der gewöhnlichen Wissenschaft und im gewöhnlichen Leben darum, daß man dasjenige, was man untersuchen will, gegeben vor sich hat. Niemand kann leugnen, daß die Welt der Sinne eben vor den Sinnen ausgebreitet ist, daß sie Fragen an uns stellt.

[ 11 ] Above all, in ordinary science and in ordinary life, the point is that what one wishes to investigate is already present before one. No one can deny that the world of the senses is spread out right before our senses, that it poses questions to us.

[ 12 ] Dieses ist in einer gewissen Weise nicht der Fall bei anthroposophischer Betrachtung. Da muß die Welt selbst erst zur Offenbarung gebracht werden, von der man eigentlich zu reden hat, so zur Offenbarung gebracht werden, wie für ein Wesen aus der niederen Reihe der Organismen etwa, wenn es sich weiterentwickeln würde, die Welt der Sinne zur Offenbarung gebracht würde, wenn dieses Wesen erst Sinne bekäme. In demselben Maße, in dem das Wesen Sinne bekommen würde, würde sich ihm die Sinneswelt erschließen. Dann, wenn sich die Sinneswelt ihm erschließt, dann ist eben deren Dasein erwiesen. Daher wird vieles — nicht alles — von der beweisenden Kraft, welche der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft innewohnt, davon abhängen, daß man einsieht: Die vorbereitenden Arbeiten in der eigenen Seele, die der Geistforscher durchgeführt hat, um erst zu der Welt, die er betrachtet, zu kommen, sie sind berechtigt.

[ 12 ] In a certain sense, this is not the case from an anthroposophical perspective. There, the world itself must first be brought to revelation—the very world we are actually speaking of—brought to revelation in the same way that, for a being from the lower ranks of organisms, for example, if it were to develop further, the world of the senses would be brought to revelation once this being acquired senses. To the same extent that the being would acquire senses, the sensory world would open up to it. Then, when the sensory world opens up to it, its existence is thereby proven. Therefore, much—though not everything—of the demonstrative power inherent in anthroposophically oriented spiritual science will depend on recognizing that the preparatory work within one’s own soul, which the spiritual researcher has carried out in order to arrive at the world he is observing, is justified.

[ 13 ] In der anderen Wissenschaft arbeitet man auf einer gewissen Grundlage, und dann erst beginnt die geistige Tätigkeit, dann beginnt dasjenige, was die Seele zu verarbeiten hat. In der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft muß die Seele zuerst arbeiten, und ihre Arbeit ist nicht etwas, was wieder Gesetze entwirft über anderes, sondern ihre Arbeit ist zunächst etwas, wodurch sie sich selbst zubereitet, um das zu beobachten, um was es sich in der geistigen Welt eigentlich handelt. Da kommt man darauf, für die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft fordern zu müssen, was in der Gegenwart so ungern anerkannt wird: Daß, sobald es sich darum handelt, Einsicht in das Übersinnliche zu gewinnen, erst die Fähigkeiten in der Seele, welche dieses Übersinnliche schauen können, erweckt werden müssen, herausgeholt werden müssen aus der Seele. Aber geradeso, wie im Laufe der Entwickelung niedere Organismen, die noch gewisse Sinne nicht haben, durch ihre Wechselbeziehung mit der Außenwelt solche Sinne aus ihrem noch undifferenzierten Organismus herausentwickeln, so ist es möglich, aus der undifferenzierten menschlichen Seele heraus Fähigkeiten zu entwickeln, welche zur Anschauung der geistigen Welt so führen wie zur Anschauung der Sinneswelt eben die physischen Sinne.

[ 13 ] In other sciences, one works on a certain foundation, and only then does the spiritual activity begin—only then does that which the soul must process begin. In anthroposophically oriented spiritual science, the soul must work first, and its work is not something that formulates laws about other things; rather, its work is, first and foremost, something through which it prepares itself to observe what the spiritual world is actually about. This leads us to the conclusion that we must demand of anthroposophically oriented spiritual science what is so reluctantly acknowledged today: that, as soon as it comes to gaining insight into the supersensible, the faculties within the soul that can perceive this supersensible must first be awakened and drawn forth from the soul. But just as, in the course of evolution, lower organisms that do not yet possess certain senses develop such senses from their still undifferentiated organism through their interaction with the external world, so it is possible to develop abilities from the undifferentiated human soul that lead to the perception of the spiritual world just as the physical senses lead to the perception of the sensory world.

[ 14 ] Ich werde heute nicht eingehen auf die Entwickelung dieser seelischen Fähigkeiten. Ich habe in vielen Vorträgen, die ich im Laufe der Jahre hier gehalten habe, auch in den letzten Vorträgen, einiges Prinzipielle über die Entwickelung solcher Fähigkeiten, über das Heraufholen solcher Fähigkeiten vorgebracht. Heute möchte ich in dieser Richtung nur auf meine Bücher verweisen, namentlich auf meine Schrift: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und meine «Geheimwissenschaft», in der sich gezeigt findet, was die Seele mit sich vorzunehmen hat, damit sie die Fähigkeit erlangt — die durchaus erlangbar ist —, Wahrnehmungen zu machen in der geistigen Welt. Sie kann diese Fähigkeit nur erlangen, wenn sie ihr inneres Wesen unabhängig von dem Leiblichen macht. Um nicht in Wiederholungen zu verfallen, werde ich, wie gesagt, heute nicht davon zu sprechen haben, wie solche Fähigkeiten erlangt werden. Nur einiges möchte ich anführen von den Eigentümlichkeiten dieses geistigen Weges, der in das übersinnliche Gebiet, dem der Mensch angehört, hineinführt.

[ 14 ] I will not go into detail today about the development of these spiritual abilities. In many lectures I have given here over the years—including my most recent ones—I have discussed some fundamental principles regarding the development of such abilities and how to awaken them. Today, I would simply like to refer you to my books on this subject, specifically my work How to Attain Knowledge of the Higher Worlds and my Esoteric Science, which explain what the soul must do in order to acquire the ability—which is certainly attainable—to perceive the spiritual world. It can attain this ability only if it makes its inner being independent of the physical. To avoid repeating myself, I will, as I said, not speak today about how such abilities are attained. I would like to mention only a few of the distinctive features of this spiritual path, which leads into the supersensible realm to which human beings belong.

[ 15 ] Eine zunächst sonderbare Wahrheit in bezug auf diesen Weg ins Übersinnliche möchte ich aussprechen. Der Geistesforscher muß in der Seele Fähigkeiten zu einer Erkenntnisart entwickeln, welche sich auf Dinge bezieht, die im Grunde genommen jeder sich selbst verstehende Mensch zu dem Gegenstande seiner Betrachtung machen möchte, wenn ihn nicht irgendwelche naturwissenschaftlichen oder anderen Vorurteile davon abhalten. Das Ewige der Seele, das Wesen der menschlichen Freiheit und alles, was damit zusammenhängt, diese ewigen Philosophen-Fragen der Menschheit, sind Fragen für jeden Menschen. Die alte instinktive Erkenntnis hat sich mit ihnen befaßt. Die neuere, geisteswissenschaftliche Erkenntnis muß einen solchen Erkenntnisweg gehen, der sich auf etwas bezieht, was sozusagen von jedem sich selbst verstehenden Menschen begehrt wird. Aber die Wege, welche einzuschlagen sind, um durch wirkliche Erkenntnis in dieses übersinnliche Gebiet einzudringen, werden weniger geliebt, werden geradezu abgelehnt. Und zwar nicht bloß abgelehnt in Vorurteilen, sondern, ich möchte schon sagen, abgelehnt durch gewisse Eigentümlichkeiten der menschlichen Natur selber. Und da kommt namentlich das Folgende in Betracht.

[ 15 ] I would like to state a truth regarding this path to the supersensible that may seem strange at first. The spiritual researcher must develop within the soul the capacity for a kind of insight that relates to things which, in essence, every self-aware human being would wish to make the object of their contemplation, were it not for certain scientific or other prejudices holding them back. The eternal nature of the soul, the essence of human freedom, and everything connected with them—these eternal philosophical questions of humanity—are questions for every human being. Ancient, instinctive knowledge has dealt with them. Modern spiritual scientific knowledge must follow a path of understanding that relates to something desired, so to speak, by every self-aware human being. But the paths that must be taken to penetrate this supersensible realm through true knowledge are less popular; indeed, they are outright rejected. And not merely rejected out of prejudice, but—I would even say—rejected by certain peculiarities of human nature itself. And here, the following point is particularly relevant:

[ 16 ] Wir sind gewohnt, wenn wir uns Vorstellungen bilden, Begriffe bilden, diese anzulehnen an ein Seiendes, an ein Wesenhaftes, das unabhängig von diesen Vorstellungen, von diesen Begriffen, an uns herantritt. Wir stehen in der Welt als Sinneswesen mit dem Seienden in Verbindung, über das wir uns Vorstellungen machen. Als Menschen zwischen Geburt und Tod, als Menschen, die im Leibe leben, stehen wir nun nicht in unmittelbarer Verbindung mit demjenigen, worauf sich die übersinnlichen Erkenntnisse beziehen. Daher müssen diese übersinnlichen Erkenntnisse eine größere Kraft der Seele, eine weit höhere innere Energie in Anspruch nehmen als die Erkenntnisse der gewöhnlichen sinnlichen Außenwelt, die uns immer dadurch zu Hilfe kommt, daß sie eben von vornherein da ist. Diese innere Verstärkung des seelischen Lebens, worinnen namentlich die Erweckung der höheren Erkenntnisfähigkeiten besteht, dieses Heraufholen von aktiven, nicht bloß passiven Erkenntniskräften, das ist etwas, vor dem viele Menschen zurückscheuen, das ist etwas, was sehr vielen Menschen deshalb, weil es sich nicht unmittelbar auf ein Sein bezieht, wie ein Phantastisches, wie ein bloßes Phantasiegebilde erscheint. Das Allerbegreiflichste ist es, daß derjenige, der in ein tieferes Verständnis der Sache nicht eindringt, die Vorstellungen, die Begriffe der Geisteswissenschaft für Phantasiebilder nimmt, weil er gewöhnt ist, nur diejenigen Vorstellungen als wirklich gelten zu lassen, für die das Seiende, das Wirkliche, wie man es nennt, schon draußen vor den Sinnen ausgebreitet ist. Was aber den Menschen von der übersinnlichen Welt vor allem interessiert, was von seinem eigenen Wesen über Geburt, oder sagen wir Empfängnis, und Tod hinaus lebt, das nicht in dieser Sinneswelt und in dem Leben dieser Sinneswelt sich erschöpft, das muß in solchen Vorstellungen eines übersinnlichen Erkennens erfaßt werden. Diese Vorstellungen müssen aus großen Tiefen der Seele herausgeholt werden. Die Seele, wie sie gewöhnt ist, die sinnliche Welt zu verfolgen, naturwissenschaftlich mit gewissen Gesetzen zu durchdringen, ist schwach im Verhältnis zu jener Seele, die die Erkenntniskräfte aufbringen muß, um durch sie in das Übersinnliche hineinzuschauen. Nicht wie man sie erforscht, aber wie sie in einer gewissen Beziehung sind, diese Erkenntniskräfte, davon will ich gerade im heutigen Vortrag sprechen.

[ 16 ] When we form ideas and concepts, we are accustomed to basing them on something that exists, on something essential that approaches us independently of these ideas and concepts. As sensory beings in the world, we are in connection with the existing reality about which we form ideas. As human beings between birth and death, as human beings living in the physical body, we are not in direct connection with that to which supersensible knowledge relates. Therefore, this supersensible knowledge must draw upon a greater power of the soul, a far higher inner energy, than the knowledge of the ordinary sensory external world, which always comes to our aid simply because it is there from the outset. This inner strengthening of the soul’s life—which consists specifically in the awakening of the higher faculties of knowledge, this summoning of active, not merely passive, powers of cognition—is something that many people shy away from; it is something that, precisely because it does not relate directly to a concrete reality, appears to very many people as something fantastical, as a mere figment of the imagination. What is most understandable is that those who do not penetrate to a deeper understanding of the matter regard the concepts and ideas of spiritual science as figments of the imagination, because they are accustomed to accepting as real only those concepts for which existence—the “real,” as it is called—is already spread out before the senses. But what interests human beings most of all about the supersensible world—that which of their own being lives on beyond birth, or let us say conception, and death; that which is not exhausted in this sensory world and in the life of this sensory world—must be grasped through such concepts of supersensible knowledge. These concepts must be drawn from the great depths of the soul. The soul, as it is accustomed to observing the sensory world and penetrating it scientifically through certain laws, is weak in comparison to that soul which must muster the powers of cognition in order to look into the supersensible through them. Not how these powers of cognition are investigated, but what they are like in a certain respect—that is precisely what I wish to discuss in today’s lecture.

[ 17 ] Der Mensch ist gewohnt: Wenn er sich eine Vorstellung von irgend etwas, das gleichsam in der Wirklichkeit abläuft, bildet, dann hat er eben ein Bild von irgend etwas Wirklichem; an das kann er sich dann erinnern; das bleibt ihm als Erinnerung. Das ist ja eine Eigentümlichkeit unseres gewöhnlichen Vorstellens, eine Eigentümlichkeit, die uns eigentlich alle Lebenssicherheit gibt, daß wir uns in der Lage fühlen, dasjenige zu behalten, was uns die äußere Welt verbildlicht. Wenn der Geistesforscher aus den Tiefen seiner Seele diejenigen Kräfte heraufholt, die ihn befähigen, in das Übersinnliche hineinzuschauen, dann ist es so, daß er im «schauenden Bewußtsein» — so habe ich in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» diese Fähigkeit genannt — in die Lage kommt, in das Übersinnliche einen Blick hineinzutun. Aber wenn er nun versuchen wollte, das, was er geschaut hat, das, was ihm geistig vor die Seele getreten ist, in derselben Weise wie irgend etwas anderes, was er aus der äußeren Sinneswelt erfahren hat, durch das Gedächtnis zu bewahren, so würde er zunächst einen vergeblichen Versuch machen. Erlebnisse der geistigen Welt, Erlebnisse, die sich auf das Ewige, auf das Unsterbliche unserer Seele beziehen, können durch übersinnliche Erkenntniskräfte erkannt werden; aber sie können nicht in der gewöhnlichen Weise dem Gedächtnisse einverleibt werden, sie werden gewissermaßen wie ein flüchtig durch die Seele eilender 'Traum sogleich vergessen.

[ 17 ] People are accustomed to thinking that when they form a mental image of something that is, as it were, taking place in reality, they have an image of something real; they can then recall it; it remains with them as a memory. This is, after all, a characteristic of our ordinary imagination—a characteristic that actually gives us a sense of security in life, enabling us to feel capable of retaining what the external world presents to us. When the spiritual researcher draws up from the depths of his soul those forces that enable him to look into the supersensible, he then finds himself—in “contemplative consciousness” (as I have called this ability in my book The Riddle of Man)—in a position to cast a glance into the supersensible. But if he were now to attempt to retain in memory what he has beheld—that which has appeared spiritually before his soul—in the same way as anything else he has experienced from the outer sensory world, his attempt would initially be in vain. Experiences of the spiritual world—experiences that relate to the eternal, to the immortal aspect of our soul—can be perceived through supersensible powers of cognition; but they cannot be incorporated into memory in the usual way; they are, so to speak, immediately forgotten, like a “dream” fleetingly rushing through the soul.

[ 18 ] Nun können Sie sagen: Wie ist es also dann mit diesen Erkenntnissen? Können sie überhaupt nur wie Ergebnisse eines flüchtigen Traumes angesehen werden? — Man muß sagen: In einem gewissen Sinne durchaus! Aber das Folgende gilt nun: Man muß, um solche Einschau in das Übersinnliche zu haben, die ganze menschliche Seelenverfassung in einer gewissen Weise vorbereiten; man muß jedesmal von neuem eine solche innere Seelenverfassung herbeiführen, vor welcher die Geistesschau auftreten kann. Das, was man da in der Seele als Verrichtung anstellt, was man in der Seele vornimmt, um in die Geisteswelt hineinzuschauen, das kann man im Gedächtnisse behalten, daran kann man sich erinnern. Hat man also einmal einen Einblick in dieses oder jenes Geschehnis der Geisteswelt, über diese oder jene Wesen der geistigen Welt erlangt, so hat man gewußt, was man mit der Seele für Übungen vornehmen muß, damit diese Geistesschau eintreten kann. Soll nach einiger Zeit diese Geistesschau wieder eintreten, so muß man dieselben Bedingungen in der Seele herstellen. An diese Bedingungen kann man sich erinnern. Was man schaut, daß muß immer wieder von neuem auftreten. Dadurch ist ein großer Unterschied gegenüber den gewöhnlichen Erkenntnissen gegeben.

[ 18 ] Now you might ask: What, then, about these insights? Can they really be regarded merely as the results of a fleeting dream? — One must say: In a certain sense, absolutely! But the following applies: In order to have such insights into the supersensible, one must prepare the entire human soul in a certain way; one must bring about anew each time such an inner state of the soul before which the spiritual vision can arise. What one does in the soul—the work one undertakes within the soul in order to look into the spiritual world—can be retained in memory; one can recall it. So once one has gained insight into this or that event in the spiritual world, or into this or that being of the spiritual world, one has come to know what exercises one must perform with the soul so that this spiritual vision can occur. If, after some time, this spiritual vision is to occur again, one must establish the same conditions within the soul. One can recall these conditions. What one beholds must occur again and again anew. This constitutes a major difference from ordinary knowledge.

[ 19 ] Der Geistesforscher ist nicht in der Lage — so paradox das klingt —, einmal etwas zu erfahren, dann es gewissermaßen auswendig gelernt zu haben, um es immer wieder und wiederum in seiner Seele lebendig machen zu können wie eine Erinnerung. Nein, will er derselben geistigen Wesenheit oder demselben geistigen Geschehnisse wieder entgegentreten, dann muß er in sich selber die Gelegenheit herbeiführen, es neuerdings zu erleben. So sonderbar es klingt, wenn der Geistesforscher von den elementarsten Wahrheiten spricht — ich möchte sagen: an fünf aufeinanderfolgenden Tagen zu irgendeiner Gemeinde, zu irgendeinem Publikum —, und er will so sprechen, daß das Gesprochene unmittelbar herausgesprochen ist aus der geistigen Erfahrung, dann muß er jedesmal diese geistige Erfahrung von neuem machen.

[ 19 ] The spiritual researcher is not able—as paradoxical as it may sound—to experience something once and then, as it were, have learned it by heart, so as to be able to bring it to life again and again in his soul like a memory. No, if he wishes to encounter the same spiritual being or the same spiritual event again, he must create within himself the opportunity to experience it anew. As strange as it may sound, when the spiritual researcher speaks of the most fundamental truths—I would say: on five consecutive days to any congregation, to any audience—and he wishes to speak in such a way that what is said springs directly from spiritual experience, then he must have this spiritual experience anew each time.

[ 20 ] Ich will damit zum Ausdruck bringen, daß eines der wichtigsten Gesetze, eine besondere Eigentümlichkeit unseres geistigen Erlebens, ist: Während unsere sinnlichen Vorstellungen scheinen — es ist ja auch nur scheinbar der Fall.—, als ob sie später wieder auftauchen könnten aus der Erinnerung, als ob sie ein geistiger Besitz wären, gilt dies ganz und gar nicht für die Praxis der geistigen Erkenntnis. Geistige Erkenntnisse müssen immer von neuem und neuem erworben werden.

[ 20 ] What I mean to say is that one of the most important laws—a distinctive feature of our spiritual experience—is this: While our sensory perceptions seem—though this is only an illusion—as if they could resurface later from memory, as if they were a spiritual possession, this is absolutely not the case in the practice of spiritual knowledge. Intellectual insights must always be acquired anew, time and again.

[ 21 ] Warum setze ich gerade dieses auseinander? Ich möchte hier — worauf ich auch schon öfter hingewiesen habe — besonders darauf aufmerksam machen, daß die Aneignung des geisteswissenschaftlichen, des geistesforscherischen Weges keineswegs eine Notwendigkeit für jedermann ist, der sich mit der Geisteswissenschaft im modernen Sinne beschäftigen will. Gewiß, es ist heute ein allgemeines Bestreben, was man für wahr halten soll, auch selber bis zu einem gewissen Grade zu erfahren; und insofern ist es gerechtfertigt, wenn diejenigen, die von Geisteswissenschaft und ihren Ergebnissen hören, auch danach fragen: Wie kann ich selber auf solche Dinge kommen? — Allein das Wesentliche im Verhältnisse des Menschen zur Geisteswissenschaft besteht gar nicht darinnen, daß man selber Geistesforscher wird. Denn der geistesforscherische Weg ist ein solcher, der dem Leben, und auch dem unsterblichen Leben, nur dann etwas gibt, wenn das, was in der Geistesschau auftritt, nun zurückverwandelt wird in gewöhnliche menschliche Begriffe, wie wir sie für die Sinneswelt auch haben. Der Geistesforscher könnte ein noch so hochentwickeltes Wesen in bezug auf übersinnliche Erkenntnisse sein, als Mensch hätte er vor anderen Menschen durch diese Geistesschau nichts Besonderes voraus; denn alles, was in diese Geistesschau eintritt, ist nur ein Weg, ist nicht das Ziel. Das Ziel besteht darinnen, das, was durch die Geistesschau gewonnen wird, in gangbare menschliche Begriffe zurückzuverwandeln, in diejenigen Vorstellungen, die wir gerade an der äußeren Sinneswelt gewonnen haben, wenn dann auch vieles bildlich klingen muß, was wir durch solche Vorstellungen ausdrücken, die wir in der Sinneswelt gewonnen haben.

[ 21 ] Why am I addressing this point in particular? I would like to draw special attention here—as I have pointed out on several occasions—to the fact that embracing the path of spiritual science and spiritual research is by no means a necessity for everyone who wishes to engage with spiritual science in the modern sense. Certainly, there is a general desire today to experience for oneself, to a certain extent, what one is to regard as true; and in this respect, it is justified for those who hear about spiritual science and its findings to ask: How can I arrive at such insights on my own? — Yet the essence of the human relationship to spiritual science does not lie in becoming a spiritual researcher oneself. For the path of spiritual research is one that contributes to life—and also to immortal life—only when what appears in spiritual vision is then transformed back into ordinary human concepts, such as we have for the sensory world. No matter how highly developed a spiritual researcher may be in terms of supersensory knowledge, as a human being he would have no particular advantage over others through this spiritual vision; for everything that enters into this spiritual vision is merely a means, not the end. The goal consists in transforming what is gained through spiritual vision back into workable human concepts—into those ideas we have just derived from the external sensory world—even if much of what we express through such ideas, which we have derived from the sensory world, must sound figurative.

[ 22 ] Wenn daher jemand — mehr oder weniger hypothetisch sei das gesagt — gar nicht Geistesforscher werden wollte, gar nicht einen innerlichen Weg machen wollte, dann könnte er von dem Geistesforscher das übernehmen, was dieser durch seine Forschung findet. Die Ergebnisse, zu denen er kommt, sind für sich verständlich, wenn man nur genügend vorurteilslos ist. Und der Besitz dieser Erkenntnisse im gewöhnlichen menschlichen Vorstellen — nicht im übersinnlichen Schauen —, der macht das eigentliche Lebensgut aus. Der Geistesforscher würde gar nichts von seiner Geistesforschung haben, wenn er nur im übersinnlichen Schauen schwelgen und beseligt sein wollte, gar nichts; das wäre etwas, das viel vergänglicher, viel vorübergehender wäre als die gewöhnlichen äußeren Sinnesergebnisse. Worauf es ankommt, ist, daß, was also Vergängliches in der Seele ist, die Schau des Geistigen, zurückverwandelt wird in gangbare menschliche Vorstellungen. Die teilen sich dann der Seele mit, die sind dann dasjenige, was die Seele mitnehmen kann, wenn sie durch die Pforte des Todes aus diesem sinnlichen Leben in ein anderes geistiges Leben tritt. Die Geistesschau als solche kann man nicht mitnehmen, nur, was die Geistesschau bringt. Und so, wie man sich als Geistesforscher aus der geistigen Welt heraus selbst mitteilt, was eben von solchen Vorstellungen umgesetzt werden kann, wie das für einen selbst ein Gut werden kann, so, und geradesogut, kann es ein Gut werden für den anderen, der nicht selbst Geistesforscher ist, sondern die Dinge nur aus dem allgemeinen gesunden Menschenverstand heraus, der durchaus dazu imstande ist, einsieht.

[ 22 ] If, therefore, someone—let us say this more or less hypothetically—did not want to become a spiritual researcher at all, did not want to embark on an inner path, then he could still adopt from the spiritual researcher what the latter discovers through his research. The results to which the researcher arrives are understandable in themselves, provided one is sufficiently free of prejudice. And possessing these insights within ordinary human imagination—not through supersensible perception—is what constitutes the true wealth of life. The spiritual researcher would gain nothing at all from his spiritual research if he merely wanted to revel in and be enraptured by supersensible perception; nothing at all; that would be something far more fleeting, far more transient than the ordinary, external sensory perceptions. What matters is that what is transitory in the soul—the vision of the spiritual—is transformed back into workable human concepts. These are then imparted to the soul; they are what the soul can take with it when it passes through the gate of death from this sensory life into another spiritual life. Spiritual vision as such cannot be taken along—only what spiritual vision brings. And just as a spiritual researcher communicates from the spiritual world what can be translated into such concepts—and how this can become a benefit for oneself—so, and just as well, can it become a benefit for others who are not spiritual researchers themselves, but who understand these things solely through general, sound common sense, which is entirely capable of doing so.

[ 23 ] Dieses muß einmal mit aller Schärfe gesagt werden, weil selbst von vielen Menschen, welche innerhalb der anthroposophischen Bewegung stehen, das Vorurteil erweckt wird, als ob dasjenige, worauf es ankommt, ein Sichzurückziehen vom Leben, ein Sichhineinleben in ein ganz anderes, was weiß ich, mystisches Seelendunkel wäre. Das ist es nicht, um was es sich handelt. Um was es sich handelt, ist, daß durch gewisse Veranstaltungen der Seele — wie gesagt, Sie können die Sache lesen in meinen genannten Schriften — gefunden wird, was für die übersinnliche Welt gilt, daß dies Gefundene dann umgewandelt werden kann in gewöhnliche menschliche Begriffe, die allerdings heute noch abgewiesen werden von den Menschen, weil sie glauben, daß diese Begriffe vom gesunden Menschenverstand nicht durchdrungen sein können. Aber sie sind begreiflich, und man wird im Laufe der Zeit einsehen, daß sie begreiflich sind.

[ 23 ] This must be stated once and for all in the clearest terms, because even among many people within the anthroposophical movement, the prejudice arises that what really matters is a withdrawal from life, an immersion into some entirely different—I don’t know—mystical darkness of the soul. That is not what this is about. What it is all about is that, through certain processes of the soul—as I said, you can read about this in the works I mentioned—one discovers what applies to the supersensible world, and that what is discovered can then be transformed into ordinary human concepts, which, admittedly, are still rejected by people today because they believe that these concepts cannot be grasped by common sense. But they are comprehensible, and in time people will come to realize that they are comprehensible.

[ 24 ] Wenn trotzdem heute das Bedürfnis besteht, daß jeder bis zu einem gewissen Grade selbst hineinschauen will in die geistige Welt, so ist das im Leben einmal berechtigt. Die Literatur kommt dem entgegen. Und es entspricht dieses eben einer Forderung unserer Zeit, nicht bloß zu glauben, sondern selbst zu sehen. Allein, wie gesagt, die Hauptsache, um die es sich handelt, ist das nicht. Und wenn in ausführlicher Weise gerade von mir der Erkenntnispfad beschrieben wird, durch den man in die geistige Welt hineingelangt, so ist es erstens, um den eben angeschnittenen Bedürfnissen entgegenzukommen, zweitens aber vorzugsweise, weil der Geistesforscher selbst als Ziel vor sich sehen muß, Rechenschaft abzulegen von der Art und Weise, wie er zu seinen Wahrheiten gekommen ist. Dann kann aber auch derjenige, welcher solch eine Schrift wie zum Beispiel «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder den zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft» liest, aus der Art und Weise, wie der Geistesforscher den geistesforscherischen Weg beschreibt, ersehen, daß es sich nicht um Phantastik handelt, sondern um einen realen, wirklichen Hineingang in die übersinnliche Welt. Er kann gewissermaßen sehen, wie von einer Wirklichkeit Rechenschaft abgelegt wird.

[ 24 ] If, nevertheless, there is a need today for everyone to want to look into the spiritual world for themselves to a certain degree, then that is certainly justified in life. Literature caters to this desire. And this, in fact, corresponds to a demand of our time: not merely to believe, but to see for oneself. However, as I said, that is not the main point at issue. And if I, in particular, describe in detail the path of knowledge through which one enters the spiritual world, it is, first, to meet the needs just mentioned; but second, and more importantly, because the spiritual researcher himself must set as his goal the task of giving an account of the manner in which he has arrived at his truths. Then, however, even those who read a work such as, for example, How to Attain Knowledge of the Higher Worlds or the second part of my Esoteric Science can see, from the way the spiritual researcher describes the path of spiritual research, that this is not a matter of fantasy, but of a real, genuine entry into the supersensible world. In a sense, they can see how an account is given of a reality.

[ 25 ] Das ist wiederum etwas, was gesagt werden muß zu der Tatsache, daß in vieler Beziehung die Beweise, die der Geistesforscher beizubringen hat, in einer anderen Weise geführt werden müssen als gewöhnliche Beweise. Der Geistesforscher muß eben darauf Anspruch machen, daß man die Begreiflichkeit, die Berechtigtheit des Weges anerkennt, den er Stück für Stück angibt, der in die geistige Welt hineinführt. Wenn er nun aber trotzdem solch eine besondere charakteristische Eigentümlichkeit der Geistesschau hervorhebt, wie die eben angedeutete ist — daß das Hineinschauen in die geistige Welt ganz und gar nicht stimmt zu unserem gewöhnlichen Seelenleben —, dann geschieht dieses gerade, um die übersinnliche Welt besonders zu charakterisieren, in die man da hineinkommt.

[ 25 ] This, in turn, is something that must be said regarding the fact that, in many respects, the evidence that the spiritual researcher must present must be presented in a different way than ordinary evidence. The spiritual researcher must simply insist that people recognize the comprehensibility and validity of the path he outlines step by step, a path that leads into the spiritual world. But when he nevertheless emphasizes such a distinctive characteristic of spiritual vision as the one just mentioned—that looking into the spiritual world does not correspond at all to our ordinary inner life—he does so precisely to characterize the supersensible world into which one is entering.

[ 26 ] Für das gewöhnliche Seelenleben, so sagte ich, ist es eine charakteristische Eigentümlichkeit, daß wir in der Erinnerung behalten, was wir einmal aus der Sinneswelt aufgenommen haben; für die Geistesschau gilt dies nicht. Indem man so etwas ausspricht, weist man darauf hin, daß das Darinnenstehen in der geistigen Welt noch etwas ganz anderes ist als das Darinnenstehen in der sinnlichen Welt. Man gibt gewissermaßen Eigentümlichkeiten der geistigen Welt an; man zeigt, daß man auf dem geistesforscherischen Wege in eine solche Welt eintritt, die sich gar nicht so mit unserem Leibe verbindet, wie sich die sinnliche Welt mit ihm verbindet. Die sinnliche Welt verbindet sich so, wenn wir sie wahrnehmen mit unserem Leibe, daß wir das Wahrgenommene behalten können in der Erinnerung. Die geistige Welt steht uns leiblich so ferne, daß sie gar nicht die Veränderungen in unserem Leibe hervorruft, welche zur Erinnerung führen. Das ist gerade eine Eigentümlichkeit der geistigen Welt, die man ins Auge fassen muß. Und die richtige Erkenntnis dieser Eigentümlichkeit ist eben ein Beweis dafür, daß man mit der Geistesschau in einer Welt drinnensteht, welche mit unserem Leib gar nichts zu tun hat, daß es vollständig berechtigt ist, zu sagen: Während alles, was im Leib wahrgenommen wird, mehr oder weniger Erinnerungen hervorruft, ruft dasjenige, was wahrgenommen wird, wenn die Seele sich außerhalb des Leibes befindet, wie in der Geistesschau, eben deshalb keine Erinnerungen hervor, weil es nur in Beziehung zu unserer übersinnlichen Seele, nicht in Beziehung zu unserem Leibe tritt.

[ 26 ] As I said, a characteristic feature of ordinary soul life is that we retain in memory what we have once taken in from the sensory world; this does not apply to spiritual vision. By stating this, one points out that being immersed in the spiritual world is something entirely different from being immersed in the sensory world. One is, so to speak, describing the characteristics of the spiritual world; one shows that, through spiritual research, one enters a world that is not connected to our body in the same way that the sensory world is connected to it. The physical world connects with our body in such a way—when we perceive it—that we can retain what we have perceived in our memory. The spiritual world is so physically distant from us that it does not at all bring about the changes in our body that lead to memory. This is precisely a characteristic of the spiritual world that must be taken into account. And the correct understanding of this characteristic is, in fact, proof that through spiritual vision one is immersed in a world that has absolutely nothing to do with our physical body—that it is entirely justified to say: While everything perceived in the body evokes memories to a greater or lesser extent, what is perceived when the soul is outside the body—as in spiritual vision—evokes no memories precisely because it relates only to our supersensible soul and not to our body.

[ 27 ] Also um eine Eigentümlichkeit des Wesens der geistigen Welt anschaulich zu machen, wird so etwas erwähnt. Und auch andere Eigentümlichkeiten, die vor dem Geistesforscher auftreten, wenn er sich in die übersinnliche Welt hineinbegibt, werden aus demselben Grunde und in demselben Sinne erwähnt. In der gewöhnlichen physischen Wahrnehmungswelt stellt sich die Sache so: Wenn man immer wieder und wiederum eine Vorstellung wiederholt — wie viel Pädagogisches beruht darauf! —, dann wird sie uns geläufiger, wir können sie besser behalten, sie verbindet sich besser mit unserer Seele. Das Entgegengesetzte ist der Fall für das, was wir auf geistigem Gebiete erfahren. So sonderbar das wieder klingt, man kann geradezu sagen: Habe ich ein geistiges Erlebnis und versuche ich, es öfter zu haben, so wird mir’s nicht leichter, sondern schwieriger. Man kann sich nicht üben, geistige Erlebnisse immer besser und besser zu haben.

[ 27 ] So, to illustrate a particular characteristic of the nature of the spiritual world, such a thing is mentioned. And other characteristics that present themselves to the spiritual researcher when he enters the supersensory world are mentioned for the same reason and in the same sense. In the ordinary world of physical perception, the situation is as follows: When we repeat an idea over and over again—how much of education is based on this!—it becomes more familiar to us; we can retain it better, and it connects more deeply with our soul. The opposite is true for what we experience in the spiritual realm. As strange as that may sound, one can say quite plainly: If I have a spiritual experience and try to have it more often, it does not become easier for me, but rather more difficult. One cannot practice having spiritual experiences better and better.

[ 28 ] Damit hängt etwas sehr Eigentümliches zusammen. Es gibt Menschen, welche Anstrengungen machen, durch gewisse Seelenübungen Einblicke in die geistige Welt zu bekommen. Die in jeder Seele aufgesammelten Kräfte, die in den Tiefen der Seele befindlich und nach der übersinnlichen Welt hingerichtet sind, werden dadurch aufgerufen. Dadurch tritt einmal, ich möchte sagen, wie traumhaft vorübergehend, ein beseligendes, vielleicht oftmals ein großartiges Erlebnis auf. Es braucht nicht, wenn der Betreffende auch Anstrengungen gemacht hat, um dieselben Seelenbedingungen wieder herbeizuführen, die sogar verstärkt wirken können, beim zweiten-, drittenmal wieder aufzutreten. Man kann geradezu sagen: Ein richtiges geistiges Erlebnis flieht uns, wenn es einmal dagewesen ist, und wir müssen stärkere, erheblichere Anstrengungen machen, wenn wir es wieder hereinbringen wollen.

[ 28 ] There is something very peculiar connected with this. There are people who make an effort to gain insights into the spiritual world through certain spiritual exercises. The forces gathered within every soul—which lie in the depths of the soul and are directed toward the supersensible world—are thereby summoned. As a result, a blissful, and perhaps often magnificent, experience occurs—one that is, I might say, as fleeting as a dream. Even if the person has made an effort to recreate the same spiritual conditions—which may even have a stronger effect—it is not necessary for the experience to recur the second or third time. One might even say: A true spiritual experience eludes us once it has occurred, and we must make greater, more substantial efforts if we wish to bring it back.

[ 29 ] Darüber wundern sich oftmals diejenigen, die die ersten Anstrengungen gemacht haben, daß einem ein sehr bedeutsames geistiges Erlebnis nicht immer wieder und wiederum aus der Seele herauf auftaucht. Auch dies führe ich an, um zu zeigen, wie die Erfahrungen, die der Geistesschauer macht, indem er sich der übersinnlichen Welt nähert, ganz andere sind als die Erfahrungen, die man macht gegenüber der sinnlichen Wahrnehmungswelt.

[ 29 ] Those who have made the initial efforts are often surprised that a very significant spiritual experience does not keep welling up again and again from within the soul. I mention this, too, to show how the experiences the spiritual seeker has as he approaches the supersensible world are entirely different from the experiences one has in relation to the world of sensory perception.

[ 30 ] Eine weitere Eigentümlichkeit ist die: Man verspürt, indem man vorschreitet in geistiger Erkenntnis, daß man die Ereignisse, die geistig wesenhaft vor einem auftreten, mit dem reifen Zustand seines Vorstellungslebens bemeistern muß, wenn man nicht zu Phantasmen, zu allerlei phantastischen Vorstellungen kommen will. Man muß daher einsehen, daß die Vorbereitung für die Geistesschau von ganz besonderer Bedeutung ist. Man muß möglichst reife, möglichst vielseitige, möglichst eindringliche Vorstellungskräfte schon entwickelt haben, damit man mit dem, was man den geistigen Erlebnissen entgegenbringt, sie bemeistern kann. Wiederum ist das ganz anders, als wenn man Erlebnisse hat auf dem gewöhnlichen sinnlichen Wahrnehmungsgebiet. Da ist dieses Wahrnehmungsgebiet vor uns ausgebreitet; wir gewinnen immer mehr und mehr Vorstellungen aus diesem Wahrnehmungsgebiet; wir bereichern daraus unsere Vorstellungen. Nachdem wir die Wahrnehmungen gehabt haben, bereichern wir unsere Vorstellungen. Umgekehrt ist es bei den geistigen Erlebnissen: Wir müssen unsere Vorstellungen zuerst reich und vielseitig machen, damit sie vorbereitet sind, wenn wir übersinnliche Erfahrungen haben wollen. Sie sehen wiederum etwas ganz anderes, als in dem gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft da ist.

[ 30 ] Another peculiarity is this: As one progresses in spiritual insight, one senses that one must master the events that appear before one in their spiritual essence through the mature state of one’s imaginative life, if one does not wish to fall into phantasms or all manner of fanciful imaginings. One must therefore realize that preparation for spiritual vision is of very special importance. One must already have developed powers of imagination that are as mature, as versatile, and as vivid as possible, so that one can master spiritual experiences with what one brings to them. This, in turn, is quite different from having experiences in the ordinary realm of sensory perception. There, this realm of perception is spread out before us; we gain more and more concepts from this realm of perception; we enrich our concepts from it. After we have had these perceptions, we enrich our concepts. With spiritual experiences, however, the process is reversed: we must first make our concepts rich and multifaceted so that they are prepared when we wish to have supersensible experiences. You see, once again, something entirely different from what exists in ordinary life and in ordinary science.

[ 31 ] Ich wollte damit andeuten, daß der Weg in das übersinnliche Gebiet hinein ein solcher ist, der uns in ganz anderes Erleben, in ganz anderes Erfahren und Wahrnehmen führt, als dasjenige ist, das wir im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft haben. Vor dieser anderen Art des Wahrnehmens, vor dieser ganz anderen Art, Begriffe und Vorstellungen zu haben, schrecken sehr viele Menschen heute noch zurück. Und was Geisteswissenschaft durchzumachen haben wird, ist dies: Sie wird vor allen Dingen darauf angewiesen sein, daß die Menschen wiederum Mut und Kraft finden, auch solche Vorstellungen sich zu bilden, welche nicht, ich möchte sagen, getragen werden von dem, wozu wir nichts tun, wozu wir nichts beitragen: von der schon vorhandenen äußeren Wahrnehmungswelt.

[ 31 ] What I meant to suggest is that the path into the supersensible realm is one that leads us into a completely different kind of experience, a completely different way of perceiving and understanding, than what we have in ordinary life and in ordinary science. Even today, very many people still shy away from this different kind of perception, from this entirely different way of forming concepts and ideas. And what spiritual science will have to go through is this: Above all, it will depend on people once again finding the courage and strength to form even those concepts that are not—I might say—supported by that to which we do nothing, to which we contribute nothing: the already existing external world of perception.

[ 32 ] Diese Vorstellungen aber bildet vorzugsweise die naturwissenschaftliche Denkweise aus. Und da sie in ihrer Art ihre großen Erfolge errang, so hat sie für eine Zeitlang die Menschen von dem geistigen Erkennen abgeführt. Sie wird sie wiederum, gerade durch ihre Eigentümlichkeit, zu diesem geistigen Erkennen zurückführen. Gerade indem sie auf das Materielle hinweist und auch von den Menschen das Materielle immer mehr und mehr durchschaut wird, wird der Mensch gedrängt werden, anzuerkennen, daß das Geistige auf einem anderen Wege gesucht werden muß.

[ 32 ] These ideas, however, are primarily shaped by the scientific way of thinking. And since this way of thinking has achieved great success in its own right, it has, for a time, led people away from spiritual knowledge. It will, in turn—precisely because of its distinctive nature—lead them back to this spiritual knowledge. Precisely by pointing to the material realm—and as people increasingly see through the material realm—humanity will be compelled to recognize that the spiritual must be sought by a different path.

[ 33 ] Da möchte ich nun an gewissen Forschungsergebnissen der Geisteswissenschaft zeigen, wie Menschheitserkenntnis überhaupt etwas anderes werden wird, wenn nach und nach die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft eingreift in das menschliche Arbeiten nach den Erkenntniszielen. Diejenigen der verehrten Anwesenden, die mich öfter hören, wissen, daß ich von Persönlichem ganz ungerne spreche. Aber eine Andeutung darf ich machen, weil sie gewissermaßen mit dem zusammenhängt, was ich vorzubringen habe: Was ich nun zu sagen mir vorgesetzt habe über die Beziehung des menschlichen Geistig-Seelischen zu dem menschlichen Leiblich-Körperhaften, das ist für mich das Ergebnis eines mehr als dreißig Jahre lang dauernden Forschungsweges. Denn auf geistigem Gebiete werden die Dinge nicht so gewonnen, daß man wie im Laboratorium irgendein Objekt oder irgendeinen Vorgang vor sich hat und von dem entnehmen kann, was über ihn zu sagen ist, wenn man die Methode entwickelt hat. Das geistige Forschen ist vorzugsweise ein solches, das in der Zeit verläuft. Und es handelt sich darum, daß man auf gewisse Dinge erst dann kommt, wenn man zeitlich auseinanderliegende Erlebnisse miteinander in Beziehung zu setzen vermag.

[ 33 ] I would now like to use certain findings from the spiritual sciences to show how humanity’s understanding will fundamentally change as the anthroposophically oriented spiritual sciences gradually become integrated into human endeavors aimed at gaining knowledge. Those of you here today who hear me speak often know that I am very reluctant to speak about personal matters. But I may make one remark, because it is, in a sense, connected to what I have to present: What I have now set out to say about the relationship of the human spiritual-soul aspect to the human physical-bodily aspect is, for me, the result of a research journey lasting more than thirty years. For in the spiritual realm, knowledge is not acquired in the same way as in a laboratory, where one has a specific object or process before one and can deduce what can be said about it once a method has been developed. Spiritual research is, above all, a process that unfolds over time. And the point is that one arrives at certain insights only when one is able to relate experiences that are separated in time to one another.

[ 34 ] Das Aufrücken von der gewöhnlichen wissenschaftlichen Erkenntnis und von dem gewöhnlichen Bewußtsein zu der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis läßt sich zunächst vergleichen mit dem unmusikalischen Anhören einzelner Töne und dem musikalischen Auffassen von Melodien oder Harmonien. Hört man einen einzelnen Ton, dann ist das eine Wahrnehmung eben dieses einzelnen Tones; es ist ein einzelnes Erlebnis. Will man in die Welt des Musikalischen eintreten, dann ist der einzelne Ton in Beziehung zu setzen mit anderen Tönen, dann wird er, was er ist, nur dadurch, daß er mit anderen Tönen in Beziehung tritt. Im gewöhnlichen sinnlichen Wahrnehmen tritt die Seele mit einer sinnlichen Außenwelt, mit einer stofflichen Außenwelt in Beziehung. Das läßt sich vergleichen mit der Wahrnehmung des einzelnen Tones. Im geistigen Erkennen muß die Seele in Beziehung treten zu demjenigen, was in der Zeit verläuft. Andeuten will ich nur, wie es zum Beispiel von großer Bedeutung ist, daß der Geistesforscher in der Lage ist, das, was er, sagen wir, heute innerlich seelisch erlebt, nicht nur als einzelnes Ereignis des unmittelbaren gegenwärtigen Daseins zu erleben, sondern daß er das in Beziehung zu setzen vermag mit einem Erlebnis, das vielleicht ein Jahr zurückliegt, so wie ein Ton einer Melodie mit einem anderen Ton der Melodie in Beziehung gesetzt wird, wenn eine musikalische Auffassung dasein soll. Wie man durch das gewöhnliche Wahrnehmen mit der Seele in Verbindung tritt mit irgend etwas räumlich außer uns Gelegenem, so tritt man im geistigen Erleben zunächst mit dem gegenwärtigen Erlebnis in Verbindung, setzt es dann aber in Beziehung zu dem lebendig in der Seele Heraufgeholten der Vergangenheit. Man schaut von einem Falle der Vergangenheit aus ein gegenwärtiges Erlebnis an; wiederum so von einem weiter zurückliegenden Erlebnis aus. Auf diese Weise, indem man innerhalb der Zeit hinschaut, gliedern sich die seelischen Erlebnisse, so daß man sagen kann: Aus dem gewöhnlichen Erkennen wird etwas wie ein musikalisches Überschauen des Seelischen.

[ 34 ] The transition from ordinary scientific knowledge and ordinary consciousness to spiritual scientific knowledge can initially be compared to listening to individual notes without an ear for music versus perceiving melodies or harmonies musically. When one hears a single tone, that is a perception of precisely that single tone; it is a single experience. If one wishes to enter the world of music, then the single tone must be related to other tones; it becomes what it is only by entering into a relationship with other tones. In ordinary sensory perception, the soul enters into a relationship with a sensory external world, with a material external world. This can be compared to the perception of a single tone. In spiritual cognition, the soul must enter into a relationship with that which unfolds in time. I wish only to hint at how significant it is, for example, that the spiritual researcher is able to experience—let us say— experiences inwardly and soulfully today, not merely as an isolated event of immediate present existence, but that he is able to relate it to an experience that may lie a year in the past—just as one note of a melody is related to another note of the melody if a musical conception is to exist. Just as through ordinary perception we connect with something situated spatially outside of us, so too in spiritual experience we first connect with the present experience, but then relate it to what has been vividly recalled from the past into the soul. One views a present experience from the perspective of a past event; and likewise from the perspective of an even more distant experience. In this way, by looking within the flow of time, the soul’s experiences are structured so that one can say: Ordinary cognition becomes something like a musical overview of the soul.

[ 35 ] Dadurch wird die Seele auch in die Lage gebracht, nicht nur das aufzunehmen, was sie im Leibe erlebt. Sondern sie bringt das, was sie durchlebt und was erinnerungsfähig ist zwischen Geburt und Tod — wie das Ohr einen musikalischen Ton in einer Melodie in Beziehung bringt mit einem anderen —, sie bringt, wenn sie die innerliche «musikalische» Auffassung des Seelendaseins hat, dieses gegenwärtige, zwischen Geburt und Tod verlaufende Seelenleben in Beziehung zu dem, was vor der Geburt, oder sagen wir vor der Empfängnis, liegt und was nach dem Tode liegt. Aber die Seele muß sich dazu vorbereiten dadurch, daß sie innerhalb des Lebens zwischen Geburt und Tod einzelne Erlebnisse wie die Töne von Melodien miteinander in Beziehung setzt, nicht bloß die einzelnen Erlebnisse auffaßt, nicht bloß diese durchlebt, sondern das Erleben ausdehnt über die Zeit und in der Zeit die verschiedenen Abstufungen, die verschiedenen Differenzierungen wirklich wie innerliche Musik erlebt.

[ 35 ] This enables the soul not only to take in what it experiences in the body, but also to relate what it experiences and is able to remember between birth and death—just as the ear relates one musical note in a melody to another— when it possesses the inner “musical” perception of the soul’s existence, it relates this present life of the soul—which unfolds between birth and death—to what lies before birth, or let us say before conception, and to what lies after death. But the soul must prepare itself for this by relating individual experiences within the life between birth and death to one another, just as the notes of a melody are related; not merely by perceiving the individual experiences, not merely by living through them, but by extending the experience across time and, within time, truly experiencing the various gradations and differentiations as inner music.

[ 36 ] Was dann weiter auftritt, ist nicht nur innerliche Musik, sondern das ist etwas, was wie innerliches Lesen oder Anhören von Worten ist, wo man nicht nur Töne hört, die mit anderen in melodische oder harmonische Beziehungen treten, sondern die einen Sinn ausdrücken, der darin liegt. Dann wird für den Geistesforscher entstehen, was ich so charakterisieren kann, daß ich sage: Die gewöhnliche naturwissenschaftliche Betrachtung sieht die Dinge so an, wie man eine bedruckte Seite ansehen würde, wenn man nur die Form der Buchstaben beschreiben würde, die Striche und Winkel zueinander bei den Buchstaben, die Aufeinanderfolge der Buchstaben. Das auf die Natur angewendet, so wie es die Naturforschung macht, ist Naturwissenschaft. Das ist eine Beschreibung der Buchstaben. Der Geistesforscher lernt lesen. Er löst sich vollständig los von dem, was bloßes Buchstabenlesen ist. Und was er in der Natur findet als Übersinnliches, verhält sich zu dem, was in der Natur vor den Sinnen ausgebreitet ist, wie der Sinn des Gelesenen und Gehörten, den man aufnimmt, zu den einzelnen bloßen Tönen, die die Worte bilden, oder zu den einzelnen Buchstaben, mit denen das Papier bedruckt ist.

[ 36 ] What then occurs is not merely inner music, but something akin to inner reading or listening to words, where one hears not only sounds that enter into melodic or harmonic relationships with one another, but sounds that express a meaning inherent in them. Then, for the spiritual researcher, something will emerge that I can characterize by saying: The ordinary scientific approach views things as one would look at a printed page, describing only the shape of the letters, the lines and angles of the letters in relation to one another, and the sequence of the letters. Applied to nature in the way that natural science does, this is natural science. It is a description of the letters. The spiritual researcher learns to read. He detaches himself completely from what is merely reading letters. And what he finds in nature as the supersensible relates to what is spread out before the senses in nature in the same way that the meaning of what is read and heard—which one takes in—relates to the individual, mere sounds that form the words, or to the individual letters printed on the paper.

[ 37 ] Aber das ist im wesentlichen abhängig von einem inneren Fortschritt, zu dem man jedoch auch kommt, wenn man nicht selbst Geistesschüler ist, sondern wenn man nur die Begriffe, die Vorstellungen aufnimmt, welche durch die Geistesforschung erlangt werden. Man lernt die Welt gewissermaßen in ihrem eigentlichen Zusammentönen und Zusammenklingen kennen; man lernt den Sinn erkennen, der hinter dieser, vergleichsweise gesprochen, «tönenden» Welt liegt.

[ 37 ] But this essentially depends on inner progress, which one can achieve even if one is not a student of spiritual science oneself, but simply by taking in the concepts and ideas gained through spiritual research. One comes to know the world, so to speak, in its true harmonization and resonance; one learns to recognize the meaning that lies behind this—relatively speaking—“resonant” world.

[ 38 ] Auf eine solche Weise hat sich mir geistesforscherisch im Laufe von mehr als drei Jahrzehnten etwas ergeben, was ich als den Zusammenhang des Seelisch-Geistigen mit dem Leiblich-Körperhaften aussprechen möchte, was sich ganz gewiß in der nächsten Zeit der Naturwissenschaft, die heute von der Anhörung einer solchen Sache noch weit entfernt ist, auch ergeben wird. Denn Geistesforschung und Naturwissenschaft werden einander begegnen, die Geistesforschung von der geistigen Seite her, die Naturwissenschaft von der materiellen Seite her. Sie werden sich treffen, wie Arbeiter, die einen Tunnel graben, wenn sie richtig orientiert sind, von beiden Seiten her in der Mitte zusammentreffen.

[ 38 ] In this way, through more than three decades of spiritual research, I have arrived at something that I would like to describe as the connection between the soul-spiritual and the physical-bodily realms—a connection that will most certainly also become apparent in the near future to the natural sciences, which are still far from being receptive to such matters today. For spiritual research and natural science will converge—spiritual research from the spiritual side, natural science from the material side. They will meet, like workers digging a tunnel who, if properly guided, will come together in the middle from both sides.

[ 39 ] Was ich also vorzubringen habe, ist geistesforscherisch gefunden. Aber schon die heutige Naturwissenschaft, Physiologie und Biologie, bieten Gelegenheit genug, das voll zu erhärten, was ich als geistesforscherisches Ergebnis nun vorzubringen habe. Bei den Besprechungen und Betrachtungen über den Zusammenhang des Seelischen mit dem Leiblichen gibt man sich nämlich heute einer, ich möchte fast sagen, verhängnisvollen Einseitigkeit hin. Wer heute eine Psychologie, eine Seelenwissenschaft in die Hand nimmt, der wird sehen, daß sich als Einleitung überall eine Betrachtung des Nervensystems findet. Das ist vom naturwissenschaftlichen Standpunkte aus heute voll berechtigt. Man kann durchaus sagen: Der Naturforscher kommt zu nichts anderem, als daß er das Seelische einseitig zu dem bloßen Nervensystem in Beziehung stellt. Einer totalen Betrachtung des Lebens ergibt sich etwas ganz anderes. Einer totalen Betrachtung des Lebens ergibt sich, daß nur ein Teil des seelischen Erlebens unmittelbar in Beziehung gesetzt werden darf zu dem Nervensystem, und zwar bloß das Vorstellungsleben. So daß wir sagen können: Alles, was in unserem seelischen Erleben Vorstellungsleben ist, findet sein — nun, gebrauchen wir den Ausdruck — physisches Gegenbild in dem Nervensystem. Das Nervensystem ist die Grundlage, der Träger, der physische Träger für das Vorstellungsleben.

[ 39 ] What I have to present, then, is based on spiritual research. But even today’s natural sciences—physiology and biology—offer ample opportunity to fully corroborate what I now present as the result of spiritual research. In discussions and reflections on the relationship between the psychological and the physical, people today indulge in what I would almost call a fateful one-sidedness. Anyone who picks up a book on psychology today will see that every introduction begins with a discussion of the nervous system. From the standpoint of natural science, this is entirely justified today. One can certainly say: The natural scientist can do nothing other than relate the psychological one-sidedly to the mere nervous system. A holistic view of life reveals something entirely different. A holistic view of life reveals that only a part of psychological experience may be directly related to the nervous system—namely, the life of the imagination. So we can say: Everything in our psychological experience that constitutes the life of the imagination finds its—well, let’s use the term—physical counterpart in the nervous system. The nervous system is the foundation, the vehicle, the physical vehicle for the life of the imagination.

[ 40 ] Nicht aber für das Gefühlsleben. Das Gefühlsleben wird ja ohnedies von den naturforscherischen Psychologen, welche die Psychologie für die Naturwissenschaft erobern wollen, höchst stiefmütterlich behandelt. Theodor Ziehen läßt — mit Recht von seinem Standpunkt aus — das Gefühlsleben in der Seele überhaupt als etwas Selbständiges nicht gelten; er spricht nur von der «Gefühlsbetonung der Vorstellungen». Jede Vorstellung hätte gewissermaßen einen «Gefühlston». Das widerspricht selbstverständlich den gewöhnlichsten seelischen Erfahrungen. Für das gewöhnliche seelische Erfahren ist das Gefühlsleben ein so reales wie das Vorstellungsleben. Es ist nicht bloß irgendein «Gefühlston» unserer Vorstellungen da, sondern es bildet sich neben dem Vorstellungsleben das Gefühlsleben aus. Wenn man dieses Gefühlsleben so unmittelbar zu dem Nervenleben in Beziehung bringt wie das Vorstellungsleben, begeht man einen zwar heute noch durchaus begreiflichen, aber deshalb nicht minder so zu nennenden Irrtum. Denn so unmittelbar wie das Vorstellungsleben mit dem Nervenleben zusammenhängt, so unmittelbar hängt das Gefühlsleben — so sonderbar es eben heute klingt — zusammen mit all den rhythmischen Vorgängen in unserem Organismus, die abhängig sind, die begrenzt sind vom Atmungsrhythmus und seiner Fortsetzung, vom Blutrhythmus, von den rhythmischen inneren Bewegungen; wobei wir allerdings nicht bloß an den groben Rhythmus der Atmung und Blutzirkulation denken dürfen, sondern an die feineren Ausästelungen des rhythmischen Systems. An dasjenige müssen wir denken, was Rhythmus, rhythmische Bewegung ist, wenn wir die physische, die körperhafte Grundlage für das Gefühlsleben suchen.

[ 40 ] But not when it comes to emotional life. Emotional life is, in any case, treated with the utmost neglect by the naturalistic psychologists who seek to make psychology a branch of the natural sciences. Theodor Ziehen—rightly so from his point of view—does not regard emotional life in the soul as an independent entity at all; he speaks only of the “emotional emphasis of representations.” Every representation is said to have, so to speak, an “emotional tone.” This, of course, contradicts the most common psychological experiences. In ordinary psychological experience, emotional life is as real as the life of the imagination. It is not merely a matter of some “emotional tone” of our ideas; rather, emotional life develops alongside the life of the imagination. If one relates this emotional life to nervous activity as directly as one relates the life of the imagination, one commits an error that, while still quite understandable today, is no less an error for that. For just as directly as the life of the imagination is connected to nervous activity, so too—as strange as it may sound today—is the life of emotion connected to all the rhythmic processes in our organism that are dependent on and limited by the rhythm of breathing and its continuation, by the rhythm of the blood, and by the rhythmic inner movements; though we must not think merely of the coarse rhythm of breathing and blood circulation, but of the finer ramifications of the rhythmic system. We must think of what rhythm and rhythmic movement are when we seek the physical, corporeal foundation for the emotional life.

[ 41 ] Ich weiß sehr gut, daß Hunderte von Einwänden sich ergeben können, wenn so etwas ausgesprochen wird. Ich könnte diese Einwände wirklich alle herzählen. Aber ich möchte nur eines erwähnen, nur um ein Beispiel anzuführen, wie man — allerdings exakter, viel exakter als die «exakte» Wissenschaft will — diesen Dingen zuleibe gehen muß, wenn man sie in ihrer wahren Gestalt erkennen will. Da könnte zum Beispiel jemand sagen: Na ja, da kommt jetzt so jemand und führt dilettantisch aus, daß das Gefühlsleben, um körperhaft dazusein, das rhythmische Bewegungsleben im Körper so unmittelbar ergreift, wie das Vorstellungsleben das Nervenleben ergreift. Weiß denn der nicht, daß zum Beispiel, wenn irgendein musikalischer Eindruck bei uns stattfindet, wir den aufnehmen durch das Ohr, daß er also zunächst als Vorstellung überliefert wird, daß in diesem Leben in der musikalischen Vorstellung das ästhetische Erlebnis liegt, daß es also Unsinn ist, zu sagen, das Gefühl, das selbstverständlich mit einem musikalischen Eindruck verbunden ist, sei nicht eine Folge, eine Konsequenz des Vorstellungslebens?

[ 41 ] I am well aware that hundreds of objections can arise when something like this is said. I could really list all of these objections. But I would like to mention just one, simply to give an example of how one must approach these matters—albeit more precisely, much more precisely than “exact” science would have it—if one wishes to recognize them in their true form. For example, someone might say: Well, here comes someone who amateurishly argues that, in order to be physically present, emotional life affects the rhythmic movement of the body just as directly as imaginative life affects nervous activity. Doesn’t he know that, for example, when we experience a musical impression, we take it in through the ear—that is, it is first conveyed as an image—that the aesthetic experience lies within this life of musical imagination, and that it is therefore nonsense to say that the feeling, which is naturally connected to a musical impression, is not a result, a consequence, of the life of the imagination?

[ 42 ] Ich weiß, daß für die heutigen Denkvorstellungen dieser Einwand eigentlich allgemein gültig sein muß; für die Wirklichkeit ist er es nicht. Wir müssen uns nur klar sein darüber, daß dasjenige, was wir als das Tonbild durch unser Ohr aufnehmen, noch nicht das musikalische Erlebnis ist. Musikalisches Erlebnis wird es erst, wenn der Tonvorstellung das entgegenkommt, was als die Verästelungen des Atmungsrhythmus vom Atmungsvorgang in das Gehirn hinaufgelangt. In dem Begegnen des Rhythmus, der heraufschlägt aus dem Atmen in das Gehirn, in das die Tonvorstellung eindringt, haben wir das körperhafte Gegenbild für den musikalischen Eindruck. Alles, was Gefühlsleben ist, hängt ursprünglich physisch zusammen mit dem rhythmischen Leben in unserem Leib.

[ 42 ] I know that, according to today’s ways of thinking, this objection must actually be universally valid; in reality, however, it is not. We must simply be clear that what we perceive as the sound image through our ears is not yet the musical experience. It only becomes a musical experience when the sound image is met by what, as the ramifications of the breathing rhythm, rises from the act of breathing into the brain. In the encounter between the rhythm that surges up from the breath into the brain—into which the sound image penetrates—we find the physical counterpart to the musical impression. Everything that constitutes emotional life is, at its root, physically connected to the rhythmic life within our body.

[ 43 ] Drittens ist etwas, was wir in unserer Seele haben, das Wollen. So wie das Vorstellen mit dem Nervenleben, so wie das Gefühlsleben mit dem rhythmischen Wechselspiel der Kräfte zusammenhängt, die vom Atmungsrhythmus und vom Blutrhythmus ausgehen, so hängt alles Wollen im menschlichen Organismus zusammen mit dem Stoffwechsel. So sonderbar es klingt, alle Willensvorgänge sind unmittelbar so, daß sie ihren Ausdruck finden in Stoffwechselvorgängen, wie alle Gefühlsvorgänge ihren Ausdruck finden in rhythmischen Bewegungen, alle Denkvorgänge, alle Vorstellungsvorgänge in gewissen nervösen Vorgängen. Ich habe darauf aufmerksam gemacht in meinem neuesten Buche «Von Seelenrätseln», wo ich diese wissenschaftlichen Ergebnisse zum ersten Male habe drucken lassen, allerdings in einer kürzeren Gestalt, wie das jetzt bei dem Papiermangel eben angemessen ist.

[ 43 ] Thirdly, there is something within our soul called the will. Just as imagination is connected to nervous activity, and just as emotional life is connected to the rhythmic interplay of forces arising from the respiratory rhythm and the blood rhythm, so too is all volition in the human organism connected to metabolism. As strange as it may sound, all processes of the will are such that they find their expression in metabolic processes, just as all emotional processes find their expression in rhythmic movements, and all thought processes and all processes of imagination in certain nervous processes. I have drawn attention to this in my latest book, On the Mysteries of the Soul, where I had these scientific findings published for the first time—albeit in a shorter form, as is appropriate given the current paper shortage.

[ 44 ] Man muß, wenn man diese Dinge durchschauen will, allerdings ins Auge fassen, daß Nervenleben, rhythmisches Bewegungsleben, Stoffwechselleben im Organismus nicht nebeneinanderliegen. Der Nerv muß auch ernährt werden, selbstverständlich. So daß fortwährend Ernährungsvorgänge im Nerv vor sich gehen. Alle Organe der rhythmischen Bewegungen müssen ernährt werden. Alle diese einzelnen Glieder, diese drei Glieder des Organismus, durchdringen sich gegenseitig. Aber eine genaue, eine wirklich exakte Forschung zeigt uns, daß dasjenige, was zum Beispiel im Nerv Stoffwechsel ist, nichts zu tun hat mit dem Vorstellen, sondern zu tun hat mit dem Willensvorgang, der sich auch in das Vorstellen hineinerstreckt. Natürlich, wenn ich etwas vorstellen will, so will ich es vorstellen; wenn ich meine Aufmerksamkeit auf das Vorstellen richte, so ist das schon eine Willensentfaltung. Dieser Keim, der mit dem Willen zusammenhängt, hängt auch mit dem Stoffwechsel im Nervenleben zusammen. Aber das Eigentliche im Vorstellen hängt mit Vorgängen zusammen, die nichts zu tun haben mit dem Stoffwechsel, sondern, im Gegenteil, die zu tun haben mit einem Abbau des Stoffwechsels, die zu tun haben mit etwas in den Nerven, ja, was sich vergleichen läßt — die Vergleiche werden noch paradox sein, Geistesforschung ist eben etwas Junges, Neues und muß sich erst allmählich einleben in die Gemüter der Menschen —, was sich vergleichen läßt nicht mit dem Stoffwechsel, sondern viel eher mit dem Zurückziehen des Stoffwechsels, mit der Entstehung des Hungers. Nur handelt es sich eben darum, daß man es mit einem Abbau im Nervensystem zu tun hat, der nicht verwechselt werden darf mit dem Abbau im ganzen Organismus.

[ 44 ] If one wishes to understand these things, however, one must recognize that nervous activity, rhythmic movement, and metabolic activity do not exist side by side within the organism. The nerve must also be nourished, of course. Thus, nutritional processes are constantly taking place within the nerve. All organs of rhythmic movement must be nourished. All these individual components—these three components of the organism—interpenetrate one another. But precise, truly exact research shows us that what constitutes metabolism in the nerve, for example, has nothing to do with imagination, but rather with the volitional process, which also extends into imagination. Of course, when I want to imagine something, I want to imagine it; when I direct my attention toward imagining, that is already an act of the will. This seed, which is connected to the will, is also connected to metabolism in nervous life. But the very essence of imagination is connected to processes that have nothing to do with metabolism; on the contrary, they involve a reduction in metabolism—they have to do with something in the nerves, indeed, something that can be compared—the comparisons will still seem paradoxical, for spiritual research is, after all, something young and new and must first gradually take root in people’s minds—something that can be compared not with metabolism, but rather with the withdrawal of metabolism, with the onset of hunger. The point is, however, that we are dealing with a decline in the nervous system that must not be confused with the decline in the entire organism.

[ 45 ] Solche Verwechslungen sind geschehen. Und gerade indem ich auf solche Verwechslungen hinweise, werde ich das spezifisch Eigentümliche der neueren anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft gegenüber älteren und heute noch immer als gültig anerkannten Geistesströmungen hervorheben können. Wer wüßte nicht, daß, was die neue Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, durch rein innerliche Seelenmerhoden, die gar nichts zu tun haben mit irgend etwas Leiblichem, zu erreichen sucht, früher auf solchen Wegen zu erreichen versucht worden ist, die sehr wohl viel zu tun hatten mit allerlei Leibesverrichtungen, mit allerlei asketischen Dingen. Man erinnere sich nur, wie gewisse Mystiker durch gewisse Hungervorgänge, durch Hungerasketik, also durch Abbau im Organismus, ihre Vereinigung mit dem Geiste herstellten. Das ist kein Weg, mit dem wahre Geistesforschung im heutigen Sinne irgend etwas zu tun hat. Aber hinweisen muß diese Geistesforschung darauf, daß allerdings ein Abbau, der nun nicht abnorm ist, sondern normal, im Nervensystem stattfindet, wenn das Vorstellungsleben seinen Ausdruck durch das Nervensystem finden soll. Und ich habe in dem Vortrag, den ich vor Wochen hier gehalten habe, darauf hingewiesen, wie das Bewußtsein, das im Vorstellungsleben erfahren wird, zusammenhängt mit dem Tode. Ich habe sogar den Satz ausgesprochen vor Wochen hier: Indem wir vorstellen, ersterben wir fortwährend in das Nervensystem hinein.

[ 45 ] Such confusions have occurred. And it is precisely by pointing out such confusions that I will be able to highlight what is specifically distinctive about the newer anthroposophically oriented spiritual science in contrast to older spiritual currents that are still recognized as valid today. Who is not aware that what the new spiritual science—as understood here—seeks to achieve through purely inner spiritual methods that have nothing whatsoever to do with anything physical was previously attempted through means that very much did involve all manner of physical activities and all manner of ascetic practices? One need only recall how certain mystics achieved their union with the spirit through certain acts of fasting—that is, through ascetic fasting—and thus through the depletion of the organism. This is not a path with which true spiritual research, as understood today, has anything to do. But this spiritual research must point out that a process of depletion—which is not abnormal but normal—does indeed take place in the nervous system when the life of the imagination is to find its expression through the nervous system. And in the lecture I gave here weeks ago, I pointed out how the consciousness experienced in the life of the imagination is connected to death. I even said the following here weeks ago: “As we imagine, we are continually dying into the nervous system.”

[ 46 ] Nur wenn solche Vorstellungen ausgebildet werden, wird Naturwissenschaft sich begegnen können mit der Geistesforschung. Und so — ich kann es nur andeuten, die Zeit würde nicht ausreichen, um eine weitumspannende Anschauung in allen Details anzuführen —, so müssen wir sagen: Nach der leiblichen Seite hin hängt das dreigliedrige Seelenleben, das Vorstellungsleben, das Gefühlsleben, das Willensleben, mit dem ganzen Leibe, nicht bloß mit einem Teil des Leibes, nicht bloß mit dem Nervenleben, sondern mit dem ganzen Leibe zusammen; denn der ganze Leib ist dabei beteiligt mit seinen drei organischen Gliedern: dem Nervenleben, dem rhythmischen Leben, dem Stoffwechselleben. Unser Seelenleben steht nicht in einseitiger Weise mit unserem Nervenleben bloß in Verbindung, sondern die ganze Seele findet ihren ganzen Ausdruck in dem ganzen Leib. Das ist ein Ergebnis, zu dem Geisteswissenschaft in ihren Forschungen führt: daß das Vorstellungs-, das Gefühls- und das Willensleben ihre Gegenstücke haben nach dem Leibe zu.

[ 46 ] Only when such concepts are developed will the natural sciences be able to meet with spiritual research. And so—I can only hint at this, as there would not be enough time to present a comprehensive view in all its details—we must say: On the physical side, the threefold life of the soul—the life of imagination, the life of feeling, and the life of will—is connected to the entire body, not merely to a part of the body, not merely to the nervous life, but to the entire body; for the whole body is involved in this with its three organic members: the nervous life, the rhythmic life, and the metabolic life. Our soul life is not connected to our nervous life in a one-sided way; rather, the whole soul finds its full expression in the whole body. This is a conclusion to which spiritual science leads in its research: that the lives of imagination, feeling, and will have their counterparts in the body.

[ 47 ] Aber ebenso wie diese drei Glieder des menschlichen Seelenlebens ihre leiblichen Gegenstücke haben, so haben sie ihre geistigen Gegenstücke. Wie das Vorstellungsleben, auch für das naturforscherische Bestreben, immer mehr und mehr zusammengegliedert wird nach der Leibesseite hin mit dem Nervenleben, so gliedert es sich zusammen für ein übersinnliches Erkennen, wie ich es heute charakterisiert habe und wie Sie es charakterisiert finden können in meinen Büchern, mit einem Geistigen, das nur zu erfassen ist in gewissen inneren Erlebnissen, die ich in meinen Schriften genannt habe: die imaginative Erkenntnis. Es ist die erste Stufe der geistigen Erkenntnis, die erste Stufe des Hineinschauens in die geistige Welt. So wie wir nach der einen Seite als ein leibliches Gegenstück für das Vorstellungsleben das Nervenleben finden, finden wir nach der anderen Seite das Vorstellungsleben hervorgehend aus einem Geistigen, das nur in übersinnlicher Anschauung zu erfassen ist, und zwar durch die erste Stufe der übersinnlichen Anschauung, durch die sogenannte imaginative Erkenntnis. In einer Wirklichkeit, die sich in Bildern auslebt, die sich in Bildern der Erkenntnisdramatik auslebt, zeigt sich, was geistig dem Vorstellungsleben entspricht. Und in diesem, was geistig dem Vorstellungsleben entspricht, wenn es aufgefaßt wird durch übersinnliche Erkenntnis, haben wir nun zu gleicher Zeit dasjenige vor uns, was zeitlich als Bildekräfteleib unser ganzes Dasein durchzieht von der Geburt, oder sagen wir von der Empfängnis, bis zum Tode. Während unser Stoff fortwährend sich ändert, während er immerfort neu ersetzt wird, bleibt uns von der Geburt bis zum Tode der einheitliche Bildekräfteleib, der zugleich die geistige Grundlage unseres Vorstellungslebens ist.

[ 47 ] But just as these three aspects of human soul life have their physical counterparts, so too do they have their spiritual counterparts. Just as the life of the imagination—even in the context of scientific inquiry—is increasingly integrated on the physical side with the life of the nerves, so too does it integrate, for a supersensible form of knowledge such as I have characterized today and as you can find characterized in my books, with a spiritual aspect that can only be grasped through certain inner experiences that I have referred to in my writings: imaginative cognition. It is the first stage of spiritual cognition, the first stage of looking into the spiritual world. Just as we find, on the one hand, the nervous life as a physical counterpart to the life of imagination, we find, on the other hand, the life of imagination emerging from a spiritual realm that can only be grasped through supersensible perception—specifically through the first stage of supersensible perception, through what is known as imaginative cognition. In a reality that unfolds in images—that unfolds in the images of the drama of cognition—what corresponds spiritually to the life of imagination reveals itself. And in this spiritual counterpart to the life of the imagination—when grasped through supersensible knowledge—we now have before us, at the same time, that which, in temporal terms, pervades our entire existence as a body of image-forces from birth—or, let us say, from conception—until death. While our physical substance is constantly changing, while it is continually being replaced, the unified body of formative forces remains with us from birth to death, which is at the same time the spiritual foundation of our life of imagination.

[ 48 ] Das ist das erste übersinnliche Glied des Menschen, das mit dem Vorstellungsleben so zusammenhängt wie das leibliche Nervenleben nach der anderen Seite.

[ 48 ] This is the first supersensible aspect of the human being, which is connected to the life of imagination just as the physical nervous system is connected to the other aspect.

[ 49 ] Fassen wir aber das Gefühlsleben ins Auge. Nach der leiblichen Seite hin hängt es mit dem Atmungs- und dem Blutrhythmus zusammen; auf der anderen Seite hängt es geistig zusammen mit einem geistig Wesenhaften, das erfaßt werden kann auf einer höheren Stufe der geistigen Schau des übersinnlichen Erkennens, als die imaginative Erkenntnis ist, durch das, was ich in meinen Schriften genannt habe die inspirierte Erkenntnis, diejenige Erkenntnis, die nun keine Bilder mehr braucht, sondern die bildlos sich in die übersinnliche Welt erhebt. Wird aber das, was so geistiger Ursprung unseres Gefühlslebens ist, wirklich durchschaut mit übersinnlicher Erkenntnis, dann ist es das in unserem geistigen Wesen, was sich nicht bloß erstreckt von der Geburt bis zum Tode oder von der Empfängnis bis zum Tode, sondern was uns eigen. ist in der geistigen Welt, bevor wir durch die Geburt zu dem leiblichen Leben gehen und womit wir durch die Pforte des Todes schreiten; denn sich wirklich geistig mit dem, was geistig dem Gefühlsleben zugrunde liegt, vereinigen, daß heißt: ausdehnen seine Geistesschau über das, was über Geburt und 'Tod hinausgeht.

[ 49 ] But let us consider the life of feeling. Physically, it is connected to the rhythms of breathing and blood circulation; on the other hand, it is spiritually connected to a spiritual essence that can be grasped at a higher level of spiritual vision—beyond the realm of supersensible cognition—than that of imaginative cognition, through what I have called in my writings “inspired cognition”—that is, a form of cognition that no longer requires images but rises into the supersensible world without them. But when what is thus the spiritual origin of our emotional life is truly penetrated by supersensible knowledge, then it is that part of our spiritual being which does not merely extend from birth to death or from conception to death, but which is inherent in us. It exists in the spiritual world before we enter physical life through birth and with which we pass through the gate of death; for to truly unite spiritually with that which underlies our emotional life spiritually means to extend one’s spiritual vision beyond birth and death.

[ 50 ] Und — es ist wieder paradox, aber gerade auf dem Gebiete der Anthroposophie treten, weil die Dinge ja neu sind, nur aus diesem Grunde manche Paradoxa auf — so, wie unser Willensleben nach der Leibesseite hin mit dem Stoffwechsel zusammenhängt, so hängt es nach der geistigen Seite zusammen mit dem höchsten, das nun zunächst uns Menschen beschieden ist in geistiger Schau zu erreichen, mit dem, was ich in meinen Büchern genannt habe intuitives Erkennen. Nicht die gewöhnliche verwaschene intuitive Erkenntnis, von der man gewöhnlich spricht, ist damit gemeint, sondern das, was in meinen Büchern als intuitive Erkenntnis charakterisiert ist: Das wirkliche Hineinleben in das Wesenhafte der geistigen Welt habe ich intuitive Erkenntnis genannt. Das umfaßt, was geistig als Höchstes unserem Menschenwesen zugrunde liegt.

[ 50 ] And—once again, it is paradoxical, but precisely in the field of anthroposophy—because these things are new—certain paradoxes arise for this very reason: just as our life of the will is connected on the physical side to metabolism, so on the spiritual side it is connected to the highest level that we human beings are currently able to attain through spiritual vision—that which I have called “intuitive knowledge” in my books. This does not refer to the ordinary, vague “intuitive knowledge” that people usually speak of, but rather to what is characterized as “intuitive knowledge” in my books: I have called “intuitive knowledge” the actual living into the essential nature of the spiritual world. This encompasses what, spiritually speaking, lies at the foundation of our human being as the highest reality.

[ 51 ] Und das Merkwürdige tritt auf: Während der Stoffwechsel — wenn wir die Ausdrücke überhaupt gebrauchen wollen — das Niedrigste nach der Leibesseite hin ist, ist umgekehrt dasjenige, was dem Wollen nach der Geistesseite hin entspricht, das Höchste, das unserem Wesen zugrunde liegt. Und dem, was wir als das Höchste ansehen müssen zwischen Geburt und Tod, dem Nervenleben, das dem Vorstellungsleben entspricht, dem liegt das Niederste der geistigen Welt zugrunde, nämlich dasjenige, was durch imaginative Erkenntnis zu erreichen ist.

[ 51 ] And here is the curious thing: While metabolism—if we are to use these terms at all—is the lowest aspect on the physical side, conversely, that which corresponds to the will on the spiritual side is the highest aspect underlying our being. And that which we must regard as the highest between birth and death—the nervous life, which corresponds to the life of imagination—is grounded in the lowest level of the spiritual world, namely that which can be attained through imaginative knowledge.

[ 52 ] Für den Menschen selbst — ich möchte es hier, obwohl ich vielleicht vor Jahren darauf schon aufmerksam gemacht habe, noch einmal ausführen — wird insbesondere eines klar, wenn er die Beziehung seines Geistig-Seelischen zu diesem in der Intuition zu erfassenden Geistigen kennenlernt. Das aber kann ich nur in folgender Weise charakterisieren. Was ich da charakterisiere, ist nicht nur etwas, was man in der Geistesschau erlebt, sondern etwas, was jeder Mensch, der durch gesunden Menschenverstand die Ergebnisse der Geistesforschung begreift, durchmachen kann. Nimmt man diese geistesforscherischen Resultate wirklich in sich auf, lernt man erkennen, was Geist ist, erlebt man in der Seele, was Geist ist, dann bedeutet das etwas Besonderes. Dieses Ereignis darf schon beschrieben werden, weil es als etwas ganz Besonderes in die Seele hereingreift, dieses Ereignis, das uns zum ersten Male das innerliche Bewußtsein erweckt: Jetzt weißt du, was eigentlich Geist ist, was das Ewige in deiner Seele ist; jetzt weißt du es.

[ 52 ] For human beings themselves—and I would like to elaborate on this once more here, even though I may have already drawn attention to it years ago—one thing in particular becomes clear when they come to understand the relationship between their spiritual-soul aspect and this spiritual aspect that can be grasped through intuition. But I can only characterize this in the following way. What I am describing here is not merely something experienced in spiritual vision, but something that every person who understands the findings of spiritual research through sound common sense can undergo. If one truly takes these findings of spiritual research to heart, learns to recognize what spirit is, and experiences in one’s soul what spirit is, then this signifies something special. This event may indeed be described, for it penetrates the soul as something quite extraordinary—this event that awakens inner consciousness in us for the first time: Now you know what spirit actually is, what the eternal is in your soul; now you know it.

[ 53 ] Dieses Erlebnis kann man nur so bezeichnen, daß man sagt: Es ist ein innerliches Schicksalserlebnis. Das ganze menschliche Leben ändert sich unter Umständen, bekommt eine andere Richtung unter dem Einflusse dieses Erlebnisses, das sich darin kundgibt, daß man weiß, was Geist in einem ist. Man braucht dadurch nicht stumpfer zu werden für andere Schicksalserlebnisse. Gewiß, wir erleben in dem äußeren Leben, in das wir hineingestellt sind, Ereignisse, die uns himmelhoch jauchzend machen, Ereignisse, die uns zu Tode betrübt machen, wir erleben Glückliches, Erhebendes, Beseligendes, wir erleben Trauriges, Niederschmetterndes. Der Geistesforscher braucht für das nicht stumpf zu werden. Im Gegenteil, er wird empfindlicher dafür dadurch, daß er auch die geistige Seite von alledem durchschaut. Aber was auch — obwohl er ebenso in einem Erleben steht, wie es für den NichtGeistesforscher der Fall ist —, was auch im äußeren Leben an ihn herantritt: Ein größerer Einschnitt in das Leben, eine stärkere Schicksalssituation ist das Hereingreifen dessen, was das Erleben des Geistes, des Ewigen in sich ist. Daran lernt man erkennen, wie man selber Schicksal herbeiführt, denn man muß geistige Erkenntnis durch eigene Kräfte herbeiführen, wie man Wendungen im Leben herbeiführt, indem Geisterkenntnis eine Schicksalsfrage allerallerersten Ranges wird.

[ 53 ] This experience can only be described as an inner experience of destiny. Under certain circumstances, one’s entire human life changes and takes a different direction under the influence of this experience, which manifests itself in the realization of what the spirit within one is. This need not make one less sensitive to other experiences of destiny. Certainly, in the outer life in which we are placed, we experience events that make us rejoice to the heavens, events that grieve us to death; we experience happiness, exaltation, and bliss; we experience sadness and despair. The spiritual researcher need not become numb to these things. On the contrary, he becomes more sensitive to them precisely because he also perceives the spiritual aspect of it all. But whatever may come his way in external life—even though he is just as immersed in experience as the non-spiritual researcher—a major turning point in life, a more profound fateful situation, is the intervention of that which is the experience of the Spirit, of the Eternal within. This is how one learns to recognize how one brings about one’s own destiny, for one must bring about spiritual insight through one’s own powers, just as one brings about turning points in life, in that spiritual insight becomes a matter of destiny of the very, very highest order.

[ 54 ] Das bringt einem auch das Verständnis für das übrige Menschenschicksal. Das bringt einem aber auch das volle Verständnis für das, was Intuition ist. Dann merkt man, womit das menschliche Wollen nach der geistigen Seite zusammenhängt. Und dann ruft man durch ein solches in das Seelenleben hereinbrechendes Schicksal eine Kraft hervor, welche das übersinnliche Erkennen nicht bloß zu dem führt, was sich im Leben zwischen Geburt und Tod, und nicht nur zu dem, was sich im Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt vollzieht, sondern zu dem, was ewig-geistiger Seelenkern ist und was auch in wiederholten Erdenleben auftritt. Was der Mensch im innersten Wesenskern zur Darstellung bringt, lernt er dann erkennen als zusammenhängend mit den Impulsen, die in früheren Erdenleben dagewesen sind. Und was er jetzt erlebt als Schicksal, was er jetzt erlebt, indem er eigene Handlungen vollführt, das wird ihm, wenn die Erkenntnis Schicksal geworden ist, so, daß er es auch weiß als Grundlage für folgende Erdenleben.

[ 54 ] This also gives one an understanding of the rest of human destiny. But it also gives one a full understanding of what intuition is. Then one realizes how human will is connected to the spiritual realm. And then, through such a destiny that breaks into the life of the soul, one evokes a force that leads supersensory knowledge not merely to what takes place in life between birth and death, nor only to what occurs in life between death and a new birth, but to what is the eternal, spiritual core of the soul—and what also appears in repeated earthly lives. What a person brings to light in the innermost core of their being, they then learn to recognize as connected to the impulses that existed in earlier earthly lives. And what they now experience as fate—what they now experience through their own actions—becomes, once this insight has become fate, something they also know as the foundation for subsequent earthly lives.

[ 55 ] Durch den Zusammenhang des dreigliedrigen Seelenlebens — des Vorstellungslebens, Gefühlslebens, Willenslebens mit dem Nervenleben, dem rhythmischen und dem Stoffwechselleben — lernt man das Vergängliche im Menschen kennen. Durch die Beziehung dieser drei Seelenglieder zu dem Geistigen lernt man das Unsterbliche, Ewige, das durch Geburten und Tode geht, kennen, so daß man dieses vollständige menschliche Leben überschaut, das ja in aufeinanderfolgenden Erdenleben und in dazwischenliegenden geistigen Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verläuft.

[ 55 ] Through the connection between the threefold life of the soul—the life of imagination, the life of feeling, and the life of will—and the nervous life, the rhythmic life, and the metabolic life, one comes to know the transitory nature of the human being. Through the relationship of these three aspects of the soul to the spiritual, one comes to know the immortal, the eternal—that which passes through births and deaths—so that one can grasp this complete human life, which unfolds in successive earthly lives and in the spiritual lives that lie between death and a new birth.

[ 56 ] So sieht man hinein in das, was das Ewige im Menschenleben ist, anders als durch philosophische Spekulationen. Anders als bloß durch Begriffszergliederung oder Begriffssynthese sucht Geistesforschung in dieses Ewige hineinzuführen dadurch, daß sie die Anschauung von diesem Ewigen hervorruft. Was wir als zeitlich-leibliches Wesen sind, ist herausgestaltet aus dem Ewigen, das ebenso aus dem imaginativen, dem inspirierten und dem intuitiven Teil besteht, wie unser Leibliches aus Nervenleben, rhythmischem Leben und Stoffwechselleben besteht.

[ 56 ] This is how one gains insight into what the eternal is in human life—in a way different from philosophical speculation. Rather than merely through the analysis or synthesis of concepts, spiritual research seeks to lead us into this eternal by evoking a direct perception of it. What we are as temporal, physical beings is shaped out of the eternal, which consists just as much of the imaginative, the inspired, and the intuitive aspects as our physical being consists of nervous life, rhythmic life, and metabolic life.

[ 57 ] Dies sind einige angedeutete Forschungsergebnisse über das, was sich als das Ewige in der Menschenseele ergibt. Nur diesem Ewigen, nur dem, was unabhängig ist von dem Leibesleben, kann das zugesprochen werden, was man die menschliche Freiheit nennt. Der Naturforscher muß stehenbleiben innerhalb desjenigen Erlebens, das im Vergänglichen abläuft: im Nervenleben, im rhythmischen Leben, das er heute noch gar nicht nach dieser Seite durchforscht, und im Stoffwechselleben, das er heute noch verwechselt mit dem Nervenleben, indem er auch im Stoffwechsel sucht, was dem Nervenleben zugrunde liegt. Der Naturforscher muß innerhalb dieses stofflichen Lebens stehenbleiben. Daher findet er auch für jeden Willensakt irgend etwas, was diesen Willensakt hervorbringt. Lernt man aber erkennen, was als Ewiges in der Menschenseele wirkt, lernt man dadurch erkennen, daß dieses Ewige in sich einen Inhalt hat, der unabhängig von dem Leibesleben ist, dann wird das, was als menschliche Freiheit innerlich-seelisch erfahren wird, eine Wirklichkeit. Wieso?

[ 57 ] These are some preliminary research findings regarding what emerges as the eternal in the human soul. Only to this eternal aspect—only to that which is independent of bodily life—can what is called human freedom be attributed. The natural scientist must remain within the realm of experience that unfolds in the transitory: in nervous life, in rhythmic life—which he has not yet explored from this perspective—and in metabolic life, which he still confuses with nervous life by seeking, even in metabolism, what underlies nervous life. The natural scientist must remain within this material life. Consequently, for every act of will, he finds something that brings about that act of will. But if one learns to recognize what acts as the eternal in the human soul—if one thereby learns to recognize that this eternal has a content within itself that is independent of bodily life—then what is experienced inwardly and soulfully as human freedom becomes a reality. Why is that?

[ 58 ] Nun, ich habe ja gerade in den letzten Vorträgen und in dem heutigen ausgeführt, daß in uns ein Abbauprozeß stattfinden muß, daß Bewußtsein in einer gewissen Beziehung ähnlich ist dem Tode, daß es ein Hineinsterben in das Nervensystem ist, wenn wir zur bewußten Vorstellung kommen. Dadurch zeigt sich aber für die Geistesforschung, daß alles, was zum Seelenwesen gehört, nicht ein Ausfluß des leiblichen Wesens ist, sondern daß das leibliche Wesen nur die Grundlage ist für das seelische Erleben und daß dieses seelische Erleben gerade dann seine Grundlage im Leibesleben findet, wenn dieses Leibesleben nicht seine wachsenden, seine fortschreitenden Kräfte entwickelt, sondern wenn diese wachsenden, diese fortschreitenden Kräfte abgebaut werden. Rückbildungsprozesse in uns sind es, die dem bewußten Seelenleben zugrunde liegen.

[ 58 ] Well, as I have just explained in my recent lectures and in today’s talk, a process of dissolution must take place within us; consciousness is, in a certain sense, similar to death; it is a dying into the nervous system when we arrive at a conscious representation. This, however, reveals to spiritual science that everything belonging to the soul is not an outflow of the physical being, but rather that the physical being is merely the foundation for soul experience—and that this soul experience finds its foundation in physical life precisely when that physical life is not developing its growing, progressive forces, but rather when these growing, progressive forces are being broken down. It is the processes of regression within us that underlie conscious soul life.

[ 59 ] Die Naturforschung wird schon finden, daß diese eben ausgesprochenen Wahrheiten durchaus auch mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen zusammenstimmen. Ich deute nur darauf hin, wie in Parenthese, daß die Nervenzellen zum Beispiel nicht teilbar sind, während die Fortpflanzungszellen teilbar sind. Die Fähigkeiten, die den wachsenden, den fortschreitenden Zellen eigentümlich sind, sind gerade abgebaut in den Nervenzellen, sind abgebaut aus demselben Grund in den Zellen der roten Blutkörperchen. Dem, was sich in dem bewußten Leben entwickelt, entspricht im Leibe nicht ein pflanzenhaft Fortschreitendes, Wachsendes, Zeugendes, dem entspricht ein Zurückgehen, ein Abbauen des Lebens. So daß dort, wo in uns bewußtes Leben sich entwickeln soll, das Leibesleben zuerst abgebaut werden muß, daß die Prozesse zurücktreten müssen, die dem Leibesleben und seinen Funktionen besonders dienen.

[ 59 ] Natural science will surely find that these truths I have just stated are entirely consistent with the findings of the natural sciences. I am merely pointing out, as an aside, that nerve cells, for example, are not divisible, whereas reproductive cells are divisible. The capacities characteristic of growing, proliferating cells are precisely absent in nerve cells; they are absent for the same reason in red blood cells. What develops in conscious life is not corresponded to in the body by a plant-like process of progression, growth, and reproduction; rather, it is corresponded to by a regression, a reduction of life. Thus, where conscious life is to develop within us, bodily life must first be reduced, so that the processes that specifically serve bodily life and its functions must recede.

[ 60 ] Das seelische Leben wird in seiner Selbständigkeit erkannt durch Geisteswissenschaft. Dadurch aber bekommt der Freiheitsbegriff erst einen Sinn, und er wird vollständig vereinbar mit dem Begriffe, den die Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete ganz mit Recht entwikkelt, mit dem Begriff: daß alles, was in unseren Handlungen, in unseren Willensimpulsen auftritt, aus unserem Organismus heraus verursacht sein muß. Diese naturwissenschaftlichen Vorstellungen bestehen voll zu Recht. Aber der Organismus führt eben, indem er dem Bewußtsein immer mehr und mehr als Grundlage dient, er führt dazu, gerade dadurch diesem Bewußtsein als Grundlage zu dienen, daß er seine Prozesse aufhebt, daß er zurücktritt gegenüber den bewußten Prozessen.

[ 60 ] Spiritual life is recognized in its independence through spiritual science. It is only through this, however, that the concept of freedom takes on meaning, and it becomes fully compatible with the concept that the natural sciences quite rightly develop in their own field—namely, that everything that occurs in our actions and in our impulses of will must be caused by our organism. These scientific concepts are entirely justified. But the organism, precisely by serving more and more as the foundation of consciousness—and it serves as this foundation precisely by doing so—leads to the suspension of its own processes and to its retreat in the face of conscious processes.

[ 61 ] Dadurch bekommt der Freiheitsbegriff den Sinn, den wir etwa vergleichsweise in der folgenden Art ausdrücken können: Das Kind ist physisch ganz gewiß ein Ergebnis des Elternpaares; aber es löst sich von dem Elternpaare los. Suchen wir nach den Ursachen, müssen wir sie bei den Eltern suchen. Aber wenn das Kind größer geworden ist und selbständig handelt, werden wir für seine Handlungen und für das, was es ist, nicht in allem immer zu den Eltern zurückzugehen haben. Wenn das Kind dies oder jenes ausführt, nachdem es einmal dreißig Jahre alt geworden ist, gehen wir für die Ursachen nicht zu dem Elternpaar zurück. Das Kind löst sich los von den Eltern, wird frei. So löst dereinst sich das geistige Leben von dem Leibesleben, so daß das Gesetz der Erhaltung der Kraft allen Ursächlichkeiten nach vollbracht ist. Aber wie im Kinde die Ursache in dem Elternpaare ist, das Kind aber doch zur Selbständigkeit heranwächst, so entwickelt sich das seelische Leben in Selbständigkeit gegenüber dem Leibe, in dem die Ursachen zu dem Seelenleben liegen.

[ 61 ] This gives the concept of freedom a meaning that we can express, for example, in the following way: The child is certainly, physically speaking, the product of the parents; but the child breaks away from the parents. If we seek the causes, we must look to the parents. But once the child has grown up and acts independently, we will not always have to trace its actions and what it is back to the parents in every respect. When the child does this or that after turning thirty, we do not trace the causes back to the parents. The child breaks away from the parents and becomes free. In the same way, the spiritual life will one day separate from the physical life, so that the law of the conservation of force is fulfilled in accordance with all causal relationships. But just as the cause of the child lies in the parents, while the child nevertheless grows toward independence, so too does the soul life develop independently of the body, in which the causes of the soul life lie.

[ 62 ] Damit habe ich vergleichsweise darauf hingewiesen, wie der Freiheitsbegriff dadurch einen Sinn erhält, daß wir von anderer Seite her dazu kommen, dieses Seelenleben wirklich zu erklären: nicht bloß zugeordnet Leibesverhältnissen, sondern zugeordnet dem selbständigen Geistesleben, das durch Geburten und Tode geht. Diese geistig-seelische Wesenheit des Menschen ist es, der wir die Freiheit zuschreiben können. Freiheit wurde immer so behandelt in den Philosophien, daß man von einem Entweder-Oder sprach: Entweder ist der Mensch frei, oder er ist unfrei. Ich habe schon, indem ich nur von der philosophischen Seite her die Freiheitsfrage in Angriff genommen habe, in meiner «Philosophie der Freiheit» sie ist 1894 erschienen, heute allerdings vergriffen, aber in den Bibliotheken einzusehen — gezeigt, daß man dem Freiheitsbegriff beikommt, wenn man das selbständige Seelenleben ins Auge faßt. Dieses selbständige Seelenleben wird aber im Laufe der physischen Menschheitsentwickelung nach und nach erst errungen. Man kann nicht davon sprechen: Der Mensch ist entweder frei oder nicht frei. Sondern man kann nur davon sprechen: Freiheit ist etwas, was der Mensch im Lauf seiner Entwickelung erwirbt, dem er sich immer mehr und mehr nähert — dadurch nähert, daß er dem innerlichen geistig-seelischen Wesen auch die Kräfte zuführt, die dieses Wesen in sich selber so erstarken, daß es Ursächlichkeit entwickeln kann für das menschliche Handeln, für das menschliche Wollen, trotzdem auf der anderen Seite, von anderer Richtung her, diese Ursächlichkeit im menschlichen Leibe liegt.

[ 62 ] I have thus pointed out, by way of comparison, how the concept of freedom gains meaning when we approach it from another angle to truly explain this inner life: not merely in relation to physical conditions, but in relation to the independent spiritual life that transcends birth and death. It is this spiritual-soul entity of the human being to which we can attribute freedom. Freedom has always been treated in philosophy as an either/or proposition: either the human being is free, or he is not free. Already in my Philosophy of Freedom—published in 1894, now out of print but available for consultation in libraries—I demonstrated, by approaching the question of freedom solely from a philosophical perspective, that one can grasp the concept of freedom by focusing on the independent life of the soul. However, this independent life of the soul is only gradually attained in the course of humanity’s physical evolution. One cannot say: “Human beings are either free or not free.” Rather, one can only say: Freedom is something that human beings acquire in the course of their development, something to which they draw ever closer—by supplying their inner spiritual and soul nature with the forces that strengthen this nature within itself to such an extent that it can develop causality for human action and human will, even though, on the other hand and from a different direction, this causality lies within the human body.

[ 63 ] Sonderbarer Widerspruch, nicht wahr! Auf der einen Seite wird behauptet: Aus dem menschlichen Leibe muß zwischen Geburt und Tod alles kommen, was der Mensch in seine Handlung hineinlegt; auf der andern Seite wird das selbständige freie Seelenleben behauptet. Ich möchte nochmals durch einen Vergleich klarmachen, um was es sich handelt. Nehmen wir an, wir haben einen Raum, den wir luftleer machen können, den Raum also unter dem Rezipienten einer Luftpumpe. In den können wir die Luft einströmen lassen, wenn wir in die Luftpumpe eine Öffnung hineinmachen; die Luft strömt hinein, nachdem wir die Öffnung gemacht haben.

[ 63 ] A rather strange contradiction, isn’t it! On the one hand, it is claimed that everything a person puts into their actions must come from the human body between birth and death; on the other hand, the existence of an independent, free spiritual life is asserted. I would like to clarify once again what this is all about by means of a comparison. Let’s assume we have a space that we can evacuate of air—that is, the space beneath the receiver of an air pump. We can let air flow into it by making an opening in the air pump; the air flows in after we have made the opening.

[ 64 ] In diesem Verhältnisse, das man erst finden muß, steht der freie menschliche Entschluß zu dem, was eine menschliche, gewollte Handlung ist. Es wird sich schon durch Geistesforschung herausstellen: Wenn der Mensch nicht den bloßen Antrieben des Trieblebens, sondern dem folgt, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» die rein geistigen Antriebe, zu denen man sich erst durchzuringen hat, genannt habe, dann läßt er nicht dasjenige Wollen unmittelbar sich vollziehen, welches sich durch leibliche Ursachen nach außen äußert. Gewiß, auch das freie Handeln vollzieht sich so, daß leibliche Ursachen da sind. Aber diese leiblichen Ursachen werden erst so vorbereitet, daß der freie Begriff, die freie Vorstellung gewissermaßen geistig einen Hohlraum erzeugt, wie ich unter dem Rezipienten einer Luftpumpe einen Hohlraum erzeuge; und wie dann mit Notwendigkeit darauf folgt, daß die äußere Luft durch eine Öffnung einströmt, so folgt auf diejenige Handlung, die ganz und gar in Seelenkräften durch unsere Seele konzipiert ist, die Wirkung auf unseren Leib. Und wie die von außen einströmende Luft nach rein natürlichen Ursachen in den leeren Luftraum einströmt, so vollzieht dann der Leib entsprechend durch seine Gesetze, die nun rein naturwissenschaftliche Gesetze sind, dasjenige, was erst in ihm vorbereitet wurde, indem die Grundlage geschaffen wurde durch den freien Seelenentschluß.

[ 64 ] It is in this relationship—which one must first discover—that free human decision-making stands in relation to what constitutes a human, intentional act. Spiritual research will reveal the following: When a person follows not merely the impulses of the instinctual life, but rather what I have called in my Philosophy of Freedom the purely spiritual impulses—which one must first bring oneself to act upon—then one does not allow that will to be carried out immediately which manifests itself outwardly through physical causes. Certainly, even free action takes place in such a way that physical causes are present. But these physical causes are first prepared in such a way that the free concept, the free idea, creates a kind of spiritual cavity, just as I create a cavity beneath the receiver of an air pump; and just as it then necessarily follows that the external air flows in through an opening, so too does the effect on our body follow from that action which is conceived entirely in mental powers by our soul. And just as the air flowing in from outside enters the empty space according to purely natural causes, so the body then carries out, in accordance with its own laws—which are now purely scientific laws—that which was first prepared within it, the foundation for which was laid by the free decision of the soul.

[ 65 ] Auf diesen Freiheitsbegriff werden wir morgen in dem Vortrage zu bauen haben, und ich werde ihn dann auch noch weiter ausführen. Ich wollte die heutigen Auseinandersetzungen gipfeln lassen in dem Aufzeigen des Freiheitsbegriffs, gipfeln lassen darinnen, daß Geisteswissenschaft zeigt, wie der Freiheitsbegriff erst denkbar ist, wenn man durch Geistesforschung zu dem wirklich vom Leibesleben unabhängigen Seelenleben sich erhebt. Erst aus dem heraus, was Geisteswissenschaft erkennt als den intuitiven, inspirierten und imaginativen Teil des Menschenwesens, entsteht die freie Handlung.

[ 65 ] We will have to build upon this concept of freedom in tomorrow’s lecture, and I will elaborate on it further then. I wanted today’s discussions to culminate in an illustration of the concept of freedom—to culminate in the fact that spiritual science shows how the concept of freedom is conceivable only when one rises, through spiritual research, to the life of the soul, which is truly independent of bodily life. It is only from what spiritual science recognizes as the intuitive, inspired, and imaginative part of the human being that free action arises.

[ 66 ] Was sich dann unter dem Einflusse der Geisteswissenschaft für die sozial-sittlichen Begriffe, die für unsere Gegenwart von so einschneidender Bedeutung sind, nach denen so vieles hinweist in bezug auf Erneuerung, in bezug auf Ergründung dessen, was in dieser tragischen Gegenwart an uns herantritt, was sich für Rechtsbegriffe, überhaupt für das äußere menschliche Gemeinschaftsleben ergibt, das soll morgen ausgeführt werden. Heute wollte ich nur zeigen, daß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft durchaus in bezug auf den Ernst und die Exaktheit ihrer Forschung sich neben die Naturwissenschaft der neueren Zeit hinstellen kann, wollte aber auch zeigen, wie für den Geist ganz andere Wege eingeschlagen werden müssen, wenn er erkannt werden soll in demselben Sinne, wie die Natur von der Naturforschung erkannt wird, wie aber die Geistesforschung selbst ihr Licht auch auf die Natur wirft, wie die Geistesforschung zeigt, daß der ganze geistig-seelische Mensch dem ganzen physischen Menschen, nach Nervensystem, rhythmischem Leben und Stoffwechselleben, zugeordnet ist. Gerade dadurch, daß Geisteswissenschaft mit der Naturwissenschaft im Einklange arbeiten wird, wird sich ein Großes ergeben können für den Fortschritt der Menschheit.

[ 66 ] What then, under the influence of spiritual science, emerges regarding the social and ethical concepts that are of such decisive importance for our present time—concepts to which so much points in terms of renewal, in terms of exploring what confronts us in this tragic present, and what this implies for concepts of justice and, more generally, for external human social life—that will be elaborated upon tomorrow. Today I merely wanted to show that anthroposophically oriented spiritual science can certainly stand alongside modern natural science in terms of the seriousness and precision of its research, but I also wanted to show how the spirit must take entirely different paths if it is to be understood in the same sense that nature is understood by natural science—and how spiritual research itself also sheds light on nature, showing that the entire spiritual-soul aspect of the human being is related to the entire physical human being in terms of the nervous system, rhythmic life, and metabolic life. It is precisely because spiritual science will work in harmony with natural science that something great will be able to emerge for the progress of humanity.

[ 67 ] Man wird sich allmählich abgewöhnen, davon zu sprechen, daß es für den neueren Menschen geradezu beschämend sei, noch eine wirkliche geistige Erkenntnis anzuerkennen. Nicht nur, daß man Vorurteilen heute begegnet, wenn von Geisteswissenschaft geredet wird; man kann schon sagen: Viele Menschen sind heute so geartet, daß sie sich geradezu schämen, daß sie glauben, in einen alten Aberglauben zu verfallen, wenn sie anerkennen, was als der Nerv der heutigen Ausführungen dargestellt worden ist.

[ 67 ] People will gradually stop saying that it is downright shameful for modern people to still acknowledge genuine spiritual knowledge. Not only does one encounter prejudice today when speaking of spiritual science; one can even say that many people today are of such a disposition that they are downright ashamed, believing they are succumbing to an old superstition when they acknowledge what has been presented as the crux of today’s remarks.

[ 68 ] Man beruft sich heute gerne auf Goethe. Ich habe in dem letzten Vortrage hier gesagt, daß, wenn es auf mich ankommt, ich die Geisteswissenschaft, die ich vertrete, am liebsten «Goetheanismus» nennen würde und den Bau in Dornach, der ihr gewidmet ist, «Goetheanum». Ich sage das noch einmal mit Rücksicht darauf, daß es heute scheinbar recht viele sich aufgeklärt dünkende Menschen gibt, Menschen, die voll auf dem Standpunkte der gegenwärtigen Erkenntnis stehen wollen, die da sagen: Ja, Goethe war ja auch einer derjenigen, die mit der Natur etwas Allumfassendes haben denken wollen.

[ 68 ] People like to refer to Goethe these days. In my last lecture here, I said that, if it were up to me, I would prefer to call the spiritual science I represent “Goetheanism” and the building in Dornach dedicated to it the “Goetheanum.” I say this once again in light of the fact that there seem to be quite a few people today who consider themselves enlightened—people who want to stand fully on the ground of current knowledge—who say: Yes, Goethe was, after all, one of those who sought to conceive of something all-encompassing in nature.

[ 69 ] Aber schon der junge Goethe hat die Natur nicht als etwas angesehen, was erschöpft werden kann durch solche Vorstellungen, wie sie die heutigen gangbaren monistischen oder ähnliche Weltanschauungen haben. Sondern Goethe hat schon als junger Mann die Natur in seinem Prosa-Hymnus, der auch «Die Natur» überschrieben ist, so angesprochen, daß er gesagt hat: «Gedacht hat sie und sinnt beständig.» Um Worte streitet sich die Geisteswissenschaft am allerwenigsten. Wenn jemand dasjenige, was aus Stoff und Geist in der Welt besteht, «Natur» nennen will und in der Natur nur den Geist sucht, dann mag er das ganze Weltall «die Natur» nennen; wenn er soweit geht wie Goethe, zu sagen: Die Natur denkt und sinnt beständig — wenn auch nicht als Mensch, sondern als Natur —, dann ist für einen solchen Denker wie für Goethe eben der Geist-Begriff schon im Natur-Begriff drinnen.

[ 69 ] But even as a young man, Goethe did not view nature as something that could be exhausted by the kinds of ideas found in today’s prevailing monistic or similar worldviews. Rather, even as a young man, Goethe addressed nature in his prose hymn—which is also titled “Nature”—by saying: “She has thought, and she thinks constantly.” The spiritual science is least concerned with quibbling over words. If someone wishes to call that which consists of matter and spirit in the world “Nature” and seeks only the spirit in Nature, then he may call the entire universe “Nature”; if he goes as far as Goethe in saying: Nature thinks and ponders constantly—albeit not as a human being, but as Nature—then for such a thinker as Goethe, the concept of spirit is already contained within the concept of nature.

[ 70 ] Und denjenigen, die aus dieser Anerkennung des Natur-Begriffs gerne ableiten möchten ein Zusammenstimmen der Goetheschen Ansicht mit irgendeiner Ansicht von den Grenzen des Erkennens, daß man nicht eindringen könne in die geistige Welt, denen muß immer wieder und wiederum erwidert werden, was auch hier schon in früheren Vorträgen erwähnt worden ist, daß Goethe gegenüber einem sehr verdienten Physiologen, dem Physiologen Albrecht Haller, der auch — von seinem Gesichts punkte aus mit vollem Recht — das Wort ausgesprochen hat:

[ 70 ] And to those who would like to infer from this recognition of the concept of nature that Goethe’s view aligns with some notion of the limits of knowledge—namely, that one cannot penetrate the spiritual world—it must be replied time and again, as has already been mentioned here in earlier lectures, that Goethe, in contrast to a highly distinguished physiologist, the physiologist Albrecht Haller, who also—quite rightly from his own point of view—stated:

«Ins Innere der Natur
Dringt kein erschaffner Geist.
Glückselig! wem sie nur
Die äußre Schale weist!»

“No creative spirit
Penetrates into the heart of nature.
Blessed is he to whom she shows
Only the outer shell!”

[ 71 ] daß Goethe gegenüber diesem Naturforscher protestiert hat, so protestiert hat, daß er durch diesen Protest deutlich gemacht hat: Der Mensch kann in sich diejenigen Erkenntniskräfte finden, die ihm den Geist nicht nur als etwas Unerforschliches hinstellen, sondern als etwas, in das er nach und nach bei emsiger, wirklich geistig exakter Forschung eintreten kann. Denn Goethe hat gegen Hallers Worte, die eben angedeutet worden sind, einen Einwand gemacht, im hohen Alter, ich möchte sagen, auf Grundlage einer gereiften Erkenntnis:

[ 71 ] that Goethe protested against this natural scientist—and protested so strongly that, through this protest, he made it clear: Human beings can find within themselves those powers of cognition that present the spirit not merely as something unfathomable, but as something into which they can gradually enter through diligent, truly intellectually rigorous research. For Goethe raised an objection to Haller’s words—which have just been alluded to—in his old age, I might say, on the basis of a matured understanding:

«In’s Innre der Natur
Dringt kein erschaffner Geist.
Glückselig! wem sie nur
Die äußre Schale weist!»
Das hör’ ich an die sechzig Jahre wiederholen,
Und fluche drauf, aber verstohlen;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einemmale;
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen,
Was drinnen ist, ist auch draußen, —
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du selbst Kern oder Schale seist!

“No creative spirit
Penetrates the innermost depths of nature.
Blessed is he to whom she shows
Only the outer shell!”
I’ve heard this repeated for sixty years,
And I curse it, though secretly;
Nature has neither core
Nor shell,
She is all at once;
Nothing is inside, nothing is outside,
What is inside is also outside, —
Examine yourself above all else,
Whether you yourself are core or shell!

[ 72 ] Das sind doch die Worte, die uns auf den wahren Goetheanismus hinweisen, der da besteht in der Anerkenntnis der Möglichkeit, mit dem menschlichen Geiste in den Geist des Weltenalls einzudringen und das Unsterbliche und Freiheitliche der Menschennatur zu erkennen.

[ 72 ] These are, after all, the words that point us toward true Goetheanism, which consists in recognizing the possibility of penetrating the spirit of the universe with the human spirit and recognizing the immortal and liberating aspects of human nature.

[ 73 ] Wie unendlich das notwendig ist und wie unendlich notwendig es ist in der heutigen tragischen Zeit, den Blick hinzuwenden nach solchen Vorstellungen, die aus der Geistesforschung kommen, für unser praktisches Leben, das sich selbst in solche Katastrophen hineingebracht hat, davon möchte ich dann morgen sprechen, um zu zeigen, daß Geistesforschung ein ungeladener Gast nur für diejenigen ist, die da nicht andere Bedürfnisse dem Menschen zuerkennen als diejenigen, die sich durch die mechanistischen Erkenntnisse befriedigen lassen. Lernt man noch andere Bedürfnisse des Menschen erkennen — diejenigen Bedürfnisse des Menschen, von denen gerade heute in dieser tragischen Zeit deutlich die Zeichen der Zeit sprechen —, dann wird man auch auf sozial-sittlichem Gebiete die Notwendigkeit der Geistesforschung erkennen.

[ 73 ] How infinitely necessary this is, and how infinitely necessary it is in these tragic times to turn our gaze toward such ideas that come from spiritual research, for our practical life, which has brought such catastrophes upon itself—that is what I would like to speak about tomorrow, to show that spiritual research is an unwelcome guest only to those who recognize no other human needs than those that can be satisfied by mechanistic knowledge. If one learns to recognize other human needs—those very needs that the signs of the times speak so clearly of, especially today in these tragic times—then one will also recognize the necessity of spiritual science in the social and moral spheres.