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Freedom, Immortality and Social Life
On the Relationship Between the Soul and Spirit and the Physical Aspect of the Human Being
GA 72

24 November 1917, Basel

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Freedom, Immortality and Social Life, tr. SOL
  1. Freiheit, Unsterblichkeit, Soziales Leben

4. Die Wissenschaft des Übersinnlichen und die sittlich-sozialen Ideen

4. The Science of the Supernatural and Moral-Social Ideas

[ 1 ] Soll ich eine Grundeigenschaft des anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Strebens bezeichnen, so möchte ich sagen: Eine solche Grundeigenschaft ist die, nach Ideen, nach Vorstellungen, nach Begriffen über die Welt zu streben, welche in einem viel tieferen Sinn in die Wirklichkeit eingesenkt sind oder auch, könnte ich sagen, von Wirklichkeit durchdrungen sind, als die Begriffe, Vorstellungen und Ideen, welche der naturwissenschaftlichen Weltanschauung der neueren Zeit mit Recht eigen sind. Das könnte gewiß zunächst sehr sonderbar erscheinen, da sehr viele Leute glauben, diese naturwissenschaftlichen Vorstellungen seien gerade diejenigen, die am intensivsten in der Wirklichkeit darinnenstehen. Allein, selbst wenn man absieht von dem, was im Laufe der in diesem Jahre gehaltenen drei geisteswissenschaftlichen Vorträge vorgebracht worden ist, und bloß auf das sieht, was einsichtige Naturwissenschafter selber vorgebracht haben in bezug auf das, was Naturwissenschaft über das Wesen dessen zu sagen weiß, was dem Naturgeschehen zugrunde liegt, so wird man zu der Einsicht kommen, daß auch solche Naturwissenschafter selbst sich klar sind darüber: Mit den gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Ideen, die auf ihrem Felde so fruchttragend sind, kann man nicht hineindringen in das Wesen, in die tieferen Gründe des Wirklichen. Wie viel haben gerade Naturwissenschafter gesprochen über die Grenzen des naturwissenschaftlichen Erkennens! Und eine charakteristische Tatsache habe ich ja im ersten dieser Vorträge vorgeführt, die Tatsache, daß einer der bedeutendsten Schüler Haeckels, Oscar Hertwig, selber ein grundlegendes bedeutsames Buch geliefert hat in diesen Jahren, in dem er die Unmöglichkeit zeigt — er, der Naturforscher, der Biologe! —, gerade mit den naturwissenschaftlichen Begriffen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die größten 'Triumphe gefeiert haben, irgendwie dem Wesen der Lebenserscheinungen nahezukommen.

[ 1 ] If I were to describe a fundamental characteristic of anthroposophically oriented spiritual scientific endeavor, I would say: One such fundamental characteristic is the striving for ideas, concepts, and notions about the world that are embedded in reality in a much deeper sense—or, I might say, permeated by reality—than the concepts, notions, and ideas that are rightly characteristic of the modern scientific worldview. This might certainly seem very strange at first, since many people believe that these scientific conceptions are precisely those that are most deeply rooted in reality. However, even if one sets aside what has been presented in the course of the three lectures on the humanities held this year, and looks solely at what discerning natural scientists themselves have stated regarding what natural science can say about the nature of that which underlies natural processes, one will come to the realization that even such natural scientists themselves are clear about the following: With the usual scientific ideas, which are so fruitful in their own field, one cannot penetrate the essence, the deeper causes of reality. How much have natural scientists in particular spoken about the limits of scientific knowledge! And I did, in fact, present a characteristic fact in the first of these lectures—the fact that one of Haeckel’s most important students, Oscar Hertwig, himself produced a fundamental and significant book in recent years in which he demonstrates the impossibility—he, the natural scientist, the biologist! —using precisely those scientific concepts that celebrated their greatest “triumphs” in the second half of the 19th century—to somehow approach the essence of life phenomena.

[ 2 ] Solange es sich darum handelt, bloß in das Wesen der Natur selbst einzudringen, so lange kann diese Eingeschränktheit naturwissenschaftlichen Vorstellungslebens gar nicht zutage treten. Aber sie tritt dann zutage, wenn der Mensch die Seelenkräfte, die er auf naturwissenschaftliches Erkennen verwendet, auch anwenden will auf das sittlich-soziale Leben im weitesten Umfange. Was in der Naturwissenschaft vielleicht ein bloßer Irrtum oder eine bloße Einseitigkeit bleibt, über die sich diskutieren läßt, die sich im Laufe der Zeit auch wirklich begrifflich oder durch die Erfahrung zurechtlegen läßt, das wird, wenn es zugrunde gelegt wird der Arbeit im sittlich-sozialen Leben, das ja in die Gestaltung des menschlichen Gemein- und Gesellschaftswesens eindringen will, zum Schädlichen, führt kleinere oder größere Katastrophen herbei.

[ 2 ] As long as the aim is merely to penetrate the very essence of nature itself, the limitations of scientific imagination cannot even come to light. But it becomes apparent when human beings seek to apply the powers of the soul—which they employ for scientific knowledge—to moral and social life in the broadest sense. What in the natural sciences may remain a mere error or a mere one-sidedness—something open to discussion and which, over time, can indeed be corrected conceptually or through experience— becomes harmful—and leads to catastrophes of varying magnitude—when it is taken as the basis for work in moral and social life, which, after all, seeks to shape human community and society.

[ 3 ] Eine der größten Katastrophen für das menschliche Erleben ist diejenige, in der wir in diesen Jahren drinnenstehen. So eigenartig es manchem in der Gegenwart erscheinen wird: dem, der die Dinge in ihrem tieferen Zusammenhange zu erfassen vermag, ist klar, wie das, was jetzt als ein so tragisches Geschehen durch die Menschheit geht, mit den unzulänglichen sittlich-sozialen Ideen zusammenhängt, die seit Jahrhunderten sich vorbereiteten und die insbesondere in dem in anderer Beziehung so glorreichen 19. Jahrhundert zu ihrer besonderen Geltung gekommen sind. Die bloße Wissenschaft, das bloße Erkennen, die bloße Theorie korrigiert auf schmerzlose Art, wenn ihr unzulängliche Begriffe eingefügt werden. Die Wirklichkeit korrigiert unter Schmerzen und Katastrophen, wenn ihr Taten eingefügt werden, die hervorgehen aus unzulänglichem Erkennen und Durchdringen dieser Wirklichkeit.

[ 3 ] One of the greatest catastrophes in human experience is the one we are currently facing. As strange as it may seem to some people today: to those who are able to grasp things in their deeper context, it is clear how what is now unfolding as such a tragic event for humanity is connected to the inadequate moral and social ideas that have been developing for centuries and that came to the fore particularly in the 19th century—a century so glorious in other respects. Pure science, pure knowledge, and pure theory correct themselves painlessly when inadequate concepts are introduced into them. Reality, however, corrects itself through pain and catastrophe when actions are introduced that arise from an inadequate understanding and grasp of that reality.

[ 4 ] Nun werden wir, wenn wir die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft auf das sittlich-soziale Leben anwenden wollen, zu scheinbar entlegenen Vorstellungsarten kommen müssen, entlegen nur, weil sie der Gegenwart, den gegenwärtigen Denkgewohnheiten noch sehr, sehr fremd erscheinen wegen der Vorurteile, mit denen man ihnen entgegenkommt. Ich muß den Ausgangspunkt davon nehmen, daß ich darauf aufmerksam mache, wie die Betrachtung des Menschen gerade unter dem Einflusse der neuzeitlichen Weltanschauung eine verhältnismäßig einseitige geworden ist, eine einseitige in dem Grade, daß eigentlich auch weiterblickende Naturforscher in der Gegenwart schon andere Wege versuchen als diejenigen, auf die man im 19. Jahrhundert so große Hoffnungen gesetzt hat, um nicht nur einzudringen in die reine Naturseite des Menschen, sondern einzudringen in den vollen, umfassenden Menschen, in dessen ganze Wesenheit. Denn nur wenn seine ganze Wesenheit ins Auge gefaßt wird, kann sie im sozial-sittlichen Leben Wirklichkeit werden, kann eine Einflußnahme auf das sozialsittliche Leben von irgendwelchem Heil sein.

[ 4 ] Now, if we wish to apply anthroposophically oriented spiritual science to moral and social life, we will have to turn to ways of thinking that may seem remote—remote only because they still appear very, very foreign to the present day and to current habits of thought, due to the prejudices with which they are met. I must begin by pointing out how the view of the human being, particularly under the influence of the modern worldview, has become relatively one-sided— one-sided to such an extent that even far-sighted natural scientists today are already exploring paths other than those in which such great hopes were placed in the 19th century—not merely to penetrate the purely natural aspect of the human being, but to penetrate the full, comprehensive human being, in all of his or her being. For only when his entire being is taken into account can it become a reality in social and moral life, and can any influence on social and moral life be of any benefit.

[ 5 ] Nun könnte es sonderbar erscheinen, wenn man sagt: Zur vollen, ganzen Betrachtung des menschlichen Lebens ist notwendig, daß man diesen Menschen nicht nur ins Auge faßt, wie er sich betätigt im wachen Tagesleben, in dem Leben, das sich abwickelt durch die Betrachtung der Sinne, durch den Verstand, der auf die Wahrnehmung der Sinne gebaut ist; daß man vielmehr, um den ganzen Menschen ins Auge zu fassen, Rücksicht nehmen muß auch auf die andere Seite des Lebens, die im Wechsel mit dem wachen Tageszustand fortwährend im Menschenleben, im Menschendasein auftritt, auf das Schlafen und auf das, was aus dem Schlafesleben auftaucht, auf das Traumesleben. Ja, es versuchen einsichtige Naturforscher diesem Traumesleben in der heutigen Zeit etwas nahezukommen, indem sie neben dem, was dem Menschen im wachen Tagesbewußtsein vorliegt, auf das Unterbewußte Rücksicht nehmen wollen. Allein schon bei der Betrachtung des Traumlebens zeigt es sich, daß solche Versuche heute noch, weil sie sich dem, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist, fernhalten wollen, mit unzulänglichen Erkenntnismitteln arbeiten.

[ 5 ] Now, it might seem strange to say: For a complete, comprehensive view of human life, it is necessary not only to consider this person as he or she goes about daily life while awake—the life that unfolds through sensory perception and through the intellect, which is built upon that perception—; but rather, in order to grasp the whole human being, one must also take into account the other side of life, which, alternating with the waking state, continually occurs in human life and human existence: sleep, and what emerges from the life of sleep—the life of dreams. Indeed, discerning natural scientists today are attempting to gain some insight into this life of dreaming by seeking to take the subconscious into account alongside what is present to the human being in waking daytime consciousness. Yet even a mere observation of the dream life reveals that such attempts today—precisely because they seek to distance themselves from what is known as anthroposophically oriented spiritual science—still operate with inadequate means of knowledge.

[ 6 ] Was Geisteswissenschaft auf solchen Wegen zu zeigen vermag, wie sie gestern charakterisiert worden sind, das führt uns zu der Erkenntnis, daß dieses Schlafes-Traumesleben noch in viel intensiverer Weise in das Gesamtleben des Menschen einfließt, als man in der einseitigen Naturbetrachtung glaubt. Und ich muß einen Satz in den Vordergrund stellen, der heute noch in weitesten Kreisen paradox erscheint, der aber immer mehr und mehr erhärtet werden wird, wenn man von abstrakten Begriffen zu lebensvollen, zu wirklichkeitsgesättigten Begriffen übergeht. Ich könnte eine vergleichende Psychologie des Schlafes durch die Pflanzen-, durch die Tierwelt in die Menschenwelt herauf geben. Dabei würde es sich herausstellen, wie die Geisteswissenschaft — es ist das hier öfter betont worden — es schwerer hat als die einseitige Naturbetrachtung, weil sie nicht von «einfachen Begriffen», wie man so gern im bequemen Denken sagt, ausgehen und die ganze Welt damit umspannen kann. Geradeso wie der Tod — wir haben das in einem früheren Vortrage betonen müssen — für den Geisteswissenschafter etwas anderes ist im Pflanzen-, im Tier-, im Menschenreiche, so ist auch der Schlaf, so ist das Traumesleben für die Geisteswissenschaft etwas anderes im Tierleben, etwas anderes im Menschenleben. Und Geisteswissenschaft kommt darauf, indem sie durch die Mittel, von denen gesprochen worden ist, das wirkliche Seelenleben beobachten kann, daß wir, was wir als menschliches Ich-Bewußtsein erleben, dieses eigentliche Zentral-, dieses eigentliche Mittelpunktswesen des Menschen, nur dadurch haben können, daß wir im Wechsel mit dem wachen Tagesbewußtsein den Schlaf so erleben, wie wir ihn als Menschen erleben. Die Trivialansicht ist natürlich diese — ich habe auch das hier schon erwähnt —, daß der Mensch schlafen muß, weil er ermüdet ist. Es ist eine Trivialansicht, und die Betrachtung des Rentners, der sich in einen Vortrag oder in ein Konzert setzt und der ganz bestimmt nicht ermüdet ist, aber nach den ersten fünf Minuten schon eingeschlafen ist, beweist hinlänglich durch Erfahrung, daß es mit der Ermüdungstheorie für den Schlaf ganz gewiß nicht geht. Nur derjenige wird den Schlaf verstehen, der ihn versteht als innerlichen Rhythmus, als einen Rhythmus nur von längerer Zeitdauer, wie er das Leben durchsetzen muß und wie wir gestern einen solchen Lebensrhythmus als eines der Glieder, die als Leibeswerkzeuge, kann man sagen, der seelischen Wesenheit des Menschen entsprechen, kennengelernt haben.

[ 6 ] What spiritual science is able to reveal through the approaches described yesterday leads us to the realization that this life of sleep and dreams flows into the totality of human life in a far more intense way than is believed in a one-sided view of nature. And I must emphasize a statement that still seems paradoxical to the widest circles today, but which will be increasingly confirmed as we move from abstract concepts to concepts that are full of life and saturated with reality. I could present a comparative psychology of sleep, tracing it from the plant and animal worlds up into the human world. In doing so, it would become clear how spiritual science—as has often been emphasized here—faces greater challenges than a one-sided view of nature, because it cannot start from “simple concepts,” as people so readily say in their comfortable thinking, and use them to encompass the entire world. Just as death—as we had to emphasize in an earlier lecture—is something different for the spiritual scientist in the plant, animal, and human kingdoms, so too is sleep, so too is the life of dreams, something different for spiritual science in animal life and something different in human life. And spiritual science concludes—by observing the actual life of the soul through the means that have been discussed—that what we experience as human “I”-consciousness, this very central, this very focal essence of the human being, can only exist because we experience sleep, in alternation with waking daytime consciousness, in the way we experience it as human beings. The trivial view, of course—as I have already mentioned here—is that a person must sleep because they are tired. It is a trivial view, and the example of the retiree who sits down to a lecture or a concert—and who is certainly not tired—but has already fallen asleep after the first five minutes, proves sufficiently through experience that the theory of fatigue certainly does not hold true for sleep. Only those who understand sleep as an inner rhythm—a rhythm of longer duration that must permeate life—will truly understand it, just as we learned yesterday that such a rhythm of life is one of the elements that correspond, so to speak, to the human soul as the body’s instruments.

[ 7 ] Der Mensch muß gewissermaßen, so wie — ich wiederhole das gleichsam von gestern noch einmal — der einzelne Ton niemals Musik sein kann, sondern nur im Zusammenspiel mit anderen Tönen der Eindruck der Melodie oder Harmonie entstehen kann, sein Leben so zubringen, daß sich Lebenszustand an Lebenszustand schließt, daß Lebenszustand mit Lebenszustand mit der Zeit in Wechselwirkung tritt. Rhythmisches Geschehen muß dem Seelenleben des Menschen zugrunde liegen. Und rhythmisches Geschehen ist es auch, das in den Wechselzuständen von Schlafen und Wachen und in den hineinspielenden Träumen zur Tatsache wird.

[ 7 ] In a sense, just as—I repeat this, as it were, from yesterday—a single note can never be music, but only in combination with other notes can the impression of melody or harmony arise, so too must a person lead their life in such a way that one state of life follows another, that one state of life interacts with another over time. Rhythmic processes must underlie human spiritual life. And it is precisely these rhythmic processes that become a reality in the alternating states of sleep and wakefulness and in the dreams that interweave within them.

[ 8 ] Nun glaubt man gewöhnlich, diesen Schlafzustand, "Traumzustand zu verstehen, wenn man ihn so, wie er sich der gewöhnlichen Beobachtung darstellt, betrachtet. Allein gerade dann, wenn man ihn so betrachtet, wird man niemals zu einer wirklichen Anschauung über das Wesen des Traumzustandes oder des Schlafzustandes als solchen kommen. Nur wenn man ins Auge zu fassen vermag, was sich der Geisteswissenschaft als der ewige Wesenskern des Menschen ergibt, dann wird man auch erkennen können, daß, wenn der Mensch sich zurückzieht aus dem wachen Tagesleben, wenn er jede Verbindung mit dem Leibesleben löst, die zum Sinnesleben und zum Verstandesleben führt, wenn er also in den Schlaf oder in den Traum zurücksinkt, daß dann in ihm viel mehr dasjenige tätig ist, was seinem ewigen Wesen angehört, als während des Wachzustandes. Nur daß der Mensch, so wie er in der gegenwärtigen Weltenperiode ist, noch wenig mit Bezug auf dieses sein Ewiges ausgebildet ist. Wenn dieses Ewige nicht die Grundlage des Leibeslebens hat wie im wachen Tagesleben, wenn dieses Ewige auf sich selber angewiesen ist wie im Schlafe, dann zeigt sich in diesem Ewigen das, was zwar durchaus auf andere Zustände hinweist, als diejenigen sind, die zwischen Geburt und Tod ablaufen, aber so hinweist, daß die unmittelbare Wahrnehmung, die unmittelbare Betrachtung das Wesen gar nicht ergeben können.

[ 8 ] It is commonly believed that one can understand this state of sleep—the “dream state”—by observing it as it presents itself to ordinary observation. Yet it is precisely when one views it in this way that one will never arrive at a true understanding of the nature of the dream state or the state of sleep as such. Only when one is able to grasp what spiritual science reveals as the eternal essence of the human being, only then will one be able to recognize that when a human being withdraws from waking daily life, when he severs every connection with physical life that leads to sensory and intellectual life—that is, when he sinks back into sleep or into a dream—then what belongs to his eternal being is far more active within him than during the waking state. It is only that human beings, as they are in the present world period, are still not very developed in relation to this eternal aspect of their being. When this eternal aspect does not have the foundation of physical life, as it does in waking daily life, but is dependent on itself, as in sleep, then what manifests within this eternal aspect certainly points to states other than those that occur between birth and death—yet it points in such a way that direct perception or direct observation cannot reveal its true nature at all.

[ 9 ] Daher zeigt Geisteswissenschaft, daß das Wesen zum Beispiel des Traumes in der mannigfaltigsten Weise mißverstanden wird. Man mißversteht es dann, wenn man sich in der alten Weise abergläubisch an den Traum wendet, wenn man die Traumbilder ins Auge faßt, den Inhalt des Traumes ins Auge faßt und dann der Meinung ist, der "Traum könne irgendwelche prophetische Aussage im Leben machen. Man mißversteht aber auch das Wesen des Traumes, wenn man so recht ein moderner Aufklärer ist und nur lächelt über diejenigen, die in dem 'Traum etwas Prophetisches gesehen haben.

[ 9 ] Therefore, spiritual science shows that the nature of, for example, dreams is misunderstood in the most diverse ways. One misunderstands it when one approaches the dream in the old, superstitious way, when one focuses on the dream images, focuses on the content of the dream, and then believes that the “dream can make some kind of prophetic statement about life.” But one also misunderstands the nature of the dream when one is a true modern Enlightenment thinker and merely smiles at those who have seen something prophetic in the ‘dream.’

[ 10 ] Geisteswissenschaft zeigt: Es ist wahr, daß etwas Prophetisches im Traume ist. Was im Traume wirkt, was darinnen tätig ist, das ist durchaus das Wesen in uns, das mit unserer Zukunft so zusammenhängt, daß es noch dasjenige in uns umfaßt, was wir durch die Pforte des Todes tragen. Die Kräfte unserer ewigen Seele wirken wirklich prophetisch im Traume. Allein, was als Bilder zum Vorschein kommt, dasjenige, worin der Traum sich kleidet, das ist Reminiszenz aus der Vergangenheit. Man kann sagen: Der Traum wird seiner eigenen Natur nach dadurch gefälscht, daß der Mensch nicht imstande ist, wirklich mit dem zu arbeiten, was im Traume als seine Wesenheit wirkt. Er kleidet das, was ihm noch nicht zum Bewußtsein kommen kann, in die Bilder, die ihm sein Leib, die ihm gewisse Sinnesanklänge, gewisse Erinnerungs-Reminiszenzen aus dem vergangenen Leben geben. Das alles ist eine Verfälschung des Traumes, ist eine Maske des Traumes. Und so wie es Aberglaube ist, irgend etwas zu geben auf die Bilder, die im Traume auftreten, so steckt ein gesunder Kern in dem Aberglauben, daß der Traum etwas Prophetisches hat. Nur kann dieses Prophetische in der Wahrnehmung, in der gewöhnlichen Beobachtung des Traumes nicht zutage treten. Der Traum ist gerade etwas außerordentlich Bedeutsames, geisteswissenschaftlich betrachtet.

[ 10 ] Spiritual science shows: It is true that there is something prophetic in dreams. What works in dreams, what is active within them, is indeed the essence within us that is so closely connected to our future that it even encompasses that part of us which we carry through the gate of death. The forces of our eternal soul truly act prophetically in dreams. However, what emerges as images—that in which the dream is clothed—is a reminiscence from the past. One might say: The dream is, by its very nature, distorted because the human being is unable to truly work with what acts as his or her essence within the dream. He clothes that which cannot yet come to his consciousness in the images provided by his body, by certain sensory impressions, and by certain memories from his past life. All of this is a distortion of the dream; it is a mask of the dream. And just as it is superstition to attach any significance to the images that appear in a dream, there is a healthy kernel of truth in the superstition that the dream has something prophetic about it. However, this prophetic aspect cannot come to light through mere perception or the ordinary observation of the dream. From a spiritual scientific perspective, the dream is precisely something of extraordinary significance.

[ 11 ] Das Wichtige ist aber noch etwas anderes. Das Wichtige ist, daß man in der trivialen Meinung der Ansicht ist, der Mensch lebe und träume zu einer gewissen Zeit und zu einer anderen Zeit sei er wach, voll wach. Geisteswissenschaft zeigt aus ihrer wirklichen Seelenbeobachtung heraus, daß dies eine der falschesten Meinungen ist, denen man sich nur hingeben kann. Was in uns lebt als Zustand während des Träumens, während des Schlafens, das hört nicht auf, wenn wir wachen; diese Zustände setzen sich durchaus in unser waches Tagesleben hinein fort; sie sind nur übertönt durch das, was waches Tagesleben ist. Dieses wache Tagesleben, das im Vorstellen abläuft, ist gewissermaßen ein helles Licht, welches das übertönt, was mehr unterbewußt bleibt, was unter dem Strom dieses wachen Tagesbewußtseins verläuft. Aber während wir unser waches Tagesbewußtsein in unserer Seele dahinströmen fühlen, während wir das, was durch dieses Dahinströmen geht, erleben, strömt unterbewußt, dunkel in uns ein fortdauerndes, ein das ganze Wachleben durchdringendes Traumleben weiter und strömt ein Schlafesleben weiter. Wir träumen, indem wir zu den klaren, hellen Vorstellungen hinzu Gefühle, Affekte, Leidenschaften entwickeln. Ich habe im ersten der hier gehaltenen Vorträge vor einigen Wochen darauf aufmerksam gemacht, wie das, was Geisteswissenschaft im Zusammenhange sucht, von einzelnen hervorragend einsichtsvollen Menschen wie in Lichtblitzen immer gefunden worden ist, und ich habe schon dazumal auf einen Menschen mit solchen Lichtblitzen hingewiesen: auf den großen Ästhetiker und Philosophen Friedrich Theodor Vischer. Als er seinen Aufsatz geschrieben hat über Volkelts Buch «Die Traum-Phantasie», da machte er darauf aufmerksam, daß niemand die Leidenschaft, niemand die Affekte, niemand dieses merkwürdige Leben verstehe — wir haben es gestern hier charakterisiert nach seiner leiblichen, geistigen Seite —, der die Traumwesenheit nicht versteht. Vischer ist allerdings für diese Behauptung — man sollte es nicht glauben, aber es ist geschehen — als ein Spiritist erklärt worden, von den ganz «gescheiten», von den ganz aufgeklärten Menschen der Gegenwart selbstverständlich. Also wir träumen im gewöhnlichen Leben weiter. Nur daß wir, wenn wir erwacht sind, nicht die Bilder des Traumes, sondern dasjenige ablaufen haben, was nun aber mit derselben Helligkeit oder Dunkelheit des Bewußtseins in uns abläuft, was denselben Grad von Wirklichkeit hat wie der Traum: Gefühle, Affekte, Leidenschaften.

[ 11 ] But what is important is something else entirely. What is important is that, according to common belief, people are thought to live and dream at certain times and to be awake—fully awake—at other times. Spiritual science demonstrates, based on its actual observation of the soul, that this is one of the most erroneous views one can possibly hold. What lives within us as a state during dreaming and sleeping does not cease when we are awake; these states continue uninterrupted into our waking daily life; they are merely drowned out by what constitutes waking daily life. This waking daily life, which unfolds in the imagination, is, so to speak, a bright light that drowns out what remains more subconscious, what flows beneath the current of this waking daily consciousness. But while we feel our waking daytime consciousness flowing through our soul, while we experience what passes through this flow, a continuous dream life—one that permeates our entire waking existence—continues to flow subconsciously and obscurely within us, and a life of sleep continues to flow. We dream by developing feelings, emotions, and passions alongside clear, bright images. In the first of the lectures given here a few weeks ago, I drew attention to how what spiritual science seeks to connect has always been discovered by individual, exceptionally insightful people as if in flashes of insight, and I already pointed out at that time a person with such flashes of insight: the great aesthetician and philosopher Friedrich Theodor Vischer. When he wrote his essay on Volkel’s book Die Traum-Phantasie (The Dream-Imagination), he pointed out that no one understands passion, no one understands emotions, and no one understands this remarkable life—which we characterized here yesterday in terms of its physical and spiritual aspects—who does not understand the nature of the dream. Vischer, however, was labeled a spiritualist for this assertion—one might find it hard to believe, but it happened—by the very “intelligent,” by the very enlightened people of our time, of course. So we continue to dream in our ordinary lives. Except that when we are awake, we do not experience the images of the dream, but rather what now unfolds within us with the same clarity or obscurity of consciousness, and which possesses the same degree of reality as the dream: feelings, emotions, passions.

[ 12 ] Auch in Gefühlen, Affekten, Leidenschaften lebt, was im Vorstellungsleben lebt. Aber es lebt so in ihm, wie die Vorstellungen im Traume leben. Nur kommen uns, wenn wir ein Gefühl, eine Leidenschaft, einen Affekt entwikkeln, sei es ein guter, sei es ein schlimmer, nicht die Bilder, die aber zugrunde liegen, wie sie dem Traum zugrunde liegen, zum Bewußtsein, sondern es kommen uns das Gefühl, der Affekt, die Leidenschaft zum Traumbewußtsein.

[ 12 ] What lives in the life of the imagination also lives in feelings, emotions, and passions. But it lives there in the same way that ideas live in a dream. However, when we develop a feeling, a passion, or an affect—be it good or bad—it is not the underlying images, just as they underlie a dream, that come to our consciousness; rather, the feeling, the affect, and the passion themselves come to our dream-like consciousness.

[ 13 ] Ebenso liegt dem Wollen, diesem geheimnisvollen, für eine wirkliche Weltenbetrachtung geheimnisvollen Wollen des Menschen, der durch das Wachbewußtsein sich hindurchziehende Schlaf zugrunde. Warum sind in dem Verlauf der geistigen Menschheitsentwickelung immer wieder und wiederum die Diskussionen dagewesen über die Natur des Wollens, über den freien Willen? Warum konnte man so viel Für und Wider gerade auf diesem Gebiete entwickeln? Und warum haben sich die Philosophen niemals geeinigt, wie eigentlich der Wille in dem Menschen lebt, ob als freier oder als unfreier? Aus dem Grunde, weil für das gewöhnliche wache Tagesbewußtsein das, was im Wollen geschieht, verschlafen wird. Trotzdem wir in unseren Vorstellungen während des wachen Tagesbewußtseins ganz klar, trotzdem wir von Helligkeit, so dürfen wir vergleichsweise sagen, durchdrungen sind: den wirklichen Vorgang des Wollens, das wirkliche Erlebnis des Wollens, das verschlafen wir. In diesem Wollen lebt Tiefstes von menschlicher Wesenheit, aber es ist dem wachen Tagesbewußtsein nicht unmittelbar gegenwärtig.

[ 13 ] Likewise, human volition—this mysterious volition, which remains a mystery to a genuine view of the world—is rooted in sleep, which permeates waking consciousness. Why have discussions about the nature of the will—about free will—arisen time and again throughout the course of humanity’s spiritual development? Why have so many arguments for and against been developed in this very area? And why have philosophers never agreed on how the will actually functions in human beings—whether as free or unfree? The reason is that, for ordinary waking consciousness, what takes place in the act of willing is overlooked. Even though our thoughts during waking consciousness are quite clear, even though we are, so to speak, permeated by brightness, we remain oblivious to the actual process of willing, the actual experience of willing. The deepest aspects of human being reside in this willing, but they are not immediately present to waking consciousness.

[ 14 ] Nun zeigt die Geisteswissenschaft, daß sie mit dem, was sie schauendes Bewußtsein nennt, hineinblickt in die übersinnliche Welt. Mit dem, was sie auf den ersten beiden Stufen imaginative und inspirierte Erkenntnis nennt, dringt sie in diejenige Welt hinunter, die für das gewöhnliche Bewußtsein nur in der auf- und abflutenden, chaotischen, man möchte sagen, in dem Sinne, wie ich es eben ausgeführt habe, gefälschten 'Traumeswelt vorliegt. Für den Menschen mit dem gewöhnlichen physischen Bewußtsein, wie er in der äußeren Sinnenwelt steht, flutet und wallt aus der Welt, die eben die Welt des Ewigen, Wesenhaften ist, die unter dem äußeren Sinnlichen wallt und webt, nur herauf, was die gefälschten Traumeswege sind. In der imaginativen übersinnlichen Erkenntnis, in der inspirierten übersinnlichen Erkenntnis hebt die Geisteswissenschaft aus diesen Untergründen die wahre Gestalt desjenigen, was da lebt und webt und wallt, wirklich herauf. Und in der intuitiven Erkenntnis wird heraufgehoben, was sonst verschlafen wird, was vollständig mit der Dunkelheit des Bewußtseins zugedeckt wird.

[ 14 ] Now, spiritual science shows that, through what it calls “contemplative consciousness,” it looks into the supersensible world. Through what it calls imaginative and inspired knowledge on the first two levels, it penetrates into that world which, for ordinary consciousness, appears only as the ebbing and flowing, chaotic—one might say, in the sense I have just described—“world of dreams.” For the human being with ordinary physical consciousness, as they stand in the outer sensory world, only what constitutes the false paths of dreams surges and billows upward from the world that is precisely the world of the eternal and essential—the world that surges and weaves beneath the outer sensory realm. In imaginative supersensible knowledge, in inspired supersensible knowledge, spiritual science truly raises up from these depths the true form of that which lives, weaves, and surges there. And in intuitive knowledge, what is otherwise slept through—what is completely covered by the darkness of consciousness—is brought to light.

[ 15 ] Daraus aber wird Ihnen hervorgehen, daß im Menschenleben nicht das allein waltet, was mit dem gewöhnlichen wachen Bewußtsein überschaut wird, sondern daß im Menschenleben, weil Traum, weil Schlaf auch das wache Tagesleben durchzieht, das waltet, was real, wirklich ist, was für das gewöhnliche wache Bewußtsein nicht erreichbar, nicht in Begriffe, nicht in Vorstellungen zu fassen ist, sondern was allein für das schauende Bewußtsein in Begriffe, in Vorstellungen zu fassen ist. Schauen wir uns also das soziale Menschenleben an, schauen wir uns das Menschenleben an, wie es umfaßt werden soll mit den sozialen, sittlichen, politischen Begriffen — wir finden: In diesem Menschenleben lebt, der Wirklichkeit nach, was nur geträumt, was sogar verschlafen wird.

[ 15 ] From this, however, it will become clear to you that human life is not governed solely by what is perceived by ordinary waking consciousness, but that—because dreams and sleep also permeate waking daily life—human life is governed by what is real, and true—that which is inaccessible to ordinary waking consciousness, which cannot be grasped in concepts or images, but which can be grasped in concepts and images only by the perceiving consciousness. So let us look at human social life; let us look at human life as it is to be encompassed by social, moral, and political concepts—we find that, in reality, what lives within this human life is what is merely dreamed, what is even slept through.

[ 16 ] Dies ist das Geheimnis des sozialen Lebens, dies ist selbst das Geheimnis des geschichtlichen Lebens, dies ist das Geheimnis alles desjenigen, was man sittlich-soziales Dasein des Menschen nennen kann. Mit den Begriffen, die an der Naturwissenschaft herangebildet sind, die aus den Denkgewohnheiten der Naturwissenschaft heraufkommen und die ganz und gar allein dem gewöhnlichen wachen Bewußtsein angehören, mit diesen Vorstellungen kann die Geschichte nicht erfaßt werden, mit diesen Vorstellungen kann das sittlich-soziale Leben nicht erfaßt werden.

[ 16 ] This is the secret of social life; this is, in fact, the secret of historical life; this is the secret of everything that can be called the moral and social existence of human beings. History cannot be grasped with concepts derived from the natural sciences—concepts that arise from the habits of thought characteristic of the natural sciences and belong entirely and exclusively to ordinary waking consciousness—nor can moral and social life be grasped with these concepts.

[ 17 ] Ich habe gestern darauf hingewiesen, daß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft dem Menschen etwas zurückbringen soll, was er verloren hat. Instinktiv, sagte ich, waren in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden die Impulse vorhanden, die die Geisteswissenschaft zum Bewußtsein zu bringen hat. Interessant ist es, von diesem Gesichtspunkte der Menschheitsentwickelung aus einmal das Eingreifen der modernen Naturwissenschaft ins Auge zu fassen. Fragt man nach dieser modernen Naturwissenschaft und ihrer Bedeutung nur so, wie man das heute vielfach tut, so kommt man zu einem vollständig falschen Begriff. Man geht immer davon aus zu glauben, diese Naturwissenschaft sei so geworden, wie sie geworden ist, weil eben die Begriffe, die sie gibt, der reinen Wahrheit entsprechen, der absoluten Wirklichkeit entsprechen. Wer Einsicht hat in die Dinge, weiß, daß die Ansicht ganz wahr ist: Derjenige, der gerade auf naturwissenschaftlichem Boden feststeht, muß zugleich Zweifler, Skeptiker sein, weil er weiß, daß diese naturwissenschaftlichen Begriffe ganz und gar nur einer sehr oberflächlichen Gestalt der Wahrheit entsprechen. Diese naturwissenschaftlichen Begriffe sind nicht aufgetreten in der Menschheitsentwickelung, weil der Mensch durch Jahrtausende dumm und töricht und kindisch war, wie viele glauben, die immer von dem Grundsatz ausgehen, daß wir’s «so herrlich weit gebracht» haben, sie sind nicht deshalb entstanden, weil die Menschen so lange kindisch waren und jetzt gerade gescheit geworden sind und eben gescheit bleiben — oder wenigstens es meinen —, so lange die Erde steht. Sondern sie sind aus einem ganz anderen Grunde gekommen.

[ 17 ] Yesterday I pointed out that anthroposophically oriented spiritual science is meant to restore to humanity something it has lost. I said that, instinctively, the impulses that spiritual science is meant to bring to consciousness were already present in earlier centuries and millennia. It is interesting to consider, from this perspective of human development, the role of modern natural science. If one inquires about this modern natural science and its significance merely in the way that is so often done today, one arrives at a completely false conception. People always assume that this natural science has become what it is because the concepts it provides correspond to pure truth and absolute reality. Anyone with insight into these matters knows that the following view is entirely true: Anyone who stands firmly on the ground of natural science must at the same time be a doubter, a skeptic, because they know that these scientific concepts correspond entirely only to a very superficial aspect of the truth. These scientific concepts did not arise in the course of human development because humans were stupid, foolish, and childish for millennia, as many believe who always proceed from the principle that we have “come so wonderfully far”; they did not come into being because humans were childish for so long and have now suddenly become intelligent and will remain so—or at least think they will— as long as the Earth endures. Rather, they have come about for an entirely different reason.

[ 18 ] Blickt man in die Zeiten zurück, wo eine mehr instinktive Erkenntnis auf Natur und Geist zugleich ging, so hatte der Mensch damals auf der einen Seite die Begriffe, die er auf die Natur so anwandte, daß er von Naturgeschehen, von Naturwesenheit sprach, als ob das auch ein Seelisches wäre; und wenn er von seinem Seelischen sprach, so spielten materialistische Vorstellungen herein. Sogar in unseren Worten von «Geist» und «Seele» liegen noch materialistische Vorstellungen, wenn wir diese Begriffe ganz genau historisch kennen. Der Mensch war noch so zusammengewachsen mit der Natur, daß er sein Seelisches nicht genauer von der Natur unterschied. Die neuere Entwickelung der Menschheitsgeschichte bedeutet, daß der Mensch sich losgelöst hat von dem natürlichen Dasein. Und gerade durch dieses Loslösen ist er darauf gekommen, solche Naturbegriffe zu begründen, wie sie eben den Inhalt der modernen naturwissenschaftlichen Vorstellungsart darstellen, die nichts Seelisches mehr enthalten. Um auf eine solche Stufe der Entwickelung zu kommen, hat der Mensch diese naturwissenschaftlichen Begriffe entwickelt: um seinetwillen. Nicht weil das die einzig seligmachende Wahrheit ist, zu der man endlich einmal gekommen ist, sondern weil der Mensch zu einer gewissen Stufe der Freiheit, der Selbstbestimmung nur dadurch kommen konnte, daß er sich von der Natur losgemacht und Begriffe hingestellt hat, die die Natur umfassen sollen und die nichts der Seele geben können.

[ 18 ] If we look back to the times when a more instinctive understanding encompassed both nature and the spirit, we see that people then, on the one hand, applied concepts to nature in such a way that they spoke of natural phenomena and natural beings as if these were also spiritual; and when they spoke of their own spiritual nature, materialistic notions came into play. Even in our words “spirit” and “soul,” materialistic notions still linger, if we understand these concepts precisely from a historical perspective. Human beings were still so intertwined with nature that they did not distinguish their spiritual nature more precisely from nature itself. The more recent development of human history means that human beings have detached themselves from natural existence. And it is precisely through this detachment that they have come to establish such concepts of nature as those that constitute the very content of the modern scientific way of thinking, which no longer contains anything spiritual. To reach such a stage of development, human beings have developed these scientific concepts: for their own sake. Not because this is the sole truth leading to salvation that one has finally arrived at, but because humanity could only attain a certain level of freedom and self-determination by detaching itself from nature and establishing concepts intended to encompass nature—concepts that can offer nothing to the soul.

[ 19 ] Wenn der Mensch solche Naturbegriffe hat, daß er in diesen Naturbegriffen sein Seelisches nicht mehr sehen kann, daß er sich ganz herausgestellt fühlt aus der Natur, wie das in alten Zeiten nicht der Fall ist, wohl aber unter der heutigen naturwissenschaftlichen Weltanschauung, dann muß der Mensch um so mehr hingewiesen werden auf die eigenen Kräfte seines Innern, auf die wir gestern hingewiesen haben. Dann wird sein Selbstbewußstsein erst in rechter Weise erwachen können. Wir sind in einer Übergangsstufe. Die Naturwissenschaft wird einen Spiritualismus der Auffassung des Seelenlebens heraufbringen. Der naturwissenschaftliche Materialismus hat das große Verdienst, weil er die Natur alles Seelischen entkleidet, den Menschen auf eine hohe Stufe der Selbstbesinnung hinaufzuführen.

[ 19 ] When a person holds such concepts of nature that they can no longer perceive their own soul life within them—when they feel completely alienated from nature, as was not the case in ancient times but certainly is under today’s scientific worldview—then that person must all the more be directed toward their own inner powers, which we referred to yesterday. Only then will their self-awareness be able to awaken in the right way. We are in a transitional phase. Natural science will give rise to a spiritualism in the understanding of the life of the soul. Scientific materialism has the great merit of leading human beings to a high level of self-reflection, precisely because it strips nature of everything spiritual.

[ 20 ] Sieht man so die Entwickelung der modernen Naturwissenschaft an, so erscheint sie einem allerdings anders, so erscheint sie einem angelegt — wenn ich den Ausdruck Lessings gebrauchen darf — auf eine «Erziehung des Menschengeschlechts», dann sind die naturwissenschaftlichen Begriffe ausgebildet worden, damit der Mensch nicht mehr, wie früher, in einer mystischen Weise selber die Natur durchseelt, sondern damit er sich freimacht in der Naturanschauung von allem Seelischen, aber um so mehr aus den Tiefen seines eigenen Wesens das herausholen muß, was dieses Seelische durchgeistet, was man im Seelischen als spiritualisiert erblicken kann. Dann kann man, gerade wenn man Geistesforscher ist, in dem berechtigten Materialismus der Naturwissenschaft ein Großes sehen. Und es ist nur eine Verleumdung der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, wenn man sie irgendwie in einen Gegensatz zur Naturwissenschaft bringt. Im Gegenteil, sie weist auf die große, bedeutsame Rolle hin, welche die naturwissenschaftliche Entwickelung in dem großen Erziehungsprozeß des Menschengeschlechtes durch die Erdengeschichte hindurch hat.

[ 20 ] When one views the development of modern natural science in this way, it certainly appears different; it appears—if I may use Lessing’s expression—to be designed for the “education of the human race,” then the concepts of natural science have been developed so that human beings no longer, as in the past, infuse nature with spirit in a mystical way, but rather so that they free themselves in their view of nature from all that is spiritual, while at the same time being compelled to draw from the depths of their own being that which has spiritualized the spiritual, that which can be perceived as spiritualized within the spiritual realm. Then, especially if one is a researcher of the spirit, one can see something great in the justified materialism of natural science. And it is nothing but a slander against anthroposophically oriented spiritual science to set it in any way in opposition to natural science. On the contrary, it points to the great and significant role that the development of the natural sciences has played in the vast educational process of the human race throughout Earth’s history.

[ 21 ] Aber was als naturwissenschaftliche Vorstellung auftritt, was man so hereinbekommt in die Seele als naturwissenschaftliche Vorstellung, das ist eben, gerade weil das wahr ist, was ich eben ausgeführt habe, nicht geeignet, dieses Leben zu umfassen, das wir als das sittlich-soziale Leben bezeichnen können, nicht geeignet, Begriffe, Vorstellungen, Ideen zu bilden, aus denen Handlungen im sittlich-sozialen Leben werden können. Was der Mensch als Natur überblickt, das überblickt er im wachen Bewußtsein. Was sittlich-soziales Leben, was geschichtliches Erleben ist, das hat nicht solche Impulse zugrundeliegend, wie sie das wache Tagesbewußtsein ganz geeignet für die Ergreifung der Natur hat, sondern das hat solche ideellen Impulse zugrundeliegend, wie sie sonst nur durch das Traumleben zutage treten.

[ 21 ] But what appears as a scientific concept—what is absorbed into the soul as a scientific concept—is, precisely because what I have just explained is true, not suited to encompassing this life that we can call moral and social life; it is not suited to forming concepts, perceptions, and ideas from which actions in moral and social life can arise. What a person perceives as nature, they perceive in waking consciousness. Moral and social life, and historical experience, are not based on the same kinds of impulses that waking daily consciousness possesses—impulses that are entirely suited to the apprehension of nature—but rather on idealistic impulses of a kind that otherwise come to light only through the life of dreams.

[ 22 ] Und so kommt Geisteswissenschaft zu dem sonderbaren Ergebnis, daß geschichtliches Leben der Menschheit, soziales Leben der Menschheit nicht umspannt werden kann von einem Seelenwesen, das an der Naturwissenschaft sich herangebildet hat und nun Geschichte schreiben will nach dem Muster der Naturwissenschaft, Sozialwissenschaft betrachten will nach dem Muster der Naturwissenschaft.

[ 22 ] And so the humanities arrive at the strange conclusion that the historical life of humanity and the social life of humanity cannot be encompassed by a spiritual being who has been shaped by the natural sciences and now wishes to write history according to the model of the natural sciences and to view the social sciences according to the model of the natural sciences.

[ 23 ] Was hat man an unzulänglichen Begriffen alles gerade in der Gegenwart unter den Eroberungszügen der Naturwissenschaft versucht, um das soziale Leben zu begreifen mit den Erkenntnismitteln, die in der Naturwissenschaft ihre Erfolge haben!

[ 23 ] What attempts have been made—especially in the present day, amid the advances of the natural sciences—using inadequate concepts to understand social life with the methods of inquiry that have proven successful in the natural sciences!

[ 24 ] Man braucht sich nur zu erinnern an den englischen Philosophen Herbert Spencer, der in umfassender Weltanschauung alles Tatsächliche, in das der Mensch hineingestellt ist, umfassen wollte, auch die soziologische Gestaltung der Menschheit. Er hat die Begriffe der Embryologie, die Begriffe des Keimeslebens anwenden wollen auf die Gestaltung des Gesellschaftslebens, auf die Gestaltung des sittlich-sozialen Lebens des Menschen: Der Keim entwickelt sich embryologisch so, daß man an ihm zu unterscheiden hat in seinem früheren Zustande das Ektoderm, aus dem sich das Nervensystem entwickelt, das Entoderm, aus dem sich andere untergeordnete Organe entwickeln, und das Mesoderm. Aus diesen drei Gliedern entwickelt sich allmählich der Menschen-Embryo, wächst heran: das sind die drei Glieder des Keimes. In dem sittlich-sozialen Werden, in der sittlich-sozialen Entwickelung unterscheidet Spencer auch drei solche Impulse. Er sagt: Ebenso, wie in der natürlichen Entwickelung Ektoderm, Mesoderm, Entoderm vorhanden sind, so auch im sozialen Werden des Menschen. Und er will zeigen: Wie der organische Keim das Ektoderm hat, so entwickelt sich im Menschenwerden das, was militärisch, politisch stark ist, hauptsächlich aber militärisch stark, aus dem Ektoderm heraus, aus dem sozialen Ektoderm; das, was arbeitend, ackerbauend, friedliebend ist, aus dem Entoderm; und die Kaufmannschaft, der kommerzielle Stand, aus dem Mesoderm. Da hat man einen Parallelismus gegeben zwischen den Schichtungen des sozial-sittlichen Lebens und den Schichtungen des organischen Keimes. Es liegt selbstverständlich dieser Anschauung des großen englischen Philosophen Herbert Spencer zugrunde, daß, weil sich aus dem Ektoderm das Nervensystem entwickelt, sich auch aus dem, was dem Ektoderm im sozial-sittlichen Leben entspricht, das Wertvollste im Staate, in einem menschlichen Gemeinwesen entwickeln muß. Daher ist selbstverständlich die Weltanschauung Spencers darauf angewiesen, den eigentlich wertvollen Stand im Militarismus zu sehen. In ihm soll sich das politische, das höhere Leben ausprägen. Wie sich das Nervenleben ausprägt aus dem Ektoderm, soll das Politische, das eigentliche führende Wesen, aus dem Militärwesen hervorgehen.

[ 24 ] One need only recall the English philosopher Herbert Spencer, who, in his comprehensive worldview, sought to encompass everything real in which human beings are situated, including the sociological structure of humanity. He sought to apply the concepts of embryology—the concepts of embryonic life—to the structure of social life, to the structure of human moral and social life: Embryologically, the embryo develops in such a way that, in its early stages, one can distinguish the ectoderm, from which the nervous system develops; the endoderm, from which other subordinate organs develop; and the mesoderm. From these three components, the human embryo gradually develops and matures: these are the three components of the germ. In moral and social becoming, in moral and social development, Spencer also distinguishes three such impulses. He says: Just as the ectoderm, mesoderm, and endoderm are present in natural development, so too are they present in the social becoming of humankind. And he seeks to show: Just as the organic germ has the ectoderm, so in human development that which is militarily and politically strong—but primarily militarily strong—develops from the ectoderm, from the social ectoderm; that which is laboring, agricultural, and peace-loving develops from the endoderm; and the merchant class, the commercial class, develops from the mesoderm. Here, a parallel has been drawn between the stratifications of social and moral life and the stratifications of the organic embryo. It is, of course, the underlying premise of this view of the great English philosopher Herbert Spencer that, just as the nervous system develops from the ectoderm, so too must the most valuable elements of the state—and of human society—develop from that which corresponds to the ectoderm in social and moral life. Consequently, Spencer’s worldview naturally depends on identifying the truly valuable element within militarism. It is in militarism that political life—the higher form of life—is supposed to take shape. Just as nervous life emerges from the ectoderm, so too is the political—the true guiding essence—supposed to emerge from the military.

[ 25 ] Ich will mich einer weiteren Charakterisierung, aus leicht begreiflichen Gründen, dieser merkwürdigen Ansicht des Philosophen Herbert Spencer enthalten. Aber es ist schon notwendig, daß man auf solche Dinge auch in der Gegenwart aufmerksam wird. Und ich könnte nun viele, viele aus allen Gebieten des geistigen Erdenlebens hergenommene Beispiele anführen, wie man versucht hat, naturwissenschaftliche Vorstellungen auf das soziale Leben anzuwenden, immer wieder und wiederum das sittlich-soziale Werden zu begreifen in derselben Weise, wie man die Naturtatsachen begreift.

[ 25 ] For reasons that are easy to understand, I will refrain from further characterizing this peculiar view of the philosopher Herbert Spencer. But it is indeed necessary that we become aware of such things even in the present day. And I could now cite many, many examples drawn from all areas of intellectual life on earth, showing how people have attempted to apply scientific concepts to social life, time and again seeking to understand moral and social development in the same way that one understands the facts of nature.

[ 26 ] Aber das Eigentümliche liegt vor, daß in der Menschheitsentwickelung das alte instinktive Erkennen, das Geist und Leib, Materie und Geist zugleich umfaßt hat, aber eben nicht voll bewußtes Erkennen war, daß das allmählich im Laufe der Menschheitsentwickelung durch das naturwissenschaftliche rein äußere Erkennen des Toten in die höheren Stufen des Erkennens übergeht, auf die heute die Geisteswissenschaft hinweist: in das imaginative Erkennen des schauenden Bewußtseins, in das inspirierte Erkennen, in das intuitive Erkennen. Naturwissenschaftliche Erkenntnis ist nur eine Zwischenstufe zwischen dem instinktiven Erkennen, das alten Zeiten eigentümlich war, und dem höheren Erkennen, das der Menschheit aus den Tiefen der Seele selbst erwachsen muß. Ich habe es charakterisiert in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» und neuerdings wiederum in meinem Buche «Von Seelenrätseln». Das schauende Bewußtsein zerfällt eben in das imaginative Bewußtsein, das gewissermaßen die niederste Stufe ist, das inspirierte Bewußtsein, eine höhere Stufe, und das intuitive Bewußtsein, eine nächste Stufe. Das Eigentümliche ist nur, daß für die Betrachtung der äußeren natürlichen Welt dieses instinktive alte Erkennen in die naturwissenschaftlichen Vorstellungen übergehen mußte. Nach diesem Übergang werden die anderen, die geistigen Erkenntnisarten kommen.

[ 26 ] But the peculiar thing is that, in the course of human development, the ancient instinctive cognition—which encompassed both mind and body, matter and spirit— yet was not fully conscious cognition, has gradually, in the course of human development, through the purely external scientific knowledge of the inanimate, transitioned to the higher stages of cognition to which spiritual science points today: to the imaginative cognition of the beholding consciousness, to inspired cognition, and to intuitive cognition. Scientific knowledge is merely an intermediate stage between the instinctive cognition that was characteristic of ancient times and the higher cognition that must arise for humanity from the depths of the soul itself. I have characterized this in my book The Riddle of Man and, more recently, again in my book The Riddles of the Soul. Contemplative consciousness is divided into imaginative consciousness—which is, in a sense, the lowest stage—inspired consciousness, a higher stage, and intuitive consciousness, the next stage. The peculiar thing is simply that, for the observation of the external natural world, this instinctive, ancient form of cognition had to give way to scientific concepts. Following this transition, the other, spiritual forms of cognition will emerge.

[ 27 ] Das sozial-sittliche Leben kann diesen Übergang nicht haben. Er wird versucht; aber es kann ihn nicht haben. Das instinktive Erkennen, das instinktive Leben im Staatlichen, in sozial-politischen Ideen, muß direkt, mit Überspringung der naturwissenschaftlichen Art der Vorstellungsweise, in das bewußte Erkennen derselben Welt übergehen, welche in der Geschichte und im sozialen Leben von der Menschheit geträumt wird. Was die Menschheit träumt in Geschichte und im sozialen Leben — bewußt erkannt werden kann es nur im imaginativen, im inspirierten, im intuitiven Bewußtsein. Und einen Übergang vom instinktiven zum imaginativen Bewußtsein durch das naturwissenschaftliche gibt es auf diesem Gebiete nicht. Verhängnisvoll muß es werden, wenn man diesen Übergang machen will, wenn man in die Gesellschaftsordnung solche Begriffe, solche Vorstellungen einfügen will, welche nach dem Muster naturwissenschaftlicher Begriffe ausgebildet sind. Überall ist das geschehen im Laufe der letzten Jahrhunderte, insbesondere des 19. Jahrhunderts, und bis in unsere 'Tage herein. Naturwissenschaftliche Vorstellungen sind von katastrophaler Wirkung, wenn sie, aus den menschlichen Gemütern herausströmend, in das menschliche Handeln übergehen. Unmittelbar muß der Übergang sein von dem alten instinktiven Erleben, das zum Mythus, zur Phantasie gegriffen hat, zu dem imaginativen Erkennen.

[ 27 ] Social and moral life cannot make this transition. It is attempted; but it cannot be made. Instinctive cognition—instinctive life within the state and in sociopolitical ideas—must transition directly, bypassing the natural-scientific mode of thought, into the conscious cognition of the very same world that humanity dreams of in history and in social life. What humanity dreams of in history and social life—can only be consciously recognized in imaginative, inspired, and intuitive consciousness. And in this realm, there is no transition from instinctive to imaginative consciousness via the natural scientific. It is bound to have disastrous consequences if one attempts to make this transition, if one seeks to incorporate into the social order concepts and ideas that are modeled after scientific concepts. This has happened everywhere over the course of the last few centuries, particularly in the 19th century, and right up to the present day. Scientific ideas have catastrophic effects when they flow out of the human mind and find their way into human action. The transition must be direct from the old instinctive experience—which gave rise to myth and fantasy—to imaginative cognition.

[ 28 ] So kann jemand lächelnd, spöttisch sagen: Also darf überhaupt nicht die Anschauung herrschen, daß man das soziale, sittliche Leben meistern könne mit den an der Naturwissenschaft herangezogenen Begriffen, sondern daß dieses sozial-sittliche Leben heilsam durchdrungen werden kann erst wiederum, wenn eingesehen wird, daß man die Begriffe geisteswissenschaftlich vertiefen muß! — Es mag jemand spötteln, er mag sich blind machen gegenüber manchen großen Zeichen der Zeit, gegenüber jener deutlichen Sprache, die aus den Katastrophen des heutigen Tages spricht. Aber es ist so. Und so wie man in einzelnen Kreisen bereits beginnt, etwas aufzumerken auf Geisteswissenschaft, die etwas zu sagen hat, wenn es sich um die Gestaltung der Wirklichkeit handelt, die nicht das Phantasiebild einiger Träumer ist, sondern die eben etwas zu sagen hat, wenn es sich um Gestaltung der Wirklichkeit handelt, so werden die Stimmen immer mehr und mehr werden, welche einsehen werden, daß man sich dann, wenn man lebensvolle Begriffe für das sittlich-soziale Dasein braucht, an Geisteswissenschaft zu wenden hat, die allein Ersatz bieten kann für das, was abstrakte Begriffe, die ihre volle Geltung in der Naturwissenschaft haben, niemals für das sittlich-soziale Dasein des Menschen hergeben können. Deshalb ist Geisteswissenschaft in unserer Zeit nicht aufgetreten aus willkürlicher Agitation zugunsten einzelner Leute, sondern als Ergebnis der Zeichen unserer Zeit, als Ergebnis tiefer historischer Notwendigkeiten.

[ 28 ] Thus, someone might say with a smile, in a mocking tone: Therefore, the view that one can master social and moral life using concepts drawn from the natural sciences must not prevail at all; rather, this social and moral life can be healthily permeated only when it is recognized that these concepts must be deepened through the spiritual sciences! — Someone may scoff; they may turn a blind eye to certain great signs of the times, to that clear language spoken by the catastrophes of the present day. But this is the case. And just as certain circles are already beginning to take notice of spiritual science—which has something to say when it comes to shaping reality, a reality that is not the figment of some dreamers’ imagination, but one that truly has something to say regarding the shaping of reality— so too will the voices grow ever more numerous—those who will recognize that when one needs life-affirming concepts for moral and social existence, one must turn to spiritual science, which alone can offer a substitute for what abstract concepts—which have their full validity in the natural sciences—can never provide for human moral and social existence. That is why spiritual science has emerged in our time not out of arbitrary agitation on behalf of individual people, but as a result of the signs of our times, as a result of profound historical necessities.

[ 29 ] Blicken wir einmal auf manches, was uns unter den Anschauungen einer älteren Zeit entgegentreten kann. Ich habe schon auch hier aufmerksam darauf gemacht, wie aus dem Vorstellen, aus dem Vorstellungswesen, möchte ich besser sagen, das sich ganz herangebildet hat unter dem naturwissenschaftlichen Materialismus, solche Ansichten gekommen sind, wie sie im Beginne dieses Krieges geherrscht haben: daß dieser Krieg nicht länger als vier bis sechs Monate dauern könne! Einsichtsvolle, ganz gescheite Leute haben das als Theorie vertreten.

[ 29 ] Let us take a look at some of the ideas from an earlier era that we may encounter. I have already pointed out here how such views—as those that prevailed at the beginning of this war—arose from the imagination, or rather, from the very nature of the imagination that has developed entirely under the influence of scientific materialism: namely, that this war could not last longer than four to six months! Discerning, highly intelligent people have advocated this as a theory.

[ 30 ] Aber wir brauchen nicht bloß auf untergeordnete Persönlichkeiten hinzudeuten, wenn wir das ins Auge fassen wollen, was hier in Betracht kommt. Geschichte ist ja noch nicht sehr alt, Geschichte als Wissenschaft des sittlich-sozialen Lebens. Man hält dafür, daß sie eine alte Wissenschaft ist. Sie ist nämlich in Wirklichkeit, so wie sie heute getrieben wird, kaum hundert Jahre alt! Davon kann sich jeder durch die Geschichte der Geschichte selber überzeugen. Als Geschichte auftrat, wollte einer der ersten Lehrer der Geschichte der große Schiller sein. Und vielleicht ist es gut, gerade eine große Persönlichkeit da zu nennen, wo man Beispiele anführen will für das, was so oft gesagt wird, daß man aus der Geschichte für das sittlich-soziale Leben der Menschen lernen könne. Wie oft hört man heute von den Leuten, heute, wo jeder Tag von den Menschen Urteile abfordert über das und jenes, was unter dem Einfluß der tragischen Ereignisse gefühlt, empfunden werden muß: Die Geschichte lehrt das, die Geschichte lehrt das. — Na, schaut man sich diese Lehren der Geschichte an, schauen wir sie an bei einem der Größten: Als Schiller seine Professur in Jena antrat — es war 1789 —, da charakterisierte er eine Lehre der Geschichte, die sich ihm ergeben hatte, in der folgenden Weise. Es ist wohl gut, auf solches hinzuhorchen. Schiller sagte in seiner berühmten Antrittsrede, mit der er den Anfang seiner geschichtlichen Vorlesungen an der Universität in Jena gemacht hat, über den philosophischen Kopf und den Brotgelehrten in der Geschichte, er sagte: «Die europäische Staatengesellschaft scheint in eine große Familie verwandelt. Die Hausgenossen können einander anfeinden, aber hoffentlich nicht mehr zerfleischen.» Das ist die Lehre, die selbst ein so Großer wie Schiller aus der Geschichte gezogen hat! Man muß bedenken: 1789 ist dieses prophetisch sein sollende Wort ausgesprochen! Was ist an Zerfleischung der europäischen Völker bald danach, und was ist heute wiederum über dieses Europa ergangen! Welcher Prophet war der Historiker, selbst der Historiker von solchem Genie wie Schiller? Warum ist dies alles? Hunderte und Hunderte von Beispielen könnten angeführt werden dafür, daß eine Geschichtsbetrachtung solcher Art, wie sie heute noch üblich ist, nichts für das Leben gibt. Warum? Aus dem einfachen Grunde, weil man in einer solchen Geschichtsbetrachtung mit Vorstellungen arbeitet, die der äußeren Wirklichkeit, die Gegenstand der Naturwissenschaft ist, entnommen sind. Diese Begriffe taugen nicht, um das Leben der Geschichte und der sittlich-sozialen Wirksamkeit zu umfassen, was von den Menschen, so wie sie im Leben sind, nur geträumt wird.

[ 30 ] But we need not limit ourselves to minor figures if we wish to consider what is at stake here. History—as the science of moral and social life—is, after all, not very old. It is commonly believed to be an ancient science. In reality, however, as it is practiced today, it is barely a hundred years old! Anyone can see this for themselves by examining the history of history itself. When history first emerged as a discipline, one of its earliest teachers was none other than the great Schiller. And perhaps it is fitting to mention a great figure precisely here, where we wish to cite examples of what is so often said—that one can learn from history for the moral and social life of humankind. How often do we hear people say today—now that every day demands that we pass judgment on this or that, which must be felt and perceived under the influence of tragic events—“History teaches this,” “History teaches that.” — Well, if we look at these lessons of history, let us examine them in the context of one of the greatest: When Schiller took up his professorship in Jena—it was 1789—he characterized a lesson from history that had become clear to him in the following way. It is certainly good to heed such words. In his famous inaugural address, with which he began his history lectures at the University of Jena, Schiller spoke about the philosophical mind and the “bread scholar” in history; he said: “The community of European states seems to have been transformed into one large family. The members of this household may be hostile toward one another, but hopefully they will no longer tear one another apart.” That is the lesson that even a figure as great as Schiller drew from history! One must bear in mind: these words, meant to be prophetic, were spoken in 1789! What tearing apart of the European peoples occurred shortly thereafter, and what has befallen this Europe once again today! What kind of prophet was the historian—even a historian of such genius as Schiller? Why is all this so? Hundreds upon hundreds of examples could be cited to show that a view of history of this kind, as is still common today, offers nothing for life. Why? For the simple reason that such a view of history relies on concepts derived from external reality—the subject matter of the natural sciences. These concepts are inadequate for grasping the life of history and moral-social activity, which people, as they are in life, can only dream of.

[ 31 ] Was Geschichte des Lebens ist, wird nur geträumt. Und sollen wir Begriffe haben, welche in dieses geschichtliche, in dieses sittlich-soziale Leben eingreifen, welche es wirklich umspannen, welche es wirklich umfassen, die es auch meistern können, so müssen diese Begriffe zwar wissenschaftlich klar sein, wie andere wissenschaftliche Begriffe, aber wesentlich soll daran sein, daß sie klar erfassen, was von dem gewöhnlichen Bewußtsein nur in den Träumen der Geschichte und des sittlich-sozialen Lebens ins Dasein tritt.

[ 31 ] What the history of life is can only be dreamed. And if we are to have concepts that intervene in this historical, in this moral and social life—concepts that truly encompass it, that truly embrace it, and that can even master it—then these concepts must, of course, be scientifically clear, just like other scientific concepts, but what is essential is that they clearly grasp what, for ordinary consciousness, comes into being only in the dreams of history and of moral and social life.

[ 32 ] Ich weiß, es ist heute noch eine paradoxe Wahrheit, wenn es ausgesprochen wird, daß das, was geschichtliches Werden ist, von den Menschen nicht so durchlebt wird, daß dieses Durchleben in Begriffen des wachen Tageslebens arbeitet. Aber es ist cine Wahrheit; eine Wahrheit, die erkannt werden muß. Dann erst wird auch erkannt werden, welcher Art die Begriffe und die Vorstellungen und Ideen und Ideale sein müssen, die dieses Leben meistern können.

[ 32 ] I know that it is still a paradoxical truth today when it is stated that what constitutes historical becoming is not experienced by human beings in such a way that this experience operates within the concepts of waking daily life. But it is a truth; a truth that must be recognized. Only then will it also be recognized what kind of concepts, notions, ideas, and ideals are needed to master this life.

[ 33 ] Herman Grimm — verzeihen Sie, daß ich diese persönliche Angabe heute mache — hat mir in Gesprächen öfter gesagt — er, der geistreiche Kunstforscher, der Raphael, Michelangelo, der andere Kunstperioden in so glänzender, geistvoller Weise dargestellt hat —: Wolle man eine geschichtliche Betrachtung haben, die das Geschichtliche wirklich umfaßt, dann könne man die Geschichte nicht in solchen Begriffen geben, wie sie der Naturforscher anwendet, dann müsse man die Geschichte geben — nun, er sagte, weil er keine Begriffe, keine Vorstellungen von der imaginativen Erkenntnis hatte — von der schaffenden Phantasie der Völker aus. — Von dem also, was gewissermaßen im Unterbewußten bleibt, muß man ausgehen, das muß man erst ins Bewußtsein, aber in ein anderes Bewußtsein, als das gewöhnliche ist, herauftragen. Eine Ahnung von dem, was auf diesem Gebiete wahr ist, lag dieser Herman Grimmschen Intuition zugrunde.

[ 33 ] Herman Grimm—please forgive me for sharing this personal anecdote today—has often told me in conversation—he, the witty art historian who has portrayed Raphael, Michelangelo, and other artistic periods in such a brilliant and insightful manner—: If one wishes to have a historical perspective that truly encompasses the historical, then one cannot present history in the terms used by the natural scientist; rather, one must present history—well, he said, since he had no concepts, no notions of imaginative insight—from the perspective of the creative imagination of peoples. — One must therefore start from what, so to speak, remains in the subconscious; one must first bring it up into consciousness—but into a consciousness different from the ordinary one. A sense of what is true in this realm underlay this intuition of Herman Grimm.

[ 34 ] Wer daher glaubt, geschichtliches oder sozial-politisches Leben mit den Begriffen umspannen zu können, welche am naturwissenschaftlichen Denken erzogen sind — und das sind heute alle unsere populären Begriffe, mit denen wir in alles hineinarbeiten wollen —, der irrt sich gar sehr. Denn wer die Dinge durchschaut, der weiß zum Beispiel, was das sicherste Mittel ist, ein Gemeinwesen in verhältnismäßig kurzer Zeit zugrunde zu richten, es dem Absterben zu überliefern. Machen Sie in diesem Gemeinwesen ein Parlament, in das Sie hineinsetzen lauter Theoretiker von Professorenart, die naturwissenschaftlich denken; lassen Sie diese die Gesetze machen, lassen Sie diese die Rechtsbestimmungen für das Gemeinwesen machen: dann werden Sie durch ein solches Parlament von naturwissenschaftlich denkenden Theoretikern sehr bald den Untergang des Gemeinwesens herbeiführen. Denn die werden in die Wirklichkeit lauter Begriffe, lauter Ideen umsetzen wollen, welche im geschichtlichen, im sozial-sittlichen Leben keine Wirklichkeit haben können, sondern dieses sozial-sittliche Leben in einen Leichnam verwandeln müssen.

[ 34 ] Anyone who therefore believes they can encompass historical or sociopolitical life with concepts rooted in scientific thinking—and these are all of our popular concepts today, which we try to apply to everything—is very much mistaken. For anyone who sees through things knows, for example, what the surest way is to ruin a community in a relatively short time: to consign it to decline. Establish a parliament in that community, staffed entirely with professor-type theorists who think in scientific terms; let them make the laws, let them formulate the legal provisions for the community: then, through such a parliament of scientifically minded theorists, you will very soon bring about the downfall of the community. For they will seek to translate into reality nothing but concepts and ideas that can have no reality in historical and socio-moral life, but must instead transform this socio-moral life into a corpse.

[ 35 ] Daher ist die Bemerkung Herman Grimms sehr fein, daß er sagt: Es ist merkwürdig, daß der englische Geschichtschreiber Gibbon, dieser musterhafte englische Geschichtsschreiber, wenn er die ersten christlichen Jahrhunderte beschreibt, nicht das aufsteigende christliche Leben, das Wachsende, Werdende, Gedeihende schildert, sondern daß er merkwürdigerweise das Untergehende, die Dekadenz des alten Lebens nur zu schildern vermag, weil er mit seinen Begriffen, eben als ehrlicher Forscher, nur das dekadente, das untergehende Leben zu erfassen vermag. — Das wachsende, gedeihende, aufsteigende Leben kann nicht in Vorstellungen gefaßt werden, die vom wachen Tagesleben umfaßt sind, sondern nur von Vorstellungen, die in dasselbe Lebensstromeswesen eintauchen, in das die Menschheit eintaucht, wenn sie mit dem gewöhnlichen Bewußtsein bloß träumt.

[ 35 ] Herman Grimm’s observation is therefore very astute when he says: It is curious that the English historian Gibbon—this exemplary English historian—when describing the first Christian centuries, does not depict the rising Christian life, the growth, the developing, the flourishing, but that, strangely enough, he is only able to depict the decline, the decadence of the old way of life, because, as an honest researcher, his concepts allow him to grasp only the decadent, the declining way of life. — The growing, flourishing, and rising life cannot be grasped by concepts derived from waking daily life, but only by concepts that immerse themselves in the very same stream of life into which humanity immerses itself when it is merely dreaming with ordinary consciousness.

[ 36 ] In der neueren Zeit sind alle diese Dinge aus dem Grunde ganz besonders wichtig geworden, weil gerade im 19. Jahrhundert, ich möchte sagen, die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise ihren Eroberungszug auch im geschichtlichen, im sozial-ethischen Leben zu machen versuchte. Und nur wenige haben sich gegen dieses Hineintragen naturwissenschaftlicher Denkungsart auch in das geschichtliche Leben gestemmt. Aber es ist gemacht worden. Blendend ist es gemacht worden da, wo es am bewußtesten gemacht worden ist, dieses Hineintragen. Und am bewußtesten wurde es gemacht von dem ganz naturwissenschaftlich sein wollenden neueren Sozialismus. Der Sozialismus suchte die sozial-sittlichen Ideen ganz in das Fahrwasser einer naturwissenschaftlichen Betrachtung einzureihen. Gerade in der neueren Zeit, wo die Naturwissenschaft ihren Siegeszug begonnen hat, trat diese extreme Art auf, das menschliche Leben, das sozialsittliche menschliche Leben nur unter dem Gesichtspunkte materieller Interessen, Klassenkämpfe, Mehrwertsimpulse und so weiter zu betrachten, wie es im Marxismus und wie es in der materialistischen Geschichtsbetrachtung geschehen ist.

[ 36 ] In more recent times, all these things have become particularly important for the simple reason that, especially in the 19th century, I would say, the scientific approach attempted to make its way into historical and socio-ethical life as well. And only a few have resisted this intrusion of the scientific mindset into historical life. But it has been done. It has been done brilliantly where this intrusion was carried out most consciously. And it was done most consciously by modern socialism, which sought to be entirely scientific. Socialism sought to place social and moral ideas entirely within the framework of a scientific perspective. Precisely in more recent times, when the natural sciences began their triumphant advance, this extreme tendency emerged: to view human life—specifically, social and moral human life—exclusively from the perspective of material interests, class struggles, the drive for surplus value, and so on, as has occurred in Marxism and in the materialist conception of history.

[ 37 ] Geisteswissenschaft steht nicht auf dem Boden, daß man bei allem ein Entweder-Oder geltend machen muß das muß ich von vornherein bemerken, sonst kann ich gerade bei solch einer Sache sehr mißverstanden werden —, Geisteswissenschaft steht auf dem Boden, daß menschliche Begriffe in der Regel Einseitigkeiten darstellen. Ich habe schon oft den Vergleich gebraucht: Wenn der Geistesforscher zu Begriffen aufsteigt, so daß er sie ansieht als Beleuchtungen oder auch Abbilder des Wirklichen von verschiedenen Seiten, wie vier Fotografien einen Baum von vier Seiten in vier verschiedenen Gestaltungen wiedergeben, so kann man die Welt pantheistisch, theistisch, monotheistisch, polytheistisch abbilden. Diese Dinge alle sieht man nur in ihrer wahren, echten Bedeutung, wenn man sie gewissermaßen als einseitige Abbilder der wahren Wirklichkeit nimmt, die niemals in den abstrakten Begriff eingehen kann, sondern nur in das lebendige Einssein mit ihr selber. Deshalb dürfen Sie, was ich jetzt sagen werde, auch nicht so auffassen, als wenn ich alles, was unter dem Einflusse des sozialistischen Denkens in der neueren Zeit heraufgekommen ist, in Grund und Boden bohren wollte. Das wird mir nicht im Traume einfallen. Denn vieles Wertvolle hat diese Anschauung heraufgebracht, und sie hat sich ja schwer genug durchgekämpft. Diejenigen, die die eigentlichen erleuchtetsten, bedeutenden offiziellen Träger des Geisteslebens sind, die zu wachen haben darüber, daß richtige Begriffe und Vorstellungen heraufkommen, haben ja jahrzehntelang, einfach genug, negativ abgewiesen, was von dieser Seite gekommen ist, bis sie sich haben heranbändigen lassen und jetzt nicht nur die spärlichen Begriffe des älteren Katheder-Sozialismus, sondern viel dickleibigere Begriffe des Sozialismus sogar schon salon- nein, kathederfähig geworden sind.

[ 37 ] Spiritual science is not based on the premise that one must apply an “either/or” approach to everything—I must point this out from the outset, otherwise I could be seriously misunderstood, especially on a matter such as this—; spiritual science is based on the premise that human concepts generally represent one-sided views. I have often used the following comparison: When the researcher of the spirit rises to the level of concepts, viewing them as illuminations or even images of reality from various angles—just as four photographs depict a tree from four sides in four different forms—then one can portray the world in pantheistic, theistic, monotheistic, or polytheistic terms. One can see all these things in their true, genuine meaning only if one regards them, so to speak, as one-sided reflections of true reality, which can never be captured in an abstract concept but only in a living oneness with reality itself. Therefore, you must not interpret what I am about to say as if I were trying to completely destroy everything that has emerged in recent times under the influence of socialist thought. That would never even occur to me. For this worldview has produced many valuable things, and it has certainly had to fight hard to establish itself. Those who are the truly most enlightened and significant official guardians of spiritual life—who are responsible for ensuring that correct concepts and ideas emerge—have, quite simply, simply rejected in a negative manner whatever came from this side, until they allowed themselves to be reined in, and now not only the sparse concepts of the older academic socialism, but even much more substantial concepts of socialism have become not just salon-ready—no, but even suitable for the academic podium.

[ 38 ] Solche Dinge liegen außerhalb der geisteswissenschaftlichen Betrachtung, welche nicht Partei nimmt, welche nur objektiv dem Tatsachenbestand ins Auge sehen will. Allein es muß gesagt werden: Diese Betrachtungsweise des neueren Sozialismus, insbesondere die materalistische Geschichtsauffassung, sind im wesentlichen naturwissenschaftlich orientiert. Was sind sie in Wahrheit?

[ 38 ] Such matters lie outside the scope of the humanities, which do not take sides but seek only to view the facts objectively. Yet it must be said: This perspective of modern socialism—in particular, the materialist conception of history—is essentially oriented toward the natural sciences. What are they, in truth?

[ 39 ] Für den Geistesforscher ist, was zum Beispiel Karl Marx mit solcher dialektischer Schärfe, eindringlicher Logik dargestellt hat, ein Ausdruck desjenigen, was die Menschheit an sozial-sittlichen Impulsen in den vier Jahrhunderten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts geträumt hat. Karl Marx hat das geschildert, was an Impulsen durch drei bis vier Jahrhunderte, vom 16. Jahrhundert angefangen, klar da war. Aber es war so da, daß es nicht in den wachen Tagesvorstellungen lebte, sondern daß die Menschheit in ihren Impulsen, in ihren sozialen, sittlichen Ideen, diese Dinge träumte. Und als eigentlich der "Traum schon ausgeträumt war, als eigentlich schon eine sozial-sittliche Ordnung eingetreten war, wie sie im Sinne der Träume der letzten vier Jahrhunderte war, da schrieb über das, was schon Leichnam geworden war, woraus schon ein Erwachen stattfinden sollte, Karl Marx seine Bücher. In der Wirklichkeit lebte das, was Karl Marx als Programm hinstellen wollte, in der Zeit, die vorher war, eigentlich bevor er sogar mit seinen Gedanken dagewesen ist.

[ 39 ] For the researcher of the spirit, what Karl Marx, for example, presented with such dialectical acuity and compelling logic is an expression of the social and moral impulses that humanity had dreamed of during the four centuries leading up to the mid-19th century. Karl Marx described the impulses that had been clearly present over three to four centuries, beginning in the 16th century. But they existed in such a way that they did not live in waking, everyday consciousness; rather, humanity dreamed of these things in its impulses, in its social and moral ideas. And when, in fact, the “dream had already been dreamt to the end,” when, in fact, a social and moral order had already come into being—one that corresponded to the dreams of the past four centuries—it was then that Karl Marx wrote his books about what had already become a corpse, from which an awakening was to take place. In reality, what Karl Marx sought to present as a program had already existed in the time that preceded him—in fact, even before his ideas had come into being.

[ 40 ] Aber die Wirklichkeit fordert, daß jetzt, wie ich charakterisiert habe, mit Überspringung der naturwissenschaftlichen Denkweise die sozial-sittlichen Ideen durchdrungen werden von dem, was höheres Bewußtsein, was übersinnliches Bewußtsein, was Ergreifen ist der im sozial-sittlichen Leben existierenden übersinnlichen Impulse. Früher konnte man das instinktiv erfassen. Und selbst das, worüber Karl Marx geschrieben hat, ist noch instinktiv durchträumt worden. Die neue Zeit darf es sich nicht mehr gestatten, bloß zu träumen, bloß instinktiv die sozial-sittlichen Ideen zu erleben; sie muß dieselben einzutauchen wissen in das imaginative Erkennen, in das Erkennen desjenigen, was übersinnlich in dem menschlichen historischen, in dem sozial-politischen Strom waltet, in den der Mensch eingespannt ist.

[ 40 ] But reality demands that now—as I have characterized it—by transcending the scientific mode of thinking, social and moral ideas be permeated by what constitutes higher consciousness, supersensory consciousness, and the grasping of the supersensory impulses existing in social and moral life. In the past, one could grasp this instinctively. And even what Karl Marx wrote about was still instinctively imbued with this sense. The new era must no longer allow itself merely to dream, merely to experience social and moral ideas instinctively; it must know how to immerse them in imaginative cognition—in the recognition of that which reigns supersensibly in the human historical and sociopolitical current in which humanity is enmeshed.

[ 41 ] Man kann, wenn man trivial sein will, von jeder Zeit sagen, es ist eine «Übergangszeit». Es handelt sich nur immer darum, was übergeht. In unserer Zeit geht aber das alte instinktive Erkennen über in das bewußte Erkennen. Auf dem Gebiete der Naturanschauung hat unsere Zeit das Zwischenstadium der Naturwissenschaften betreten. Im Sozialen muß sie den unmittelbaren Übergang finden vom instinktiven sozial-politischen Fühlen, wie es sich in der alten Zeit mystisch, in alten instinktiven Vorstellungen, auslebte, wie es noch herübergetragen ist zum Beispiel im Römischen Recht, sie muß den Übergang finden zum Schöpferischen. Sie muß diesen Übergang zum Schöpferischen auch da finden, wo, ich möchte sagen, die sittlich-sozialen Ideen unmittelbar in die Menschheitsgestaltung selber eingreifen: auf dem Gebiete der Pädagogik. Mit reinen Erkenntnisbegriffen, wie sie dem wachen Tagesbewußtsein vorliegen, kann man weder ein Pädagoge noch ein Politiker, noch irgend jemand sein, der an der Gestaltung des sozialen Lebens an dieser oder jener Stelle teilnimmt. Es wird eine Zeit kommen, wo man über das, was heute als Nationalökonomie, über das, was heute als sozialpolitische Theorien auftritt, ebenso denken wird, lächelnd denken wird, wie man heute lächelnd denken würde, wenn irgendein Theoretiker, der sich Ästhetiker nennt, die Musterbeispiele aufschreiben würde, wie eine richtige Oper oder Symphonie eigentlich sein muß, ein Theoretiker, der nicht komponieren kann, der nur ästhetisch-wissenschaftlich eine Symphonie oder eine Oper betrachten, der selber nicht aus dem imaginativen Leben heraus schaffen kann. Wenn der das Musterbeispiel hinstellte, man würde lachen.

[ 41 ] If one wishes to be trivial, one can say of every era that it is a “time of transition.” The question is always what is transitioning. In our time, however, the old instinctive cognition is giving way to conscious cognition. In the realm of the view of nature, our age has entered the intermediate stage of the natural sciences. In the social sphere, it must find the direct transition from instinctive socio-political feeling—as it was lived out mystically in ancient times through old instinctive conceptions, and as it has been carried over, for example, into Roman law—it must find the transition to the creative. It must also find this transition to the creative realm where, I might say, moral and social ideas directly intervene in the very shaping of humanity: in the field of education. With purely intellectual concepts, as they present themselves to waking, everyday consciousness, one cannot be an educator, nor a politician, nor anyone who participates in shaping social life in this or that sphere. A time will come when people will think about what is today called political economy, and about what is today presented as social-political theories, will be viewed—with a smile—just as one would smile today if some theorist calling himself an aesthetician were to write down model examples of how a proper opera or symphony ought to be—a theorist who cannot compose, who can only view a symphony or an opera from an aesthetic-scientific perspective, and who cannot himself create from the life of the imagination. If he were to present that model example, people would laugh.

[ 42 ] So sonderbar es heute noch klingt: Was aus bloßen Begriffen des wachen Tagesbewußtseins als Nationalökonomie, die sich so unzulänglich erwiesen hat, auftritt, wird man so ansehen. Lächelnd verstehen wird man es als einen Irrtum, der begreiflich war im naturwissenschaftlichen Zeitalter. Aber man wird es überwinden, wenn die Betrachtung des sozial-sittlichen Lebens in eine solche Begriffswelt einlaufen muß, die in lebendiger Verbindung steht mit der übersinnlichen Wirklichkeit, die in das Rechtsleben, Pflichtleben, in das geistige Leben, das von sozialer Liebe durchdrungen ist, in das Organisationsleben der Gemeinschaften dieses Übersinnliche hereinbringt.

[ 42 ] As strange as it may still sound today: What appears, based on mere concepts of waking daytime consciousness, as “national economy”—a concept that has proven so inadequate—will be viewed as such. People will smile and understand it as a mistake that was understandable in the age of the natural sciences. But it will be overcome when the consideration of social and moral life must flow into a conceptual world that stands in living connection with the supersensible reality—a reality that brings the supersensible into legal life, the life of duty, spiritual life permeated by social love, and the organizational life of communities.

[ 43 ] Und man kann sogar im einzelnen angeben, daß derjenige, der an der staatlich-sozialen Gestaltung eines Gemeinwesens teilnehmen will, ein Bild nur von einer, ich möchte sagen, wissenschaftlichen Betrachtung gewinnen kann, die etwas Künstlerisches hat, die selbst künstlerisch-schöpferisch ist, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf. Nicht Ästhetiker, sondern Komponisten müssen Opern und Symphonien schaffen. Nicht naturwissenschaftlich denkende Theoretiker können soziale Begriffe finden, sondern diejenigen, die von Begriffen durchdrungen sind, die aus diesem Lebendigen heraus sind, das sonst nur in den Traum-Impulsen aufsteigt, im Gefühls-, im Gemüts-, im Affekt-, im Leidenschaftsleben, im Willensleben selber.

[ 43 ] And one can even specify in detail that anyone who wishes to participate in the state-social organization of a community can gain a perspective only from what I would call a scientific approach—one that has something artistic about it, that is itself artistic and creative, if I may use that expression. It is not aestheticians but composers who must create operas and symphonies. Social concepts cannot be found by theorists who think in scientific terms, but rather by those who are imbued with concepts that arise from this living reality, which otherwise emerges only in the impulses of dreams, in the life of feelings, moods, emotions, passions, and in the life of the will itself.

[ 44 ] Und die soziale Gestaltung des Gemeinwesens kann sich nur ergeben aus der imaginativen Erkenntnis. Jenes Leben, das die sozialen Gemeinwesen durchdringt, jenes Leben des Traums, das aus dem Menschen herausströmt in Liebe, in Liebe des einen Menschen zum andern, im gegenseitigen Verstehen, dieses Leben, das dann Pflichtenleben wird, kann nur seine äußere Ausgestaltung im Gemeinwesen erfahren unter dem Einfluß von inspirierten Begriffen des schauenden Bewußtseins.

[ 44 ] And the social organization of the community can arise only from imaginative insight. That life which permeates social communities—that life of the dream which flows out of the human being in love, in the love of one human being for another, in mutual understanding—this life, which then becomes a life of duty, can only find its external expression in the community under the influence of inspired concepts of the contemplative consciousness.

[ 45 ] Und das Rechtsleben, dieses Rechtsleben, das heute noch vollständig unter dem Nachklang von alten Rechtsbegriffen steht, die noch dem instinktiven Bewußtsein der Menschen entstammen, entweder dem Bewußtsein der germanischen oder dem Bewußtsein der romanischen Völker — im Römischen Recht, als instinktiver Ausgestaltung, leben heute nur Begriffe, die in Wirklichkeit von dem nichts fassen, was ursprünglich unter römischem Rechtsbegriff lebte —, dieses Rechtsleben, das so dunkel bleibt für das naturwissenschaftliche Betrachten, dieses Rechtsleben, an dem herumgepfuscht wird, indem man alle möglichen und unmöglichen psychologischen Begriffe der neueren Zeit, naturwissenschaftlich betrachtet, in den Gerichtssaal hineinträgt, dieses Rechtsleben wird erst gedeihlich schöpferisch wiederum werden können, wenn es von intuitiver Erkenntnis durchzogen ist.

[ 45 ] And legal life—this legal life— which even today remains entirely steeped in the echoes of ancient legal concepts that still stem from the instinctive consciousness of human beings—whether the consciousness of the Germanic or the consciousness of the Romance peoples—in Roman law, as an instinctive manifestation, only concepts survive today that in reality capture nothing of what originally lived under the Roman legal concept— this legal life, which remains so obscure to scientific observation; this legal life, which is being tampered with by bringing all manner of possible and impossible modern psychological concepts—viewed from a scientific perspective—into the courtroom; this legal life will only be able to flourish and become creative once again when it is permeated by intuitive insight.

[ 46 ] Wahrhaftig, nicht um ein paar Träumer handelt es sich in anthroposophischer Lebensbetrachtung, sondern um Menschen, die tauglich werden sollen, sich kraftvoll ins Leben hineinzustellen, dieses Leben zu ergreifen und mitzuarbeiten im Leben; nicht um die Begründung einzelner Kolonien von ein paar Leuten, die auf ihre Art sich’s wohlgehen lassen wollen und irgendwo in einer Gebirgsgegend vegetarisch essen und ähnliche Allotria weiter treiben, handelt es sich, sondern darum handelt es sich, die Zeichen der Zeit zu verstehen, zu wissen, was wirklich historisch notwendig ist im Entwickelungsgang der Menschen. Anthroposophie ist nicht die Liebhaberei einzelner Gruppen; Anthroposophie ist etwas, was vom Geiste unserer Zeit selber gefordert wird.

[ 46 ] Truly, the anthroposophical view of life is not about a few dreamers, but about people who are to become capable of stepping powerfully into life, seizing this life, and working together within it; it is not a matter of establishing isolated colonies of a few people who want to live comfortably in their own way, eating vegetarian meals somewhere in a mountainous region and engaging in similar frivolities; rather, it is a matter of understanding the signs of the times and knowing what is truly historically necessary in the course of human development. Anthroposophy is not a hobby for individual groups; anthroposophy is something demanded by the spirit of our time itself.

[ 47 ] Alles, was heute so vielfach als pädagogische Regeln existiert, wird der Erkenntnis weichen, die auf geisteswissenschaftlichem Wege von der Natur, von der Wesenheit des Menschen gefunden werden kann. Vorgefaßte Regeln, vorgefaßte Gesetze werden bei den künftigen Pädagogen nichts sein. Aber eine sich in unmittelbare, erkennende Liebe verwandelnde Verständigung mit dem kommenden, mit dem werdenden Menschenwesen wird den Pädagogen durchdringen. Er wird ganz anderes lernen als theoretische Pädagogik; er wird lernen, im vollen Leben darinnen zu stehen. Er wird daher auch jedem individuellen Wesen gewachsen sein. Man wird verstehen lernen, wie sich Freiheit und Notwendigkeit im Leben durchdringen.

[ 47 ] Everything that today exists so widely as pedagogical rules will give way to the insight that can be gained through the humanities regarding nature and the essence of the human being. Preconceived rules and preconceived laws will mean nothing to future educators. Instead, educators will be imbued with an understanding of the emerging, developing human being that transforms into direct, perceptive love. They will learn something entirely different from theoretical pedagogy; they will learn to stand within life itself in its fullness. They will therefore be able to meet the needs of every individual being. People will come to understand how freedom and necessity interpenetrate in life.

[ 48 ] Man wird verstehen lernen, daß das sittlich-soziale Leben, nach naturwissenschaftlichem Muster betrachtet, etwa so wäre, wie wenn ich hier einen Gegenstand habe, einen zweiten Gegenstand, einen dritten Gegenstand. Den ersten Gegenstand beleuchte ich, lasse Lichtstrahlen darauf fallen, da ist er beleuchtet; jetzt beleuchte ich den zweiten Gegenstand, der erste wird dunkel; jetzt lasse ich den zweiten dunkel werden, beleuchte den dritten. Ich verfolge das. Indem ich dieses verfolge, sage ich: Der erste Gegenstand ward erst beleuchtet, das ist die Ursache des Leuchtens des zweiten; der zweite ist die Ursache des Leuchtens des dritten. Eine solche Illusion, wie wenn der erste Körper, der von außen beleuchtet ist, als Ursache des Beleuchtetseins des zweiten wirkte und der zweite als Ursache des Beleuchtetseins des dritten, eine solche Illusion liegt jener geschichtlichen Betrachtungsweise zugrunde, welche die folgende Tatsache immer als die Wirkung der vorhergehenden Tatsache betrachtet, die vorhergehende wiederum als die Wirkung der ihr vorhergehenden Tatsache. So wie gar kein Zusammenhang besteht zwischen dem Leuchten des ersten Gegenstandes, dem Leuchten des zweiten, dem Leuchten des dritten Gegenstandes, wenn sie beleuchtet werden aus einer gemeinsamen Lichtquelle, und so wie auf diese geschaut werden muß, wenn man erkennen will, warum ein Körper nach dem andern aufleuchtet, so besteht kein solcher Kausalzusammenhang, wie in der Natur, in der aufeinanderfolgenden Geschichte. Sondern es besteht die Tatsache, daß ein gemeinsames Licht die aufeinanderfolgenden Tatsachen beleuchtet. Und es muß in dieses Licht in einer höheren, übersinnlichen Erkenntnis eingedrungen werden.

[ 48 ] One will come to understand that moral and social life, viewed according to the model of the natural sciences, would be roughly like this: suppose I have an object here, a second object, and a third object. I shine a light on the first object, letting rays of light fall upon it, and it is illuminated; now I shine a light on the second object, and the first becomes dark; now I let the second go dark and shine a light on the third. I observe this. As I observe this, I say: The first object was illuminated first; that is the cause of the second’s illumination; the second is the cause of the third’s illumination. Such an illusion—as if the first object, illuminated from the outside, acted as the cause of the second object’s illumination, and the second as the cause of the third’s—underlies that historical mode of observation which always regards the following fact as the effect of the preceding fact, and the preceding fact, in turn, as the effect of the fact preceding it. Just as there is absolutely no connection between the illumination of the first object, the illumination of the second, and the illumination of the third object when they are illuminated by a common light source—and just as one must view them in this way if one wishes to understand why one body after another becomes illuminated—so too does no such causal connection exist in sequential history as it does in nature. Rather, the fact is that a common light illuminates the successive events. And one must penetrate this light through a higher, supersensible understanding.

[ 49 ] Was in der Naturwissenschaft gut ist: die Dinge im einzelnen zu teilen, die Dinge im einzelnen zu ergreifen —, in der Geisteswissenschaft geht es nicht. Aber im sozial-politischen Leben geht es auch nicht. Für die Geisteswissenschaft wäre eine Beschreibung des sozial-politischen Lebens im einzelnen geradeso — verzeihen Sie den Vergleich, aber er wird vielleicht, wenn ich ihn gebrauche, das, was zu sagen ist, treffend wiedergeben können —, wie wenn ein Schachspieler sich genau abzirkeln wollte, was er an Zügen machen will, und glauben würde, wenn er sich nun mit einem Partner an den Schachtisch setze, so könne er diese Züge durchführen, die er zuerst sich ausgedacht hat. Er kann sie nicht durchführen, denn das hängt von den Zügen des Gegners ab! Aber deshalb kann man doch, wenn man die Regeln des Schachspiels beherrscht, ein guter Schachspieler sein. Man kann gewissermaßen als Schachspieler seinen Mann stellen oder seine Frau. Und so ist es auch, wenn man das Leben meistern will. Nur auf dem Gebiete der Natur gibt es ein Abgezirkeltes an Gesetzen. Wenn man dem Leben gegenübersteht, dann muß man Können haben, das diesem Leben auch gewachsen ist. Dann muß man immer darauf gefaßt sein, daß einem so etwas aus der Fülle des Lebens entgegentritt, wie es der Partner beim Schachspiel ist.

[ 49 ] What works well in the natural sciences—breaking things down into their individual parts, examining them in detail—does not work in the humanities. Nor does it work in sociopolitical life. For the humanities, a detailed description of sociopolitical life would be just as—forgive the comparison, but perhaps, if I use it, it will aptly convey what needs to be said—as if a chess player were to meticulously map out exactly which moves he intends to make, and were to believe that once he sat down at the chessboard with an opponent, he could carry out those moves he had first conceived. He cannot carry them out, because that depends on his opponent’s moves! But that does not mean that, if one has mastered the rules of chess, one cannot be a good chess player. As a chess player, one can, so to speak, hold one’s own. And the same is true if one wants to master life. Only in the realm of nature do laws exist that are strictly defined. When you face life, you must possess the skills necessary to rise to its challenge. You must always be prepared for something from the abundance of life to confront you, just as your opponent does in a game of chess.

[ 50 ] Jedes einzelne Kind ist beim Pädagogen etwas wie der Partner für den Schachspieler, jedes einzelne Kind. Die pädagogische Wissenschaft wird Formen annehmen, durch die sie den Menschen lebenstüchtig macht, fähig macht, einzudringen in jedes einzelne Menschenwesen. Ein solches Leben im Sozial-Politischen kann aber nur hervorgehen aus einem wirklichen Erkennen desjenigen, was in den Menschenleben und Menschenwesen wirklich steckt, was da geträumt wird als Geschichte, was geträumt wird als sozial-politische Impulse. Wieviel wird nach dieser Richtung heute noch versäumt!

[ 50 ] For the educator, every single child is something like a partner to a chess player—every single child. Educational science will take on forms through which it equips people with the skills to live, enabling them to penetrate into every single human being. Such a life in the socio-political sphere, however, can only emerge from a genuine recognition of what truly lies within human lives and human beings—what is dreamed of as history, what is dreamed of as socio-political impulses. How much is still being neglected in this regard today!

[ 51 ] In der Geisteswissenschaft — ich will darauf nur hinweisen — ist seit vielen Jahren der Anfang damit gemacht worden, zu studieren, welches das Wesen der westlichen Völker Europas, der mittleren Völker Europas, der östlichen Völker Europas ist, was da für Impulse wirklich leben, wie sich die verschiedenen Seelenäußerungen verteilen, geographisch, historisch, welche Impulse wirklich vorhanden sind. Nur durch die Kenntnis der wirklich vorhandenen Impulse kann jene Imagination, jene Inspiration entstehen, welche sich ausleben kann in den sittlich-sozialen Ideen, wie sie im sozialen Leben, im Pflichtenleben, im Rechtsleben, hervortreten in der Weise, wie es schon angedeutet ist. Auch Anfänge sind gemacht worden auf diesem Gebiete. Auf einen sehr vielversprechenden Anfang darf ich hinweisen gerade hier in der Schweiz, weil hier wirklich einmal aus der Kenntnis der im unmittelbaren Leben wirkenden Impulse ein Einzelnes, ein Detail herausgeholt worden ist in juristischer Beziehung. In dieser Beziehung darf ich hinweisen auf das, was Dr. Roman Boos als Buch hat erscheinen lassen über den «Gesamtarbeitsvertrag nach Schweizerischem Recht», ein Buch, das zum erstenmal aus der wirklichen essentiellen Substanz, aus dem Wesen heraus gewisse im Rechtsleben vorhandene Begriffe und Institutionen erfaßt, der «Gesamtarbeitsvertrag nach Schweizerischem Recht» von Dr. Roman Boos.

[ 51 ] In the spiritual sciences—I just want to point this out—a start was made many years ago to study the nature of the Western, Central, and Eastern peoples of Europe; to examine what impulses are truly alive there; to observe how the various expressions of the soul are distributed geographically and historically; and to determine which impulses are actually present. Only through knowledge of the impulses that are truly present can that imagination, that inspiration, arise which can find expression in moral and social ideas, as they emerge in social life, in the life of duty, and in legal life, in the manner already indicated. Steps have also been taken in this area. I would like to point out a very promising beginning right here in Switzerland, because here, for the first time, a specific detail has been extracted in a legal context from an understanding of the impulses at work in everyday life. In this regard, I would like to point to the book published by Dr. Roman Boos on the “Collective Bargaining Agreement under Swiss Law,” a book that, for the first time, captures certain concepts and institutions existing in legal life from their true essential substance, from their very essence: The Collective Bargaining Agreement under Swiss Law by Dr. Roman Boos.

[ 52 ] Man hat allerdings in der neueren Zeit mancherlei Ansätze gemacht, um aus dem seelisch-sozialen Wesen heraus zu erkennen, wie die Gesetze, wie die Impulse sich nach und nach abspielen. So hat ein Amerikaner ein sehr interessantes Buch geschrieben — ich weiß nicht, ob er sich heute noch dazu bekennt; Roosevelt hat eine Vorrede dazu geschrieben, die aber weniger bedeutend ist als das Buch —, dieser Amerikaner hat also ein Buch geschrieben, in dem er zeigen will, wie die Völker sich in zwei Gruppen teilen: Die eine Gruppe sind die aufstrebenden, die wachsenden, die fortschreitenden Völker, die anderen sind die absteigenden, die in die Dekadenz verfallenden Völker. Das Seelische bei den aufsteigenden Völkern schildert Brooks Adams, der Amerikaner, so, daß er sagt: Es geht hervor aus einer grundseelischen Eigenschaft dieser Völker, aus dem Imaginativ-Kriegerischen; so daß Völker, die Zukunft haben, mit imaginativem Phantasieleben und mit kriegerischen Impulsen begabt seien. — Nicht ich sage es, des Amerikaners Brooks Adams Urteil ist es! Und diejenigen Völker, die in die Dekadenz kommen, die keine Zukunft, die nur eine Vergangenheit hinter sich haben, eine ähnliche Vergangenheit im kriegerischen und imaginativen Leben, das sind die industriellen und wissenschaftlichen Völker.

[ 52 ] In recent times, however, various attempts have been made to understand, based on the psychological and social nature of human beings, how laws and impulses gradually come into play. For example, an American has written a very interesting book—I don’t know if he still stands by it today; Roosevelt wrote a foreword to it, though it is less significant than the book itself—this American has written a book in which he seeks to show how peoples are divided into two groups: one group consists of the rising, growing, and progressive peoples, while the other consists of the declining peoples, those falling into decadence. Brooks Adams, the American, describes the spiritual nature of the rising nations as follows: It stems from a fundamental spiritual quality of these nations, from the imaginative-warrior spirit; thus, nations that have a future are endowed with an imaginative life of the spirit and with warrior impulses. — I am not the one saying this; it is the judgment of the American Brooks Adams! And those nations that are falling into decadence—those that have no future, that have only a past behind them, a similar past in their warlike and imaginative lives—these are the industrial and scientific nations.

[ 53 ] Das ist selbstverständlich einseitig. Aber selbst diese einseitigsten Betrachtungen zeigen, daß man schon den Versuch gemacht hat aus dem heraus, was wirklich ist, eine Bemeisterung des Lebens durch wirklich sittlich-soziale Ideen zu finden. Nur kann man das Leben nicht überschauen mit den Begriffen, die nur an dem Muster der Naturwissenschaft gebildet sind. Überschauen kann man es nur, wenn man in die Tiefen, in die übersinnlichen Tiefen dieses Lebens eindringt. Und das kann man eben nur durch das schauende Bewußtsein, dessen sich die Geisteswissenschaft bedient.

[ 53 ] This is, of course, one-sided. But even these most one-sided perspectives show that an attempt has already been made to find, based on what is real, a way to master life through truly moral and social ideas. However, one cannot grasp life in its entirety using concepts that are based solely on the model of the natural sciences. One can only grasp it by penetrating into the depths—the supersensory depths—of this life. And this can only be achieved through the contemplative consciousness employed by spiritual science.

[ 54 ] Ich konnte nur spärliche Andeutungen machen. In einzelnen Vorträgen kann ich ja immer nur Anregung geben. Geisteswissenschaft kann man heute leicht anfeinden, leicht widerlegen, denn sie kann immer nur Anregungen geben. Dann ist es für jemanden, der ein, zwei Vorträge einmal hört, wirklich kinderleicht, alle möglichen Widerlegungen, die strengste Kritik anzubringen, selbstverständlich. Aber so glücklich ist ja Geisteswissenschaft heute nicht, daß sie unzählige Lehrstühle, wie die andere Wissenschaft, zur Verfügung hat. Das wird auch kommen. Und dann werden die Kritiken von jenem Kaliber, wie sie heute noch gegen die Geisteswissenschaft da sind, verstummen. Solche Dinge haben sich ja im Laufe der Entwickelung der Menschheit in der mannigfaltigsten Weise gezeigt. Sie gehen geradeso, wie diese Dinge gegangen sind. Aber diese Geisteswissenschaft, sie kann eben heute bloß anregen. Sie kann auch in bezug auf die sozialsittlichen Ideen nur Anregungen geben.

[ 54 ] I could only offer a few hints. In individual lectures, I can, after all, only provide inspiration. It is easy to attack spiritual science today, easy to refute it, because it can only ever offer suggestions. So it is, of course, child’s play for someone who listens to one or two lectures to come up with all sorts of refutations and the harshest criticism. But spiritual science is not yet in such a fortunate position today that it has countless university chairs at its disposal, as other sciences do. That, too, will come. And then the criticism of the caliber that still exists today against spiritual science will fall silent. Such things have, after all, manifested themselves in the most diverse ways throughout the course of human development. They will unfold just as these things have unfolded. But spiritual science today can only offer inspiration. Even with regard to social and moral ideas, it can offer only inspiration.

[ 55 ] Und wenn man schließlich alles überblickt, was heute skizzenhaft vorgebracht worden ist, würde man es gipfeln lassen können, indem man zeigt, daß das Gemeinwesen sich unter dem Einflusse lebendiger sittlich-sozialer Ideen auch so entwickeln muß, daß der Mensch als Ganzes, als Totalwesen, in diesem Gemeinwesen drinnen zur Entwickelung kommen kann. Zu diesem Totalwesen gehört aber, was ich gestern ausgeführt habe: das selbständige, ewige Wesen des Menschen, dieses selbständige ewige Wesen, von dem ich gestern sagen durfte, daß in ihm die Freiheits-Idee ist.

[ 55 ] And when one finally takes stock of everything that has been outlined today, one could bring it to a climax by showing that, under the influence of living moral and social ideas, the community must also develop in such a way that the human being as a whole—as a total being—can develop within this community. But this total being includes what I explained yesterday: the independent, eternal nature of the human being—this independent, eternal nature of which I was able to say yesterday that it contains the idea of freedom.

[ 56 ] Die höchste der sozial-sittlichen Ideen ist diese Freiheits-Idee. Kein Gemeinwesen wird die Freiheits-Idee in sich verwirklichen können, das nicht von übersinnlichen Ideen ausgeht. Denn gedeihen kann das Übersinnliche, das frei sein kann, allein da, wo die Gestaltung des Gemeinwesens von übersinnlichen Impulsen, Empfindungen, Begriffen, Vorstellungen ausgeht. Die Vorstellungen des gewöhnlichen, des wachen Tagesbewußstseins, die so glorios bedeutsam geworden sind für die Naturwissenschaft, sie wirken nicht in dem Leben, in dem die sozial-sittlichen Ideen wirken. Will der Mensch wirken in diesem Leben, so muß er mit einem andern Gliede seines Wesens hineinarbeiten in dieses sittlich-soziale Leben, mit einem anderen Gliede seines Wesens als mit dem, das tüchtig wird durch die naturwissenschaftliche Vorstellungsweise.

[ 56 ] The highest of all social and moral ideas is this idea of freedom. No community will be able to realize the idea of freedom within itself unless it is grounded in transcendental ideas. For the supersensible—which can be free—can flourish only where the structure of the community is based on supersensible impulses, feelings, concepts, and ideas. The ideas of ordinary, waking daily consciousness—which have become so gloriously significant for the natural sciences—do not operate in the realm where social-moral ideas operate. If a person wishes to have an impact in this life, they must engage in this moral and social life with a different aspect of their being—one other than the aspect that is developed through the scientific mode of thinking.

[ 57 ] Man kann sagen: Die großen Menschen der Vergangenheit haben in einzelnen Lichtblitzen schon gesehen, um was es sich handelte. Und habe ich gestern in anderer Weise am Schlusse hinweisen können auf den Geist, der einer der größten ist im Verlauf des menschlichen Geisteslebens, nach dem ich am liebsten die Geistesrichtung, die ich selber vertrete, Goetheanismus benennen würde, so darf ich auch heute am Schlusse, um empfindungsgemäß zusammenzufassen, was ich angegeben habe, wiederum hinweisen auf Goethe. Er hat noch nicht Geisteswissenschaft gehabt. Aber wenn er auf das geschichtliche Leben, das ja die Ausgestaltung des sozial-sittlichen Lebens ist, hinblickte und sich klarmachen wollte, was diesem sozial-sittlichen Leben, wie es sich in der Geschichte verkörpert, wenn ich so sagen darf, zugrunde liegt, da kamen ihm merkwürdige Worte, schöne Worte, indem er sagte: Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt.

[ 57 ] One could say: The great figures of the past already glimpsed, in fleeting flashes of insight, what it was all about. And just as I was able to point out yesterday, in a different way, toward the end of my talk, the spirit that is one of the greatest in the course of human spiritual life—the spiritual orientation that I myself represent, which I would most like to call “Goetheanism”—so too may I point to Goethe again today, toward the end, in order to summarize intuitively what I have stated. He did not yet have spiritual science. But when he looked upon historical life—which is, after all, the embodiment of social and moral life—and sought to understand what underlies this social and moral life as it is embodied in history, if I may put it that way, remarkable words, beautiful words, came to him when he said: “The best thing we have from history is the enthusiasm it arouses.”

[ 58 ] Was liegt Wunderbares in einem solchen Ausspruche! Ich sagte, Friedrich Theodor Vischer, der V-Vischer, habe gesagt: Die Leidenschaften, Affekte, das Gefühlsleben kann man nicht verstehen, wenn man den Traum nicht versteht. — Goethe schaut hin auf das, was in der Geschichte von der Menschheit durchlebt wird, auf den Geschichts-Traum. Er weiß instinktiv, intuitiv, daß die Menschheit träumt, indem sie Geschichte lebt, daß also nicht in den Vorstellungen, die ähnlich sind den naturwissenschaftlichen Vorstellungen, die geschichtlichen Impulse sich ausleben, sondern in dem, was in der TraumesSphäre des geschichtlichen Erlebens sich auslebt. Deshalb ist das Beste, was wir von der Geschichte haben, nicht jene Fable convenue, die in den Geschichtsbüchern steht und die wir heute als die Geschichte verehren, die aber nichts anderes gibt als den Leichnam, den schon getöteten Leichnam, nicht das, was als der Strom der Menschheit im sozial-politischen Werden sich entfaltet.

[ 58 ] What wonder lies in such a statement! I said that Friedrich Theodor Vischer—V-Vischer—had said: “One cannot understand passions, emotions, or the life of the feelings unless one understands dreams.” — Goethe looks at what humanity experiences throughout history, at the “dream of history.” He knows instinctively, intuitively, that humanity dreams as it lives history; that is, historical impulses do not play out in concepts similar to those of the natural sciences, but rather in what unfolds within the dream-sphere of historical experience. That is why the best we have from history is not that “fable convenue” found in history books—which we revere today as history, but which offers nothing more than the corpse, the corpse that has already been killed—not that which unfolds as the stream of humanity in socio-political becoming.

[ 59 ] Und Goethe weiß: Nicht was in den Geschichtsbüchern steht, ist das, was der Mensch als bestes von der Geschichte hat, sondern das, was mit diesem Traum von der Geschichte zusammenhängen kann, eine gute Eigenschaft, eine schöpferische Eigenschaft: der Enthusiasmus, den die Geschichte erregt.

[ 59 ] And Goethe knows: It is not what is written in history books that people gain from history, but rather what may be connected to this dream of history—a good quality, a creative quality: the enthusiasm that history inspires.

[ 60 ] Damit hat er von der einen Seite her erahnend eine große Wahrheit ausgesprochen, eine Wahrheit, die reformatorisch werden muß, wenn die Menschheit über die katastrophalen Ereignisse, wie die der Gegenwart sind, hinauskommen will.

[ 60 ] In this way, he has, in a sense, intuitively articulated a great truth—a truth that must become a force for reform if humanity is to move beyond catastrophic events such as those we are experiencing today.

[ 61 ] Aber diese Wahrheit läßt sich auf der anderen Seite ergänzen, indem man darauf aufmerksam macht, daß nicht mit ausgeklügelten Begriffen nach dem Muster naturwissenschaftlicher Vorstellungen, wie sie auch schon im neueren sozialen Leben, wie sie in der neueren, auch in der akademischen Sozialwissenschaft leben, daß nicht mit solchen, nach dem Muster der Naturwissenschaft gebildeten Begriffen irgendwie fruchtbar in das sozial-sittliche Leben eingegriffen werden kann, sondern mit Begriffen, die dem Leben selbst viel verwandter, viel inniger mit ihm zusammenhängend sind, mit Ideen, die voll in diesem Leben drinnenstehen, wie sie angestrebt werden von der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft.

[ 61 ] But this truth can be supplemented by pointing out that one cannot intervene in social -moral life; rather, it can be achieved through concepts that are much more closely related to life itself, much more intimately connected with it—ideas that are fully immersed in this life, as sought after by anthroposophically oriented spiritual science.

[ 62 ] Stärkeres als die nicht schöpferischen Ideen in der Geschichte, von denen auch die Historiker träumen, stärkere Kräfte braucht es: Enthusiasmus braucht es. Alles, was bewirken soll, daß die menschlichen Gemeinschaften, daß das sozial-sittliche Leben sich entfalten kann, muß aus einem Enthusiasmus hervorgehen. Aber aus einem rechten Enthusiasmus. Und der rechte Enthusiasmus kann nur der sein, der entsteht, wenn das, was nun nicht naturwissenschaftlich erfaßt, sondern durch Vereinigung des einzelnen Menschen mit dem allgemein übersinnlich Menschlichen durch Imagination, durch Inspiration, durch Intuition erkannt werden kann, wenn das die Seele so erfüllt, daß der sittlich-soziale Enthusiasmus daraus wird.

[ 62 ] Stronger forces are needed than the non-creative ideas in history—the very ones that even historians dream of: what is needed is enthusiasm. Everything intended to enable human communities and social and moral life to unfold must spring from enthusiasm. But it must be the right kind of enthusiasm. And the right kind of enthusiasm can only be that which arises when what cannot be grasped by the natural sciences—but can be recognized through the union of the individual human being with the universally supersensible human through imagination, inspiration, and intuition—fills the soul in such a way that it becomes moral and social enthusiasm.

[ 63 ] Wie Goethe auf der einen Seite sagen konnte: Das Beste, was wir von der Geschichte haben, das ist der Enthusiasmus, den sie erregt-, so möchte der Geistesforscher hinzufügen: Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sucht in das Übersinnliche einzudringen; sie sucht das Ewige, das Unsterbliche, das Freiheitsgemäße im Menschenleben zu erkennen. Doch das Beste, was sie der Menschheit geben will, das wird sein, daß sie den Enthusiasmus einflößen kann und darf, der da gestaltend sein kann für das Höchste, das die Menschheit auf der Erde ausgestalten kann: das sittlich-soziale Leben, die sittlich-sozialen Ideen.

[ 63 ] Just as Goethe was able to say, on the one hand: “The best thing we have from history is the enthusiasm it arouses”—so the spiritual researcher might add: Anthroposophically oriented spiritual science seeks to penetrate the supersensible; it seeks to recognize the eternal, the immortal, and that which is in keeping with freedom in human life. Yet the best thing it wishes to give to humanity will be that it can and may instill the enthusiasm that can serve as a creative force for the highest thing humanity can bring into being on Earth: moral and social life, moral and social ideas.

[ 64 ] Nach dieser Richtung wollte ich mit diesem letzten Vortrag einige Andeutungen und Anregungen geben, um damit zu zeigen, daß Geisteswissenschaft nicht bloß eine Theorie sein will, sondern eine Kraft, die aus den innersten Impulsen des Lebens heraus mitarbeitet mit dem echten, wahren, mit dem tatkräftigen Menschenleben, wie wir es brauchen. Das zeigt sich in dieser katastrophalen Zeit.

[ 64 ] In this vein, I wanted to offer some hints and suggestions in this final lecture to show that spiritual science is not meant to be merely a theory, but a force that, arising from the innermost impulses of life, works together with genuine, true, and active human life—the kind we need. This is evident in these catastrophic times.