Freedom, Immortality and Social Life
On the Relationship Between the Soul and Spirit and the Physical Aspect of the Human Being
GA 72
28 November 1917, Bern
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Freedom, Immortality and Social Life, tr. SOL
5. Das Wirken der Seelenkräfte im Menschen und ihr Zusammenhang mit dessen ewiger Wesenheit
5. The Work of the Soul Forces in Human Beings and Their Connection to Their Eternal Essence
[ 1 ] Vor allen Dingen bitte ich, die beiden Vorträge, die ich heute und übermorgen hier halten werde, als ein zusammengehöriges Ganzes zu betrachten. Obwohl ich mich bemühen werde, jeden einzelnen Vortrag aus sich verständlich zu machen, wird doch manches gerade mit Bezug auf das in Aussicht gestellte Thema nur dadurch zu erreichen sein, daß ein Vortrag den anderen in einer gewissen Beziehung beleuchtet und beide zusammen ein Ganzes werden.
[ 1 ] Above all, I ask that you consider the two lectures I will be giving here today and the day after tomorrow as a single, cohesive whole. Although I will strive to make each individual lecture self-contained, certain points—particularly those related to the topic at hand—will only become clear when one lecture sheds light on the other in a certain way, and both together form a whole.
[ 2 ] Wenn man nun dasjenige, was den Betrachtungen der beiden Abende und den Betrachtungen, die ich bei früheren Vorträgen in dieser Stadt hier schon anstellen durfte, zugrunde liegt als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, ins Auge faßt, so kann man vielleicht in bezug auf die Empfindungen, welche zahlreiche unserer Zeitgenossen gegenüber dieser Geisteswissenschaft noch hegen, durch einen Vergleich sich ausdrücken, der einem einfallen kann. Das ist: Ich möchte diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in gewisser Beziehung vergleichen mit einem ungeladenen Gast in einer Gesellschaft. Die geladenen Gäste vergleiche ich dabei mit den anderen, gegenwärtig voll anerkannten wissenschaftlichen Richtungen und Strömungen, die gewissermafßen schon dadurch eingeladen sind zum Gesamtgeistesleben der Menschheit in der Gegenwart, daß ja die Menschen durch ihre Bedürfnisse, durch dasjenige, was die äußere Sinneswelt gibt, was sonst das Leben fordert, diese verschiedenen Wissenschaften in ihren Bereich ziehen wollen. Geisteswissenschaft findet sich heute noch innerhalb des Geisteslebens der Gegenwart so ein, als wenn man sie eben nicht gefordert hätte. Allein, einem ungeladenen Gast gegenüber, so unfreundlich, so unzart man vielleicht zunächst ist, einem ungeladenen Gast gegenüber beginnt man nach und nach höflicher zu werden, sogar höflicher als gegenüber den eingeladenen Gästen, wenn man merkt, er hat irgend etwas zu bringen, das man verloren hat, das er gefunden hat. Man hat das vorher nicht gewußt, und man merkt das dann erst.
[ 2 ] If we now consider the foundation underlying the reflections of these two evenings—and the reflections I have already had the opportunity to present in earlier lectures here in this city—as an anthroposophically oriented spiritual science, then perhaps we can express, with regard to the feelings that many of our contemporaries still harbor toward this spiritual science, a comparison that may come to mind. That is: I would like to compare this anthroposophically oriented spiritual science, in a certain sense, to an uninvited guest at a gathering. I compare the invited guests to the other, currently fully recognized scientific disciplines and currents, which are, so to speak, already invited into the overall spiritual life of humanity today simply because people—through their needs, through what the outer sensory world provides, and through what life otherwise demands—seek to draw these various sciences into their sphere. Spiritual science still finds its place within contemporary spiritual life today as if it had not been called for at all. Yet, just as one might initially be unfriendly or tactless toward an uninvited guest, one gradually begins to treat that guest more politely—even more politely than the invited guests—when one realizes that the guest has something to offer that one has lost and that the guest has found. One did not know this before, and only then does one realize it.
[ 3 ] So ist es wohl mit Anthroposophie, wenigstens nach dem Glauben der wenigen, die sich heute schon voll vertiefen können in das, was Anthroposophie eigentlich gegenüber den großen Aufgaben der Menschheit will. Was Anthroposophie der neueren Kultur, der Kultur der Gegenwart und der Kultur der Zukunft, bringen will, das ist etwas, das im Grunde genommen durch Jahrhunderte, Jahrtausende die Menschen in einer anderen Weise besessen haben, das sie wieder erringen sollen durch Geisteswissenschaft. Instinktiv haben die Menschen dasjenige besessen, aus einem gewissen instinktiven Seelenvermögen heraus, was man nennen kann: ein gefühltes Erkennen des Ewigen in der menschlichen Natur, ein gefühltes Erkennen der eigentlichen Menschenseele und ihrer Geheimnisse. Und nur derjenige, der gegenüber der Geistesgeschichte der Menschheit befangen ist, kann leugnen, daß diese instinktive Erkenntnis ebenso der Menschheit abhanden kommen mußte — die Menschheit ist eben in Entwickelung-, wie ihr in einem gewissen Punkte der geschichtlichen Entwickelung abhanden kommen mußte die mittelalterliche Weltanschauung in bezug auf das Räumliche des Weltenalls, wonach die Erde im Mittelpunkt steht, ruhend, die Sonne und die Sterne sich um sie bewegen. So wie diese räumliche Weltanschauung ersetzt werden mußte durch eine andere, so mußte gegenüber den großen, bedeutsamen und gerade von der Geisteswissenschaft — ich habe das hier oftmals betont — voll anerkannten Fortschritten der Naturwissenschaft weichen das alte instinktive Erkennen von dem Ewigen in der Menschenseele und von denjenigen Kräften, die in der Menschenseele vor allen Dingen dem Menschen am meisten wert sind, von der Erkenntniskraft des freien Willens, über die wir dann übermorgen sprechen werden.
[ 3 ] This is likely the case with anthroposophy, at least according to the belief of the few who are already able today to fully immerse themselves in what anthroposophy actually aims to achieve in relation to humanity’s great tasks. What anthroposophy aims to bring to modern culture—to the culture of the present and the culture of the future—is something that, in essence, has possessed people in a different way for centuries, even millennia, and which they are to regain through spiritual science. Instinctively, out of a certain instinctive capacity of the soul, human beings have possessed what might be called a felt recognition of the eternal in human nature, a felt recognition of the true human soul and its mysteries. And only someone who is biased against the spiritual history of humanity can deny that this instinctive knowledge was bound to be lost to humanity — for humanity is, after all, in a process of development, just as, at a certain point in historical development, it had to lose the medieval worldview regarding the spatial structure of the universe, according to which the Earth stands at the center, motionless, while the Sun and the stars move around it. Just as this spatial worldview had to be replaced by another, so too—in the face of the great, significant, and, as spiritual science has—I have often emphasized this here — the old, instinctive recognition of the eternal in the human soul and of those forces within the human soul that are, above all else, most precious to human beings—namely, the cognitive power of free will, which we will discuss the day after tomorrow.
[ 4 ] Ich glaube, daß gerade derjenige den eigentlichen Nerv, die tiefste Bedeutung dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft am besten würdigen kann, welcher die großen und bedeutsamen Fortschritte naturwissenschaftlichen Erkennens für den Gesamtfortschritt der Menschheit einsieht und nicht nur dilettantisch sich dazu verhält, sondern das Naturwissenschaftliche bis zu einem gewissen Grade auch erkennt. Doch gerade dadurch, daß die Menschheit dazu geführt worden ist, die Welt zu ergreifen mit naturwissenschaftlichen Methoden und dieses Ergreifen auch auszudehnen eben auf eine Weltanschauung, dadurch ist sie auf der anderen Seite darauf angewiesen, das Seelische nunmehr anders zu suchen, als sie es instinktiv durch Jahrhunderte, ja Jahrtausende gesucht hat.
[ 4 ] I believe that the very person who can best appreciate the true essence and deepest significance of this anthroposophically oriented spiritual science is the one who recognizes the great and significant advances in scientific knowledge for the overall progress of humanity—and who does not merely take an amateurish approach to the subject, but also understands the natural sciences to a certain degree. Yet precisely because humanity has been led to grasp the world through scientific methods—and to extend this grasp to a worldview—it is, on the other hand, now compelled to seek the spiritual in a different way than it has instinctively sought it for centuries, indeed millennia.
[ 5 ] Naturwissenschaftlich erkennt man nur richtig, wenn man von dem natürlichen Gebiete, das man zu beobachten, zu erforschen hat, das Seelische immer mehr und mehr ausschließt, wenn man immer weniger und weniger einmischt vom Seelischen in dasjenige, was man als Naturbild entwirft. So war es in früheren Zeiten nicht. In früheren Zeiten — man braucht nur, um das einzusehen, ein Kenner des Geistesstrebens früherer Zeiten zu sein — beobachtete der Mensch die Naturerscheinungen, und er fühlte instinktiv, wie durch die Naturerscheinungen Geistig-Seelisches zu ihm spricht. Er sonderte die Naturerscheinungen nicht ab von dem Geistig-Seelischen. Und so bekam er, indem er die Natur beobachtete, an den Naturtatsachen und Naturwesen zugleich geistig-seelisches Leben in sein Seelenleben herein.
[ 5 ] In the natural sciences, one can only perceive correctly if one increasingly excludes the spiritual from the natural realm one is observing and investigating, and if one introduces less and less of the spiritual into the picture of nature one is constructing. This was not the case in earlier times. In earlier times—one need only be familiar with the spiritual aspirations of those times to see this—people observed natural phenomena and instinctively sensed how the spiritual and psychological spoke to them through these phenomena. They did not separate natural phenomena from the spiritual and psychological. And so, by observing nature, they drew spiritual and soul life into their own inner life through both the facts of nature and the beings of nature.
[ 6 ] Der Mensch wäre nie zur völligen Befreiung seines Wesens gekommen, wenn er nicht den Aufstieg getan hätte zum naturwissenschaftlichen Erkennen. Also dadurch, daß sich die Seele völlig loslöst und im Naturbeobachten nur die Natur als solche gelten läßt, indem sie sich für die Naturwissenschaft loslöst von allem Seelischen in der Natur, dadurch wird die Seele gezwungen, um so stärkere, bedeutsame Kräfte aus ihrem eigenen inneren Seelen- und Geistesquell zu holen, um, abgesehen von aller Naturbetrachtung, abgesehen von allem Sinnesleben, in einer neuen Art in die geistige Welt einzutreten. Wenn etwas nämlich den wirkungsvollsten Anstoß geben muß, anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu treiben, so ist es das Durchschauen desjenigen, was Naturwissenschaft der Menschheit gebracht hat.
[ 6 ] Human beings would never have achieved the complete liberation of their being had they not made the ascent to scientific understanding. Thus, by the soul detaching itself completely and, in observing nature, accepting only nature as such—by detaching itself, for the sake of science, from everything spiritual in nature— the soul is thus compelled to draw all the more powerful and significant forces from its own inner wellspring of soul and spirit in order to enter the spiritual world in a new way, apart from all observation of nature and apart from all sensory life. For if there is one thing that must provide the most effective impetus for pursuing anthroposophically oriented spiritual science, it is the insight into what natural science has brought to humanity.
[ 7 ] Nun aber beginnt sogleich, wenn der Mensch der Gegenwart, namentlich derjenige, der sich schon daran gewöhnt hat, die Welt nach naturwissenschaftlicher Vorstellungsart zu betrachten, versucht, an das heranzukommen, was nun Geisteswissenschaft, so wie sie sich eben hereinstellen will in die Geistesbewegung der Gegenwart, geltend macht, es beginnt sofort ein sehr Bedeutungsvolles, möchte ich sagen, sich gegen diese Geisteswissenschaft ganz begreiflicherweise geltend zu machen. Und niemand begreift besser als derjenige, der gerade drinnensteht in dieser Geisteswissenschaft, daß diese Geisteswissenschaft gegenwärtig noch Gegner über Gegner haben muß, daß ihr mit allen möglichen Vorurteilen entgegengekommen werden muß. Was diese Geisteswissenschaft erforschen will: das Ewige in der Menschenseele, das Walten der über Geburt und Tod hinausweisenden Kräfte der Menschenseele, also dasjenige, was man zusammenfaßt unter dem Unsterblichkeitsproblem, und auch dasjenige, was man zusammenfaßt unter dem Freiheitsproblem, das ist zwar etwas, worüber zu wissen jeder Mensch ein selbstverständliches Begehren hat. Der Mensch will etwas wissen über die Gegenstände, die den Inhalt der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, bilden. Aber zu gleicher Zeit, wenn nun gesprochen wird von den Methoden, von der Art und Weise des Forschens, von den Dingen, die zu vollziehen sind, um in das bezeichnete Gebiet einzudringen, dann muß heute noch notwendigerweise, weil allgemeines Verständnis der Sache nicht entgegenkommen kann, ich möchte sagen, nicht nur die Gegnerschaft, sondern der Widerwille sogar vielleicht sich regen.
[ 7 ] But as soon as a person of the present day—especially one who has already become accustomed to viewing the world through the lens of the natural sciences—attempts to grasp what spiritual science, as it is now seeking to establish itself within the spiritual movement of the present, asserts, something very significant, I would say, immediately begins to assert itself against this spiritual science—quite understandably. And no one understands better than those who are right in the midst of this spiritual science that it must currently still face opponent after opponent, that it must be met with all manner of prejudices. What this spiritual science seeks to explore—the eternal in the human soul, the workings of the human soul’s forces that point beyond birth and death, that is, what is summarized under the problem of immortality, and also what is summarized under the problem of freedom—is indeed something about which every human being has a natural desire to know. People want to know something about the subjects that constitute the content of spiritual science, as it is understood here. But at the same time, when we speak of the methods, of the manner of research, of the steps that must be taken to penetrate this particular field, then today—because a general understanding of the matter cannot be expected—I would say that not only opposition but perhaps even aversion is bound to arise.
[ 8 ] Und namentlich steht dem rechten Verständnis dieser Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, heute noch entgegen, daß diejenigen, die gern herangehen möchten an die Erforschung dessen in der Menschenseele, was hinter dem gewöhnlichen Bewußtseinsleben liegt, daß sie in allerlei abnormen, in allerlei herabgestimmten Seelenerscheinungen viel lieber dasjenige finden möchten, was gesucht wird, als in dem, worauf eigentlich die wirkliche Geisteswissenschaft weisen muß. Und so kommt es, daß diese wirkliche Geisteswissenschaft oft verwechselt wird mit dem, was ja an sich gewiß außerordentlich interessante, namentlich naturwissenschaftliche Ergebnisse liefern kann, daß Geisteswissenschaft verwechselt wird mit dem, was allerlei traumhafte, somnambule, mediumistische Seelenzustände aus dem unbewußten oder unterbewußten Leben des Menschen, das sich dem gewöhnlichen Bewußtsein entzieht, heraufholt.
[ 8 ] And in particular, a proper understanding of this spiritual science, as it is meant here, is still hindered today by the fact that those who would like to approach the exploration of what lies behind ordinary conscious life in the human soul would much rather find what they are seeking in all manner of abnormal, in all manner of depressed mental states than in what true spiritual science must actually point to. And so it happens that this true spiritual science is often confused with what can, in itself, certainly yield extraordinarily interesting findings—particularly in the natural sciences—that spiritual science is confused with what brings forth all manner of dreamlike, somnambulistic, mediumistic states of mind drawn from the unconscious or subconscious life of the human being, which eludes ordinary consciousness.
[ 9 ] Diese Verwechslung ist verhängnisvoll. Sie wird aber noch lange geübt werden, denn es ist ja so, daß der Mensch — ich will das nur einleitungsweise kurz berühren — durch gewisse Umstände in Bewußtseinsverhältnisse kommen kann, bei denen die gewöhnliche Sinneswelt nicht mitwirkt, bei denen auch der gewöhnliche Wille nicht mitwirkt, traumhafte, somnambule, mediumhafte Zustände und so weiter, aus denen er aus einer gewissen Tiefe seines Seelenlebens allerlei heraufholt, was den Menschen absonderlich erscheinen muß und daher interessant ist. Das Absonderliche ist immer interessant, besonders wenn man glauben kann, daß sich — wie es ja in einer gewissen Beziehung sogar richtig ist — durch es ankündigt irgend etwas im Menschen, was über das gewöhnliche Erleben zwischen Geburt und Tod hinausgeht. Allein, gerade wahre Geisteswissenschaft zeigt — und der Sinn desjenigen, was ich in diesem Vortrage werde anzudeuten haben, wird das ergeben —, gerade wahre Geisteswissenschaft zeigt, daß, was durch traumhaft abnorme Geisteszustände, durch Somnambulismus, durch mediumistische Zustände zutage tritt, viel weniger wirklich menschliche Geltung hat als dasjenige, was der Mensch durch seine gewöhnlichen Sinne erfaßt, und dasjenige, worauf er durch seinen gewöhnlichen Willen einen Einfluß hat. Worauf er durch seinen Willen im Alltagsleben einen Einfluß hat, das hängt zusammen mit der menschlichen Wesenheit zwischen Geburt und Tod. Das aber, was durch die angedeuteten Zustände zutage tritt, das ist in einem Tieferen, Niedrigeren der Menschennatur enthalten als selbst die Sinneswelt. Das kommt dadurch zustande, daß die Sinneswahrnehmungen ausgeschlossen, der Wille auch ausgeschlossen werden und untere organische, niedrigere organische Verrichtungen stattfinden, durch die dasjenige, was sich dem Sinnesleben und dem Willen verhüllt, zutage tritt. Das kann aber nicht das volle, ganze Menschliche bezeichnen, sondern nur etwas, was unter der Oberfläche des Menschlichen liegt, während wahre Geisteswissenschaft den Menschen hinaufführen will über die Oberfläche des gewöhnlichen Lebens, über das, was der Mensch so im Alltag und auch in der gewöhnlichen Wissenschaft anstrebt. Allerdings haben diese abnormen Zustände, die zur Beobachtung eines Unbekannten im Menschen dienen, etwas recht Berükkendes; denn dadurch, daß der Mensch in Zustände kommt, die viel mehr mit seinem Leibesleben verknüpft sind als selbst das Sinnesleben, viel mehr in seinen Leib hineingesenkt sind, und namentlich dadurch, daß sich an solche Dinge die Neugier, das Interesse heftet, dadurch erlebt er in solchen Zuständen etwas, das ihn beseligen kann, das ihn geradezu mit einem gewissen inneren Wohlgefallen erfüllt. Und das Lebensgefühl, das sich dann an die inneren Organe heftet, wirkt auch auf den Beschauer hinüber, auf den Beobachter; der glaubt sich diesen Dingen gegenüber sicher, glaubt, er habe etwas Wirkliches vor sich, was er an einem Menschen, den er selber verändert hat, erlebt: während der Geistesforscher zu dem wirklich Ewigen, zu dem über Geburt und Tod Hinausreichenden führt. Er muß zwar auch auf Veränderung der gewöhnlichen Menschennatur verweisen; er muß darauf verweisen, daß man das Ewige nicht mit den Sinnen, auch nicht innerhalb der gewöhnlichen Willenssphäre, die sich nur auf die Außenwelt bezieht, erforschen kann; aber indem er kommt und schildert, was die Menschenseele durchmachen muß, damit sie sich freimacht vom Leibe, damit sie das Seelische nicht nur mit dem Leibe, sondern mit der Seele beobachten könne, da schildert er dann Zustände, gegenüber denen der Mensch Gegenwart aus dem gewöhnlichen Bewußtsein heraus empfindet so etwas wie ein Nicht-auf-sicherem-Boden-Stehen, wie ein Stehen an einem Abgrunde. Daher scheint er erst recht träumerisch, phantastisch. Der Geistesforscher aber, wenn er von seinen Forschungsergebnissen spricht, ist darauf angewiesen, nicht zu dem Experiment, nicht zu der Beobachtung der äußeren Sinne hinzuführen, wie das der Naturforscher kann, sondern er ist darauf angewiesen, zur Seele selbst hinzuführen. Daher muß dasjenige, was er vorbringt, in gewisser Beziehung einen anderen Wegmachen, als wenn man irgend etwas naturwissenschaftlich erörtert. Wenn man etwas Naturwissenschaftliches erörtert, dann beschreibt man zuerst: Das wird gemacht und das wird gemacht, oder dies ist da, dies ist dort, und daran knüpft man dann seine geistige Verrichtung, seine Vorstellungen, Kombinationen, versucht Gesetze über dasjenige, was da ist, herauszufinden, und dergleichen mehr. Man knüpft dasjenige, was die Seele aus sich heraus zu machen hat, an etwas schon Vorhandenes an.
[ 9 ] This confusion is disastrous. But it will continue to be practiced for a long time to come, for it is true—and I want to touch on this briefly by way of introduction—that under certain circumstances, a person can enter states of consciousness in which the ordinary sensory world does not play a role, nor does the ordinary will; dreamlike, somnambulistic, mediumistic states, and so on—from which they draw up all manner of things from a certain depth of their soul life, things that must seem strange to people and are therefore interesting. The strange is always interesting, especially when one can believe—as is indeed true in a certain sense—that it heralds something within the human being that goes beyond ordinary experience between birth and death. However, true spiritual science in particular shows—and the meaning of what I will be hinting at in this lecture will make this clear— it is precisely true spiritual science that shows that what comes to light through dreamlike, abnormal mental states, through somnambulism, and through mediumistic states, has far less genuine human significance than what a person perceives through their ordinary senses and what they can influence through their ordinary will. What a person can influence through their will in everyday life is connected to the human being between birth and death. But what comes to light through the states described is contained in a deeper, lower aspect of human nature than even the sensory world. This occurs because sensory perceptions are excluded, the will is also excluded, and lower organic processes take place, through which that which is veiled from sensory life and the will comes to light. Yet this cannot denote the full, complete humanity, but only something that lies beneath the surface of humanity, whereas true spiritual science seeks to lead the human being upward beyond the surface of ordinary life, beyond what the human being strives for in everyday life and also in ordinary science. Admittedly, these abnormal states, which serve to observe something unknown within the human being, have something quite captivating about them; for by entering into states that are far more closely linked to one’s physical life than even the sensory life—states that are far more deeply rooted in the body—and especially because curiosity and interest are drawn to such things, one experiences in these states something that can bring joy, something that fills one with a certain inner contentment. And the sense of life that then attaches itself to the internal organs also affects the beholder, the observer; the latter believes himself to be secure in the face of these things, believes he has something real before him, which he experiences in a human being whom he himself has transformed: whereas the spiritual researcher leads to what is truly eternal, to that which extends beyond birth and death. He must, of course, also point to a transformation of ordinary human nature; he must point out that the eternal cannot be explored with the senses, nor within the ordinary sphere of the will, which relates only to the external world; but by coming and describing what the human soul must go through in order to free itself from the body, so that it may observe the soul not only with the body but with the soul itself, he then describes states in which a person, from the perspective of ordinary consciousness, experiences something like not standing on solid ground, like standing on the edge of an abyss. For this reason, he seems all the more dreamlike, fantastical. The spiritual researcher, however, when speaking of the results of his research, must not lead the listener to the experiment or to the observation of the external senses—as the natural scientist can—but must instead lead them to the soul itself. Therefore, what he presents must, in a certain sense, take a different approach than when discussing anything from a scientific perspective. When discussing a scientific topic, one first describes: This is done and that is done, or this is here, that is there; and one then links one’s mental processes—one’s concepts and combinations—to this, attempting to discover laws governing what is there, and so on. One links what the soul must produce of its own accord to something that already exists.
[ 10 ] Diesen Weg muß der Geistesforscher geradezu umkehren. Und das ist dasjenige, was zunächst frappiert, was zunächst paradox erscheint, so paradox erscheint, daß derjenige, der nicht auf die Sache eingehen kann, sagt: Ja, der Geistesforscher behauptet nur, die Dinge seien so; aber er bringt keinerlei Beweise. — Nun, seine Beweise bestehen eben darinnen, daß er zeigt, wie die Seele zuerst die Verrichtungen durchzumachen hat, die rein innerlich seelisch sind, und dann an den geistigen Vorgang, an das Objektive herangehen kann. Während also die gewöhnliche Wissenschaft den Vorgang zuerst hat und nachher zufügt, was die Seele macht, muß der Geistesforscher aus sich selbst das machen, die Seele mit sich allein lassen. Dann holt die Seele solche Kräfte, solche Fähigkeiten hervor, durch die das und jenes als eine geistige Tatsache, die nicht mit Augen gesehen, nicht mit Händen gegriffen werden kann, vor dem Menschen auftritt. In der Aufzeigung des Weges, den Geistesforschung zu nehmen hat, liegen die allergewichtigsten Beweise.
[ 10 ] The spiritual researcher must, in effect, reverse this path. And that is what strikes one at first, what initially seems paradoxical—so paradoxical, in fact, that those who cannot grasp the matter say: “Yes, the spiritual researcher merely claims that things are this way; but he offers no evidence whatsoever.” — Well, his evidence consists precisely in showing how the soul must first undergo processes that are purely inner and spiritual, and only then can it approach the spiritual process, the objective realm. Whereas ordinary science takes the process first and then adds what the soul does, the spiritual researcher must draw this from within himself, leaving the soul to itself. Then the soul brings forth such powers, such abilities, through which this or that appears before the person as a spiritual fact that cannot be seen with the eyes or grasped with the hands. The most compelling evidence lies in the demonstration of the path that spiritual research must take.
[ 11 ] In früheren Jahren, wenn ich hier vorgetragen habe, habe ich einzelnes von den Wegen der Seele ausgeführt, die zu nehmen sind, damit sie wirklich zu dem erwacht, was man schauendes Bewußtsein nennen kann, was man, um den Goetheschen Ausdruck zu variieren, Geistesauge, Geistesohr nennen kann, so daß man das Geistige wirklich schaut; ich habe auseinandergesetzt, was dieSeelein sich vorzunehmen hat, wiessiedurch reine Seelenübungen gewissermaßen seelisch in sich dasjenige hervorruft, was der Körper hervorruft, indem er Augen, Ohren aus sich herausorganisiert, und wie dann durch den Besitz solcher Geistesorgane das Geistige wirklich durchschaut werden kann. Um nicht für diejenigen verehrten Zuhörer, welche öfter hier gewesen sind, in Wiederholung zu verfallen, verweise ich für die Einzelheiten, wie die Seele mit sich zuwege gehen muß, um jene starken Kräfte, die sonst in ihrem Unterbewußten ruhen, hervorzuholen, so daß sie das festhalten und schauen kann, auf meine Bücher: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und auf meine «Geheimwissenschaft», auf alle Bücher, in denen geschildert wird, was die Seele zu vollbringen hat, um wirklich mit geistig neuen Organen sich auszurüsten, um das Geistige zu schauen. Allein einiges Prinzipielle möchte ich gerade mit Bezug auf den Weg der Geistesforschung immer vorbringen und möchte daher auch heute etwas darüber sagen, wie der Geistesforscher zu seinen Tatsachen kommt, von denen wir dann noch werden zu sprechen haben.
[ 11 ] In previous years, when I have lectured here, I have elaborated on some of the paths the soul must take in order to truly awaken to what might be called “contemplative consciousness”—or, to vary Goethe’s expression, the “eye of the spirit” and the “ear of the spirit”—so that one may truly perceive the spiritual; I have explained what the soul must set out to do, how, through pure spiritual exercises, it evokes within itself—in a sense—that which the body evokes by organizing eyes and ears from within itself, and how, through the possession of such spiritual organs, the spiritual can truly be perceived. In order not to repeat myself for those esteemed listeners who have been here frequently, I refer you to my books for the details of how the soul must go about bringing forth those powerful forces that otherwise lie dormant in its subconscious, so that it can grasp and perceive them: How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? and to my Occult Science, as well as to all the books that describe what the soul must accomplish in order to truly equip itself with new spiritual organs for perceiving the spiritual. However, there are certain fundamental principles I would like to emphasize, particularly with regard to the path of spiritual research, and so today I would also like to say a few words about how the spiritual researcher arrives at the facts we will later discuss.
[ 12 ] Für den, der sich nicht wirklich intim befassen kann mit jenen inneren seelischen Übungen, welche die Menschenseele vorzunehmen hat, um das Ewige in sich und in anderen Wesen zu finden, für den hört freilich jene Bequemlichkeit auf, die man hat, wenn man einfach den Menschen in abnorme, mediumhafte oder somnambule Zustände versetzt, um dadurch etwas Absonderliches wahrzunehmen; dieses Bequeme hört auf. Und dann, wenn der Mensch unvorbereitet herantritt an dasjenige, was gefordert wird an seelischen Übungen, um den Geist und sein Leben wirklich zu schauen, dann, ja dann hört das Interesse, von dem ich eingangs gesprochen habe, auf. So daß man sagen kann: An den Gegenständen, die die Geistesforschung erkennen will, hat jeder einzelne Interesse. An der Vorstellungsart, an der Methode weniger. Dasjenige, was der Geistesforscher zu tun hat, um in die wirkliche Geisteswelt einzudringen, das ist nicht so kurzweilig, interessant, die Aufmerksamkeit herausfordernd, wie die Erlebnisse des Somnambulen, oder wie die Erlebnisse des Mediums für den äußeren Beobachter zunächst sind. Nein, man darf schon sagen, so paradox das klingt: Dasjenige, was die Seele vorzunehmen hat, um ihre allerwertesten, geschätztesten, allerhöchsten, ihre ewigen Geisteswerte zu erforschen, das ruft zunächst sogar Abneigung hervor, es ruft Interesselosigkeit hervor. Man wird zunächst finden, daß die Seelenübungen, von denen der Geistesforscher spricht, vielleicht zuerst aus Neugierde von dem oder jenem vollführt werden, aber dann leicht und bald langweilig gefunden werden. Und langweilig, nicht des Interesses wert, wird oftmals auch das gefunden, was in der Seele vorzunehmen ist, um zum Ewigen, zum Inhalt des unsterblichen Wesens in der Seele zu kommen. Zuerst ist es — namentlich wenn der Mensch gewahr wird durch Verstärkung der Gedanken, durch eine Umänderung der Gefühle, von der ich nachher noch sprechen werde, wenn der Mensch gewahr wird, er kommt an den Rand derjenigen Welt, die man als geistige Welt bezeichnen kann-, zuerst ist es Furcht vor dem Unbekannten. Der Mensch läßt ab von seinem Eindringen in diese Welt, weil er Furcht vor dem Unbekannten hat. Er wird sich nicht bewußt dieser Furcht; aber die unbewußte Furcht ist deshalb nicht minder eine Furcht. Dann macht sich geltend — ich werde heute noch Beispiele dafür anführen — eine Abneigung, geradezu ein Haß.
[ 12 ] For those who are unable to engage truly and intimately with the inner spiritual exercises that the human soul must undertake in order to find the eternal within themselves and in other beings, for them, of course, that sense of ease—which one experiences when simply inducing people into abnormal, mediumistic, or somnambulistic states in order to perceive something extraordinary—that sense of ease comes to an end. And then, when a person approaches unprepared what is required in terms of spiritual exercises to truly perceive the spirit and its life, then—yes, then—the interest I spoke of at the beginning ceases. So that one can say: Every individual has an interest in the subjects that spiritual research seeks to understand. But they have less interest in the mode of perception, in the method. What the spiritual researcher must do to penetrate the real spiritual world is not as entertaining, interesting, or attention-grabbing as the experiences of the somnambulist—or as the experiences of the medium initially appear to the outside observer. No, one may well say—as paradoxical as it sounds—that what the soul must undertake to explore its most precious, most cherished, highest, and eternal spiritual values initially even evokes aversion; it evokes a lack of interest. One will initially find that the spiritual exercises of which the spiritual researcher speaks may at first be undertaken by one person or another out of curiosity, but are then quickly and easily found to be boring. And what must be undertaken within the soul in order to reach the eternal—the essence of the immortal being within the soul—is often also found to be boring and not worth one’s interest. At first—especially when a person becomes aware, through the intensification of thoughts and a transformation of feelings (which I will discuss later), that they are approaching the threshold of what may be called the spiritual world—at first, it is fear of the unknown. A person refrains from penetrating this world because they fear the unknown. They do not become conscious of this fear; but the unconscious fear is no less a fear for that. Then a repulsion—even a hatred—begins to assert itself; I will give examples of this later today.
[ 13 ] Das sind ganz erklärliche Erscheinungen. Überwindung ist daher notwendig. Ein eigenes Seelendrama muß derjenige durchmachen, welcher wirklich durch seine Seele in die geistige Welt eindringt. Und man kann sagen: Wenn sich doch Menschen finden, die zunächst ohne weiteres eindringen, sich interessieren für das Langweilige der geistigen Übungen, von denen der Geistesforscher spricht, so ist es deshalb, weil durch einen gewissen Umschlag in der menschlichen Aufmerksamkeit und im menschlichen Interesse dasjenige, was ganz langweilig ist, durch seine Langweiligkeit zuletzt interessant wird. Durch solche seelischen Übungen, dadurch, daß die Gedanken verstärkt werden, die Gefühle und auch der Wille eine andere Richtung bekommen, als sie für das gewöhnliche Leben und für die gewöhnliche Wissenschaft haben, dadurch gelangt die Seele dazu, eigentlich erst wirklich zu erkennen, wie sie sich des Leibes bedient, um die Erinnerungen des gewöhnlichen Bewußtseins hervorzurufen, um im gewöhnlichen Dasein zu leben.
[ 13 ] These are entirely explainable phenomena. Overcoming them is therefore necessary. Anyone who truly penetrates the spiritual world through his or her soul must go through a personal inner struggle. And one might say: If there are indeed people who at first enter the spiritual world without difficulty and take an interest in the tedious aspects of the spiritual exercises of which the spiritual researcher speaks, it is because, through a certain shift in human attention and interest, that which is utterly tedious ultimately becomes interesting precisely because of its tedium. Through such soul exercises—by strengthening the thoughts and directing the feelings and the will in a different direction than they take in ordinary life and ordinary science—the soul comes to truly recognize, for the first time, how it uses the body to evoke the memories of ordinary consciousness in order to live in ordinary existence.
[ 14 ] Prinzipiell will ich heute etwas hervorheben, was als erstes im Geistesforschen auftreten kann, gewissermaßen als der Weg zum inneren seelischen Experiment, das dann den Eintritt in die Geisteswelt eröffnen kann. Der weitere Verlauf meiner Auseinandersetzungen wird das mehr oder weniger Berechtigte dessen, was ich da erzähle, schon darlegen.
[ 14 ] In principle, I would like to highlight today something that may first arise in spiritual research—as it were, the path to inner psychological experimentation, which can then open the way into the spiritual world. The further course of my discussions will already demonstrate the validity, to a greater or lesser extent, of what I am describing here.
[ 15 ] Wenn man mit seinem Erleben in dem gegenwärtigen Augenblick oder im gegenwärtigen Tage steht, so kann man überhaupt nicht an dasjenige in der Seele heran, das zum Ewigen gehört. Was der Geistesforscher zunächst bemerkt, wenn er wirklich seine Seele so verstärkt, daß sie unabhängig vom Leibe wahrnehmen kann, das ist, daß der Mensch in seinem gewöhnlichen Alltagsleben ungemein abhängig ist von einer gewissen weiterverbreiteten Gegenwart. Man gebraucht immer den Leib, um dasjenige zu erleben, was man erlebt. Und man kann sagen: Wenn man nur Gegenwärtiges erlebt, nur dasjenige, was sich in der Gegenwart um uns herum befindet und abspielt, dann ist man ausgeschlossen von seinem seelischen Erleben, so wie man ausgeschlossen ist vom Erleben des Tages, wenn man in tiefem, traumlosem Schlaf liegt. So sonderbar und paradox es klingt, das Seelische, das eigentlich Ewige in der Menschennatur, verschläft der Mensch durch jenes Erleben, das ihm die Gegenwart durch seine Sinne und durch seinen gewöhnlichen Willen darbietet. Der Mensch verschläft sein Seelisches. Schlaf dehnt sich gründlich in das Tagesleben herein.
[ 15 ] If one remains rooted in one’s experiences of the present moment or the present day, one cannot at all access that part of the soul which belongs to the eternal. What the spiritual researcher first notices when he truly strengthens his soul so that it can perceive independently of the body is that, in his ordinary daily life, the human being is immensely dependent on a certain widespread sense of the present. One always needs the body to experience whatever one experiences. And one can say: If one experiences only the present—only what is around us and taking place in the present—then one is cut off from one’s soul experience, just as one is cut off from the experience of the day when one lies in deep, dreamless sleep. As strange and paradoxical as it sounds, human beings sleep through their soul life—that which is truly eternal in human nature—because of the experiences that the present offers them through their senses and their ordinary will. Human beings sleep through their soul life. Sleep thoroughly encroaches upon daily life.
[ 16 ] Wie ist das eigentlich? Das ist so: Derjenige, der die Gabe der Selbstbeobachtung entwickelt — sie muß erst entwickelt werden, sie ist im gewöhnlichen Bewußtsein nicht ohne weiteres vorhanden —, der merkt, daß er überhaupt dasjenige, was er heute erlebt hat, was er auch noch gestern erlebt hat, gar nicht in einer solchen Weise in die Seele hereinbringen kann, daß er es im Lichte des Ewigen aufzufassen in der Lage ist. An dem, was wir gegenwärtig erleben, wirkt immer unser Leibliches mit. Erst wenn wir, das zeigt die innere Erfahrung der Selbstbeobachtung, zwei bis drei Tage über irgendein Erlebnis hinaus sind, wenn ein Erlebnis, eine Beobachtung, irgend etwas, was wir im gewöhnlichen Tagesleben durchgemacht haben, zwei bis drei Tage vorüber ist, erst dann ist das in der Seele in einen solchen Zustand gekommen, daß man es in seiner eigentlichen seelischen Natur erkennt. Vorher, bevor zwei bis drei Tage vergangen sind, ist dasjenige in uns, was dieses Seelische auffaßt, im Erleben noch so durchsetzt von den Sinnesimpulsen, von den aus dem inneren Leibe kommenden Impulsen, daß wir unfähig sind, manches auszusondern, unfähig sind, irgendein Erlebnis so zu fassen, wie es in der Seele, und nur in der Seele als Seele lebt. Wir müssen darum in der Regel darauf verzichten, dasjenige, was wir in der Gegenwart erleben, auf seinen seelischen Gehalt hin zu prüfen. Aber das Eigentümliche stellt sich heraus, wenn nun alles Leibliche, alles das, was aus den Sinnen nachklingt, was vom Inneren des Leibes aus in den Leibesempfindungen noch wirkt, wenn das weg ist und die Sache nur noch Erinnerung ist — erinnern können wir uns natürlich an irgendein Erlebnis in einer unbestimmten Weise-, wenn die Sache nur noch Erinnerung ist, dann können wir den eigentlichen aktiven Anteil, den die Seele an dem Erlebnisse genommen hat, nicht mehr so unmittelbar zurückrufen. Wir können uns an das Erlebnis erinnern, allein wir können dieses Erlebnis nicht so vor uns haben, wie wir ein gegenwärtig Erlebtes verarbeiten. Aber ohne daß wir das können, ohne daß wir uns in etwas, das sich durch zwei bis drei Tage von uns gelöst hat, so einleben, daß wir es so lebendig erleben, wie ein gegenwärtiges Ereignis, ohne das können wir überhaupt nicht an das Seelische, Ewige heran. Jedoch man täuscht sich sehr, wenn man glaubt, daß etwas, was zwei bis drei oder mehr Tage oder Jahre zurückliegt und erinnert wird, so erlebt werden könnte, wie ein gegenwärtiges Ereignis. Nicht nur abgeblaßt ist es, sondern vor allen Dingen jene unmittelbare innere Aktivität, welche die Seele in einem gegenwärtigen Ereignisse entfaltet, die kann sie nicht entfalten, wenn sie einem vergangenen Ereignisse gegenübersteht. Ihre eigene Aktivität verschläft die Seele gegenüber dem vergangenen Erlebnis. Das vergangene Erlebnis kommt als Bild herauf. Aber dasjenige, was man in der Gegenwart erlebt, das kommt nicht mit herauf. Das muß aber herauf erweckt werden. Man kann dasjenige, was da zu erleben ist, gegenüber jedem lang zurückliegenden Ereignisse oder Erlebnisse entwickeln, wenn man glücklich genug dazu ist. Am besten tut man, falls man nicht zufällig Geistesforscher ist, wenn man sich nicht darauf einläßt, sehr weit zurückliegende Erinnerungen ins Auge zu fassen, sondern eben die kurzgespannten von zwei bis drei Tagen nimmt, weil man dasjenige, was zu erreichen ist, dadurch am ehesten erreicht. Nimmt man ein Ereignis, das zwei bis drei Tage zurückliegt, so ist es am besten, wenn man ein solches Ereignis wählt, das schon deshalb erlebt worden ist, um in dieser Weise zum Ewigen in der Seele hinzuführen. Die gewöhnlichen Erlebnisse tun das gar nicht. Deshalb wird der Geistesforscher genötigt sein, dasjenige auszuführen, was man Gedanken-, Gefühlsübungen nennt. Durch diese Gedanken-, Gefühlsübungen, zum Beispiel dadurch, daß man sich auf Gedanken viel länger konzentriert, als man das im gewöhnlichen Erleben sonst tut, ist man in der Lage, namentlich innerlich Seelisches schon im Anfange zu erleben, früher, als sonst die Menschen es erleben. Und dann kommt man in die Lage, wenn wir, wie gesagt, den kürzesten Zeitraum ins Auge fassen — nach zwei bis drei Tagen kann das der Fall sein-, daß man wirklich zurückblickt jetzt durch die gewöhnliche Erinnerung über diese zwei bis drei Tage.
[ 16 ] How does that actually work? It is like this: The person who develops the gift of self-observation—it must first be developed; it is not readily present in ordinary consciousness—realizes that he cannot at all bring into his soul what he has experienced today, or even what he experienced yesterday, in such a way that he is able to comprehend it in the light of the Eternal. Our physical nature always plays a part in what we are currently experiencing. Only when—as the inner experience of self-observation shows—two or three days have passed since any given experience, when an experience, an observation, or anything we have gone through in ordinary daily life is two or three days in the past, only then has it reached a state within the soul where one can recognize it in its true spiritual nature. Before that—before two or three days have passed—that part of us which perceives this soul-content is still so permeated in our experience by sensory impulses and by impulses arising from the inner body that we are unable to sift out certain elements; we are unable to grasp any experience in the way it lives in the soul—and only in the soul—as soul. We must therefore generally refrain from examining what we experience in the present moment for its spiritual content. But what is peculiar becomes apparent when everything physical— everything that lingers from the senses, everything that still works from within the body in bodily sensations—when that is gone and the event is nothing more than a memory—we can, of course, recall any experience in a vague way—when the event is nothing more than a memory, then we can no longer recall so directly the actual active part that the soul played in the experience. We can remember the experience, but we cannot hold this experience before us in the same way that we process a present-moment experience. But without being able to do that—without being able to immerse ourselves in something that has been separated from us for two or three days in such a way that we experience it as vividly as a present-moment event—without that, we cannot approach the spiritual, the eternal, at all. However, one is greatly mistaken if one believes that something that took place two to three or more days or years ago and is recalled could be experienced in the same way as a present event. Not only has it faded, but above all, that immediate inner activity which the soul unfolds in a present event—it cannot unfold that when faced with a past event. The soul’s own activity lies dormant in the face of the past experience. The past experience emerges as an image. But what one experiences in the present does not emerge along with it. That, however, must be awakened. One can develop what is to be experienced in relation to any event or experience from long ago, if one is fortunate enough to do so. Unless one happens to be a spiritual researcher, it is best not to attempt to focus on memories from very far in the past, but rather to take those from the recent past—two to three days ago—because this is the surest way to achieve what is to be attained. If one takes an event that occurred two to three days ago, it is best to choose one that was experienced precisely to lead in this way toward the eternal in the soul. Ordinary experiences do not do this at all. Therefore, the spiritual researcher will be compelled to carry out what are called exercises in thought and feeling. Through these exercises of thought and feeling—for example, by concentrating on thoughts for much longer than one normally does in everyday life—one is able to experience inner spiritual realities right from the start, earlier than people usually do. And then one reaches a point—if, as mentioned, we consider the shortest possible period of time—which can be the case after two to three days—where one can truly look back on these two to three days through ordinary memory.
[ 17 ] Also verstehen wir uns wohl: Der Geistesforscher kommt nach einiger Zeit dazu, dasjenige, was die letzten zwei bis drei Tage ihm an Erlebnissen gebracht haben, wie in einem Tableau anzuschauen. Das ist notwendig. Es ist notwendig, daß man wirklich das gegenwärtig macht, was man die letzten zwei bis drei Tage erlebt hat. Was man da in den letzten zwei bis drei Tagen erlebt hat, in dem wird man, wenn man sich also durch die nötige Selbstbeobachtung geübt hat, überall verspüren, wie da leibliche Organe noch mitwirken. Zwar können, wenn man sich gewöhnt hat, im Seelischen zu leben, die Erinnerungen über diese zwei bis drei Tage wie im Augenblick ablaufen, so daß man vor sich hat ein Bild dieser zwei bis drei Tage. Aber in diesen zwei bis drei Tagen ist es nicht so, daß man die Seele losgelöst vom Leiblichen vor sich hat, sondern man hat für das, was man erinnert aus diesen zwei bis drei Tagen, die Seele zwar vor sich, aber überall infiziert, überall beeinflußt von dem Leibeserleben. Es ist nur wie ein über diese zwei bis drei Tage ausgebreitetes und schnell wirkendes Gedächtnis.
[ 17 ] So let’s be clear: After some time, the spiritual researcher comes to view the experiences of the past two or three days as if in a tableau. This is necessary. It is necessary to truly bring to the present what one has experienced over the past two or three days. In what one has experienced over the past two to three days—once one has trained oneself through the necessary self-observation—one will sense everywhere how the physical organs are still at work. Admittedly, once one has become accustomed to living in the soul, the memories of these two to three days can unfold as if in an instant, so that one has before oneself a picture of these two to three days. But during these two to three days, it is not the case that one has the soul before oneself detached from the physical; rather, for what one recalls from these two to three days, one does indeed have the soul before oneself, but it is permeated throughout and influenced at every turn by the physical experience. It is merely like a memory spread out over these two to three days and acting rapidly.
[ 18 ] Anders wird es mit Bezug auf das Ereignis, das dann zwei bis drei Tage zurückliegt. Hat man sich fähig gemacht, nachdem man die zwei bis drei Tage so überschaut hat, wie ich es geschildert habe, hat man sich fähig gemacht, dieses Ereignis nun wirklich zu durchleben wie ein gegenwärtiges, dann lebt man in einem Seelischen.
[ 18 ] The situation is different when it comes to an event that took place two to three days ago. If, after reviewing those two to three days as I have described, one has prepared oneself to truly experience this event as if it were happening in the present, then one is living in the spiritual realm.
[ 19 ] Sie sehen, ich schildere Ihnen nichts Abstraktes, nicht Begriffsgespinste, sondern ich schildere Ihnen, wasdieSeele mit sich selber vornimmt, um zunächst durch einen gewissen Zeitenlauf loszukommen von demjenigen, was man nicht seelisch bloß erleben kann, und zurückzukommen zu etwas, was seelisch nunmehr erlebt werden kann. Es muß allerdings das Seelenleben verstärkt sein; so daß man bei etwas, was sich nun eben im Lebenslauf zwei bis drei Tage zurück befindet, wirklich seelisch drinnenstehen kann. Dann weiß man, was diese zwei bis drei Tage im inneren seelischen Erleben beim Menschen überhaupt bedeuten.
[ 19 ] You see, I am not describing anything abstract to you, nor am I weaving a web of concepts; rather, I am describing what the soul does with itself in order, first of all, through the passage of a certain amount of time, to break free from that which cannot be experienced purely in the soul, and to return to something that can now be experienced in the soul. The soul life must, however, be strengthened; so that one can truly be spiritually immersed in something that occurred just two or three days ago in the course of one’s life. Then one knows what these two or three days actually mean in a person’s inner spiritual experience.
[ 20 ] Dadurch lernt man etwas erkennen, was man nur auf diese Art erkennen lernen kann. Man lernt erkennen, daß dasjenige, was wir in der Gegenwart seelisch durchmachen, sich alles loslöst vom Leibe, sich alles vergeistigt und erst nach zwei bis drei Tagen wirklich vergeistigt ist. Aber dann ruht es für das gewöhnliche Bewußtsein so in Bewußtseinsfinsternis, daß der Mensch es verschläft, wenn er sich nicht vorbereitet hat, nun drinnen zu leben. Hat er sich aber vorbereitet, so weiß er, daß er jetzt bei seiner schaffenden Seele ist, bei dem, was seine Seele sonst nicht erlebt hat: Er befindet sich in einem rein geistig-seelischen Erlebnis drinnen.
[ 20 ] This teaches us to recognize something that can only be recognized in this way. We learn to recognize that what we are experiencing spiritually in the present detaches itself entirely from the body, becomes spiritualized, and is only truly spiritualized after two to three days. But then, for ordinary consciousness, it lies dormant in the darkness of consciousness to such an extent that a person sleeps through it if they have not prepared themselves to live within it now. If, however, they have prepared themselves, they know that they are now with their creative soul, with what their soul has not otherwise experienced: they find themselves immersed in a purely spiritual-soul experience.
[ 21 ] Natürlich kann das für weiter zurückliegende Erlebnisse gesucht werden; aber dann steht man vor der bedeutsamen Notwendigkeit, alles dasjenige, was sich zugetragen hat bis zu diesem weiter, vielleicht jahrelang zurückliegenden Erlebnis, wirklich gedächtnismäßig wie in einem Tableau zu durchschauen. Das ist natürlich viel schwieriger als dasjenige, was sich die letzten zwei bis drei Tage zugetragen hat und was man versucht, sorgfältig im Gedächtnis wiederum zu rekonstruieren. Erst wenn man dies absolviert hat, erst es Stück für Stück zurückverfolgt hat und in der Seele noch so viel Kraft zurückbehalten kann, um dasjenige zu erleben, was dann auftritt, weiß man durch unmittelbare Erfahrung: Jetzt hast du das in deiner Seele ergriffen, was nur seelisch ist, was in dir zwar wirkt, aber im gewöhnlichen Bewußtsein gar nicht auftritt. Im gewöhnlichen Bewußtsein wirkt selbst die Erinnerung nicht so, daß irgend etwas mit der Lebendigkeit herantreten würde, die notwendig ist, um es als Seele zu erleben. Dasjenige, was die Erinnerungen zutage fördert, daran wirkt immer das Leibliche mit. Die Gedächtniskraft ist an das Leibliche zunächst gebunden, wenn auch nicht dem Leiblichen verdankt.
[ 21 ] Of course, one can search for experiences that occurred even further back; but then one is faced with the significant necessity of truly reviewing, as if in a tableau, everything that happened up to that experience—which may have occurred years ago. This is, of course, much more difficult than recalling what has happened over the last two or three days and carefully reconstructing it in one’s memory. Only when one has accomplished this—only when one has traced it back piece by piece and can still retain enough strength in the soul to experience what then arises—does one know through direct experience: Now you have grasped in your soul that which is purely spiritual, that which is at work within you but does not appear at all in ordinary consciousness. In ordinary consciousness, even memory does not function in such a way that anything approaches with the vitality necessary to experience it as the soul. The physical aspect always plays a role in bringing memories to light. The power of memory is initially bound to the physical, even if it is not derived from the physical.
[ 22 ] Damit habe ich Sie hingewiesen darauf, daß durch eine ganz bestimmte innere Erfahrung, durch etwas, was man sorgfältig vorbereiten, wozu man sich sorgfältig innerlich erziehen muß, das eigentlich Seelische im Menschen entdeckt wird. Wenn man dieses eigentlich Seelische entdeckt hat, so weiß man: Dieses Seelische ist in dir. Man weiß: Wenn man wiederum die Möglichkeit hat, an dieses selbe Seelische heranzutreten, dann ist es da. Denn man weiß, indem man es entdeckt: Dieses Seelische ist jetzt unabhängig von allem Sinnlichen. Das Sinnliche wirkt nur mit bis in die Zeit zurück, zu der man kommt, wenn man dieses entdeckt. Dieses Seelische ist jetzt da, unabhängig geworden von dem Sinnlichen, dieses Seelische ist jetzt unabhängig vom Willen auch geworden, ist nicht an die äußeren Bewegungsorgane des Menschen gebunden. Man weiß, indem man dieses Seelische ergreift: Was da mit der Eigenschaft der Dauer ergriffen ist, das ist dasjenige, was in sich diese Dauer so greift, daß der Mensch es durch den Tod hindurchträgt. Das ist dasjenige, was des Menschen Ewiges in seiner Natur ist. Und man weiß jetzt, warum dieses Ewige sich dem gewöhnlichen Alltagsbewußtsein entzieht, weil dieses Alltagsbewußtsein sich nur mit Hilfe des Leibes entwickelt, weil dasjenige, was sich nicht mit Hilfe des Leibes entwickelt, von diesem gewöhnlichen Alltagsbewußtsein nur so erlebt wird, wie erlebt wird der Tiefschlaf. Wie wenn man aus dem Tiefschlaf heraufholen würde Erlebnisse, die so dumpf sind — da sind sie ja—, daß sie das gewöhnliche Bewußtsein eben nicht wahrnimmt, so hebt man aus dem inneren Quell des Seelischen heraus dasjenige, was eben gefunden wird auf die Art, wie ich es geschildert habe.
[ 22 ] With this, I have pointed out to you that through a very specific inner experience—something that must be carefully prepared for and for which one must carefully train oneself inwardly—the true soul within a person is discovered. Once one has discovered this true soul, one knows: This soul is within you. One knows: If one has the opportunity to approach this very same soul aspect again, then it is there. For in discovering it, one knows: This soul aspect is now independent of everything sensory. The sensory realm only exerts its influence back to the point in time one reaches when one discovers this. This soul aspect is now present, having become independent of the physical; this soul aspect has now also become independent of the will and is not bound to the human being’s external organs of movement. By grasping this soul aspect, one knows: What is grasped there with the quality of duration is that which grasps this duration within itself in such a way that the human being carries it through death. This is what is eternal in human nature. And one now knows why this eternal aspect eludes ordinary everyday consciousness: because this everyday consciousness develops only with the aid of the body, and because that which does not develop with the aid of the body is experienced by this ordinary everyday consciousness in the same way that deep sleep is experienced. Just as if one were to bring up from deep sleep experiences that are so dull—there they are, after all—that ordinary consciousness simply does not perceive them, so too does one draw from the inner wellspring of the soul that which is found precisely in the manner I have described.
[ 23 ] Man kann sagen: So etwas ist die erste Stufe des Lebens des Seelischen, was schon etwas gibt, unmittelbar, nicht begrifflich etwa bloß, sondern es gibt unmittelbar Anschauung des Seelischen. Man hat dasjenige vor dem schauenden Bewußtsein, das durch die Pforte des Todes geht. Und indem man dieses hat, weiß man, daß der Mensch, indem er unmittelbar drinnen lebt in einem Seelischen, mit diesem Seelischen nicht auf die Gegenwart angewiesen ist; man weiß, daß dieses Seelische durch sich die Dauer hat und daß es hervorruft dasjenige, was der Mensch nun miterlebt.
[ 23 ] One could say: This is the first stage of the life of the soul, which already offers something—not merely in a conceptual sense, but rather a direct perception of the soul. One has before one’s beholding consciousness that which passes through the gate of death. And in having this, one knows that the human being, by living directly within a spiritual reality, is not dependent on the present moment for that spiritual reality; one knows that this spiritual reality possesses its own permanence and that it gives rise to what the human being now experiences.
[ 24 ] Wenn nun der Geistesforscher Ihnen dasjenige schildert, was mit dem Tode eintritt, so schildert er das nicht aus der Phantasie heraus, sondern indem er dasjenige fortsetzt, was ich eben jetzt ausgeführt habe. Er weiß: Das Seelische, indem es sich befreit von dem Leiblichen, braucht zwei bis drei Tage Rückschau, bevor es in sich selber, in seine eigene Wesenheit eintritt. Er lernt so in der eigenen Seele kennen, was die Seele erlebt, indem sie durch die Pforte des Todes tritt. Er lernt erkennen, wie diese Seele, indem sie durch die Pforte des Todes geht, noch eine zwei bis drei Tage dauernde Rückschau hat, ein Lebenstableau; wie diese Rückschau dann hinunterzieht; wie die Seele dann, zwei bis drei Tage nach dem Tode, nachdem sie völlig frei geworden ist von dem leiblichen Erleben, wenn sie in das eigentliche seelische Gebiet eintritt, in demselben Element lebt, in dem der Geistesforscher lebt in den zwei bis drei Tagen, wenn er jenes innerliche Experiment durchführt, von dem ich Ihnen gesprochen habe.
[ 24 ] When a researcher of the spiritual world describes to you what happens at the moment of death, he is not doing so out of imagination, but by continuing what I have just explained. He knows that the soul, upon freeing itself from the physical body, needs two to three days to look back before it enters into itself, into its own being. In this way, he comes to know within his own soul what the soul experiences as it passes through the gate of death. He comes to recognize how this soul, as it passes through the gate of death, still undergoes a review lasting two to three days—a tableau of life; how this retrospective then recedes; how the soul, two to three days after death, having become completely free from physical experience, lives in the same element—when it enters the actual realm of the soul—as the spiritual researcher does during those two to three days when he conducts the inner experiment of which I have spoken to you.
[ 25 ] Diese Seelenübungen, die dazu führen, das SeelischGeistige und die seelisch-geistige Umwelt zu erleben, Sie können sie durchaus in den angeführten Schriften «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft» finden. Sie können von jedem ausgeführt werden, müssen es aber nicht. Ich muß immer wieder und wieder betonen: Der Geistesforscher führt an dasjenige heran, was getan werden muß von der Seele, um zur geistig-seelischen Welt heranzugelangen; aber es ist nicht notwendig, daß man selber durchaus diese Übungen durchmacht, wenn man Überzeugung für die Wahrheit dessen haben will, was die Geistesforschung zutage fördert. Der Geistesforscher selber, so sonderbar es klingt, hat von dem, was er durch seine Übungen erreicht, von dem, was ihm die eigentliche Geistesforschung gibt, von diesem Hineinschauen in die geistige Welt, er hat davon nicht irgend etwas für sein Ewiges, sondern erst dadurch hat er für sein Ewiges etwas, daß er imstande ist, dasjenige, was er so als Seelisch-Geistiges schaut, umzuwandeln in die gewöhnlichen gangbaren Begriffe des gesunden Menschenverstandes. Der gesunde Menschenverstand kann dasjenige verstehen, was der Geistesforscher zu sagen hat, wenn er das in Begriffe, in Vorstellungen umwandelt, was er in der geistigen Welt erschaut.
[ 25 ] These soul exercises, which lead to experiencing the soul-spiritual realm and the soul-spiritual environment, can certainly be found in the works cited, How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? and in my Occult Science. They can be practiced by anyone, but it is not necessary to do so. I must emphasize again and again: The spiritual researcher introduces what the soul must do to reach the spiritual-soul world; but it is not necessary to personally undergo these exercises in order to be convinced of the truth of what spiritual research brings to light. The spiritual researcher himself, strange as it may sound, gains nothing for his eternal life from what he achieves through his exercises, from what spiritual research itself gives him, from this insight into the spiritual world; gains nothing of lasting value for his eternal life; rather, he gains something for his eternal life only through his ability to transform what he perceives as spiritual-soul-related into the ordinary, accessible concepts of common sense. Common sense can understand what the spiritual researcher has to say when he transforms what he perceives in the spiritual world into concepts and ideas.
[ 26 ] Dieser gesunde Menschenverstand muß sich nur freimachen von all den Vorurteilen, die heute noch so bergehoch aufgetürmt werden gegenüber dem wirklichen Verständnis. Aber auf der anderen Seite ist es eine Forderung des heutigen Menschen, nicht bloß auf den guten Glauben hin irgend etwas für wahr zu halten, sondern sich bis zu einem gewissen Grad von allem selbst zu überzeugen. Deshalb muß es heute Schriften geben, die es auch jedem ermöglichen, wie die gesagten Schriften es tun, dasjenige nachzuprüfen, was der Geistesforscher sagt. Allerdings, die Einwände, die sehr häufig gemacht werden von den Menschen, die sich berufen glauben zu urteilen, treffen, soweit es nur möglich ist, daneben. Da wird etwa gesagt: Wenn ein Geistesforscher davon spricht, wie er oder diejenigen, die von ihm zur Geistesforschung gebracht werden, wirklich in den Geist hineinschauen, wie sie das Geistig-Seelische des anderen Menschen beobachten, dann mögen sie es uns einmal zeigen. Wir bringen ihnen einige Menschen, sie sollen nichts wissen von dem, was in dem Seelisch-Geistigen dieser Menschen vorgeht, aber sie sollen mit der Geistesschau diese Menschen beobachten. Dann werden sie ihre Aussagen machen können. Wenn diese zutreffen, dann werden wir glauben.
[ 26 ] This common sense need only free itself from all the prejudices that are still piled so high today, standing in the way of true understanding. On the other hand, however, people today demand not merely to accept something as true on the basis of good faith, but to verify everything for themselves to a certain extent. That is why there must be writings today that enable everyone—just as the aforementioned writings do—to verify what the spiritual researcher says. However, the objections frequently raised by people who believe themselves qualified to judge are, as far as possible, wide of the mark. For example, it is said: When a spiritual researcher speaks of how he—or those he has led into spiritual research—truly looks into the spirit, how they observe the spiritual-soul aspects of another person, then let them show us this once. We’ll bring them some people; they are not to know anything about what is going on in these people’s soul-spiritual lives, but they are to observe these people through spiritual vision. Then they will be able to make their statements. If these are accurate, then we will believe them.
[ 27 ] Es ist sehr merkwürdig, daß dieser Einwand gemacht worden ist — ich habe ihn in meinem Buch «Von Seelenrätseln» am Schlusse besprochen —, daß er immer wieder aufgetreten ist, während die Geistesforschung jedem die Möglichkeit gibt, nachzuforschen und sagt: Das und das kann getan werden; von alledem, was der Geistesforscher behauptet, kann man sich selbst überzeugen. Statt sich zu überzeugen auf diese Weise, fordert man von ihr, was alle Geistesforschung vernichten muß. Denn dasjenige, was beobachtet werden soll von der Seele, das entzieht sich immerfort, wenn irgendwelche Unfreiheit an die Seele herantritt, wenn irgendwelcher Zwang an sie herantritt, wenn nicht dasjenige, was sie an Kräften entfaltet, aus ihrem eigenen Inneren hervorgeht. Durch die Möglichkeit der Beobachtung äußerer Experimente kann man das nicht; jeder kann es nur sich selbst gegenüber. Wenn er sich aber anstrengt, wird er zu demselben kommen, wozu der Geistesforscher kommt. Die äußere Veranstaltung dazu, das Experiment, das ist etwas, was ebenso die Fähigkeiten des Geistesforschers vertreiben muß, wie das Leben vertrieben wird, wenn man den Organismus zerschneidet. So sonderbar dies klingt, es ist so.
[ 27 ] It is very strange that this objection has been raised—I discussed it at the end of my book On the Mysteries of the Soul—and that it has come up time and again, even though spiritual research gives everyone the opportunity to investigate and says: This and that can be done; one can convince oneself of everything the spiritual researcher claims. Instead of convincing oneself in this way, people demand of spiritual research something that would destroy it entirely. For that which is to be observed by the soul constantly eludes observation whenever any form of bondage approaches the soul, whenever any compulsion is imposed upon it, whenever the powers the soul unfolds do not arise from within itself. This cannot be achieved through the observation of external experiments; each person can only do so in relation to themselves. But if one makes the effort, one will arrive at the same conclusion as the spiritual researcher. The external arrangement for this—the experiment—is something that must dispel the spiritual researcher’s abilities just as life is dispelled when the organism is cut open. As strange as this may sound, it is so.
[ 28 ] Ich habe Sie darauf geführt, wie das Seelische erfahren werden kann. Natürlich ist das nur ein Anfang. Solche Übungen müssen fort und fort immer wiederholt werden. Man kommt immer weiter und weiter, bis endlich ein Geistgebiet mit Wesenheiten um einen da ist, wie vor den Sinnen die Sinnenwelt ausgebreitet ist. Aber dieses geistige Erfassen, es hat eben besondere Eigentümlichkeiten. Und einige dieser Eigentümlichkeiten will ich noch anführen. Zunächst, wenn der Geistesforscher ein Erlebnis hat, hinschaut auf dieses Erlebnis, dieses Erlebnis gewahr wird, könnte man nun glauben, solch ein Erlebnis, das müsse sich ebenso verhalten zu dem Menschen, wie sich irgendein anderes Erlebnis der äußeren Sinneswelt verhält. Das ist nicht der Fall. Es zeigt sich, daß, wenn der Geistesforscher ein solches Frlebnis hat, er es nicht ins Gedächtnis, ins gewöhnliche Gedächtnis hereinbringen kann. So wie man über das gewöhnliche Gedächtnis, wie ich es gezeigt habe, durch zwei bis drei Tage hinausgehen muß, so kommt man auch aus dem Gedächtnis heraus, wenn man in die geistige Welt hineinkommt. Man kann nicht, wenn man einmal ein Geistiges geschaut hat, es ohne weiteres dem Gedächtnis einverleiben, so daß man sich an dieses geistige Erlebnis erinnert. Man muß es immer wiederum hervorrufen. Sie müssen das wohl verstehen: Wenn es dem Geistesforscher gelingt, seine Erlebnisse in Vorstellungen, in Begriffe hereinzubringen, hat er die Begriffe, wie die gewöhnlichen sind; an die kann er sich selbstverständlich erinnern. Aber das ist nicht das geistige Erlebnis, das ist das begriffliche Abbild. Daran kann man sich erinnern. Aber an das geistige Erlebnis kann man sich nicht zurückerinnern. Geistige Erlebnisse sind Tatsachen, die in der geistigen Welt drinnenstehen. Man kann sie anschauen, aber sie haften nicht im Gedächtnis. Wenn der Geistesforscher ein solches Geisteserlebnis noch einmal oder wiederholt haben will, dann ist es nicht ausreichend, daß er einfach die Kraft, die er sonst für eine Erinnerung aufwendet, wieder aufbringt; das führt ihn zu gar nichts. Sondern er muß dieselben inneren Seelenveranstaltungen wieder in sich veranlassen, er muß genau dasselbe vornehmen, was er vorgenommen hat, um zu dem Erlebnis zu kommen. Dann kann er an dasselbe Erlebnis herantreten. Dies, daß ein geistiges Erlebnis sich nicht der Erinnerung einprägt, daß man es nur wieder erleben kann durch jene inneren Seelenveranstaltungen, das ist ein Beweis dafür, daß dasjenige, was wirklich im Geiste lebt, Dauer hat, nicht durch den Tod vernichtet werden kann. Es hat Dauer.
[ 28 ] I have guided you in how the soul realm can be experienced. Of course, this is only a beginning. Such exercises must be repeated again and again. One goes further and further until, finally, a spiritual realm with beings surrounds one, just as the sensory world spreads out before the senses. But this spiritual perception has certain distinctive characteristics. And I would like to mention a few of these characteristics. First of all, when the spiritual researcher has an experience, looks at this experience, and becomes aware of it, one might think that such an experience must relate to the person in the same way that any other experience of the external sensory world does. That is not the case. It turns out that when the spiritual researcher has such an experience, he cannot bring it into his memory—into ordinary memory. Just as, as I have shown, one must go beyond ordinary memory for two or three days, so too does one step out of memory when one enters the spiritual world. Once one has beheld a spiritual phenomenon, one cannot simply incorporate it into memory so as to recall this spiritual experience. One must constantly evoke it anew. You must understand this well: When the spiritual researcher succeeds in translating his experiences into mental images and concepts, he possesses concepts just as ordinary ones are; naturally, he can remember these. But that is not the spiritual experience itself; it is the conceptual image. One can remember that. But one cannot recall the spiritual experience itself. Spiritual experiences are facts that exist within the spiritual world. One can observe them, but they do not remain in memory. If the spiritual researcher wishes to have such a spiritual experience again or repeatedly, it is not enough for him simply to muster the effort he would otherwise expend on a memory; that leads him nowhere. Rather, he must once again bring about the same inner soul processes within himself; he must do exactly what he did to arrive at the experience in the first place. Only then can he approach the same experience. The fact that a spiritual experience does not imprint itself on memory—that it can only be relived through those inner soul processes—is proof that what truly lives in the spirit is enduring and cannot be destroyed by death. It is enduring.
[ 29 ] Also durch die Art und Weise, wie der Geistesforscher erlebt, beweist sich die Unabhängigkeit des Geistig-Seelischen vom Leiblichen. Der Geistesforscher würde sofort überzeugt sein müssen, daß ebenso, wie seine Sinneswahrnehmungen mit dem Tode dahin sind, ebenso, was er vom seelischen Erleben hat, mit dem Tode dahin sein müßte, wenn er sich daran erinnern könnte. Denn auch diejenigen Kräfte, die an das Erinnern gebunden sind, hängen an dem sterblichen Leibe. Das Unsterbliche trifft man erst dann, wenn man jenseits desjenigen ist, was Erinnerung ist.
[ 29 ] Thus, the very nature of the spiritual researcher’s experience proves the independence of the spiritual-soul aspect from the physical body. The spiritual researcher would have to be immediately convinced that, just as his sensory perceptions cease with death, so too would his soul experiences cease with death—if he were able to remember them. For even those powers that are bound to memory are attached to the mortal body. One encounters the immortal only when one is beyond what memory is.
[ 30 ] Noch ein sonderbares Erlebnis möchte ich anführen, ein Erlebnis, das gerade sehr viele, die seelische Übungen machen, frappiert. Wenn man irgendwie im gewöhnlichen Leben sich anschickt und immer wieder und wiederum etwas durchführt, so gibt das eine gewisse Übung. Man kann es immer besser. Dem geistigen Erlebnisse gegenüber ist das merkwürdigerweise umgekehrt: Hat man einmal recht lebhaft, so recht lebendig eine geistige Schau, hat man hineingesehen in irgend etwas, was geistige Dauer hat, und man möchte es ein zweites Mal, ein drittes Mal herbeiführen, so zeigt es sich schwer und immer schwerer, und man muß dann stärkere Anstrengungen machen. Da gibt es nichts von Übung, nichts von Gewohnheiten; man muß stärker und stärker sich anstrengen, um es wiederum zu bekommen. Das geistige Erlebnis flieht uns gewissermaßen, wenn wir es einmal gehabt haben.
[ 30 ] I would like to mention another strange experience—one that particularly strikes many people who practice spiritual exercises. When, in ordinary life, one sets out to do something and carries it out again and again, it provides a certain kind of practice. You get better and better at it. Strangely enough, the opposite is true for spiritual experiences: Once you have had a spiritual vision that is quite vivid, quite alive—once you have looked into something that has spiritual permanence—and you want to bring it about a second time, a third time, it proves difficult and increasingly so, and you then have to make greater efforts. There is no question of practice here, no question of habit; one must exert oneself more and more to achieve it again. The spiritual experience, so to speak, eludes us once we have had it.
[ 31 ] Das frappiert viele aus einem bestimmten Grunde: Wenn nämlich jemand zum ersten Mal an ein geistiges Erlebnis herankommt, so hat er viele Reservekräfte in sich, vieles ist aufgespeichert, was bisher geschlafen hat und jetzt aufgeweckt ist zur geistigen Schau. Da kann er unter Umständen sehr lebendig ein geistiges Erlebnis haben. Wenn er dann noch nicht genügend vorbereitet ist, noch nicht genügend reif ist und gleich Veranlassung nimmt, es wieder zu machen — vorher machte er es mehr durch seine Reservekraft, aus dem Unterbewußten heraus, als voll bewußt —, dann kann er das nicht mehr, und er ist vielleicht sehr unglücklich darüber, weil er vor allen Dingen das Erlebnis haben will. Und er scheut oftmals die Mühe, sich stärker zu üben und seelisch in größere Aktivität zu kommen, um wieder die Veranlassung dazu geben zu können, die dieses Erlebnis herbeiführen kann. Also Sie sehen, gerade das Umgekehrte gilt von dem, was uns im gewöhnlichen Leben so wichtig ist. Daß man sich Kenntnisse aneignet, um Dinge zu wiederholen, davon kann gar nicht die Rede sein, wenn es Seelenerlebnisse angeht. Die Seelenerlebnisse sondern sich immer mehr und mehr, je weiter wir an sie herandringen, von dem Leiblichen ab und zeigen gerade dadurch ihre seelisch-geistige Eigentümlichkeit.
[ 31 ] This strikes many people for a specific reason: namely, when someone approaches a spiritual experience for the first time, they possess many latent reserves within themselves; much that has been dormant until now is stored there and is now awakened to spiritual vision. Under certain circumstances, they can have a very vivid spiritual experience. If they are not yet sufficiently prepared, not yet mature enough, and immediately try to repeat it—having previously experienced it more through their reserve strength, from the subconscious, than fully consciously—then they can no longer do so, and they may be very unhappy about it because, above all, they want to have that experience. And they often shy away from the effort required to practice more intensively and to engage in greater spiritual activity in order to once again create the conditions that can bring about this experience. So you see, the exact opposite applies to what is so important to us in ordinary life. As far as soul experiences are concerned, there can be no question of acquiring knowledge in order to repeat things. The more we approach them, the more soul experiences separate themselves from the physical, and it is precisely through this that they reveal their soul-spiritual nature.
[ 32 ] Ferner ist ein unbedingtes Erfordernis, daß man darauf achtet, wenn man geistige Erlebnisse haben will, mit seinem Begriffs-, mit seinem Vorstellungsleben auf diese geistigen Erlebnisse vorbereitet zu sein. Man kommt in eine geistige Unklarheit hinein, die nicht pathologisch ist, sondern nur eine seelische Unklarheit ist, aber die einen zu allerlei Illusionen führt, wenn man ein geistiges Erlebnis hat, das man nicht mit Begriffen erfassen kann, das man nicht begreifen kann. Man muß also versuchen, sein Begriffsvermögen reif und immer reifer zumachen, bevor man an das geistige Erleben herangeht. Geradeso, wie man ein reifes Augebraucht, um Farben wahrzunehmen, so braucht man ein reifes Vorstellungsvermögen, um dasjenige, was einem geistig entgegentritt, wirklich erfassen zu können.
[ 32 ] Furthermore, it is an absolute necessity that, if one wishes to have spiritual experiences, one must ensure that one’s conceptual and imaginative life is prepared for these spiritual experiences. One enters a state of spiritual confusion that is not pathological, but merely a state of mental confusion; yet this leads to all sorts of illusions when one has a spiritual experience that cannot be grasped by concepts, that one cannot comprehend. One must therefore strive to make one’s conceptual faculties mature—and increasingly so—before approaching the spiritual experience. Just as one needs a mature eye to perceive colors, so one needs a mature power of imagination to truly grasp what confronts one spiritually.
[ 33 ] Dasjenige, was also der Geistesforscher schildert, kann in allen Einzelheiten durch den gesunden Menschenverstand begriffen werden, wenn man das Leben betrachtet, wenn man vergleicht dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat, mit dem, was das Leben alltäglich darbietet. Man braucht nicht selber Forscher zu sein; und der Forscher selber hat nur dann die Früchte seiner Forschung, wenn er umwandeln kann seine geistigen Schauungen in gewöhnliche verständliche Vorstellungen, die er sich selber so mitteilt, wie er sie einem anderen mitteilen kann. Verstehen muß diese Vorstellungen auch der geistige Forscher durch seinen gesunden Menschenverstand. So kann sie auch ein anderer verstehen. Dasjenige, was der Okkultist hat von den Ergebnissen, den Früchten der Geistesforschung, das kann der Mensch haben, ohne daß er selbst ein Geistesforscher ist. Nur, um sich zu überzeugen, daß die Dinge wahr sind, braucht man die geistige Forschung.
[ 33 ] What the spiritual researcher describes can thus be understood in every detail through common sense, if one observes life and compares what the spiritual researcher has to say with what everyday life presents. One need not be a researcher oneself; and the researcher himself reaps the fruits of his research only when he can transform his spiritual visions into ordinary, comprehensible concepts, which he communicates to himself in the same way he can communicate them to another. The spiritual researcher must also understand these concepts through his or her common sense. Only then can others understand them as well. What the occultist gains from the results—the fruits—of spiritual research, any person can gain without being a spiritual researcher themselves. Spiritual research is needed only to convince oneself that these things are true.
[ 34 ] Nun kann, möchte ich sagen, gegen die praktische Bedeutung der geisteswissenschaftlichen Ergebnisse ja allerdings manches eingewendet werden. Und indem ich einige geisteswissenschaftliche Ergebnisse gerade mit Bezug darauf bespreche, muß ich natürlich Anspruch darauf machen, daß dieser andere Weg der Geistesforschung in Erwägung gezogen wird. Erst muß in der Seele die Veranstaltung gemacht werden, dann kommt man zu der Tatsache der Ergebnisse. Der Forscher sagt nicht: Das ist so oder so —, sondern: Wenn man die entsprechenden Veranstaltungen macht in der Seele, kommt man zu geistigen Tatsachen, die sich so und so darstellen. — Die Beweise liegen in der Art des Forschens. Ich kann natürlich nicht in einer kurzen Stunde ganz genau all diese Dinge vorbringen, man müßte nicht nur zehn Vorträge halten, sondern einen über viele Monate gehenden Kursus, um dasjenige zu geben, was dabei zu geben wäre. Daher kann es sehr verständlich sein, wenn man findet, daß der Geistesforscher zwar elementar andeutet, wie der Weg ist, dann aber Rätsel darlegt, die wie aus der Luft geholt sind. Das sind sie aber nicht, sondern wenn der Weg richtig fortgesetzt wird, mit wissenschaftlicher Exaktheit, wie nur je eine neuere Wissenschaft mit ihren Rätseln ringt, kann in derselben Exaktheit auf geistig-seelische Art geforscht werden.
[ 34 ] Now, I would like to say that there are certainly many objections that can be raised against the practical significance of the findings of the humanities. And since I am discussing some of these findings precisely in this context, I must, of course, insist that this alternative approach to spiritual research be taken into consideration. First, the inner work must be done in the soul; only then does one arrive at the reality of the findings. The researcher does not say, “It is this way or that way,” but rather, “When one performs the corresponding inner work in the soul, one arrives at spiritual realities that present themselves in such and such a way.” — The evidence lies in the nature of the research. Of course, I cannot present all these things in full detail in just one short hour; one would need not only ten lectures but a course spanning many months to convey what needs to be conveyed. Therefore, it is quite understandable if one finds that the spiritual researcher, while giving a basic indication of the path, then presents riddles that seem to have been plucked out of thin air. But that is not the case; rather, if the path is correctly pursued with scientific precision—just as any modern science grapples with its mysteries—research can be conducted with the same precision in a spiritual and psychological manner.
[ 35 ] Zunächst möchte ich eine solche Lebenstatsache, einen solchen Lebenszusammenhang dadurch erwähnen, daß ich auf die Aussagen derjenigen Menschen mich beziehe, die immer wieder und wiederum sagen, aus den Vorurteilen und Vorempfindungen der Gegenwart heraus, was ungefähr so lautet: Wozu denn das erforschen, was über den Tod hinausliegt? Wozu denn dieses Ewige in der Menschenseele erforschen? Wenn der Tod herantritt, werde ich schon sehen, wie sich die Sache verhält, ich kann das ruhig abwarten. — Nichts ist unrichtiger als dieses. Geistesforschung zeigt, wenn sie mit den Seelen, die nach dem Tode die Unabhängigkeit vom Leibe erlangt haben, zusammentrifft, daß diese Seelen in solch einer Umgebung leben, wie sie sich diese Umgebung selber zwischen Geburt und Tod zubereitet haben. Hier in der Sinneswelt leben wir in der sinnlichen Umgebung. Diese sinnliche Umgebung tritt an uns heran. Nach dem "Tode leben wir als Seele in demjenigen, was wir uns zwischen der Geburt und dem Tode zum Bewußtsein gebracht haben über das Geistige. Und dasjenige, was nicht da war für uns zwischen der Geburt und dem Tode, ist für uns keine Außenwelt nach dem Tode. Unsere Innenwelt — das wird ein großes Gesetz der geistigen Erkenntnis —, insofern wir sie als eine geistige bewußt durchschaut haben, erkannt haben nicht durch Geistesschau, sondern indem wir durch den gesunden Menschenverstand dasjenige anerkannt haben, was die Geistesschau bringt, das wird unsere Außenwelt. Und nur das haben wir als Außenwelt nach dem Tode, was wir als Innenwelt gehabt haben zwischen Geburt und Tod.
[ 35 ] First, I would like to mention this fact of life, this context of life, by referring to the statements of those people who, time and again, say—based on the prejudices and preconceptions of the present—something along the lines of: Why bother exploring what lies beyond death? Why investigate this eternal aspect of the human soul? When death comes, I’ll see for myself how things stand; I can wait and see. — Nothing could be further from the truth. Spiritual research shows that when it encounters souls who, after death, have attained independence from the body, these souls live in an environment that they themselves have prepared between birth and death. Here in the sensory world, we live in a sensory environment. This sensory environment is what we experience. After “death,” we live as souls in that which we have brought to consciousness between birth and death regarding the spiritual. And that which was not present for us between birth and death is not an external world for us after death. Our inner world—and this becomes a great law of spiritual knowledge—insofar as we have consciously penetrated it as a spiritual reality, not through spiritual vision but by acknowledging through sound common sense what spiritual vision reveals, becomes our outer world. And the only thing we have as an outer world after death is what we had as an inner world between birth and death.
[ 36 ] Eignen wir uns zwischen Geburt und Tod nur Vorstellungen an, die mit der äußeren Sinneswelt zusammenhängen, oder Vorstellungen, die nur am Stofflichen hängen, dann muß unsere Umgebung nach dem Tode gezimmert sein von solchen Vorstellungen. Da ich zeigen möchte, daß Geisteswissenschaft zu konkreten, zu wirklichen Resultaten gelangt, will ich nicht davor zurückscheuen, dasjenige auszusprechen, was heute noch so lächerlich gefunden wird von sehr vielen, wie lächerlich befunden wurde die Kopernikanische Weltanschauung, als sie auftrat; aber die Dinge müssen ausgesprochen werden. Wenn wir uns nichts anderes aneignen zwischen der Geburt und dem Tode als Vorstellungen, die nur der Sinneswelt entnommen sind, die dem Leben in der äußeren Sinneswelt entnommen sind, dann ist das unsere Innenwelt während des physischen Lebens und wird dann unsere Außenwelt sein nach unserem Tode. Und die Folge davon ist, daß diejenigen Seelen, die sich nicht bemüht haben, bewußt sich zu werden, daß hinter der Sinneswelt die geistige Welt ist, nach dem Tode so lange gebannt sind in die irdisch-sinnliche Sphäre, bis sie sich nach dem Tode, wo es viel schwieriger ist, freigemacht haben von dem Glauben, daß es keinen Geist gibt, von der Gewohnheit, nicht auf das Geistige hinzuschauen. Eine geistige Umwelt anderer Art zu haben, als es die irdisch-materielle ist, kann nur erworben werden dadurch, daß wir durch den Tod gehen mit Vorstellungen, die sich bewußt sind, daß es eine geistige Welt gibt. Daher werden Seelen, welche sich dieses Bewußtsein nicht erwerben, nach dem Tode in der Erdensphäre festgehalten werden. Sie können da gefunden werden von denjenigen, die sich durch Geistesforschung den Weg dazu gebahnt haben.
[ 36 ] If, between birth and death, we acquire only ideas related to the external sensory world, or ideas that are tied solely to the material realm, then our surroundings after death must be shaped by such ideas. Since I wish to show that spiritual science arrives at concrete, real results, I will not shy away from stating what is still considered so ridiculous by so many today—just as the Copernican worldview was deemed ridiculous when it first appeared; but these things must be stated. If, between birth and death, we acquire nothing other than concepts derived solely from the sensory world—concepts drawn from life in the outer sensory world—then this is our inner world during physical life and will become our outer world after our death. And the consequence of this is that those souls who have not made an effort to become consciously aware that behind the sensory world lies the spiritual world are, after death, banished to the earthly sensory sphere until, after death—when it is much more difficult—they have freed themselves from the belief that there is no spirit and from the habit of not looking toward the spiritual. A spiritual environment of a different nature than the earthly-material one can only be attained by passing through death with a consciousness that a spiritual world exists. Therefore, souls that do not acquire this awareness will be held back in the earthly sphere after death. They can be found there by those who have paved the way through spiritual research.
[ 37 ] Und was noch viel tiefer in die Seele sich einprägt an dieser Tatsache, das ist das andere: Man lernt erkennen, wenn man die Seelen findet auf dem angedeuteten Weg, daß diese Seelen in der irdischen Sphäre nur dann günstig wirken, wenn sie auf diese irdische Sphäre durch den Leib wirken. Hier in der Erdensphäre sind wir durch den Leib in das richtige Verhältnis zur Umgebung gesetzt. Bleiben wir nach dem Tode in derselben Umgebung, wie die angedeutete Tatsache zeigt, dann wirken wir zerstörend. Dann sind wir in falscher Weise eingeschaltet. Wer ein wirklicher Forscher ist, der weiß: Wenn hier von den Menschen geglaubt wird, daß zerstörerische Kräfte von selbst kommen und sich auflösen von selbst, wenn Zerstörerisches hereinfließt in das Menschenleben, ohne daß konkret wirkliche Gründe vorhanden sind, dann sind es die Seelen derer, die hier nicht spirituelles Bewußtsein gefunden haben und die nach dem Tode dann zerstörend hereinwirken in dieses Erdenleben.
[ 37 ] And what leaves an even deeper impression on the soul regarding this fact is the following: When one encounters souls on the path described, one comes to recognize that these souls exert a beneficial influence in the earthly sphere only when they act upon that sphere through the physical body. Here in the earthly sphere, our bodies place us in the proper relationship to our surroundings. If, after death, we remain in the same surroundings—as the fact mentioned above indicates—then we have a destructive effect. Then we are connected in the wrong way. Anyone who is a true researcher knows: When people here believe that destructive forces arise on their own and dissolve on their own—when destructive forces flow into human life without any concrete, real reasons—then it is the souls of those who have not found spiritual consciousness here and who, after death, exert a destructive influence on this earthly life.
[ 38 ] Wird einmal durchschaut diese heute noch für viele lächerliche Wahrheit, daß der Mensch sich an die Erde bannt, um ein Zerstörerischer zu sein nach dem Tode für die irdischen Verhältnisse, daß er auf Erden in trauriger Weise wütend unter den Menschen eingreift nach dem Tode, dann wird wiederum ein konkretes Verhältnis des Menschen hier zu der geistigen Welt gewonnen sein, dann wird es eine kosmische Pflicht werden, eine Pflicht gegenüber der Weltenordnung, nicht sich zu beschränken auf dasjenige, was nur äußerlich im physischen Leben erlebt werden kann, sondern was so erfahren wird, daß der Mensch durchdrungen ist in seinem inneren Erleben davon, daß er mit dem ewigen Wesenskern seelisch in einem Verhältnis steht zu der geistigen Welt, die um uns herum ebenso ist wie die sinnliche Welt, nur daß sie das gewöhnliche Bewußtsein nicht wahrnimmt. So wie der Bauer, der noch nichts gehört hat von der Luft, auch nicht glaubt, daß die Luft ihn umgebe, sondern meint, daß da nichts ist, so glaubt man durch das gewöhnliche Bewußtsein, daß da, wo etwas nicht durch die Sinne wahrgenommen werden kann, nichts sei. Die geistige Welt ist da, und sie kann wahrgenommen werden, wenn das Bewußtsein für diese geistige Welt wirklich erwacht.
[ 38 ] Once this truth—which many still find ridiculous today—is fully understood, namely, that human beings bind themselves to the Earth in order to act as destroyers of earthly conditions after death, and that after death they intervene among human beings on Earth in a tragic and furious manner, then a concrete relationship between human beings here and the spiritual world will once again be established, then it will become a cosmic duty—a duty toward the world order—not to limit oneself to what can be experienced only outwardly in physical life, but to experience it in such a way that one is permeated in one’s inner life by the realization that, in one’s soul, one stands in a relationship with the spiritual world, which surrounds us just as much as the physical world, except that ordinary consciousness does not perceive it. Just as the farmer who has never heard of air does not believe that air surrounds him, but thinks that there is nothing there, so too does ordinary consciousness lead one to believe that where something cannot be perceived by the senses, there is nothing. The spiritual world is there, and it can be perceived when consciousness truly awakens to this spiritual world.
[ 39 ] Ein anderes, was ich als Tatsache anführen will, ist dies: Man lernt begreifen, wie dasjenige, was für keine Naturwissenschaft eigentlich zugänglich ist, nur in negativer Weise zugänglich ist — der Verständige wird mir recht geben, daß ich diese Behauptung tue —, wie der Tod dadurch in das Gebiet der Forschung eingetreten ist. Während im Grunde genommen Naturwissenschaft es zu tun hat nur mit dem, was aufsteigende Entwickelung ist, Wachstum ist, lernt der Geistesforscher das Hereingreifen der absteigenden Entwickelung erkennen, das Hereingreifen des Todes in die Entwickelung selbst. Er lernt die Rolle erkennen, welche der Tod spielt; an konkreten Tatsachen lernt er dies erkennen.
[ 39 ] Another point I wish to present as a fact is this: One comes to understand how that which is not actually accessible to any natural science—or is accessible only in a negative sense—the discerning reader will agree with me in this assertion—how death has thereby entered the realm of research. While, fundamentally speaking, the natural sciences deal only with what is ascending development, what is growth, the researcher of the spirit learns to recognize the intervention of descending development—the intervention of death into development itself. He learns to recognize the role that death plays; he learns to recognize this through concrete facts.
[ 40 ] Gehen wir von einem Beispiel aus: Gewaltsam, nehmen wir an, tritt an irgendein Menschenleben der Tod heran, der durch irgend etwas in der Außenwelt hervorgerufen wird, etwa dadurch, daß ein Felsblock über einen hereinbricht, daß ein Haus über einem zusammenbricht oder daß man erschossen wird auf dem Schlachtfeld — alles ein gewaltsamer Tod. Es hat im Weltenzusammenhange etwas Unerklärliches gegenüber dem Menschen. Tritt der Geistesforscher heran und dringt immer weiter und weiter vor in der Erkenntnis, so lernt er erkennen, daß nicht nur das der Fall ist, was ich vorhin angeführt habe: In meinem gegenwärtigen Menschenleben steckt mein ganzes Leben drinnen, von der Geburt an bis jetzt, nur daß dasjenige, was zwei bis drei Tage zurückgreift, sich schon vergeistigt hat. Wenn der Forscher weiter aufrückt, nicht nur seine Gedanken durch innere Übungen verstärkt, sondern auch auf sein Gefühlsleben verstärkend wirkt, daß die Gefühle, die im Laufe des Lebens auftreten, wahrgenommen werden, daß er das geistige Erleben vergleichen kann mit einem musikalischen Erleben, mit einem Ton, einem Klang, einem Geräusch. Wenn man musikalisch erlebt, muß man den Ton erkennen können. Durch die Fortsetzung solcher Verhältnisse lernt man, das eine Erlebnis mit einem anderen zu verbinden, ein Seelenerlebnis, das auf die Art, wie ich es geschildert habe, zwei bis drei Tage zurückliegt, zusammenzustellen mit einem anderen, das vielleicht sieben bis neun Jahre zurückliegt. Man kann zusammenklingend empfinden, nicht philosophisch zergliedern, aber zusammenklingend empfinden dasjenige, was in der Zeit erlebt wird, was sich als Seelisches hinstellt, neben die Dauer, wie ich es geschildert habe. Das wird musikalisch erlebt, als Vergleich gesprochen, wenn der Mensch in dieser Weise sein Erlebnis vor sich hat. Dann kann er dieses auch ausdehnen, unabhängig von der Zeit zwischen Geburt und Tod, nicht nur auf zwei bis drei Tage oder Jahre Zurückliegendes, sondern auf dasjenige, was vor der Geburt oder Empfängnis geschehen ist. Da erlebt er sich als geistig-seelisch, bevor er heruntergestiegen ist und sich verbunden hat mit einem physischen Leibe, der ihm die äußere Sinnesempfindung gibt und die Möglichkeit, auf die äußere Welt zu wirken. Und wenn er noch weiter vorrückt, wenn er zu einem Erkennen vorrückt, das ich in der folgenden Dastellung charakterisieren will, erlebt er sich auch in verflossenen Erdenleben, erlebt er die Dinge, die herüberwirken aus verflossenen Erdenleben. Und wenn der Mensch wirklich dazu gekommen ist, Erkenntnis in sich ausgebildet zu haben, durch die er das Seelische unmittelbar erlebt, durch die er imstande ist, zu wissen, wie das Seelische in der Dauer da ist, dann kommt ein Moment im Leben, der tief eingreifend in dieses Leben ist, wo der Mensch sich sagen kann: Du hast dich verbunden mit dem Geistig-Seelischen.Das ist ein Schicksalsereignis! — Viel mehr ist damit gesagt, als sich eigentlich aussprechen läßt. Man braucht nicht stumpf zu werden gegenüber dem übrigen Leben; im Gegenteil, man kann viel feiner empfindend werden für alles dasjenige, was den Menschen erheben kann, hinausheben kann über das gewöhnliche Tagesleben bis zum höchsten Glück; man kann erleben, was uns tief ins Unglück stürzt, man kann an allem Schicksal teilnehmen. Dennoch kann der Moment eintreten, daß man sich sagt: Stärker als jeder andere Schicksalsschlag wirkt derjenige in der menschlichen Seele, in dem die Erkenntnis für uns so gegenständlich ist, so lebendig wird, daß wir das Geistige erfassen. Dann breitet sich über unser ganzes Leben dieses schicksalsmäBige Erleben der Erkenntnis aus, und wir verstehen auch das übrige Schicksal. Wir verstehen, wie unser gegenwärtiges Schicksal bewirkt ist aus früheren Erdenläufen herüber. Wir kommen zusammen mit früheren Erdenläufen, nicht erinnernd, denn erinnert werden können geistige Erlebnisse als solche überhaupt nicht unmittelbar; aber etwas tritt auf, was viel höher ist als die Erinnerung: die Anschauung des Vergangenen.
[ 40 ] Let’s take an example: Let us suppose that death comes upon a human life in a violent manner, caused by something in the external world—for example, by a boulder falling on a person, a house collapsing on them, or being shot on the battlefield—all of which are violent deaths. In the context of the world, this holds something inexplicable for human beings. As the spiritual researcher advances and penetrates ever deeper into understanding, he comes to realize that it is not only the case, as I mentioned earlier, that my entire life—from birth until now—is contained within my present human life, except that what goes back two or three days has already become spiritualized. As the researcher advances further—not only strengthening his thoughts through inner exercises but also strengthening his emotional life so that the feelings that arise in the course of life are perceived, and so that he can compare the spiritual experience to a musical experience, to a tone, a sound, a noise—when one experiences music, one must be able to recognize the tone. By continuing in this way, one learns to connect one experience with another—to bring together a soul experience that, as I have described, lies two to three days in the past with another that may lie seven to nine years in the past. One can perceive them as resonating together—not philosophically dissecting them, but perceiving what is experienced in time, what presents itself as a soul experience, alongside duration, as I have described it. This is experienced musically—to use a metaphor—when a person has their experience before them in this way. Then they can also extend this, independently of the time between birth and death, not only to events from two to three days or years ago, but also to what happened before birth or conception. There they experience themselves as spiritual-soul beings, before they descended and united with a physical body that gives them external sensory perception and the ability to act upon the external world. And as he progresses even further, as he advances toward a form of knowledge that I shall characterize in the following exposition, he also experiences himself in past earthly lives; he experiences the things that have an effect on him from past earthly lives. And when a person has truly come to develop within themselves a form of knowledge through which they directly experience the soul, through which they are able to know how the soul exists in the course of time, then a moment comes in life—one that profoundly affects that life—when the person can say to themselves: “You have united yourself with the spiritual-soul.” That is a fateful event! — This says far more than can actually be put into words. One need not become numb to the rest of life; on the contrary, one can become much more sensitively attuned to everything that can uplift a person, lifting them beyond ordinary daily life to the highest bliss; one can experience what plunges us deep into misfortune; one can participate in all of fate. Nevertheless, there may come a moment when one says to oneself: Stronger than any other stroke of fate is the one that acts upon the human soul in which this insight becomes so concrete for us, so vivid, that we grasp the spiritual. Then this fateful experience of insight spreads over our entire life, and we also come to understand the rest of fate. We understand how our present fate is shaped by past earthly lives. We come together with past earthly lives, without remembering them—for spiritual experiences as such cannot be remembered directly at all; but something arises that is far higher than memory: the insight into the past.
[ 41 ] Das ist es, was eintreten muß, wenn der Mensch erforschen will so etwas wie den gewaltsamen Tod, der in das Leben herein sich stellt. Man kann ihn nicht erforschen, wenn man nur einen Lebenslauf eines Menschen in Betracht zieht. In diesen einen Lebenslauf stellt er sich wie ein Zufall herein. Der gewaltsame Tod erschreckt. Erblickt man aber, wie das Gesamtleben des Menschen besteht aus den Lebensläufen, die zwischen Geburt und Tod liegen, in denen er mit dem Leibe verbunden ist, und den dazwischenliegenden Zeiten, die viel länger sind, in denen der Mensch seelisch in der geistigen Welt ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, dann findet man, daß dasjenige, was gewaltsam als Tod in das Menschenleben hereintritt, ein bedeutsames Erlebnis ist. Die Seele wird gewissermaßen in einem Augenblick entrissen dem Leben des Leibes, durch das sie mit der Sinneswelt in Verbindung steht; sie wird dadurch, daß sie nicht spontan von innen heraus getrieben wird in die geistige Welt hinein, sondern erfaßt wird durch die Außenwelt selbst, dadurch wird sie in sich, gerade durch das Erleben eines Äußeren, innerlich mit einer ganz besonderen Kraft ausgestattet.
[ 41 ] This is what must happen when one seeks to explore something like violent death, which intrudes upon life. One cannot explore it by considering only a single human life course. Within that single life course, it appears as if by chance. Violent death is terrifying. But when one sees how a person’s entire life consists of the life courses that lie between birth and death—during which the person is connected to the body—and the intervening periods, which are much longer, during which the person is spiritually in the spiritual world between death and a new birth, then one finds that what enters human life violently as death is a significant experience. The soul is, so to speak, snatched in an instant from the life of the body, through which it is connected to the sensory world; because it is not driven spontaneously from within into the spiritual world, but is seized by the external world itself, it is thereby endowed within itself—precisely through the experience of something external—with a very special power.
[ 42 ] Es ist eben ein Gesetz der geistigen Welt: Das Innere wird Äußeres, indem die Seele in die geistige Welt eintritt. Und das äußere Erlebnis hier wird innerlich, ein solches Erlebnis wie ein gewaltsamer Tod wird innerlich. Was in einem Leben ein gewaltsamer Tod ist, tritt in einem nächsten Erdenleben auf als eine Kraft, die sich herausstellt aus der gewöhnlichen Welt des Lebens.
[ 42 ] It is simply a law of the spiritual world: the inner becomes the outer as the soul enters the spiritual world. And the outer experience here becomes an inner one; an experience such as a violent death becomes an inner one. What is a violent death in one life appears in the next earthly life as a force that emerges from the ordinary world of life.
[ 43 ] Wenn wir daher in einem Erdenlaufe des Menschen finden: Dieser Mensch hat etwas Besonderes in einem besonderen Zeitpunkte zu vollbringen vermocht, er hat seinem ganzen Leben eine neue Richtung gegeben, wie aus unbekannten Tiefen ist etwas von Kräften in seiner Seele aufgekommen: das kommt von einem gewaltsamen Tode in einem früheren Leben. Diese Kräfte, die dem Leben eine neue Richtung geben, die werden jetzt viel erforscht, es werden ja solche Dinge sehr viel beschrieben, wie Menschen plötzlich ihrem Leben eine neue Richtung geben. Solche Dinge führen zurück auf gewaltsame Tode, die aber selbstverständlich nicht irgendwie gesucht werden dürfen. Denn ein Tod, der als gewaltsamer Tod gesucht würde, der würde schon nicht mehr ein solcher sein, der von außen herbeigeführt wird. Selbstverständlich kann das nicht gewünscht werden. Es würde der Wunsch nach einem solchen Tode zum Beispiel den gewaltsamen Tod ähnlich machen dem gewöhnlich aus dem Organismus heraus eintretenden Tod, der vom Innern des Leibes selbst heraus bewirkt wird. Ja, nicht nur ähnlich machen, sondern er würde sogar den Menschen in ein anderes Verhältnis versetzen als der gewöhnliche Tod. Der gewöhnliche Tod, der in irgendeinem Lebensalter von innen bewirkt wird, der bringt für die nächsten Lebensläufe mit sich dasjenige, was mehr ein gleichmäßig verlaufendes Leben ist, wie es ursprünglich schon von der Kindheit und Geburt an angelegt ist. Ein gewaltsamer Tod aber, der durch Selbstmord gesucht würde oder durch den Wunsch gesucht würde, er würde den Menschen in einer Weise beeinträchtigen, daß er im nächsten Lebenslauf nicht mit seinem Leben zurechtkommen könnte, daß er gewissermaßen haltlos würde. Schon der Wunsch darf nicht in unser Leben hereinkommen, irgendwie einen gewaltsamen Tod zu finden. Mit irgendeiner Lebensfeindlichkeit hat es gerade die richtig verstandene Geisteswissenschaft nicht zu tun.
[ 43 ] Therefore, when we observe in the course of a human life that a person has been able to accomplish something extraordinary at a particular moment—that he has given his entire life a new direction, as if forces had welled up in his soul from unknown depths—this stems from a violent death in a previous life. These forces, which give life a new direction, are now the subject of much research; indeed, there are many accounts of how people suddenly give their lives a new direction. Such events can be traced back to violent deaths, which, of course, must not be sought out in any way. For a death that were sought as a violent death would no longer be one brought about from the outside. Of course, this cannot be desired. The desire for such a death, for example, would make a violent death similar to the ordinary death that occurs from within the organism—one brought about from within the body itself. Indeed, it would not only make it similar but would even place the person in a different relationship to life than ordinary death does. Ordinary death, which is brought about from within at any age, brings with it for subsequent lifetimes what is more of a steady, uneventful life, as it is originally laid out from childhood and birth onward. A violent death, however—whether sought through suicide or through a desire for it—would impair the person in such a way that in the next life he or she would be unable to cope with life, becoming, so to speak, adrift. We must not even allow the desire to meet a violent death in any way to enter our lives. Properly understood spiritual science has nothing to do with any kind of hostility toward life.
[ 44 ] Sie sehen, dadurch, daß die Wirkung der Seelenkräfte auf konkret geistesforscherische Art gesucht wird, nicht bloß in abstrakter Weise philosophisch, dadurch kommt man zu wirklichen einzelnen Ergebnissen, die das Menschenleben verständlich machen. Ich wollte heute zunächst darüber einige Anregungen geben. Ich weiß, gerade wenn man nicht im Abstrakten herumredet, sondern solche konkreten Ergebnisse der Geistesforschung vorbringt, stößt man heute ja vielfach nicht nur auf Widerstand, sondern auf den Spott der Zeitgenossen. Ich habe schon gesagt: Dieser Widerwille beginnt heute bereits, wenn der Geistesforscher nur seine Methode, die Art seines Forschens darstellt. Wenn man beurteilen will, was der Geistesforscher vorzubringen hat, nach dem, was man schon vorher weiß ohne Geistesforschung, dann ist es kein Wunder, wenn einem das vom Geistesforscher Vorgebrachte als Phrase erscheint, schon bevor er seine Methode entwickelt hat, die seine Beweise liefert für die Selbständigkeit des geistigen Lebens. Man beurteilt diese Methoden sehr häufig als etwas, was zu keinen Tatsachen führe. Nun möchte ich wissen, ob dies nicht gewichtige, in das Leben eingreifende Tatsachen sind, was vorgebracht wird nur in den zwei Vorträgen heute und übermorgen; was gewichtiger sein könnte als diese Mitteilung vom gewaltsamen Tod und von dem Verurteiltsein, eine zerstörerische Rolle zu spielen nach dem Tode, wenn man nicht mit gewissen geistigen Vorstellungen sich zwischen Geburt und Tod durchdrungen hat.
[ 44 ] You see, by seeking the effects of the soul’s forces in a concrete, spiritual-scientific way—rather than merely in an abstract, philosophical manner—one arrives at real, specific findings that make human life understandable. I wanted to offer a few thoughts on this today. I know that, especially when one does not engage in abstract talk but instead presents such concrete results of spiritual research, one often encounters not only resistance but also the ridicule of one’s contemporaries. As I have already said, this aversion begins today as soon as the spiritual researcher merely describes his method, the nature of his research. If one tries to judge what the spiritual researcher has to offer based on what one already knows without spiritual research, then it is no wonder that what the spiritual researcher presents seems like mere rhetoric, even before he has developed his method, which provides evidence for the independence of spiritual life. These methods are very often judged as something that leads to no facts. Now I would like to know whether what is presented in just these two lectures today and the day after tomorrow are not weighty facts that have a profound impact on life; what could be more weighty than this revelation of a violent death and the condemnation to play a destructive role after death if one has not imbued oneself with certain spiritual concepts between birth and death.
[ 45 ] Es handelt sich darum: Wenn solche Dinge angeführt werden, braucht es nicht so zu sein, daß derjenige, der sie erzählt, sie nicht als vollgültige Tatsachen vorbringt, sondern derjenige, der zuhört, vermag sie vielleicht in ihrer Tatsächlichkeit nicht zu durchschauen, so daß sie für ihn eine Phrase bleiben. Phrase wird vielfach dasjenige heute noch für die Zeitgenossen bleiben, was der Geistesforscher vorzubringen hat. Haß, sagte ich, wird vielleicht schon gegen die Methode des Forschens sich vielfach geltend machen. Dafür möchte ich ein paar Beispiele vorbringen, denn diese Beispiele sind nicht bloß bedeutsam durch das, was sie unmittelbar charakterisieren, sondern diese Beispiele zeigen zu gleicher Zeit etwas über die Eigenart der Geistesforschung selbst.
[ 45 ] The point is this: When such things are mentioned, it is not necessarily the case that the person recounting them is presenting them as fully valid facts; rather, the listener may be unable to grasp their reality, so that they remain mere platitudes to him. Even today, much of what the spiritual researcher has to say will remain mere rhetoric to contemporaries. Hatred, I said, will perhaps often be directed even against the method of research itself. I would like to offer a few examples of this, for these examples are significant not only because of what they directly characterize, but also because they reveal something about the very nature of spiritual research itself.
[ 46 ] Ich habe vor ganz kurzer Zeit in einer Stadt der Schweiz einen Vortrag gehalten über dieselben Gegenstände, wie diejenigen sind, über die ich heute gesprochen habe. Nach ein paar Tagen bekam ich von einer sehr höflichen Persönlichkeit einen Brief, in dem ausgedrückt werden sollte, wie ein Mensch der Gegenwart, der sich das angehört hat, zu dem sich äußert, was der Geistesforscher vorzubringen hat, wie er sich eben gegenwärtig noch verhält zu dem Vorgebrachten. Da der Brief sehr höflich ist, möchte ich, um eben etwas von Geisteswissenschaft zu charakterisieren an der Art, wie sich das gewöhnliche Bewußtsein dazu verhält, einiges aus diesem Briefe vorbringen.
[ 46 ] Just a short while ago, I gave a lecture in a city in Switzerland on the same topics I have discussed today. A few days later, I received a letter from a very courteous individual, in which he sought to express how a person of the present day, having listened to the lecture, responds to what the spiritual researcher has to say—that is, how he currently relates to the ideas presented. Since the letter is very polite, I would like to quote a few passages from it in order to characterize spiritual science a bit through the way ordinary consciousness relates to it.
[ 47 ] Zunächst sagt die betreffende Persönlichkeit, daß dasjenige, was ich vorgebracht habe, durchaus nicht als Tatsache auf ihn gewirkt habe, sondern er schreibt: Nach meiner bescheidenen subjektiven Meinung war von Tatsachen in dieser blödsinnigen Lehre keine Spur. Im Mittelpunkt Ihrer Geistesforschung scheint die Wiederverkörperungslehre zu liegen. Haben Sie mit all Ihrem, wie Sie sagen, dreißigjährigen Studium und Ihrer Forschung noch nicht herausgefunden, wie lächerlich es wäre, wenn ein menschlicher Geist, der sich, nachdem er sich während des Erdenlebens ausgebildet und emporgearbeitet hat, wiederum zurückfallen müßte in die Kindheit und ihm Begriffe wiederum erklärt werden müßten...
[ 47 ] First of all, the person in question says that what I presented did not strike him as fact at all; rather, he writes: “In my humble subjective opinion, there was not a trace of fact in this nonsensical doctrine.” The doctrine of reincarnation seems to be at the center of your spiritual research. With all your—as you say—thirty years of study and research, haven’t you yet realized how ridiculous it would be if a human spirit, having developed and advanced during its earthly life, were to fall back into childhood and have concepts explained to it all over again...
[ 48 ] Ein Einwand, der selbstverständlich sehr leicht gemacht werden kann, der für denjenigen vollständig wegfällt, der da weiß, wie dieses Seelische beschaffen ist, wenn es gefunden wird auf die Weise, die ich heute geschildert habe. Da weiß man zu gleicher Zeit, daß dieses Seelische, auch nachdem es viele Erdenleben durchgemacht hat, immer wieder und wiederum diese Erdenleben zu seiner Bereicherung durchmachen kann und sie so durchmachen kann, daß man gewisse Dinge, die man wahrhaftig an sich als einen großen Mangel findet, wenn man das Seelische entdeckt, wahrhaftig nicht mehr im Alter durchmachen könnte, sondern wiederum eben von Kindheit auf durchmachen muß. Wer das Menschenleben überschaut, wie es sich über Tode und Geburten hinauserstreckt, der weiß, daß es ebenso lächerlich ist, zu sagen, man wolle nicht wiederum in die Kindheit zurück, wie es lächerlich wäre, zu sagen: Ich habe ja nun Französisch, ich habe Deutsch gelernt, warum soll ich nun, wenn es die Leute von mir verlangen, auch noch Chinesisch lernen? Warum soll ich das nun wiederum Wort für Wort, Silbe für Silbe mit aller Grammatik lernen?
[ 48 ] This is an objection that can, of course, be raised very easily, but it completely falls away for anyone who understands the nature of this spiritual aspect when it is encountered in the way I have described today. One knows at the same time that this soul, even after having lived through many earthly lives, can go through these earthly lives again and again for its own enrichment—and can do so in such a way that certain things, which one truly recognizes as a great deficiency when one discovers the soul, one could truly no longer go through in old age, but must instead go through them anew, starting in childhood. Anyone who surveys human life as it extends beyond death and birth knows that it is just as ridiculous to say one does not want to return to childhood as it would be ridiculous to say: “I’ve already learned French, I’ve learned German—why should I now, just because people demand it of me, also have to learn Chinese?” Why should I now have to learn that again, word for word, syllable for syllable, along with all the grammar?
[ 49 ] Diese Einwände, die gemacht werden, zeigen eben, daß nicht der Wille vorhanden ist, mitzugehen mit diesen Dingen. Aber sie würden nicht gemacht werden, wenn nicht dasjenige aufträte, wovon ich gesprochen habe: daß ein gewisser Widerwille gegen die Geistesforschung auftritt. Und dieser Widerwille rührt im wesentlichen von folgendem her: Die Seele muß gewahr werden, wenn man sie zu ihrer eigenen Natur führt, daß sie wohl bedürftig ist, viele Erdenleben durchzumachen, daß sie durchaus dasjenige, was sie sich an Vollkommenheiten zuschreibt im späteren Erdenleben, vielfach nicht hat, weil es aus ihrer ureigenen Wesenheit stammt, sondern daß sie das hat aus ihrer Kulturumgebung heraus, daß das nicht ihr eigentliches Eigentum ist.
[ 49 ] These objections that are raised simply show that there is no willingness to go along with these things. But they would not be raised if it were not for what I have spoken of: that a certain aversion to spiritual research arises. And this aversion stems essentially from the following: When the soul is led to recognize its own nature, it must realize that it is indeed in need of undergoing many earthly lives; that the qualities of perfection it attributes to itself in later earthly lives are, in many cases, not derived from its very own essence, but rather from its cultural environment—and that these are not truly its own.
[ 50 ] Und so kommt es, daß, wenn der Geistesforscher schildern muß diese Seele, sie schildern muß gewissermaßen in ihrer Nacktheit, wie sie wohl bedürftig ist, wiederholte Erdenleben durchzumachen, daß dann der Mensch böse wird, namentlich dann böse wird, wenn die Dinge der Geistesforschung geschildert werden, weil er ahnt, daß die Seele nicht dasjenige ist, was er gerne haben möchte, daß sie es sei. Man berührt vieles Unbewußte und Unterbewußte in diesen Seelen; aber auf dieses Unbewußte und Unterbewußte muß eben hingewiesen werden.
[ 50 ] And so it comes to pass that when the spiritual researcher must describe this soul, must describe it, so to speak, in its nakedness—how it is, in a sense, in need of undergoing repeated earthly lives—people become angry; they become angry, in particular, when the findings of spiritual research are described, because they sense that the soul is not what they would like it to be. One touches upon much that is unconscious and subconscious in these souls; but this unconscious and subconscious must indeed be pointed out.
[ 51 ] Viel interessanter als dieser Brief, der von einer höflichen Persönlichkeit herrührt, die in ihrer Ehrlichkeit sich über die anthroposophische Lehre besorgniserregt äußert, viel interessanter als dieser höfliche Brief ist etwas anderes. Nur will ich noch erwähnen, daß dieser Brief, nachdem alles so behandelt wurde, wie ich es gesagt habe vorhin, dann damit schließt, daß der Mann sagt: Es würde mich freuen, von Ihnen mit einer Rückäußerung beehrt zu werden. — Höflicher kann man ja nicht sein!
[ 51 ] Much more interesting than this letter—which comes from a courteous person who, in all honesty, expresses concern about the anthroposophical teachings—much more interesting than this courteous letter is something else. I would just like to mention, however, that this letter—after everything has been addressed as I described earlier—concludes with the man saying: “I would be delighted to receive a reply from you.” — One couldn’t be any more polite!
[ 52 ] Nun, daß der Mensch böse werden kann, indem an ihn das herantritt, was wirklich Geistiges ist, ich möchte es aus einer einzelnen Erscheinung, die ja wenigen bekannt ist selbstverständlich, aber die doch bedeutsam genug ist, erwähnt zu werden, belegen. Es gibt einen Philosophen der Gegenwart — ich schätze ihn sehr —, Richard Wahle. Ich schätze Richard Wahle schon seit seinem ersten philosophischen Auftreten, weil es ihm gelungen ist, durch große Scharfsinnigkeit in einzigartiger Weise alles dasjenige, was der Mensch sinnlich wahrnimmt, so darzustellen, daß es völlig als Bild erscheint, das von allem Geistigen ganz frei ist. Wir mischen immer noch Geistiges herein, wenn wir Sinnliches schildern. Richard Wahle ist es gelungen, alles, was der Mensch im Sinnenleben erlebt, so zu schildern, daß er den Geist völlig austreibt, so daß wirklich nur das bleibt, was sinnlich wahrzunehmen ist, und alles Geistige bankrott werden muß. Das mußte einmal gemacht werden, und es ist interessant, daß es einmal gemacht worden ist. Es verhält sich zu dem, was wir als Welt erleben, so, wie wenn jemand ein wunderbares Gemälde vor sich hätte und nichts schildern wollte von all dem, was es darstellt, als wie die Farbkleckse aneinandergereiht sind. Aber es würde interessant sein, einmal zu sehen, wie das ist, bloß so etwas geschildert zu bekommen von einem wunderbaren Gemälde, wie die Farbenkleckse nebeneinandergesetzt sind. Wenn man das mit großem Scharfsinn gegenüber den Welterscheinungen tut, so ist das auch ein Verdienst. So hat es der Philosoph Richard Wahle, der vermutlich deshalb gerade Philosoph in der Gegenwart ist — er ist einer der charakteristischsten — dadurch in seinem weiteren Lebenslauf zu etwas ganz Besonderem gebracht. Ich habe nämlich noch niemals, und ich bin ziemlich — ich sage es ohne Eitelkeit — mit der philosophischen Literatur der Welt bekannt, aber ich habe noch niemals so schimpfen gehört, auch nicht von Nietzsche, über die Philosophie und über das Nutzlose der Philosophie wie von Richard Wahle in seinen Büchern «Das Ganze der Philosophie» und «Über den Mechanismus des geistigen Lebens». Wenn man sich noch so anstrengt als Philosoph, der Mensch hat nicht mehr Philosophie als ein Tier und unterscheidet sich nur dadurch in gewisser Beziehung von dem Tiere, daß er glaubt, irgendwie gegen die geistige Welt anrennen zu müssen und das nicht kann. — So schreibt Wahle noch vor kurzem.
[ 52 ] Now, I would like to demonstrate—using a single phenomenon that is, of course, known to few but is nonetheless significant enough to be mentioned—that a human being can become evil when confronted with what is truly spiritual. There is a contemporary philosopher—whom I hold in high regard—named Richard Wahle. I have admired Richard Wahle ever since his first philosophical appearance, because through his great acumen he has succeeded in a unique way in presenting everything that human beings perceive through their senses in such a way that it appears entirely as an image that is completely free from anything spiritual. We still mix in the spiritual when we describe the sensory. Richard Wahle has succeeded in describing everything a person experiences in sensory life in such a way that he completely expels the spirit, so that truly only what can be perceived sensually remains, and everything spiritual must be rendered void. This had to be done once, and it is interesting that it has been done. It relates to what we experience as the world in the same way as if someone were standing before a wonderful painting and wanted to describe nothing of what it depicts except how the splashes of color are arranged next to one another. But it would be interesting to see, just once, what it is like to have a wonderful painting described to you in this way—simply as a series of splashes of color placed side by side. If one applies this with great acumen to the phenomena of the world, that, too, is a merit. This is how the philosopher Richard Wahle—who is presumably a philosopher of our time precisely for this reason (he is one of the most distinctive)—has, through this, achieved something quite special in the course of his life. For I have never—and I am quite—I say this without vanity—familiar with the world’s philosophical literature—but I have never heard such railing, not even from Nietzsche, against philosophy and the futility of philosophy as I have from Richard Wahle in his books The Whole of Philosophy and On the Mechanism of Intellectual Life. No matter how hard one strives as a philosopher, a human being has no more philosophy than an animal and differs from the animal in a certain respect only in that he believes he must somehow struggle against the spiritual world—and cannot do so. — So wrote Wahle just recently.
[ 53 ] Also es ist eigentlich niemals so temperamentvoll zu gleicher Zeit geschimpft worden über die Philosophie wie von diesem öffentlichen Vertreter der Philosophie. Aber der Universitätsprofessor Richard Wahle schimpft nur deshalb so über die Philosophie, weil er gelegentlich seiner Arbeit beim Herausschälen des bloß sinnlich Wahrnehmbaren, aus dem er allen Geist herausgetrieben hat, gerade durch diese negative Art an den Geist herangekommen ist. Und gewisse Dinge, die das geistige Leben charakterisieren, charakterisiert eigentlich niemand besser von den gegenwärtigen Philosophen als der Geistverächter Richard Wahle. Eine Stelle aus Richard Wahles «Mechanismus des Seelenlebens» möchte ich doch vorbringen, denn sie ist deshalb interessant, weil man sieht, wie ein Mensch, der getrieben wird durch seinen Scharfsinn, bei der Austreibung des Geistes, ich möchte sagen, wenn er so zum Fenster hinaus gerade weghuscht, getrieben wird, diesen Geist doch wahrzunehmen. Man könnte sagen, wie das Dichterwort heißt: Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er es auch schon am Kragen hätte. — Aber solch ein Mensch wie Richard Wahle, der merkt nun gerade noch den Geist; deshalb sagt er: «Welch kleinen Raum im Universum nimmt der Geist ein! Er ist nur wie eine Pfütze, in der sich Sterne spiegeln. Würden die Kombinationen des Geistes einen erheblichen Teil der Welt bilden, so müßte sie sich ihrer schämen; das würde das Weltall kompromittieren. Ist es nicht komisch, daß das Weltall so gedacht wird, als ob unser jammervoller Geist die Spitze bilden würde, da es doch besser wäre, man vergäße seiner im Ganzen.»
[ 53 ] In fact, philosophy has never been railed against as vehemently as it has by this public advocate of philosophy. But the university professor Richard Wahle railed so vehemently against philosophy only because, in the course of his work of stripping away everything that is merely sensually perceptible—from which he had driven out all spirit—he had, precisely through this negative approach, come into contact with the spirit. And certain aspects that characterize spiritual life are, in fact, characterized by no one among contemporary philosophers better than by the spirit-scornful Richard Wahle. I would like to cite a passage from Richard Wahle’s Mechanism of the Life of the Soul, for it is interesting because it shows how a person driven by his own acumen, in the very act of banishing the spirit—I might say, just as it is slipping right out the window—is nevertheless compelled to perceive that very spirit. One might say, as the poet puts it: “The little folk never sense the devil, even when he’s already got them by the collar.”—But a man like Richard Wahle still just manages to perceive the spirit; that is why he says: “What a tiny space the spirit occupies in the universe! It is merely like a puddle in which stars are reflected. If the combinations of the spirit were to constitute a significant part of the world, the world would have to be ashamed of them; that would compromise the universe. Isn’t it strange that the universe is conceived as if our wretched spirit were its pinnacle, when it would be better to forget about it altogether?”
[ 54 ] Das ist die Gesinnung, die ganz begreiflicherweise heraufkommt, wenn man an den Geist, der den Menschen das Wertvollste ist, herankommt. Es gibt mancherlei Gründe, warum dieses so ist; sie werden uns noch übermorgen entgegentreten. Aber die Tatsache wollte ich Ihnen auch an einer merkwürdigen Erscheinung der Gegenwart darstellen, die Tatsache, daß überwunden werden muß an der Grenze zwischen sinnlicher Welt und geistiger Welt dasjenige, was den Menschen zunächst als Furcht, dann sogar als Haß und als Widerwille zurückhält, wirklich einzudringen in diese Geisteswelt, in die eingedrungen werden kann auf den Wegen, die ich in diesem Vortrage charakterisierte.
[ 54 ] This is the attitude that quite understandably arises when one approaches the spirit, which is the most precious thing to human beings. There are various reasons why this is so; we will encounter them the day after tomorrow. But I also wanted to illustrate this fact to you through a remarkable phenomenon of the present day—namely, the fact that, at the boundary between the sensory world and the spiritual world, we must overcome whatever holds people back—first as fear, then even as hatred and aversion—from truly entering this spiritual world, which can be entered along the paths I have described in this lecture.
[ 55 ] Dazu kommt noch — lassen Sie mich dieses heute zum Schlusse aussprechen-, daß ja viele Menschen, die den Geist anerkennen wollen, besonders zufrieden sind dann, wenn sie sagen können: Ja, Geist geben wir zu; daß irgendwie Geist ist, das geben wir zu, denn der Mensch steht immer vor etwas Verborgenem, vor etwas, was er nicht erforschen kann. — Und so verzeihen einem zwar die Leute, daß man vom Geist redet; daß man aber so in den Geist eindringen kann, daß man konkrete Tatsachen und Wesenheiten aus diesem Geistesleben heraus schildert, wie ich heute einiges geschildert habe, das verzeihen einem die Menschen nicht. Denn das wollen sie nicht anhören, daß man das Unsterbliche auch wirklich erforschen kann, daß man den Geist nicht nur als etwas Unerklärliches hinstellen könne, sondern daß man durch Ausbilden von gewissen Seelenkräften in dieses ihnen «unbekannt» genannte Gebiet auch eindringen kann und sogar, wie wir übermorgen sehen werden, eindringen muß, wenn Heil sein soll im menschlichen Leben. Eindringen muß, wenn man solche furchtbaren Katastrophen in der richtigen Weise als Zeichen der Zeit einschätzen will, wie jetzt eine über die Menschheit hereingebrochen ist.
[ 55 ] In addition—and let me say this in closing today—many people who are willing to acknowledge the spirit are particularly satisfied when they can say: “Yes, we admit there is a spirit; we admit that there is some kind of spirit, for human beings are always faced with something hidden, something they cannot fathom.” — And so, while people may forgive you for speaking of the spirit, they will not forgive you for penetrating so deeply into the spirit that you can describe concrete facts and entities from this spiritual life—as I have described some of them today. For they do not want to hear that the immortal can actually be explored, that the spirit cannot simply be presented as something inexplicable, but that by developing certain soul powers, one can penetrate this realm they call “unknown”—and indeed, as we shall see the day after tomorrow, one must penetrate it if there is to be salvation in human life. One must penetrate this realm if one is to correctly interpret such terrible catastrophes—such as the one that has now befallen humanity—as signs of the times.
[ 56 ] Aber alle möglichen Leute berufen sich auf diejenigen, die sich um den Geist bemüht haben. Und so sehen wir denn, daß diejenigen, die am meisten dazu beitragen, heute durch oftmals recht scharfsinnige Untersuchungen, abzugraben die Möglichkeit, die zum Verständnis der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, hinführt, daß die sich berufen gerade auf einen Geist, den ich am liebsten immer anführe, wenn ich anführen will eine Persönlichkeit, auf der aufgebaut ist dasjenige, was ich in jahrzehntelanger eigener Geistesforschung zustande gebracht habe. Immer möchte ich anführen, daß diese Geistesforschung nicht auf irgend etwas Phantastisch-Träumerischem beruht, sondern auf den gesunden Grundlagen, welche gelegt worden sind durch die Weltauffassung Goethes.
[ 56 ] But all sorts of people invoke those who have sought to understand the spirit. And so we see that those who contribute most to today—often through quite astute investigations—to undermine the very possibility that leads to an understanding of spiritual science, as it is meant here, are the very ones who invoke a spirit whom I am always most eager to cite whenever I wish to name a figure upon whom is built what I have achieved through decades of my own spiritual research. I always wish to emphasize that this spiritual research is not based on anything fantastical or dreamlike, but on the sound foundations laid by Goethe’s worldview.
[ 57 ] Goethe war noch nicht selber Geistesforscher; die Zeit zur Geistesforschung war dazumal noch nicht gekommen. Wer aber, so wie ich es in meinen ersten Schriften getan habe, sich vertieft in Goethes Weltanschauung, der findet in dieser Goetheschen Weltanschauung die elementaren Ausgangspunkte, auf denen aufgebaut werden kann. Und wenn man darauf aufbaut, wird man direkt hineingeführt in Weiterentwickelung, in dasjenige, was ich Geistesforschung nenne und was zu solchen Ergebnissen führt, wie ich sie heute charakterisiert habe. Daher möchte ich, wenn es nur auf mich ankäme, diese Geistesforschung als Goetheanismus bezeichnen und den Dornacher Bau, der ihr gewidmet ist, als Goetheanum.
[ 57 ] Goethe himself was not yet a researcher of the spirit; the time for spiritual research had not yet come. But anyone who, as I did in my early writings, delves deeply into Goethe’s worldview will find in it the fundamental starting points upon which to build. And if one builds upon them, one is led directly into further development—into what I call spiritual research and which leads to the kind of results I have characterized today. Therefore, if it were up to me alone, I would like to call this spiritual research “Goetheanism” and the building in Dornach dedicated to it the “Goetheanum.”
[ 58 ] Es ist nicht notwendig, daß dies geschieht; aber so, wie ich mir klar bin darüber, daß auf denjenigen Grundlagen, die in die Menschenkultur gelegt worden sind durch den Goetheanismus, in der Zukunft dasjenige wird aufgebaut werden müssen, was die Menschheit zu ihrem Heile zu erstreben hat, so weiß ich, daß auch diejenige Strömung, die ich als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft bezeichne, die direkte Fortsetzung der Goetheschen Metamorphosenlehre, überhaupt des Goetheanismus ist. Und wenn sich manche Leute berufen auf Goethe, der den Geist abgelehnt habe und alles als Natur bezeichnet habe, so darf man schon darauf hinweisen, daß Goethe verhältnismäßig jung noch in seinem berühmten Prosahymnus «An die Natur» zwar das Weltenall Natur genannt hat, aber die Worte darinnen hat: «gedacht hat sie und sinnt beständig». Wenn man von dem Weltenwesen sagt, es sinne, es denke, dann gibt man ihm nicht bloß unbewußt, sondern bewußt Geist, gibt ihm bewußte Geistigkeit. Dann braucht man sich nicht um Worte zu streiten. Um Worte geht es der Geisteswissenschaft sicher nicht. Ob man das Natur oder Geist nennt, was da als Weltenall aufgefaßt wird, darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß man es in seiner Konkretheit, in seiner Eigenheit, in seiner Innerlichkeit versteht. Und auch darinnen kann man Goethe recht geben, kann man mit Goethe einverstanden sein, wenn er das Unerforschliche nicht bloß als Unerforschliches hinstellen will, wenn er nicht dem Menschen die Fähigkeit benehmen will, in das Unerforschliche einzudringen. Da braucht man nur auf das hinzuweisen, auf das ich auch hier schon vor Jahren hingewiesen habe: Einem Forscher gegenüber, der sonst große Verdienste hat, einem großen Forscher gegenüber hat sich Goethe ausgesprochen über dieses mißverstandene Kantsche Prinzip von dem Unerforschlichen in der Natur. Ein bedeutender großer Forscher sagte:
[ 58 ] It is not necessary for this to happen; but just as I am convinced that, on the foundations laid in human culture by Goetheanism, what humanity must strive for in the future for its own salvation will have to be built, so I know that the movement I describe as anthroposophically oriented spiritual science is the direct continuation of Goethe’s theory of metamorphosis—and indeed of Goetheanism as a whole. And when some people invoke Goethe, claiming he rejected the spirit and referred to everything as nature, one may well point out that Goethe, while still relatively young, in his famous prose hymn “To Nature” did indeed call the universe “nature,” but included the words: “it has thought and is constantly thinking.” When one says of the universe that it ponders, that it thinks, one attributes to it not merely an unconscious but a conscious spirit, endowing it with conscious spiritual nature. Then there is no need to argue over words. Spiritual science is certainly not concerned with words. Whether one calls what is perceived as the universe “nature” or “spirit” is irrelevant; what matters is that one understands it in its concreteness, in its uniqueness, and in its inner nature. And in this regard, too, one can agree with Goethe—one can concur with him—when he does not wish to present the unfathomable merely as unfathomable, when he does not wish to deprive human beings of the ability to penetrate the unfathomable. One need only point out what I myself pointed out here years ago: Goethe spoke out explicitly against this misunderstood Kantian principle of the ineffable in nature to a researcher—one who otherwise has great merits—a great researcher. A prominent, great researcher said:
[ 59 ] «Ins Innre der Natur
Dringt kein erschaffner Geist.
Glückselig, wem sie nur
Die äußre Schale weist.»
[ 59 ] “No creative spirit
Penetrates the innermost depths of nature.
Blessed is he to whom she reveals
Only her outer shell.”
[ 60 ] Goethe antwortet diesem Forscher und sagt:
[ 60 ] Goethe responds to this researcher, saying:
[ 61 ] «In’s Innre der Natur—»
O du Philister!
«Dringt kein erschaffner Geist.»
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern:
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
«Glückselig! wem sie nur
Die äußre Schale weis’t!»
Das hör’ ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausendmale:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einemmale;
[ 61 ] “Into the heart of nature—”
O you philistine!
“No creative spirit penetrates.”
Me and my brothers and sisters
May you not remind us
Of such words:
We think: place by place
We are within.
“Blessed is he to whom she reveals
Only the outer shell!”
I’ve heard this repeated for sixty years,
I curse it, but secretly;
Tell me a thousand thousand times:
She gives everything abundantly and gladly;
Nature has neither core
Nor shell,
She is all at once;
[ 62 ] Stück für Stück sind wir in ihrem Innern. Nichts ist drinnen, nichts ist draußen!
[ 62 ] Bit by bit, we are inside it. Nothing is inside, nothing is outside!
[ 63 ] Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist!
[ 63 ] Examine yourself above all else,
To see if you are the kernel or the shell!
[ 64 ] Goethe hat in einer wirklichen seelischen, geistigen Tatsächlichkeit darauf hingewiesen, daß der Mensch Kern der Natur sein kann, das heißt sich erfassen kann als Seelisch-Geistiges, um sich so in Einklang zu wissen mit dem Seelisch-Geistigen der ganzen Welt.
[ 64 ] Goethe pointed out, in a truly spiritual and mental reality, that human beings can be the core of nature—that is, they can perceive themselves as spiritual and mental beings, and thus know themselves to be in harmony with the spiritual and mental essence of the entire world.
[ 65 ] Darauf hinzuweisen in einer seelisch-geistigen Tatsächlichkeit, das ist die Aufgabe der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, um dem Menschen die Überzeugung zu geben, daß er nicht bloß Geist ist, sondern sich als Geist erkennen kann, bewußt in der geistigen Welt leben kann.
[ 65 ] To point this out within a psychological and spiritual reality—that is the task of anthroposophically oriented spiritual science, in order to give people the conviction that they are not merely spirit, but can recognize themselves as spirit and live consciously in the spiritual world.
[ 66 ] Davon dann übermorgen weiter.
[ 66 ] More on that the day after tomorrow.
